nur künstelt er zu sehr in seinen Modulationen. Seine deutschen _Cantaten_ sind zum Theil vortrefflich. Die Poesie des Herrn von Drais, die er nach einem Gemählde von van der Werft verfertigte, Adams Empfindungen beym ersten Gewitter hat er meisterhaft in Musik übergetragen. Das annähernde Gewitter ist durch gedämpfte Pauken bis zur Täuschung ausgedrückt worden, und der Ausbruch desselben raset im vollen Instrumentensturme. Die Empfindungen unserer ersten Aeltern, bey diesem ungewöhnlichen Anlaß drückte er durch den natürlichsten Gesang aus. Seine Recitative sind nicht ganz so gründlich, wie anderer deutschen Meister ihre; aber doch gefällig durch die eingestreuten Accompagnements. Seine Arien sind trefflich zur Gesangübung, weil sie schwer sind, und von neuen Modulationen strotzen. Dieser Meister hat auch sehr viel im Kammerstyle gearbeitet, immer gut und hörbar; und in Jomellis Manier, dessen Schüler er war; doch niemahls sonderlich hervorstechend. Die Ursache mag vielleicht unter andern diese seyn, weil er in keinem Instrument Meister ist, sondern nur die Oberfläche von ihnen berühret, oder wie Rousseau sagt: nur die Spitzen der Töne pflückte.
_Woeggel._ Ein Mann, der zuerst die _Trompete_ als Meister behandelt hat. Da er athemreich war, eine starke Brust hatte, und diätetisch lebte; so ward ihm dieses Riesengeschäft um so leichter. Er fiel zuerst auf den glücklichen Einfall, die Trompete zu biegen, um in den Becher greifen, und die Töne modificiren zu können. Die Trompeten mit Klappen schienen ihm zu viel von ihrer Natur verloren zu haben; deßwegen fiel er auf diese Erfindung, ohne dadurch dem schmetternden Tone der Trompete etwas zu nehmen.
Seine Zunge ist trefflich im Doppelspiele wie im einfachen, und seine Höhe nicht nur äußerst rein, sondern auch so lieblich, daß es mehr Menschengesang als Trompetenvortrag zu seyn scheint. Die Concerte für sein Instrument sind meist von Schmittbauer, und zwar mit Geschmack und ziemlicher Gründlichkeit gesetzt. Da er sich aber meist an die Höhe gewöhnt hat, so verlor er dadurch merklich in der Tiefe.
Der Markgraf besitzt auch an Geyer in Durlach einen der merkwürdigsten Organisten, den sogar ein Vogler schätzte. Er hat Feuer, Faustkraft, Pedalkenntniß, und Einsicht in die Registermischung. Nur künstelt er zu viel auf der Orgel, und scheint das Adagio, Largo, Andante und Arioso viel zu wenig studiert zu haben.
_Sandmair._ Ein guter Solospieler auf der _Violine_; doch noch ein trefflicherer Ripienist. Er bildete sich an diesem Hofe, und reiste mit Voglern in der weiten Welt herum.
Der _Gesang_ ist bisher in diesem Orchester äußerst vernachlässigt worden -- wodurch für die Instrumentalisten ein unwiderbringlicher Schaden entstand: denn ohne Gesang wird kein Instrumentist reif.
Hamburg.
Diese Stadt hat vor andern Städten Deutschlands große und graue Verdienste um die Tonkunst. Schon um die Zeit der Kirchenverbesserung unterhielt man daselbst Musikchöre, die, nachdem der Kirchengesang eingeführt wurde, der Aufnahme und Würde desselben ungemein zu Statten kamen. Ich glaube, daß diese Stadt die _ersten Orgeln_ in Deutschland hatte: wenigstens findet man in ihrer Geschichte frühere Nachrichten von Orgeln, als in den Chroniken anderer Städte. Deßhalb gab es auch daselbst viel früher große Organisten, als anderwärts in Deutschland. Man besoldete Cantoren oder Sangmeister, nahm Zinkenisten und Posaunisten an, und vereinigte sie mit dem öffentlichen Gesange. Darum ist in keiner Stadt Deutschlands der _Choralgesang_ so trefflich, so majestätisch donnernd, so ganz die Tempelhallen ausfüllend, und so gründlich von der Orgel begleitet -- als in Hamburg. Auch sind die Hamburger die ersten Protestanten gewesen, welche die Figuralmusik Anfangs mit großem Widerstande der Geistlichkeit, in den Kirchen einführten. Der Reichthum dieser Stadt, welchen bekanntlich ihre ausgebreitete Handlung einführte, war der Musik sehr günstig. Der Magistrat setzte für die Musiker ansehnliche Besoldungen aus, und reiche Privatpersonen vermehrten selbige durch ansehnliche Stiftungen. Zu Anfang dieses Jahrhunderts waren abermahls die Hamburger die ersten, welche _deutsche Singstücke_ aufs Theater brachten. Obgleich die Poesie Anfangs meist schlecht war, so war doch die Musik für die damahlige Zeit sehr gut gesetzt.
_Mattheson_ war der Lenker dieser musikalischen Schauspiele, und der erste Musiker in Hamburg. Zwar waren seine eignen Compositionen ziemlich steif und pedantisch; er verbesserte dieß aber damit, daß er treffliche Stücke aus Italien und Frankreich verschrieb, und deutsche Texte darunter setzte. Auch warb man für diese Schauspiele die besten Sänger aus Deutschland.
_Schubart_, mein Vorfahr, ein trefflicher Tenorist, der mit ungemeiner Anmuth sang, und die Musik als Meister studiert hatte -- war viele Jahre die Zierde dieses Theaters.
_Mattheson_ spielte die Orgel sehr stark, nur machte ihn das mathematische Auszirkeln etwas furchtsam. Sein größtes Verdienst aber ist, daß er durch seine vielen musikalischen Schriften einer der ersten Lehrer Deutschlands geworden. Seine _Organistenprobe_, sein _vollkommener Capellmeister_, und andere seiner Schriften, enthalten einen Schatz seltner musikalischer Einsichten. Da er Lateinisch, Griechisch, Englisch, Französisch und Welsch vollkommen verstand; so konnte er alles lesen und studieren, was in diesen Sprachen über die Tonkunst geschrieben war. Wollte man einen Organisten oder Capellmeister heutzutag nach seinen strengen Forderungen examiniren; so würden nur äußerst wenige zu diesen Stellen fähig seyn. Doch war Mattheson selbst mehr gründlich und solid, als melodisch: darum modern jetzt seine Compositionen. Er trieb den Pedantismus oft bis ins Lächerliche -- wollte nicht nur für das Ohr, sondern auch fürs Auge mahlen. Als er einst eine Cantate, _Noah_ betitelt, setzte, und einen Regenbogen ausdrücken sollte; so schrieb er die Noten in einem halben Zirkel, und gebrauchte dazu rothe, gelbe, blaue und andere färbige Tinte -- ein Einfall, worüber sich Klopstok in seiner gelehrten Republik weidlich lustig macht. Bey all diesen kostbaren Anstalten hatte die Hamburger-Musik doch noch sehr viel Rauhes und beynahe Barbarisches. Aber plötzlich trat ein Mann aus der Wolke
-- -- claraque luce refulsit! -- --
und dieser Mann war
_Telemann._ Er studierte Theologie; aber sein musikalischer Originalgeist bäumte sich weit über den Theologen hinaus. Von der Natur mit Genie ausgerüstet, cultivirte er die Tonkunst unter den besten Meistern. Er durchreiste Welschland und Frankreich, hohlte allenthalben Nahrung für seinen Geist, ohne sein eignes Gepräge zu verlieren. Als er nach Deutschland zurückkam, wurde er Capellmeister in Hamburg -- und hier begann die Epoche seiner Größe. Er schwang sich bald zu einem der ersten Tonsetzer Europens empor. Im Kirchenstyle besonders hatte er seines Gleichen nicht: Tiefsinn, Psalmenflug, Höhe, Würde und Majestät waren bey ihm mit einem Herzen vereinbart, das ganz von der Religion durchdrungen war. Seine vielen _Kirchen-Jahrgänge_ sind ein unbezahlbarer Schatz für die Tonkunst. In seinem mittlern Alter neigte er sich, von Lully's Beyspiel verführt, etwas zum französischen Satze; doch lenkte er bald wieder ein: denn die Verirrungen des Genies dauern nicht lange. In seinen letztern Werken ward er ganz deutscher Mann. Correcter konnte niemand schreiben als Telemann; doch nagte die Correctheit nicht am zarten Sproß der Melodie. Wenige Meister waren reicher an melodischen Gängen, als er. Seine Recitative sind Muster, die der Künstler studieren muß. Seine Arien -- meist mit wenigen Instrumenten besetzt, thun die größte Wirkung. Die Bässe sind so meisterhaft bearbeitet, und so regelmäßig beziffert, daß er hierin noch von niemand übertroffen wurde. Am größten war Telemann in Chören; man hat Hallelujas und Amen von ihm, welche das Aufjauchzen und den Jubel der himmlischen Chöre so nachahmen, daß die gefrorenste Seele dabey aufthauen, und sich in Empfindung ergießen muß. Wie er die Choräle setzte und begleitete, wie voll seine Harmonien, wie glücklich seine Modulationen waren -- das wissen nur diejenigen zu beurtheilen, die über Originalwerke Richter seyn können. Er hat verschiedene Oratorien, Cantaten und dergleichen gesetzt, die jetzt wie Gemmen aus den Zeiten des Dioskorides gesammelt werden. Seine _Kammerstücke_ sind bey weitem nicht von diesem Werthe; denn ob er sie schon alle mit der äußersten Gründlichkeit bearbeitete, so sind doch Producte dieser Art viel zu sehr der Mode unterworfen, als daß sie lange dauern könnten. Telemann war für die _Kirchenmusik_ geschaffen, und hierin ist er der erste Lehrer Deutschlands geworden. Wo Kirchenmusik ist, da hallen seine Erfindungen wieder. -- Sein Geist blieb bis ins graueste Alter immer groß und lebhaft. Er führte noch im achtzigsten Jahre ein Passionsoratorium auf, worin die volle Stärke seines Genius flammte. Die größten Dichter seiner Zeit Richey, Brokes und Hagedorn arbeiteten für ihn. Er fühlte die Macht der Poesie so tief, daß er bey Lesung der ersten Gesänge der Messiade weinte, daß solch ein Dichter nicht für ihn gearbeitet hätte. Kurz vor seinem Ende entschloß er sich noch, einen Hymnus aus der Messiade in Musik zu setzen. Aber er starb, -- und lauscht nun den Chören der Engel.
Das Glück der Hamburger ist beneidenswerth; nach diesem ungeheuern Verlust erhielten sie einen
_Carl Philipp Emanuel Bach_, der in vielen Stücken noch Telemann übertraf. Er war Capellmeister in Hamburg; bey der Prinzessinn Amalia von Preußen; und hatte noch von verschiedenen Höfen diesen Charakter. Er ist der Sohn des großen _Sebastian Bachs_, und studierte bey ihm das Flügel- und Orgelspiel mit so bewundernswürdigem Erfolge, daß er schon im eilften Jahre die Zauberstücke seines Vaters, über dessen Schulter blickend, wegspielte, wenn er sie setzte. Doch ließ er bald die Orgel fahren, und legte sich ganz auf das Clavier und die Composition. Schon im achtzehnten Jahre seines Alters wurde er erster Flügelspieler beym großen _Friedrich_, und begleitete immer die Flötenconcerte und Solos des Königs allein. Hier schwang er sich in jedem Betracht zum ersten Clavierspieler der Welt empor. Niemand hat jemahls die Natur des Flügels, des Fortepianos, des Pantalons und Clavicords mit so tiefem Blick durchdrungen, wie dieser unsterbliche Mann. Sonderlich war er der Erste, der Colorit ins Clavicord brachte; der das Schweben und Beben der Töne, den Träger, eine Art von Mezzotinto, die Fermen, die Pralltriller, auch den Doppeltriller, nebst unzähligen andern Verzierungen des Clavicords erfand. -- Er spielt äußerst schwer, und eben so schön. Sein gebundner Styl, seine Manieren, seine Ausweichungen, seine harmonischen Kunstgriffe sind unerreichbar. Er hat die Musik in ihrem weitesten Umfange studiert. So groß er als Solospieler ist, so schöpferisch seine Phantasien sind, so groß und erhaben seine Einbildungskraft; so groß ist er in der _Begleitung_. Wer begleitet wie Bach? -- Niemand! wird ganz Europa antworten. Friedrich der Große, der das Nil admirari des Horaz in so hohem Grade studiert hatte, stand mehr als einmahl hinter dem großen Manne, wenn er Töne aus dem Clavicord zauberte, -- stieß dann mit dem Stock auf den Boden, und lief aus: Nur _ein_ Bach! nur _ein_ Bach!
Man hat unzählige Clavierstücke von diesem Meister, die alle das Gepräge des außerordentlichsten Genies tragen. So reich an Erfindungen, so unerschöpflich in neuen Modulationen, so harmonisch voll ist keiner wie dieser. Was Raphael als Mahler, und Klopstock als Dichter -- das ist so ungefähr Bach als Harmoniker und Tonsetzer. Was man an seinen Stücken tadelt, ist eigensinniger Geschmack, oft Bizarrerie, gesuchte Schwierigkeit, eigensinniger Notensatz, wo er z. B. den mittlern Fingern immer eine eigene Sphäre gibt; und Unbeugsamkeit gegen den Modegeschmack. -- Wenn auch etwas an diesen Beschuldigungen wahr ist: so ists doch noch wahrer, daß der wirklich große Mann sich zwar bücken -- aber nie zur Zwergheit seiner Zeitgenossen herabwürdigen kann. Bach pflegte zu sagen: »Wenn meine Zeitgenossen fallen, so ist meine Pflicht sie aufzuheben, aber nicht zu ihnen in den Koth zu liegen.« Daher bemerkt man in seinen neuesten Stücken immer etwas Anschmiegung an den Genius der Zeit, aber nie Herabsinken zum herrschenden Geiste der Kleinheit. Alles Tändeln auf dem Clavicorde, alles süßliche geistentnervende Wesen, alles Berlockengeklingel der heutigen Tonmeister ist seinem Riesengeiste ein Greuel. Er bleibt trotz der Mode, was er ist -- Bach!
So groß er als Clavierist hier erscheint, eben so groß ist er als _Lehrer_ des Claviers. Niemand versteht die Kunst Meister zu bilden besser als Er. Sein großer Geist hat eine eigene Schule gebildet; die _Bachische_. Wer aus dieser Schule ist, wird in ganz Europa mit Vorneigung aufgenommen. Sein Fingersatz ist der vortrefflichste, den je ein Clavierist erfunden, seine Faust und Leibesstellung glänzend und sein Vortrag so ungezwungen, daß man hexen sieht, ohne eine einzige magische Bewegung zu bemerken. Ja er ist der Lehrer der Welt im Clavicorde geworden. Seine _wahre Art das Clavier zu spielen_, ist so classisch, als je ein Werk geschrieben wurde. Sein Styl ist ernst, präcis und rein. Seine Regeln sind von der tiefsten Erfahrung abgezogen. Er ist Theoret und Aesthetiker zugleich in seltnem Grade. Alles was im Umkreis des Claviers liegt, scheint er erschöpft zu haben: denn in den vierzig Jahren, da er herrschte, strebten zwar viele an seinem Colossenbilde empor, aber sie vermochten kaum seine Kniee zu lecken.
Eben so ausgezeichnet war er als Lenker eines Musikchors. Er weiß hundert Stimmen und Saiten so in eins zu verflößen, so in den Pulsschlag der Natur einzuleiten, so das Genie selbst in den Schranken der Ordnung zu erhalten, daß hierin schwerlich seines Gleichen ist. Die _Akustik_, die Orchesterordnung, und viele geheime Capellmeisterkünste verstand er aus dem Grunde. Auch als _Sangcomponist_ hat er sich mit Glanz gezeigt. Seine Cantaten, seine Choräle, wozu er Gellerts, Cramers und Klopstocks Texte wählte, sind voll Pathos, voll Neuheit in melodischen Gängen, einzig in den Modulationen -- kurz, wahrer harmonischer Sphärenklang. So groß sein Geist ist, so groß ist sein Fleiß. Kein Genie hat jemahls so viel geschrieben wie Er, und alles auch das geringste Liedchen oder Menuetchen trägt seinen originellen Stämpel. Daß durch diesen außerordentlichen Mann die Musik in Hamburg ungemein gebildet werden mußte, versteht sich von selbst. Alles ist daselbst Sang und Klang: die größten Virtuosen treten da auf, und werden fürstlich belohnt; die Dilettanten erheben sich zur Meisterschaft.[8]
Die Theatralmusik zu Hamburg ist eine der trefflichsten in Deutschland; eben nicht stark besetzt, aber so richtig in der Ausführung, daß Concertmeister dahin reisen sollten, um zu lernen, wie man ein Orchester anführt. Da die ersten Producte der Welt daselbst aufgeführt werden, so ist leicht zu erachten, welch eine große Musikschule Hamburg für unser Vaterland geworden.
Ein Theater, an dessen poetischen und musikalischen Vollkommenheiten _Lessinge_, _Klopstocke_, _Bache_, _Bode_, _Schröder_ und andere Jahre lang gearbeitet haben, muß sich nothwendig zu einem Gipfel erheben, der über alle andern Theater hinausreicht. Daher macht in Hamburg nichts mehr Sensation, als was außerordentlich groß ist. Ja ein berühmter Engländer behauptete erst kürzlich öffentlich, daß der allgemeine musikalische Geschmack zu Hamburg weit größer sey, als der in London.
Mainz, Trier und Köln.
Wenn man von den Höfen geistlicher Churfürsten spricht, wenn man an ihren Enthusiasmus für die Aufrechthaltung ihrer Religion denkt: so läßt sich nichts anderes erwarten, als blühende Tonkunst -- wenigstens im Kirchenstyl.
In _Mainz_ ist die churfürstliche Hofmusik immer mit trefflichen Köpfen besetzt gewesen. Der vorige Churfürst war so enthusiasmirt für die Musik, daß er sich jeden Morgen durch einen so genannten musikalischen Morgensegen wecken ließ; ein Abendgesang mit unaussprechlicher Rührung angestimmt, wiegte ihn in Schlummer. Nicht leicht hat ein großer Mann die Musik so in sein Leben verwebt wie dieser. Musik weckte ihn, Musik begleitete ihn zur Tafel, Musik scholl auf seinen Jagden; Musik beflügelte seine Andacht in der Kirche; Musik wiegte ihn in balsamischen Schlummer, und -- _Musik_ hat diesen wahrhaftig guten Fürsten gewiß im Himmel bewillkommt.
_Punto._ Unstreitig der erste Waldhornist der Welt. Zwar glänzt er mehr in der Second als in der Prim; doch hat er den Umfang des Horns so studiert, wie noch keiner: seine ganze starke Seele haucht aus dem Becher des Horns. Ein Adagio in der Schäferstunde von ihm blasen hören, -- ist das Ultimatum der Kunst. Auch Schwierigkeiten bringt er mit unbeschreiblicher Leichtigkeit heraus. Donnernd schlägt er das contra C an, und schwebt durch die unmerkbarste Bogenlinie ins obere C. Er weiß mit der Faust im Becher, die in der Scale des Horns nicht befindlichen Töne so rein heraus zu bringen, daß er mit seinem D-Horn, ohne zum zeitverlierenden Maschinenhorn seine Zuflucht zu nehmen, Stücke aus allen Tönen begleitet. Seine Compositionen sind eben so trefflich als sein Vortrag; nur setzen sie immer einen Meister voraus, -- für Dilettanten sind sie nicht geschrieben.
Die Kirchenmusik in Mainz hat sich lange im antiken feyerlichen Style erhalten. Die Antiphonen werden mit Würde vorgetragen, und die Messen haben Großheit, Andacht und Herzensfülle. Der Fugenstyl ist hier beliebter als irgendwo, und die Orgeln sind alle mit Kennern besetzt.
Köln.
In den vielen Kirchen dieser großen Stadt tönen die vortrefflichsten Motetten, Messen und Antiphonen wieder -- mehr aber von Geistlichen als von besoldeten Musikern. Die _Chorknaben_ singen daselbst bis zum Entzücken schön, und unter den vielen Geistlichen trifft man Tenor- und Baßstimmen vom ersten Range an. Die Instrumentenbegleitung ist, wie man leicht erachten kann, eben nicht die vortrefflichste; aber doch hinreichend gut besetzt. Der Styl in Köln ist fast wie in Mainz, nur hat er eine etwas modernere Miene. Unter den Chorregenten gibt es ganz vorzügliche Organisten. Pater _Bauer_, und eine Nonne, Nahmens _Agatha_, sind wahre Orgelvirtuosen. Auch trifft man in den Nonnenklöstern oft himmlische Stimmen an.
Der Churfürst hat nur eine mäßig besetzte Hofmusik, die ehemahls der berühmte Schmidbauer lenkte. Unter dem Orchester hat sich kein Mitglied bis zur Virtuosenschaft ausgezeichnet. Eine der Hauptursachen ist wohl diese, daß die dasigen Musiker sehr schlechten Gehalt genießen. Desto größer ist der Eifer für die Musik in Privatfamilien: man findet da mehr als einen Cavalier, mehr als eine Dame, die es in der Musik bis zur Meisterschaft getrieben haben. Ob nun gleich Köln in den neuesten Zeiten keine sonderliche Rolle in der Musik spielt; so verdient doch zu seiner Ehre angemerkt zu werden, daß im J. 855 der erste _christliche Kirchengesang_ daselbst gehört wurde. Von dieser Zeit an dauerte die Begeisterung der Kölner für die Kirchenmusik fort; und in diesem großen Style glänzen sie noch heutiges Tages.
Trier.
Was die Kirchenmusik betrifft; so ist sie ungefähr auf den Fuß wie zu Mainz und Köln besetzt; nur wurde sie dadurch modificiret, daß der jetzige Churfürst, einer der frömmsten Großen, der einreissenden Frechheit im Kirchenstyl steuerte, die alten Messen begünstigte, und seine Tonsetzer in diesem Style zu arbeiten, ermunterte.
Die musikalischen Aemter werden nirgends in ganz Deutschland mit so herzenschmelzender Andacht vorgetragen wie zu Trier und Koblenz. Nur Schade, daß die Orgeln nicht die besten sind, und daß sich kein Organist daselbst seit langer Zeit als Meister hervorgethan hat.
Auch die Hofmusik ist dort sehr gut besetzt. Der dasige Capellmeister Sales, ein gründlicher und angenehmer Tonsetzer, und ein Mann von dem einnehmendsten Charakter, hat sich im Dramatischen und im Kammerstyle mit Ruhm gezeigt. Obgleich der Churfürst kein Theater hat; so setzte doch dieser Meister verschiedene Opern für Manheim, München, für einige italiänische Städte, und späterhin für London, die sehr gut aufgenommen wurden. Sein Geist ist nicht groß, aber angenehm. Lichter Ideenwurf, leichte gefällige Melodien, Wärme des Herzens, gute Bearbeitung des Gesangs, natürlicher Instrumentensatz, auch insinuante Modulation und Harmonie -- bezeichnen seinen musikalischen Charakter. Viel Schönheit, aber nicht Großheit liegt in seinen Stücken; daher wollen seine Messen, Te Deum's, und andere Kirchencompositionen nicht viel sagen. -- Ohne Erhabenheit des Geistes wage sich ja niemand an diesen Styl! Seine Gemahlinn ist eine vortreffliche Conteraltistinn. Sie sang ehemahls als Prima-Donna in einer von Sales gesetzten Oper; allein der Conteralt kann seiner Natur nach niemahls als erste Stimme glänzen: so bald ihm nur ein mittelmäßiger Discant oder Tenor an die Seite gesetzt wird, so steht er schon im Schatten; sind aber seine Compars gar Meister im Sang; so sinkt der Conteraltist oder die Conteraltistinn ganz unter. Dieß war das Loos der sonst so vortrefflichen Blümerinn, der jetzigen Gemahlinn des Sales. Sie wurde mit Bewunderung und Mitgefühl angehört, wenn sie in Concerten sang; allein ohne alle Sensation, wenn sie auf dem Theater sich zeigte.
Unter den Instrumentisten des Trierschen Hofes zeichnet sich sonderlich Vocika aus. Er war ehemahls Kammervirtuos am wirtemburgischen Hofe; sein cynischer Charakter aber brachte ihn von diesem Hofe weg nach Koblenz. Er ist ohne Widerrede der größte Violonist unsrer Zeit. Er kam auf den seltsamen Gedanken, Concerte und Solos auf seinem Rieseninstrumente zu spielen. Auch setzte er diesen Einfall zum allgemeinen Erstaunen der Zuhörer in Ausübung. Die Tiefe war brüllend, schauerlich, markdurchschneidend, -- klang wie das Sausen des Sturms im Eichenwipfel. Die obern Töne brachten die lieblichste Tenorstimme hervor, die aber nicht mehr wie Saitenton, sondern wie eine Tenorposaune tönte.
Auch die Compositionen dieser Riesenconcerte waren sein Werk: und da die Idee so ganz original ist, so macht sie ihm um desto mehr Ehre. Nur muß man bedenken, daß ein so ungeheures Baßinstrument nicht zum Solo gemacht ist: es lautet wie Moquerie, und fällt durch seine brummenden Sätze oft ins Bärenmäßige und Lächerliche. Doch da es dem Menschen schwer ist, immer bloß Begleiter, und nicht zuweilen auch hervorstechender Solomusiker zu seyn; so muß man diesen Einfall einem Vocika verzeihen. -- Als Begleiter hat er unstreitig das Maximum erreicht. Er trägt den ganzen Donnersturm des Orchesters auf seinem Violon; sein sehr kurzer Bogen schneidet die Töne so gewaltig heraus, daß sie alles durchdonnern, alles durchbrausen. Sein vortreffliches Auge, indem er auf sechs Schritte die kleinsten Vorschläge bemerkte, gab seinem Vortrag eine Freyheit und Gründlichkeit, die ihm keiner nachthat.
An diesem Hofe sind auch große Dilettanten reif geworden, worunter _La Rosche_, der berühmte Verfasser des Buchs »über das Mönchswesen« über alle andern weit hinausragte. Er spielte das Clavier als Meister, mit Delicatesse und Gründlichkeit, und setzte auch selbst sehr gut für sein Instrument. Alles was dieser große Mann that, hatte das Gepräge der Eigenheit.
Taxis.
Dieser glänzende deutsche Hof hat auch in neueren Zeiten durch die Tonkunst Aufsehen erregt. Alles wurde hier musikalisch: die Prinzessinnen spielten wie Engel auf dem Clavikord; sonderlich trieb es Prinzessinn Xaveria bis zur Meisterschaft. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich; nur verliert sie dagegen in der Delicatesse. -- Regelmäßige Anordnung eines _Orchesters_ muß man von einem solchen Hofe nicht erwarten, wo das _Vergnügen_ als letzter Endzweck betrachtet wird. Wenn es zu Lampsak unter den Priestern des Priap's ein Musikchor gegeben hätte, so würde dieser ungefähr vom Taxischen Hofe am meisten goutirt worden seyn. Die girrende Taube auf den Schultern der Venus-Anadyomene, das Zerschmelzen Endymions in den Armen der Diana; der betäubende Centralpunct jeder Schäferstunde, -- alles, was girrt, schmachtet, und vom Entzücken erlahmt, -- gehört in den musikalischen Charakter dieses Hofes. Schon nach dieser Schilderung konnte kein großer Mann in dieser Region aufstehn. Doch zeichneten sich einige Köpfe aus, die nicht ganz unwürdig waren, Priester im Heiligthum der Liebe zu seyn.
_Touchesmoulin_ machte viele Jahre daselbst gleichsam den Capellmeister. Sein Geschmack ist ganz französisch, weich und molligt. Er spielt die Violine zwar mit Kraft, doch in einer Manier, die nicht jedermann gefallen kann. Sein Sohn hat schon im zwölften Jahre große Talente für die Violine geäußert, indem er die schwersten Concerte mit fliegender Fertigkeit vortrug: allein die weichliche Erziehung seines Vaters war ihm nicht günstig.
Das Clavier wird an diesem Hofe ausnehmend geschätzt und cultivirt. Da es das Lieblingsinstrument aller Prinzessinnen ist; so kann man leicht erachten, daß es nicht an Virtuosen fehlen wird, die dieß herrliche Instrument mit Feuer treiben.
_Kiefer._ Ein ungemein gründlicher Clavierist, freylich mehr Theoretiker als Genie; aber im Verständniß der Applicaturen, im leichten und starken Vortrag, in der Kunst zu lesen und zu begleiten -- gewiß Meister. Er ist der Schöpfer des Claviergeschmacks, der gegenwärtig am Taxischen Hofe herrscht. Sein Sohn, Clavierist beym neuen Fürsten Palm, spielt die Stücke der ersten Claviermeister mit vieler Präcision. Nur schwindelt ihm vor den Tiefen eines Bachs: aus diesem Ocean hat er kaum noch als Schwalbe im Flug geschlürft. Mit einem Wort, weder er noch sein Vater sind Köpfe von Bedeutung; aber doch noch gute musikalische Handwerksleute. -- Ehemahls war der Geschmack dieses Hofes ganz welsch oder französisch; jetzt, (ich schreibe dieß 1784 -- denn es könnte gar wohl geschehen, daß der Geschmack daselbst im J. 1799 russisch oder chinesisch wäre) ist der Geschmack ganz deutsch, und es kommen dort oft sehr drollige Operetten zum Vorschein, die einen ungemein guten Kopf vermuthen lassen. Ein _spanischer Cavalier_ hat zu unsern Zeiten daselbst einige Stücke in deutscher Sprache verfertigt, die Geniezüge verrathen; auch ist das Deutsche bis zum Bewundern gut gerathen. Doch läßt sich leicht von einem solchen Hofe erwarten, daß er mehr am Komischen als Ernsthaften Gefallen finde. Sogar in den Kirchenstyl hat sich eine gewisse Leichtfertigkeit eingeschlichen, die jeden glimmenden Funken der Andacht verweht.
Die Musik der Stadt _Regensburg_ ist gottesjämmerlich. Sie haben nicht einmahl einen guten Organisten, und ihre Singchöre schreyen und brüllen ohne Wirkung. Ehemahls war _Schlimbach_ da, ein gründlicher Orgelspieler und ein sehr brauchbarer Componist; aber jetzt geht Polihymnia an Regensburg vorüber, und kein Weihrauch dampft ihr von den Altären der Protestanten auf.
Der _Fürst von Fürstenberg_ reitet die Musik wie _Yorik_ sein Steckenpferd. Ohne selbst Musiker zu seyn, läßt er sich Jahr aus Jahr ein täglich stundenlang vorsingen, vorpfeifen, vorgeigen, vorblasen und dudeln. Er bezahlt die Virtuosen, die sich an seinem Hofe hören lassen, vortrefflich: hat aber übrigens selbst weder einen großen Capellmeister, noch große Sänger, noch ausgezeichnete Instrumentisten. -- Wenn der Fürst klein ist, so schrumpft alles um ihn her in den gleichen Geist der Kleinheit zusammen. Inzwischen muß man es diesem Herrn zum Ruhme nachsagen, daß er die guten Musiker ausnehmend schätzt, sie an seine Tafel zieht, und sie so gut als irgend einer seiner Collegen belohnt.
Nassau-Weilburg.
Die jetzt regierende Fürstinn dieses Hauses hat sich als Kennerinn und Beschützerinn der Musik einen großen Ruf erworben. Sie sang ehemahls vortrefflich; gewisse physische Gründe aber bewogen sie, den Gesang fahren zu lassen, und sich ganz dem Clavier zu widmen. Sie spielt schwere Concerte von Schobert, Bach, Vogler, Beeke und andern mit ungemeiner Leichtigkeit weg. Das Allegro und Presto gelingt ihr immer, das Adagio und Largo aber nie: denn sie hat aus übermäßiger Reitzbarkeit der Nerven einen Abscheu vor allem Traurigen. Ihr Orchester ist sehr gut besetzt.
_Rothfischer_ war lange daselbst Concertmeister. Diesen Posten zu bekleiden ist niemand fähiger als er. Er spielt die Violine auch als Sologeiger mit vielem Geschmacke. Doch besteht seine eigentliche Stärke in der Anordnung, Beurtheilung und Zusammenstimmung eines Orchesters, und der meisterhaften Lenkung desselben zu einem gemeinschaftlichen Zwecke. Sein Strich reißt durch, und er weiß während des Spiels den Arm so zu lenken, daß er damit gebiethet. Seine Symphonien sind stark, reichhaltig an glänzenden Ideen, und voll tiefer Einsicht in die Geheimnisse des Satzes. Von ihm trifft auch ein, was _Plinius_ irgendwo sagt: »Viele sind berühmt, und einige verdienen es zu seyn:« denn er ist bey weitem in Deutschland nicht so bekannt, als es sein Geist verdiente. Wenige Virtuosen sind so frey von Künstlerstolz wie dieser Meister; bescheidene und gründliche Kritik schätzt er über alles. Er ist jetzt in Wien, und führt daselbst das Orchester des deutschen Theaters an. Der Weilburgerhof fühlt seinen Verlust um so mehr, je schwerer es halten wird, ihn so bald zu ersetzen. -- Die übrigen Glieder dieses Orchesters brilliren zwar nicht sonderlich, aber desto besser sind sie zur musikalischen Eintracht gewöhnt. Virtuosen ersten Rangs, die sich daselbst hören ließen, bewunderten die Accuratesse des Vortrags, und die genaue Haltung des musikalischen Colorits, welches hier besser als an manchem weit größern Hofe beobachtet wird.
Die Singspiele, die zuweilen hier aufgeführt wurden, sind meist französisch, und wollen daher sehr wenig sagen.
Cassel, Darmstadt, Hanau.
So glänzend immer der Hof zu Cassel war; so wüßte ich mich doch nicht zu entsinnen, daß er jemahls in der Musik Aufsehen erregt hätte. Weder ein Componist, noch ein trefflicher Ausführer hat sich daselbst hervorgethan. Die Fürsten dieses Hofs waren nie sehr für Musik: daher die Todtenstille, die dort in der Tonkunst herrschte. Die Landgrafen liebten nur das Lärmende, Kriegerische, Muth- und Tanzweckende in der Musik; wahrer Sang und wahres Spiel galt ihnen wenig. Es gab zwar ehemahls einige Organisten an diesem Hofe von ziemlicher Bedeutung; allein was will ein Maulwurfshügel in der Nähe von Gebirgen und Alpen sagen?
Die Hofmusik ist zwar jetzt daselbst in ziemlichem Stande, verliert aber alles Ansehen im Vergleich der erst gedachten Höfe. Durchreisende Virtuosen, die sich von Zeit zu Zeit dort hören lassen, unterhalten allein diesen Hof.
Darmstadt.
Dieser Hof verdient wegen seiner ganz vortrefflich eingerichteten _Kriegsmusik_ bemerkt zu werden. So wird in der Welt kein Marsch executirt wie hier. Die blasenden Instrumente sind alle herrlich besetzt. Der Geist der Märsche ist groß und kriegerisch; und der Vortrag Wurf auf Wurf. Die _Trommel_ ist hier, musikalisch betrachtet, auf ihren höchsten Gipfel getrieben worden: vom Flistern des Pianissimo, bis zum Donnersturm des Fortissimo -- das Wogen und Fluthen der Töne; das Sieden und Kochen unter der Faust des Meisters; das Hinschmachten zum Nichts, -- das Aufstreben zum All' -- hört man hier Tambours ausdrücken.
_Enterlin_, ist der Capellmeister dieses Orchesters; gebürtig aus Nürnberg, Sohn eines weiland sehr berühmten Fagotisten, der, weil er das Unglück hatte, beym Trunk einen seiner Kameraden zu erstechen, sich selbst entleibt hat. -- Enterlin spielt die Violine nach einer ganz besondern Manier. Er weiß Töne und Wendungen darauf hervor zu bringen, die noch keinen Nahmen haben. Indessen neigt er sich mehr auf das Spaßhafte, als auf das Ernste. In seiner Jugend hatte er geflügelte Geschwindigkeit, und erregte allgemeines Aufsehen. Da er zugleich ein vortrefflicher _Clavierspieler_ ist, und für dieß Instrument manches herrliche Stück gesetzt hat; so erwarb er sich dadurch kein gemeines Ansehen im Tonsatze. -- Dieser Meister hat aus Bizarrerie seines Charakters weit weniger Sensation gemacht, als er hätte machen können.
Außer ihm zeichnete sich nur noch ein gewisser _Merkel_ aus, der das Clavier als Meister zu behandeln wußte.
Hanau.
Hat in neuern Zeiten eine ziemlich gute Musik unterhalten, doch that sich kein Meister sonderlich dabey hervor. Man käuet daselbst die Stücke des Auslandes erträglich wieder; und dieß ist sein größtes, beynah einziges Verdienst. Doch verdient ein Dilettant daselbst bemerkt zu werden, der in ganz Deutschland Aufmerksamkeit erregt hat. Dieser Dilettant heißt _Andrée_.
Er war so kühn, die besten Dichter musikalisch zu interpretiren. Mangel an gründlicher Einsicht schielt allenthalben aus seinen Stücken hervor: inzwischen wurden seine Operetten durch ganz Deutschland mit allgemeinem Beyfall aufgeführt. Wahr ist's, sie dringen in den Geist des Autors nicht ohne Glück ein; er hat einen Reichthum von gefälligen Melodien. Seine Anschmiegung au den Modegeschmack, und die Leichtigkeit seines Styls, haben ihm jene beträchtliche Sensation erworben: allein Andrée setzt nicht für den Denker. Er ist zu leer an Modulationen, an großen Harmonien, als daß er bis ins Mark des wahren Kunstverständigen eindringen könnte. Das _Lied_ gelang ihm indessen sehr gut. Er bemächtigte sich in verschiedenen seiner Lieder des echten Volkstons, und erkämpfte dadurch allgemeinen Beyfall. Da er für die Dichtkunst einiges Geschick hat; so half ihm dieß ungemein zu seinen musikalischen Aufsätzen.
* * * * *
Die übrigen deutschen Höfe haben sich zu wenig wahres Verdienst um die Tonkunst erworben, als daß sich der Griffel der Geschichte mit ihnen beschäftigen sollte.
_Würzburg_ hat für den Gesang einiges geleistet; die _Mecklenburgischen_ Höfe sind zufrieden mit Bedienten-Musik: und was unter den übrigen Fürsten und Grafen Bemerkenswürdiges vorkommt, gehört bloß in ein alphabetisches Verzeichniß deutscher Musiker, und nicht ins Gemählde eines großen Ganzen. -- Ich will also die Geschichte der deutschen Tonkunst damit beschließen, daß ich einige Meister bezeichne, die sich da und dort in der Musik hervor thaten.
_Adelung_, aus Erfurt, ein wahrhaft guter musikalischer Theoretiker. Seine »_Anweisung zum Orgelspiel_« hat viel Saft und Kraft. Er versteht nicht nur den Orgelbau mechanisch -- und zwar nicht als gemeiner Mechaniker, indem er sehr tief alle Unvollkommenheiten des bisherigen Orgelbaus bemerkt hat, sondern gibt auch selbst _Grundsätze_ an, die jedem Musiker von Profession, sonderlich dem Organisten ein wahres Amulet seyn müssen.
_Abel_ spielte in London eine große Rolle. Er war eigentlich nur _Ripienist_ auf der Violine, legte sich aber bald mit großem Glück auf die Composition, und lieferte besonders im Kammerstyl vortreffliche Werke. Seine Symphonien sind voll und schön; seine Clavierstücke brauchbar für Dilettanten; und was er sonst setzte, sprüht Funken eines sehr glücklichen Kopfes aus. Er arbeitete sich bis zum Concertmeister in London empor, und verrieth in allem, was er that, mehr Kunstfleiß als Genie. Er hat vieles stechen lassen; allein sein Nahme wird wegen der Leichtigkeit seines innern Gehalts nicht lange dauern.
_Alberti_, machte Lärm in Wien. Er war zu seiner Zeit einer der beliebtesten Clavierspieler. Die _gebrochenen_ Accorde so er erfand, haben lange Zeit die Fäuste beschäftiget und gelähmt. Seine gewählten Motive waren zwar öfters sehr sangbar, und bedeckten manchen Fehler der Begleitung: da er aber die Natur des Claviers viel zu wenig studiert hatte, da er, kurz zu reden, mehr haspelte, als das Mark der Töne durchgriff; so konnte sein Beyfall nicht lange dauern. Das schwindelige Publicum mußte aufstehen und den Schaden bemerken, welchen seine falschen Applicaturen im wahren Clavierspiel angerichtet. Ein gebrochener Accord bringt drey Finger in Bewegung, und lähmt zwey. Wer nicht wie Bach, die ganze Faust in Thätigkeit setzt, verdient nie Epochenmacher im Clavierspiel zu werden.
_Buxtehude_, einer der größten Fugenspieler der Welt. Die Haut würde einem heutigen Organisten schaudern, wenn er ein Allabreve, oder eine Fuge von einem Buxtehude vortragen hörte. Das simpelste Thema führt er mit solcher Richtigkeit aus, webt es so labyrinthisch durch einander, und findet immer durch dieß Labyrinth so richtig den Ausgang, daß man darüber erstaunen muß. Tiefsinn ist der Charakter seiner Sätze; seine Schreibart eigensinnig: er gibt gleichsam einem jeden Finger eine eigene Sphäre. Die kleinen Finger der beyden Fäuste bilden immer die Peripherie seiner musikalischen Erfindungen, und die übrigen acht Finger halten auf's genaueste ihren eigenen Tanz. Er bemerkt durch die geringsten Vorschläge den Halt und Fortschritt der Mitteltöne, und bringt dadurch zwar äußerste Präcision, aber auch nicht wenig Schwierigkeit für den Spieler hervor. Z. B. was man heut zu Tage durch ein simples Harpeggio ausdrückt, drückt er durch die aller genaueste Bestimmung mit Pausen und Puncten aus:
Heutiger Styl: Harpeggio]
Oder]
Nach Buxtehude.]
Oder:]
_Georg Bach_, Capellmeister in England, und wegen seines langen Aufenthaltes daselbst, nur der englische Bach genannt, ein Sohn des unsterblichen Sebastian Bachs.
So viel Geschmeidigkeit des Geistes, so viel Accommodation in den Genius des Seculums, so viel Unterjochung der tiefen Theorie unter die flüchtige Melodik der Zeit, -- hat wohl noch niemand wie dieser Bach gehabt. Er scheint sich ordentlich den Plan vorgesetzt zu haben, seinem Bruder in Hamburg zu beweisen, man könne groß seyn, und sich doch nach dem geringfügigen Geiste des Volks bequemen. Der Erfolg bewies, daß dieser Bach Unrecht hatte: denn sein Geist litt unter den Fesseln der Accommodation. Die hohe Theorie, die er aus den Rippen seines großen Vater anzog, umgab er mit dem Silberflor des modernen Geschmacks; -- eine Riesin in Filett gehüllt! -- -- Lange bewunderte ihn Italien, bis er endlich als Capellmeister nach London berufen wurde. Er war Meister in allen musikalischen Stylen. Buchstäblich war es wahr, was ein englischer Dichter von ihm sang: »_Bach_ stand auf des Olympos Gipfel.
Und Polyhimnia kam ihm entgegen.
»Sie breitete die Silberarme »Um ihn, und sprach: »_Ganz bist du mein!_
Seine _Kirchenstücke_ haben viel Gründlichkeit, nur eine gewisse weltliche Miene, die den Geruch der Verwesung ankündigt. Seine _Opern_, die er in England, Italien und Deutschland setzte, verrathen alle den Herrschergeist im Gebiethe der Tonkunst. -- Dieser Bach konnte seyn was er wollte, und man verglich ihn mit Recht dem Proteus der Fabel. Jetzt sprudelte er als Wasser, jetzt loderte er als Feuer. Mitten unter den Leichtfertigkeiten des Modegeschmacks schimmert immer der Riesengeist seines _Vaters_ durch. -- So kam der verlorne Sohn mit zerrissenem Gewande nach Haus. Der Vater fiel ihm um den Hals, und schluchzte: »Bist doch mein Sohn!«
Sein Bruder in Hamburg schrieb ihm öfters: »Werde kein Kind!« Er aber antwortete immer: »Ich muß stammeln, damit mich die Kinder verstehen.«
Daß aber dieser außerordentliche Mann auch im tiefsinnigen Style seines Bruders und Vaters in Hamburg arbeiten konnte, beweisen verschiedene Claviersonaten, die er zu London herausgab. Sonderlich ist eine Sonate von ihm aus dem _F_ Mol bekannt, die mit den gründlichsten und besten Stücken dieser Art wetteifert.
Bach hat sich in allen Arten des musikalischen Styls fast mit gleichem Glücke gezeigt. Er arbeitete für die _Kirche_, fürs _Theater_, für die _Kammer_. Er verfertigte tragische und komische Opern, ernsthafte und scherzhafte _Ballete_. Natürlicher Fluß der Gedanken, liebliche Melodien, reiche Instrumentenkenntniß, überraschende Ausweichungen, herrliche Bearbeitung des _Duetts_, festliche Chöre, und meisterhafter _Recitativstyl_, -- charakterisiren seine ernsten Opern. Er schrieb deren sehr viele in Italien, England und Deutschland; und noch heute werden sie mit dem entscheidensten Beyfall aufgeführt. Jomellisches Feuer, und den harmonischen Tiefsinn seines Bruders in Hamburg -- sucht man freylich in diesen seinen Opern vergebens: aber Natur und Einfalt ersetzen diesen Mangel desto reichlicher. Das _Zärtliche_ und _Verliebte_ gelang ihm besser als das hohe Tragische.
Seine scherzhafte Muse hat viel glückliche Einfälle: sie ist mehr witzig als launisch, daher wurden seine komischen Opern in London nie lange goutirt. Seine _Ballete_ in beyden Arten sind vortrefflich, und dollmetschen den ganzen Sinn der Geberdensprache.
Seinen _Kirchenstücken_ fehlt es nicht an Würde und Andacht. Er hat für Rom und Neapel einige _Messen_ gesetzt, welche daselbst allgemeine Bewunderung erregten. Auch für London schrieb er einige _Psalmen_ in wahrem antiken Geschmacke. Sein _Te Deum laudamus_ ist eines der schönsten, das wir in Europa besitzen. Die Fugen und Chöre bearbeitete er mit großer Kunst, ohne in Pedantismus zu fallen. -- Seine _Clavierconcerte_, _Sonaten_, _u. s. w._ mit und ohne Begleitung, gehören noch immer unter die Lieblingsstücke des Publicums. Bach spielte das Clavier selbst als Meister, zwar nicht mit der magischen Kraft seines Vaters oder Bruders in Hamburg, aber doch so, daß ihn niemand in England übertraf. Weil er verliebter Complexion war, so strebte er sehr nach dem Beyfall der Damen. -- Dieser Umstand klärt vieles von seinem musikalischen Charakter auf. Seine Anschmiegung an den Modegeschmack, seine oft zu große Nachgiebigkeit, seine gefällige Condescendenz, da wo der Volksgeschmack sank; das seinem großen Geiste so wenig passende Tändeln; die oft wässerige Leichtigkeit in seinem Satze, da er von Natur zur Schwere geneigt war, -- all dieß rührte von seiner allzu großen Liebe für das weibliche Geschlecht her. Er war der Liebling der englischen Damen. -- Seine _Symphonien_ sind groß und prächtig; dieser Schreibart vollkommen angemessen und für Privatconcerte weit schicklicher, als die Jomellischen.
Bach war einer der fleißigsten Tonsetzer, die jemahls gelebt haben. Seine Stücke belaufen sich auf eine kaum glaubliche Zahl, worin der Vortrag ungemein abwechselnd ist. Da Bach nur höchst selten seinem eigenen Geschmack folgte, da gleichsam immer ein anderer schrieb, als er selbst; so haben nur wenige seiner Stücke Ichheit und Originalität. Er selbst war deßhalb mit seinen Stücken nie zufrieden, und wenn er lange auf dem Flügel gespielt hatte; so pflegte er immer mit einer tiefsinnigen Phantasie zu schließen, und am Ende zu sagen: »So würde Bach spielen, wenn er dürfte!« Dieser große Mann starb 1782 als erster Capellmeister in London, -- vielleicht noch vor der vollen Auszeitigung seines Geistes -- denn er hatte kaum vierzig Jahre erreicht. Ganz England beklagte ihn, und sein Vaterland schickte sehnende Seufzer seinem großen Geiste nach.
_Bachhelbel_, ein großer _Organist_ in Nürnberg, Meister im echten Orgelgeschmacke. Er setzte riesenmäßige Stücke für die Orgel, mit zwey bis drey Manualen, die er nebst dem Pedal sämmtlich in volle Bewegung brachte. Sein Styl ist alt, aber massiv und voll Tiefsinn. Seine Stärke im Pedal war ausnehmend. Den gebundenen Styl oder das Ligato, verstand er im hohen Grade. Die Fugen bearbeitete Bachhelbel schwer, und mit kerndeutscher Kraft. Er spielte den Choral simpel und variert -- mit vieler Stärke.
Hierher gehört die Anmerkung, daß _Nürnberg_ unter die ersten deutschen Städte gehört, die sich um vaterländische Musik verdient gemacht haben. In dieser Stadt gibt es von alten Zeiten her herrliche Anstalten, die das musikalische Talent wecken und belohnen. Sie unterhält einen eigenen Capellmeister, und gegen dreyßig Stadtmusikanten, worunter oft Leute waren, die Aufsehen in der Welt erregten. Der Singchor ist sehr gut besetzt, und selbst unter den gemeinen Leuten herrscht so viel natürlicher Geschmack in der Tonkunst, daß der fühlende Fremde mit stiller Bewunderung dabey weilt. An Sonn- und Feyertagen hallen alle Straßen dieser Stadt von Gesängen wieder. Nirgends gibt es so viele Hausorgeln wie zu Nürnberg, weil der Hausgottesdienst nirgends so daheim ist. -- Dieser musikalische Geschmack dauert bereits seit Jahrhunderten. Jede Kirche hat einen besoldeten Organisten, und einen Cantor. Die reichen Stiftungen dieser Stadt unterhalten die Chorschüler, aus denen bisweilen große Meister hervorgetreten sind. -- Mit dankbarer Freude erinnert sich der Verfasser, daß er dieser Anstalt seine musikalischen Kenntnisse zu verdanken hat.
Das größte Verdienst hat sich diese ehrwürdige Stadt dadurch erworben, daß sie Künstler nährte, die nicht nur die trefflichsten Instrumente verfertigten, sondern auch neue erfanden. Die ersten vorzüglichen _Flügel_ wurden hier gemacht von dem unvergeßlichen _Glis_. Die Erfindung des _Pedals_ hat man Nürnberg zu danken.
_Steiner_, der erste Geigenmacher der Welt, ist ein Nürnberger; und noch jetzt sind die nürnberger Geigen unter die ersten und besten zu rechnen. In der Verfertigung _blasender Instrumente_ ist diese Stadt noch von keiner übertroffen worden. Die _Tenner'schen Flöten_ sind weltberühmt. Die dort verfertigten Trompeten, Posaunen, Zinken, Clarinetten und Fagots haben Dauer und schneidenden Ton. Sonderlich verfertigte man ehemahls zu Nürnberg _Orgeln_, die für ganz Europa Muster waren. In der Sebalder- Lorenzer- Frauen- und andern Kirchen stehen herrlich gebaute Orgeln, von dickem metallenen Tone, und vornehmlich im Pedal herrlich gearbeitet. Kurz, man kann Nürnberg mit Recht eine musikalische deutsche Stadt nennen.
Die großen Meister in der Tonkunst, welche diese Stadt hervorbrachte, sind folgende:
_Fischer_, einer der berühmtesten Geiger seiner Zeit. Seine Stärke bestand in ungewöhnlichen Passagen, die er in der möglichst kurzen Zeit, rund und ohne Fehler vortrug. Sein Geist artete sehr ins Komische aus. Er wußte alle Vögel nachzuahmen, und zwar mit solcher Täuschung, daß man nicht wußte, ob eine Nachtigall gluckte, eine Lerche trillerte, ein Kanarienvogel schmetterte, eine Wachtel schlug, oder ein Heimchen zirpte. -- Seine Compositionen wollen nicht viel sagen, weil es schwer hält, die Launen eines solchen Orginalkopfes zu treffen. --
_Drexel_, ein Schüler des großen Sebastian Bachs, und zwar einer seiner besten. Er spielte die Orgel mit vieler Gewalt, verstand besonders die Register ausnehmend, und setzte mit Geist für dieses sein Instrument. Sein Fugenstyl war nicht tiefsinnig, sondern leicht und verständlich. Er wählte zu seinen Fugen meist ein sangbares Thema, und machte sie dadurch anmuthig, -- eine Eigenschaft, welche bekanntlich den meisten Fugen fehlt. Den Contrapunct verstand er solid; nur lähmte seine Faust zu früh unterm Gewühl der Modulationen. Wir besitzen noch viele Stücke von diesem Meister, die voll Spuren eines trefflichen Kopfs sind. Seine Modetten und Kirchenstücke sind für den gründlichen Musiker vielleicht schätzbarer, als ein aus Herculanum gerettetes Gemählde: denn der stattliche Mann schrieb nur wenig, aber was er schrieb, trug großes Gepräge.
_Löffelloth_, der sanfteste Orgel- und Clavierspieler, den man sich denken kann. Sein schwermüthiger Charakter neigte sein Herz zum Adagio, und dieß spielte er mit herzeindringender Gewalt. Er war Genie, und hielt sich demnach an keine Schule. Begünstigt vom Schicksal, konnte er ganz Europa durchreisen, und alles Große hören; aber er blieb doch Löffelloth. Sein Satz, wie seine Spielart, war so eigenthümlich, daß es unmöglich ist, eine Beschreibung davon zu machen. Ahndung des nahen Todes, Thränen, die auf einen Todtenkranz thauen, und zitterndes Vorgefühl künftiger Begnadigung -- spricht sein Satz. Die Hectik raubte dieß seltene Genie der Welt im 26. Jahre seines Alters. Vor seinem Sterbebette stand ein Glisisches Clavicord. Wenig Minuten vor seinem Ende streckte er die dürren Schenkel aus dem Bette, breitete die Hände über sein Clavier aus, und spielte: »Ach Gott und Herr, wie groß und schwer u. s. w.« mit unaussprechlicher Anmuth. Von Thränen schimmernd sank er auf sein Lager -- und starb.
Dieser Mann würde nicht nur alle nürnbergischen Tonkünstler weit übertroffen haben, sondern Epochenmacher geworden seyn, wenn es dem Schicksal gefallen hätte sein Leben zu fristen. -- Zwey Tage nach seinem Tode erhielt er einen Ruf als Capellmeister nach Rußland; aber sein höherer Ruf war in Himmel.
_Agrell_, Capellmeister dieser Stadt, von Geburt ein Schwede. Ein wahrer Künstler, aber kalter Natur: er spielte kalt, aber regelmäßig; er setzte kalt aber regelmäßig. Steif war sein Betragen, steif seine Spielart; allein von jeder Note, die er niederschrieb, wußte er die strengste Rechenschaft abzulegen. Er pflegte zu sagen: »die Musik ist eine verdeckte Arithmetik. Wenn ich die Noten wegwische, und nicht das Gerippe der feinsten Rechenkunst sehe; so ist mein Satz falsch.« Seine Clavierstücke üben die Faust ungemein; seine Modetten und Kirchenstücke sind äußerst streng nach der Natur der Stimmen eingerichtet. Wir besitzen einen reichen Vorrath seiner Producte, die Kennern immer schätzbar bleiben müssen, weil sie sich auf der Achse der feinsten Theorie bewegen.
_Gruber_, ein herrlicher Violinist, und jetziger Capellmeister in Nürnberg. Sein Satz ist gründlich, feurig, nur zu kraus. Er gibt den Stimmen viel zu arbeiten, und setzt gemeiniglich Meister voraus. Sein Bogenspiel ist leicht und gewandt. Das Flagiolet weiß er so fein anzubringen, daß ihm hierin nur ein Friedel den Rang abläuft. Sein Kirchenstyl gränzt sehr ans Erhabene, nur ist er überladen mit Verzierungen. -- Der starke Spieler hat überhaupt den Fehler, daß er gerne brilliret, und für sein Lieblingsinstrument zu schwer setzt. Fast möchte man behaupten, ein großer Componist sollte zwar alle Instrumente verstehen, aber keines als Meister spielen, weil er dieses aus Vorliebe, und zum Schaden anderer, zu sehr in Handlung setzt.
_Gräf_, ein vortrefflicher _Trompeter_, aus den Ruinen Lissabons gerettet. Vielleicht hat noch niemand die Natur dieses Instruments so ganz erschöpft, wie Gräf. Ohne die Trompete wie Woeggel zu biegen, brachte er alles hervor, was nur Ohr und Herz erwarten konnte. Er führte eine silberne Trompete; und das Schmetternde, wie das unaussprechlich Reine, war ihm gleich geläufig. Seine Trompetenstücke gehören unter die ersten der Welt; werden aber immer seltner, weil er nur wenig setzte. Er starb als Opfer seiner Kunst mitten unter einem Concert, an einem Blutsturz, den ihm die übermäßige Anstrengung seiner Lungenflügel zuzog.
_Bischof_, als süßer _Geiger_, und _Hummel_, als gewaltiger Baßsänger, verdienen in dieser Geschichte nicht übergangen zu werden. Ueberhaupt ist Nürnberg reich an schönen Stimmen, und da es ein Bierland ist; so zeugt es mehr Baßsänger, als man in Weinländern zu hören gewohnt ist.
Der dasige musikalische Verlag, und der treffliche Notenstich, gibt dieser deutschen Stadt ein neues Verdienst um die Tonkunst; so wie sie sich denn überhaupt fast um alle Künste und Wissenschaften, ein unsterbliches Verdienst erworben hat.
Augsburg.
Seit dem diese Stadt ein bischöflicher Sitz geworden, seit dem blühte sonderlich die Kirchenmusik daselbst -- freylich unter den Schauern der Abwechslung, aber doch immer so, daß es den Bischöfen Ehre machte.
Augsburg war der dritte Ort, welcher den _Kirchengesang_ einführte. Durch mehrere Jahrhunderte hindurch sind die Vespern und Chöre daselbst trefflich besetzt gewesen. Noch jetzt werden dort Stücke aus jenen ehrwürdigen grauen Zeiten aufgeführt, welche das Ohr und Herz des Kenners ganz füllen. Himmelerhebende Andacht flammt in diesen Chören, der Gesang ist meist enharmonisch; aber die Orgel, oder ein im Chor angebrachtes Rückpositiv, gibt dem Gesang Mannigfaltigkeit und Fülle.
Die Reformation spaltete diese Stadt bekanntlich in zwey Theile, und brachte die so genannte _Parität_ hervor. Die Lutheraner führten, wie ihre übrigen Glaubensgenossen, den deutschen _Kirchengesang_ ein, und zwar mit solchem Eifer, daß er mit den besten deutschen Städten verglichen werden kann. In der Barfüßerkirche hört man noch heut zu Tage diesen Gesang in seiner ursprünglichen Lauterkeit. Ein gut besoldeter Musikdirector, unter welchem Cantoren und Stadtmusiker stehen, lenkt die Choral- und Figuralmusik der Protestanten. Zu diesen Directoren haben die Augsburger immer sehr tüchtige Männer gewählt.
_Seyffert_, gehört unstreitig unter die trefflichen Musiker unsers Jahrhunderts. Er bildete sich in der Schule des großen Hamburger _Bachs_ und des Berliner Orchesters unter den Augen _Grauns_. Darauf begab er sich nach Venedig, erwarb sich daselbst durch seine weitgreifenden harmonischen Kenntnisse allgemeinen Beyfall; und kam mit dieser gründlichen Bildung in sein Vaterland zurück, wo er als Musikdirector im drey und dreyßigsten Jahre seines Alters starb. Er war nicht nur einer der gründlichsten deutschen Clavierspieler: so daß ihn selbst Bach unter seine ersten Schüler zählte; sondern legte sich auch mit so glücklichem Erfolg auf die Composition, daß in der kurzen Zeit seines Lebens, der Nahme _Seyffert_, durch ganz Europa scholl.
Er war ganz zum Musiker geboren: wo er ging, da pfiff er, und suchte Melodien; daher wurde er so außerordentlich melodienreich. Er schrieb viel, aber wiederhohlte sich nie, sondern blieb immer neu. Gründlichkeit und Anmuth vereinigte Seyffert in einem hohen Grade. Er war jedem Style gewachsen; denn er pflegte zu sagen: »Wer nicht alles kann, kann nichts.« Seine Meisterstücke sind:
1. _Eine italiänische Oper_, welche er in Venedig componirte, und die noch jetzt daselbst alle Jahre einmahl aufgeführt wird. Das Sangmäßige dieser Oper, die liebliche Instrumentenbegleitung, die Neuheit ihrer melodischen Gänge, die Richtigkeit der Harmonien, und das Ueberraschende der Modulationen, haben ihr diesen allgemeinen Beyfall in Italien erworben. -- Seyffert verrieth damahls viel Neigung zum Komischen; das Tragische gewann jedoch nachher ein sehr merkliches Uebergewicht in seinem musikalischen Charakter.
2. Ein _Passions-Oratorium_, nach Krauses Poesie. Dieß Oratorium wimmelt von Geniezügen. -- Welch ein Einfall, wenn er den Judas verzweifeln, und sich zu Tode rasen läßt! Der Chor: Das Herze blutet mir, u. s. w. gehört unter die vortrefflichsten musikalischen Chöre, die wir aufzuweisen haben. Jede Theilnehmung des Hörers; jedes Steigen und Fallen des fluthenden Blutes; jedes zarte innige Gefühl der Andacht -- ist hier mit unbeschreiblicher Kunst und Einsicht bemerkt. Das Belauschen der geheimsten Empfindungen ist kaum irgend einem Musiker besser gelungen als ihm. Aus Begierde neu zu seyn, fiel er indeß doch zuweilen ins Tändelnde. Er ließ zum Beyspiel in diesem Oratorium, Christum mit sortinirten Trompeten zu Grabe begleiten: aber er wischte diesen Flecken sogleich weg, und verbesserte ihn mit einem ganz ins Gräberdunkel gemahlten Chore. Die Stimmen ächzen und singen nicht mehr; die Instrumentenbegleitung ist mit tiefem Verstande bearbeitet. Nur verfällt er zuweilen in der Wahl ins Bizarre. So führte er Anfangs in einer gewissen Arie sogar Triangel ein: kaum bemerkte er aber, daß es ins Lächerliche ging, so hob er den Uebelstand.
3. _Ramlers Ino._ Dieses poetische Meisterstück hat Seyffert unter allen Tonkünstlern unstreitig am besten getroffen. Die goldene Schale der Kritik, die den Dichter und Musiker abwägen wollte, würde gewiß _hier_ im Gleichgewicht schweben. Er verstand seinen Dichter so ganz, als man ihn nur verstehen kann. Ramler selbst, und noch mehr der große Bach, setzten dieses Stück unter die ersten Producte der Musik. Wie unübertrefflich ist ihm nicht der Sturz der Ino ins Meer gelungen! wie göttlich, die ersten Empfindungen ihrer Götterschaft! -- wie einfach ist alles und wie groß alles! Die Declamationen und Recitative haben nichts über sich; und seine Bässe sind so vortrefflich beziffert, daß der junge Tonkünstler darnach zeichnen sollte, wie der Mahler nach Antiken zeichnet. Sein _Gesang_ hat eine Schönheit, für die wir in unsrer Sprache noch kein Wort haben. _Herzlichkeit_ ist wohl der Hauptcharakter; aber noch verschönert seine Melodien eine gewisse Glorie, die unter jeder Beschreibung verliert. Hätte Seyffert über ein großes Orchester zu gebiethen gehabt, so würde er ganz gewiß Epoche in der Tonkunst gemacht haben. Er schlug Heere mit Bataillons; was würde er erst mit Heeren selbst gewirkt haben? -- So schielend der Blick ist, den in Augsburg die Katholiken auf die Protestanten werfen; so lockte ihnen doch dieser Seyffert Ehrfurcht und Bewunderung ab. Sie gestanden einmüthig, daß er unter ihnen seines Gleichen nicht hätte, und bezahlten.
4. _die Messen_, so er ihnen setzte, mit schwerem Gelde. Diese Messen sind im großen tiefsinnigen Style geschrieben; nur hier und da haben sie aus Gefälligkeit für seine Zeitgenossen, eine Modemasche.
5. Die _Clavierstücke_ dieses Meisters gehören unter die ersten dieser Art. Sie sind mit großem Verständniß des Instruments, voll Arbeit für beyde Fäuste, reich an neuen Modulationen, und in den lieblichsten Melodien geschrieben. Schade, daß seine Clavierstücke noch nicht alle gedruckt sind! Er selbst spielte in Bachischer Manier, und war einer der ersten Clavier-Virtuosen seiner Zeit.
6. Seine _Symphonien_ empfehlen sich durch Neuheit und Harmoniefülle vor tausend andern. Man hat eine Symphonie von ihm, unter dem Nahmen: »_Reiß Teufel, reiß«_ bekannt, die als Symphonie betrachtet, schwerlich ihres Gleichen in der Welt hat. Wenn man den Doctor Faust aufführte, so würde sie in dem Augenblicke, da ihn der Teufel hohlt, eine schreckliche Wirkung thun.
Kurz Seyffert gehört nach dem allgemeinen Zeugniß, unter die Häupter der deutschen Tonkunst: nur war sein Gebieth für seinen großen Geist viel zu eingeschränkt.
_Cursini._ Ein trefflicher Kopf, der erste Componist unter den Katholiken in Augsburg. Seine _Messen_ werden noch heutiges Tages in dieser Stadt, zu Neapel, und anderwärts mit hinreißendem Beyfalle aufgeführt. Pater Martini setzt sie unter die ersten der Welt. Der vortreffliche Charakter dieses edeln Mannes schimmert aus all seinen Sätzen hervor: Wärme des Herzens, Liebe für Gott und seinen Sohn athmen seine Gesänge. Den Psalmenflug eines Seyfferts erreicht er bey weitem nicht; aber seine demüthige Herzenssprache, sein sanft schwärmendes Religionsgefühl, seine ruhigen Harmonien, die klar wie der Pison über Goldsand hinrieseln -- machen seine Kirchenmusiken allen empfindsamen Seelen äußerst schätzbar. Die klagende Gottesmutter unter dem Kreuze zu zeichnen, das zuckende Leben ihres Herzens unterm Schwertstoß auszudrücken, das Hinschmachten der frommen Seele nach dem Himmel; die Ruhe der Todten, die in dem Herrn sterben: -- alle diese Empfindungen liegen im Kreise seines Genies. Mit einem Wort, er gehört in die Classe der rührendsten Componisten, die jemahls gelebt haben.
_Dümmler_, ein musikalischer Luftpassagier, der aber wahres Talent für Composition besitzt. Er spielt die _Orgel_ und das _Clavier_ mit Geschmack, und hat einige Messen und Hauptstücke von Bedeutung gesetzt, welche den Kopf verrathen. Allein er spinnt sich in Reichsstädtische Behaglichkeit ein, und ist todt für die Welt. Er kann seyn, was er will; aber _will_ nicht seyn, was er kann.
_Stain_, ein vorzüglicher musikalischer Kopf, mechanisch und psychologisch betrachtet. Sein Geschmack ist vortrefflich. Er spielt selbst nach Bedürfniß nicht übel, und kennt alles Große, besonders was das Clavier- und Orgelspiel betrifft: als _Mechaniker_ aber hat er schwerlich seines Gleichen in Europa. Seine _Orgeln_, _Flügel_, _Fortepiano's_ und _Clavichorde_, sind die besten die man kennt. Stärke mit Zartheit, Tiefsinn mit Hoheit, Dauer mit Schönheit gepaart, -- diesen Stämpel drückt er allen seinen Instrumenten auf. Dieß ist jedoch noch das wenigste. Stain ist auch der Erfinder des göttlichen Instruments _Melodika_. Dadurch setzte er den Künstler in den Stand, das Schweben der Töne, das Mezzotinto, oder vielmehr, das Steigen und Sinken jedes Tons, äußerst genau auszudrücken. Wenn das Geheimniß dieses herrlichen Instruments einmahl allgemein ist, so wird der Clavierspieler dicht an den Sänger gränzen, und wie Orpheus die Bäume tanzen machen.
Frankfurt.
Diese Stadt hat sich nie durch große musikalische Anstalten ausgezeichnet, und kaum einige musikalische Köpfe von Bedeutung hervor gebracht. Zwar sind daselbst gute Orgeln, und wohleingerichtete Kirchenmusiken; allein weder Organisten von Genie, noch sonst hervorragende Musiker im Chor. Doch alle diese Gebrechen ersetzen die vortrefflichen _Concerte_, welche dort häufig im so genannten rothen Hause veranstaltet werden. Es gibt wenig große Meister, die sich nicht nach und nach daselbst hören ließen; und außer Hamburg, sind keine Privatconcerte einträglicher, als die Frankfurter. _Lolli_ zog einmahl aus einen einzigen Concerte 3000 fl. Nicht bloß die Liebhaberey der Stadt, sondern der große Zusammenfluß von Fremden, besonders zur Meßzeit, macht diese Concerte so einträglich, und lockt die größten Meister dahin: hierdurch ist der Musikgeschmack der Stadt ungemein gebildet worden. Nirgends ist die musikalische Erziehung so allgemein wie hier; selbst Bürger von mittlerem Stande lassen ihre Kinder fast durchgängig im Sang und Spiel unterrichten. Nur ist der dasige Geschmack jetzt etwas weichlich geworden. Das Große, Tiefe und Hohe, wird dort nicht so goutirt, als das Sanfte, Modische, Komische, Tändelnde: eine traurige Folge des langen Aufenthalts der Franzosen in dieser deutschen Stadt.
_Otto_, ein mittelmäßiger Organist, und noch mittelmäßigerer Spieler.
_Helferich_, ein Mode-Clavierist. Er tändelt Blumen hin, die heute blühen und morgen verwelken.
_Kayser_, der beste musikalische Kopf, den Frankfurt hervorbrachte. Er hat sich expatrirt, und hält sich jetzt in Zürich auf. -- Die Originalität seines Charakters drückt sich in allen seinen Compositionen, wie in seiner Spielart aus, seine Faust ist geflügelt und schimmernd, der Umriß seiner Passagen stark markirt; seine Manieren sind rund und schön, und sein Triller kräftig. Er hat viel für den Gesang und das Clavier gesetzt, und jedem Producte den Stämpel seines Originalgeistes eingeprägt. Sein Satz ist gründlich und männlich, voll Einfalt, und zur Größe aufstrebend. _Gluk_ ist sein Mann: nur diesen scheint er sich zum Muster gesetzt zu haben, ohne sich darum seine Eigenthümlichkeit rauben zu lassen. Er hat verschiedene _Lieder_ von _Gellert_, nebst einigen von _Cramer_ und _Klopstock_, sehr schön für die Kirche, auch für Privatconcerte componirt. Auch etliche Lieder von seinem Busenfreund _Göthe_ sind ihm trefflich gelungen. Und doch hat dieser Musiker wenig Sensation in Deutschland hervorgebracht. Es fehlt ihm an Grazie, an Gefälligkeit, und an Leichtigkeit der Melodien. Sein Satz ist oft mürrisch und finster, als wenn er seinen Zeitgenossen sagen wollte: Ihr seyd Thoren, daß ihr mich nicht erwählt. Wir besitzen von diesem Manne auch manchen schönen _Aufsatz_ über die Tonkunst. Sein Styl ist original, in starken Empfindungen aufflammend,