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Doch nein! Sorge Dich nicht deshalb! Ich werde selber bei ihm sein und ihm beistehen.
Es wird zugleich Dir ein Zeichen sein, daß meine Seele mehr kann, als mein Körper je hätte vermocht.
Und nun, mein heißgeliebter, mein treuer, braver Bub, sei tausend- und abertausendmal geküßt von Deiner glücklichen Ophelia.“
Sind das wirklich meine Hände, die einen Brief halten und ihn dann langsam wieder zusammenfalten?
Bin ich das, der da seine Augenlider betastet, sein Gesicht, seine Brust?
Warum weinen diese Augen nicht?
Lippen aus dem Totenreich haben ihnen die Tränen weggeküßt; noch jetzt fühle ich ihre liebkosende Berührung. Und doch ist mir, als sei eine unendlich lange Zeit seitdem verflossen. Ist es vielleicht nur eine Erinnerung an die Kahnfahrt, als Ophelia mir damals die Tränen wegküßte?
Machen die Toten nur das Gedächtnis lebendig, wenn sie wollen, daß man ihre Nähe als Gegenwart spürt? Durchqueren sie den Strom der Zeit, um zu uns zu gelangen, indem sie die Uhr in uns zurückstellen?
Meine Seele ist erstarrt; wie seltsam, daß mein Blut noch flutet und ebbt! Oder ist es der Puls eines andern, eines Fremden, den ich da pochen höre?
Ich blicke auf den Boden — sind es denn meine Füße, die da mechanisch Schritt vor Schritt zum Hause gehen? Und jetzt die Stiegen emporsteigen? Sie müßten doch zittern und taumeln unter dem Schmerz dessen, dem sie gehören, wenn ich dieser Jemand wäre!
Ein furchtbarer Stich wie von einer glühenden Lanze durchbohrt mich einen Augenblick vom Kopf bis zur Sohle, daß es mich fast ans Geländer schleudert, dann suche ich nach dem Schmerz in mir und kann ihn nicht mehr finden. Er ist in sich selbst verbrannt wie ein Blitz.
Bin ich gestorben? Liegt mein Körper vielleicht zerschellt dort unten im Treppenhaus? Ist es nur mein Schemen, der jetzt die Türe öffnet und ins Zimmer tritt?
Nein, es ist keine Täuschung, ich bin es selbst; auf dem Tisch steht das Mittagsbrot und mein Vater kommt mir entgegen und küßt mich auf die Stirn.
Ich will essen, aber ich kann nicht schlucken. Jeder Bissen quillt mir im Munde.
So leidet also mein Körper doch und ich weiß bloß nichts davon!
Ophelia hält mein Herz in der Hand — ich fühle ihre kühlen Finger —, damit es nicht zerspringt. Ja, nur so kann es sein! Sonst würde ich doch aufbrüllen!
Ich will mich freuen, daß sie bei mir ist, aber ich habe vergessen, wie man das macht, das Freuen.
Zum Freuen gehört der Körper, und über den habe ich doch keine Gewalt mehr.
So werde ich denn als ein lebender Leichnam hier über die Erde wandern müssen!?
Die alte Bedienerin trägt stumm das Essen ab; ich stehe auf und gehe in mein Zimmer; mein Blick fällt auf die Wanduhr; drei? Es kann doch höchstens eins sein? — Warum tickt sie nicht?
Da wird mir klar: um drei Uhr nachts ist Ophelia gestorben!
Ja ja, jetzt wacht auch die Erinnerung wieder in mir auf: heute nacht habe ich von ihr geträumt; sie stand an meinem Bett und lächelte voll Glück.
„Ich komme zu dir, mein Bub! Der Strom hat meine Bitte gehört. — — Vergiß dein Versprechen nicht, vergiß dein Versprechen nicht!“ hat sie gesagt. Wie ein Echo hallen ihre Worte in mir auf.
„Vergiß dein Versprechen nicht, vergiß dein Versprechen nicht!“
wiederholen unablässig meine Lippen, als wollten sie mein Gehirn erwecken, daß es den verborgenen Sinn des Satzes endlich begreife.
Mein ganzer Körper fängt an unruhig zu werden. Als erwarte er einen Befehl von mir, den ich ihm geben solle.
Ich strenge mich an nachzudenken, aber mein Hirn bleibt tot.
„Ich komme zu dir. Der Strom hat meine Bitte gehört!“ Was heißt das? Was heißt das?
Mein Versprechen soll ich halten? Welches Versprechen habe ich denn gegeben?
Wie ein Ruck durchfährt es mich: das Versprechen, das ich Ophelia auf unserer Kahnfahrt gegeben habe.
Jetzt weiß ich: hinunter zum Fluß muß ich! Vier, fünf Stufen auf einmal nehme ich, das Geländer durch meine beiden Hände gleiten lassend, in so rasender Eile springe ich in Sätzen die Treppe hinab.
Ich bin plötzlich wieder lebendig; meine Gedanken jagen sich. „Es kann ja nicht sein“, sage ich mir; „es ist der unwahrscheinlichste Roman, den ich mir da zurecht träume.“
Ich will Halt machen und umkehren, aber mein Körper reißt mich vorwärts.
Ich laufe den Durchlaß entlang zum Wasser.
An der Ufermauer hat ein Floß angelegt.
Zwei Männer stehen darauf.
„Wie lange braucht ein Baumstamm, bis er von der Hauptstadt bis hierher treibt?“, will ich sie fragen.
Ich stehe dicht vor ihnen und starre sie an. Verwundert schauen sie auf; ich bringe kein Wort heraus, denn in der Tiefe meines Herzens erklingt Ophelias Stimme:
„Weißt du nicht besser als alle Menschen, wann ich komme? Hab ich dich jemals warten lassen, mein Bub?“
Und die Gewißheit, so felsenfest und sonnenhaft, daß alle Zweifel erlöschen, ruft in mir: — es ist, als sei die Natur ringsum lebendig geworden und riefe mit:
um elf Uhr heute nacht!
Elf Uhr! Die Stunde, die ich immer schon so sehnsüchtig erwartet habe!
Wie damals glitzert der Mond auf den Fluß.
Ich sitze auf der Gartenbank, aber es ist kein Warten in mir wie sonst, ich bin vereint mit dem Strome der Zeit, wie sollte ich wünschen, daß sie schneller ginge oder langsamer!
Im Buche der Wunder steht geschrieben, Ophelias letzte Bitte soll in Erfüllung gehen! Der Gedanke ist so erschütternd, daß alles, was geschehen ist: der Tod Ophelias, ihr Brief, mein eigenes Leid, die grausige Aufgabe, ihren Leichnam zu begraben, die furchtbare Öde des Lebens, das mir bevorsteht — alles, alles verblaßt.
Es faßt mich an, als seien die Myriaden Sterne dort oben die allwissenden Augen der Erzengel und blickten wachend hernieder auf sie und mich. Die Nähe einer grenzenlosen Macht umgibt und durchdringt mich. Alle Dinge sind in ihrer Hand ein lebendiges Werkzeug; ein Windhauch trifft mich, und ich fühle, daß er mir sagt: gehe zum Ufer und binde das Boot los.
Nicht mehr Gedanken sind es, die mein Tun und Lassen lenken: ich bin eingewoben in die ganze Natur, ihr heimliches Flüstern ist mein Verstehen.
Gelassen rudere ich in die Mitte des Flusses.
Jetzt wird sie kommen!
Ein heller Streifen gleitet auf mich zu. Ein weißes, starres Antlitz, die Augen geschlossen, treibt auf der glatten Flut wie ein Bild in einem Spiegel.
Dann halte ich die Tote und ziehe sie zu mir in den Kahn.
Tief in den weichen, reinen Sand vor unserer lieben Bank auf ein Lager aus duftenden Holunderblüten habe ich sie gebettet und mit grünen Zweigen zugedeckt.
Den Spaten habe ich im Fluß versenkt.
9
EINSAMKEIT
Ich hatte geglaubt, schon am nächsten Tage müßte die Nachricht von Ophelias Tod bekannt werden und ein Lauffeuer in der Stadt entzünden; aber Woche um Woche verging und nichts rührte sich.
Endlich wurde mir klar: Ophelia hatte, ohne es jemand außer mir mitgeteilt zu haben, von der Erde Abschied genommen.
So war ich das einzige lebende Wesen auf Erden, das darum wußte.
Ein seltsames Gemisch aus unbeschreiblicher Einsamkeit und einem inneren Reichtum, den ich mit niemand zu teilen brauchte, erfüllte mich.
Alle Menschen um mich, sogar mein Vater, erschienen mir wie Figuren aus Papier geschnitten, so, als gehörten sie nicht in mein Dasein und seien nur wie Kulissen hineingestellt.
Wenn ich auf der Bank im Garten saß, wo ich täglich stundenlang vor mich hinzuträumen pflegte, fast unablässig von der Nähe Ophelias umweht, und mir vorstellte: hier zu meinen Füßen schläft ihr Körper, den ich so heiß geliebt habe! — überkam es mich immer wie tiefes Verwundern, daß ich keinen Schmerz zu empfinden vermochte.
Wie fein und richtig war ihr Gefühl gewesen, als sie mich bei unserer Kahnfahrt gebeten hatte, sie hier zu bestatten und niemand die Stelle zu verraten!
So waren wir beide jetzt — sie drüben und ich hier auf Erden — die einzigen, die es wußten, und diese Gemeinschaft schloß uns so innig zusammen, daß ich ihren Tod zuzeiten nicht einmal als Abwesenheit ihres Leibes empfand.
Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie läge auf dem Friedhof in der Stadt unter einem Grabstein, umgeben von Toten ringsum, beweint von ihren Angehörigen, — und der bloße Gedanke bohrte sich schmerzend wie ein Messer in meine Brust und rückte das Gefühl ihrer geistigen Nähe in unerreichbare Fernen.
Der unbestimmte Glaube der Menschen, daß der Tod nur eine dünne Scheidewand zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bedeutet und nicht eine nimmermehr zu überbrückende Kluft, wiche gar bald einer festen Gewißheit, wenn sie ihre Abgeschiedenen an Orten begrüben, die nur ihnen zugänglich und bekannt wären, und nicht in öffentlichen Gottesäckern.
Wenn ich mir meiner Einsamkeit so recht bewußt wurde, kam mir jene Nacht, wo ich Ophelias Leib zur Ruhe gebettet, in der Erinnerung vor, als sei ich selbst es gewesen, den ich begraben hatte, als sei ich nur mehr ein Schemen auf Erden, ein wandelnder Leichnam, der nichts mehr gemein hat mit Menschen aus Fleisch und Blut.
Es gab Augenblicke, wo ich mir sagen mußte: das bist nicht mehr du selbst; ein Wesen, dessen Ursprung und Dasein Jahrhunderte zurückliegt vor dem deinigen, tritt unaufhaltbar immer tiefer in dich ein, ergreift von deiner Hülle Besitz und wird von dir bald nichts mehr übrig gelassen haben, als eine im Reiche der Vergangenheit frei schwebende Erinnerung, auf die du zurückschauen kannst wie auf die Erlebnisse eines vollkommen dir Fremden.
„Es ist der Ahnherr“, begriff ich, „der in dir aufersteht.“
Bilder mir unbekannter Gegenden und Landschaften fremden Charakters traten vor meinen Blick, täglich öfter und länger bestehend, wenn sich meine Augen im Dunste des Himmelnebels verloren.
Ich hörte Worte, die ich mit einem inneren Organ erfaßte, ohne sie befremdenderweise zu begreifen; ich verstand sie, wie die Erde Samenkörner aufnimmt und aufbewahrt, um sie viel später erst zur Reife zu bringen; ich verstand sie wie etwas, von dem man fühlt: „dereinst wirst du sie in Wahrheit verstehen.“
Sie kamen aus dem Munde fremdartig gekleideter Menschen, die mir wie alte Bekannte schienen, trotzdem ich sie in diesem Leben unmöglich je gesehen haben konnte, die Worte galten mir und doch lag ihr Entstehen weit zurück; sie waren plötzlich Gegenwart aus Vergangenheit neu geboren.
Himmelanragende Schneeberge, die Eisgipfel unendlich höher als alle Wolkengebilde, sah ich.
Das „Dach der Welt“ ist es, sagte ich mir, „das geheimnisvolle Tibet“.
Dann wieder endlose Steppen, mit Kamelkarawanen, asiatische Klöster in tiefster Einsamkeit, Priester in gelben Gewändern, die Gebetmühlen in den Händen trugen, Felsen, die in riesenhafte, sitzende Buddhastatuen umgemeißelt waren, Flußläufe, die aus der Unendlichkeit zu kommen und in die Unendlichkeit zu münden schienen — die Ufer ein Land von Hügeln aus Löß, deren Gipfel sämtlich flach waren, flach wie Tische, flach, als hätte sie eine ungeheure Sense abgemäht.
„Gegenden, Dinge, Menschen sind es,“ erriet ich, „die der Ahnherr, als er noch auf Erden wandelte, gesehen haben muß. Jetzt, wo er seinen Einzug in mich hält, werden seine Erinnerungen auch die meinen.“
Wenn ich Sonntags jungen Leuten, mir gleichalterig, begegnete und Zeuge ihrer Verliebtheit und fröhlichen Lebenslust war, so verstand ich gar wohl, was in ihnen vorging, aber in mir selbst war lauter Kälte. — Nicht die Kälte der Starrheit, die die vorübergehende Erscheinung eines die Tiefen der Empfindung erfrostenden Schmerzes ist, und nicht die Kälte der Lebensschwäche des Greisentums. —
Wohl fühlte ich das Uralte in mir so übermächtig und so bleibend wie nie zuvor, und oft, wenn ich mich im Spiegel sah, erschrak ich fast, daß mir ein jugendliches Gesicht entgegenblickte, — aber nichts Gebrechliches haftete daran; die Abgestorbenheit hatte nur das Band ergriffen, das den Menschen an die Freuden der Erde fesselt, die Kälte kam aus mir fremden Regionen, aus einer Firnenwelt, die die Heimat meiner Seele ist.
Damals konnte ich den Zustand, der mich ergriffen hatte, nicht ermessen; ich wußte nicht, daß es einer jener rätselhaften, magischen Verwandlungsvorgänge war, die man häufig in den Lebensschilderungen katholischer und anderer Heiligen geschildert findet, ohne ihre Tiefe und bedeutsame Lebendigkeit zu erfassen.
Da ich keine Sehnsucht nach Gott empfand, hatte ich keine Erklärung dafür und suchte auch nicht nach einer solchen.
Das sengende Dürsten einer unstillbaren Sehnsucht, von der die Heiligen sprechen, und das, wie sie sagen, alles Irdische verbrennt, war mir erspart, denn alles, wonach ich mich hätte sehnen können: „Ophelia“ trug ich als Gewißheit ihrer beständigen Nähe in mir.
Die meisten Begebnisse des äußeren Lebens sind, ohne eine Spur in meiner Erinnerung zurückzulassen, an mir vorübergegangen; wie eine tote Mondlandschaft mit erloschenen Kratern, die kein Weg, kein Steg mit einander verbindet, liegen die Bilder jener Zeit vor mir.
Ich kann mich nicht entsinnen, was mein Vater und ich zusammen gesprochen haben, Wochen sind für mich zusammengeschrumpft zu Minuten, Minuten haben sich zu Jahren ausgedehnt; jahrelang, so scheint es mir jetzt, jetzt, wo ich die schreibende Hand eines Fremden benütze, um die Vergangenheit an mir wieder vorüberziehen zu lassen —, jahrelang muß ich auf der Gartenbank vor dem Grabe Ophelias gesessen sein; — die Glieder der Erlebniskette, an denen man den Ablauf der Zeit messen kann, hängen einzeln in der Luft für mich.
So weiß ich wohl, daß eines Tages das Wasserrad stillstand, das die Drehbank des Drechslermeisters trieb, und daß das Surren der Maschine aufgehört hatte und eine Totenstille in der Gasse zurückließ; — wann es aber geschehen war, ob am Morgen nach jener Nacht oder später, das ist in mir wie ausgelöscht.
Ich weiß, ich habe meinem Vater erzählt, daß ich seine Unterschrift gefälscht hatte; — es muß wohl ohne jede Gefühlsbewegung geschehen sein, denn ich erinnere mich einer solchen nicht.
Auch kenne ich die Gründe nicht mehr, die mich bewogen haben, es zu tun.
Ich entsinne mich nur leise, leise, ich habe eine gewisse Freude empfunden, daß kein Geheimnis mehr zwischen ihm und mir bestand; — und im Zusammenhang mit den stillstehenden Wasserrad taucht mir nur die Empfindung auf, ich sei froh gewesen in dem Bewußtsein, daß der alte Drechslermeister nicht mehr arbeite.
Und doch sind beides Gefühle, von denen ich glaube, ich selbst habe sie gar nicht gehabt — sie haben sich nur aus Ophelias Geist auf mich übertragen —, so abgestorben für alles Menschliche steht jener Christopher Taubenschlag jetzt im Bilde vor mir. —
Es war die Zeit, wo der mir angeflogene Name „Taubenschlag“ sich in mir auswirkte wie eine Prophezeiung aus Schicksalsmund, — wo ich buchstäblich geworden war: ein lebloser Taubenschlag, eine Stätte, in der Ophelia wohnte und der Ahnherr und das Uralte, das Christopher heißt.
Viele Erkenntnisse, die nie in Büchern gestanden haben, sind mein eigen; kein Mensch hat sie mir jemals mitgeteilt und dennoch sind sie da.
Ich verlege ihr Erwachen in jene Zeit zurück, wo meine äußere Form sich wie im Schlafe des Scheintodes aus einer Hülle des Nichtwissens in ein Gefäß des Wissens wandelte.
Damals glaubte ich, so wie auch mein Vater es bis zu seinem Tode glaubte, daß die Seele an Erfahrung reicher werden könne und daß das Leben im Körper ihr zu diesem Zwecke dienlich sei. Ich hatte auch die Mahnung des Urahns in diesem Sinne aufgefaßt.
Heute weiß ich, daß die Seele des Menschen allwissend und allmächtig ist von Anbeginn, und daß das einzige, was der Mensch für sie tun kann, ist: alle Hemmnisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, zu beseitigen. —
Wenn überhaupt irgend etwas ins Bereich seines Tuns gestellt ist!
Das tiefste Geheimnis aller Geheimnisse und das verborgenste Rätsel aller Rätsel ist die alchemistische Verwandlung der — Form.
Das sage ich dir, der du mir die Hand leihest, zum Danke dafür, daß du für mich schreibst!
Der verborgene Weg zur Wiedergeburt im Geiste, von dem in der Bibel steht, ist eine Verwandlung des Körpers und nicht des Geistes.
Wie die Form beschaffen ist, so äußert sich der Geist; — beständig meißelt und baut er an ihr, das Schicksal als Werkzeug gebrauchend; je starrer sie ist und je unvollkommener, desto starrer und unvollkommener die Art seiner Offenbarung; je willfähriger und feiner sie wird, desto mannigfaltiger gibt er sich kund.
Gott allein, der Allgeist, ist es, der sie verwandelt und die Glieder vergeistigt, so das Tiefinnerliche, der Urmensch, sein Gebet nicht nach außen stellt, sondern Glied um Glied der eigenen Form anbetet, als wohne darin verborgen die Gottheit in jeglichem Teile als anders erscheinendes Bild. — — —
Die Formveränderung, die ich meine, wird für das äußere Auge erst sichtbar, wenn der alchemistische Prozeß der Umwandlung seinem Ende zugeht; im Verborgenen nimmt er seinen Anfang: in den magnetischen Strömungen, die das Achsensystem des Körperbaues bestimmen, — die Denkart des Menschen, seine Neigungen und Triebe wandeln sich zuerst, ihnen folgt die Wandlung des Tuns und mit ihm die Verwandlung der Form, bis diese der Auferstehungsleib des Evangeliums wird.
Es ist, wie wenn eine Statue aus Eis von innen heraus zu schmelzen beginne.
Die Zeit kommt, wo die Lehre dieser Alchemie für viele wieder aufgebaut wird; sie lag wie tot, wie ein Trümmerhaufen, und das erstarrte Fakirtum Indiens ist ihre Ruine.
Unter dem verwandelnden Einfluß des geistigen Urahns war ich, wie ich sagte, ein Automat geworden mit kalten Sinnen; ich blieb es bis zum Tag meiner „Lösung mit dem Leichnam“.
Als leblosen Taubenschlag, in dem die Vögel aus- und einfliegen, ohne daß er Anteil nimmt an ihrem Treiben, mußt du mich werten, wenn du verstehen willst, wie ich damals war; du darfst mich nicht messen mit dem Maßstab der Menschen, die nur ihresgleichen kennen.
10
DIE BANK IM GARTEN
In der Stadt geht das Gerücht, der Drechslermeister Mutschelknaus sei wahnsinnig geworden.
Frau Aglajas Miene ist kummervoll. Frühmorgens geht sie mit einem kleinen Handkörbchen auf den Markt selber einkaufen, denn ihre Bedienerin hat sie entlassen. Von Tag zu Tag wird ihr Kleid schmutziger und verwahrloster; die Absätze ihrer Schuhe sind abgetreten. Wie jemand, der vor Sorgen nicht mehr aus und ein weiß, bleibt sie auf der Straße zuweilen stehen und spricht halblaut mit sich selbst.
Wenn ich ihr begegne, blickt sie weg, oder erkennt sie mich nicht mehr? Den Leuten, die sie nach ihrer Tochter fragen, sagt sie kurz und mürrisch: sie ist in Amerika.
Der Spätsommer, der Herbst und der Winter sind vergangen und ich habe den Drechslermeister nicht ein einzigesmal mehr zu Gesicht bekommen.
Ich weiß nicht mehr, ob Jahre seitdem verflossen sind, ob die Zeit still stand oder ob ein einziger Winter mir so unendlich lang schien? —
Ich fühle nur: es muß wieder Frühling sein, denn die Luft ist schwer vom Dufte der Dolden, die Wege sind beschneit von Blüten nach den Gewittern, die jungen Mädchen haben weiße Kleider und Blumen im Haar.
Es ist ein Singen in der Luft.
Über die Ufermauern hängen die Zweige wilder Kletterrosen bis ins Wasser hinab und der Fluß trägt den zarten, blaßroten Schaum ihrer Sträuße spielend von Quader zu Quader bis zu den Pfeilern der Brücke, wo er die morschen Stämme schmückt, daß sie aussehen, als trieben sie neues Leben.
Im Garten, der Rasen vor der Bank leuchtet wie Smaragd.
Oft, wenn ich hingehe, sehe ich an allerlei winzigen Veränderungen, daß jemand vor mir dort gewesen sein muß; einmal liegen kleine Steinchen auf der Bank, in Kreuzform oder in Kreise gelegt, als habe ein Kind mit ihnen gespielt, dann wieder sind Blumen umhergestreut.
Eines Tages, als ich durch den Durchlaß ging, kam mir der alte Drechslermeister vom Gärtchen her entgegen, und ich erriet, daß er es sein mußte, der auf der Bank, wenn ich fort war, zu sitzen pflegte.
Ich grüßte, aber er schien mich nicht zu bemerken, obgleich sein Arm den meinen streifte.
Er blickte, ein frohes Lächeln im Gesicht, geistesabwesend vor sich hin.
Bald darauf begab es sich, daß wir uns im Gärtchen trafen. Er setzte sich stumm neben mich und fing an, mit seinem Stock den Namen Ophelia in den weißen Sandstreifen zu zeichnen.
So saßen wir eine lange Zeit und ich war sehr verwundert; dann fing er mit einem Male leise an zu murmeln, anfangs so, als spräche er mit sich selbst oder mit jemand Unsichtbarem; allmählich erst wurden seine Worte mir verständlich:
„Ich bin froh, daß nur du und ich herkommen!! Es ist gut, daß niemand von dieser Bank weiß.“
Ich horchte erstaunt auf. Er nannte mich du? —
Verwechselte er mich mit einem andern? Oder war sein Geist verwirrt? Hatte er vergessen, mit welch unnatürlicher Devotheit er früher mit mir verkehrt hatte?
Was wollte er mit seinen Worten sagen: „Es ist gut, daß niemand von dieser Bank weiß?“
Die Nähe Ophelias wurde mir plötzlich so deutlich, als sei sie vor uns hingetreten.
Auch den Alten ergriff es, denn er hob schnell den Kopf und ein Strahl des Glücks leuchtete in seinen Mienen auf.
„Weißt du, hier ist sie immer! Von hier begleitet sie mich ein Stück nach Haus und geht dann wieder zurück,“ murmelte er, „sie hat mir gesagt, sie wartet hier auf dich. Sie hat dich lieb, hat sie gesagt!“ Er legte mir freundlich die Hand auf den Arm, sah mir lange glücklich in die Augen und setzte leise hinzu: „Ich bin froh, daß sie dich lieb hat.“
Ich wußte nicht gleich, was ich erwidern sollte; stockend bringe ich endlich heraus:
„Aber Ihre Tochter ist doch — ist doch in Amerika?“
Der Alte bringt seine Lippen dicht an mein Ohr und flüstert geheimnisvoll: „Pst! Nein! Das glauben nur die Leute und meine Frau. Sie ist gestorben! Aber das wissen nur wir zwei: du und ich! Sie hat mir gesagt, daß du es auch weißt; nicht einmal der Herr Paris weiß es“ — er sieht mein Staunen, nickt und wiederholt eifrig: „Ja, sie ist gestorben! Aber sie ist nicht tot; der Sohn Gottes, der weiße Dominikaner, hat sich unser erbarmt, daß sie bei uns sein darf!“
Ich verstehe, daß der seltsame geistige Zustand, den die wilden Völker den heiligen Wahnsinn nennen, Besitz ergriffen hat von dem Alten. Er ist ein Kind geworden, spielt mit Steinchen wie ein Kind, spricht einfach und klar wie ein Kind, aber sein Denken ist Hellsehen.
„Wie ist es denn nur gekommen, daß Sie alles das erfahren haben?“ frage ich.
„Ich hab an der Drehbank gearbeitet in der Nacht“, erzählt er, „da ist das Wasserrad plötzlich stillgestanden und ich hab’s nimmer in Bewegung setzen können. Dann bin ich am Tisch eingeschlafen. Im Traum hab ich meine Ophelia gesehen. Sie hat gesagt: ‚Vater, ich will nicht, daß du arbeitest. Ich bin tot. Der Strom weigert sich, das Wasserrad zu treiben, und so muß ich es tun, wenn du nicht aufhörst zu arbeiten. Hör auf, ich bitte dich! Sonst muß ich immer draußen am Fluß sein und kann nicht zu dir herein.‘ Wie ich dann aufgewacht bin, bin ich gleich, noch in der Nacht, in die Marienkirche gelaufen. Es war stockfinster und totenstill. Drin aber hat die Orgel gespielt. Ich hab mir gedacht, die Kirche ist doch versperrt, man kann nicht hinein. Aber dann hab ich mir gedacht, wenn ich daran zweifel, kann ich freilich nicht hinein, und hab nicht mehr gezweifelt. Drin war’s ganz dunkel, aber weil das Priesterkleid des Dominikaners so schneeweiß war, hab ich alles sehen können von meinem Platz aus unter dem Standbild des Propheten Jonas. Ophelia hat neben mir gesessen und hat mir alles erklärt, was der Heilige, der große Weiße, gemacht hat.
Zuerst ist er vor den Altar getreten und hat mit ausgebreiteten Armen wie ein großes Kreuz dort gestanden und die Statuen aller Heiligen und Propheten haben es ihm nachgemacht, einer dem andern, bis die Kirche ganz voll war mit lauter lebendigen Kreuzen. Dann ist er zu dem gläsernen Reliquienschrein gegangen und hat etwas hineingelegt, das hat ausgesehen wie ein kleiner, schwarzer Kieselstein.
‚Es ist dein armes Hirn, Vater‘, hat meine Tochter Ophelia gesagt; ‚jetzt hat er es in seine Schatzkammer gesperrt, denn er will nicht, daß du es um meinetwillen noch länger zermarterst. Wenn du es dereinst zurückerhältst, wird es ein Edelstein sein.‘ Am nächsten Morgen hat’s mich herausgetrieben, hieher zur Bank, aber ich hab nicht gewußt, warum. Hier sehe ich Ophelia täglich. Immer erzählt sie mir, wie glücklich sie ist und wie schön es drüben ist im Land der Seligen. Mein Vater, der Sargtischler, ist auch dort, und er hat mir alles verziehen. Er ist mir nicht einmal mehr bös, daß ich ihm als Bub den Leim hab anbrennen lassen.
Wenn’s im Paradies Abend wird, sagt sie, dann ist dort Theater, sagt sie, und die Engel schauen zu, wie sie die Ophelia spielt in dem Stück ‚Der König von Dänemark‘ und am Schluß den Kronprinzen heiratet, und sie freuen sich alle, erzählt sie, daß sie es so gut kann. ‚Das hab ich nur dir zu danken, Vater‘, sagt sie immer, ‚denn du hast mir ermöglicht, daß ich es auf Erden gelernt habe. Es war immer mein heißester Wunsch, Schauspielerin zu werden, und den hast du mir erfüllt, Vater!‘“
Der Alte verstummt und blickt verzückt in den Himmel.
Ein widerwärtig bitterer Geschmack tritt mir auf die Zunge. Lügen die Toten? Oder bildet er sich all das nur ein? Warum sagt ihm Ophelia nicht die Wahrheit in milder Form, wenn sie sich ihm doch mitteilen kann?
Der furchtbare Gedanke, daß das Reich der Lüge bis ins Jenseits reichen sollte, beginnt an meinem Herzen zu nagen.
Da kommt mir die Erkenntnis; die Nähe Ophelias ergreift mich so urgewaltig, daß ich plötzlich die Wahrheit erfasse und weiß: es ist nur ihr Bild, nicht sie selbst, das er sieht und das mit ihm spricht. Es ist eine Truggeburt seiner langgehegten Wünsche; sein Herz ist nicht kalt geworden wie das meine, darum sieht es die Wahrheit verzerrt.
„Die Toten können Wunder tun, wenn Gott es erlaubt“, beginnt der Alte wieder; „sie können Fleisch und Blut werden und unter uns wandeln. Glaubst du das?!“ Er fragt es mit so fester Stimme, daß es fast drohend klingt.
„Ich halte nichts für unmöglich“, gebe ich ausweichend zur Antwort.
Der Alte scheint befriedigt und schweigt. Dann steht er auf und geht. Ohne Gruß.
Einen Augenblick später kehrt er wieder um, stellt sich vor mich hin und sagt:
„Nein, du glaubst es nicht! Ophelia will, daß du selbst siehst und glaubst. Komm!“
Er faßt meine Hand, als wolle er mich mit sich ziehen. Zögert. Horcht in die Luft, als lausche er einer Stimme. „Nein, nicht jetzt. Heute nacht“ — murmelte er geistesabwesend vor sich hin; „warte hier heute nacht auf mich!“
Er geht.
Ich blicke ihm nach, wie er schwankend wie ein Betrunkener sich an der Mauer des Hauses entlang tastet.
Ich weiß nicht, was ich mir denken soll.
11
DAS MEDUSENHAUPT
Wir sitzen in einer winzigen, unsagbar ärmlichen Stube um einen Tisch herum: der Drechslermeister Mutschelknaus, eine kleine, bucklige Nähterin, von der es in der Stadt heißt, sie sei eine Hexe, ein fettes, altes Weib, ein Mann mit langen Haaren, die ich beide noch nie gesehen habe, und ich.
Auf einem Schrank brennt in rotem Glas ein Nachtlicht; darüber hängt ein grellfarbiges Papierbild, die Mutter Gottes darstellend, das Herz von sieben Schwertern durchbohrt.
„Laßt uns beten“, sagt der Mann mit den langen Haaren, schlägt sich an die Brust und plappert das Vaterunser.
Seine Hände sind abgezehrt und von fahlem Weiß, wie arme, blutleere Schullehrer sie haben; seine nackten Füße stecken in Sandalen.
Das fette Weib seufzt und schluckt, als wolle es jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
„Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen, bilden wir die Kette und singen wir, denn die Geister lieben die Musik“, sagt der Mann mit den langen Haaren in einem einzigen Satz.
Wir reichen einander die Hände auf der Tischplatte und der Mann und das Weib stimmen leise einen Choral an.
Sie singen beide falsch, aber eine so echte Demut und Ergriffenheit klingt aus den Tönen, daß es mich unwillkürlich ergreift.
Mutschelknaus sitzt regungslos; seine Augen strahlen vor seliger Erwartung.
Das fromme Lied verstummt.
Die Nähterin ist eingeschlafen; ich höre ihre röchelnden Atemzüge. Sie hat den Kopf zwischen die Arme auf den Tisch gelegt.
Eine Uhr tickt an der Wand; alles andere bleibt totenstill.
„Es ist nicht genug Kraft da“, sagt der Mann und blickt mich vorwurfsvoll von der Seite an, als sei ich schuld daran.
Da knistert es im Schrank, wie wenn Holz risse.
„Sie kommt!“ flüstert der Alte erregt.
„Nein, es ist Pythagoras“, belehrt uns der Mann mit den langen Haaren.
Das fette Weib schluckt.
Diesmal knistert und knackt es im Tisch, die Hände der Nähterin fangen an rhythmisch zu zucken wie unter dem Taktschlag ihres Pulses.
Einen Augenblick hebt sie den Kopf — die Iris ist nach oben gedreht unter das Lid, man sieht nur das Weiße —, dann läßt sie ihn wieder sinken.
Ich habe einmal einen kleinen Hund sterben sehen; es war genau so; sie ist über die Schwelle des Todes hinübergeglitten, fühle ich.
Das rhythmische Zucken ihrer Hände überträgt sich auf den Tisch. Es ist, als ginge ihr Leben in ihn ein.
Unter meinen Fingern fühle ich ein leises Pochen im Holz, wie wenn Blasen aufsteigen und bersten. Eine eisige Kälte kommt aus ihnen, wie sie platzen, verbreitet sich und bleibt über der Platte schweben.
„Es ist Pythagoras!“ sagt der Mann mit den langen Haaren im Brustton der Überzeugung.
Die kalte Luftschicht über dem Tisch wird lebendig und beginnt zu kreisen; ich muß an den „ertötenden Nordwind“ denken, von dem mein Vater damals um Mitternacht zu dem Kaplan sprach.
Plötzlich erschüttert ein lauter Schlag das Zimmer: der Stuhl, auf dem die Näherin saß, ist weggerissen worden; sie selbst liegt langausgestreckt auf dem Boden.
Das Weib und der Mann heben sie auf eine Bank, die beim Ofen steht; sie schütteln den Kopf, als ich sie frage: „Hat sie sich nicht verletzt?“, und setzen sich wieder an den Tisch.
Ich kann von meinem Platz aus nur den Körper der Nähterin erkennen; das Gesicht ist durch den Schatten des Schrankes verdeckt.
Unten vor dem Hause fährt ein Lastwagen vorbei, die Wände zittern; das Rollen der Räder ist längst verklungen, aber das Beben in den Mauern bleibt seltsamerweise bestehen.
Oder täusche ich mich? Sind vielleicht nur meine Sinne schärfer geworden und können wahrnehmen, was ihnen sonst entgangen wäre: das feine Nachvibrieren der Dinge, das viel später erlischt, als man gemeinhin glaubt?
Zuweilen muß ich die Augen schließen, so erregend wirkt der rote Schein des Nachtlichtes; wohin er fällt, quellen die Formen der Gegenstände auf und die Umrisse verschwimmen ineinander; der Körper der Nähterin gleicht einer lockeren Masse; sie ist von der Bank auf den Boden geglitten.
Ich habe mir fest vorgenommen, nicht eher aufzublicken, bis etwas Entscheidendes eintritt; ich will Herr über meine Sinne bleiben.
Ich fühle die innere Warnung: sei auf deiner Hut! Ein tiefes Mißtrauen, als sei etwas teuflisch Bösartiges, ein grauenhaftes Wesen wie aus Gift geronnen im Zimmer.
Die Worte aus Ophelias Brief: „Ich werde bei Dir sein und Dich vor jeglicher Gefahr behüten“ fallen mir ein, so deutlich, daß ich sie fast höre.
Da rufen die drei plötzlich wie aus einem Munde: „Ophelia!“
Ich schaue auf und sehe: über dem Körper der Nähterin schwebt ein bläulicher Dunstkegel aus kreisendem Nebel, die Spitze aufwärts gekehrt, ein zweiter ähnlicher senkt sich, die Spitze nach unten, von der Decke herab und tastet nach ihm, bis sie sich verbunden haben zur Gestalt einer menschengroßen Sanduhr.
Dann ist ihre Form mit einemmal, — wie das Bild einer Laterna magica, das jemand mit einem Ruck scharf einstellt, — klar umrissen und—Ophelia steht da, leibhaftig und wirklich.
So deutlich und körperhaft, daß ich laut aufschreie und auf sie zueilen will.
Ein Angstruf in mir — in der eigenen Brust —, ein doppelter Angstschrei aus zwei Stimmen reißt mich im letzten Augenblick zurück:
„Halte dein Herz fest! Christopher!“
„Halte dein Herz fest!“ gellt es in mir, als riefen der Urahn und Ophelia zu gleicher Zeit durcheinander.
Der Spuk schreitet mit verklärtem Gesicht auf mich zu. Jede Falte des Gewandes ist genau wie sie im Leben war. Dasselbe Minenspiel, dieselben schönen, träumerischen Augen, die schwarzen, langen Wimpern, die feingezeichneten Brauen, die schmalen, weißen Hände, — sogar die Lippen sind rot und lebensfrisch. — Nur das Haar ist von einem Schleier verhüllt. Sie neigt sich zärtlich über mich, ich fühle ihr Herz klopfen; sie küßt mich auf die Stirn und schlingt die Arme um meinen Hals. — Die Wärme ihres Körpers dringt in mich ein. — „Sie ist zum Leben erwacht!“ — sage ich mir, — „es kann kein Zweifel sein!“
Mein Blut will heiß werden und das Mißtrauen beginnt einem süßen Glücksgefühl zu weichen, aber immer angstvoller schreit in mir Ophelias Stimme; es ist wie ein ohnmächtig verzweifeltes Händeringen:
„Verlaß mich nicht! Hilf mir! — — — Er trägt nur meine Maske!“ — glaube ich endlich in Worten zu verstehen, dann erstickt die Stimme wie hinter Tüchern.
„Verlaß mich nicht!?“ das war ein Hilferuf! Er hat mich bis ins Innerste getroffen!
Nein, meine Ophelia, die du in mir wohnst, ich verlasse dich nicht!
Ich beiße die Zähne zusammen und werde kalt, — kalt vor Mißtrauen.
„Wer ist dieser ‚Er‘, der Ophelias Maske tragen soll?“ frage ich im Geiste und starre forschend der Spukgestalt ins Gesicht: da huscht über das Antlitz des Phantoms ein statuenhafter Ausdruck steinerner Leblosigkeit, die Pupillen ziehen sich zusammen, als habe sie ein Lichtstrahl getroffen.
Es war wie das blitzschnelle Ausweichen eines Wesens, das sich fürchtet, erkannt zu werden; aber so rasch es geschah, einen Herzschlag lang habe ich in den Augen des Gespenstes statt meiner selbst das winzige Bildnis eines fremden Kopfes gesehen.
Im nächsten Moment hat sich die Spukgestalt von mir gelöst und schwebt mit ausgebreiteten Armen auf den Drechslermeister zu, der sie, laut weinend vor Liebe und Glück, umfängt und ihre Wangen mit Küssen bedeckt.
Ein unbeschreibliches Grauen erfaßt mich. Ich fühle, wie sich mir die Haare sträuben vor Entsetzen. Die Luft, die ich atme, lähmt mir die Lungen wie ein eisiger Hauch.
Das Bild des fremden Kopfes, winzig wie eine Nadelspitze und dennoch klarer und schärfer als alles, was ein Auge sehen kann, schwebt mir vor.
Ich schließe die Lider und halte es im Geiste fest. Das Antlitz beständig mir zugekehrt, will es entrinnen; es irrt umher wie ein Funken in einem Spiegel, dann zwinge ich es, still zu stehen und wir starren uns an.
Es ist das Gesicht eines Wesens, mädchenhaft und zugleich das eines Jünglings, von einer unbegreiflichen fremdartigen Schönheit.
Die Augen haben keine Iris, sind leer wie die eines Marmorbildes und glitzern wie Opal.
Ein leiser, kaum sichtbarer, aber durch seine Verstecktheit um so furchtbarerer Ausdruck einer allzerstörenden Erbarmungslosigkeit liegt um die schmalen blutleeren, an den Mundwinkeln mit feinen Linien in die Höhe gezogenen Lippen. — Die weißen Zähne schimmern durch die seidendünne Haut; ein grausiges Lächeln der Knochen.
Der optische Punkt zwischen zwei Welten ist dieses Antlitz, ahne ich; die Strahlen eines haßerfüllten Reiches der Vernichtung sind gesammelt darin wie in einer Brennlinse: der Abgrund aller Auflösung, dessen schwächstes Sinnbild der Todesengel ist, lauert hinter ihm. —
„Was ist diese Gestalt, die da Ophelias Züge vortäuscht?“ frage ich mich angstvoll. „Woher kam sie, welche Kraft des Universums hat ihr Konterfei lebendig gemacht? Es wandelt, bewegt sich voll Liebreiz und Güte und dennoch ist es die Maske einer satanischen Kraft; — wird der Dämon in ihm plötzlich die Hülle abwerfen und uns in höllischer Scheußlichkeit angrinsen, bloß um ein paar armselige Menschen in Verzweiflung und Enttäuschung zurückzulassen?“
„Nein,“ begriff ich; „um solch nichtiger Zwecke willen offenbart sich der Teufel nicht“; ob das Uralte in mir es flüsterte, ob es die lebendige Stimme Ophelias in meinem Herzen war, die da sprach, oder die wortlose Erkenntnisquelle meines eigenen Wesens, — ich weiß es nicht mehr, aber ich verstand: „die unpersönliche Kraft alles Bösen ist es, die nach stummen Naturgesetzen handelnd, wunderbare Dinge hervorzaubernd, in Wirklichkeit nur ein höllisches Gaukelspiel im Sinne des Gegensatzes treibt. — Was da die Maske Ophelias trägt, ist kein raumerfüllendes Wesen, — es ist das magische Erinnerungsbild in dem Drechslermeister, das unter metapsychischen Bedingungen, deren Ablauf und Grundlage wir nicht kennen, sich sichtbar und greifbar gemacht hat — vielleicht zu dem teuflischen Zweck, die Kluft, die das Reich der Toten von dem der Lebenden trennt, noch zu erweitern. — Die noch nicht zu reiner kristallisierter Persönlichkeitsform gestaltete Seele der armen hysterischen Nähterin hat, aus dem Körper des Mediums gequollen wie eine plastisch knetbare magnetische Masse, die Hülle geborgt, aus der die Sehnsucht des alten Drechslermeisters jenes Phantom schuf. — Das Medusenhaupt, das Symbol der versteinernden Macht des Abwärtssaugens, ist hier am Werke im kleinen, kommt segnend wie Christus zu den Armen, schleicht sich ein wie der Dieb in der Nacht in die Hütten der Menschen.
Ich blicke auf: der Spuk ist verschwunden, die Nähterin röchelt, meine Hände liegen noch auf dem Tisch; die andern haben sie gefaltet. — Mutschelknaus beugt sich zu mir und flüstert: „Sag nicht, daß es meine Tochter Ophelia war, es soll niemand erfahren, daß sie tot ist; sie wissen nur, es war eine Erscheinung eines Wesens aus dem Paradies, das mich lieb hat.“
Wie ein Kommentar zu meinen Erwägungen beginnt da feierlich die Stimme des Mannes mit den langen Haaren; — streng wie ein Oberlehrer richtet er das Wort an mich:
„Danken Sie Pythagoras auf den Knien, junger Mann! Auf Herrn Mutschelknaus’ Bitte habe ich mich an ihn durch das Medium gewendet, damit er Sie zu unserer Sitzung zulasse, auf daß Sie von ihren Zweifeln genesen! — — Der geistige Stern Fixtus hat sich im Weltall gelöst und fliegt auf unsere Erde zu. — Die Auferstehung aller Toten ist nahe. — Schon sind die ersten Vorboten auf dem Wege. Sie werden unter uns wandeln die Geister der Abgeschiedenen wie unseresgleichen und die wilden Tiere werden wieder Gras fressen wie einstens im Garten Eden. — Ist es nicht so? Hat Pythagoras das nicht gesagt?“
Das fette Weib gluckst bejahend.
„Junger Mann, lassen Sie die Eitelkeit der Welt fahren! Ich bin durch ganz Europa gewandert (er deutet auf seine Sandalen) und sage Ihnen: es gibt nicht eine Straße, selbst nicht im kleinsten Dorf, in der heute keine Spiritisten wären. Bald wird sich die Bewegung wie eine Springflut über die ganze Welt ergießen. Die Macht der katholischen Kirche ist gebrochen, denn der Heiland kommt in eigener Gestalt.“
Mutschelknaus und das fette Weib nicken entzückt, — sie haben aus den Worten eine frohe Botschaft heraus gehört, die ihrer Sehnsucht Erfüllung verheißt; — mir aber werden sie zur Prophezeiung einer kommenden furchtbaren Zeit.
So wie ich vorhin das Haupt der Meduse in den Augen des Spuks sah, so höre ich jetzt aus dem Munde des Mannes mit den langen Haaren ihre Stimme; das eine wie das andere in die Maske der Erhabenheit gekleidet. Die gespaltene Zunge einer Viper der Finsternis ist es, die da spricht. Sie redet vom Heiland und meint den Satan. Sie sagt: die wilden Tiere werden wieder Gras fressen! — Mit dem Gras meint sie die Arglosen — die große Menge — und mit den wilden Tieren: die Dämonen der Verzweiflung.
Das Furchtbare an der Prophezeiung ist — ich fühle es: daß sie in Erfüllung gehen wird! — Das Furchtbarste: daß sie gemischt ist aus Wahrheit und infernalischer Tücke! Die leeren Masken der Toten werden auferstehen, aber nicht die Heißersehnten, die Hingegangenen, nach denen die Irdischen weinen! Sie werden tanzen kommen zu den Lebenden, aber es wird nicht der Anbruch des tausendjährigen Reiches sein: — ein Ballfest der Hölle soll es werden, ein satanisch frohlockendes Erwarten des Hahnschreis eines nimmerendenden, grausigen kosmischen Aschermittwochs!
„Soll heute schon die Zeit der Verzweiflung für den alten Mann und die andern, die hier sitzen, anbrechen? Wünschest du es?“ — höre ich es wie stumm fragenden Hohn aus der Stimme der Meduse klingen, „ich will dich nicht hindern, Christopher! Sprich! — Sag ihnen, der du dich meiner Gewalt entronnen glaubst, — sag ihnen, daß du mich gesehen hast in den Pupillen des Phantoms, das ich aus den krebsigen Keimen des verwesenden Seelenkleides jener Nähterin baute und wandeln hieß! — — Sag ihnen doch alles, was du weißt! Ich will dir beistehen, damit sie dir glauben!
Mir kann es recht sein, wenn du besorgen willst, was Pflicht meiner Diener ist. — Sei doch ein Vorbote des großen weißen Dominikaners, der die Wahrheit bringen soll, wie dein braver Ahnherr hofft! — — Sei nur ein Diener der herrlichen Wahrheit, zur Kreuzigung will ich dir gerne verhelfen! — Sag diesen da mutig die Wahrheit; ich freue mich schon zu sehen, wie ‚erlöst‘ sie sich fühlen werden!“
Die drei Spiritisten schauen mich an, erwartungsvoll, daß ich dem Mann mit den langen Haaren eine Antwort gebe. Ich gedenke der Stelle in Ophelias Brief, in der sie mich bat, ihrem Ziehvater hilfreich beizustehen, ich zögere: soll ich sagen, was ich weiß? Ein Blick in die vor Seligkeit glänzenden Augen des Alten raubt mir den Mut. Ich bleibe stumm.
Was ich bis dahin nur mit flachem Verstande gewußt, so wie Menschenkinder „wissen“, das wühlt jetzt meine ganze Seele auf: die brennende Erkenntnis: der furchtbare Riß, der durch die ganze Natur geht, ist nicht nur auf die Erde beschränkt, — der Kampf zwischen Liebe und Haß, der Zwiespalt zwischen Himmel und Hölle reicht bis in die Welt der Abgeschiedenen hinein, weit über das Grab hinaus.
Nur in den Herzen der Lebendiggewordenen im Geiste haben die Toten wahrhaft Ruhe, fühle ich; dort allein ist Rast und Zuflucht für sie; schlafen die Herzen der Menschen, so schlafen auch die Toten darin; wachen die Herzen geistig auf, so werden auch die Toten lebendig und nehmen Teil an der Welt der Erscheinung, ohne der Qual, die dem irdischen Dasein anhaftet, unterworfen zu sein.
Das Bewußtsein der Ohnmacht und gänzlichen Hilflosigkeit ergreift mich, wie ich mir überlege: was soll ich tun, jetzt wo es in meine Hand gegeben ist zu schweigen oder zu reden? — was soll ich später tun als reifer Mann, vielleicht als ein Vollendeter, als ein magisch Vollkommengewordener? Die Zeit steht vor der Tür, wo die Lehre des Mediumismus einer Pestwelle gleich die Menschheit überfluten wird, das fühle ich als Gewißheit. Ich male mir aus: „der Abgrund der Verzweiflung muß die Menschen verschlingen, wenn sie dereinst nach kurzem Taumel des Glücks sehen werden: die Toten, die da den Gräbern entsteigen, lügen, lügen, lügen, ärger als je ein Geschöpf der Erde lügen konnte, — sind dämonische Scheinwesen, sind Embryos, einer infernalischen Begattung entsprossen!
Welcher Prophet wird dann stark und groß genug sein, ein solches geistiges Ende der Welt aufzuhalten?!“ — — —
Mit einemmal, mitten in mein stummes Selbstgespräch hinein, überkommt mich eine seltsame Empfindung: es ist, als würden meine beiden Hände, die immer noch, untätig, auf der Tischplatte ruhen, von Wesen ergriffen, die ich nicht sehen kann; eine neue magnetische Kette hat sich gebildet, ahne ich, — ähnlich wie bei Beginn der Sitzung, nur bin ich jetzt der einzig lebende Teilnehmer.
Die Nähterin auf dem Boden richtet sich auf und kommt zum Tisch; ihre Miene ist ruhig, als sei sie vollkommen bei Bewußtsein.
„Es ist Pytha — es ist Pythagoras!“ sagt der Mann mit den langen Haaren stockend, aber aus dem wankenden Tonfall seiner Stimme klingt der Zweifel; das normale nüchterne Aussehen des Mediums scheint ihn zu verblüffen.
Die Nähterin sieht mich fest an und sagt mit einer tiefen Stimme, wie ein Mann, zu mir:
„Du weißt, daß ich nicht Pythagoras bin!“
Ein schneller Blick in der Runde belehrt mich, daß die andern nicht hören, was sie spricht; der Ausdruck ihrer Gesichter ist leer. Die Nähterin nickt bestätigend: „Ich rede nur zu dir, die Ohren der andern sind taub! Das Reichen der Hände ist ein magischer Prozeß; verbinden sich Hände, die noch nicht geistig lebendig sind, so taucht das Reich des Medusenhauptes aus dem Abgrund der Vergangenheit auf und die Tiefe speit die Larven der Toten aus; die Kette der lebendigen Hände jedoch ist der Schutzwall, der den Hort des obersten Lichtes beschirmt; die Diener des Medusenhauptes sind unsere Werkzeuge, aber sie wissen es nicht; sie glauben, sie zerstören, aber in Wahrheit schaffen sie Raum der Zukunft; wie Würmer, die das Aas verzehren, zernagen sie den Leichnam der materialistischen Weltanschauung, dessen Fäulnisgeruch die Erde verwesen ließe, wenn sie nicht wären; sie hoffen, ihr Tag bricht an, wenn sie die Gespenster der Toten unter die Menschen schicken! Wir lassen sie freudig gewähren. Sie wollen einen leeren Raum schaffen, der Irrsinn und äußerste Verzweiflung heißt und alles Leben verschlingen soll; aber sie kennen das Gesetz der „Erfüllung“ nicht! Sie wissen nicht, daß aus dem Reich des Geistes nur die Quelle der Hilfe springt, wenn die Not da ist.
Und diese Not schaffen sie selber.
Sie tun mehr als wir: sie rufen den neuen Propheten herab. Sie stürzen die alte Kirche und ahnen nicht, daß sie die neue rufen. Sie wollen das Lebendige fressen und fressen nur das Verwesende. Sie wollen die Hoffnung der Menschen auf das Jenseits vertilgen und vertilgen nur das, was fallen soll. Die alte Kirche ist schwarz geworden und lichtlos, aber der Schatten, den sie in die Zukunft wirft, ist weiß; die vergessene Lehre der ‚Lösung mit Leichnam und Schwert‘ wird die Grundlage der neuen Religion sein und das Rüstzeug des geistigen Papstes.
„Sorge dich nicht um diesen da“ — die Nähterin richtete ihren Blick auf den teilnahmslos vor sich hinschauenden Drechsler — „und auch nicht um seinesgleichen; keiner, der es redlich meint, wandert dem Abgrund zu.“
Den Rest der Nacht habe ich auf der Bank im Garten zugebracht, bis die Sonne kam, froh war ich im Wissen: hier zu meinen Füßen schläft nur die Form meiner Geliebten, sie selbst ist wach wie mein Herz, ist untrennbar mit mir verbunden.
Das Morgenrot stieg aus dem Horizont, Nachtwolken hingen wie schwere, schwarze Vorhänge vom Himmel bis zur Erde herab, orangegelbe und violette Flecken formten ein riesenhaftes Gesicht, dessen starre Züge mich an das Medusenhaupt erinnerten; als wolle es die Sonne verschlingen, schwebte es regungslos lauernd. Das ganze Bild: ein Schweißtuch der Hölle mit dem Antlitz des Satans darin.
Ich habe, ehe die Sonne kam, ihr wie zum Gruß den Zweig eines Holunderstrauches abgebrochen und, damit er wachsend und gedeihend selber ein Baum würde, ihn in die Erde gesteckt; mir war, als bereicherte ich dadurch die Welt des Lebens.
Noch ehe das große Licht erschien, hatten die ersten Boten seines Glanzes das Medusenhaupt vertilgt; in eine unabsehbare Schar weißer Lämmer verwandelt, trieben die vorher so drohend dunkeln Wolken über den strahlenden Himmel.
12
JENER MUSS WACHSEN, ICH ABER SCHWINDEN
Mit diesem Ausspruch Johannis des Täufers auf den Lippen erwachte ich eines Morgens; er hat wie ein Motto meinem Leben vorgestanden von dem Tage an, als ihn meine Zunge sprach, bis zu meinem zweiunddreißigsten Jahre.
„Er wird ein Sonderling wie sein Großvater,“ hörte ich die alten Leute raunen, wenn ich ihnen begegnete in der Stadt; „von Monat zu Monat geht es mehr bergab mit ihm.“
„Ein Müßiggänger ist er und stiehlt unserm Herrgott die Tage ab,“ murrten die Fleißigen, — „hat ihn schon jemand arbeiten sehen?“
In späteren Jahren, als ich ein Mann geworden war, hatte sich das Gerücht zu der Fama verdichtet: „er hat den bösen Blick, weicht ihm aus; sein Auge bringt Unglück!“ und die alten Weiber auf dem Marktplatz streckten mir die „Gabel“ entgegen — Zeigefinger und Mittelfinger gespreizt, um den „Zauber“ abzuwehren, oder sie schlugen das Kreuz. —
Dann wieder hieß es, ich sei ein Vampir, ein nur scheinbar Lebender, der den Kindern im Schlaf das Blut aussaugt; und wenn man am Halse eines Säuglings zwei rote Punkte fand, ging das Gerede, es seien die Spuren meiner Zähne. Viele wollten mich im Traum gesehen haben, halb Wolf, halb Mensch, und liefen schreiend davon, wenn sie mich auf der Straße erblickten. Die Stelle im Garten, wo ich zu sitzen pflegte, galt als verhext und niemand wagte sich am Durchlaß vorbei.
Eine Reihe wundersamer Geschehnisse verlieh den Gerüchten den Anschein, als ob sie auf Wahrheit beruhten.
Einmal, spät abends, lief ein struppiger, großer Hund von raubtierartigem Aussehen, den niemand kannte, aus dem Hause der buckligen Nähterin und die Kinder der Gasse riefen: „Der Werwolf, der Werwolf.“
Ein Mann schlug ihn mit einem Beil auf den Kopf und tötete ihn.
Fast zur selben Zeit hatte mich ein vom Dache fallender Stein am Schädel verletzt und als ich tags darauf eine Binde um die Stirne trug, hieß es, ich sei jener Nachtmahr gewesen und die Wunde des Werwolfs hätte sich auf mich übertragen.
Dann wieder begab es sich, daß ein Fremder, ein Landstreicher aus der Umgebung, der für geistesschwach galt, bei hellichtem Mittag auf dem Marktplatz mit allen Anzeichen des Entsetzens die Arme emporriß, als ich um die Ecke bog, und mit verzerrtem Gesicht, als habe er den Teufel gesehen, tot zu Boden stürzte.
Ein andermal schleppten Gendarmen einen Mann durch die Straßen, der, sich aus Leibeskräften wehrend, immerfort jammerte: „Wie kann ich jemand ermordet haben? Ich habe doch den ganzen Tag in der Scheune geschlafen!“
Ich kam zufällig des Weges; als der Mann mich erblickte, warf er sich zu Boden, deutete auf mich und schrie: „Laßt mich los, dort geht er doch. Er ist wieder lebendig geworden.“
„Sie alle haben das Medusenhaupt in dir gesehen,“ sagte mir jedesmal ein Gedanke, so oft sich dergleichen begab, „es wohnt in dir; die es sehen, die sterben, und die es nur fühlen, die entsetzen sich. Du hast das Todhafte, das Todbringende, das in jedem Menschen und auch in dir wohnt, damals gesehen in den Pupillen des Spuks. Der Tod wohnt in den Menschen, darum sehen sie ihn nicht; sie sind nicht ‚Christus‘-träger; sie sind Träger des Todes; er höhlt sie aus von innen wie ein Wurm. — Wer ihn aufgestöbert hat wie du, der kann ihn sehen, — dem wird er Gegen„stand“, dem stellt er sich ent„gegen“.
Und wahrlich: die Erde wurde damals von Jahr zu Jahr ein immer dunkleres Tal des Todes für mich. Wohin ich blickte, überall in Form, in Wort und Klang und Gebärde, als stetig wechselnder Einfluß umgab mich die schreckliche Herrin der Welt: die Meduse mit dem schönen und doch so grausigen Antlitz.
„Das irdische Leben ist das beständige qualvolle Gebären eines jede Sekunde neu entstehenden Todes“; das war die Erkenntnis, die mich Tag und Nacht nicht verließ; „nur um der Offenbarung des Todes willen ist das Leben da“: so war jegliches Denken in mir in das Gegenteil alles menschlichen Empfindens umgekehrt worden.
„Lebenwollen“ kam mir wie Raub und Diebstahl an meinen Mitwesen vor und das „Nicht-sterben-können“ wie der hypnotische Zwang der Meduse: „Ich will, daß du ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder bleibst und als solcher auf Erden wandelst.“
Der Satz des Evangeliums: „Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren, wer’s hasset, der wird’s erhalten“, begann hell leuchtend für mich aus der Finsternis zu steigen; ich begriff den Sinn: jener, der wachsen muß, das ist der Urahn, ich aber muß schwinden!
Als der Landstreicher auf dem Marktplatz tot umfiel und seine Mienen anfingen starr zu werden, stand ich in der Menge, die ihn umdrängte, und hatte das unheimliche Gefühl, seine Lebenskraft zöge wie ein erfrischender Regenhauch in meinen Körper ein.
Als sei ich in Wirklichkeit ein vampirhafter Blutsauger, hatte ich mich wie schuldbeladen weggeschlichen und trug das häßliche Bewußtsein mit fort: mein Leib erhält sich nur mehr am Leben, indem er es andern stiehlt, — er ist eine wandelnde Leiche, die das Grab um sein Recht betrügt; und daß ich nicht lebendig verwese wie ein Lazarus, verhindert nur die fremdartige Kälte meines Herzens und meiner Sinne. — — —
Die Jahre vergingen; ich kann fast sagen: ich merkte es bald nur noch daran, wie das Haar meines Vaters weißer und weißer wurde und seine Gestalt greisenhafter und gebeugter.
Um den Leuten keinen Anlaß zum Aberglauben zu geben, ging ich immer seltener aus, bis schließlich die Zeit gekommen war, wo ich jahrelang zu Hause blieb und nicht einmal mehr hinunter zur Gartenbank ging.
Ich hatte sie im Geiste hinauf in mein Zimmer getragen, saß stundenlang auf ihr und ließ die Nähe Ophelias mich durchströmen. Das waren die einzigen Stunden, wo das Reich des Todes mir nichts anhaben konnte.
Mein Vater war sonderbar schweigsam geworden; oft vergingen Wochen, ohne daß wir — einen Gruß am Morgen und einen des Abends ausgenommen — ein Wort gewechselt hätten.
Wir hatten uns das Sprechen fast abgewöhnt, aber, als bahnte sich der Gedanke neue Wege der Mitteilung, erriet jeder immer, wenn der andere etwas wünschte. Einmal war ich es, der ihm einen Gegenstand reichte, dann wieder holte er ein Buch vom Bord, blätterte darin und gab es mir, und fast jedesmal fand ich die Stelle aufgeschlagen, mit der ich mich innerlich gerade beschäftigt hatte.
Ich sah ihm an, daß er sich vollkommen glücklich fühlte; zuweilen ruhte sein Blick lange auf mir und der Ausdruck wunschloser Zufriedenheit lag darin.
Manchmal wußten wir beide genau: daß wir uns oft eine Stunde hindurch in den gleichen Gedankengängen bewegten; wir marschierten sozusagen geistig in so genauem Takt neben einander, daß schließlich doch die stummen Gedanken zu Worten wurden. — Aber das war dann nicht wie einst, wo „Worte zu früh oder zu spät kamen, aber nie zu rechter Zeit“, — es war vielmehr die Fortsetzung eines Denkprozesses und nicht mehr ein Wegetasten oder ein Anfangsuchen.
Solche Momente sind in meiner Erinnerung so lebendig, daß die ganze Umgebung in den kleinsten Einzelheiten mit wach wird, wenn ich jener Minuten gedenke.
So höre ich die Stimme meines Vaters wieder, Wort um Wort, Klang um Klang, wie ich hier niederschreibe, was er eines Tages sagte, als ich im Geiste erwogen hatte, was wohl der Zweck meiner seltsamen Erstorbenheit sein möchte:
„Kalt werden müssen wir alle, mein Sohn, aber bei den meisten bringt es das Leben nicht zustande, und da muß es der Tod besorgen. — — Sterben und Sterben ist nicht dasselbe.
Bei manchen Wesen stirbt in der Todesstunde soviel, daß man fast sagen kann: es ist nichts mehr da. Von einigen Menschen bleiben nur die Werke übrig, die sie auf Erden vollbracht haben: ihr Ruhm und ihre Verdienste leben eine Zeitlang fort und in gewissem Sinne seltsamer Weise sogar ihre Gestalt, denn man baut ihnen Standbilder. — Wie wenig dabei Gut und Böse eine Rolle spielt, sieht man daran, daß auch die großen Vernichter wie Nero oder Napoleon ihre Denkmäler haben.
Es kommt nur auf das Überragende der Taten an.
Von Selbstmördern oder Menschen, die auf gräßliche Weise ums Leben gekommen sind, behaupten die Spiritisten, sie seien für eine bestimmte Dauer an die Erde gebunden; ich neige eher zu der Ansicht, daß es nicht ihre Schemen sind, die da bei mediumistischen Sitzungen oder in Spukhäusern sichtbar und fühlbar werden, sondern vielmehr ihre Ebenbilder mitsamt gewissen Begleiterscheinungen ihres Todes; — so, als ob die magnetische Atmosphäre des Ortes die Vorgänge aufbewahrt und zu Zeiten wieder freigibt.
Viele Merkmale bei den Totenbeschwörungen der alten Griechen, wie z.B. denen des Teiresias, lassen erkennen, daß es so ist.
Die Sterbestunde ist nur der Moment einer Katastrophe, in der alles das wie von einem Sturmwind fortgerissen wird, was im Menschen während der Lebenszeit nicht hat zermürbt werden können. — Man kann auch sagen: der Wurm der Zerstörung zernagt zuerst die weniger wichtigen Organe: das ist das Altern; trifft sein Zahn die Lebenspfeiler, so stürzt das Haus zusammen. Das ist der normale Verlauf.
Ein solches Ende werde ich nehmen, denn mein Körper enthält zu viele Elemente, die alchemistisch zu verwandeln über meine Kraft ging. — Wenn du nicht wärst, mein Sohn, so müßte ich wiederkehren, um in einem neuen Erdendasein die unterbrochene Arbeit zu vollenden.
Es heißt in den Weisheitsbüchern des Ostens: hast du einen Sohn gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Buch geschrieben? Nur dann kannst du das ‚große Werk‘ beginnen. —
Um die Wiederkehr zu vermeiden, ließen die Priester und Könige des alten Ägyptens ihre Leiber einbalsamieren; sie wollten verhindern, daß die Erbschaft ihrer Zellen ihnen selbst wieder zufiele und sie zwänge, zu neuer Arbeit auf Erden zurückzukehren.
Irdische Talente, Mängel und Gebrechen, Wissen und Geistesgaben sind Eigenschaften der Körperform und nicht der Seele. — Ich für mein Teil als letzter Ast unseres Stammes habe die Körperzellen meiner Ahnen geerbt; sie gingen über von Geschlecht zu Geschlecht und zuletzt auf mich. — Ich fühle, du denkst dir jetzt, mein Sohn: wie kann das sein? wie können die Körperzellen des Großvaters auf den Vater übergehen, wenn der Erzeuger nicht vor der Geburt des Nachkommen gestorben ist? —
Die Vererbung der ‚Zellen‘ geschieht anders; sie tritt nicht sogleich bei Zeugung oder Geburt ein und auch nicht auf grobsinnliche Weise, etwa so, als gösse man Wasser aus einem Gefäß in ein anderes. Die bestimmte individuelle Art und Weise, wie sich die Zellen um einen Mittelpunkt herum kristallisieren, vererbt sich, und auch sie geschieht nicht plötzlich, sondern allmählich. Hast du nie bemerkt — es ist eine komische Tatsache, über die viel gelacht wird —, daß alte Junggesellen, die einen Lieblingshund haben, mit der Zeit ihre Ähnlichkeit auf das Tier übertragen? Es geht da ein astrales Wandern der ‚Zellen‘ von einem Leib in den andern vor sich: was man lieb hat, dem drückt man den Stempel des eigenen Wesens auf. Die Haustiere sind nur deshalb so bürgerlich klug, weil sich die Zellen der Menschen auf sie übertragen. Je inniger Menschen einander lieben, desto mehr ‚Zellen‘ tauschen sie aus, desto enger verschmelzen sie miteinander, bis dereinst nach Milliarden von Jahren der Idealzustand erreicht sein wird, daß die gesamte Menschheit ein einziges Wesen, gesammelt aus unzähligen Individuen, bildet. Am selben Tage, als dein Großvater starb, trat ich als sein einziger Sohn das letzte Erbe unseres Stammes an.
Ich habe nicht eine Stunde lang trauern können, so lebendig zog sein ganzes Wesen in mich ein! Für Laien mag es schauerlich klingen, aber ich kann sagen: ich fühlte förmlich, wie von Tag zu Tag sein Körper im Grabe zerfiel, ohne daß ich es als furchtbar oder widerwärtig empfunden hätte; sein Verwesen bedeutete für mich das Freiwerden gebundener Kräfte; wie Ätherwellen gingen sie in mein Blut über.
Wenn du nicht wärst, Christopher, müßte ich wiederkehren, solange, bis die ‚Vorsehung‘ es fügen würde — wenn ich dieses Wort gebrauchen soll —, daß ich selber die Eignung bekäme wie du: ein Wipfel statt eines Astes zu sein.
Du, mein Sohn, wirst die letzten Zellen meiner Form, die ich nicht habe zur Vollendung bringen können, in meiner Sterbestunde erben, und an dir wird es sein, sie zu alchemisieren, zu vergeistigen und mit ihnen unsern ganzen Stamm.
An mir und den Vätern konnte es nicht geschehen, daß wir uns ‚mit dem Leichnam lösten‘, denn uns hat die Herrscherin der Fäulnis nicht so gehaßt, wie sie dich haßt. Nur wen die Meduse haßt und fürchtet zugleich, so wie sie dich haßt und fürchtet, dem kann es gelingen; sie selbst vollbringt an ihm das, was sie verhindern möchte. Wenn die Stunde gekommen ist, wird sie mit so grenzenloser Wut über dich herfallen, um jedes Atom in dir zu verbrennen, daß sie in dir ihr eigenes Spiegelbild mitvernichten wird und auf diese Art das erschaffen wird, was der Mensch aus eigener Kraft niemals vermag: sie wird ein Stück von sich selbst töten und dir dein ewiges Leben bringen; sie wird zum Skorpion, der sich selber ersticht. Dann ist die große Umwandlung da: nicht mehr das Leben gebiert den Tod, sondern der Tod erzeugt das Leben!
Ich sehe mit jubelnder Freude, daß du, mein Sohn, der berufene Wipfel unseres Stammes bist! Du bist kalt geworden in jungen Jahren, wir alle sind warm geblieben trotz Alter und Morschsein. Der Geschlechtstrieb — ob er sich nun offenbart wie bei der Jugend, oder ob er sich versteckt wie beim Greis — ist die Wurzel des Todes; sie auszutilgen, ist das vergebliche Bemühen aller Asketen. Sie sind wie der Sisyphus, der ruhelos einen Felsen den Berg hinaufrollt, um voll Verzweiflung sehen zu müssen, daß er vom Gipfel wieder in die Tiefe stürzt; sie wollen das magische Kaltsein erringen, ohne das es kein Übermenschentum gibt, und fliehen das Weib; und doch ist es nur das Weib allein, das ihnen Hilfe bringen kann. Das Weibliche, das hier auf Erden vom Manne getrennt ist, muß in ihn einziehen, muß in ihn in eins verschmelzen; dann erst ist alle Sehnsucht des Fleisches gestillt. Erst wenn diese beiden Pole einander decken, dann ist die Ehe — der Ring — geschlossen, dann ist die Kälte da, die in sich selber bestehen bleibt, die magische Kälte, die die Gesetze der Erde zerbricht, die nicht mehr der Gegensatz der Wärme ist, die jenseits liegt von Frost und Hitze und aus der wie aus dem Nichts hervorquillt alles, was die Macht des Geistes gläubig zu erschaffen vermag.
Der Geschlechtstrieb ist das Joch vor dem Triumphwagen der Meduse, an den wir geschirrt sind.
Wir Alten haben alle geheiratet, aber ver‚ehe‘licht waren wir nicht; du hast nicht geheiratet, aber du bist der einzige, der ver‚ehe‘licht ist; darum bist du kalt geworden, wir aber mußten warm bleiben.
Du verstehst, was ich meine, Christopher!“
Ich sprang auf und ergriff mit beiden Händen die Hand meines Vaters; das Leuchten in seinen Augen sagte mir: ich weiß.
Es kam der Tag Mariä Himmelfahrt; es ist der Tag, an dem man mich vor zweiunddreißig Jahren als Neugeborenen auf der Schwelle der Kirchentüre gefunden hat.
Wiederum, wie einst im Fieber nach meiner Kahnfahrt mit Ophelia, hörte ich nachts die Türen im Hause gehen, und als ich lauschte, erkannte ich die Schritte meines Vaters, wie er von unten heraufkam und sein Zimmer betrat.
Ein Geruch nach brennenden Wachskerzen und glimmendem Lorbeer drang zu mir herein.
Wohl eine Stunde mochte vergangen sein, da rief seine Stimme leise meinen Namen.
Ich eilte zu ihm in die Stube, von seltsamer Unruhe erfaßt, und sah an den scharfen, tiefen Linien in seinen Wangen und der Blässe seines Gesichtes, daß seine Sterbestunde gekommen war.
Er stand hoch aufgerichtet da, aber mit dem Rücken an die Wand gelehnt, um nicht zu fallen.
Der Anblick, den er bot, war so fremdartig, daß ich eine Sekunde lang geglaubt hatte, ein anderer stünde vor mir.
Er war in einen langen, bis zum Boden reichenden Mantel gehüllt; um die Hüften an einer goldenen Kette hing ihm ein nacktes Schwert.
Ich erriet, daß er beides aus den unteren Stockwerken des Hauses geholt haben mußte.
Die Tischtafel war mit einem schneeweißen Linnen gedeckt, aber nur einige silberne Leuchter mit brennenden Kerzen und ein Räuchergefäß standen darauf.
Ich sah, daß er wankte und mit dem Röcheln seines Atems kämpfte, wollte zuspringen, um ihn zu stützen, aber er wehrte mich ab mit vorgestreckten Armen:
„Hörst du sie kommen, Christopher?“
Ich lauschte, aber alles blieb totenstill.
„Siehst du, wie die Türe sich öffnet, Christopher?“
Ich blickte hin, aber für meine Augen blieb sie geschlossen.
Wieder schien es, als solle er zusammenbrechen, aber noch einmal richtete er sich hoch auf und ein Glanz trat in seine Augen, wie ich ihn nie zuvor an ihm gesehen hatte.
„Christopher!“ rief er plötzlich mit so eherner Stimme, daß es mir durch Mark und Bein fuhr. „Christopher! Meine Mission ist zu Ende. Ich habe dich erzogen und behütet, wie es mir vorgeschrieben war. Komm her zu mir, ich will dir das Zeichen geben!“ Er faßte mich an der Hand und verflocht seine Finger auf eine besondere Weise mit den meinigen. „Auf diese Art“, setzte er leise hinzu, und ich hörte, daß sein Atem wieder zu stocken begann, „hängen die Glieder der großen unsichtbaren Kette zusammen; ohne sie vermagst du wenig; bist du aber eingeschaltet, so kann dir nichts widerstehen, denn bis in die fernsten Räume des Weltalls helfen dir die Mächte unseres Ordens. Höre mich an: Mißtraue allen Gestalten, die dir entgegentreten im Reiche der Magie! Jegliche Form können die Mächte der Finsternis vortäuschen, sogar die unseres Meisters; auch den Griff, den ich dir gezeigt habe, können sie äußerlich nachahmen, um dich irre zu führen, aber zugleich unsichtbar bleiben — das können sie nicht. Würden sie versuchen, als Unsichtbare sich einzugliedern in unsere Kette: im selben Moment wären sie in Atome zerfetzt!“ Er wiederholte das Handzeichen. „Merke dir ihn gut, den Griff! Wenn sich dir eine Erscheinung aus der andern Welt naht, und solltest du sogar glauben, ich sei es: immer verlange den Griff! Die Welt der Magie ist voll von Gefahren.“
Die letzten Worte gingen in ein Röcheln über, ein Schleier legte sich über den Blick meines Vaters und er ließ das Kinn auf die Brust sinken.
Dann stand sein Atem plötzlich still; ich fing ihn in meinen Armen auf, trug ihn behutsam auf sein Lager und hielt die Totenwacht, bis die Sonne kam, seine rechte Hand in der meinigen, die Finger zum „Griff“ gefügt, wie er es mich gelehrt hatte.
Auf dem Tisch fand ich einen Zettel, darauf stand:
„Laß meinen Leichnam begraben mit Ornat und Schwert neben meiner lieben Frau! Der Kaplan soll eine Messe lesen. Nicht meinetwegen, denn ich lebe, aber um seiner Beruhigung willen: er war mir ein treu besorgter Freund.“
Ich nahm das Schwert und betrachtete es lange. Es war aus Roteisenerz, dem sogenannten „Blutstein“, wie man ihn häufig auf Siegelringen sieht, gefertigt, anscheinend asiatische Arbeit und uralt.
Der Griff, rötlich und matt, war dem Oberkörper eines Menschen mit höchster Kunst nachgeahmt. Die abwärts gestreckten, halb ausgebreiteten Arme bildeten die Parierstange, der Kopf war der Knauf. Das Gesicht trug unverkennbar mongolischen Typus und war das eines sehr alten Mannes mit schütterem, langem Bart, wie man es auf den Bildern chinesischer Heiligen sieht. Auf dem Haupte trug er eine seltsam geformte Ohrenkappe. Die Beine, nur durch Gravierung angedeutet, liefen in die glänzend geschliffene Klinge aus. Das Ganze war aus einem einzigen Stück gegossen oder geschmiedet.
Ich hatte ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, als ich es in der Hand hielt, eine Empfindung, als gingen Ströme des Lebens von ihm aus.
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