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eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand. Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk, das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1. März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden. In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm, der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war. Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat, erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde zu sein!«
Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus: »Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)]
Am 9. März morgens 1⁄29 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen.
Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort, und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck sprach:
Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß, sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)]
Die Grabrede auf den alten Kaiser
»Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck, sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben, die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem, was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit, das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.«
Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen: »Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)]
Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben, der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu Kaiser Wilhelm dem Ersten.
* * * * *
Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«, 1888)]
Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck, als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs. Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals« des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart.
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Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden.
Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole, Die ich mit Andacht nun herunterhole! — — — — — — — — — — — — — Erweise deinem Meister deine Gunst.«
Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)]
Der Tod des Reitknechtes
Als des Kanzlers einstiger Reitknecht Hildebrandt gestorben war, den er einst vom Tode des Ertrinkens gerettet, empfing er die Nachricht durch den Bruder, der gleichfalls lange in seinen Diensten gestanden hatte und dann nach Chikago ausgewandert war. Ihm schrieb Fürst Bismarck folgenden eigenhändigen Brief: »Lieber Hildebrandt! Ihren Brief vom 9. habe ich erhalten und mich gefreut, daß es Ihnen gut geht, wenn Sie auch im Laufe der Zeit von Trauerfällen nicht verschont geblieben sind. Ihr Bruder war danach älter, wie ich glaubte. Ihre erste Frau war 1851 ein ganz junges Mädchen, ist also nicht alt geworden. Ich freue mich, daß Sie auch mit der jetzigen glücklich leben und daß sie noch an Deutschland denkt. August wird wohl ein feiner Yankee geworden sein. Mir geht es insoweit gut, als die Meinigen nach Gottes Gnade leben und gesund sind und meine Tochter mir zwei Enkel geschenkt hat; meine Söhne sind leider noch nicht verheiratet; Herbert ist bei der Botschaft in London; der Jüngste arbeitet hier unter mir; beide sind Gott sei Dank gesund, was ich von meiner Frau leider nicht immer sagen kann, und von mir gar nicht; ich jage nicht mehr und reite selten, weil ich zu matt bin, und wenn ich nicht bald mich zur Ruhe setze, so wird meine Lebenskraft verbraucht sein. Wie alt sind Sie jetzt? und was für ein Geschäft treiben Sie, oder haben Sie sich schon zur Ruhe gesetzt? Ihrer Frau können Sie sagen, daß Lauenburg sich sehr aufnimmt; ich bin im Herbst seit dreißig Jahren wieder dort gewesen, bin auch Ehrenbürger der Stadt und grüße als solcher Ihre Frau besonders.«
Ein Stammbuchvers
Das Album einer fürstlichen Frau fand, nachdem Moltke sich darin eingetragen, mit den Worten »Schein vergeht, Wahrheit besteht« auch Zugang zu Bismarck, der unter Moltkes Worte den Vers schrieb:
»Ich glaube, daß in jener Welt Die Wahrheit stets den Sieg behält, Doch mit der Lüge dieses Lebens Kämpft unser Marschall selbst vergebens.«
Fraktur
Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält, deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig 80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen, die =more vernaculo= (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.«
1887)]
Die Getreuen von Jever
Bekanntlich schickten die Getreuen von Jever dem Kanzler jährlich zu seinem Geburtstage 101 Kiebitzeier. Dies geschah am 68. Geburtstage mit folgenden Vers:
Fast as de Diek üm Jeverland Schlungst Du üm’t dütsche Land dat Band. As üm dat Jeverland den Diek — Schütz Gott den Diekhauptmann von’t Riek!
Die Getreuen in Jever.
Fürst Bismarck ließ den freundlichen Spendern diesmal durch den preußischen Gesandten in Oldenburg eine Gegengabe übermitteln. Es war ein silberner Becher in Gestalt eines Kiebitzeies. Außen hatte er die Farbe des Kiebitzeies, innen war er vergoldet. Den Deckel bildete ein Kiebitzkopf; die innere Fläche war mit dem Wappen des Reichskanzlers geziert. Das Ganze ruhte auf einem Kiebitzfuß. Diese Gegengabe begleitete Bismarck mit folgendem Schreiben vom 22. April: »Den ›Getreuen in Jever‹ danke ich herzlichst für die Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben. Gestatten Sie mir, meinem Dank wenigstens durch ~ein~ Ei Ausdruck zu geben, von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ›Getreuen‹ freundlich entgegenzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn ich einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen, welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen könnte.«
Mondschein
Zu einem seiner Geburtstage hatte der berühmte humoristische Charakterdarsteller Karl Helmerding dem Fürsten folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: »Goethe soll im Sterben ausgerufen haben: ›Mehr Licht!‹ Möge die ~Sonne~, welche seinem Wunsche Erfüllung gab, uns noch recht lange leuchten!« — Bismarck erwiderte, gleichfalls telegraphisch: »An den Schauspieler Helmerding! 1. April 1875. Herzlichen Dank! Aber die lieblose Anspielung mit ~Mondschein~ gerade heut’, bei sechzig voll? von Bismarck.«
Wie er Modell saß
Professor Fritz Schaper sollte das Kanzlerdenkmal für Köln ausführen, mußte sich aber damit begnügen, ihn einigemal in der Nähe zu sehen, ohne daß ihm der Fürst als Modell saß. Dafür aber erhielt der Künstler den vollständigen Anzug des Kanzlers, und in diesen wurde ein Berliner Schutzmann gesteckt, der die gleiche Körperbildung wie Bismarck besaß. Fünf Jahre später hatte der Bildhauer eine Büste für den 70. Geburtstag des Reichskanzlers herzustellen. Damals traf er es besser. Er war von Bismarck zu Tisch geladen, aber der Kanzler mochte wohl geglaubt haben, daß die Betrachtung bei der Tafel genüge. Doch als nach Ende des Mahls der Fürst seine Pfeife angezündet hatte, zog plötzlich Schaper sein Handwerkszeug hervor, sagte nur: »Erlauben Sie, Durchlaucht«, und begann den Kopf abzumessen. Dabei hatte er freilich einen Umstand nicht berücksichtigt, nämlich — Tyras, der wütend auf den Künstler lossprang, jedoch schnell zur Ruhe verwiesen wurde. So konnte Schaper, maßgeblich für alle Kollegen, die Größenverhältnisse des gewaltigen Kopfes feststellen. Damit der Fürst bei dieser für ihn langweiligen Messung nicht ungeduldig würde, suchte ihn Schaper nach Kräften zu unterhalten und erzählte dabei ein Histörchen, zu dessen Verständnis daran erinnert sei, daß Bismarck sich einmal den weißen Vollbart hatte wachsen lassen. Ein Schalk — so erzählte nun Schaper — sei während des Karnevals auf das Standbild geklettert und habe dem Kopfe mit — Schlagsahne den Vollbart verliehen; das sei dem Übermütigen freilich schlecht bekommen, denn man habe ihn eingesperrt. Bismarck bemerkte: »Das hätte man mir telegraphieren sollen, ich hätte sofort seine Freilassung verfügt!«
Die Ägyptische Frage
Fürst Bismarck wurde einst von einem gern das große Wort führenden Industriellen, der sich sehr vertraulich zu dem Reichskanzler zu gebärden pflegte, gefragt: »Nun, Durchlaucht, wie wird es jetzt mit der Ägyptischen Frage?« Sehr ruhig antwortete ihm der Fürst mit seiner »wurstigen« Miene: »Daß weiß ich nicht, Herr Kommerzienrat, ich habe heute die Zeitungen noch nicht gelesen.«
Noch ein Vers Bismarcks
Einmal erhielt der Fürst zum Geburtstage von den Stammgästen im »Halben Monde« zu Weißenfels folgenden Glückwunsch:
»Durchlaucht, wir gratulieren. Sie sind das zwar gewohnt, Doch selten mag’s passieren Von Gästen aus dem Mond.«
Umgehend erfolgte Bismarcks Antwort:
»Daß mir Gratulationen Vom Monde zugedacht, Wo selten Gäste wohnen, Das hätt’ ich nie gedacht.«
Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie mit guter Manier loszuwerden, versetzt er der (Polenvorlage) Danaë eins mit dem gütererwerbenden Dreihundert-Millionen-Goldregen. (»Ulk«, Februar 1886)]
Wie man lästige Besuche entfernt
Lord Odo Russell, der englische Gesandte am deutschen Hofe, besuchte eines Tages den Fürsten Bismarck in dessen Palais in der Wilhelmstraße in Berlin. Im Laufe der Unterredung meinte der Lord, daß ein Mann wie der Reichskanzler wohl recht oft von lästigen Menschen heimgesucht werde. »Das sei Gott geklagt«, versetzte seufzend der Fürst. »Sie haben aber doch jedenfalls das eine oder andere Mittel, sich solche Leute schnell vom Halse zu schaffen?« »Ei freilich«, schmunzelte Bismarck. »Eines meiner besten ist, daß ich mich durch meine Frau unter diesem oder jenem Vorwande abrufen lasse. Natürlich darf dann der Besucher auch nicht länger bleiben.« Diese Worte waren kaum gesprochen, als die Fürstin hereintrat und mit harmloser Miene bemerkte: »Otto, es ist an der Zeit, deine Medizin zu nehmen, vergiß es nicht.« Der Lord faßte die Sache von der heiteren Seite auf; er brach in ein schallendes Gelächter aus und empfahl sich.
Ein löblicher Kanzler
Einen bemerkenswerten Glückwunsch erhielt Fürst Bismarck zu seinem 70. Geburtstage von den Lehrern der Kreisschulinspektion zu Lüdenscheid. Es war wohl das originellste Telegramm, welches der Fürst unter den Tausenden von Depeschen am 1. April empfing. Dasselbe lautete:
Fürst Bismarck, Berlin. Sirach 10, Vers 5. Die Schulinspektion zu Lüdenscheid.
Die zitierte Bibelstelle enthält die Worte: »Es stehet in Gottes Händen, daß es einem Regenten gerate; derselbige gibt ihm einen löblichen Kanzler.«
Von der öffentlichen Meinung
»Sie kennen,« so sagte der Kanzler einmal zu Wagener, »unzweifelhaft den Ausspruch des alten Napoleons, daß drei schreiende Weiber mehr Lärm machen als tausend schweigende Männer. Man tut deshalb auch sehr unrecht, den schreienden Weibern der öffentlichen Meinung irgendeine größere Bedeutung beizulegen. Die wahre öffentliche Meinung ist die, welche sich aus gewissen politischen, religiösen und sozialen Vordersätzen in einfachster Fassung in der Tiefe des Volkslebens erzeugt und regt, und diese zu erkennen und zum Durchbruch zu bringen, das ist die eigentliche Begabung und Aufgabe des starken Mannes. Ich möchte sie die Unterströmung der öffentlichen Meinung nennen. Ich habe deshalb auch nie mit den eigentlichen Parlamentsschreiern gerechnet und habe gerade deshalb die Genugtuung gehabt, die öffentliche Meinung, auf die ich Wert lege, in nachhaltiger Weise für mich zu gewinnen. Die Paulskirche in Frankfurt und das Unionsparlament in Erfurt waren in der Tat eine Versammlung ausgezeichneter Redner, und doch, was ist von denselben übrig geblieben? Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch.«
Riesenglobus ausgestellt. Der Globus gefiele den Franzosen schon, aber das, was oben sitzt, nicht. (»Hum. Blätter«, Febr. 1888)]
Vom Werte des Ruhmes
»Es ist nicht gerade sehr angenehm,« sagte Bismarck einmal zum Geheimrat Wagener, »weder auf vierzehn Schritt belorgnettiert, noch auf vier Schritt beschossen zu werden, und das bißchen Eitelkeit, das in dem Angestauntwerden seine Befriedigung findet, hält nicht lange vor. Alle die kleinen Eitelkeiten des Lebens haben nur so lange Reiz, wie man sie nicht besitzt. Sobald man sie erreicht hat, gilt von allen der Ausspruch des Königs Salomo, daß es eitel ist und keine wahre Befriedigung gewährt. Ich begreife deshalb auch nicht, wie ein Mensch dieses Leben ertragen kann, der nicht an ein anderes und besseres glaubt.«
Der Sicherheitsknüppel
Nach dem Kullmannschen Attentat trug Herr von Rottenburg, wenn er den Kanzler in Kissingen begleitete, stets einen Revolver bei sich, Bismarck gleichfalls. Eines Tages traf dort aus London ein mächtiger Knüppel ein, wie ihn die Londoner Policemen tragen, mit der Zuschrift: »Haben Sie acht.« Als Rottenburg den Fürsten hierauf aufmerksam machte, lehnte dieser seine Begleitung mit den Worten ab: »Ich bin in Gottes Hand!«
gedachten Kronprinzen Wilhelm und dem Frieden. (»Don Quichotte«, 23. Juni 1888)]
Die Ahnherren
Keiner seiner Vorväter, so erzählte einmal Fürst Bismarck, habe seit den Hugenottenkriegen gelebt, der nicht den Degen gegen Frankreich gezogen hätte: »Mein Vater und drei seiner Brüder. Dann war mein Großvater mit bei Roßbach, mein Eltervater gegen Ludwig =XIV.=, und dessen Vater ebenfalls gegen Ludwig =XIV.= in den kleinen Kriegen am Rhein 1672 oder 1673. Dann fochten mehrere von uns im Dreißigjährigen Kriege auf kaiserlicher Seite, andere freilich bei den Schweden. Zuletzt noch einer, der unter den Deutschen war, die als Mietvölker auf der Seite der Hugenotten standen. — Einer — ’s ist der auf dem Bilde in Schönhausen — das war ein origineller Mensch. Ich habe da noch einen Brief von ihm an seinen Schwager, da heißt es: ›Das Faß Rheinwein hat mir selber achtzig Reichstaler gekostet; wenn der Herr Schwager das zu teuer findet, so will ich, so Gott mir das Leben läßt, es selbsten austrinken.‹ Dann: ›Wenn der Herr Schwager das und das behauptet, so hoffe ich, daß ich ihm, so Gott mir das Leben läßt, einmal noch näher an den Leib kommen werde, als ihm lieb ist.‹ Und an einer anderen Stelle: ›Ich habe zwölftausend Reichstaler auf das Regiment verwendet, und die verhoffe ich, so Gott mir das Leben läßt, mit der Zeit wieder herauszuwirtschaften.‹ — Das Herauswirtschaften, damit meinte er vermutlich, daß man sich damals auch für die Beurlaubten und für die sonst nicht vorhandenen Mannschaften den Sold bezahlen ließ. Ja, ein Regimentskommandeur stand sich zu jenen Zeiten anders wie heute.«
Roß und Reiter
Der Fürst hatte infolge seiner Nervosität seit einigen Wochen auf das Rauchen und Weintrinken vollständig verzichtet. Als er dies einmal dem Kaiser Wilhelm mitteilte, sagte dieser: »Sehen Sie, da bin ich doch anders. Ich bin um so vieles älter als Sie, rauche aber dennoch meine Zigarre, trinke mein Glas Wein und befinde mich recht wohl dabei.« »Ja freilich, Majestät,« entgegnete der Kanzler, »das ist eine alte Geschichte, der Reiter hält’s immer leichter aus als das Roß.«
Einer, von dem er sich einschüchtern ließ
Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der Fürst fast täglich auf seinem Morgenspaziergange die Bahnarbeiten. Es war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die Eichen gelegt wurde; aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der Zeit und hieß sein Herz, das Herz des naturliebenden Landwirts, schweigen. Da kam er einst dazu, als die Arbeiter gerade eine mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine Riesin des Waldes, voll Kraft im tausendjährigen Alter. Da übermannte den Fürsten sein heftiges Temperament, und er befahl den Übeltäter, der des Baumes Todesurteil gesprochen hatte und vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich aufs Schloß. Wütend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigen Schritten auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Missetäter meldete, dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüberstand, da erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster zusammengezogenen Brauen glätteten sich, und verlegen, ja verlegen bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessen neun Schuh hohen, breitschulterigen Sohne Mecklenburgs, eine Zigarre und entließ ihn nach einem Gespräche über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Im Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch den Vorgang: »Ich konnte tatsächlich nach ›oben‹ den Ton nicht finden,« meinte er, »der Mensch war ja größer als ich!«
Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus
»Es war 1866,« so erzählte der Kanzler einmal, »nach dem Einzug der Truppen, abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch — heimlich —, und wie ich beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da ein großer Haufen Menschen beisammen, der mir eine Ovation bringen will. Ich war in Zivil und muß ihnen mit meinem breiten Hute, den ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht wessen, verdächtig vorgekommen sein, und einige machten eine feindliche Miene, so daß ich’s für das beste hielt, in ihr Hurra einzustimmen.«
heimtückisch, welches Insekt nun wieder sich an der Flamme verbrennen wird. (»Le Triboulet«, 1888)]
oder Nichtsein ...« (»Don Quichotte«, 17. März 1888)]
Abendsonne
Als Kaiser Wilhelm geschieden war, hat die ganze Schar der Gegner des Kanzlers, haben vor allem die Vertreter des Liberalismus, die in dem neuen Herrn einen Freund ihrer Weltanschauung und in der Kaiserin Friedrich eine erbitterte Feindin seiner Politik zu erkennen vermeinten, mit Sicherheit auf seinen Sturz gerechnet. Und obwohl der todestraurige Anblick des sterbenden Mannes, der jetzt die Kaiserkrone trug, den Gottesfrieden gebieten sollte, ist doch gerade die Zeit der neunundneunzig Tage überaus reich an Intrigen aller Art, an Feindseligkeiten gegen den großen Staatsmann gewesen.
Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto, warum wollen Sie denn eigentlich das Geschäft verlassen?«
Otto: »Es kommt mich da mit eenmal zu viel Weiblichkeit in die Firma.«
Es handelt sich um die Zeit der Battenbergschen Hochzeit. Prinzeß Viktoria sollte Herrin von Bulgarien werden. Bismarck widerstrebte energisch dem Plane in hartem Kampfe gegen die herbeigeeilte Königin Viktoria von England und die Kaiserin Viktoria, ihre Tochter. (»Figaro«, April 1888)]
Sie haben sich geirrt. Kaiser Friedrich hat festgehalten an dem treuen Diener seines Vaters, so eifrige Einflüsse auch sich auf ihn geltend machten, und so zweifelhafte Elemente ihn umdrängten. Schon aus San Remo hat der neue Herrscher an den ersten Beamten des Reiches telegraphiert: »Ich rechne auf Ihren Beistand bei der schweren Aufgabe, die mir wird.« Fürst Bismarck fuhr dem Kaiser in Begleitung seines Sohnes bis nach Leipzig entgegen. Dort begrüßte er ihn, wurde vom Kaiser umarmt und wiederholt geküßt, und in seinem Salonwagen fuhr er mit ihm nach Berlin. In einem Erlaß vom nächsten Tage an den Kanzler stellte dann der Kaiser die Gesichtspunkte auf, nach denen er seine Regierung zu führen gedachte. Dieser Erlaß begann mit den Worten: »Mein lieber Fürst! Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener Meines in Gott ruhenden Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Danke verpflichtet. Sie haben daher ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.« Wort für Wort konnte Fürst Bismarck das Programm des neuen Herrschers unterschreiben.
So blieb er zur bitteren Enttäuschung seiner Gegner im Amte, noch weit hinaus über den Tag, der dem zweiten Kaiser des neuen Reiches das Auge brach. Und noch bitterer war die Enttäuschung, als auch der künftige Erbe der Krone, Kronprinz Wilhelm, in seiner berühmten Rede zum 73. Geburtstage des Kanzlers sich begeistert zu ihm als dem Fahnenträger der Nation bekannte:
Der Fahnenträger der Nation
»Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie 27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen, so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran. Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor. Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze denselben und Eure Durchlaucht!«
Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.«
Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel. (»Hum. Blätter«, 17. Juni 1888)]
Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben. Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen.
erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)]
Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an; die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten. Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei, als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen Reiches.
Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten. Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte, für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten vorbeigeht!«
Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen:
Kein Gedanke daran
»Als der Gesundheitszustand Wilhelms =I.= im Jahre 1885 Anlaß zu ernsten Besorgnissen gab, berief der Kronprinz mich nach Potsdam und fragte, ob ich im Falle eines Thronwechsels im Dienst bleiben würde. Ich erklärte mich dazu unter zwei Bedingungen bereit: keine Parlamentsregierung und keine auswärtigen Einflüsse in der Politik. Der Kronprinz erwiderte mit einer entsprechenden Handbewegung: ›Kein Gedanke daran!‹ Bei seiner Frau Gemahlin konnte ich nicht dasselbe Wohlwollen für mich voraussetzen; ihre natürliche und angeborene Sympathie für ihre Heimat hatte sich von Hause aus gekennzeichnet in dem Bestreben, das Gewicht des preußisch-deutschen Einflusses in europäischen Gruppierungen in die Wagschale ihres Vaterlandes, als welches sie England zu betrachten niemals aufgehört hat, hinüberzuschieben und im Bewußtsein der Interessenverschiedenheit der beiden asiatischen Hauptmächte, England und Rußland, bei eintretendem Bruche die deutsche Macht im Sinne Englands verwendet zu sehen. Dieser auf der Verschiedenheit der Nationalität beruhende Dissens hat in der orientalischen Frage, mit Einschluß der Battenbergischen, manche Erörterung zwischen Ihrer Kaiserlichen Hoheit und mir veranlaßt. Ihr Einfluß auf ihren Gemahl war zu allen Zeiten groß und wurde stärker mit den Jahren, um zu kulminieren in der Zeit, wo er Kaiser war. Aber auch bei ihr bestand die Überzeugung, daß meine Beibehaltung bei dem Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege.«
Zu dem Verfasser hat Fürst Bismarck sich über das Kaiserpaar mehrfach geäußert:
Friedrichs als Steinwurf gegen Bismarcks Haupt. (»La Charge«, 7. Oktober 1888)]
Das Kaiserpaar
»Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben, wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau, aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von ›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten, hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel. Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.«
Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt er die Entlassung.
Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des geliebten Herrschers.«
Der dritte Kaiser, Wilhelm =II.=, Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte.
Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll, um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen, den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies.
Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)]
Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient, sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat: Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat.
Quichotte«, 29. März 1890)]
Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen, so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz, zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug.
an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige Blätter«, 30. August 1888)]
Ehrendoktor der Theologie
In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde, war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht, daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not, die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22. November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam für die Meinung anderer.«
Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr, welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott, daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.«
Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen, sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde.
»Scher dich zum Teufel!«
»Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)]
Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon, als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn, sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter erkor.
Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen.
Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte, zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden.
Mondfinsternis~
Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)]
Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze: Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften. Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas, Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann, nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte: »Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits unterrichtet sein mußte.«
»Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben. Soll man da nicht ärgerlich sein?«
Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«, 15. Juni 1889)]
Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)]
Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)]
Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde; Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall, daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt.
Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-, sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen, strich jedoch die geplante Verschärfung.
Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«, 20. Oktober 1889)]
Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt. Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden; er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht, den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen.
die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März 1890)]
Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war. Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite, von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.= Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen. Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.«
worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«, 1890)]
Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte.
Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen, was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück. Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!«
Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet. Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot. Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland, ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten, den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre 1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte.
böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«, März 1890)]
Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin.
1890)]
Der neue Barbarossa, Der grollend seitwärts schlich, Im Friedrichsruher Schlosse Hält er verborgen sich.
Er hat hinabgenommen Die Kanzlerherrlichkeit Und möchte wiederkommen Zu ihm geleg’ner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf Fürst Bismarck sitzt, Der Tisch ist marmelsteinern, Worauf sein Haupt er stützt.
Aus seiner Tabakspfeife Saugt er die Wolken ein, Es wuchs sein Haar, das steife, Dreiteilig durchs Gestein.
Er spricht zum Arzt: Nun blicke Durchs Fenster in die Welt Und melde mir zurücke, Was dir ins Auge fällt.
Und wenn das Volk der Raben Noch diesen Berg umschwirrt, Dann muß Geduld ich haben, Bis daß es anders wird.
(»Lustige Blätter«, 1890)]
Abschied von Berlin
Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln. Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen. Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen. Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren, und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es, als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren. In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger, im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier, bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert. Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball, ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat, laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute, welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und »Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein. »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!« ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe: »Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein« wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle. Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell fortdampfenden Zuge.
23. März 1890)]
April 1890)]
»Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!«
(Eine ungedruckte Karikatur von 1890)]
Ein Abschiedsgedicht
Am 1. April des Trauerjahres hat der »Kladderadatsch« an den Fürsten Bismarck folgendes Abschiedsgedicht gerichtet:
Wenn einsam heut im Sachsenwald du dich ergehst, So lässest die Gedanken rückwärts wandern du In alte Zeit. Der Jugend stürmische Tage ziehn Vorüber dir, da kühne Pläne schon du trugst Im hohen Sinn, erwägend, wie das Vaterland Zu retten sei aus schimpflicher Ohnmacht schwerem Bann. Und weiter denkst du, wie begonnen du das Werk, Und wie gefügt mit starker Hand du Stein zu Stein, Bis endlich stand vollendet da der Riesenbau, Die Welt mit Staunen füllend und Bewunderung. Wenn also rückwärts schauend heute du erwägst, Was du vollbracht, dich weihend ganz dem Vaterland, Darfst sagen du: »Noch größer ist’s und herrlicher, Als ich in kühnem Jugendmut dereinst geträumt!« Heil dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht Von dem ersterben, was du für dein Volk getan.
Von langer Arbeit ruhe nun in Frieden aus! Was in vergangenen Tagen oftmals du ersehnt, Beschieden ist es jetzo dir: auf eignem Grund Als schlichter Gutsherr sitzest du. Du siehst, wie sich Dein Wald mit frischem Laube schmückt im jungen Lenz; Durch deine Felder schreitest täglich du und siehst Die reichen Saaten fröhlich wachsen und gedeihen; Und wenn im Herbst die Schnitter sich beim Erntefest Im Tanze mit den drallen Mägden drehn, so trittst Du unter sie, von lautem Jubelruf begrüßt, Und fühlst als Herr in deinem kleinen Reiche dich Beglückter, als gewesen du zur Zeit, da noch Gespannt Europas Völker deinem Wort gelauscht. Doch ob du auch geflüchtet vor der Hauptstadt Lärm Dich in die Stille deiner Wälder, nimmermehr Magst du entfliehn der Liebe und der Dankbarkeit. In alter Treue denken dein unzählige, Und heut erbraust durchs ganze Reich der laute Ruf: Heil dir, o Fürst! Beschieden sei dir’s lange noch, Mit rüst’gem Schritt im Sachsenwald dich zu ergehn. Und oftmals magst du feiern noch den frohen Tag, Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt!
Der Reichskanzler legt alle seine Ämter nieder, gibt alle seine Insignien zurück und begibt sich in die wohlverdiente »Friedrichsruh«. (»Kladderadatsch«, März 1890)]
Nach der Entlassung
Der Tag der Entlassung, Deutschlands Trauertag, war vorübergegangen. Da aber hat sich das Wundersame ereignet: der Stein, der von dem Baumeister verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden; der Mann, dem ein kaiserlicher Machtspruch das Amt genommen, wurde Deutschlands heimlicher Kanzler, sein Berater in Freud und in Leid. Man hat versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, in Vergessenheit zu bringen, was er geleistet, und selbst das Wort vom Handlanger fiel kränkend in sein Herz. Er blieb dennoch, der er war.
5. April 1890)]
Wer in der Ordnung der Welt nicht ein loses Gefüge des Zufalls erblickt, sondern dem großen Gedanken des Ewig-Zweckmäßigen nachsinnt, der wird auch erkennen, daß die weltgeschichtliche Aufgabe Otto von Bismarcks noch nicht an jenem Tage gelöst und beendet war, da ihm das Steuer aus den arbeitsgewohnten treuen Händen entrissen wurde. Es hieße den Weltgeist meistern, ihn, der auch die Könige nach ihrem Pfunde fragt, wenn man verlangte, daß jene ungemeine Kraft, die sich in dem greisen Staatsmann verkörperte, auf ein irdisches Machtwort hin zerstört sei. Die Kleinen der Menschheit mögen so handeln, wie es der zweite Kanzler später tat; der Genius aber kennt nur selbstgeschaffene Gesetze, denen er folgt, auch wenn des Philisters befangener Sinn ihm das eigene Wesen als Muster und Richtschnur empfiehlt. Ein Bismarck, der ruhig den Geschicken sich beugte, der, des Amtes beraubt, sich auch der Verantwortung für ledig erkannte, der die Tage der sinkenden Sonne des Lebens still und ruhig auf seinem Gute verträumte, ein Bismarck, der nicht mehr schaffend tätig war, der wäre ein Widerspruch gewesen gegen sich selbst, gegen seine Vergangenheit und seine Taten; er wäre in Wahrheit nur jener brave Handlanger geworden, als den ihn eine irrende Legende darstellen wollte. Indem er fortan das bürgerliche Recht der Kritik ausübte, indem er zum Türmer wurde, der auf nahende Gefahren weist, erhob er dieses Recht zu einer Bedeutung, die das Volk freudig anerkannt hat, als es ihm die glänzende Fahrt nach Wien, Kissingen und Jena schuf, die ein paar Erlasse des Nachfolgers vergebens zu beschränken sich mühten. Nur ein Mann, der anders war als die Wanderer auf der Heerstraße des Gewöhnlichen, konnte schaffen, was ihm die deutsche Welt verdankt: So mußte er auch anders sein, als all die Kleinen, auch in den Jahren des Alters, in denen dennoch das Blut seine Adern jünglingsheiß durchwallte. So ist die Geschichte Bismarcks in acht Jahren nichts anderes gewesen als der Kampf des Genies gegen den Durchschnitt. Und eine gewaltige Tragik lag in dem allen. In dem »Zauberlehrling« ist die Allegorie gegeben: Die Wasser drängen und brausen; der Meister weilt abseits. Nur daß die Wirklichkeit schärfer zeichnet: In Fingerhüten suchten die Schüler die Wogen zu schöpfen, um die Gefahr zu vermindern, und die Stimme des Meisters verhallte. Aber der Meister war von Fleisch und Blut, und es zehrte an ihm, daß er die Hand nicht mehr rühren sollte. Nicht für sich wollte er schaffen; er brauchte nicht mehr des Ruhmes und des Erfolges; aber für sein deutsches Volk und für das Deutsche Reich wollte er noch Hammer und Meißel gebrauchen.
Stillschweigen auferlegt werden. (»Kladderadatsch«, Sept. 1890)]
Es war das Martyrium des Genies, das Bismarck durch acht Jahre trug. Daß er es in Größe ertrug, ja, daß er über sich selbst noch hinauswuchs, daß er, auf sich allein gestellt, doch nicht wankte und nicht wich, daß er den Mut der Einsamkeit besaß, hob ihn hinaus weit in die Sphären, in denen das Kleinlich-Menschliche verschwindet. Zagend stand die Welt, als er aus dem Amte schied; die Instinkte der Masse sahen beklommen einen Gegensatz zwischen der Kaisertreue und der Treue zu Bismarck, und der stürmenden Jugend wandte sich die Neigung zu. Aber die Zeiten zogen dahin, und ein Wandel trat ein: Die Bismarckfahrten sind das Merkmal der Stimmung geworden; sie wurden Ehrenmale des deutschen Volkes.
Auch wer die Ereignisse nicht nur mit dem Maßstab der Nützlichkeit mißt, wer nur dort von Erfolgen spricht, wo die Bilanz mit einem greifbaren Plus abschließt, wer die augenblickliche Wirkung berechnet und nicht die Früchte, die langsam aus der Saat emporreifen, wird den Gewinn der Bismarckfahrten hoch einschätzen müssen. Die Jahre der Ära Caprivi hatten den nationalen Gedanken verdunkelt; sie hatten die Fortentwicklung gelähmt; sie hatten dort, wo die berufensten Träger dieses Gedankens waren, Mißverstehen und Entmutigung geschaffen. Auch die Träger der späteren Politik vermochten selbst da, wo ihre Maßregeln gebilligt werden durften, das Defizit nicht zu decken, das diese Jahre erzeugten. Die Freudigkeit der Arbeit war geschwunden, der Pessimismus war geblieben. Da zogen denn Tausende und wieder Tausende zum Sachsenwalde. Und während der Fahrt steigen die Erinnerungen auf an die Tage von einst, und die Herzen wurden warm, und man sprach vom Kaiser Weißbart und vom Versailler Schloß und von Sedan und von den Schlachtfeldern allen, und die Augen begannen zu leuchten, wenn einer, der dabei war, erzählte, wie er den Eisernen Kanzler damals gesehen, als er gen Donchery ritt, und wenn ein anderer sich entsann, wie er vor dem Reichstage stand, als Bismarck eben für die deutsche Furchtlosigkeit gezeugt hatte, und daß er ihn heraustreten sah, ernst und bleich, und wie das Volk schwieg, weil kein Ton das auszudrücken vermochte, was alle beherrschte. Und war man am Ziele, blickten die Mauern von Friedrichsruh durch das Grün, harrten die Scharen schweigend des Augenblicks, um dessetwillen sie kamen, und schritt dann langsam, ernst, den Blick nach innen gekehrt, der greise Kanzler heran, um sich schweigend zu neigen und zu horchen, was die Westpreußen und Schlesier, Schleswiger und Sachsen zu sagen haben, dann war die drängende Masse nicht nur ergriffen, sie war erschüttert: Hier steht die große Vergangenheit lebendig vor uns, hier blickt sie auf uns nieder mit der ernsten Frage: Werdet ihr euch wert erzeigen dessen, was wir für euch schufen? In dem brausenden Hoch, das dann ertönte, lag mehr als die Liebe zu dem einen Mann, da lag auch das Gelöbnis: Wir werden uns würdig erzeigen, wenn es gefordert wird, gleich unseren Vätern und Brüdern freudig unser Blut auf dem Schlachtfelde zu verspritzen. Und sie haben es später gezeigt, bei Lüttich und vor Antwerpen, an der Aisne wie an den Masurischen Seen und vor Warschau, daß der Geist Bismarcks lebendig blieb und daß diese Jahre, in denen die Deutschen gen Friedrichsruh wallten, reiche Früchte in ihrem Schoße trugen.
Laterne«, Juli 1890)]
So hat Bismarck auch nach der Entlassung das große Werk seines Lebens weitergeführt. Er hat keine Ruhe gekannt, er hat gekämpft, auch als man ihn vom Kampfplatz trieb, und er ist, wie stets, der Sieger geblieben. Und wenn auch die Jüngeren versuchten, die Bahnen zu verlassen, auf denen er glorreich dahingeschritten war, wenn sie sich klüger dünkten als der Vielerfahrene, so hat doch die Geschichte ihnen unrecht gegeben, und beschämt mußten sie zurückkehren zu seinen Bahnen.
Aber jeder Kampf hat seine Bitterkeit, vor allem der Kampf des Genies gegen das Vorurteil und die Selbstgefälligkeit der Masse. Unter dem Eindruck des Ungeheuren, das am 20. März 1890 geschah, haben selbst Männer in ihrem redlichen Empfinden geschwankt, die sonst in treuer Gesinnung zu dem nationalen Werke Bismarcks gestanden haben. Er war verlassen fast von allen, und als er es wagte, noch das Recht der freien Meinung zu fordern, zu warnen, wo es ihm Pflicht schien, da hat man ihn geschmäht, ihn mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht.
Dem Schloßherrn von Friedrichsruh spiegelt die Phantasie die triumphierende Rückkehr vor. (»Strekoza«, 1891)]
Der Maulkorb
Schon im Juli 1890 konnte Fürst Bismarck sagen: »Ja, mir gibt man beim Leben die Ehren des Todes. Mich begräbt man wie Marlborough. Man wünscht nicht bloß, daß Marlborough nicht wiederkehre, sondern man wünscht, daß er wirklich sterben möge oder wenigstens auf den Rest seiner Tage schweige. Mit meiner Lage söhne ich mich aus. Alles hat sich in so legalen Formen vollzogen, daß ich auch gar nicht daran denken kann, zu protestieren. Wenn ich frühmorgens inmitten dieser Natur aufwache, so fühle ich sogar eine große Freude darin, daß keine Verantwortlichkeit auf mir liegt; man fühlt sich frei, unabhängig, so wie ein rechtschaffener Landedelmann sein soll. Aber zugleich damit kann ich nicht vergessen, daß ich mich 40 Jahre mit der Politik beschäftigt habe — und auf einmal darauf verzichten, ist unmöglich. In der Tat hilft man mir darin eifrig — und niemand von meinen Gefährten in der Politik, niemand von meinen zahlreichen Bekannten führt mich durch seine Besuche in Versuchung. Man ruft mir ›Halt!‹ zu, mich meidet man wie einen Pestkranken, indem man sich fürchtet, sich durch einen Besuch bei mir zu kompromittieren, und nur meine Frau besuchen noch von Zeit zu Zeit ihre Bekanntinnen. Deshalb bin ich immer erfreut über die Repräsentanten der Presse, welche sich für Fragen der Politik interessieren, und mit welchen ich über Dinge sprechen kann, die fortfahren, mich zu beschäftigen. Aber auch das ruft Unzufriedenheit hervor. Man kann mir nicht verbieten, zu denken, aber man möchte mich gerne hindern, meinen Gedanken Worte zu geben, und wenn es möglich wäre, hätte man mir längst ein =silence cap=, einen Maulkorb, angelegt.«
Das Leben in Friedrichsruh
Der Verfasser hat nach einer Reihe von Besuchen in nachstehender Weise einen Ausschnitt aus dem Leben in Friedrichsruh zu zeichnen versucht: Es ist natürlich, daß auch heute noch die Politik den Fürsten Bismarck fast ausschließlich beschäftigt, daß er mit intensivem Interesse den Wandlungen der Gegenwart folgt. Er selbst sagte einmal, daß so manche Nebenbeschäftigung, wie die Jagd und die Fischzucht, an denen er sonst Freude hatte, ihr Interesse verloren, seitdem ihm die Hauptbeschäftigung genommen ist. Wer an große Erregungen gewöhnt ist, wer über Völkerschicksale entschied, der empfindet die Idylle als Fessel, der sträubt sich dagegen, daß die Ruhe zum Selbstzweck werde. Ein Mann von 81 Jahren — und welche gewaltige Kraft! Wie harmoniert selbst das Physische an ihm mit dem Geistigen! Gewaltig von Statur, aufrecht, festen Schrittes, so wandert er durch den Park von Varzin oder unter den Bäumen von Friedrichsruh, so tritt er dem Besuchenden im Innern des Hauses entgegen. Das Auge, das wunderbare, ist noch immer so durchdringend und klar, daß es scheint, als ginge der Blick bis in die tiefsten Falten des Herzens. Keine Spur von Ermüdung auf dem Spaziergang oder des Abends, wenn nach der Mahlzeit durch Stunden der Fürst das Gespräch führt. Es ist etwas Eigenes mit diesen Gesprächen. Die meisten, die namentlich als Mitglieder von Deputationen bei Bismarck weilten, glauben dem Hofton folgen und stets die Anrede abwarten zu sollen — das ist falsch. Fürst Bismarck will angeregt sein, er will das Thema erfahren, das den anderen interessiert, und man darf sicher sein, man wird ihn nicht in Verlegenheit setzen. Formell besitzt er die leichte Art des Franzosen, die Kunst des Plauderns; inhaltlich aber hat selbst das anscheinend leichte Gespräch eine solche Fülle von Beobachtung und Urteil, daß man immer von neuem über die Reichhaltigkeit dieses Geistes erstaunt. Ich habe nie ein so prägnantes Urteil über Zolas »=Débâcle=« gehört, wie einst von ihm. Ihm fehlt »der Pulverrauch in dem Buche, den eben nur der schildern kann, der ihn selbst gerochen hat«; er nennt es phantastisch und unwahr und führt zum Belege die Einzelheiten der Schlacht von Sedan an, obwohl er das Buch vor langer Zeit schon gelesen. So zitiert er im Plaudern englische und französische Dichter und Forscher; auch dem italienischen Sprachschatz entlehnt er Vergleiche, und stets wendet er die Ursprache an. In Erinnerung ist mir geblieben, wie er einmal nach einem Exkurse über die oft recht geringe Verwendbarkeit seiner Beamten scherzend das Wort Talbots anwandte, indem er es durch die Betonung variierte: »Mit der Dummheit« — im Bunde mit ihr — »kämpfen Götter selbst vergebens.«
»Das sind die Tage, von denen Wir sagen, sie gefallen Uns nicht.« (»Wahrer Jakob«, Juli 1892)]
(Silhouette von B. Moloch)]
Interviewer: »Bitte, Durchlaucht, sagen Sie mir nur dies eine: Was bezwecken Sie mit Ihrem jetzigen Journalkampf?«
Fürst Bismarck: »Einjesperrt will ick werden, einjesperrt!«
(»Der Floh«, Juli 1892)]
Es ist ein großer Irrtum, sich den Fürsten Bismarck als erbittert vorzustellen. Zwar von einzelnen Persönlichkeiten, die nach seiner Überzeugung einst gegen ihn erfolgreiche Intrigen spannen, spricht er nur mit Erbitterung oder mit scharfem Spott, aber die Grundstimmung ist doch die Resignation, die zuweilen nicht ohne einen melancholischen Zug ist. Diese leise Melancholie ist erst bemerkbar geworden, seitdem ihm die treue Lebensgefährtin starb. Seine Umgebung ist jedoch eifrig bemüht, solche Wolken von seiner Stirn zu bannen. Überhaupt hat die Sorgfalt, mit der ihn die Seinen umgeben, etwas innerlich Ergreifendes. Vor allem ist es die Tochter, Gräfin Rantzau, die mit außerordentlicher Zartheit um den Vater bemüht ist. Aber besonderen Dank schuldet wohl die Mitwelt ihrem Gatten, der seine Karriere mitten in ihrer Entwicklung unterbrach und jede Wallung eines natürlichen Ehrgeizes niederkämpfte, um das Bedürfnis des greisen Helden nach einem freundlichen Familienleben zu erfüllen. Graf Rantzau hat da ein Opfer gebracht, das sich in dem steten Verkehr mit dem Fürsten selbst belohnen mag, das aber nicht hoch genug geschätzt werden kann, zumal ihm doch auch das Gefühl nicht fremd bleiben mag, im Hause eines Bismarck mit dem eigenen Werte stets zurückstehen zu müssen. Von den Rantzauschen Kindern weilen zwei in Friedrichsruh, der älteste Sohn befindet sich auf der Ritterakademie in Brandenburg. Es sind bildhübsche, schlanke, hochgewachsene Jungen, von denen namentlich der jüngste am meisten Bismarcksche Schädel- und Gesichtsbildung zeigt. Entzückend ist es, das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln zu beobachten. Welch tiefe Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten ins Zimmer treten, wenn sie dem Großvater die Hand küssen, die dann liebevoll über ihre frischen jungen Wangen streicht! Sie haben es nicht nötig, mäuschenstill auf ihren Plätzen zu sitzen, gar manchesmal hört man ihr munteres Lachen vom anderen Ende der Tafel. Die Jungen werden nicht verzärtelt, sie werden zu tüchtigen Landjunkern herangebildet. In Varzin bestand ihr Hauptgenuß darin, in der »Schafwäsche« mit den Dorfjungen zu baden und nachher sich an weißen Rüben, frisch aus dem Felde, zu delektieren. Der Fürst ist in seinen Bedürfnissen mäßig; das stets wiederkehrende Gesichtsreißen mit seinen quälenden Schmerzen mag ihm wohl auch die Freude des Genießens stören. Indessen nimmt er immerhin noch die Speisen und Getränke zu sich, die etwa ein rüstiger Sechziger zu seines Leibes Nahrung und Notdurft gebraucht. Spaßhaft war es, wie er einmal sich entschuldigen wollte, daß er ein paar kleine Glas Bier als Ganze hinunterstürzte, und wie ihn Professor Schweninger auf seine Bemerkung, daß der Kaviar heute früh doch gar zu salzig gewesen sei, darauf aufmerksam machte, daß es »den schon gestern früh gegeben habe«. Bei der Mahlzeit ist der Fürst äußerst lebendig, doch mag ihn die Rücksicht auf die Dienerschaft veranlassen, hier die Politik möglichst zu vermeiden und sich hauptsächlich in Reminiszenzen zu ergehen. Bei solchen Gelegenheiten bewunderte ich stets die Sicherheit, mit der er die entlegensten Namen zur Hand hatte, zugleich aber auch die Prägnanz, mit der er durch irgendein Beiwort, durch die Erwähnung irgendeines charakteristischen Merkmals die Persönlichkeiten, von denen er spricht, uns lebendig vor das Auge zaubert. Den Hauptgenuß bilden die Stunden nach dem um sieben Uhr stattfindenden Diner, in denen der Fürst, die lange Pfeife rauchend, sich ohne Zwang in politischen Gesprächen ergeht. Er verfolgt die Ereignisse des Tages mit gespannter Aufmerksamkeit, ist über alles orientiert und fällt sein Urteil mit erstaunlicher Treffsicherheit. Vor allem betont er auch immer mit Nachdruck die Notwendigkeit eines guten Einvernehmens mit Rußland. Einmal erwähnte ich die mir bekannte Absicht des chinesischen Gesandten, den Fürsten um seinen Rat zu fragen: »O nein, ich danke, ich gebe einen Rat nur dann, wenn ich ihn auch verantworten muß. Ratgeber ohne Verantwortung — von der Sorte gibt es schon Leute genug.« Auch auf den Plan, den Grafen Herbert zum Führer einer neuen, großen nationalen Partei zu machen, kam das Gespräch: »Ich würde meine Zustimmung dazu nie geben; zum Parteiführer ist mein Sohn nicht Intrigant genug.« Im lebhaften Gespräch geht wohl einmal die Pfeife aus; da will aber der Fürst keine Hilfe haben: »Das Nachstopfen ist auch ein Teil des Genusses beim Rauchen.« Nur das lange Streichholz — sechs Zoll lang — darf man gerade noch anzünden. Der Fürst steht verhältnismäßig spät auf; das ist eine alte Gewohnheit, die noch aus seiner Amtszeit stammt und in der weiteren Gewohnheit begründet ist, bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten. Das erste Frühstück, nach englischer Art, wird im Sommer auf einer Veranda eingenommen, und hierbei werden die eingegangenen Zeitungen durchflogen. Von den Briefen und Zusendungen, die selbst an gewöhnlichen Tagen eintreffen, läßt sich schwer eine Vorstellung machen. Da sendet ein Fabrikant eine Tuchprobe mit der Bitte, den Stoff als Bismarcktuch in den Handel bringen zu dürfen, da schickt eine glückliche Pastorenfrau die Photographie — ihrer fünf Sprößlinge; es sind die heterogensten Themen, die in den Briefen angeschlagen werden, und es ist selbstredend, daß auch zahllose Gesuche um Unterstützung nicht fehlen. Dem ersten Frühstück folgt bei erträglichem Wetter ein Spaziergang, sonst wohl beschäftigt sich der Fürst mit Angelegenheiten der Verwaltung, die ihn oft recht stark in Anspruch nehmen. Das zweite Frühstück vereinigt zum erstenmal die ganze Familie: einige leichte, warme Speisen, Bier, Wein, ein leichter Schaumwein. Wenn Gäste anwesend sind, wird wohl ein besonderer Gang eingeschoben. Bei schönem Wetter erfolgt eine Ausfahrt und nach der Rückkehr erneute Arbeit. An Zeitungen sind anscheinend etwa sechs bis sieben dauernd abonniert; am sorgfältigsten liest der Fürst die »Hamburger Nachrichten«, in deren lokalen Teil er sogar hineinblickt. Den speziellen Dienst beim Fürsten hat noch immer der treue Kammerdiener Pinnow, der mit außerordentlicher Sorgfalt um seinen greisen Herrn bemüht ist, dem aber, nach der freundlichen Rundung seines äußeren Menschen zu urteilen, sein Dienst recht gut bekommt. So gestaltet sich das Leben des greisen Staatsmannes ganz in der Art des vornehmen Landedelmannes. Es ist ein =otium cum dignitate=, was er genießt.
»Ich wollt’, er hätte für sein Vaterland gehandelt, Wie er begann. Und nicht das aufgetrennt, Was er mit eigner Hand geknüpft.«
(»Punch«, 16. Juli 1892) ]
Es war das schlichte, aber trotz seiner Schlichtheit zugleich vornehme und behagliche Heim eines Landedelmannes, in dem Fürst Bismarck den Abend seines Lebens verbrachte. Aber es war kein schlichter Landedelmann, der dort der Hausherr war; wer immer zu ihm in Beziehungen trat, der schied voll ehrfürchtiger Bewunderung; wem es beschieden war, ihm näherzutreten und sein Vertrauen zu gewinnen, der schied von ihm voll leidenschaftlicher Liebe. Wie hingen sie alle an ihm, Lothar Bucher, Schweninger, Lenbach und die anderen — selbst der Nüchternste empfand es, daß hier die Natur ein Meisterwerk geschaffen, und mit einer Art heiliger Scheu blickte er auf das Antlitz des Großen. »Es ist ein unbegreifliches, geheimnisvolles Leben in diesem mächtig aufgebauten Kopfe, das auf den Beschauer geradezu überwältigend in den Augenblicken wirkt, da er den Blick über die Personen und Gegenstände seiner näheren Umgebung hinweg und in die Ferne schweifen läßt«, so schildert die Malerin Vilma Parlaghy den Eindruck, den sie empfing. Und der Dichter Adolf Wilbrandt erzählt aus dem Dezember des Jahres 1890, wie ihm der Fürst zuerst, als er ihn in der Tiefe des Saales auf einem Sofa ruhen sah, als ein alter Mann erschien: »Doch nun erhob sich der ›Alte‹, und lässig aufgereckt, in ruhiger, behaglicher Würde stand die volle, hohe Gestalt vor mir, ins Leben zurückgekehrt. Wenige Augenblicke hatten ihn verjüngt; mit freundlichem Hausherrnblick begann er das Gespräch, mit dem ruhigen wartenden Blick der vordringenden Augen, der zwischen seinem durchbohrenden Naheblick und seinem Denkerfernblick gleichsam in der Mitte schwebt. Nie habe ich an einem Menschen einen so erstaunlichen und leichten Wechsel vom zugreifenden Naheblick des Tatmenschen und vom tiefen, geisterhaften Fernblick des vorausschauenden Weisen gesehen. Wie sich in ihm so viele und verschiedene Kräfte der deutschen Volksart zu einem mächtigen Akkord vereinigt haben: wilde, dreinschlagende Tatkraft, bedächtige Zähigkeit, strahlender Humor, plattdeutsche Gemütlichkeit, selbstwilliger Herrschersinn, hingebende Mannestreue, tiefgrabende Klugheit — so gehen von seinem Auge in oft unmerklichem Übergang brüderliche Strahlen der widersprechendsten Menschenformen aus: des Kämpfers, der sich mit allen Kräften durchzusetzen sucht, der in dich hineinbohrt, vor dessen Scharfblick du dich vielleicht gern verstecken möchtest, und des Denkers, der dich gar nicht sieht, der durch dich hindurch in irgendeine Ferne schaut, eine vergangene oder zukünftige, der auf der Welt nichts zu wollen scheint, als aus der Nichtigkeit des Augenblicks in das Wesen der Dinge zu tauchen.«
Bauer (dem die Finger in der Coupétür gequetscht worden sind): »Aber dös tuet weh!«
Schaffner: »Dös glaab’ i. Wann’s guet tät, dann tätet ihr die Pratzen den ganzen Tag net aus de Tür außi.«
Graf Caprivi fühlt sich durch den Ton der Preßpolemik beschwert, die Fürst Bismarck in seinen Blättern anschlagen läßt. (»Kladderadatsch«, August 1892)]
Als im Frühjahre des Jahres 1896 eine Wiesbadener Deputation erschien, schrieb eines ihrer Mitglieder: »Wir alle hatten das Gefühl, daß man diesem Manne immerfort zuhören könnte, ohne auch nur im geringsten zu ermüden. Wer je des Glückes und der Ehre der Gastfreundschaft in seinem Hause teilhaftig geworden ist, wird rückhaltlos zugeben, daß es seit Luther einen fesselnderen Erzähler in Deutschland nicht gegeben hat. Jeder, der mit diesem Manne in einer ähnlichen Lage zusammen ist, der in seine großen, hervortretenden, wunderbaren blauen Augen mit dem unbeschreiblich ruhigen und durchbohrenden Blick geschaut und ihn sprechen und erzählen gehört hat, wird mir recht geben, daß man bald in dem Banne seiner Genialität gefangen ist und einem Wesen aus einer anderen Welt gegenüberzustehen glaubt. So überragt er alle seine Zeitgenossen.«
Unvergleichlich ist auch in diesen letzten ernsten Jahren die Plauderkunst des Fürsten Bismarck gewesen. Nur daß über ihr dauernd ein Schatten der Melancholie ruhte, der selbst dem goldenen Humor einen tiefen schwarzen Rand verlieh. Reich wie vorher war sein Arsenal plastischer Bilder, durchdringend blieb seine Menschenkenntnis, wunderbar sein Gedächtnis. Und trotz allem blieb die Persönlichkeit einfach, man spürte nichts von dem Übermenschen, man vergaß das Riesenhafte dieser Gestalt. Das Haar wurde allmählich weiß, aber die Gesichtsfarbe blieb hell, gesund und fast von jugendlicher Frische bis zuletzt. Zuweilen zuckten Blitze des Grolls und auch des leidenschaftlichen Hasses über sein Antlitz, die Grundstimmung aber blieb dennoch eine von Humor verklärte Resignation. Aber auch hier war dennoch etwas Eigenes zu spüren: der Mann, der die Geschicke der Menschheit bestimmt hatte, konnte sich nicht plötzlich mit dem Lose des Landmannes begnügen, der seinen Kohl baut, seine Wälder pflegt, seine Steuern zahlt; er konnte sich nicht plötzlich und unvermittelt losreißen von dem Boden, auf dem er so lange gestanden, und wenn er auch das Scherzwort brauchte: »Ich bin schön ’raus«, so zeigten doch die Kämpfe all dieser Jahre, daß er in den Sielen blieb und sich in Wahrheit bis zum letzten Atemzuge als Kämpfer fühlte. — Und er hatte Anlaß dazu. Denn wenn auch der Kurs der alte bleiben sollte, so suchten doch die neuen Männer und auch der junge Kaiser das Heil auf anderen, neuen Wegen, auf denen Fürst Bismarck, wenn er sein Werk erhalten wollte, ihnen nicht nachfolgen konnte, vor denen zu warnen die Pflicht »wie mit einer Pistole auf ihn zielte«. Er konnte kein »stummer Hund« sein. Auch als man ihm den Maulkorb umlegen, den Mund versiegeln wollte, auch als sein Nachfolger in dem ersten Uriasbriefe erklärte, daß »den Anschauungen des Fürsten Bismarck ein aktueller Wert nicht beigelegt werden könne«. Gerade weil die Kleineren, die ihm folgten, seine Bahnen verließen und sich gegen ihn wandten, deshalb fühlte er sich auf den Kampfplatz gerufen, deshalb hat der alte Recke noch einmal das Schwert umgürtet und den Schild ergriffen und sich hinausgestellt, um für sein Volk zu ringen. Und vielleicht wuchs er gerade damals und gerade deshalb, weil er nicht verzichten, sich der höfischen Lehre nicht fügen wollte, noch über sich selbst hinaus.
(Oben Bismarck, unten Caprivi.) Vorschlag zu einem Wandgemälde für den Reichstag. (»Kladderadatsch«, Mai 1893)]
Und es geschah, was geschehen mußte: die ewig Zagenden, die Leisetreter und Ängstlichen wandten sich von ihm ab, sandten nach Friedrichsruh guten Rat, abzulassen und als geduldiger Zuschauer den Ereignissen zu folgen. Sie kannten nicht den kategorischen Imperativ der Pflicht, der das ganze Leben des großen Kanzlers und auch den Abend beherrschte; sie ahnten nicht, daß er das Amt, daß aber nicht das Amt ihn groß gemacht, und sie mußten es vernehmen, daß aus dem heiligen Walde von Friedrichsruh ihnen das Scheltwort »Angstprodukte« entgegenklang.
»Wer auch Reichskanzler werden mag, immer wird er auf seinem Sessel den Schatten Bismarcks sitzen sehen. (»Ulk«, November 1894)]
Einmal hat auch Fürst Bismarck geglaubt, sich die Reichstagstribüne als Plattform verschaffen zu müssen, damit sein Wort noch weiter vernommen werde, sein Rat auch durch die äußerliche Verantwortung des Mandates gedeckt sei. In Geestemünde hat er kandidiert, bis er in der Stichwahl mit einem sozialistischen Handwerksgesellen Sieger geworden. Aber er hat dennoch das Mandat niemals benutzt, nur der äußerste Zwang hätte ihn getrieben, sowohl seine tiefe Abneigung gegen das im Reichstage herrschende Fraktionswesen zu überwinden, wie die Abneigung gegen die Rolle eines Frondeurs, der gegen seinen eigenen Nachfolger Oppositionen macht. »Ich bin«, so erklärte er einer Deputation seiner Wähler, »im siebenundsiebzigsten Jahr nun nicht mehr rüstig genug, um der Aufgabe so zu entsprechen, wie ich glaube, daß sie erfüllt werden sollte. Nicht bloß die Unbequemlichkeit, außerhalb der eigenen Häuslichkeit zu wohnen und zu schlafen, hält mich zurück, sondern auch die Aussicht auf peinliche Begegnungen mit früheren Freunden, die solche zu sein seit meinem Abgang aufgehört haben. Ich hoffe von Ihnen, daß niemand die schlimme Erfahrung selbst gemacht hat, mit seiner geschiedenen Frau unversöhnt unter einem Dache zu wohnen. Ähnlich ist das Wiedersehen mit geschiedenen Freunden. Natürlich kann ich nach meiner Vergangenheit nicht einer Partei angehören; wenn ich im gewissen Sinne auch Parteimann bin, so bin ich jetzt für das alte Kartell, dafür, daß die staatserhaltenden Parteien sich so weit verständigen, wie es ihnen möglich ist, und die Dornen ihrer Programme nicht gegeneinander kehren. Der Gedanke einer prinzipiellen Opposition gegen meinen Amtsnachfolger und die Regierung liegt mir außerordentlich fern; ebenso fern aber liegt es mir, still zu sein gegen Vorlagen, die ich für schädlich halte. Wenn ich glaube, daß das Vaterland mit seiner Politik vor einem Sumpfe steht, der besser vermieden wird, und ich kenne den Sumpf, und die anderen irren sich über die Beschaffenheit des Terrains, so ist es fast Verrat, wenn ich schweige. Was sollte ich für andere Zwecke haben, als dem Lande zu dienen? Ehrgeiz etwa? Das wäre doch töricht anzunehmen. Was sollte ich denn werden? Mein Avancement ist abgeschlossen.«
1890)]
Gegenüber dem deputierten Bürger und Bauersmann
Vor den Handelskammersekretären
Bei der Studentenpauke
Zur Künstlerdeputation
Speech an die Schuljugend
Gegen den »Neuen Kurs«
(»Ulk«, August 1893)]
»Ich fasse dich mit beiden Armen an! So klammert sich der Schiffer endlich noch Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte!«
Bezieht sich auf die Stichwahl in Geestemünde, in der Bismarck mit dem Sozialdemokraten Schmalfeld um das Mandat rang. (»Lustige Blätter«, 30. April 1891)]
Polonius-Caprivi (hinter der Szene): Hilfe! he! herbei!
Hamlet: Wie? was? eine Ratte? (Er zieht.) Tot! für ’nen Dukaten, tot! (Tut einen Stoß durch die Tapete.)
Polonius (hinter der Tapete): Oh, ich bin umgebracht! usw. usw. usw.
(»Kladderadatsch«, Juni 1892)]
Aber wenn Fürst Bismarck auch den parlamentarischen Verhandlungen fernblieb, so suchte und fand er doch einen Kampfplatz, auf dem er mit voller Verantwortung seinem Volke sagen konnte, was er zu sagen hatte. Je maßloser die Angriffe seiner Gegner wurden, je schamloser sie sein ehrwürdiges Haupt beschimpften, je lauter sie nach dem Staatsanwalt riefen, um so schneller besann sich das deutsche Volk auf seine Pflicht zur Dankbarkeit. Es sind Jahre des Sturmes gekommen, und es kamen Zeiten, in denen der Nibelungenzorn schrankenlos emporgebraust ist. Vor allem damals, als die Reise zur Hochzeit seines älteren Sohnes nach Wien in dem zweiten Uriasbrief ein Dokument der Verirrung schuf, wie es sonst die Geschichte wohl kaum noch kennt.
Der zweite Uriasbrief
Dieses zweite Schriftstück war an den deutschen Botschafter in Wien, den Prinzen Reuß, gerichtet und hatte folgenden Wortlaut: »Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert Bismarck in Wien teile ich Eurer Durchlaucht nach Vortrag bei Seiner Majestät folgendes ergebenst mit: Falls der Fürst oder seine Familie sich Eurer Durchlaucht Hause nähern sollten, ersuche ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten zugleich für das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Eure Durchlaucht sind beauftragt, in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise sofort hiervon dem Grafen Kalnoky Mitteilung zu machen.« — Neben der deutschfreisinnigen und ultramontanen Presse fühlte sich auch die edle »Kreuzzeitung« gedrungen, dem Grafen Caprivi für diese »Tat« den Dank des Vaterlandes auszusprechen. »Uriasbriefe« nannte dagegen Bismarck verächtlich diese Erlasse. In den »Hamburger Nachrichten« vom 5. Juli wurden sie mit den Worten vernichtet: »Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater Geselligkeit im Auslande und die Einwirkung auf private Dinereinladungen nicht zu den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staatsmänner berufen und Botschaftsgehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht, daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie veröffentlicht würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs aufzuweisen hätten.«
Fraktionsgenosse sein. (»Ulk«, Mai 1891)]
Götz von Berlichingen
Auf dem Marktplatz von Jena gab Fürst Bismarck die Antwort, umjubelt von den Besten seines Volkes: »Ich habe als Reichskanzler nach meinem Gewissen gehandelt, bin auch fest entschlossen, als Privatmann nach meinem Gewissen und meinem politischen Pflichtgefühl zu handeln, was auch immer die Folgen für mich sein könnten. Die sind mir völlig gleichgültig. Ich bin eingeschworen auf eine weltliche Leitung eines evangelischen Kaisertums, und dem hänge ich treu an, und wenn man mir in jedem Falle, wo ich nach meiner fünfzigjährigen Erfahrung in der Politik glaube, daß die Ratgeber meines Monarchen besser andere Wege einschlagen würden, den Vorwurf macht, ich treibe antimonarchische Politik, so möchte ich doch einmal auf unsere bestehende Verfassung aufmerksam machen, nach welcher die Verantwortlichkeit für alle Regierungsmaßregeln nicht bei dem Monarchen, sondern bei dem Reichskanzler und den Ministern ruht. Ich möchte außerdem darauf aufmerksam machen, daß diese Auffassung — ich will nicht sagen eine altgermanische, aber — eine uns in Fleisch und Blut liegende, lange, ehe wir Verfassungen hatten, gewesen ist. Ich will Sie nur an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes, dessen Manen hier auf dieser Stätte uns umschweben, erinnern. Goethe stellt uns in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der für seinen Kaiser eine solche Verehrung und Anhänglichkeit hat, daß er einen kaiserlichen Rat mit den Worten bedrohte: ›Trügest du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre!‹ Dieser Ritter trug kein Bedenken, als ihn der Hauptmann zur Übergabe auffordern ließ, diesem eine scharfe Kritik aus dem Fenster entgegenzurufen. Es zeigt das klar, daß Götz von Berlichingen und Goethe beide Sachen nicht zusammengeworfen und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner Dynastie, des Königs und des Kaisers sein, ohne von der Weisheit der Maßregeln seiner Kommissare — wie es im Götz heißt — überzeugt zu sein. Ich bin letzteres nicht und werde diese meine Überzeugung auch nicht zurückhalten.«
Volle Befriedigung konnte natürlich dieser Kampf dem Fürsten Bismarck nicht gewähren. Ihm fehlte die Arbeit, die schaffende, nützende Arbeit, ihm fehlte das Leben, er fühlte sich einsam. »Das Interesse, welches ich früher an der Politik nahm, ist im Schwinden begriffen; es geht mir wie einem Wanderer im Schnee, er fängt allmählich an zu erstarren, er sinkt nieder und die Schneeflocken bedecken ihn, es ist ein angenehmes Lustgefühl. So erstarre auch ich allmählich, mein Interesse an der Politik nimmt ab, aber ich fühle mich wohl dabei«, so sagte er wohl. Überdies begannen die Spuren des Alters sich auch dieser gewaltigen Gestalt zu nahen; die Erregungen und Bitterkeiten, die ihm geworden, beugten die Eiche zu Boden. Im August 1893 erkrankte er schwer in Kissingen. Da zog in das Herz des Kaisers plötzlich der Gedanke, daß er nicht unversöhnt scheiden, daß er, wenn der Kanzler zur Ewigkeit zog, nicht ausgeschlossen bleiben dürfe von denen, die ihn in der letzten Stunde umgeben. Dem herzlichen Beileidstelegramm und der Sendung einer Flasche Steinberger Kabinetts ist ein Besuch des Kaisers in Friedrichsruh gefolgt. Aber Kaiser Wilhelm hat damals und auch später nicht den Gedanken gehegt, von neuem den Rat des großen Staatsmannes einzuholen, auch die Kundgebung von Kissingen war nur eine rein menschliche Tat, nicht aber ein politisch wichtiges Ereignis.
»Ich bin gleich einem Wanderer, der sich im Schnee verlief und der nun erstarrt, während ihn die Schneeflocken bedecken.« (»Punch«, 6. Februar 1892)]
Später hat dann Fürst Bismarck selbst seinen Einzug in die Stadt gehalten, aus der er vier Jahre vorher geschieden war und in der auch jetzt noch der Mann als Kanzler weilte, der ihn gesellschaftlich zu ächten versuchte, in der dieselben Männer noch Minister waren, die er bekämpfte. Sie alle verstanden die Zeit und gaben bei dem Gaste des Kaisers mit höflichen Lächeln ihre Karte ab. Und dennoch lag in jenem Festtage und in dem Gruß, den der Kaiser mit seinem alten Ratgeber tauschte, ein tief bedeutsamer und für die Zukunft wichtiger Kern: Auch die Bosheit konnte fortan nicht mehr behaupten, daß die Kritik des Fürsten Bismarck sich gegen die Person des Monarchen richte. Zeigte doch Kaiser Wilhelm der Welt, daß er auch in dem rückhaltlosen Bekämpfer der von seinen Ministern vertretenen Politik den treuen Royalisten zu ehren verstand. Die Tat des Kaisers hat in der Nation einen erhebenden Eindruck erweckt, und ihre Wirkung blieb auch dann noch bestehen, als neue Wolken den Horizont verdunkelten und neue Konflikte zwischen dem Sachsenwalde in dem Kaiserschloß entstanden.
Aber es war eine tröstliche Wirkung jener Tage, daß Kaiser Wilhelm auch äußerlich Anteil an dem großen Ehrentage des Fürsten Bismarck und des deutschen Volkes nehmen konnte, der mit dem achtzigsten Geburtstage des großen Mannes heraufzog, und daß er, indem er sich in scharfen Gegensatz zu dem Beschlusse des Reichstages stellte, der dem Gründer des Reiches den Glückwunsch versagte, der Wortführer der nationalen Mehrheit werden durfte. In der Tat ist dieser Ehrentag ein Tag der Schande für die Erwählten des Volkes geworden, und als der Kaiser nach dem Sachsenwalde die Depesche sandte: »Eurer Durchlaucht spreche ich den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des Reichstages aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen aller deutschen Fürsten und Völker«, da fühlte man es voll Genugtuung und Freude, daß hier eine Brücke geschlagen war, die auch künftige Kämpfe nicht mehr völlig zerstören konnten. Es hat ja noch Kämpfe gegeben, bald stiegen die Wellen zu Berge und bald zum Tal. Denn für Bismarck gab es kein Leben ohne Kampf; ihm war der Kampf das Leben selbst. Aber mit Recht konnte er sich dagegen wehren, daß er »ein grollender Brummbär« sei, der »von dem Ast des Baumes, auf dem er saß und den man ihm meuchlings abgesägt hat, herunterpurzelte und von den Bienen arg zerstochen wurde«. Ihn stachen bloß die Drohnen, und ihre Stiche »gingen durch sein Fell nicht mehr durch«.
»Trotz der Kälte bleibe ich der Hirte dieser Herde! Tod, mach’ dich davon.« (Ein Bild von Wilette, das doch die Ehrfurcht der Franzosen vor dem greisen Staatsmann ausspricht.)]
In jenen ersten Jahren konnte der Fürst sein Leben noch wechselnd in Friedrichsruh und Varzin verbringen; er konnte dem Rate des getreuen Arztes folgen und das stärkende Bad aufsuchen; er konnte reisen, und er fand so manche äußere Anregung, die ihm das Einerlei und die Einsamkeit der ersten Verbannungszeit in Vergessenheit brachte. Er konnte das Leben eines vornehmen Landedelmannes führen.
Hier zeigte er wieder den ganzen Reiz eines Plauderers, der alle Saiten des Instrumentes als Virtuose beherrscht. Bei jeder Wendung auf noch so abliegende Gebiete oder Gegenstände setzte er seine Zuhörer durch seine Sachkenntnis, die Schärfe seines Urteils, seine epigrammatischen Aussprüche, seine charakteristischen Vergleiche und sein wunderbares Gedächtnis in Erstaunen. Und bis zuletzt hatte man von ihm den Eindruck, als ob selbst die Zeit, die alles überwindet, seiner niemals Herr werden könne.
Eine dicke alte Forelle
Während der Mahlzeit in Friedrichsruh kam das Gespräch einmal auf die Jagd. Einer der Gäste fragte den Fürsten, warum er dieser Leidenschaft so gänzlich entsagt habe. »Mit den Leidenschaften«, antwortete Fürst Bismarck, »verhält es sich wie mit den Forellen in meinem Teich: eine frißt die andere auf, bis nur mehr eine dicke alte Forelle übrig bleibt. Bei mir hat im Laufe der Zeit die Leidenschaft zur Politik alle anderen Leidenschaften aufgefressen.« Graf Kayserling bemerkte nach einer Pause: »Du wirst doch wieder die Jagd aufnehmen.« Worauf Bismarck erwiderte: »Ich glaube nicht; es täte mir heute leid, auf Wild zu schießen.«
Bismarck-Mignon: »Heißt mich nicht reden, heißt mich schweigen, Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht. Ich möcht’ euch meinen Zorn und meine Galle zeigen, Allein — das Schicksal will es nicht.«
(»Der Floh«, Juni 1892)]
Stunden des Glücks
Als ein Gast den Fürsten als einen glücklichen Mann gefeiert hatte, antwortete der Hausherr: »Meine Herren, was nennen Sie glücklich? Ein glücklicher Mensch bin ich in meinem Leben nur selten gewesen. Wenn ich die spärlichen Minuten wahren Glückes zusammenzähle, so kommen wohl nicht mehr als vierundzwanzig Stunden im ganzen heraus.« Es war charakteristisch, zu vernehmen, was er als Augenblicke ungetrübten Glückes bezeichnet hat: Zum erstenmal habe er sich glücklich gefühlt, als er als Knabe den ersten Hasen geschossen habe, das seien aber nur wenige Sekunden gewesen; dann, als er seine Liebeserklärung gemacht habe. Die innige Liebe, die ihn mit seiner heimgegangenen Gattin verbunden, kam hier zu ergreifendem Ausdruck.
In der Politik gibt es kein Glück
Von besonderem Interesse waren die Äußerungen über seine politische Tätigkeit: »In der Politik gibt es für den, der sie treibt, wie ich sie habe treiben müssen, kein Glück. Der Staatsmann ist wie ein Börsenspieler. Wenn der heute eine Million gewonnen hat, und er denkt, sich darüber zu freuen, so kommt auch schon die Sorge, wie er die gewonnenen Millionen zu weiteren Spekulationen anlegen könne. So auch mit meinen Unternehmungen! Wenn mir die eine gelungen, so mußte ich sogleich wieder darauf sinnen, wie der Erfolg festzuhalten und auszunützen sei. Der Staatsmann wirtschaftet mit fremdem Vermögen; das fällt um so schwerer ins Gewicht, je mehr man Ehrgefühl im Leibe hat. — Meine politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist. Viel glücklicher als der Staatsmann ist beispielsweise der Landmann, der Forstmann, jener, wenn er seine Felder und Rieselwiesen, dieser, wenn er seine Forstkulturen und den Wildstand gedeihen sieht.«
Trinkfest
Bis in die letzten Jahre ist Fürst Bismarck ein recht trinkfester Herr gewesen. Daß er schon in der Jugend einen vollen Pokal liebte, davon hat er oft und gerne geplaudert. So redete man einmal von Ärzten und der Art, wie die Natur sich zuweilen helfe. Er hatte einmal bei einem hohen Herrn gejagt, und da »sei ihm um seinen inneren Menschen recht schlecht gewesen. — Auch die zwei Tage Jagd und die freie Luft halfen nicht. Da kam ich den Tag darauf zu den Kürassieren in Brandenburg, die einen neuen Becher bekommen hatten. Ich sollte daraus trinken und ihn einweihen, dann sollte er herumgehen. Es war etwa eine Flasche drin. Ich aber hielt eine Rede und trank und setzte ihn leer wieder hin, was sie sehr verwunderte, da man den Leuten von der Feder nicht viel zutraut. Es war aber noch Göttinger Übung. — Merkwürdiger- oder vielleicht nicht merkwürdigerweise war mir darauf vier Wochen lang so wohl um den Magen wie nie. Ich versuchte es später, mich ebenso zu kurieren, aber niemals mit so erfreulichem Erfolge. — Da erinnere ich mich auch einmal, bei der Letzlinger Jagd unter Friedrich Wilhelm =IV.=, da sollte ein Vexierbecher aus der Zeit Friedrich Wilhelms =I.= getrunken werden. Es war ein Hirschgeweih, welches so gemacht war, daß man die Höhlung, in die etwa drei Viertel einer Flasche gingen, nicht an die Lippen setzen konnte, während man doch nichts verschütten sollte. Ich nahm es und trank es aus, obwohl es sehr kalter Champagner war, und meine weiße Weste zeigte nicht einen verschütteten Tropfen. Die Gesellschaft machte große Augen, ich aber sagte: ›Noch einen!‹ — Der König aber, den es offenbar ärgerte, daß ich’s so gut gemacht hatte, rief: ›Nein, das geschieht nicht!‹, und so mußte es unterbleiben. — Früher waren solche Kunststücke notwendiges Erfordernis zum diplomatischen Gewerbe. Da tranken sie die Schwachen unter den Tisch, fragten sie aus nach allerlei Dingen, die sie wissen wollten, und ließen sie in Sachen willigen, zu welchen sie keine Vollmacht hatten. Sie mußten auch gleich unterschreiben, und wenn sie dann nüchtern wurden, wußten sie nicht, wie sie dazu gekommen waren.«
Ein kräftiger Kognak
»Ich liebe die Liköre und das süße Zeug nicht,« meinte einmal der Fürst, »aber bei der hochseligen Kaiserin Augusta gab’s nur solches. Ein kräftiger Kognak, das ist eher etwas für mich. Glücklicherweise waren aber unter den bedienenden Lakaien ein paar gerissene Jungen, vor allem ein langer ehemaliger Artillerist — ich sehe ihn noch vor mir. Wenn er dann vor mich hintrat und ich zwinkerte mit dem rechten Auge — und dabei veranschaulichte der Fürst das drastische Mienenspiel in größter Lebhaftigkeit — dann kniff er das linke zu, und ich wußte nun ganz genau, auf der Seite steht ein fester Kognak für mich!« Und dabei ergötzte sich der Fürst an dem wohlgelungenen Anschlage und lachte, daß ihm die Träne im Auge stand.
»Een Glas hebe ick uff ihn, eens uff mir ..., nu noch eens uff uns beede.« Der Kaiser hatte dem Fürsten Bismarck nach seiner Erkrankung eine Flasche Steinberger Kabinett gesandt. (»Der Floh«, 4. Februar 1894)]
Kräheneier
»Die Zeit zwischen meinem Geburtstag und dem meiner Frau«, sagte der Fürst einmal lächelnd, »ist meine Feistzeit, da gibt es Muscheln — meine Tochter ist in dem Punkte das Kind ihres Vaters —, Kiebitzeier, Saatkräheneier und andere gute Dinge. Diese Saatkräheneier erinnern mich an meine Knabenzeit. Damals machte es mir Scherz, Krähennester auszunehmen und die Eier brütenden Tauben unterzulegen, um zu sehen, was wohl aus der Geschichte würde.« — »Und das haben Eure Durchlaucht später in der Politik fortgesetzt«, meinte einer der Gäste scherzend, und der Fürst lächelte gutmütig dazu, um dann die Pfeife anzuschmauchen.
Man kann es aushalten
Als einst eine neue Weinsorte am Frühstückstisch in Friedrichsruh probiert wurde, fragte der Fürst einen gerade zu Besuch weilenden Hamburger Herrn, wie ihm der Wein gefalle. Als der Gefragte meinte: »Man kann es dabei einige Stunden aushalten, ohne andere Gelüste zu bekommen«, sagte Fürst Bismarck: »Sie erinnern mich mit Ihrer Antwort an jene beiden katholischen Geistlichen, die einen guten Tropfen zu schätzen wußten, ohne beim Trinken redselig zu werden. Sie saßen eines Vormittags in einer kühlen Laube bei einer guten Sorte Rheinweins beisammen. Da bemerkte der eine: ›Der Win is guat‹, und dann kneipten sie gemächlich weiter, bis die Sonne sich zum Horizont hinabsenkte; da erst erwiderte der andere: ›Und ooch chesund!‹ Beide waren während der ganzen Zeit durchaus bei der Sache gewesen und empfanden beim seligen Zechen nicht das Bedürfnis, an etwas anderes zu denken als an die gute Sorte, die sie tranken.«
Und Achilles sprach zu König Agamemnon: Sohn des Atreus, laß uns versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch! Laß das Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne nicht. (»Lustige Blätter«, 1. Februar 1894)]
Der konnte es doch noch besser
Als ein Gast seine Bewunderung über die große Anzahl von Pfeifen aussprach, die der Fürst mit Behagen rauche, erzählte dieser in überaus komischer Weise von einem alten hannoverschen Offizier, der an der damaligen Zollgrenze an einem ziemlich einsamen Posten funktioniert hätte. Den habe er einmal getroffen und im Gespräch mit ihm gefragt: er besuche wohl, um sich Zerstreuung zu verschaffen, häufig die Gutsbesitzer in der Umgegend. »Nein,« habe er geantwortet, »die besuchen wir nicht.« »Na,« habe er (der Fürst) weiter gefragt, »dann spielen Sie wohl hier viel Karten?« Antwort: »Nein, Karten spielen wir hier nicht.« »Dann trinken Sie wohl?« »Nee, trinken tun wir auch nicht.« »Ja, was fangen Sie da denn mit Ihrer dienstfreien Zeit eigentlich an?«, worauf die in klassischer Ruhe erteilte Antwort: »Immer roochen (rauchen)!« gelautet habe. »Der konnte es doch noch besser als ich.«
Nur auf dem Kamel
Irgend jemand hatte die Mär erfunden, Fürst Bismarck beabsichtige an die Südwestküste von Afrika zu reisen, um die neuen deutschen Erwerbungen in Augenschein zu nehmen. Auf die Frage einer ihm nahestehenden Persönlichkeit, ob es wahr sei, daß er nach Angra Pequena reisen wollte, antwortete Bismarck schlagfertig wie immer: »Ja, aber nur auf dem Kamel, das diese Nachricht überbracht hat.«
Die Kreter sind faule Bäuche
Als wieder einmal das Schicksal der Insel Kreta auf der Tagesordnung stand, meinte der Fürst: »Was Kreta anbetrifft, so kann ich Ihnen versichern, daß ich an dieser Insel weniger Interesse nehme als an irgendeinem kleinen Erdhaufen in meinem Garten. Die Kretenser sind, wie ich glaube, leicht abgeschätzt, und unter normalen Bedingungen sollten sie sich weit besser unter türkischer als eventuell unter griechischer Herrschaft befinden.« Diese Äußerung veranlaßte einen Herrn Ogilvy zu Dundee in Schottland, an den Fürsten einen Brief zu schreiben, in welchem er diesen unter Berufung auf sein Christentum und seine Humanität beschwor, ihm die Gründe mitzuteilen, weshalb er die unglücklichen Kreter so hart und unglimpflich behandelt habe. Hierzu schrieben die »Hamburger Nachrichten«: Wir können diese Angaben bestätigen und auch den Wortlaut der Erwiderung mitteilen, die Herrn Ogilvy zugegangen ist:
Friedrichsruh, den 25. Juli 1896.
Geehrter Herr!
Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Brief und für die gute Meinung, welche Sie von mir haben. Zu meiner Entschuldigung gegenüber den Kretern bitte ich aber, zu berücksichtigen, was der Apostel Paulus im Briefe an Titus Kap. 1 Vers 12 und 13 sagt.
v. Bismarck.
In den biblischen Stellen, die dieser Kreterbrief des Fürsten anzieht, heißt es Vers 12: »Es hat einer aus ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche;« und Vers 13: »Dies Zeugnis ist wahr. Um der Sache willen strafe sie scharf, auf daß sie gesund seien im Glauben.«
»Nanu, lieber Bismarck, immer nur ringehauen in det Pichelsteiner Fleisch und die zwanzig Pfund wieder hereingebracht, die verloren gegangen sind.« — »Ach nee, mich jehen die zwanzig Pfund nich ab, aberit Caprivin möchte ich sie jönnen — dem däten zwanzig Pfund ›Bismarck‹ jetzt jut bekommen.« (»Der Floh«, 1. Oktober 1893)]
Philosophie
»Hegel«, meinte einmal der Fürst, »wurde ja zu meiner Zeit überall doziert, ich habe mir aber von ihm nur angeeignet, was ich für das Examen brauchte. Eines inneren Eindrucks bin ich mir nicht bewußt geworden. Wie ich allmählich Jurist bei Bier und auf dem Paukboden wurde, so hat auch das betrachtende Leben in der Natur mehr Einfluß auf mich gehabt als die Philosophen. In dieser natürlichen Neigung fühlte ich mich mehr zu Spinoza als zu Hegel hingezogen. Hegel dachte ja eigentlich in erster Linie für sein Auditorium, um etwas vortragen zu können. Im Vergleich zu Spinoza arbeitete er auf kultiviertem Boden, während Spinozas Gedanken unmittelbar aus der Natur herauswuchsen. Spinoza habe ich an der Hand deutscher Hilfsbücher im lateinischen Text studiert. Er war ein aristokratischer Jude, wie sich ja überhaupt die holländischen Juden vorwiegend aus dem portugiesischen Judenadel rekrutiert haben.« Auf die Frage, ob Spinozas pantheistische Philosophie Einfluß auf ihn gewonnen habe, erwiderte der Fürst: »Das Christentum einen viel, viel höheren, den höchsten! Durch Kant«, fuhr dann der Fürst fort, »habe ich mich nicht völlig durchbringen können; was er über das Moralische sagt, zumal das vom kategorischen Imperativ, ist sehr schön; aber ich lebe am liebsten ohne das Gefühl des Imperativs; ich habe überhaupt nie nach Grundsätzen gelebt; wenn ich zu handeln hatte, habe ich mich niemals gefragt: nach welchen Grundsätzen handelst du nun?, sondern ich habe zugriffen und getan, was ich für gut hielt. Man hat mir ja oft vorgehalten, daß ich keine Grundsätze habe. In meiner Jugend pflog ich mit einer philosophisch angehauchten Cousine, die mich gerne betanten wollte, oftmals Gespräche darüber, ob ich Grundsätze annehmen müsse oder nicht. Schließlich sagte ich ihr, und damit waren alle unsere Streitigkeiten zu Ende: ›Wenn ich mit Grundsätzen durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch einen engen Waldweg gehen sollte und müßte eine lange Stange im Munde halten!‹«
Herr Baurat
»Als ich noch keine andere Auszeichnung besaß«, plauderte der Fürst, »als die Lebensrettungsmedaille, deren Band genau so aussieht wie das Band des Roten Adlerordens vierter Klasse, und in Berlin rasch in der Richtung eines Bahnhofs dahinschritt, rief mir ein Junge zu: ›Kann ick Ihnen nich eene Droschke besorjen, Herr Baurat!‹ — Als ich dann den Majorsrang erworben hatte und einmal in Uniform ausging, hielt mich ein Schutzmann für einen ernsthaften Major und ersuchte mich, dienstlich gegen eine Menschenansammlung einzuschreiten, die den Verkehr sperrte und mit der er allein nicht fertig wurde. Ich tat das bereitwillig, erklärte ihm dann aber, als er noch andere derartige Wünsche zu haben schien, doch, daß es mir leid tue, nebenher noch preußischer Ministerpräsident zu sein und als solcher nicht weiter zur Verfügung des Herrn Schutzmannes stehen zu können. — Später habe ich es dann allerdings auch zum General gebracht und komme in Berlin an einem Schutzmann vorbei, der mich nicht grüßt. ›Grüßen Sie denn nicht Offiziere?‹ fragte ich ihn. ›O ja, Herr,‹ versetzte er treuherzig, ›aber nur die höheren.‹ ›Na, rechnen Sie einen General nicht zu den höheren Offizieren, guter Mann?‹ ›Das wohl, aber Sie sind doch —‹ ›Sie wissen wohl nicht, daß ich der Reichskanzler bin?‹ ›Nein, woher sollte ich das wissen?‹ rief er betroffen, ›ich bin eben erst vom äußersten Osten nach Berlin versetzt worden.‹ Ich war so erfreut, daß mich einmal jemand in Berlin nicht erkannte, daß ich gegen den Mann durchaus keine Anzeige erstattete.«
»So ’ne Reichstagsgratulationsablehnung ist denn doch zu wat gut.« Der Reichstag hatte zum 80. Geburtstag den Glückwunsch abgelehnt. (»Humoristische Blätter«, 31. März 1895)]
Gewissermaßen fossil
»Was Statuen anlangt,« meinte einmal der Fürst, »so muß ich doch sagen, daß ich für diese Art von Dank gar nicht empfänglich bin. Ich wäre in der größten Verlegenheit, wenn ich beispielsweise in Köln wäre, mit welchem Gesicht ich an meiner Statue vorbeigehen sollte. Ich erlebe das in Kissingen; es stört mich in Promenadeverhältnissen, wenn ich gewissermaßen fossil neben mir dastehe.«
(»Hum. Listy«, August 1895)]
Seine Tränen
Als einer der Gäste hervorhob, daß Lenbach wie kein zweiter es verstanden habe, den Glanz von Bismarcks Augen wiederzugeben, bemerkte der Fürst: »Ja — nur meint man häufig, ich sei gerührt zu Tränen, aber diese Tränen, das ist wohl ein Erbstück meiner Vorfahren, die zu tief in den Becher geschaut haben, und nun muß ich das Wasser aus den Augen wiedergeben!« Als einer der Tischgäste meinte, Graf Herbert habe das auch, und die Fürstin Bismarck dies nicht gelten lassen wollte, bemerkte der Altreichskanzler: »Doch, der muß die Tränen über meine Sünden weinen.«
Hausmusik habe ich immer geliebt
Jemand fragte den Fürsten, ob er Musik liebe. »Über alles,« antwortete er, »besonders Beethoven. Mir ein Billett zu nehmen und auf engem Sitz Musik anzuhören, dafür bin ich aber nicht gemacht. Aber Hausmusik habe ich immer geliebt. Bis zu meinen ersten dreißiger Jahren, wo ich meine Frau kennen lernte, die sehr musikalisch ist, habe ich immer bedauert, daß ich die auf meinem Lehrplan angesetzte Musikstunde nicht einhalten konnte. Ich hatte, da man doch jetzt viel von Überbürdung der Jugend spricht, täglich dreizehn Stunden zu arbeiten, neben dem gewöhnlichen Unterricht noch eine Stunde Französisch und Englisch. Da mußte ich die Musik leider aufgeben. Ich habe das immer beklagt, denn der Deutsche ist nun einmal von Natur auf Musik gestimmt.«
Der »Faust« ist meine Bibel
»Für Goethes Gedichte«, sagte Fürst Bismarck, »habe ich von Jugend an viel Schwärmerei gehabt; noch jetzt lese ich abends im Bette, wenn ich nicht einschlafen kann, Gedichte von ihm, auch Schiller, Uhland, Chamisso ist mein Geschmack treu geblieben. Der ›Faust‹ ist jedoch von der ganzen profanen Literatur meine Bibel. ›Clavigo‹, ›Stella‹, die ›Wahlverwandtschaften‹ sind mir ihres schlaffen Helden wegen unsympathisch, aber sonst ist Goethe ganz mein Geschmack.«
Nicht länger läßt es sich verbergen, Was durch den Tatbestand erwiesen: Erst war’s ein Riese unter Zwergen, Heut ist’s ein Zwerg nur unter Riesen!
(»Lustige Blätter«)]
Das deutsche Lied
Über das Thema der Musik schrieb ein Mitarbeiter der »Neuen Musikzeitung« im Jahre 1895: »Bismarck hat einmal geäußert: ›Die bezahlte Musik zieht mich wenig an, aber nichts lieber weiß ich mir als die Musik im Hause.‹ Er konnte nicht müde werden, sich von seiner Frau, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, Beethoven vorspielen zu lassen und aus dieser erhabenen Tonsprache Erquickung und Erhebung zu schöpfen. Besonders in den letzten Jahren, seitdem Bismarck in Friedrichsruh lebt, hat er in Ansprachen an diejenigen, die sich huldigend ihm genaht, mehrfach sehr bemerkenswerte Äußerungen über sein persönliches Verhältnis zur Tonkunst getan. So bemerkte er einer Abordnung gegenüber: ›Bei der Überbürdung mit Unterricht in meiner Jugend ist die Musik zu kurz gekommen. Trotzdem fühle ich nicht weniger Liebe zu ihr. Dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat. Des deutschen Liedes Klang hat die Herzen gewonnen. Ich zähle es zu den Imponderabilien, die den Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert haben. Wenige von Ihnen dürften alt genug sein, um sich der Wirkung zu erinnern, die 1841 das Beckersche Rheinlied erzielte. Damals war dies Lied mächtig, und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeekorps mehr am Rhein stehen hätten. Näher liegt uns der Erfolg der ›~Wacht am Rhein~‹. Wie manchem Soldaten hat das Anstimmen des Liedes auf dem winterlichen Kriegsfelde und bei materiellem Mangel eine wahre Herzstärkung gewährt, und das Herz und dessen Stimmung ist ja alles beim Gefecht. Die Kopfzahl machte es nicht, wohl aber die Begeisterung machte es, daß wir die Schlachten gewonnen haben. Und so möchte ich das Lied als Kriegsverbündeten auch für die Zukunft nicht unterschätzt wissen. Unsere Beziehungen zum verbündeten Österreich beruhen doch wesentlich auf Unterlagen im kulturellen Gebiet und nicht am wenigsten auf den musikalischen Beziehungen. Wir wären kaum in gleich enger Verbindung mit Wien geblieben, wenn nicht Haydn, Mozart, Beethoven dort gelebt und ein gemeinsames Band der Kunst zwischen uns geschaffen hätten. Ja, selbst die Verbindungen zu unserem dritten Bundesgenossen, Italien, waren früher mehr musikalischer Natur als politischer. Die ersten Eroberungen, die Italien bei uns gemacht hat, sind musikalische gewesen. Ich bin kein Gegner der italienischen Musik, trotz meiner Vorliebe für die deutsche: im Gegenteil, ich bin ein großer Freund derselben.‹ Zu Hamburger Gymnasiasten, die ihn mit einem Liede begrüßt hatten, sagte Bismarck: ›Sie haben eben ein sehr schönes Stück gesungen; ich habe früher auch Musik getrieben, doch bin ich nur ein mittelmäßiger Klavierspieler gewesen und war froh, als ich den lästigen Zwang abschütteln konnte. Das hat mir später außerordentlich leid getan, denn die Musik ist eine treue Gefährtin im Leben. Sie hat mir oft gefehlt, und wer von Ihnen Talent dazu hat, dem empfehle ich ganz besonders, die Musik zu pflegen, und ich erinnere Sie an mein Beispiel, um Sie abzuschrecken von dem Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe.‹ Bismarck verhimmelt nicht die Triller einer Primadonna, er stürzt sich nicht in den Kampf der Wagnerianer mit ihren Gegnern — er betrachtet die Kunst, die Musik insbesondere, in ihrer Gesamtheit als ein großes, von zeitlichen Strömungen nicht abhängiges Gemeingut des Volkes in allen seinen Schichten. Die Musik ist ihm nicht nur ein Gemüts- und Herzensbedürfnis, ein edler Schmuck des Familienlebens von erhebender und bildender Kraft, sie ist ihm auch ein wichtiger politischer Faktor, ein wertvoller Verbündeter, ein Band zwischen den Nationen, eine moralische Stütze und Kräftigung für den Krieger; ein Lied ist ihm unter Umständen einige Armeekorps wert. Dringend empfiehlt er der Jugend die Pflege der Musik als einer treuen Gefährtin im Leben und bereut selbst, sie vernachlässigt zu haben.«
fernblieb~
Bismarck: »Nanu, die Spur war nicht wegzubringen, und mit so ’nem Mantel konnte ich doch nicht in die Festlichkeiten nach Berlin kommen!« (»Hum. Blätter«, 26. Januar 1896)]
med.= ernannt worden, findet aber heimkehrend keinen Patienten. (»Punch«, August 1896)]
Hamburger Enthüllungen.) (»Punch«, 7. November 1896)]
Wo er ruhen wollte
Sidney Whitman erzählt: »Nach dem ›Lunch‹ fuhr der Fürst allein mit seinem Gast durch den Sachsenwald, und zwar tief in denselben auf einsamen Wegen hinein, um ihm soviel Wild wie möglich zeigen zu können. Als der Kutscher sich dabei verirrt hatte und absteigen mußte, um den Hauptweg wieder aufzusuchen, wandte Bismarck sich plötzlich an Whitman, indem er auf zwei stattliche Fichten zeigte, mit den Worten: ›Dort in der Luft zwischen jenen Bäumen möchte ich meine letzte Ruhestätte finden, wo die frische Luft und das Sonnenlicht noch zu mir dringen können. Der Gedanke, dort unten in einem Kasten erstickt zu liegen, hat doch seine Schrecken.‹« Von ähnlicher Stimmung erzählt ein anderer Gast: »Auf dem Heimweg wurde er still und ließ dicht vor dem Herrenhaus halten. Er wies mit der Krücke des Stockes auf einen Hügel gegenüber dem Hause, das man töricht ein Schloß genannt hat, und sagte: ›Da, denke ich, werde ich mich einmal mit meiner Frau begraben lassen. Ich hatte auch an Schönhausen gedacht; aber hier ist’s wohl paßlicher, denn in Schönhausen bin ich doch eigentlich schon lange ein Fremder.‹ Der Gast hatte zu schweigen. Abends, als die altfränkische Öllampe freundlich brannte und die kränkelnde Fürstin auf ihrem Sofa, neben Lenbachs Meisterbild des alten Kaisers, eingenickt war, schlug der Sinnende wieder das Thema an, verarbeitete es nach seiner Weise und schien sich in humoristischer Ausmalung des feierlichen Lärmes, der nach seinem Tod losbrechen würde, nicht genug tun zu können. Frau Johanna schrak auf und rief ganz ärgerlich: ›Aber, Ottochen, wie kannst du nur so traurige Sachen reden!‹ ›Liebes Kind,‹ war die Antwort, ›gestorben muß einmal sein, trotz Schweninger, und ich will wenigstens rechtzeitig dafür sorgen, daß mit meinem Leichnam kein Unfug getrieben wird. Ich möchte nicht, wie die Berliner sagen, eine schöne Leiche sein, und eine von der bekannten Aufrichtigkeit, die heimlich ›Uff!‹ macht, inszenierte Trauerkomödie, so zwischen Vogelwiese und Prozession, wäre so ziemlich das einzige, was mich noch schrecken könnte.‹«
Ich spielte meine Karten blank aus
»Viele haben schon«, so plauderte der Fürst, »von meinen politischen Grundsätzen gesprochen. Den Professoren und ihren Nachbetern in den Zeitungen tut es unendlich leid, daß ich ihnen nicht ein Symbolum von Prinzipien geoffenbart habe, nach denen ich meine Politik eingerichtet habe. Die Deutschen können sich, weil sie eben noch kaum der politischen Kinderstube entwachsen sind, nicht daran gewöhnen, die Politik als eine Wissenschaft des Möglichen zu betrachten, wie mein intimer Gegner Papst Pius =IX.= mit Recht gesagt hat. Die Politik ist keine Mathematik oder Arithmetik. Man hat wohl auch in der Politik mit gegebenen und unbekannten Größen zugleich zu rechnen, aber es gibt keine Formeln und Regeln, um im voraus das Fazit ziehen zu können. Darum habe ich mich nicht an die Meinungen und Mittel anderer Staatsmänner gehalten, sondern mir ihre Rechnungsfehler zur Warnung dienen lassen. Napoleon =I.= verdarb, weil er pochend auf seine kriegerischen Erfolge mit allen Staaten Händel anfing, statt den Frieden zu erhalten. Das Kriegsglück machte ihn rauflustig und übermütig. Er begab sich in seinem Allerwelts-Herrscherdünkel in Gefahren ohne Ende und kam darin um. Seine große Schöpfung ging nach kurzem Bestand in die Brüche, weil er die erste Tugend des Staatsmannes — die weise Mäßigung nach den größten Erfolgen — gegenüber den anderen Völkern nicht übte und Europa in einen Krieg nach dem anderen verwickelte, während ich nach 1871 den Frieden zu erhalten mich bemühte. Aber nicht bloß zu Napoleon =I.= stellte ich mich in einen bewußten Gegensatz, auch zu Napoleon =III.= Dieser bemühte sich allerdings, nur die günstigeren Seiten seines Onkels nachzuahmen; doch indem er in der Rolle des ›ehrlichen Maklers‹ immer ein Stück für sich abzubekommen versuchte, verfiel er in die Gewohnheit jener italienischen Diplomaten des vergangenen Jahrhunderts, welche Schlauheit mit Falschheit verwechselten. Ich spielte meine Karten blank aus. Ich setzte der vermeintlichen Schlauheit die frappierende Wahrheit gegenüber. Daß man mir öfter nicht glaubte und sich dann hintennach schwer betroffen und enttäuscht fühlte, das ist nicht meine Schuld.«
Sein Heim
Das Heim, in dem Fürst Bismarck größtenteils den Abend seines Lebens verbrachte, war überaus einfach und schlicht. Ein Schloß? Eine Fürstenwohnung? Nein; das einfache Haus eines großen Menschen, den die Eitelkeit der Welt nie besessen hat, der nur für seinen gewaltigen Körper eine gute Küche, einen guten Keller und für sein rastloses Gehirn einen geräumigen Arbeitstisch braucht. »Es war mir«, erzählt Adolf Wilbrandt, »wunderbar ›preußisch‹ zumute, als ich durch das Haus ging, zuerst zu Lenbachs Zimmer hinauf, dann nach unten zurück. Nichts von Prunk und Pracht, nichts von ›Eleganz‹. An den Türen im ersten Stock sah ich noch die Nummern, offenbar aus der Zeit, als dieses Haus ein Gasthof am Sachsenwald war. Alles hell, die Türen, die Fenster, die Wände; große, lichte Räume, von ruhigster Einfachheit, gutes, warmes Obdach bei der ›Hundekälte‹, behaglich und weiter nichts. So vornehm und schlicht stand dann auch die Hausfrau vor mir; die ruhige, scheinlos-würdevolle Gestalt mit den klugen, milden, menschenfreundlichen Augen; ein großer, unvergeßlicher Kopf, wie vom Schicksal dazu bestellt, den Mann, der so hohe Wege ging, frei von aller Eitelkeit und mit dem reinen, sachlichen Verstand eines hingebenden Herzens zu begleiten.«
Simson-Bismarck: »Et jeht nich! Entweder ist der Bau zu stark, oder ich bin schon zu schwach. Na, wartet nur, bis mir die Haare wieder nachgewachsen sind.« (»Der Floh«, Jan. 1897)]
Einsam
Vom 19. Dezember 1894, als die Fürstin Johanna von seiner Seite gerissen war, stammt der folgende Brief des Fürsten Bismarck an seine bejahrte Schwester, die einst in der Jugend sein Liebling gewesen ist:
Meine geliebte Malle!
Wenn ich in meiner Einsamkeit darüber nachdenke, was mir an Herzensbeziehungen in dieser Welt bleibt, so stehst Du in erster Linie, und ich beklage die räumliche Trennung, die unser Lebenslauf über uns verhängt hat. Das gleiche ist der Fall mit meinen Söhnen, die, seit sie erwachsen sind, außerhalb des Schattens des väterlichen Hauses ihre Selbständigkeit gesucht haben. Marie ist bei mir als liebende Tochter, aber doch auch nur als Anleihe, außer ihr Helene Külz eine freundliche und leicht zu liebende Nichte; sie reist morgen zum Fest nach Haus und ich mit Marie und zwei Kindern übermorgen nach Friedrichsruh. Die Reise liegt wie ein Alp auf mir. Einmal bringt sie die Trennung von Johanna und von den Stätten unseres letzten Zusammenlebens zum definitiven Abschluß, dann auch bin ich noch nicht in der Fassung, mit Fremden zu verkehren, und das kann ich unterwegs und in Friedrichsruh nicht vermeiden. Ich würde am liebsten hier einwintern, aber meine Leute sind meist verheiratet, ihre Frauen und Kinder dort, und Weihnachten vor der Tür; auch bestehen Schweninger und meine Söhne auf dem Wechsel, da ich dort für sie leichter erreichbar bin als hier im Hinterwalde, ohne Schnell- und Nachtzüge. Ich reise also und werde mich unter Menschen noch einsamer fühlen wie hier ... Was mir blieb, war Johanna, der Verkehr mit ihr, die tägliche Frage ihres Behagens, die Betätigung der Dankbarkeit, mit der ich auf achtundvierzig Jahre zurückblicke. Und heut alles öde und leer; das Gefühl ist ungerecht, aber =I can not help it=. Ich schelte mich undankbar gegen so viel Liebe und Anerkennung, wie mir im Volke über Verdienst geworden ist; ich habe mich vier Jahre hindurch darüber gefreut, weil sie sich auch freute, wenn auch mit Zorn gegen meine Gegner, hoch und niedrig. Heut aber ist auch diese Kohle in mir verglimmt, hoffentlich nicht für immer, falls mir Gott noch Leben beschert; aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren, haben über das Gefühl der Verödung noch kein Gras wachsen lassen. Verzeih, mein Schwesterherz, daß ich mich ausklage; aus noch lange nicht. Ich bin noch müder geworden, seit der Katastrophe, =tic douloureux= hat zugenommen, hindert mich am Schlafen und am Aufenthalt im Freien. Verbrauchte Nerven ...
Dein treuer Bruder
v. B.
Frau v. Arnim geb. v. Bismarck Berlin, Matthäi-Kirchstraße 12.
Preußischer Hofhistoriograph: »Es ist doch eigentümlich, je länger man hinblickt, desto mächtiger scheint dieser Schatten zu werden!« (»Jugend«, 1906)]
Wir sind alt geworden
Eine ähnliche trübe Resignation spricht aus folgendem Briefe des Achtzigjährigen an seinen Schwager:
Friedrichsruh, 18. Mai 1895.
Lieber Oskar!
Wir sind beide so alt geworden, daß wir lange wohl nicht mehr leben werden. Können wir uns nicht noch einmal sehn und sprechen, ehe wir abgehen? Es ist sechsundsechzig oder siebenundsechzig Jahre her, daß wir auf dem Gymnasium den ersten Tropfen Bier zusammen aus der Flasche tranken; es war auf der Treppe neben der Obertertia. Wollen wir nicht den letzten trinken, ehe es zu spät wird? Wir sind beide alt, matt und verdrießlich, aber ich habe doch das Verlangen, Deine Stimme noch einmal zu hören, ehe ich —. Du steigst doch in die Bahn, wenn Du Berlin verläßt, warum nicht in die Hamburger statt der Stettiner?
Dein v. Bismarck.
Es regt sich was im Sachsenwald, rum, plum, plum, Und durch die Wipfel hallt’s und schallt’s, rum, plum, plum, Rum, plum, plumvididum, rum, plum, plum. Der alte Herr vom Sachsenwald zieht um, zieht um.
(Nach den Rodensteinliedern)]
Wenn die Franzosen den Bismarck hätten, Wenn er ein Franzmann, kein Deutscher wär’, Gott, was täten sie dem für Ehr’, Könnt’ sich vor all der Liebe kaum retten, Die ihn bedrängte, den großen Mann!
Gesetzt den Fall, der Bismarck wäre Franzos’, und es hätten Frankreichs Heere Damals vor fünfundzwanzig Jahren Die deutsche Armee getrieben zu Paaren, Und Bismarck hätte dann kühnen Mutes Die Ufer des Rheins oder sonst was Gutes Den Seinen gewonnen: dann glaub’ ich dies: Es stünd’ auf dem schönsten Platz in Paris Ein Monument aus Erz und Stein, Würd’ nirgends auf Erden ein schön’res sein. Den Eiffelturm müßt’ es übersteigen, Mannshohe Lettern die Inschrift zeigen: »Blickt auf, Franzosen, und bewundert Den Riesen da — in dem Jahrhundert Ist wohl kein größerer zu finden!« (Bei uns ist’s anders, wie sie künden.)
(»Jugend«, 6. Februar 1897)]
So wie die Fahrt des Fürsten Bismarck nach Wien, wie die Feier seines achtzigsten Geburtstages, so haben die sogenannten »Hamburger Enthüllungen« einen gewaltigen Sturm in ganz Deutschland erregt. Am 24. Oktober 1896, zu einer Zeit, in der in Frankreich der Russentaumel die giftigsten Blüten trieb, erschien in dem Organ des greisen Staatsmannes, in den »Hamburger Nachrichten«, ein Artikel über seine Beziehungen zu Rußland. Hier wies er in einer Polemik gegen die freisinnigen Blätter den Vorwurf zurück, daß schon zu seiner Zeit der Draht zwischen Berlin und Petersburg zerrissen worden sei. Bis zu seiner Entlassung, so hieß es dort, waren beide Reiche im vollsten Einverständnis darüber, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde, das andere wohlwollend neutral bleiben solle. »Dieses Einverständnis ist nach dem Ausscheiden Bismarcks nicht erneuert worden, und wenn wir über die Vorgänge in Berlin richtig unterrichtet sind, so war es nicht etwa Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwechsel, sondern Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung jener gegenseitigen Assekuranz ablehnte, während Rußland dazu bereit war.« Diesen Ausführungen war die Bemerkung hinzugefügt: »So entstand Kronstadt mit der Marseillaise, und die erste Annäherung zwischen dem absoluten Zarentum und der französischen Republik wurde unserer Ansicht nach ausschließlich durch die Mißgriffe der Caprivischen Politik herbeigeführt. Dieselbe hat Rußland genötigt, die Assekuranz, die ein vorsichtiger Politiker in den großmächtlichen Beziehungen Europas gern nimmt, in Frankreich zu suchen.« Diese kurzen Bemerkungen erweckten, wie gesagt, einen furchtbaren Sturm, und auch in dem Kaiser erwachte eine so tiefe Verstimmung gegen den Einsiedler von Friedrichsruh, daß er in einem amtlichen Erlaß als ein Mann hingestellt wurde, der die strengsten Staatsgeheimnisse preisgegeben und die wichtigsten Amtspflichten verletzt habe. Diese Kundgebung rief sofort die sämtlichen Gegner des greisen Fürsten auf den Plan, um ihn als einen Landesverräter, als einen Verbrecher am Vaterlande zu beschimpfen, der hinter Schloß und Riegel, in das Zuchthaus gehört. Sie standen hierin in voller Harmonie mit den Franzosen, die sich nicht genugtun konnten in den infamsten Angriffen gegen ihren alten Bezwinger. »Gewissenlos, zynisch noch in seinem Greisenalter,« so schrieb ein Pariser Blatt, »will dieser Mensch, daß die Weltgeschichte seine Übeltaten in ihrem vollen Umfange kennen lerne: die Geheimnisse seines doppelten Spieles, den Schlüssel zu seinen verbrecherischen Kombinationen. Welches Schauspiel, daß er seine waghalsige Herausforderung an der Schwelle seines Grabes an die menschliche Gerechtigkeit in Erwartung der göttlichen gerichtet hat! Aber der Coup ist mißglückt, das alte Ungeheuer stolpert mehr und mehr seinem endlichen Untergang zu, den es so reichlich verdient hat.« Der Ingrimm des Gegners bedeutet stets die Anerkennung der eigenen Verdienste. — Aber es schien, als wenn in den Kreisen der Regierung wiederum der Argwohn bestand, daß Fürst Bismarck die Absicht habe, in einer weitangelegten Intrige die Stellung seiner Nachfolger zu gefährden, ihre Unfähigkeit zu erweisen und sich selbst der Krone wieder als Ratgeber aufzudrängen. Die Folgezeit hat leider bewiesen, daß es gelang, auch den Blick des Kaisers zu trüben. Eben erst hatte er, am Erinnerungstage des Friedensschlusses mit Frankreich, dem Fürsten Bismarck ein außerordentlich herzliches Telegramm gesandt, das mit den Worten schloß: »Welche unvergeßliche Verdienste Sie, mein lieber Fürst, sich in der gewaltigen Zeit erwarben, in welcher Deutschland seine Einigkeit und Größe wieder errang, Ihnen heute von neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist mir Bedürfnis. Neben dem Namen des großen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen Kanzlers in der Geschichte aller Zeiten glänzen, und in Meinem Herzen wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie erstarren.« Und doch konnte es geschehen, daß am hundertsten Geburtstage unseres ersten Kaisers der Blick vergebens unter all den zahlreichen Gästen die Gestalt des großen Kanzlers suchte, daß das Ohr vergebens lauschte, ob von den Lippen des Kaisers sein Name erklinge. Wieder blieb beim Wechsel des Jahres in Friedrichsruh der kaiserliche Glückwunsch aus. Und selbst die Erinnerung an die Vorgänge in Wien wurde von neuem erweckt, als Kaiser Wilhelm als Hochzeitsgast des Ministers Graf Wedel darauf drang, daß eine Einladung, die Graf Herbert Bismarck schon angenommen, von seinen Verwandten widerrufen wurde. Die harte Abweisung mochte in der Form gegen den Sohn gerichtet sein, sie hat in Wahrheit das Haus des großen Kanzlers und ihn selbst getroffen.
Der Alte vom Sachsenwalde (vor dem Nationaldenkmal): »Komm, Tyras!« (»Lustige Blätter«, Mai 1897)]
Bald aber zeigten die politischen Prozesse, in deren Mittelpunkt ein Berliner Kriminalkommissar gestanden hat, auch dem Kaiser, daß nur die Verleumdung den alten Waldsitz im Sachsenwalde in einen Herd gewissenloser Intrigen umwandeln konnte. So schlug auch die Stimmung des Kaisers völlig um: ein Panzerkreuzer wurde auf den Namen des ersten Kanzlers getauft, Telegramme wurden gewechselt, und ein Modell des Schiffes fand als Gabe des Kaisers in Friedrichsruh seinen Platz. Auf der Ausfahrt nach China hat Prinz Heinrich, der Bruder des Deutschen Kaisers, Abschied von dem greisen Staatsmann genommen, und zwei Tage darauf zog mit dem Prinzen Adalbert, der gleichfalls einst der Führer der deutschen Flotte werden soll, der Kaiser selbst zum Sachsenwalde. Und so setzten er und seine Ratgeber sich von neuem mit jenen wertvollen Elementen in harmonischen Einklang, die mit Begeisterung und Tatkraft durch Jahrzehnte die Politik des ersten Kanzlers unterstützten.
Dann hat Kaiser Wilhelm das Antlitz des Fürsten nicht wieder und auch im Tode nicht erblickt.
Fürst Bismarck aber hat unbekümmert um den Groll der Mächtigen und die Stimmungen der Menge seinen Kampf gegen alles, was ihm die Wohlfahrt des Reiches zu gefährden schien, bis zur letzten Stunde geführt. Er kannte keine »Phäaken-Behaglichkeit«, und noch aus seinen letzten Tagen konnte der vertraute Arzt berichten: »Noch nicht lange ist es her« — bei einem Gespräch über Politik —, »da griff er mit beiden Händen nach dem Kopf und brauste auf: ›Könnte ich doch in die Schweinerei einmal hineinfahren und ihnen sagen, wohin das führt. Aber Sie wissen, Schweninger, meine Trompete gibt keinen Ton mehr; sie ist durchlöchert.‹«
Von den Getreuen, die den alten Helden in seinen letzten Jahren umgaben, ist Fürstin Johanna zuerst geschieden. Sie ist ihrem Gatten nicht nur das schmückende und gemütvolle Element seines Hauses, sondern eine starke, fürsorgende Gefährtin des Lebens gewesen. »Ihr Geist«, so schildert sie Max Bewer, »erscheint, ob sie nun über häusliche oder schöngeistige Dinge sprach, von einer festen, bestimmten Klarheit; es ist ein Geist in ihr, der Wärme ausstrahlt, aber selbst keiner Liebkosung bedarf, wie das Gemüt so vieler anderer Frauen. Sie schien mir in allem, was sie sagte und tat, Gutes und Freundliches zu geben, ohne zu erwarten, daß ihr auch selbst gegeben werden müsse. Sie ist eine selbständige Natur, eine Frau, die trotz Gräfin, trotz Fürstin und Herzogin immer nur in erster Linie Frau und Hausfrau blieb, häuslich denkend, häuslich schaffend, von der Weichheit und Güte, aber ohne die Schwäche und Prätension des Weibes. Von kräftiger, stark mittelgroßer Figur, hat sie sich in den stürmischen geschichtlichen Ereignissen, die ihre Wellen aus der Politik nur zu häufig bis in ihre Häuslichkeit geschlagen haben mögen, gesund, frisch, klar und heiter erhalten. Für ihre Gäste hatte sie eine lautlose und doch stets überaus wachsame Sorge. Man hat nie einen Wunsch, man bekommt alles von selbst. Es ist die stillste und doch die wärmste und beredteste Gastfreundschaft, die man in der Fürstin Hause genießen kann.« Der Fürst erfuhr den Heimgang seiner Gemahlin, als er nach dem Erwachen ihr Schlafzimmer betrat und die weinenden Enkel am Sterbebette der Großmutter fand. Sie war am Abend vorher reger gewesen als während der letzten Tage und hatte auch auf freundlichen Zuspruch des Arztes wiederholt Nahrung genommen. Die Erschütterung, verdoppelt durch das Unvermittelte des Eindrucks, war gewaltig, obwohl der Fürst durch seinen Arzt durchaus vorbereitet worden war, daß der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte, unvermeidlich in naher Zeit bevorstand. Die Beerdigung hat in den schlichtesten Formen stattgefunden.
So siehst du nicht aus
Ein kleiner Zug mag die rührende Zartheit bezeichnen, die in dem Verhältnis des fürstlichen Paares bestand: Die letzte photographische Aufnahme der Fürstin, der unverkennbar der Stempel stark fortgeschrittenen Leidens aufgedrückt war, wurde bei Tische besichtigt. »Lieber Otto, sehe ich wirklich so aus?« fragte die Fürstin. Mit einem zärtlich besorgten Blick in die ängstlich fragenden Augen seiner Gemahlin antwortete der Fürst ruhig und bestimmt: »Nein, liebes Kind, so siehst du nicht aus.« Kurz darauf siedelte die fürstliche Familie nach Varzin über, und einige Wochen nachher erlag die Fürstin ihrem schweren Leiden.
Neutestamentarisches in neuer Beleuchtung. (»Wahrer Jakob«, September 1896)]
Mit unermüdlicher Treue und voll Hingebung, die auch vor schweren Opfern nicht erschrak, hat die Tochter des Fürsten, Gräfin Marie Rantzau, die Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und für die Leitung des Hauses übernommen. Sie hat gleich ihrem Gatten auf das Leben in der großen Gesellschaft Verzicht geleistet, um dem Hause des Vaters behagliche Gemütlichkeit zu verleihen. Durch und durch Dame, außerordentlich belesen und voll Verständnis für die politischen Fragen, war sie doch zugleich die zärtlichste Mutter für ihre drei blühenden Knaben und die rücksichtsvollste Tochter gegen ihren vergötterten Vater. Graf Rantzau selbst mußte es sich gefallen lassen, der »Vizewirt von Friedrichsruh« genannt zu werden. Man darf überzeugt sein, daß das letzte Wort, das Fürst Bismarck gesprochen hat, und das, an die Tochter gerichtet, den schlichten Wortlaut hatte: »Ich danke dir, mein Kind«, auch ihrem Gatten galt. Und es ist ein freundlicher Gedanke, daß durch die Bereitwilligkeit des gräflichen Paares, auf die große Welt dort draußen zu verzichten, die Möglichkeit geschaffen wurde, den Lebensabend des greisen Helden mit dem Jugendglanz, mit der Freude an dem frohen Treiben der Enkelkinder zu umrahmen. Es waren drei schlanke, hochgewachsene Jungen, und entzückend war das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln. Welch tiefe Zärtlichkeit lag in seinem Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten in das Zimmer traten, wenn sie dem Großvater die Hand küßten, die dann liebevoll über ihre frischen Wangen strich. Sie waren nicht dazu verurteilt, wie es der Jugend zu oft geschieht, bei Tische mäuschenstill auf ihren Plätzen zu sitzen, und gar manchmal hörte man ihr munteres Lachen vom anderen Ende der Tafel. Zuweilen erschienen auch die anderen Enkelkinder, die Töchter des früh verstorbenen Sohnes Wilhelm, denen der Großpapa bei Tisch gern in scherzhafter Weise wie der Kavalier den erwachsenen jungen Damen entgegenkam, während er sich mit feinem Lächeln an der Wirkung seiner Aufmerksamkeiten auf die harmlosen jungen Gemüter erfreute. Charakteristisch ist die Antwort, die der Fürst einmal auf die Frage nach den Kindern seines jüngeren Sohnes gab: »Ja, er hat zwei ganz nette Gören; wenn ich nur jetzt schon wüßte, was für ein Lump die einmal heiratet und mein Geld durchbringt.« Das Erscheinen des ersten männlichen Enkels, der den Namen Bismarck fortsetzte, ist eine der größten Freuden seines sinkenden Lebens gewesen.
— — — — — — — — Sie aber, Sie bleiben In ewigen Festen An goldenen Tischen. — — — — — — — — Es horcht der Verbannte In nächtlichen Höhlen, Der Alte, die Lieder, Denkt Kinder und Enkel, Und schüttelt das Haupt.
Die Kapitäle der Säulen tragen die Namen des Fürsten Hohenlohe und der süddeutschen Minister Mittnacht, Crailsheim, Nokk. (»Kladderadatsch«, März 1897)]
Von tiefer Innigkeit war auch das Verhältnis des Helden von Friedrichsruh zu seinen beiden Söhnen Herbert und Wilhelm. Sie standen dauernd in dem lebhaftesten Briefwechsel mit ihren Eltern. Unvergessen wird die Treue bleiben, mit der damals, als der Vater aus dem Amte schied, der ältere Sohn, um ihm Gefolgschaft zu leisten, seine glänzende Laufbahn preisgab. Auch Herbert Bismarck hat das Exil seines Vaters geteilt. Er war ein ruhiger, ernster, arbeitsamer, kenntnisreicher Mann, der auch dann die vollen Fähigkeiten für einen preußischen Minister besessen hätte, wenn er nicht als der Sohn seines großen Vaters tief in das Räderwerk der politischen und diplomatischen Maschine hineingeblickt hätte. Graf Wilhelm Bismarck, der in gewissen Äußerlichkeiten noch mehr als sein Bruder dem Vater glich, war vielleicht geistig beweglicher als der ältere und besaß wohl auch eine größere Fähigkeit, sich volkstümlich zu machen, aber es fehlte ihm die ernste Lebensauffassung und die Arbeitskraft des Bruders. Er war ein wohlwollender Mann, schlicht, gerechtigkeitsliebend und mit einem offenen Sinn für die Freuden des Daseins.
Die französische Presse beschimpft den toten Bismarck. »Rache ist süß!« (»Der Nebelspalter«, August 1898)]
Die Männer aber, die neben der Familie dem greisen Staatsmann persönlich besonders nahestanden, waren Bucher, Schweninger und Lenbach. Lothar Bucher war aus dem Steuerverweigerer des Revolutionsjahres, aus dem politischen Flüchtling einer der hervorragendsten Mitarbeiter an dem Werke geworden, das Bismarck schuf. Nach seinem Sturze wurde er in Friedrichsruh wie ein Hausgenosse, fast wie ein Mitglied der Familie betrachtet, auf dessen Eigenheiten und Wünsche man jede Rücksicht nahm. Wiederholt hat sich der Fürst über die Bedeutung seines Mitarbeiters ausgesprochen: »Ja, ich habe viel an ihm verloren«, so äußerte er einmal nach Buchers Tode. »Lothar Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, mein treuer Freund, manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut, gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Er war viel zu gut für die gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir die diplomatische Häckselmaschine Abeken. Für alles, was Phrasen erforderte, wie Thronreden und dergleichen, war Bucher absolut nicht zu haben. Er verstand sich nicht nur nicht auf Phrasen, er haßte sie geradezu. Auch war er ganz unglücklich darüber, daß das Publikum sich mit ihm beschäftigte. Ja, ich fühle mich sehr vereinsamt durch Lothar Buchers Tod. Meine Freunde, die es wirklich waren, gehen, einer nach dem anderen, mir voraus in den Tod, und diejenigen, die meine Freunde zu sein behaupteten, wendeten sich ab von mir.«
»Es ist ein Trost, daß es von dem Ort, wo er weilt, kein Retourbillett gibt.« (Aus »Le petit Provençal«.) (»Süddeutscher Postillon«, Oktober 1898)]
Man brauchte bloß die Register zu ziehen
»Was war mir Bucher!« so rief der Fürst einmal. »Solche Männer wachsen nicht aus dem Holz der Geheimräte; er war wie eine Orgel, man brauchte bloß die Register zu ziehen, und sie spielte von selbst alle Akkorde und Stücke, die man wünschen mochte. Ihm hätte noch eine ganz andere Stellung gebührt, doch war er nicht entbehrlich, und so beschied er sich als ein getreuer Knecht vor dem Herrn.«
Noch anders geartet war das Verhältnis, das zwischen dem Fürsten Bismarck und seinem getreuen Hausarzte Professor Schweninger bestand. Der Schloßherr von Friedrichsruh hatte diesen frischen, natürlichen und klugen Mann wirklich lieb, und stets erhellten sich seine Züge, wenn der schwarzbärtige Doktor in das Zimmer trat. Dafür brachte der Arzt seinem erlauchten Patienten eine Verehrung entgegen, eine Hingebung und Liebe wie kaum ein anderer. Er dachte nichts anderes, er fühlte nichts als nur die Sorge um seinen alten Fürsten. Es war ihm nicht leicht geworden, alle Widerstände zu überwinden, die im Bismarckschen Hause seine derbe, nicht immer auf höfische Formen bedachte, aber aufrechte und ehrliche Natur hervorrief. Aber bald genug trug er einen glänzenden Sieg davon.
Überaus charakteristisch für diese Entwicklung ist ein Gespräch, das im Jahre 1893 der ebenfalls recht derbe bayerische Redakteur Memminger mit der Fürstin Bismarck hatte:
Die »Menschlichkeit« wirft Bismarcks Totenschädel auf einen Haufen, in dem sich die Schädel von Loyola, Alexander, Napoleon, Ludwig =XIV.=, Cesare Borgia, Cartouche, Karl =IX.=, Cäsar und anderer »Blutmenschen« befinden. (»Le Grelot«, August 1898)]
Er beleidigte unsere Toten durch sein Siegerlächeln ... Franzosen, über seinen Tod können wir uns nur freuen. (»La Silhouette«, August 1898)]
Der Leibmedikus
»Die Fürstin frug mich in Kissingen,« so erzählt Memminger, »wie ich zu der Bekanntschaft des Arztes gekommen sei. Ich erwiderte: ›Er ist ein Altbayer wie ich, er war viel im Auslande wie ich auch, er spricht und denkt altbayerisch wie ich selber — also hat sich die Bekanntschaft leicht angebandelt, als mich vor drei Jahren Seine Durchlaucht, Ihr Herr Gemahl, zu sich rufen ließ; wir Altbayern wissen uns schon untereinander zu verstehen.‹ Die Fürstin lächelte und meinte: ›Ich habe mich auf diesen Altbayern nicht so leicht verstanden. Schweninger war so ganz anders als die anderen Ärzte, die auf die Lebensgewohnheiten meines Mannes mehr Rücksicht genommen hatten. Er erklärte, daß der Fürst, wenn er wieder gesund werden wolle, ganz nach seinen Vorschriften die Diät halten und bis auf weiteres gar nichts von Alkohol genießen dürfe. Das war für meinen Mann kaum zum aushalten; er hatte zudem Schmerzen, und es quälte ihn die Schlaflosigkeit; dabei war er immer ein ruheloser Geist, der arbeiten wollte und mußte, also zeigte er bald wieder Verlangen nach einem Erfrischungs- und Beruhigungsmittel; ich gab ihm, weil er mich dauerte, einen Trunk. Aber da kam ich schlecht weg. Als ihn Schweninger wieder besuchte, merkte er sofort, daß etwas gegen seine strengen Vorschriften geschehen war, und er stürmte sozusagen mit fliegender Mähne und den wilden Augen eines Berbers zu mir und erklärte mir ungefähr: ›Wenn Sie Ihren Mann umbringen wollen, dann geben Sie dem Fürsten den Schnaps weiter!‹ Ich mußte lachen, die Fürstin aber fuhr lebhaft fort: ›Ja, das war mir gar nicht zum lachen, denn das war echter, unverfälschter altbayerischer Dialekt, und ich muß schon sagen, daß ich von dieser ungewohnten und unerhörten Anrede ebenso betroffen wie beleidigt war. Aber was konnte ich machen? Mein Mann war recht krank, die Professoren und Kurpfuscher hatten sich vergeblich an ihm versucht, der Zustand war äußerst bedenklich, das nachdrückliche Auftreten Schweningers und seine unaufhörliche Fürsorge für den Patienten bei Tag und Nacht sagten mir alles übrige. Gleichwohl deutete ich es meinem Mann an, was mir widerfahren war: der winkte jedoch ab und meinte: ›Ich probiere es nun einmal mit diesem Doktor; er imponiert mir mehr als die übrigen; er kennt offenbar meine Natur besser und darum auch die Heilmittel.‹ Also ließ ich den neuen Arzt fortmachen, wenn er auch noch einigemal meinen ernsten Groll reizte; einmal hat Schweninger gar ein Glas, das ich meinem Mann wieder so zwischenhinein zugesteckt hatte, und das er erwischte, einfach zum Fenster hinausgegossen. Indessen hat Schweninger Wort gehalten; mein Mann ist wider Erwarten gesund und arbeitsfähig geworden, und er erhält ihn heute noch, so gut es eben in diesen Jahren und nach solchen Plagen und Affären geht.‹ — Die Fürstin, die asthmatisch war, hielt ein wenig an und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: ›Auch meine Mißstimmung gegen Schweninger ist verraucht, und ich bin recht froh, daß wir den Arzt im Hause haben. Er bringt immer muntere Laune mit, kann äußerst angenehm, erheiternd und anregend plaudern; er ist überall zu Hause und kein so steifleinener, affektierter Manschettenprofessor und geheimnisvoller ›Zauberer‹. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb weiß er mich über meine Leiden und Bedenken hinwegzuleiten oder hinwegzufoppen, wie die Altbayern sagen. Mein Mann schätzt Ihren Landsmann ungemein hoch, und zwar auch deswegen, weil er keinen Doktor Wichtig spielt und seine Vertrauensstellung nicht in der Weise gebraucht oder mißbraucht, wie es zum Beispiel der Engländer Mackenzie getan hat. Schweninger ist in erster und letzter Linie Arzt und verfolgt beim Patienten auch in und mit der Unterhaltung nur den ärztlichen Zweck. Von Politik fängt er gar nicht an und spricht nur mit meinem Mann beiläufig darüber, wenn dieser einen Anstoß dazu gibt.‹ — ›Freilich, Durchlaucht,‹ bemerkte ich dazwischen, ›wollen das die Leute nicht glauben; sie meinen, der Doktor sei in die geheimsten Falten des Diplomatenrockes und in die geheimsten Fächer des Fürstlichen Archivs eingeweiht.‹ — Die Fürstin wiederholte darauf: ›Ich versichere jedem, der es hören will, der Vorzug dieses Arztes ist, daß er bloß Arzt sein will und all sein Können darein verlegt. Das mag ebenso Bescheidenheit oder Berechnung sein, ich achte beides und verstehe ihn ganz. Ärgern kann ich mich nur über die unverschämten Zeitungen, welche dem Schweninger jetzt nachrechnen, was er durch seinen ›Fürstlichen Hausarzt‹ verdient. Gar nichts, sage ich Ihnen, gar nichts verdient er, denn er nimmt nichts an. Uns ist das gar nicht angenehm, weil wir ihm so sehr verpflichtet sind, aber ich fürchte, er würde bei wiederholtem Drängen wieder rückfällig ins Altbayerische, das er mit mir einmal gesprochen hat. Ja, ja, die Altbayern sind sonderbare Käuze! Mein Mann hat sie recht gerne; auch die bayerischen Beamten, die er in seinem Dienste hatte, lobte er immer, sie seien keine Gecken und Einfaltspinsel und hätten noch eine Freude an der Arbeit; sie fragten nicht so nach der Uhr wie die Maurergesellen und preußischen Bureaukraten, denen er nie recht grün war. Schon als der Fürst Bundesgesandter in Frankfurt war, hatte er Zuneigung zu den Altbayern und hielt beispielsweise den bayerischen Gesandten Baron Schrenk für einen der ehrlichsten, fähigsten und arbeitsamsten Köpfe in der ganzen bunten Gesandtengesellschaft.‹«
Der große wog, der kleine wog — Hoch lebe der große »Großherzog«!
Der Kaiser hatte in einer scherzhaften Rede von dem großen und kleinen »Woog« in Hessen-Darmstadt gesprochen. (»Jugend«, November 1906)]
Zu den Hausgenossen des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren gehörte auch der junge Doktor Chrysander, der gleich allen, die dem großen Staatsmann nähertraten, in abgöttischer Verehrung an ihm hing. Sein stilles bescheidenes Wesen und seine erprobte Diskretion bewirkten es, daß er in dem lebhaften Kreise von Friedrichsruh äußerlich wenig hervortrat. Ungleich schärfer hob sich dagegen die Silhouette des großen Malers Franz von Lenbach ab, dessen ehrliches und kräftiges, altbayerisches Wesen jeder Schmeichelei und Kriecherei abhold war. Vielleicht bestand zwischen den beiden Männern auch eine gewisse Seelenverwandtschaft. So wie Fürst Bismarck jeden, mit dem ihn das Geschick zusammenführte, alsbald bis auf den Grund der Seele durchschaute, wie ihm weder Rang, noch Geburt oder Reichtum zu imponieren vermochten, so enkleidet auch Lenbach in seinem künstlerischen Schaffen jeden Gegenstand seiner äußeren Hülle, um tief in das eigentliche Wesen einzudringen; nicht auf die Schale, sondern auf den Kern kommt es ihm an. Zahllos sind die Bilder, die er von Bismarck schuf, und kein anderer hat ihn, den deutschen Rembrandt, in dieser Kunst erreicht. Und fast jedes dieser Bilder zeigt wieder einen neuen, feinen Zug, immer tiefer dringt der Künstler in die Psyche des gewaltigen Mannes, und die Schätze, die er aus dem Goldschacht herausholt, breitet er mit freigebiger Hand vor uns aus.
Sonst tät’ ich’s umsonst
Bezeichnend für Lenbach ist seine Antwort auf die Frage, ob er geneigt wäre, einen bekannten Politiker zu malen, und für welches Honorar. »Malen will ich ihn, und es soll ihn nicht viel kosten, wär’ er aber nicht immer ein so verbissener Gegner Bismarcks gewesen, so tät’ ich’s umsonst.«
»Wenn ick so in Bismarcks Spuren wandle, dann merke ick erst richtig, wat ick jejen ~den~ für ’n distinguierter Mensch bin!« (»Jugend«, Januar 1907)]
»Hier haben Sie so viel pommersche Grenadierknochen, als Sie wollen.« Es ist die Zeit der bosnischen Krisis, in der Bülow Österreich die Nibelungentreue versprach. (»Simplicissimus«, 1909)]
Er hält nicht stille
Von seinen Bismarckporträts hat Lenbach geäußert: »Vielleicht hätte ich ihm gerecht werden können, aber Sie wissen, wie es in der Kunst geht, um was Ordentliches zu leisten, bedarf es der Gegenliebe. Was liegt aber einem Bismarck an seinen Porträts? Aus Höflichkeit tut er zwar so, aber ich weiß, daß beim Sitzen seine Gedanken in die Weite schweifen, und doch könnte ich etwas zuwege bringen, wenn er nur fünf Minuten stillhalten wollte. Das genaue Gegenteil von Moltke hierin wie auch sonst: Moltke war Kunstschwärmer und hätte, wenn es nötig gewesen wäre, einen halben Tag ausgehalten.«
Manchen hat der greise Fürst scheiden sehen von denen, die ihm einst teuer gewesen. Und dennoch hat seinem Lebensabend jener köstliche Glanz nicht gefehlt, den die Liebe verbreitet. Jeden seiner Schritte hat die Sorge der Kinder, die Hingebung der Freunde überwacht, und er starb nicht, wie die Feinde hofften, einsam und von Gewissensqualen gefoltert, sondern die zärtliche Hand der Liebe hat den Todesschweiß von seiner Stirn getrocknet, und der Freund hat ihm die Augen geschlossen. Durch seine Seele aber zitterte kein Schrecken der selbstanklagenden Reue. — In der Nacht des 30. Juli ist Fürst Otto von Bismarck nach kurzem Todeskampf entschlafen. Die Flammen sind erloschen, und dem Riesen, dem die Welt zu eng war, blieb nur noch ein Grab. Aber wie zu dem Lebenden, so pilgern auch zu dem Toten die Söhne Deutschlands, und heilig ist die Stätte, geheiligt durch des Volkes Dank und Liebe, an der Otto von Bismarck ruht. Man hat ihn begraben unter den Bäumen, die ihm Schatten gaben, in dem Boden, der ihn gastlich trug, denen nahe, die ihm nahestanden; er schied, wie er gelebt, und er ruht, wie er geschieden. Und gerade in dieser Schlichtheit liegt etwas Gewaltiges: er, der einst mitten in dem brausenden Treiben der Welt gestanden, wählte sich einen Abschluß seiner Taten, wie ihn der Landmann findet, der das Feld bestellte, und der Reitersmann, der nach beendetem Kriege den Abend unter den Seinen verbrachte.
Und kein wortreiches Epitaph verkündet rühmend seine Taten. Seines Wesens Art und seine Treue, sein Streben und sein Leid sind ausgesprochen in den selbstgewählten Worten: »Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms =I.=« Diese Worte, die seine Grabstätte zieren, sind einfach und gerade; die Grabschrift ist ein Lebensinhalt zugleich und ein Buch, aus dessen Tiefe die Enkel schöpfen werden; es ist in aller Schlichtheit ein die Jahrhunderte überragendes Stück Weltgeschichte. Es klingt zugleich aus diesen Worten die Musik des heiligen Trotzes, die Stimme des Prometheus, der den Menschen das Licht gab und an den Felsen geschmiedet wurde. Es ist das Vermächtnis seines Lebens an den bei den Vätern ruhenden vielgeliebten alten Herrn. — Und schlicht und ergreifend hat der Dichter des preußischen Lebens, Theodor Fontane, das Wesen Bismarcks geschildert:
»Dieser Mann hat eine zu eiserne Faust! Zum Teufel mit ihm!«
»Dieser Kerl redet zu viel! Raus mit dem Schwätzer!«
»Dieser Mensch redet nichts, rein gar nichts! Raus aus der Bude!«
(»Jugend«, 1910)]
Nach dreitausend Jahren
Theodor Fontane, der empfindungsreiche Dichter der Mark, besingt Bismarck in folgenden Versen:
~Wo Bismarck liegen soll.~
Nicht in Dom oder Fürstengruft, Er ruh’ in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde. Widukind lädt ihn zu sich ein: »Ein Sachse war er, drum ist er mein; Im ~Sachsenwald~ soll er begraben sein.« Der Leib zerfällt, der ~Stein~ zerfällt, Aber der Sachsenwald, der hält, Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen, Und staunen der Schönheit und jauchzen froh, So gebietet einer: »Lärmt nicht so; — ~Hier unten liegt Bismarck irgendwo~.«
Und noch einmal hat der Tote zu uns gesprochen; aus den Fernen der Ewigkeit drang seine Stimme zu uns herüber. Mit scheuer Ehrfurcht nahm das deutsche Volk das letzte Vermächtnis entgegen, das Fürst Bismarck in seinen »Gedanken und Erinnerungen« uns bot. Zum letztenmal vernahmen wir hier seine Lehren, zum letztenmal seine Weisheit, die so oft, so lange er unter uns weilte, in Treuen uns mahnte und schützte. Und nach Jahrhunderten noch, und wenn unsere Zeit in weltfernes Vergessen gehüllt sein wird, dann werden die Enkel ehrfürchtig und scheu in den Büchern nachschlagen und werden forschend und flüsternd sagen: So hat Bismarck gesprochen! Er hat nicht Geschichte geschrieben nach der Art der Gelehrten; er hat nicht eine Darstellung gegeben, die objektiv die Dinge ergründen soll. Sein Buch ist auch keine Verteidigungsschrift, denn seine ~Taten~ verteidigen ihn. Wohl aber treten in seinem letzten Werke die Leidenschaften zurück, die der Kampf erweckte; wie von der Höhe herab, die einst der Prophet erstieg, schaut er hinter sich die kampfdurchwühlten Gefilde, über denen milde die Abendsonne herabsinkt. Vor ihm aber breitet sich ein anderes, weites Gefilde, und auch hier drohen Gefahren und Kämpfe. Da hebt er warnend den Arm und zeigt uns die Wege, die zu künftigem Heile führen. Es sind Worte eines Toten, die zu uns dringen, und doch Worte eines ewig unter uns Lebenden, Worte der Weisheit und Trauer, Worte der sorgenden Liebe. Sie sind ein Evangelium für das deutsche Volk und für die Führer geworden, die das Schicksal ihm aufruft. Und in der gewaltigen Krisis, die jetzt heraufzog, die eine Welt von Feinden gegen das Deutschland bewaffnet, gleichen sie einem leuchtenden Stern, der uns durch alle Fährnisse führt.
Schluß
Ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem das Steuer der stolzen Fregatte Germania den Händen Bismarcks entglitt. Andere hatten es ergriffen; neue Gedanken, neue Ziele zogen herauf. Und bald ging die Saat auf, die Otto von ~Bismarck~ einst in die Furchen deutschen Lebens streute. Deutsches Wirtschaftsleben erblühte, Technik und Wissenschaft feierten reiche Triumphe, der deutsche Handel sandte seine Schiffe in alle Meere, deutscher Gewerbefleiß gewann die Märkte der Welt. Und ehrfurchtgebietend stand in eiserner Rüstung Germania, und noch lauschte die Welt auf ihr Wort. Bismarcks Erbe!
Aber er, der einst dem deutschen Elend ein Ende schuf, der die Kyffhäusertore sprengte und die Kaiserkrone aus den Flammen hob, hat uns gemahnt, stets auf der Wacht zu sein, das Geschaffene gegen eine Welt von Neid und Feindschaft zu schützen. Er wußte, die Stunde würde kommen, da wir noch einmal in Kampf und Not erwerben müßten, was wir von den Vätern ererbten. Denn gar zu feurig und gar zu kühn hatte sich der Deutsche aus der Verschlafenheit vergangener Zeiten erhoben und seine natürlichen Rechte gefordert. Sein Land sollte nicht mehr als Schauplatz aller europäischen Kriege von den Feinden zerstampft werden! Seine Söhne nicht mehr die willfährigen Diener fremder Interessen sein! Seine Arme sollten sich ausstrecken nach fernem Kolonialland! Seine Arbeitsfreude fremden Rivalen Lohn und Ruhe kürzen! Deutschland wollte sein eigenes Dasein leben!
In der Tat: Was Bismarck schuf, das hat einen Umsturz aller altgewohnten politischen Regeln, eine Umwälzung aller hergebrachten Begriffe bedeutet. Der Kaisertraum der Sachsen und Hohenstaufen sollte ausgeträumt sein, längst schon, ehe Napoleon den Händen des letzten Kaisers aus Habsburgs Hause das Zepter entriß — und nun sollte dieser Traum von neuem lebendig werden! Nun sorgte ein starkes Geschlecht, daß er nie wieder zerfließe! Nur ~eine~ Macht in Europa sah neidlos das Werden des Neuen. Nur Österreich-Ungarn, der Besiegte von Königgrätz. Es ist vielleicht das erstaunlichste Werk aus Bismarcks Meisterhand, daß er, unter Kampfeslärm und Schlachtendonner, schon die Grundlage für dieses Bündnis schuf, das jetzt auf hundert Schlachtfeldern seine Kraft und seinen tiefen Sinn erhärtet. Hier schuf er für beide Völker die Basis der Sicherheit, einen Grund, der jedem Stoß und jedem Angriff standhalten sollte, selbst dann, als ganz Europa sich gegen uns wandte und im fernen Indien, in Australien, in Kanada, in Japan, am Kongo sich Helfer suchte. »Gestützt auf unsere Einheit und in Freundschaft mit Österreich-Ungarn«, so rief er einmal, »können wir der weiteren Entwicklung mit aller Gemütsruhe entgegensehen und mit ihm der Überzeugung sein, daß unser Gott keinen Deutschen zugrunde gehen läßt, am wenigsten Deutschland selbst.«
Es war des Fürsten Bismarck stete Sorge, daß in Österreich und Ungarn der slawische Keil sich zwischen das Bündnis drängen und andere, vor allem polnische Tendenzen den Frieden stören könnten. Gerade deshalb trieb er die Politik der »zwei Eisen im Feuer«, schloß er mit Rußland den Rückversicherungsvertrag. Aber er sah auch die Gefahr einer Vereinigung von Rußland und Frankreich schon lange voraus, ehe sie in Kronstadt besiegelt wurde; er kannte den Ehrgeiz der Militärs; er sah das Wachstum des Panslawismus; er wußte, daß die Politik ein flüssiges Element ist und daß auch die stärksten historischen Beziehungen sich lösen. Und so klingt uns noch aus seinem Testamente die Warnung entgegen: =Toujours en vedette!= Darum hat er Deutschland auch wirtschaftlich auf sich selbst und seine Kraft gestellt — wenn heute unser Volk vor dem Hunger geschützt ist, so ist es Bismarcks Verdienst. Und wenn seine Waffen gut und stark sind, so ist es der Lohn seiner Mühen und Sorgen um Deutschlands Zukunft.
* * * * *
~Götterdämmerung~ und ~Völkerfrühling~! Nach mehr als vierzig Jahren eines ungestörten Friedens, der dem deutschen Volke eine reiche Entwicklung aller seiner Kräfte, einen reichen Lohn aller seiner redlichen Arbeit brachte, bricht plötzlich mit Wolkenbruch und Hagelschlag ein schweres Gewitter herein, und erschauernd blickt die Menschheit auf das furchtbare Ringen und Werden. Von wissenschaftlichem Streben, vom Werk des Poeten, vom Fortschritt der Technik, von blühendem Handel, von ertragreichen Fluren, von den gewaltigen Schiffen, die unter der Flagge des Friedens die weiten Meere durchkreuzen, erzählt seit mehr als vierzig Jahren die Chronik. Und jetzt?
Jetzt schlägt Klio im Buche der Wahrheit und des Lebens die Blätter um und verzeichnet mit ehernem, in Tausender Herzblut getauchtem Griffel neues, fremdes Geschehen. Ein Zar hatte den ewigen Frieden diktiert, derselbe, der jetzt vom fahlen Antlitz die Maske riß; Abrüstungsvorschläge wurden in England gemacht, von demselben Volke, das jetzt aus jämmerlicher Profitwut die Welt in Flammen setzte; ein stolzer Palast erhob sich im Haag, in dem Schiedsrichter in hohen Perücken der Völker Schicksal berieten — und jetzt stürmt die Geschichte über sie alle, die Toren, hinweg, die den Krieg aus dem Völkerleben auslöschen und Blut und Eisen entwerten wollten. Das aber darf die Chronik dieser Zeit und dieses Krieges bekunden: Deutschland ist schuldlos an dem Blute, das jetzt in Gewitterbächen über die Erde dahinströmt. Tausendmal beleidigt, tausendmal vom Hochmut der Fremden herausgefordert, hat Deutschland im Bewußtsein seiner Kraft stolz geschwiegen. Ein Weltreich des Friedens sollte unter Kaiser Wilhelms des Zweiten Zepter das Deutsche Reich werden, nur in Werken des Friedens sollte sein Volk um den Lorbeer ringen. Und auch jetzt, als das Grauen von Serajewo über die Welt zog, als das Blut der gemordeten Fürstenkinder von Österreich nach Rache schrie und als sich Rußland, auf Frankreich und England gestützt, dem Werke der Gerechtigkeit widersetzte, hat Kaiser Wilhelm in Selbstverleugnung dem Frieden zu dienen gesucht. Er ist nicht zum Ziele gelangt.
Wir wissen es jetzt — die Akten beweisen es klar —, daß seit Jahr und Tag, schon in König Eduards Zeiten, zwischen den Männern, die uns heute bekriegen, eine Verschwörung zu unserer Vernichtung bestand. In der letzten Stunde erst haben wir, damit wir nicht Luft und Atem verlieren, hat die deutsche Faust das listig gesponnene Gewebe mit dem Schwerte zerhauen. Und es kam, als es herniedersauste, ein großes Gefühl der Befreiung über das ganze deutsche Volk, ein Gefühl der Freude, endlich einmal aufräumen zu dürfen mit diesen in der Finsternis schleichenden Mächten, es kam die alte ~Germanenfreude~ am blutigen Ringen auf grüner Heide.
Und das Volk stand auf. Vergessen war aller Hader, aller Streit der Parteien. Blitzenden Auges konnte der Kaiser verkünden: »Es gibt keine Parteien mehr«, und bald dröhnte der Boden vom Schritt der deutschen Heere. Schulter an Schulter zogen sie, getreue Kameraden, der Grafensohn und der Bauernknecht, der weltberühmte Gelehrte und der schlichte Volksschüler ins Feld, der Student und sein Professor — der Kaiser rief, und alle, alle kamen.
Denn sie alle wußten es, was es gilt: Daß heute die eisernen Würfel rollen um Deutschlands Zukunft, Ehre und Recht, um Haus und Heimat, um Freiheit und Glück!
Wahrlich, Zeiten zogen herauf, erfüllt von Ungeheurem, wie sie uralter nordischer Heldensang schildert: »Steinberge stürzen, Riesenleiber straucheln, zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft!« Wo kennt die Geschichte in tausendjährigem Lauf ein Schicksal, wie es heute den Deutschen bestimmt ist? Baschkiren und Tungusen, die wilden Söhne der sibirischen Steppe, die Reiter der glutstarrenden afrikanischen Wüste, schlitzäugige Söhne Ostasiens, kanadische Jäger, indische Sepoys, Bengalen und dunkelhäutige Gurkhas, Turkos und Zuaven und Senegalschützen, belgische Mörder, schmutzige Kosaken — sie alle wagen im Namen der Kultur, der Menschlichkeit, unser altes, heiliges, großes, gesegnetes Deutschland zu verderben. Vor ihnen, über ihren Köpfen weht das in das Blut der Opfer von Serajewo getauchte düsterrote Banner des Mordes.
Sie strömen hervor aus allen Winkeln der Erde, beutelüstern, raffgierig. Aber sieghaft erhebt sich, weithin durch die Ewigkeit leuchtend, deutsche Treue und deutsche Todesverachtung. Hei, wie die Mauern barsten von Lüttich, Namur und Maubeuge! Wie der alte Hindenburg das Russenpack in die Masurischen Seen trieb! Wie die deutschen Armeen über Frankreichs Boden brausten! Hie Schwert des Herrn und Gideon! Mögen sie kommen, mag der schrille Schlachtruf des Asiaten mit dem Gebrüll des Basutos, Zuaven-Wildheit sich mit dem Zischen der Dum-Dum-Kugeln vereinen — vergebenes Mühen! Denn fest und unerschütterlich stehen Deutschlands Söhne. Sie ketten den Sieg an ihre Fahnen, mit ihnen reitet das Recht, reitet Gott ins Feld. Der Völkerfrühling, der Frühling Deutschlands naht, schon leuchtet fernher über den Wäldern das Morgenrot einer neuen, glücklichen, von unseren Brüdern erkämpften Zukunft. Die Nebel weichen dem Schwerterglanz, der Lorbeer senkt sich auf Heldenstirnen — unsterbliches, deutsches Volk!
Und so berichtet das Buch der Zeit, wie einst das Lied der Nibelungen, von deutschen Heldentaten ohne Zahl, von frohem Kampf und jauchzendem Sterben. Und von ewigem Ruhm und ewig grünendem Lorbeer. Ja, der deutsche Völkerfrühling bricht an! Und hell leuchtet in ihm und über ihm, schützend und segnend und Früchte treibend, die Sonne des Mannes, um dessen Lebenswerk wir ringen:
+des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck!+
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