machte. Er legte sich, nach dem Geiste damahliger Zeit, vorzüglich auf den Kirchenstyl. Sein _Psalter Davids_ in deutschen Gesängen verfaßt, den er 1569 in Quart herausgab, und in vier Stimmen setzte, wird noch heutiges Tags von Kennern ungemein hochgeschätzt. Man hat verschiedene seiner Melodien in unsre Kirche aufgenommen, die so voll Würde und religiöser Hoheit sind, daß sie wohl niemand unter uns besser machen wird. Wie vortrefflich sind die Lieder: Allein zu dir Herr Jesu Christ; -- Wenn mein Stündlein vorhanden ist; -- Mein junges Leben hat ein End; -- die alle von diesem Hummel gesetzt worden. Im Stuttgardschen Archiv müssen noch Motetten und andere Stücke von diesem Meister liegen, welche der Welt, um den Geist der Alten zu studieren, mitgetheilt werden sollten.
Kurz vor den Zeiten des dreyßigjährigen Kriegs, 1618 kam zu Stuttgard das erste _Choralbuch_ heraus, welches von verschiedenen Provinzen Deutschlands angenommen, und beym öffentlichen Gottesdienst eingeführt wurde. Der zerstörende blutige Krieg verscheuchte auch hier wie überall die musikalische Muse, und sie kam im ganzen siebzehnten Jahrhundert nicht wieder in dieß Land zurück, weil die Kriegsdrangsale in selbigem nie aufhörten. Erst mit dem beginnenden achtzehnten Jahrhundert ging dort ein neuer Strahl für die Tonkunst auf. Herzog _Eberhard Ludwig_ unterhielt ein Orchester von dreyßig Personen, welches Störl als Capellmeister anführte. Der Herzog, ein kriegerischer Geist, liebte sehr die blasenden und lärmmachenden Instrumente. Die Säle seines Pallastes tönten immer von Trompeten und Pauken wieder, und von seiner Zeit an begann man, die _figurirte Musik_ in den Wirtembergischen Kirchen einzuführen. -- _Störl_ war ein ungemein gründlicher Mann, wovon sein für die Orgel herausgegebenes _Choralbuch_ der unverdächtigste Zeuge ist. Noch bis diese Stunde ist es in und außerhalb Landes allgemein beliebt, und außer dem Telemanschen, gewiß das beste, das wir besitzen. Seine Harmonien sind natürlich, und äußerst correct; die Signaturen simpel, und seine Bässe meist unverbesserlich. Er schrieb auch den ersten _Kirchen-Jahrgang_ im Wirtembergischen, worin besonders die Tuttis und Schlußchöre meisterhaft sind.
Er hat bey Gelegenheit des Utrechter Friedens 1713 ein Te Deum laudamus gesetzt, das wegen des richtigen Ausdrucks, und wegen der Harmonienfülle, sonderlich wegen der gründlichen Fugenbearbeitung, noch heute von Kennern bewundert wird.
_Herzog Carl Alexander_ begünstigte die Musik noch mehr, weil er mit der katholischen Religion auch den Enthusiasmus für die Tonkunst angenommen zu haben schien. Sein Orchester war zahlreich, und wohl besetzt, und der Lenker desselben.
_Brescianello aus Bologna_, ein sehr guter und gefälliger Componist; weil die Theatralmusik damahls in diesem Lande noch nicht im Gange war, so legte er sich ganz auf den Kirchen- und Kammerstyl. Seine Messen sind zwar nicht im erhabenen Styl gearbeitet, aber doch sehr anmuthig und andachtweckend; nur sind die Instrumente darin etwas zu krauß, und decken den Gesang. Seine _Kammerstücke_ erhielten sich viele Jahre hindurch in allgemeinem Beyfall, bis sie endlich im Strome neuerer Erfindungen untergingen.
Die eigentliche blühende Epoche der Wirtembergischen Musik begann mit der Regierung des _Herzogs Carl_. Da er seinen musikalischen Geschmack in Berlin gebildet hatte; so suchte er gleich Anfangs in seinem Orchester Gründlichkeit mit Grazie zu vereinigen. Er verschrieb viele Sänger und Sängerinnen aus Italien, besetzte sein Orchester mit den trefflichsten Meistern, und nahm den großen Jomelli mit einem Jahrgehalt von 10000 fl. als Obercapellmeister in seine Dienste. -- Von dieser Zeit an wurde der musikalische Geschmack in diesem Lande ganz _welsch_. Vormahls hörte man nur die Opern eines _Hasse_ und eines _Graun's_; nun aber wollte man nichts hören als Opern von Jomelli. Diese Opern wurden nicht nur mit ungewöhnlicher Pracht aufgeführt, sondern auch bis zur höchsten Vollkommenheit executirt. Unter Jomelli ward die Wirtembergische Hofmusik eine der ersten der Welt. _Aprili_, _Crassi_, _Buonani_, _Cesari_, und sonderlich der unerreichbare _Hager_, zeichneten sich als Sänger und Sängerinnen aus. _Hager_ war unstreitig der größte Tenorist seiner Zeit. Er sang mit so hinreissender Anmuth, und mit so theilnehmendem Herzgefühl, daß er alle Hörer bezauberte. Ueberdieß war er nach deutscher Art ein so _gründlicher_ Musiker, daß ihm hierin kein Welscher gleichkam. Mit diesen seltnen Eigenschaften verband er einen theatralischen Anstand, der den größten Schauspieler ankündigte. Sank er in die Tiefe, so war er der durchdringendste Bassist, stieg er in die Höhe, so hörte man in ihm den unerreichbarsten Tenoristen. Seine Leiter ging vom Baß _F_ bis ins ungestrichene Diskant _C_ -- und jeder Ton war silberrein. Die Bravour-Arien gelangen ihm wie die Sentimental-Arien. Seine _Verzierungen_ waren voll Schönheit, und schienen immer aus dem Motive wie Blumen hervor zu wachsen. Kein Sänger verstand die Kunst der Declamation besser als er. Metastasio selbst mußte gestehen, daß niemand seinen Sinn so ganz treffe wie Hager.
_Yozzi_, der erste _Flügelspieler_ des Herzogs. Er spielte mit großer Fertigkeit, stieß mit der linken Hand Zweyunddreyßigstel Octaven ab, brachte die Zaubersprünge über die Faust immer glücklich heraus, und mühte sich mehr in Schwierigkeiten zu glänzen, als durch anmuthigen Vortrag auf das Herz des Hörers zu wirken. Seine Compositionen für das Clavier sind etwas bizarr, und deßhalb gar bald aus der Mode gekommen; doch darf man sie zur Bildung der Faust den Flügelspielern noch immer sehr empfehlen. Sie wirken übrigens nur auf dem bekielten Flügel; auf dem Fortepiano, Pantalon und Clavicord sind sie theils schwer herauszubringen, theils brilliren sie nicht -- weil sie zu einfärbig sind.
_Deller_, dieser vortreffliche Mann zeitigte unter dem milden Einfluß Jomelli's; ahmte ihm aber nie nach: denn Deller fühlte bald die eigne Quelle, aus welcher er schöpfen konnte. Deller bewunderte das Genie eines Jomelli's mit Begeisterung, war aber stolz und eigensinnig genug, ihm zuzurufen: »Störe meine Zirkel nicht«! Er war Anfangs Ripienist in dem Wirtembergischen Orchester; als aber Jomelli den Hof verließ, so ernannte ihn der Herzog zum Concertmeister und Hofcomponisten. _Noverre_, der erste Balletmeister der Welt, trug zur Entfaltung des Dellerschen Geistes sehr vieles bey: Deller verfertigte nähmlich die Musik zu seinen Zauberballeten, und zwar so vortrefflich, daß diese Ballete noch heutiges Tags in ganz Europa als Meisterstücke bewundert werden.
Noverre selbst gestand, niemahls einen bessern Dollmetscher seiner mimischen Erfindungen angetroffen zu haben, als Dellern. Das große tragische Ballet _Orpheus_ ist reich an großen, schauervollen, himmlischschönen, und hinreißenden Stellen. Neuheit in den Gedanken, Grazie und Delicatesse in der Empfindung, schmelzende Lieblichkeit in den Uebergängen, reiche rhythmische Abwechslung -- mit einem Wort: Schönheit blitzt allenthalben im musikalischen Charakter dieses Mannes hervor. Weil er selbst die _Violine_ mit ungemeiner Anmuth spielte, so ist ihm auch die Bearbeitung derselben meisterhaft gelungen. Deller arbeitete in allen Stylen, die komischen Opern z. B. seine _Contadina nella corte_, und sein _Maestro di Capella_ sind noch immer Lieblingsstücke des Wirtembergischen Theaters. Die Arien und Cavatinen, die Duetten und die Schlußchöre, haben so liebliche und merkbare Motive, und sind -- unbeschadet der Simplicität, so reich an insinuanten musikalischen Einfällen, daß sie mit den besten komischen Opern wetteifern. Hätte Deller für das _deutsche_ Theater geschrieben, so wäre er noch größer geworden; denn er verstieß oft wider die welsche Prosodie, und war überhaupt in seinen Gesinnungen und seinem Geschmack mehr deutsch als welsch.
Seine _Kirchenstücke_ beweisen auch eine große Anlage zum höhern Styl. Hätte er länger gelebt, so würde er uns in diesem Fache Meisterwerke geliefert haben. Allein er verließ den Wirtembergischen Hof, ging nach Wien und München, und starb daselbst, ehe sich sein Geist ganz entwickelt hatte, im Kloster der barmherzigen Brüder -- arm und weit berühmt. An der Kirchhofmauer dieses wohlthätigen Klosters thürmt sich der Grabhügel dieses vortrefflichen Mannes. Ich fand ihn 1774 mit Nesseln bewachsen -- indeß der Lorbeer des Nachruhms um seine Schläfe weht. Er hat auch viel Kammerstücke verfertigt, die in gleicher Schönheit und Zierlichkeit glänzen. Man hat Hoffnung, die Stücke dieses liebenswürdigen Meisters in der angekündigten Stuttgarder _Musiksammlung_ mit einander zu erhalten, wodurch der musikalische Vorrath der Deutschen mit neuen Schätzen bereichert würde.
Die _Brüder Blas_. Wenn Castor und Pollux die Hoboe geblasen hätten, beyde von dem Gott begeistert, der sie gezeugt hat; so könnten sie kaum besser geblasen haben, als diese beyden. Sie waren beyde Spanier, verpflanzten sich nach Deutschland, bildeten ihren Geschmack unter Jomelli, und erreichten eine ungewöhnliche Höhe in ihrem Instrument. Dieses Brüderpaar ist eine ganz ungewöhnliche Erscheinung in der Tonkunst. So wie sie sich unter einander unaussprechlich liebten, so sympathisirte auch ihr musikalischer Vortrag. Wer sie gehört hat, der hat das Ultimatum im musikalischen Vortrag gehört. Ein Gedanke verfolgte den andern, ein Hauch hob den andern. Diese Simpsychie hatte man in Europa noch nie gehört: es schien wechselseitige Freundschaftserklärung zu seyn von zwey verschwisterten Engeln. Beyde componirten, beyde trugen ihre Sätze meisterhaft vor; und kein Mensch war fähig zu entscheiden, wer der Größere sey. Die Verschwisterung der Töne, das Schwellen und Sinken des Portamento, das Sangähnliche, und wenn man sagen darf, das Verliebte und Freundliche hat vielleicht, so lange die Welt steht, niemand besser ausgedrückt als diese Brüder. Der jüngere starb zu Ludwigsburg -- da warf der ältere seine Hoboe weg, und verdorrte in Spanien. Die Compositionen dieser großen Meister sind äußerst selten, weil sie den Eigensinn hatten nichts drucken zu lassen. Indessen hat man doch einige Sonaten von ihnen, die mit unbeschreiblicher Anmuth gesetzt sind, und für alle Hoboisten ewig Muster bleiben werden.
_Rudolph_, einer der ersten _Waldhornisten_. So unvollkommen dieses Instrument ist, so meisterhaft wußte er ihm seine Inconsequenzen abzuringen. Seine Stärke war mehr in der Tiefe, mit der Höhe befaßte er sich nur so weit, als es die Natur des Instruments gestattet. Die zärtlichen Passagen gelangen ihm immer vortrefflich, und er war einer der ersten, der das Mezzotinto mit dem Horn ausdrückte. Sein größtes Verdienst aber ist, daß er _Dollmetscher_ für das Ballet wurde. Seine Ballete haben in Paris allgemeine Sensation hervorgebracht. Deutsche Meister tadeln an ihm das Süßliche, oder die allzu strenge Accomodation an dem französischen Geschmack. Indessen besaß er doch Gründlichkeit, und verstand sogar den Contrapunct. Als er alterte, setzte er eine _Messe_, welche noch heute in Paris im Concert spirituel am Charfreytag aufgeführt wird.
_Nißle_, Rudolphs Schüler und Nebenbuhler; aber ganz und gar kein Rudolph. Er bläst das Horn ganz vortrefflich, aber wer Rudolphen gehört hat, hört in ihm nichts mehr als einen Nachlaller. Sein Geist ist zu klein, um den Originalflug zu fliegen. Nißles Compositionen sind ärmlich, weil er den Satz nicht versteht. Inzwischen muß man doch bekennen, daß er im Secondhorn schwerlich seines Gleichen hat. Seine Doppelzunge, seine Tonschwellung, die Leichtigkeit, womit er das fünf gestrichene Contra _C_ hascht, sein leichtes Spiel der Töne, und sonderlich sein Portamento, erheben ihn zu einem Flügelmann unter den Waldhornisten.
_Seemann_, weder Componist noch Solospieler, aber ganz vortrefflicher _Begleiter_. Der große Jomelli hat ihn gebildet. So schwer die Kunst der Begleitung ist, so vielseitig ihre Verwickelungen sind, so tief ihre Bedürfnisse, -- so allvermögend war Seemann. Alle Eigenschaften, die der große _Bach_ vom Accompagnisten fordert, besaß er. Er wußte sich an jeden Charakter des Sängers zu schmiegen, und wie er den Tact hielt; so hielt ihn keiner. Jeden Pulsschlag der Tonkunst belauschte er; den Geniesturm zu lenken war niemand fähiger als er. Er schmiegte sich jedem Temperamente an, schien nichts zu verstehen -- und verstand alles. In der Gabe Sänger zu unterrichten hatte er schwerlich seines Gleichen: er bemerkte jeden Mißton, jede Abweichung vom Einklang. Seine Compositionen fürs Clavier und den Sang sind trefflich; schade daß er aus Mißtrauen gegen seinen Geist zu wenig schrieb, denn er pflegte zu sagen: Eine Kerze figurirt nicht bey der Sonne. Er verwelkte im dreyßigsten Jahre seines Lebens zum großen Verluste für die musikalische Welt. -- Falle dankbare Thräne auf dieß Blatt! Seemann war mein Lehrer und Freund.
_Cesari._ Seine Gemahlinn war eine ganz treffliche Sängerinn, groß durch die Natur, und correct durch ihren Mann gebildet. Die Läufer drückte schwerlich je eine Menschenkehle göttlicher aus als diese. So naiv, so muthwilligschön, so tändelnd und doch so richtig -- konnte man sich kaum etwas fantasieren, wie die Cesari. Sie pflückte die Töne nur gleichsam an den Spitzen ab; allein sie ersetzte den Verlust des Tiefen durch die Präcision des Vertrags. Sie sang immer Sottovoce; aber dieses Sotto -- himmlisch war es! O Nachhall vom Urklang! -- Künstlerinn war sie nicht, denn sie traf nur schlecht; aber was sie studiert hatte, das sang sie so wie es ihr niemand nachsingen wird.
_Bonavini._ Sängerinn im großen Style. Ihre _Scale_ war nicht weitreichend, aber die Sprossen dieser _Scale_ waren desto goldner. Die Läufer glückten ihr nie ganz, aber desto mehr die stehenden, und schwellenden Töne. Genie war sie nicht, aber geistreiche Nachahmerinn.
* * * * *
Das _Orchester_ am Wirtembergischen Hofe bestand aus den ersten Virtuosen der Welt -- und eben das war sein Fehler. Jeder bildete einen eignen Kreis, und die Anschmiegung an ein System war ihm unerträglich. Daher gab es oft im lauten Vortrage Verzierungen, die nicht ins Ganze gehörten. Ein Orchester mit Virtuosen besetzt ist eine Welt von Königen, die keine Herrschaft haben.
Salzburg.
Dieses Erzbisthum hat sich seit mehreren Jahrhunderten um die Musik verdient gemacht. Es ist daselbst eine musikalische Stiftung, die sich auf 50000 fl. jährlich beläuft, und ganz auf die Unterhaltung eines Musikchors verwendet wird. Die Musik in der dasigen Hauptkirche ist eine der wohlbesetztesten in ganz Deutschland. Die dasige _Orgel_ gehört unter die vortrefflichsten, die es gibt: schade, daß nicht eine _Bachische_ Faust dieses Meisterwerk beseelt! der Ton ist dick, und wenn das ganze Werk gekoppelt wird, so tönt es wie Gewittersturm. Es hat drey Manuale, über hundert Register, und ein markdurchschneidendes Pedal. Die Verzierungen der Bildhauerkunst daran, sind prächtig und voll Geschmack.
Der dasige Capellmeister _Mozart_, (der Vater) hat die Musik auf einen trefflichen Fuß gestellt. Er selbst ist als Componist und als Schriftsteller ehrenvoll bekannt. Sein Styl ist etwas altväterisch, aber gründlich und voll contrapunctischer Einsicht. Seine Kirchenstücke sind von größerm Werthe als seine Kammerstücke. Durch seine _Violinschule_, die in sehr gutem deutsch, und mit tiefer Einsicht abgefaßt ist, hat er sich ein großes Verdienst erworben. Die Beyspiele sind trefflich gewählt, und seine Applicatur ist nichts weniger als pedantisch. Er neigt sich zwar zur Tartinischen Schule, läßt aber doch dem Schüler mehr Freyheit in der Bogenlenkung als dieser.
Sein _Sohn_ ist noch berühmter als der Vater geworden. Er gehört unter die frühzeitigen musikalischen Köpfe; denn schon im eilften Jahre setzte er eine _Oper_, die von allen Kennern gut aufgenommen wurde. Auch gehört dieser Sohn unter unsre ersten Clavierspieler. Er spielt mit magischer Fertigkeit, und liest so genau vom Blatt weg, daß er hierin wohl schwerlich seines Gleichen fand.
Die _Singchöre_ in Salzburg sind vortrefflich eingerichtet; nur fängt der Styl in der Kirche an, seit einiger Zeit ins Theatralische auszuarten -- eine Seuche, die schon mehr als eine Kirche vergiftet hat! Die Salzburger glänzen sonderlich in blasenden Instrumenten. Man findet daselbst die trefflichsten Trompeter und Waldhornisten; nur Clavier- und Orgelspieler sind desto seltner. Der Geist der Salzburger ist äußerst zum Niedrigkomischen gestimmt. Ihre Volkslieder sind so drollig und burlesk, daß man sie ohne herzerschütternde Lache nicht anhören kann. Der Hanswurstgeist blickt allenthalben durch, und die Melodien sind meist vortrefflich und unnachahmlich schön.
Braunschweig.
Die verwitwete Herzoginn, eine preußische Prinzessinn, hat den musikalischen Geist von Berlin hierher verpflanzt. Schon seit vierzig Jahren ist die Musik daselbst in der Blüthe. Man führte die Hassischen und Graunschen Opern mit vielem Geschmack, und richtiger Execution auf. Die größten Sänger, ein Carestini, Salembini, und andere sangen auf diesem Theater. Ein Nardini, Ferrari, und mehrere Virtuosen ersten Rangs, schmückten das Orchester.
_Schwaneberger_, war Kapellmeister. Seine Opern sind mit vieler Gründlichkeit gesetzt, nur nicht melodisch genug, um sich lange zu erhalten. Schwaneberger ist aus der Berlinerschule. Unter dem Grübeln verduftet zu viel Geist: daher sind seine Opern meist schon vergessen. Auch seine Kammerstücke bedeuten nicht viel.
_Friedr. Gottlob Fleischer_, ein trefflicher Clavierspieler und berühmter Componist. Das Geflügelte und Schwere ist ein Hauptzug in seinem musikalischen Charakter. Die größten Schwierigkeiten besiegt er leicht; nur gelingt ihm das Adagio bey weitem nicht wie das Presto. Seine Clavierstücke und Lieder für das Clavier sind trefflich, und mit vielem Geschmack gesetzt: die komischen Stellen sind ihm sonderlich meisterhaft gelungen. Sein Podagrist ist herrlich.
_Hurlebusch._ Ein Sohn des berühmten Organisten zu Hamburg, und einer der besten Clavierspieler Deutschlands. Seine Accentuation ist neu, und tief eindringend; er glänzt deßhalb sonderlich auf dem Clavicorde, welches er als Meister behandelt. Sein Adagio und Largo ist unnachahmlich schön. Er besitzt just das, was Fleischer nicht hat. Schade, daß er so wenig componirt!
_Zachariä_ (_der Dichter_) spielte das Clavier sehr schön, gab auch verschiedene Sammlungen für das Clavier heraus, die von Geschmack zeugen. Dieß ist um so mehr zu bewundern, da Zachariä erst im fünf und zwanzigsten Jahre anfing, die Musik zu studieren.
Der jetzt regierende Herzog von Braunschweig spielt die Violine vortrefflich, und unterhält jetzt eines der besten Orchester. Für das Theater ist er nicht so eingenommen, wie für die Kammermusik. Er pflegt gemeiniglich bey den Concerten mitzuspielen. Sein Solo wird auch von Kennern bewundert: er spielt die schwersten Stücke eines Lolli mit Ausdruck und Fertigkeit.
Anspach.
An diesem Hofe blüht die Musik erst seit der Regierung des gegenwärtigen Markgrafen: der vorige hatte außer der Falkenjagd fast keine Passion; der jetzige aber hat seit zwanzig Jahren ein Orchester angelegt, worin sich einige ungemein gute Köpfe auszeichnen. Schade, daß die Singmusik daselbst gänzlich fehlt; die Instrumentalmusik aber ist desto besser.
Der Führer dieses Orchesters ist _Kleinknecht_, eigentlich nur ein Flötraversist, aber ein so gründlicher Setzer, als wir einen in Deutschland haben. Zwar übte er sich blos im Kammerstyl, aber seine Kammerstücke sind Muster in dieser Art. Seine melodischen Gänge sind meist gut gewählt, und die Bässe so herrlich gesetzt, daß sie der Componist studieren muß, um den Baßsatz daraus zu lernen. Kleinknechts Geist ist nicht feuervoll, hält aber festen und regelmäßigen Tritt. Er hat verschiedene Trio's, Solo's, auch Symphonien und andere Stücke geschrieben, die reife Kenntniß der Harmonie verrathen. Kürzlich gab er selbst seinen Lebenslauf heraus, der so herzlich, ehrlich und gründlich abgefaßt ist, daß überall der deutsche Mann hervorblickt.
_Schwarz._ Ein Zögling der Wirtembergischen Capelle, und unstreitig der erste Fagotist unsrer Zeit. Seine dicke Leibesconstitution verursacht, daß er etwas asthmatisch bläst; er ersetzt es aber durch tausendfältige Schönheiten. Sein Ton ist voll und schön. Er hat eine magische Stärke im Treffen. Im Tenor ist er äußerst angenehm, und in der Tiefe zürnt er. Die volublen Passagen bringt er mit durchdringender Kraft heraus, und das Adagio bläst niemand besser als er. -- Er vereiniget mithin Eigenschaften in sich, die wenige Virtuosen in sich zu vereinigen wissen. Die Engländer haben diesen Meister angestaunt; und in Deutschland weht schon lange sein Lorbeer. Schade, daß er den Satz zu wenig versteht, um sich seine Concerte selbst verfertigen zu können. Doch wählt er sehr gut, und weiß aus verschiedenen Compositionen sich eigene, seinem Geiste anpassende Stücke zu gruppiren.
_Johann Jäger._ Vielleicht der stärkste Violoncellist, den wir haben: ich sage vielleicht -- weil er am großen Legrand in Berlin einen wichtigen Nebenbuhler hat, der ihn nach dem Geständniß tiefer Kenner in der Geschwindigkeit noch übertreffen soll. Allein eine Betrachtung gibt Jägern den Vorzug; Legrand spielt Jägers schwerste Concerte nicht; hingegen trägt Jäger die intricatesten Concerte von Legrand so stark wie seine eignen vor. Jäger ist ganz original; seine Bogenlenkung neu, zwanglos, und bis zum Ungestüm feurig. Alle Meister auf dem Violoncell setzen mit dem Daumen auf der D-Saite an, und bringen dadurch die hohen Passagen heraus. Allein Jäger geht von dieser Methode ganz und gar ab, -- zum Beweis, daß sein Genie mehr als einen Weg hat, sein Ziel zu erreichen. Er fährt mit blitzschneller Gewandtheit auf den D- und A-Saiten in die äußerste Höhe hinauf, und trägt die delicatesten Sätze mit der größten Zartheit und Lieblichkeit vor. Man tadelt an ihm, daß er die untern Töne zu dick nehme, sie zu rasch abschneide, und in den zweyten Ton fortschreite, ehe noch der erste verhallt ist. Dieß verursacht im Vortrage eben die Undeutlichkeit, die ein Clavier hat ohne gute Temperatur. -- Dieser Tadel ist nicht ohne Grund; allein der feurige Geist Jägers riß ihn zu diesem Uebelstande fort; jetzt da er abgekühlter ist, hat er ihn gewiß schon abgeschafft. Jäger ist zugleich ein großer Leser Prima-vista; d. h. gleich vom Blatt die schwersten Stücke wegzuspielen, versteht er mit bewundernswürdiger Kunst. Die Composition treibt er nicht nach Regeln, sondern bloß nach dem Gehör. Seine Concerte und Sonaten bestehen meist aus selbst erfundenen Sätzen, die groß, edel, dem Instrumente angemessen, und voll von Schwierigkeiten sind. Jäger hat seine Stücke von guten Tonsetzern revidiren lassen, wodurch sie auch eine richtige Form bekamen. Indessen muß man doch gestehen, daß die üppigen Zweige, von einer oft zügellosen Phantasie getrieben, noch nicht alle abgeschnitten sind. Sein Sohn betrat mit dem größten Ruhme die Fußtapfen seines Vaters, und wurde schon in seinem eilften Jahre unter seinem Vater als Violoncellist bey dieser Capelle angestellt.
_Ulerich._ Ein besserer _Ripienist_ als Hoboist. Da er meist mit der Sortine blies, um das Gänsegeschrey der Hoboe in der Tiefe zu verhindern, da er über dieß mit wenigen Concerten und Sonaten hauste, und sich dadurch dem Vorwurf der Armuth aussetzte; so ist's kein Wunder, daß er als Concertist keine sonderliche Rolle spielte. Hingegen begleitete er sehr gut mit der Violine, und war ein richtiger Treffer. -- Er starb, ehe noch sein musikalischer Geschmak ganz ausgereift war, als Kammervirtuos in anspachschen Diensten.
Die übrigen Glieder des anspachschen Orchesters passen in den harmonischen Körper sehr gut, doch ragt darunter außer den schon genannten keiner als Virtuos hervor. Auch macht die unbegreifliche Vernachlässigung des _Gesangs_ in Anspach, daß die Instrumentisten sich immer mehr vom Cantabile entfernen.
_Gräf_, in Erlangen, ist ein ausnehmend guter Clavierspieler. Seine Stücke, wovon viele in der großen in Kupfer gestochnen nürnbergschen Sammlung stehen, sind sehr regelmäßig, mit Kunst, ja oft mit Genie bearbeitet. Zwar hat er den heutigen Modegeschmack nicht ganz mehr; allein seine Sätze sind so practisch, so fauststärkend für den Clavieristen, daß ich sie vor vielen neuern, die oft wahre Ephemeren sind, mit Recht empfehlen muß.
Als _Bayreuth_ ehemahls einen eigenen Hof bildete, so war auch daselbst ein eigenes Orchester. Die Markgräfinn, eine Schwester Friederichs des Großen, sang selbst sehr gut, und setzte manche italiänische Arie mit Geschmack und Einsicht. Die Kammermusik war zu der Zeit sehr gut. Die ersten Sänger und Sängerinnen aus allen Ländern ließen sich daselbst hören. Der König gab zur Unterhaltung des Orchesters seiner Schwester selbst jährlich 3,000 Rthlr. weil sich die Markgräfinn mehr zu dem welschen als deutschen Geschmack hinneigte; so war ihr Orchester auch meistens mit Welschen besetzt. Wie dieses Haus ausstarb, stäubte auch das Orchester aus einander.
Wallerstein Oettingen.
Seitdem dieses uralte gräfliche Haus in den Fürstenstand erhoben wurde, seitdem blüht die Musik daselbst in einem vorzüglichen Grade. Ja der dort herrschende Ton hat ganz was Originelles, ein gewisses Etwas, das aus welschem und deutschem Geschmack, mit Caprisen durchwürzt, zusammen gesetzt ist.
Herr von _Beeke_ ist das Haupt dieses Orchesters. Er gehört nicht nur unter die besten Flügelspieler, sondern auch unter die vorzüglichsten und originalsten Componisten. Seine Hand ist klein und brillant; sein Vortrag deutlich und rund; seine Phantasie reich und glänzend, und -- was ihn am meisten ehrt, seine ganze Spielart selbst geschaffen. Er hat im Clavier eine Schule gebildet, die man die _Beekische_ nennt. Der Charakter dieser Schule ist: eigenthümlicher Fingersatz, kurzes etwas affectirtes Fortrücken der Faust, deutlicher Vortrag, spielender Witz in den Passagen, und sonderlich ein herrlicher Pralltriller. In diesem Style sind auch Beekes Clavierstücke geschrieben. Er hat noch dieß Besondere, daß alle seine Sätze ein gewisses Gemählde von Empfindungen darstellen, deren Charakter sich nicht leicht verkennen läßt. Man weiß ganz genau, in welcher Herzstellung Beeke war, als er dieß oder jenes Product aufsetzte; so getreu bleibt er der herrschenden Empfindung. Seine Concerte sind nicht sonderlich schwer, aber ungemein lieblich und schmeichelnd für das Ohr. Seine Claviersonaten gehören unter die besten dieser Art, so wir besitzen: sie sind reich an hervorstechenden, meist ganz neuen Wendungen. Seine Modulationen eben nicht kühn, aber doch oft sehr überraschend. Er hüthet sich mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit vor Rosalien; daher sind seine Uebergänge so gefällig. Seine Compositionen für andere Instrumente haben ein ganz eigenthümliches Colorit. Der _Umriß_ ist aufs genaueste angegeben; und die Instrumente bringen eine so kräftige Carnation und liebliche Farbenmischung hervor, daß man sie nicht ohne Wonnegefühl hören kann.
Beeke hat auch manches für den Sang geschrieben; doch zeichnet er sich hierin nicht so sehr aus, wie in Instrumentalsachen. Er _künstelt_ die Empfindungen heraus, und legt oft mehr oder weniger in den Gesang, als wirklich darin liegt.
_Rosetti._ Einer der beliebtesten Tonsetzer unserer Zeit. Auf allen Clavieren sieht man jetzt Rosettische Stücke, aus allen jungfräulichen Kehlen hallen seine Lieder wieder. Und gewiß, es läßt sich kaum etwas Leichteres, Lichtvolleres, Honigsüßeres denken, als die Stücke dieses Mannes. Die _Naivetät_ ist sonderlich sein Hauptzug. So leicht aber seine Sätze aussehen, so schwer sind sie vorzutragen, wenn man kein eigenes Herzgefühl hat. Der bloße musikalische Luftspringer, der bloß in Saltomortalen seinen Ruhm sucht, wird scheitern, wenn er ein Rosettisches Werk vortragen soll. Die Grazie und Schönheit ist so unendlich feiner Natur, daß man nur mit der Hand zucken darf, so ist ihr zarter Umriß zerstört, und das Venusbild wird eine Fratze. -- Dieses Grundgesetz gilt in einem hohen Grade vom Vortrag der Rosettischen Compositionen: auf einem bekielten Flügel wirken sie nur schlecht; auf einem Steinischen Fortepiano stark; am meisten auf einem Silbermannischen Clavicorde.
Rosetti setzte auch manches für die Kirche. Sein _Requiem_ auf den Tod der Prinzessinn von Taxis ist ungemein schön; hat aber das Feyerlicherhabene, das Todahndende, das Trostvolle der Auferstehung nicht so, wie das Jomellische Requiem. Er tändelt zu viel mit blasenden Instrumenten. Das Näseln der Trompeten mit Sordinen fällt beynahe ins Komische, und zerstört die Eindrücke der schwermüthigen Andacht. Auch versteht er den Contrapunct nicht tief genug, um eine Fuge mit Kraft und Nachdruck durchzuarbeiten. Rosetti ist der erste Italiäner, welcher _deutsche_ Poesie musikalisch bearbeitete. Da er die deutsche Sprache tief studiert hat, so sind ihm diese Arbeiten meist ungemein gut gelungen. Lieder der Liebe und sanftwallende Empfindungen gelingen ihm am meisten.
_Anton Janitsch._ Ein sehr guter, gründlicher und angenehmer _Geiger_. Sein Solo ist stark, an schwierigen Sätzen reich; und sein Vortrag überhaupt hat volle Deutlichkeit: auch im Sturme der Phantasie wird er nicht aus den Ufern des Tacts getrieben. Niemand trägt die Beekeschen Compositionen kräftiger vor als Janitsch. Sein Strich ist durchschneidend, und seine Stellung einnehmend und schön. Es gibt wenig Geiger, welche im Solo und in der Begleitung so gleich stark wären, wie Janitsch.
Frau von _Schad_. Zwar ist die musikalische Geschichte keine Dilettantengeschichte; wenn sich aber bloße Liebhaber zu der Höhe emporschwingen, wie die Frau von Schad; so verdienen sie nicht nur bemerkt, sondern auch angepriesen zu werden. Sie ist eigentlich eine Schülerinn von Beeke; spielt aber weit geflügelter als ihr Meister, und in mehreren Stylen. Ihre Hand ist glänzend, und gibt dem Clavier Flügel. Sie liest mit unbeschreiblicher Fertigkeit; und doch blickt auch bey ihr das _Weib_ hervor. Sie schnellt den Tact, grimmassirt zuweilen, und verkünstelt das Adagio. Nicht eignes Herzblut quillt -- wenn sie Empfindungen ausdrückt, sondern immer ist's Manier des Meisters. Was durch Mechanismus vorgetragen werden kann, das trägt sie meisterhaft vor; wo aber _Genie_ gelten soll, da herrscht weibliche Ohnmacht: sie zappelt alsdann auf den Tasten wie eine geschossene Taube, und ihr Leben verlischt.
Zum Ruhme des Wallersteinschen Orchesters verdient noch angemerkt zu werden, daß hier das _musikalische Colorit_ viel genauer bestimmt worden ist, als in irgend einem andern Orchester. Die feinsten und oft unmerklichsten Abstufungen des Tons hat besonders Rosetti oft mit pedantischer Gewissenhaftigkeit angemerkt.
Durlach.
Dieser Hof hat lange sein Auge nicht auf die Musik gerichtet, wiewohl die Kirchenmusik unter dem vorigen Markgrafen immer erträglich besetzt war. Aber das Erträgliche und Mittelmäßige erregt in der Geschichte der Tonkunst nie Aufmerksamkeit. Erst unter dem jetzigen Markgrafen fing Deutschland an, auf die dasige Musik aufmerksam zu werden. Der verstorbene Capellmeister Schiatti war zwar ein mittelmäßiger Componist; er verstand aber die Kunst ganz wohl, ein Orchester zu lenken, und die Mitglieder desselben mit Nachdruck anzuführen. Doch war die Ehre, dieses Orchester in Aufnahme zu bringen, einem _Deutschen_ vorbehalten; und dieser Deutsche ist der jetzige Capellmeister.
_Schmittbauer._ Er gehört unter die vorzüglichsten Componisten unsers Vaterlandes, und erst jetzt sieht man, was die Welt schon längst an ihm hatte. Seine zu Kölln aufgeführten _Kirchenstücke_ sind