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erwärmte ich ihn zu lange in meiner Brust.

Darum habe ich die Erinnerung an die Spanne Zeit, die für mich Ophelia heißt und einen kurzen Frühling und einen langen Herbst bedeutet, gleichsam in eine gläserne Kugel gebannt, darinnen verschlossen der Knabe, halb Kind halb Jüngling, lebt, der ich einst gewesen bin.

Ich sehe durch die Wandung des Glases hindurch mich selbst; aber es ist ein Bild wie in einem Guckkasten — es kann mich nicht mehr verstricken mit seinem Zauber.

Und so wie dieses Bild vor mir steht, in dem Glase erwacht, sich wandelt und erlischt, will ich — ein abgeschiedener Berichterstatter — es schildern.

Alle Fenster in der Stadt stehen offen, die Simse sind rot von den blühenden Geranien; weißer, lebendiger, duftender Frühlingskerzenschmuck blüht auf den Kastanienbäumen, die die Ufer des Flusses umsäumen.

Laue, unbewegliche Luft unter dem blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Die gelben Zitronenfalter und bunten Schmetterlinge flattern über den Wiesen, als spiele ein leiser Wind mit tausend bunten Fetzen Seidenpapiers.

In den hellen Mondnächten glühen die Augen der fauchenden und in Liebespein schreienden und miauenden Katzen auf den silberglitzernden Dächern.

Ich sitze im Treppenhaus auf dem Geländer und horche hinüber zum offenen Fenster des dritten Stockes, wo hinter Gardinen, die mir den Anblick des Zimmers verhüllen, zwei Stimmen, eine tiefe, pathetische, männliche, die ich hasse, und die leise, schüchterne eines Mädchens ein seltsames, mir unverständliches Gespräch führen:

„Soin oder nicht soin, das ist hier die Frage. O Nümpfe, schlüß in dein Gebet all meine Sünden ein.“

„Mein Prinz, wie geht es euch seit soviel Tagen?“ haucht die schüchterne Stimme.

„Göh in ein Kloster, Ophelia!“

Ich bin sehr gespannt, was weiter kommt, aber plötzlich verfällt die männliche Stimme ohne mir erkennbaren Grund, als habe sich der Sprecher in ein Uhrwerk verwandelt, dessen Feder abschnurrt, in ein halblautes, sich überstürzendes Geschnatter, aus dem ich nur einige sinnlose Sätze auffischen kann: „Warum wolltest du Kinder zur Welt bringen, ich bin selbst leidlich tugendhaft; wenn du heiratest, so gebe ich dir diesen Fluch zur Aussteuer; sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee oder nimm einen Narren zum Mann, und das schleunig, leb’ wohl!“

Worauf die Mädchenstimme schüchtern antwortet:

„O, welch ein edler Geist ist hier zerstört! Himmlische Mächte, stellt ihn wieder her.“

Dann schweigen beide und ich höre ein dünnes Händeklatschen.

Nach einer halben Stunde Totenstille, während welcher fetter Bratengeruch aus dem Fenster dringt, fliegt gewöhnlich ein noch glimmender, zerkauter Zigarrenstummel zwischen den Gardinen hervor, prallt funkenstiebend von der Mauer unseres Hauses ab und fällt hinunter auf das Pflaster des Durchlasses.

Bis zum späten Nachmittag sitze ich und starre hinüber.

Jedesmal klopft mir das Herz vor freudigem Schreck, wenn sich die Vorhänge bewegen: Wird Ophelia ans Fenster kommen? Was, wenn sie es wirklich ist, soll ich dann aus meinem Versteck auftauchen?

Ich habe eine rote Rose gepflückt; werde ich mich getrauen, sie ihr hinüberzuwerfen? Ich müßte doch etwas dazu sagen!? Was nur?

Aber es kommt nicht dazu.

Die Rose in meiner heißen Hand fängt an welk zu werden und drüben ist noch immer alles wie ausgestorben. Nur der Geruch von gebranntem Kaffee hat den Bratenduft abgelöst ...

Da, endlich: Frauenhände schieben die Gardinen zur Seite. Einen Augenblick dreht sich alles vor mir, dann beiße ich die Zähne zusammen und werfe entschlossen die Rose in das offene Fenster hinein.

Ein leiser Aufschrei der Überraschung und — Frau Aglaja Mutschelknaus steht im Rahmen.

Ich kann nicht so schnell untertauchen; sie hat mich bereits entdeckt.

Ich werde blaß, denn jetzt ist alles verraten!

Doch das Schicksal will es anders. Frau Mutschelknaus zieht süßlich die Mundwinkel in die Höhe, legt die Rose auf ihren Busen wie auf ein Postament und schlägt verwirrt die Augen nieder; dann, als sie sie seelenvoll wieder aufschlägt und erkennt, daß nur ich es war, verzerrt sich ihr Gesicht ein wenig. Aber sie dankt mir durch ein Neigen des Hauptes und entblößt dabei freundlich einen Eckzahn.

Mir wird, als habe mich ein Totenkopf angelächelt; dennoch bin ich froh! Wenn sie erraten hätte, wem die Blume gegolten hat, wäre ja alles aus gewesen!

Eine Stunde später freue ich mich sogar, daß alles so gekommen ist. Kann ich doch von jetzt an ruhig wagen, jeden Morgen Ophelia einen ganzen Strauß aufs Fenstersims zu legen; ihre Mutter wird es ja nur auf sich beziehen.

Vielleicht wird sie glauben, die Blumen kämen von meinem Pflegevater, dem Baron Jöcher!

Ja ja, das Leben macht klug.

Einen Moment lang habe ich einen häßlichen Geschmack im Mund, als habe mich der heimtückische Gedanke vergiftet, doch gleich darauf ist es wieder weg und ich lege mir zurecht, ob es nicht am gescheitesten wäre, ich ginge sofort auf den Friedhof, neue Rosen stehlen. Später kommen Leute hin, um auf den Gräbern zu beten, und abends sind die Gitter geschlossen.

Unten auf der Bäckerzeile begegne ich dem Schauspieler Paris, wie er mit knarrenden Stiefeln aus dem Durchlaß kommt.

Er weiß, wer ich bin, das sehe ich ihm an.

Er ist ein dicker, alter, glattrasierter Herr mit Hängebacken und einer Schnapsnase, die ihm bei jedem Schritt zittert.

Er hat ein Barett auf, eine Nadel mit silbernem Lorbeerkranz in der Halsbinde und auf dem Schmerbauch eine Uhrkette, aus blonden Frauenhaaren geflochten. Sein Rock und seine Weste sind aus braunem Sammet; seine flaschengrünen Hosen schließen ganz eng um die dünnen Beine und sind so lang, daß sie unten lauter Falten haben wie eine Ziehharmonika.

Ob er errät, daß ich auf den Friedhof gehe? Und warum ich dort Rosen stehlen will? Und für wen? Ach was, das weiß doch nur ich allein! Ich blicke ihm trotzig ins Gesicht, grüße ihn absichtlich nicht, aber mir stockt der Herzschlag, als ich bemerke, daß er mich unter halbgeschlossenen Lidern fest, beinahe lauernd anschaut, stehen bleibt, nachdenklich an seiner Zigarre saugt und dann die Augen schließt, wie jemand, dem ein sonderbarer Einfall gekommen ist.

Ich gehe so schnell wie möglich an ihm vorbei, da höre ich ihn laut und unnatürlich hinter mir räuspern, als wolle er beginnen, eine Rolle zu deklamieren:

„Hem—m—, —mhm, hemm.“

Mich packt ein eiskalter Schreck, und ich fange an zu laufen — ich kann nicht anders, ich muß! Trotzdem mir eine Ahnung sagt: Tu’s nicht! Du verrätst dich selber!

Ich habe in der Morgendämmerung die Laternen ausgelöscht und mich wieder auf das Geländer gesetzt, obwohl ich weiß, es werden Stunden vergehen, bis Ophelia kommt und drüben das Fenster öffnet. Aber ich fürchte mich, ich könnte verschlafen, wenn ich mich statt zu warten nochmals ins Bett legte.

Ich habe ihr drei weiße Rosen aufs Sims gelegt und war so aufgeregt gewesen, daß ich dabei fast in den Durchlaß hinabgestürzt wäre.

Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, ich läge unten mit zerschmetterten Gliedern, man trüge mich ins Zimmer, Ophelia erführe es, erriete den Zusammenhang, käme an mein Krankenlager und küßte mich voll Rührung und Liebe.

So rede ich mich in einen kindisch sentimentalen Traum hinein; dann wieder schäme ich mich und werde innerlich rot, daß ich so albern bin; aber die Vorstellung, Ophelias wegen Schmerzen zu leiden, ist mir so süß.

Gewaltsam reiße ich mich los von dem Bild: Ophelia ist neunzehn Jahre und eine junge Dame, und ich bin nur siebzehn; obwohl ich ein wenig größer bin als sie. Sie würde mich nur küssen wie man ein Kind küßt, das sich verletzt hat. Und ich will doch ein erwachsener Mann sein, und für einen solchen ziemt es sich nicht, hilflos im Bett zu liegen und sich von ihr pflegen zu lassen. Es ist knabenhaft und weibisch!

So träume ich mir ein anderes Phantasiegebilde zurecht: es ist Nacht, die Stadt schläft, da fällt Feuerschein in mein Fenster, ein Schrei läuft plötzlich durch die Straßen: das Nachbarhaus steht in Flammen! Keine Rettung ist mehr möglich, denn herabfallende glimmende Balken versperren die Bäckerzeile.

Drüben im Zimmer brennen die Gardinen lichterloh; aber ich springe hinüber aus dem Fenster unseres Treppenhauses und rette meine bewußtlose Geliebte, die halberstickt, wie tot, auf dem Boden liegt im Nachtgewand, aus Glut und Rauch.

Das Herz klopft mir bis zum Zerspringen vor Freude und Begeisterung; ich fühle ihre bloßen Arme um meinen Hals gelegt, wie ich sie, die Ohnmächtige, in meinen Armen trage, und die Kühle ihrer regungslosen Lippen, wie ich sie mit Küssen bedecke. So lebhaft stelle ich mir alles vor.

Immer wieder und wieder von neuem wandert das Bild durch mein Blut, als habe in all seinen betörend süßen Einzelheiten es sein Kreislauf mitgerissen, so daß ich nie mehr davon werde loskommen können. Ich freue mich, denn ich weiß, der Eindruck ist so tief, daß ich heute Nacht wirklich und lebendig davon träumen werde. Aber wie weit ist noch bis dahin!

Ich beuge mich aus dem Fenster und spähe nach dem Himmel: es will nicht Morgen werden. Ein ganzer langer Tag trennt mich noch von der Nacht. Fast fürchte ich mich davor, daß der Morgen früher kommen muß als die Nacht, denn er kann mir ja alles zerstören, worauf ich hoffe! Die Rosen können herunterfallen, wenn Ophelia ihr Fenster öffnet, und sie sieht sie dann gar nicht. Oder sie sieht sie und — nimmt sie, was dann? Werde ich auch den Mut haben, mich nicht sofort zu verstecken? Mir wird eisig kalt, denn ich weiß, ich werde bestimmt den Mut nicht haben. Aber ich tröste mich damit, daß sie erraten könnte, von wem die Rosen sind.

Sie muß es erraten! Es ist doch unmöglich, daß die heißen, sehnsuchtsvollen Gedanken der Liebe, die von meinem Herzen ausgehen, an dem ihrigen abprallen sollten, wenn sie auch stumm und schüchtern sind!

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, so lebhaft ich es vermag, daß ich drüben an ihrem Bette stehe, mich über die Schlummernde beuge und sie küsse mit dem glühenden Wunsche, sie möge von mir träumen.

So deutlich habe ich mir alles ausgemalt, daß ich eine Weile lang gar nicht mehr weiß: bin ich eingeschlafen gewesen, oder was war mit mir? Ich hatte die drei weißen Rosen drüben auf dem Sims geistesabwesend angestarrt, bis sie in dem Dämmerlicht des Morgengrauens zerflossen waren. Jetzt sind sie wieder da, aber mich quält der Gedanke, daß ich sie auf dem Friedhofe gestohlen habe.

Warum habe ich denn nicht rote gestohlen? Die gehören dem Leben! Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Toter, wenn er aufwacht und es fehlten rote Rosen auf seinem Grabe, sie zurückfordern würde.

Endlich ist die Sonne aufgegangen. Der Raum zwischen den beiden Häusern ist erfüllt vom Licht ihrer Strahlen; mir ist, als schwebten wir hoch über den Wolken der Erde, denn unten der Durchlaß ist unsichtbar geworden; er ist verschlungen von den Nebelschleiern, die der Morgenwind vom Fluß her durch die Gassen weht.

Eine helle Gestalt bewegt sich drüben im Zimmer — ich halte den Atem an in Bangigkeit — klammere mich fest mit beiden Händen am Treppengeländer, um nicht davonzulaufen.

Ophelia!

Ich traue mich lange nicht hinzusehen. Das scheußliche Gefühl, eine unsagbare Albernheit begangen zu haben, würgt mich. Der Glanz des Traumlandes ist wie weggewischt. Ich fühle: er wird nie mehr wiederkehren und ich werde mich auf der Stelle in die Tiefe stürzen müssen oder sonst etwas Furchtbares begehen, um die schauderhafte Lächerlichkeit, die jetzt losbrechen muß, falls es so kommt wie ich fürchte, noch im Keim zu ersticken.

Ich mache einen letzten dummen Versuch, mich vor mir selber zu retten, indem ich krampfhaft an meinem Ärmel reibe, als sei ein Fleck dort.

Dann begegnen sich unsere Augen.

Ophelias Gesicht ist wie mit Blut übergossen; ich sehe, wie ihre feinen, weißen Hände, die die Rosen halten, zittern.

Wir wollen beide etwas sagen und können nicht; jedes sieht, daß das andere sich nicht traut.

Einen Augenblick später ist Ophelia wieder verschwunden.

Ich bin ganz klein in mich zusammengekauert, wie ich so auf der Treppenstufe sitze, und weiß nur: statt meines Ichs wohnt jetzt eine bis zum Himmel lodernde Freude in mir. Eine Freude, die ein jubelndes Gebet des Nicht-mehr-sich-fassen-wollens ist.

Kann es denn wirklich sein?

Ophelia ist doch eine junge erwachsene Dame! Und ich?

Aber nein! Sie ist so jung wie ich; ich sehe ihre Augen wieder im Geiste — deutlicher noch als vorher in der Wirklichkeit des Sonnenlichtes. Und ich lese darin: sie ist ein Kind wie ich. So wie sie kann nur ein Kind blicken! Kinder sind wir beide noch; sie fühlt es nicht, daß ich nur ein dummer Junge bin!

Ich weiß, so wahr in mir ein Herz schlägt, das sich ihretwegen in tausend Stücke zerreißen ließe, daß wir uns heute noch begegnen werden, ohne uns suchen zu müssen; ich weiß auch, daß es nach Sonnenuntergang in dem kleinen Gärtchen am Fluß vor unserem Hause sein wird, ohne daß eines dem andern es zu sagen brauchte!

5

DAS GESPRÄCH UM MITTERNACHT

So wie die weltvergessene kleine Stadt, umgürtet vom wandelnden Flusse, einer ruhevollen Insel gleich in meinem Herzen lebt, so ragt als Eiland, umströmt von den Fluten der Unrast aus jenen Jugendtagen, die mir Ophelia heißen, das Andenken eines Gespräches, das ich eines Nachts belauschte.

Ich hatte, wie damals wohl stündlich, von meiner Geliebten geträumt, da hörte ich, daß der Baron in seinem Studierzimmer einem Besucher die Türe öffnete; und an der Stimme erkannte ich den Kaplan.

Er kam zuweilen, auch in später Stunde noch, denn sie waren alte Freunde, und sie unterhielten sich dann bei einem Glase Wein zumeist bis tief nach Mitternacht über allerlei philosophische Fragen, berieten auch wohl, wie meine Erziehung zu gestalten sei, kurz, sie sprachen über Dinge, die mir wenig am Herzen lagen.

Der Baron duldete nicht, daß ich die Schule besuchte.

„Unsere Schulen sind die Hexenküchen, in denen der Verstand so lange verbildet wird, bis das Herz verdurstet ist. Wenn das glücklich gelungen ist, bekommt man das Zeugnis der Reife“, pflegte er zu sagen.

Daher gab er mir immer nur Bücher zu lesen, die er aus seiner Bibliothek sorgsam auswählte, nachdem er zuvor in mir geforscht hatte, wie meine Wißbegier jeweils beschaffen war, aber er prüfte mich niemals, ob ich sie auch wirklich gelesen hatte.

„Was dein Geist will, daß in deinem Gedächtnis haften bleibe,“ war sein Lieblingsspruch, „das wirst du dir merken, denn er gibt dir zugleich die Freude daran. Der Schulmeister aber ist wie der Tierbändiger; der eine meint, es sei wichtig, daß Löwen durch Reifen springen, der andere schärft den Kindern ein, daß der gottselige Hannibal sein linkes Auge in den pontinischen Sümpfen verlor; der eine macht aus einem Wüstenkönig einen Zirkusclown, der andere aus einer Gottesblume ein Sträußchen Petersilie.“

Ein ähnliches Gespräch mochten die beiden Herren auch jetzt wieder geführt haben, denn ich hörte den Kaplan sagen:

„Ich würde mich fürchten, ein Kind so dahintreiben zu lassen wie ein Schiff ohne Steuer; ich glaube, es müßte stranden.“

„Als ob nicht die meisten Menschen strandeten!“ rief der Baron erregt dazwischen. „Ist vielleicht jemand nicht gestrandet, vom höheren Standpunkte des Lebens aus gesehen, wenn er nach einer hinter Schulfenstern vertrauerten Jugend — sagen wir mal: Rechtsgelehrter geworden ist, sich verheiratet, um seinen Essig auf Kinder zu vererben, dann krank wird und stirbt? Glauben Sie, daß sich seine Seele zu solchem Zweck den komplizierten Apparat, Menschenleib genannt, geschaffen hat?!“

„Wohin kämen wir, wenn alle so dächten wie Sie!“ wendete der Kaplan ein.

„Zum segensreichsten und schönsten Zustand des Menschengeschlechtes, der sich denken läßt! Jeder würde anders wachsen, keiner wäre dem andern gleich, jeder wäre ein Kristall, dächte und fühlte in anderen Farben und Bildern, liebte anders und haßte anders, wie der Geist in ihm will, daß er tue. Den Satz von der Gleichheit der Menschen muß der Feind aller Buntheit, der Satan, erfunden haben.“

„So glauben Sie also doch an den Teufel, Baron. Sie leugnen es sonst immer!“

„Ich glaube an den Teufel so, wie ich an die ertötende Kraft des Nordwinds glaube! — Wer aber kann mir die Stelle im Weltall zeigen, wo die Kälte entspringt? — Dort müßte der Teufel thronen. — Das Kalte läuft nur dem Warmen nach, denn es will selber warm werden. Der Teufel will zu Gott kommen, der eisige Tod zum Feuer des Lebens; das ist der Ursprung aller Wanderung. — — Es soll einen absoluten Nullpunkt der Kälte geben? — Gefunden hat ihn noch keiner. Es wird ihn auch nie einer finden; so wenig wie jemand den absoluten magnetischen Nordpol finden kann; wenn er einen Stabmagneten verlängert oder zerbricht, immer wird der Nordpol dem Südpol entgegengesetzt sein, einmal wird die Stelle, die beide in der Erscheinung trennt, kürzer sein und das anderemal länger, berühren werden sich die Pole nie, oder der Stab müßte ein Ring werden und der Magnet aufhören, ein Stabmagnet zu sein. — Ob man die Quelle des einen Poles in der Endlichkeit sucht oder die des andern, — man begibt sich immer auf eine Wanderung in die Unendlichkeit. Sehen Sie dort an der Wand das Bild: Das ‚Abendmahl‘ von Leonardo da Vinci! Dort ist auf Menschen übertragen, was ich vorhin in bezug auf Magnete sowohl, wie auf die Erziehung durch die Seele, sagen wollte. Bei jedem Jünger des ‚Abendmahls‘ ist die Mission, die seine Seele hat, in symbolischer Hand- und Fingerstellung angedeutet; bei allen ist die rechte Hand in Tätigkeit, ob sie sich nun auf den Tisch stützt, dessen Kante in sechzehn Teile geteilt ist, was die sechzehn Buchstaben des alten römischen Alphabets bedeuten könnte, oder ob sie verbunden ist mit der linken Hand. Bei Judas Ischarioth allein agiert die Linke und die Rechte ist geschlossen! — Johannes der Evangelist, von dem Jesus sagte, er werde bleiben, weshalb unter den Jüngern die Rede ging, er werde nicht sterben, — hat beide Hände gefaltet, das heißt: er ist ein Magnet, der keiner mehr ist; er ist ein Ring in der Ewigkeit; er ist kein Wanderer mehr.

Mit solchen Fingerstellungen hat es eine eigene Bewandtnis! Sie bergen die tiefsten Mysterien der Religionen.

Im Orient finden Sie sie auf allen Götterstatuen, aber auch auf den Gemälden fast sämtlicher unserer großen mittelalterlichen Meister sehen Sie sie wiederkehren.

In unserer Familie, dem Stamme der Freiherren von Jöcher, hat sich die Legende vererbt, unser Ahnherr, der Laternenträger Christopher Jöcher, sei aus dem Osten eingewandert und habe von dort das Geheimnis mitgebracht, durch eine Art Fingergestikulation die Schemen der Toten herbeizurufen und sie sich zu allerlei Zwecken willfährig zu machen.

Eine Urkunde, die ich besitze, besagt, er sei Mitglied eines uralten Ordens gewesen, der sich einmal nennt: ‚Schi-Kiai‘ das ist auf deutsch: ‚Die Lösung der Leichname‘ und dann an anderer Stelle wieder: ‚Kieu-Kiai‘, das ist: die ‚Lösung der Schwerter‘.

Von Dingen wird da berichtet, die Ihrem Ohr sehr sonderbar klingen mögen; mit Hilfe der Kunst, die Hände und Finger geistig-lebendig zu machen, sei der oder jener des Ordens samt seinem Leichnam aus dem Grabe verschwunden, und wieder andere hätten sich in der Erde in Schwerter verwandelt.

Fällt Ihnen da nicht eine merkwürdige Übereinstimmung auf, Hochwürden, mit der Auferstehung Christi? — Insbesondere, wenn Sie die rätselhaften Handgesten auf den Bildwerken des Mittelalters und des asiatischen Altertums damit in Verbindung bringen?“

Ich hörte, wie der Kaplan unruhig wurde, mit schnellen Schritten im Zimmer auf- und abging, dann stehen blieb und mit gepreßter Stimme ausrief:

„Was Sie mir da sagen, Herr Baron, klingt mir zu sehr nach Freimaurertum, als daß ich, der ich doch katholischer Priester bin, es ohne Widerspruch hinnehmen könnte. Was Sie den ertötenden Nordwind nennen, das ist für mich Freimaurerei und alles, was damit zusammenhängt. Ich weiß sehr wohl, und wir haben ja oft genug über dieses Thema gesprochen, daß alle großen Maler und Künstler ein gemeinsames Band umschloß, das sie die Zunft nannten, und daß sie ihre Zusammengehörigkeit einander über Länder hinweg kundgaben, indem sie geheime Zeichen — zumeist durch Fingerstellungen und Handgesten — auf den Figuren ihrer Bilder oder durch den Winkblick von Wolkengesichtern, bisweilen auch durch Farbenwahl — anbrachten. Die Kirche hat ihnen oft genug, ehe sie ihnen Aufträge für Heiligenbilder erteilte, das feierliche Versprechen abgenommen, derlei zu unterlassen, aber immer wieder wußten sie es zu umgehen. Man verargt es der Kirche, daß sie sagt, wenn auch nicht vor jedermanns Ohren: die Kunst sei vom Teufel. Ist das für einen strenggläubigen Katholiken so unverständlich? Wo man doch weiß, daß die Künstler ein offenbar gegen die Kirche gerichtetes Geheimnis besaßen und behüteten?

Ich kenne einen Brief eines damaligen großen Malers, worin dieser einem spanischen Freunde gegenüber offen die Existenz des geheimen Bundes eingesteht.“

„Auch ich kenne jenen Brief“, fiel der Baron lebhaft ein. „Der Maler schreibt darin so ungefähr — ich habe den Wortlaut nicht mehr gegenwärtig —: ‚Geh du zu dem und dem, einem Manne namens X, und bitte ihn fußfällig, er möge mir nur einen einzigen Wink geben, damit ich endlich Einblick bekomme, wie das Geheimnis weiter zu handhaben ist. Ich will nicht bis ans Lebensende nur ein Maler sein!‘ Was geht daraus hervor, lieber Kaplan? Doch wohl, daß jener berühmte Künstler, so hoch er auch äußerlich eingeweiht gewesen sein mag, in Wirklichkeit nur ein Blinder war. Daß er Freimaurer war, und das heißt für mich so viel wie: er war ein Handlanger im Ziegeleischupfen, der nur außen am Bau herumklettert, und zur Zunft gehörte, ist nicht zu bezweifeln. Auch haben Sie ganz recht, wenn Sie sagen, alle Architekten, Maler, Bildhauer, Goldschmiede und Ziseleure damaliger Zeit sind Freimaurer gewesen. Aber, und darauf kommt es hier an: sie kannten nur die äußeren Riten und begriffen sie bloß im ethischen Sinne; sie waren nur Werkzeuge jener unsichtbaren Macht, die Sie als Katholik irrtümlicherweise für den Meister der ‚Linken Hand‘ halten; Werkzeuge waren sie, nichts sonst, zu dem einzigen Zweck, gewisse Geheimnisse in symbolischer Form der Nachwelt aufzubewahren, bis die Zeit reif sein wird. Doch sie blieben stecken auf dem Wege und kamen nicht vorwärts, weil sie immer hofften, ein Menschenmund könne ihnen den Schlüssel geben, der das Tor aufsperrt; sie ahnten nicht, daß er in der Betätigung der Kunst selber vergraben liegt; sie begriffen nicht, daß Kunst einen tiefern Sinn birgt, als bloß Bilder zu malen oder Dichtwerke zu schaffen, nämlich den: eine Art überfeinen Tast- und Wahrnehmungsgefühls im Künstler selbst zu erwecken, dessen erste Kundgebung ‚richtiges Kunstempfinden‘ heißt. Auch ein heute lebender Künstler, sofern sich ihm durch seinen Beruf die inneren Sinne erschließen für die Einflüsse dieser Macht, wird in seinen Werken jene Symbole wieder auferstehen lassen können; er braucht sie durchaus nicht aus dem Munde eines Lebenden erfahren zu haben, braucht keineswegs in diese oder jene Loge aufgenommen zu sein! Im Gegenteil: tausendmal klarer als Menschenzunge spricht der ‚unsichtbare Mund‘. Was ist wahre Kunst denn anderes als das Schöpfen aus dem ewigen Reiche der Fülle?!

Wohl gibt es Menschen, die mit vollem Recht den Namen ‚Künstler‘ führen dürfen und doch nur besessen sind von einer finstern Kraft, die Sie von Ihrem Standpunkt aus ruhig als ‚der Teufel‘ bezeichnen dürfen. Was sie schaffen, gleicht aufs Haar dem Höllenreich des Satans, wie es sich der Christ vorstellt; ihre Werke tragen den Hauch des eisigen, erstarrenden Nordens, wohin doch schon das Altertum den Sitz der menschenhassenden Dämonen verlegte; die Ausdrucksmittel ihrer Kunst sind: Pest, Tod, Irrsinn, Mord, Blut, Verzweiflung und Verworfenheit. — —

Wie sollen wir uns nun solche Künstlernaturen erklären? Ich will es Ihnen sagen: ein Künstler ist ein Mensch, in dessen Hirn das Geistige, das Magische das Übergewicht über das Materielle erlangt hat. Das kann auf zweierlei Weise geschehen: bei den einen — nennen wir sie die ‚teuflischen‘ — ist das Gehirn durch Ausschweifung, durch Lustseuche, durch ererbte oder angewöhnte Laster im Begriffe zu entarten; dann wiegt es sozusagen leichter auf der Wagschale des Gleichgewichtes und das ‚Schwerer- oder Offenbarwerden in der Erscheinungswelt‘ und das Herabsinken des Magischen tritt von selber ein: die Wagschale des Geistigen senkt sich herab, nur weil die andere leichter und nicht, weil sie selbst schwerer wird. In diesem Falle haftet dem Kunstwerk der Geruch der Fäulnis an. Es ist, als trüge der Geist ein Kleid, leuchtend im Phosphorschein der Verwesung.

Bei den anderen Künstlern — ich will sie die ‚Gesalbten‘ nennen — hat sich der Geist, wie der Ritter Georg, die Macht über das Tier erkämpft: bei ihnen senkt sich die Wage des Geistes in die Erscheinungswelt hernieder kraft eines eigenen Gewichtes. Dann trägt der Geist das goldene Gewand der Sonne.

In beiden aber ist das Gleichgewicht der Wage verschoben zugunsten des Magischen; beim Durchschnittsmenschen hat nur das Tier Gewicht; die ‚Teuflischen‘ wie die ‚Gesalbten‘ werden bewegt vom Winde des unsichtbaren Reiches der Fülle, der eine vom Nordwind, der andere vom Hauch des Morgenrots. Der Durchschnittsmensch hingegen bleibt ein starrer Klotz.

Wer ist nun jene Macht, die sich der großen Künstler bedient wie eines Werkzeugs, das den Zweck hat, die symbolischen Riten der Magie der Nachwelt aufzubewahren?

Ich sage Ihnen: es ist dieselbe, die einst die Kirche schuf. Sie baut zwei lebendige Säulen zu gleicher Zeit, die eine weiß, die andere schwarz. Zwei lebendige Säulen, die einander solange hassen werden, bis sie erkennen, daß sie nur die Pfeiler für einen künftigen Triumphbogen sind.

Erinnern Sie sich der Stelle im Evangelium, wo Johannes sagt: ‚So aber die vielen anderen Dinge sollten geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären.‘

Wie erklären Sie, Hochwürden, daß nach Ihrem Glauben dem Willen Gottes gemäß wohl die Bibel auf unsere Zeiten kam, die Überlieferung jener ‚andern Dinge‘ hingegen nicht?

Ist sie ‚verloren‘ gegangen? So wie ein Knabe sein Taschenmesser ‚verliert‘?

Ich sage Ihnen, jene ‚andern Dinge‘ leben heute noch, haben immer gelebt und werden immer lebendig bleiben und stürben auch alle Münder, die sie sagen, und alle Ohren, in die sie gesprochen werden könnten. Der Geist wird sie immer wieder flüsternd beleben und sich neue Künstlerhirne schaffen, die schwingen, wenn er es will, und sich neue Hände bauen, die schreiben, so wie er es befiehlt.

Das sind jene Dinge, um die Johannes wußte und weiß — die Geheimnisse, die bei ‚Christus‘ waren und die er einbegriff, als er Jesum, sein Werkzeug, sagen ließ: ‚Ehe denn Adam war, war Ich‘.

Ich sage Ihnen — mögen Sie sich nun bekreuzigen oder nicht: die Kirche hat mit Petrus begonnen, vollendet wird sie erst durch Johannes! Was das heißt? Lesen Sie einmal das Evangelium, als sei es eine Prophezeiung, was aus der Kirche werden wird! Vielleicht geht Ihnen dann ein Licht auf, was es — in diesem Sinne gesehen — bedeutet, daß Petrus Christum dreimal verleugnet hat und sich ärgerte, als Jesus von Johannes sagte: ‚Ich will, daß er bleibe.‘ Zu Ihrem Troste will ich hinzufügen: Wohl wird, das glaube ich und sehe es kommen, die Kirche sterben, aber sie wird neu auferstehen und so, wie sie sein sollte. Noch ist keiner und nichts auferstanden, das nicht vorher gestorben wäre: nicht einmal Jesus Christus.

Ich kenne Sie zu gut als ehrlichen Menschen, der es mit seiner Pflicht genau nimmt, als daß ich nicht wüßte, Sie hätten sich oft und oft gefragt: Wie durfte es nur geschehen, daß unter den Geistlichen, sogar unter den Päpsten, Verbrecher sein konnten, Unwürdige ihrer Weihe, Unwürdige, den Namen Mensch zu tragen? Ich weiß auch, Sie hätten gesagt, würde Sie jemand um eine Erklärung solcher Tatsachen gebeten haben: ‚Sündlos und unbefleckbar ist nur das Amt und nicht der, der das Amt bekleidet.‘ Glauben Sie ja nicht, lieber Freund, daß ich etwa zu denen gehöre, die über eine solche Erklärung höhnen oder siebengescheit eine verächtliche aalglatte Heuchelei dahinter wittern; dazu erfasse ich den Sinn der Priesterweihe zu tief.

Ich weiß genau, vielleicht besser als Sie, wie groß die Zahl katholischer Geistlicher ist, die heimlich im Herzen den bangen Zweifel tragen: ‚Ist es wirklich die christliche Religion, die berufen sein soll, die Menschheit zu erlösen? Deuten nicht alle Zeichen der Zeit darauf hin, daß die Kirche morsch wird? Wird es wirklich kommen, das tausendjährige Reich? Wohl wächst wie ein riesiger Baum das Christentum, wo aber bleiben die Früchte? Immer größer von Tag zu Tag wird die Schar derer, die den Namen Christen tragen, aber immer weniger und weniger sind dessen würdig!‘

Woher kommt dieser Zweifel, frage ich Sie. Aus Glaubensschwäche? Nein! Er wächst folgerichtig aus dem unbewußten Erkenntnisgefühl, daß zu wenige unter den Priestern sind, die feurig genug wären, um den Weg der Heiligung zu suchen, wie es die Yogis und Sadhus Indiens tun. Es sind ihrer zu wenige, die das Himmelreich mit Gewalt nehmen. Glauben Sie mir: es gibt mehr Pfade zur Auferstehung, als die Kirche sich träumen läßt! Das laue Hoffen auf die ‚Gnade‘ tut’s freilich nicht. Wieviele in Ihrem Stande sind es denn, die von sich sagen können: ‚Wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit, schreit meine Seele, Gott, nach dir!‘?

Sie alle hoffen heimlich auf die Erfüllung der apokryphen Prophezeiung, die da sagt: zweiundfünfzig Päpste werden erscheinen, jeder trägt einen verborgenen lateinischen Namen, der seine Tätigkeit auf Erden umschreibt; der letzte wird ‚flos florum‘ heißen, das ist ‚Blüte der Blüten‘, und unter seinem Zepter bricht das tausendjährige Reich an.

Ich prophezeie Ihnen — und ich bin doch eher ein Heide als ein Katholik —, daß er Johannes heißen und die Spiegelung Johannis, des Evangelisten, sein wird; von Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der Freimaurer, die die Geheimnisse der Taufe mit Wasser behüten, ohne sie selber zu kennen, werden die Kräfte über die untere Welt ihm übertragen sein.

So wird aus zwei Säulen eine Triumphpforte werden!

Aber schreiben Sie heute in ein Buch: ‚An die Spitze der Menschheit als Führer gehört weder ein Soldat, noch ein Diplomat, weder ein Professor noch ein — Haubenstock, sondern einzig und allein ein Priester‘ — und ein Wutschrei wird durch die Welt gehen, wenn das Buch erscheint. Schreiben Sie hinein: ‚Die Kirche ist nur ein Stückwerk, ist nur die eine Hälfte eines in zwei Teile zerbrochenen Schwertes, solange nicht ihr Stellvertreter zugleich auch der vicarius Salomonis, der Ordensoberste, ist‘, und man wird das Buch auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Freilich, die Wahrheit würden sie weder verbrennen noch in den Boden stampfen können! Sie wird immer wieder offenbar; so, wie die Schrift über dem Altar der Marienkirche unserer Stadt, von der das bunte Brett immer wieder abfällt.

Ich sehe Ihnen an, auch Ihnen geht es gegen den Strich, daß es ein heiliges Geheimnis geben sollte, das den Widersachern der Kirche zu eigen wäre und von dem die katholische Kirche nichts wüßte. Dennoch ist es so, nur mit der wesentlichen Einschränkung, daß jene, die es behüten, mit ihm nichts anzufangen wissen, ihre Gemeinschaft ist eben die andere Hälfte des ‚zerbrochenen Schwertes‘ und kann den Sinn nicht erfassen. Es wäre auch wirklich mehr als grotesk, anzunehmen, daß die wackeren Begründer der Gothaschen Lebensversicherung ein magisches Arkanum zur Überwindung des Todes besäßen.“

Eine lange Pause entstand; die beiden alten Herren schienen ihren Gedanken nachzuhängen.

Dann hörte ich die Gläser klingen, und nach einer Weile fragte der Kaplan:

„Woher Sie nur all dieses seltsame Wissen haben mögen?“

Der Baron schwieg.

„Oder reden Sie nicht gern davon?“

„Hm. Je nach dem“, wich der Baron aus. „Manches hängt mit meinem Leben zusammen, manches ist mir zugeflogen, manches habe ich — hm — ererbt.“

„Daß man ein Wissen ererben kann, ist mir neu. Allerdings, von Ihrem seligen Herrn Vater erzählt man sich heute noch die merkwürdigsten Geschichten.“

„Was zum Beispiel?“ rief der Baron erheitert. „Das interessiert mich lebhaft.“

„Nun, man sagt, er sei — er sei —“

„Ein Narr gewesen!“ ergänzte der Baron fröhlich.

„Nicht gerade ein Narr. Oh, durchaus nicht! Aber ein Sonderling höchsten Grades. Er soll, so sagt man — aber Sie dürfen nicht etwa denken, ich glaubte so was! — er soll eine Maschine zur Erweckung des Wunderglaubens bei — na ja — des Wunderglaubens — bei Jagdhunden erfunden haben!“

„Ha ha ha!“ lachte der Baron los. So laut und herzlich und anhaltend, daß ich in meinem Bette angesteckt wurde und in das Taschentuch beißen mußte, um nicht zu verraten, daß ich zuhörte.

„Ich habe mir ja gleich gedacht, daß es Unsinn ist!“ entschuldigte sich der Kaplan.

„Oh“, der Baron schnappte noch immer nach Luft, „oh, durchaus nicht! Die Sache stimmt schon. Ha ha! Warten Sie einen Augenblick! Ich muß mich erst auslachen. Also, mein Vater war wirklich ein Original, wie es wohl keines mehr geben wird. Er besaß ein ungeheures Wissen, und was ein Kopf ausdenken kann, das hat er ausgedacht. Eines Tages blickte er mich lange an, klappte ein dickes Buch zu, in dem er gerade gelesen hatte, warf es auf den Boden (seitdem hat er nie mehr ein Buch in die Hand genommen) und sagte zu mir:

‚Bartholomäus, mein Junge, ich habe nunmehr erkannt, daß alles Blödsinn ist. Das Gehirn ist die überflüssigste Drüse, die der Mensch besitzt! Man sollte sie sich herausschneiden lassen wie die Mandeln. Ich gedenke heute ein neues Leben zu beginnen.‘

Schon am nächsten Morgen übersiedelte er in ein kleines Schloß auf dem Lande, das wir damals besaßen, und verbrachte dort den Rest seiner Tage; erst kurz vor seinem Tode kehrte er heim, um friedlich zu sterben, hier, im Stockwerk unter uns.

So oft ich ihn im Schloß besuchte, immer zeigte er mir etwas Neues. Einmal war es ein ungeheueres, wundervolles Spinnennetz an der Innenseite einer Fensterscheibe, das er behütete wie seinen Augapfel.

‚Siehst du, mein Sohn,‘ erklärte er mir, ‚hier hinter dem Netz zünde ich abends ein grelles Licht an, um die Insekten draußen anzulocken. Sie kommen in Scharen angesaust, können sich aber nicht ins Netz verfangen, denn die Fensterscheibe ist dazwischen. Die Spinne, die natürlich keine Ahnung hat, was Glas ist — denn wo käme so etwas im Freien vor! — kann sich das nicht erklären und greift sich wahrscheinlich an den Kopf. Tatsache ist, daß sie Tag für Tag ein immer größeres und feineres Netz webt. Ohne daß dies natürlich den Mangel auch nur im geringsten behöbe! Auf diese Weise will ich dem Biest das schamlose Vertrauen auf die Allgewalt des Verstandes allmählich abgewöhnen. Später, wenn es auf dem Wege der Wiederverkörperung ein Mensch geworden sein wird, wird es mir für solche weise Erziehung Dank wissen, denn es bringt dann einen unterbewußten Schatz an Erfahrung mit, der für es von größtem Wert sein kann. Mir hat offenbar, als ich noch eine Spinne war, ein solcher Erzieher gefehlt, sonst hätte ich schon als Kind die Bücher weggeschmissen!‘

Ein andermal führte er mich vor einen Käfig, in dem lauter Elstern waren. Er warf ihnen massenhaft Futter vor; sie stürzten sich gierig darauf und jede stopfte aus Neid, die anderen könnten schneller fressen, sich in Windeseile Schnabel und Kropf derart voll, daß keine mehr schlucken konnte.

‚Diesen Viechern verekle ich den Geiz und die Habsucht‘, erläuterte er. ‚Hoffentlich lassen sie im späteren Leben auch die öde Sparerei bleiben, eine Eigenschaft, die von allen den Menschen am häßlichsten macht!‘

‚Oder‘, wendete ich ein, ‚sie erfinden sich Rocktaschen und Geldschränke!‘ worauf mein Vater nachdenklich wurde und ohne ein Wort zu verlieren, den Vögeln die Freiheit wiedergab.

‚Gegen das da aber wirst du hoffentlich nichts einzuwenden haben!‘ brummte er stolz und führte mich auf einen Söller, auf dem eine Balliste — eine Art Steinschleudermaschine stand. ‚Siehst du die vielen Köter da unten auf der Wiese? Da flacken sie herum und lassen den lieben Gott einen braven Mann sein! Das Handwerk werde ich ihnen legen!‘ Er nahm einen Kiesel und schleuderte ihn auf einen der Hunde, der sofort entsetzt aufsprang, nach allen Seiten spähte, woher das Geschoß wohl gekommen sein möchte, dann ratlos zum Himmel aufsah und sich nach längerer Unruhe wieder niederlegte. Nach seinem verzweifelten Gebaren zu schließen, mußte ihm dergleichen Unbill schon des öftern widerfahren sein.

‚Dies ist die Maschine, die mit Geduld angewendet, in jedes Jagdhundes Herz, mag er noch so gottlos sein, unfehlbar den Keim dereinstigen Wunderglaubens lenken muß!‘ sagte mein Vater und warf sich in die Brust. ‚Lach‘ nicht, vorwitziger Knabe! Nenne mir einen Beruf, der wichtiger wäre! Glaubst du, die Vorsehung verführe mit uns anders, als ich es hier tue mit den Kötern?‘

Sehen Sie, ein solch hemmungsloses Kuriosum und doch voll Weisheit war mein Vater‘, schloß der Baron.

Nachdem sie sich beide herzlich ausgelacht hatten, fuhr er zu erzählen fort:

„Ein merkwürdiges Schicksal vererbt sich in unserer Familie. Glauben Sie aber, bitte, nicht, wenn Ihnen meine Worte vielleicht zu überhebend klingen werden, daß ich mich für etwas Besonderes oder für einen Auserwählten hielte! Allerdings habe ich eine Mission, aber eine sehr bescheidene. Freilich, mir scheint sie groß und ich halte sie heilig!

Ich bin der elfte aus dem Geschlechte der Jöcher; den Ahnherrn nennen wir die Wurzel, wir andern zehn, die Freiherren, heißen die Äste, unsere Vornamen beginnen alle mit einem ‚B‘, wie zum Beispiel Bartholomäus, Benjamin, Balthasar, Benedikt und so weiter. Nur die Wurzel, der Ahnherr Christopher, fängt mit ‚Ch‘ an. In unserer Familienchronik steht, der Ahnherr habe vorausgesagt, die Krone des Stammbaumes — der zwölfte — werde wiederum Christopher heißen. ‚Es ist seltsam,‘ habe ich mir oft gedacht, ‚alles, was er vorausgesagt hat, ist Wort für Wort eingetroffen, nur das letzte scheint nicht zu stimmen, denn ich habe doch keine Kinder!‘ Da geschah das Merkwürdige, daß ich von dem kleinen Jungen im Findelhaus, den ich jetzt adoptiert habe, hörte und ihn zu mir nahm, lediglich, weil er im Schlafe wanderte; eine Eigenschaft, die uns Jöchers allen anhaftet. Als ich dann erfuhr, er heiße Christopher, durchfuhr’s mich wie ein Blitz, und ich mußte förmlich nach Luft ringen, als ich das Kind damals nach Hause nahm, so sehr hatte mir die Aufregung den Atem verschlagen. Mein Geschlecht wird in der Chronik mit einer Palme verglichen, bei der immer ein Ast abfällt, um dem nächsten Platz zu machen, bis schließlich nur übrig bleiben: die Wurzel, die Krone und der glatte Stamm, der keinerlei Seitentrieb ansetzt, so daß der Saft aus dem Boden frei aufsteigen kann zum Wipfel. Niemals hatte irgend ein Vorfahr mehr als einen Sohn und nie eine Tochter, so daß das Gleichnis der Palme ungetrübt blieb.

Ich als der letzte Ast wohne noch obendrein hier im Hause unter dem Dache; es hat mich herauf getrieben, ich weiß selbst nicht warum! Nie haben meine Ahnen länger als zwei Generationen im selben Stockwerk gewohnt.

Mein Sohn, freilich, ist der liebe Junge nicht. Hier bricht die Prophezeiung entzwei. Das stimmt mich oft traurig, denn ich hätte natürlich gerne gesehen, daß die Krone des Stammbaumes ein Sproß aus meinem Blute und dem meiner Vorfahren gewesen wäre! Wie es da mit der geistigen Erbschaft werden soll? Aber was ist Ihnen, Kaplan? Warum starren Sie mich so an?“

Ich entnahm aus dem Geräusche eines umfallenden Sessels, daß der Geistliche aufgesprungen sein mußte.

Von da an ergriff es mich wie ein sengendes Fieber, das sich steigerte bei jedem Worte des Kaplans.

„Baron! Hören Sie!“ stieß er hervor. „Gleich, als ich eintrat, wollte ich es Ihnen sagen, aber ich schob es hinaus, bis ein günstiger Augenblick gekommen sein würde. Dann sprachen Sie, und im Laufe Ihrer Erzählung habe ich Momente lang den Zweck meines Kommens vergessen gehabt. Ich fürchte, ich reiße jetzt eine alte Wunde in Ihrem Herzen auf—“

„Reden Sie! Reden Sie!“ drängte der Baron.

„Ihre verschollene Gattin —“

„Nein, nein, nicht verschollen, sie lief davon! Nennen Sie es, so wie es war!“

„Ihre Gattin also und die Unbekannte, die vor ungefähr fünfzehn Jahren tot hier am Flusse antrieb und in dem Grabe mit den weißen Rosen draußen im Friedhof, das nur ein Datum, aber keinen Namen trägt, bestattet liegt, sind eine und dieselbe Person gewesen! Und — jetzt jauchzen Sie, mein lieber, alter Freund! — Ihr Kind kann nur — es ist gar nicht anders möglich — der kleine Findling Christopher sein. Sie sagten ja selbst, Ihre Frau sei schwanger gewesen, als sie von Ihnen ging! Nein, nein! Nicht fragen, woher ich das wissen kann! Ich würde es Ihnen nicht sagen, selbst nicht, wenn ich dürfte. Nehmen Sie an, jemand hätte es mir in der Beichte gesagt. Jemand, den Sie nicht kennen —“

Ich hörte nicht mehr, was weiter gesprochen wurde. Mir war bald heiß, bald kalt.

Jene Mitternacht hat mir Vater und Mutter geschenkt, aber auch das traurige Bewußtsein, daß ich das Grab derer, die mich geboren, um drei weiße Rosen bestohlen habe.

6

OPHELIA

Nach wie vor traben die Kinder hinter mir drein, wenn ich abends durch die Straßen ziehe, erhobenen Hauptes und stolz auf das Ehrenamt derer von Jöcher, jetzt, wo ich weiß: der Ahnherr ist auch der meinige; aber ihr Spottlied: „Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag“ klingt merklich dünner; die meisten von ihnen begnügen sich damit, taktmäßig in die Hände zu klatschen, oder sie singen bloß: „Trara.“

Gar die Erwachsenen! Die ziehen den Hut als Dank auf meinen Gruß, während sie früher nur genickt haben, und wenn sie mich vom Grabe meiner Mutter kommen sehen, wohin ich täglich gehe, stecken sie hinter mir die Köpfe zusammen und flüstern miteinander; es hat sich im Städtchen herumgesprochen, daß ich der leibliche Sohn des Freiherrn von Jöcher bin und nicht nur sein Adoptivkind!

Frau Aglaja knixt wie vor einer Prozession, so oft ich ihr begegne, und benützt jede Gelegenheit, das Wort an mich zu richten und sich nach meinem Befinden zu erkundigen!

Wenn sie mit Ophelia geht, laufe ich immer davon, damit wir beide nicht rot zu werden brauchen, daß die Alte so unterwürfig tut.

Der Drechslermeister Mutschelknaus erstarrt förmlich, wenn er mich erblickt; glaubt er noch ungesehen entkommen zu können, so schießt er zurück in seine Höhle wie eine entsetzte Maus.

Ich fühle, wie unsäglich er darunter leidet, daß gerade ich, der jetzt für ihn ein überirdisches Wesen bedeutet, der Mitwisser seines nächtlichen Geheimnisses sein muß.

Nur einmal habe ich ihn in seiner Werkstatt besucht, in der Absicht, ihm zu sagen, daß er sich doch wahrhaftig vor mir nicht zu schämen brauche; ein zweitesmal getraue ich es mir nicht mehr.

Ich wollte ihm sagen, wie hoch ich ihn schätzte, daß er sich so für seine Familie aufopfert.

Ich wollte die Worte meines Vaters gebrauchen, „daß jeder Beruf edel sei, den die Seele für würdig hielte nach dem Tode fortzuführen“, und freute mich schon im Herzen darauf, welchen erlösenden Eindruck sie auf ihn machen würden, aber ich kam gar nicht zu solcher Rede.

Er riß einen Vorhang vom Fenster und warf ihn über den Sarg, damit ich die Hasen nicht sehen solle, breitete die Arme aus, beugte den Oberkörper rechtwinkelig vor und blieb in dieser chinesischen Stellung, das Gesicht zur Erde gerichtet, stehen, ohne mich anzusehen, und wie eine Litanei unaufhörlich die sinnlosen Worte murmelnd:

„Seine Durchlauchtig Hochwohlgeboren der Herr Freiherr geruhen allerhöchstens —“

Wie mit Wasser begossen lief ich wieder hinaus, denn alles, was ich daherstotterte, war verkehrt. Ich mochte es anstellen, wie ich wollte, immer klang es nach Hochmut, was ich über die Lippen brachte, immer „geruhte ich“; das einfachste, schlichteste Wort, an ihn gerichtet, kehrte um an seiner Sklavenaura, verletzte mich selbst wie ein Pfeil, trug den häßlichen Beigeschmack der Herablassung.

Sogar mein stummes Weggehen bürdete mir die Gefühlslast auf, mein Benehmen habe hochfahrend geschienen.

Der Oberregisseur Paris ist der einzige unter den Erwachsenen, der sein Benehmen mir gegenüber nicht geändert hat.

Meine dumpfe Angst vor ihm ist noch größer geworden; es geht ein lähmender Einfluß von ihm aus, gegen den ich machtlos bin. Ich fühle, er liegt im Baß und der befehlenden Lautheit seiner Rede verborgen. Ich will mir einreden, es sei dumm von mir, so etwas zu glauben, denn ich brauchte ja nicht zu erschrecken, wenn er mich plötzlich anschrie. Und was wäre auch weiter dabei, wenn er es täte!

Aber jedesmal, wenn ich ihn drüben in Ophelias Zimmer deklamieren höre, macht mich der tiefe Klang seiner Stimme erbeben und mich packt eine rätselhafte Furcht; ich komme mir so schwach und klein vor mit meinem beschämend hohen, knabenhaften Tonfall!

Es hilft nichts, daß ich mich damit beruhigen will: er weiß nicht, kann es gar nicht wissen, daß wir uns lieben, Ophelia und ich, und er klopft nur auf den Busch, der dumme Komödiant, wenn er mich auf der Straße immer so tückisch ansieht; ich kann es mir vorsagen, so oft ich will — das demütigende Bewußtsein werde ich nicht los: im Banne hält er dich ja doch und du heuchelst dir nur Mut vor, wenn du dich bisweilen zwingst, ihm fest in die Augen zu blicken. Feige Furcht vor dir selber ist es und bleibt es und sonst nichts.

Ich wünsche mir oft, er möchte wieder so herausfordernd frech räuspern wie damals, damit ich Gelegenheit hätte, einen Streit mit ihm vom Zaun zu brechen; aber er tut es nicht mehr; er lauert. Ich glaube, er spart seinen Baß auf, bis der Zeitpunkt gekommen ist, und ich zittere innerlich, daß ich dann unvorbereitet sein könnte.

Auch Ophelia ist hilflos in seine Hand gegeben. Ich weiß es. Obwohl wir nie darüber sprechen.

Wenn wir nachts heimlich beisammen sind am Fluß in dem kleinen Gärtchen vor unserem Hause und, uns in Liebesseligkeit umschlungen haltend, miteinander zärtlich flüstern, so zucken wir doch jedesmal in jähem Entsetzen zusammen, so oft es sich irgendwo leise rührt in unserer Nähe, und eines weiß vom andern, daß es nur die immerwährende Furcht vor jenem Menschen ist, die unsere Ohren so unnatürlich schärft.

Nicht einmal seinen Namen getrauen wir uns auszusprechen. Wir weichen ängstlich jedem Thema aus, das dahin führen könnte.

Wie ein Verhängnis ist es, daß ich ihm täglich in die Arme laufen muß, ob ich nun absichtlich später oder früher abends aus dem Hause gehe.

Wie ein Vogel komme ich mir vor, um den eine Schlange immer engere Kreise zieht.

Aber er scheint darin eine Art Vorbedeutung zu wittern; er schwelgt in dem sicheren Gefühl, seinem Ziel von Tag zu Tag näher zu kommen. Ich sehe es an dem hämischen Aufblitzen in seinen kleinen, bösartigen Augen.

Was dieses Ziel wohl für ihn sein mag? Ich glaube, er weiß es selber nicht genau, ebensowenig wie ich es mir vorzustellen vermag.

Noch ist es für ihn ein Problem, und das beruhigt mich; weshalb bliebe er denn regelmäßig, sich die Unterlippe benagend, im Grübeln versunken stehen, wenn ich an ihm vorüberhaste?

Er fixiert mich auch nie mehr; er weiß, er hat es nicht mehr nötig; seine Seele hat die meinige in ihrer Gewalt auch so.

Uns nachts belauschen kann er nicht, dennoch habe ich mir einen Plan erdacht, damit wir uns nicht ewig ängstigen müssen.

Am Fuße der Palisadenbrücke liegt ein alter Kahn, halb ans Land gezogen; ich habe ihn heute geholt und in der Nähe unseres Gartens festgebunden.

Wenn der Mond hinter Wolken tritt, will ich Ophelia hinüberrudern ans jenseitige Ufer; dann lassen wir uns langsam stromab treiben um die Stadt herum.

Der Fluß ist zu breit, als daß uns jemand sehen, geschweige denn erkennen könnte!

Ich habe mich in das Zimmer geschlichen, das die Schlafkammer meines Vaters von der meinigen trennt, und zähle die Schläge meines Herzens, ob es denn nicht bald vom Turm der Marienkirche zehnmal dröhnen wird und dann noch das eine-, das elftemal dazu — beredt und jauchzend: „Jetzt, jetzt kommt Ophelia hinunter und in den Garten.“

Die Zeit scheint mir still zu stehen und in meiner Ungeduld fange ich an, ein seltsames Spiel mit meinem Herzen zu treiben, bei dem sich mir allmählich die Begriffe verwirren wie im Traum.

Ich rede ihm zu, es möge schneller schlagen, damit auch die Uhr auf dem Turme rascher werde. Es scheint mir ganz selbstverständlich, daß eines dem andern folgen müsse. Ist denn mein Herz nicht auch eine Uhr? frägt mich ein Gedanke. Und warum sollte sie nicht mächtiger sein können als jene da draußen auf dem Turm, die doch nur ein totes Metall ist und nicht lebendiges Fleisch und Blut wie die meinige!

Warum sollte sie ihr nicht die Zeit vorschreiben können?

Und wie eine Zusage, daß ich Recht habe, fällt mir plötzlich ein Satz ein, den mir einmal mein Vater aus einem Gedicht vorlas: „Vom Herzen gehen die Dinge aus, sind herzgeboren und herzgefügt —“

Nur verstehe ich jetzt den furchtbaren Sinn, der in den Worten liegt, die damals an meinem Ohr vorüberrauschten. Ich erfasse ihn in einer Bedeutung, die mich tief erschreckt; in mir das Herz, mein eigenes Herz, gehorcht nicht, wenn ich ihm zurufe: schlage schneller! So lebt also einer in mir, der stärker ist als ich, der mir die Zeit und mein Schicksal vorschreibt!

Von ihm also gehen die Dinge aus!

Ich entsetze mich vor mir selber.

„Ich wäre ein Zauberer und hätte die Macht über jegliches Geschehen, kennte ich mich nur selber, und hätte ich nur ein wenig Gewalt über mein Herz“, das weiß ich mit einemmal klar.

Und ein zweiter, ungerufener Gedanke spricht in die Rede des ersten hinein und sagt:

„Erinnerst du dich an die gewisse Stelle in einem Buch, das du vor Jahren im Findelhaus gelesen hast? Stand nicht darin: ‚Oft, wenn jemand stirbt, bleiben die Uhren stehen‘? Das ist so: Der Sterbende verwechselt unter dem Albdruck des Todes die Schläge seines langsam werdenden Herzens mit denen einer Uhr; die Angst seines Körpers, den die Seele verlassen will, flüstert: ‚wenn die Uhr dort aufhört zu ticken, bin ich tot‘, und wie unter einem magischen Befehl bleibt auch die Uhr stehen, wenn das Herz seinen letzten Schlag tut. Hängt eine Uhr im Zimmer eines Menschen, an den der Sterbende denkt, so ist sie es, die blind dem der Todesangst entsprungenen Worte folgt, denn wohin jemand in der Todesminute denkt, dort ist er selber wie ein ausgesandter Doppelgänger.“

So ist es also die Furcht, der mein Herz gehorcht! Sie ist mächtiger noch als das Herz! Wenn es mir gelänge, sie zu bannen, so hätte ich die Gewalt über all die Dinge, die vom Herzen ausgehen, über Schicksal und Zeit!

Und ich wehre mich mit angehaltenem Atem gegen eine plötzlich über mich hereinbrechende Angst, die mich erwürgen will, weil ich hineintastete in ihre Schlupfwinkel.

Ich bin zu schwach, ihrer Herr zu werden, denn ich weiß nicht, wo und wie ich sie packen soll; sie tut statt meiner dem Herzen Gewalt an, preßt es zusammen, um es zu zwingen, daß es mein Schicksal nach ihrem Willen und nicht nach dem meinigen formt.

Ich suche mich zu beruhigen, indem ich mir vorsage: Solange ich nicht mit Ophelia zusammen bin, droht ihr keine Gefahr — aber ich bin zu schwach, dem Ratschlusse meines Verstandes zu folgen: heute nicht hinunter in den Garten zu gehen.

Ich verwerfe ihn im selben Augenblick, wo ich ihn gefaßt habe.

Ich durchschaue die Fallstricke, die mir mein Herz legt, und dennoch tappe ich mitten hinein; meine Sehnsucht nach Ophelia ist stärker als jegliche Vernunft.

Ich trete ans Fenster und schaue hinunter auf den Fluß, um mich zu sammeln und Mut zu fassen, — um gewappnet zu sein, der Gefahr, die ich jetzt unabwendbar kommen fühle, weil ich Angst vor ihr habe, ins Auge sehen zu können, aber der Anblick des stummen, gefühllosen, unaufhaltsam dahinströmenden Wassers wirkt so furchtbar auf mich, daß ich das Dröhnen der Turmuhr eine Weile lang gar nicht bemerke.

Das dumpfe Gefühl: „Der Fluß trägt es herbei, das Schicksal, dem du nicht mehr entrinnen kannst“, hat mich fast betäubt.

Dann weckt mich der vibrierende, metallische Klang, und Furcht und Beklemmung sind wie weggewischt.

Ophelia!

Ich sehe ihr helles Kleid im Garten schimmern.

„Mein Bub, mein lieber, lieber Bub, ich habe solche Angst um dich gehabt den ganzen Tag!“

„Und ich um dich, Ophelia!“ will ich sagen, aber sie umarmt mich und ihre Lippen schließen die meinen.

„Weißt du, daß ich glaube, wir sehen uns heute zum letztenmal, mein lieber, armer Bub?!“

„Um Gottes willen! Ist etwas geschehen, Ophelia? Komm, komm rasch in das Boot, dort sind wir sicher.“

„Ja. Gehen wir. Dort sind wir vielleicht sicher — vor ihm.“

Vor ihm! Es ist das erstemal, daß sie „ihn“ erwähnt! Ich fühle am Zittern ihrer Hand, wie grenzenlos ihre Furcht vor „ihm“ sein muß!

Ich will sie fortziehen zum Kahn, aber sie bleibt einen Augenblick widerstrebend stehen, als könne sie sich von dem Ort nicht losreißen.

„Komm, komm, Ophelia,“ dränge ich, „ängstige dich nicht. Gleich werden wir drüben am andern Ufer sein. Die Nebelschleier —“

„Ich ängstige mich nicht, mein Bub. Ich will nur“ — sie stockt.

„Was ist dir, Ophelia?“ Ich umschlinge sie mit meinen Armen. „Hast du mich nicht mehr lieb, Ophelia?“

„Du weißt, wie lieb ich dich habe, mein Christl!“ sagt sie einfach und schweigt lange.

„Wollen wir nicht in den Kahn gehen?“ dränge ich sie wieder flüsternd. „Ich sehne mich so nach dir!“

Behutsam macht sie sich von mir los, geht einen Schritt zu der Bank zurück, wo wir immer zu sitzen pflegen, und streichelt sie, in Gedanken verloren.

„Was ist dir, Ophelia? Was tust du? Hast du einen Schmerz? Hab’ ich dir weh getan?“

„Ich will nur — ich will nur Abschied nehmen von der lieben Bank! Weißt du noch, mein Bub, hier haben wir uns doch zum erstenmal geküßt!“

„Du willst von mir gehen?“ schreie ich fast hinaus. „Ophelia, Gott im Himmel, das darf ja nicht sein! Es ist etwas geschehen, und du sagst es mir nicht! Glaubst du denn, ich könnte leben ohne dich?“

„Nein, sei ruhig, mein Bub, es ist nichts geschehen!“ tröstet sie mich leise und versucht zu lächeln, aber wie das Mondlicht ihr hell ins Gesicht scheint, sehe ich, daß ihre Augen voll Tränen stehen. „Komm, mein lieber Bub, komm, du hast recht, gehen wir in den Kahn!“

Bei jedem Ruderschlag, den ich tue, wird mir leichter ums Herz; je breiter der Wasserweg wird, der sich zwischen uns und die dunkeln Häuser mit ihren glühenden, spähenden Augen legt, desto sicherer sind wir vor Gefahr.

Endlich tauchen die Weidenbüsche aus dem Nebel, die das ersehnte jenseitige Ufer umsäumen; das Wasser wird still und seicht und wir treiben kaum merklich unter hängenden Zweigen dahin.

Ich habe die Ruder eingezogen und sitze neben Ophelia auf der Steuerbank. Wir halten uns zärtlich umschlungen.

„Warum warst du vorhin so traurig, mein Lieb; warum hast du gesagt, du wollest Abschied nehmen von der Bank? — Nicht wahr, du wirst doch nie von mir gehen?“

„Einmal muß es ja doch sein, mein Bub! — Und die Stunde kommt immer näher. — Nein, nein, sei jetzt nicht traurig. — Es ist vielleicht noch lange bis dahin. Denken wir nicht daran.“

„Ich weiß, was du sagen willst, Ophelia.“ Die Tränen steigen mir auf und verbrennen mir fast die Kehle. „Du meinst, wenn du in die Hauptstadt gehst und Schauspielerin wirst, daß wir uns dann nie mehr sehen werden! — Glaubst du, ich dächte nicht Tag und Nacht voll Entsetzen daran, wie dann alles sein wird! — Ich weiß bestimmt, daß ich diese Trennung nicht aushalten könnte. — Aber du hast doch selbst gesagt, vor einem Jahre ist es nicht möglich, daß du fort mußt?“

„Nein, vor einem Jahr — kaum.“

„Und bis dahin habe ich mir bestimmt etwas ausgedacht, daß ich zusammen mit dir in der Hauptstadt sein kann. — Ich werde meinen Vater so lange bitten und nicht aufhören, ihn anzuflehen, bis er mir erlaubt, dort zu studieren. — Wenn ich dann selbständig bin und einen Beruf habe, heiraten wir uns und gehen nie mehr voneinander! — Hast du mich denn nicht mehr lieb, Ophelia, daß du so gar kein Wort sprichst?!“ — frage ich geängstigt.

Aus ihrem Schweigen erfühle ich ihre Gedanken und es gibt mir einen Stich ins Herz.

Sie denkt daran, daß ich doch so viel jünger bin als sie und all das nur Luftschlösser sind.

Ich fühle es auch, aber ich will nicht, ich will — ich will nicht denken, daß wir uns je trennen müßten! Ich will mich berauschen, indem ich sie und mich an die Möglichkeit eines Wunders glauben mache.

„Ophelia, hör mich an! ...“

„Bitte, bitte, sprich jetzt nicht!“ fleht sie. „Laß mich träumen!“

So sitzen wir dicht aneinander geschmiegt und schweigen lange.

Es ist, als läge der Kahn still und die weißen steilen Sandbrüche vom Mondlicht grell beschienen glitten an uns vorüber.

Plötzlich zuckt sie leise zusammen, als erwache sie aus dem Schlafe.

Ich fasse beruhigend ihre Hand, denn ich glaube, irgend ein Geräusch habe sie erschreckt.

Da fragt sie: „Willst du mir etwas versprechen, mein Christl? —“

Ich suche nach Worten der Beteuerung, — will ihr sagen, daß ich mich ihretwegen foltern ließe, wenn es sein müßte.

„Willst du mir versprechen, daß du mich — daß du mich unter der Bank im Garten begräbst, wenn ich tot sein werde?“

„Ophelia!“

„Nur du allein darfst mich begraben und nur dort. Hörst Du!? — Niemand darf dabei sein und niemand darf wissen, wo ich liege! — Hörst du! Ich habe diese Bank so lieb. — Dort wird mir immer sein, als wartete ich auf dich!“

„Ophelia, bitte, sprich nicht so! — Warum denkst du jetzt an den Tod? Wenn du einmal stirbst, gehe ich doch mit dir! — Fühlst du dich denn ...?“

Sie läßt mich nicht zu Ende sprechen.

„Christl, mein Bub, frag mich nicht; versprich mir, um was ich dich bitte!“

„Ich verspreche es dir, Ophelia; ich verspreche es dir feierlich, wenn ich auch nicht begreifen kann, was du damit meinst.“

„Ich danke, ich danke dir, mein lieber, lieber Bub! Jetzt weiß ich auch, du wirst es halten.“

Sie preßt ihre Wange dicht an die meine und ich fühle, wie ihre Tränen auf mein Gesicht tropfen.

„Du weinst, Ophelia! — Willst du mir denn nicht anvertrauen, warum du so unglücklich bist? — Vielleicht haben sie dich zu Hause gequält! — Bitte, bitte, sag es mir doch, Ophelia! — Ich weiß ja nicht mehr vor Jammer, was ich tun soll, wenn du so stumm bist!“

„Ja, du hast recht, ich will nicht mehr weinen. — Es ist so schön hier, so still und so märchenhaft feierlich. Ich bin auch so unsagbar glücklich, daß du bei mir bist, mein Bub!“

Und wir küssen uns wild und heiß, bis uns die Sinne schwinden.

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