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Nach wieder recht bewegten Debatten beschloß unsere Kammer am 4. Juni 1919 mit 30 Stimmen gegen 16 Enthaltungen, daß das Luxemburger Volk zugleich mit dem politischen Referendum und unter denselben Bedingungen auch darüber zu befinden habe, ob es mit Frankreich oder mit Belgien einen wirtschaftlichen Anschluß tätigen wolle.

Die Weltereignisse gingen inzwischen einem einstweilig großen Abschluß entgegen.

Am 23. Juni erklärte sich Deutschland zur Annahme der ihm aufgezwungenen Friedensbedingungen bereit.

Am 28. Juni wurde im Spiegelsaale von Versailles, der am 18. Januar 1871 die Ausrufung des neuen deutschen Kaiserreiches schauen mußte, der Friede zwischen den Verbündeten und der Republik Deutschland unterzeichnet.

Unsere Volksvertreter förderten das Werk der Verfassungsrevision endlich mit einem wirklichen Eifer. Die Verhandlungen mit Belgien schritten ebenfalls fort, wenn auch nicht gerade in beschleunigtem Tempo. Im übrigen kam es zu mancher aufregenden Überraschung.

Am 13. August beriet die Kammer über die Verteilung einer Teuerungszulage von 15 Millionen an die Arbeiterschaft des Landes. Eine zugunsten der Industriearbeiter und Privatbeamten am 16. Januar eingebrachte Tagesordnung war am 14. März auf die gesamte Arbeiterschaft des Landes ausgedehnt worden. Die Industriearbeiter wollten für sich einen besondern Vorzug erzwingen, und so waren die Vertreter der Gewerkschaften entschlossen, es an dem Tage mit einem Druck von außen zu versuchen.

Am Vormittag schon strömte es in dichten Scharen aus dem Erzrevier nach der Hauptstadt. Der Nachmittag brachte stürmische Kundgebungen auf dem Wilhelmsplatz und vor dem Parlament. Die Hundstaghitze reizte die Köpfe noch mehr.

Die in Aussicht gestellten Zulagen mit den für deren Verteilung festgesetzten Regeln befriedigten die Masse nicht. Die Erregung steigerte sich zur Wut. Aufwiegler hetzten. Einige Rädelsführer drangen in die Kammer, brachten die Forderungen der Arbeiter mit verbissenem Trotze vor und drohten. Vergebens erprobten die parlamentarischen Parteiführer den Einfluß ihrer Beliebtheit. Sie wurden niedergebrüllt und unter Äpfelwürfen in die Kammer zurückgetrieben.

Szenen nie erlebter Wildheit spielten sich vor meinen Augen ab. Ein junges dralles Frauenzimmer geberdete sich wie die Mänaden der Revolution; jeder Nerv an ihr schlug; sie klatschte aus den Fenstern dem unten tobenden Haufen zu, schrillte, kreischte, schrie: „Sowjet! Sowjet!" und tobte wie berauscht.

Der Kammerplatz schien mit flammenden Gesichtern bepflastert. Dunkle Augen blitzten, klaffende Mäuler drohten herauf. Auf den Brüsten die roten Kravatten brannten wie blutige Flecken.

Die Gewerkschaftsgewaltigen in der Kammer verzweifelten an der Macht der Organisation. Mächtige Schreier wurden zu gar stillen Bürgern.

Auf einmal steigt aus der Masse draußen ein schriller Ruf und dann ein wildes Geheul: eine Schnellzuglokomotive unter Volldampf setzt sich so mit gellendem Pfiff und dröhnendem Schnauben in Gang; ein rasender Stier stürzt so mit blutigen Augen, aus denen der Tod glotzt, auf den Feind. Die Menschenwoge draußen brandet vor, die Treppe hinauf zur Türe, über das niedrige Eisengitter der Blumengärtchen zu den Fenstern empor. Steine fliegen durch die Scheiben, eiserne Gitterstäbe folgen.

Das Haus der Volksvertretung wird gestürmt. Im Erdgeschoß hinter der Treppe stehen vier Gendarmen mit gezogenem Revolver. Alle übrigen Gäste des Hauses suchen sich vor den Würfen zu bergen. Einige steigen zum Sitzungssaal; der aber wird von außen ebenfalls unter die Schleuderfaust genommen und es müssen die dort Geborgenen von Wand zu Wand kriechen, umhagelt von Steinen und Scheibensplittern.

Andere retten sich unters Dach und wagen durch das Mansardenfenster dann und wann einen zagen Blick in den johlenden Aufruhr.

Die meisten verziehen sich in das Kellergewölbe.

Ich verweile eine Zeitlang hinter der Treppe neben den Gendarmen. Das Kammergebäude ist, das tritt jetzt auffällig ins Gefühl, von drei Seiten leicht verwundbar und bietet seine zahlreichen ungeschützten Fenster jedem Angriff preis. Die Scheiben splittern und klirren zu Boden, die Türen dröhnen unter Hieb und Wurf. Auf einmal fliegt auch das Mittelfenster im Erdgeschoß in Scherben und ein junger Regierungschauffeur, der zurückgeblieben ist, stürzt zu Boden. „Nun schießen die Kerle auch noch!" ruft jemand den Gendarmen zu und ich tauche meinerseits in den Keller hinab.

Hier hält die gemeinsame Gefahr sämtliche Parteien in Eintracht und flüsternder Sorge. Durch die Decke nieder dröhnt es und kracht wie von Schüssen.

Auch vom Hofe aus wird der Sturm versucht. Das kleine Kammergebäude lehnt sich bekanntlich an das großherzogliche Schloß. Die Angreifer dringen in die Schloßküche, um von dort einen Weg ins Parlament zu suchen. Vergeblich. Da reißen sie die schweren Küchenherdringe an sich und schleudern sie durch die Hinterfenster ins Kammerhaus. Der eine und andere Eisentopf nimmt und findet denselben Weg.

Die Kellergewölbe geben das Tosen dröhnend zurück. Überhaupt dieser Keller als Zufluchtsort! Im blutigen Ernst wäre es die richtige Mausefalle gewesen. Mit ziemlich breiten Luken öffnet er sich auf die Straße; die Beine der draußen Hin- und Herlaufenden kreuzen die Öffnungen in stets flatternden Maschen. Eine einzige Stinkbombe zu einem der Löcher herein und aller Zank und Zwist hinter den Stirnen der hier unten sich Drängenden ist ausgelöscht.

Freilich, auch die Tapferkeit kommt zu ihrem Recht.

Ein Abgeordneter, der sich im Besitze eines kleinen Revolvers weiß, hält die Waffe beständig in der Tasche mit heißer Faust umkrampft, wandert tragischen Blickes aus einem Winkel in den andern und schwört, sein Leben möglichst teuer zu verkaufen.

Der entnervende Spaß hält schließlich zu lange an. Bald rufen auch die schärfsten Gegner der französischen Besatzung nach den Franzosen.

Endlich rücken die Befreier an. Es sind unsere eigenen neueingestellten Rekruten. Mit gefälltem Bajonett säubern sie den Platz. Französische Jäger stehen zur Unterstützung bereit.

Die Jungens scheinen energischen Willen bewiesen und arg gestichelt zu haben. Die städtischen Ärzte hatten an „Männern aus dem Volke" in der Nacht zahlreiche Wunden zu besorgen.

Wie der Lärm über uns verstummt, steigen wir wieder ans Licht. Inzwischen ist es Abend geworden. Kammer und Umgebung sind eine Trümmer- und Scherbenstätte. Ein richtiges Opfer hat der Sturm nicht gefordert. Unser Chauffeur war nur durch einen Stein an der Stirn verwundet worden. Die Gendarmen dagegen haben über die Köpfe hinweg geschossen. Türen und Wände trugen die Spuren der Kugeln. Eine Schußwaffe scheinen die Meuterer nicht gebraucht zu haben.

Gegen 10 Uhr nachts gehen wir nach Haus.

Wir haben den Dämon Masse einige Stunden am Werk gesehen. Der Geist aber erwägt die Möglichkeiten, die beim Hereinbruch der Volksherrschaft, der sowjetistischen Freiheit grauenvoll aufspringen müßten.

Die unter dem Druck der Verhältnisse, d. h. der Kammerzusammensetzung damals zugestandene Teuerungszulage an die Arbeiterschaft in der Höhe von 15 Millionen galt mir vom ersten Augenblick an als ein neues Opfergeld zugunsten der nationalen Freiheit und Selbständigkeit.

* * * * *

Am 10. September verkündete Herr Reuter der Kammer, es sei die Pflicht der Regierung, die beiden Referendumsgesetze endlich zur Ausführung zu bringen.

Die Friedenskonferenz war schon am 29. Juli von der Notwendigkeit dieses Schrittes verständigt worden.

Am Sonntag, 28. September, schritten die großjährigen Luxemburger und Luxemburgerinnen zum ersten Male Seite an Seite zur Wahlurne und befanden über die zukünftige Gestaltung der Heimat.

Das Wahlergebnis stellte sich wie folgt:

Eingeschriebene Wähler: 125775 Wählende: 90984 Politische Befragung: Gültige Zettel: 85871 Für Großherzogin Charlotte: 66811 Für die Republik: 16885 Für eine andere Großherzogin: 1286 Für eine andere Dynastie: 889 Wirtschaftliche Befragung: Gültige Zettel: 82375 Für Frankreich: 60133 Für Belgien: 22242 Ungültige und weiße Zettel: Beim politischen Referendum: 5113 Beim wirtschaftlichen Referendum: 8609.

Luxemburgs Volk hatte endlich gesprochen, und das bestimmt und klar. Großherzogin Charlotte blieb Siegerin. Der republikanische Wahn war erledigt, der belgische Traum zerstört. Aber auch eine Partei Maria Adelheid -- die Abstimmung bewies das in aller Deutlichkeit -- besteht bei uns nicht.

Die belgische Regierung zeigte sich über den Ausgang des wirtschaftlichen Referendums äußerst unzufrieden.

Ihr Geschäftsträger Prince de Ligne wurde abberufen.

Am 3. Oktober kam dem Staatsminister folgende amtliche Mitteilung:

„Im Anschluß an das Referendum ist die Regierung des Königs der Ansicht, daß die mit dem Großherzogtum auf dessen Wunsch angeknüpften Besprechungen wegen eines wirtschaftlichen Anschlusses zwischen den beiden Ländern als geschlossen gelten dürfen.

Damit ist der Auftrag des Prince de Ligne beendet."

Der Prinz reiste ab. Und das Blatt „+Le Luxembourg+" stellte sein Erscheinen ein.

* * * * *

Am 17. Oktober war auch für unsere Konstituante die Stunde gekommen.

Sie hatte die ihr gestellte Aufgabe endlich bewältigt. Die Staatsgewalt war auf durchaus demokratische Grundlage gestellt worden. Das Wahlgesetz wurde umgestaltet. Allgemeines Wahlrecht, Frauenstimmrecht, Verhältniswahl wurden eingeführt. Das Land umfaßte nur noch vier Wahlbezirke; die Zahl der Abgeordneten wurde leider nicht genügend herabgesetzt.

Mit der politischen Gleichberechtigung der Frau war ich seit langen Jahren einverstanden. Ich achtete die um mich wirkenden und emporwachsenden Luxemburgerinnen zu hoch, als daß ich ihnen ein Recht hätte vorenthalten wollen, das dem letzten der Mannskerle zugestanden wurde. Ein stärkerer politischer Einfluß der Frau kann zudem der Menschheit nur zum Vorteil sein. Ohne die Beihilfe der Frau kann die Herrschaft der Menschenwürde, kann der soziale Friede, kann auch der Friede der Welt nicht gegründet werden.

Allerdings hätte ich das wahlberechtigte Alter für alle nicht auf 21, sondern auf 25 Jahre hinausgerückt.

Mit der Verhältniswahl konnte ich mich schwerer befreunden. Im Leben wie in der Kammer entscheidet im kritischen Augenblick und als letzter Ausweg gewöhnlich die schlichte Mehrheit. Für bestimmte Parteien bedeutet die Neuerung allerdings einen Gewinn und eine gewisse Sicherheit. Als Unfug aber muß es bezeichnet werden, daß sich ein Gewählter ohne weiteres zugunsten eines Nichtgewählten, der, bei einem Kartell z. B. einer andern Partei angehören kann, zurückziehen darf. Damit wird es letzten Endes dem ersten besten möglich, gegen den ausgesprochenen Volkswillen den Zutritt zur Kammer zu erschleichen oder zu erzwingen. Wir haben nach der Richtung schon Erfahrungen gemacht. Der ganze um das Wahlgeschäft vertane Aufwand endet damit in der Posse.

Die Tagung der Konstituante reicht vom 17. August 1918 bis zum 17. Oktober 1919. Dieses Jahr besteht wahrscheinlich als das bewegteste und das inhaltreichste unserer neuern Geschichte. Wie in größern Nachbarstaaten, so entbrannte auch bei uns der Kampf zwischen dem überlieferten Recht und dem neuen Verlangen. Der Streit wurde scharf geführt und tobte sich in der Leidenschaft der Stunde mehr als einmal am Rand des Abgrundes aus. Aber Vaterlandsliebe und Überlegung behielten die Oberhand. Das bewährte Alte wurde in die Gegenwart herübergerettet und die neue Zukunft umsichtig vorbereitet.

Auch in ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit darf die Konstituante mit Ehren bestehen.

Sie hat sich um das freie Vaterland verdient gemacht.

* * * * *

Sonntag, den 26. Oktober fanden die allgemeinen Neuwahlen statt. Gewählt wurden 27 Rechtsparteiler, 8 Radikale, 8 Sozialisten, 3 Nationalparteiler und 2 Volksparteiler.

Die Rechte wird in der neuen Kammer über die Mehrheit verfügen.

Das Land hat die Politik des Ministeriums Reuter--Welter--Liesch--Neyens--Collart entschieden gutgeheißen.

Damit war für mich die Frist gekommen, die ich für meinen Rücktritt gestellt hatte.

Die politische Lage war geklärt, die Hauptgefahr vorbei, die Rechtspartei durfte eine einheitliche Regierung bilden.

Am 1. November 1919 schrieb ich folgendes Gesuch:

„Königliche Hoheit!

Ich nehme mir die ehrerbietigste Freiheit, Ew. Königl. Hoheit zu bitten, mir meine Entlassung als Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts zu gewähren.

Die Gründe, die mich zur Zeit der Thronbesteigung Ew. Königl. Hoheit zum Wiedereintritt in die Regierung bestimmten, sind hinfällig geworden.

Die Selbständigkeit des Großherzogtums ist gesichert. Seine Unabhängigkeit wird gewährleistet durch die Anwesenheit eines Herrscherhauses, das Wurzel faßt im heimatlichen Grund und in den luxemburgischen Herzen.

Die Wahlen haben in die Volksvertretung eine einheitlich geschlossene Mehrheit entsandt, die befähigt ist, die wirtschaftliche und politische Zukunft unseres Landes einzurichten.

Ich glaube daher, von dem Posten scheiden zu dürfen, zu dem Ew. Königl. Hoheit mich zu berufen geruhten und den ich mit aufrichtiger und gefaßter Überzeugung innehielt. Ich trete zurück, um mich Beschäftigungen wieder zuzuwenden, die meinem Charakter besser entsprechen und wobei es mir gestattet sein wird, auch künftig dem Vaterland zu dienen, meine Pflicht zu tun als guter Bürger und als treuer Beamter."

Ich bat den Staatsminister, dieses Schreiben an die Großherzogin weiterzugeben.

Er wies es als unbestellbar an mich zurück und redete im Unmut auf mich ein. Wie ich überhaupt so was schreiben und behaupten könne! Die Lage sei doch gar nicht so geklärt, das Wichtigste sei kaum begonnen, geschweige zum guten Ende geführt.

Herr Reuter behielt mit seinem Bedenken gegen mich recht. Ich nahm den Brief zurück.

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