Und doch leuchtet aus allem Übermut des jungen Akademikers die Tatsache hervor, daß er innerlich immer mehr zu reifen beginnt, daß eine starke Lebenserkenntnis in ihm erwacht und daß er trotz des mangelnden Besuches der Kollegien an positivem Wissen gewinnt. Auch in Berlin freilich, wohin er mit Albrecht von Roon und Moritz von Blankenburg reiste, war er nicht sonderlich fleißig. Und besonders die Juristerei fand in ihm keinen eifrigen Adepten. Erst der Unterricht bei einem Repetitor verschaffte ihm das zum Examen nötige Wissen. Neben dem ungebundenen Verkehr mit anderen Studenten, unter denen Graf Alexander Keyserling ihm dauernd in Freundschaft verbunden blieb, begann jetzt der Verkehr in vornehmen Häusern. »Des Abends nehme ich den Tee in irgendeinem achtungswerten Familienzirkel, höre und führe Wettergespräche mit einem Gesicht, als sagte ich lange nicht alles, was ich wüßte«, heißt es im Sommer 1835. Schon in dieser Studentenzeit packt den jugendlichen Stürmer und Dränger immer wieder die Unzufriedenheit mit dem erwählten Beruf. »Ich glaube schwerlich, daß mich die vollkommenste Erreichung des erstrebten Zieles, der längste Titel und der breiteste Orden in Deutschland, die staunenswerteste Vornehmheit entschädigen wird für die körperlich und geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat dieses Lebens sein wird.« Immer wieder regt sich der Wunsch, die Feder mit dem Pfluge, die Mappe mit der Jagdtasche zu vertauschen. Es gärt eben in dem jugendlich starken Menschen, dem der Gedanke an die übliche Beamtenlaufbahn Grauen erweckt. Noch bedrängt ihn die Mutter, Offizier zu werden: Er scheine ihr gar keine Neigung zum Studieren zu haben. Soll er diesen Weg gehen? Eine Zeitlang spielt er mit dem Gedanken: »Ich werde wohl das Portefeuille des Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der rekrutendressierenden Fuchtelklinge amüsieren, dann ein Weib nehmen und Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch unmäßige Branntweinfabrikation untergraben.« Der Bruder werde dann, so schreibt er ihm, »einen fettgemästeten Landwehroffizier finden, einen Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, und der einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt«. Und weiter malt er das Bild aus: »Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt in Stettin aufmachen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler verkaufen. Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner Familie.« Es ist anders gekommen.

Auch das Examen als Auskultator hat der Zwanzigjährige glücklich bestanden.

Ein übermütiger Scherz aus Bismarcks Berliner Studentenzeit wurde erst später bekannt:

Die Dame aus Schweden

In der schwedischen Zeitung »Göteborgpost« veröffentlichte eine schwedische Dame folgende Erinnerung: »Als ich noch ein blutjunges Mädchen war, sollte ich einige Monate in Rom verbringen. Von einer älteren Gesellschafterin und zwei Kammerjungfern begleitet reiste ich ab. Es war bestimmt, daß ich in Berlin einen kürzeren Aufenthalt nehmen sollte. Eine Schwester meines Vaters hatte einen Deutschen geheiratet, und der Sohn aus dieser Ehe, ›der deutsche Vetter‹, wie wir ihn bei uns nannten, studierte damals in Berlin; ich hatte ihn nie gesehen. Mein Vater schickte ihm einige Tage vor meiner Abreise einen Brief, in welchem er ihn ersuchte, sich meiner freundlichst anzunehmen. Ich kam glücklich in Berlin an und wurde bei meiner Ankunft vom deutschen Vetter herzlichst empfangen. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit großem Schnurrbart und eigentümlich blitzenden Augen. Drei Tage hindurch war er mein treuer Begleiter. Freilich konnte er kein Wort Schwedisch sprechen, wohl aber ein elegantes Französisch. Nie habe ich einen so angenehmen Kavalier gehabt; ich war auf meinen deutschen Vetter ganz stolz. Gar zu schnell kam die Stunde, wo ich weiterreisen mußte. ›Cousine,‹ sagte er, als ich eben wegfahren sollte, ›ich habe Ihnen ein Wort zu sagen. Sehen Sie, Cousine, ich — ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich — nicht Ihr Vetter bin. Mein Freund, Ihr ›deutscher Vetter‹, der richtige, ist nämlich von den Vorbereitungen zu seinem Examen so stark in Anspruch genommen, daß er mich bat, an seiner Stelle den von ihrem Herrn Vater ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Mein Name ist Otto von Bismarck.‹ Ich sah ihn erstaunt an, der Wagen setzte sich in Bewegung, und das Abenteuer war aus. Jahrzehnte vergingen. Der unbekannte Bismarck war Reichskanzler und Fürst geworden. Da kam ich, eine alte, seit 40 Jahren verheiratete Frau, wieder einmal nach Berlin. Ich schrieb einige Worte auf meine Karte und schickte sie an den Fürsten. Eine Stunde später erhielt ich eine Einladung, begab mich ins Reichskanzlerpalais, und bald waren wir im lebhaftesten Gespräch. Bismarck war bei bester Laune. ›Ihnen habe ich es zu danken‹, sagte er u. a., ›daß ich dazu gekommen bin, die Berliner Museen zu besuchen; seitdem ist es mir nicht wieder gelungen.‹«

humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]

Bismarcks Leben in dieser Zeit war das eines jungen Kavaliers. Aber dieses Leben war nicht gedankenlos; politische Fragen haben ihn in gleichem Maße wie religions-philosophische Kämpfe beschäftigt. Und vor allem quälte ihn die Ungewißheit der Zukunft. Nur das ~eine~ weiß er bestimmt, daß er den üblichen Pfad des Juristen nicht wandern kann. Schon taucht der diplomatische Dienst ihm als Ziel auf, schon bekennt er dem Freunde den Plan, »hier noch ein Jahr zu verweilen, dann zur Regierung nach Aachen zu gehen, nach Verlauf eines zweiten Jahres das diplomatische Examen zu machen und mich hier der Huld des Schicksals zu empfehlen, wo es mir dann vorderhand gleichgültig sein wird, ob man mir Petersburg oder Rio Janeiro zum Aufenthalte anweist«. Aber zum Übergang in den Regierungsdienst bedurfte es eines neuen Examens. In Schönhausen hat er die schriftlichen Arbeiten vollendet. Das Thema war: »Über Sparsamkeit im Staatshaushalte, ihr Wesen und ihre Erfolge, auch durch geschichtliche Beispiele erläutert« und »Über die Natur und die Zulässigkeit des Eides im allgemeinen und nach seinen verschiedenen Arten aus dem Gesichtspunkte der philosophischen Rechts- und Tugendlehre, mit Berücksichtigung der Lehre des Christentums«. Am 30. Juni wurde Bismarck geprüft, sein Zeugnis erklärte, daß er »eine vorzügliche Urteilskraft, Schnelligkeit im Auffassen der ihm vorgelegten Fragen und Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zeigte« und »sehr gut befähigt« zum neuen Amte sei.

Von seinen Sorgen und Nöten um das Examen erzählt der schöne Brief an Scharlach vom 4. Mai 1836, der, aus Schönhausen datiert, uns zugleich einen Blick in sein innerstes Wesen gewährt:

Der Teufel reitet die alte Tante

»Lieber Scharlach! Ich hoffe, Du wirst ernstlich böse werden, wenn ich mein langes Schweigen nur breche, um ein Versprechen zu revozieren, durch dessen Erfüllung ich meine Nachlässigkeit einzig wieder gutzumachen hoffte. Ich gehe im nächsten Monat nach Aachen, aber nicht über Hannover, und unser Wiedersehen wird auf einen entfernteren Zeitpunkt hinausgeschoben, wenn Du mich nicht etwa auf einer Poststation zwischen Dresden oder Karlsbad und Frankfurt a. M. auffängst. Der Teufel reitet eine alte Tante von hoher Rasse, daß sie wünscht, ich soll sie als Reisemarschall nach Böhmen begleiten und dort bei einem Verwandten abliefern. Der Umweg ist weit, aber eine alte Tante ist dasjenige Tier auf der Welt, vor welchem ich, nächst einer hübschen Cousine, die größte Ehrfurcht habe. Ich wage ihrer Ungnade nicht zu trotzen, und wenn ich anführe, ich hätte einen Freund in Hannover zu besuchen versprochen, so heißt es: ›Lieber Otto, Du mußt Dich ja schämen, wenn Du nach Aachen kommst und hast Dresden nicht einmal gesehen, und Freunde, die findest Du überall.‹ ›Schändliches altes Weib, das so leichtsinnig spricht!‹ wirst Du hier ausrufen. Sie denkt, wie’s ihr in der Jugend, so geht es uns auch. — Du würdest über mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen vier Wochen sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen und vier Fuß dicken Mauern, einigen dreißig Zimmern, wovon zwei möbliert, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Kamine, in denen der Wind heult, kurz, in ›meiner Väter altem Schlosse‹, wo sich alles vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten. Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der Aussicht nach dem Kirchhof, auf der anderen Seite einer jener alten Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung ist Dein Freund, der hier von einer vertrockneten Haushälterin, der Spielgefährtin und Wärterin meines fünfundsechzigjährigen Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire und Spinozas Ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich wäre verrückt, und die Bauern sagen: ›Use arm junge Hehr, wat maak em wull sin?‹, wie mir meine alte Mamsell mitgeteilt hat. Dabei bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur sechs Stunden und finde große Freude am Studieren, zwei Dinge, die ich lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser die Ursache von allem dem ist der Umstand, daß ich den Winter über heftig verliebt war; ein recht befremdliches Faktum, eine Torheit, der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte (verzeih’, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist), aber es ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das beste dabei ist aber, daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute! ... Eben ›heult die Turmuhr Mitternacht‹; also schlaf wohl!«

Was dem jungen Bismarck die Freude an der Justiz verdarb, das hat er deutlich noch in seinem letzten Gedenkbuch erzählt: »Die Personen und die Einrichtungen unserer Justiz«, so schreibt der Achtzigjährige, »gaben meiner jugendlichen Auffassung mehr Stoff zur Kritik als zur Anerkennung. Die praktische Ausbildung des Auskultators begann damit, daß man auf dem Kriminalgericht das Protokoll zu führen hatte, wozu ich von dem Rate, dem ich zugewiesen war, einem Herrn von Brauchitsch, über die Gebühr herangezogen wurde, weil ich damals über den Durchschnitt schnell und lesbar schrieb. Von den ›Untersuchungen‹, wie die Kriminalprozesse bei dem damals geltenden Inquisitionsverfahren genannt wurden, hat mir eine den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, welche eine in Berlin weitverzweigte Verbindung zum Zweck der unnatürlichen Laster betraf. Die Klubeinrichtungen der Beteiligten, die Stammbücher, die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des Verbotenen durch alle Stände hindurch — alles das bewies schon 1835 eine Demoralisation, welche hinter den Ergebnissen des Prozesses gegen die Heinzeschen Eheleute (Oktober 1891) nicht zurückstand. Die Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinein.«

Rat Prätorius

»Nachdem ich«, so erzählt Bismarck weiter, »vier Monate protokolliert hatte, wurde ich zu dem Stadtgerichte, vor das die Zivilsachen gehörten, versetzt und aus der mechanischen Beschäftigung des Schreibens unter Diktat plötzlich zu einer selbständigen erhoben, der gegenüber meine Unerfahrenheit und mein Gefühl mir die Stellung erschwerten. Das erste Stadium, in welchem der juristische Neuling damals zu einer selbständigen Tätigkeit berufen wurde, waren nämlich die Ehescheidungen. Offenbar als das Unwichtigste betrachtet, waren sie dem unfähigsten Rate, namens Prätorius, übertragen und unter ihm der Bearbeitung der ganz grünen Auskultatoren überlassen worden, die damit =in corpore vili= ihre ersten Experimente in der Richterrolle zu machen hatten, allerdings unter nomineller Verantwortlichkeit des Herrn Prätorius, der jedoch ihren Verhandlungen nicht beiwohnte. Zur Charakterisierung dieses Herrn wurde uns jungen Leuten erzählt, daß er in den Sitzungen, wenn behufs der Abstimmung aus einem leichten Schlummer geweckt, zu sagen pflegte: ›Ich stimme wie der Kollege Tempelhof‹, und gelegentlich darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß Herr Tempelhof nicht anwesend sei.«

Von demselben Rate erzählte Bismarck weiter:

Merken Sie sich, wie man das macht

»Ich trug ihm einmal meine Verlegenheit vor, daß ich, wenige Monate über 20 Jahre alt, mit einem aufgeregten Ehepaar den Sühneversuch vornehmen sollte, der für meine Auffassung einen gewissen kirchlichen und sittlichen Nimbus hatte, dem ich mich in meiner Seelenstimmung nicht adäquat fühlte. Ich fand Prätorius in der verdrießlichen Stimmung eines zur Unzeit geweckten älteren Herrn, der außerdem die Abneigung mancher alten Bureaukraten gegen einen jungen Edelmann hegte. Er sagte mit geringschätzigem Lächeln: ›Es ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich auch nicht ein bißchen zu helfen weiß; ich werde Ihnen zeigen, wie man das macht.‹ Ich kehrte mit ihm in das Terminzimmer zurück. Der Fall lag so, daß der Mann geschieden sein wollte, die Frau nicht, der Mann sie des Ehebruchs beschuldigte, die Frau mit tränenreichen Deklamationen ihre Unschuld beteuerte und trotz aller Mißhandlung von seiten des Mannes bei ihm bleiben wollte. Mit seinem lispelnden Zungenanschlage sprach Prätorius die Frau also an: ›Aber Frau, sei Sie doch nicht so dumm; was hat Sie denn davon? Wenn Sie nach Hause kommt, schlägt Ihr der Mann die Jacke voll, bis Sie es nicht mehr aushalten kann. Sage Sie doch einfach ›ja‹, dann ist Sie mit dem Säufer kurzerhand auseinander.‹ Darauf die Frau weinend und schreiend: ›Ich bin eine ehrliche Frau, kann die Schande nicht auf mich nehmen, will nicht geschieden sein.‹ Nach mehrfacher Replik und Duplik in dieser Tonart wandte sich Prätorius zu mir mit den Worten: ›Da sie nicht Vernunft annehmen will, so schreiben Sie, Herr Referendarius‹, und diktierte mir die Worte, die ich wegen des tiefen Eindrucks, welchen sie mir machten, noch heute auswendig weiß: ›Nachdem der Sühneversuch angestellt und die dafür dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe erfolglos geblieben waren, wurde wie folgt weiterverhandelt.‹ Mein Vorgesetzter erhob sich und sagte: ›Nun merken Sie sich, wie man das macht, und lassen Sie mich künftig mit dergleichen in Ruhe.‹ Ich begleitete ihn zur Tür und setzte die Verhandlung fort. Die Station der Ehescheidungen dauerte, soviel ich mich erinnere, vier bis sechs Wochen; ein Sühneversuch kam mir nicht wieder vor. Es war ein gewisses Bedürfnis vorhanden für die Verordnung über das Verfahren in Ehescheidungen, auf welche Friedrich Wilhelm =IV.= sich beschränken mußte, nachdem sein Versuch, ein Gesetz über Änderung des materiellen Eherechts zustande zu bringen, an dem Widerstande des Staatsrates gescheitert war. Dabei mag erwähnt werden, daß durch jene Verordnung zuerst in den Provinzen des Allgemeinen Landrechts der Staatsanwalt eingeführt worden ist als =defensor matrimonii= und zur Verhütung von Kollusionen der Parteien.«

Am bekanntesten aber aus jener Zeit ist folgende Anekdote:

Das Hinauswerfen ist meine Sache

Der Auskultator Otto v. Bismarck vernimmt eines Tages einen echten Berliner zu Protokoll, der durch seine Unverschämtheit endlich die Fassung des Protokollführers so erschüttert, daß dieser aufspringt und ihm zuruft: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich werfe Sie hinaus!« Der anwesende Stadtgerichtsrat klopft dem erhitzten Auskultator freundschaftlich auf die Schulter und flüstert beruhigend: »Herr Auskultator, das Hinauswerfen ist meine Sache!« Die Vernehmung wird fortgesetzt; es dauert aber gar nicht lange, so springt Bismarck wieder auf und donnert: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich lasse Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen!«

Von seinem ersten Auftreten bei Hofe und seiner ersten Begegnung mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen, seinem späteren Kaiserlichen Herrn, hat dann Bismarck noch erzählt:

Das Gardemaß

»Meine erste Begegnung mit ihm war im Winter 1834/35 auf einem Hofballe gewesen. Ich stand neben einem Herrn von Schack aus Mecklenburg, der, wie ich, lang gewachsen und auch in Justizreferendarien-Uniform war, was den Prinzen zu dem Scherz veranlaßte, die Justiz suche sich jetzt die Leute wohl nach dem Gardemaß aus. Dann, zu mir gewandt, fragte er mich, weshalb ich nicht Soldat geworden sei. ›Ich hatte den Wunsch,‹ erwiderte ich, ›aber die Eltern waren dagegen, weil die Aussichten zu ungünstig seien.‹ Worauf der Prinz sagte: ›Brillant ist die Karriere allerdings nicht, aber bei der Justiz auch nicht.‹ Während des ersten Vereinigten Landtages, dem er als Mitglied der Herrenkurie angehörte, redete er mich in den vereinigten Sitzungen wiederholt in einer Weise an, die sein Wohlgefallen an der damals von mir angenommenen politischen Haltung bezeugte.«

In Aachen blieb Otto von Bismarck ein Jahr; hier lernte er zuerst die preußische Verwaltung kennen; hier traf er aber auch einen ihm fremden, lebhaften und beweglichen Menschenschlag; hier warf er den ersten Blick in die Organisation von Industrie und Handel; hier traf der Sohn des märkischen Adels auf ein selbstbewußtes freies Bürgertum, und zugleich mußte die Heiterkeit des rheinischen Lebens einen starken Einfluß üben. Den engsten Anschluß aber suchte er bei der englischen Gesellschaft, und bald erfaßte ihn eine heiße Leidenschaft zu einer der schönen Töchter dieses Volkes. Nur in schwerem Kampf überwand er diese erste große Liebe: »Wer weiß, ob ich nicht künftig das bereue, was ich jetzt für vernünftig halte!« Noch einmal packte ihn die Liebe. Ihr Ziel ist die Tochter eines englischen Geistlichen. Sein »armes, entzündliches Blut brannte wie Dampf«. Die Geliebte aber reiste ab. Auch Bismarck nahm einen Urlaub nach Frankfurt und Wiesbaden. Dort traf er beide Mädchen wieder. Der Erinnerung an sie ist der schönste Brief des jungen Ehegatten Bismarck vom 3. Juli 1851 geweiht:

»Vorgestern«, so schreibt er der Gattin, »war ich zu Mittag in Wiesbaden bei Dewitz und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und altkluger Weisheit die Stätten früherer Torheit angesehen. Möchte es Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäß zu füllen, in dem damals der Champagner zweiundzwanzigjähriger Jugend nutzlos verbrauste und schale Neigen zurückließ. Wo und wie mögen Isabella Loraine und Miß Russel jetzt leben? Wie viele sind begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte! Wie hat meine Weltanschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so viele Verwandlungen durchgemacht, von denen ich immer gleich die gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles ist mir jetzt klar, was damals groß erschien, wie vieles jetzt ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind! Ich begreife nicht, wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann, ein Leben, das dahinfährt wie ein Strom, wie ein Schlaf, gleich wie ein Gras, das bald welk wird; wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Ich weiß nicht, wie ich das früher ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben wie damals, ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder — ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.«

Bismarck folgte seiner Leidenschaft nach Straßburg. Von dort meldet er sich seinem Freunde Scharlach als den Verlobten »einer jungen Britin von blondem Haar und seltener Schönheit«. Von dort berichtet er, daß er die Braut und ihre Familie nach Mailand begleiten und im nächsten Jahr in England heiraten wolle. Aber die Verlobung wurde gelöst, die Reisepläne zerfielen; von Bern fuhr der junge Verliebte direkt nach Hause.

»Ich nötigte sie endlich zum Beilegen«, so schreibt er später dem Freunde. »Sie strich die Flagge, doch nach zweimonatigem Besitz ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit fünfzig Jahren, vier Pferden und 15000 rl. Revenuen wieder abgejagt. Arm im Beutel, krank am Herzen kehrte ich nach Pommern heim.«

Die selbstherrliche Überschreitung aber seines Urlaubs bot den Anlaß zum Abschied von Aachen. Der junge Referendar kehrte an die alte Stelle zurück, mit Schulden reich beladen, und als Referendar in Potsdam setzte er nun seine Tätigkeit fort. Nur dreieinhalb Monate lang blieb er jedoch in den Sielen. Er ist von »Ekel« für die ganze Beschäftigung bei der Regierung erfüllt; er will sich nicht sein ganzes Leben lang abquälen, um vielleicht zuletzt als Präsident mit zweitausend Taler Einkommen zu enden. Die Freude an der Landwirtschaft packt ihn von neuem; Zopf und Perücke schrecken ihn ab; die Vielgeschäftigkeit und die unpraktischen Pedanterien, die überflüssige Schreiberei und die vielen »kleinlichen und langweiligen Geschäfte« erwecken ihm Grauen: »Meine Arbeiten auf dem Gebiete der Wahlsteuerprozesse und der Beitragspflicht zum Bau des Dammes in Rotzis bei Wusterhausen haben mir kein Heimweh nach meiner damaligen Tätigkeit hinterlassen.« Schon erwacht in ihm der Haß gegen die Bureaukratie, der ihn durch sein ganzes Leben geleitet. Andere Gründe kamen hinzu: Geldsorgen vor allem, die ihn jetzt bedrücken und die durch lange Jahrzehnte seines Lebens seine treuen Begleiter sind. Die Lasten, die auf den elterlichen Gütern aus den Zeiten der Freiheitskriege stammten, die Erziehung der Kinder, langwierige und schwere Krankheiten der Gattin hatten die Verhältnisse des alten Herrn von Bismarck so tief zerrüttet, daß die Gefahr, den Familienbesitz zu verlieren, ernstlich heraufzog. Schon war von einer Verteilung der Güter an die beiden Söhne die Rede.

Aber noch ehe die neuen Pläne zur Reife gediehen, mußte Otto von Bismarck seiner Militärpflicht genügen. Er trat bei den Gardejägern in Potsdam ein, diente jedoch die zweite Hälfte seiner Militärzeit bei dem zweiten pommerschen Jägerbataillon in Greifswald ab. Aus dieser Zeit berichtet ein Studien- und Waffengenosse:

»Herr von Bismarck schien seine Gründe zu haben, eine etwas reservierte Haltung zu bewahren, die nur hin und wieder durch den Verkehr mit älteren Korpsstudenten, seltener durch gesellschaftliche Berührung mit einer oder der anderen der geachtetsten Familien in Greifswald unterbrochen wurde. Die vom Scheitel bis zur Sohle vornehme Erscheinung war gleichsam von einem unsichtbaren Kreise, einer schwer zu beschreibenden geistigen Atmosphäre umgeben, welche alle Elemente, die Herr von Bismarck nicht selbst heranzog oder denen er sich nicht selbst freiwillig hingab, ohne einen erkennbaren Zwang von sich fern hielt und alles, was mit niedriger Denkart oder hohler Selbstüberschätzung auch nur einen entfernten Grad von Verwandtschaft verriet, mit unverhohlenem Widerwillen und mit Verachtung von sich wies.«

Hier in Greifswald hatte Bismarck seinen letzten Zweikampf. Wie wenig blutgierig er aber dabei war, zeigte die Art seines Angriffes.

Das letzte Duell

»Mein Gegner«, erzählte er, »hatte eine sonderbare Mütze auf dem Kopf, obendrauf ein loser, baumelnder Tüpfel. Das Ding reizte mich; eine lange Zeit kaprizierte ich mich darauf, ihm diesen Tüpfel von der Mütze zu schlagen. Ich kam aber nicht dazu; es wollte nicht glücken. Zuletzt sah ich ein, daß ich bei diesem Unternehmen selber tüchtig in Gefahr kam — und ich machte der Sache auf andere Weise ein Ende.«

Auf die Zeit des Aufenthaltes zu Greifswald warf die Nachricht von dem Tode der Mutter einen tiefen Schatten. Sie hatte schon lange vorher gekränkelt, bis endlich ihre Kräfte erloschen. Am 1. Januar 1839 ist sie, noch nicht fünfzigjährig, in Berlin gestorben. Und die erste große Trauer des Lebens zog in das Herz der Söhne.

Noch war Bismarck im Staatsdienst. Nur ein Urlaub war ihm bewilligt worden. So reichte er am 22. Oktober 1839 endgültig den Antrag auf Entlassung ein. Das Assessorexamen hat Otto von Bismarck niemals bestanden; er blieb auch als Staatsmann Autodidakt. Jetzt aber hat er die Arme frei, jetzt kann er kämpfen, mitspielen bei energischen politischen Bewegungen, sich selbst durchsetzen, jetzt kann er das Recht der Individualität, der Meinung und Handlung bewahren, das Recht, nicht zu gehorchen, sondern zu befehlen. Wird das Land ihm Genüge geben? Wird der wilde Student in der Einsamkeit des pommerschen Gutes ausharren können? Die Geschichte hat die Antwort gegeben. Aber noch sollten Jahre vergehen, ehe er auch nur am bescheidensten Platze auf der Bühne der Welt erscheint. Es sind die Jahre des »wilden Junkers« von Kniephof, die umrankt sind von der ganzen Romantik der genialen Kraftzeit, und die doch für die innere Entwicklung und für das geistige Ausreifen dieser starken Persönlichkeit von so unendlicher Bedeutung sind.

Aber sind die Taten des wilden Junkers nicht in Wahrheit nur Explosionen eines zurückgedrängten Temperamentes? Steht nicht neben den tollen Streichen das Bild des ernsthaften Grüblers, der sich in Strauß und Feuerbach versenkt und immer tiefer »in die Sackgasse des Zweifels« gerät, der sich in Macchiavelli und Spinoza vertieft und in »trostloser Niedergeschlagenheit« zu der melancholischen Erkenntnis gelangt, daß sein und anderer Menschen Dasein zwecklos und unersprießlich sei? Hier schwärmt Bismarck für Byron, Lenau, Anastasius Grün. Er schreibt sich ihre Gedichte ab; er wird Pantheist und denkt sich Gott als einen, »der sich um ein solches Stäubchen nicht bekümmern kann«. Und bei allem bleibt er der Landedelmann, der auf Entenjagd geht, im Boote liegt, die Büchse zur Rechten, die Flasche Champagner zur Linken. Auch in die Fremde treibt es ihn, nach London, nach Norderney, auf die Seehundsjagd. Sein Augenmaß weitet sich immer mehr; sein Wissen vertieft sich.

Und dennoch bleibt er ein sorgsamer Landwirt. Noch ist ein Teil der von ihm geführten Rechnungsbücher erhalten; Spiritus, Korn, Wolle, Maschinen und Löhne, Steuern und Kreiskosten lösen einander ab. Aber das Glücksgefühl, im engen Kreise zu schaffen, sein eigener Herr zu sein, zu befehlen, wird doch seiner Stimmung nicht Herr. Das Gefühl, seine schäumende Kraft nicht am rechten Orte zu großen Aufgaben verwenden zu können, stimmt ihn immer wieder bitter. Und oft genug mochte es nur ein Versuch sein, sich gegen diese Schwermut, gegen die aus der Langeweile erwachsende Melancholie zu schützen, wenn er so recht zum tollen Junker wird, wenn er auf seinem treuen Kaleb weithin durch das pommersche Land jagt »über manche Meile weg, froh und traurig, wild und träge, an Heiden und Feldern, Seen und Häusern und Menschen vorbei«. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, sich in tollen Ritten, in starken Exzessen auszuleben, wo das eigentliche Ziel seiner Kraft ihm versagt schien, mochte ihn dazu treiben, die Einsamkeit, die ihn umwob, möglichst oft in Gesellschaft derber Gesellen zu durchbrechen, zu trinken, zu rauchen und zuweilen auch zu spielen oder durch Pistolenschüsse die Stille zu zerreißen.

Herr von Marwitz, ein Gutsnachbar, hat eine anschauliche Schilderung gegeben:

Vom Leben auf Kniephof

»Wenn ich nach langer Fahrt auf schlechten Wegen bei ihm in Kniephof ankam, wurde ein einfacher Imbiß aufgetragen; er nahm Porter und Sekt aus dem Wandschrank, setzte die Flaschen vor mich hin und sagte: ›=Help yourself=‹. Während ich mich stärkte, sprach er viel und anregend. Er hatte Reisen in Deutschland, Frankreich und England gemacht und las gewaltig viel, meistens Geschichtswerke. Er vertiefte sich auch gern in Spezialkarten, namentlich von Deutschland und die alte zwanzigbändige ›Erdbeschreibung‹ von Büsching, welche ausführliche Angaben über die meisten deutschen Landschaften enthält. Von sehr vielen Gütern in Pommern, in der Mark und im Magdeburgischen kannte er die Bodenverhältnisse, die Größen und sogar die zu verschiedenen Zeiten dafür gezahlten Kaufwerte. Auch über Politik sprach er gern, und was er sagte, klang manchmal ziemlich oppositionell, weil ihm die schleppende Geschäftsbehandlung bei den Regierungskollegien in Aachen und Potsdam mißfallen hatte. Er freute sich immer sehr, wenn man ihn besuchte; und wenn man fortfuhr, pflegte er die Gäste zu Pferde bis über seine Gutsgrenzen zu begleiten. Er war der verwegenste Reiter und stürzte öfters, einmal so gefährlich, daß ein anderer wohl nicht lebendig davongekommen wäre. Aber seine Riesennatur trotzte jeder Störung. Die meisten Besuche, auch auf weite Entfernungen, machte er zu Pferde und brachte lebendigen Verkehr in die ganze Gegend. Er war ein vorzüglicher Jäger und oft König der Jagd. In Kniephof war das Jagddiner immer einfach, doch saßen wir trinkend und rauchend gewöhnlich bis in die tiefe Nacht. Bismarck war ein starker Zecher, aber niemals hat ihn jemand berauscht gesehen. Eines Abends wollte ich mit einem Freunde von Regenwalde nach Naugard fahren. Es war schon spät, als wir durch Kniephof kamen, und wir beschlossen, dort die Nacht zu bleiben. Bismarck empfing uns sehr freundlich, sagte aber sogleich, er könne uns am anderen Morgen keine Gesellschaft leisten, da er schon um sieben Uhr nach Naugard fahren müßte. Das wollten auch wir. Er empfahl uns wiederholt, nicht so früh aufzubrechen, sagte aber endlich: ›Wenn ihr es denn nicht anders wollt, so werde ich euch um halb sieben wecken.‹ Es war ziemlich spät, als er uns die Treppe hinauf zum Schlafzimmer geleitete. Vor dem Einschlafen sagte mein Gefährte: ›Ich habe mehr getrunken, als ich gewohnt bin, und möchte morgen ausschlafen.‹ ›Das wird nicht gehen,‹ sagte ich, ›denn nach dem, was wir abgemacht haben, wird Bismarck uns um halb sieben mobil machen.‹ ›Abwarten‹, sagte der andere, verschloß die Tür und schob mit äußerster Kraftanstrengung einen schweren Schrank davor. Um halb sieben, es war schon hell, ruft Bismarck vor der Tür: ›Seid ihr fertig?‹ Keine Antwort. Er drückt vergebens auf die Klinke und stößt mit dem Fuße die alte Tür ein, kann aber des Schrankes wegen nicht weiter. Bald darauf ruft er im Hofe: ›Seid ihr fertig?‹ Kein Laut. Sogleich krachen zwei Pistolenschüsse, die Fenster klirren und Kalk von der angeschossenen Decke fällt auf das Bett meines Gefährten. Da gibt dieser das Spiel verloren, bindet ein Handtuch an seinen Stock und steckt es als Friedensfahne zum Fenster hinaus. Bald darauf waren wir unten. Bismarck empfing uns beim Frühstück mit gewohnter Liebenswürdigkeit, ohne seines kleinen Sieges zu erwähnen. — Später war ich einmal mit mehreren Bekannten zur Jagd in Kniephof. Die nach der Jagd erforderliche Reinigung dauerte bei uns ziemlich lange. Da fielen in kurzen Pausen fünf Pistolenschüsse; wir hörten, wie die Kugeln in die Fensterkreuze einschlugen. Otto amüsierte sich, uns zu necken. Niemanden fiel es ein, daß er hätte vorbeischießen und einen von uns treffen können, denn wir kannten seine Pistole als unfehlbar sicher; aber der Effekt der Schüsse war doch eine merkliche Beschleunigung unserer Vorbereitungen zum Diner. Dann gab es eine scharfe Sitzung. Am anderen Morgen fanden wir unseren Wirt nicht beim Frühstück, vermuteten ihn noch schlafend und fuhren ziemlich geräuschlos fort, um uns zur Jagd bei einem ziemlich entfernt wohnenden Nachbarn nicht zu verspäten. Dort kam Otto uns lachend entgegen; er war auf seinem Lieblingspferde Kaleb, einem großen schnellen Braunen, vorangeritten, um uns zu überraschen. Wegen solcher lustiger Streiche nannte man ihn damals den ›tollen Bismarck‹; wir wußten aber genau, daß er viel klüger war als wir alle zusammen. — Vor längerer Zeit ritt er eines Tages auf Kaleb neun Meilen (63 =km=), um in dem Badeorte Polzin den Abend zu tanzen und dabei eine vielumworbene junge Dame kennen zu lernen. Er machte ihr den Hof, schien ihr zu gefallen und dachte an Verlobung. Am folgenden Tage aber gab er diesen Gedanken auf, weil er erkannte, daß ihr Charakter nicht zu dem seinigen paßte. Tief verstimmt ritt er in der Nacht nach Hause. Quer durch einen Wald galoppierend, stürzte Kaleb in einen breiten Graben. Bismarck wurde mit dem Kopf gegen einen Hügel geschleudert und blieb einige Zeit bewußtlos liegen. Als er erwachte, sah er beim Mondschein den treuen Kaleb neben sich stehen, stieg auf und ritt ganz langsam nach Hause. Nach dieser Begebenheit, die ihn, wie er erzählte, einigermaßen erschüttert hatte, war eine Zeitlang wenig von ihm zu hören.«

»=C’est un peu haut!=« (Flugblatt 1870)]

Noch einmal erfaßte den jungen Bismarck, ehe er in den ruhigen Hafen der Ehe einlaufen konnte, eine heftige Neigung. Ottilie von Puttkamer, die Tochter der Gutsherrin von Pansin, war ihr Ziel. Auch hier hat er viel gelitten, aber auch hier hat er die Stimmung besiegt. Lakonisch schreibt er nach Jahr und Tag an seinen Freund Scharlach:

»Ich verliebte und verlobte mich abermals, erzürnte mich vierzehn Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um ihr Gerechtigkeit zu tun, eine der bösesten ist, die ich kenne, und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intrigen gelang es ihr, meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht für angemessen, die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüts zu zeigen und ihr mit einigen Schüssen auf Brüder u. dgl. der Ungetreuen Luft zu machen; ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer gegen Staub und markierte Feinde, und da ich auch im Drange dieser Taten meine Ruhe nicht fand, so brauchte ich das Universalmittel für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich. Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen, wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in einem tränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter (dreiundsiebzig Jahre, Witwer, taub), Sterben und Wiedersehen sprach, die Heimkehr anbefahl. Ich kam zurück — er starb nicht — und ich suchte in diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchigen Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende Gelangweiltheit durch alles, was mich umgibt, zu heilen, indem ich mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister wieder im Staatsdienst beschäftigen ließ und die angestrengte Arbeit in der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer Verwaltung als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um meinem teilnahmlos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Tätigkeit für den Körper herbeizuführen pflegt. Aber teils war mir die krähwinklige Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer Entwöhnung noch fataler als sonst, teils nötigten mich häusliche Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung usw., die Verwaltung meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier, unverheiratet, sehr einsam, neunundzwanzig Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen. Des Vormittags bin ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch kleide und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk, ohne besondere Wünsche oder Befürchtungen zu haben; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger Zustand.«

Die Enttäuschung in seiner Liebe war zweifellos der stärkste Antrieb zu Bismarcks großer Reise vom Jahre 1842. Von ihr erzählen uns seine Briefe aus London, Edinburg, York, Bern und Luzern. Mit seinem späteren Schwager Oskar von Arnim, den er unterwegs traf, gedachte er sogar nach Indien zu gehen, »einige Jahre Asiat zu spielen, um etwas Veränderung in die Dekoration der Komödie zu bringen« und seine Zigarren »am Ganges statt an der Rega zu rauchen«. Er wollte sogar in Indien unter englischer Fahne Dienst nehmen. »Indessen,« so schrieb er damals, »was haben mir die Indier zuleide getan? dachte ich mir.« In Norderney umgab ihn die große Welt; hier lernte er die Reize der Nordsee kennen; hier schrieb er die wundervollen Briefe an seine Schwester, in denen eine rein künstlerische Naturbetrachtung mit lachender Ironie und Selbstverspottung wechselt.

Köstlich ist auch ein Brief, in dem er eine phantastische Fuchsjagd mit seinem Vater schildert.

Die Fuchsjagd

»Nächstdem«, so schreibt er im Dezember 1844 aus Schönhausen an die Schwester, »lebe ich hier mit dem Vater lesend, rauchend, spazierengehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen eine Komödie mit ihm, die es ihm gefällt, Fuchsjagd zu nennen; wir gehen nämlich bei starkem Regen, oder jetzt sechs Grad Frost, mit Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermäßigen Vorsicht, lautlos unter sorgfältiger Beachtung des Windes einen Kieferbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater, unumstößlich überzeugt sind, daß, außer einigen Holz suchenden Weibern, kein lebendes Geschöpf darin ist. Darauf gehen Ihle, Karl und zwei Hunde unter Ausstoßung der seltsamsten und schrecklichsten Töne, besonders von seiten Ihles, durch den Busch; der Vater steht regungslos und aufmerksam mit schußfertigem Gewehr, genau als wenn er wirklich ein Tier erwarte, bis Ihle dicht vor ihm schreit: ›hu, la, la, he, he, faßt, häh, häh!‹ in den sonderbarsten Kehllauten. Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug von Verwunderung im Tone: nein, nicht das mindeste. Dann gehen wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem anderen Busch, dessen vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich gespielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen =dal segno=. So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne daß in Vater, Ihle und Fingal die Passion einen Augenblick zu erkalten scheint. Außerdem besehen wir täglich zweimal das Orangeriehaus und einmal die Schäferei, vergleichen stündlich die vier Thermometer in der Stube, rücken die Zeiger des Wetterglases und haben, seit das Wetter klar ist, die Uhren nach der Sonne in solche Übereinstimmung gebracht, daß nur die an der Bibliothek noch einen einzigen Schlag nachtut, wenn die anderen =a tempo= ausgeschlagen haben. Karl =V.= war ein dummer Kerl!«

Noch nicht ein Jahr später eilte Bismarck an das Sterbelager seines Vaters, und wenige Stunden nach seiner Ankunft, am 22. August 1845, drückte er ihm die Augen zu. Aber auf den schweren Verlust ist mit der Verlobung bald das glücklichste Ereignis in Bismarcks Leben gefolgt. Er war nach dem Tode des Vaters nach Schönhausen übergesiedelt, das er fortan neben Kniephof übernahm. Vorher war er vom Kreise Jericho zum Deichhauptmann ernannt. Schon vorher hatte er jene Tat vollbracht, deren Lohn sein erster Orden wurde, die Rettungsmedaille.

In der Stadtchronik von Lippehne befindet sich, von dem Ortspfarrer Stöhr niedergeschrieben, folgende Stelle:

Der erste Orden

1842. Freitag, den 24. Juni (Johannistag), gegen fünf bis sechs Uhr nachmittags, ließ der zur Übung hier anwesende Leutnant von Bismarck, zweiter Sohn des Rittmeisters a. D. von Bismarck, Gutsbesitzer auf Kniephof bei Naugard, in Begleitung des Herrn Leutnants von Klitzing, von Schneuden usw., seine Pferde im hiesigen Wendelsee, zwischen der Brücke und der rechts derselben von der Stadt aus gelegenen Gotthardtschen Gerberbank durch seinen Bedienten Johann August Ferdinand Hildebrandt und den Ulanen Wilhelm Kühl, beide aus Jarchelin bei Naugard, schwemmen. Die Herren Leutnants standen auf der Brücke. Hildebrandt ritt mit seinem Pferde zuerst in den See. Unstreitig dadurch, daß der Reiter die Zügel ungleich gefaßt, fing das Pferd an, im Kreise zu gehen. Indem der Reiter es herumreißen wollte, bäumte es auf und warf ihn in die Tiefe. Der Ulan Kühl sah dies und ritt schnell hinzu. Da aber das Vorland unter dem Wasser hier steil endet, so stürzte er über den Kopf des schnell heruntersinkenden Pferdes. Nun zog der Herr Leutnant von Bismarck schnell seinen Uniformrock aus, sprang von dem mindestens fünfzehn Fuß über dem Wasserspiegel hohen Brückengeländer in den See, riß zuerst den Kühl auf das Vorland zurück und brachte, im übrigen vollständig bekleidet und mit Glacéhandschuhen versehen, den Hildebrandt, der schon Wasser geschöpft hatte, aus der Tiefe wassertretend glücklich auf das Vorland, stellte, von ihm umfaßt, diesen, sobald er auf dem Vorland Grund erhalten hatte, auf, brachte ihn, nachdem er stehend zum Bewußtsein gekommen war, glücklich an das Ufer und bemühte sich, das eine noch im See schwimmende Pferd um die Gerberbank nach dem Gotthardtschen Garten zu treiben, was glücklich gelang. An derselben Stelle des Sees, wo schon mancher beim Schwemmen der Pferde seinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit seltenem Mut und ausgezeichneter Kraftanstrengung das Leben zweier Menschen. — Tatsächlich befinden sich in diesem Bericht einige Irrtümer, insofern, als Bismarck nicht zwei Menschen, sondern nur einen, seinen späteren langjährigen Reitknecht Hildebrandt, rettete, ohne auch vorher seinen Rock abzulegen. — Im Jahre 1866 schrieb der Pfarrer Stöhr auf das vergilbte Blatt der Chronik noch folgende Randbemerkung: Was hätte man geurteilt, als ich vor dem Herrn Leutnant von Bismarck im Hause Nr. 206 in der Stube links der Eingangstüre saß und ihn nach seinem werten Stand und Namen fragte, um die nachstehende Tat hier niederschreiben zu können, wenn ich ihm hätte sagen können: »Wie Sie heute Ihren Reitknecht aus dem hiesigen Wendelsee gezogen haben, so werden Sie einst Deutschland aus den trüben Wassern des alle geistige Entwicklung niederhaltenden Katholizismus und der österreichisch-habsburgischen Hauspolitik reißen und retten?«

Am Ufer des Wendelsees ist ein Denkmal errichtet, das Otto von Bismarcks kühne Tat verherrlicht. Ihm selbst wurde nach dieser Tat die Rettungsmedaille am Bande verliehen, die später Anlaß zu jener bekannten Szene in Frankfurt gab. Dort fragte ihn ein mit vielen Ordenssternen geschmückter österreichischer Staatsmann in spöttischem Tone, was die seltsame Gestalt der Denkmünze eigentlich bedeute, worauf Bismarck ihn mit den Worten abfertigte: »Je nun, ich habe die Gewohnheit, mitunter einem Menschen das Leben zu retten.«

Am 16. April 1847 konnte Bismarck der Schwester die Verlobung anzeigen. Er tat dies in der gewohnten humoristischen Form:

Die Verlobungsanzeige

»Malinka! Ich zeige Dir nunmehr alles Ernstes meine Verlobung an, die kein Geheimnis mehr ist. Ich erhielt in der vorigen Woche einen Brief von hier, der mir freistellte, herzukommen und die Antwort zu hören. Am Montag kam ich früh durch Angermünde, fuhr spurlos durch Naugard, und Dienstag, den 12., um Mittag war ich verlobt. Alles nähere, das maßlose Erstaunen der Kassuben, von denen die, welche nicht gleich rundum überschlugen, noch immer haufenweise auf dem Rücken liegen, den Verdruß der alten Damen, daß auch keine sagen kann: ich habe eine Silbe davon geahnt usw., will ich Dir mündlich erzählen. Einstweilen bitte ich nur Dich und Oskar, Euch in wohlwollende Verfassung für meine zukünftige Frau zu setzen, die Dir selbst noch schreiben wird. Reinfeld liegt hier dicht bei Polen, Bütow ist die nächste Stadt, man hört die Wölfe und die Kassuben allnächtlich heulen, und in diesem und den sechs nächsten Kreisen wohnen achthundert Menschen auf der Quadratmeile; =polish spoken here=. Ein sehr freundliches Ländchen. Herzliche Grüße an O. Dein treuer Bruder.«

Bismarck hatte die Frau, die ihn durch ein langes großes Leben geleiten sollte, bei der Hochzeit des ihm befreundeten jungen Ehepaares von Blankenburg kennen und auf einer gemeinsamen Reise in den Harz lieben gelernt. Von hier waren sie bereits als stillverlobtes Paar in die Heimat zurückgekehrt. Aber es hatte noch eine Zeitlang gedauert, ehe sie an das Ziel ihrer Wünsche gelangten. Denn der Ruf, den der tolle Junker genoß, machte die Zustimmung der frommen christlichen Eltern höchst unwahrscheinlich. Als Bismarck brieflich frank und frei um die Hand der Tochter anhielt, äußerte sich der Vater so wenig erfreulich, daß er später den Eindruck dieser Stunde in den Ausruf zusammenfaßte: »Ich war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen.« Die Mutter aber jammerte, daß der Wolf immer die frömmsten Schafe fresse; sie protestierte und weinte, bis schließlich Bismarck selbst auf dem Plan erschien. Mit den Worten »=all right=« zeigte er dann der Schwester den Sieg an.

Johanna

»Sie ist«, so schildern sie in jener Zeit die Freunde, »ein einzigfrommes, reines, tiefes Mädchen; in ihren Augen ist ein balsamischer Friedensglanz. Sie ist ein frischer sprudelnder Gesundbrunnen, eine schöne pikante Blume, über die noch nie ein Gifthauch gegangen ist, obwohl sie zwanzig Jahre alt ist. Sie hat nichts Schönes im Äußeren, als Augen und lange schwarze Locken, sieht sonst alt aus, spricht viel, witzig und munter mit jedem Menschen, Mann oder Weib.« »Sie ist äußerst gescheit«, so schreibt ein anderer Freund, »durch und durch musikalisch, die Züge haben nichts hervorstechend Antikes, sind aber äußerst lieblich; sie ist durch und durch ein geistreicher Student, höchst originell mit einem tiefen frommen Herzen, dem alle Pietisterei fremd ist, das mit der allerholdesten Kindereinfalt Walzer spielt, wie ich es noch nie gehört habe.« Und ein Dritter schildert sie: »Ein einzig tiefes Gemüt zum Glücklichmachen hat das schwarze Mädchen, eine warme, tiefe, starke, unentweihte Kraft der Liebe.«

Die Harzreise mit der Geliebten und den Freunden, die zwanglos fröhlichen Wandertage durch die Täler und über die Berge, die gemeinsame »grenzenlose Mondscheinhuldigung und Schwärmerei«, die entzückten Gespräche — niemals vielleicht hat das junge Paar solche reizvollen Tage voll Poesie erlebt, wie hier.

Mit der Verlobung steigerte sich Bismarcks Willen zu einem Leben der Tat, wuchs die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Welt. In denselben Wochen, die jetzt mit den wundervollen Briefen des jungen Bräutigams an die Braut erfüllt sind, mit Briefen, die uns die ganze poetische Kraft, das ganze feine und tiefe Künstlerempfinden des großen Mannes enthüllen, leistet er unermüdliche Arbeit nicht nur als Deichhauptmann, sondern auch auf dem Kreistage, im Patrimonium, auf allen Gebieten der Selbstverwaltung, die sich ihm erschließen. Hier atmet er auf, wenn die Elbe zu tosen beginnt: »Wenn sie alle Jahre so langweilig sanftmütig sein will, so würde ich das Kommando über ihre Fluten niederlegen. Ehe ich träge Pferde reite, gehe ich lieber zu Fuß. ... In ergebenem Gottvertrauen setz’ die Sporen ein und laß das wilde Roß des Lebens mit Dir fliegen über Stock und Block, gefaßt darauf, den Hals zu brechen, aber furchtlos, da Du doch einmal scheiden mußt von allem, was Dir auf Erden teuer ist, und doch nicht auf ewig.« Bald aber naht die Stunde, da er aus der Enge des Kreises heraustritt in das große politische Leben: Friedrich Wilhelm hatte den Vereinigten Landtag nach Berlin berufen; an Stelle des erkrankten Herrn von Brauchitsch zog Bismarck dorthin. Am 11. April hatte sich der Landtag versammelt, am 17. Mai ergriff dort bereits der junge Deichhauptmann von Bismarck das Wort. Seine Rede war kurz, aber sie war ein Glaubensbekenntnis für alle Zeiten. Sie war der mutige Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die sich bewußt und rücksichtslos gegen die allgemein gültige Auffassung stemmte.

Die erste Rede

Der Abgeordnete von Saucken hatte behauptet, daß die preußische Volkserhebung nicht nur aus dem Hasse gegen die napoleonische Fremdherrschaft hervorgegangen, sondern zum gleichen Teile auf die Hoffnung zurückzuführen sei, eine Verfassung zu erlangen. Da betrat der zweiunddreißigjährige Bismarck die Tribüne und rief aus: »Ich fühle mich gedrungen, dem zu widersprechen, was auf der Tribüne sowohl als außerhalb dieses Saales so oft laut geworden ist, als von Ansprüchen auf Verfassung die Rede war: als ob die Bewegung des Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte, und es eines anderen Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß Fremde in unserem Lande geboten. (Lautes Murren.) Es heißt meines Erachtens der Nationalehre einen schlechten Dienst erweisen (wiederholtes Murren), wenn man annimmt, daß die Mißhandlung und Erniedrigung, die die Preußen durch einen fremden Gewalthaber erlitten, nicht hinreichend gewesen seien, ihr Blut in Wallung zu bringen und durch den Haß gegen die Fremdlinge alle anderen Gefühle übertäubt werden zu lassen.« (Großer Lärm.) — Als die Abgeordneten Krause und Gier dagegen Verwahrung einlegten, daß jemand, der die Zeit von 1813 nicht mit durchgekämpft habe, ein derartiges Urteil fälle, bestieg Abgeordneter von Bismarck unter großem Lärm nochmals die Tribüne. Als der Lärm aber nicht nachließ, zog er eine Zeitung aus der Tasche, wandte der Versammlung den Rücken und las dann. Erst als der Lärm sich legte, nahm er wieder das Wort: »Ich kann allerdings nicht in Abrede stellen, daß ich zu jener Zeit nicht gelebt habe, und es tat mir stets aufrichtig leid, daß es mir nicht vergönnt gewesen, an dieser Bewegung teilzunehmen; ein Bedauern, das vermindert wird durch die Aufklärung, die ich soeben über die damalige Bewegung empfangen habe. Ich habe immer geglaubt, daß die Knechtschaft, gegen die damals gekämpft wurde, im Auslande gelegen habe; soeben bin ich aber belehrt, daß sie im Inlande gelegen hat, und ich bin nicht sehr dankbar für diese Aufklärung!« (Einige Stimmen: Bravo!)

Am 17. Mai 1847 als jugendlicher Liebhaber in der Rolle des Percy Heißsporn: »Ich kann nicht schmeicheln, glatte Zungen verschmäh’ ich!« (Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]

Bismarck selbst schrieb über diesen Vorgang nach Reinfeld: »Ich erregte gestern einen unerhörten Sturm des Mißfallens, indem ich durch eine nicht deutlich genug gefaßte Äußerung über die Natur der Volksbewegung von 1813 die mißverstandene Eitelkeit vieler von der eigenen Partei verletzte und natürlich das ganze Hallo der Opposition gegen mich hatte. Die Erbitterung war groß, vielleicht gerade, weil ich die Wahrheit sagte. ... Man warf mir meine Jugend und was sonst noch alles vor.« Und weiter: »Der Vater wird Dir erzählen, wie ich neulich hier in das Wespennest der Freiwilligen stach und die entrüsteten Hornissen auf mich her summten.« Ihn ergriff die Aufgabe, die ihm gestellt war. Aber rasch genug erkannte er doch auch die Schwächen all der Leute, die ihn umgaben, ihre Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei. So schreibt er kurz vor seinem Debüt: »Die heutige Sitzung war recht langweilig, unendliches Schwatzen, Wiederholen, Breittreten, Zeittotschlagen. Es ist merkwürdig, wieviel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im Verhältnis zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen Versammlung aufzudrängen wagen.« Es ist der Protest des Tatenmenschen gegen die Männer des Wortes; es ist der Protest eines Mannes, der die Urgebote des politischen Daseins, die Gebote der Macht, des Staates, der Volksgesamtheit erkennt und mit selbstverständlicher Naturgewalt lehrt. Schon hier entdeckt Erich Marcks mit Recht, hier in dieser harten Ausschließlichkeit und unvermischten, unverbildeten leidenschaftlichen Kraft den Granit zu Bismarcks historischer Größe.

Noch dreimal ergriff Otto von Bismarck in dieser ersten Tagung das Wort, immer im scharfen Gegensatz sich abhebend von der »importierten Phrasenschablone« des damaligen Liberalismus. Und jene wenigen Reden genügten, um ihn zur Hoffnung seiner Freunde, zum Grauen seiner Gegner zu machen. Man sieht in ihm den begabtesten Wortführer der Ultras, den schamlosen Junker. In Wahrheit aber war er in dieser kurzen Zeit zu einem Politiker geworden, mit dem die Zukunft rechnen mußte und auch bald genug gerechnet hat.

Die erste Karikatur des gewalttätigen, nach Blut riechenden Junkers. (Pausebild aus einer Zeitung 1848)]

Der Eindruck bei Hofe

»Bei den Hoffestlichkeiten,« erzählte nach langen Jahren Fürst Bismarck, »die während des Vereinigten Landtages stattfanden, wurde ich von dem König und der Prinzessin von Preußen in augenfälliger Weise gemieden, jedoch aus verschiedenen Gründen, von der letzteren, weil ich weder liberal noch populär war, von dem ersteren aus einem Grunde, der mir erst später klar wurde. Wenn er bei Empfang der Mitglieder vermied, mit mir zu sprechen, wenn er im Cercle, nachdem er der Reihe nach jeden angeredet hatte, abbrach, sobald er an mich kam, umkehrte oder quer durch den Saal abschwenkte: so glaubte ich annehmen zu müssen, daß meine Haltung als royalistischer Heißsporn die Grenzen überschritt, die er sich gesteckt hatte. Daß diese Auslegung unrichtig, erkannte ich erst einige Monate später, als ich auf meiner Hochzeitsreise Venedig berührte. Der König, der mich im Theater erkannt hatte, befahl mich folgenden Tags zur Audienz und zur Tafel, mir so unerwartet, daß mein leichtes Reisegepäck und die Unfähigkeit der Schneider des Ortes mir nicht die Möglichkeit gewährten, in korrektem Anzuge zu erscheinen. Mein Empfang war ein so wohlwollender und die Unterhaltung auch auf politischem Gebiete derart, daß ich eine aufmunternde Billigung meiner Haltung im Landtage daraus entnehmen konnte. Der König befahl mir, mich im Laufe des Winters bei ihm zu melden, was geschah. Bei dieser Gelegenheit und bei kleineren Diners im Schloß überzeugte ich mich, daß ich bei beiden allerhöchsten Herrschaften in voller Gnade stand, und daß der König, wenn er zur Zeit der Landtagssitzungen vermieden hatte, öffentlich mit mir zu reden, damit nicht eine Kritik meines politischen Verhaltens geben, sondern nur seine Billigung den anderen zurzeit nicht zeigen wollte.«

Am 28. Juli hat Bismarck die Braut heimgeführt. Die Hochzeitsreise führte die Neuvermählten über Dresden, Prag, Wien und Salzburg nach Italien und auf der Heimreise durch die Schweiz und das Rheinland. Friedlich im jungen Eheglück floß dem Paare die nächste Zeit dahin. Dann aber schäumten die Wellen der Revolution auch hinüber bis in ihr Heim, und aus dem idyllischen Leben von Schönhausen wurde Bismarck zum zweitenmal hinausgerissen in die Stürme, die damals die Welt durchtobten.

Im Strome der Politik

Die Zeit der deutschen Revolution mußte Otto von Bismarck nach seiner ganzen Entwicklung in schroffem Gegensatz nicht nur zu den Barrikadenkämpfern, sondern auch zu den Schwärmern finden, die später in der Paulskirche die Kaiserkrone schmieden wollten. Für ihn waren wie für Roon die Männer der Revolution nur eine »schwankende, ordnungslose, offenbar von fremden Meuterern aufgestachelte Menge«, eine niederträchtige Partei, die gar keine Wurzeln im eigentlichen Volke hatte. »Zwei- oder dreihundert Böswillige hetzen, tausend Hungrige und Trunkene lassen sich hetzen, fünf- bis sechstausend sehen dem Spektakel zu und bezahlen leider nicht selten mit ihrer Haut, was jene verschuldet.« Für Bismarck wie für Roon ist in jenen Tagen jede Konzession des Königs ein Zeichen der Schwäche; nur freiwillig dürfen Preußens Herrscher geben, nicht gezwungen.

Bismarck erhielt die erste Kunde von den Ereignissen des 18. und 19. März 1848 im Haus eines Gutsnachbarn, zu dem sich Berliner Damen geflüchtet hatten. Es ist charakteristisch für ihn, daß ihn nicht so die politische Tragweite der Vorgänge, wie die Erbitterung über die Ermordung der Soldaten in den Straßen in tiefster Seele packte. Bald aber schlugen die Wellen der Revolution auch bis nach Schönhausen hinüber. Er erzählt darüber:

Er unternimmt eine Gegenrevolution

»Am 20. meldeten mir die Bauern in Schönhausen, es seien Deputierte aus dem dreiviertel Meilen entfernten Tangermünde angekommen, mit der Aufforderung, wie in der genannten Stadt geschehen war, auf dem Turme die schwarzrotgoldene Fahne aufzuziehen, und mit der Drohung, im Weigerungsfalle mit Verstärkung wiederzukommen. Ich fragte die Bauern, ob sie sich wehren wollten; sie antworteten mit einem einstimmigen und lebhaften ›Ja‹, und ich empfahl ihnen, die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger Beteiligung der Weiber besorgt wurde. Ich ließ dann eine in der Kirche vorhandene weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des eisernen, auf dem Turm aufziehen und ermittelte, was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig und ließ Pulver durch Boten von Jerichow nach Rathenow holen. Dann fuhr ich mit meiner Frau auf umliegende Dörfer und fand die Bauern eifrig bereit, dem Könige nach Berlin zu Hilfe zu ziehen, besonders begeistert einen alten Deichschulzen Krause in Neuermark, der in meines Vaters Regiment ›Karabiniers‹ Wachtmeister gewesen war. Nur mein nächster Nachbar sympathisierte mit der Berliner Bewegung, warf mir vor, eine Brandfackel in das Land zu schleudern, und erklärte, wenn die Bauern sich wirklich zum Abmarsch anschicken sollten, so werde er auftreten und abwiegeln. Ich erwiderte: ›Sie kennen mich als einen ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder.‹ — ›Das werden Sie nicht‹, meinte er. — ›Ich gebe mein Ehrenwort darauf,‹ versetzte ich, ›und Sie wissen, daß ich das halte, also lassen Sie das.‹«

Der Berliner Schwindel

Als die groteske Heldenschar, die Bismarck vereinigt hatte und die unter seiner Leitung eifrig auf den Sandbergen übte, der Meinung war, genügend kriegstüchtig ausgebildet zu sein, trat eines schönen Tages der Ackerbürger Schilling gelegentlich einer Pause aus der Front, und vor dem Kommandanten salutierend, redete er diesen wie folgt an: »Herr Deichhauptmann (von Bismarck), nun führen Sie uns man druf, wir wollen mal ein Ende machen mit dem Berliner Schwindel!«

Die Nelke

Ein gewisser zorniger Humor verließ Bismarck nicht. Dafür spricht eine Anekdote von seiner Fahrt nach Potsdam, wohin er eilte, entschlossen, sich vor der Brust seines Königs niedermetzeln zu lassen. Er fuhr in einem Coupé zweiter Klasse, in dem sich auch ein Handlungsreisender, ein frecher und lästiger Mensch, befand, der fortwährend räsonierte und auf die Regierung und alles mögliche schimpfte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren, behielt Bismarck den Sohn Merkurs im Auge und trat diesem auf dem Perron mit vernichtenden Blicken unerwartet nahe, so daß derselbe erschrocken zurückwich, doch Bismarck folgte ihm mit unheimlichem Blick, und der geängstigte Kommis fand sich im Zurücktreten plötzlich mit dem Rücken an einer Wand, seinen Verfolger mit entsetzten Blicken anstarrend. »Wie heißen Sie?« wetterte Bismarck ihn an. »Nelke heiße ich.« »Nehmen Sie sich in acht, Sie Nelke Sie! oder ich werde Sie pflücken, daß es nur so knacken soll.« Sprach’s und wendete dem Gestraften verächtlich den Rücken.

Es war Bismarck nicht beschieden, sich für den König zu opfern. Vergebens bemühte er sich auch, dem König und seinen nächsten Verwandten etwas von dem Mute zu übertragen, der ihn selbst entflammte. Er fand keine Stätte für seine Wirksamkeit, keine Neigung zu energischem Verhalten. Und so kehrte er resultatlos nach seinem Gute zurück, sein preußisches Herz von Zorn und Empörung erfüllt, aber doch nicht an der Zukunft verzweifelnd. Der Schmerz, der ihn erschütterte, brach aus, als er am 2. April im Landtag das Wort ergriff, um mit wenigen Freunden gegen die Adresse zu stimmen, in der die Abgeordneten dem König den Dank des Landes für die Märzerrungenschaften aussprechen wollten. Er konnte seine Erklärung nicht zu Ende bringen; ein Weinkrampf überfiel ihn und zwang ihn, von der Tribüne herabzusteigen. Bei dem Satze: »Wenn es wirklich gelingt, auf diesem neuen Weg ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch nur gesetzmäßigen Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung meinen Dank aussprechen kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich«, brach ihm die Stimme. Die Adresse wurde fast einstimmig angenommen. Und die Vorgänge verwundeten das Gefühl des jungen Politikers so stark, daß er sich weder in den verfassunggebenden preußischen Landtag noch in das Frankfurter Parlament wählen ließ. Denn er erwartete weder hier noch dort die Lösung der großen Fragen, die in der Tat erst durch ihn ihre Antwort finden sollten. Seine politische Tätigkeit beschränkte sich in der nächsten Zeit auf eine Reihe von Versammlungen und Zeitungsartikeln, in denen er im monarchischen Sinn Einfluß zu gewinnen suchte. Aber auch am Königshofe trug sein entschlossenes Auftreten seine Früchte. Er wurde wiederholt nach Sanssouci berufen, und er durfte als einer der ersten den aus England heimkehrenden Prinzen von Preußen auf der Wildparkstation bei Potsdam begrüßen. Und schon jetzt wird er der Ratgeber der Mächtigen, holt ihn der König herbei, ihn um seine Meinung zu fragen. Daß er aber kein Schmeichler war, sondern auch dem König offen und ehrlich seine Meinung sagte, auch wenn sie wenig erfreulich klang, das bezeugt sein Bericht von einer Audienz im Juni.

Er sagt dem König die Wahrheit

»Nach der Tafel führte mich der König auf die Terrasse und fragte freundlich: ›Wie geht es bei Ihnen?‹ In der Gereiztheit, die ich seit den Märztagen in mir trug, antwortete ich: ›Schlecht.‹ Darauf der König: ›Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.‹ Darauf ich, unter dem Eindrucke von Anordnungen, deren Inhalt mir nicht erinnerlich ist: ›Die Stimmung war sehr gut, aber seit die Revolution uns von den königlichen Behörden unter königlichem Stempel eingeimpft worden, ist sie schlecht geworden. Das Vertrauen zu dem Beistande des Königs fehlt.‹ In dem Augenblicke trat die Königin hinter einem Gebüsche hervor und sagte: ›Wie können Sie so zu dem Könige sprechen?‹ — ›Laß mich nur, Elise,‹ versetzte der König, ›ich werde schon mit ihm fertig werden‹; und dann zu mir gewandt: ›Was werfen Sie mir denn eigentlich vor?‹ — ›Die Räumung Berlins.‹ — ›Die habe ich nicht gewollt‹, erwiderte der König. Und die Königin, die noch in Gehörweite geblieben war, setzte hinzu: ›Daran ist der König ganz unschuldig; er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen.‹ — ›Ein König muß schlafen können‹, versetzte ich. Unbeirrt durch diese schroffe Äußerung sagte der König: ›Man ist immer klüger, wenn man von dem Rathause kommt, was wäre denn damit gewonnen, daß ich zugäbe, ›wie ein Esel‹ gehandelt zu haben? Vorwürfe sind nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder aufzurichten, dazu bedarf ich des Beistandes und tätiger Hingebung, nicht der Kritik.‹ Die Güte, mit der er dies und Ähnliches sagte, überwältigte mich. Ich war gekommen in der Stimmung eines Frondeurs, dem es ganz recht sein würde, ungnädig weggeschickt zu werden, und ging vollständig entwaffnet und gewonnen.«

Auf Bismarcks Rat ist dann der tüchtige Graf Brandenburg an die Spitze der Regierung berufen worden; seinem Einfluß war auch wohl in erster Linie der Entschluß des Königs zu verdanken, die Truppen unter Wrangel in Berlin einrücken zu lassen und so der Revolution ein wenig rühmliches Ende zu bereiten. Von der Stimmung Bismarcks aber in jener Zeit zeugt ein Wort, das er damals zu seinem späteren Gegner Beust gesprochen hat und das dieser uns in seinen Erinnerungen bewahrte:

Ich muß ihn vernichten

»Es war meine erste Begegnung mit Fürst Bismarck. Ich war befreundet mit dem späteren Gesandten in Dresden, Herrn von Savigny, dessen Wohnung sich dicht neben dem von mir bewohnten Haus in der Wilhelmstraße befand. Eines Morgens, als ich ihn besuchte, empfing er mich mit den Worten: ›Ich habe einen Besuch im Hause, Herrn von Bismarck, von dessen Auftreten auf dem Vereinigten Landtage Sie gehört haben müssen.‹ Gleich darauf trat Herr von Bismarck ein, im Schlafrock, mit der langen Pfeife. Das Gespräch wandte sich sofort der eben eingegangenen Nachricht von der Erschießung Robert Blums zu, wobei ich die Ansicht äußerte, es sei dies vom österreichischen Standpunkt ein politischer Fehler. Als ich diese Äußerung tat, fiel Bismarck sofort mit den Worten ein: ›Ganz falsch, wenn ich einen Feind in der Gewalt habe, muß ich ihn vernichten.‹ Dieses Ausspruchs habe ich mich mehr als einmal erinnert.«

So trat Bismarck ein Jahr später, als der Antrag auch in Amnestierung der Rebellen im Landtag eingebracht war, durchaus folgerichtig gegen diesen Antrag auf, der ihm ein erneutes Zeichen der Schwächlichkeit schien. »Die weinerliche Sentimentalität des Jahrhunderts,« so rief er aus, »die in jedem fanatischen Rebellen, in jedem gedungenen Barrikadenkämpfer einen Märtyrer findet, werde mehr Blutvergießen herbeiführen, als eine starre und entschlossene Gerechtigkeit.« Charakteristisch für die Anschauungen, die der junge Abgeordnete in jenen Tagen hegte, sind einige Anekdoten, die Temme und von Unruh in ihren Erinnerungen erzählen:

Gehängt wird er doch

Die Mitglieder der verschiedenen »Abteilungen« des Landtags wurden durch das Los bestimmt und saßen nicht nach den Parteien geschieden beieinander, da dort keine politischen Fragen, sondern rein geschäftliche des Hauses erledigt wurden. In eine dieser Sitzungen kam der kleine demokratische Abgeordnete d’Ester, der sich durch Bismarcks Ausfall gegen die »Tyrannenblut«-Sänger besonders getroffen fühlen mochte, »biergefrühstückt« an und wandte sich an den Abgeordneten für Westhavelland mit den Worten: »Herr von Bismarck, Sie sind gegen uns unter allen Leuten Ihrer Partei immer artig und höflich gewesen. Wir wollen Ihnen darum ein Kartell vorschlagen: wenn wir die Oberhand behalten, so schonen wir Sie, ist’s umgekehrt, so tun Sie das mit uns.« Bismarck aber lehnte freundlich ab, indem er bemerkte: »Wenn Ihre Partei siegt, d’Esterchen, so ist es nicht mehr der Mühe wert, zu leben; kriegen wir dagegen die Oberhand, so wird gehenkt, aber Höflichkeit bis zur letzten Galgensprosse.« In der Erinnerung an diesen Vorfall sagte von Unruh zu Bismarck: »Nun, wissen Sie was, wenn Ihre Partei siegt, so nehmen Sie mich in Schutz, und kommt meine Partei oben, so werde ich Ihnen denselben Dienst leisten. Schlagen Sie ein.« »Sehr gern«, erwiderte Bismarck, dessen Achtung für Herrn von Unruh bedeutend höher stand als für Herrn d’Ester, obwohl er auch den Sieg der Partei Unruh nicht fürchtete. Acht Jahre später sah sich Unruh veranlaßt, Bismarck an diese scherzhafte Abrede zu erinnern und seine Vermittlung in Anspruch zu nehmen, und Bismarck hielt Wort.

An den Verhandlungen der Idealisten in der Paulskirche hat Bismarck, wie gesagt, nicht teilgenommen. Er taugte nicht in die Mitte dieser schwärmerischen, in ihren Hoffnungen zerfließenden Versammlung. Aber er hat dennoch Stellung genommen zu dem vornehmsten Thema, das dort beraten wurde, zur deutschen Verfassungsfrage. Und auch hier mußte ihn die Logik der inneren Entwicklung in die Reihe der Gegner treiben.

Das Bild, das eine der ersten Karikaturen auf Bismarck bildet, zeigt ihn als Nebenfigur in der Gruppe der Kreuzzeitungspartei, deren Mittelpunkt die Herren von Gerlach und Stahl bilden, während im Hintergrunde Wagener und Gödsche als Don Quichotte und Sancho Pansa figurieren. Auf der rechten Seite Stahls schreitet der Abgeordnete von Bismarck, dessen Panzer die Form eines Krebses hat, in der Linken seinen Stammbaum, in der Rechten eine Geißel tragend. Die Verse, die unterschrieben sind, lauten: »Es hält Sankt Stahl des Esels Zaum, Sankt Gerlach führt die Truppen, zur Seite steht Herr Bismarck treu, der Erzschelm in Panzer und Schuppen. Und die sich als Landsknechte mit ihren Mähren quetschen, das ist Herr Wagener-Don Quichotte mit Sancho Pansa-Gödschen.« (»Kladderadatsch«, 4. Nov. 1849)]

So geschah es, daß ihm auf jene Rede, in der er das Recht des Preußentums mit heißer Leidenschaft vertrat, in der er das wundervolle Bekenntnis ablegte: »Preußen sind wir und Preußen wollen wir bleiben, und ich hoffe zu Gott, daß wir auch noch lange Preußen bleiben werden, wenn dieses Stück Papier vergessen sein wird, wie ein dürres Herbstblatt,« ein Führer der Liberalen, Herr von Beckerath, zurufen konnte: »Wo viel Licht ist, da muß auch viel Schatten sein; das große deutsche Vaterhaus muß auch ~einen verlorenen Sohn~ haben.«

Bismarck ist auch Mitglied des Parlaments zu Erfurt gewesen, in das er als das zweitjüngste Mitglied einzog; hier sollte das »Statut« zwischen Preußen, Hannover und Sachsen beraten werden. Herr von Bismarck ist hier Schriftführer geworden. Aus späten Zeiten erzählte August Reichensperger von dieser Tätigkeit des märkischen Junkers einen niedlichen Scherz.

Der Schreiber des jüdischen Gelehrten

Als der eben zum Präsidenten des Erfurter Volkshauses gewählte Simson die Liste der unter den Fraktionen vereinbarten Sekretäre verlas und »Herr von Bismarck« zuletzt verlesen ward, stand Bismarck am Fuße der Tribüne neben mir und richtete an mich die Worte: »Mein seliger Vater würde sich dreimal im Grabe herumdrehen, wenn er hörte, daß ich Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden sei.« Der Fürst bemerkte lachend, dessen entsinne er sich nicht mehr, worauf ich sagte: »Diesen jüdischen Gelehrten haben Sie nun zum Präsidenten des Reichsgerichts gemacht.« Darauf erwiderte er, mit einer Handbewegung auf seine Person: »Ja, was nicht alles aus einem werden kann.«

Noch etwas boshafter stellte sich Herr von Bismarck einem der anderen Würdenträger der Versammlung, Herrn von Gagern, gegenüber. Er selbst erzählte einmal, wie Herr von Manteuffel eine Verständigung zwischen den Konservativen und Gagerns Freunden, den sogenannten Gothaern, suchte:

Die Phrasengießkanne

»Er nahm mich und Herrn von Gagern dazu, und so wurden wir eines Tages zu einem =souper à trois= bei ihm eingeladen. Zuerst wurde wenig oder gar nichts von Politik gesprochen. Dann aber ergriff Manteuffel einen Vorwand, uns allein zu lassen. Als er hinaus war, sprach ich sogleich von Politik und setzte Gagern meinen Standpunkt auseinander, und zwar in ganz nüchterner, sachlicher Weise. Da hätten Sie aber Freund Gagern hören sollen. Er machte ein Jupitergesicht, hob die Augenbrauen, sträubte die Haare, rollte mit den Augen, und schlug sie gen Himmel, daß es ordentlich knackte, dann sprach er zu mir mit seinen großen Phrasen, wie wenn ich eine Volksversammlung wäre. Natürlich half ihm das bei mir nichts. Ich erwiderte kühl, und wir blieben auseinander wie bisher. Als Manteuffel dann wieder hereingekommen war und der Jupiter sich entfernt hatte, fragte mich jener: ›Nun, was haben Sie zustande gebracht miteinander?‹ ›Ach,‹ sagte ich, ›nichts ist zustande gekommen. Das ist ja ein ganz dummer Kerl. Hält mich für eine Volksversammlung — die reine Phrasengießkanne! Mit dem ist nicht zu reden.‹«

Er hatte eine Rede im Landtag mit den Worten geschlossen: »Wenn der Herr Abgeordnete (Harkort) die Äußerung wiederholt hat, daß die Regierung dem Volke mißtraue, so kann ich ihm sagen, daß auch ich allerdings der Bevölkerung der großen Städte mißtraue, solange sie sich von ehrgeizigen und lügenhaften Demagogen leiten läßt, daß ich aber dort das wahre preußische Volk nicht finde. Letzteres wird vielmehr, wenn die großen Städte sich wieder einmal erheben sollten, sie zum Gehorsam zu bringen suchen, und sollte es sie vom Erdboden vertilgen.« (»Kladderadatsch«, 28. März 1852)]

Auch ein heftiges Renkontre mit seinem Präsidenten hatte hier Bismarck:

Der renitente Schriftführer

Auf der Journalistentribüne des Erfurter Volkshauses saßen u. a. zwei Journalisten, deren österreich-feindliche Berichte Bismarcks besonderes Mißfallen erregt hatten. Der eine dieser Herren war der Braunschweiger Ludwig v. Rochau, der begeisterte nationale Kämpfer und spätere Historiker, der wegen seiner Beteiligung an den burschenschaftlichen »Umtrieben« und namentlich an dem Frankfurter Attentat zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt, aber nach Paris entflohen und erst im Jahre 1848 nach Deutschland zurückgekehrt war, wo er bis 1851 für Zeitungen schrieb. Er war damals in Erfurt ein ebenso untadeliger deutscher Patriot wie später, da er als Historiker und Abgeordneter des norddeutschen Reichstags für Bismarcks Politik in trefflichen Schriften und Reden eintrat. Der Name des anderen Urhebers von Bismarcks Mißvergnügen ist von keiner Bedeutung. An diese beiden Herren richtete nun Bismarck ein amtliches Schreiben, welches unterzeichnet war: »Das Schriftführeramt des Volkshauses zu Erfurt, von Bismarck.« In diesem Schreiben zeigte er den Herren an, daß ihnen die Plätze auf der Journalistentribüne entzogen würden, wenn sie fortführen, ihre Berichte in einem Österreich feindlichen Sinne zu schreiben. Der eine Betroffene mit dem minder bekannten Namen wandte sich einfach an =Dr.= Simson mit der Anfrage, ob denn dieser erstaunliche Erlaß mit Wissen des Präsidenten des Volkshauses ergangen sei. Rochau dagegen hielt diese Frage für überflüssig, da er in dem Ukas des »Schriftführeramtes« nur eine unzweifelhaft ganz ungehörige Eigenmächtigkeit des ihm damals wenig sympathischen Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen erblickte. Er schrieb daher dem Herrn von Bismarck einen recht scharfen und beleidigenden Brief. Fast zu gleicher Zeit empfing Präsident Simson die Nachricht von dem ungewöhnlichen Vorfall, nämlich durch das Schreiben des minder Berühmten und durch das persönliche Verlangen Bismarcks, ihm selbst volle Genugtuung gegen den frechen Rochau zu verschaffen. Simson richtete darauf an Bismarck vorläufig nur die Frage, ob dieser im Namen des »Schriftführeramtes des Volkshauses zu Erfurt« die beiden Schreiben an die beiden Gentlemen gerichtet habe, was Bismarck mit der Zuversicht einer guten und gerechten Tat bejahte. Darauf wurde der »Schriftführer des Volkshauses«, der zugleich anklagte und verklagt war, vom Präsidenten auf eine frühe Abendstunde zu einer Unterredung unter vier Augen eingeladen. Von dem, was dann hier weiter vorgegangen ist, war Präsident Simson noch nach fast zwanzig Jahren, da er dem Verfasser dieses Ereignis erzählte, einigermaßen erregt: »Bis nach Mitternacht rangen wir förmlich gegeneinander in Worten, so daß die Wände erdröhnten«, berichtete er etwa von dieser Szene. »Sie müssen sich eben diesen gewaltigen Mann um fast zwanzig Jahre jünger denken.« Schließlich fügte sich aber Bismarck doch den Vorstellungen Simsons, indem er seinen Ukas zurücknahm. Simson dagegen entzog Herrn v. Rochau den Sitz auf der Berichterstattertribüne, da er sich zu einem Widerruf der an Herrn von Bismarck-Schönhausen gerichteten Beleidigungen nicht verstehen wollte.

Revolutionszeit]

Noch ein anderer Scherz aus jener Zeit ist für Bismarck bezeichnend:

Ein Brausekopf

Die Plätze in der Versammlung waren mit schwarzrotgoldenen Bändchen geschmückt, die Herr von Hagen besorgt hatte, um auf den großdeutschen Gedanken anzuspielen. Bismarck kam in den Saal und ersetzte sofort diese Schleifen durch schwarzweiße Bänder. Herr von Hagen selbst war Zeuge der Bismarckschen Tätigkeit. Am anderen Tage schilderte er Herrn von Radowitz den Vorgang mit der Bemerkung, daß er den betreffenden Herrn, der seine Idee so nachdrücklich perhorresziert hatte, nicht kenne. Radowitz ließ sich den Betreffenden schildern und meinte dann: »Ach, das war der Bismarck, der Brausekopf! Na, er wird die Welt auch nicht umreißen!« Herr von Radowitz hat sich, wie die Zukunft bewies, recht stark geirrt.

Am Schlusse des Erfurter Tages schrieb Bismarck in Stahls Stammbuch die Worte ein, die dieser selbst in einer Rede gebraucht hatte: »Darum ist unsere Losung nicht: Bundesstaat um jeden Preis, sondern: Unversehrtheit der preußischen Krone um jeden Preis.« Aber auch Erfurt brachte dem jungen preußischen Heißsporn kein Genüge. Er sieht keine Wirkung auf die Zukunft voraus, und er hat auch keine Freude mehr an diesem Staate selbst, der den Gang nach Olmütz antreten mußte. Und es sollte bald die Zeit kommen, wo sich auch manches in seinen innersten Überzeugungen wandeln sollte. Denn als er in die praktischen Geschäfte eintrat, da erkannte er, daß aus dem Zuschauerraum die politische Welt doch anders aussieht, als wenn man hinter die Kulissen tritt, daß man sie anders beurteilt, solange man als Dilettant, ohne das Gefühl schwerer persönlicher Verantwortung, an ihr mitwirkt, als wenn man in jeder Stunde sich der Folgen jedes einzelnen Schrittes bewußt ist. Er hat, wie er selbst es ausspricht, in Frankfurt im Amte erkannt, daß viele der Größen, mit denen er einst gerechnet hatte, nicht existierten, und er hat vor allem die warme Zuneigung für Österreich, die ihn vorher beseelte, verloren, weil eben das Österreich, an das er geglaubt hatte, überhaupt nicht existierte.

Bismarck ging nach Frankfurt; als Mann von sechsunddreißig Jahren hatte er endlich den Weg gefunden, auf dem sein Genius sich entfalten konnte.

erlaubt sich Kladderadatsch, seine gehorsamste Vorstellung bei Herrn von Bismarck-Schönhausen zu machen~

»Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. — Geben Sie Gedankenfreiheit! — !!! —«]

Karikatur aus der Revolutionszeit]

Frankfurt

Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung hat Friedrich Wilhelm =IV.= den tapferen Junker aus der Altmark ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten, durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz, ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke. Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen. In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des Staates.

Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck:

Wir wollen es versuchen

»Nachdem ich auf die plötzliche Frage des Ministers Manteuffel, ob ich die Stelle eines Bundesgesandten annehmen wolle, einfach mit ja geantwortet hatte, ließ der König mich zu sich bescheiden und sagte: ›Sie haben viel Mut, daß Sie so ohne weiteres ein Ihnen fremdes Amt übernehmen.‹ Ich erwiderte: ›Der Mut ist ganz auf seiten Eurer Majestät, wenn Sie mir eine solche Stellung anvertrauen, indessen sind Eure Majestät ja nicht gebunden, die Ernennung aufrechtzuerhalten, sobald sie sich nicht bewährt. Ich selbst kann keine Gewißheit darüber haben, ob die Aufgabe meine Fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr nähergetreten bin. Wenn ich mich derselben nicht gewachsen finde, so werde ich der erste sein, meine Abberufung zu erbitten. Ich habe den Mut zu gehorchen, wenn Eure Majestät den haben zu befehlen.‹ Worauf der König: ›Dann wollen wir die Sache versuchen.‹«

»Er wird schön hausen«

Der »Kladderadatsch« begrüßte Herrn von Bismarcks Ernennung mit den Worten Zwickauers: Also Hörr von Büsmarck würd ßum Bundestag nach Frankfurt am Mäun geschückt. Ich glaube, sogleuch er würklich geschückt ist, würd dort Herr von Bismarck schön hausen.

Bismarcks letzte Erkenntnis aus den Frankfurter Jahren lag in dem Satze: »Ich sehe in unserem Bundesverhältnis ein Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später =ferro et igni= heilen müssen.« Aber er hat schon früh die Erkenntnis gewonnen, daß die Trennung von Österreich die letzte Lösung des Rätsels sei. Und noch früher gewann er die Überzeugung von der ganzen öden Nichtigkeit und Wichtigtuerei dieser Zopfdiplomaten, die in Frankfurt wie einst auf dem seligen Regensburger Reichstag sich über Quisquilien stritten. Schon acht Tage nach seinem Eintreffen in Frankfurt schrieb er an seine Frau die berühmten Worte:

Sie kochen alles mit Wasser

»Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien, mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel, nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer. Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt, was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier steckt.«

An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später: »Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht. Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten, die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.«

1851 ~als Mephistopheles in der Hexenküche~:

»Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)]

Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine Geschichte aus der Militärkommission:

Die Bundeszigarre

»Bei diesen Sitzungen hatte,« so erzählte Bismarck in Versailles, »als mein Vorgänger von Rochow Preußen vertrat, Österreich allein geraucht. Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher gewiß auch gern getan, getraute sich’s aber nicht. Als ich nun hinkam, gelüstete mich’s ebenfalls nach einer Zigarre, und da ich nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen und Mißvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für so wichtig, daß sie darüber nach Hause berichteten. Die Sache erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes Jahr, daß nur die beiden Großmächte rauchten. Da begann auch Schrenkh, der bayerische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiß auch große Lust dazu, aber wohl keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er indes das nächstemal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine genehmigte, muß er, der eifrig österreichisch war — er hatte dort Söhne in der Armee — sich mit Rechberg verständigt haben; denn er zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte. Nun waren nur noch der Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderten es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der Württemberger eine Zigarre heraus — ich sehe sie noch, es war ein langes, dünnes, hellgelbes Ding — und rauchte sie als Brandopfer für das Vaterland wenigstens halb. Nur Hessen-Darmstadt entzieht sich.«

Schon diese unscheinbare Geschichte verlieh dem Namen Bismarck in Preußen eine gewisse Volkstümlichkeit; sie hat später zu einer sehr ernsten parlamentarischen Szene geführt. Noch eine andere Zigarre aber spielte eine gewisse Rolle: Als Bismarck den österreichischen Kollegen besuchte, empfing ihn der hochmütige Herr recht formlos, rauchte seine Zigarre weiter und hielt es nicht für nötig, seinem Besucher einen Stuhl anzubieten. Da zog Bismarck eine Zigarre aus der Tasche und ersuchte den ungastlichen Herrn um Feuer.

Überhaupt bietet gerade der Aufenthalt in Frankfurt ein besonders reiches Material an anekdotischen Vorgängen. Sie mögen hier in bunter Reihe folgen:

Beim alten Metternich

Der greise Staatsmann residierte in jener Zeit auf dem Johannisberg. Bismarck besuchte ihn dort und gewann ihn schnell. Wie er aber die rasche Eroberung des alten argwöhnischen Zuchtmeisters von Europa fertig brachte, das erzählte er später dem Grafen Thun auf dessen erstaunte Frage: »Ich weiß nicht, was haben Sie nur dem alten Fürsten angetan, der hat ja in Sie wie in einen goldenen Kelch hineingesehen?« »Ja,« erwiderte Bismarck, »das will ich Ihnen erklären; ich habe seine Geschichten ruhig angehört und nur manchmal an die Glocke gestoßen, daß sie weiter klang. Das gefällt solchen redseligen Leuten.«

Wie Bismarck eine Depesche absandte

Der Vertreter Hannovers hatte die Besorgnis, daß seine Briefschaften durch »Konnivenz der Post« zur Kenntnis des Bundestagspräsidiums gelangten, und richtete an seinen preußischen Kollegen die Frage, wie er es anfange, seine Depeschen ungeöffnet passieren zu lassen. Bismarck forderte ihn auf, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und führte ihn in eine entlegene Gasse, wo nur kleine Leute und Gewerbetreibende der bescheidensten Art ihre Wohnung hatten. Dort angelangt, zog er zum Erstaunen seines Begleiters Handschuhe an und trat dann mit ihm in einen Krämerladen. Hier fragte er den Heringsbändiger: »Habt Ihr hier auch Seife?« — »Jawohl.« — »Welche Sorten?« — Der Kommis nannte verschiedene und legte Bismarck einige Stücke vor, von denen dieser ein besonders stark riechendes wählte und in seine Tasche gleiten ließ. Dann fragte er nach Briefkuverten, und der Verkäufer legte ihm einige solche der ordinärsten Art vor. Darauf zog Bismarck eine Depesche aus der Brusttasche seines Rockes, steckte sie in das Kuvert, forderte Tinte und Feder und fing an, die Adresse zu schreiben. Aber mit den Handschuhen ging das nicht, er bat daher den Krämerkommis, diese Arbeit für ihn zu besorgen, und der junge Mann tat dies willig genug. Nun steckte Bismarck die Depesche in die Tasche zu der Seife und sagte auf der Straße zu dem Hannoveraner: »So, unter dieser Aufschrift und diesem aus den Düften von Seife, Heringen, Talg und Käse zusammengesetzten Parfüm sollen sie nun einmal meine Depesche herausschnüffeln!«

Alle vorm Feinde erworben

Bei einer Parade, zu der auch ein österreichischer General in vollem Ordensschmuck erschienen war, war auch Bismarck anwesend und hatte zu Ehren des Gastes seine preußische Landwehruniform mit sämtlichen Orden angelegt, die ihm die Höflichkeit der Bundesstaaten zugedacht hatte. Der General begrüßte auch Bismarck und frug ihn, indem er auf dessen Orden zeigte, mit leiser Ironie und feiner Anspielung auf die damals drohende Kriegsgefahr und die passive Rolle, die Preußen während der Kriegsereignisse im letzten Jahrzehnt gespielt hatte: »Schaun S’, Exzellenz! alle vorm Feinde erworben?« »Jawohl,« entgegnete Bismarck gewandt, »alle vorm Feinde in Frankfurt a. M. erworben!«

Der Streit mit Rechberg

Mit dem Nachfolger des Grafen Thun, dem Grafen Rechberg, geriet Herr von Bismarck wiederholt in Konflikte. Einmal in Rechbergs Zimmer wurde der Streit so heftig, daß der Graf ausrief: »Ich werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.« »Wozu diese Umstände,« erwiderte Bismarck, »Sie haben hier ja wohl Pistolen, dann machen wir die Sache sogleich in Ihrem Garten ab. Während Sie das Schießgerät zurechtmachen, schreibe ich einen Bericht über den Handel, den ich eintretendenfalls nach Berlin zu schicken bitte.« So geschah es. Als der Bericht geschrieben war, ersuchte Bismarck den Grafen, die Richtigkeit zu prüfen. Rechberg las und sagte, jetzt wieder kälteren Blutes, »es ist alles richtig — aber«, rief er dann aus, »uns deshalb die Hälse zu brechen, wäre doch über die Maßen töricht.« — »Ganz einverstanden«, schloß Bismarck. Etwas später kam Rechberg zu Bismarck, um diesem in einer Wiener Depesche den ihm erteilten Auftrag zu zeigen, in der nächsten Sitzung bei einer wichtigen Frage ebenso wie Preußen zu stimmen. Bismarck überflog das Schreiben und gab es mit den Worten zurück: hier ist wohl ein Irrtum vorgefallen. Rechberg sah in das Blatt hinein, erschrak, wurde blaß: es war ein vertraulicher Begleitbrief mit der Weisung, zwar selbst für Preußen zu stimmen, aber alles zu tun, um das gemeinsame Votum durch die übrigen Gesandten verwerfen zu lassen. Er hatte die beiden Schreiben verwechselt. »Beruhigen Sie sich,« sagte Bismarck, »Sie haben mir den Brief nicht geben wollen, also haben Sie ihn mir nicht gegeben, also ist sein Inhalt mir völlig unbekannt.« In der Tat hat er ihn nie nach Berlin berichtet, um so mehr aber Rechbergs Vertrauen für alle Zeit gewonnen.

Bismarck als Hehler

Herrn von Keudell erzählte Bismarck einmal, wie er einem polizeilich verfolgten jungen Mann zur Flucht verhalf: »Ich erhielt vor kurzem von Berlin den Auftrag, die hiesige Polizei zu veranlassen, einen politisch kompromittierten Jüngling zu verhaften. Nun ist es wirklich nicht wohlgetan, einen fähigen jungen Menschen, der auf einen falschen Weg geraten ist, durch Verfolgung und Bestrafung als Umstürzler abzustempeln. Es ist sehr möglich, daß er von selbst zur Vernunft kommt, wie es manchen Achtundvierzigern ergangen ist. Ich erstieg also frühmorgens die drei Treppen zu der Wohnung des jungen Mannes und sagte ihm: »Reisen Sie so schnell als möglich ins Ausland.« Er sah mich etwas verwundert an. Ich sagte: »Sie scheinen mich nicht zu kennen; vielleicht fehlt es Ihnen auch an Reisegeld? Nehmen Sie hier einige Goldstücke und machen Sie, daß Sie schnell über die Grenze kommen, damit man nicht sagt, daß die Polizei wirksamer operiert als die Diplomatie. Am folgenden Tage hat die Polizei ihn natürlich nicht mehr gefunden.«

Wie er seine Glocke bekam

In seiner Mietwohnung vermißte Bismarck einen Glockenzug, durch den es ihm möglich gewesen wäre, seinen Diener aus dem oberen Stockwerk in das Arbeitszimmer herabzurufen. Er ließ den Hausherrn ersuchen, eine solche Klingel beizustellen, allein der Patrizier, ohnehin dem »Preußen« nicht sehr grün, gab zur Antwort, daß seine Mietparteien in der Regel derartige besondere Wünsche auf eigene Kosten befriedigen müßten, und er wüßte nicht, warum in diesem Falle eine Ausnahme gemacht werden solle. Einige Tage später knallte ein Pistolenschuß durch das Haus. Erschreckt durcheilte der Eigentümer alle Räume und kam endlich in Bismarcks Arbeitszimmer, wo die noch rauchende Pistole auf dem Tische lag, der ebenfalls rauchende Bismarck aber ruhig hinter seinen Akten saß. »Um Himmels willen, was ist geschehen?« rief der Hausherr. »Gar nichts,« versetzte Bismarck, »seien Sie ganz unbesorgt. Ich habe nur meinem Diener oben ein Zeichen geben wollen, daß er kommen soll. Es ist ein ganz harmloses Signal, an das Sie sich hoffentlich gewöhnen werden.« Man braucht wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Bismarck in kürzester Zeit seine Glocke bekam.

Amschel Rothschild

Vom Ahnherrn der Rothschilds, dem alten Amschel, erzählte Bismarck gern Anekdoten. Er wurde hierzu besonders vor Paris angeregt, wo er im Hause eines Rothschild wohnte. So erzählte er: Rothschild habe einmal in seiner Gegenwart mit einem Getreidehändler über einen Weizenverkauf gesprochen. Dabei sagte der Händler zu ihm, als reicher Mann habe er doch nicht nötig, den Preis des Weizens so hoch zu stellen. — »Was, reicher Mann?« erwiderte der alte Herr. »Ist mein Weizen darum weniger wert, weil ich ein reicher Mann bin?« — Er gab übrigens Diners, die seinem Reichtum alle Ehre machten. Ich erinnere mich: einmal war der jetzige König in Frankfurt, und ich lud ihn zu Tische. Darauf hatte ihn Rothschild auch einladen wollen. Der Prinz aber hatte ihm gesagt, das möchte er mit mir ausmachen, er äße sonst ebenso gern bei ihm als bei mir. Er kam nun und wollte, ich sollte ihm Seine Königliche Hoheit abtreten, ich könnte ja bei ihm mitessen. Ich schlug’s ihm ab. Da hatte er die Naivität, zu meinen, sein Diner könnte ja zu mir ins Haus gebracht werden, er äße doch nicht mit — er genoß nämlich nur Koscheres. Ich lehnte auch diesen Vorschlag zur Güte ab — natürlich, obwohl sein Diner ohne Zweifel besser war als das meinige. — Ferner habe ihm der alte Metternich — der mir beiläufig sehr wohl wollte, schaltete er ein — mitgeteilt, als er einst bei Rothschild gewohnt, habe ihm der bei der Abreise nach dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem sich auch sechs Flaschen Johannisberger Schloß befanden. Auf dem Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst hätte seinen Weinverwalter kommen lassen und ihn gefragt, was die Flasche bei ihm koste. — Zwölf Gulden, hätte er geantwortet. — So, nun dann schicken Sie dem Baron Rothschild die sechs bei der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu fünfzehn Gulden, weil sie dann älter geworden sind.

Wollen wir ein Geschäftchen machen?

Als die Nachricht von der Abberufung des russischen Gesandten in Paris eintraf, schrieb Bismarck an Gerlach am 3. Februar 1854: »Gestern erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß Kisseleff Paris verlasse. Ich war gerade auf dem Klub und besann mich, wen ich wohl am besten damit erschrecken könnte. Mein Auge fiel auf Rothschild; er wurde kreidebleich, als ich es ihm zu lesen gab. Sein erster Ausruf war: ›Hätte ich das heute früh gewußt‹, sein zweiter: ›Wollen wir morgen ein Geschäftchen zusammen machen? Exzellenz riskieren nichts dabei!‹ Ich lehnte es freundlich dankend ab und überließ ihn seiner erregten Stimmung.«

Sie sind a scheener Mann

In einem Briefe an seinen »Liebling« Johanna schildert Bismarck in liebenswürdig drastischer Form den alten Amschel: »Er gefällt mir, weil er eben ganz Schacherjude ist und nichts anderes vorstellen will, dabei ein streng orthodoxer Jude, der bei seinen Diners nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. ›Johann, nimm dir epps Brot, vor die Rehcher‹, sagte er zu seinem Diener, als er ging, mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Damwild ist. ›Herr Beraun, die Pflanze koscht mich zweitausend Gülden, uff Ehre, zweitausend baare Gülden, laß se Ihne vor tausend. Oder wolle Se habe geschenkt, so soll er se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott, ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind a scheener Mann, e braver Mann‹; dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues Männchen, der älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem Palaste, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht behandelt von vornehm französierten und englisierten Neffen und Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe.«

Die Frankfurter

Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn, um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh, der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.«

Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach. Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim, bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.«

Er sagt stets das Unerwartete

Die gemütvolle Wärme und Innigkeit der Bismarckschen Häuslichkeit hatte von Anfang an eine »gewählte Schar geistig regsamer Freunde angezogen«. Hier fand auch Bismarck selbst »nach Arbeit und geschäftlichem Mißbehagen die liebste Erholung in der Musik, durch welche ihn seine Gemahlin im Verein mit den Töchtern des bekannten Malers Jakob Becker von Worms zu erfreuen pflegte«. »Am Teetisch«, schildert es uns ein Gast des Bismarckschen Hauses in Frankfurt, der abends die Heimgekehrten im lauschigen Gemach zu vereinigen pflegte, »erschien mitunter auch der preußische Gesandte, lächelnd, wenn die Hausfrau statt des chinesischen Trankes ein Glas mit jener vortrefflichen Mischung aus Porterbier und Champagner ihm vorsetzte, die von den Studenten ›Menschenfreund‹ genannt wird. Neckend oder ernst wußte er dann, oft nur mit einem hingeworfenen Wort, das Gespräch in seiner originellen Weise zu färben, und die ihm eigene sprühende Unterhaltungsgabe war in Frankfurt bald sprichwörtlich. ›Er sagt stets das Unerwartete!‹, pflegten die Damen auszurufen, indem ihr Gesicht zugleich Stolz und weibliche Bewunderung für ihn ausdrückte. Auch bedurfte es dort, wo er im kleinen Kreise zugegen war, längst nach Mitternacht noch eines kräftigen Entschlusses, um das Behagen der Stunde durch den Aufbruch zu stören.«

Otto tanzt mit Malwine

Über den Verlauf der Mittagessen bei dem preußischen Bundestagsgesandten schreibt ein der Gesandtschaft als Attaché beigegebener Kavallerie-Offizier: »Hier gab es besondere Gemütlichkeit, namentlich wenn etwa die Rüljer Geschwister kamen oder gar die Kröchelndorfer Arnims. Wer, der die Frau Malwine von Arnim in ihren jüngeren Jahren gekannt, hat sich je dem Zauber dieser vornehmen und geistvoll anmutigen Weiblichkeit zu entziehen vermocht? Noch steht mir ein Vorgang vor Augen, der sie eben in jenen Eigenschaften unendlich reizvoll hervortreten ließ. Die Mittagstafel war beendet. Während derselben hatten die Geschwister förmlich und für die übrigen Anwesenden sehr ergötzlich sich geneckt und fuhren damit fort, bis sie, der Bruder die Schwester am Arm führend, einen schmalen langen Gang erreicht hatten, der das Speisezimmer mit den übrigen Wohnräumen verband. Hier faßte Bismarck plötzlich das schlanke Frauenbild, und nun flogen die beiden in einer Walzergaloppade vor uns übrigen her den Korridor hinab. Frau von Arnim stieß sich beim Halt ziemlich empfindlich die Hand am Türrahmen, und nun mußte man die ritterliche Art des um seine Schwester bemühten Bruders sehen und die Grazie, mit welcher diese jenem zulieb ihr schmerzhaftes Unbehagen hinwegleugnete. Ein allerliebster Augenblick.«

Ein Ball bei Bismarcks

Etwa vierhundert Personen waren bei dem Ball im Februar 1855 erschienen, den Bismarcks gaben, darunter die Mitglieder des diplomatischen Korps, die regierenden Bürgermeister, das Offizierkorps sowie die Frankfurter Hautevolee. Auch aus Mainz waren Offiziere der dortigen Garnison sowie mehrere Fremde von Distinktion anwesend. Auf dem Feste waren Karneval und kriegerische Zeit durch ein Menuett vertreten, das von jüngeren Mitgliedern des diplomatischen Korps sowie von preußischen und österreichischen Offizieren in den verschiedenen Militärtrachten des vorigen Jahrhunderts ausgeführt wurde. Die mitwirkenden Damen waren in der entsprechenden Hoftracht der Rokokozeit kostümiert. Es boten sich Kontraste von einst und jetzt der Ost- und Westmächte. Auf raschen Galopp und Polka-Masurka in schnellem Takt folgte in der gemessenen Weise des alten Dessauer ein Menuett, dessen eine Kolonne von einem preußischen Offizier, die andere von einem Attaché der französischen Gesandtschaft geführt wurde. Der angenehme Eindruck, den diese Überraschung auf die Stimmung der Gesellschaft hervorbrachte, gab dem Feste ebensosehr einen erhöhten Reiz, wie der Anblick der reichen und geschmackvollen Kostüme der Vergangenheit, die sich mit den glänzenden Toiletten des Tages zu einem heiteren Ganzen vereinigten. Die Musik zu den Tänzen wurde von dem Musikkorps des 38. Infanterie-Regiments ausgeführt. Um ein Uhr begab sich die Gesellschaft zum Souper, dem ein Kotillon folgte, welcher das Ballfest beschloß.

Über Bismarcks Frankfurter Haus schreibt Motley in einem Brief an seine Frau:

Seine Häuslichkeit

»Es ist eines der Häuser, wo jeder tut, was er will. Die Empfangszimmer liegen in der Vorderseite des Hauses. Die von der Familie benutzten Räume, ein Salon und das Speisezimmer, sind nach hinten hinaus gelegen und haben die Aussicht in den Garten. Hier ist alles versammelt: jung und alt, Großeltern und Kinder und Hunde; da wird gegessen, getrunken, geraucht, Piano gespielt und Pistolen geschossen (im Garten). Alles zu gleicher Zeit. Es ist ein Haushalt, wo einem alles angeboten wird, was auf Erden nur immer gegessen oder getrunken werden kann: Portwein, Sodawasser, Lagerbier, Champagner, Burgunder, Bordeauxwein sind immer vorhanden, und jeder raucht beständig die besten Havannazigarren.«

Wenig konnte sich Bismarck mit Herrn von Prokesch, einem der späteren Vertreter Österreichs, verstehen. Als er noch einmal nach Frankfurt zurückkehrte, obwohl man an seine Abberufung geglaubt hatte, begrüßte ihn Bismarck mit sanftem Hohn:

Beginnen wir ein neues Leben

»Mein erstes Wiedersehen mit Prokesch«, so schreibt der preußische Staatsmann nach Hause, »war beiderseits frei von Verlegenheit. Die sanfte Heiterkeit, deren Maske er trug, fand ihren Ausdruck auch in der Farbe seiner Handschuhe, die von zartestem Himmelblau und ausnahmsweise ganz neu waren. Es schlug gerade zwölf am 2. Juli, und ich bemerkte beiläufig, daß dieser Augenblick genau die Mitte des Jahres sei, worauf er mit durchbrechender Herzlichkeit meine Hand ergriff und sagte: ›Wohlan, so vergessen wir die Leiden und Sorgen des alten Jahres, und beginnen wir ein ganz neues.‹«

~Bismarck, Frankreich die Haare strählend.~ (Der »Floh«, November 1870)]

Sie sind unverbesserlich

In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen: »Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter. »Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹, erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten hatte.«

Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen. Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren. Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei. Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben, sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck, durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage seines Systems erwählte.

Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik, sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen.

Warum nicht nach Leipzig und Roßbach?

Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der bedrohlichen Äußerung hinreißen: »=La politique que vous faites, va vous conduire à Jena=«, worauf Bismarck erwiderte: »=Pourquoi pas à Leipzig ou à Roßbach?=« Moustier war eine so unabhängige Sprache in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »=Enfin toute nation a perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec vous un cours d’histoire.=« Die Unterhaltung kam nicht wieder in Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel, der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe.

Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle.

Reisepech

... Von hier habe ich Dir, soviel ich weiß, noch nicht geschrieben, und hoffe, daß es auch künftig nicht wieder vorkommt. Ich habe mich so viel besonnen, ob doch gestern nicht am Ende Freitag war, als ich abreiste; ein =dies nefastus= war es sicherlich; in Gießen kam ich in ein hundekaltes Zimmer mit drei nicht schließenden Fenstern, zu kurzes, zu schmales Bett, schmutzig, Wanzen; infamer Kaffee, noch nie gekannt so schlecht. In Guntershausen kamen Damen in die erste Klasse, und das Rauchen hörte auf, eine höhere Geschäftsdame mit zwei Kammerjungfern, Zobelpelz; sprach abwechselnd mit russischem und englischem Akzent Deutsch, sehr gut Französisch, etwas Englisch, war aber meiner Ansicht nach aus der Reezenjasse in Berlin, und die eine Kammerfrau ihre Mutter oder ältere Geschäftsfreundin. Zwischen Guntershausen und Gerstungen platzte ganz sanft eine Röhre an der Lokomotive; das Wasser lief aus; da saßen wir einundeinhalb Stunden lang im Freien, recht hübsche Gegend und warme Sonne. Ich hatte mich in die zweite Klasse gesetzt, um zu rauchen, da fiel ich einem Berliner Kammer- und Geh.-Rats-Kollegen in die Hände, der jetzt vierzehn Tage Homburg getrunken hatte und mich im Beisein einiger Meßjuden fragte und zur Rede stellte, bis ich verzweifelt wieder zur Prinzessin aus der Reezenjasse heimkehrte; durch den Aufenthalt kamen wir drei Stunden zu spät nach Halle; der Berliner Zug war längst fort; ich muß hier schlafen und morgen früh per Güterzug um halb eins reisen, um zwei ankommen. Hier am Bahnhof sind zwei Gasthöfe, aus Versehen bin ich in den falschen geraten; ein Gendarm ging im Saal auf und ab und musterte bedenklich meinen Bart, während ich ein müffiges Beefsteak aß. Ich bin sehr unglücklich, werde nun aber noch den Rest Spickgans zu mir nehmen, etwas Portwein trinken und dann zu Bette gehen ...

An den Landtagsverhandlungen selbst nahm Bismarck nur mit großer Zurückhaltung teil, doch geriet er trotzdem einmal in einen schweren Konflikt.

Das Duell mit Vincke

Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber, ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei, gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt, sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte, da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er (Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges. Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater) zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant, um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März. Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht, und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft. Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich gefehlt haben.«

Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort ergriff.

Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland, Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn er damals den Antrag angenommen hätte!

Beim blinden König

Die Verhandlungen mit König Georg führten zu einer langen Unterredung zwischen dem jungen Staatsmann und dem Könige. Die Audienz fand ohne Zeugen statt. »Während derselben«, so erzählte später Bismarck, »nahm ich mit Erstaunen wahr, wie nachlässig der blinde Herr bedient war. Die ganze Beleuchtung des großen Zimmers bestand in einem Doppelleuchter mit zwei Wachskerzen, an denen schwere metallene Lichtschirme angeklemmt waren. Der eine fiel infolge Niederbrennens der Kerze mit einem Geräusch, wie der Schlag auf ein Gong, zu Boden; es erschien aber niemand, befand sich auch niemand im Nebenzimmer, und ich mußte mir von dem hohen Herrn die Stelle der Klingel bezeichnen lassen, die ich zu ziehen hatte. Diese Verlassenheit des Königs war mir um so auffälliger, als der Tisch, an dem wir saßen, mit allen möglichen amtlichen oder privaten Papieren so bedeckt war, daß einzelne bei Bewegungen des Königs herunterfielen und von mir aufgehoben werden mußten. Nicht weniger auffällig war es, daß der blinde Herr mit einem fremden Diplomaten, wie ich, ohne jede ministerielle Kenntnisnahme stundenlang verhandelte.«

Im Sommer 1855 kam Bismarck auf Einladung des preußischen Gesandten Grafen Hatzfeldt zum Besuch der Industrieausstellung nach Paris. Dort lernte er den künftigen Gegner von Sedan und Kaiserin Eugenie sowie die Paladine des neuen Kaiserreiches, aber auch die Königin Viktoria und den Prinzgemahl Albert von Koburg kennen. Die Eindrücke jener Reise haben lange in seinem Gedächtnis gehaftet.

Sehr anmutig plaudert er noch in späten Jahren von den Eindrücken, die er von den Parisern und vom Hofe gewann:

Pariser Leben

»Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch, der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat, vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen, wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens, dem beobachtenden Blick eines uniformierten =agent de police=, =gendarmes=, =municipal=, und wie sie alle heißen, zu begegnen; man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: =circulez, s’il vous plaît=. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines Gefängnisschließers sagte: =Pissez, s’il vous plaît, changez de chemise, s. v. pl.= Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt hat. Der Franzose sagt: =c’est précisément ce qu’il nous faut; le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec l’esprit français=. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.«

In den Tuilerien

»Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen, »war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame. Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet. Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen =Patronesses=-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren, nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin mit italienischem Titel aus dem ersten =Empire= bezeichnet hatte, sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »=mais vous ne passerez pas sans carte=«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte, machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch. Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen, wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem Mangel einer Verabredung der =dames patronesses= erklärt. Der alte Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird; nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation. Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit und des guten Benehmens durchmachen konnte.«

Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen des Königs.

Aber dumm, dumm!

»Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon; sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck, daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann, aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran gewöhnt, ihn als eine Art =génie du mal= zu betrachten, das immer nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte, ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr. Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als sein Kopf.‹«

Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte, entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten Freunde Gerlach wechselte:

Ich bin preußisch

»Berliner Nachrichten«, so schrieb er, »sagen mir, daß man mich am Hof als Bonapartisten bezeichnet. Man tut mir unrecht damit. Im Jahre 50 wurde ich von unseren Gegnern verräterischer Hinneigung zu Österreich angeklagt, und man nannte uns die Wiener in Berlin; später fand man, daß wir nach Juchten rochen, und nannte uns Spree-Kosaken. Ich habe damals auf die Frage, ob ich russisch oder westmächtlich sei, stets geantwortet, ich bin preußisch, und mein Ideal für auswärtige Politiker ist die Vorurteilsfreiheit, die Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung oder der Vorliebe für fremde Staaten und deren Regenten. Ich habe, was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, und ich würde, sobald man mir nachweist, daß es im Interesse einer gesunden und wohldurchdachten preußischen Politik liegt, unsere Truppen mit derselben Genugtuung auf die französischen, russischen, englischen oder österreichischen feuern sehen. In Friedenszeiten halte ich es für mutwillige Selbstschwächung, sich Verstimmungen zuzuziehen oder solche zu unterhalten, ohne daß man einen praktischen politischen Zweck damit verbindet, und die Freiheit seiner künftigen Entschließungen und Verbindungen vagen und unerwiderten Sympathien zu opfern.«

Es ist ein wundervolles Bild, das sich schon in diesen wenigen Sätzen vor unseren Augen entrollt. Klar und sicher schöpft Bismarck aus seinem weitsehenden und umfassenden Geiste die Grundsätze einer rücksichtslos nach dem Erfolge strebenden Politik, und unbekümmert um alle Feindseligkeiten selbst der besten Freunde hält er an diesen Grundsätzen fest, und er führt sie zum Siege.

Auch nach Kopenhagen und dem skandinavischen Norden führt ihn der Weg. Wieder kommt die Jagdlust über ihn, selbst aus Näsbyholm und Tomsjonäs und später aus Kurland fliegen die Briefe in die Heimat. Ein Ausschnitt:

In Sumpf und Busch

Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren, um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken, Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen, bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume, unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern. Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr, tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen. Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt. Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird, weiß ich noch nicht.«

Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm =IV.= sich die ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht. Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten, mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen.

Petersburg und Paris

In Frankfurt hat sich Bismarck aus dem jungen konservativen Heißsporn, als der er dorthin ging, nicht nur zu einem Staatsmann entwickelt, der das ganze Gebiet der diplomatischen Routine beherrschte, sondern er hat auch einen tiefen Einblick in die inneren Zusammenhänge, in die Persönlichkeiten und Notwendigkeiten gewonnen. Immer fester war seine Überzeugung geworden, daß die nationale Entwicklung Preußens und Deutschlands auf eine kriegerische Entscheidung mit Österreich drängte. Noch widerstreiten die Ideen, die in Berlin lebendig wurden, seinen eigenen Auffassungen in schroffer Weise, und doch fällt schon am Schluß seiner Tätigkeit in dem Briefe an Schleinitz das Wort vom »Blut und Eisen«, und die scheinbaren Sympathien, die ihn an Napoleon knüpfen, sind im Grunde nichts anderes als das Ergebnis einer kühlen realpolitischen Auffassung.

Aber noch trat Bismarck nicht auf seinen geschichtlichen Posten. Herr von Schleinitz übernahm die Nachfolgerschaft Manteuffels, ein Mann, der frühzeitig von einer grimmigen Eifersucht auf Bismarck erfüllt war und der doch nur, als er ihn in Petersburg »kaltzustellen« suchte, die Bahnen verfolgte, auf denen die Vorsehung ihren Liebling zum höchsten Ziele zu geleiten gedachte. Aber die Schwierigkeiten, die er überall fand, wirkten doch tief auf seine Stimmung, zumal da er erkannte, daß fast alle, die im Rate des Prinzregenten saßen, nur mittelmäßige Köpfe, vielfach auch nur Höflinge waren, daß sich unter ihnen aber keine einzige staatsmännische Kapazität befand. In dieser Stimmung schrieb er wohl melancholisch an die Schwester:

Nach neune ist alles vorbei

»Will man mich lediglich aus Gefälligkeit für Stellenjäger disponieren, so werde ich mich unter die Kanonen von Schönhausen zurückziehen und zusehen, wie man in Preußen auf linke Majoritäten gestützt regiert, mich auch im Herrenhause bestreben, meine Schuldigkeit zu tun. Abwechslung ist die Seele des Lebens, und hoffentlich werde ich mich um zehn Jahre verjüngt fühlen, wenn ich mich wieder in derselben Gefechtsposition befinde wie 1848/49. Wenn ich die Rollen des Gentleman und des Diplomaten nicht mehr miteinander verträglich finde, so wird mich das Vergnügen oder die Last, ein hohes Gehalt mit Anstand zu depensieren, keine Minute in der Wahl beirren. Zu leben habe ich nach meinen Bedürfnissen, und wenn mir Gott Frau und Kind gesund erhält wie bisher, so sage ich: ›=vogue la galère=‹, in welchem Fahrwasser es auch sein mag. Nach vierzig Jahren wird es mir wohl gleichgültig sein, ob ich jetzt Diplomat oder Landjunker spiele, und bisher hat die Aussicht auf frischen ehrlichen Kampf, ohne durch irgendeine amtliche Fessel geniert zu sein (gewissermaßen in politischen Schwimmhosen), fast ebensoviel Reiz für mich als die Aussicht auf ein fortgesetztes Regime von Trüffeln, Depeschen und Großkreuzen. Nach neune ist alles vorbei, sagt der Schauspieler.«

Die Ernennung Bismarcks zum Gesandten am Petersburger Hofe erfolgte erst am 29. Januar 1859. Sein letzter Bericht aus Frankfurt beschäftigt sich mit italienischen Fragen, deren Entwicklung alsbald so außerordentliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Aber erst im März verließ er die Stadt am Main, um seinen neuen Posten anzutreten. Sehr hoffnungsvoll sah er, namentlich in materieller Beziehung, der neuen Stellung nicht entgegen. So schreibt er an den Bruder: »Eine Wohnung ist in Petersburg überhaupt nicht. Werther gab bisher 4600 Taler Miete, ohne Möbel. Für den Umzug und die neue Einrichtung gibt man mir 3000 Taler; darüber hinaus werde ich meinen baren Schaden auf über 10000 anschlagen können. Ich muß sehen, wie ich später durch Ersparnisse wieder zu meiner Auslage komme.« Auf der Durchreise durch Berlin sprach Bismarck auch den Präsidenten der preußischen Nationalversammlung, Herrn von Unruh. In dieser charakteristischen Unterhaltung enthüllte Bismarck zum Erstaunen des liberalen Politikers offen das Programm, dem er in Zukunft folgen werde. Wir staunen vor der Klarheit und Treffsicherheit seiner Auffassung. Denn hier bekannte Bismarck, daß er nicht mehr der Junker sei, als den ihn Unruh in der Kammer kennen lernte, daß er den Deutschen Bund mit seiner Kleinstaaterei aufs härteste verdamme und daß er in der Zukunft, wenn es gelten werde auch Österreich zu überwinden, nur ~einen~ Aliierten kenne, auf den er außer auf sein altes Preußen rechne: das deutsche Volk.

Ehe Bismarck nach Petersburg abreiste, hatte er noch ein merkwürdiges Erlebnis:

Levinstein

Bismarck erzählt: »Während des Aufenthalts in Berlin hatte ich Gelegenheit, von der Verwendung der österreichischen geheimen Fonds, der ich bis dahin nur in der Presse begegnet war, einen praktischen Eindruck zu gewinnen. Der Bankier Levinstein, welcher seit Jahrzehnten bei meinen Vorgesetzten und in deren vertraulichen Aufträgen in Wien und Paris mit den Leitern der auswärtigen Politik und mit dem Kaiser Napoleon in Person verkehrt hatte, richtete am Morgen des Tages, auf den meine Abreise festgesetzt war, das nachstehende Schreiben an mich: ›Ew. Exzellenz erlaube ich mir noch hiermit ganz ergebenst gutes Glück zu Ihrer Reise und Ihrer Mission zu wünschen, hoffend, daß wir Sie bald wieder hier begrüßen werden, da Sie im Vaterlande wohl nützlicher zu wirken vermögen als in der Ferne. Unsere Zeit bedarf der Männer, bedarf Tatkraft, das wird man hier vielleicht etwas zu spät einsehen. Aber die Ereignisse in unserer Zeit gehen rasch, und ich fürchte, daß für die Dauer doch der Friede kaum zu erhalten sein wird, wie man auch für einige Monate kitten wird. Ich habe heute eine kleine Operation gemacht, die, wie ich hoffe, gute Früchte tragen soll, ich werde später die Ehre haben, sie Ihnen mitzuteilen. — In Wien ist man sehr unbehaglich wegen Ihrer Petersburger Mission, weil man Sie für prinzipiellen Gegner hält. Sehr gut wäre es, dort ausgesöhnt zu sein, weil doch früher oder später jene Mächte sich mit uns gut verstehen werden. Wollen Ew. Exzellenz nur in einigen beliebigen Zeilen an mich sagen, daß Sie persönlich nicht gegen Österreich eingenommen sind, so würde das von unberechenbarem Nutzen sein. Herr von Manteuffel sagt immer, ich sei zähe in der Ausführung einer Idee und ruhe nicht, bis ich zum Ziele gekommen — doch fügte er hinzu, ich wäre weder ehr- noch geldgeizig. Bis jetzt, Gott sei Dank, ist es mein Stolz, daß noch niemand aus einer Verbindung mit mir irgendeinen Nachteil gehabt. Für die Dauer Ihrer Abwesenheit biete ich Ihnen meine Dienste zur Besorgung Ihrer Angelegenheiten, sei es hier oder sonstwo, mit Vergnügen an. Uneigennütziger und redlicher sollen Sie gewiß anderswo nicht bedient werden.

Mit aufrichtiger Hochachtung bin ich

Ew. Exzellenz ganz ergebenster B., 23. März 1859. Levinstein.‹

Ich ließ den Brief unbeantwortet und erhielt im Laufe des Tages vor meiner Abfahrt zum Hotel Royal, wo ich logierte, den Besuch des Herrn Levinstein. Nachdem er sich durch Vorzeigung eines eigenhändigen Einführungsschreibens des Grafen Buol legitimiert hatte, machte er mir den Vorschlag zur Beteiligung an einem Finanzgeschäft, welches mir ›jährlich 20000 Taler mit Sicherheit‹ abwerfen würde. Auf meine Erwiderung, daß ich keine Kapitalien anzulegen hatte, erfolgte die Antwort, daß Geldeinschüsse zu dem Geschäft nicht erforderlich seien, sondern daß meine Einlage darin bestehen würde, daß ich mit der preußischen auch die österreichische Politik am russischen Hofe befürwortete, weil die fraglichen Geschäfte nur gelingen könnten, wenn die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich günstig wären. Mir war daran gelegen, irgendwelches schriftliches Zeugnis über dieses Anerbieten in die Hand zu bekommen, um dadurch dem Regenten den Beweis zu liefern, wie gerechtfertigt mein Mißtrauen gegen die Politik des Grafen Buol war. Ich hielt deshalb dem Levinstein vor, daß ich bei einem so bedenklichen Geschäft doch eine stärkere Sicherheit haben müßte als seine mündliche Äußerung auf Grund der wenigen Zeilen von der Hand des Grafen Buol, die er an sich behalten habe. Er wollte sich nicht dazu verstehen, mir eine schriftliche Zusage zu beschaffen, erhöhte aber sein Anerbieten auf 30000 Taler jährlich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich schriftliches Beweismaterial nicht erlangen würde, ersuchte ich Levinstein, mich zu verlassen, und schickte mich zum Ausgehen an. Er folgte mir auf die Treppe unter beweglichen Redensarten über das Thema: ›Sehen Sie sich vor, es ist nicht angenehm, die Kaiserliche Regierung zum Feinde zu haben.‹ Erst als ich ihn auf die Steilheit der Treppe und auf meine körperliche Überlegenheit aufmerksam machte, stieg er vor mir schnell die Treppe hinab und verließ mich. Dieser Unterhändler war mir persönlich bekannt geworden durch die Vertrauensstellung, welche er seit Jahren im Auswärtigen Ministerium eingenommen, und durch die Aufträge, welche er von dort für mich zur Zeit Manteuffels erhielt. Er pflegte seine Beziehungen in den unteren Stellen durch übermäßige Trinkgelder. Als ich Minister geworden war und das Verhältnis des Auswärtigen Amts zu Levinstein abgebrochen hatte, wurden wiederholt Versuche gemacht, dasselbe wieder in Gang zu bringen, namentlich von dem Konsul Bamberg in Paris, der mehrmals zu mir kam und mir Vorwürfe darüber machte, daß ich einen ›so ausgezeichneten Mann‹, der eine solche Stellung an den europäischen Höfen habe, wie Levinstein, so schlecht behandeln könnte.«

Auf der Flasche, deren Hals Bismarck darstellt, steht geschrieben: »Geist der Wahrheit«, und auf den Sternen: »Einigkeit, Gerechtigkeit, Treue, Moral«. Der alte deutsche Bund, Österreich und die heilige Allianz tanzen um den Kübel. (Vignette von Daelen aus: »Bismarcks Himmelfahrt«)]

Am 23. März trat Bismarck seine beschwerliche Reise nach Petersburg an. Die Verbindungen in jener Zeit waren nicht gerade erfreulich. Denn die Eisenbahn führte nur bis Königsberg, von wo aus die Fahrt im Wagen fortgesetzt werden mußte. Aber an der neuen Stätte seines Wirkens hat sich Bismarck doch schnell zurechtgefunden. Er war bald ein ständiger Gast des Zaren, der mit ihm eine Reihe von vertraulichen Gesprächen führte und ihm vor allen anderen Vertretern der fremden Mächte den Vorzug gab. Auch führte ihn Jagdlust und das Bedürfnis, Land und Leute kennen zu lernen, immer wieder tiefer in das Innere des Landes. »Geschäftlich«, so schrieb er einmal, »ist meine Stellung hier sehr angenehm, habe viel zu tun mit vierzigtausend Preußen, deren Polizei, Advokat, Richter, Aushebungsbehörde und Landrat man ist, täglich zwanzig bis fünfzig Unterschriften, ohne Pässe. Ich bin noch immer wie im Biwak, mit einigen in der Eile gekauften Betten, Handtüchern und Tassen, ohne Koch und Küche, weil alles Geschirr fehlt, und bei der Hitze ohne Sommerzeug.« Aber auch manches artige Erlebnis hatte der Staatsmann zu verzeichnen. So erzählte er später:

Das =Enfant terrible=

»Ich erinnere mich, daß einmal eine vierjährige Großfürstin sich um den Tisch von vier Personen bewegte und sich weigerte, einem hohen General die gleiche Höflichkeit wie mir zu erweisen. Es war mir sehr schmeichelhaft, daß dieses großfürstliche Kind auf die großmütterliche Vorhaltung in bezug auf mich sagte: =on milü= (er ist lieb), in bezug auf den General hatte sie die Naivität, zu sagen: =on wonajet= (er stinkt), worauf das großfürstliche =enfant terrible= entfernt wurde.«

Merkwürdig viel Talg

Bekannt ist, daß dem Kaiser einmal das ungewöhnliche Quantum von Talg aufgefallen war, welches jedesmal in den Rechnungen erschien, wenn der Prinz von Preußen zum Besuche dort war, und daß schließlich ermittelt wurde, daß er bei seinem ersten Besuche sich durchgeritten und am Abend das Verlangen nach etwas Talg gestellt hatte. Das verlangte Lot dieses Stoffes hatte sich bei späteren Besuchen in Pud verwandelt. Die Aufklärung erfolgte zwischen den hohen Herrschaften persönlich und hatte eine Heiterkeit zur Folge, welche den beteiligten Sündern zugute kam.

Die Schildwache

Bismarck war einmal im Sommergarten zu Petersburg und traf dort den Kaiser, mit dem er als immer gern gesehener Gesandter wenig beschränkt verkehren konnte. Sie gingen eine Strecke miteinander und kamen dabei an einen freien Rasenplatz, in dessen Mitte eine Schildwache stand. Bismarck erlaubte sich die Frage, was die da solle. Er wußte es nicht. Der Kaiser wandte sich an den Adjutanten, der es aber auch nicht wußte. So fragen sie die Schildwache. Die Schildwache sagt nur: =priks= — er brauchte hier das russische Wort — es ist befohlen. Damit war uns ebensowenig geholfen, und der Adjutant muß sich weiter erkundigen, auf der Wache beim Offizier und dann weiter hinauf. Aber immer dieselbe Antwort: es ist befohlen. Es wird in den Akten nachgesehen und nichts über die Sache gefunden — es hat immer eine Schildwache dagestanden. Endlich findet sich ein alter Lakai, der sich erinnert, daß sein Vater, auch ein alter Lakai, ihm einmal gesagt habe, die Kaiserin Katharina habe dort einst ein frühzeitiges Schneeglöckchen entdeckt und Befehl gegeben, zu sorgen, daß es nicht abgepflückt werde. Man wußte sich nicht besser zu helfen, als daß man eine Schildwache dazu stellte, und das pflanzte sich fort.

Erwerbssinn

Labouchère, der namentlich in englischen Hofkreisen gefürchtete Herausgeber des »Truth«, erzählt folgende Bismarck-Anekdote: »Als ich in Petersburg war, befand sich auch dort als preußischer Gesandter Herr von Bismarck. Eines Abends dinierten wir zusammen bei dem spanischen Gesandten, dem Herzog von Ossuna. Als wir eben hinausgehen wollten, wandte sich Herr von Bismarck zu mir und sagte: ›Sie haben schon soviel von preußischer Begehrlichkeit gehört — nun können Sie sehen, was holländischer Erwerbssinn ist.‹ Er zog mich in eine Fensternische und zeigte mir den niederländischen Gesandten, der in die Zigarrenkiste, die zum Gebrauch der Gäste dastand, mit zwei Händen tief hineingriff und sich die Taschen vollstopfte.«

Er hält sich Bären

Der verstorbene General Astaschew erzählte häufig, wie Bismarck in den frühesten Morgenstunden oft auf Schneeschuhen über die Newa zu ihm gekommen wäre und sie zusammen zur Hasenjagd gefahren seien. Namentlich die Bärenjagd liebte Bismarck leidenschaftlich und fuhr jährlich an zehnmal nach Luban. Auf einer solchen Jagd setzte er selbst die großfürstlichen Förster durch seine Kaltblütigkeit in Erstaunen. Sogar in seinem Hause hielt er junge Bären, die er oft zum Ergötzen seiner Gäste in das Speisezimmer führen ließ, wo sie durch ihre drollige Plumpheit Lachen erregten. Später schenkte er die Tiere den zoologischen Gärten von Köln und Frankfurt a. M.

In Petersburg erlitt Bismarcks Gesundheit einen schweren Stoß. Das Venenleiden, das ihn später durch so lange Jahre furchtbar quälte, stammte zweifellos aus jener Zeit und hat eine verhängnisvolle Rolle wohl noch an jenem Tage gespielt, der ihn dem deutschen Volke rauben sollte. Er schreibt an seine Schwester, er sei schon seit Monaten nie wieder gesund geworden. Ärger, Klima und Erkältung hätten ein ursprünglich unscheinbares Gliederreißen auf solche Höhe gebracht, daß ihm der Atem ausbliebe und nur unter den schmerzhaftesten Anstrengungen eingezogen werden könnte. Das Übel sei rheumatisch-gastrisch-nervös, habe sich in der Lebergegend eingenistet und werde »mit massenhaften Schröpfköpfen wie Untertassen und spanischen Fliegen und Senf über den ganzen Leib bekämpft, bis es mir gelang, nachdem ich schon halb für eine bessere Welt gewonnen war, die Ärzte zu überzeugen, daß meine Nerven durch achtjährigen ununterbrochenen Ärger und stete Aufregung geschwächt wären und weiteres Blutabzapfen mich mutmaßlich typhös und blödsinnig machen würde. Gestern vor acht Tagen war es am schlimmsten, meine gute Natur hat sich aber rasch geholfen, seitdem man mir Sekt in mäßigen Quantitäten verordnet hat.« Später hat Bismarck mit tiefer Bitterkeit die Schuld an seinem schmerzhaften Leiden auf einen Charlatan zurückgeführt, einen sogenannten »Professor« Walz, der ihm ein Pflaster in die Kniekehle legte, das ihm furchtbare Schmerzen brachte und das er, da die Qual unerträglich wurde, abriß, ohne daß er seine Bestandteile von der schon wundgerissenen Kniekehle entfernen konnte. Augenscheinlich war eine schwere Blutvergiftung durch die Unwissenheit und die Gewissenlosigkeit des Arztes herbeigeführt worden. Es kam so weit, daß der berühmte Chirurg Pirogoff Bismarck den Rat gab, sich das Bein hoch über dem Knie amputieren zu lassen. Erst zu Anfang März 1860, nach langen Qualen, war Bismarck so weit gesundet, daß er nach Berlin reisen konnte, um an den Sitzungen des Herrenhauses teilzunehmen. Das Bein blieb noch lange schwach, die Nerven rebellierten, und der Schlaf blieb aus. Ein schweres rheumatisches Fieber mit Affektion der Brustmuskeln folgte noch auf dem Wege nach Petersburg, und monatelang mußte er bei seinem Freunde Below in Hohendorf auf Gesundung harren. Es war so weit, daß er nach einem halben Jahre an den Freund schreiben konnte: »Ich glaubte vor sechs Monaten nicht, noch einmal blühenden Rasen von oben ansehen zu können.«

Endlich traf er wieder in Petersburg ein, jetzt in Begleitung der Seinen. Sein Befinden besserte sich ungemein schnell, und die Aufnahme in der russischen Gesellschaft war mehr als herzlich. Nur die Intrigen seiner früheren Gesinnungsgenossen gegen den »Abtrünnigen«, die es ihm schwer verargten, daß er mit den Einheitsbestrebungen der Italiener sympathisierte, machten ihm schweren Ärger. Aus jenen Tagen stammt sein Wort: »Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist es ein teutonischer und kein gallischer.« Eine Begegnung mit dem leitenden preußischen Minister, Fürsten von Hohenzollern, von der der Fürst berichtet, daß die Kühnheit der Ansichten Bismarcks, sein Feuer und seine Wahrheitsliebe auf ihn einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck machten, führte zu erneuter Prüfung des Planes, ihn in das Ministerium zu berufen. Bismarck wurde nach Berlin befohlen, aber nur einer der Minister, Albrecht von Roon, trat außer dem Fürsten von Hohenzollern für ihn ein, nachdem er sein Programm dargelegt, die Führung mit Rußland empfohlen und die unausbleibliche Notwendigkeit einer endgültigen Auseinandersetzung mit Österreich bewiesen hatte. So mußte Bismarck noch einmal nach Petersburg zurückkehren, zumal da auch der Prinzregent befürchten mochte, daß in dem soeben entbrannten Kampfe um die Heeresreform die scharfausgeprägte Persönlichkeit des Diplomaten die Gegnerschaft verstärken und die Leidenschaften noch heißer entfesseln würde. Am 28. Juni 1861 ist dann das erste Telegramm Roons an den Freund gelangt: »Es ist nötig, die beabsichtigte Urlaubsreise unverzüglich anzutreten, =periculum in mora=.« Aber auch da war der Moment noch nicht gekommen für Bismarcks Wirksamkeit. In seiner Antwort an Roon schrieb er mit einer Art von melancholischer Ironie, wie ihn sein Kommando »an die Pferde« mit schrillem Mißklang »in dem Streit wohltuender Gefühle für junge Auerhühner einerseits und Wiedersehen von Frau und Kindern andererseits« getroffen habe; er sei geistesträge, matt und kleinmütig geworden, seitdem ihm das Fundament der Gesundheit abhanden kam. Aber selbst wenn er gesund wäre, würde er eine Politik nicht vertreten können, die liberal in Preußen und konservativ im Auslande sei, die des eigenen Königs Rechte wohlfeil gibt, die Rechte fremder Fürsten aber hochhält. Er müsse eine andere Färbung der auswärtigen Politik fordern. Und nun folgte das vielzitierte Wort: »Ich bin meinem Fürsten ~treu bis in die Vendée~, aber gegen alle anderen fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den Finger für sie aufzuheben.« Auch der Kammer gegenüber verlangte er eine stramme Haltung und, wenn es nötig ist, die Auflösung selbst auf die Gefahr hin, zu schlechte Wahlen zu erlangen. In einer Nachschrift schreibt er dann:

Der Entensteiß

»Wenn ich den Newaspiegel in der hellen Nacht vor mir sehe, über den Brief hinweg, so wird der Wunsch in mir lebhaft, daß ich nächstes Jahr noch hier sitze. Der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an sechzig Grad Breite, und Umziehen, Streiten, Ärgern und die ganze Knechtschaft Tag und Nacht bilden eine Perspektive, bei der ich schon heute Heimweh nach Petersburg oder Reinfeld habe. In besserer Gesellschaft, wie in der Ihrigen, kann ich niemals in den Schwindel hineingeraten; aber auf der Sabower Heide hinter den Rebhühnern war es für uns beide behaglicher. Ich werde mich nicht drücken, denn ich mag mir keiner Feigheit bewußt sein, aber wenn in vierzehn Tagen dieses Gewitter spurlos an mir vorübergegangen und ich ruhig bei Muttern wäre, so würde ich mir einen Entensteiß wünschen, um vor Befriedigung damit wackeln zu können.«

In jene Zeiten fällt, als eine Folge der Unterhaltungen mit seinem alten Herrn, Bismarcks Denkschrift über die deutsche Frage, die den maßgebenden Einfluß auf die nächste Gestaltung der Dinge ausüben sollte und die auch heute noch ein Meisterwerk des politischen Fernblicks und der intuitiven Erkenntnis der möglichen Mittel ist. Aber Bismarck blieb auch nach dem Rücktritt des Herrn von Schleinitz von der Leitung des Auswärtigen Amtes auf seinem Petersburger Posten; erst im April war seine Abberufung entschieden. Dennoch blieb seine Zukunft unsicher, und Freund Roon bekam nur die resignierten Zeilen: »In vierzehn Tagen hoffe ich bei Ihnen zu sein und diesem Leiden von Abschiedsaudienz, Visiten, schlechten Verkäufen und packenden Hammerschlägen ein Ende zu machen. Ich weiß nur, daß ich nach Paris oder London gehe, nicht nach welchen von beiden.« Und wieder einen Monat später mußte er der Gattin schreiben: »Unsere Zukunft ist noch ebenso unklar wie in Petersburg; Berlin steht mehr in dem Vordergrund. Ich tue nichts dazu und nichts dagegen, trinke mir aber einen Rausch, wenn ich erst meine Beglaubigung für Paris in der Tasche habe.«

Ob Bismarck sich diesen Rausch angetrunken hat, vermeldet die Geschichte nicht; Tatsache aber ist es, daß er zum großen Erstaunen seiner Freunde nach Paris gesandt wurde, und daß König Wilhelm abermals die Entscheidung bis zu schlimmeren Tagen aufschob. Der Aufenthalt in Paris trug also von vornherein den Charakter des Interimistischen; was aber Roon erwartet und mit aller Sorglichkeit vorbereitet hatte, das geschah dennoch. Bismarck verließ Paris, um an die Spitze des Kampfministeriums zu treten. Welchen Ruf er aber schon damals in der europäischen Diplomatie genoß und wie man ihn dennoch verkannte, beweist ein Ausspruch, den Graf Rechberg gegen den französischen Gesandten, Herzog von Grammont, tat: »Wenn Herr von Bismarck eine vollkommene diplomatische Erziehung gehabt hätte, so wäre er einer der ersten Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste. Er ist mutig, fest, erregt, voll feurigen Eifers; aber unfähig, eine vorgefaßte Idee, ein Vorurteil, eine Parteimeinung irgendwelcher Erwägung einer höheren Ordnung zu opfern; er hat nicht den praktischen Sinn für Politik; er ist ein Parteimann in des Wortes verwegener Bedeutung, und da er Reiz und Einfluß in den Geschäften hat und außerdem uns feindlich gesinnt ist, so betrachten wir seine Ernennung zum Gesandten in Paris nicht ohne Mißvergnügen und Unruhe. Jedenfalls ist es kein Freund, den wir dort haben werden.« Der Adressat der Worte Rechbergs, Herzog von Grammont, hat es später erproben dürfen, wie dieses Urteil zugleich richtig und doch im letzten Sinne auch völlig falsch gewesen ist.

Borussia: »Es jeht nicht, jutester Bismarck, aus des Junkerjewand bin ick doch schonst herausjewachsen.« (»Figaro«, 1862)]

Napoleon und Eugenie

»Napoleon empfing mich freundlich, sieht wohl aus, ist etwas stärker geworden, aber keineswegs dick und gealtert, wie man ihn zu karikieren pflegt. Die Kaiserin ist noch immer eine der schönsten Frauen, die ich kenne trotz Petersburg; sie hat sich eher emballiert. Unseren freundschaftlichen Nachbarn habe ich ruhig, sehr wohlwollend für uns und sehr geneigt gefunden, die Schwierigkeiten der deutschen Frage zu besprechen. Ich kam aber beim Kaiser etwas in die Lage Josephs bei der Frau von Potiphar. Er hatte die unzüchtigsten Bündnisvorschläge auf der Zunge; wenn ich etwas entgegengekommen wäre, so hätte er sich deutlicher ausgesprochen. Er ist ein eifriger Verfechter deutscher Einheitspläne, d. h. kleindeutscher, nur kein Österreich darin; wie schon einmal vor fünf Jahren mir gegenüber, wollte er, daß Preußen eine Seemacht wenigstens zweiten Ranges werden und die dazu nötigen Häfen besitzen müsse. Er ließ sich von mir den Jadebusen auf der Karte zeigen und fand die Einschachtelung in Oldenburg und dann in Hannover eine »Absurdität«. Merkwürdig ist die abweichende Politik der Kaiserin; sie ist katholisch, päpstlich, konservativ für das Ausland: sogar österreichisch.

Während der Pariser Zeit, die durch ihren interimistischen Charakter dem Gesandten jede Möglichkeit raubte sich einzurichten und Ruhe zu finden, die ihm die Klage in den Mund gab, daß er sich einsam fühle mitten in dem großen Paris, ist Bismarck auch nach London gereist, wo er sowohl Disraeli wie Palmerston kennen lernte. Der spätere Lord Beaconsfield soll damals die Äußerung getan haben: »Geben Sie wohl acht auf diesen Mann, ~er meint, was er sagt~.« Im übrigen klagt er immer wieder darüber, daß er in Paris gar nichts zu tun habe, er könne dieses »Nichtwohnen« auf die Länge nicht aushalten, dazu sei er nicht Fähnrich genug. Wenn er aber in die Galeere eintreten solle, so müsse er etwas Gesundheitsvorrat sammeln, Paris sei ihm bis jetzt schlecht genug bekommen mit dem Hundebummelleben als Garçon. Immer verzweifelter klingen die Briefe Roons, immer heftiger drängt er den König zur Berufung des Mannes, der allein die Rettung bringen könnte. Aber noch sollten Wochen vergehen. Noch mußte er im September der Gattin klagen: »Gewißheit ist jetzt nötig, oder ich nehme Knall und Fall meinen Abschied«, und dem Freunde verzweifelt schreiben: »Schaffen Sie mir endlich diese oder jede andere Gewißheit, und ich male Engelsflügel an Ihre Photographie.« Da traf ihn in Avignon, wohin ihn die Urlaubsreise führte, Roons weltgeschichtlich berühmte Depesche: »~Die Birne ist reif~«, das Stichwort, das ihn nach Berlin berief. Denn dort hatte die Krisis ihren Höhepunkt erreicht, dort steuerte man der Entscheidung zu. In Babelsberg war es, wo Roon dem Könige den Rat gab: »Berufen Ew. Majestät doch Bismarck!« Auf die zaghafte Antwort des Monarchen: »Er wird nicht wollen, wird es jetzt auch nicht übernehmen; er ist auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden«, konnte Roon erwidern: »Er ist hier, er wird Ew. Majestät Ruf bereitwillig folgen.« Als noch an demselben Tage Bismarck in Babelsberg erschien, hatte der König bereits seine Abdankung unterschrieben: Er bebte vor dem Kampfe mit dem eigenen Volke zurück. Als das letzte Mittel der Verzweiflung sollte Bismarcks Berufung dienen.

als Minister~

»=Monsieur le comte Bismarck=, Sie reisen? Nun wenden Sie hübsch an auf Preußen, was Sie dahier bei mir gesehn! Und im Land der deutschen Eiche, da können die Dezemberstreiche auch im Oktober schon geschehn.« (»Frankf. Laterne«, Oktober 1862)]

Über die entscheidende Begegnung hat dieser später selbst berichtet: Als er erschienen sei, habe der König bereits die Urkunde der Abdankung vor sich liegen gehabt und beabsichtigt, den Kronprinzen rufen zu lassen, um die Regierung in seine Hände zu legen, falls Bismarck seine Hilfe versagen sollte. Da ist es geschehen, daß Bismarck seinen greisen Herrn »am Portepee und an der preußischen Offiziersehre faßte«.

In seinen letzten Erinnerungen stellt Bismarck die erschütternde Szene von Babelsberg in folgender Weise dar:

Babelsberg

»Am 20. September morgens in Berlin angelangt, wurde ich zu dem Kronprinzen beschieden. Auf seine Frage, wie ich die Situation ansähe, konnte ich nur sehr zurückhaltend antworten, weil ich während der letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen und in einer Art von =dépit= mich über heimische Angelegenheiten nicht informiert hatte. Ich war mit der Situation in ihren Einzelheiten nicht so vertraut, daß ich dem Kronprinzen ein programmartiges Urteil hätte abgeben können; außerdem hielt ich mich auch nicht für berechtigt, mich gegen ihn früher zu äußern als gegen den König. Den Eindruck, den die Tatsache meiner Audienz gemacht hatte, ersah ich zunächst aus der Mitteilung Roons, daß der König mit Bezug auf mich zu ihm gesagt habe: ›Mit dem ist es auch nichts; er ist ja schon bei meinem Sohne gewesen.‹ In der Tat war mir jeder Gedanke an Abdikation des Königs fremd, als ich am 22. September in Babelsberg empfangen wurde, und die Situation wurde mir erst klar, als Se. Majestät sie ungefähr mit den Worten präzisierte: ›Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der heutigen Majorität des Landtages regieren soll, und ich finde keine Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen. Ich habe mich deshalb entschlossen, die Regierung niederzulegen, und meine Abdikationsurkunde, durch die angeführten Gründe motiviert, bereits entworfen.‹ Der König zeigte mir das auf dem Tische liegende Aktenstück in seiner Handschrift, ob bereits vollzogen oder nicht, weiß ich nicht. Seine Majestät schloß, indem er wiederholte, ohne geeignete Minister könne er nicht regieren. Ich erwiderte, es sei Sr. Majestät schon seit dem Mai bekannt, daß ich bereit sei, in das Ministerium einzutreten, ich sei gewiß, daß Roon mit mir bei ihm bleiben werde, und ich zweifelte nicht, daß die weitere Vervollständigung des Kabinetts gelingen werde, falls andere Mitglieder sich durch meinen Eintritt zum Rücktritt bewogen finden sollten. Der König stellte nach einigem Erwägen und Hin- und Herreden die Frage, ob ich bereit sei, als Minister für die Militär-Reorganisation einzutreten, und nach meiner Bejahung die weitere Frage, ob auch gegen die Majorität des Landtages und deren Beschlüsse. Auf meine Zusage erklärte er schließlich: ›Dann ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen, und ich abdiziere nicht.‹«

»Es gibt eine Grenze dessen, was ein König von Preußen anhören kann.« — Im Oktober 1862 hatte Bismarck zum ersten Male den Landtag heimgesandt und jedes Entgegenkommen in der Heeresfrage schroff zurückgewiesen. (»Frankf. Laterne«, Okt. 1862)]

Ein Bericht über diese entscheidende Szene, der gleichfalls auf den Fürsten Bismarck zurückzuführen ist, stellt sie in folgender, ähnlicher Weise dar:

Als Bismarck die Abdankungsurkunde ansah und bemerkte, dahin dürfe es in Preußen nicht kommen, erwiderte der König: »Ich habe alles versucht und sehe nirgends einen Ausweg. Gegen meine Überzeugung kann ich nicht regieren, meine Minister sind gegen mich, mein Sohn hat sich auf ihre Seite gestellt. Auch Sie sind ja bereits bei ihm gewesen. Komme ich mit Ihnen zu keiner Verständigung, so lasse ich dies hier in den Staatsanzeiger setzen und dann mag mein Sohn zusehen, wie er fertig wird. Die Preisgebung der Armeereorganisation ist gegen meine Überzeugung, und gegen diese zu handeln, würde mir als eine Pflichtwidrigkeit erscheinen.« Bismarck entgegnete: Er sei bei dem Kronprinzen nur gewesen, weil Se. Königliche Hoheit ihn sofort nach seiner Ankunft in Berlin zu sich befohlen habe. Auf Befragen des Kronprinzen über seine Absichten habe er erwidert: er müsse zuvor die Wünsche Sr. Majestät kennen lernen. Vor allen Dingen aber bitte er den König, die Abdankungsurkunde und alle auf Abdankung bezüglichen Gedanken aufzugeben. Der König wog das Blatt in der Hand und fragte: »Wollen Sie es versuchen, ohne Majorität zu regieren?« — »Ja.« — »Ohne Budget?« — »Ja.« — »Dann sehen Sie hier mein Programm.« Der König wies dann auf einem Spaziergang durch den Park Herrn von Bismarck nun ein sechs oder mehr Quartseiten umfassendes, mit seiner kleinen Handschrift eng beschriebenes Schriftstück. Bismarck fing an zu lesen. Obenan stand die Frage der Kreisordnung, bei welcher über die Vertretung der Rittergüter und der Städte auf den Kreistagen ein harter Kampf entbrannt war. Bismarck sagte zum König: »Ew. Majestät, es handelt sich jetzt doch nicht um die Frage, ob auf den Kreistagen der Städter oder der Junker das Übergewicht haben soll, sondern ob in Preußen die Krone oder die Majorität des Abgeordnetenhauses regieren soll. Ist diese Frage entschieden, so ordnen sich die anderen von selbst. Wenn Ew. Majestät mir das Vertrauen schenken, so bin ich bereit, die Geschäfte zu übernehmen, aber ohne Programm. In einer so schwierigen Lage ist ein geschriebenes Programm für Ew. Majestät wie für mich bindend und kann unter Umständen erschwerend wirken. Zunächst gilt es doch, die Hauptfrage zu entscheiden.«

»Wir zeihen dich böslichen Versuchs, Behörden Roms und gültig Recht zu stürzen...« Koriolan: »Verräter ich ... du lügst!« Sicinius: »Hörst du es, Volk?« Die Bürger: »Zum Fels, zum Fels mit ihm!«

(»Kladderadatsch«, März 1895)]

Bismarck sagt dann weiter:

»Es gelang, den König zu überzeugen, daß es sich für ihn nicht um konservativ oder liberal in dieser oder jener Schattierung, sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle, und daß die letztere unbedingt und auch durch eine Periode der Diktatur abzuwenden sei. Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich, selbst wenn Ew. Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht für richtig hielte, Ihnen zwar diese Meinung offen entwickeln, aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem Könige untergehen, als Ew. Majestät im Kampfe mit dem Parlament im Stiche lassen.‹ Diese Auffassung war damals durchaus lebendig und maßgebend in mir, weil ich die Negation und die Phrase der damaligen Opposition für politisch verderblich hielt im Angesicht der nationalen Aufgaben Preußens, und weil ich für Wilhelm =I.= persönlich so starke Gefühle der Hingebung und Anhänglichkeit hegte, daß mir der Gedanke, in Gemeinschaft mit ihm zugrunde zu gehen, als ein nach Umständen natürlicher und sympathischer Abschluß des Lebens erschien. Nach einigem Nachdenken willigte der König ein. Man befand sich auf einer Brücke über einer kleinen Schlucht im Park; der Monarch begann das Programm zu zerreißen und die Stücke fallen zu lassen. Bismarck nahm sie wieder auf, indem er sagte: ›Wollen Ew. Majestät das Papier nicht lieber dem Kamin anvertrauen? Hier könnte es doch aufgefunden werden, und ein jeder kennt hier Ew. Majestät Handschrift.‹ Der König steckte das Programm in die Brusttasche seines Interimsrockes, besprach mit Bismarck die behufs der Erneuerung zu erledigenden Formalitäten, wobei er u. a. betonte, dem Fürsten Hohenzollern, der damals noch formell Ministerpräsident war, selbst schreiben zu wollen, und wandte sich dann zum Gehen. War seine Haltung vor der Unterredung die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt aufrecht, fest und straff von dannen.«

Wer hat damals wohl geahnt, daß mit diesem Tage eine neue Ära für Preußen und Deutschland und auch für Europa begann! Wie wenige wußten etwas von Bismarcks Entwicklung! Alle Welt sah in ihm den kecksten Vorkämpfer der feudalen Partei, den frechsten Gegner alles liberalen Strebens, den Redner, der alle großen Städte vom Erdboden vertilgen wollte, der den Liberalen den drohenden Zuruf entgegengeschleudert hatte: »Das stolze Roß Borussia wird bald genug die parlamentarischen Sonntagsreiter in den Sand setzen«, und prophezeit hatte, daß das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche scheitern werde. Sein Name steigerte die Aufregung der Gemüter in das grenzenlose. Jetzt sei der letzte Schleier zerrissen; dieser märkische Junker, der einst den ersten Schritten zur Verfassung widersprach, der in Erfurt sich gegen die deutsche Einheit erhob, der die ehrlose Politik von Olmütz verteidigt habe, um dann im Bundestag eine seiner Gesinnung entsprechende nahrhafte Unterkunft zu finden, dieser servile Aristokrat habe sich jetzt von Napoleon in den Künsten des Staatsstreiches unterrichten lassen und hoffe, mit Kartätschensalven die Fetzen der Verfassung in alle Winde zu jagen. Hier heiße es also, fest auf dem Boden des Gesetzes zusammenzustehen, jede unwürdige Schwäche abzuwerfen und an keiner Stelle das geringste Atom des beschworenen Verfassungsrechtes mit feiger Nachgiebigkeit zu opfern.

Steil und steinig lag jetzt Bismarcks Weg vor ihm. Aber das Bündnis zwischen dem König und dem Minister, das damals in der Glut heißer Seelennöte und höchster Gefahren geschweißt worden ist, hielt aus. Fortan trug nicht mehr König Wilhelm, sondern Otto von Bismarck die Last des deutschen Schicksals.

April 1863«)]

Er zeigt, daß er von seinem Lehrmeister Napoleon gelernt hat.

~Fibelvers für Berliner Kinder~:

Wenn man mit Leim die Stiefel schmiert, der Affe leicht gefangen wird.

(»Figaro«, Januar 1863)]

Die Konfliktszeit

Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl =X.= die verhängnisvollen Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein »hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«. Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite.

Wann hätte er einen Gedanken gehabt!

Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte er einen politischen Gedanken geäußert?«

Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt, Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß — Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach: »Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«.

Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung« an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen. Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann.

Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war.

Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf, in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab.

Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein:

Eisen und Blut

Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht. Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern ~durch Eisen und Blut~. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es noch nicht Zeit dazu ist.

Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren.

Der Ölzweig von Avignon

Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck, als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln. Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft. Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum, überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub zur Erde sinken.

Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den »Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte? Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging, und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.«

Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt. Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes Gedicht:

Kavalier-Politik

Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört, Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen: Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«, Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«. Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran; Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen. Hat uns ein Weiser doch geraten: man Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen!

Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten; Nur einer kann behaupten noch den Platz, Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten. Zwar immer bittrer wird der alte Groll, Und immer schwieriger der Haß zu zähmen; Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll: Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!

Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast Noch träumen groß von idealen Zielen; Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt: Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen. Mein Spruch: =Toujours fidèle et sans souci!= Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen, Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie. Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!

Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der Dies große Wort gelassen ausgesprochen! Als »Zivilisationsstaatssekretär« Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen. Die Sachen freilich müssen leider wir Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen. Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir — Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen!

Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt, daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte, entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag Bismarcks Erinnerung sprechen!

Flugblatt)]

»Können wir anständiger umkommen?«

»In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum 30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend. Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet, und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das Thema Polignac, Strafford, Ludwig =XVI.= bearbeitet worden war. Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›=Et après, Sire?=‹ — ›Ja, =après=, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König. ›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde, ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen nicht an Ludwig =XVI.= denken; der lebte und starb in einer schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der Geschichte. Karl =I.= dagegen, wird er nicht immer eine vornehme historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.‹

Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten, zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht.

(»Frankfurter Laterne«, September 1863)]

Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber; seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹ selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs, als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹, welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte, überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere, man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das unzweideutigste erkennbar machte.«

So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863 vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin, daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«, daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«, daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort, indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen, wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von neuem einberufen.

In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend, sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 21⁄2 verschiedene streitsüchtige Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von 1⁄45 bis 3⁄45 Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!«

Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal folgendes Urteil:

Waldeck in Bismarcks Beleuchtung

»Ähnliche Anlage wie Jules Favre, immer konsequent, prinzipientreu, fertig mit seiner Ansicht und seinem Entschluß von vornherein; dazu stattliche Gestalt, weißer ehrwürdiger Bart, Phrase im Brustton der Überzeugung auch in Kleinigkeiten — das imponierte. Er hielt mit einer Stimme, die von tiefster Überzeugungsfreude und Zuversichtlichkeit bebte, eine Rede darüber, daß der Löffel hier im Glase stecke (es war beim Tee), und proklamierte, daß jeder ein Schuft sei, der das nicht glauben wolle, und alle glaubten es ihm und priesen in allen Tonarten seine energische Gesinnung.«

Am bekanntesten ist die Darstellung, die Bismarck in seinem Briefe an Freund Motley gab. Sie mag schon hier ihren Platz finden. Der Brief ist im Landtag geschrieben, während draußen die Wilden vor den Mauern tobten:

würde.

(»Eulenspiegel«, 30. Mai 1863)]

Massenweis dumm

»=I hate politics=, aber, wie Du sehr richtig sagst, =like the grocer hating figs= (ich hasse die Politik, wie die Krämer die Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken unablässig mit jenen =figs= zu befassen. Auch in diesem Augenblick, während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein =gentleman= zu sein. Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch selber nicht wie.

April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung; fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem langweiligen Diner, =old important Whigs=, dann zwei Stunden Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland, Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen. In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig, aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch, leider, Streit um des Kaisers Bart, =querelle d’Allemand=; etwas davon habt Ihr =Anglo-Saxon Yankees= auch. Wißt Ihr eigentlich, aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich =con amore= tot, das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik, über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten, massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt, so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß (d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein treuer alter Freund v. Bismarck.«

Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)]

Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1. November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird. Es handelte sich um die ~Hessische Frage~. Auch hier stritt die Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht, hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig, und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in diesen Tagen:

»Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)]

Kein feudaler Unhold

»Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde. Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler, leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte, stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit, diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei den Demokraten.‹«

Jetzt trat auch die ~Deutsche Frage~ an Bismarck heran. Die Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln, oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest, er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach Ofen.«

Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt eine »frivole Bestie«.

Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,« sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor, immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß, niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«, schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger, daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten, und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr zurückgeben.

Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe, so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war, König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er, als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.«

Bundes

(»Figaro«, August 1866)]

Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem Gedenkbuch:

Ein König als Kabinettskurier

»Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten. Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19. August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir, die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft, und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten, daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.«

In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er, »ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.«

An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln, werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze, die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das Eisen wieder zusammenfügen konnte.

Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.« Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen. Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah.

Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum. Listy«, April 1866)]

Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle, müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus, daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird, denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ~ohne einen schöpferischen Gedanken~; es werde gezwungen sein, unter das kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen. Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen, aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten.

Endlich eine Aktion nach außen~

Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)]

Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung, verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8. Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde, leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention, die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte: »Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann: »Sind sie bereits darüber einig?«

Ein Stoßseufzer Johannas

Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom 27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es sei ihm ›=nitschewo=‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch, wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen, Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell: »Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen, wenn sie auch in den Tod führen mag.«

Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)]

Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte. Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig« bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet.

Bettelbriefe

»Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden, nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds, sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich, soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.«

So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte.

Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den Zenit erreicht zu haben.

Die Faust aufs Auge

Ein Beispiel für die treffsichere Schlagfertigkeit Bismarcks: Bei der Debatte über die polnische Frage meinte der Abg. von Hennig: »Denken Sie sich einmal Herrn von Bismarck und ein englisches Unterhaus! Das würde zusammenpassen wie die Faust aufs Auge; aber ich darf wohl glauben, daß Herr von Bismarck die Rolle des Auges übernehmen würde.« — Bismarck erwiderte sofort: »Ich bin dem Herrn Vorredner für diesen Vergleich sehr dankbar; denn das Auge ist unzweifelhaft der edlere Teil, das Auge leitet die Faust.«

Der Seiltänzer

Sogar ein Mann wie der sonst so maßvolle Simson erhob gegen Bismarck den Vorwurf der Unfähigkeit: »Ich verlange nicht,« äußerte er, »denn das Verlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung allezeit den kühnen Flug des Genies einzuhalten imstande sein soll. Mehr gerechtfertigt wäre schon die mildere Forderung, daß sie den ruhigen, sicheren Gang des Talentes und der Erfahrung zu gehen verstände. Aber in jedem Falle wird die Bewunderung dafür, daß jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seiltänzer würde zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nicht jedermanns Gaumen und jedermanns Appetit stände.« Bismarck hielt es nicht für seiner Würde entsprechend, hierauf die entsprechende Antwort zu geben.

In jenen Zeiten langten auch die ersten »Todesurteile« gegen Bismarck an; das erste am 3. April aus Warschau, angeblich von einem Polenkomitee mit der Anzeige, daß er wegen seines Auftretens gegen die polnische Nation zum Tode verurteilt sei und auf offener Straße ermordet werden solle. Am 21. Mai empfing er dann aus »Ost-Coczya bei Thoren« ein von der »Warschauer Henkerkommission« unterzeichnetes Schreiben in Begleitung eines Holzkastens, in dem ein mit schwarzweißer Schleife gezierter Strang lag. Auch Regreßansprüche wollte man gegen ihn geltend machen: Die Minister seien für die von ihnen ohne Budget verausgabten Summen mit ihrer Person und ihrem Vermögen haftbar. Man riet Bismarck, seinen Grundbesitz im Interesse der Seinen an einen Verwandten abzutreten. Er lehnte das entschieden ab, um den Schein einer Besorgnis für sein Vermögen zu vermeiden. Ein Nachbar aber von Schönhausen, ein Herr von Katte, hatte tatsächlich Vorkehrungen getroffen, um im Fall eines Regresses dem Minister ein ansehnliches Kapital zur Verfügung zu stellen.

Seine Stimmung wurde jedoch hierdurch nicht in besonderem Maße verdüstert. Dafür zeugte auch die kleine Episode vom 17. April, die Herr Virchow heraufbeschwor, weil Bismarck sich für kurze Zeit aus dem Sitzungssaale in das von ihm nur durch eine Türe getrennte Ministerzimmer begeben hatte. Herr Virchow beantragte deshalb die Vertagung der Debatte und die Einladung der Minister auf Grund des Artikels 60 der Verfassung. Da ereignete sich folgende Szene:

Bismarcks feines Gehör

Als Virchow geendet, trat der Minister, der im Nebenraume wohl den schon erwähnten hübschen Brief an Motley schrieb, in dem er von den ungewöhnlich abgeschmackten Reden aus dem Mund ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker sprach, in den Saal zurück und erklärte ironisch: »Ich wollte zur Beruhigung der Herren nur bemerken, daß sowohl der Herr Vorredner als der letzte Herr Redner im Nebenzimmer vollkommen verständlich waren.« Der Abgeordnete Parisius rief hierauf in die gewaltige Aufregung hinein: »Es ist bekannt, daß der Deutsche eine ungeheuere Portion Geduld hat, und auch dieses Haus hat es in einem hohen Maße bewiesen. Wenn aber der Herr Ministerpräsident in einer so wegwerfenden und ganz und gar der Würde des Hauses und den Verhandlungen unangemessenen Weise hier auftritt, seinen Sitz verläßt, ins Nebenzimmer geht und hinterher mit der Bemerkung kommt, daß der Redner im Nebenzimmer gehört sei, dann, meine Herren, muß ich bemerken, ist es Sache des Herrn Präsidenten, wenigstens zu konstatieren, wie wir hier behandelt werden. Wir sitzen hier nicht zu unserem Vergnügen; wir führen eine ernste Debatte und suchen das Beste des Vaterlandes zu fördern.« Herr von Bismarck erwiderte: »Ich muß dem Herrn Abgeordneten jedes Urteil über das, was für mich gehörig oder ungehörig ist, absprechen. Wir sitzen hier alle nicht zu unserem Vergnügen. Ich habe noch sehr viel andere Aufgaben außer der, Ihnen zuzuhören. Ich habe mit Leuten zu sprechen, die nicht warten können. Es ist mir nicht möglich, ununterbrochen Ihren Verhandlungen beizuwohnen. Wenn ich den Vorteil habe, bei der sonoren Stimme der Herren Vorredner im dortigen Zimmer, am Tische arbeitend, Ihre Rede hören zu können, so weiß ich nicht, wie Sie darin eine Veranlassung zu diesem Aufwande von sittlicher Entrüstung finden können.«

Diese Szene führte zu einem niedlichen Intermezzo im Theater.

Von Helmerding parodiert

Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte. Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein. Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte, weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben.

Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm =I.= und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt. Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden, wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend wiedergekommen.

Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag.

»Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte, daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte.

Am 15. November 1863 starb König Friedrich =VII.= von Dänemark als der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der Glücksburger Christian =IX.=, durch Ministerium und Volk gezwungen, die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen, so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde, um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit, die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum, Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern. Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich sich nur widerwillig forttreiben ließ.

Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)]

Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man »ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275 gegen 51 Stimmen verworfen.

Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an scharfen Konflikten mit den Volksvertretern.

1870. Nach einem Gemälde von A. Marie]

Die Dinge verstehe ich besser

Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche, daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu, daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich, meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser. (Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht. Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von Unkenntnis der Dinge wie bei uns.«

Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«, empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis vor dem Auslande sei.

Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben, sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen. Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!«

Bismarck und Pauline Lucca. (»Kladderadatsch«, Okt. 1865)]

Der Krieg wurde siegreich geführt; uralte deutsche Träume fanden Erfüllung, aber der Konflikt währte weiter. Nur leise begann sich neue Erkenntnis zu regen, nur langsam wuchs der Glaube an Bismarck. Erst ein neuer siegreicher Krieg sollte den völligen Umschwung bringen. Unbelehrbar aber blieben die um Virchow, und gerade mit diesem Manne kam es zu einem der schärfsten Renkontres, die Bismarck auf dem parlamentarischen Feld erlebte.

Das Duell mit Virchow

In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow, daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte, nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle. Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot. Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners seiner Kirche, nicht umstößt.«

In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat.

Pauline Lucca

In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin, ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen« zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen. Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu, und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt, den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend. Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe an Andrae schreibt nun Bismarck: »Über die Lucca-Photographie würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat. Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst ~jemals~ unerlaubte Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases zurückgetreten sein.«

Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat:

Bismarck und die Frauen

»Es gibt in der Geschichte soviel große Männer, deren überquellende Naturkraft sich nicht nur im Genialen und Hohen, sondern auch im allzumenschlich Ewig-Weiblichen dokumentiert hat. Ich erinnere nur an Napoleon =I.=, Cäsar und Alexander. Mit um so größerem Stolze können wir Bismarck als absolut sittenreinen Mann auch in dieser Beziehung als Vorbild seines Volkes darstellen. Ihm, dem so viele Möglichkeiten von Frauenliebe und Anbetung geboten wurden, lag das Gefühl des tiefen Ernstes der Liebe zu sehr im Herzen, als daß er je flüchtig daran gestreift hätte. Er war eben durchaus ein Teutone, ein keuscher Mann, der sich selbst für zu würdig hielt, um sich nur auszuleihen. Ohne prüde zu sein oder der Natur ihr Recht verwehren zu wollen, war er jeder Frivolität feind und duldete in der behaglichen Atmosphäre seines Hauses auch keinen Anflug von Zynismus.«

»Gnädigster Herr, ick melde jehorsamst, daß ick soeben aus der Kammer komme, und daß allens glücklich verrungeniert ist.« — Am 22. Februar 1866 schloß Bismarck plötzlich den preußischen Landtag, dem er dreifache Überschreitung seiner Befugnisse vorwarf. »Angesichts der Übergriffe und Überhebungen dieses Hauses«, so hieß es im Abschied. Es folgten die Siege in Böhmen. (»Figaro«, März 1866)]

Nur noch einmal flammte der Konflikt empor: Noch zu Beginn des Jahres 1863 stellte Herr Virchow den Antrag, die Vereinigung Lauenburgs mit Preußen für rechtsungültig zu erklären, weil der König ohne Zustimmung des Landtags nicht Herrscher fremder Reiche sein dürfe. Hier stimmten bereits zweihunderteinundfünfzig gegen vierundvierzig Stimmen für Bismarcks Politik. Längst hatte ja auch der König Besitz von Lauenburg ergriffen, die für den Erwerb von Österreich geforderte Summe von zweieinhalb Millionen Talern hatte er aus eigenem Vermögen bezahlt, und am 26. September schon hatte im Auftrage des Königs Bismarck die Erbhuldigung der dortigen Stände in Ratzeburg entgegengenommen. Diese Handlung aber hatte ein charakteristisches Vorspiel:

Der Oldenburger Rezeß

In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können. Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos, Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«, versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt, entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom »Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine Rede mehr.

Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein gesetzt.

Militär«)]

Düppel und Königgrätz

Der Krieg gegen Dänemark begann. Auch Österreich ging vor, nachdem Bismarck der eigentlich leitende Minister seiner Politik geworden war. Die kleineren deutschen Staaten freilich zogen sich in den Schmollwinkel zurück; dem Starken allein blieb der Weg frei.

Hier aber waren zum erstenmal die drei Männer vereint, die für die Zukunft Deutschlands so ungeheuere Bedeutung erlangen sollten, Bismarck, Roon und Moltke. Mit Roon hat den großen Staatsmann durch alle Zeiten ein inniges Verhältnis verknüpft, Moltke dagegen war eine kühle Natur, die sich auch ihm gegenüber niemals unbefangen erschloß. Er hat vor allem es nie ertragen, daß Bismarck auch in militärischen Fragen den Blick des Genies besaß. Welcher Gegensatz auch der Charaktere! Kalt, stahlhart und stets ein Mann der Berechnung, hatte Moltke frühe gelernt, jedes warme Gefühl zu unterdrücken und sich ganz in den Dienst seines Berufes zu stellen; Bismarck aber war leidenschaftlich, temperamentvoll; er hatte ein glühend empfindendes Herz; sein Gemütsleben war reich und tief.

Im Dänischen Kriege hat Bismarck, wie auch später immer, den Schauplatz der Entscheidungen betreten. In den Kugelregen allerdings ist er nicht mehr gekommen; er ist erst mit dem Könige zusammen nach Schleswig geeilt, um an dem Vorbeimarsch der Düppelstürmer vor dem obersten Kriegsherrn teilzunehmen. Schon damals durfte er sagen: »Sie werden sehen, in ganz kurzer Zeit bin ich der populärste Mann in ganz Deutschland.« Die Streitigkeiten, die unter den im Felde stehenden Generalen ausbrachen, führten auch einmal zu einem Eingreifen Bismarcks:

Der Abjott Deitschlands

Wrangel hatte die Grenze von Jütland überschreiten wollen, war jedoch dabei auf den Widerstand des österreichischen Zivilkommissars gestoßen, der aus diplomatischen Bedenken gegen diesen Schritt protestierte. Die Angelegenheit wurde Bismarck telegraphisch mitgeteilt, und er entschied sich gegen die Auffassung Wrangels, weil er das Einverständnis Österreichs hierzu zu bedürfen glaubte. Wrangel sandte hierauf an den König ein entrüstetes Telegramm, in dem er von Diplomaten sprach, die die schönsten Situationen verdürben und den Galgen verdienten. Bismarck war darüber natürlich nicht erbaut, und er hat lange Zeit hindurch den alten Haudegen übersehen und als eitel Luft behandelt. Es kursiert eine Anekdote über die Art, wie beide Männer sich wieder versöhnten. Sie saßen einmal bei der Hoftafel nebeneinander, als Wrangel fragte: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« — »Nein.« Nach einer Pause fragte der alte General: »Mein Sohn, kannst du nicht vergeben?« — »Von ganzem Herzen«, rief Bismarck. So sind sie wieder gute Freunde geworden. In einem Brief an Roon vom 26. Januar nannte Bismarck den alten General »den Abjott Deitschlands«, vor dessen bedenklichen Sprüngen man sich hüten solle.

Während aber die deutschen Truppen siegreich vorwärts stürmten, suchte die europäische Diplomatie, vor allem England, ihnen in den Arm zu fallen. Indem er hier den Widerstand besiegte und die Bahn für seine Pläne befreite, hat Bismarck, wie er später gern erklärte, sein schwierigstes diplomatisches Meisterstück vollbracht. Als die von England nach London berufene Konferenz zusammentrat, da war Düppel bereits erstürmt, da hatte Bismarck aber auch in schwierigen Geheimverhandlungen sich Frankreichs Beistand gesichert. Da hatte man den Gedanken, um Dänemarks willen mit Deutschland Krieg zu beginnen, überall in seiner vollen Absurdität erkannt. Bismarck hat damals, wie er an Motley schrieb, »wie ein Nigger« gearbeitet: »Es kommt bei mir vor, daß ich in fünf Tagen keine Viertelstunde zu einem Spaziergang finden kann!« Unter den Gegnern seiner Politik fand er auch jetzt wie so oft Herrn von Beust, der noch zuletzt die Anerkennung des Augustenburgers verlangte. Bismarck rächte sich, indem er später folgendes Urteil fällte:

Beust

»Wenn ich mir ein Urteil über die Gefährlichkeit eines Gegners bilden will, so subtrahiere ich zunächst von dessen Fähigkeiten seine Eitelkeit. Wende ich dieses Verfahren auf Beust an, so bleibt als Rest wenig oder nichts.«

Das Ende des Krieges hatte nach unendlichem Wirrwarr und einer Fülle der kompliziertesten diplomatischen Verhandlungen zur Übertragung der Souveränität über Schleswig und Holstein an die beiden deutschen Großmächte geführt. Die Verhandlungen mit Österreich lenkten damals die Schritte des leitenden Ministers auch wieder nach Wien, nach Schönbrunn und Baden. Wie anders aber das Bild, als in jenen Tagen, da er von Frankfurt her zum Wiener Hofe kam! Wie anders auch seit damals, da er mit Johanna hier auf der Hochzeitsreise weilte!

Wie einst im Mai

Welche köstliche Reminiszenz an die erste Zeit der jungen Liebe erweckt ein Brief aus diesen reich belasteten Tagen, der am 20. August 1864 aus Schönbrunn zur Gattin flog! »Es ist zu verwunderlich, daß ich gerade in den Zimmern zu ebener Erde wohne, die auf den heimlichen, reservierten Garten stoßen, in den wir vor ziemlich genau siebzehn Jahren beim Mondschein hier eindrangen! Wenn ich über die rechte Schulter blicke, so sehe ich durch eine Glastüre gerade den dunkeln Buchenheckengang entlang, in welchem wir mit dem heimlichen Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster wanderten, unter denen ich jetzt wohne. Es war damals eine Wohnung der Kaiserin, und jetzt wiederhole ich im Mondschein unsere damalige Wanderung mit mehr Bequemlichkeit. ...« Ob auch mit mehr Behagen? »Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besuche umschwirren mich ohne Unterlaß«, so schreibt er; »auf der Promenade mag ich mich gar nicht zeigen; kein Mensch läßt mich in Ruhe.«

Und doch war das Ziel noch längst nicht erreicht. Denn das, was er als notwendig für Deutschlands Heilung erkannte, die entscheidende Auseinandersetzung mit Österreich, war auch jetzt noch nicht erfüllt. Ja, in der Lösung der Nordischen Frage selbst lag schon der Keim für künftige Konflikte. Nur durch die Gewalt der Umstände war ja schließlich Österreich dazu gelangt, den eigenen Standpunkt preiszugeben. Fast in jeder Einzelheit in den weiteren Verhandlungen zeigten sich Differenzen zwischen Bismarck und der kaiserlichen Regierung, mochte es sich nun um die Frage handeln, ob der Bund von den Beratungen unterrichtet werden solle, mochte Österreich verlangen, daß die Verwaltung der Herzogtümer einem dreiköpfigen Kollegium übergeben werden solle, oder mochte man hier die Forderung stellen, zuerst das Recht der Thronfolge zu ordnen. Aus jener Zeit stammt Bismarcks Klage:

Bismarck als Faust

»Faust«, so sagte er, »klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen Menschen werde hineinsehen lassen.«

Ein Traum

Seinem alten Lehrer =Dr.= Bonnell erzählte in jenen Tagen Bismarck einen Traum. Er sei auf einem Gebirgspfad in die Höhe gestiegen, der immer enger geworden sei, bis er endlich vor einer hohen Wand gestanden und neben sich in einen tiefen Abgrund geblickt habe. Einen Augenblick habe er überlegt, ob er umkehren solle, dann habe er sich entschlossen und mit seiner Gerte einen Schlag gegen die Wand geführt; augenblicklich sei diese verschwunden und der Weg frei gewesen.

Das Bedürfnis nach Erholung faßte jetzt auch einmal diesen starken Mann. Es treibt ihn von neuem nach dem Süden Frankreichs, nach Biarritz und den Pyrenäen. Dort in dem schönen Badeorte sitzt er am offenen Fenster, den Blick auf die blaue, sonnige See gerichtet, deren Rauschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße begleitet ist. »In so behaglichen Zuständen habe ich mich klimatisch und geschäftlich lange nicht befunden, und doch hat die üble Gewohnheit des Arbeitens schon so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen, daß ich einige Gewissensunruhe über mein Nichtstun fühle, fast Heimweh nach der Wilhelmstraße, wenigstens wenn die Meinen dort wären.«

beherrschte die Frage jedes Interesse: welches wird das Schicksal der befreiten Lande sein? Graf Rechberg und Herr von Bismarck sinnen darüber. (»Figaro«, Mai 1864)]

In Lebensgefahr

Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter. Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.«

»Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte, damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun — die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten: ›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich — als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser, hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht, wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch gegen sechzig Fuß hinab.«

»Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«, Februar 1865)]

Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen. Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »=Je ne peux plus=«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit Hilfe des anderen Führers.

Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)]

Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt, so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck »politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht, wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen.

In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung. In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm der König machte, mit folgendem Briefe quittierte:

Der Stab Arons

»Ew. Majestät sage ich meinen ehrfurchtsvollen und wärmsten Dank dafür, daß Allerhöchstdieselben meiner heute in Gnaden gedacht haben. Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majestät mir als ein lebenslänglich teures Andenken heute schenken, nach Allerhöchst Ihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das gläubige Vertrauen zu Gott, daß Ew. Majestät Stab im deutschen Lande blühen werde wie der Stecken Arons laut dem vierten Buch Mosis im siebzehnten Kapitel, und daß er sich zur Not auch in die Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt, wie im siebten Kapitel des zweiten Buches erzählt ist. Verzeihen Ew. Majestät meinem dankbaren Gefühl diese Bezugnahme. Angesichts des Weihnachtsfestes habe ich das Bedürfnis, Ew. Majestät zu versichern, daß meine Treue und mein Gehorsam gegen den Herrn, den Gott mir auf Erden gesetzt hat, auf derselben festen Grundlage beruhen wie mein Glaube.«

Aber König Wilhelm hatte sich noch nicht vertraut gemacht mit der Entscheidung auf blutiger Heide; er wollte den Frieden wahren, solange es in Ehren möglich war. So trat an die Stelle des Schwertes wieder die Feder. Doch wurde in dem Ministerrat, den der König auf der Reise von Karlsbad nach Gastein nach Regensburg berief, einstimmig beschlossen, ein Ultimatum an Österreich zu senden, in dem jede Verhandlung über die Zukunft der Herzogtümer abgelehnt wurde, bis dort die Autorität wieder hergestellt und die Agitation beseitigt sein würde. »Mit dem Frieden sieht es faul aus, in Gastein muß es sich entscheiden«, schrieb der Minister an seine Schwester. »Die Firma Halbhuber-Augustenburg«, schreibt er in einem anderen Briefe, »treibt es so arg, daß wir werden nächstens einseitig Gewalt anwenden müssen. Das wird in Wien böses Blut machen, und dann hängt sich Gewicht an Gewicht bis zum vollen Bruch. Österreich läßt uns nur die Wahl, in Holstein zum Kinderspott zu werden. Dann schon lieber Krieg, der doch nur eine Zeitfrage bleibt.«

Österreich aber zeigte sich jetzt entgegenkommend. Gerade damals hatte Graf Blome dem Gesandten in München den Vorschlag gemacht, Österreich solle Holstein, Preußen Schleswig annektieren. Dieser Plan wurde in Wien dahin geändert, daß Preußen beide Herzogtümer übernehmen solle, wenn eine angemessene Gegenleistung für Österreich gefunden wird. Blome erhielt den Auftrag, zunächst für den Augustenburger zu wirken und nur bei dauerndem Widerstande den Teilungsplan vorzunehmen. Bismarck wies diesen Gedanken zurück, war aber zu weiterem Verhandeln bereit. Blome reiste daher nach Ischl, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Bismarck aber schrieb an seinen Freund Blankenburg: »Politisch dauert die Schwebe zwischen Krieg und Frieden fort, Neigung für letzteren tritt aber in Wien doch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückreise des Königs wahrscheinlich Begegnung mit dem Kaiser in Salzburg. Bis dahin muß ich lavieren; denn von hier aus können wir nicht grob werden.«

Quinze

»Es war, wie ich den Vertrag mit Blome schloß. Damals«, so plaudert Bismarck, »habe ich zum letztenmal in meinem Leben Quinze gespielt. Obwohl ich sonst gar nicht mehr spiele — schon lange nicht mehr —, spielte ich da so leichtsinnig darauf los, daß sich die anderen nicht genug verwundern konnten. Ich wußte aber, was ich wollte. Blome hatte gehört, daß man beim Quinze die beste Gelegenheit hätte, die Menschen kennen zu lernen, und wollte das jetzt versuchen. Ich dachte, sollst ihn schon kennen lernen. Ich verlor damals ein paar hundert Taler, die ich eigentlich, als im Dienste Sr. Majestät verwendet, hätte liquidieren können. Aber ich machte ihn damit irre; er hielt mich für waghalsig und gab nach.«

Deutschlands.« Frei nach der Viktoria auf dem Brandenburger Tor. (»Kladderadatsch«, September 1865)]

Kaiser Franz Joseph sandte von Ischl tatsächlich ein entgegenkommendes Schreiben an den König. Österreich gestand jetzt die Teilung im Sinne Blomes zu und machte bedeutende Konzessionen hinsichtlich der preußischen Wünsche auf den Durchzug durch Holstein; Rendsburg sollte gemeinsam besetzt, Lauenburg gegen eine Geldsumme an Preußen abgetreten werden. Die Risse im Bau waren verklebt. Die beiden Monarchen trafen sich in Salzburg und setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag. König Wilhelm aber gab seiner Freude dadurch Ausdruck, daß er am 15. September Bismarck in den Grafenstand erhob. Folgender Brief begleitete die Ernennung.

Graf

»Mit dem heutigen Tage vollzieht sich ein Akt, die Besitzergreifung des Herzogtums Lauenburg, als eine Folge meiner, von Ihnen mit so großer und ausgezeichneter Umsicht und Einsicht befolgten Regierung. Preußen hat in den vier Jahren, seit welchen ich Sie an die Spitze der Staatsregierung berief, eine Stellung eingenommen, die seiner Geschichte würdig ist und demselben auch eine fernere glückliche und glorreiche Zukunft verheißt. Um Ihrem hohen Verdienste, dem ich so oft Gelegenheit hatte, meinen Dank auszusprechen, auch einen öffentlichen Beweis desselben zu geben, erhebe ich Sie hiermit mit Ihrer Deszendenz in den Grafenstand, eine Auszeichnung, welche auch immerhin beweisen wird, wie hoch ich Ihre Leistungen um das Vaterland zu würdigen wußte. Ihr wohlgeneigter König Wilhelm.«

untergehen. (»Kikeriki«)]

Bismarck selbst glaubte nicht an die Dauer des Ausgleichs. Schon die Tatsache, daß er alsbald nach Frankreich ging und mit Napoleon lange Besprechungen hatte, erweckte in Wien neuen Verdruß. In dieser Gereiztheit schritt man dazu, die Agitation des Augustenburgers, die schon vorher jedes Maß überstieg, heimlich noch zu verstärken. Man billigte es sogar, daß die Gattin des Erbprinzen auf einer Reise von Altona nach Kiel überall mit amtlichem Gepränge empfangen und als Landesherrin gefeiert wurde. Es kam so weit, daß Manteuffel als Gouverneur von Schleswig Bismarck riet, in Wien die Wahl zu stellen, entweder mit Preußen oder mit dem Augustenburger zu brechen. Bismarck erkannte die Richtigkeit dieses Standpunktes sofort. Er sandte zwar noch kein Ultimatum nach Wien, aber die Notwendigkeit des Krieges erhob sich für ihn immer drängender: Die preußische Machtstellung stand auf dem Spiele und zugleich die Krongewalt. Denn der Konflikt ging ununterbrochen weiter, und ein ruhmloser Rückzug im Äußeren bedeutete auch die moralische Niederlage im Inneren. Der Kampf im Herzen des Königs aber war um so schwerer, als der eigene Sohn die Partei des Augustenburgers hielt und mit seinen Angehörigen in scharfe Gegnerschaft gegen Bismarcks Pläne trat. Auch die Königin Augusta war die Gegnerin des Staatsmannes, und von den Konservativen wandten sich Gerlach und seine Freunde erschreckt von der revolutionären Tatkraft Bismarcks ab, als sie sich offen gegen Österreich und den Bund kehrte. Und auch das ganze Wesen des greisen Königs, der fast ein Siebziger war, sträubte sich gegen den Krieg. Er empfand die volle Verantwortung für das Blut, das vergossen werden sollte, für den Staat der Hohenzollern, den er aufs Spiel setzte. Die alten preußischen Kräfte, die er in sich trug, wurden durch seinen Staatsmann, der freilich selber ganz Preuße war, auf ein neues Feld hinausgeführt, das sich noch ganz fremd und unabsehbar dehnte. Sollte König Wilhelm die Kraft haben, sich diesem ungeheueren Zuge der Bismarckschen Politik hinzugeben?

Er entschied nach Bismarcks Rat. Schon im September hatte er in Merseburg bei der Feier der fünfzigjährigen Vereinigung der Provinz Sachsen mit Preußen gesagt, als er den Besitzer von Schönhausen unter den Provinzialständen sah: »Diesem Manne verdanke ich und das Vaterland sehr viel.«

Als Prophet

Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch, Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.« — »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?« — »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien, rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen, anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken kehren würden.

Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung.

Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)]

Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte, durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb, daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«. Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche; es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen. »Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.«

Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg. Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers gesalbt wissen wollte.

Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit.

Blinds Attentat

In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk, so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind. Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte, und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie: ›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon, trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!« So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde, so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er, nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher, als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!«

Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am 1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung. Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover, Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen. Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene:

Ein herzbewegendes Bild

Als Bismarck allein war, warf er von ungefähr einen Blick in den Spiegel, in welchem ein Teil des Nebengemaches sich abzeichnete, da der König beim Eintritt in dieses Zimmer die Verbindungstüre nicht völlig geschlossen hatte. Da erblickte Bismarck ein herzbewegendes Bild! Sein König lag auf den Knien und flehte in heißem Gebet zu dem Herrn aller Heerscharen, zum König aller Könige. Bismarck wandte das Haupt ab, und Tränen rollten über dieses eherne Antlitz. Inzwischen trat der König wieder lautlos ein, und dessen milde Stimme sprach jetzt zu Bismarck: »Ich habe die Entscheidung getroffen. Ich genehmige Ihre Vorschläge.«

Moltkes einziger Witz

Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten. Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.« Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm — Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig, und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch, hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen Lorbeeren geholt.

Stolz — Stolzer — Am stolzesten

(»Figaro«, September 1866)]

Anders allerdings und ernster hat Bismarck sonst über seinen Gefährten in Walhall geurteilt:

»Das war ein ganz seltener Mensch, ein Mann der systematischen Pflichterfüllung,« läßt Bismarck im Tone wärmster Anerkennung sich vernehmen, »eine eigenartige Natur, immer fertig und unbedingt zuverlässig, dabei kühl bis ans Herz hinan. Er würde sich schon im Anzuge die kleinste Ordnungswidrigkeit nicht verziehen haben,« sei immer »=á quatre épingles=« gewesen, und es habe von ihm das Wort von des Dienstes ewig gleichgestellter Uhr gegolten, bei Tage wie des Nachts. Er, Bismarck, habe, was das Äußere anlange, ihm weit nachgestanden. »Es kam öfters vor, daß ich Moltke wecken und mit ihm zum König gehen mußte, wenn besonders wichtige Nachrichten angekommen waren. In solchem Falle hatte ich das Recht, den alten Herrn zu jeder Nachtstunde zu sprechen. Wenn ich dann durch alle Wachen und sonstige Hindernisse bis zu Moltke vorgedrungen war, so brauchte ich nur fünf bis höchstens zehn Minuten zu warten; dann war er fertig: gewaschen, tadellos vorschriftsmäßig angezogen und sogar in frischgewichsten Stiefeln.«

Bismarck: »Meine Herren, ich sage Ihnen, ich bin todesmüde — — —«

Kikeriki: »So? Na, da möcht’ ich den Herrn erst seg’n, wann er ausg’rast’t is!«

(»Kikeriki«, Mai 1880)]

Der Krieg brach aus. Das Schicksal ging seinen Weg. Der König aber durfte seinen Preußen zurufen: »Nicht mein ist die Schuld, wenn mein Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängnis wird erdulden müssen: Aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben! Wir müssen fechten um unsere Existenz! ... Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere Waffen segne!«

* * * * *

Schon im April hatte Roon an seinen Freund Perthes geschrieben: »Ich zweifle nicht, daß unsere Wege zu erwünschten Zielen führen unter der Voraussetzung, daß Graf Bismarcks Gesundheit ihn nicht lahmlegt. Das freilich heißt nach meiner Überzeugung die Schlacht von Kollin zum zweitenmal verlieren.« Aber Bismarck blieb gesund, sein Körper versagte nur dann, wenn seiner rastlosen Energie und seiner dämonischen Leidenschaftlichkeit sich die Zaghaftigkeit als Hindernis entgegenstellte. Der Schlaflose konnte jetzt »zwei Nächte hindurch gut und viel schlafen«.

Eine französische Verdächtigung Bismarcks, der angeblich die Aufsaugung der kleineren deutschen Staaten im Auge hat. (»=Le philosophe=«, September 1865)]

Bismarck war von vornherein entschlossen, seinen König ins Hauptquartier zu begleiten. Am Abend noch, ehe er abreiste, wurde ihm von den einst so feindlich gesinnten Berlinern eine begeisterte Ovation gebracht. Die ersten Siegesnachrichten waren bereits eingetroffen, der preußische Elan war erwacht, und in den Gehirnen begann es zu dämmern, daß tatsächlich jetzt durch Blut und Eisen das ersehnte Ziel erreicht werden könne. Und so wandelte sich auch sonst im ganzen preußischen Volke die Stimmung. Am 30. Juni reiste Bismarck mit dem König ab. Spät abends traf er mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Schon hier war das Hauptquartier und mit ihm der König von ernster Gefahr bedroht. Noch nach Jahrzehnten erzählte der Staatsmann:

Beinahe gefangen

»Am 30. Juni 1866 abends traf Se. Majestät mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Die Stadt von 28000 Einwohnern beherbergte 1800 österreichische Gefangene und war nur von 500 preußischen Trainsoldaten mit alten Karabinern besetzt; nur einige Meilen davon lag die sächsische Reiterei. Diese konnte in einer Nacht Reichenberg erreichen und das ganze Hauptquartier mit Sr. Majestät aufheben. Daß wir in Reichenberg Quartier hatten, war telegraphisch publiziert worden. Ich erlaubte mir, den König hierauf aufmerksam zu machen, und infolge dieser Anregung wurde befohlen, daß die Trainsoldaten sich einzeln und unauffällig nach dem Schlosse begeben sollten, wo der König Quartier genommen hatte. Die Militärs waren über diese meine Einmischung empfindlich, und um ihnen zu beweisen, daß ich um meine Sicherheit nicht besorgt sei, verließ ich das Schloß, wohin Se. Majestät mich befohlen hatte, und behielt mein Quartier in der Stadt.«

Von Hohenmauth, wohin er über Siechrow und Jitschin gelangte, schrieb Bismarck seinen prächtigen Brief über den Geist der Armee:

Der preußische Soldat

»Unsere Leute sind inzwischen, jeder, so todesmutig, ruhig, folgsam, gesittet, mit leerem Magen, nassen Kleidern, nassem Lager, wenig Schlaf, abfallenden Stiefelsohlen, freundlich gegen alle, kein Plündern und Sengen, bezahlen was sie können und essen verschimmeltes Brot. Es muß doch ein tiefer Fonds von Gottesfurcht im gemeinen Manne bei uns sitzen, sonst könnte dies alles nicht sein.«

Am 3. Juli fiel bei Königgrätz die Entscheidung, und am Abend, auf dem Schlachtfelde, konnte Roon dem langjährigen Kampfgenossen zurufen: »Bismarck, diesmal hat uns der brave Musketier noch einmal herausgerissen.« Roon hatte recht. Bismarck wußte, daß auch für ihn der geschichtliche Name von dem Ausfall des Kampfes abhängen würde.

Den Besen um die Ohren geschlagen

Als Bismarck in den Krieg von 1866 auszog, befand sich unter den Diplomaten, die sich von ihm verabschiedeten, auch der belgische Gesandte. »Auf glückliches Wiedersehen«, rief ihm dieser zu, die entgegengestreckte Hand ergreifend. »Auf Wiedersehen,« entgegnete Bismarck, »wenn alles gut geht; sonst lasse ich mich in der letzten Attacke niederreiten.« Im Anschluß hieran erzählte Bismarck einmal dem Präsidenten Simson über den Tag der entscheidenden Schlacht: Sie sei bereits entschieden gewesen, und der Kreis der Männer um den König hätte sich bereits gelöst. Bismarck sei allein davongeritten. Da sei ihm ein General nachgekommen und habe ihm gesagt: »Sie können heute lachen. Wenn es schief gegangen wäre, hätten Ihnen die Kehrweiber ihre Besen um die Ohren geschlagen.«

Im Kugelregen

In der Schlacht von Königgrätz hatte König Wilhelm sich gewaltig exponiert. »Es war sehr gut,« schreibt Bismarck darüber an die Gattin, »daß ich mit war. Denn alle Mahnungen anderer fruchteten nicht, und niemand hätte gewagt, so zu reden, wie ich es mir beim letztenmal, welches half, erlaubte, nachdem ein Knäuel von zehn Kürassieren und fünfzehn Pferden vom sechsten Kürassierregiment neben uns sich blutend wälzte, und die Granaten den Herrn in unangenehmster Nähe umschwirrten. Die schlimmste sprang zum Glücke nicht. Es ist mir aber doch lieber so, als wenn er die Vorsicht übertriebe. Er war enthusiasmiert über seine Truppen und mit Recht, so daß er das Sausen und Einschlagen neben sich gar nicht zu merken schien, ruhig und behaglich wie am Kreuzberg, und fand immer wieder Bataillone, denen er danken und guten Abend sagen mußte, bis wir denn richtig wieder ins Feuer hineingeraten waren. Er hat aber so viel darüber hören müssen, daß er es künftig lassen wird, und Du kannst beruhigt sein: ich glaube auch kaum noch an eine wirkliche Schlacht.«

Moltkes Feldherrnblick

Als Bismarck während der Schlacht in der bösesten Stunde mit Moltke zusammentraf, hielt er dem Schlachtendenker seine Zigarrentasche hin, in der sich nur noch zwei Exemplare vorfanden. Moltke griff zu und wählte mit Feldherrnblick ~die bessere~. »Ich schloß hieraus,« erzählte Bismarck, »daß unsere Aussichten keineswegs schlecht sein konnten.«

Noch eine Zigarre

»Bei Königgrätz,« so erzählte Bismarck, »hatte ich nur noch eine einzige Zigarre in der Tasche, und die hütete ich während der ganzen Schlacht wie ein Geizhals seinen Schatz. Ich gönnte sie mir augenblicklich selbst noch nicht. Mit glühenden Farben malte ich mir die wonnige Stunde aus, in der ich sie nach der Schlacht in Siegesruhe rauchen wollte. Aber ich hatte mich verrechnet. Ich sah einen armen verwundeten Dragoner. Hilflos lag er da, beide Arme waren ihm zerschmettert, und er wimmerte nach einer Erquickung; ich suchte in allen Taschen nach, und das nützte ihm nichts. Doch halt, ich hatte ja noch eine kostbare Zigarre! Die rauchte ich ihm an und steckte sie ihm zwischen die Zähne. Das dankbare Lächeln des Unglücklichen hätte man sehen sollen. ~So köstlich hat mir keine Zigarre geschmeckt, als diese, die ich — nicht rauchte!~«

Die Geschwulst

»Da erinnere ich mich,« erzählte Graf Bismarck in Versailles, »nach der Schlacht bei Königgrätz — ich war den ganzen Tag im Sattel gewesen auf dem großen Pferde. Ich wollte es eigentlich dort nicht reiten, da es zu hoch war und das Aufsteigen soviel Mühe machte. Zuletzt tat ich’s doch, und ich bereute es nicht. Aber das lange Halten oben über dem Tale hatte mich doch sehr müde gemacht, und das Sitzfleisch und die Beine taten sehr weh. Durchgeritten hatte ich mich nicht; ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht durchgeritten; aber als ich dann später auf einer Holzbank saß und schrieb, da hatte ich das Gefühl, als ob ich auf etwas anderem säße, auf einem fremden Gegenstande zwischen mir und der Bank. Es war aber nur die Geschwulst, die von dem langen Reiten entstanden war.«

Ohne Quartier

»Wir kamen«, so erzählt Bismarck weiter, »spät abends nach Horsitz auf den Marktplatz. Da hieß es, die Herren werden ersucht, sich selbst einzuquartieren. Das war aber leichter gesagt als getan. Die Häuser waren verschlossen, und man hätte Pioniere zur Hand haben müssen, um die Türen einzuschlagen. Aber die wären wohl erst früh um fünf angekommen. Ich ging denn an mehrere Häuser, drei, vier, und zuletzt fand ich eine offene Tür. Wie ich aber ein paar Schritt auf der dunkeln Hausflur gegangen war, fiel ich in eine Art Wolfsgrube. Zum Glück war es nicht tief, und wie ich mich überzeugte, war Pferdedünger darin. Ich dachte zuerst: wie wär’s, wenn man hier bliebe, — wurde aber doch gewahr, durch den Geruch, daß noch anderes dabei war. Wie das sich doch mitunter seltsam trifft. Wenn die Grube zwanzig Fuß tief war und voll, da hätten sie am anderen Morgen ihren Minister lange suchen sollen. — Ich ging nun wieder hinaus und fand einen Platz unter den Arkaden am Marktplatze. Da legte ich mir ein paar Kutschkissen hin und machte mir ein Kopfkissen von einem dritten und streckte mich zum Schlafen hin. Als ich mich hingelegt hatte, kam ich mit der Hand neben mir in etwas Nasses, und als ich es untersuchte, war es etwas Ländliches — von einer Kuh. Später weckte mich einer. Es war Perponcher, der sagte mir, der Großherzog von Mecklenburg hätte noch ein Unterkommen für mich und ein Bett übrig. Das war richtig. Nur war das Bett ein Kinderbett. Ich machte mir’s zurecht, indem ich mir zu Füßen eine Stuhllehne hinstellte, klappte mich wie ein Taschenmesser zusammen und schlief ein. Aber früh konnte ich kaum aufstehen, da ich mit den Knien auf der Lehne gelegen hatte. — Wenn man nur einen Strohsack hat, kann man sich’s recht bequem machen, auch wenn er sehr schmal ist, wie das oft vorkommt. Man schneidet ihn nämlich in der Mitte auf, schiebt das Stroh zurück und legt sich dann in die auf diese Weise entstandene Mulde. Ich habe das mitunter in Rußland so gemacht, auf der Jagd.«

Als Moltke am Abend der Schlacht von Königgrätz über das Leichenfeld ritt, hatte er zum König gesagt: »Ew. Majestät haben nicht bloß die Schlacht, sondern den Feldzug gewonnen.« Bismarck aber hatte hinzugefügt: »Die Streitfrage ist also entschieden; jetzt gilt es, die alte Freundschaft mit Österreich wieder zu gewinnen!« Welche Fernsicht! Welche weitgehende Berechnung! Welche tiefe Erkenntnis, daß das Bündnis mit Österreich der letzte Zweck des Krieges war!

Schon als noch die Waffen ihre ernste Weise sangen, mußte für den Staatsmann die Zukunft die Weise bestimmen, durfte er den klaren Sinn sich nicht durch Siegesjubel verdunkeln lassen. So hat er es verhindert, daß die preußischen Truppen gegen Wien vordrangen und in der alten Kaiserstadt ihren Einmarsch hielten. Nicht nur, weil er Österreichs Eigenliebe aus Gründen der Zukunft verschonen wollte, sondern auch, weil der letzte Widerstand an den Floridsdorfer Befestigungen eine Zeit von Wochen in Anspruch nehmen konnte, die Napoleons Intervention auf das Feld rufen mußte. Hier lag ja die schwerste Gefahr, zumal seit dem Tage, da Kaiser Franz Joseph an Napoleon Venetien abgetreten und seine Vermittlung angerufen hatte. Unter dem gleichen Gesichtspunkt hat Graf Bismarck später auch, bei den Friedensverhandlungen von Nikolsburg, nach Kräften vorwärtsgedrängt und trotz des Unwillens des Königs und seiner Generale das Gebiet des Kaiserstaates geschont.

In Nikolsburg

»Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um, als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren, obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen, war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe verstimmen müssen.«

Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze um das Vaterland.

Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa.

andern! (»Figaro«, November 1867)]

Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es, mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen, sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich, das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten. Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230 Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt.

So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte, und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers Napoleon.«

* * * * *

Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht, Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten, und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging.

Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte. Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung, damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern. Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals.

Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei, daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am 24. Februar trat er zusammen.

Im Norddeutschen Reichstag

»Es war«, so schreibt ein Mitglied dieses Parlamentes, »ein Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nie dagewesen war. Vor dem Throne stand der greise Vater, der nach schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und von der Tribüne oben schaute als zartes Kind der Enkel dem Werke zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriffe standen. Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags dem Könige näher als alle anderen. Er stand nicht auf einer Stufe des Thrones wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal, dem Throne zunächst, in weißer Kürassieruniform und mit einem Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah es wohl, der Mann war körperlich schwer leidend, aber die Muskeln waren doch noch stark genug, um die hohe kräftige Gestalt in voller militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident. Er hatte den größten Anteil an dem Gelingen des Werkes, und darum stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher als alle anderen.«

Bismarck: »Was? Eine Frau schlagen?«

Louis: »Sie kann ja nicht widerschlagen. Warum hilfst du ihr denn nicht?« (»Punch«, November 1867)]

Mit den Worten: »Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel! Reiten wird es schon können!« suchte Bismarck die Volksvertreter zu raschem Werke zu treiben, sie über kleine Bedenken hinauszuführen. — Endlich war das Werk der neuen Bundesverfassung beendet; mit 227 gegen 93 Stimmen wurde sie vom preußischen Landtag beschlossen, während im Norddeutschen Reichstag sich nur 53 Stimmen dagegen erhoben. Am 14. Juli wurde Graf Bismarck zum Bundeskanzler ernannt. Nicht weniger als siebenundzwanzigmal hatte er in den Parlamenten das Wort ergriffen.

Zugleich hat der Streit um Luxemburg alle Kraft und Geschicklichkeit des Staatsmanns gefordert. Hier war der erste Prüfstein gegeben, ob das Gefühl für die Ehre der Nation ganz Deutschland erfüllte, denn als hier die Wellen zu Berge stiegen, da schien auch die Stunde eines neuen furchtbaren Krieges gekommen. Es sind die Schatten, die schon über Nikolsburg lagen, die auch jetzt auf die neue Zeit sich senkten.

Napoleon versucht vergebens Luxemburg zu gewinnen und wirft sein Auge auf deutsches Gebiet. »Ein guter Schäfer läßt kein Schaf verloren gehen« (»Kladderadatsch«, März 1867)]

Napoleon war bitter enttäuscht. Er hatte gehofft, das sinkende Ansehen seiner Dynastie durch Gewinn an deutschem Boden zu steigern; er hatte geglaubt, daß ihm, wenn die beiden kriegführenden Mächte aus dem Ringen geschwächt hervorgehen würden, das linke Rheinufer als Lohn anheimfallen würde. Dann war sein Blick nach Belgien geschweift und dann nach Luxemburg, das, in Personalunion mit den Niederlanden vereint, aus der Verbindung mit Deutschland gelöst war. Er bot dem König von Holland ein Kaufgeschäft an, obwohl Bismarck schon vorher keinen Zweifel ließ, daß die Abtretung des Landes niemals im Einverständnis mit Preußen erfolgen werde. Im Zusammenhang hiermit, als ein =avis au lecteur= hat Bismarck die Schutzverträge mit den süddeutschen Staaten veröffentlicht. Aber ihm schien die Stunde noch nicht reif, ihm schien auch der Rechtsgrund für ein kriegerisches Einschreiten nicht genügend gesichert; der König wollte den Frieden. Den Zwang zum Krieg erkannte auch Bismarck noch nicht an. Hier fiel das Wort: »Man darf nicht Krieg führen, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist; die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen Krieg anzufangen.« Und es gelang ihm, indem er diplomatische Vorsicht und souveränes Machtbewußtsein verband, indem er zugleich die nationale Leidenschaft im deutschen Volke erweckte und doch mäßigend lenkte, zu einem Ausgleich zu kommen, der die Ehre Deutschlands in vollem Maße wahrte. Luxemburg wurde neutralisiert, der Abzug der preußischen Besatzung und die Schleifung der Festung bestimmt. Vergebens hatte man in Frankreich gerüstet, vergebens hatte auch König Georg von Hannover die Sendung einer Legion von 20 000 Mann angeboten.

Im Juni darauf ist Bismarck bereits mit König Wilhelm nach Paris zur Weltausstellung gereist. Sein Empfang durch den Pöbel war so wenig erfreulich, daß die besonnene Presse an den ritterlichen Sinn der Nation appellieren mußte. Um so freundlicher war der Empfang durch Napoleon am Hofe. Prachtvolle Feste wechselten miteinander, und eine fromme Sage erzählt, daß Bismarck damals seinen letzten Walzer tanzte.

Ein liebenswürdiger Spitzbube

In Paris fand Bismarck besonderes Wohlgefallen an dem alten Marschall Vaillant. »Wissen Sie, Graf,« sagte dieser nach einigen Tagen zu ihm, »daß Sie auf uns alle einen süperben Eindruck machen? Jedermann sagt, das ist doch ein liebenswürdiger Spitzbube.«

Wohlan, kreuzen wir den Degen

Als Bismarck nach einer Parade bei Longchamps die schönen Truppen bewunderte, meinte der liebenswürdige Marschall: »Besten Dank, Herr Graf. Das ist alles sehr schön. Aber Sie Deutschen sind uns gegenüber zu groß geworden. Wir werden eines Tages den Degen miteinander kreuzen müssen.« — »Nun gut,« sagte Bismarck, »kreuzen wir!«

»Seitdem der dort oben seine Tanzschule aufgemacht hat, bin ich mit meiner Tanzschule — =perdu!=« (»Brumm-Brumm«, Januar 1868)]

Dem Zollparlament galt Bismarcks nächstes großes Schaffen. Hier fiel, laut in Frankreich vernehmbar, schon das Wort, daß ein Appell an die Furcht im deutschen Herzen niemals ein Echo findet. Hier hatte er vor allem gegen partikularistische Verbissenheit zu kämpfen, gegen das Bemühen, daß die preußische deutsche Lokomotive am Main ihren Stillstand finde. Aber auch hier siegte nach einer »langen, schweren Woche« der Wille des großen Staatsmannes.

Ein schwerer Unfall

In Gesellschaft Keudells und Blanckenburgs machte Bismarck am 22. August von Varzin aus einen Spazierritt. Die drei Reiter bewegten sich im Trab längs einer großen Rieselei im Walde auf einem aufgeschütteten, anscheinend ganz ebenen und festen Rasenwege — Bismarck voran, unmittelbar hinter ihm Blanckenburg, dann Keudell. »Denke Dir mein Erstarren,« schreibt Blanckenburg am 24. August an Roon, »als ich ganz plötzlich folgendes Bild vor mir abspinnen sehe: der kleine breite Fuchs, den er (Bismarck) ritt, tritt mit dem rechten Vorderfuß durch die Rasendecke, und zwar so tief und energisch, daß er gleich, mit dem linken sich vergebens stützend, nach einigem Stolpern mit der Nase die Erde wühlte. Natürlich flog Otto über den Hals fort und war meines Erachtens erst mit der rechten Hand und dem Gesicht an der Erde, als der zweite Akt erfolgte — nämlich daß der Fuchs vollständig ›heesterkopp‹ schlug und mit dem dicken Pferderücken (zehn Zentner Gewicht!) auf die bundeskanzlerischen Schultern prallte. Der dritte Akt folgte ebenso schnell — nämlich daß der Fuchs rechts abfiel und Otto schnell aufsprang und leichenblaß, ohne Atem, ein dumpfes Gestöhn ausstoßend, halb Gewimmer, sich den Magen krampfhaft haltend umherging. Ich war in dem Augenblicke vom Pferde, als er aufsprang, und überzeugte mich bald, daß Knochen nicht zertrümmert waren« — indessen waren drei Rippen gebrochen —, »auch erfolgte kein Blutsturz, auch nicht das leiseste Blutspucken, so daß wir bis jetzt hoffen, alles sei ohne weitere Folgen abgegangen. Er ritt noch Schritt eine Viertelstunde und hatte die ersten heftigen Schmerzen, als er einen Wagen nahm. Der Arzt kann nichts finden. — Natürlich wird dies seine Nerven nicht gerade sehr stärken. Vorher machte er mir eigentlich einen guten Eindruck, wenngleich er über Schlaflosigkeit klagte. Er trank, wie er sagt, am Tage vor dem Sturz zum erstenmal mit Appetit Sekt und rauchte drei Zigarren.«

Der Unfall hat Bismarck nicht geschadet. Nach einigen Tagen konnte vielmehr Frau von Bismarck an Blanckenburg schreiben, daß »Otto nach dem Sturze besser schlafe als vorher; er sei und bleibe der Meinung, daß Gott ihm diesen Sturz geschickt habe, damit seine Nerven besser werden«.

~hüben — und — drüben~

als ein Mittel, die Völker militärfromm zu erhalten und in ihnen die Steuerzahl-Lust zu erwecken (»Kladderadatsch«, Juni 1869)]

Auch sonst Glück im Unglück

Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —, hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute, wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß ich nicht den Hals gebrochen hätte.«

»Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können« (»Brumm-Brumm«, November 1869)]

Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger Landwehrregimentes ernannt und =à la suite= des Magdeburger Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu erblicken.

Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen, sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen.

Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!« (»Lustige Blätter«, 1892)]

Das Vorspiel zum großen Kriege

Im Frühling des Jahres 1870 hatte Bismarck schon zu dem Staatsrechtslehrer Bluntschli gesagt, daß die Scheu vor Frankreich ihn keinen Augenblick von dem Vorgehen in der deutschen Sache abhalten werde. Er fürchte Frankreich nicht. Deutschland sei den Franzosen weit überlegen. Zugeständnisse werde er nicht machen: »Wenn nicht Gott uns ungünstig und den Franzosen günstig ist, so werden wir einen französischen Angriff abschlagen und nach dem Siege nach Paris marschieren.« Österreich, so war er überzeugt, werde unter allen Umständen neutral bleiben; im Notfall werden wir mit Rußland dieses Land gänzlich im Schach halten. Sie werden nicht wagen, das Schwert aus der Scheide zu ziehen. Seine Hauptarbeit war, schon aus dieser Erkenntnis heraus, die Brücke über den Main auch für die kommende schwere Belastung tragfähig zu erhalten.

Aber das Antlitz des Jahres schien freundlich. Noch am 30. Juni hat ja Frankreichs Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper erklärt: »Zu keiner Zeit war die Aufrechterhaltung des Friedens mehr gesichert als jetzt. Wohin man auch blickt, kann man nirgends eine Frage entdecken, die Gefahr bringen könnte.« Da wurde die Hohenzollernsche Kronkandidatur von Spanien noch einmal angeregt. Unter Zuziehung Roons und Moltkes in einer Konferenz, die schon am 15. März im Königlichen Schlosse stattfand und an der auch der Kronprinz und die Träger der wichtigsten Staatsämter teilnahmen, war einstimmig die Annahme der Krone durch den Erbprinzen Leopold beschlossen worden. Aber Bismarck riet den Spaniern, um zunächst nicht Preußen zu engagieren, mit dem Fürstenhause von Hohenzollern direkt zu verhandeln. Am 14. Juni ging ein neuer Unterhändler zum Fürsten Anton nach Sigmaringen; dort wurde das Anerbieten angenommen, ohne daß offiziell die Zustimmung des Familienhauptes, des Königs von Preußen, eingeholt wurde. In Paris aber entstand sofort eine heftige Erregung. Am 5. Juli folgte in der Kammer eine Interpellation, und Herr von Grammont gab unter stürmischem Beifall die Antwort: »Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes (Spanien) uns verpflichtet, zu dulden, daß eine fremde Macht (Preußen), indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls =V.= setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige Gleichgewicht der Mächte derangieren und so die Interessen und die Ehre Frankreichs gefährden könnte. Wir hoffen, daß diese Eventualität sich nicht verwirklichen wird. Sollte es aber anders kommen, so würden wir unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.« Und Ollivier fügte hinzu: »Wenn Sie über diese Erklärung nachgedacht haben, so werden Sie sich überzeugen, daß sie keine Ungewißheit über den Gedanken der Regierung läßt, insofern es sich darum handelt, ob sie den Frieden will oder den Krieg herbeiführt.« Ganz Paris tönte von Kriegsgeschrei wider. Bismarcks erster Gedanke aber, als er die Pariser Telegramme las, war der, das sei der Krieg; sein zweiter, jetzt müsse man die ganze Armee mobil machen und über Frankreich herfallen; das wäre der Sieg. »Leider«, fügte er hinzu, »geht das nicht — aus verschiedenen Gründen.«

Bismarck und der König, der sich an Soldatenspielerei ergötzt und einen Humpen Emser Wasser dabei leert. (»L’Eclipse«, 24. Juni 1870)]

Am 8. Juli abends traf Benedetti aus Wildbad in Ems ein. Er hatte die Order, den König aufzufordern, wenn nicht durch einen Befehl, so doch durch einen ernsten Ratschlag den Prinzen Leopold zum Rücktritt zu bewegen. Ein Geheimschreiben Grammonts erklärte jedoch schon jetzt, die einzige Antwort, die den Krieg verhindern könnte, wäre diese: Die Königliche Regierung billigt die Annahme durch den Prinzen nicht und befiehlt ihm, diesen Entschluß zurückzunehmen. — König Wilhelm erklärte zunächst mit würdevoller Bestimmtheit, er habe als Familienhaupt nur eine negative Rolle gespielt, indem er die Annahme nicht untersagte, er könne jetzt seine Stellung nicht dahin geltend machen, den Prinzen zum Rücktritt zu zwingen. Unter der Hand erklärte er sich jedoch bereit, sich mit dem Vater des Prinzen in Verbindung zu setzen. In Paris jedoch genügte dies nicht; die Hitze, die in den Köpfen der Pariser herrschte, schlug auch in die Ministerien hinüber. Benedetti verstärkte seine Sprache, König Wilhelm sah sich indessen genötigt, den preußischen Gesandten aus dem Urlaub sofort auf seinen Posten zurückzusenden und Bismarck sobald als möglich von Varzin nach Ems zu entbieten. Bismarck reiste sofort ab. In Berlin besprach er sich mit Roon und dem Grafen Eulenburg, den er sofort nach Ems absandte. Schon am Abend jedoch traf eine Botschaft des Herrn von Werther ein, daß der spanische Gesandte amtlich den Verzicht Leopolds der französischen Regierung angezeigt habe. Da gab Bismarck die Reise nach Ems auf und schrieb der Gattin, sie möge nicht nachkommen, vermutlich werde er in einigen Tagen nach Varzin zurückkehren, ob noch als Minister, sei eine andere Frage. Bismarck hatte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Tage aber ging ein Bericht des Herrn von Werther ein, wonach die französische Regierung wünsche, der König möge an den Kaiser Napoleon einen für die Öffentlichkeit geeigneten Entschuldigungsbrief richten. Dieser Bericht führte zur sofortigen Abberufung des preußischen Gesandten, der eine so beleidigende Zumutung zu überbringen bereit gewesen war. An demselben Tage aber stellte Graf Benedetti auf der Brunnenpromenade in Ems, wo keiner der Minister gegenwärtig war, an den König das Ansinnen eines Versprechens, niemals in Zukunft der Erhebung eines hohenzollerischen Prinzen auf den spanischen Thron zuzustimmen.

Vorher schon hatte Bismarck seine Entlassung als Ministerpräsident und Bundeskanzler eingereicht. Am Abend des 14. Juli hatte er dann Moltke und Roon zu Tische geladen. Da traf Abekens Depesche ein:

Die Schamade

Sie hatte folgenden Wortlaut: »Seine Majestät der König schreibt mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisieren, sofort zu telegraphieren, daß ich mich für alle Zukunft verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies ihn zuletzt etwas ernst zurück, da man =à tout jamais= dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe noch könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und, da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei, er wohl einsähe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei. — Seine Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten Karl Anton bekommen. Da Seine Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchstderselbe mit Rücksicht auf die obige Zumutung auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch seinen Adjutanten sagen zu lassen, daß Seine Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. — Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem Gesandten als der Presse mitgeteilt werden sollte.«

Sie erhielt durch Bismarck in der nachstehend geschilderten Szene folgende Fassung:

Fanfare

Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der Königlich Spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris telegraphiere, daß Seine Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.

Platz.«

(»Don Quichotte«, 4. September 1892)

(Das Bild bezieht sich auf die Debatten, die damals über die Emser Depesche stattfanden.)]

sitzt General Prim und rückwärts König Wilhelm. Napoleon und die Mächte stellen sich ihnen drohend entgegen. König Wilhelm, der den Eselschwanz in der Hand hält, sagt: »Wenn ihr uns rüberbringt nach Spanien, so ist’s mir recht, aber ich weiß von nichts, weil alles hinter meinem Rücken geschieht.« (»Figaro«, 14. Juli 1870)]

Die alte Karkasse

»Bei dem gemeinsamen Abendessen an jenem historischen Tage«, so erzählt Bismarck, »waren beide sehr niedergeschlagen und machten mir indirekt Vorwürfe, daß ich die im Vergleiche mit ihnen größere Leichtigkeit des Rückzuges aus dem Dienste egoistisch benutzte. Ich vertrat die Meinung, daß ich mein Ehrgefühl nicht der Politik opfern könne, daß sie beide als Berufssoldaten wegen der Unfreiheit ihrer Entschließung nicht dieselben Gesichtspunkte zu nehmen brauchten als ein verantwortlicher Auswärtiger Minister. Während der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn ich mich recht erinnere, von ungefähr zweihundert Gruppen, aus Ems, von dem Geheimrat Abeken unterzeichnet, in der Übersetzung begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war, welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Seiner Majestät redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des Aktenstückes verweilte ich bei der einen Auftrag involvierenden Ermächtigung Seiner Majestät, die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der Presse mitzuteilen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in bezug auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unserer Rüstungen, respektive auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruches keinen Vorteil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen Landesteile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsere Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während in einer späteren Periode dieser Vorteil sich abschwächen würde; er halte den schnellen Ausbruch im ganzen für uns vorteilhafter als eine Verschleppung ... Nachdem ich die Depesche redigiert hatte, bemerkte Moltke: ›So hat das einen anderen Klang, vorher klang es wie Schamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf eine Herausforderung.‹ Ich erläuterte: ›Wenn ich diesen Text, welcher keine Änderungen und keinen Zusatz des Telegramms enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsere Gesandtschaften mitteile, so wird er vor Mitternacht in Paris bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen. Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorruft; es ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten ...‹ Diese meine Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie hatten plötzlich die Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: ›Der alte Gott lebt noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.‹ Moltke trat so weit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich, mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust schlug und sagte: ›Wenn ich das noch erlebe, in solchem Krieg unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Karkasse‹ der Teufel holen.‹ Er war damals hinfälliger als später und hatte Zweifel, ob er die Strapazen des Feldzugs überleben werde.«

Bismarcks »letzte Faser«. (»Figaro«, September 1881)]

Am 14. Mai 1891 veröffentlichte Roons Sohn eine Erklärung aus den Aktenstücken des Vaters, in der er feststellt, daß der König selbst Bismarck ermächtigt habe, den Text nach Ermessen ganz oder teilweise zu veröffentlichen. Nicht Bismarck, sondern Grammont hatte, wie sich der preußische Staatsmann einmal ausdrückte, »die Laus zum Skorpion aufgeblasen«.

Aber auch diese Erklärung mindert nicht die gewaltige Größe jener Stunde, in der Otto von Bismarck die Last der Verantwortung für Deutschlands Zukunft entschlossen auf seine Schultern nahm, erfüllt von derselben rücksichtslosen Kraft der Aufopferung, wie sie einst York in der Mühle von Tauroggen bewährte. Hier ist nach Babelsberg der zweite hohe Gipfel auf Bismarcks Tatenwege gegeben. Was König Wilhelm versäumte, holte Bismarck im rechten Augenblick nach. Dort die Hoheit und die Würde, schwerbeleidigt und herausgefordert, hier der treue deutsche Diener, der die Last der Verantwortung auf sich lädt, der Träger deutscher Notwehr gegen einen in das Tiefste unseres Lebens frevelhaft hineingreifenden Feind. Eines der erschütterndsten Dramen unserer deutschen Geschichte.

Bismarck als Oberst und König Wilhelm als Korporal jagen in wilder Hast vor den Franzosen her.

»Sie können nur im Rennen siegen.« (»Actualités«, Juli 1870)]

Auf der Platte neben dem Glase Sodawasser steht zu seinem Entsetzen ein