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Am 24. April begannen in Brüssel die Verhandlungen über einen wirtschaftlichen Abschluß zwischen Belgien und Luxemburg. Die Herren Neyens und Collart vertraten die luxemburgische Regierung.

Am 25. folgte ich, in Vertretung des Staatsministers, der in Luxemburg zurückgehalten wurde.

Ich empfand die Stimmung in Brüssel gar nicht so freundlich, wie sie uns geschildert worden. Belgischerseits schienen sich die Herren Orts und de Bassompierre noch immer mit besonderen Hintergedanken zu tragen.

Um so herzlicher trat uns der Regierungschef, Herr Delacroix, entgegen.

Als wir uns am Vormittag des 26. April zur Abschiedssitzung zusammenfanden, fühlte sich Herr Orts veranlaßt, in etwas scharfem Ton, auf eine für den folgenden Sonntag in Luxemburg geplante Volkskundgebung zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit aufmerksam zu machen. Es sei dies eine antibelgische Kundgebung und die Brüsseler Regierung mache die luxemburgische verantwortlich für alle etwaigen Ausschreitungen gegen Belgien und die belgische Fahne.

Wir erwiderten kurz und kühl, Luxemburg habe das Recht, wie jeder andere selbständige Staat, seinen Willen zur Ausübung seines Selbstbestimmungsrechtes auf seine Weise zu betonen. Wir seien der Auffassung, die Kundgebung richte sich durchaus nicht gegen Belgien. Im übrigen hätten wir Vertrauen in die Besonnenheit unserer Mitbürger.

Nein, nein, von Herzlichkeit war dieser Ton noch weit entfernt. Und solche Reden führte ein belgischer Minister gerade in Brüssel, an dessen Ecken immer noch die Annexionskarten prangten mit der auffälligen, tiefroten Hervorstreichung der früher von Belgien „losgetrennten" Gebiete; die luxemburgische Wunde an der Ostflanke Belgiens blutete besonders breit und rot! Tatsächlich ein aufreizend häßlicher Fleck! Es hieß noch immer sich vorsehen.

Die zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit als feierlicher Verwahr gegen den Gewaltspruch des Viererrates und dessen Eingriff in die freie Betätigung des Luxemburger Volkswillens vorbereitete Massenkundgebung vom 27. April verlief eindrucksvoll und ohne Zwischenfall. Die meisten Gemeinden des Landes sind vertreten. Mitglieder feindlicher Parteien schreiten Arm in Arm. Unzählige Schilder künden dieselben Wünsche und die gleichen Forderungen. Aus den Falten der hundert Fahnen und Banner rauscht im Sturmhauch der die Straßen fegenden Windsbraut die alte Liebe und das neue Verlangen. Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung wird unter Anrufung Wilsons machtvoll betont. Der Wille zur Fortdauer in Freiheit und Unabhängigkeit kommt bezwingend zum Ausdruck. „+Letzeburg de Letzeburger!+" ist die Losung des Tages. „+Mir welle bleiwe wat mir sinn+" ist der Herzensschrei vieler Tausende, der auf den Schallwogen ununterbrochen sich ablösender Musikkapellen über die Firste und Türme der Hauptstadt ins Land hinausgetragen wird. Dieser Sonntag wurde wirklich zu einem Weihefest der Nation, zu einem fröhlichen Ostern für die unsterbliche Seele des Vaterlandes.

Am 6. Mai führte die Regierung einen Entschluß aus, mit dem sie sich lange getragen hatte. Er wurde, nach dem Eingreifen der Großmächte in des Landes Geschick, als Notwendigkeit empfunden.

An dem Tage wandte sich Staatsminister Reuter in einem bedeutungsvollen Schreiben an die Herren Clemenceau, Wilson, Lloyd George und Orlando, bei denen damals Europas Zukunft lag.

Er erinnerte vorerst an den auf Wunsch der Großmächte verfügten Aufschub des Referendums und schrieb im Vertrauen auf das feierlichst festgelegte Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker wie folgt:

„Das luxemburgische Volk ist überzeugt, daß die Friedenskonferenz nicht daran denkt, die eine oder andere an die Regierungsform und die Lebensbedingungen des Großherzogtums rührende Frage zu regeln, ohne das Land vorher in seinen berufenen Vertretern anzuhören.

Dieses Vertrauen wird gekräftigt durch den Inhalt der Mitteilung, die uns im Namen der Friedenskonferenz zuging und aus deren Wortlaut erhellt, daß es unserm Volke anheimsteht, gleich nach Unterzeichnung des Vorfriedens in aller Freiheit das Referendum über die Lebensfragen, die sein politisches und wirtschaftliches Schicksal bestimmen, vorzunehmen.

Das luxemburgische Volk wäre dem Rat der Großmächte zu besonderm Dank verpflichtet, wenn es ihm in der kritischsten Stunde der folgenschwersten Entschlüsse gestattet würde, durch seine Vertreter die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die Wünsche seiner Bürger darzulegen.

Es äußert diesen Wunsch in Erinnerung an die zahlreichen luxemburgischen Freiwilligen, die unter den Fahnen der Entente gedient und ihr Blut für das Recht und die Freiheit vergossen haben."

Am 24. Mai gegen Abend überbrachte der luxemburgische Geschäftsträger in Paris folgenden Bescheid:

„Mein lieber Minister!

In Beantwortung Ihres Schreibens vom 6. Mai darf ich Ihnen im Auftrag des Rates der Großmächte mitteilen, daß der Rat gerne bereit ist, zu jeder Zeit eine luxemburgische Abordnung zu empfangen zur Darlegung der Luxemburgs unmittelbare Zukunft berührenden Fragen, die die verbündeten Mächte in aller Aufrichtigkeit einer für die Luxemburger günstigen Lösung entgegenführen möchten.

Haben Sie die Güte, mir auf jedem beliebigen Wege mitzuteilen, wann eine solche Abordnung nach Paris kommen könnte. Wir werden dann das zu einer Audienz Nötige veranlassen.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Luxemburgs glückliche Zukunft

Ihr aufrichtigst ergebener

Woodrow Wilson."

Herr Reuter antwortete umgehend, die luxemburgische Vertretung stehe zur Verfügung des Hohen Rates.

Am 27. Mai kam die Nachricht, der Viererrat werde die Vertreter des Großherzogtums am Mittwoch, 28. Mai, gegen 4 Uhr nachmittags empfangen.

In der Kammer ging es beim Bekanntwerden dieser Meldung wieder einmal nicht ohne Widerstand ab.

Vorerst gelte es, so führten die beiden Linken aus, zu untersuchen, wer das Recht habe, als Vertreter des Landes vor dem Hohen Rate zu reden. Die Regierung nicht, jedenfalls nicht allein; denn sie vertrete in der Kammer nur eine Partei und nur einen Teil des Landes. In der feierlichen Stunde aber müßten in Paris sämtliche Schichten der Bevölkerung vertreten sein.

Sie stellten also durch den Mund des Herrn Brasseur den Antrag, die nach Paris zu entsendende Vertretung solle zusammengesetzt werden aus Abgeordneten sämtlicher Parteien sowie aus mehreren Mitgliedern der Regierung.

Diese Tagesordnung wurde abgewiesen mit 31 Stimmen gegen 15.

Die Rechtspartei ihrerseits schlug folgendes zur Abstimmung vor: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und hofft, daß es ihr gelinge, vor der Friedenskonferenz der Stimme des luxemburgischen Volkes Gehör zu verschaffen und die gerechten Wünsche des Landes zur Annahme zu bringen."

43 Stimmen bei 2 Enthaltungen billigten dieses Vertrauensvotum, sodaß die von der Regierung bezeichnete Abordnung tatsächlich doch im Namen des gesamten Volkes reden durfte.

Wir reisten noch denselben Abend ab, Herr Staatsminister Reuter, Geschäftsträger Staatsrat Leclère, Geschäftsträger Staatsrat Lefort und ich. Als Sekretär ging mit Herr Regierungsrat Funck.

* * * * *

Am 28. Mai fuhren wir um die angegebene Stunde an Wilsons Quartier, dem Haus de Croisset-Bischoffsheim an der +Place des Etats-Unis+, vor.

Bei unserm Eintritt trat die Wache, schlanke, stramme Sammies, ins Gewehr.

Das Haus, das sich Wilson zur Residenz ausgewählt hatte, durfte sich sehen lassen.

Gleich auf der Treppe bleckt uns ein gefleckter Tiger aus buntem Marmor entgegen; dem andern Tiger sollten wir in einigen Minuten gegenüberstehen.

An der Mauer glüht in satter Farbenpracht eine mythologische Jagdszene. Der rotgestiefelte Jägerfuß auf dem schwarzen Vorderbein des gefällten Keilers sprüht.

Ein amerikanischer Diener leitet uns ins Vorzimmer und ersucht zum Sitzen. Der Mann hält unentwegt eine Zigarette zwischen den Zähnen und bläst den Rauch gottvergnügt vor sich hin. Wir sind doch in Amerika!

Unter der Zimmerdecke laufen pompejanische Friese in sanfter Abtönung. Über der Türe blinkt die Erdkugel in Gold, zwischen zwei kranztragenden Genien.

Drunten im Garten flutet Sonnenschein. Kastanien schatten, Goldregen glüht, Efeu umsäumt die Beete, aus denen weiße Blumen heraufschimmern.

Wir müssen längere Zeit warten. Die Türe zum Hauptsaal steht offen. Unser Zeremonienmeister rückt die Stühle und Sessel und dampft weiter. Der Saal liegt im Zwielicht; aber ein Frauenbildnis leuchtet her; es gemahnt an Velasquez. Landschaften und andere Bildnisse bekleiden die Wände. Über dem vornehmen Kamin prangt ein Wappen mit Lilien, von zwei Krokodilen gehalten, die birnendicke Tränen weinen.

Dieser Anblick verführt gar leicht zu einem bittern Schluß auf das Arge, was im Zeichen bösen Mitleids in diesen Räumen vielleicht schon an der Menschheit verbrochen wurde. Aber lassen wir die schneidende Ironie! Und bleiben wir getrost. Unsere Schwäche ist unsere Stärke. Heute ist es für einen Großen keine Ehre mehr, einem Kleinen weh und unrecht zu tun. Ein erwachsener Schlingel, ein Kraftboxer, der ein Kind quält, verfällt der Verachtung. Wilsons Botschaft hat die Menschheit aufgeregt und er zwingt auch einen Clemenceau zu Rücksichten. Unter seinen Augen dürfen wir uns sicher fühlen.

So harren wir der Viermänner, der Gebieter Europas, der Herren der Erde.

Da tritt ins Zimmer ein kleiner, schlanker, weißer Herr. Erst trippelt er zierlich, unhörbar an uns vorbei. Dann hält er an, macht kehrt und stellt sich vor: „~Hymans!~" Herr Reuter seinerseits nennt die Namen der Anwesenden. Herr Hymans lächelt, lispelt einige Worte und verschwindet im Nebenzimmer.

Endlich erscheinen die Gewaltigen. Freundlicher Händedruck begrüßt uns allerseits; Dolmetsch und Stenographen nehmen Platz. Eine liebenswürdige Einladung von Seiten Clemenceaus: wir setzen uns. Er ruht in einem Lehnstuhl mit hohem Rücken, Wilson auf einem Diwan; wir andern sitzen auf niedrigen Polsterstühlen und Sesseln.

Clemenceau weist mit einem einleitenden Wort auf den Zweck der Zusammenkunft hin und erteilt Herrn Reuter, der zu seiner Rechten sitzt, das Wort.

Inzwischen habe ich Muße, die allmächtige Vierheit zu mustern.

~Clemenceau~ macht trotz seiner 80 Jahre einen frischen Eindruck. Unter den grauen Brauenbüscheln dringt aus den schräggeschnittenen Augen ein fester Blick scharf hervor. Der hängende graue Schnurrbart unterstreicht den mongolischen Ausdruck des Gesichts. In der massig untersetzten Gestalt und bei der fast orientalischen Starre in Antlitz und Haltung erinnert der mächtige Greis an einen imposanten chinesischen Obermandarin mit der weltüberlegenen Seelenruhe eines Buddha.

Clemenceau trägt graue Handschuhe, die er nicht ablegt. Beim Sprechen beugt er das Haupt an die hohe Lehne zurück, legt die grauen Hände auf die Stuhlarme und spricht bald mit geschlossenen Augen, als gehe er innern Gefühlen nach, bald mit geradeaus gerichtetem Blick, als sehe er über die Häupter der Anwesenden hinweg in grenzenlose Weiten. Er spricht langsam, klar und gewählt. Die Rede ergießt sich anfangs etwas eintönig, schwillt an, fließt lebhaft, behauptet bestimmt, entscheidet stark, fordert mit metallischer Resonanz. Keine längere Pause unterbricht die Satzfolge. Jedes Wort ist überlegt und findet sich wie von selbst an seinen Platz. Die Aufmerksamkeit ist mit dem ersten Wort gefesselt und bleibt wach. Dabei ruhen die Hände fast beständig um die Stuhllehne; selten nur lösen sie sich zu einer kurzen, kraftvollen Geberde. Bei einer persönlichen Wendung kann das graue Auge ungemein freundlich aufleuchten und lächeln, und aus der Rede plaudert einschmeichelnde Vertraulichkeit. Der kühle Berechner, dessen Sarkasmus so rücksichtslos beißen kann, wird dann zum herzgewinnenden Zauberer.

Der viel jüngere ~Wilson~ sieht hinter seinem Tischchen auf dem breiten Sofa ungleich älter aus. Der schlanke Herr in Schwarz, mit dem hagern, glatten Gesicht scheint eitel Feierlichkeit, ein Professor, der stark an den Reverend mahnt. Müdigkeit friert über dem Antlitz und Starre fesselt seine Haltung. Das Auge ruht glanzlos hinter dem Glas. Von den schmalen bleichen Lippen graben sich tiefe Furchen hinunter. Die Wangen sind grau und schlaff. Dieser Mann scheint in den letzten Wochen Erschütterndes durchlebt zu haben. Geheime Leiden und schlaflose Nächte haben seinen Zügen ihren scharfen Stempel eingedrückt. Sein Antlitz trägt den fahlen Widerschein all der Enttäuschungen, die er innerhalb weniger Wochen auf europäischem Boden erleben mußte. In ihm wurde der Idealismus wieder einmal das Opfer der Politik. In der Weltentfremdung seiner Gedanken entwarf sich der Professor ein Programm, das seinen Inhalt und seine Zuversicht schöpfte aus den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit, unter Mißachtung der Hemmnisse und Schwierigkeiten, denen seine Verwirklichung begegnen mußte. Wie er, so kannten auch seine nächsten Vertrauten sich nicht aus in den Mitteln und Winkelzügen der europäischen Staatskunst. Den Meistern im Ränkespiel am grünen Tisch war der „reine Tor" aus dem weißen Haus nicht gewachsen. Clemenceau und Lloyd George haben seine Unschuld verstrickt und seine auf den vierzehn Artikeln aufgebaute Welt des Völkerrechts und Völkerfriedens untergraben. Worin Wilson eine heilige Sendung erblickte, daraus machten diese beiden Realisten ein Geschäft im großen. Wo er allgemeine schöpferische Gedanken vertrat und Menschheitsprinzipien aufstellte, da verfolgten George und Clemenceau ihren nationalen Sondervorteil, holten sich Revanche für die Vergangenheit und sorgten rücksichtslos für die Zukunft.

Wie es diesem Manne mit allem heiliger Ernst ist, verrät seine gegenwärtige Haltung zur Genüge. Regungslos sitzt er und horcht auf eine Rede, deren Französisch er nicht versteht. In bestimmten Pausen kommt der Dolmetsch zu Wort. Dann lauscht Wilson mit gespannter Aufmerksamkeit. Man merkt: dieser Mann fühlt sich verantwortlich; er sucht, wo das Recht ist.

Heute, wo nach einem vorzeitig tragischen Zusammenbruch seine Körperlichkeit dahin ist (dagger 2. II. 1924), denke ich dieses Idealisten mit noch stärkerem Mitgefühl. In jenen Tagen richteten sich an seiner Anwesenheit Millionen auf; die Herzen und die Hoffnungen der Nationen hingen an seinem Mund und seinen Augen. Er ist auch schließlich meinem Land ein Retter geworden.

Unter all den Persönlichkeiten, die auf der politischen Weltbühne der Nachkriegszeit in Paris bei der größten Tragikomödie der neuen Geschichte fördernd und hemmend, drohend und schachernd, zersetzend und zerstörend mithalfen, steht er als ein leidender Held.

Wilson kam Ende 1918 übers Weltmeer als der erwartete Erlöser des alten in seinem Kern erschütterten Europas. Da er in Cherbourg ans Land stieg, jauchzten ihm die Völker zu als dem Moses, der sie unter Vorauftragen der Tafeln seiner Vierzehn Gebote in das gelobte Land der Völkerverbrüderung führen sollte. Aber die dunkeln Mächte gewannen Macht über ihn. Statt aus der Höhe Herrscherworte zu reden, wozu ihn seine Stellung als Oberhaupt des mächtigsten Volkes befähigt hätte, ließ er sich von dem schlauen Clemenceau hinter den Beratungstisch bannen, gab damit die Führerstellung an diesen selbst ab, geriet, bei seiner Unkenntnis der französischen Sprache, in manche Verlegenheiten, machte Zugeständnisse, wurde sich untreu, sank in Scham und Schwäche.

Er war gekommen, um unter den Streifen des Sternenbanners die hohe Botschaft der Völkerrechte und des Menschheitsfriedens zu verkünden und zu gründen. Er brachte übers Meer nach Haus den -- Friedensvertrag von Versailles, für das 20. Jahrhundert vielleicht ein noch schlimmeres Geschenk als es der hundert Jahre früher geschlossene Wiener Vertrag für das 19. Jahrhundert gewesen ist. In Präsident Wilson wurde hinter dem grünen Tisch ein neues Mal die Menschheit betrogen.

Da ist ~Lloyd George~ ein ganz anderer Kerl, ein durchaus quecksilberner Geselle. Untersetzt wie Clemenceau, mit einem klaren Blick, in dem die Sicherheit glänzt, aber auch der Frohsinn, ja der Mutwille lacht, über dem spöttisch gerafften Mund den etwas schüttern grauen Schnurrbart, das lange, dünne Haar glatt zurückgestrichen, den Kneifer am breiten Band, so hält er sich schweigsam im Hintergrund, so belauscht er listig die Fremden, so schiebt er sich manchmal zu Wilson hin und wechselt mit ihm lächelnd ein leichtes Wort; beim Gehen schleift ein Fuß leicht nach. Von sämtlichen Anwesenden empfand ich in jener Stunde Lloyd George als den Schläuling, der sich mit den besondersten Gedanken trägt.

An ihm und den beiden Kollegen gemessen scheint ~Orlando~ das leichte liebe Weltkind, das es im Leben nie ganz schwer gehabt hat und dem nicht so rasch etwas durch die steife Hemdbrust an die Seele geht. Wohlgepflegt, selbstzufrieden, gesund, ein gutmütiger Onkel, so sitzt er da, tut als ob er besonnen zuhörte, läßt den goldenen Bleistift an der Uhrkette um den Zeigefinger wirbeln und lächelt angenehm in die Luft.

Herr ~Hymans~ darf wohl auf besondere Einladung hin als Fünfter im Bunde thronen. Er scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dem Gedankengang des Herrn Reuter folgt er mit spitzer Aufmerksamkeit. Nach den ersten Worten Clemenceaus spielt in seinen Mienen eine geheime Unruhe. Wenn des Alten Darlegung einen unvorhergesehenen Gedankensprung macht, wird sein Gesicht zusehends länger. Bei bestimmten Zusagen des Unberechenbaren schaut er verdrießlich, fast betrübt. Seine ganze Person umfröstelt Kälte.

Ich sehe Herrn Hymans, ich denke zugleich seines Freundes Orts und mir schießt durch den Sinn: „Trau ihnen nicht, sie meinen's falsch!"

Staatsminister Reuter findet mit den ersten Worten seiner längern Rede eine natürlich sichere Haltung. Seine Sätze fließen klar und bestimmt. Er macht sichtlich einen guten Eindruck. Clemenceau besonders folgt seinen Worten mit ermunternder Freundlichkeit.

Über die Verhandlungen wurde ein Protokoll aufgesetzt, das ich hier anfügen will. Dabei sind Herrn Reuters Ausführungen etwas gekürzt.

~Clemenceau~: Meine Herren, Sie haben den Wunsch ausgedrückt, von uns gehört zu werden. Wir sind bereit, Ihnen das Wort zu geben. Im Namen der Mächte und meiner Regierung danke ich Ihnen, daß Sie unserer Einladung nachgekommen sind.

Reden Sie, bitte, ohne Vorbehalt. Sie stehen vor Männern, die der Gerechtigkeit in einer friedlichen Ordnung nachstreben. Wir werden handeln gemäß dem durch den Präsidenten Wilson festgelegten Grundsatz: Der allgemeine Friede muß aufgebaut werden auf dem freien Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Ohne jeden Hintergedanken, mit dem größten Freimut werden wir Sie fragen. Sie geben Ihre Antwort in voller Freiheit. Unsere Unterstützung ist Ihnen gewiß.

~Reuter~: Der Rat der Mächte begreift meine Bewegung in der Minute, da ich vor Ihnen das Wort ergreifen soll. Ich danke den hohen Herren vorerst für die freundliche Einladung an uns, die Wünsche des kleinen Luxemburger Volkes vor der Friedenskonferenz darzulegen.

Vor ihrer Abreise nach Paris hat die luxemburgische Regierung mit der Kammer Fühlung genommen. Sie hat in den großen Zügen das Programm entworfen, das sie hier zu entwickeln gedenkt und dafür bei der Kammer einstimmige Billigung gefunden. Unsere Abordnung spricht also im Namen unseres ganzen Volkes.

Das Luxemburger Volk wünscht vor allem sein eigenes, unabhängiges und selbständiges Dasein in möglichst enger Freundschaft mit den verbündeten Mächten fortsetzen zu können. In dieser Unabhängigkeit hat es von jeher seinen kostbarsten Schatz gesehen und es hat, seiner Ansicht nach, nichts getan, um dieses großen Gutes beraubt zu werden. Es hat den der Friedenskonferenz übermittelten Wunsch geäußert, in den Völkerbund aufgenommen zu werden. In seinem Namen ersuchen wir um Kenntnisgebung der besondern Bedingungen, die Luxemburg zu diesem Eintritt auferlegt werden können.

Die Gestaltung und die Einrichtung unserer innern Staatsform wollen wir in Freiheit regeln. Um unsere Staatsform auf der breitesten, festesten und demokratischsten Grundlage zu errichten, beschlossen wir, unsern Willen mit dem feierlichen Nachdruck des Referendums zu äußern. Die von unserer Kammer bereits genehmigte politische Volksbefragung wird zwischen Republik und Monarchie entscheiden und sich über die Beibehaltung der Dynastie aussprechen.

Das luxemburgische Volk wagt zu hoffen, daß die Großmächte der so getroffenen Lösung ihre Zustimmung nicht versagen. Diese Hoffnung stützt sich auf den Grundsatz, auf den der Präsident der Friedenskonferenz soeben hingewiesen hat.

Aus der kürzlich erfolgten Bekanntgabe der Friedensbedingungen erfuhren wir, daß die Konferenz an die Abschaffung unserer Neutralität denke, die 1914 allerdings durch eine der Garantiemächte verletzt wurde. Das luxemburgische Volk möchte erfahren, welche Folgen diese Aufhebung für unsere inländischen sowohl wie internationalen Verhältnisse haben dürfte.

Hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Orientierung wurde der Friedenskonferenz bekannt gegeben, daß jede Beziehung zum deutschen Zollverband endgiltig von uns gelöst ist. Aus diesem Wechsel ergibt sich notwendigerweise eine Wendung nach den Ententemächten, wie sie seit den ersten Tagen des Waffenstillstands in den Wünschen unserer Regierung lag.

Die ideale Lösung dieser Frage bestände nach luxemburgischer Auffassung in einem wirtschaftlichen Zusammenschluß mit Frankreich und Belgien. Wir stehen zur Besprechung dieser Frage mit den beiden Regierungen bereit.

Unsere sämtlichen Bevölkerungsklassen, Erzeuger und Verbraucher, begrüßen in diesem Bündnis eine ideale Lösung. Eine von der Regierung ernannte Studienkommission aber kam zu dem Schluß, daß dem Vorteil der meisten Berufsgruppen in unserm Lande durch den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich besonders gedient werde.

Diese Schlußfolgerung wurde seitdem lebhaft in Presse und Parlament erörtert.

Wir haben die französische und die belgische Regierung von unsern Absichten verständigt.

Belgien ließ uns wissen, es wünsche wegen eines Wirtschaftsbündnisses mit uns zu verhandeln. Diese Besprechungen haben vor ein paar Wochen begonnen und dauern an.

Die französische Regierung hatte uns im Monat Januar erklärt, die allgemeine Lage scheine ihr nicht zu gestatten, schon jetzt solche Verhandlungen anzuknüpfen; im günstigen Augenblick aber sei sie bereit, den Antrag mit dem größten Wohlwollen zu prüfen.

Verschiedene wirtschaftliche Gruppen unseres Landes haben sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt. Mit einer einzigen Ausnahme haben sich unsere Landwirtschaftsverbände für eine wirtschaftliche Gemeinschaft mit Frankreich erklärt.

Unsere Eisenindustrie wünscht den wirtschaftlichen Bund mit beiden Ländern; so sichert sie sich auch für die Zukunft die erforderlichen Erze und ein möglichst weites Absatzgebiet. Bei Frankreich besonders wird sie jedenfalls um den Vorzug nachsuchen, die Erze zu denselben Bedingungen wie die benachbarte lothringische Eisenindustrie beziehen zu dürfen.

Der Verband der landwirtschaftlichen Vereine erblickt in Frankreich unsere natürliche Bezugsquelle für Kali und Sämereien. Auch dürften die Erzeugungsverhältnisse in der luxemburgischen Landwirtschaft den lothringischen Verhältnissen entsprechen.

Die luxemburgische Regierung bittet die Friedenskonferenz, Deutschland zur zollfreien Einfuhr bestimmter landwirtschaftlicher Artikel zu verpflichten, denn eine gebührenfreie Einfuhr bleibt während der Übergangszeit für unsere Landwirtschaft eine Lebensfrage.

Wäre ein wirtschaftlicher Anschluß an die beiden Nachbarländer nicht zu erreichen, so wünscht die Regierung unumstößlich feststellen zu lassen, nach welcher Seite das wirtschaftliche Interesse des Landes überwiegend neigt. Sie hat deshalb, im Einverständnis mit dem Staatsrat, die Kammer mit einer Vorlage über die Abhaltung eines wirtschaftlichen Referendums befaßt. Auf diesem Wege soll eine seit Monaten im Lande erörterte Streitfrage endgiltig entschieden werden.

Unsere Bevölkerung hofft die beiden Länder, mit denen es verhandeln möchte, durch diesen Ausdruck seines nationalen Willens leichter zur Kundgebung ihrer Absichten zu bewegen.

Wir bitten die Konferenz, dem Großherzogtum den Weg zu Besprechungen und Verhandlungen mit den beiden Ländern möglichst frei zu machen, damit die Lösung dieser Frage in aller Sachkenntnis und Freiheit getroffen werden kann.

Wir ersuchen zugleich den hohen Rat um Unterstützung unserer Ansprüche auf Ersatz der dem Großherzogtum durch die deutsche Besetzung verursachten Schäden. Unsere zukünftigen wirtschaftlichen Verbündeten werden diese Ansprüche gewiß befürworten.

Ich hege die feste Zuversicht, daß die Wünsche meines kleinen Landes, das sich beständig der Freundschaft und des Schutzes der Ententemächte erfreuen durfte, bei den Vertretern der Großstaaten ein geneigtes Ohr finden. Ich schmeichle mich der Hoffnung, daß der Rat der Mächte, gemäß der so liebenswürdigen Zusicherung des Präsidenten Wilson, sein Möglichstes tun wird, um den Wünschen des luxemburgischen Volkes zu willfahren.

~Clemenceau~ (nach einem kurzen Seitenblick auf Herrn Hymans): Wenn sich niemand zum Worte meldet, so will ich der luxemburgischen Abordnung einiges zur Erwiderung sagen.

Drei Fragen wurden von ihrem Vorsitzenden gestellt.

Herr Reuter scheint vorerst darüber erstaunt, daß wir die Frage der Neutralität aufgeworfen haben.

Die Erklärung ist einfach. Der Krieg hat bewiesen, daß die Neutralität einen ungenügenden Schutz ausmacht. Belgien und Luxemburg haben das erfahren. Es ist daher ganz natürlich, daß die Friedenskonferenz zu der Ansicht kam, diese Frage müsse vorher geregelt werden. Das ist alles, was ich über den Punkt sagen darf, und ich bin überzeugt, damit den Gedanken meiner Kollegen auszudrücken.

Inbezug auf den zweiten Punkt täte es mir unendlich leid, wenn die luxemburgische Regierung eine Art Mißachtung von seiten der französischen Regierung in der Tatsache erblickte, daß diese sich noch nicht zu wirtschaftlichen Verhandlungen bereit gefunden hat. Ich will mich in aller Aufrichtigkeit aussprechen und ich hoffe (mit einem flüchtigen Blick auf Hrn. Hymans), niemand der anwesenden Herren wird sich verletzt fühlen, daß ich so rede. Wir wünschen zum Volk und zur Regierung Luxemburgs die besten Beziehungen zu unterhalten. Sie sind uns wohl bekannt. Groß ist die Zahl der Luxemburger in Paris und in Frankreich; viele haben freiwillig ihr Blut auf Seiten der Verbündeten vergossen. Diese Tatsache können wir nicht vergessen; ich halte darauf, das zu betonen.

Das alles aber rührt an die allgemeine Politik. Wir wollen mit dem Volke Luxemburgs auf dem besten Fuße stehen, aber wir wünschen, es auch mit dem belgischen Volke ähnlich zu halten. Belgien ist in den Kampf eingesprungen mit einem opferfreudigen Eifer, dem immer neues Lob gebührt. Wir bewahren ihm eine große Dankbarkeit und wir sind darauf bedacht, daß der Friede die durch diese Waffenbrüderschaft geknüpften Bande noch enger und fester ziehe. Die Freundschaft Belgiens war uns während des Krieges von größtem Wert. Sie bleibt es während des Krieges. Wir wünschen besonders, daß bei allen unseren Besprechungen mit Luxemburg auch Belgien sein Wort mitreden darf.

Weil uns aber die politische Lage noch nicht genügend geklärt erschien, weil so manche Vorurteile noch nicht gehoben waren, hielten wir es für nützlich, die bewußten Verhandlungen aufzuschieben. Einen andern Grund für diesen Aufschub gibt es nicht.

Nun verstehen Sie auch das Gefühl, das uns bestimmte, Sie um die Vertagung des wirtschaftlichen Referendums zu ersuchen. Wir erachteten es als notwendig, den Geistern Zeit zur Beschwichtigung zu geben, sowie eine heikle Frage, an der Luxemburg, Belgien und Frankreich gleichermaßen beteiligt sind, nach ihren verschiedenen Seiten zu betrachten. Es hätte uns tief geschmerzt, wenn der Wille des luxemburgischen Volkes laut geworden wäre, bevor sich über das jüngste große Kriegsgeschehen die verschiedenen Meinungen in Ruhe und endgiltig hätten bilden können.

Deshalb, und wenn ich das in meinem persönlichen Namen ausspreche, so weiß ich mich nach der zwischen uns gepflogenen Aussprache in Übereinstimmung mit meinem Kollegen, deshalb bitte ich Sie, das wirtschaftliche Referendum aufzuschieben. (Wilson stimmt eifrig zu. Clemenceau wirft Herrn Reuter einen freundlichen Blick zu und legt ihm die Hand zutraulich auf den Arm.) Die wirtschaftlichen und politischen Fragen müssen als innerlich verwandt nach ihren verschiedenen Seiten untersucht werden; wir würden uns alle behindert fühlen, wenn diese Untersuchung nicht vollständig wäre. Mein Land wenigstens würde damit in Verlegenheit sein, seine Ansicht in Freiheit zu äußern. Schließlich läge es auch nicht im Vorteil des luxemburgischen Volkes selbst, wenn es darauf bestände sich auszusprechen, ehe sämtliche damit zusammenhängenden Fragen erledigt wurden.

Geben Sie sich doch, bitte, Rechenschaft von den Verhältnissen, unter denen diese Konferenz zusammentrat. Wir kommen eben aus dem furchtbarsten und blutigsten Krieg, den die Weltgeschichte kennt; wir kamen hieher mit einem Programm, wie es sich schwieriger noch für keine solcher Versammlungen gestellt hat. In Europa, in Asien, in Afrika standen alle Fragen offen. All die alten Verbrechen der Geschichte mußten mit ihren unseligen Auswirkungen vor unsern Schranken erscheinen. Aus dem heißen Wunsch heraus, einen Frieden der Gerechtigkeit zu schließen, damit es ein dauernder Friede werde, mußten wir, und damit sage ich nichts, was Sie verletzen könnte, vorerst an brennendere Grundfragen herantreten, bevor wir uns der luxemburgischen Frage zuwenden konnten.

Aus dieser Gesinnung heraus ersuchten wir Sie um den Aufschub. Ich bin glücklich darüber, denn gewisse Unstimmigkeiten, gewisse Meinungsverschiedenheiten wegen Luxemburgs, scheinen ihrer Beschwichtigung entgegenzugehen. Dieses glückliche Ergebnis wird der ganzen Welt und an erster Stelle Luxemburg selbst zugute kommen. (Lloyd George lehnt wie schlafend, mit geschlossenen Augen im Sessel. Wilson beschreibt einen schmalen Zettel und läßt ihn zu ihm hinüberbringen. Lloyd George wird munter, liest, lächelt, geht langsam und schleppenden Ganges zu Wilson hin; beide tuscheln miteinander und schmunzeln; dann kehrt der Premier unauffällig zu seinem Platz zurück.)

Es bleibt nun noch der wirtschaftliche Zusammenschluß. Ihr Volk, Ihre Eisenindustrie, Ihre Landwirtschaft besonders würden, wie Sie erklärt haben, aus einem Zollbündnis mit Frankreich Vorteil schöpfen. Zugleich möchten Sie, wie nicht minder auch wir, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Belgien, Frankreich und Luxemburg zusammenschließen.

Über diesen Punkt fordere ich Sie nun zu einer Aussprache auf. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich auch, daß Herr Hymans zugegen ist. Wenn Ihnen an einer Besprechung zu dreien wegen der wirtschaftlichen Ordnung gelegen ist, Frankreich ist bereit, dabei das erste Wort zu reden.

~Hymans~: Wir haben die luxemburgische Regierung wissen lassen, daß wir bereit sind, mit ihr zu verhandeln. Wir haben mit diesen Besprechungen begonnen; sie berühren ausschließlich wirtschaftliche Fragen.

~Clemenceau~: Ich wünsche nichts anders. Es würde mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen bei Ihrer Aussprache zu zweien als Eindringling erschiene. Ich werde mich, wenn nötig, mit der geziemenden Rücksicht zurückzuziehen wissen. Da sich aber der Präsident der luxemburgischen Regierung mit einer Bitte an mich gewandt hat, und zugleich mit einem leichten Vorwurf darüber, daß ich nicht früher habe antworten wollen, so erkläre ich, daß wir glücklich wären, zu dem Anschluß zu dreien zu gelangen. Nichts kann zwischen der arbeitsamen Bevölkerung Nordfrankreichs, Luxemburgs und Belgiens einen dauernderen Frieden herbeiführen, als dieses wirtschaftliche Bündnis. (Zu Hrn. Hymans.) Ob Sie diese Auffassung teilen, weiß ich nicht; aber es ist die meine.

Um dem Vorwurf zu entgehen, als wollten wir das in Vorbereitung begriffene Einvernehmen zwischen Ihnen stören, haben wir eben nicht früher antworten wollen. Wollen Sie uns aber einen dritten Sitz im Bunde anbieten, so werden wir glücklich sein, unsere Freundschaft darauf niederzulassen. (Lächeln. Herr Hymans blickt verlegen.)

Ich habe diesen Worten nichts anzufügen. Sie, meine Herren, sind durchdrungen von dem Bewußtsein Ihrer Rechte, die Sie aufrechthalten wollen. Wie die Bevölkerung Nordfrankreichs und Belgiens sind auch Sie ein Volk des wohlgeregelten Fleißes. Das neue Europa kann sich nur durch die Disziplin der Arbeit erhalten. Könnten diese drei Völker dazu das Beispiel geben und mit Hintansetzung aller Eifersucht aus der Vergangenheit zusammen eine feste wirtschaftliche Ordnung schließen, so bedeutete das für den Frieden der Welt, bei dessen Herbeiführung die Konferenz stolz ist mitzuhelfen, einen großen Gewinn. (Beifall der HH. Wilson, Lloyd George und Orlando.)

~Reuter~: Die luxemburgischen Vertreter stimmen dem Vorschlag des Präsidenten der französischen Regierung mit Freuden zu. Der wirtschaftliche Anschluß zu dreien wäre in den Augen Luxemburgs eine ideale Lösung und entschieden zum Vorteil der drei Länder.

Die zwischen Belgien und Luxemburg bisher gepflogenen Besprechungen verfolgen den Zweck gegenseitiger Aufklärung. Es sollten die Grundbedingungen für einen etwaigen Vertrag gefunden werden. Nichts dürfte, unserer Auffassung nach, Frankreich hindern, sich an diesen Besprechungen zu beteiligen. Luxemburg würde, im Gegenteil, seine Anwesenheit als ein glückliches, sämtlichen Beteiligten dienliches Ereignis begrüßen.

Der Herr Präsident erklärte auch, seiner Ansicht nach hingen politisches und wirtschaftliches Referendum in gewisser Hinsicht zusammen und besondere Gründe ließen den Aufschub auch des letzteren als wünschenswert erscheinen. Da dieser innige Zusammenhang doch nicht so ganz gebeten erscheint, wünscht die luxemburgische Regierung aufs lebhafteste eine möglichst rasche Lösung der Frage, und es wäre diese Lösung der innerpolitischen Gesundung des Großherzogtums äußerst förderlich.

~Clemenceau~: Sind Sie bereit, das Referendum hinauszuschieben?

~Reuter~: Die Kammer hat uns ermächtigt, diesem Wunsch der Großstaaten zu willfahren.

~Hymans~ (zögernd und leise): Ich habe der vornehmen Sprache des Herrn Clemenceau mit Aufmerksamkeit gelauscht. Er empfiehlt eine wirtschaftliche Einigung zwischen Frankreich, Luxemburg und Belgien. Es ist das ein neuer Gedanke, der plötzlich auftaucht. Politisch wie wirtschaftlich ist er von entscheidender Bedeutung. Ich kann mich in diesem Augenblick nicht dazu äußern und will den Vorschlag bedenken.

~Clemenceau~ (im schlichten, klaren Tone der Entschuldigung): Ich habe nur auf die Fragen antworten wollen, die mir von der luxemburgischen Abordnung gestellt wurden.

~Reuter~: Die Mächte wünschen den Aufschub des wirtschaftlichen Referendums. Doch wird unsere Kammer höchstwahrscheinlich das Referendumsgesetz selbst verabschieden wollen.

~Clemenceau~ (wirft einen fragenden Blick auf Wilson und Lloyd George. Nachdem Präsident Wilson verständigt worden, gibt er seine eifrige Zustimmung. Lloyd George nickt lächelnd.): Sie regieren bei sich, wie Sie es für gut finden. Niemand kann in Ihre Rechte eingreifen.

~Reuter~: Auch möchte ich ein Exemplar unseres Sitzungsprotokolls erhalten.

~Clemenceau~: Wir werden Ihnen ein Exemplar zuschicken.

~Reuter~: Wäre es mir nicht gestattet, den Bericht unserer Kammer in geheimer Sitzung zur Kenntnis zu bringen?

~Clemenceau~ (blickt zu den Kollegen hinüber: Lloyd George zuckt die Achsel; Wilson nickt entschlossen; Orlando lächelt in die Luft): Aber nur unter der Bedingung, daß nichts ausgeplaudert wird. Wir haben in dem Punkt unsere Erfahrungen mit den Journalisten und den Parlamentariern gemacht.

~Reuter~: In öffentlicher Sitzung möchte ich aber der Kammer in gedrängter Kürze die hier ausgetauschten Gedanken und Ansichten andeuten, denn nur so können wir unserm Volke Rechenschaft über unsere Sendung geben. (Allgem. Zustimmung. Schluß der Sitzung.)

* * * * *

Es war halb sieben. Wir wurden in liebenswürdigster Weise entlassen. Wir waren, da wir hinausschritten, einer schweren Sorge ledig. Wir hatten eine bedeutsame Stunde erlebt. Luxemburg stand nicht schutzlos da. Und wir waren den richtigen Weg gegangen.

Heute, wo von dem Großen und Guten, was damals als möglich angekündigt wurde, noch so gar wenig zur Tatsache werden durfte, auch heute noch lebt trotz dieser Enttäuschung in mir das hohe Gefühl von damals nach.

Bei unserer Rückkehr in den Gasthof wurde Herrn Reuter ein Telegramm eingehändigt.

Die „+Nationalunio'n+" in Luxemburg bat die Abordnung, beim Viererrat die Rücküberlassung der abgetrennten altluxemburgischen Kantone Bitburg, Neuerburg, St. Vith usw. zu beantragen.

Ein böser Zufall (oder steckte vielleicht eine böse Absicht dahinter?) ließ die Aufforderung zu spät an uns gelangen.

* * * * *

Am folgenden Tage stattete ich mit Herrn Reuter Herrn ~Hymans~ einen Besuch ab. Ich hatte persönlich zu dem Schritt geraten, um unserseits den besten Willen zu bekunden. Besonders herzlich war der Empfang nicht. Das am Vorabend gemeinsam Erlebte lag uns auf den Lippen. Aber es ward uns nicht möglich gemacht, mit einem Wörtchen daran zu erinnern; Herr Hymans tat, als ob gar nichts geschehen wäre.

Wohl aber ging die Rede von den in Brüssel gepflogenen wirtschaftlichen Verhandlungen und deren Fortsetzung.

Ich warf mit Absicht eine Frage über die Anerkennung der Großherzogin Charlotte ein. Der belgische Außenminister gab den ausweichenden Bescheid, diese Anerkennung sei eine internationale Angelegenheit, an der Belgien nicht allein beteiligt sei.

So mußten wir uns, trotz der tröstlichen Zusicherungen aus Brüssel, immer unsere besonderen Gedanken machen.

Ehe wir nach Hause kamen, sahen wir uns auch wieder vor das Problem Clemenceau gestellt. Nach der Ratssitzung vom 29. Mai, so wurde uns versichert, eilte Herr Hymans zu Herrn Pichon und führte scharfe Klage über die Herzlichkeit, mit der Clemenceau zu den Luxemburgern gesprochen, und besonders über die ihnen eröffneten Aussichten, die so ganz gegen die Abmachung verstießen.

Pichon seinerseits begab sich zu seinem Herrn und Meister und machte diesem Vorwürfe über seine impulsive unpolitische Art. Schließlich riß Clemenceau die Geduld und er sprudelte Pichon ins Gesicht: „Geben Sie endlich Ruhe, wie! Meinetwegen können Sie den Belgiern ganz Luxemburg überlassen, alles, Land und Leute. Es sind ja doch lauter Pfaffen und Boches."

Sogar wenn dieser Ausfall mehr wäre als eine der gewohnten Clemenceau-Anekdoten oder ein fauler Journalistenwitz, so büßte der 28. Mai 1919 nichts von seiner Bedeutung für Luxemburg ein. In der Stunde wenigstens hat Clemenceau es ganz ehrlich gemeint und hat gesprochen, wie er fühlte. Er hat überhaupt Belgien und Luxemburg gegenüber offen geredet und klug gehandelt. Die Belgier waren nicht immer mit ihm zufrieden. Aber wer hätte es gewagt, sogar in der Runde der großen Friedenskonferenz und des kleineren Zehnerrates, gegen die kalte Schroffheit des Alten aufzumucken!

An dem Tage empfanden wir für uns, was André Tardieu, Clemenceaus Mitarbeiter und Vertrauter, über Frankreichs Verhalten gegen Belgien und Luxemburg ein Jahr später der Welt verraten wollte. In seinem Buche „+La Paix+" schreibt er darüber folgendes (S. 252 ff.):

„Eine letzte und heiklere Frage war die Luxemburger Frage. Sie war heikler, denn sie konnte, wenn man nicht darauf achtgab, zu einem wenigstens scheinbaren Konflikt zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil führen. Schon am 11. Februar 1919 erklärte Hr. Hymans, gestützt auf die Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung Belgiens, sein Land denke an keine Annexionspolitik, es hoffe aber auf den Beistand der Mächte zu einer Annäherung zwischen Belgien und dem Großherzogtum, wie sie durch die Macht der Erinnerung und die Sorge um die Sicherheit geboten werde. In Luxemburg andererseits näherten sich viele von denen, die eine Änderung der Vorkriegsverhältnisse wünschten, politisch wie wirtschaftlich Frankreich und nicht Belgien. Ihr Wunsch fand in Paris Gehör. Viele unserer Mitbürger, und besonders viele Abgeordnete, beriefen sich auf die zahlreichen Luxemburger, die in unseren Reihen geblutet hatten, und stellten angesichts der belgischen Forderungen die Vorfrage. Sie verlangten, Luxemburg müsse sich in Freiheit aussprechen dürfen und Frankreich müsse seinem Wunsch, dessen Sinn für sie nicht zweifelhaft war, Gehör schenken.

Schon vor dem Waffenstillstand hatte die französische Regierung den Streit dieser beiden entgegengesetzten Strömungen verspürt. Herr Aristide Briand hatte sich in seinem vertraulichen Rundschreiben vom Februar 1917 über die Kriegsziele ganz allgemein und unbestimmt ausgedrückt. Fünf Monate später aber (9. Juni 1917) erklärte der damalige Ministerpräsident Herr Ribot dem belgischen Gesandten Baron de Gaiffier, eine Annexion Luxemburgs liege nicht in den Kriegszielen Frankreichs, und ermächtigte den Vertreter König Alberts, von dieser Erklärung Gebrauch zu machen. Bei Beginn der Friedenskonferenz gab es für die französische Politik keine andere rechtliche Unterlage als diese verneinende Zusicherung. Trotz unserer lebhaftesten Sympathie für das Luxemburger Volk, das 1914 von seiner Dynastie an Deutschland ausgeliefert worden (!), seither aber den festen Willen zur Freiheit bekundete, mußten wir unserseits naturgemäß darauf bedacht bleiben, Belgien einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. Während der Verhandlungen von 1919 wurde Herr Clemenceau in verschiedenartigem Sinn beeinflußt, aber er behandelte trotzdem diese schwierige Frage in der einzigrichtigen Weise, d. h. durchaus ehrlich und freimütig. Von dem ersten Tage ab sagte er den Belgiern, was er wolle und was er tun könne. Er deutete zugleich das Einzige an, das er nicht tun könne. Er bestätigte ohne Rückhalt das Versprechen des Herrn Ribot, indem er sagte: „Frankreich verfolgt in Luxemburg weder offene noch versteckte Annexionsabsichten" und fügte bei: „Frankreich wird zufrieden sein mit jeder Abmachung, die zwischen Belgien und Luxemburg zustande kommt. Es wird sich nicht bloß darüber freuen, sondern auch mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln dabei behilflich sein." Er machte nur folgende, übrigens recht begreifliche Einschränkung: „Einigen Sie sich mit Luxemburg, aber verlangen Sie nicht, daß ich durch eine amtliche Handlung Sympathien abweise, die nach Frankreich neigen, und fordern Sie nicht, daß ich die belgische Lösung aufdränge, denn diese Lösung muß meines Erachtens aus einer freien Aussprache hervorgehen und ein weiteres Bindemittel zwischen den drei Ländern darstellen."

Bis zu seinem Rücktritt hat Herr Clemenceau durch seine Haltung den Belgiern die unwandelbare Aufrichtigkeit seiner Erklärungen bewiesen. In der Frage nach der Anerkennung der luxemburgischen Regierung weigerte er sich stets, selbst vorzugehen, weil er Belgien den Vortritt lassen wollte. Um dem Wunsche der Belgier zu entsprechen, ließ er am 5. März die Audienz der luxemburgischen Delegation vor dem Obersten Rate aufschieben.

Um diese Zeit hatten sich in Luxemburg Zwischenfälle ereignet, für welche Belgien einen französischen General verantwortlich machte: dieser General wurde seines Amtes enthoben.

Um Belgien die vollste Handlungs- und Verhandlungsfreiheit zu sichern, befürwortete Clemenceau zu zwei verschiedenen Malen die Aufschiebung des politischen und des wirtschaftlichen Referendums. Als endlich am 28. Mai der luxemburgische Staatsminister, Herr Reuter, von dem Viererrat angehört wurde, legte der französische Regierungschef die Sachlage folgendermaßen dar: „Wir sind Ihre Freunde und wollen es sein. Wir wollen auch mit dem belgischen Volke, das sich mit unvergeßlichem Heldenmut in den Kampf geworfen und sich uns dadurch stark verpflichtet hat, auf dem besten Fuße stehen. Da die politische Lage in Luxemburg uns nicht vollständig geklärt schien, hatten wir vorgezogen, Sie um Aufschiebung Ihres Plebiszits und Ihres Referendums zu ersuchen. Ich freue mich, daß wir gewartet haben. Die Schwierigkeiten, die möglichen Mißverständnisse sind im Begriff beigelegt zu werden. Sie wünschen eine Annäherung zwischen Frankreich, Belgien und Luxemburg. Die Besprechungen mit Belgien haben bereits begonnen. Wir sind bereit, daran teilzunehmen, wenn es beiderseits gewünscht wird. Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn Sie unsere Beteiligung an den Besprechungen wünschen, werden wir es mit Freuden und in Freundschaft tun."

Unter diesen Umständen und in dieser Stimmung bearbeitete eine Kommission, in der ich den Vorsitz führte und in der Baron de Gaiffier Belgien vertrat, die auf Luxemburg bezüglichen Artikel 40 und 41 (des Versailler Vertrags). Auf Grund dieser Artikel verzichtet Deutschland auf die Vorteile aller Verträge und Abmachungen, die von 1842 bis 1902 zwischen ihm und dem Großherzogtum zustande gekommen waren. Luxemburg trat aus dem deutschen Zollverein aus. Deutschland verzichtete auf alle seine Rechte im Eisenbahnbetrieb und stimmte im voraus allen Abmachungen zu, die bezüglich des Großherzogtums zwischen den Mächten getroffen würden. Außerdem wurde Deutschland in dem 5. Zusatz zum Art. 8 verpflichtet, jedes Jahr soviele Kohlen an Luxemburg zu liefern, wie dieses vor dem Kriege aus Deutschland bezogen hatte. Damit war die preußische Vormundschaft endgültig erledigt und die Bahn lag frei für den Abschluß weiterer Abmachungen .....

So wurde durch die unwandelbare Aufrichtigkeit des französischen Regierungschefs die ruhige Behandlung einer Frage gesichert, die weder durch Belgiens noch durch Frankreichs Schuld, aber unter dem Zwang der Umstände, zu gewissen Zeiten Reibungen hätte hervorrufen können. Der Weg war offen für eine endgültige und allgemeine Einigung mit unsern Nachbarn. Das wurde kurz nachher auch amtlich festgestellt."

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