eine Gräte im Essen.« (»Charivari«, Juli 1870)]
Über Sedan nach Versailles
Die Wirkung der Emser Depesche ist bekannt; der nationale Strom erbrauste und ergriff die ganze Nation. Am 15. Juli 1870 kehrte König Wilhelm von Ems nach Berlin zurück; die ganze Reise war ein beispielloser Triumphzug. Der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke reisten ihm bis Brandenburg entgegen; am Potsdamer Bahnhof harrte an der Spitze der Generale der greise Wrangel, unten drängte sich die begeisterte Volksmasse Kopf an Kopf. Nach der Ankunft trat der König in den unscheinbaren Wartesaal; um ihn waren Bismarck, Moltke und Roon gruppiert, der Kronprinz, halb seitwärts neben dem König, stand da wie ein flammender Kriegsgott, das Urbild des teutonischen Zornes. Nur wenige Minuten, dann eilte er hinaus zu der brausenden Menge, die seinen Zuruf: »Die Mobilmachung der Armee ist befohlen!« mit Tausenden von Stimmen weiter fortgab. Der Reichstag wurde einberufen und mit einem Gottesdienst eröffnet. Der Text der Predigt hat gelautet: »Mit Gott wollen wir Taten tun.« Die Thronrede aber schloß mit den Worten: »Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war!« Am nächsten Tage nahm der Reichstag ohne Diskussion die von Miquel verfaßte Adresse an. In flammender Rede hatte Bismarck noch einmal alle Schuld und alle Lüge der französischen Vergangenheit und Gegenwart zusammengefaßt.
Wieder zog er mit seinem Könige in den Krieg. Am 11. August überschritt er mit dem Großen Hauptquartier die französische Grenze. Nach wenigen Tagen schon kam er bis an die Nähe von Metz, und als der Kanonendonner von Vionville und Mars-la-Tour verhallte, da drang die Kunde zu ihm, daß seine Söhne gefallen seien. Die Vorsehung hatte es anders bestimmt: Der ältere Sohn hatte im Kampfe wohl drei Schüsse erhalten, aber er war lebend davongekommen; der zweite Sohn war bei dem Todesritt mit seinem Pferde gestürzt, ohne ernsteren Schaden zu nehmen. Und auch Bismarck ist gleich dem König in jenen fürchterlichen Tagen in schwere Lebensgefahr geraten.
Feldzugsbriefe
Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft, zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige Proben daraus:
Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind, aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein =civet= von einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit mir.«
In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.«
Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren; er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden. Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte, und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will ich nie wieder Orden tragen ...«
1870)]
Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen, sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen, das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns bleiben ...«
Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit =ditto= über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.«
Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen Herbstluft durch Louis =XIV.= lange gerade Parkgänge, durch rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...«
(»Zündnadeln«, August 1870)]
Er reitet in die Nacht hinaus
Die schwerste Stunde in Bismarcks Leben ist wohl jene späte Abendstunde gewesen, am 16. August, in der ihm irrtümlich der Tod seiner beiden Söhne gemeldet wurde. Herr von Keudell berichtet darüber: »Der Kanzler befand sich zusammen mit Moltke noch beim König. Da tritt ein Ordonnanzoffizier ein und macht in leisem Tone dem General eine Meldung, die ihn zu erschrecken scheint. Bismarck versteht seinen Blick und fragt: ›Geht es mich an?‹ Darauf meldet der Offizier laut: ›Bei der letzten Attacke des 1. Garde-Dragoner-Regimentes ist Graf Herbert Bismarck gefallen, Graf Bill tödlich verwundet worden.‹ Und auf Befragen gibt er an, die Nachricht komme von dem Kommandierenden General des =X.= Armeekorps von Voigts-Rhetz, dessen augenblicklicher Aufenthalt nicht bekannt sei, da der General umherreite, um alle Lazarette zu besichtigen. Bismarck läßt sofort satteln, und ~ohne ein Wort zu sagen, reitet er in die Nacht hinaus. Kein Reitknecht darf ihm folgen~. Beim ersten Morgengrauen kommt er in das Dorf Troville. Im Johanniter-Hospital am Ende des Dorfes findet der Kanzler den General und erhält Geleit nach dem Gehöft in Mariaville, wo mehrere Verwundete liegen. Beim Eintreten in das Haus kommt ihm sein jüngster Sohn unverletzt entgegen; Herbert aber liegt verwundet auf einem Strohlager. Er war von einer Kugel an der Brust gestreift worden, eine zweite hatte seine Uhr zerschmettert, die dritte aber war in das Fleisch des Oberschenkels eingedrungen.«
Bill als Schweinetreiber
Über eine spätere Begegnung mit seinem jüngeren Sohne, dessen stets fröhliches Temperament ihn übrigens zum allgemeinen Liebling machte, erzählte später der Vater: »Ich entdeckte an ihm eine neue rühmliche Eigenschaft: er besitzt ausnehmende Geschicklichkeit im Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug er’s fort auf dem Arme wie ein Kind ... Es wird den gefangenen französischen Offizieren komisch vorgekommen sein, einen preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.«
Im Granatenfeuer
Am 18. August gerieten auch König Wilhelm und sein Kanzler in schwere Lebensgefahr. »Sie hatten eben«, erzählt Graf Bismarck, »die Pferde zu Wasser geschickt, und wir standen in der Dämmerung bei einer Batterie, die feuerte. Die Franzosen schwiegen, aber während wir dachten, ihre Geschütze wären demontiert, konzentrierten sie nur ihre Kanonen und Mitrailleusen seit einer Stunde zu einem letzten großen Vorstoße. Plötzlich fingen sie ein ganz fürchterliches Feuern an mit Granaten und ähnlichen Geschossen, ein unaufhörliches Krachen und Rollen, Sausen und Heulen in der Luft. Wir wurden vom Könige, den Roon zurückschickte, abgeklemmt. Ich blieb bei der Batterie und dachte, wenn wir zurückgehen müssen, setzest du dich auf den nächsten Protzkasten. Wir erwarteten nun, daß französische Infanterie den Vorstoß unterstützen würde, und da hätten sie mich gefangennehmen können, wenn ich auch ein rollendes Revolverfeuer auf sie unterhalten hätte — ich hatte sechs Schuß für sie und noch sechs Reservepatronen. Endlich kamen die Pferde wieder, und nun machte ich mich fort, wieder zum König. Aber wir waren aus dem Regen in die Traufe geraten. An der Stelle, wo wir hinritten, schlugen gerade die Granaten ein, die vorher über uns weggeflogen waren. Am anderen Morgen sahen wir die Schweinskulen, die sie gewühlt hatten. — So mußte denn der König noch weiter zurück, was ich ihm sagte, nachdem die Offiziere mir das vorgestellt hatten.«
Auf der Suche nach Quartier
Am Abend fand dann das berühmte »Rendezvous« statt. König Wilhelm saß auf einer Leiter, deren eines Ende auf einem toten Pferde lag, und diktierte Bismarck das Telegramm an die Königin, das der Welt Kunde von dem Siege gab. Dann aber gestand der König, daß er Hunger leide und gern etwas essen möchte. Doch nur Wein und schlechter Rum von einem Marketender nebst trockenem Brot war zur Stelle. Endlich trieb man im Dorfe Rézonville ein paar Kotelette für ihn auf, aber nichts für seine Umgebung. Bismarck hatte den ganzen Tag nur etwas Soldatenbrot und Speck gehabt. Als endlich ein paar Eier kamen, zerschlug er sie an seinem Degenknopf und schlürfte sie roh. Und nun: Majestät wollte im Wagen schlafen, zwischen toten Pferden und Schwerverwundeten. Er fand später ein Unterkommen in einer Kabache. Der Bundeskanzler mußte sich wo anders unter Dach zu bringen suchen. Wir ließen den Erben eines der mächtigsten deutschen Potentaten (der junge Erbgroßherzog von Mecklenburg war gemeint) bei dem Wagen Wache stehen, daß nichts gestohlen würde, und ich machte mich mit Sheridan auf, um nach einer Schlafstelle zu rekognoszieren. Wir kamen an ein Haus, das noch brannte, und da war es zu heiß. Ich fragte in einem anderen nach — voll von Verwundeten. In einem dritten — auch voll von Verwundeten. Ebenso hieß es in einem vierten; ich ließ mich aber hier nicht abweisen. Ich sah oben ein Fenster, wo es dunkel war. ›Was ist denn da oben?‹ erkundigte ich mich. ›Lauter Verwundete.‹ ›Das wollen wir doch untersuchen!‹ Und ich ging hinauf, und siehe da, drei leere Bettstellen mit guten und, wie es schien, ziemlich reinen Strohmatratzen. Wir machten also hier Nachtquartier, und ich schlief ganz gut.« — »Ja,« hatte sein Vetter Graf Bismarck-Bohlen gesagt, als der Kanzler uns die Historie in Pont-à-Mousson das erstemal und kürzer erzählte, »du schliefst gleich ein und ebenso Sheridan, der sich — ich weiß nicht, wo er’s hergekriegt — ganz in weiße Leinwand eingewickelt hatte und der in der Nacht von dir geträumt haben muß, denn ich hörte verschiedenemal, wie er murmelte: ›=O dear count!=‹« — »Hm, hm, der Erbgroßherzog, der sich mit guter Manier in die Sache fand und überhaupt ein angenehmer und liebenswürdiger junger Herr ist«, bemerkte der Minister. — »Das beste war übrigens bei der Geschichte,« sagte Bohlen, »daß eigentlich gar keine solche Not um Unterkommen gewesen wäre. Denn unterdessen hatten sie entdeckt, daß nahe dabei ein elegantes Landhaus für Bazaine instand gesetzt worden war, mit guten Betten, Sekt im Keller und was weiß ich alles —, höchst fein, und da hatte der Kriegsminister sich einlogiert und hatte ein opulentes Abendmahl mit seiner Gesellschaft gefunden.«
Das zähe Huhn
Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf, was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war, genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht, so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.«
Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit Frankreich fertig sein?«
Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.« (»Actualités«, November 1870)]
Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke, Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder! Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder! Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel geben.
In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für 1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch: »Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte.
Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden. Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl, von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe.
Tisch. (»Der Floh«, September 1870)]
Der Brief von Sedan
Mein liebes Herz! Vorgestern vor Tagesgrauen verließ ich mein hiesiges Quartier, kehre heut zurück und habe in der Zwischenzeit die große Schlacht von Sedan am 1. erlebt, in der wir gegen 30 000 Gefangene machten und den Rest der französischen Armee, der wir seit Bar-le-Duc nachjagten, in die Festung warfen, wo sie sich mit dem Kaiser kriegsgefangen ergeben mußte. Gestern früh fünf Uhr, nachdem ich bis ein Uhr früh mit Moltke und den französischen Generalen über die abzuschließende Kapitulation verhandelt hatte, weckte mich der General Reille, den ich kenne, um mir zu sagen, daß Napoleon mich zu sprechen wünschte. Ich ritt ungewaschen und ungefrühstückt gegen Sedan, fand den Kaiser im offenen Wagen mit drei Adjutanten und drei zu Pferde daneben auf der Landstraße vor Sedan haltend. Ich saß ab, grüßte ihn ebenso höflich wie in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte den König zu sehen; ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, daß Seine Majestät drei Meilen davon, an dem Orte, wo ich jetzt schreibe, sein Quartier habe. Auf Napoleons Frage, wohin er sich begeben solle, bot ich ihm, da ich der Gegend unkundig, mein Quartier in Donchéry an, einem kleinen Ort an der Maas dicht bei Sedan; er nahm es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen, von mir und von Karl (Bismarck-Bohlen), der mir inzwischen nachgeritten war, geleitet, durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Ort wurde es ihm leid, wegen der möglichen Menschenmenge, und er fragte mich, ob er in einem einsamen Arbeiterhause am Wege absteigen könne; ich ließ es besehen durch Karl, der meldete, es sei ärmlich und unrein. »=N’importe=«, meinte Napoleon, und ich stieg mit ihm eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von zehn Fuß Gevierte, mit einem fichtnen Tische und zwei Binsenstühlen, saßen wir eine Stunde; die anderen waren unten. Ein gewaltiger Kontrast mit unserem letzten Beisammensein, 1867 in den Tuilerien. Unsere Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte, die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich berühren mußten. Ich hatte durch Karl Offiziere aus der Stadt holen und Moltke bitten lassen zu kommen. Wir schickten dann einen der ersten auf Rekognoszierung und entdeckten eine halbe Meile davon in Fresnois ein kleines Schloß mit Park. Dorthin geleitete ich ihn mit einer inzwischen herangeholten Eskorte vom Leib-Kürassierregiment, und dort schlossen wir mit dem französischen Obergeneral Wimpffen die Kapitulation, vermöge derer 40 000 bis 60 000 Franzosen, genauer weiß ich es noch nicht, mit allem, was sie haben, unsere Gefangenen wurden. Der vor- und gestrige Tag kosten Frankreich 100 000 Mann und einen Kaiser. Heute früh ging letzterer mit allen seinen Hofleuten, Pferden und Wagen nach Wilhelmshöhe bei Kassel ab. Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den Krieg entscheidet, wenn wir auch letzteren gegen das kaiserlose Frankreich noch fortführen müssen. Ich muß schließen. Mit herzlicher Freude ersah ich heut aus Deinen und Maries Briefen Herberts Eintreffen bei Euch. Bill sprach ich gestern, wie schon telegraphiert, und umarmte ihn angesichts Sr. Majestät vom Pferde herunter, während er stramm im Gliede stand. Er ist sehr gesund und vergnügt. Hans und Fritz Karl sah ich, beide Bülow b. 2. G. Dr. wohl und munter.
Leb wohl, mein Herz. Grüße die Kinder. Dein v. B.
König Wilhelms Toast
Am nächsten Tage, beim Mittagsmahle des Großen Hauptquartiers, brachte der König folgenden Trinkspruch aus: »Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl Meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie Uns also auf das Wohl der Armee, der drei von Mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat.«
Sie mich, und alles ist erledigt.« (Franz. Flugblatt 1870)]
Wie beim Kotillon
An einem parlamentarischen Abend erzählte Bismarck: »Als ich dem Kaiser Napoleon in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchéry beinahe eine Stunde gegenüber saß, war es mir gerade so zumute wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum Kotillon engagiert hatte, mit der ich kein Wort zu sprechen wußte, und die niemand abholen wollte.«
Der Krieg ging weiter; das Ende war noch nicht da. Zwar wurde die Dynastie Napoleons entthront, und die Kaiserin mußte mit ihrem Sohne nach England ziehen, aber die neue Republik führte den Krieg fort, und ihr Wahlspruch lautete: Wir überlassen keinen Finger breit Erde und keinen Stein unserer Festungen den Deutschen.
Wilhelm zu Bismarck, der nach dem Monde (Paris) greift: »Du fehlst ihn wieder! Ich habe es dir schon so oft gesagt, mein Gott, mein Gott, in welche Klemme du mich bringst!« (»Actualités«, 1870)]
Die Haltung Frankreichs war beeinflußt auch durch die Hoffnung auf die Einwirkung der neutralen Mächte. Vor allem war es Beust, der die Hoffnung hegte, mit Hilfe eines Kongresses den Deutschen den Siegespreis zu kürzen. Auch England, das schon zu Anfang die Ausfuhr von Kohlen und Waffen nach Frankreich mit den Pflichten einer neutralen Macht für vereinbar hielt, zeigte sich den Siegern wenig freundlich gesinnt. Beust regte sogar ein gemeinsames Vorgehen der Mächte an, um, wie er sagte, die Forderungen der Sieger zu mäßigen und die Gefühle des Besiegten zu schonen. Aber das Schwert war rascher als die Feder; erst in Versailles kam es zu ernsthafter Verhandlung, und in der Tat hatte hier Bismarck schwer um die Ernte aller Kämpfe zu ringen. »Aber schon jetzt«, so schreibt er einmal nach Hause, »haben sich die diplomatischen Korrespondenzen wieder gemehrt. Der aufgestaute Tintenbach hat sich über mich ergossen, falsche Friedenstauben schwirren umher und girren mich heuchlerisch an.« Auch die Organisation der Verwaltung machte ihm viel Plage: »Wenn ich mit solcher Ressortverwirrung im Zivil haushalten sollte, so wäre ich längst gesprungen wie eine Granate. Hier aber denkt keiner daran, ob das Ganze leidet, jeder tut, was ihm befohlen wird, und was nicht befohlen wird, darüber tröstet er sich wie der Junge, dem sein Vater keine Handschuhe kaufte. Vor dem Feinde lauter Helden, aber an ihren Schreibtischen wie ein Rattenkönig mit den Zöpfen zusammengewachsen.«
Die Arbeitslast
Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten, schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen, zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten, wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung, indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen.
Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich der Große — reichlich.
Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen.
Ins Geschäft nie
In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht, aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre. Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —, um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich. ›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹«
=Parjure= und =infâme=
Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben — andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein =parjure= und auf das andere =infâme= schreiben.«
Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden. Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage, ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da »die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht, einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte. Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen, so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen Einigung in Sicht.«
»Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar, ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz. Flugblatt 1870)
(Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet. Dies wiederholt sich oft.)]
Eine Stunde der Bitterkeit
In den Tagen, da Bismarck und Roon vergebens um das Bombardement von Paris rangen, schrieb Bismarck einmal mit tiefer Bitterkeit an die Gattin: »Der gute Roon ist vor Ärger über unsere Passivität und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von der Sache reden; er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand aller auf ~politischem~ Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil, aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man zu lange Minister ist, und dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich, wie der kalte Sumpf von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und höher bis ans Herz steigt. Man gewinnt keine neuen Freunde, die alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück, und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber bedürfen der Gegenseitigkeit, wenn sie dauern sollen. Kurz, mich friert, geistig, und ich sehne mich, bei Dir zu sein und mit Dir in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Leben erträgt kein gesundes Herz auf die Dauer. Gesund an Körper aber bin ich, mehr als seit Jahr und Tag, und grüße Dich und die Kinder in herzlicher Liebe mit etwas Heimweh.«
von den Franzosen wünscht er nur Gutes: Elsaß, Lothringen und fünf Milliarden. (»Actualités«, 1871)]
Achill
Von ähnlicher Stimmung berichtet Busch: Eines Abends klagte der Fürst, daß er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und Befriedigung gehabt. Er habe damit niemand glücklich gemacht, sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht, wohl aber viele unglücklich. »Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indes mit Gott abgemacht. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine gehabt von allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruß, Sorge und Mühe.« — Man konnte an Achill denken, wenn er im Zelte des Lagers vor Ilion zu König Priamus sagt:
»Wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut; Also bestimmten der Sterblichen Los, der armen, die Götter, Trübe in Gram zu leben, allein sie selber sind sorglos.«
Aber trotz aller Bitternis trieb gerade in jenen Zeiten der Humor Bismarcks die köstlichsten Blüten. In den Tischgesprächen, deren wir dem fleißigen Moritz Busch eine Fülle verdanken, offenbarte er zuweilen sogar eine übermütige Stimmung, stets aber erscheinen vor unseren Augen wie in einem Panorama, oft nur in kurzen Strichen gezeichnet, lebensvolle Gestalten, packende Bilder, Episoden von Reiz und Stimmung. Die Vergangenheit steigt wieder empor, helle Lichter fallen auf die Gegenwart, und mit prophetischem Geiste wird die Zukunft erfaßt. Am tiefsten aber scheint ein Wort, das er einmal ganz flüchtig prägte, als er über seine Schlaflosigkeit klagte:
Es denkt, es spekuliert in mir
»Schon als Kind,« so erzählte er da, »und seitdem immer bin ich spät zu Bett gegangen, niemals vor Mitternacht. Ich schlafe dann gewöhnlich schnell ein, wache aber bald wieder auf und finde, daß es höchstens um eins oder halb zwei ist, und dann fällt mir allerhand ein, besonders wo mir unrecht geschehen ist, was dann überlegt werden muß. Darauf schreibe ich Briefe, auch Depeschen, natürlich ohne aufzustehen, bloß im Kopfe. Früher, als ich noch nicht lange Minister war, stand ich auf und schrieb es wirklich nieder. Wenn ich’s aber am Morgen überlas, war es nichts wert, lauter Platitüden, konfuses, triviales Zeug, wie es etwa in der ›Vossischen‹ gestanden haben könnte.« — — »Ich will nicht, ich möchte lieber schlafen. Aber es denkt, ~es spekuliert in mir~. Kommt dann der erste Morgenschimmer auf meine Bettdecke, so schlummere ich wieder ein, und dann wird bis zehn Uhr oder noch länger fortgeschlafen.«
»Es spekuliert in mir« — es ist das Daimonion, das Dämonische in ihm, das hier seine eigene Sprache führt, das über ihn kommt und ihn zwingt, das ihn heraushebt über die Enge des Menschentums und seinen Blick hinüberlenkt in die unendlichen Weiten, die nur des Künstlers Seele ergreift.
Aus der überaus reichen Fülle von Anekdoten, von Erlebtem und Erzähltem, die jene Tage von Versailles umfassen, mögen hier in bunter Wahl einige Proben ihren Platz finden.
Wilhelm Tell
Bei Tisch kam man einmal auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler auf meuchlerische Weise getötet habe. »Natürlicher und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,« setzte er hinzu, »wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken — den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte —, wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt mir nicht, das paßt sich nicht für Helden — nicht einmal für Franktireure.«
Sinn beim Umdrehen deutlich wird. (Franz. Flugblatt 1870)]
Wie er Burgunder bezog
Es erwähnte jemand bei Tisch den guten Weinkeller Bismarcks in Berlin. »Ein ausgezeichneter Keller« — sagte er darauf —, »denn ich habe einen außerordentlichen Lieferanten, den Marquis de T....., welchen Sie in Paris kennen gelernt haben müssen. Das ist ein Diplomat, welcher Talleyrand einmal in seinem Leben ausgestochen hat, indem er den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten des Kaisers zwang, ihn zum Marquis zu machen, ohne dies zu wissen. Er ist der Sohn eines reichen Landwirts und hieß einfach Lemarquis. Nachdem er erreicht hatte, daß er als Attaché der französischen Gesandtschaft nach Frankfurt geschickt worden war, fügte er seinem Namen den Namen eines seinem Vater gehörenden Landgutes hinzu, das machte Lemarquis de T.....; dann gewöhnte er sich allmählich daran, daß man seinen Namen in zwei Worten schrieb; endlich schrieb er ihn selbst so. Er kam nach Berlin; ich kannte die Geschichte; als ich das Vergnügen bemerkte, mit welchem er sich Marquis anreden ließ, schmeichelte ich dieser Manier und ließ bei einem diplomatischen Diner unter sein Gedeck eine Speisekarte legen, auf welcher sein Titel auf die aristokratischste Weise schön rund geschrieben stand. Er war hierüber gerührt und schickte mir am nächsten Tage einen Korb ausgezeichneter Burgunderweine, welche er von seinen Gütern in Frankreich bezog. Seitdem ist er mein Lieferant geblieben, und ich befinde mich wohl dabei.«
Elefantenbraten
Bei Tisch war Lauer Gast des Chefs. Es wurde davon gesprochen, daß man in Paris bereits alle eßbaren Tiere des =Jardin des Plantes= verspeist haben soll, und Hatzfeld erzählte, daß man die Kamele für viertausend Franken verkauft habe, und daß der Rüssel des Elefanten von einer Gesellschaft von Feinschmeckern gegessen worden sei; derselbe soll ein vortreffliches Gericht abgeben. »Ach,« versetzte Lauer, »das ist wohl möglich. Es ist eine Masse von zusammengefilzten Muskeln, woher die Gewandtheit und Kraft kommt, mit der er ihn gebraucht. Etwas wie die Zunge; er muß wie Zunge schmecken.« — Jemand bemerkte, auch die Kamele sollten nicht übel sein, und namentlich behaupte man, daß die Höcker eine große Delikatesse wären. Der Chef hörte dem eine Weile zu, dann sagte er wie nachdenklich, erst etwas vorgebeugt, dann aufatmend und sich aufrichtend, wie das bei Scherzen seine Gewohnheit: »Hm, die buckligen Menschen — man sollte denken, die Buckel!« — laute allgemeine Heiterkeit unterbrach ihn. Lauer bemerkte trocken und wissenschaftlich, die Buckel wären eine Verbildung der Rippen oder Knochen oder auch eine Verkrümmung des Rückgrates, und so würden sie sich nicht zum Essen eignen, wohingegen die Kamelhöcker bewegliche Knorpelansätze wären, die möglicherweise nicht schlecht schmeckten. Dieser Faden spann sich dann weiter, es war die Rede von Bärenfleisch, dann von Bärentatzen, zuletzt von den Feinschmeckern unter den Kannibalen, wobei der Minister eine anmutige Geschichte zu erzählen wußte. Er begann: »Ein Kind, ein junges frisches Mädchen, nun ja, aber so ein alter, ausgewachsner harter Kerl — der muß doch nicht zu essen sein.« Dann fuhr er fort: »Ich erinnere mich, eine alte Kaffern- oder Hottentottenfrau, die lange schon Christin geworden war, als der Missionar sie auf den Tod vorbereitete und sie ganz für die Seligkeit bereit fand, — da fragte er sie, ob sie wohl noch einen Wunsch hätte. Nein, sagte sie, es wäre alles ganz gut, aber wenn sie noch einmal ein paar Hände von einem kleinen Kinde zu essen bekäme, das wäre doch was sehr Delikates.«
Von Erschaffung der Welt an
Bei den Verhandlungen über die Kriegsentschädigung zwischen Jules Favre und Bismarck war auch der Bankier Gerson von Bleichröder als Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung von fünf Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Übertriebene derselben einleuchtend zu machen, selbst wenn man von Christi Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen. »O,« erwiderte Graf Bismarck, »seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herrn mitgebracht« — er deutete dabei auf Bleichröder — »der zählt von Erschaffung der Welt an.«
Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln
»In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten. Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen. Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig: ›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹ — ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben, wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch, hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an, ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe nichts wieder von ihm gehört.«
Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober 1881)]
Er redet deutsch
Von seiner zweiten Zusammenkunft mit Thiers erzählte der Kanzler: »Als ich eine vielleicht ihm hart erscheinende Forderung an ihn stellte, fuhr er, der sich sonst sehr wohl zu beherrschen weiß, in die Höhe und sagte: ›=Mais, c’est une indignité!=‹ Ich ließ mich dadurch nicht irremachen, sprach aber von jetzt an deutsch zu ihm. Er hörte eine Weile zu und wußte augenscheinlich nicht, was er davon halten sollte. Dann fing er an in kläglichem Tone: ›=Mais, Monsieur le comte, vous savez bien, que je ne sais point l’allemand.=‹ Ich erwiderte ihm — jetzt wieder französisch: ›Als Sie vorhin von =indignité= redeten, fand ich, daß ich nicht genug Französisch verstehe, und so zog ich vor, deutsch zu sprechen, wo ich weiß, was ich sage und höre.‹ Sogleich begriff er, was ich wollte, und schrieb als Zugeständnis hin, was ich gefordert hatte, und was er vorher als eine Unwürdigkeit hingestellt hatte.«
Obendrein Propfengeld
In Ferrières war Bismarck in dem Schlosse des Herrn von Rothschild einquartiert. Sehr gastlich wurde er hier nicht aufgenommen, wenigstens erzählt Moritz Busch: »Während des Essens hatten wir auch eine Probe von der Gastlichkeit und dem Anstandsgefühl des Herrn Baron zu bewundern, dessen Haus der König mit seiner Gegenwart beehrte, und dessen Besitz infolgedessen in jeder Weise geschont wurde. Herr von Rothschild, der hundertfache Millionär und überdies bis vor kurzem Generalkonsul Preußens in Paris gewesen, ließ uns durch seinen ›Regisseur‹ oder Haushofmeister patzig den Wein verweigern, dessen wir bedurften, wozu ich bemerkte, daß derselbe wie jede andere Lieferung bezahlt werden sollte. Vor den Chef zitiert, setzte der dreiste Mensch seine Renitenz fort, leugnete erst ganz und gar, überhaupt Wein im Hause zu haben, und gab dann zwar zu, daß er ›ein paar hundert Flaschen Petit Bordeaux im Keller habe‹ — in Wahrheit lagen 17000 darin —, erklärte aber, uns davon nichts abtreten zu wollen. Der Minister machte ihm jedoch den Standpunkt in sehr kräftiger Rede klar, hob hervor, was das für eine unartige und filzige Art sei, mit der sein Herr die Ehre erwidere, die ihm der König dadurch erwiesen, daß er bei ihm abgestiegen sei, und fragte, als der vierschrötige Patron Miene machte, sich wieder aufzubäumen, kurz und bündig, ob er wisse, was ein Strohbund sei. Jener schien das zu ahnen; denn er wurde blaß, sagte aber nichts. Es wurde ihm dann bemerkt, daß ein Strohbund ein Ding sei, auf welches halsstarrige und freche Regisseure so gelegt würden, daß ihre Rückseite oben sei, und das weitere könne er sich vielleicht vorstellen. — Andern Tags hatten wir, was wir verlangt, und auch später kam meines Wissens keine Klage vor. Der Herr Baron aber erhielt für seinen Wein nicht nur den geforderten Preis, sondern, wie man hörte, obendrein Propfengeld, so daß er an uns noch etwas Anständiges verdiente. — Herr von Rothschild hat später behauptet, sein Koch sei von Preußen geprügelt worden, weil die Fasanen, die er ihnen vorsetzte, nicht getrüffelt gewesen seien.«
Garibaldi
Als Garibaldi geschlagen war und zahlreiche Italiener in deutsche Gefangenschaft geraten waren, sagte Bismarcks Vetter Bohlen: man solle sie in Käfige setzen und öffentlich zeigen. »Nein,« erwiderte der Kanzler, »ich hätte einen anderen Plan. Man sollte die Gefangenen nach Berlin bringen, dort müßte ihnen ein Plakat von Pappe angehängt werden, auf dem stünde: ›Dankbarkeit‹ — oder: ›Venedig — Spandau‹ — und so würden sie durch die Stadt geführt und dann nach Spandau geschafft.«
Alexander von Humboldt
»Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte. Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder — Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach. Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand) von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte, die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit, auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien.«
Cerf
Einmal erzählte der Fürst auch von einer früher in Berlin sehr bekannten Persönlichkeit, dem alten Theaterdirektor Cerf; derselbe sei ein höchst merkwürdiger Herr gewesen, Geschriebenes habe er überhaupt nicht lesen können. Einmal sei ihm bei Tisch ein eiliger Brief übergeben worden, der sofort Antwort erheischt habe. Cerf habe sich die Aufschrift eine Weile besehen, daran wohl den Absender erkannt und dann den Brief seinem Nachbar mit der Bemerkung übergeben: »Aha, der ist ja von dem komischen Kerl, dem X.; ich kann seine Handschrift nicht lesen, sehen Sie doch mal nach, was er eigentlich von mir will.« Im Anschlusse hieran erzählte der Fürst folgende Anekdote von Cerf: Ein Tischgast habe im Hause von Cerf folgendes Rätsel aufgegeben: »Das erste ist unser Wirt, das zweite ist der Name unserer Wirtin und das Ganze steht auf dem Tisch.« Da sei Cerf doch indigniert gewesen, daß man an seiner eigenen Tafel derartige Rätsel aufgebe. Die Lösung sei ja ganz klar: »Assiette«. Seine Frau hieß nämlich Jette, und was da für ihn übrig bleibe (Aas), dafür müsse er sich doch bedanken. Infolge seiner mangelhaften orthographischen Kenntnisse war ihm das Fehlen des einen A ganz entgangen, worauf der Rätselaufgeber, der ungefähr ebenso stark in der Orthographie war, ganz entrüstet erklärte, er habe nicht Assiette, sondern ~Cerfiette~ (Serviette) gemeint.
Der dicke Daumer
Das war ein biederer Nassauer, der wegen seiner lächerlichen Todesfurcht bekannt war und von dem Bismarck ein niedliches Abenteuer aus der Frankfurter Zeit erzählte: »Mit diesem ›dicken Daumer‹ war ich eines schönen Herbstmorgens in der Nähe von Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande des Waldes hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß ich kein Frühstück mit hatte. Der ›dicke Daumer‹ dagegen zog eine mächtige ›Wurscht‹ hervor, die für mich allein gerade ausgereicht hätte, und von der er mir edelmütig die Hälfte offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Ende meines Wurstteils herannahen. Ich hätte vor Wehmut frankfurterisch reden mögen. Da frage ich den ›dicken Daumer‹ von ungefähr: ›Ach, sage Sie mir, Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was aus de Zwetschebaum herausschaut?‹ — ›Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe — das is der Kirchhof.‹ — ›Aber, lieber Herr Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhen.‹ — ›Nu, Exzellenz, nu leg i awer die Wurscht weg!‹ Der ›dicke Daumer‹ blieb bei diesem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück.«
Marsyas
Er habe, so äußerte Bismarck, niemals Apollo leiden können. Der hätte einen aus Einbildung und Neid geschunden, den Marsyas, und aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen. »Er ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht ertragen kann, daß jemand besser oder ebenso gut die Flöte spielt wie er.« Auch daß er es mit den Trojanern gehalten habe, hätte ihm nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulkan gewesen, und noch besser hätte ihm wegen des =Quos ego= Neptun gefallen.
»eisernen Jungfrau«. (»Kikeriki«, November 1870)]
Die Geschichte vom Schieferdecker
Bismarck war beim König zu Gaste. Graf Beust, der Adjutant des Großherzogs von Weimar, gratulierte Bismarck zu seinem guten Verhältnis zu seinem Namensvetter, dem österreichischen Minister Grafen Beust. »Ja,« sagte Bismarck, »das ist ganz gut, aber mir fällt dabei immer die Geschichte vom Schieferdecker, der vom Turm fällt, ein. An jedem Stockwerk, an dem er vorüberfällt, sagt er: ›Na, bis daher ist es gut gegangen!‹«
Die Türklinke
Im Anschluß an die kleine Anekdote von Beust sei hier an Äußerungen erinnert, die dieser Staatsmann nach einem längeren Beisammensein mit Bismarck im Hotel Straubinger zu München erzählt und auf die auch Bismarck in Versailles wiederholt zurückkam: »Wenn man«, so erzählte Graf Beust, »mit Bismarck in guten Beziehungen steht, gibt es auf der Welt keinen besseren Gesellschafter. Die Originalität der Gedanken wird nur von der Originalität des Ausdrucks übertroffen. Dabei eine ungesuchte, daher ansprechende Bonhomie, welche das oft scharfe Urteil über andere mildert. Ein Lieblingswort war: ›Der ist ein ganz dummer Kerl‹, ohne ihn damit kränken zu wollen. Verschiedene seiner Äußerungen waren zu charakteristisch und teilweise zu interessant, um sie hier nicht zu erwähnen. ›Was tun Sie,‹ fragte er einmal, ›wenn Sie sich ärgern? Ich glaube, Sie ärgern sich nicht soviel wie ich.‹ — ›Nun,‹ erwiderte ich, ›bloß über die Dummheit der Menschen, über deren Bosheit nie.‹ — ›Nein,‹ fuhr er fort, ›finden Sie nicht, daß es dann eine große Erleichterung ist, einen Gegenstand zu zerstören?‹ — ›Wie gut,‹ entgegnete ich, ›daß Sie nicht an meinem Platz sind; dann bliebe im Hause kein Möbel ganz!‹ — ›Sehen Sie,‹ dies war der Schluß, ›ich war einmal drüben‹ — dabei wies er auf die mir gegenüber im Badschloß befindlichen Zimmer des Kaisers Wilhelm — ›und habe mich schwarz geärgert; ich schließe die Türe heftig, der Schlüssel bleibt mir in der Hand, ich trete bei Lehndorff ein und werfe ihn in das Waschbecken, das in tausend Stücke geht.‹ ›Mein Gott,‹ sagt dieser, ›sind Sie krank?‹ — ›Gewesen, jetzt bin ich wieder ganz wohl.‹«
Pferdefleisch
Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse, fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das =du cheval=?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind. Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt, wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde ist’s ebenso. =Du chien= soll ganz gut schmecken, und doch essen wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht einmal die Eier.«
Spottblatt aus dem Jahre 1870)]
Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei, das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte.
Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte. Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen:
Die Pendule der Madame Jessé
Über die wahrhaft schändliche Räuberei der Preußen vom gemeinen Soldaten an bis hinauf zum Kaiser-König, der aus seiner Wohnung in Versailles die Leuchter mitnahm, kann man unzählige Geschichten erzählen. Eine ziemlich merkwürdige, die wir aus glaubhafter Quelle haben, teilen wir im nachstehenden mit: Herr von Bismarck bewohnte in Versailles ein Haus in der Rue de Provence. Als der Kanzler abreisen wollte, machte er der Frau J., der Eigentümerin seiner Wohnung, einen Besuch und drückte ihr den lebhaften Wunsch aus, die Pendeluhr, welche sein Arbeitszimmer schmückte, mitnehmen zu dürfen. Frau J. schlägt es ihm rund ab, indem sie bemerkt, die Uhr sei ihr sehr wert und teuer, sie habe sie schon seit langer Zeit und wünsche sie ihren Kindern zu hinterlassen. Herr von Bismarck aber besteht darauf. »Es würde mir sehr lieb sein,« sagt er, »wenn ich diese Uhr mitnehmen könnte, welche die Stunde zeigte, in der ich mit Herrn Thiers diesen für mein Land so ruhmreichen Frieden verhandelte und unterzeichnete.« Frau J., die so in ihrem Besitztum und zugleich in ihrer Vaterlandsliebe bedroht ist, erteilt von neuem eine abschlägige Antwort. Herr von Bismarck zieht sich nach wiederholtem vergeblichem Bitten zurück. Bald darauf kommen zwei Beamte, die zu dem Gefolge des Kanzlers gehören, zu Frau J., machen ihr Vorwürfe, daß sie auf die Bitten ihres Herrn und Meisters nicht eingegangen sei, und erklären ihr, daß sie unrecht getan habe, ihn so zu reizen. Die Hausbesitzerin läßt sich dadurch nicht beirren. Nun denn, die Uhr hat sie behalten. Dagegen sind ihr alle ihre Wäsche und ihr Silberzeug von den Beamten im Gefolge des Kanzlers gestohlen worden.
Busch stellt diese Schauergeschichte in folgender Weise richtig:
Madame Jessé ließ sich erst in den letzten Tagen unserer Wiederabreise sehen und machte, wie bemerkt, keinen vorteilhaften Eindruck. Sie hat dann allerhand Räubergeschichten über uns verbreitet, die von der französischen Presse, und zwar selbst von solchen Blättern, die sonst Kritik üben und Gefühl für Anstand besitzen, mit Wohlgefallen nacherzählt worden sind. Unter anderem sollten wir ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche eingepackt und mitgenommen haben. Auch habe ihr Graf Bismarck eine wertvolle Pendule abdrücken wollen. Die erste Behauptung war eine einfache Abgeschmacktheit, da das Haus kein Silberzeug enthielt, es müßte sich denn in einer vermauerten Ecke des Kellers befunden haben, die auf ausdrücklichen Befehl des Chefs ungeöffnet blieb. Die Geschichte von der Pendule aber verlief in ganz anderer Weise, als Madame sie unter die Leute gebracht hat. Die Uhr war die mit dem kleinen bronzenen Dämon im Salon. Die Jessé bot dieses an sich ziemlich wertlose Möbel dem Kanzler in der Voraussetzung, es werde ihm als Zeuge und Zeitmesser bei wichtigen Verhandlungen von Wert sein, zu einem exorbitanten Preise an. Ich glaube, sie verlangte fünftausend Franken dafür. Sie erreichte aber ihre Absicht, damit ein gutes Geschäft zu machen, nicht, da das Anerbieten der habgierigen und für die rücksichtsvolle Behandlung ihres Hauses durchaus nicht dankbaren Frau abgelehnt wurde. »Ich erinnere mich,« so erzählte der Minister später in Berlin, »daß ich dabei die Bemerkung machte, das koboldartige Bildchen an der Uhr, welches eine Grimasse schnitt, könnte ihr als Familienporträt ein liebes Besitztum sein, und eines solchen wollte ich sie nicht berauben.«
Die Schwierigkeiten, die dem Gedanken des Bombardements entgegentraten, hat Bismarck ebenso wie Roon mit tiefem Groll hauptsächlich auf die Haltung der Damen zurückgeführt. Nach seiner Überzeugung waren es eben nicht rein militärische Gesichtspunkte, aus denen die Generale außer Roon sich gegen das Bombardement erklärten. Denn die preußische Stellung zwischen der in Paris eingeschlossenen Armee und den französischen Streitkräften in der Provinz war stark bedroht, und das Bedürfnis, der Lage ein Ende zu machen, mußte auch in den Kreisen der Militärs vorhanden sein. Nach Bismarcks Meinung ist die Vorstellung, daß Paris, obwohl es befestigt und das stärkste Bollwerk der Gegner war, nicht wie jede andere Festung angegriffen werden dürfe, aus England auf dem Umwege über Berlin, zugleich mit der Phrase von dem »Mekka der Zivilisation« in das Lager gekommen. Der Königin Augusta, der Kronprinzessin und ihrer Mutter schob Bismarck einen großen Teil der Schuld zu, aber er wies auch darauf hin, daß die verstorbene Frau Moltkes, die Frau des Generalstabschefs von Blumenthal und des nächst ihm maßgebenden Generals von Gottberg sämtlich Engländerinnen waren.
Das Bombardement
Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht, statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen, die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,« so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen, und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können. Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.«
Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!«
Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe am Tage der Entlassung empor.
(»Kikeriki«, November 1874)]
Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte, als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte.
Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er, daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen, aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen.
Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei, und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium? In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter, gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und »durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr Graf.
Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte.
In Ungnade
Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand, ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und abgespannt aus.«
Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte »an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert: »Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.«
Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt: In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt, in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn »ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb ein treuer deutscher Diener seines alten Königs.
Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten.
1896)]
Halali
Als Bismarck vom König zurückkehrte, sah er ungemein vergnügt aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen trockenes Brot dazu. Nach einer Weile fragte er seinen Vetter Bismarck-Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie pfiff: »Kennst du das?« Bohlen antwortete: »Ja, gute Jagd.« Hierauf der Kanzler: »Nein, das geht so«, worauf er eine andere Weise pfeift. »Es war das Halali«, sagte er dann. »Ich denke, die Sache ist gemacht.« Bohlen meinte dann, Favre habe »recht ruppig« ausgesehen. Der Kanzler erwiderte: »Ich finde, daß er viel grauer geworden ist als in Ferrières — auch dicker, vermutlich vom Pferdefleisch. Sonst aber sieht er aus wie einer, der in der letzten Zeit viel Verdruß und Aufregung erlebt hat, und dem jetzt alles wurscht ist. Übrigens war er sehr aufrichtig und gestand zu, daß es schlecht gehe drinnen.«
Am nächsten Tage wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Hierbei ereignete sich folgende Episode:
Und noch eine Zigarre
Nach dem Mittagessen bot Bismarck auf einer Untertasse Havannazigarren an. Favre erklärte, er rauche nie. Bismarck entgegnete: »Sie haben unrecht. Die Zigarre ist eine Ablenkung; der blaue Rauch, der in Ringeln aufsteigt, erfreut uns, stimmt uns versöhnlicher, man ist glücklich, das Auge ist gefesselt, die Hand ist beschäftigt, der Geruchssinn befriedigt. Man ist geneigt, sich Zugeständnisse zu machen. Und unser, der Diplomaten, ganzes Geschäft besteht ja darin, sich fortwährend gegenseitig Zugeständnisse zu machen. Wenn Sie nicht rauchen, haben Sie vor mir einen Vorteil: Sie sind geweckter; Sie haben aber auch einen Nachteil vor mir: Sie sind geneigter aufzubrausen und der ersten Bewegung nachzugeben.« Nach diesen Worten kam die Rede auf Garibaldi und dessen bei Dijon stehende Armee. Mit blitzenden, zornfunkelnden Augen verlangte Bismarck, ihm »den da und seine Armee zu überlassen. Er ist keiner der Ihrigen. Möge er sich gegen unsere Truppen allein herauswickeln.« Favre rief, das sei unmöglich. Man habe Garibaldis freiwillig angebotene Dienste anfangs abgelehnt, aber nachdem er nun einmal zum französischen General ernannt und in die Falten der dreifarbigen Fahne aufgenommen sei, könne man ihn nicht im Stiche lassen. Bismarck wurde erregter. Er legte die Zigarre weg, schlug mit dem Zeigefinger auf den Tisch und rief: »Und ich muß ihn doch haben, denn ich will ihn in Berlin umherführen lassen mit der Inschrift auf dem Rücken: Das ist die Dankbarkeit Italiens. Wie! Nach allem, was wir für diese Leute getan haben. Es ist unanständig!« Da reichte Graf d’Hérisson, Favres Begleiter, dem Zürnenden, mit halb lächelndem, halb bittendem Ausdruck, die Untertasse mit den zwei übrigen Zigarren hin. Einige Augenblicke sah Bismarck erstaunt auf diese Bewegung. Dann verstand er, was der Graf meinte. Die Zornesflamme erlosch in seinem Auge. »Sie haben recht, Herr Hauptmann,« sagte er, »es ist überflüssig, sich zu ärgern. Das führt zu nichts — im Gegenteil!« Bekanntlich wurde dann der südöstliche Kriegsschauplatz, also die Armee Garibaldis und Bourbakis, in der Tat vom Waffenstillstand ausgenommen, wenigstens bis zum 1. Februar, wo sich ihr Schicksal bereits entschieden hatte.
Wo soll ich den Mann nur anfassen!« (»Figaro«, Sept. 1870)]
Wurscht
In diesen Tagen kam die Unterhaltung einmal auf eine Erörterung über die Titulaturen »Deutscher Kaiser« und »Kaiser von Deutschland«, und auch die Möglichkeit eines »Kaisers der Deutschen« wurde erwähnt. Als ein Weilchen darüber verhandelt worden war, fragte der Minister, der bisher zu der Debatte geschwiegen: »Weiß einer von den Herren, was auf Lateinisch Wurscht heißt?« — »=Farcimentum=,« erwiderte Abeken. — »=Farcimen=,« sagte ein Anwesender, worauf Bismarck lächelnd bemerkte: »=Farcimentum= oder =farcimen=, einerlei. =Nescio quid mihi magis farcimentum esset.=«
Am 26. Januar gelangten die Verhandlungen zu dem vorläufigen Ergebnis, daß die Beschießung von Paris auf sechs Stunden eingestellt wurde. Zwei Tage darauf wurden die Bedingungen des Waffenstillstandes festgestellt und unterschrieben. Die Proteste Gambettas blieben ohne Wirkung: Thiers, der in sechsundzwanzig Departements gewählt worden war, wurde zum Haupte der vollziehenden Gewalt der französischen Republik ernannt. Am 21. Februar kam er nach Versailles, wo er als endgültige Friedensbedingungen die Abtretung des Elsaß, der Stadt und Festung Metz und eines beträchtlichen Teils von Lothringen und die Bezahlung von fünf Milliarden erfuhr. Einer der Teilnehmer an diesen Verhandlungen, der badische Staatsminister Jolly, hat darüber berichtet. Kürzer aber und doch mit packenden Farben schildert der Kanzler selbst das große Ereignis in einigen nach Hause gerichteten Zeilen:
»Man muß der Bestie die Krallen abschneiden, damit man künftig Ruhe vor ihr hat.« (»Kladderadatsch«, September 1870)]
Thiers
»Mein kleiner Freund Thiers ist sehr geistreich und liebenswürdig, aber kein Geschäftsmann für mündliche Unterhandlungen. Der Gedankenschaum quillt aus ihm unaufhaltsam wie aus einer geöffneten Flasche und ermüdet die Geduld, weil er hindert, zu dem trinkbaren Stoffe zu gelangen, auf den es ankommt. Dabei ist er ein braver kleiner Kerl, weißhaarig, achtbar und liebenswürdig, gute altfranzösische Formen, und es wurde mir sehr schwer, so hart gegen ihn zu sein, wie ich mußte. Das wußten die Bösewichter, und deshalb hatten sie ihn vorgeschoben. Gestern haben wir endlich unterzeichnet, mehr erreicht, als ich für meine persönliche politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen. Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Taler. Die letzte Schwierigkeit wird nun sein, diese Bedingungen in Bordeaux durch die 700 Köpfe starke Versammlung zu bringen. Aber Gott hat uns mit seiner starken Hand soweit geführt; er wird uns ja auch den Frieden fest machen, für den neben vielem Gesindel in Frankreich so viele ehrliche Leute bei uns und auch bei den Gegnern gefallen, verkrüppelt und in Trauer sind. Mein Herz ist voll demütigen Dankes, und ich hoffe, mit Deinen beiden blauen Jungen bald bei Dir zu sein, in etwa vierzehn Tagen. Gott behüte Dich und gebe uns schnelles Wiedersehen. Wegen Einzug nicht mehr Gefahr als überall im Leben unter Gottes Obhut. Herzliche Grüße vor allem an Marie und an Deine treue Trösterin Frau von Eisendecher. Dein v. B.«
Aus Jollys Bericht noch einzelne Züge:
Er ist doch ein eminenter Mensch
»Bismarck«, so erzählt der badische Staatsmann, »war geradezu bezaubernd, von großartiger Liebenswürdigkeit und liebenswürdiger Größe. Wenn Thiers sich zu sehr in langen Klageliedern erging, ohne bestimmte Gegenvorschläge zu machen, kam zu rechter Zeit ein seufzendes Stöhnen über die unerträglichen nervösen Schmerzen, die ihn fürchten ließen, die Verhandlungen nicht fortführen zu können; oder auch einmal in verbindlichster Form ein scharfer Sarkasmus, z. B.: Ich würde mich im Vertrauen auf Herrn Thiers gerne mit geringeren Garantien begnügen, wenn er erblicher König von Frankreich wäre; oder: Herr Thiers ist durch seine Beredsamkeit verwöhnt, durch welche er stundenlang große Versammlungen fesseln kann; wir werden aber, wenn wir uns nicht einigen, in dreißig Stunden wieder schießen, und dergleichen mehr. Wirklich imponierend war aber der Hüne zwei-, dreimal, wenn er vollkommen chevaleresk und ohne jegliche persönliche Härte, um zum Abschluß zu kommen, erklärte, nicht der Sieger, sondern der Besiegte hat nachzugeben. Er ist doch ein ganz eminenter Mensch, der trotz manchem wunderlich Bizarren doch als echtes Genie bei aller Kraft innerlich maßvoll ist.«
Exzellenz, ich bin geneigt
Zu den Beratungen war auch Baron Rothschild hinzugezogen. Die Szene im Versammlungssaal, so schreibt weiter Jolly, ist das Grandioseste, was die Phantasie eines Dichters ersinnen, der Pinsel des genialsten Meisters darstellen könnte. Letzterer müßte sich als Mittelpunkt den Augenblick wählen, wie Rothschild, ein kleines, schmächtiges Männchen, mit schlotternden Knien vor dem etwas geneigten Bismarck steht, der, ärgerlich, daß die Sache nicht fertig wird, mit lauter Stimme und trotz Hexenschuß hoch aufgerichtet erklärt: »Wenn der Herr Baron keine Neigung hat, die gewünschten Vorschläge zu machen, müssen wir sehen, wie wir sonst fertig werden.« Stammelnde Antwort: »Exzellenz, ich bin geneigt.« Mein bayrischer Kollege war sehr ängstlich, die Sache konnte scheitern; die wildesten Borussen fingen an zu hoffen, sie werde scheitern. Das deutsche Lager fühlte sich sicher, das herrliche Ziel werde morgen erreicht sein, trotz der letzten schmerzlichen Zuckungen des machtlosen Gegners; die Franzosen wahrten mühsam die Fassung. Gebe Gott, daß nie ein deutscher Staatsmann ähnliches zu erleben habe.
»Träume was Süßes von Kissen umhüllt, von seidenen Kissen mit Urlaub gefüllt!«
(»Frankf. Laterne«, Juni 1875)]
=Peut être=
Als Thiers noch am Schluß eine abweichende Fassung des Vertrages vorschlug, kam es zu einem eigenartigen Dialog. Bismarck: »Sie zerpflücken mir ja wieder die deutsche Einheit.« Thiers: »=Ah, c’est nous qui l’avons faite!=« (»Wir haben sie ja gerade gemacht!«) Bismarck achselzuckend: »=Peut être.=« So wurde der glorreichste Vertrag, den Deutschland geschlossen, unterzeichnet. Die Franzosen eilten sofort weg, Thiers, den Bismarck beim Weggehen wegen aller ungern ihm bereiteten Qualen verbindlichst um Entschuldigung bat, in erbittertem Ungestüm, Favre in stillem Schmerz.
Am 1. März fand der Einzug der deutschen Truppen in Paris statt.
Bismarcks Einzug in Paris
Über die etwas bestrittene Frage berichtet Graf Fred Frankenberg: »Mit dem sechsten (schlesischen) Armeekorps hielt ich meinen Einzug in Paris durch die =Grande Avenue de Neuilly= oder =de la grande armée=. Plötzlich kam Graf Bismarck in gelber Kürassieruniform angetrabt. Als er mich freundlich grüßte, konnte ich es mir nicht versagen, dem Manne, den ich über alles verehre, zu sagen: ›Exzellenz, am Abend von Königgrätz haben Sie mir die Rechte geschüttelt, lassen Sie mich in dem Tore von Paris auch wieder Ihre Hand drücken!‹ Der Kanzler antwortete kein Wort, aber er preßte meine Hand so kräftig zwischen seine mächtigen Finger, daß ich seine innere Erregung sehr deutlich und fast schmerzlich verspürte. Am Rande des Weges stand gedrängt französisches Gesindel. Bismarck ritt dicht an dieser Bande entlang, und ich bemerkte, daß er sehr wohl erkannt wurde. ›=Voilà Bismarck, c’est lui!=‹ schrie manche Stimme, und ich sah viele Blusenmänner, die, so rasch es anging, voranliefen, um den gehaßten Gegner nochmals vorbeireiten zu sehen. Mir wurde bange um ihn. Ich drängte mein Pferd möglichst zwischen ihn und die Menge und paßte genau auf, ob nicht ein Revolver oder Dolch blitzen werde. Am =Arc de Triomphe= wurde das Gedränge immer ärger, so daß wir zum Stillhalten kamen. Da wendete Bismarck in eine Nebenstraße ein, seine Herren begleiteten ihn, und als ich ihn in der Richtung nach Versailles zu unbehelligt forttraben sah, wandte ich mich zurück und durchritt den ganzen Raum der Elysäischen Felder, welcher allein den deutschen Heeren eingeräumt worden war.«
An demselben Tage wurde von der französischen Nationalversammlung der Vorfrieden mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Der Kaiser meldete der Gemahlin das Ereignis und fügte hinzu: »Der Herr der Heerscharen hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen ehrenvollen Frieden in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre! Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen meinen Dank.«
wieder heim aus fremdem Land!« (»Humoristische Blätter«, November 1873)]
So konnte Bismarck sich zur Heimreise rüsten. Am 6. März verließ er Versailles, um sich mit den Seinigen zu vereinen. An jedem Haltepunkte wurden ihm stürmische Ovationen dargebracht, und am 9. März frühmorgens durfte er mit den Worten: »Da habt Ihr Euren Ollen wieder« Frau und Tochter auf dem Berliner Bahnhof begrüßen. Am 17. März traf Kaiser Wilhelm in Berlin ein, und Bismarck konnte mit ihm, mit Roon und Moltke an dem Jubel teilnehmen, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches den ersten Kaiser begrüßte. Am 21. März, am Tage der Reichstagseröffnung, wurde Bismarck zum Fürsten ernannt.
Aber er war der neuen Gnade nicht recht froh:
Fürst
»Als mir ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers«, so erzählt er, »die Erhebung in den Fürstenstand anzeigte, war ich entschlossen, Seine Majestät um Verzicht auf seine Absicht zu bitten, weil diese Standeserhöhung in die Basis meines Vermögens und in meine ganzen Lebensverhältnisse eine mir unsympathische Änderung bringe. So gern ich mir meine Söhne als bequem situierte Landedelleute dachte, so unwillkommen war mir der Gedanke an Fürsten mit unzulänglichem Einkommen nach dem Beispiel von Hardenberg und Blücher, deren Söhne die Erbschaft des Titels nicht antraten — der Blüchersche wurde Jahrzehnte später (1861) erst infolge einer reichen und katholischen Heirat erneuert. In Erwägung aller Gründe gegen eine Standeserhöhung, die ganz außerhalb des Bereichs meines Ehrgeizes lag, langte ich auf den oberen Stufen der Schloßtreppe an und fand dort zu meiner Überraschung den Kaiser an der Spitze der königlichen Familie, der mich herzlich und mit Tränen in seine Arme schloß, indem er mich als Fürsten begrüßte und seine Freude, mir diese Auszeichnung gewähren zu können, laut äußerte. Demgegenüber und unter den lebhaften Glückwünschen der königlichen Familie blieb mir keine Möglichkeit, meine Bedenken anzubringen. Das Gefühl, daß man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat mich seitdem nie wieder verlassen.«
Der Sachsenwald
Kaiser Wilhelm hatte die Sorgen und Bedenken seines treuen Dieners verstanden. Nur wenige Wochen vergingen, und der Kanzler empfing folgenden Erlaß seines alten Herrn: »Ich habe Mich veranlaßt gefunden, den zu dem Domänium des Herzogtums Lauenburg gehörigen Grundbesitz im Amte Schwarzenbeck, welcher Mir zum freien und unbeschränkten Eigentum durch den mit der Ritter- und Landschaft des Herzogtums unterm 19. d. M., von Mir am 21. d. M. genehmigten Rezeß überlassen worden ist, mit allen daraus sich ergebenden Privatrechten und Verbindlichkeiten dem Kanzler des Deutschen Reiches, Fürsten von Bismarck, in Anerkennung seiner Verdienste als eine Dotation zum Eigentum zu übereignen.«
So hat Bismarck ein neues Heim gefunden, die Stätte, die jetzt schon von tiefer Poesie umwoben ist, die durch alle Zeiten der Wallfahrtsort treuer Männer bleiben wird, die Stätte, wo ihm die Abendsonne des Lebens geleuchtet hat und wo sein Sterbliches im Schatten der Buchen und Eichen seinen Ruheplatz fand.
»Fest wie der Erde Grund Gegen des Unglücks Macht Steht mir des Hauses Pracht!«
(»Der Floh«, November 1888)]
Der Ausbau des Reiches
Und der Leu mit Gebrüll richtet sich auf, da wird’s still. (»Kladderadatsch«, 10. Februar 1872)]
Eine kurze Pause des Atemholens — dann begann die neue gewaltige Arbeit, das Reich, dessen Mauern nun standen, aufzubauen und wohnlich zu gestalten. Tausend Widerstände regten sich; die gewaltigen Taten, deren Zeuge der Boden Böhmens wie der französische Boden waren, haben die Gegner, haben Haß und Intrige nicht entwaffnet. Auch die neue Gestaltung der Dinge hat den alten Stammessinn der Deutschen, die partikularistischen Tendenzen, nicht ausgelöscht. Noch bestand der Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden, noch bestand auch und erwachte gerade jetzt in neuer Stärke der Gegensatz der Konfessionen. Und noch war der radikale Liberalismus innerlich unversöhnt, daß nicht nach dem eigenen Rezepte, nicht auf Schützenfahrten und Turnerfesten das Kaisertum geschaffen war, sondern unter den ehernen Klängen der Kriegstrompete. Der Kulturkampf entbrannte, und mit ihm erhob sich der Zwang, in der Ostmark, wo die Polen das Haupt erhoben, dem Reiche neue Sicherheit zu schaffen, die eroberte Westmark galt es zu gewinnen, der gesamten Nation gemeinsame Institutionen zu geben. »Wir haben erreicht,« so hieß es in der Thronrede, mit der Kaiser Wilhelm den Reichstag begrüßte, »was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung. Der Geist, welcher in dem deutschen Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner Angelegenheiten als ein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbteil zu bewahren ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!« Länger als vierzig Jahre hat der Reichsfrieden gewährt, aber es war dennoch nicht Frieden im Reiche, und in Bismarcks Leben ist kein Tag ohne Kampf geblieben!
Bismarck als Moses, gestützt von Lasker und Falck. Das Bild deutet auf 2. Moses 17 Vers 11 und 12: »Und dieweil Moses seine Hände emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek. Aber die Hände Mose waren schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten ihn unter ihn, daß er sich darauf setzte. Aron (Lasker) aber und Chur (Falck) stützten seine Hände, auf jeglicher Seite einer. Also wurden seine Hände nicht müde, bis die Sonne unterging.« (Der »Floh«, Februar 1875)]
Gerade der Partikularismus in seiner Unzufriedenheit und in seinen zentrifugalen Neigungen fand eine starke Stütze an dem neu erstarkenden Klerikalismus, dessen Wortführer in Bayern bereits gegen den Krieg mit Frankreich opponierten und dessen Wortführer selbst ein Welfe wurde, der Vertrauensmann des Königs Georg, Ludwig Windthorst. Um ihn kristallisierten sich die Reichsverdrossenen aller Farben, die Protestler der Reichslande, die Polen und Dänen. Der Kampf, der jetzt begann, unmittelbar nachdem die Sieger heimgekehrt waren, lebt unter dem Namen »~Kulturkampf~« in dem Gedächtnis der Geschichte. Dieser Kampf hat fortgedauert bis tief hinein in die folgenden Jahrzehnte, er hat zu jenen Faktoren gehört, die an der Freude am neuen Deutschen Reiche am schärfsten nagten. Ihn zu führen hat Bismarck sich nur entschlossen unter dem Gesichtspunkt der polnischen Politik, nicht aber aus Haß gegen den katholischen Glauben.
Schon während des Krieges hatte Bismarck eine Reihe von Verhandlungen mit dem Erzbischof von Posen, Grafen Ledochowski, gehabt, aber wenn er auch überzeugt war, daß von Rom aus heftige Treibereien gegen Deutschland versucht würden, daß überhaupt der Krieg im Einverständnis mit der römischen Politik begonnen worden sei, daß jesuitische Einflüsse für den Entschluß des Kaisers Napoleon, trotz alles Widerstrebens in den Kampf einzutreten, maßgebend waren, hat er doch den Papst mit äußerster Schonung behandelt. Es widerstrebte ihm auch später, von den Gesetzen gegen den politischen Katholizismus Gebrauch zu machen, und noch stärker war seine Abneigung, den alten Gegensatz, der seit Luthers Zeiten auf religiösem Gebiete im deutschen Volke bestand, noch zu vertiefen. Als nach der Eroberung Roms durch Italien und die Vernichtung des Kirchenstaates die Frage drängend wurde, ob der Papst die alte Hauptstadt verlassen solle und ob er auf die Unterstützung des Königs von Preußen rechnen könne, daß man ihn ungehindert und in schicklicher Weise abreisen lasse, da hat er nicht nur bejahend geantwortet, sondern ihm auch willig ein Asyl in Deutschland geboten.
Man muß toleranter denken
Bismarck erzählte an seiner Tafelrunde: »Der Papst wird vielleicht doch aus Rom gehen müssen. Wohin aber? Nach Frankreich kann er nicht, da ist Garibaldi. Nach Österreich mag er nicht. Nach Spanien? Ich habe ihm — Bayern vorgeschlagen.« Nach einem Augenblick des Nachsinnens fuhr er fort: »Es bleibt ihm nichts als Belgien — oder Norddeutschland. Es ist in der Tat schon angefragt, ob wir ihm ein Asyl gewähren könnten. Ich habe nichts dagegen einzuwenden — Köln oder Fulda. Es wäre eine unerhörte Wendung, aber doch nicht so unerklärlich, und für uns wäre es recht nützlich, wenn wir den Katholiken als das erschienen, was wir in Wirklichkeit sind, als die einzige Macht gegenwärtig, die dem obersten Fürsten ihrer Kirche Schutz gewähren könnte und wollte. Für die Opposition der Ultramontanen hörte jeder Vorwand auf — in Belgien, in Bayern. Mallinckrodt träte auf die Seite der Regierung. In Deutschland, wo man den Papst vor Augen hätte als hilfesuchenden Greis, als guten alten Herrn, als einen der Bischöfe, der wie die anderen ißt und trinkt, eine Prise nimmt, wohl gar auch seine Zigarre raucht — da hat’s keine große Gefahr. Na, und schließlich, wenn nun auch etliche Leute in Deutschland wieder katholisch würden — ich werd’s nicht — so hätte das nicht viel zu bedeuten, wenn sie nur gläubige Christen wären. Die Konfessionen machen’s nicht, sondern der Glaube. Man muß toleranter denken.«
von Stremayr, der österreichische Minister, ihnen die Stiefel putzt. (»Figaro«, März 1872)]
Im neuen Reichstag erschien das Zentrum bereits als ein Heerhaufen von 57 Abgeordneten; an ihrer Spitze standen die beiden Reichensperger, Mallinckrodt, Karl von Savigny und der Minister des Königs Georg; in ihre Reihen mischten sich Polen und Welfen, Demokraten und Feudale, Westfalen und Rheinländer, Bayern und Schlesier. Wenn aber auch ihre Führer erklärten, nicht konfessionell zu sein, und wenn hier und da sogar ein Protestant, wie der Welfe Brüel und der alte verbitterte Gerlach, einen Platz fand, so blieb doch das Zentrum nichts anderes als die Repräsentation der streitenden Kirche. Und schon vorher hatte die Kirche sich selbst und alle ihre Kraft organisiert, indem sie durch das Dogma von der Unfehlbarkeit dem theokratischen Absolutismus die letzte Weihe gab. Aber die Ansprüche Roms gingen weit und weiter, sie gipfelten zuletzt in dem Anspruch, der Kirche die Verfügung über den weltlichen Arm zu gewähren, und im geheimen auch in der Hoffnung, daß die Romfahrten der alten Kaiser über die Alpen wieder erwachen und der deutsche Arm dem Papste die Hauptstadt und die Herrschaft zurückgeben werde. Hier konnte Bismarck sich so wenig fügen wie dem Wunsche des Zentrums, den staatlichen Willen der Kirche unterzuordnen, natürliche Rechte des Königs preiszugeben. Indem aber hier die alten Freunde von der rechten Seite versagten, indem sie ihm die Heeresfolge verweigerten und den großen Staatsmann auf die Seite des Liberalismus drängten, läuteten sie eine neue Ära ein, in der sie, die einst mit ihm zu den stolzesten Höhen gezogen waren, sich selbst ihrer Macht beraubten und zu mißvergnügten Zuschauern wurden.
zünden. (»Figaro«, Januar 1875)]
Aber ehe der Staatsmann sich noch mit voller Kraft in all die neuen Kämpfe stürzen konnte, die ihm jetzt drohten, hatte er doch dem großen Werke, das er dort draußen in Versailles schon zur Vollendung gebracht, den letzten Stempel zu geben. Es galt noch, den Frieden mit Frankreich endgültig abzuschließen. Im Hotel zum Schwan in Frankfurt am Main wurde das Werk der Einigung Deutschlands zum letzten Abschluß gebracht. Fünfzehn Stunden mußte Bismarck auch hier noch mit den Franzosen verhandeln. Am 12. Mai des Jahres erschien er dann wieder im Reichstag, von der Versammlung mit stürmischem Jubel begrüßt. Hier legte er dar, was wir erreichten: Nicht jeder werde zufrieden sein, nicht jeder persönliche Wunsch sei erfüllt worden; die Trennung alter Verbindungen, der Abschluß neuer Beziehungen seien ohne Verlust und Nachteil niemals durchzuführen. Aber wir dürften hoffen, so schloß er, daß dieser Frieden dauerhaft und segensreich sein wird und daß wir der Bürgschaften, deren wir uns versichert haben, um gegen einen etwa wiederholten Angriff beschützt zu sein, auf lange Zeit nicht bedürfen werden. Und da sang dann der treue Diener das hohe Lied seines alten Herrn und seines Verdienstes: »Stellen Sie sich nur indirekt die Frage, wie alles hätte verlaufen können, wenn auf dem Throne Preußens ein anderer Monarch saß! War es nicht möglich, daß dieser große Krieg, der größte unseres Zeitalters, der ein Menschenalter, ein halbes Jahrhundert hindurch wie eine drohende Wolke am Horizonte Deutschlands schwebte, bei dem Monarchen, der auf dem mächtigsten Throne Deutschlands saß, nicht die gleiche Entschlossenheit, den gleichen Mut, diesen hohen Mut, der Krone, Reich und Leben einsetzt, vereinigt fand? War es nicht möglich, daß dann der Krieg im Augenblick vermieden wurde unter Umständen, die das deutsche Nationalgefühl tief geschädigt und gekränkt hätten? War es nicht möglich, daß er aufgeschoben worden wäre, bis der Feind Bundesgenossen fand? War es nicht möglich, daß dieser Krieg mit weniger Geschick, mit weniger Entschlossenheit, vor allen Dingen mit weniger sorgfältig gewählten Mitteln geführt wurde? Daß er so geführt wurde, wie geschehen, verdanken wir in erster Linie unserm kaiserlichen Feldherrn, dem Könige von Preußen, in zweiter Linie der echtdeutschen entschlossenen Hingebung seiner erhabenen Bundesgenossen für die nationale Sache.« Bismarck fuhr fort:
Der Dank
»Wenn ein Monarch, an Jahren und an Ehren reich, mit dieser Entschlossenheit seine nach irdischem Maßstab bemessen glückliche, befriedigte, ruhmvolle Existenz einsetzt für sein Volk, wenn er in seinem hohen Alter einen Kampf durchkämpft, der ganz anders verlaufen konnte, wenn er dann zurückkehrt und sich fragt: wem verdanke ich, daß ich siegreich zurückkehre, daß unser Volk geschützt worden ist vor den Leiden und Drangsalen des Krieges im Lande, vor dem Druck des Eroberers, ja daß darüber hinaus Gott seinen Segen gegeben hat, das deutsche Volk in diesem Kriege, wo man es böse mit uns vorhatte, und es gut wurde durch Gottes Hilfe, zu einigen und ihm Kaiser und Reich wiederzugeben? Ich sage, wenn dieser erste Deutsche Kaiser zurückkehrt, nach einem langen Interregnum im Besitze der größten Vollgewalt, der größten Macht, die augenblicklich in der Welt dasteht, und sich fragt: wie, durch welche Werkzeuge hat Gott dies alles verwirklicht? wie habe ich dies gewonnen? wem bin ich Dank schuldig?, so trifft sein Dank natürlich zuerst sein Heer, die Tapferkeit der Truppen, die Intelligenz der Führer, und es muß ihm ein Herzensbedürfnis sein, hier zu lohnen, hier zu danken. Tapferkeit, meine Herren, läßt sich im einzelnen nicht belohnen; sie ist Gott sei Dank ein Gemeingut der deutschen Soldaten, daß man sie alle und jeden einzelnen dafür zu belohnen hätte, wenn man sie belohnen wollte. (Beifall.) Aber die Tapferkeit, meine Herren, allein reicht nicht hin zu diesem Erfolge. Mut haben auch die Franzosen bewiesen, tapfer haben auch die französischen Soldaten sich geschlagen; was ihnen fehlte, war die Führung, war die Pflichttreue und die Einsicht der Führer, war die entschlossene Leitung eines kaiserlichen, eines monarchischen Feldherrn, der in voller Verantwortung und sich bewußt, daß er um Krone und Reich schlug, an ihrer Spitze stand. Jene Führer zu belohnen, muß ein Herzensbedürfnis des Kaisers sein. In diesem Sinne möchte ich bitten, meine Herren, denken Sie daran, dieses Herzensbedürfnis Seiner Majestät des Kaisers zu befriedigen, geben Sie ihm die Zufriedenheit, die er durch seine Hingabe, durch seinen Mut um Deutschland wohl verdient hat.«
Oktober 1874)]
Die Wacht am Rhein
Noch einen anderen Dank hat Bismarck in jenen Zeiten ausgesprochen, den Dank an den Komponisten der »Wacht am Rhein«, Karl Wilhelm in Schmalkalden: »Sie haben durch die Komposition von Max Schneckenburgers Gedicht ›Die Wacht am Rhein‹ dem deutschen Volk ein Lied gegeben, welches mit der Geschichte des eben beendeten Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre von Frankreich bedroht erschienen, hat ›Die Wacht am Rhein‹ ein Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in der begeisterten Entschlossenheit, mit der unser Volk den ihm aufgedrungenen Kampf aufgenommen und bestanden hat, ihren vollen Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirektor, ist es, unserer letzten großen Erhebung die Volksweise geboten zu haben, welche daheim wie im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Sängerbundes gewordenen Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Seiten zuteil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, daß ich Sie bitte, die Summe von eintausend Talern aus dem Dispositionsfonds des Reichskanzleramts anzunehmen. Ich hoffe, daß es mir möglich sein wird, Ihnen alljährlich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die Reichshauptkasse ist angewiesen, Ihnen die für das laufende Jahr bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen. v. Bismarck.«
Die Franktireure von Osterburg
Zwei Tage später war bei einem Festzuge in Osterburg der Schuhmachermeister Otto Bismarck Schützenkönig geworden. Die Übereinstimmung seines Namens mit dem des Reichskanzlers gab Veranlassung zur Absendung folgenden Telegramms: »Sr. Durchl. Fürst Bismarck, Berlin, sendet Schützenkönig Otto Bismarck, Osterburg, am heutigen Schützenfest als Landsmann, Namensvetter, seinen schützenköniglichen Gruß.« Der Fürst antwortete telegraphisch: »Herrn Otto Bismarck, Osterburg, meinem hohen Namensvetter, danke ich freundlichst für den landsmannschaftlichen Gruß.« Die kleine Geschichte kam selbst in französische Blätter, und die Pariser Zeitung »=Le Siècle=« machte aus den Schützen die »=Franc-tireurs=« von Osterburg.
In jener Zeit haben auch die ersten Verhandlungen des deutschen Kanzlers mit seinem Rivalen, dem Grafen Beust, stattgefunden, dem Leiter der Politik Österreichs, die das künftige Verhältnis Deutschlands zum Kaiserstaate und die Möglichkeit eines Bündnisses betrafen. In Salzburg kamen die beiden Monarchen, einst die Gegner von Königgrätz, zusammen. Hier wurde zuerst ernsthaft der Gedanke verhandelt, auf neuem Boden die neue Freundschaft zu schaffen. In Gastein wurde dann weiter beraten.
Tableau
Unter den damaligen Gasteiner Badegästen befand sich auch ein Herr Christ, verheiratet mit einer Nichte der Gräfin Meran, Witwe des Erzherzogs Johann. Dieser Herr Christ war ein wohlhabender und wohllebender Frankfurter und hatte in der Zeit, als Bismarck Bundestagsgesandter war, viel mit ihm verkehrt. Herr Christ gab ihm nun in der Restauration von Hofgastein ein Diner, zu dem noch einige andere Österreicher geladen waren. Gegen den Schluß des Diners richtete der Gastfreund an Bismarck im besten Frankfurter Dialekt die Frage: »Aber, sage Sie, warum sind Sie 1866 nicht nach Wien neingange?« — Eine etwas mürrische Antwort hielt ihn nicht ab, fortzufahren: »Ja, Sie hawwe es ja uns in Frankfurt immer gsagt, es würd der schönste Tag Ihres Lebens, wenn Sie in Wien einreite würde!« — Tableau ist leicht auszumalen.
Beust hatte in einem Schreiben an Bismarck seine besten Wünsche zu dem Werke in Versailles ausgesprochen und eine freundschaftliche Annäherung beider Reiche in Aussicht gestellt. (»Kikeriki«, 6. Februar 1871)]
Er trat mir einen Sporen ab
Die »Volkszeitung« brachte in diesen Tagen folgendes Schreiben: »Um bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck eine Audienz zu erlangen, wollte ich mir die Erlaubnis bei demselben einholen, als er gerade vorüberging. Kaum hatte ich aber den Fürsten angesprochen, als zwei geheime Polizeiagenten mich bei den Armen anfaßten und arretieren wollten. Auf meinen Protest und entschiedene Erklärung, daß ich mit Zivilpersonen nicht zu gehen brauche und auch nichts verbrochen habe, wurde ich doch durch die Straßen geschleppt auf das Polizeibureau der Taubenstraße; von da ging ich mit einem Schutzmann nach dem Molkenmarkte, wo ich die ganze Nacht in Polizeigewahrsam gehalten und anderen Tages um elf Uhr mit der Erklärung entlassen wurde, daß die Verhaftung wohl aus Mißverständnis geschehen sein muß. Ich überlasse jedoch das ganze Verfahren dem Urteil des Publikums. H. L. Back.« Hierzu gab Fürst Bismarck seinem getreuen Busch folgenden Kommentar: »Ein ungewöhnlich schmieriger Mensch, offenbar ein Jude, kam, als ich aus dem Reichstag nach Hause ging, auf mich zu und sagte, er wollte Audienz bei mir. Ich wies ihn ab. Er blieb aber neben mir und redete weiter auf mich hinein, ich würde doch einem deutschen Schriftsteller so was nicht abschlagen; er hätte mir Wichtiges mitzuteilen. Doch,« sagte ich, »ich gebe deutschen Schriftstellern niemals Audienzen. Er folgte mir aber mit der fliegenhaften beharrlichen Zudringlichkeit und Dummdreistigkeit des Judenjungen immer noch und rückte mir, indem er weiter sprach, so dicht auf den Leib, daß er mir einen Sporen abtrat. Ich drehte mich um und wollte tätlich werden; dann nahmen ihn die Schutzleute in Empfang. Er war wirklich ungewöhnlich schmierig, so voll Kneipenfett, wenn das einer mit sich abgeschabt hat.«
Eine Satire auf Laskers Wichtigtuerei. (»Ulk«, Dez. 1874)]
Nach der Rückkehr zur Heimat harrten des Kanzlers zahllose neue Arbeiten. Zuerst griff er im Reichstag in die Debatte über den Reichskriegschatz ein; eingehend begründete er seine Auffassung über die Stellung der Botschafter und Gesandten; die Münzfrage fand in ihm einen beredten Anwalt. Aber was war alles dies gegen die Kämpfe, die seiner im preußischen Landtag harrten! Die Bischöfe hatten in Fulda mobil gemacht, sie hatten die katholische Kirche in Preußen als recht- und schutzlos bezeichnet und vom Könige Abhilfe gefordert gegen allen und jeden Eingriff in das innere Glaubensgebiet der katholischen Kirche. Zugleich hatten sie den Kampf gegen alle Katholiken begonnen, die sich dem Dogma von der Unfehlbarkeit nicht fügten. In diesem Kampfe trat =Dr.= Falck als Kultusminister an Bismarcks Seite. Dieser Mann hat tatsächlich die Detailarbeit der Maigesetze geleistet. Er hat durch Jahre entschlossen den Kampf geführt, bis er schließlich der Fülle der Einflüsse erlag, die durch die katholische Umgebung der Kaiserin Augusta genährt und von seinen Gegnern skrupellos ausgenutzt wurden. Hier hat Bismarck nur die oberste Leitung geführt; hier hat er aber auch mit einer Fülle von großen Bildern und Gedanken den scheinbar kleinlichen Kampf zu weltgeschichtlicher Höhe erhoben. Am 8. Februar bereits, bei der Debatte über die Schulaufsicht, stürzte er sich in das Getümmel. Und schon damals kreuzte er mit dem verbissensten seiner Gegner, mit Windthorst, die Klinge: »Der Herr Abgeordnete beteiligt sich viel an den Debatten, aber das Öl seiner Worte ist nicht von der Sorte, die Wunden heilt, sondern von der, die Flammen nährt, Flammen des Zornes. Ich habe selten gehört, daß er zu überreden oder zu versöhnen bemüht war; seine Reden waren von der Beschaffenheit, daß sie einen beunruhigenden und befremdlichen Eindruck auf die Gemüter weniger urteilsfähiger Leute machen können, den Eindruck, als ob hier auch von der Regierung des Königs aus dem Hause Hohenzollern Dinge bestritten und bekämpft würden, die ganz selbstverständlich sind. Denjenigen, welche die Reden lesen, könnte es sehr wohl den Eindruck machen, als sei dieses Gesetz nun wirklich bestimmt, das Heidentum bei uns einzuführen, als seien der Herr Abgeordnete und die Seinigen hier noch die alleinigen Verteidiger Gottes. Der Gott, an den ich glaube, möge mich davor bewahren, daß der Herr Abgeordnete für Meppen je die Disposition über die Spendung seiner Gnaden für mich haben sollte. Ich würde dabei nicht gut wegkommen.«
Die schwarze Perle von Meppen
Am folgenden Tage sprach Herr von Mallinckrodt mit äußerster Schärfe gegen Bismarck und erwähnte hierbei in der Verteidigung seines Freundes Windthorst, man habe eine Perle annektiert, und das Zentrum habe sie in die richtige Fassung gebracht. Darauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Vorredner nannte den Herrn Abgeordneten für Meppen eine Perle. Ich teile dies in seinem Sinne vollständig; für mich aber hängt der Wert einer Perle sehr von ihrer Farbe ab, ich bin darin etwas wählerisch.«
In dem Kampfe, der nun immer heftiger tobte, haben nun, wie gesagt, die Konservativen Bismarck verlassen.
In Wirklichkeit ging dieser Bruch in seinen ersten Anfängen schon bis auf die Tage zurück, als die Konservativen schroffen Widerstand gegen die Indemnitätsvorlage nach dem Kriege gegen Österreich erhoben. Jahrelang hat dieser Konflikt zwischen Bismarck und seinen alten Freunden gedauert, und in diesem Konflikt haben sich selbst die ältesten Kampfgefährten, wie Hans von Kleist-Retzow und Moritz von Blankenburg, von ihm getrennt.
Bismarck als Dichter
Kleist-Retzow ist bei beiden Söhnen Bismarcks Pate gewesen. Von der Innigkeit der Beziehungen dieser beiden Männer, die in Bismarcks Jugendzeit auch die Wohnung miteinander teilten, zeugt ein scherzhaftes Gedicht aus der Feder des jungen Bismarck, mit dem er einst das Geschenk einer großen braunen Kaffeetasse an den Freund begleitet hat. Das Gedicht lautet:
»Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz, doch braun wie Mahagoni Wünsch’ ich Dir, aller Pommern Stolz, ein Leben süß wie Honig. Wenn Wenzel Dich gelangweilt hat, Schwerin den Zorn erregt in Dir, Wenn übel Dir vom Doktorat, dann, Hans, erhole Dich bei mir. Wenn dann der Kaffee Dir behagt und Du, um streng Dich zu kastein, Die zweite Tasse Dir versagt, dann, Hans, laß mich die erste sein. Und schein’ ich Dir zu groß und weit für ein so kleines Landrätlein, So denk’, es ist die höchste Zeit, Dir eine Gattin anzufrei’n. Ihr trinkt dann aus mir alle beide Kaffee, Schokolade oder Tee, Zu Tante Adelgundens Freude, in Kieckon auf dem Kanapee. Geliebter Onkel Schievelbein, schaff bald uns eine Tante, Dann wirst Du alles hoch erfreun, was jemals Hans Dich nannte. Ingleichen Belgard und Polzin, Schievelbein und Tempelburg, Ratzebur und Neu-Stettin, Kallies nebst Dramburg, Falkenburg. Sie und die Leute all nicht minder aus Kieckon, Tychow und Krössin, Sowie die beiden Typhuskinder woll’n all zu Landrats Hochzeit ziehn. Aber Hochzeit, hohe Zeit! Hans, schon ist Dein Härchen grau, Wart’ nicht länger, es wird Dir leid, Du kriegst wahrhaftig keine Frau. Und uns wär’ es großer Jammer, wenn die Art aus sollt sterben! Wem willst dann in Stadt und Kreis Deine Stelle Du vererben?«
=Va banque=
Unter den Konservativen hatte Bismarck schon in den älteren Zeiten heftige Gegner. Zu ihnen gehörte vor allem Herr von Bethmann Hollweg, der noch kurz vor dem Kriege gegen Österreich an den König ein Schreiben richtete, in dem er ihn auf das dringendste bat, sich von Bismarck zu trennen. »Gegen den Urheber unserer Politik«, schreibt Herr von Bethmann, »hege ich keine feindliche Gesinnung. Im März 1862 riet ich selbst Ew. Majestät, einen Steuermann von konservativen Antezedenzien zu wählen, der Ehrgeiz, Kühnheit und Geschick genug besitze, um das Staatsschiff aus den Klippen, in die es geraten, herauszuführen, und ich würde Herrn von Bismarck genannt haben, hätte ich geglaubt, daß er mit jenen Eigenschaften die Besonnenheit und Folgerichtigkeit des Denkens und Handelns verbände, deren Mangel der Jugend kaum verziehen wird, bei einem Manne aber für den Staat, den er führt, lebensgefährlich ist. In der Tat war des Grafen Bismarck Tun von Anfang an voller Widersprüche. ... Viele betrachten diese und ähnliche Maßregeln, die stets, weil in sich widersprechend, in das Gegenteil des Bezweckten umschlugen, als Fehler der Unbesonnenheit. Anderen erscheinen sie als Schritte eines Mannes, der auf Abenteuer ausgeht, alles durcheinanderwirft und es darauf ankommen läßt, was ihm zur Beute wird, oder eines Spielers, der nach jedem Verlust höher pointiert und endlich va banque sagt. Dies alles ist schlimm, aber noch viel schlimmer in meinen Augen, daß Graf Bismarck sich in dieser Handlungsweise mit der Gesinnung und den Zielen seines Königs in Widerspruch setzte und sein größtes Geschick darin bewies, daß er ihn Schritt für Schritt dem entgegengesetzten Ziel näher führte, bis die Umkehr unmöglich schien, während es nach meinem Dafürhalten die erste Pflicht eines Ministers ist, seinen Fürsten treu zu beraten, ihm die Mittel zur Ausführung seiner Absichten darzureichen und vor allem dessen Bild vor der Welt rein zu erhalten. ... Graf Bismarck hat es dahin gebracht, daß Ew. Majestät edelste Worte dem eigenen Lande gegenüber, weil nicht geglaubt, wirkungslos verhallen und weil das Vertrauen durch eine ränkevolle Politik zerstört worden ist. ... Aber jede Verständigung ist unmöglich, so lange der Mann an Ew. Majestät Seite steht, Ihr entschiedenes Vertrauen besitzt, der dieses Ew. Majestät bei allen anderen Mächten geraubt hat.« König Wilhelm eröffnete den Brief erst in Nikolsburg im Juli 1866. Seine Antwort begann: »In Nikolsburg eröffnete ich erst Ihren Brief, und Ort und Datum der Antwort wären Antwort genug.«
»Zurück! Für euch wird hier nichts verschenkt!« (»Ulk«, April 1873)]
Die schwerste Anklage aber muß heute noch gegen jenen Teil der Rechten erhoben werden, der in den Kampf eine ungeheure persönliche Verbitterung trug, der seine Führer in Perrot, Diest-Daber und seinen publizistischen Vertreter in Joachim Gehlsen fand. Jetzt hatte Bismarck den Kampf gegen zwei Fronten zu führen, jetzt mußte er ebenso gegen die Konservativen wie gegen das Zentrum auf dem Wachtposten stehen. Und waren die Gehilfen, die ihm zur Seite traten, durchweg verläßlich? Zu ihnen gehörten ja auch die Fortschrittler unter Virchows Führung. Sie jubelten ihm wohl zu, als er den Sturmlauf gegen den Klerikalismus begann und wenn er das Wort für liberale Gesetze ergriff. Aber im schwierigsten Augenblick haben sie ihn dennoch verlassen.
Doch Bismarck ließ sich nicht entmutigen; er ging seinen Weg gerade und fest. Und so hielt er am 14. Mai 1872 jene gewaltige Rede, die in dem Rufe ausklang: »Seien Sie außer Sorge — nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig!«
Bald darauf begab sich Bismarck zur Erholung nach Varzin, so daß er an der Beratung des Jesuitengesetzes nicht mehr teilnahm. Hier fand er auch seinen alten Humor wieder, und hier durfte er, als er am 28. Juli die Silberne Hochzeit feierte, seinen Jugendfreund Motley mit Frau und Tochter begrüßen.
Fürst Bismarck: »Das Ideal des Herrn Richter, ein schwächlicher, schüchterner Kanzler, werde ich wohl nie werden.« (»Ulk«, März 1881)]
Er sieht aus wie ein Koloß
Aus der Feder des Gastes haben wir eine überaus reizvolle Schilderung des Bismarck von damals in einem nach der Heimat gerichteten Briefe: »Liebe Mary! Wir verließen Berlin gestern morgen 3⁄49 Uhr und kamen auf Station Schlawe um 1⁄25 Uhr an. Wir hatten bis Varzin anderthalb Stunden zu fahren. Als der Postillon sein Horn blies und an der Tür vorfuhr, kamen Bismarck, seine Frau, Marie und Herbert alle heraus und bewillkommneten uns schon am Wagen in der herzlichsten Weise. Ich fand seine Erscheinung wenig verändert seit 1864, was mich überrascht hat. Er ist etwas stärker geworden und sein Gesicht verwitterter, aber ebenso ausdrucksvoll und gewaltig wie immer. Frau v. Bismarck hat sich noch weniger verändert in den vierzehn Jahren, seit ich sie gesehen. Sie sind beide so gütig und liebenswürdig gegen Lilli, daß es ihr vorkommt, als hätte sie sie zeit ihres Lebens gekannt. Marie ist ein niedliches Mädchen mit schönem dunklem Haar und grauen Augen — einfach, ungeziert und gleich Vater und Mutter voll Übermut. Die Lebensweise ist höchst ungeniert, wie Du Dir denken wirst, wenn ich Dir sage, daß wir direkt vom Wagen in den Speisesaal geführt wurden (nach einer staubigen, heißen Reise, in Eisenbahn und Wagen zehn Stunden unterwegs) und uns niedersetzen und das Essen nachholen mußten, welches schon halb vorüber war, da wir durch irgendein contretemps eine Stunde später anlangten als wir erwartet wurden. Nach Tisch machte Bismarck mit mir einen Spaziergang in den Wald, wobei er die ganze Zeit in der einfachsten, lustigsten und interessantesten Weise über alles sprach, was sich in diesen furchtbaren Jahren ereignet hat; aber er sprach davon, wie alltägliche Leute von den alltäglichsten Dingen reden, ohne jede Affektation. Und gerade weil er so einfach ist, sich so gehen läßt, muß man innerlich zu sich selbst sagen: Das ist der große Bismarck, der größte der jetzt lebenden Menschen und einer der größten Charaktere, die es je gegeben hat. Wenn man im vertrauten Umgange mit Brobdingnags (Riesen aus Gullivers Reisen von Swift) lebt, so scheint es augenblicklich, als wären wir alle auch Brobdingnags, und das wäre überhaupt so die Regel, man vergißt den Vergleich mit der eigenen Kleinheit. Es gibt dagegen viele Leute in gewissen Dörfern, die uns bekannt sind, welche über ihre Umgebung einen viel erkältenderen Hauch wegblasen, als wenn sie Bismarck wären. — Am Abend saßen wir wieder als gemischte Gesellschaft beisammen, indem die einen Tee tranken, die anderen Bier und einige Selterwasser, während Bismarck eine Pfeife rauchte. Er raucht jetzt aber wenig und nur ganz leichten Tabak in der Pfeife. Früher, als ich ihn kannte, rauchte er unaufhörlich die stärksten Zigarren, und jetzt, sagte er, könne er nicht mehr, um sein Leben zu retten, Zigarren rauchen, solchen Widerwillen erregen sie ihm. Ein Gutsnachbar, Herr v. Thadden und Frau, waren die einzigen Gäste, und sie gehen heute nachmittag wieder fort. Dieser Freund hatte die Schlacht von Königgrätz mitgemacht, und Bismarck erzählte eine Menge Anekdoten von jener Schlacht. ... Ich wünschte, Du hättest ihm zuhören können. Du kennst seine Art und Weise. Von allen Männern, die ich je gesehen, klein oder groß, ist er am wenigsten =poseur=. Alles kommt so nebenbei und nachlässig heraus. Ich fragte ihn, ob er nun mit dem Kaiser von Österreich gut Freund wäre. Er sagte ja, und der Kaiser wäre im vorigen Jahre in Salzburg ausnehmend höflich gegen ihn gewesen und durch den ganzen Saal sogleich auf ihn zugekommen, als er sich in der Türe gezeigt. Er sagte, als er noch jünger war, habe er sich für einen ganz klugen Burschen gehalten, aber sich allmählich überzeugt, daß niemand wirklich mächtig oder groß sei, und er müsse darüber lachen, wenn er sich preisen höre als weise, vorherrschend und als übe er große Macht aus in der Welt. Ein Mann in seiner Stellung sei genötigt, während Unbeteiligte erwägen, ob es morgen Regen oder Sonnenschein geben würde, prompt zu entscheiden: es wird regnen oder es wird schön Wetter sein, und demgemäß zu handeln mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Hatte er recht geraten, so rief alle Welt: welche Weisheit, welche Prophetengabe! Hatte er unrecht, so möchten alle alten Weiber mit Besenstielen nach ihm schlagen. — Wenn er weiter nichts gelernt hätte, so hätte er Bescheidenheit gelernt. Ganz gewiß lebte nie ein Sterblicher, der so unaffektiert war, und auch kein genialerer. Er sieht aus wie ein Koloß, aber seine Gesundheit ist schon erschüttert. Er kann nie vor vier oder fünf Uhr morgens einschlafen. Natürlich folgt ihm seine Arbeit hierher nach, doch schien sie ihn wenig zu belästigen. Er sieht aus wie ein Landedelmann, der vollkommen Muße hat. ...«
»Lieber Gortschakow, mir scheint, der Bismarck bläst falsch.« Gortschakow und Andrassy weilten im September 1872 mit ihren Souveränen in Berlin. Hier wurde auch die Versöhnung zwischen Rußland und Österreich besiegelt. (»Kikeriki«, Oktober 1872)]
Die dankbare Borussia
Von seinem alten Herrn erhielt Bismarck zum Silberfeste eine kostbare Vase in Begleitung des folgenden Handschreibens aus Koblenz vom 26. Juli: »Sie werden am 28. ein schönes Familienfest begehen, das Ihnen der Allmächtige in seiner Gnade beschert. Daher darf und kann Ich mit Meiner Teilnahme an diesem Feste nicht zurückbleiben, und so wollen Sie und die Fürstin, Ihre Gemahlin, hier Meinen innigsten und herzlichsten Glückwunsch zu diesem erhebenden Feste entgegennehmen! Daß Ihnen beiden, unter so vielen Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür unsere Dankgebete zum Himmel steigen! Unsere und Meine Dankbarkeit gehen aber weiter, indem sie den Dank in sich schließen, daß Gott Sie Mir in entscheidender Stunde zur Seite stellte und damit eine Laufbahn Meiner Regierung eröffnete, die weit über Denken und Verstehen geht. Aber auch hierfür werden Sie Ihre Dankgebete nach oben senden, daß Gott Sie begnadigte, so Hohes zu leisten! Und in und nach allen Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit Erholung und Frieden, — das erhielt Sie Ihrem schweren Berufe! Für diesen sich zu erhalten und zu kräftigen, ist Mein stetes Anliegen an Sie, und freue Ich mich, aus Ihrem Briefe durch Oberst Graf Lehndorff und von diesem selbst zu hören, daß Sie jetzt mehr an sich als an die Papiere denken werden. — Zur Erinnerung an Ihre Silberne Hochzeit wird Ihnen eine Vase übergeben werden, die eine dankbare Borussia darstellt, und die, so zerbrechlich ihr Material auch sein mag, doch selbst in jeder Scherbe dereinst aussprechen soll, was Preußen Ihnen durch die Erhebung auf die Höhe, auf welcher es jetzt steht, verdankt. Ihr treuergebener, dankbarer König Wilhelm.«
Im Spätsommer kehrte Bismarck nach Berlin zurück und stürzte sich mitten in den Trubel, den der Besuch der Kaiser von Österreich und Rußland und ihrer Minister in Berlin heraufbeschwor. In täglichen Beratungen erreichte er ein außerordentlich herzliches Verhältnis zu diesen beiden Monarchen, das Einverständnis der drei Kaiser und ihrer Staatsmänner umfaßte den gesamten Inhalt der Politik. Bismarck hatte in der Tat die Achtung und das Vertrauen aller Völker für Deutschland gewonnen.
In der Fülle der Erfolge aber traf den großen Staatsmann ein besonderer Kummer: Sein alter Kampfgenosse Roon reichte dem Kaiser die Bitte um Entlassung aus all seinen Staatsämtern ein.
»Welch ein Verlust für die Witzblätter, wenn sich der gekränkte Mann am Ende gar die berühmten drei Haare ausreißt.« Es ist die Zeit, in der verbissene Konservative auf Bismarcks »erzwungenen Rücktritt« hinarbeiten, voran Graf Harry von Arnim. Der Urlaub, den der Kanzler genommen hatte, wurde ohnehin durch eine Erkrankung gestört. (»Kikeriki«, April 1874)]
Dieser Schlag traf Bismarck ungeheuer hart, wenn er auch die von dem alten Gefährten angegebene Begründung, die in seinem zerrütteten Gesundheitszustand lag, durchaus anerkennen mußte. In diesen Tagen ist in ihm stärker als je zuvor der Wunsch lebendig geworden, einen Teil der Bürde, die auf ihm lag, von den Schultern zu werfen und nur noch Minister des Auswärtigen zu bleiben. Dieser Dienst, so schreibt er in dem Briefe an Roon, nehme eine volle Manneskraft in Anspruch, er könne nicht auch noch die volle Verantwortung für die innere Politik tragen. Auch habe er im Innern den Boden, der ihm annehmbar sei, durch die Desertion der Konservativen Partei in der katholischen Frage verloren: »Meine Federn sind durch Überspannung erlahmt, der König als Reiter im Sattel weiß wohl kaum, daß und wie er in mir ein braves Pferd zuschanden geritten hat; die Faulen halten länger aus, aber =ultra posse nemo obligatur=.«
Der Roon-Krisis folgte eine Bismarck-Krisis. Aber Roon nahm schließlich sein Entlassungsgesuch zurück, und da er unter den Ministern allein das volle Vertrauen des Königs besaß, so übernahm er sogar an Bismarcks Stelle den Vorsitz im Ministerrat und die Leitung der preußischen Geschäfte. Jetzt wäre sicher die günstigste Gelegenheit für die Konservativen gewesen, die Versöhnung mit dem großen Kanzler zu suchen. Solche Schritte sind leider unterblieben; die Aktion wurde sogar mit verstärkter Heftigkeit fortgeführt, und tausend Versuche wurden gemacht, dem Staatsmann das Vertrauen des Königs zu rauben. Aber König Wilhelm hielt fest in Treuen, und niemals sind die Beweise seiner Freundschaft und Huld so zahlreich gewesen wie eben in diesen Tagen. So durfte der Minister am Weihnacht-Heiligabend von seinem königlichen Freunde die Nachbildung des Standbildes Friedrichs des Großen entgegennehmen, für die er in einem wundervollen Briefe seinen Dank aussprach:
hopsasa!~
General Lamarmora hatte Fälschungen in Gestalt von diplomatischen Aktenstücken veröffentlicht, die sich gegen Bismarck richteten. Der Kanzler trägt hier als Papageno die drei von ihm eingefangenen Vögel Napoleon, Beust und Lamarmora auf seiner Stange. (»Kladderadatsch«, September 1873)]
Vielleicht ein unbrauchbarer General
»Ich habe jederzeit bedauert, daß es mir nach dem Willen meiner Eltern nicht erlaubt war, lieber vor der Front als hinter dem Schreibtisch meine Anhänglichkeit an das angestammte Königshaus und meine Begeisterung für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes zu betätigen. Auch heute, nachdem Eure Majestät mich zu den höchsten staatsmännischen Ehren erhoben hat, vermag ich das Bedauern, ähnliche Stufen nicht als Soldat mir erstritten zu haben, nicht ganz zu unterdrücken. Verzeihen Eure Majestät am heiligen Abend einem Manne, der gewohnt ist, an christlichen Gedenktagen auf seine Vergangenheit zu blicken, diese Aussprache persönlicher Empfindungen. Ich wäre vielleicht ein unbrauchbarer General geworden, aber nach meiner eigenen Neigung hätte ich lieber Schlachten für Eure Majestät gewonnen, wie die Generale, die das Denkmal zieren, als diplomatische Kampagnen. Nach Gottes Willen und nach Eurer Majestät Gnade habe ich die Aussicht, in Schrift und Erz genannt zu werden, wenn die Nachwelt die Erinnerung an Eurer Majestät glorreiche Regierung verewigt. Aber die herzliche Anhänglichkeit, die ich, unabhängig von der Treue jedes ehrlichen Edelmannes für seinen Landesherrn, für Eurer Majestät Person fühle, der Schmerz und die Sorge, die ich darüber empfinde, daß ich Eurer Majestät nicht immer nach Wunsch dienen kann, werden in keinem Denkmal Ausdruck finden können; und doch ist es nur dieses persönliche Gefühl in letzter Instanz, welches die Diener ihrem Monarchen, die Soldaten ihrem Führer, auf Wegen, wie Friedrich =II.= und Eure Majestät nach Gottes Ratschluß gegangen sind, in rücksichtsloser Hingebung nachzieht. Meine Arbeitskraft entspricht nicht mehr meinem Willen, aber der Wille wird bis zum letzten Atem Eurer Majestät gehören. v. Bismarck.«
Schon jetzt trat ein Mann in den Vordergrund mit einem Namen, der bald recht oft und recht wenig rühmlich hervortreten sollte: Graf Harry von Arnim. Er stand mit allen dem Kanzler feindlichen Elementen in Verbindung, und gerade jetzt drängte er sich an ihre Spitze in der Hoffnung, sein Nachfolger zu werden.
Fürstbischof Förster von Breslau war wegen Vergehens gegen die Maigesetze mehrfach gepfändet, zu Geldstrafen verurteilt und der Temporalien beraubt worden. (»Kikeriki« Januar, 1874)]
Graf Harry Arnim
Von ihm erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch: Graf Harry Arnim vertrug wenig Wein und sagte mir einmal nach einem Frühstücksglase: »In jedem Vordermanne in der Karriere sehe ich einen persönlichen Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht merken, solange er mein Vorgesetzter ist.« Es war dies in der Zeit, als er, nach dem Tode seiner ersten Frau aus Rom zurückgekommen, durch eine italienische Amme seines Sohnes in rot und gold Aufsehen auf den Promenaden erregte und in politischen Gesprächen gern Macchiavell und die Werke italienischer Jesuiten und Biographen zitierte. Er posierte damals in der Rolle eines Ehrgeizigen, der keine Skrupel kannte, spielte hinreißend Klavier und war vermöge seiner Schönheit und Gewandtheit gefährlich für die Damen, denen er den Hof machte. Diese Gewandtheit auszubilden, hatte er frühzeitig begonnen, indem er als Schüler des Neustettiner Gymnasiums von den Damen einer wandernden Schauspielertruppe sich in die Lehre nehmen ließ und das mangelnde Orchester am Klavier ersetzte. Unter den Persönlichkeiten, die neben ausländischen Einflüssen, neben der »Reichsglocke« und ihren Mitarbeitern in aristokratischen und Hofkreisen und in den Ministerien meiner Kollegen, neben dem verstimmten Junkertum und dessen Ära-Artikeln in der »Kreuzzeitung« daran arbeiteten, mir das Vertrauen des Kaisers zu entziehen, spielte Graf Harry Arnim eine hervorragende Rolle. Am 23. August 1871 wurde er auf meinen Antrag zum Gesandten, demnächst zum Botschafter in Paris ernannt, wo ich seine hohe Begabung trotz seiner Fehler im Interesse des Dienstes nützlich zu verwerten hoffte; er sah in seiner Stellung dort aber nur eine Stufe, von der aus er mit mehr Erfolg daran arbeiten konnte, mich zu beseitigen und mein Nachfolger zu werden. Nachdem Arnim sich 1873 in Berlin überzeugt hatte, daß seine Aussichten, an meine Stelle zu treten, noch nicht so reif waren, wie er angenommen hatte, versuchte er einstweilen das frühere gute Verhältnis herzustellen, suchte mich auf, bedauerte, daß wir durch Mißverständnisse und Intrigen anderer auseinandergekommen wären, und erinnerte an Beziehungen, die er einst mit mir gehabt und gesucht hatte. Zu gut von seinem Treiben und von dem Ernst seines Angriffes auf mich unterrichtet, um mich täuschen zu lassen, sprach ich ganz offen mit ihm, hielt ihm vor, daß er mit allen mir feindlichen Elementen in Verbindung getreten sei, um meine politische Stellung zu erschüttern, in der irrigen Annahme, er werde mein Nachfolger werden, und daß ich an seine versöhnliche Gesinnung nicht glaube. Er verließ mich, indem er mit der ihm eigenen Leichtigkeit des Weinens eine Träne im Auge zerdrückte. Ich kannte ihn von seiner Kindheit an.
»=Bizzimarck here, Bizzimarck there, Bizzimarck, Bizzimarck everywhere!!=« (»Punch«, 31. Oktober 1874)]
Inzwischen tobte der Kulturkampf weiter. Auch der Papst hatte öffentlich Stellung genommen und die herrschende Erregung noch aufgestachelt. Ja, er hatte sogar in einer Ansprache an deutsche Pilger die Wendung gebraucht, im Reiche herrsche eine Verfolgung gegen die Kirche, an deren Spitze der erste Minister stehe, und er hatte mit den Worten geschlossen: »Wer weiß, ob nicht bald das Steinchen sich von der Höhe löst, daß es den Fuß des Kolosses zertrümmert.« Und im Parlament war einer der Führer des Zentrums, Herr von Schorlemer-Alst, so weit gegangen, Anklagen gegen den Kanzler zu erheben, daß er nicht nur den Umsturz der Bundesverfassung vorbereitet und durchgeführt habe, sondern daß er auch im Jahre 1866, verbündet mit Garibaldi und Klapka, die ungarischen und kroatischen Regimenter zum Bruch ihres Fahneneides zu verführen versuchte. Herr von Mallinckrodt fügte hinzu, daß Bismarck bereit war, einen Teil des linken Rheinlandes, den die bayrische Pfalz und Koblenz und Trier bilden, an Frankreich abzutreten. Er habe dies »in amtlichen Aktenstücken gelesen und sich bisher vergeblich nach einem Widerspruch umgesehen«. Es waren die Fälschungen des Generals Lamarmora, die den Zentrumsführern den Stoff zu ihren wilden Angriffen boten. Sie mußten aber aus Bismarcks Munde die grimmige Antwort vernehmen, daß sie sich auf dreiste, lügenhafte Erfindungen stützen, gemacht in gehässiger Absicht gegen ihn, der sich rühmen dürfe, in Europa der bestgehaßte Mann zu sein. »Ich habe niemals irgend jemandem«, so rief Bismarck, »die Abtretung auch nur eines Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt.« Auch hier sollte die persönliche Verdächtigung den Mann fällen, der auch in diesem schweren Kampfe immer und immer wieder versuchte, aus der Niederung der persönlichen Gehässigkeit den Streit auf die Höhen des Prinzips zu tragen. Niemals in so gewaltiger Weise wie in jener Rede, in der er den Streit des Tages hinstellte als eine Episode in dem uralten Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum, der viel älter sei als die Erscheinung unseres Erlösers in der Welt, in dem Agamemnon bereits in Aulis mit seinen Sehern lag, der die deutsche Geschichte des Mittelalters unter dem Namen der Kämpfe der Päpste mit den Kaisern erfüllte und seinen Abschluß damit fand, daß der letzte Vertreter des erlauchten schwäbischen Kaiserstammes unter dem Beile eines französischen Eroberers auf dem Schafott starb. Das Papsttum, so rief er aus, sei eine politische Macht zu jeder Zeit gewesen, die mit der größten Entschiedenheit und dem größten Erfolge in die Verhältnisse dieser Zeit eingriff. Das Ziel sei die Unterwerfung der weltlichen unter die geistliche Gewalt. Der Kampf aber des Priestertums mit dem Königtum sei zu beurteilen wie jeder andere Kampf: er hat seine Bündnisse, seine Friedensschlüsse, seine Haltepunkte und Waffenstillstände. »Es handelt sich um die Verteidigung des Staates, es handelt sich um die Abgrenzung, wie weit die Priesterherrschaft und wie weit die Königsherrschaft gehen soll; aber diese Abgrenzung muß so gefunden werden, daß der Staat seinerseits dabei bestehen kann. Denn in dem Reiche dieser Welt hat er das Regiment und den Vortritt. ... Die Zentrumspartei in ihren Wirkungen ist eine Breschbatterie, aufgeführt gegen den Staat; die Artilleristen, die sie leiten, die Ingenieure, die sie erbauten, wissen genau, was sie beabsichtigten.«
Bibelfest
Die Konservativen haben damals sogar durch die Waffen des Gebetes auf Bismarck einzuwirken gesucht. So schrieb noch vor der Annahme der Maigesetze der alte Oberpräsident Senfft von Pilsach an ihn, er solle sich ermannen, denn wenn er Gottes Mahnungen zur Buße beharrlich widerstrebe, so werde er ohne Zweifel seinem Gerichte verfallen. Bismarck antwortete mit der Versicherung, daß das Interesse, welches der alte Herr an seinem geistigen und geistlichen Leben nehme, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhe: Aber ich hätte gern die Gewißheit darüber, daß Ihre mahnende Stimme auch den Ihnen nahestehenden Gegnern Seiner Majestät des Königs nicht vorenthalten werde, welchen die Demut unseres Erlösers so fremd geworden ist, daß sie im zornigen Dünkel eigener Weisheit und in heidnischer Priesterherrschaft es als ihre Aufgabe ansehen, das Land und die Kirche zu meistern und die Grundlagen beider zum Vorteil ausländischer und dem Evangelium feindlicher Gewalten tatsächlich zu erschüttern. Ich bitte Ew. Exzellenz, sich Ihrerseits vorzusehen, daß Sie dem Gericht Gottes nicht eben durch die Überhebung Ihrer an mich gerichteten Warnung verfallen. Ich empfehle Ihnen, den 4. und 5. Vers des 12. Psalms zu lesen — »Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die da stolz redet, die da sagen: Unsere Zunge soll überhand nehmen, uns gebühret zu reden; wer ist unser Herr?« — und will mich im Vertrauen auf den Schluß des 3. Psalms an diesen halten — »Ich fürchte mich nicht vor viel hundert Tausenden, die sich umher wider mich legen. Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott; denn du schlägst alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen Zähne. Bei dem Herrn findet man Hilfe.«
Es ist vielleicht das dunkelste Blatt in der Geschichte des politischen Konservativismus, daß aus seinen Reihen Männer erstanden, die selbst vor dem Versuche nicht zurückschreckten, den Namen des Fürsten Bismarck mit jenen wüsten Spekulationen und Börsenmanövern in Verbindung zu bringen, die der Segen der fünf Milliarden nach Deutschland verpflanzte. Die Reichstagswahlen vom Januar 1874 haben dann die konservativen Gegner Bismarcks fast vollständig hinweggefegt.
In jene Zeit fallen auch die ersten Zeichen jener inneren Verständigung mit Italien, die später zu dem engen Zusammenschluß der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche mit diesem Staate führen sollten. Viktor Emanuel ist damals persönlich nach Berlin gekommen, und in langen vertraulichen Gesprächen mit dem Fürsten Bismarck hatte er den Anschluß seines Landes an die nordischen Mächte vorzubereiten gesucht.
Die kostbare Dose
Bei diesem Besuche hat sich eine Episode ereignet, von der die Welt erst durch Bismarcks letztes Gedenkbuch erfuhr: »Ich hatte«, so erzählt der Kanzler, »durch Herrn v. Keudell erfahren, daß der König eine Dose mit Brillanten, deren Wert auf 50000–60000 Franken, ungefähr auf das Sechs- bis Achtfache des bei solchen Gelegenheiten Üblichen, angegeben wurde, hatte anfertigen und dem Grafen Launay zur Überreichung an mich zustellen lassen. Gleichzeitig kam es zu meiner Kenntnis, daß Launay die Dose mit Angabe des Wertes seinem Hausnachbarn, dem bayrischen Gesandten Baron Pergler von Perglas, gezeigt hatte, der unseren Gegnern in dem Kulturkampfe persönlich nahestand. Der hohe Wert des mir zugedachten Geschenkes konnte also Anlaß geben, es in Verbindung zu bringen mit der Anlehnung, die der König von Italien bei dem Deutschen Reiche damals erstrebte und erlangte. Als ich dem Kaiser meine Bedenken gegen die Annahme des Geschenkes vortrug, hatte er zunächst den Eindruck, als ob ich es überhaupt unter meiner Würde fände, eine Porträtdose anzunehmen, und sah darin eine Verschiebung der Traditionen, an die er gewöhnt war. Ich sagte: ›Gegenüber einem solchen Geschenke von durchschnittlichem Werte würde ich auf den Gedanken der Ablehnung nicht gekommen sein. In diesem Falle aber hätte nicht das fürstliche Bildnis, sondern hätten die verkäuflichen Diamanten das für die Beurteilung des Vorgangs entscheidende Gewicht; mit Rücksicht auf die Lage des Kulturkampfes müßte ich Anknüpfungspunkte für Verdächtigungen vermeiden, nachdem der den Umständen nach übertriebene Wert der Dose durch die nachbarlichen Beziehungen von Perglas konstatiert und in der Gesellschaft hervorgehoben worden sei.‹ Der Kaiser wurde schließlich meiner Auseinandersetzung zugänglich und schloß den Vortrag mit den Worten: ›Sie haben recht, nehmen Sie die Dose nicht an.‹ Nachdem ich meine Auffassung durch Herrn v. Keudell zur Kenntnis des Grafen Launay gebracht hatte, wurde der Dose ein sehr hübsches und ähnliches Porträt des Königs substituiert mit seiner eigenhändigen Unterschrift. Der König behielt jedoch das Bedürfnis, mir einen verstärkten Ausdruck seines Wohlwollens zu geben durch ein dem ursprünglich beabsichtigten im Werte analoges, aber nicht verkäufliches Geschenk, und ich erhielt als Zugabe zu der schmeichelhaften Unterschrift des Porträts eine Alabastervase von ungewöhnlicher Größe und Schönheit, deren sichere Verpackung und Beförderung bei der überstürzten Räumung meiner Amtswohnung, zu der mein Nachfolger mich nötigte, nicht ohne Schwierigkeit war. Anderer Ansicht über die Annahme einer mit Brillanten gefüllten Dose war übrigens Gortschakow. Bei unserem Besuch in Petersburg fragte mich Seine Majestät: ›Was kann ich nur dem Fürsten Gortschakow geben? Er hat schon alles, auch Porträt; vielleicht eine Büste oder Dose mit Brillanten?‹ Ich erhob gegen eine teuere Dose Einwendungen, die ich aus der Stellung und dem Reichtum des Fürsten Gortschakow herleitete, und der Kaiser gab mir recht. Ich sondierte darauf den Fürsten vertraulich und erhielt sofort die Antwort: ›Laß Er mir (Russizismus) eine tüchtige Dose geben mit guten Steinen (=avec de grosses bonnes pierres=).‹ Ich meldete dies Seiner Majestät etwas beschämt über meine Menschenkenntnis; wir lachten beide, und Gortschakow bekam seine Dose.«
Darauf haben die Attentatsfreunde nicht gedacht, daß bei dem Schusse auf Bismarck — eigentlich doch wieder nur die stolze Kirche getroffen ward. (»Kikeriki«, 27. Juli 1874)]
Am schwersten traf den Fürsten Bismarck der Verlust seines alten Kampfgenossen Roon, der jetzt endgültig vom Schauplatz seiner Taten Abschied nahm. Die Briefe, die in diesen Tagen die beiden heldenmütigen Männer tauschten, bilden vielleicht eines der ergreifendsten Dokumente eines wahrhaft großen und darum innerlich stets bescheidenen Menschentums.
=Adelantador=
In seinem Abschiedsbriefe an Bismarck schrieb Roon: »Zum Schlusse dieser Zeilen erlauben Sie mir, Ihnen aus vollem Herzen nochmals mein ›=Adelante, adelantador atrevido!=‹ (Vorwärts, immer vorwärts, kühner Held) zuzurufen und Gottes Segen für Ihr ferneres gedeihliches und großartiges Wirken zu erflehen; und das werde ich immer tun, bis an mein vielleicht nicht mehr fernes Lebensende, gleichviel ob ich auf der Bühne oder im Zuschauerraum meinen Platz habe!«
Ich hatt’ einen Kameraden
In seiner Antwort schrieb Bismarck: »... Gott hat die Fahnenflucht unserer Junker von Thron und Evangelium zugelassen und dadurch unser Rüstzeug schwer geschädigt; aber ich schöpfe auch hier wie 63, 66, 70 in allen den Kämpfen, die wir, lieber alter Freund, Schulter an Schulter siegreich bestanden haben, Mut aus dem mich innerlich tief berührenden Worte: ›Gott widersteht den Hoffärtigen.‹ Und auch im Kampfe mit Kleist, Waldow und Gerlach, wie mit den ehrgeizigen Priestern des römischen Götzendienstes sehe ich die Hoffart zu meinem Trost im feindlichen Lager. Gefochten soll sein, das ist mir so klar, als ob Gott mir es auf deutsch befohlen hätte. Ich stehe dienstlich auf der Bresche, und mein irdischer Herr hat keine Rückzugslinie, also: =vexilla regis prodeunt=, und ich will, krank oder gesund, die Fahne meines Lehnsherrn halten, gegen meine faktiösen Vettern so fest wie gegen Papst, Türken und Franzosen. Vermüde ich, so bin ich anschlagmäßig verwendet, und der Verbrauch meiner Person ist vor jedem Rechnungshofe justifiziert. Durch Ihren Rücktritt bin ich vereinsamt, unter Philistern die einzig fühlende Brust. Der alte Rest vom alten Stamm, der bleibt, ist faul. Ich will nicht zu ihm sagen: ›Heinrich, mir graut vor dir‹, aber ich habe mitunter Lust, falls ich noch körperlich stärker bin, es ihn empfinden zu lassen. Ich wollte Ihnen nur ein herzliches Lebewohl schreiben, und nun komme ich auf sechs Seiten solcher Abirrungen. Sehen werden wir uns ja doch im Winter, und persönlich also nehme ich nicht Abschied. Wir werden mündlich doch noch manchen Rückblick auf die elf Geschichtsjahre tun können, die Gott uns zusammen hat durchkämpfen lassen, und in denen wir mehr von seiner Gnade erlebt haben, als wenigstens mein Verstehen und Erwarten faßte. Im Amte aber wird es einsam um mich sein, je länger je mehr; die alten Freunde sterben oder werden Feinde, und neue erwirbt man nicht mehr. Wie Gott will: Im gelben Sitzungszimmer werde ich die Lücke auf Ihrem Sofaplatze nicht ausgefüllt finden und dabei denken: ›Ich hatt’ einen Kameraden.‹ — Man wird alt, das hat sein Gutes; man ist zufrieden mit Knochen und Leder, an sich und anderen. Der Postbote mahnt. Herzlichen Gruß und auf baldiges Wiedersehen. Ihr getreuer Freund von Bismarck.«
Skizze zu einem Deckengemälde für das Zentrum. Zum Andenken an die Sitzung des Reichstags am 4. Dezember 1874
Es handelt sich um die Sitzung, in der Bismarck den Attentäter Kullmann an die Rockschöße des Zentrums gehängt hat. Windthorst, Jörg, Majunke, Kullmann stürmen gegen ihn an. (»Berliner Wespen«, Dezember 1874)]
Bismarck: »Ick soll Ihnen wegen der Reformen in Rußland raten? Det is wohl ganz einfach: Jeben Sie die Freiheit wie in Preußen! He? Wat sagen Sie?« Der Zar: »Geniale Idee!«
(»Humoristische Blätter«, 2. März 1884)]
In Kissingen, wo der Kanzler, dessen Gesundheit unter all den Kämpfen wiederholt zusammenbrach, auch im Sommer 1874 Genesung suchte, entlud sich nun der gegen ihn gesammelte Haß in dem Mordversuch des Böttchergesellen Kullmann. Er war ein roher und gewalttätiger Bursche, Mitglied in einem katholischen Gesellenverein, aufgereizt durch Flugblätter und Reden, aber sicherlich nicht in das Verständnis der großen Gegensätze gedrungen, die nach der großen Kriegszeit das deutsche Volk erschütterten. Bei ihm wie bei all den anderen, die zur Mordwaffe griffen, mündet der weite Strom der Ideen in den engen Kanal der geistigen Beschränktheit, und während große Männer in wundervollem erregendem Kampfe ihre Kräfte messen, sitzt irgendwo in der engen Kammer einer von den ganz Dumpfen und ganz Engen, nur eines einzigen Gedankens fähig, und zähe an diesem Gedanken haftend, bis er zur Tat wird. Er begreift es nicht, worin die Größe des Daseins besteht, und er greift mit plumper Hand in das feine Gewebe der Gottheit.
Jupiter (Bismarck) als Stier, der Europa trägt. An den Schwanz des Tieres klammern sich Russen, Franzosen und andere Völker. (Der »Floh«, Januar 1875)]
Kullmanns Attentat
Der 13. Juli war gekommen. Bismarck fuhr gegen Mittag aus. Aber der Wagen hatte von der Ausfahrt des Wohnhauses an nur erst etwa fünfzehn Schritte langsam zurückgelegt — da ein katholischer Landgeistlicher in der Fahrbahn stand und nicht ausweichen wollte —, als plötzlich aus nächster Nähe eine Pistole auf den Fürsten Bismarck abgefeuert wurde. Er hatte zufällig gerade die Hand zu militärischer Begrüßung der ihn umjubelnden Menge an seine Schläfe erhoben, als der Schuß krachte. Diese Bewegung rettete sein Leben. Der Mörder gestand es später selbst ein mit den ihn bezeichnenden Worten: »Ich habe mich einexerziert, schon öfter, ja hundertmal aus der Pistole geschossen, aber der Kerl hat eine Bewegung gemacht, und so habe ich ihn gefehlt.« Die zum Gruß erhobene Hand entzog dem Mörder das edle Ziel, das Haupt des Fürsten. Die Kugel streifte nur den Knöchel seiner Rechten. Der Kutscher, fast starr vor Schrecken, hatte doch die Geistesgegenwart, sich umzudrehen. Er sieht den Fürsten anscheinend unversehrt, will also weiterfahren und wendet sein Auge wieder den Pferden zu. Da bemerkt er den Mörder, der die Pistole fortwirft und in der dichten Menschenmenge verschwinden will. Durch einen wuchtigen Peitschenhieb über das Gesicht des Mörders bringt der Kutscher diesen zum Stehen. Gleichzeitig wirft sich der als Badegast in Kissingen anwesende Hofschauspieler Lederer aus Darmstadt auf den Mörder und packt ihn an der Kehle, hält ihn auch — obwohl der Mensch um sich beißt — fest, bis hundert Arme ihn dingfest machen, zu zerreißen drohen. Da springt Fürst Bismarck aus dem Wagen, und rettet den Mörder vor der Volksvergeltung mit dem Worte: man solle den Menschen dem Gesetze überlassen. Nun wird der Täter nach dem Stadtgefängnis geschleift. Nachdem er verbunden war, suchte Bismarck den Attentäter selbst auf und hatte mit ihm im Gefängnis eine Unterredung. Die Frage des Fürsten: »Kennt Ihr mich?« beantwortete Kullmann mit lautem »Ja«, dagegen mit »Nein« die Frage, ob er Bismarck schon früher gekannt habe. Auf die Frage, weshalb er die Tat begangen, antwortete er ziemlich rasch: »Wegen der Maigesetze!« — Auch nannte er, wie Bismarck später im Reichstag erzählte, das Zentrum »seine Fraktion«. — Alle an ihn gestellten Fragen beantwortete Kullmann mit großer Frechheit und ohne jeden Versuch irgendeiner Beschönigung seiner Tat. Doch war interessant, zu sehen, daß der freche Mensch den festen Blick des Fürsten nicht ertragen konnte, sondern immer sofort die Augen niederschlug. Der Fürst schloß mit den Worten: »Das ist nicht schön, wenn Landsleute aufeinander schießen.«
Das Geschäft bringt es so mit sich
Nach dem mißlungenen Attentat Kullmanns bemerkte der Fürst bei der Abendtafel mit köstlichem Humor: »Die Sache ist zwar nicht kurgemäß, aber das Geschäft bringt es so mit sich.«
Bellachini
Nach dem Attentat befand sich in der Deputation gratulierender Kurgäste auch Bellachini, der Magieprofessor. Fürst Bismarck drückte ihm huldvollst die Hand und bemerkte dabei: »Hätten Sie denn, da Sie in der Nähe standen, die Kugel nicht auffangen können?«
Zahllose Ovationen wurden dem Geretteten dargebracht. Über zweitausend Glückwunschdepeschen und -schreiben trafen ein. Fürst Bismarck hat Schädigungen von der Wunde nicht davongetragen, nur eine gewisse Schwäche im Handgelenk blieb zurück. Aber dieses Attentat hat in den folgenden Kämpfen eine ernste Rolle gespielt. Im Dezember rief Fürst Bismarck dem Klerikalen Jörg, der erklärt hatte, daß »wegen des verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Teil der Deutschen geradezu ins Delirieren geraten sei«, die heftigen Worte entgegen: »Mögen Sie sich lossagen von diesem Mörder, wie Sie wollen, er hängt sich an Ihre Rockschöße fest, er nennt Sie seine Fraktion!«
Gern säh’ den Bismarck mal als =Pater peccavi= jetzt der Heilige Vater. (»Berliner Wespen«, Februar 1874)]
Pfui!
Auf Bismarcks Rede erklang von links und rechts ein stürmisches Bravo, aus dem Zentrum aber rief eine schrille Stimme »Pfui!«. Dem Rufer, Graf Ballestrem, diente Bismarck mit folgenden Worten: »Meine Herren! Der Herr Präsident hat schon gerügt, was ich von dem Herrn Abgeordneten, der dort auf der zweiten Bank sitzt, rügen wollte — oder vielmehr, rügen ist nicht mein Beruf, aber ich wollte meine Meinung darüber äußern. ›Pfui!‹ ist ein Ausdruck des Ekels und der Verachtung. Meine Herren, glauben Sie nicht, daß mir diese Gefühle fernliegen; ich bin nur zu höflich, um sie auszusprechen.« — Noch einmal wurde später dem Fürsten Bismarck im Reichstag ein »Pfui!« entgegengeschrien: Als er im Mai 1889 seine letzte Rede über die Altersversicherung hielt und die Freisinnigen anklagte, daß sie ihm stets ihre Zustimmung versagten, ob aus Abneigung gegen seine Person oder aus fraktionellen Gründen, da erklang aus dem Munde des Herrn Struwe dieses Schmähwort. Bismarck aber schritt in seiner ganzen Größe bis an den Rand der Tribüne: »Erlauben Sie, daß ich da ganz offen rede; wer mir ›Pfui!‹ sagt, denn nenne ich unverschämt. Ich will den Herrn gar nicht fragen — Sie mögen die Wahrheit nicht hören; ich bin aber hier, um Ihnen die Wahrheit zu sagen. Insultieren lasse ich mich nicht, dann insultiere ich wieder. ›Pfui!‹ — ich weiß nicht, worauf sich das bezog, ich kann deshalb darauf nicht erwidern. Ich betrachte es als einen allgemeinen Ausdruck des Hasses, dessen Gegenstand ich seit Jahren hier an dieser Stelle für die Herren, die dort sitzen, gewesen bin. Als Christ kann ich das hinnehmen, aber als Kanzler, solange ich hier stehe, kämpfe ich dagegen und lasse mir dergleichen nicht sagen, ohne darauf zu reagieren.« Später hat auf einem parlamentarischen Abend Fürst Bismarck diese Szene kommentiert: »Ja, was soll man machen, wenn einem jemand sozusagen vor versammeltem Kriegsvolk ›Pfui!‹ zuruft? Es ist doch gerade, als ob mich jemand anspuckt. Das erstemal war es ein Herr vom Zentrum, der mir das Wort zurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen Revolver in der Tasche trug. Als der Zwischenruf erscholl, dachte ich zunächst: ›Du gehst hin und schießt ihn nieder!‹ Nach einer halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt: ›Nein, das ist denn doch nicht dein Metier!‹«
»Wir Liberalen werden nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.« (»Frankfurter Laterne«, März 1873)]
Immer noch höher stiegen die Wellen des Kulturkampfes. Die Maigesetze, das Brotkorbgesetz, die Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der Verfassung, die Unterordnung der Religionsgesellschaften unter die staatlichen Gesetze, der Kampf gegen die Jesuiten — immer wieder trat Fürst Bismarck in die Bresche, um die Rechte des Staates zu schützen. Bis dann die Zeit kam, wo der Staatsmann der Steuergesetzgebung im Reiche und bald auch der neuen Wirtschaftspolitik den Weg zu öffnen suchte, und wo er, da der Liberalismus sich sträubte, gezwungen war, Wege des Friedens mit dem Zentrum zu betreten. Ihm galt ja auch der Kulturkampf nicht als Selbstzweck; er fühlte es, daß doch vielleicht die Gesetzgebung der Ära Falck zu weit gegangen war, und indem er dann an die Revision der Maigesetze ging, suchte er einen =modus vivendi= mit Rom und der römischen Kirche zu schaffen. Allerdings innerlich auch jetzt überzeugt, daß ein ewiger Friede mit der römischen Kurie niemals eintreten wird. Denn in der Kurie erkannte er eine unabhängige politische Macht, zu deren unabänderlichen Eigenschaften der Trieb zum Umsichgreifen gehöre. Während aber die Wogen des Kulturkampfes allmählich sich zu glätten begannen, erhoben sich neue Hindernisse und Schwierigkeiten nach anderer Richtung: In der Auswärtigen Politik ballte sich plötzlich eine dunkle Wolke zusammen, und die Abneigung der extremen Konservativen stieg bis zu einer unerhörten Maßlosigkeit empor.
Der Gedanke, daß ein neuer Krieg mit Frankreich notwendig werde, dessen Kraft schnell erstarkt war, beherrschte den größten Teil der siebziger Jahre. Besonders der Generalstab ging von der Anschauung aus, daß ein Krieg auch aus prophylaktischen Gründen geführt werden könne, und daß es geraten sei, den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen, solange man noch die Gewißheit habe, dem Gegner überlegen zu sein. Auch Moltke war dieser Meinung. Aber Fürst Bismarck trat ihm mit voller Entschlossenheit entgegen. Denn er hielt jeden Krieg für eine Ruchlosigkeit, der uns nicht aufgezwungen und aufgedrungen würde. Aber gerade gegen Bismarcks Friedensliebe richtete sich das Komplott, das von dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn von Gontaut-Biron, und dem russischen Kanzler Gortschakow gesponnen wurde und das seine Fäden bis an den Hof der Kaiserin Augusta zog. Dieses Komplott trat zutage, als Kaiser Alexander nach Berlin kam und während eines dreitägigen Aufenthaltes die Wahrheit erkannte. Das Entlassungsgesuch, das Fürst Bismarck abermals eingereicht hatte, wurde von seinem »tieferschütterten Freunde Wilhelm« abgelehnt und ihm ein längerer Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit bewilligt.
Bismarck als Bärenführer, läßt den russischen Bären tanzen. Er zitiert das Wort von Goldsmith: »Mein Bär tanzt immer nach artigen Tönen.« (»Punch«, Mai 1875)]
Aber auch über diese Zeit brachen die Sorgen herein: Im Juli erhob sich der Aufstand in der Herzegowina. Die Gefahr, daß der ganze Balkan zu einem Brandherd werden und die dort entfesselten Flammen auf Europa niederschlagen würden, erhob sich in fürchterlicher Nähe. Im nächsten Frühjahr schon ergriff bereits das Feuer Serbien und Bulgarien, und wieder nach einem Jahre führte der Zar selbst seine Armeen über die Donau. Mußte hier nicht die Sorge erwachen, daß Rußland und Österreich im blutigen Zwiste aneinander geraten? Nahm Fürst Bismarck für den einen Staat Partei, dann würde sich Frankreich sofort auf die Seite des anderen schlagen, und ein europäischer Krieg stände vor der Tür. »Ich habe«, so sagte er damals im Gespräch, »zwei mächtige Wappentiere an ihren Halsbändern. Ich halte sie auseinander; erstens damit sie sich nicht zerfleischen, zweitens damit sie sich nicht auf unsere Kosten verständigen können. Ich glaube damit nicht nur jedem derselben, sondern auch Deutschland und Europa einen Dienst zu erweisen. ... Dem, der zum Hieb ausholt, in die Klinge zu fahren, ist ein schlechtes Geschäft. Man erwirbt sich damit keine Freunde, und der Behinderte wird einen dieses Dazwischentreten bei anderer Gelegenheit entgelten lassen.«
Auch in den folgenden Zeiten, als die orientalische Frage immer brennender wurde, hielt Fürst Bismarck Deutschland nicht für verpflichtet, aktiv in den Zwist einzutreten. »Ich werde«, so rief er im Reichstag aus, »zu irgendwelcher aktiven Beteiligung an diesen Dingen nicht raten, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre.« Unter Leitung des ehrlichen Maklers Bismarck kam es denn auch auf der Berliner Konferenz zunächst zu einem Verständnis der europäischen Mächte, zu einer Einigung aller christlichen Völker gegenüber den Osmanen. Erleichtert allerdings wurde dem Staatsmann die Aufgabe dadurch, daß am 6. Mai 1876 in Saloniki der deutsche und der französische Konsul von fanatisierten mohammedanischen Pöbelhaufen unter Mitwirkung der Behörden ermordet wurden. Im nächsten Frühjahr hat dann, da auch die Konferenz der Mächte in Konstantinopel resultatlos verlief, Rußland der Pforte den Krieg erklärt, und bei Plewna und am Schipkapaß wurden blutige Schlachten geschlagen. Dem Frieden von San Stefano ist dann der Berliner Kongreß gefolgt, und seit diesem Kongreß, der den Russen nicht alle erwünschten Früchte trug, erhob sich lärmend und rachedurstig gegen Deutschland der Panslawismus. Als aber auch das amtliche Rußland, vor allem Gortschakow, sich gegen Deutschland feindselig zeigte, da schloß sich Bismarck mit Österreich zusammen.
»Blut ist genug geflossen, jetzt kommt die Tinte ’ran.« (»Kikeriki«, Mai 1875)]
Während nun draußen harte Konflikte den Frieden der Welt bedrohten, war Bismarck gezwungen, auch im Inneren seinen Gegnern die gepanzerte Faust zu weisen. Der erste, den sie traf und den sie zu Boden schlug, war Graf Harry von Arnim, der in seiner Brandschrift »=Pro nihilo=« die schwersten Anklagen gegen den großen Staatsmann erhob: Er habe in ihm, dem Grafen Arnim, nur den Rivalen gesehen und es deshalb veranlaßt, daß er in seinem ersten Prozeß, der ihm neun Monate Gefängnis eintrug, rechtswidrig verurteilt wurde. Es fehlte auch der Vorwurf nicht, Fürst Bismarck habe seine amtliche Stellung zu Geldgeschäften mit Bleichröder gemißbraucht; er habe dem Kaiser nur eine Scheinherrschaft übrig gelassen, und er sei so der allmächtigste Minister seit Stilichos und Pipins Zeiten geworden. Auf diese Schrift erfolgte gegen den einstigen Botschafter in Rom und Paris eine neue Anklage wegen Landesverrates, Majestätsbeleidigung und Verleumdung des Reichskanzlers. Das Ergebnis war das Urteil des Staatsgerichtshofes, das den Grafen in allen Punkten für schuldig erklärte und unter Aberkennung der Ehrenrechte zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilte. Arnim hatte sich dem Richter nicht gestellt; er ist, ein Verschollener, im Mai 1881 zu Nizza gestorben. Aber seine Gesinnungsgenossen und Freunde setzten mit erneutem Eifer ihren Feldzug gegen Bismarck fort. Hier traf die »Kreuzzeitung« sich mit der »Reichsglocke« Joachim Gehlsens auf dem gleichen Pfade. Und hier sah Bismarck, wie er in seinem Gedenkbuch berichtet, unter seinen schroffsten, aber keineswegs ehrlichsten Gegnern den Obersten von Caprivi, der später sein Nachfolger wurde.
Schon ein Jahr vorher hatte mit den sogenannten Ära-Artikeln Perrots der Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck begonnen. Lügen aller Art wurden verbreitet. Keine Roheit und Gemeinheit der Sprache wurde vermieden. Und als Fürst Bismarck im Reichstag Protest erhob, als er vor allem die »Kreuzzeitung« anklagte, daß sie ehrenrührige, unbewiesene, anonyme Verleumdungen verbreite, als er die Konservativen aufrief, von diesem Blatte sich loszusagen, das die christliche Gesinnung nur als Aushängeschild für politische Zwecke benutze, da hat ein Teil der konservativen Partei den Mut gefunden, sich in einer öffentlichen Erklärung auf die Seite des Blattes zu stellen. Es waren die »Deklaranten«. Schon vor den Ära-Artikeln hatte einer dieser Herren auf einem pommerschen Woll- und Pferdemarkt sich damit gebrüstet, er werde Bismarck so klein machen, daß er »jedem ehrlichen pommerschen Krautjunker aus der Hand fressen müsse«. Fürst Bismarck hat die Namen der Deklaranten im »Reichsanzeiger« zum Gedächtnis der Mit- und Nachwelt abdrucken lassen. Es waren die Namen alter Freunde darunter, aber auch die Namen vieler Diener der Kirche, und noch in späten Jahren hat er nur mit Zorn an jene Episode und ihre Helden denken können. Den edlen Herren der Kirche vor allem hat er in seinem Gedenkbuch ein Denkmal gesetzt: »Ich habe gegen Politiker in langen Kleidern, weiblichen und priesterlichen, immer Mißtrauen gehegt, und dieses Pronunziamento einiger hundert evangelischer Pfarrer zugunsten einer der frivolsten, gegen den ersten Beamten des Landes gerichteten Verleumdung war nicht geeignet, mein Vertrauen zu Politikern, die im Priesterrock, auch in einem evangelischen, stecken, zu stärken.« Die Nerven Bismarcks drohten unter dieser harten Probe zusammenzubrechen. War er doch gezwungen, plötzlich mit allen oder fast allen Freunden und Bekannten den bisherigen Umgang einzustellen. — Ein Teil der Konservativen und Klerikalen ging noch weiter. Sie hatten die »Reichsglocke« begründet, um Bismarck zu vernichten. Hinter ihr standen nicht nur Politiker, sondern auch Hofbeamte, namentlich aus der Umgebung der Kaiserin Augusta. Ihnen gelang es, das Verleumderblatt täglich in die Hände des Monarchen zu spielen, wie es ja auch in dreizehn Exemplaren an die verschiedenen Höfe kolportiert wurde.
Wilhelm: »Ich weeß, wo du mit deiner knochigen Rede hinjezielt hast; na, da mache ich dir =anticipando= zum Herzog.« Bismarck: »Majestät verkennen meine friedlichen Absichten.« Wilhelm: »Männeken, keene Verstellung, wir sind unter uns.«
Am 5. Dezember hatte Bismarck im Reichstag es abgelehnt, in Sachen des Orients auch nur »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers« einzusetzen. (»Hum. Blätter«, Dezember 1876)]
Der Gipfel der Gemeinheit
Die Kaiserin Augusta ließ in jener Zeit den Kanzler ihre Ungnade andauernd fühlen, und ihre unmittelbaren Untergebenen, die höchsten Beamten des Hofes, gingen in ihrem Mangel an Formen so weit, daß Fürst Bismarck sich zu schriftlichen Beschwerden beim Kaiser selbst veranlaßt sah. Man war perfide genug, durch diese Angriffe die Gesundheit des verhaßten großen Staatsmannes untergraben zu wollen; während des Prozesses gegen die »Reichsglocke« wurde ein an Gehlsen gerichteter Brief des Herrn von Loë verlesen, in dem es hieß: »Ich schlage vor, die nächste Nummer der ›Reichsglocke‹ zu einer Benefizvorstellung zugunsten des Reichskanzlers zu erheben. Vom psychologisch-medizinischen Standpunkt scheint es mir wichtig, bezüglich der Reihenfolge der Artikel zuerst das Pathetische und dann das Komische zu bringen. Die Hauptsache ist, daß von vornherein gleich die Verdauung auf einige Tage gestört wird, und das geschieht nur durch leidenschaftliche Erregung.«
Unser allergnädigster Kanzler
»Als ich einmal«, schreibt Bismarck, »den geärgerten und darüber erkrankten Kaiser des Morgens aufsuchen mußte, um über eine höfische Demonstration zugunsten des Zentrums eine unter den obwaltenden Umständen dringliche Beschwerde zu führen, fand ich ihn im Bette und neben ihm die Kaiserin in einer Toilette, die darauf schließen ließ, daß sie erst auf meine Anmeldung herunter gekommen war. Auf meine Bitte, mit dem Kaiser allein sprechen zu dürfen, entfernte sie sich, aber nur bis zu einem dicht außerhalb der von ihr nicht ganz geschlossenen Türe stehenden Stuhle, und trug Sorge, durch Bewegungen mich erkennen zu lassen, daß sie alles hörte. Ich ließ mich durch diesen, nicht den ersten, Einschüchterungsversuch nicht abhalten, meinen Vortrag zu erstatten. An dem Abende desselben Tages war ich in einer Gesellschaft im Palais. Ihre Majestät redete mich in einer Weise an, die mich vermuten ließ, daß der Kaiser meine Beschwerde ihr gegenüber vertreten hatte. Die Unterhaltung nahm die Wendung, daß ich die Kaiserin bat, die schon bedenkliche Gesundheit ihres Gemahls zu schonen und ihn nicht zwiespältigen politischen Einwirkungen auszusetzen. Diese nach höfischen Traditionen unerwartete Andeutung hatte einen merkwürdigen Effekt. Ich habe die Kaiserin Augusta in dem letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehen wie in diesem Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt habe. Sie brach ab, ließ mich stehen und hat, wie ich von einem befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: ›Unser allergnädigster Reichskanzler ist heute sehr ungnädig.‹ — Alle Gegner,« fügt Bismarck hinzu, »die ich mir in den verschiedensten Regionen im Laufe meiner politischen Kämpfe notwendigerweise und im Interesse des Dienstes zugezogen hatte, fanden in ihrem gemeinsamen Hasse gegen mich ein Band, das einstweilen stärker war als ihre gegenseitigen Abneigungen gegeneinander. Sie vertagten ihre Feindschaft, um einstweilen der stärkeren gegen mich zu dienen. Den Kristallisationspunkt für diese Übereinstimmung bildete die Kaiserin Augusta, deren Temperament, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, auch in der Rücksicht auf Alter und Gesundheit des Gemahls nicht immer Grenze fand.«
»Ihr habt jetzt leeres Stroh genug gedroschen und könnt nach Haus gehn.« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)]
In alter Treue aber standen zwei Männer auch in diesen schweren Tagen auf Bismarcks Seite: König Wilhelm und Albrecht von Roon. In seinem letzten Briefe hat der alte Kampfgefährte, der jetzt dem Tode entgegenging, an Bismarck noch geschrieben, er möge nicht erlahmen, er möge über alle Bitternisse der Gegenwart sich das Bewußtsein erhalten, daß er dem Vaterlande noch vieles und Großes schulde, aber er hatte dem »verwegenen Steuermann« auch zugerufen, daß »die Triumphe und Erfolge menschlicher Größe, daß alle Freude, aller Glanz und Schimmer dieses unseres dunstigen, frönerischen Erdendaseins nichts ist im Vergleich mit der uns in Jesu Christo verheißenen dereinstigen Herrlichkeit«. Auch König Wilhelm hat nicht an seinem getreuen Diener gezweifelt. Und auch das deutsche Volk und auch das Ausland hat gerade in jener Zeit ihm am eifrigsten gehuldigt. Eine Fülle von Ehrenbürgerbriefen kam in sein Haus, zahllose vornehme Körperschaften machten ihn zum Ehrenmitglied; von England, aus Amerika kamen tausend Zeichen der Verehrung. Und zuletzt haben sie alle, die als Deklaranten gegen Bismarck aufgestanden waren, den Weg nach Kanossa betreten und des Schwergekränkten Verzeihung erfleht. In einer neuen »deutschkonservativen« Partei gewann Fürst Bismarck alsbald für seine neuen großen Pläne eine feste Stütze, die er zugleich gegen den wachsenden Übermut und die zunehmende Nörgelei der »Fraktion Lasker« ins Feld führen konnte.
Es war zuerst das gewaltige Projekt der Reichseisenbahn, an dessen Verwirklichung Fürst Bismarck herantrat. Hier hatte er nicht nur gegen die Parlamente, sondern auch gegen das Mißtrauen der Bundesstaaten zu kämpfen. Der erste aber, der sich gegen ihn erhob, war Herr Eugen Richter, der die Prophezeiung aussprach, dieses Projekt werde das Reich wie Preußen zerstören. Unter der Heiterkeit des Hauses hat hierauf der Kanzler erwidert: »Daß uns die deutsche Einheit und Freiheit auf der ersten Reichslokomotive davonfahren werde, das glaube ich nicht.« Es war dieses Projekt in der Tat gleich den Justizgesetzen ein neuer starker Nagel, der das eiserne Band der Einheit zusammenhielt. Nur 215 gegen 160 Stimmen traten auf die Seite Bismarcks — wer möchte sich heute wohl noch zu denen bekennen, die damals für die Ablehnung sprachen?
haben, aber ich hoffe, ihn endlich doch noch kaltzustellen.« Bismarck hat durch den Dreibund England kaltgestellt. (»Figaro«, November 1880)]
Wenn aber jetzt Fürst Bismarck zurückschaute auf das Werk seiner Hände, auf die ersten sechs Jahre im neuen Deutschen Reiche, dann konnte er allen Bitternissen der ihm aufgezwungenen Kämpfe zum Trotz doch befriedigt erkennen, daß das deutsche Gemeingefühl durch eine Fülle neuer Reichsgesetze gefördert war, daß das junge Deutsche Reich in seinen auswärtigen Beziehungen eine Reihe von Freunden gewonnen hatte, daß gewaltige Aufgaben gelöst worden waren. Wohl dachte Bismarck zuweilen daran, sich auf das Altenteil zu setzen, aber er fühlte es doch, daß seine Kraft und seine Erfahrung noch notwendig seien, um das Schiff, das er erbaut und ausgerüstet, noch durch manche wilde Brandung zu leiten. Und so hielt er aus in den Sielen, noch weit hinaus bis über den Tag, der ihm in König Wilhelm den treuesten Freund, den tapferen Lehnsherrn und Kriegsfürsten raubte.
»Nur ein Cäsar mochte Rom verderben, Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn, Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben, Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.« (Schiller)
(»Ulk«, April 1874)]
Eine Anspielung auf den Prozeß des Grafen Arnim, der zu schwerer Strafe verurteilt worden war. Der Scherz geht dahin, daß Bismarck bei seiner großen Macht selbst Kaiser Wilhelm in die Stadtvogtei abführen lassen könnte. Dort harren seiner bereits Generale und Minister. (»Kikeriki«, Oktober 1874)]
Neue Kämpfe und Bekenntnisse
Es war in den folgenden Jahren Bismarcks vornehmstes Werk, durch ein System von Bündnissen dafür zu sorgen, daß das Deutsche Reich, wenn neue Konflikte nahten, nicht nur auf die Macht seiner Bajonette, sondern auch auf die Freundschaft anderer Völker bauen durfte. Vielleicht ist es die größte politische Tat, jedenfalls aber der Beweis einer in alle Fernen blickenden Weisheit gewesen, daß der große Staatsmann einst in Nikolsburg selbst dem tiefen Groll seines geliebten Herrn widerstand und die Schonung des Habsburger Kaiserstaates durchsetzte. Schon damals, das ist längst bezeugt, erkannte er die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses der beiden zentralen Kaisermächte, sah er voraus, daß das russische Expansionsbedürfnis gegen Österreich-Ungarn vordringen, nach der Adria verlangen und so Deutschland in der Flanke bedrohen würde, und klar stand ihm die Gefahr einer Verbindung dieses Riesenreiches mit dem westlichen Nachbar vor Augen. Zwischen diesen beiden Staaten jeden Brückenbau zu verhindern, ihrer Macht für alle Fälle, wenn einmal das traditionelle Band zwischen Berlin und Petersburg zerriß, ein Gegengewicht zu schaffen, hielt er für eine Lebensbedingung des Deutschen Reiches, wie er in diesem Bündnis die machtvollste Bürgschaft für den Frieden des Weltteils erkannte. Erwog er doch sogar den Plan, einen organischen Verband zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn zu schaffen, der nicht kündbar, sondern der Gesetzgebung beider Reiche einverleibt werden sollte. Hier hat später das in Polen gemeinsam vergossene Blut einen stärkeren Kitt als alle Verträge geschaffen.
Zurufe: »Fahr zu, Kutscher, wenn du Herz hast!« (Wird er bremsen?) Die ersten Entwürfe des Reichseisenbahnprojektes waren eben im Kopfe Bismarcks entstanden. (»Berliner Wespen«, März 1876)]
Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie die Fragen des Orients sich drohend in das europäische Leben drängten, wie dort unten am Balkan unterdrückte Völker um ihre Freiheit rangen, wie die Herrschaft der Türken durch Serben, Bulgaren und Rumänen eingeengt wurde, wie Rußland auf dem Plan erschien, nicht nur um als Schutzmacht slawischer Brüder den Kampf zu führen, sondern auch um sich den heiß ersehnten Weg zum Goldenen Horne und zum Meere zu erobern. Hier hat Fürst Bismarck allem Drängen der Liberalen zum Trotz die Ruhe des Maklers bewahrt. Denn wieder erhob sich, wie in der Konfliktszeit im Sinne der Polen, so jetzt im Interesse der Türken die Fortschrittspartei, um dem großen Staatsmann von ihrem winzigen Standpunkte aus Lehren zu geben, wie er das Schiff zu lenken und zum Hafen zu führen hat. Nach Virchow — Eugen Richter. Es war dieselbe Weisheit, jetzt wie damals. Und sie wird wiederkehren und unsere Ohren betäuben, wenn abermals der Name Bulgarien uns an die Ohren klingt und Alexander von Battenberg den rührenden Roman mit der deutschen Kaisertochter beginnt. Wäre es nach dem Willen der Fortschrittspartei geschehen, so wäre damals, in der Mitte der siebziger Jahre, der Weltkrieg entbrannt. Nur der unvergleichlichen Staatskunst des großen Kanzlers verdankte es Deutschland, daß das Gewitter sich immer tiefer gegen Südosten verzog. Hatte aber Rußland auf einen aktiven Anteil Deutschlands an den orientalischen Händeln gehofft, und war es verstimmt, weil dieser Wunsch unerfüllt blieb, so wußte Bismarck doch, daß, wenn das eine Eisen im Feuer versagte, sich ihm noch ein anderes bot. Österreich blieb neutral, Bosnien und die Herzegowina waren sein Lohn. Den Russen blieb freilich der Weg zum Goldenen Horne versagt, aber am Balkan wie in Asien wuchs seine Macht gewaltig, und wenn es auch dem ehrlichen Makler Dank und Lohn vorenthielt, so hat doch Bismarcks Politik es erreicht, daß noch durch lange Jahrzehnte der Weltenbrand vermieden wurde.
mit und umgekehrt. Nun kam der Erboberjägermeister hinzu. Der Arme! Mit dem reden beide nichts.
Kaiser Wilhelm hatte an seinem 80. Geburtstag seinen Kanzler zum Erboberlandjägermeister des Herzogtums Pommern ernannt. (»Berliner Wespen«, März 1877)]
Wirkung des Namens Bismarck
In dieser Zeit machte ein Gelehrter, der, Mecklenburger von Geburt, eine Professur an einer englischen Universität bekleidete, eine Reise nach Griechenland, und auf dem klassischen Boden war es, wo Preußens König und Fürst Bismarck ihm das Leben retteten. Der Professor kam nach Mykenä auf Morea, wo er die alten zyklopischen Mauern besuchte. Ganz versunken in die Betrachtung dieses gewaltigen Denkmals grauer Vorzeit, merkte der Gelehrte nicht, daß die Sonne sich dem Untergange näherte. Plötzlich war sie hinter den Bergen verschwunden. Die Heimkehr in Dunkelheit ist auf griechischem Boden etwas mißlich, ein räuberischer Überfall nicht ausgeschlossen. Im Sturmschritt eilte unser Professor Mykenä zu, als ihm auf einmal zwei robuste Ziegenhirten den Weg versperrten. Diese Begegnung erzählt unser Professor nun folgendermaßen: »Wer bist du?« fragt der eine, indem er drohend seinen Stock erhebt. — »Ich bin ein Deutscher«, gab ich ihm zur Antwort. — »Unter welchem Könige?« fragte der Hirte weiter. — »Unter Preußens König«, erwiderte ich in der Voraussetzung, daß dieser dem Griechen besser bekannt sein werde als mein eigentlicher Landesherr, der Großherzog von Mecklenburg. »Vater Bismarck!« rufen darauf beide Hirten wie aus einem Munde, staunend ziehen sie ihre Hüte und verschwinden. So rettete mir Bismarck nicht nur meine Börse, sondern vielleicht auch das Leben.
und Rußland lenkt ein. (»Punch«, 5. April 1878)]
Die orientalische Frage war akut geworden, die Verständigung der drei Kaiser war jedoch nicht nach dem Wunsche des Panslawismus. Er rückt als Wetterfrosch gegen Bismarck an. (»Figaro«, Juli 1876)]
Die Alpenblume
In einer Rede, die im Februar 1878 Bismarck zur Verteidigung seiner Politik hielt, hatte er die etwas drastische Wendung gebraucht: »In früheren Zeiten habe ich österreichische Kollegen im Bunde mir gegenüber gehabt, vor allem den Herrn von Prokesch, denen habe ich gesagt: ›Es ist mir gleichgültig, ob Sie reden oder ob der Wind durch den Schornstein geht, ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen.‹« Graf Beust, damals Botschafter in London, glaubte in diesen Worten eine Anspielung auf sich zu finden und richtete daher am 26. Februar folgende Zeilen aus London an den deutschen Reichskanzler: »Ew. Durchlaucht erlaube ich mir in Erinnerung an unseren letzten Gasteiner Aufenthalt im Anschluß eine Alpenblume zu überreichen. In gewohnter Verehrung Beust.« Die »angeschlossene Alpenblume« bestand aus folgendem, vom 24. Februar datierten Gedicht:
Soll ich das Kompliment auf mich beziehn? Wenn früher sprachen Österreichs Minister, So glaubte Deutschlands Kanzler im Kamin Zu hören nur ein windiges Geflüster.
Ich bin ein Freund des Scherzes, der verträgt Den Scherz auch dann, wenn um ihn selbst sich’s handelt, Denn seht, der Wind, der durch den Schornstein fegt, Hat manches Feuer schon in Rauch verwandelt.
Und ward der Rauch zum Weihrauch dann für ihn, Den Sieger, ich von Herzen ihm mich beuge, Und wünsch’ ich nur, daß künftig im Kamin Kein Wind je einen schlimmern Qualm erzeuge.
Fürst Bismarck antwortete aus Berlin am 2. März: »Ich bin dem Mißverständnis dankbar, welches mir ein so freundliches und witziges Autograph wie das vom 26. verschafft hat. Im Interesse der Wahrheit und des Wertes, den ich auf unsere persönlichen Beziehungen lege, muß ich aber feststellen, daß meine unüberlegte Einschaltung sich auf Prokesch bezog, mit dem ich, und er so gut wie ich, einigemal zu bundesfreundlichen Expektorationen außerhalb der Grenzlinie des diplomatischen Sprachgebrauchs gelangt bin. Der stenographische Bericht meiner Rede hat die Wendung: »Kollegen im Bunde«. Jedenfalls ist es eine angenehme Erfahrung für mich, daß der Verdacht einer unüberlegten Äußerung mir nur eine liebenswürdige Erinnerung an Gastein und einen eleganten Versbau als Strafe ins Haus bringt. In Hoffnung auf Wiedersehen in Gastein der Ihrige v. Bismarck.«
Fürst Bismarck sollte nach dem Vorschlag Carlyles den orientalischen Streit durch einen Schiedsrichterspruch schlichten. (»Kladderadatsch«, 24. Dezember 1876)]
Am 13. Juni 1878 trat der Berliner Kongreß unter Bismarcks Vorsitz zusammen. Gortschakow, Disraeli, Andrassy, Crispi nahmen an der Tafel im Kongreßsaal Platz, Träger der stolzesten Namen der europäischen Diplomatie. Und als nach einem Monat die Arbeit vollendet war, da konnte im Namen der Teilnehmer Graf Andrassy der hohen Weisheit und der unermüdlichen Tatkraft des Fürsten Bismarck den Dank aussprechen.
Ein bißchen Mazedonien
Bei einem gemeinsamen Diner der Mitglieder des Berliner Kongresses lautete die Parole: »Kein Wort von Politik!« Trotzdem gelang es dem griechischen Gesandten Rhangabé, eine Gelegenheit zu erhaschen, das, was ihm und seinem Vaterlande am Herzen lag, zum Ausdruck zu bringen. Die Speisekarte spiegelte gleich der Tafelmusik den internationalen Charakter der Veranstaltung wider. So gab es denn auch einen Gang, der auf den Namen »Mazedonien« getauft war; als dies Gericht, eine Gemüseart, Rhangabé gereicht wurde, wies er die Schüssel zurück. »Aber Exzellenz,« rief Bismarck, der ihm gegenüber saß, »weshalb nehmen Sie nicht ein bißchen Mazedonien?« Darauf die Exzellenz zu allgemeinem Ergötzen: »Nur ein bißchen, Durchlaucht? Das Ganze möchte ich.«
Fürst Bismarck: »O teure Austria, Sie ahnen nicht, wie ich Sie liebe!« Die Austria: »Möchten S’ schon wieder wem anschmieren?« Bismarck, der in den Augen des Wiener Witzblattes um Österreichs Liebe wirbt. (»Kikeriki«, Dezember 1876)]
Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens, das mehr und mehr dem panslawistischen Drängen nachgab, hielt Bismarck es für erwünscht, die Brücke nach Österreich hin noch zu befestigen, um die Möglichkeit einer antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung der Beziehungen wenigstens zu einer der Großmächte einzuschränken. Ursprünglich war er durchaus für ein Bündnis mit Rußland gewesen; zahlreiche und große Bedenken stellten sich ihm für eine Verbindung mit Österreich entgegen. Vor allem machte ihm die eigentümliche nationale Zusammensetzung dieses Staates Sorgen. Aber er bekämpfte alle Bedenken, und in Gastein traf er zur Beratung mit dem Grafen Andrassy zusammen. Die Verständigung war leicht, soweit es sich um ein rein defensives Bündnis gegen einen russischen Angriff auf einen von beiden Teilen handelte; dagegen fand Bismarcks Vorschlag, das Bündnis auch auf andere als russische Angriffe auszudehnen, keinen Anklang. Nach erneuten Verhandlungen, die Fürst Bismarck in Wien mit Andrassy und Tisza pflog, entstand der Bund zwischen dem Sieger und dem Besiegten von Königgrätz, der auch heute noch seine Tragkraft behauptet.
Aber das Werk gelang nicht, ohne daß bis zu dem letzten Schritt der Unterzeichnung sich noch neue Hemmnisse türmten. Es bedurfte noch harter Arbeit, ehe es dem Staatsmann gelang, seinen alten Kaiser für den neuen Plan zu gewinnen. In einer ausführlichen Denkschrift hat er erst den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht erbracht und die Zustimmung des Monarchen geerntet.
Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm
Um mich der Zustimmung meines allergnädigsten Herrn zu versichern, hatte ich schon in Gastein täglich einen Teil der für die Kur bestimmten Zeit am Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt, daß es notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns gerichteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweckmäßigste Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei. Ich hatte freilich wenig Hoffnung, daß der tote Buchstabe meiner Abhandlungen die mehr auf Gemütsregungen als auf politischer Erwägung beruhende Auffassung Seiner Majestät ändern werde. Der Abschluß eines Vertrages, dessen wenn auch defensives doch kriegerisches Ziel ein Ausdruck des Mißtrauens gegen den Freund und Neffen war, mit dem er eben in Alexandrowo von neuem unter Tränen und in der vollsten Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der althergebrachten Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu sehr gegen die ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser sein Verhältnis zu einem ebenbürtigen Freunde auffaßte. ... Alle Erwägungen und Argumente, die ich dem in Baden befindlichen Kaiser schriftlich aus Gastein, aus Wien und demnächst aus Berlin unterbreitete, waren ohne die gewünschte Wirkung. Um die Zustimmung des Kaisers zu dem von mir mit Andrassy vereinbarten und von dem Kaiser Franz Joseph unter der Voraussetzung, daß Kaiser Wilhelm dasselbe tun würde, genehmigten Vertragsentwurfe herbeizuführen, war ich genötigt, zu dem für mich sehr peinlichen Mittel der Kabinettsfrage zu greifen, und es gelang mir, meine Kollegen für mein Vorhaben zu gewinnen. Da ich selbst von den Anstrengungen der letzten Wochen und von der Unterbrechung der Gasteiner Kur zu angegriffen war, um die Reise nach Baden-Baden zu machen, so übernahm sie Graf Stolberg; er führte die Verhandlungen, wenn auch unter starkem Widerstreben Seiner Majestät, glücklich zu Ende. Der Kaiser war von den politischen Argumenten nicht überzeugt worden, sondern erteilte das Versprechen, den Vertrag zu ratifizieren, nur aus Abneigung gegen einen Personenwechsel in dem Ministerium. Der Kronprinz war von Hause aus für das österreichische Bündnis lebhaft eingenommen, aber ohne Einfluß auf seinen Vater.
im Munde, auf der Kanone sitzend. (»Hum. Listy«, 10. November 1877)]
Graf Andrassy wurde unmittelbar nach dem Abschluß des Vertrages durch die Torheit des deutschen Liberalismus in Österreich, der »Herbstzeitlosen«, gestürzt. Sein letzter Abschiedsgruß galt dem Fürsten Bismarck und der Hoffnung, daß dieser von ihm so hoch verehrte Freund mit Kraft und Ausdauer seine dornenvolle Bahn zum Heile seines Landes und zu seinem stets wachsenden Ruhme weiter verfolgen werde. Vier Jahre später hat sich durch Italiens Beitritt das Bündnis zu einem Dreibund gewandelt. Kaiser Franz Joseph aber hat durch einen persönlichen Besuch dem Staatsmann gehuldigt, der ihm die Hegemonie entrissen hatte.
Jetzt sollte auch in Deutschland, wo inzwischen jede Wahl zum Reichstag eine neue Verstärkung der sozialistischen Mandate gebracht hatte, mit aller Kraft der Kampf gegen die Partei der Revolution begonnen werden. Hier war es Bismarcks Überzeugung, daß mit dem auf dem Boden der Staatsmacht zu führenden Kampfe eine Reihe von Arbeiten parallel gehen müsse, in denen der rechtmäßige Kern der Bewegung herausgeschält würde und berechtigte Forderungen Befriedigung fänden. Mit der Abneigung gegen die Agitatoren verband Fürst Bismarck ein ehrliches Mitleid mit dem Schicksal der Enterbten, den Invaliden des Alters und der Arbeit, und schon im Jahre 1877 trat er für eine umfassende soziale Reform ein. Aber in diesem friedlichen Streben wurde er gestört durch die Tat des Maurergesellen Max Hödel aus Leipzig, der Unter den Linden eine Kugel gegen das ehrwürdige Haupt des Kaisers sandte. Während jedoch durch ganz Europa nur ein Schrei der Entrüstung hallte, war Bismarck sofort der Mann der Tat. Schon neun Tage nach dem Attentat wurde dem Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vorgelegt. Aber Bismarck war in den Tagen, in denen es zur Beratung kam, an der Gürtelrose erkrankt; er konnte an den Verhandlungen nicht teilnehmen, und weil die Fassung einzelner Bestimmungen den Volksvertretern zu kautschukartig erschien, wurde das Gesetz mit großer Mehrheit abgelehnt. Unmittelbar darauf wurde der Reichstag geschlossen.
Da erfolgte wenige Tage später, am 2. Juli, nachmittags drei Uhr, ein zweites Attentat auf das Leben des ehrwürdigen Kaisers. Der Ausgang war entsetzlich; die Schrotschüsse, die Nobiling gegen den greisen Monarchen abgefeuert hatte, verwundeten ihn schwer am Kopf, an beiden Armen und im Rücken. Bismarck erhielt die erschütternde Nachricht in Friedrichsruh bei der Rückkehr von einer Spazierfahrt; er blieb einen Augenblick wie erstarrt stehen, stieß den Spazierstock in die Erde und bemerkte dann plötzlich: »Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.« Sofort reiste er nach Berlin, um einem Ministerrat zu präsidieren, in dem die Berufung des Kronprinzen zur Stellvertretung des schwerverwundeten Kaisers beschlossen wurde, dann eilte der Kanzler zu seinem greisen Herrn, um ihm sein schmerzlichstes Beileid auszusprechen. Vom Kronprinzen erhielt er sofort die Genehmigung zur Auflösung des Parlamentes.
Bismarck um Italien werbend. (»Der Floh«, Oktober 1877)]
Die Wahlen ergaben eine klerikal-konservative Mehrheit, eine starke Verminderung aller Liberalen und geringe Verluste der Sozialisten. Damit war die Machtstellung, deren sich die Nationalliberalen seit der Begründung des Reiches erfreut hatten, für lange Zeit durchbrochen. Ihr Rückgang ist zum großen Teil auf eine Art von parteipolitischem Doktrinarismus zurückzuführen, wie er namentlich während der Verhandlung des Kanzlers mit Herrn von Bennigsen hervorgetreten war. Man hatte es überdies versäumt, dem Fürsten Bismarck in dem Kampfe mit den Konservativen einen starken Rückhalt zu schaffen. Allzu stark war eben der Einfluß Laskers in der Partei gewesen. Weil aber Bennigsen Freunde dieses Mannes, Vertreter des linken Flügels, die später durch die Sezession selbst die Brücke zum Fortschritt schlugen, als Minister empfahl und seinen eigenen Entschluß von ihrem Eintritt abhängig machte, weil er also dem gesamten Ministerium eine liberale Färbung geben wollte, deshalb mißlang der Versuch, und der Niedergang des Liberalismus begann. Allerdings hat die letzte Entscheidung die unüberwindliche Abneigung des Kaisers gegen die Liberalen gebracht.
Die Haltung der Nationalliberalen mochte vielleicht halb bewußt, halb unbewußt beeinflußt worden sein durch den Glauben, daß Bismarcks Stellung schwankend sei. War es doch in jener Zeit zu einer schweren Krisis gekommen, die sich an den Namen des Generals von Stosch anknüpfte und die, als der Kaiser Bismarcks Verlangen, diesen Mann, der an der Spitze der Marine stand, zu entlassen, abgelehnt hatte, den Kanzler zur Ankündigung seines Rücktritts trieb. Auch hier führte er den letzten Anstoß auf die Politiker im Unterrock, auf französische Verbindungen, auf den Einfluß der Kaplanokratie zurück. In überaus scharfen Artikeln, die in den »Grenzboten« unter dem Zeichen eines Kometen erschienen, hat sich Bismarck gegen diese Strömung gewandt.
»Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank.« (»Berliner Wespen«, April 1874)]
Eine Kette von Exzellenzen
Es hieß in einem dieser Artikel: »Der Fürst hat mit Ministern zu rechnen, deren Chef er nicht in dem Sinne ist, in dem er es sein sollte, und deren Selbständigkeit, deren Widerstreben ihn oft sehr gehemmt hat. Es konnte ferner vorkommen, daß hohe Beamte seines speziellen Ressorts eine völlig andere Meinung als er hatten, ihm offen und versteckt Opposition machten, ja seine Stellung zu untergraben versuchten. Eine ganze Kette von Exzellenzen und Nicht-Exzellenzen, wegen Unfähigkeit oder anderer Mängel, ultramontaner oder reaktionärer Velleitäten a. D. kaltgestellt, frondierte, konspirierte, intrigierte, immer mit Eifer, oft mit den unlautersten Mitteln, bisweilen im Verein mit recht ordinären Elementen, gegen die Größe, die sie überragte und in ihrer bequemen Herkömmlichkeit störte, versuchte dem Kanzler seine Pläne zu kreuzen, seinen Charakter zu verdunkeln oder ihn wenigstens zu ärgern und so seiner Gesundheit zu schaden. Die Hauptschranke desselben aber ist und bleibt das Unwesen am Hofe, wo um eine gewisse hochgelegene Stelle der Bodensatz der Kreuzzeitungsgesellschaft und der inveterierten Herrenhausopposition mit dem ultramontanen Gifte aus den Kanälen Roms zusammengeflossen ist, und von wo aus der Politik des Kanzlers unaufhörlich Steine in den Weg gewälzt werden ...«
»Auf dieses heurige Backhändl (das Sozialisten- und ›Maulkorb‹ gesetz) waren die Sieger von Sedan nicht vorbereitet.« (»Kikeriki«, April 1879)]
»Friß, Vogel, oder stirb!« Der Reichstag nahm das Sozialistengesetz an. (»Kladderadatsch«, August 1878)]
Der Fürst verglich sich damals mit einem müden Jäger, der von tagelanger ergebnisloser Pirsch abgemattet und fast verschmachtend im Begriff ist, zu Boden zu sinken und die Jagd ganz aufzugeben. Und doch trug er auch jetzt den Sieg davon. Am 1. April, an seinem Geburtstag, erschienen der Kaiser, der Kronprinz und der Großherzog von Baden zum Glückwunsch bei ihm, und am 7. April erfolgte die Ablehnung des Entlassungsgesuches. An den Rand der Eingabe hatte Kaiser Wilhelm in den Worten »~Niemals, niemals~« das neue Bekenntnis seiner Treue abgelegt.
Der Feuerkopf
Vielleicht mochte gerade im Gedenken an diese Zeit Fürst Bismarck über die Kaiserin Augusta das Urteil fällen, das er in seinem Gedenkbuch niedergelegt hat: »Der Kaiser machte in den letzten Jahren seines Lebens mir gegenüber kein Geheimnis aus seinen häuslichen Beziehungen, beriet mit mir, welche Wege und Formen zu wählen seien, um seinen häuslichen Frieden ohne Schädigung der Staatsinteressen zu schonen; »den Feuerkopf« pflegte der hohe Herr in vertraulichen, aus Verdruß, Respekt und Wohlwollen gemischten Stimmungen die Gemahlin zu bezeichnen und diesen Ausdruck mit einer Handbewegung zu begleiten, die etwa sagen wollte: ›Ich kann nichts ändern.‹ Ich fand diese Bezeichnung außerordentlich treffend; die Königin war, solange nicht physische Gefahren drohten, eine mutige Frau, getragen von einem hohen Pflichtgefühl, aber auf Grund ihres königlichen Empfindens abgeneigt, andere Autoritäten als die ihrige gewähren zu lassen.«
Das neue Gesetz fand im Reichstag eine völlig veränderte Aufnahme. Der Eindruck des zweiten Attentates, der Gedanke an die Leiden des greisen Monarchen führten zur Annahme des Entwurfs, 221 Stimmen hatten dafür, mit der Fortschrittspartei aber auch das Zentrum dagegen gestimmt. In diesem Kampfe war aus dem Munde des Kanzlers das Wort gefallen, daß der Fortschritt eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus als Bodenbereiter sei. Und es fiel das andere Wort: »Ich konnte nicht glauben, daß ein Monarch, der mehr als irgendein Lebender, und ich möchte wohl sagen, auch als ein der Vergangenheit Angehöriger, mit Einsetzung seines Lebens, seiner Krone, seiner monarchischen Existenz getan hat, um die Wünsche und Bestrebungen seiner Nation zu verwirklichen, der dies mit einem gewaltigen Erfolge und dabei doch ohne jede Überhebung getan hat, der ein milder, vollkommener, volkstümlicher Regent geblieben ist, eine populäre Figur — wenn der von hinten mit Hasenschrot zusammengeschossen wird, ja, meine Herren, an dieses Verbrechen reicht kein anderes heran.«
Der Kampf um das Sozialistengesetz ist beendet, Bismarck hat gesiegt. Die Opposition der Nationalliberalen war angeblich nur ein Scherz, der Kampf ein Kampfspiel. (»Ulk«, Oktober 1878)]
Als Staatsmann, der stets realpolitische Ziele im Auge behielt, zugleich erfüllt von wogenden Gedanken über die Notwendigkeit einer neuen Steuer- und Wirtschaftspolitik, suchte Fürst Bismarck innere Fühlung mit der neuen Mehrheit, auf die allein er sich mit seinen Plänen stützen wollte. Erleichtert wurde ihm der Versuch, sich mit dem Zentrum zu stellen, durch den Tod des Papstes Pio Nono, der am 7. Februar 1878 die Augen geschlossen hatte. Sein Nachfolger Leo =XIII.= galt als friedliebend; er hatte auch dem Deutschen Kaiser seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl in den freundlichsten Worten angezeigt und es bedauert, »nicht die guten Beziehungen vorzufinden, die einst zwischen Preußen und dem päpstlichen Stuhle bestanden«. Darauf hatte der Kaiser in seiner Antwort die Hoffnung ausgesprochen, daß der Papst mit dem mächtigen Einfluß, den die Verfassung der Kirche ihm auf alle ihre Diener gewähre, dahin wirken werde, daß auch die Priester, die es bisher unterließen, nunmehr dem Beispiel der ihrer geistlichen Pflege befohlenen Bevölkerung folgen und den Gesetzen des Landes, in dem sie wohnen, sich fügen würden. In der Antwort nannte der Papst die Mittel, durch die nach seiner Ansicht der alte Friede erreicht werden könnte. Schlimm genug hatte in der Tat der Kulturkampf gewütet: Von zwölf preußischen Bistümern waren acht ohne Bischöfe, 1400 Pfarreien waren ohne Pfarrer, sämtliche katholische Lehrerseminare waren geschlossen.
Nach den Wahlen, die eine Schwächung des Liberalismus brachten, treten die ersten Absichten einer Beseitigung des Kulturkampfes hervor. (»Der Floh«, April 1877)]
Allerdings konnte der Staat den Wünschen des Papstes im vollen Umfang niemals entsprechen. Gipfelten sie doch in dem Verlangen, die Verfassung und die Gesetze Preußens nach den Satzungen der römisch-katholischen Kirche abzuändern. Aber die Brücke zur Verhandlung war doch geschlagen, und alsbald erschien als Unterhändler des Papstes der Kardinal Masella bei Bismarck in Kissingen. Aber nach Kanossa ging Bismarck auch jetzt nicht. Er folgte allerdings dem Gedanken, der ihn stets geleitet hat, daß Konflikte nur auf dem Wege des Kompromisses, durch Zugeständnisse gelöst werden können, und er war der Meinung, die Wiederherstellung des diplomatischen Verkehrs durch einen Gesandten getrost einräumen zu können, wenn man von Rom aus die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geistlichen anerkannte. Aber zunächst brachte der Tod des versöhnlichen Kardinals Franchi die Verhandlungen erneut zum Stocken, zumal da die klerikale Presse in scharfem Widerspruch zum Papste alle friedlichen Absichten zu durchkreuzen suchte. Diese seltsame Erscheinung führte Fürst Bismarck in einem grimmigen Artikel auf den Charakter, die Zusammensetzung und die Leitung der Zentrumspartei unter welfischer Führung zurück, »deren leidenschaftliche Geltendmachung rein politischer Gesichtspunkte von vornherein den kirchlichen Kampf vergiftet und damit der katholischen Bevölkerung unsäglichen Schaden bereitet hat«. Der Artikel schloß mit der Mahnung, daß durch die berufenen kirchlichen Autoritäten und aus der katholischen Bevölkerung heraus dem verwirrenden und vergiftenden Treiben der Partei ein Ziel gesetzt werden möge, deren einflußreichsten Führern das Interesse der Kirche nur der Deckmantel für politisch unterwühlende Zwecke sei und die der Erwartung des Papstes in bezug auf die Treue der katholischen Untertanen des Deutschen Reiches durch ihr ganzes Verhalten offen Hohn sprächen.
Pontifex: »Nun, bitte, genieren Sie sich nicht!«
Kanzler: »Bitte, gleichfalls!«
Der Papst reicht Bismarck den Pantoffel, dieser ihm den Kürassierstiefel zum Kuß. Hinter dem Vorhang lugt Windthorst. (»Kladderadatsch«, März 1878)]
In der Tat erreichte das Zentrum durch seinen Einfluß in Rom, daß die Kurie ihre Forderungen immer mehr verschärfte, so daß Bismarck die persönlichen Verhandlungen abbrach und dem Wiener Botschafter, Prinzen Reuß, übertrug. Aber auch hier ist nichts zum Abschluß gekommen. Erst nach einer Reihe heftiger Kämpfe mit dem Zentrum, das allmählich zum Kristallisationspunkt der Opposition geworden war, wurde die Brücke zu einem neuen Kompromiß gezogen, als zu Beginn des Jahres 1880 der Papst in einem Breve seinen guten Willen betonte und die Absicht aussprach, die Anzeigepflicht zu akzeptieren. Falk war inzwischen aus seinem Amte geschieden, Puttkamer an seine Stelle getreten, die Stimmung in Berlin versöhnlich geworden. Aber auch hier ließ der Kanzler sich weder durch Versprechungen noch durch Drohungen bestimmen, auch nur einen Zollbreit der staatlichen Rechte aufzugeben. So stimmte das Zentrum noch geschlossen gegen das erste kirchliche Friedensgesetz, dessen Zweck es doch war, in den verwaisten Pfarreien und Bistümern die Seelsorge wiederherzustellen, den Orden, die sich der Krankenpflege widmen, neue Niederlassungen zu gestatten. Immerhin erreichte es die Regierung, daß gerade jene Paragraphen Gesetzeskraft erhielten, die den katholischen Gemeinden neue Seelsorger brachten. Die endgültige Errichtung der Gesandtschaft am Vatikan schuf nicht nur neue Neigung zum Friedensschluß, sondern brachte dem Kanzler in Herrn von Schloezer auch einen Gehilfen, dem er die Hauptarbeit in den weiteren Verhandlungen mit Rom getrost überlassen durfte. Ein zweites Friedensgesetz fand jetzt auch die Zustimmung des Zentrums: Das sogenannte »Kulturexamen« wurde beseitigt, die »Staatspfarrer« verschwanden, und in seiner Thronrede vom November 1882 konnte Kaiser Wilhelm seine Freude über die Befestigung freundlicher Beziehungen zu dem Oberhaupte der katholischen Kirche und die Hoffnung aussprechen, daß die versöhnliche Gesinnung seiner Regierung auch ferner einen günstigen Einfluß auf die Gestaltung der kirchenpolitischen Verhältnisse ausüben werde. Noch ein drittes Friedensgesetz ist gefolgt. Es beseitigte die Staatsprüfung, die bisher zur Bekleidung eines geistlichen Amtes notwendig war, gab die kirchlichen Seminare und Konvikte frei, hob den Gerichtshof für die kirchlichen Angelegenheiten auf, schaffte die Berufung gegen den Mißbrauch geistlicher Amtsgewalt ab, befreite die Verweigerung der Absolution von Strafe und gab das Lesen stiller Messen und das Spenden der Sterbesakramente frei. Der Frieden war geschlossen, und die politische Ernte stand dem Staatsmann bereit.
Wenn Bismarck sprach
Von seinem Auftreten im Reichstag entwarf der »Schwäb. Merkur« in jener Zeit folgendes Bild: »Der große stattliche Mann in der kleidsamen blauen Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen hat das beste, gesundeste Aussehen von der Sommerfrische mitgebracht. Er überschaut zuerst mit der Lorgnette die Situation, die er im Reichstage vorfindet, öffnet sodann sein Portefeuille und liest verschiedene Akten, wobei er seinen großen Bleistift anmerkend oder durchstreichend mit Energie handhabt. Doch jetzt ist Hänel zu Ende, und Fürst Bismarck erhebt sich, indem er sich gegen den Präsidenten des Hauses verneigt. Der letztere ruft: ›Fürst Bismarck hat das Wort!‹, und plötzlich kehrt eine lautlose Stille im Saale ein. Die Abgeordneten drängen sich mit Macht in die Nähe des Reichskanzlers. Selbst Bebel macht sich auf den Weg und setzt sich zur Notierung alles Wichtigen in Bereitschaft. Doch wie erstaunen gemeiniglich diejenigen, die den Fürsten zum erstenmal sprechen hören! Statt einer kräftigen, sonoren Stimme, statt des vermuteten Pathos, statt einer vom Feuer klassischer Beredsamkeit durchglühten Philippika fließt das so leise und sacht, fast im Konversationstone hervor über die Lippen des großen Mannes, und stockt zuweilen und windet sich, bis der rechte Ausdruck gefunden ist. Ja, fast eine Art Verlegenheit ist anfänglich dem Redner anzuspüren. Sein Oberkörper ist in wiegender Bewegung, und alle Augenblicke holt der Kanzler sein Taschentuch aus der hinteren Rocktasche, wischt sich das Gesicht, steckt das Tuch in die Tasche und holt es wieder hervor. Doch ohne jegliche Beklemmung folgt der Hörer den zögernden Ausführungen des Redners. Denn dieser fällt nie aus der Konstruktion, und ein hoher, geistvoller Gedanke um den anderen wirft Licht auf den Weg. So fließt das murmelnde Bächlein dahin bis zum gewaltigen Fluß, oft unterbrochen vom homerischen Gelächter der Hörer über den eingestreuten attischen Witz, aber ohne jegliches Pathos, selbst bei seinen letzten hochernsten Worten von ›den Opfern, die der Kampf noch fordern könnte‹. Doch gerade dieser Verzicht auf jeden Effekt, diese sachliche Ruhe verleiht den leise gesprochenen Worten eine durchschlagende Wirkung, und das beruhigende Gefühl, das Steuerruder des Staatsschiffes in diesen nervigen Händen zu wissen, kehrt nach Bismarcks Rede in neuer Stärke ein in jeder deutschen Brust.«
Kulturkampfes. (»Le Grelot«, 15. September 1878)]
Er will kein Telephon
Während der Kanzler einmal im Urlaub verweilte, erschienen in Varzin drei Beamte der Telegraphenverwaltung, um dem Reichskanzler die damals neue Einrichtung zu erläutern und die Anlage einer Telephonverbindung zwischen Varzin und Berlin auszuführen. Bismarck aber hatte keine Neigung, sich während seiner friedlichen Varziner Abgeschiedenheit in die »Rufweite« der Reichshauptstadt bringen zu lassen. Ergötzlich schilderte der »Kladderadatsch« die Szene, bei welcher der Dichter den Kanzler in Varzin durch das Telephon eine Sitzung im Abgeordnetenhause anhören läßt, in der Windthorst, Schorlemer, Bennigsen, Lasker reden:
— — — »Ich danke, Ihr Herrn, für diese Erfindung, Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!« — Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre, Daß sie zerbarst und in Wimmern erstarb die gediegene Rede. »Packen Sie ein, meine Herren, und sagen Sie Stephan, ich danke, Danke recht sehr für das Ding! Adieu und glückliche Reise!«
Der olle Wilhelm sitzt im Bad gemütlich drin Und schreibt an seinen lieben braven Bismarck hin: Jeh’ Du zum Papste nach Kanossa nur jeschwind Und tue dort für mir der König Heinrich sind.
(»Humoristische Blätter«, August 1881)]
Es kam jetzt die Zeit, in der Bismarck weit hinübergreifen sollte in das Feld der wirtschaftlichen und sozialen, der rechtlichen und steuerpolitischen Fragen, in der er unserem ganzen wirtschaftlichen Leben eine neue Grundlage schuf. Auch hier ist er nirgends ein Nachbeter gewesen; stets entsprangen seinem Geiste, der überall den Kern erfaßte, neue Anregungen und Gedanken, und wenn er auch lange, der Autorität Camphausens und Delbrücks vertrauend, die gewohnten Wege des Freihandels nicht verließ, so wagte er doch auch den mutigen Schritt zur Umkehr, ohne Rücksicht darauf, daß ihn nun abermals alte Freunde verließen.
kitzeln!«
Bismarcks Antwort auf Eugen Richters Sturmlauf gegen seine Finanzpolitik. (»Figaro«, Februar 1881)]
Hier trat zu dem rein wirtschaftlichen Bedürfnis entscheidend der politische Gesichtspunkt hinzu: Deutschland sollte fähig bleiben, unabhängig von der Zufuhr des Auslandes sich durch seine eigene Kraft zu erhalten, sich die Notdurft und Nahrung des täglichen Lebens zu sichern. Denn Deutschlands geographische Lage konnte, wenn die »=Coalition à la Kaunitz=« sich wiederholte, oder wenn gar, wie wir es heute erleben, England sich unseren Feinden anschloß, zu völliger wirtschaftlicher Isolierung, zur Trennung von allen Zufuhren und so zur Aushungerung führen. Ein anderer, entscheidender Gesichtspunkt entsprang dem Verlangen, das Reich finanzpolitisch möglichst unabhängig zu machen von den Zuschüssen der Einzelstaaten, es sozusagen auf die eigenen Füße zu stellen. Denn die Bedürfnisse des Reiches wuchsen, und nur der Partikularismus konnte seine Freude daran haben, daß die vom Reiche geforderten Lasten dem Steuerzahler und der einzelstaatlichen Finanzwirtschaft direkt die Schultern drückten. Auch hier haben die harten Ereignisse der späteren Zeiten den Fernblick des Sehers erwiesen.
geworden; sie tanzen angeblich nach Bismarcks Pfeife. (»Hum. Blätter«, April 1878)]
Sie teilte jedem eine Gabe, Dem Hiebe, jenem Stöße aus, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging gepufft nach Haus.
Bismarck hat soeben in seiner großen Rede vom 8. Mai sich scharf sowohl gegen die Liberalen wie gegen das Zentrum gewandt. Eugen Richter, Miguel, Windthorst und die Freihändler empfingen jeder »eine Gabe«. (»Ulk«, Mai 1880)]
Den ersten Anstoß zum Wechsel der wirtschaftlichen Überzeugungen bot dem Kanzler die Katastrophe, die durch die Aufhebung der Eisenzölle über die deutsche Schwerindustrie hereinbrach. Die Maßregeln waren ohne die Teilnahme des Kanzlers getroffen worden, und eben deshalb hatte er das Vertrauen zu seinen bisherigen Gehilfen, Camphausen und Delbrück, verloren. Als er aber den neuen Weg einschlug, da scharten sich doch bereits im Reichstag zahlreiche Männer um ihn, die gleich ihm bereit waren, die deutsche Arbeit durch erhöhte Zollschranken zu schützen, den geltenden Tarif gründlich zu revidieren. Mitglieder des Zentrums, der konservativen und auch der nationalliberalen Partei traten ihm zur Seite in dem Bestreben, den deutschen Markt der nationalen Produktion zu erhalten. Diese Tat ward uns zum Heile: sie hat uns die wirtschaftliche Rüstung für den Weltkrieg geschaffen!
Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?
Freimütig bemerkte Bismarck an einem seiner parlamentarischen Abende: Die Zollpolitik sei mit der Medizin zu vergleichen; es gebe darin keine absolute Wissenschaft. Zur Zeit, als er sich Delbrücks Führung überlassen, habe er sich allerdings um volkswirtschaftliche Fragen nicht gekümmert und nichts zu antworten gewußt. Das erinnere ihn an einen Vorfall. Zu Rothschild sei ein Geschäftsfreund gekommen mit der Frage: »Wie ist Ihre Ansicht über schwedisches Eisen?« Rothschild wandte sich verwundert an seinen Kommis und fragte: »Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?«
Bismarck hatte soeben die neue Steuerpolitik eingeleitet, die u. a. das Tabakmonopol vorschlug. Sie führte zu Camphausens Rücktritt, wurde jedoch im Reichstag mit einer winzigen Ausnahme abgelehnt. Die »Frankf. Laterne« (Januar 1878) irrte also, wenn sie schrieb:
»Wenn der Ast nicht brechen soll, Gehet durch das Joch! Ludwig, blase du in Moll: Hunde sind wir doch!« ]
Weitere Kämpfe
Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht, daß er längst ein =Otium cum dignitate= verdiente. Aber wie seine Sorge um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei.
Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)]
Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es, daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben, nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog.
Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden, die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten, die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte suchte.
Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit, Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.« (König Lear 1, 1)
Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht. Es ist die Zeit des wirtschaftspolitischen Umschwungs. Alsbald treten die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)]
Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah, die der große Geist verachten durfte.
»Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!«
Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)]
Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war. Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat.
Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er, »sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu rächen.
Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten. Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)]
Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer, zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker, den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹ Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war. Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht, wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des Reiches in Frage zu stellen.‹«
Schachfiguren]
Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende Wirtschaftssystem gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber, die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist.
Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde
In ärztlichen Kreisen war eine Angabe bekannt, der nie widersprochen wurde und der man, im Hinblick auf die originelle Art der beiden beteiligten Persönlichkeiten, eine gewisse innere Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können. Danach hätte Schweninger die Sympathie seines großen Patienten durch das diesem selbst sehr geläufige Mittel besonderer Derbheit erweckt. Der Kanzler liebte es, als mit dem zunehmenden Alter auch sein leidender Zustand wuchs, durchaus nicht, von dem ihn behandelnden Arzt mit Fragen belästigt zu werden. So riß ihm auch gegenüber Schweninger, als sich dieser auf Empfehlung befreundeter Persönlichkeiten zum erstenmal bei ihm einstellte, die Geduld, und er gab auf die innerhalb weniger Minuten wiederholt gestellte Frage nach seinem Befinden eine kurze abweisende Antwort. Aber Schweninger ließ sich nicht abschrecken und antwortete nicht weniger kurz angebunden: »Ich stehe zu Ihren Diensten, Durchlaucht, wünschen Sie jedoch behandelt zu werden, ohne daß man an Sie Fragen stellt, so täten Sie besser, nach dem Tierarzt zu schicken, der an diese Methode gewöhnt ist.« Seit dieser Zeit war Bismarck von seiner Abneigung gegen Fragen des Arztes völlig kuriert.
Schön Wetter — Veränderlich — Sturm
Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen. (»Kladderadatsch«, 1881)]
Das ist der =Dr.= Schweninger
Ein Dienstmann führt einen Landsmann in München herum und zeigt ihm unter anderem die Universität daselbst. Der Landsmann will wissen, was die Figuren an der Fassade bedeuten. Der Dienstmann nennt ihm, um seine Unwissenheit nicht merken zu lassen, verschiedene volkstümliche Münchner Gelehrte der neuesten Zeit als Originale; bei einem halbnackten griechischen Denker am linken Flügel angelangt, sagt er keck: »Das ist der =Dr.= Schweninger!« — Bauer: »Aha, ’m Bismarck sei Leibarzt! Aber warum hat denn der kan Rock an?« — Dienstmann: »Ja woaßt, Seppel, seit er den Reichskanzler kuriert hat, tun sich die Leut’ so um ihn reißen, daß der beste Rock dabei z’grund gehn müßt!«
Sicherlich ist es allein der Kunst =Dr.= Schweningers zu danken, daß Fürst Bismarck die schweren Anfälle von Krankheit, die ihn vor allem dann plagten, wenn seine Seele durch harte Kämpfe erregt war, durch lange Jahre siegreich überwand. Kaiser Wilhelm hat ihm wiederholt den Dank dafür ausgesprochen, daß er ihm und dem Vaterlande den unentbehrlichsten Diener erhalten habe. Was aber die Kunst des Arztes allein noch nicht erreichte, das ergänzte die Luft von Varzin und Friedrichsruh und die Kissinger Kur.
Februar 1887)]
Die Brut muß ausgerottet werden
In Kissingen erhielt Fürst Bismarck einen mehr amüsanten als fürchterlichen Drohbrief: »O großer eiserner, resp. einfältiger Reichskanzler, was hört und liest man bloß von Dir! Nichts als Lächerliches. Glaubst Du etwa, daß Du Deiner gefällten Strafe entgehen kannst? Nein! Nein!
Was wir Dir einst zugeschworen haben, wird für Dich sicher in Erfüllung gehen, und wenn Du den Polizeiring um das Zehnfache vermehrst, der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht, wissen wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines Lebens sicher bist. Weise nur immer Mitmenschen aus Deutschland« (d. h. in Anwendung des Sozialistengesetzes). »Desto eher kannst Du Dich mit dem Totengräber bekannt machen ... Deinem Sohn Wilhelm mit seinen bisherigen maskierten und lächerlichen Redensarten werden wir auch bald was zuschwören, wenn er nicht aufhört, zu wühlen. Die Bismarcksbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.« (soll wohl heißen: das Exekutivkomitee). — Eine ähnliche Büberei traf wenige Tage später aus Frankfurt ein.
Auch von manchen seiner Gehilfen mußte sich Bismarck wieder trennen. So von den Eulenburgs, die vielfach das Bestreben zeigten, den überlegenen Mann, der ihnen unbequem war, aus seiner Stellung zu drängen. Die Szene, die zu dem Sturze des begabten Grafen Botho Eulenburg führte, ist als der »Fall Rommel« in der Geschichte verzeichnet: Als das Gesetz über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden vor dem preußischen Landtag stand und sich Graf Eulenburg mit gewissen Änderungen einverstanden erklärte, die des Kanzlers Mißbilligung fanden, ließ er durch den Geheimrat Rommel, ohne den Minister zu verständigen, von der Tribüne herab seinen Widerspruch erklären. Graf Eulenburg nahm unverzüglich seinen Abschied. An seinen Namen aber hat sich gerade zu jener Zeit ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck geknüpft, der zugleich das vertrauliche Verhältnis bekundet, das zwischen den beiden Männern bestand.
Blätter«, Februar 1888)]
Die Geschichte eines Traumes
Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort. Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht erholen konnte und zwei Stunden von 1⁄25 bis 1⁄27 Uhr nicht schlafen konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar, wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat, so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein.
=Enfin= ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen.
Ihr Wilhelm.«
In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck:
»Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein Unglück an sich: =l’excès du mal en devient le remède=.
»Was? Du Bestie willst beißen?«
Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)]
Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt, die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der Schwelle zurückwies:
Die Abrüstung
Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird, unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben, und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu beschaffen sein wird.«
Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt.
»Da jammern sie. Die von der Infanterie Und von der Kavallerie Geniert das nie.«
Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein »verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus« gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)]
Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November 1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne. Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter, und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von Bismarck geschaffen.
Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl menschlicher Würde sichern.
Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)]
Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig, daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte.
Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle und reizender Anekdoten gewesen.
Hier ein paar Beispiele:
Das fehlende Hirn
Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein =Dr.= B. zur Konsultation berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich, blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen: ›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln, um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte, machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen: »Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde, fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des =Dr.= B. gar keinen Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹ sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder, dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein Hirn mehr.‹ Unser =Dr.= B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.«
liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung« hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt. (»Humor. Blätter«, 20. April 1884)]
Vom durstigen Völk
Der bekannte liebenswürdige Abgeordnete aus Bayern erzählte gern beide folgenden Scherze von Bismarcks parlamentarischen Abenden: »Die dem Reichskanzler Gegenübersitzenden unterhielten sich über den ›Reichshund‹, der neben seinem Gebieter ausgestreckt dalag. Man sprach über die Schönheit des Tieres und seine sonstigen trefflichen Eigenschaften, endlich auch über seine Vorgänger. Einer der an der Unterhaltung Beteiligten behauptete, daß Bismarck schon mehrere Hunde dieser Rasse gehabt habe, und um darüber genauen Bescheid zu erhalten, wendete er sich mit seiner Frage unmittelbar an den Reichskanzler. Da er glaubte, daß Bismarck den vorhergehenden Teil des Gesprächs mitangehört habe, wies er mit einer Handbewegung auf dessen Hund hin und sagte: ›Durchlaucht gestatten die Frage, der wievielte von dieser Sorte ist dies schon?‹ Durchlaucht aber hatte von dem vorausgehenden Gespräch nichts gehört, verstand Handbewegung und Frage falsch und erwiderte, indem er nach dem Bierglase griff und dessen Inhalt mit wohlgefälligem Schmunzeln prüfte: ›Dies ist heute mein achter, aber gestern habe ich zwölf Schoppen getrunken und es hat mir auch nicht geschadet.‹ Ein andermal wollte das Champagnertrinken gar nicht aufhören, oder, richtiger ausgedrückt, das Bier wollte ewig nicht kommen, während es sonst immer ziemlich bald aufgetragen wurde. Meine Nachbarn und ich hatten einen Heidendurst nach Bier, und endlich wurde ich auserkoren, unser Verlangen beim Reichskanzler anzubringen. Ich begab mich auch sogleich zu ihm, und sobald ich, ohne zu stören, mich mit einer Frage an ihn wenden konnte, fragte ich, ob ich ihm ein Rätsel aufgeben dürfe. Lachend bejahte er und fügte hinzu: ›Es wird wahrscheinlich wieder eins sein, das nicht herauszubringen ist.‹ Ich fragte ihn nun, was das Beste am Champagner sei? ›Na, sehen Sie, lieber Doktor, da steckt wieder was dahinter. Ich weiß zwar viele gute Eigenschaften des Champagners, aber das weiß ich auch, daß ich die nicht errate, die Sie im Auge haben. Also geben Sie gleich selbst die Lösung.‹ So sagte ich denn: ›Das Beste am Champagner, Durchlaucht, ist, daß das Bier so gut darauf schmeckt!‹ Und es dauerte keine fünf Minuten, da saßen wir alle beim trefflichen Münchener ›Stoff‹, den Bismarck hatte unverweilt anzapfen lassen.«
Vom Haarschneiden
An einem der Abende erinnerte man sich auch an eine Äußerung des Kanzlers über den Einfluß des Mondes auf das Wachstum von Haaren und Pflanzen. Man müsse sich, meinte der Kanzler, bei zunehmendem Monde die Haare schneiden lassen: »Es ist wie mit den Bäumen, wenn die wieder wachsen sollen, fällt man sie auch im ersten Viertel, wenn man sie aber roden will, schlägt man sie bei abnehmendem Monde, da vermodert der Stumpf eher. Es gibt Leute, die nicht daran glauben, Gelehrte, aber selbst der Staat verfährt danach, obwohl er’s nicht eingestehen will. Es wird keinem Förster einfallen, eine Birke, die wieder Schößlinge treiben soll, bei abnehmendem Monde zu fällen.«
Bismarck: »Nanu, Michel, wat ist’s! Komm herein, mein Junge, und begeistere dir für mein neuestes Monopolprojekt.« (»Humor. Blätter«, Februar 1886)]
Pilori«, 23. Januar 1887)]
Hammelbraten
»Ich will eines Tages«, erzählte der Fürst, »gegen den Grunewald zu in die Umgebung Berlins und sah mich plötzlich gegenüber einer Herde Schafe, deren gutes Aussehen mich bestimmte, haltzumachen und mich nach dem Züchter zu erkundigen. Ich erfuhr, daß die Herde einem Berliner Stadtrat gehörte, fragte dann, ob ich einen Hammel kaufen könne, und schloß, da der Schäfer die Frage bejahte, das Geschäft alsbald ab. Wenige Tage später stand der Hammel bei Gelegenheit eines diplomatischen Diners auf meiner Tafel. Ich hatte meiner Frau erzählt, wie ich in den Besitz des Tieres gekommen war, und von ihr muß die Kunde in die Küche gedrungen sein. Genug, der Gang war auf der Speisenkarte verzeichnet als ›=Southown Battard à la Municipal=‹. Es dauerte nicht lange und ich besuchte ein Diner bei dem russischen Botschafter und fand auf dem Menü zu meiner großen Überraschung als Braten ›=Southown Battard à la Municipal=‹. Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten und erfuhr später, der Koch des russischen Botschafters habe sich das Menü meines Diners zu verschaffen gewußt und schlankweg, ohne den Zusammenhang zu ahnen, die auf meiner Karte stehende Bezeichnung auch für sein Hammelbraten-Gericht gewählt.«
Die naseweisen Damen
An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber, welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem Nachbar sagte: »=Dohd man to Azlek=« (gib mir den Schlüssel). Er erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus!
Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai 1882)]
Hundegeschichten
Vielfach war da der »Reichshund«, der natürlich seine Persönlichkeit mehrfach gewechselt hat, der Gegenstand anekdotischer Erzählungen. So erzählte Bismarck, als das Gespräch auf die Intelligenz der Hunde kam, wie einmal, als er durch seinen Garten ging, um ihn durch das nach der Königgrätzer Straße führende Tor zu verlassen, unvermutet mitten im Garten der Reichshund auf ihn zugesprungen sei, in der Absicht, ihn zu begleiten. Bei dem Gartentor habe sich der Hund dicht an die Öffnung gedrängt, um womöglich noch vor seinem Herrn das Freie zu gewinnen. Zurücktreiben habe er sich nicht lassen. Da habe er, Bismarck, nur die Worte gesagt: »In den Reichstag«, worauf der Hund den Schweif eingezogen und schleunigst nach Hause gerannt sei. Bismarck erzählte die Geschichte, umgeben von einer Korona von Mitgliedern des Bundesrats und des Reichstags, von welch letzteren der fortschrittliche Vizepräsident Professor Hänel aus Kiel unmittelbar in der Nähe des Kanzlers stand. Man kann sich sein Gesicht denken und das Gelächter der übrigen Anwesenden, in das Bismarck herzlich einstimmte.
Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 befand sich Kaiser Alexander =II.= von Rußland bei unserem König in Ems. Die beiden Monarchen mit großem Gefolge waren eines Abends beisammen. Am entgegengesetzten Ende des Saales stand Graf Bismarck und beobachtete den Zaren in sorgenvoller Erwägung, wie schwer es ins Gewicht falle, welche mehr oder minder freundliche Haltung Rußland gegenüber unserer Politik einnähme. Da erhob sich der große Hund des Kaisers, der unter seinem Stuhl gelegen, und durchwanderte den Saal; von einem Souverän würde man gesagt haben: »er macht Cercle«. Der Hund blieb vor Bismarck stehen, schaute zu ihm empor, wedelte zutunlich und leckte die vorgestreckte Hand des Grafen. In diesem Augenblick ertönte durch den ganzen Saal die Stimme des russischen Kaisers, der den Bewegungen seines Hundes offenbar gefolgt war, zu Bismarck herüber: »Da sehen Sie, daß der Hund die Freunde seines Herrn kennt.« Bismarck schloß seine denkwürdige Mitteilung mit den Worten: »Ich fühlte mich erleichtert. Das war ein geschichtlicher Moment für unsere Politik.«
Gast (Bismarck): »Zahlen!«
Kellner (Minister Heemskerk): »Eure Hoheit zahlen wohl am besten mit einem Traktat!«
Bezieht sich auf die Beschwerden Hollands über den deutschen Lachsfang im Rhein. (»Holländ. Witzblatt«, März 1886)]
»Sultan« war nach einem Worte der Fürstin Bismarck der rührendste Hund, den ihr Gemahl besessen. »Wenn ich verreiste,« erzählte der Kanzler, »so suchte er mich überall mit großer Traurigkeit. Endlich ergriff er dann zu seinem Troste meine weiße Militärmütze und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den Zähnen nach meinem Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr intelligent und treu. Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte mich nicht beim Eintritt ins Haus, wie sonst stets, und ich fragte daher den Schutzmann, wo der Hund sei: ›Der steht seit vier Stunden hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Eurer Durchlaucht Stock‹, erwiderte der Wachtposten. Ein andermal ging ich hier in Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sehe auf einer Karre eine Fuhre Holz liegen, das ich für gestohlen hielt, weil es aus grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Fuhre zu bleiben, und entfernte mich, um einen Mann zu holen, der die Sache aufklären könne. Als ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte einen Handschuh auf die Karre. Da blieb mein Tyras dort stehen wie angewurzelt.« Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte der Fürst später: »Er war nicht krank; er ist an Altersschwäche eingegangen. Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie einen Hammel von oben in mein Arbeitszimmer tragen lassen mußte. Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächstemal, an seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe. Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich sich lautlos in mein Schlafzimmer schleppen, und gleich darauf sagte mir der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: ›Der Tyras liegt ausgestreckt im Schlafzimmer.‹ Von meinen jetzigen Hunden kann ich dagegen rühmen, daß sie wie wild aus ihren verschiedenen Winkeln auffahren und gegen die Tür stürmen, sobald der Diener meldet: ›Das Essen ist aufgetragen.‹«
Von der Heftigkeit des Kampfes, der namentlich von fortschrittlicher Seite aus gegen den Kanzler geführt wurde, von der Gehässigkeit, mit der man ihm zu begegnen wagte, bildet das beredteste Zeugnis jene Szene im Reichstag, in der ihm das beschimpfende Wort »schamlos« entgegenhallte. Sie erinnert lebhaft an die erregte Zeit, in der Graf Ballestrem ihn durch den Zuruf »Pfui« in die Schranken rief.
Schamlos
Bei der Beratung über die Mietsteuer war jenes Wort gefallen. Sofort erwiderte Fürst Bismarck unter großer Unruhe: »Meine Herren, das Wort ›schamlos‹ ist ein ganz unverschämter Ausdruck, den ich hiermit zurückweise.« Präsident von Goßler, der eben von einem Schriftführer um etwas gefragt wurde, hatte den Ausdruck »schamlos« überhört. Er fragte nun amtlich, ob dieser Ausdruck gefallen sei. Bejahende Rufe antworteten. Der Täter fand sich aber nicht bemüßigt, sich zu melden. Da rief Bismarck: »Er (der Ausdruck) ist gefallen, ich habe ihn gehört, dort (links) ein Herr, der selbst keine Scham kennt, hat ihn gebraucht (Unruhe).« Präsident von Goßler erklärte: »Ich bedauere aufs tiefste, daß ich den Ausdruck nicht gehört habe, ich würde unter allen Umständen mit der allergrößten Schärfe eingeschritten sein.« Noch immer hielt es der unbekannte Schreier für angemessen, sich nicht zu nennen. Da rief Bismarck: »Der Herr wird sich gewiß melden — die Herren, die neben ihm sitzen, werden es ja wissen. Der Herr wird doch den Mut haben, sich zu nennen?« Nun erhob sich endlich der Abgeordnete Struve mit den Worten: »Jawohl! Ich bin es gewesen, Struve!« Unverzüglich erteilte ihm Präsident von Goßler, unter lebhaftem Beifall, den Ordnungsruf. Bismarck aber erklärte: »Nun, ich bin nicht überrascht, von Herrn Struve da wundert es mich nicht.« Zur Sache bemerkte er dann nur noch: »Ich und mit mir wahrscheinlich die meisten Reichsbeamten gehören zu der Klasse von Leuten, die weniger auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sehen, und wenn wir dafür eine Garantie bekommen könnten, wenn wir gegen eine ungleiche Behandlung eine Deckung durch die Reichsgesetzgebung bekommen könnten, würden wir sehr dankbar sein.« Nach dem Schluß dieser Rede aber erhob sich der Abg. Struve zu folgender Bemerkung »zur Geschäftsordnung«: Nachdem der Präsident gegen ihn wegen des Rufes »schamlos« den Ordnungsruf verhängt habe, frage er an, »welchen Schritt er gegenüber dem Reichskanzler tun wird, der hier gesagt hat, der Ausdruck ist von einem Abgeordneten gefallen, welcher selbst keine Scham hat«? Noch ehe Präsident von Goßler antworten konnte, erklärte Fürst Bismarck: »Ich habe zu meiner Rechtfertigung zu bemerken, daß ich diese Äußerung getan habe, bevor der Herr Abgeordnete die Güte gehabt, sich zu nennen (Heiterkeit rechts). Nachdem er sich genannt hat, nehme ich den Ausdruck zurück. — Der Herr Abgeordnete kennt gewiß Scham (Heiterkeit).«
Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)]
Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«, 29. August 1885)]
So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken, daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat, da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft, gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich, dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt.
empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)]
Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt: »Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie 1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen, wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte, und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen. Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode, die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war, der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese — ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach, war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff ›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und 1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird, nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.«
Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le Grelot«, 2. Dezember 1883)]
Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde, zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute suchte.
Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)]
Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)]
Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein, der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr. Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf, und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte.
Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen ›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.«
Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden. Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni 1886)]
Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden. Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich, wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu entflammen.
In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888, deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar »Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort:
dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)]
»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20. Februar 1887)]
Der =Furor teutonicus=
»Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial, das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse. (Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe, es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe, für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million, im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.) Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere 700000 Mann sind kriegsgedient, =rompus au métier=, ausgediente Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren. (Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870, wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz, wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff. Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren, und es wird kein Feind wagen, mit diesem =Furor teutonicus=, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben, der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹«
Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen, als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes