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wird, es muß doch alles so kommen, wie ich es mir in stillen Nächten ausgemalt habe.
„Glaubst du, daß du Freude haben wirst?“ frage ich sie voll heimlicher Eifersucht, „an deinem Beruf als Schauspielerin? Denkst du dir es wirklich so schön, wenn die Leute dir zuklatschen und dir Blumen auf die Bühne werfen?“ Ich knie vor ihr; sie hat die Hände im Schoß gefaltet und blickt sinnend über die Wasserfläche in die Ferne.
„Ich habe noch nicht ein einzigesmal darüber nachgedacht, mein Christl, wie das alles wohl sein mag. — Ich finde es widerwärtig und häßlich, so vor die Menschen hinzutreten und ihnen eine Begeisterung oder eine seelische Qual vorzuspielen. — Häßlich, wenn ich all das heuchle, und schamlos, wenn ich echt empfinde, um eine Minute später die Maske abzuwerfen und den Dank dafür in Empfang zu nehmen. — Und daß ich es Abend für Abend tun soll und immer um dieselbe Stunde, — es kommt mir vor, als sollte ich meine Seele prostituieren.“
„Dann darfst du es nicht tun!“ rufe ich und alles strafft sich in mir vor Entschlossenheit. „Morgen, gleich in der Früh, will ich mit meinem Vater sprechen. Ich weiß, er wird dir helfen; ich weiß es bestimmt! — Er ist ja so unendlich gut und weichherzig. — Er wird nicht dulden, daß sie dich zwingen ...“
„Nein, Christl, das wirst du nicht tun!“ unterbricht sie mich ruhig und fest. „Nicht meiner Mutter wegen will ich, daß du es nicht tust, der dadurch alle ihre eitlen Pläne zerstört würden. — Ich habe sie — nicht lieb, ich kann nichts dafür! ... Ich schäme mich ihrer“ — setzt sie mit abgewandtem Gesicht halblaut hinzu — „und das wird immer zwischen uns stehen .... Aber meinen — meinen — Ziehvater habe ich lieb. Warum sollte ich es nicht offen heraussagen, daß er nicht mein wirklicher Vater ist! Du weißt es ja doch, wenn wir auch nie darüber gesprochen haben. — Es hat’s mir niemand gesagt, aber ich weiß es; ich habe es schon als Kind gefühlt. Deutlicher gefühlt, als man es wissen kann! Er ahnt nicht, daß ich nicht seine Tochter bin. Ich wäre glücklicher, wenn er es wüßte. — Dann hätte er mich vielleicht nicht mehr so lieb und marterte sich meinetwegen nicht mehr zu Tode.
Oh, du weißt nicht, wie oft ich schon als Kind nahe daran war, es ihm zu sagen. Aber zwischen ihm und mir steht eine furchtbare Mauer. Meine Mutter hat sie aufgerichtet. — Solange ich denken kann: — ich habe kaum ein paar Worte allein mit ihm reden, als kleines Mädchen nie auf seinem Schoß sitzen, ihn niemals küssen dürfen. ‚Du machst dich schmutzig, faß ihn nicht an!‘ — hat es immer geheißen. — Ich sollte immer die helle Prinzessin sein und er war der schmutzige, verächtliche Sklave. — Es ist ein Wunder, daß diese scheußliche, giftige Saat in meinem Herzen nicht Wurzel gefaßt hat.
Ich danke Gott, daß er es nicht zugelassen hat! ... Manchmal, da denke ich wieder: wäre ich doch wirklich solch gefühlloses, hochmütiges Scheusal geworden, dann zerrisse mich dieses unbeschreibliche Mitleid mit ihm nicht, und ich grolle dem Schicksal, daß es mich davor bewahrt hat.
Oft quillt mir jeder Bissen im Munde, wenn ich daran denke, daß er sich, um ihn zu beschaffen, die Hände blutig gearbeitet hat. Gestern noch bin ich mitten beim Essen von Tisch aufgesprungen und hinunter gelaufen zu ihm. —
Mir war das Herz so voll, daß ich glaubte, diesmal würde ich ihm alles, alles sagen können. Ich wollte ihn bitten: jag uns beide hinaus wie fremde Hunde, die Mutter und mich; wir sind es nicht besser wert; und ihn, ‚ihn, diesen niederträchtigen, grauenhaften Erpresser, der wahrscheinlich mein wirklicher Vater ist, erwürg! Erschlag ihn mit deinen starken, ehrlichen Handwerkerhänden!‘ — Ich wollte ihm zuschreien: Hasse mich, wie nur ein Mensch hassen kann, damit ich endlich frei werde von diesem furchtbaren brennenden Mitleid.
Wieviel tausendmal habe ich wohl gebetet: Herr Gott im Himmel, schicke ihm Haß ins Herz! —
Aber, ich glaube, eher fließt der Strom hier bergauf, ehe dieses Herz des Hassens fähig würde ...
Ich hielt schon die Klinke der Werkstattstür in der Hand, da spähte ich noch einmal durchs Fenster hinein. Er stand am Tisch und schrieb mit Kreide meinen Namen darauf. Das einzige Wort, das er schreiben kann!
Da hat mich der Mut verlassen. Für immer.
Wäre ich vor ihn hingetreten, ich weiß, wie es unabwendbar hätte kommen müssen!
Entweder er hätte, ohne mich anzuhören, immerwährend gestammelt: ‚Mein gnädiges Fräulein Tochter Ophelia!‘ wie er es jedesmal tut, wenn er mich sieht, oder er hätte mich verstanden und — und — wäre wahnsinnig geworden!
Siehst du, mein Bub, deshalb darf es nicht sein, daß du mir hilfst!
Soll ich das einzige, worauf er hofft, in Trümmer schlagen!? Soll ich schuld sein, daß sein armer Geist vollends in Nacht versinkt? Nein, mir bleibt nur das eine: das zu werden, wofür er Tag und Nacht sich abmartert: ein leuchtender Stern in seinen Augen — in den meinen freilich geistig eine Hure.
Weine nicht, mein lieber, guter Bub! So weine doch nicht! Hab’ ich dir weh getan? Komm her! Sei wieder gut. Hättest du mich denn mehr lieb, wenn ich anders dächte? Ich hab dich erschreckt, mein armer Christl. Schau, vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es geschildert habe! Vielleicht bin ich nur sentimental und sehe alles verzerrt und vergrößert. Wenn man so tagsüber die ‚Ophelia‘ immerfort deklamieren soll, so bleibt etwas davon in einem zurück. Das ist ja das Schändliche an dieser elenden Komödiantenkunst, daß die Seele in einem krank davon wird.
Schau, vielleicht geschieht ein schönes, großes Wunder, und ich falle in der Hauptstadt durch mit Pauken und Trompeten, dann wäre mit einem Schlag alles, alles gut.“
Sie lachte laut und herzlich und küßte mir die Tränen fort, aber sie verstellte sich nur, um mich zu trösten, ich fühlte es zu genau, als daß ich in ihre Fröhlichkeit hätte einstimmen können.
In meinen tiefen Schmerz um sie mischt sich ein Empfinden, das mich fast zerschmettert. Sie ist, das begreife ich voll Weh, nicht nur an Jahren älter — nein, ich bin ein Kind gegen sie.
Die ganze Zeit, seit wir uns kennen und lieben, hat sie mir ihren Gram und all ihre Qual verschwiegen. Und ich? Ich habe bei jeder Gelegenheit meine winzigen, knabenhaften Sorgen vor ihr ausgeschüttet.
Mir ist, als sägte die grausame Erkenntnis, daß auch ihre Seele reifer und älter ist als die meine, heimlich die Wurzel all meiner Hoffnungen ab.
Sie mußte wohl Ähnliches fühlen, denn so zärtlich und heiß sie mich auch immer und immer wieder küßte und an sich zog, ihre Liebkosungen schienen mir plötzlich die einer Mutter zu sein.
Ich sage ihr, was ich nur an Innigkeit zu erfinden vermag, in meinem Hirn aber jagen sich die Gedanken und nehmen die abenteuerlichsten Formen an: „Irgend etwas muß ich tun! Nur Taten allein können mich ihr ebenbürtig machen. Wie kann ich ihr nur helfen? Wie kann ich sie retten?“
Ich fühle, daß ein grauenhafter, schwarzer Schatten in mir aufsteigt, daß ein formloses Etwas nach meinem Herzen greift; ich höre ein Flüstern wie von hundert zischenden Stimmen in meinem Ohr: ihr Ziehvater, der idiotische Drechsler, ist die Schranke! Reiße sie nieder! Mach ihn kalt! Wer sieht es? Feigling, warum fürchtest du dich?
Ophelia läßt meine Hände los. Sie fröstelt. Ich sehe, daß sie schaudert.
Hat sie meine Gedanken erraten? Ich warte, daß sie irgend etwas sagt, irgend etwas, das mir einen geheimen Wink gibt, was ich tun soll.
Alles wartet in mir: mein Hirn, mein Herz, mein Blut; das Flüstern in meinem Ohr schweigt und wartet. Wartet und lauscht in teuflischer Siegesgewißheit.
Da sagt sie — und ich höre, daß ihre Zähne vor innerer Kälte zusammenschlagen — sie murmelt es mehr, als sie es ausspricht:
„Vielleicht erbarmt sich seiner — der Todesengel!“
Der schwarze Schatten in mir wird plötzlich eine weiße, gräßliche Lohe, die mich er füllt von Kopf bis zu Fuß:
Ich springe auf und greife nach den Rudern; als habe der Kahn nur auf dieses Zeichen gewartet, wird er von selbst schneller und schneller und wir treiben mitten in die Strömung hinein, dem Ufer der Bäckerzeile zu.
Die glühenden Augen der Häuser leuchten wieder aus der Finsternis.
In reißender Schnelle trägt uns der Fluß dem Wehr zu, wo er die Stadt verläßt.
Ich rudere aus Leibeskräften quer hinüber zu unserem Haus.
Weißer Gischt schäumt die Planken des Bootes entlang.
Jeder Ruderschlag, den ich tue, steigert meine wilde Entschlossenheit! Das Leder der Riemen in den Dollen knirscht: Mord, Mord, Mord.
Dann habe ich einen Pfosten an der Ufermauer gepackt und hebe Ophelia hinauf. Sie wiegt in meinen Armen leicht wie eine Feder.
Ich empfinde es wie eine unbändige, tierhafte Freude, daß ich mit einem Schlage ein Mann bin an Körper und Seele, und trage Ophelia in raschem Lauf am Scheine der Laterne vorbei in die Dunkelheit des Durchlasses hinein.
Dort stehen wir noch lange und küssen uns in verzehrender, rasender Leidenschaft. Jetzt ist sie wieder meine Geliebte und nicht mehr die zärtliche Mutter.
Ein Geräusch hinter uns! Ich achte es nicht: was kümmert es mich!
Dann ist sie im Flur des Hauses verschwunden.
In der Werkstatt des Drechslermeisters ist noch Licht. Es schimmert durch die trüben Fenster. Die Drehbank surrt.
Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie vorsichtig nieder. Ein winziger Lichtstreifen leuchtet auf und verschwindet, wie ich die Tür leise wieder zuziehe.
Ich schleiche ans Fenster, um zu erspähen, wo der Alte steht.
Er ist über die Drehbank gebeugt, hält ein blitzendes Eisen in der Hand, und zwischen seinen Fingern hervor stieben weiße, papierdünne Holzspäne von ihm weg in das Halbdunkel des Zimmers hinein und häufen sich wie tote Schlangen um den Sarg.
Ein fürchterliches Schlottern fährt mir plötzlich in die Kniekehlen.
Ich höre, wie mein Atem pfeifend geht.
Ich muß mich mit der Schulter gegen die Mauer stützen, um nicht vornüber zu fallen und die Glasscheibe des Fensters zu zerbrechen.
„Soll ich denn wirklich ein Meuchelmörder werden?!“ gellt ein Jammerschrei in meiner Brust. „Hinterrücks den armen, alten Mann erschlagen, der voll Liebe wie ein Heiland um meine, um seine Ophelia sich sein ganzes Leben zermürbt hat?“
Da, mit einem Ruck bleibt die Drehbank stehen. Das Surren verstummt. Jähe Totenstille schnappt nach mir.
Der Drechsler hat sich aufgerichtet, den Kopf halb zur Seite gewendet scheint er zu horchen, dann legt er das Stemmeisen weg und kommt mit zögerndem Schritt zum Fenster. Näher und näher. Die Augen fest auf die meinen gerichtet.
Ich weiß, er kann mich nicht sehen, denn ich stehe in der Finsternis und er ist im Licht; aber wenn ich selbst wüßte, er sähe mich, ich könnte nicht mehr entfliehen, denn alle Kraft hat mich verlassen.
So ist er langsam bis dicht ans Fenster gekommen und starrt in die Dunkelheit hinein.
Zwischen unsern Augen liegt kaum die Breite einer Hand und ich kann jede Runzel in seinem Gesicht erkennen.
Der Ausdruck einer grenzenlosen Müdigkeit liegt darin; dann fährt er sich langsam mit der Hand über die Stirn und sieht halb erstaunt, halb sinnend auf seine Finger, wie einer, der Blut daran erblickt und nicht weiß, wie das kommt.
Ein leiser Glanz von Hoffnung und Freude tritt mit einemmal in seine Züge und er beugt das Haupt, geduldig und ergeben wie ein Märtyrer, der den Todesstreich erwartet.
Ich verstehe, was sein Geist da zu mir spricht!
Sein dumpfes Hirn weiß nicht, warum es ihn das alles tun läßt. Sein Leib ist nur die Gebärde seiner Seele, die da flüstert: „Erlöse mich um meiner lieben Tochter willen!“
Jetzt weiß ich: Es muß sein! Der erbarmende Tod selber wird mir die Hand führen!
Darf ich denn zurückstehen hinter ihm an Liebe zu Ophelia?
Jetzt erst erfühle ich bis in die tiefsten Abgründe meines Innern, was Ophelia täglich erdulden muß unter der fressenden Pein des Mitleids mit ihm, dem Erbarmungswürdigsten aller Elenden; zerfleischt es mich doch selbst, daß ich glaube, ich verbrenne wie in einem Nessushemd. — — —
Wie ich es werde vollbringen können? Ich bin nicht fähig, es mir auszudenken.
Mit dem Eisen dort soll ich ihm den Schädel zertrümmern?
Soll ihm in die brechenden Augen schauen?
Soll seine Leiche in den Durchlaß schleppen und ins Wasser werfen? Und dann, die Hände besudelt mit Blut fürs ganze Leben, soll ich jemals wieder Ophelia küssen und umarmen?
Ich, ein Meuchelmörder, soll täglich meinem lieben, lieben Vater in das gütige Antlitz sehen!
Nein! Ich fühle: das werde ich niemals können.
Geschehen muß das Gräßliche, und ich werde es vollbringen, ich weiß es; aber mit der Leiche des Erschlagenen werde auch ich im Fluß versinken.
Ich raffe mich auf und schleiche zur Tür, bleibe stehen, bevor ich nach der Klinke greife, krampfe die Hände zusammen und will die Bitte in mein Herz hineinschreien:
„Herr, Allerbarmer, gib mir Kraft!“
Aber meine Lippen beten diese Worte nicht. Ohne daß ihnen mein Geist anders befehlen könnte, flüstern sie:
„Herr, ist’s möglich, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!“
Da zerspellt ein eherner Klang die Totenstille und reißt die Worte von meinem Munde weg. Die Luft vibriert, die Erde zittert; die Turmuhr der Marienkirche hat aufgebrüllt.
Unter dem Leben ringsum und in mir ist’s, als würde die Finsternis weiß.
Und wie aus weiter, weiter Ferne, vom Berge her, den ich kenne aus meinen Träumen, höre ich die Stimme des weißen Dominikaners, der mich gefirmt hat und mir meine Sünden vergeben — die vergangenen und die zukünftigen —, meinen Namen rufen:
Christopher! Christopher!
Eine Hand hat sich schwer auf meine Schulter gelegt.
„Mordbube!“
Ich weiß, es ist der grollende Baß des Schauspielers Paris, der da, gedämpft und verhalten, voll Drohung und Haß in meinen Ohren wiederdröhnt, aber ich setze mich nicht zur Wehr.
Willenlos lasse ich mich in den Schein der Laterne schleppen.
„Mordbube!“
Ich sehe, wie seine Lippen geifern; die aufgequollene Trinkernase, die schlaffen Hängebacken, das naß glänzende, bespuckte Kinn, alles hüpft an ihm vor Triumph und höllischer Freude.
„Mord—bu—be!“
Er hat mich an der Brust gepackt und schüttelt mich bei jeder Silbe, die er hervorstößt, wie ein Bündel leerer Kleider.
Es kommt mir nicht in den Sinn, ihm Widerstand zu leisten oder gar mich loszureißen und zu entfliehen; ich bin schwach geworden wie ein kleines, sterbensmattes Tier.
Er deutet es als Schuldbewußtsein, das sehe ich ihm an, — aber wie wäre ich fähig, ein Wort zu sprechen! Meine Zunge ist schlaff.
Selbst wenn ich wollte, könnte ich ihm die Erschütterung nicht schildern, die ich durchgemacht habe. —
Was er auf mich einschreit, dann wieder heiser in meine Ohren bellt, wie ein Rasender, Schaum vor dem Mund, die Fäuste vor meinem Gesicht ballend — ich höre und sehe alles —, aber es bewegt mich nicht; ich bin erstarrt, hypnotisiert. Ich verstehe, daß er alles weiß, — daß er gesehen hat, wie wir aus dem Boot stiegen, — wie wir uns geküßt haben, — daß er erraten hat, ich wolle den Alten ermorden — „um ihn zu berauben“, wie er schreit.
Ich verteidige mich nicht; ich erschrecke nicht einmal darüber, daß er unser Geheimnis kennt.
So mag einem Vogel zumute sein, der in den Fängen einer Schlange die Furcht vergessen hat. —
7
DAS MENNIGROTE BUCH
An meine Schläfen hämmert das Fieber. Wie Meer und Luft grenzen innere und äußere Welt aneinander.
Hilflos treibe ich in den Sturzwellen meines Blutes einher, bald hinab gerissen in gähnende Trichter voll Finsternis tiefster Bewußtlosigkeit, bald schwebend in blendender Helle, emporgeschleudert einer weißglühenden Sonne zu, die meine Sinne versengt.
Eine Hand hält die meinige fest; wenn mein Blick sie losläßt und ermüdet vom Zählen der vielen, feinen Maschen in der Spitzenmanchette, aus der sie hervorragt, den Ärmel hinaufwandert, kommt mir dämmerig ins Hirn: es ist mein Vater, der da an meinem Bette sitzt.
Oder ist es nur ein Traum?
Ich kann nicht mehr unterscheiden, was Wachsein ist und was Phantasieren, aber immer, wenn ich seine Augen auf mir ruhen fühle, muß ich die Lider schließen in quälendem Schuldbewußtsein.
Wie alles gekommen ist? — Ich kann mich nicht mehr erinnern; die Fäden meines Gedächtnisses sind abgerissen an jenem Zeitpunkt, wo ich noch wußte, daß der Schauspieler auf mich einschrie.
Klar ist mir nur das eine: irgend wann, irgend wo beim Schein einer Lampe habe ich auf seinen Befehl einen Schuldschein ausgefüllt und mit dem gefälschten Namenszug meines Vaters unterschrieben. — So täuschend ähnlich war die Schrift gewesen, daß, als ich sie anstarrte, ehe er das Papier zusammenfaltete und einsteckte, ich einen Augenblick geglaubt hatte, mein Vater habe sie mit eigener Hand unterzeichnet.
Warum ich es getan habe? — Es scheint mir so selbstverständlich, daß ich selbst jetzt, wo mich die Erinnerung an die begangene Tat zerfleischt, es nicht ungeschehen machen möchte.
Ob nur eine Nacht seitdem verflossen ist oder ein Menschenalter?
Kommt mir doch vor, als habe die Wut des Schauspielers sich ohne Unterlaß ein ganzes Jahr meines Lebens über mich ergossen.
Dann endlich hat er wohl an meiner Widerstandsfähigkeit eingesehen, es sei zwecklos, weiter zu rasen, denn irgendwie muß er mich überzeugt haben, durch Fälschung einer Unterschrift könne ich Ophelia retten.
Der einzige Lichtblick jetzt in meiner Fieberqual, ist, daß ich bestimmt weiß: um mich vom Verdacht eines geplanten Mordes zu befreien, habe ich es nicht begangen.
Wie ich dann nach Hause gekommen bin, ob es schon Morgen war oder noch Nacht, ist mir vollkommen entschwunden.
Mir dämmert auf, ich hätte an einem Grabe gesessen, weinend und verzweifelt, und nach dem Duft von Rosen zu schließen, der mich jetzt, wo ich daran denke, wieder umströmt, glaube ich fast, es war das meiner Mutter.
Oder kommt er von dem Blumenstrauß dort auf der Decke meines Bettes?
Wer mag ihn wohl hingelegt haben?
„Um Gottes willen, ich muß doch die Laternen auslöschen gehen“, fährt es mir wie ein Peitschenhieb plötzlich durch alle Nerven. „Ist es denn nicht schon heller Tag?!“
Und ich will aufspringen, aber ich bin so schwach, daß ich kein Glied rühren kann.
Matt sinke ich wieder zurück.
„Nein, es ist noch Nacht“, tröste ich mich, denn vor meinen Augen ist es mit einemmal wieder tiefste Dunkelheit.
Doch gleich darauf sehe ich von neuem Helligkeit und die Strahlen der Sonne an der weißen Wand spielen; und abermals fällt der Vorwurf der Pflichtversäumnis über mich her.
Es ist die Fieberwelle, die mich ins Meer des Phantasierens zurückreißt, sage ich mir; aber ich bin wehrlos dagegen, daß ein rhythmisches, wie aus dem Traumreich emportauchendes, mir altbekanntes Händeklatschen immer deutlicher und lauter an mein Ohr schlägt. Mit seinem Takt, schneller und schneller, wechseln zugleich Nacht und Tag, Tag und Nacht ohne Übergang, und ich muß laufen, laufen, damit ich noch zurecht komme, die Laternen anzuzünden, auszulöschen, anzuzünden, auszulöschen.
Die Zeit rast hinter meinem Herzen her und will es einfangen, aber es ist immer mit seinem Pulsschlag um einen Schritt voraus.
„Jetzt, jetzt werde ich in der Brandung des Blutes versinken“, fühle ich; „es strömt aus einer Kopfwunde des Drechslermeisters Mutschelknaus und quillt zwischen seinen Fingern hervor als ein Gießbach, wie er mit der Hand danach greift.
Gleich werde ich darin ertrinken! Ich hasche im letzten Moment nach einem Pfosten, der an einer Ufermauer eingeschlagen ist, um mich festzuklammern, und beiße die Zähne zusammen mit einem Rest schwindenden Besinnens:
„Halte deine Zunge fest; sonst verrät sie im Fieber, daß du die Unterschrift deines Vaters gefälscht hast.“
Wacher als je bei Tage, lebendiger als je im Traum bin ich plötzlich.
Mein Ohr ist so scharf, daß ich das leiseste Geräusch vernehme, ob nah, ob fern.
Weit, weit drüben in den Baumwipfeln am jenseitigen Ufer zwitschern die Vögel, und in der Marienkirche höre ich deutlich die Stimmen der Betenden murmeln.
Ob es wohl Sonntag ist?
Seltsam, daß die sonst so dröhnenden Orgelklänge das Flüstern in den Stühlen nicht verschlingen können. Seltsam, daß die lauten Geräusche diesmal den leisen, schwachen nichts zuleide tun?!
Was für Türen schlagen denn da im Hause? Ich dachte, die Stockwerke sind unbewohnt? Nur altes, verstaubtes Gerümpel, glaubte ich, stünde dort unten in den Zimmern.
Sind es unsere Ahnen, die da plötzlich lebendig geworden sind?
Ich beschließe hinunter zu gehen; ich bin ja so frisch und gesund, warum sollte ich es nicht tun?
Gleich darauf fällt mir ein: dazu müßte ich meinen Körper mitnehmen, und das geht nicht gut, ich kann doch nicht im Hemde am hellichten Tage meinen Vorfahren einen Besuch machen!
Da klopft es an der Türe; mein Vater geht hin, öffnet sie ein wenig und sagt durch die Spalte ehrerbietig hinaus: Nein, Großpapa, es ist noch nicht an der Zeit. Wie du weißt, dürft Ihr erst zu ihm, bis ich gestorben bin.
Das wiederholt sich im ganzen neunmal.
Als es zum zehntenmal geschieht, weiß ich: diesmal steht der Urahn draußen.
Ich habe mich auch nicht geirrt, das sehe ich an der tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung, die mein Vater macht, als er die Türe weit öffnet.
Er selber geht hinaus, und an den schweren, langsamen Schritten, in die hinein das Stapfen eines Stabes klingt, höre ich: es kommt jemand an mein Bett.
Sehen kann ich ihn nicht, denn ich habe die Augen geschlossen. Ein inneres Gefühl sagt mir, ich dürfe sie nicht öffnen.
Aber durch die Lider hindurch ganz deutlich wie durch Glas sehe ich mein Zimmer und alle Gegenstände, die darin sind.
Der Urahn schlägt meine Bettdecke zurück und legt mir die rechte Hand, den Daumen abgespreizt, wie ein Winkelmaß an den Hals.
„Dies ist das Stockwerk“, sagt er eintönig, wie ein Geistlicher die Litanei spricht, „darin dein Großvater gestorben ist und der Auferstehung harrt. Der Leib des Menschen ist das Haus, in dem seine toten Ahnen wohnen.
In manches Menschen Haus, in manches Menschen Leib erwachen die Toten, ehe die Zeit ihrer Auferstehung reif ist, zu einem kurzen, gespenstischen Leben; dann raunt der Volksmund von ‚Spuk‘, dann spricht der Volksmund von ‚Besessenheit‘.“
Er wiederholt den Griff mit Daumen und Handfläche auf meiner Brust:
„Und hier liegt dein Urgroßvater eingesargt.“
So geht es den ganzen Körper hinab über Magengrube, Lenden, Schenkel und Knie bis zu den Fußsohlen.
Als er auf sie seine Hände legt, sagt er: „Und hier wohne ich! Denn die Füße sind das Fundament, auf dem das Haus ruht; sie sind die Wurzel und verbinden den Leib deines Menschen mit der Mutter Erde, so du wanderst.
Heut’ ist der Tag, der auf die Nacht deiner Sonnenwende gefolgt ist. Dies ist der Tag, da die Toten in dir beginnen zu auferstehen.
Und ich bin der erste.“
Ich höre, wie er sich an mein Bett setzt, und aus dem Rauschen von Buchblättern, die er von Zeit zu Zeit umschlägt, errate ich: er liest mir vor aus der Familienchronik, die mein Vater so oft erwähnt.
Im Tone einer Litanei, die meine äußeren Sinne einschläfert, — meine inneren hingegen zu immer ansteigendem, manchmal fast unerträglichem Wachsein aufreizt, dringt es in mich ein:
„Du bist der Zwölfte, ich war der Erste. Bei ‚eins‘ fängt man zu zählen an und man hört auf bei ‚zwölf‘. Dies ist das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.
Du sollst der Wipfel des Baumes werden, der das lebendige Licht schaut; ich bin die Wurzel, die die Kräfte der Finsternis in die Helligkeit schickt.
Aber du bist ich und ich bin du, wenn das Wachstum des Baumes vollendet sein wird.
Der Holunder ist der Strauch, der im Paradies der Baum des Lebens hieß. Noch heute geht unter den Menschen die Sage, er sei zauberkräftig. Schneide seine Zweige ab, seinen Wipfel, seine Wurzel, stecke ihn verkehrt in die Erde, und siehe: was Wipfel war, wird Wurzel werden, was Wurzel war, wird Wipfel treiben — so innig ist jede seiner Zellen durchdrungen von der Gemeinsamkeit des ‚Ich‘ und ‚Du‘.
Darum habe ich ihn als Sinnbild in das Wappen unseres Geschlechtes gesetzt! Darum wächst er als Wahrzeichen auf dem Dach unseres Hauses!
Hier auf Erden ist er nur ein Gleichnis, wie alle Form nur ein Gleichnis ist, aber im Reiche der Unverweslichkeit heißt er der erste unter allen Bäumen.
Zuweilen auf deinen Wanderungen hier und drüben, hast du dich alt gefühlt, — das war ich, das Fundament, die Wurzel, der Urahn, den du in dir gefühlt hast.
Wir heißen beide Christopher, denn ich und du sind ein und dasselbe. —
Ich war ein Findelkind wie du; doch ich habe den großen Vater und die große Mutter gefunden auf meinen Wanderungen und den kleinen Vater und die kleine Mutter nicht mehr: du hast den kleinen Vater und die kleine Mutter gefunden, aber den großen Vater und die große Mutter — noch nicht!
Darum bin ich der Anfang und du bist das Ende; wenn wir beide einander durchdringen werden, — dann ist der Ring der Ewigkeit geschlossen für unser Geschlecht.
Die Nacht deiner Sonnenwende ist der Tag meiner Auferstehung. Wenn du alt wirst, werde ich jung, je ärmer du wirst, desto reicher werde ich ...
Hast du die Augen geöffnet, dann mußte ich die meinen schließen, hast du die deinen geschlossen, dann wurde ich sehend; — so war es bisher.
Wir standen einander gegenüber wie Wachen und Schlaf, wie Leben und Tod, und konnten uns nur auf der Brücke des Traumes begegnen.
Bald wird es anders sein; die Zeit bricht an!
Die Zeit deiner Armut, die Zeit meines Reichtums.
Die Nacht der Sonnenwende war die Grenzscheide.
Wer nicht reif ist, der verschläft sie; oder er irrt umher in der Dunkelheit; in ihm muß der Ahnherr im Grabe liegen bis zum großen jüngsten Tag.
Die einen, das sind die Vermessenen, die nur an ihren Leib glauben — und Sünden begehen um des Vorteils willen — die Unadligen, die ihren Stammbaum verachten; — die anderen, das sind die, die zu feig sind, eine Sünde zu begehen, um des Gewinnes eines ruhigen Gewissens willen. —
Du aber bist aus adeligem Blut und wolltest ein Mörder werden um der Liebe willen.
Schuld und Verdienst muß dasselbe werden, sonst bleiben beide eine Bürde; und ein Beladener kann nie ein Freiherr sein.
Der Meister, den sie den weißen Dominikaner nennen, hat dir alle Sünden vergeben, auch die zukünftigen, denn er wußte, wie alles kommen wird; — du aber wähntest, es sei in deine Hand gegeben, eine Tat zu begehen oder zu unterlassen. — Er ist von je frei von Schuld oder Verdienst und daher frei von jeglichem Wahn. Nur wer noch wähnt, wie du und ich, der lädt die eine Bürde auf sich oder die andere.
Frei davon werden wir nur auf die Art, wie ich dir gesagt habe.
Er ist der kommende große Wipfel aus dem Ur: — aus der großen Wurzel.
Er ist der Garten, du und ich und unseresgleichen sind die Bäume, die in ihm wachsen.
Er ist der große Wanderer und wir sind die kleinen. —
Er steigt aus der Ewigkeit herab in die Unendlichkeit; wir wandern aus der Unendlichkeit empor in die Ewigkeit.
Wer die Grenzscheide überschritten hat, der ist ein Glied in einer Kette geworden, — einer Kette, gebildet aus unsichtbaren Händen, die einander niemehr loslassen bis ans Ende der Tage; er gehört hinfort einer Gemeinschaft an, in der jeder einzelne eine nur für ihn allein bestimmte Mission hat. —
Nicht sind auch nur zwei in ihr, die da einander gleich wären, so wie schon unter den Menschentieren der Erde nicht zwei sind, die dasselbe Schicksal hätten.
Der Geist dieser Gemeinschaft durchdringt unsere ganze Erde; er ist ihr jederzeit allgegenwärtig, er ist der Lebensgeist im großen Holunderbaum.
Aus ihm sind die Religionen aller Zeiten und Völker entsprossen; sie wandeln sich, er aber wandelt sich nie.
Wer ein Wipfel geworden ist und die Wurzel ‚Ur‘ bewußt in sich trägt, der tritt bewußt in diese Gemeinschaft ein durch das Erleben des Mysteriums, das da heißt:
‚Die Lösung mit Leichnam und Schwert.‘
Tausende und Abertausende sind einst im alten China dieses geheimnisvollen Vorganges teilhaftig geworden, doch nur spärliche Berichte sind bis auf unsere Zeit gekommen.
Höre von solchen:
Es sind da gewisse Umwandlungen, genannt Schi-Kiai, das ist die Lösung der Leichname, und andere genannt: Kieu-Kiai, das ist die Lösung der Schwerter. — Die Lösung der Leichname ist der Zustand, in dem die Gestalt des Verstorbenen unsichtbar wird und dieser selbst zu dem Range eines Unsterblichen gelangt.
In manchen Fällen verliert der Leib bloß das Gewicht oder behält das Aussehen eines Lebenden. Bei der Lösung der Schwerter bleibt im Sarge an der Stelle des Leichnams ein Schwert zurück.
Diese sind die gefeiten Waffen, bestimmt für die Zeit des letzten großen Kampfes.
Beide Lösungen sind eine Kunst, die die vorgeschrittenen Männer des Weges den begünstigten Jüngeren mitteilen.
Die Überlieferung aus dem oberen Buche des Schwertes sagt:
Bei der Weise der Lösung der Leichname geschieht es, daß man stirbt und wieder zum Leben kommt. Es geschieht, daß das Haupt abgehauen ist und von einer Seite zum Vorschein kommt. Es geschieht, daß die Gestalt vorhanden ist, aber daß die Knochen fehlen.
Die Höchsten unter den Gelösten nehmen in Empfang, aber sie handeln nicht; die übrigen lösen sich am hellen Tage mit den Leichnamen. Sie bringen es dahin, daß sie fliegende Unsterbliche werden. Wenn sie wollen, können sie am hellen Tage auf trockenem Boden versinken.
Einer von diesen war ein Eingeborener von Hooi-nan und hieß Tung-Tschung-khiu. In seiner Jugend übte er das Einatmen der geistigen Luft und läuterte dadurch seine Gestalt. Er wurde ungerechterweise beschuldigt und in dem Gefängnis gebunden. Sein Leichnam löste sich und verschwand.
Lieu-ping-hu hat keinen Namen und keinen Jünglingsnamen. Gegen das Ende der Zeiten von Han war er Ältester von Ping-hu in Kieu-Kiang. Er übte die Kunst eines Arztes und kam bei den Krankheiten und Kümmernissen der Menschen zu Hilfe, als ob es seine eigene Krankheit wäre. Auf einer Wanderung begegnete er dem unsterblichen Menschen Tscheu-tsching-schi, der ihm den Weg des verborgenen Daseins enthüllte.
Später löste er sich mit dem Leichnam und verschwand.“
Ich hörte am Rauschen der Blätter, daß der Ahnherr einige Seiten überschlug, ehe er fortfuhr:
„Wer es besitzt das mennigrote Buch, die Unsterblichkeitspflanze, das Erwecken des geistigen Atems und das Geheimnis, wie man die rechte Hand lebendig macht, der löst sich mit dem Leichnam.
Ich habe dir die Beispiele von Menschen vorgelesen, die sich gelöst haben, damit dein Glaube gestärkt wird durch das Hören, daß es andere vor dir gab, die es vollbrachten.
Zum selben Zwecke steht im Buch der Christen das Begebnis von der Auferstehung des Jesus aus Nazareth.
Nun aber will ich dir berichten vom Geheimnis der Hand, vom Geheimnis des Atems und vom Lesen des mennigroten Buches.
Es heißt das mennigrote Buch, weil nach uraltem Glauben in China das Rot die Farbe der Gewänder der höchsten Vollkommenen ist, die zum Heile der Menschheit auf Erden zurückbleiben.
So wie ein Mensch den Sinn eines Buches nicht erfassen kann, wenn er es nur in der Hand hält, oder die Seiten umblättert, ohne sie zu lesen, so bringt ihm auch der Ablauf seines Schicksals keinerlei Gewinn, so er den Sinn nicht erfaßt; die Geschehnisse folgen einander wie die Blätter eines Buches, die der Tod umwendet; er weiß nur: sie erscheinen und verschwinden und mit dem letzten ist das Buch zu Ende.
Er weiß nicht einmal, daß es von neuem aufgeschlagen wird immer wieder, bis er endlich lesen lernt.
Und solange er das nicht kann, ist das Leben für ihn nur ein wertloses Spiel, gemischt aus Freude und Leid.
Wenn er aber endlich die lebendige Sprache darin zu begreifen beginnt, dann schlägt sein Geist die Augen auf und fängt an zu atmen und liest mit.
Dieses ist die erste Stufe auf dem Wege zur Lösung des Leichnams, denn der Leib ist nichts anderes als erstarrter Geist; er löst sich, wenn der Geist zu erwachen beginnt, wie Eis in Wasser zergeht, wenn dieses zu sieden beginnt.
Sinnvoll in der Wurzel ist jedes Menschen Schicksalsbuch, aber die Buchstaben darin tanzen wirr durcheinander für jene, die sich nicht die Mühe nehmen, sie ruhevoll zu lesen, einen nach dem andern und so, wie sie gesetzt sind.
Das sind die Hastigen, die Raffgierigen, die Ehrgeizigen, die Pflichtvorschützer, die Vergifteten vom Wahn: ihr Schicksal anders gestalten zu können, als es der Tod in das Buch geschrieben hat.
Doch wer dem Umblättern, dem müßigen Kommen und Gehen der Seite keine Beachtung mehr schenkt, sich nicht mehr darüber freut und nicht mehr darüber weint und wie ein aufmerksamer Leser gespannten Sinnes Wort um Wort zu verstehen strebt, dem wird alsbald ein höheres Schicksalsbuch aufgeschlagen, bis als letztes und höchstes für ihn als Erwählten das mennigrote Buch vor ihm liegt, das alle Geheimnisse birgt.
Das ist der einzige Weg, dem Kerker des Fatums zu entrinnen; jegliches andere Tun ist ein qualvolles, vergebliches Zappeln in den Schlingen des Todes.
Die Ärmsten im Leben sind die, die vergessen haben, daß es eine Freiheit jenseits des Kerkers gibt, — die, im Käfig geborenen Vögeln gleich, zufrieden beim vollen Futternapf, das Fliegen verlernt haben. —
Für sie gibt es nimmermehr eine Erlösung. —
Unsere Hoffnung ist, daß es dem großen, weißen Wanderer, der auf dem Wege ist herab in die Unendlichkeit, gelingen möge die Fesseln zu brechen.
Das mennigrote Buch aber werden sie nimmermehr schauen.
Wem es aufgeschlagen wird, der läßt auch in höherem Sinne keinen Leichnam mehr zurück: er reißt ein Stück Erde hinein ins Geistige und löst es darin auf.
So arbeitet er mit am großen Werk göttlicher Alchemie; er wandelt Blei in Gold, er wandelt Unendlichkeit in Ewigkeit. — — —
Höre nun vom Geheimnis des geistigen Atems!
Es ist aufbewahrt im mennigroten Buch nur für jene, die Wurzel sind oder Wipfel; die ‚Äste‘ haben keinen Teil daran, denn begriffen sie es, so verdorrten sie alsbald und fielen ab vom Stamm.
Wohl durchströmt auch sie der große geistige Atem, — denn wie könnte auch nur das kleinste Wesen leben ohne ihn — aber er geht durch sie hindurch wie bewegender Wind und hält nicht still.
Der leibliche Atem ist nur sein Gegenspiel in der äußeren Welt.
In uns aber soll er fest werden, bis er, ein Lichtschein geworden, die Maschen des Körpernetzes durchdringt und sich vereinigt mit dem großen Licht.
Wie das geschieht, kann niemand dich lehren; es wurzelt im Gebiete des feinsten Erfühlens.
Es heißt im mennigroten Buch: ‚Hier liegt verborgen der Schlüssel aller Magie. Der Leib kann nichts, der Geist kann alles. Tu alles hinweg, was Leib ist, so wird dein Ich, wenn es völlig nackt geworden, als reiner Geist zu atmen beginnen.
Der Eine fängt es an auf diese Weise, der Andere auf jene Weise, je nach dem Glauben, in dem er geboren wurde. Der Eine durch brennende Sehnsucht nach dem Geiste, der Andere durch das Beharren im Gefühl der Gewißheit: ‚ich stamme aus dem Geiste und nur mein Leib aus der Erde.‘
Wer keine Religion hat, wohl aber an die Überlieferung glaubt, der begleite all seiner Hände Werk, auch das Geringste, mit dem unablässigen Gedanken: ich tue es zu dem einzigen Zweck, daß das Geistige in mir bewußt zu atmen beginne.
So, wie der Leib, ohne daß du die geheime Werkstatt seiner Arbeit kennst, die eingeatmete irdische Luft verwandelt, so webt der Geist auf unbegreifliche Weise dir mit seinem Atem ein purpurnes Königsgewand: den Mantel der Vollendung.
Allmählich wird er deinen ganzen Körper durchdringen in einem tieferen Sinne als bei den Menschentieren; wohin sein Atem trifft, dort werden alle Glieder neu, um anderem Zweck zu dienen als bisher.
Dann kannst du diesen Atemstrom lenken, wie es dir beliebt. — Du kannst den Jordan aufwärts fließen machen, wie es in der Bibel heißt. Du kannst deines Körpers Herz still stehen lassen, kannst es langsam machen oder schnell und so das Schicksal deines Leibes selbst bestimmen; das Buch des Todes hat hinfort keine Gültigkeit für dich.
Jede Kunst hat ihr Gesetz, jede Königswahl ihr Gepränge, jede Messe ihren Ritus und alles was wird und wächst seinen bestimmten Gang.
Das erste Glied des neuen Leibes, das du erwecken sollst mit jenem Atem, ist die rechte Hand.
Zwei Laute sind es, die zuerst ertönen, wenn der Hauch auf Fleisch und Blut trifft; das sind die Schöpfungslaute I und A.
I ist ‚ignis‘, das ist das Feuer, und A ist ‚aqua‘, das ist das Wasser.
Nichts ist gemacht, das nicht aus Wasser und Feuer gemacht wäre!
Wenn der Hauch den Zeigefinger trifft, dann wird er starr und gleicht dem Buchstaben I. — Es ‚kalziniert der Knochen‘, wie es in der Überlieferung heißt.
Trifft der Hauch den Daumen, so wird dieser starr, spreizt sich ab und bildet mit dem Zeigefinger den Buchstaben A.
Dann ‚gehen von deiner Hand Ströme lebendigen Wassers aus‘, wie es in der Überlieferung heißt.
Stürbe ein Mensch in diesem Stande der geistigen Wiedergeburt, so wäre seine rechte Hand nicht mehr der Verwesung unterworfen.
Legst du die wachgewordene Hand an deinen Hals, so strömt das ‚lebendige Wasser‘ in deinen Körper ein.
Stürbest du in diesem Stande, so wäre dein ganzer Körper unverweslich wie die Leiche eines christlichen Heiligen.
Doch du sollst dich lösen mit deinem Leichnam!
Das geschieht durch das Kochen des ‚Wassers‘ und dieses durch das ‚Feuer‘, denn jeglicher Prozeß, auch der geistige der Wiedergeburt, muß seine Ordnung haben.
Ich werde es an dir vollbringen, ehe ich für diesesmal von dir gehe.“
Ich hörte, daß mein Urahn das Buch schloß.
Er stand auf und legte wiederum, so wie das erstemal, seine Hand einem Winkelmaße gleich an meinen Hals.
Ein Gefühl durchrieselte mich, als liefe ein Strom eiskalten Wassers meinen Körper hinab, bis in die Fußsohlen.
„Wenn ich es zum Kochen bringe, wird das Fieber in dir erwachen und du wirst das Bewußtsein verlieren,“ sagte er, „darum höre, ehe dein Ohr taub wird:
Was ich an dir tue, das tust du selbst, denn ich bin du und du bist ich.
Kein anderer als ich könnte an dir tun, was ich tue; doch auch du könntest es allein an dir nicht tun. Ich muß dabei sein, denn ohne mich bist du nur ein halbes ‚Ich‘ — so wie ich ohne dich nur ein halbes ‚Ich‘ bin.
Auf diese Weise ist das Geheimnis der Vollbringung vor dem Mißbrauch durch Menschentiere geschützt.“
Ich fühlte, wie der Ahnherr langsam seinen Daumen löste; dann fuhr er mit dem Zeigefinger schnell dreimal von links nach rechts über meinen Hals, als wolle er mir die Kehle durchschneiden.
Ein entsetzlicher, schriller Ton wie ein „I“ schoß mir versengend durch Fleisch und Bein.
Mir war, als schlügen Stichflammen aus meinem Körper.
„Vergiß nicht: alles was geschieht, und alles was du tust und erleidest, trage es um der Lösung mit dem Leichnam willen!“ — hörte ich die Stimme meines Ahnherrn Christopher noch einmal und wie aus der Erde herauf.
Dann verbrannte der letzte Rest meines Bewußtseins in den Gluten des Fiebers.
8
OPHELIA
Noch zittern mir die Knie vor Schwäche, wenn ich durchs Zimmer gehe, aber ich fühle deutlicher von Stunde zu Stunde, daß meine Gesundheit wiederkehrt.
Die Sehnsucht nach Ophelia verzehrt mich und ich möchte so gerne hinunter ins Stiegenhaus gehen, um in ihr Fenster zu spähen und zu versuchen, einen Blick von ihr zu erhaschen.
Sie war bei mir, als ich bewußtlos im Fieber lag, sagte mir mein Vater, und hat mir einen Strauß Rosen gebracht.
Ich sehe ihm an, daß er alles erraten hat; vielleicht hat sie es ihm sogar eingestanden?
Ich fürchte mich zu fragen und auch er weicht scheu dem Thema aus.
Er pflegt mich voll Fürsorge; was er mir an den Augen absehen kann, bringt er mir; mir aber pocht das Herz vor Weh und Scham bei jedem Liebesdienst, den er mir erweist, wenn ich daran denke, daß ich zum Verbrecher an ihm geworden bin.
Ich wollte, es wäre nur ein Fiebertraum gewesen, — das mit der Fälschung des Schuldscheins! —
Aber jetzt, wo meine Sinne wieder klar sind, weiß ich leider nur zu genau: es ist in Wirklichkeit geschehen. Warum und zu welchem Zweck ich es getan habe? alle Einzelheiten sind aus meinem Gedächtnis ausgetilgt.
Ich will auch nicht darüber nachgrübeln; ich weiß nur das eine: irgendwie muß ich die Tat sühnen; ich muß Geld verdienen, Geld, Geld, Geld, um den Schuldschein wieder zurückkaufen zu können.
Der Angstschweiß tritt mir auf die Stirn bei dem Gedanken: es wird unmöglich sein.
Womit soll ich hier in unserer kleinen Stadt Geld verdienen?!
Aber vielleicht geht es in der Hauptstadt? Dort kennt mich niemand. — Wenn ich mich dort als Diener irgendeinem reichen Manne anböte? — Ich wäre bereit, wie ein Sklave zu arbeiten, Tag und Nacht.
Wie aber soll ich meinem Vater die Bitte vortragen, mich in der Hauptstadt studieren zu lassen?
Womit soll ich sie begründen, wo er mir doch oft genug gesagt hat, er hasse alle angelernte und nicht durch das Leben selbst erworbene Gelehrsamkeit?!
Auch fehlt mir das nötige Vorwissen oder wenigstens das Schulzeugnis!
Nein, nein; es ist doch unmöglich!
Meine Qual verdoppelt sich, wenn ich mir überlege: so soll ich denn für Jahre und Jahre, vielleicht für immer von Ophelia getrennt sein?
Ich spüre, wie das Fieber wieder in mir aufsteigen will bei dem entsetzlichen Gedanken.
Zwei volle Wochen bin ich krank gelegen; die Rosen Ophelias in der Vase sind bereits verdorrt. — Vielleicht ist sie schon fort? — Meine Hände werden naß, so würgt mich die Verzweiflung. — Vielleicht waren die Blumen ein Abschiedsgruß?!
Mein Vater sieht mir an, wie ich leide, aber er fragt mit keinem Worte nach der Ursache. Weiß er denn mehr als er sagen will?
Wenn ich ihm doch mein Herz ausschütten könnte, und ihm alles, alles gestehen! — nein, es darf nicht sein; wenn er mich verstieße, wie gern nähme ich es hin, wäre damit meine Schuld gesühnt; — aber ich weiß, das Herz bräche ihm, wenn er erführe: ich, sein einziges Kind, das er wie durch Schicksalsfügung wiedergefunden, habe wie ein Missetäter an ihm gehandelt; — nein, nein, es darf nicht geschehen!
Alle Menschen sollen es meinetwegen erfahren und mit Fingern auf mich deuten, nur er allein darf es nicht wissen. — — —
Er fährt mir zärtlich über die Stirn, blickt mir voll Liebe und Milde in die Augen und sagt: „Schau nicht so entsetzt darein, mein guter Junge! Was dich auch quälen mag, vergiß es! Denke dir, es sei ein Fiebertraum. Bald wirst du wieder gesund und fröhlich sein!“
Er bringt das Wort „fröhlich“ nur stockend heraus und ich fühle, daß er ahnt, die kommende Zeit werde mir viel Schmerz und Jammer bringen.
So, wie auch ich es ahne.
Ist also Ophelia schon fort? Weiß er es?
Die Frage drängt sich mir auf die Lippen, aber ich würge sie hinunter. — Ich glaube, ich bräche weinend zusammen, wenn er sie bejahte.
Er fängt plötzlich an, schnell und überstürzt zu sprechen; er redet von allem möglichen, um mich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu bringen.
Ich kann mich nicht entsinnen, ihm von dem Traumbesuch unseres Ahnherrn — oder was sonst es war — erzählt zu haben, aber dennoch muß es wohl geschehen sein! — Wieso käme es denn, daß er mit einemmal fast dasselbe Thema anschlägt? Beinahe ohne Übergang sagt er:
„Du kannst einem Leid nicht ausweichen, solange du noch kein ‚Gelöster‘ bist. Was im Schicksalsbuch geschrieben steht, kann der Erdgebundene nicht auslöschen. Traurig ist nicht, daß so viele Menschen leiden, traurig ist nur, daß ihr Leiden im höheren Sinne zwecklos bleibt. — Dadurch wird es zur Strafe für einstmals — vielleicht in einem früheren Dasein — begangene Taten des Hasses. — Diesem grauenvollen Gesetz von Lohn und Strafe können wir nur entrinnen, wenn wir alles Geschehen hinnehmen mit dem Gedanken: es geschieht zu dem Zweck, unser geistiges Leben zu erwecken. Alles, was wir tun, sollen wir nur von diesem Gesichtspunkte aus tun. — Die geistige Einstellung ist alles, die Tat allein ist nichts! — Ein Leid wird sinnvoll und fruchtbringend, wenn du es mit solchen Augen ansiehst. — Glaub mir, du wirst es dann nicht nur leichter tragen können, es wird auch schneller vorübergehen und unter Umständen sogar sich ins Gegenteil verwandeln. — Es grenzt ans Wunderbare, was sich in solchen Fällen zuweilen begibt, und es sind nicht nur innere Wandlungen, die da geschehen — nein, auch äußerlich wendet sich das Schicksal auf seltsamste Art. — Der Ungläubige freilich lacht über solche Behauptung — aber worüber lachte der nicht!
Es ist, als dulde die Seele nicht, daß wir ihretwegen mehr leiden, als wir ertragen können.“
„Was ist eigentlich unter dem ‚Lebendigmachen der rechten Hand‘ zu verstehen?“ frage ich. „Ist es bloß der Beginn einer geistigen Entwicklung, oder hat es sonst noch einen Zweck?“
Mein Vater denkt eine Weile nach.
„Wie soll ich dir das begreiflich machen? Man kann da nur wieder in Gleichnissen sprechen. —
Wie alle Formen sind auch die Glieder unseres Körpers nur Sinnbilder für geistige Begriffe. — Die rechte Hand ist sozusagen das Symbol für Handeln, Wirken und Tun. — Wird nun unsere Hand geistig lebendig, so heißt das: wir sind ‚drüben‘ Schaffende geworden, während wir bis dahin Schläfer waren. — Ähnlich ist es mit ‚Reden‘, ‚Schreiben‘ und ‚Lesen‘. Reden, Sprechen ist, irdisch gesehen, soviel wie: etwas mitteilen. — Ob derjenige, dem wir etwas mitteilen, Folge leistet, steht bei ihm. Mit dem ‚geistigen‘ Sprechen ist es anders bestellt. Das ist keine Mitteilung mehr, denn wem sollten wir darüber ‚etwas mitteilen‘? ‚ich‘ und ‚Du‘ sind dort doch dasselbe.
‚Sprechen‘ im geistigen Sinn ist so viel wie: erschaffen; es ist magisches In-die-Erscheinung-rufen. — ‚Schreiben!‘ hier auf Erden ist das vergängliche Niederlegen eines Gedankens; ‚Schreiben‘ drüben heißt: etwas einmeißeln ins Gedächtnis der Ewigkeit. ‚Lesen‘ hier bedeutet: den Sinn einer Niederschrift sich zu eigen machen. ‚Lesen‘ drüben heißt: die großen unwandelbaren Gesetze erkennen und — nach ihnen handeln um der Harmonie willen! — Aber ich glaube, mein lieber Junge, wir sollten jetzt, wo du noch angegriffen bist, nicht von so schwer faßbaren Dingen reden!“ —
„Willst du mir nicht von meiner Mutter erzählen, Vater? Wie hieß sie denn? Ich weiß so gar nichts von ihr!“ — die Frage ist mir plötzlich über die Lippen gekommen; erst, als es bereits zu spät ist, merke ich, daß ich eine Wunde in seinem Herzen berührt habe.
Er geht unruhig im Zimmer auf und ab; seine Sprache klingt abgerissen.
„Mein lieber Bub, erlaß mir, daß ich die Vergangenheit wieder lebendig mache! Sie hat mich lieb gehabt. Ja, das weiß ich. Und ich sie — unsäglich.
Es ist mir ergangen wie allen meinen und deinen Vorvätern. Was mit dem ‚Weibe‘ zusammenhängt, war uns Männern aus dem Stamme Jöcher Qual und Verhängnis. Ohne unsere Schuld und ohne die Schuld unserer Mütter.
Wir alle haben übrigens, wie du vielleicht weißt, jeder nur einen Sohn gehabt. Die Ehe hat nie länger gedauert.
Es ist, als ob sie damit ihren Zweck erfüllt gehabt hätte.
Glücklich war sie für keinen von uns. Mag sein, es kam daher, daß unsere Frauen entweder viel zu jung — wie die meinige — waren, oder älter als wir. Es war kein körperliches Zusammenstimmen da. Die Zeit riß uns mit jedem Jahr weiter auseinander. — Und warum sie von mir ging? Ja, wenn ich das wüßte! Aber ich will — ich will es nicht wissen!
Daß sie mich betrogen hätte? Nein! Das hätte ich gefühlt! Würde es jetzt noch fühlen. Ich kann nur glauben: die Liebe zu einem andern ist in ihr erwacht, und als sie einsah, sie könne dem Schicksal, mich zu hintergehen, nicht mehr entrinnen, hat sie mich lieber verlassen und den Tod gesucht.“
„Aber warum hat sie mich ausgesetzt, Vater?“
„Dafür habe ich nur eine Erklärung: sie war strenggläubige Katholikin und hat unseren geistigen Weg, obgleich sie nie ein Wort dagegen sagte, für eine teuflische Verirrung gehalten. Sie wollte dich davor bewahren, und das konnte nur geschehen, indem sie dich meinem Einfluß entzog. Daß du mein leiblicher Sohn bist, daran darfst du nie zweifeln, hörst du! Sie hätte dir nie und nimmer den Namen Christopher mitgegeben; das allein schon ist mir ein untrügliches Zeichen, daß du nicht — das Kind eines andern bist.“
„Vater, sag mir nur das eine noch: wie hat sie geheißen? Ich möchte ihren Vornamen wissen, wenn ich an sie denke.“
„Sie hat geheißen“ — die Stimme meines Vaters versagt, als bliebe das Wort in seiner Kehle stecken.
„Ihr Name war — sie hieß: Ophelia.“
Endlich darf ich wieder ausgehen. Die Laternen soll ich nicht mehr anzünden, hat mein Vater gesagt. Auch später nicht mehr.
Ich weiß den Grund nicht.
Der Gemeindediener besorgt, wie früher vor mir, das Amt.
Mein erster Gang — zitternden Herzens — ist hinunter ins Stiegenhaus zum Fenster!
Aber drüben sind beständig die Vorhänge herabgelassen.
Ich habe im Durchlaß nach langem, langem Warten die alte Frau getroffen, die drüben bedient, und sie ausgefragt.
So ist es also Wirklichkeit geworden, was ich dumpf geahnt und gefürchtet habe! Ophelia hat mich verlassen!
Die alte Frau sagt, der Schauspieler Paris sei mit ihr in die Hauptstadt gereist.
Ich weiß jetzt auch, warum ich den Schuldschein unterschrieben habe; mein Gedächtnis ist wiedergekehrt. Er hat mir versprochen, sie nicht im Theater auftreten zu lassen, wenn ich ihm Geld verschaffte.
Drei Tage später hat er sein Wort gebrochen!
Jede Stunde, die verrinnt, sieht mich zur Gartenbank gehen. Ich lüge mir vor: Ophelia sitzt dort und wartet auf mich — sie hält sich nur versteckt, um mir plötzlich mit einem Jubelruf in die Arme zu eilen!
Manchmal ertappe ich mich bei seltsamem Beginnen: ich scharre den Sand um die Bank herum auf mit dem Spaten, der am Gartenzaun lehnt, mit einem Stock, mit dem Rest eines Brettstückes, mit allem, was mir gerade in die Hände fällt — bisweilen mit den bloßen Händen selbst.
Als berge die Erde etwas, das ich ihr entreißen müßte.
In Büchern steht, daß Verdurstende so im Boden wühlen und tiefe Löcher mit den Fingern graben, wenn sie sich in der Wüste verirrt haben.
Ich fühle keinen Schmerz mehr, so glühend ist er geworden. Oder schwebe ich hoch über mir selbst, daß das Weh nicht bis zu mir empor kann?
Die Hauptstadt liegt viele Meilen stromauf, — bringt mir der Fluß denn keine Grüße?
Dann sitze ich plötzlich am Grabe meiner Mutter und weiß nicht, wie ich hingekommen bin.
Der gleiche Name „Ophelia“ muß mich wohl hingezogen haben.
Warum kommt der Briefträger, jetzt, wo doch heißer Mittag ist und alles ruht, quer über die Bäckerzeile auf unser Haus zu?
Ich habe ihn noch nie in dieser Gegend gesehen. Hier wohnt niemand, dem er einen Brief bringen könnte.
Er hat mich erblickt, bleibt stehen und sucht in seiner Ledertasche.
Ich bin gewiß: mein Herz muß bersten, wenn es eine Botschaft von Ophelia ist.
Dann halte ich betäubt etwas Weißes mit einem roten Siegel darauf in der Hand.
„Lieber, sehr verehrter Herr Baron!
Wenn Sie diesen Brief an Christopher öffnen sollten, dann bitte, bitte, lesen Sie nicht weiter! Lesen Sie auch das beiliegende Schriftstück nicht: ich flehe Sie an aus tiefster Seele! Verbrennen Sie beides, falls Sie den Brief Christl nicht übergeben wollen, aber ob so oder so, lassen Sie Christl nicht aus den Augen, keine Minute! Er ist doch noch so jung, und ich möchte nicht schuld sein, daß er — eine unüberlegte Tat begeht, wenn er aus anderem als Ihrem Mund erfährt, was Sie — und er — ja doch bald erfahren müssen.
Erfüllen Sie diese innige Bitte (und ich weiß, Sie werden es tun!) Ihrer in Gehorsam ergebenen Ophelia M.“
„Mein heißgeliebter, armer, armer Bub!
Mein Herz sagt mir, daß Du wieder gesund bist; so wirst Du, das hoffe ich aus ganzer Seele, mit Kraft und Mut verwinden, was ich Dir jetzt schreiben muß.
Was Du um meinetwillen getan hast, das wird Dir Gott nimmermehr vergessen.
Ich jauchze zu ihm voll Dankbarkeit, denn er hat es mir in die Hand gegeben, daß ich Deine Tat ungeschehen machen kann.
Was mußt Du um meinetwillen gelitten haben, mein lieber, herzensguter Bub!
Daß Du mit Deinem Vater über meine Lage gesprochen hättest, ist ja nicht möglich; ich habe Dich doch gebeten, ihm nichts davon zu sagen, und ich weiß, Du hast meine Bitte erfüllt.
Auch hätte er mir sicherlich eine Andeutung gemacht, als ich bei ihm war, um ihm zu sagen, wie lieb wir uns haben, und Abschied von ihm — und von Dir — zu nehmen.
So kannst also nur Du es gewesen sein, der den Schuldschein geschrieben hat!
Ich weine vor Freude und Jubel, daß ich ihn Dir heute zurückgeben kann!
Ich habe ihn durch Zufall auf dem Schreibtisch des entsetzlichen Menschen gefunden, dessen Namen ich nicht mehr über die Lippen bringe.
Wie sollte ich Dir mit Worten meine Dankbarkeit schildern, mein Bub! Welche Tat wäre groß genug, um sie Dir jemals zu beweisen!
Es kann nicht sein, daß soviel Dankbarkeit und Liebe, wie ich für Dich empfinde, nicht über das Grab hinausreichen sollten. Ich weiß, daß sie weiter bestehen werden bis in alle Ewigkeit, so wie ich weiß: ich werde um Dich sein im Geiste und Dich auf Schritt und Tritt begleiten und Dich behüten und bewahren vor jeder Gefahr wie ein treuer Hund, bis wir uns dereinst wiedersehen.
Wir haben nie darüber gesprochen, denn wie hätten wir Zeit dazu gehabt, wo wir uns doch küssen und umarmen mußten, mein Bub! — aber glaub mir: so wahr eine Vorsehung lebt, so wahr ist es auch, daß es ein Land der ewigen Jugend gibt. Wenn ich das nicht wüßte, woher nähme ich den Mut, von Dir zu scheiden!
Dort werden wir uns wiedersehen, um nie mehr von einander zu gehen; dort werden wir beide gleich jung sein und bleiben und die Zeit wird eine ewige Gegenwart für uns sein.
Eines nur betrübt mich — aber nein, ich lächle schon wieder darüber! — daß Du mir meinen Wunsch, mich im Garten bei unserer lieben Bank zu begraben, nicht wirst erfüllen können.
Statt dessen bitte ich Dich, heißer noch und inständiger als damals: bleib auf Erden um unserer Liebe willen! Lebe Dein Leben, ich flehe Dich an, bis der Todesengel von selber und ohne daß Du ihn rufst, zu Dir kommt.
Ich will, daß Du älter bist als ich, wenn wir uns wiedersehen. Deshalb mußt Du Dein Leben hier auf Erden zu Ende leben! Und ich werde drüben im Lande der ewigen Jugend auf Dich warten.
Halte Dein Herz fest, daß es nicht schreit; sag ihm, daß ich doch bei Dir bin, näher, als es im Körper möglich wäre!
Jauchze, daß ich endlich, endlich frei bin — jetzt, wo Du meinen Brief liest.
Wäre es Dir denn lieber, Du wüßtest: ich leide? Und was ich leiden würde, wenn ich leben bliebe, das läßt sich nicht sagen mit Worten!
Ich habe einen Blick in das Leben getan, das mir bevorstünde — nur einen einzigen! Mir graut!
Lieber die Hölle als ein solcher Beruf!
Doch auch ihn trüge ich mit Freuden, wenn ich wüßte, ich käme dadurch dem Glück näher, mit Dir vereint zu werden. Glaub nicht, ich streifte das Leben ab, weil ich nicht fähig wäre, deinetwillen zu leiden! Ich tue es, weil ich weiß, unsere Seelen würden getrennt sein für immer, hier und drüben.
Glaub nicht, es seien nur Worte, um Dich zu trösten, trügerische Hoffnung oder Hirngespinste, wenn ich Dir sage: ich weiß, daß ich das Grab überleben werde und werde wieder um Dich sein! Ich schwöre Dir, ich weiß es! Jeder Nerv in mir weiß es. Mein Herz, mein Blut weiß es. Hundert Vorzeichen sagen es mir. Im Wachen, im Schlaf und im Traum!
Ich will Dir einen Beweis geben, daß ich mich nicht täusche. Meinst Du, ich hätte die Vermessenheit, Dir etwas zu sagen, wenn ich nicht die Gewißheit hätte: es wird gelingen?
Hör mich: jetzt, wo Du diese Stelle liest, schließ die Augen! Ich werde Deine Tränen küssen!
Weißt Du jetzt, daß ich bei Dir stehe und lebendig bin!?
Fürchte nicht, mein Bub, die Minute meines Todes könnte qualvoll für mich gewesen sein.
Ich habe den Strom so lieb, er wird mir nicht wehe tun, wenn ich meinen Leib ihm anvertraue.
Ach, könnte ich doch bei unserer Bank begraben sein!
Ich will Gott darum nicht bitten, aber vielleicht liest er meinen kindischen, stummen Wunsch und tut ein Wunder. Hat er doch so viele und größere getan.
Noch eins, mein Bub! Wenn es möglich ist und Du ein ganzer Mann,
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