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GUSTAV MEYRINK
DER WEISSE DOMINIKANER AUS DEM TAGEBUCH EINES UNSICHTBAREN
RIKOLA VERLAG WIEN BERLIN LEIPZIG MÜNCHEN 1921
INHALT
Seite Einleitung 7 Christopher Taubenschlags erste Kundgebung 15 Die Familie Mutschelknaus 26 Die Wanderung 47 Ophelia 69 Das Gespräch um Mitternacht 83 Ophelia 109 Das mennigrote Buch 140 Ophelia 163 Einsamkeit 186 Die Bank im Garten 197 Das Medusenhaupt 206 Jener muß wachsen, ich aber schwinden 225 Gegrüßt seist Du, Königin der Barmherzigkeit 243 Die Auferstehung des Schwertes 265 Das Nessoshemd 283
EINLEITUNG
„Herr X oder Herr Y hat einen Roman geschrieben“ — was heißt das?
Nun, sehr einfach: „Er hat mit Hilfe seiner Phantasie Personen geschildert, die in Wirklichkeit nicht existieren, hat ihnen Erlebnisse angedichtet und sie miteinander verwoben.“ — So ungefähr lautet, weitläufig gefaßt, das allgemeine Urteil.
Was Phantasie ist, glaubt jedermann zu wissen, daß es aber höchst merkwürdige Kategorien der Einbildungskraft gibt, ahnen nur sehr wenige.
Was soll man sagen, wenn zum Beispiel die Hand, dieses scheinbar so willfährige Werkzeug des Gehirns, sich plötzlich weigert, den Namen des Helden der Geschichte niederzuschreiben, den man sich ausgedacht hat, und statt seiner hartnäckig einen andern wählt?
Muß man da nicht unwillkürlich stutzig werden und sich fragen: „Schaffe“ ich tatsächlich oder — ist meine Einbildungskraft am Ende nur eine Art magischer Empfangsapparat? Etwa das, was auf dem Gebiete der drahtlosen Telegraphie eine Antenne genannt wird?
Es hat Fälle gegeben, daß Menschen nachts im Schlaf aufstanden und schriftliche Arbeiten, die sie abends, übermüdet von den Anstrengungen des Tages, unfertig hatten liegen lassen, vollendeten und Aufgaben besser lösten, als sie es im Wachsein vermutlich imstande gewesen wären.
Dergleichen liebt man mit den Worten zu erklären: „Das für gewöhnlich schlummernde Unterbewußtsein ist zu Hilfe gekommen.“
Geschieht so etwas in Lourdes, so heißt es: „Die Mutter Gottes hat geholfen.“
Wer weiß, vielleicht sind Unterbewußtsein und die Mutter Gottes ein und dasselbe.
Nicht, als ob die Mutter Gottes nur das Unterbewußtsein wäre, nein, das Unterbewußtsein ist die „Mutter“ — „Gottes“.
In dem vorliegenden Roman spielt ein gewisser Christopher Taubenschlag die Rolle eines lebenden Menschen.
Ob er jemals gelebt hat, gelang mir nicht ausfindig zu machen; meiner Phantasie ist er sicherlich nicht entsprungen, das glaube ich fest; ich sage das rund heraus, auf die Gefahr hin, daß man mich für jemand halten wird, der sich interessant machen will.
Genau zu schildern, auf welche Weise das Buch zustande kam, liegt hier kein Anlaß vor; es genügt, daß ich nur in Streiflichtern knapp skizziere, was sich begeben hat.
Man möge entschuldigen, daß dabei in einigen Sätzen von mir selbst die Rede ist, ein Übelstand, der sich leider nicht vermeiden läßt.
Ich hatte den Roman in allen Umrissen fertig im Kopfe und begann ihn niederzuschreiben, da bemerkte ich — später erst, beim Durchlesen der Niederschrift! —, daß sich der Name „Taubenschlag“, ohne daß es mir sogleich bewußt geworden wäre, eingeschlichen hatte.
Doch nicht genug damit: Sätze, die ich mir vorgenommen hatte, zu Papier zu bringen, änderten sich unter der Feder und drückten etwas ganz anderes aus, als ich sagen wollte; es entspann sich ein Kampf zwischen mir und dem unsichtbaren „Christopher Taubenschlag“, in dem dieser schließlich die Oberhand behielt.
Ich hatte geplant, eine kleine Stadt zu schildern, die in meinem Gedächtnis lebt: es wurde ein völlig anderes Bild daraus, ein Bild, das heute schärfer vor mir steht als jenes wirklich erlebte.
Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als dem Einfluß, der sich Christopher Taubenschlag nennt, seinen Willen zu lassen, ihm, sozusagen, meine Hand zur Niederschrift zu leihen und alles das aus dem Buche zu streichen, was meinen eigenen Einfällen entstammte.
Setzen wir den Fall: Jener Christopher Taubenschlag sei ein unsichtbares Wesen, das auf rätselhafte Weise imstande ist, einen Menschen bei klarem Bewußtsein zu beeindrucken und nach seinem Willen zu lenken, so stellt sich die Frage ein: warum hat er mich denn benutzt, um seine Lebensgeschichte und den Gang seiner geistigen Entwicklung zu schildern?
Aus Eitelkeit? — Oder damit ein „Roman“ zustande kommt?
Möge jeder sich selbst die Antwort geben.
Meine eigene Ansicht will ich für mich behalten.
Vielleicht steht mein Fall bald nicht mehr vereinzelt da; vielleicht ergreift jener „Christopher Taubenschlag“ morgen die Hand eines andern.
Was heute ungewöhnlich erscheint, kann morgen alltäglich sein!
Vielleicht ist die alte und doch ewig neue Erkenntnis auf dem Wege:
„Jedwede Tat, die hier geschieht, Geschieht nach dem Naturgesetz; Ich bin der Täter dieser Tat — Ist selbstgefälliges Geschwätz.“
Und die Figur des Christopher Taubenschlag ist nur ihr Vorbote, ist ein Symbol, ist die als Persönlichkeit sich geberdende Maske einer gestaltlosen Kraft?
Für die Siebengescheiten, die da so überaus stolz sind auf ihr „Hausherrentum“, mag freilich der Gedanke widerwärtig sein, daß der Mensch nur eine Marionette ist.
Als ich von ähnlichen Empfindungen erfaßt, eines Tages mitten im Schreiben war, kam mir plötzlich der Gedanke: Ist dieser Christopher Taubenschlag vielleicht so etwas wie ein von mir abgespaltenes Ich? Eine vorübergehende, zu selbständigem Leben erwachte, in mir unbewußt gezeugte und geborene Phantasiegestalt, wie es bei Leuten vorkommen soll, die zeitweilig Erscheinungen zu sehen glauben und sich mit ihnen sogar unterhalten?
Als hätte jener Unsichtbare in meinem Gehirn gelesen, unterbrach er sofort den Lauf der Erzählung und streute, meine schreibende Hand benützend, wie in Parenthese die sonderbare Antwort ein:
„Sind Sie“ — (es klang mir wie Spott, daß er mich ‚Sie‘ und nicht ‚Du‘ nannte) — „Sind Sie, wie alle Menschen, die sich gleich Ihnen einbilden, Einzelwesen zu sein, vielleicht etwas anderes als eine ‚Ichabspaltung‘? — Abspaltung jenes großen Ichs, das man Gott nennt?“
Ich habe seitdem oft und viel über den Sinn dieses merkwürdigen Satzes nachgedacht, denn ich hoffte in ihm den Schlüssel zu dem Rätsel, das Christopher Taubenschlags Daseinsbedingungen für mich umgibt, zu finden. Einmal glaubte ich bei meinen Grübeleien bereits ein gewisses Licht entdeckt zu haben, da verwirrte mich ein ähnlicher „Zuruf“. Er lautete:
„Jeder Mensch ist ein Taubenschlag, aber nicht jeder ist ein Christopher. Die meisten Christen bilden es sich nur ein. Bei einem echten Christen fliegen die weißen Tauben aus und ein.“
Von da an gab ich die Hoffnung auf, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und verwarf gleichzeitig jede Spekulation, ich könnte am Ende — die antike Theorie, der Mensch verkörpere sich mehrmals auf Erden, vorausgesetzt — einst jener Christopher Taubenschlag in einem früheren Leben gewesen sein!
Am liebsten wäre mir, ich dürfte glauben: jenes Etwas, das mir die Hand führte, ist eine ewige, freie, in sich selbst ruhende und von jeglicher Gestaltung und Form erlöste Kraft; aber, wenn ich des Morgens nach traumlosem Schlafe erwache, sehe ich zuweilen zwischen Augapfel und Lid das Bild eines alten, weißhaarigen, bartlosen Mannes, hochgewachsen und jugendlich schlank, wie eine Erinnerung der Nacht vor mir, und der Eindruck erfüllt mich für den Tag mit dem nicht loszuwerdenden Gefühl: das muß Christopher Taubenschlag sein.
Oft hat sich mir dabei der merkwürdige Gedanke zugesellt: Er lebt jenseits von Zeit und Raum und tritt das Erbe deines Lebens an, wenn der Tod nach dir die Hand ausstreckt.
Doch wozu solche Erwägungen, die Fremde nichts angehen!
Ich bringe nunmehr die Kundgebungen Christopher Taubenschlags, so wie sie erfolgten, in der oft abgerissenen Form, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen.
1
CHRISTOPHER TAUBENSCHLAGS ERSTE KUNDGEBUNG
So lange ich denken kann, behaupten die Leute in der Stadt, ich hieße Taubenschlag.
Wenn ich als kleiner Junge mit einer langen Stange, an deren Spitze ein Docht brannte, in der Abenddämmerung von Haus zu Haus trabte und die Laternen anzündete, marschierten die Kinder der Gasse vor mir her, klatschten im Takt in die Hände und sangen:
Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag, Trarara Taubenschlag.
Ich ärgerte mich nicht darüber, wenn ich auch selbst nie mitsang.
Später griffen die Erwachsenen den Namen auf und redeten mich mit ihm an, wenn sie etwas von mir wollten.
Anders steht es mit dem Namen Christopher. Er hing mir, auf einen Zettel geschrieben, am Halse, als man mich als Säugling, nackt, eines Morgens vor der Türe der Marienkirche liegen fand.
Den Zettel wird wohl meine Mutter geschrieben haben, als sie mich damals ausgesetzt.
Es ist das einzige, was sie mir mitgegeben hat. Darum habe ich von je den Namen Christopher als etwas Heiliges empfunden. Er hat sich mir in den Körper geprägt, und ich habe ihn wie einen Taufschein — ausgestellt im Reiche des Ewigen —, wie ein Dokument, das niemand rauben kann, durchs Leben getragen. Beständig wuchs und wuchs er wie ein Keim aus der Finsternis empor, bis er als der wieder erschien, der er von Anbeginn an gewesen, sich mit mir verschmolz und mich geleitete in die Welt der Unverweslichkeit. So, wie da geschrieben steht: es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Jesus wurde als erwachsener Mensch bei vollem Bewußtsein dessen, was geschah, getauft: der Name, der sein Ich war, senkte sich auf die Erde herab; die Heutigen werden als Säuglinge getauft; wie könnte es sein, daß sie erfassen, was sich mit ihnen begeben hat! Sie irren durchs Leben dem Grabe zu wie Schwaden, die der Windhauch in den Sumpf zurücktreibt; ihre Leiber verfaulen und an dem, der aufersteht — ihr Name — haben sie kein Teil.
Ich aber weiß, soweit ein Mensch von sich sagen darf, er wisse, daß ich Christopher heiße.
In der Stadt geht die Sage, ein Dominikanermönch, Raimund de Pennaforte, habe die Marienkirche gebaut aus Gaben, die ihm aus aller Herren Länder unbekannte Spender zugesandt.
Über dem Altar steht die Inschrift: „Flos florum — so werde ich offenbar nach dreihundert Jahren.“
Sie haben ein farbiges Brett darübergenagelt, aber es fällt immer wieder herab. Jedes Jahr am selben Marientag.
Es heißt, in gewissen Nächten am Neumond, wenn es so finster ist, daß man die Hand nicht vor Augen sieht, werfe die Kirche einen weißen Schatten auf den schwarzen Marktplatz. Das sei die Gestalt des weißen Dominikaners Pennaforte.
Wenn wir Kinder des Findel- und Waisenhauses zwölf Jahre alt wurden, mußten wir zum erstenmal zur Beichte gehen.
„Warum warst du nicht beichten?“ herrschte mich am nächsten Morgen der Kaplan an.
„Ich war beichten, Hochwürden!“
„Du lügst!“
Da erzählte ich, was sich begeben hatte: „Ich stand in der Kirche und wartete, daß man rufe, da winkte mir eine Hand, und als ich an die Beichtzelle trat, saß ein weißer Mönch darin und fragte mich dreimal, wie ich heiße. Beim erstenmal wußte ich es nicht, beim zweitenmal wußte ich es wohl, aber ich hatte es vergessen, ehe ich es aussprechen konnte; beim drittenmal trat mir kalter Schweiß auf die Stirn, und meine Zunge war lahm, ich konnte nicht reden, aber jemand in meiner Brust schrie: ‚Christopher!‘ — — Der weiße Mönch hat es wohl hören müssen, denn er schrieb den Namen in ein Buch und deutete darauf und hat gesagt: ‚So bist du hinfort eingetragen in das Buch des Lebens.‘ Dann hat er mich gesegnet und hat gesagt: ‚Ich vergebe dir deine Sünden — die vergangenen und die zukünftigen‘.“
Bei meinen letzten Worten, die ich ganz leise gesprochen hatte, damit keiner meiner Kameraden sie hören sollte, denn ich fürchtete mich, trat der Kaplan wie in wildem Entsetzen einen Schritt zurück und schlug das Kreuz.
Noch in derselben Nacht geschah es zum erstenmal, daß ich auf unbegreifliche Weise das Haus verließ, ohne daß ich mir hätte erklären können, wie ich wieder heimgekommen bin.
Ich hatte mich entkleidet niedergelegt und erwachte des Morgens im Bette völlig angezogen und mit staubigen Stiefeln. In der Tasche hatte ich Bergblumen, die ich wohl auf den Höhen gepflückt haben mußte.
So ging es später noch oft, bis die Vorsteher des Waisenhauses dahinter kamen und mich schlugen, weil ich nie sagen konnte, wo ich gewesen war.
Eines Tages wurde ich ins Kloster zum Kaplan gerufen. Er stand mit dem alten Herrn, der mich später an Kindes Statt annahm, mitten in der Stube, und ich erriet, daß sie über mein Wandern gesprochen hatten.
„Dein Körper ist noch zu unreif. Er darf nicht mitgehen. Ich werde dich anbinden“, sagte der alte Herr, als er, mich an der Hand führend und bei jedem Satz seltsam nach Luft schnappend, seinem Hause zuschritt.
Mir bebte das Herz vor Angst, denn ich begriff nicht, was er meinte.
An der mit großen Nägeln verzierten eisernen Haustüre des alten Herrn stand in Metall gehämmert: Bartholomäus Freiherr von Jöcher, ehrenamtlich bestallter Laternenanzünder.
Ich verstand nicht, wieso ein Adliger ein Laternenanzünder sein könne; mir war, als ich es las, als falle all das kümmerliche Wissen, das sie mir in der Schule beigebracht, wie Papierfetzen von mir ab, so sehr zweifelte ich in jenem Augenblick daran, ich sei überhaupt fähig, klar zu denken.
Später erfuhr ich, daß des Barons erster Ahnherr ein schlichter Laternenanzünder gewesen war, den man geadelt hatte wegen etwas, das ich nicht weiß. Seitdem zeigt das Wappen derer von Jöcher neben anderen Emblemen eine Öllampe, eine Hand und einen Stab und die Barone beziehen von Geschlecht zu Geschlecht alljährlich eine kleine Rente von der Stadt, gleichgültig, ob sie ihr Amt, die Laternen in den Straßen anzuzünden, ausüben oder nicht.
Schon tags darauf mußte ich auf das Geheiß des Barons das Amt antreten. „Deine Hand soll lernen, was später dein Geist fortführen wird“, sagte er. „Es sei ein Beruf noch so gering, geadelt wird er, wenn dereinst der Geist ihn übernehmen kann. Eine Arbeit, die die Seele zu erben sich weigert, ist nicht wert, daß der Leib sie vollbringt.“
Ich sah den alten Herrn an und schwieg, denn ich verstand damals noch nicht, was er meinte.
„Oder möchtest du lieber ein Kaufmann werden?“ setzte er mit freundlichem Spott hinzu.
„Soll ich früh morgens die Laternen wieder auslöschen?“ fragte ich schüchtern.
Der Baron streichelte mir die Wange: „Freilich, wenn die Sonne kommt, brauchen die Menschen kein anderes Licht.“
Zuweilen, wenn der Baron mit mir sprach, hatte er eine merkwürdig verstohlene Art mich anzublicken; in seinen Augen schien die stumme Frage zu liegen: „Verstehst du endlich?“ oder wollte er damit sagen: „Ich bin voll Unruhe, du könntest erraten haben?“
In solchen Fällen fühlte ich oft ein heißes Brennen in meiner Brust, als gäbe jene Stimme, die damals bei meiner Beichte vor dem weißen Mönch den Namen Christopher geschrien hatte, eine mir unhörbare Antwort.
Der Baron war verunstaltet durch einen ungeheuren Kropf an der linken Seite, so daß der Kragen seines Rockes bis zur Schulter aufgeschnitten sein mußte, um den Hals an der Bewegung nicht zu hindern.
Nachts, wenn der Rock über den Lehnstuhl gehängt war und aussah wie der Rumpf eines Geköpften, flößte er mir oft ein unbeschreibliches Grauen ein; ich konnte mich davon nur befreien, wenn ich mir vorstellte, welch überaus liebenswürdiger Einfluß im Leben von dem Baron ausging. Trotz seinem Gebreste und dem beinahe lächerlichen Anblick, den es bot, wenn der graue Bart wie ein gesträubter Besen vom Kropf abstand, hatte mein Pflegevater etwas ungemein Feines und Zartes an sich, etwas hilflos Kindliches, ein Niemand-verletzen-können, das noch gehoben wurde, wenn er sich zuweilen drohend gab und einen durch die scharfen Brenngläser seines altmodischen Nasenkneifers streng anblickte.
In solchen Momenten kam er mir immer vor wie eine große Elster, die sich dicht vor einen hinpflanzt, als wolle sie einen zum Kampfe herausfordern, derweilen ihr Auge, wachsam bis zum äußersten, kaum die Angst verhehlen kann: „Du wirst dich doch nicht etwa unterstehen, mich fangen zu wollen!?“
Das Haus derer von Jöcher, in dem ich so viele Jahre leben sollte, war eines der ältesten in der Stadt; es hatte viele Stockwerke, in denen die Vorfahren des Barons gehaust — immer ein Geschlecht ein Geschoß höher als das vorhergegangene, als sei ihre Sehnsucht, dem Himmel näher zu sein, immer größer geworden.
Ich kann mich nicht entsinnen, daß der Baron diese alten Räume, deren Gassenfenster blind und grau geworden waren, jemals betreten hätte; er wohnte mit mir in den paar schmucklosen, weiß getünchten Zimmern dicht unter dem flachen Dach.
Anderswo wachsen die Bäume auf der Erde und die Menschen schreiten darunter hin; bei uns wächst ein Holunderbaum mit weißen, duftenden Dolden hoch oben in einem großen verrosteten Eisenkessel, der, einst zur Regentraufe bestimmt gewesen, eine mit verfaultem, angewehtem Laub und Schutterde gefüllte Röhre hinab aufs Pflaster sendet.
Tief unten strömt ein breiter, wellenloser, von Gebirgswasser grauer Fluß dicht an den uralten, rosa-, ockergelb- und hellblaufarbigen, aus kahlen Fenstern blickenden Häusern hin, auf denen die Dächer sitzen wie moosgrüne Hüte ohne Krempen. Als ein Kreis umströmt er die Stadt, die darin liegt, inselgleich, von einer Wasserschlinge gefangen; er kommt von Süden, wendet sich nach Westen, kehrt wieder zum Süden zurück, dort nur mehr durch eine schmale Landzunge, auf der unser Haus als letztes steht, getrennt von der Stelle, wo er die Stadt zu umarmen begann, — um hinter einem grünen Hügel dem Blick zu entschwinden.
Über die braune, mit mannshohen Planken eingefaßte Holzbrücke — der Boden aus rohen rindigen Stämmen, die beben, wenn der Ochsenwagen darüberfährt — kann man hinübergelangen ans andere, ans bewaldete Ufer, wo Sandbrüche ins Wasser abfallen. Von unserem Dach aus sieht man über sie hinweg weit ins Wiesenland hinein, in dessen dunstiger Ferne die Berge wie Wolken schweben und die Wolken wie Berge auf der Erde lasten.
Mitten aus der Stadt ragt ein burgartiges, langgestrecktes Gebäude auf, zu nichts mehr gut oder schlimm, als die stechende Glut der Herbstsonne aufzufangen mit feuerglimmenden lidlosen Fenstern.
In dem Eierpflaster des immer menschenleeren Marktplatzes, darauf die großen Schirme der Händler in Haufen umgestürzter Körbe wie vergessenes Riesenspielzeug stehen, wächst Gras zwischen den Ritzen der Steine.
Bisweilen an Sonntagen, wenn die Hitze die Mauern des barocken Rathauses heiß sengt, dringen die gedämpften Klänge einer Blechmusik, getragen vom kühlen Lufthauch, aus der Erde herauf, — werden lauter, das Tor der Gastschenke „zur Post, genannt beim Fletzinger“ gähnt plötzlich, ein Hochzeitszug marschiert gemessen zur Kirche in alter bunter Tracht, Burschen mit farbigen Bändern schwingen feierlich Kränze, voran ein Trupp Kinder, weit an der Spitze flink wie ein Wiesel trotz seiner Krücken ein winziger, zehnjähriger, vor Fröhlichkeit halbtoller Krüppel, als gehe nur ihn allein die Freude des Festes an, während alle andern unter dem Ernste der Feier stehen.
Als ich an jenem ersten Abend um einzuschlafen bereits im Bette lag, ging die Türe auf und wiederum packte mich eine unbestimmte Angst, denn der Baron trat zu mir und ich glaubte, er wolle mich anbinden, wie er gedroht hatte.
Aber er sagte nur: „Ich will dich beten lehren; — sie alle wissen nicht wie man betet. Man betet nicht mit Worten, man betet mit den Händen. Wer mit Worten betet, der bettelt. Man bettelt nicht. Der Geist weiß schon, was dir nötig ist. Wenn sich die Handflächen berühren, ist das Linke im Menschen durch das Rechte zur Kette geschlossen.
So ist der Leib fest gebunden und aus den Fingerspitzen, die nach oben stehen, steigt frei eine Flamme auf. — Das ist das Geheimnis des Betens, von dem in keiner Schrift geschrieben steht.“
In dieser Nacht wanderte ich das erstemal, ohne daß ich am nächsten Morgen mit staubigen Stiefeln und angekleidet im Bette erwacht wäre.
2
DIE FAMILIE MUTSCHELKNAUS
Mit unserem Hause beginnt die Straße, die mein Gedächtnis die Bäckerzeile nennt. —
Es ist das erste und steht allein.
Drei Seiten blicken ins Land hinein, von der vierten aus kann ich die Mauer des Nachbarhauses berühren, wenn ich unser Stiegenfenster öffne und mich hinausbeuge, so schmal ist die Gasse, die die beiden Gebäude trennt. —
Die Gasse dazwischen hat keinen Namen, denn sie ist nur ein steilansteigender Durchlaß — ein Durchlaß, wie es wohl keinen zweiten mehr auf der Welt gibt —, ein Durchlaß, der die beiden linken Ufer eines Flusses mit einander verbindet; er durchquert hier die Landzunge jenes Wasserkreises, auf der wir wohnen.
Frühmorgens, wenn ich fortgehe, um die Laternen auszulöschen, öffnet sich eine Türe unten im Nachbarhause und eine besenbewaffnete Hand kehrt Hobelspäne in den heranströmenden Fluß, der sie um die ganze Stadt herum eine Reise machen läßt, um sie eine halbe Stunde später, kaum fünfzig Schritte vom anderen Ende des Durchlasses entfernt, über das Wehr zu spülen, wo er brausend Abschied nimmt.
Dieses Ende des Durchlasses mündet in die Bäckerzeile; an der Ecke über einem Laden im Nachbarhaus hängt ein Schild, darauf steht:
Fabrik für letzte Ruhestätten
ausgeübt von
Adonis Mutschelknaus
Früher hat darauf gestanden:
Drechslermeister und Sargtischler;
man kann es noch deutlich lesen, wenn das Schild vom Regen naß wird; dann leuchtet die alte Schrift wieder durch.
Jeden Sonntag gehen Herr Mutschelknaus, seine Gattin Aglaja und seine Tochter Ophelia in die Kirche, wo sie in der ersten Reihe sitzen. Das heißt: Frau und Fräulein Mutschelknaus sitzen in der ersten Reihe. Herr Mutschelknaus sitzt in der dritten Reihe, am Eck. Unter der Holzfigur des Propheten Jonas, wo es ganz finster ist.
Wie mir das alles jetzt nach den vielen Jahren so überaus lächerlich vorkommt und — doch so unsagbar traurig!
Frau Mutschelknaus ist stets in schwarze knisternde Seide gehüllt, aus der das amaranthrote, samtene Gebetbuch aufschrillt wie ein Halleluja in Farben. In matten, spitzen Prünellstiefelchen mit Gummizug umtrippelt sie, dezent die Röcke hebend, sorgsam jede Pfütze; auf ihren Wangen verrät ein dichtes Netz feiner rotblauer, unter der rosa geschminkten Haut geplatzter Äderchen das nahende Matronenalter; die sonst so beredsamen Augen, sorgfältig an den Wimpern getuscht, sind züchtig niedergeschlagen, denn es ziemt sich nicht, wenn die Glocken die Menschen vor Gott rufen, sündigen Frauenreiz zu strahlen.
Ophelia trägt ein wallendes griechisches Gewand und einen Goldreifen um das feine, aschblonde Lockenhaar, das ihr bis auf die Schulter fällt, und immer, so oft ich sie sah, von einem Myrtenkranz gekrönt war.
Sie hat den schönen, ruhigen, gelassenen Gang einer Königin.
Immer klopft mir das Herz, wenn ich an sie denke.
Sie ist auf dem Kirchgang dicht verschleiert — erst viel später habe ich ihr Gesicht gesehen, darin die dunkeln, großen, weltverloren blickenden Augen so seltsam abstechen von dem blonden Haar.
Herr Mutschelknaus, im langen, schwarzen schlottrigen Sonntagsrock, geht meistens ein wenig hinter den beiden Damen; wenn er sich vergißt und mit ihnen auf gleiche Höhe kommt, flüstert ihm Frau Aglaja jedesmal zu:
„Adonis, einen halben Schritt zurück!“
Er hat ein schmales, trübselig langes, eingefallenes Gesicht mit rötlichem, schütterem Bart und eine weit vorspringende Vogelnase unter der Stirn, die, nach innen gebaucht, in einen kahlen Spitzschädel ausläuft, der aussieht mit seinem mottenfleckigen Haargürtel, als habe sein Herr damit ein räudiges Fell durchstoßen und die ringsum hängen gebliebenen Reste abzuwischen vergessen.
Der Rand des Zylinderhutes, den Herr Mutschelknaus bei jeder feierlichen Gelegenheit trägt, muß immer an der Stirnseite mit einem fingerdicken Watteknödel gefüttert sein, damit er nicht wackle.
An Wochentagen wird Herr Mutschelknaus nie sichtbar. Er ißt und schläft unten in seiner Werkstatt. Seine Damen wohnen in mehreren Zimmern im dritten Stock.
Es mögen wohl drei bis vier Jahre, seit mich der Baron aufgenommen hatte, vergangen sein, ehe ich erfuhr, daß Frau Aglaja und Tochter und Herr Mutschelknaus zusammengehörten.
Der schmale Durchlaß zwischen den beiden Häusern ist vom ersten Morgengrauen an bis nach Mitternacht erfüllt von einem gleichmäßigen brummenden Geräusch, als könne ein Schwarm riesiger Hummeln irgendwo tief in der Erde nicht zur Ruhe kommen; es dringt leise und betäubend bis herauf zu uns, wenn die Luft still ist. — Anfangs erregte es mich und ich mußte immer hinhören, wenn ich tagsüber lernen sollte, ohne daß es mir jedoch nur ein einzigesmal eingefallen wäre zu fragen, woher es wohl stammen möchte. Man forscht nicht nach der Ursache von Begebnissen, die sich ununterbrochen wiederholen; sie erscheinen einem selbstverständlich, man findet sich mit ihnen ab, so ungewöhnlich sie im Grunde auch sein mögen. Erst wenn die Sinne erschrecken, wird der Mensch wißbegierig — oder er läuft davon.
Allmählich gewöhnte ich mich an das Geräusch, als wäre es Ohrensausen, so sehr, daß ich nachts, wenn es plötzlich verstummte, jäh aus dem Schlummer fuhr und glaubte, jemand habe mir einen Schlag versetzt.
Als eines Tages Frau Aglaja, die Hände an die Ohren gedrückt, eilig um die Ecke bog und mir dabei einen Korb mit Eiern aus der Hand schlug, entschuldigte sie sich mit den Worten: „Ach Gott, mein liebes Kind, das kommt von dem scheußlichen Gedrechsel des — des Ernährers. Und — und — und seiner Gesellen“, ergänzte sie, als habe sie sich verschnappt.
„Also die Drehbank des Herrn Mutschelknaus ist es, die so brummt!“ erriet ich.
Daß er überhaupt keine Gesellen hatte, und daß die Fabrik nur aus ihm allein bestand, erfuhr ich später, und zwar von ihm selbst.
Es war ein schneeloser, finsterer Winterabend; ich wollte eben mit meiner Stange die Klappe der Laterne an der Ecke von unten aufstoßen, um anzuzünden, da rief mich eine Flüsterstimme an: „Pst, pst, Herr Taubenschlag!“ und ich erkannte den Drechslermeister Mutschelknaus, wie er, mit grüner Schürze und Pantoffeln, darauf je ein Löwenkopf aus bunten Perlen gestickt war, angetan, mich heranwinkend im Durchlaß stand.
„Herr Taubenschlag, wenn’s möglich is, bitte, lassen S’ heut nacht hier finster, gelt?“ — „Wissen Sie“ — fuhr er fort, da er mir anmerkte, wie betroffen ich war, obwohl ich mich nicht getraute, nach dem Grunde zu fragen, „wissen Sie, — nicht daß ich Sie verführen möchte, Ihre werte Pflicht zu verletzen, aber die Ehre meiner Frau Gemahlin steht auf dem Spiel, wenn’s herauskommt, was ich übernommen hab’. Und mit der Zukunft meiner Fräulein Tochter als Künstlerin wär’s für immer dahin. — Kein menschliches Auge darf sehen, was heut nacht hier geschieht!“ — ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so entsetzte mich der Tonfall in der Rede des alten Mannes, wie er mit angstverzerrtem Mienenspiel auf mich einsprach, — „nein, nein, bitte, nicht davonlaufen, Herr Taubenschlag! — Es ist ja kein Verbrechen nicht! — Freilich, wenn’s heraus kommt, muß ich ins Wasser gehen! — Wissen Sie, ich habe nämlich einen höchst — einen höchst anrüchigen Auftrag von einem Kunden in der Hauptstadt bekommen, und der wird heut Nacht, wenn alles schläft, heimlich auf einen Wagen geladen und fortgeschafft; der Auftrag nämlich. Tja. Hm.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Wenn ich auch nicht ahnen konnte, worum es sich handelte, so erriet ich doch, daß es nur etwas Harmloses sein konnte.
„Soll ich Ihnen beim Aufladen helfen, Herr Mutschelknaus?“ bot ich mich an.
Der Drechsler fiel mir beinahe um den Hals vor Entzücken: — „Aber wird es auch der Herr Freiherr nicht erfahren?“ fragte er im selben Atem und schon wieder sorgenvoll. „Und dürfen Sie so spät noch herunter? — Sie sind ja noch so jung!“
„Mein Pflegevater wird nichts merken“, beruhigte ich ihn.
Um Mitternacht hörte ich unten leise meinen Namen rufen.
Ich schlich mich die Treppe hinab und sah schattenhaft in der Dunkelheit einen Leiterwagen stehen. Den Pferden waren die Hufe mit Lappen umwickelt, damit man sie nicht trappen hören sollte. — Neben der Deichsel stand ein Fuhrknecht und grinste jedesmal, so oft Herr Mutschelknaus aus seinem Laden einen Korb voll runder, großer, braun gestrichener Holzdeckel, mit je einem Knopf in der Mitte zum Anfassen, geschleppt brachte.
Ich sprang sofort zu und half aufladen. In einer halben Stunde war der Wagen gefüllt bis oben und schwankte über die Palisadenbrücke, sich bald in der Finsternis verlierend.
Hochaufatmend zog mich der Alte trotz meines Widerstrebens in seine Werkstätte.
Ein runder, weißgehobelter Tisch mit einem Krug Dünnbier darauf und zwei Gläsern, von denen das eine — ein schöngeschliffenes Stück — offenbar für mich bestimmt war, fing wie eine helle Scheibe das ganze spärliche Licht der darüber hängenden kleinen Petroleumlampe auf; der übrige langgestreckte Raum lag fast in Dunkelheit. Nur nach und nach, wie sich meine Augen gewöhnten, konnte ich die Dinge unterscheiden.
Eine stählerne Achse, tagsüber von draußen angetrieben durch ein Wasserrad im Fluß, lief von Wand zu Wand. — Jetzt schliefen etliche Hühner darauf.
Lederne Treibriemen hingen wie Galgenschlingen auf die Drehbank herab. — Eine Holzstatue des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, ragte aus der Ecke. Auf jedem Pfeil schlief ebenfalls ein Huhn.
Ein offener Sarg, darin ein paar Stallhasen im Traum von Zeit zu Zeit rumorten, stand am Kopfende einer jämmerlichen Pritsche, die dem Drechsler als Bett dienen mochte.
Eine Zeichnung unter Glas, mit goldenem Rahmen und von einem Lorbeerkranz umgeben, war der einzige Zimmerschmuck; sie stellte eine junge Frau in theatralischer Pose mit geschlossenen Augen und halb offenem Munde dar, die Gestalt nackt, nur mit Feigenblatt, aber schneeweiß, als habe sie, mit Gipswasser bestrichen, Modell gestanden.
Herr Mutschelknaus errötete ein wenig, als er bemerkte, daß ich vor dem Bilde stehen geblieben war, und sagte rasch: „Es ist meine Frau Gemahlin, als sie mir die Hand zum ewigen Bunde reichte. — Sie war nämlich“ — setzte er, sich räuspernd, als Erklärung hinzu „— Marmornymphe. — — Ja ja, Aloisia, — das heißt Aglaja, natürlich: Aglaja — meine Frau Gemahlin, hatte nämlich das Unglück, von ihren seligen Herren Eltern verständnisloserweise als kleines Kind mit dem beschämenden Namen Aloisia aus der heiligen Taufe gehoben worden zu sein. — Aber nicht wahr, Herr Taubenschlag, Sie sagen’s nicht weiter! Der künstlerische Ruf meiner Fräulein Tochter litte sonst darunter. Hm. Tja.“ — Er führte mich an den Tisch, bot mir mit einer Verbeugung einen Sessel an und schenkte mir von dem Dünnbier ein.
Er schien ganz vergessen zu haben, daß ich ein halbwüchsiger Junge war — noch nicht fünfzehn Jahre alt —, denn er sprach zu mir wie zu einem Erwachsenen, wie zu einem Herrn, der an Rang und Bildung weit über ihm stünde.
Anfangs glaubte ich, er wolle mich nur unterhalten, indem er mir erzählte, doch bald erriet ich an der Art, wie sein Tonfall gepreßt und furchtsam wurde, so oft ich zu den Hasen hinüberschaute, daß er meine Aufmerksamkeit von der ärmlichen Umgebung abzulenken wünschte.
So bemühte ich mich denn, ruhig zu sitzen und meine Augen nicht mehr wandern zu lassen.
Bald hatte er sich in eine tiefe Erregung hineingeredet. Seine eingefallenen Wangen bekamen kreisrunde, hektische Flecken.
Immer deutlicher klang es aus seinen Worten wie ein krampfhaftes Bemühen, sich mir gegenüber — zu rechtfertigen!
Ich fühlte mich damals noch so sehr Kind — und das meiste, was er erzählte, ging überdies weit über mein Fassungsvermögen hinaus —, daß mich unter dem Eindruck der seltsamen Dissonanzen, den seine Rede in mir erweckte, allmählich ein leises, unerklärliches Grauen beschlich.
Ein Grauen, das sich tief in mich einfraß und von Jahr zu Jahr, als ich längst ein Mann geworden, jedesmal intensiver erwachte, so oft das Bild durch Zufall in meiner Erinnerung auferstand.
Mit meiner wachsenden Erkenntnis der Scheußlichkeiten, die das Dasein über den Menschen verhängt, wuchs auch jedes Wort, das der Drechsler damals gesprochen, an greller Nacktheit und Perspektive in meinem Gedächtnis und konnte bisweilen zum Albdruck werden, wenn ich mir die Zusammenhänge vergegenwärtigte und im Geiste das jammervolle Schicksal des alten Drechslers durchwanderte, das tiefe Dunkel, das seine Seele umfing, wie in der eigenen Brust empfand und den grausigen Mißklang zwischen der gespenstigen Komik, die ihm anhaftete, und seinem verstiegenen und zugleich tief ergreifenden Opfermut für ein falsches Ideal, das ihm der Satan selbst nicht hämischer als Irrlicht hätte ins Leben stellen können.
Damals, als Kind, empfand ich seine Erzählung, ich möchte sagen: wie die Beichte eines Irrsinnigen, die für andere Ohren als die meinen bestimmt war, der ich aber zuhören mußte, ob ich wollte oder nicht, festgehalten von einer unsichtbaren Hand, die Gift in mein Blut träufeln wollte.
Es waren da Augenblicke, wo ich mich sekundenlang verfallen und morsch wie ein Greis fühlte, so lebhaft übertrug sich auf mich der Wahn des Drechslers, ich sei ihm gleichalterig oder überlegen und nicht ein kleiner Junge.
„Ja ja, sie war eine große, berühmte Künstlerin“, so ungefähr begann er; „Aglaja! Niemand in diesem erbärmlichen Nest ahnt es. Sie will es nicht, daß man es erfährt! Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich kann’s nicht so sagen, wie ich möchte. Ich kann ja kaum schreiben. Aber das ist ein Geheimnis zwischen uns, nicht wahr? So wie das vorhin mit den, mit den, na ja mit den Deckeln. Ich kann nämlich nur ein Wort schreiben“ — er nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und malte auf den Tisch —, „nämlich das da: Ophelia.“
„Und lesen kann ich freilich überhaupt nicht. Ich bin nämlich“ — er beugte sich vor und flüsterte mir geheimnisvoll ins Ohr — „verzeihen den Ausdruck: ein Tepp. Wissen Sie: mein Vater, der war nämlich sehr streng, und weil ich als kleiner Bub einmal hab’ den Leim anbrennen lassen, hat er mich in einen Metallsarg, der grad fertig war, auf vierundzwanzig Stunden eing’sperrt und hat g’sagt, ich würd’ lebendig begraben. Das hab’ ich natürlich geglaubt und die Zeit drin war mir so furchtbar wie eine lange, lange Ewigkeit in der Hölle, die nie mehr ein End’ nimmt, denn ich hab’ mich ja nicht rühren können und auch fast nicht schnaufen. Ich hab’ mir die vordern Unterzähn’ ausgebissen vor Todesangst. Aber,“ setzte er ganz leise hinzu, „warum hab’ ich auch den Leim anbrennen lassen! Wie sie mich aus dem Sarg herausgenommen haben, hab’ ich den Verstand verloren gehabt. Und die Sprache. Erst zehn Jahre später hab’ ich wieder langsam angefangt reden zu lernen. Aber nicht wahr, Herr Taubenschlag, das ist ein Geheimnis zwischen uns! Wenn die Leut’ von meiner Schand’ erfahren, ist’s mit dem künstlerischen Ruhm meiner Fräulein Tochter dahin! Tja. Hm. — Wie dann mein Vater selig eines Tags für immer ins Paradies eingegangen ist — er ist begraben worden in demselbigen Metallsarg — und mir das Geschäft und auch Geld hinterlassen hat — er war Witwer —, da hat mir die himmlische Vorsehung zum Trost — denn ich hab’ gemeint, ich müßt’ mich tot weinen vor Gram um den Verlust meines Vaters — wie einen Engel den Herrn Oberregißjeh Herrn Paris ins Haus geschickt. Sie kennen den Herrn Künstler Paris nicht? Er kommt jeden zweiten Tag, mein Fräulein Tochter im Theaterspielen unterrichten! Er hat den gleichen Namen wie der alte griechische Gott Paris; es ist eine Vorsehung von Kindesbeinen an. Tja. Hm. — Meine jetzige Frau Gemahlin war damaliger Zeit noch Jungfrau. Tja. Hm. — Das heißt, ich mein’, sie war halt noch ein Mädchen. Tja. Hm. — Und der Herr Paris hat ihre künstlerische Laufbahn gezügelt. Sie war Marmornymphe in einem geheimen Theater in der Hauptstadt. Tja. Hm.“
An der abgerissenen Art, wie er die Sätze hervorstieß und nach unfreiwilligen kleinen Pausen sich immer wieder zum Weitersprechen aufriß, merkte ich, daß sein Gedächtnis zwischendurch erlosch, um dann von neuem, wie der Atem kam oder ging, aufzuflackern. Es war wie Ebbe und Flut in seinem Bewußtsein. „Er hat sich noch immer nicht erholt von jener entsetzlichen Folter in dem Metallsarg“, fühlte ich instinktiv; „er ist heute noch ein Lebendigbegrabener.“
„No, und wie ich damals das Geschäft geerbt hab’, ist der Herr Paris in mein Haus gekommen und hat gesagt, die berühmte Marmornymphe Aglaja hätt’ mich zufällig beim Begräbnis gesehen, als sie ungekannt durch unsere Stadt gekommen ist. Hm. Tja. — Und wie sie mich am Grab meines Vatern so hätt’ weinen sehen, da hätt’ sie gesagt (Herr Mutschelknaus sprang plötzlich auf und deklamierte mit Pathos in die Luft hinein, die kleinen, wasserblauen Augen starr, als sähe er die Worte in Feuerschrift), da hat sie gesagt: ‚diesem schlichten Manne will ich eine Stütze fürs Leben sein und ein Licht in der Finsternis, das ihm nimmermehr erlöschen möge. Ich will ihm ein Kind gebären, dessen Leben nur der Kunst geweiht sein soll. Seinem Geiste will ich das Auge öffnen für das Erhabene und sollte selbst in der Öde des grauen Alltags darob mein Herze brechen. Ade, Kunst! Ade, Ruhm! Ade, ihr Stätten des Lorbeers! Aglaja geht und nimmer kehrt sie wieder.‘ Tja. Hm.“ — Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, setzte sich, als habe die Erinnerung ihn plötzlich verlassen, langsam wieder auf seinen Stuhl.
„Tja. Hm. Der Herr Oberregißjeh hat laut geweint und sich das Haar gerauft. Damals, wie wir zu dritt beim Hochzeitsmahl gesessen sind. Und in einemfort hat er geschrien. ‚Mein Theater ist ruiniert, wenn ich Aglaja verliere. Ich bin ein toter Mann!‘ — Tja. Hm. Die tausend Gulden Münz, die ich ihm aufgedrängt hab’, damit er wenigstens nicht alles verliert, haben natürlich nicht lang gereicht. Tja. Hm.“
Seitdem ist er schwermütig. Erst jetzt, wo er das große traumadurgische Talent von meiner Fräulein Tochter entdeckt hat, hat er sich wieder ein bissel derfangt. Tja. Hm.
Sie muß das von ihrer Frau Mutter geerbt haben. Tja, manches Menschenkind säugt die Muse schon in der Wiege. Ophelia! Ophelia!“ Eine wilde Begeisterung erfaßte ihn jäh; er packte meinen Arm und schüttelte mich heftig. „Wissen Sie auch, Herr Taubenschlag, daß Ophelia, mein Kind, ein Kind von Gottesgnaden ist? Der Herr Paris sagt immer, wenn er sich seinen Gehalt bei mir in der Werkstatt holt: ‚Der Gott Vestalus selbst muß, als Sie sie gezeugt haben, Meister Mutschelknaus, mit dabei gewesen sein!‘ — Ophelia ist“ — seine Stimme sank wieder zum Flüsterton herab —, „aber das ist ein Geheimnis, so wie vorhin das mit den, mit den — na ja, das mit den Deckeln. Hm. Tja. — Ophelia ist schon nach sechs Monaten auf die Welt gekommen. Hm. Tja. — Andere Kinder brauchen neun Monate. Hm. Tja. — Aber es ist kein Wunder. Auch ihre Mutter ist unter einem königlichen Stern geboren. Hm. — Nur hat er geschwankt. Nämlich der Stern. Meine Frau Gemahlin will nicht, daß es jemand erfährt, aber Ihnen kann ich’s ja sagen, Herr Taubenschlag: Wissen Sie, daß sie beinahe schon auf einem Thron gesessen hätt’?! Und wenn ich nicht wäre — oft treibt’s mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran denk’ — könnt’ sie heut’ in einer Equipage mit vier Schimmeln sitzen. Aber sie ist abgestiegen zu mir. Hm. Tja. — Und das mit dem Thron“ — er hob die drei Schwurfinger —, „das war so — bei Ehr’ und Seligkeit, daß ich nicht lüg’ —: Der Herr Oberregißjeh Paris war nämlich in seiner Jugend, ich weiß es aus seinem eigenen Mund, Großfexier beim König von Arabien in Belgrad. Er hat dort für Seine Majestät den Allerhöchsten Harem einstudiert. Hm. Tja. Und meine jetzige Frau Gemahlin Aglaja war infolge ihrer Talente bereits zur ersten Ballastdame — man nennt das in Arabien ‚Mai-Therese‘ — als Ersatzdame für die Allerhöchste linke Hand avanciert; da wurden Seine Majestät ermordet und der Herr Paris und meine Frau Gemahlin sind in der Nacht über den Nil geflohen. Tja. Hm. — Sie ist dann, wie Sie schon wissen, Marmornymphe geworden. In einem geheimen Theater, das der Herr Paris seinerzeit ausgeübt hat. Bis sie auf den Lorbeer verzichtet hat. Auch der Herr Paris hat seinen Beruf aufgegeben und lebt nur noch wegen der Ausbildung Ophelias. Hm. Tja. — ‚Wir alle müssen nur für sie leben,‘ sagt er immer. ‚Und Ihre hehre Aufgabe, Meister Mutschelknaus, ist es, alles aufzubieten, damit Ophelias Künstlerlaufbahn nicht an Geldnot im Keim erstickt.‘ — Sehen Sie, Herr Taubenschlag, das ist auch der Grund, warum ich so anrüchige Aufträge — Sie wissen ja! — annehmen muß. Das Sargmachen zahlt sich nicht aus. Es sterben zu wenig Leute. Hm. Tja. — Die Ausbildung meiner Fräulein Tochter könnte ich ja noch erschwingen, aber der weltberühmte Dichter, der Herr Professor Hamlet in Amerika, verlangt soviel Geld. Ich hab’ ihm einen Schuldschein ausstellen müssen, und den muß ich jetzt abarbeiten. Hm. Tja. — Der Herr Professor Hamlet ist nämlich der Milchbruder vom Herrn Paris, und wie er von dem großen Talent Ophelias gehört hat, hat er extra für sie ein Theaterstück gedichtet. Das hat den Titel: ‚Der König von Dänemark.‘ Drin soll der Kronprinz mein Fräulein Tochter heiraten, aber Ihre Majestät, seine Frau Mama, erlaubt’s nicht und drum geht meine Ophelia ins Wasser. Meine Ophelia ins Wasser!“ — Der Alte schrie es nach einer Pause nur so heraus. „Wie ich das gehört hab’, hat’s mir fast das Herz zerrissen. Nein, nein, nein! Meine Ophelia, mein Augapfel, mein Alles, darf nicht ins Wasser gehen! Auch nicht in einem Theaterstück. Hm. Tja. — Und ich bin niedergekniet vor dem Herrn Paris und hab’ ihn solang gebeten, bis er dem Herrn Professor Hamlet geschrieben hat. Der Herr Professor hat versprochen, er will’s so einrichten, daß meine Ophelia doch den Kronprinzen heiratet und sich nicht ertränkt, wenn ich ihm einen Schuldschein ausstelle. Der Herr Paris hat den Schuldschein geschrieben, und ich hab’ drei Kreuzel drunter gemacht. Sie werden vielleicht lachen, Herr Taubenschlag, weil’s ja nur ein Theaterstück ist und nicht Wirklichkeit! Aber schauen Sie, in dem Theaterstück wird meine Ophelia auch Ophelia heißen. Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich bin nur ein Tepp; was, wenn aber doch dann meine Ophelia sich ertränkt?! Der Herr Paris sagt ja immer: die Kunst ist mehr als Wirklichkeit — was, wenn sie ins Wasser geht! Was wird dann aus mir?! Wär’s dann nicht besser für mich gewesen, ich wär’ damals gleich erstickt in dem Metallsarg?!“
Die Hasen polterten laut in ihrem Sarg. Der Drechsler zuckte erschreckt zusammen und murmelte: „Verfluchte Rammler!“
Eine lange Pause trat ein; der Alte hatte den Faden seiner Erzählung vollkommen verloren. Er schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben und seine Augen sahen mich nicht mehr.
Nach einer Weile stand er auf, ging zur Drehbank, legte die Transmissionsriemen um die Antriebsscheibe und setzte sie in Bewegung.
„Ophelia! Nein, meine Ophelia darf nicht sterben!“ hörte ich ihn murmeln. „Ich muß arbeiten, arbeiten, sonst ändert er das Theaterstück nicht um, und —“
Das Surren der Maschine verschlang seine letzten Worte.
Ich schlich mich leise aus der Werkstatt und ging hinauf in mein Zimmer.
Im Bett faltete ich die Hände und flehte, ich weiß nicht warum, zu Gott, er möge Ophelia behüten.
3
DIE WANDERUNG
In jener Nacht hatte ich ein seltsames Erlebnis; andere würden es einen Traum nennen, denn für all das, was die Menschen erleben, während der Leib schlummert, kennen sie nur diese eine unzulängliche Bezeichnung.
Wie immer, bevor ich einschlief, hatte ich die Hände gefaltet, um, wie der Baron es nannte, „das Linke auf das Rechte zu legen“.
Nach und nach im Laufe der Jahre wurde mir erst durch die Erfahrung klar, wozu diese Maßnahme diente. Mag sein, daß jede beliebige andere Handstellung denselben Zweck erfüllt, wenn damit die Vorstellung verknüpft ist: der Körper werde festgebunden.
So oft ich mich seit dem ersten Abend im Hause des Barons auf diese Weise schlafen gelegt, immer war ich morgens mit dem Gefühl erwacht, ich hätte im Schlummer eine weite Strecke Wegs durchwandert, und jedesmal fiel’s mir wie ein Stein vom Herzen, wenn ich sah, daß ich entkleidet und nicht mit staubigen Schuhen — wie einst im Waisenhaus — im Bette lag und keine Schläge zu befürchten brauchte; nie jedoch hatte ich mich tagsüber erinnern können, wohin ich im Traume gewandert war. In jener Nacht geschah es zum erstenmal, daß die Binde von meinen Augen fiel.
Daß mich der Drechslermeister Mutschelknaus kurz vorher in so merkwürdiger Weise wie einen Erwachsenen behandelt hatte, mag wohl die geheime Ursache gewesen sein, daß ein bis dahin im Schlummer befangenes Ich in mir — vielleicht jener „Christopher“ — zum Bewußtsein erwachte und anfing zu sehen und zu hören.
Ich träumte zuerst — so begann es —, ich sei lebendig begraben und konnte weder Hand noch Fuß rühren; dann aber füllte ich mit gewaltigen Atemzügen meine Brust und sprengte dadurch den Deckel des Sarges; und ich schritt auf einer einsamen, weißen Landstraße dahin, die noch furchtbarer war als das Grab, dem ich entronnen, denn ich wußte, sie würde niemals ein Ende nehmen. Ich sehnte mich nach meinem Sarge zurück und da stand er auch schon quer über der Straße.
Er war weich anzufühlen wie Fleisch und hatte Arme und Beine, Hände und Füße wie ein Leichnam. Als ich hineinstieg, bemerkte ich, daß ich keinen Schatten warf, und als ich prüfend an mir herunter blickte, hatte ich keinen Körper; dann fühlte ich nach meinen Augen, aber ich hatte keine Augen; als ich nach meinen tastenden Händen schauen wollte, sah ich keine Hände.
Wie sich der Sargdeckel langsam über mir schloß, war mir, als sei mein Denken und Fühlen als Wanderer auf der weißen Landstraße das eines uralten, wenn auch noch ungebeugten Mannes gewesen; dann beim Herabsinken des Sargdeckels verschwand es, wie Wasserdampf sich verflüchtigt, und ließ als Bodensatz die halb blinde, halb dumpfe Denkweise zurück, die das Hirn jenes im Leben wie ein Fremdling stehenden, halbwüchsigen Jungen, der ich war, zu erfüllen pflegte.
Als der Deckel ins Schloß fiel, erwachte ich in meinem Bette.
Das heißt, ich glaubte zu erwachen.
Es war noch dunkel, aber ich fühlte an dem betäubenden Duft des Holunders, der durch das offene Fenster in die Stube drang, daß der erste Hauch des kommenden Morgens aus der Erde stieg und es höchste Zeit für mich sei, die Laternen in der Stadt auszulöschen. Ich griff nach meinem Stab und tastete mich die Treppen hinab. Dann, als meinem Amte Genüge geschehen war, ging ich über die Palisadenbrücke und stieg auf einen Berg; jeder Stein am Wege kam mir bekannt vor, und doch konnte ich mich nicht entsinnen, jemals hier gewesen zu sein.
Alpenblumen, schneeflockiges Wollgras und würziger Speik wuchsen in den tauschweren, unter dem dämmerigen Scheine der Luft noch schwarzgrünen Höhenwiesen.
Dann klaffte der Himmel am Rande der Ferne auf und das belebende Blut der Morgenröte floß in die Wolken.
Blauschillernde Käfer und große Wildfliegen mit gläsernen Flügeln stiegen schwirrend, wie von unhörbarem Zauberruf erweckt, plötzlich aus der Erde und blieben in Menschenhöhe regungslos in der Luft schweben, alle die Köpfe der erwachenden Sonne zugekehrt.
Ein Frösteln tiefster Erschütterung lief mir die Glieder hinab, als ich dies stumme, grandiose Gebet der Kreaturen sah, fühlte und begriff.
Ich kehrte um und ging wieder der Stadt zu. Mein Schatten, riesengroß, seine Füße untrennbar an die meinen geheftet, glitt mir voraus.
Der Schatten, das Band, das uns an die Erde bindet, das schwarze Gespenst, das uns entsteigt und den in uns wohnenden Tod verrät, wenn ein Licht den Körper trifft!
Die Straßen lagen in blendender Helle, als ich in sie einbog.
Die Kinder zogen lärmend zur Schule.
„Warum singen sie nicht: ‚Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag! Trarara Taubenschlag!‘?“ wachte ein Gedanke in mir auf. „Sehen Sie mich nicht? Bin ich ihnen so fremd geworden, daß sie mich nicht mehr kennen? Ja, ich war ihnen von jeher fremd“, kam es mir schreckhaft neu plötzlich zum Bewußtsein. „Ich war doch nie ein Kind gewesen! Auch nicht im Findelhaus, als ich noch ganz klein war. Spiel, wie sie, habe ich nie gekannt. Wenigstens nur insofern, als hätte es ganz mechanisch mein Körper betrieben, ohne daß meine Lust mit dabei gewesen wäre; in mir wohnt ein uralter Mann, und nur mein Leib scheint jung zu sein! Der Drechslermeister hat das wahrscheinlich geahnt, deshalb sprach er gestern zu mir wie zu einem Erwachsenen!“
Ich erschrak plötzlich: „Gestern war doch Winterabend gewesen, wie kann heute Sommermorgen sein?! Schlafe ich, bin ich ein Nachtwandler?“ Ich blickte nach den Laternen: sie waren blind — wer aber sonst als ich hätte sie auslöschen können?! So war ich also doch leibhaftig, als ich sie auslöschte! — Aber vielleicht bin ich jetzt tot und habe in Wirklichkeit erlebt und nicht nur geträumt, daß ich im Sarg lag?! Ich wollte es erproben, trat an einen der Schuljungen heran und fragte ihn: „Kennst du mich?“ Er gab keine Antwort und lief durch mich hindurch wie durch leere Luft.
„So bin ich also tot“, nahm ich gleichmütig zur Kenntnis. „Da muß ich schnell die Laternenstange zu Hause abgeben, ehe ich verwese“, mahnte mich mein Pflichtgefühl und ich stieg hinauf zu meinem Pflegevater.
Drin in seiner Stube fiel mir die Stange aus der Hand und machte viel Lärm.
Der Baron hörte es — er saß in seinem Lehnstuhl —, drehte sich um und sagte: „Na, da bist du ja endlich!“
Ich freute mich, daß er mich wahrnahm, denn ich schloß daraus, daß ich doch unmöglich gestorben sein könne.
Der Baron sah aus wie immer, hatte auch denselben Rock mit dem altmodischen, maulbeerfarbenen Spitzenjabot an, den er an Feiertagen zu Hause zu tragen liebte, aber irgend etwas war an ihm, das mir unfaßbar fremd vorkam. Lag es an seinem Kropf? Nein. Der war nicht größer, nicht kleiner als sonst.
Ich ließ meine Augen durch die Stube schweifen — auch hier war alles unverändert. Kein Ding fehlte, keines war hinzugekommen. Das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, der einzige Zimmerschmuck, hing an der Wand wie immer. Alles an derselben Stelle. Halt! Stand denn nicht gestern noch die grüne Gipsbüste Dantes mit dem strengen, scharfen Mönchsgesicht links auf dem Bord? Hat sie jemand umgestellt? Jetzt steht sie rechts!
Der Baron bemerkte meinen Blick und lächelte.
„Du warst auf dem Berg?“ fing er an und deutete auf die Blumen in meiner Tasche, die ich unterwegs gepflückt hatte.
Ich stammelte eine Entschuldigung, aber er winkte freundlich ab: „Ich weiß, es ist schön da oben; ich gehe auch oft hin. Du warst schon viele Male dort, aber du hast es immer wieder vergessen; junges Hirn kann nichts behalten, das Blut ist noch zu heiß. Es wäscht die Erinnerung fort. — Hat dich das Wandern müde gemacht?“
„Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der — auf der weißen Landstraße“, sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.
„Ja ja, die weiße Landstraße!“ murmelte er sinnend, „die kann selten einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das an dir bemerkte — damals im Findelhaus — hab’ ich dich zu mir genommen. Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die Ewigkeit sucht und nicht das ‚Ende‘, bloß für den ist Unendlichkeit und Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.
Ruhe — nicht ‚Rast‘ — ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot, strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du auch nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst.“
„Hast du,“ fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, „hast du die Sonne gesehen?“
„Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging.“
Er nickte befriedigt. „Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr miteinander zu schaffen gehabt“, setzte er leise hinzu.
„Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?“
„Ja. Selbstverständlich —“
Er überhörte meine erstaunte Antwort.
„Wer die Sonne erblickt,“ fuhr er fort, „der will nur noch die Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn verloren; sie ist verwaist! — Du weißt, wie’s tut, ein Findelkind zu sein, — bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch Mutter zu haben! — Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber kommt.“
„Ja!“ stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße Landstraße.
„Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt hast?“
„Nein, Vater.“
„Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst, die lebendig begraben sind.“
„Meinst du den Drechslermeister Mutschelknaus?“ forschte ich kindlich.
„Ich kenne keinen Drechslermeister dieses Namens; er ist noch nicht sichtbar geworden.“
„Auch nicht seine Frau und — Ophelia?“ fragte ich und fühlte, daß ich rot wurde.
„Nein. Auch Ophelia nicht.“
„Seltsam!“ dachte ich, „sie wohnen doch drüben und er muß ihnen ja täglich begegnen.“
Wir schwiegen beide eine Weile, dann schrie ich plötzlich jammernd auf:
„Aber das ist entsetzlich! Lebendig begraben sein!“
„Nichts ist entsetzlich, mein Kind, was man tut um seiner Seele willen. Auch ich bin zuweilen noch lebendig begraben. Oft bin ich auf Erden mit Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. Viele von ihnen hatten Trost gesucht in jener aus Asien herübergewehten Lehre, — der Lehre vom Karma oder der Wiedervergeltung —, die da behauptet: keinem Wesen könne ein Leid geschehen, zu dem es nicht in einem früheren Dasein den Keim gelegt; — andere suchten Trost in dem Dogma von der Unerforschlichkeit der Ratschlüsse Gottes; — Trost gefunden hat weder der eine noch der andere.
Solchen Menschen habe ich eine Laterne angezündet, indem ich ihnen einen Gedanken“ — er lächelte beinahe grimmig, aber dabei doch freundlich wie immer — „eingab — so fein eingab, daß sie glaubten, er sei ihnen von selber eingefallen! Ich stellte ihnen nämlich die Frage: ‚Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe, du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen Sack voll Gold vor deiner Tür!‘
‚Ja! Natürlich!‘ — so lautete jedesmal die Antwort.
„Dann beklag dich nicht über dein Schicksal! — Weißt du denn, ob du diesen — wenn’s hoch kommt nur siebzigjährigen — qualvollen Traum, Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu finden? Freilich, wer einen ‚Gott mit unerforschlichen Ratschlüssen‘ als Ursache setzt, der wird ihn eines Tages als hämischen Teufel ernten.
Nimm das Leben weniger wichtig und die Träume ernster, da wird es bald besser um dich stehen, — dann kann der Traum zum Führer werden, statt, wie jetzt, in die Fetzen der Tageserinnerungen gehüllt ein harlekinbunter Narr zu bleiben — — — — — — — — — —
Höre, mein Kind! Es gibt keinen leeren Raum. — In diesem Satz liegt das Geheimnis verborgen, das jeder enthüllen muß, der aus einem verweslichen Tier ein unsterbliches Bewußtsein werden will. Nur darf man den Sinn der Worte nicht bloß auf die äußere Natur anwenden, sonst bleibt man haften an der groben Erde; man muß ihn gebrauchen wie einen Schlüssel, der das Geistige erschließt; man muß ihn umdeuten! — Sieh da: es will einer wandern, die Erde aber hält seine Füße fest; was wird geschehen, wenn sein Wille, zu wandern, nicht erlahmt? Sein schöpferischer Geist — die Urkraft, die ihm eingehaucht worden ist bei Anbeginn — wird andere Wege finden, auf denen er wandern kann, und das in ihm, das zum Gehen keiner Füße bedarf, wird wandern trotz Erde, trotz Hindernis. —
Der schöpferische Wille, das göttliche Erbteil im Menschen, ist eine saugende Kraft; dieses Saugen müßte — versteh das im übertragenen Sinne! — einen leeren Raum erzeugen im Raume der Ursachen, wenn nicht der Äußerung des Willens schließlich die Erfüllung folgen würde. — Sieh da: es ist einer krank und will gesund werden; solange er zu Arzneien seine Zuflucht nimmt, solange lähmt er jene Kraft des Geistes, die schneller und besser heilt als alle Medizin. Es ist, wie wenn einer mit der linken Hand schreiben lernen will: wenn er sich immer nur der rechten bedient, wird er es mit der linken niemals lernen. Jegliches Geschehen, das in unser Leben tritt, hat seinen Zweck; Sinnloses gibt es nicht; eine Krankheit, die den Menschen befällt, gibt ihm die Aufgabe: vertreibe mich mit der Kraft des Geistes, damit die Kraft des Geistes erstarke und wieder Herr werde über die Stofflichkeit, wie sie es einst gewesen vor dem ‚Sündenfall‘. Wer das nicht will und sich mit ‚Arzneien‘ begnügt, der hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt; er bleibt ein kleiner Junge, der die Schule schwänzt. — Wer aber nicht erlahmt im Befehlegeben mit dem Marschallstab des Geistes, die grobe Waffe mißachtend, die nur der Söldner führt, der wird immer wieder auferstehen; mag ihn der Tod auch noch so oft niederstrecken, zuletzt wird er dennoch König sein! — Darum soll der Mensch nie erlahmen auf dem Wege zu dem Ziel, das er sich gesetzt hat; wie der Schlaf nur eine kurze Rast bedeutet, so auch der Tod. — Man fängt eine Arbeit nicht an, um sie aufzugeben, sondern um sie zu vollenden; — ein begonnenes Werk und sei es scheinbar noch so belanglos, halb getan und liegen gelassen, verwest und vergiftet den Willen, so wie eine unbegrabene Leiche die Luft eines ganzen Hauses verpestet.
Wir leben nur um der Vollendung unserer Seele willen; wer dieses Ziel unverrückbar im Auge behält und es beständig denkt und fühlt, so oft er etwas beginnt oder beschließt, dem wird gar bald eine seltsame, bis dahin ungekannte Gelassenheit zu teil und auf eine unbegreifliche Weise wird sich sein Schicksal verändern. — Für den, der schafft, als sei er unsterblich — nicht, um das Ding zu erlangen, nach dem sein Wunsch steht (das ist nur ein Ziel für geistig Blinde), sondern um des Tempelbaues seiner Seele willen, der wird den Tag schauen, und sei es erst nach Tausenden von Jahren, — wo er sagen kann: ich will und es steht da, was ich befehle, geschieht und bedarf der Zeit nicht mehr, um langsam zu reifen.
Dann erst ist der Punkt gekommen, wo der lange Weg aller Wanderung endet. Dann kannst du der Sonne ins Antlitz sehen, ohne daß dein Auge verbrennt.
Dann kannst du sagen: ich habe ein Ziel gefunden, weil ich keines gesucht.
Dann werden die Heiligen an Erkenntnis arm sein gegen dich, denn sie werden nicht wissen, was du weißt: daß Ewigkeit und Ruhe dasselbe sein kann wie Wandern und Unendlichkeit!“
Die letzten Worte gingen weit über mein Fassungsvermögen hinaus; viel später erst, als mein Blut kalt geworden war und mein Leib mannhaft, wurden sie wieder klar und lebendig.
Damals hörte ich sie mit taubem Ohr; ich sah nur den Baron Jöcher und, wie vom Lichte eines Blitzes erhellt, erkannte ich plötzlich, was mir so fremdartig an ihm erschienen war, — etwas Seltsames: sein Kropf saß an der rechten Seite der Halses, statt links wie sonst.
Wohl klingt mir das heute fast lächerlich, — damals packte es mich wie ein namenloses Entsetzen. — Das Zimmer, der Baron, die Dantebüste auf dem Bord, ich selbst, — alles war in einem einzigen kurzen Augenblick für mich in ein Gespenst verwandelt, so schemenhaft und unwirklich, daß mir das Herz vor Todesangst erstarrte.
Damit endete mein Erlebnis in jener Nacht.
Zitternd vor Schreck erwachte ich gleich darauf in meinem Bett. Heller Tag schien durch die Gardinen. Ich lief ans Fenster, draußen: klarer Wintermorgen!
Ich ging ins nächste Zimmer: drin saß der Baron in seinem gewöhnlichen Arbeitsrock an seinem Schreibtisch und las.
„Hast heute lange geschlafen, mein lieber Junge,“ rief er mir lachend zu, als er mich, noch im Hemde, die Zähne klappernd vor innerer Kälte, auf der Schwelle stehend, sah. „Hab’ statt deiner die Laternen in der Stadt auslöschen gehen müssen. — Nach vielen vielen Jahren wieder einmal. — Aber was ist dir denn?“
Ein schneller Blick nach seinem Halse und der letzte Rest von Furcht wich aus meinem Blut: der Kropf saß ihm wieder links wie immer und auch die Dantebüste stand auf derselben Stelle wie sonst.
In einer Sekunde hatte das Leben der Erde die Traumwelt verschluckt; ein Nachklingen im Ohr, als falle der Sargdeckel ins Schloß, — dann war auch das vergessen.
In fliegender Hast erzählte ich meinem Pflegevater, was mit mir geschehen war. — Nur die Begegnung mit dem Drechslermeister verschwieg ich.
Bloß einmal fragte ich so mitten-durch: „Kennst du den Herrn Mutschelknaus?“
„Natürlich,“ war die fröhliche Antwort, „er wohnt doch unten. — Übrigens ein ganz, ganz armer Teufel!“
„Und seine Tochter, das — das Fräulein Ophelia?“
„Auch — Ophelia kenne ich,“ sagte der Baron, plötzlich ernst werdend, und sah mich lang, fast traurig an, „auch Ophelia.“
Schnell ging ich wieder auf das andere Thema über, denn ich fühlte, wie mir die Röte in die Wangen stieg: „Warum hast du denn in meinem Traum deinen — deinen linken Hals auf der anderen Seite gehabt, Papa?“
Der Baron dachte lange nach, dann begann er, nach Worten suchend, als falle es ihm schwer, sich meinem noch unentwickelten Begriffsvermögen anzupassen:
„Weißt du, mein Junge, um das deutlich zu machen, müßte ich dir eine Woche lang einen überaus verwickelten Vortrag halten, den du doch nicht verstehen würdest. Laß dir’s genügen, wenn ich dir einige Sätze mit Schlagworten an den Kopf werfe. — Ob sie in dein Hirn dringen werden? — Wahren Unterricht gibt nur das Leben und noch besser: der Traum.
Träumen lernen ist daher der Weisheit erste Stufe. Klugheit gibt das äußere Leben; Weisheit fließt aus dem Traum. Ob es nun ein wacher ‚Traum‘ ist — dann sagen wir: ‚ha, es ist mir etwas eingefallen‘ — oder: ‚ein Licht ist mir aufgegangen‘ — oder ob es ein Schlaftraum ist: in diesem Fall werden wir durch gleichnishafte Bilder belehrt. — Auch alle wahre Kunst entspringt dem Reich des Traumes. Desgleichen die Gabe der Erfindung. Die Menschen reden mit Worten, der Traum mit lebendigen Bildern. Daß er sie aus den Geschehnissen des Tages nimmt, hat so manchen verleitet zu glauben, Träume seien sinnlos. Sie werden es freilich, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt! Dann verkrüppelt das Traumorgan, wie ein Glied verkrüppelt, das wir nicht pflegen, und ein wertvoller Führer verstummt, — die Brücke zu einem andern Leben, das weit wertvoller ist als das irdische, fällt in Trümmer. Der Traum ist der Steg zwischen Wachen und Schlafen; — er ist auch der Steg zwischen Leben und Tod.
Du darfst mich nicht für einen großen Weisen oder dergleichen halten, mein Junge, weil mein Doppelgänger dir heute Nacht so vieles sagte, was dir wunderbar vorkommen mag. — Noch bin auch ich noch nicht so weit, daß ich behaupten dürfte, er und ich seien ein und dieselbe Person.
Wohl bin ich ein bißchen besser in jenem Traumland zu Hause als so mancher andere, — bin sozusagen drüben sichtbar geworden und bleibend, aber immer noch muß ich hier die Augen schließen, wenn ich sie drüben öffnen will, und umgekehrt. — Es gibt Menschen, die das nicht mehr nötig haben, wenn auch sehr, sehr wenige.
Du erinnerst dich: du konntest dich selbst nicht sehen und hattest weder Leib, noch Hände, noch Augen, als du dich auf der weißen Landstraße wieder in den Sarg legtest? —
Aber auch das Schulkind konnte dich nicht sehen! Es ging sogar durch dich hindurch wie durch leere Luft!
Weißt du woher das kommt? — Du hast die Erinnerung an die Formen deines irdischen Körpers nicht mit hinüber genommen! — Wer es kann — so, wie ich es gelernt habe —, der wird drüben zuerst für sich selbst sichtbar, — er baut sich im Traumland einen zweiten Leib, der später sogar für andere wahrnehmbar ist, so seltsam dir das jetzt auch klingen mag! Man vollbringt das durch Methoden“ — er deutete auf das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci und schmunzelte —, „die ich dich, wenn dein Körper reif sein wird und nicht mehr festgebunden werden muß, lehren will. Wer sie kennt, der ist imstande, einen Spuk zu erzeugen. — Bei manchen Menschen geschieht dies ‚Sichtbarwerden im andern Reich‘ von selbst und ohne Ordnung, doch fast immer wird nur ein Teil von ihnen drüben lebendig, meistens die Hand. Die führt dann oft die sinnlosesten Taten aus — denn der Kopf ist nicht mit dabei — und Leute, die die Wirkung sehen, bekreuzigen sich und schwätzen von Teufelsspuk. — Du meinst: wie kann eine Hand etwas tun, ohne daß sein Besitzer darum weiß? — — Hast du noch nie gesehen, wie der Schwanz, der einer Eidechse abbrach, sich scheinbar in wütendem Schmerze krümmt, während die Eidechse selbst teilnahmslos daneben steht? — So ähnlich ist es!
Das Reich drüben ist genau so wirklich (oder ‚unwirklich‘ — setzte er halb für sich hinzu) wie das irdische. — Jedes für sich ist nur eine Hälfte, erst beide zusammen ergeben ein Ganzes. — Du kennst ja die Sage von Siegfried, — sein Schwert war in zwei Teile zerbrochen; der listige Zwerg Alberich hat es nicht zusammenschmieden können, weil er eben ein Erdenwurm war, — aber Siegfried hat es gekonnt.
Das Schwert Siegfrieds ist ein Sinnbild für jenes doppelte Leben. Wie man es zusammenschweißt, daß es ein Stück wird, ist das Geheimnis, das einer wissen muß, wenn er ein Ritter werden will. —
Sogar wirklicher noch als dieses Reich hier auf Erden ist jenes drüben. Das eine ist eine Spiegelung des anderen, — besser gesagt: das irdische ist eine Spiegelung des ‚Drüben‘, — nicht umgekehrt; was Drüben rechts ist“ — er deutete auf seinen Kropf, — „das ist hier links.
Verstehst du jetzt?
Jener andere war also mein Doppelgänger. Was er dir sagte, habe ich soeben erst aus deinem Munde erfahren; es kam nicht aus seinem Wissen, noch viel weniger aus meinem: — es kam aus deinem!
Ja, ja, mein Junge, schau mich nicht so erstaunt an, — es kam aus deinem! Oder vielmehr“ — er fuhr mir liebkosend mit der Hand durchs Haar — „aus dem des — Christopher in dir! — Was ich dir sagen kann — ein Menschentier dem andern —, das dringt aus Menschenmund in Menschenohr und wird vergessen, wenn das Hirn verwest; das einzige Gespräch, aus dem du lernen kannst, ist das — Selbstgespräch. — Und was du hieltest mit meinem Doppelgänger, war — ein Selbstgespräch. — — Was ein Mensch dir sagen kann, ist einmal zu wenig und einmal zu viel. Das einemal kommt es zu früh, das anderemal zu spät, immer zu einer Zeit wo deine Seele schläft. — So, mein Junge“, — er wandte sich wieder dem Schreibtisch zu — „jetzt zieh dich aber an; du wirst doch nicht den ganzen Tag im Hemde herumlaufen wollen.“
4
OPHELIA
Die Erinnerungen meines Lebens sind mir zu Kleinodien geworden; ich hole sie hervor aus den Wassertiefen der Vergangenheit, wenn die Stunde, sie zu betrachten, schlägt und ich eine Menschenhand, sie niederzuschreiben, gefunden habe, die sich mir willfährig zeigt.
Dann, wenn sich Wort an Wort reiht und ich ihnen lausche wie der Rede eines Erzählers, ist mir’s, als glitten sie, zugleich ein Spiel mit funkelnden Juwelen geworden, durch meine liebkosenden Finger und Vergangenheit wird mir wieder Gegenwart.
Schimmernd sind sie alle für mich, die blinden wie die leuchtenden, die dunklen und die hellen; ich kann sie betrachten mit lächelndem Sinn; — bin ich doch für immer „losgelöst mit Leichnam und Schwert“.
Aber ein Edelstein ist unter ihnen, über den habe ich nur zitternde Gewalt.
Nicht wie mit den andern kann ich mit ihm spielen; die süße, betörende Macht der Mutter Erde geht von ihm aus und zielt nach meinem Herzen.
Er ist wie der Edelstein Alexandrit, der dunkelgrün am Tage, plötzlich rot erglüht, wenn du in stiller Nacht in seine Tiefe starrst.
Als Tropfen Herzblut zu Kristall geronnen, trage ich ihn bei mir, stets
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