Advertisement

ist undeutlich.

Einige Ausdrücke beruhen, ohne eigentliche zu sein, weder auf Homonymie noch auf Übertragung, wie z. B. die Wendung: das Gesetz ist Maß oder Bild des Naturrechts. Solche Ausdrücke sind schlimmer als die Metapher. Die Metapher macht das durch die Ähnlichkeit Erklärte in gewisser Weise bekannter. Denn wer sich einer Übertragung bedient, gebraucht sie auf Grund irgendeiner Ähnlichkeit. Dagegen macht ein Ausdruck wie der gedachte nichts bekannter, weil weder eine Ähnlichkeit vorliegt, auf die hin das Gesetz Maß oder Bild sein könnte, noch es Brauch ist, so zu reden, wenn man eigentlich sprechen will. Läßt man also das Gesetz im eigentlichen Sinne Maß oder Bild sein, so sagt man die Unwahrheit. Denn Bild ist etwas, dessen Entstehung auf Nachahmung beruht, was bei dem Gesetze nicht zutrifft. Soll die Rede aber nicht im eigentlichen Sinne gelten, so ist sie offenbar undeutlich und ein schlechterer Ausdruck des Gedankens, als es eine Metapher nur sein kann.

Ferner: wenn aus der gebotenen Definition nicht der Begriff des Konträren ersichtlich wird. Gut bestimmte Begriffe erklären auch ihr Konträres.

Oder, wenn der Begriff, für sich angegeben, nicht klarmacht, was damit definiert sein soll, sondern einen eher wie die Bilder der alten Maler anmutet, wo man, wenn man es nicht darüber schrieb, nicht wußte, was sie vorstellten.

+Drittes Kapitel.+

Ob demnach eine Definition nicht deutlich ist, muß man nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen.

Ob sie zu viel enthält, muß man erstens danach bemessen, ob der Gegner eine zusätzliche Bestimmung gemacht hat, die entweder allem Seienden überhaupt, oder allem mit dem Definierten zur selben Gattung Gehörigen zukommt. Damit enthielte die Definition notwendig zu viel. Die Gattung muß das Ding von den anderen Gattungen, die Differenz von dem, was in derselben Gattung steht, absondern. Nun sondert aber das schlechthin allem Zukommende einen Gegenstand von nichts ab, was aber allem in derselben Gattung Stehenden zukommt, scheidet ihn nicht von dem zur selben Gattung Gehörenden. Mithin hat ein solcher Zusatz keinen Zweck.

[Sidenote: 140b]

Oder man bemißt es danach, ob das hinzugesetzte Merkmal dem Gegenstand zwar eigentümlich ist, der Rest der Beschreibung jedoch, auch wenn der Zusatz wegbleibt, ihm eigentümlich ist und sein Wesen ausspricht. So ist es im Begriff des Menschen überflüssig, das Wissensfähig hinzuzusetzen[109]. Denn auch wenn man es wegläßt, ist die übrigbleibende Beschreibung ihm eigentümlich und gibt sein Wesen wieder. Kurz: überflüssig ist alles, was so wegbleiben kann, daß doch der Rest das, was man definiert, erklärt. Diesen Mangel hat auch die Definition der Seele, wenn sie eine sich selbst bewegende Zahl sein soll. Denn schon das sich selbst Bewegende ist Seele, wie Plato definiert hat. Oder das Letztgenannte ist zwar der Seele eigentümlich, erklärt aber, wenn die Zahl wegbleibt, ihr Wesen nicht. Ob es sich so oder so verhält, ist schwer auszumachen[110]. Jedenfalls muß man diesen Ort bei allen derartigen Dingen verwenden, soweit es einen Nutzen verspricht. So z. B. wenn die Definition für Schleim lauten soll: erste unverdaute Feuchtigkeit aus der Nahrung. Das Erste ist eines, nicht vieles, so daß der Zusatz: unverdaut, überflüssig scheint, da die übrige Beschreibung der Sache ihr auch ohne ihn eigentümlich ist. Denn es kann nicht gleichzeitig das Unverdaute und sonst noch etwas aus der Nahrung Kommendes das Erste sein. Oder ist es hiermit etwa so, daß der Schleim nicht schlechthin von dem Feuchten, was aus der Nahrung entsteht, sondern von dem Unverdauten das Erste ist? Somit dürfte dieser Zusatz nicht fehlen, und ohne ihn wäre der Begriff nicht richtig, da der Schleim nicht das Erste von allem überhaupt ist.

Ferner danach, ob etwas in der Begriffsbestimmung nicht allem zur selben Art Gehörigen zukommt. Wer sie so gibt, definiert schlechter, als wenn man etwas allem Seienden Zukommendes in sie hineinbringt. In letzterem Falle muß, wenn die sonstige Beschreibung eine eigentümliche ist, es auch die ganze sein. Man mag zu dem Proprium Wahres hinzutun, was man will, immer wird die ganze Bestimmung dem Ding eigentümlich sein. Kommt aber etwas in der Begriffsbestimmung nicht allen zur selbigen Art gehörigen Dingen zu, so kann die ganze dem Objekt unmöglich eigentümlich sein: sie ist nicht mehr mit ihm konvertibel. So z. B. die Definition: gehendes zweifüßiges vier Ellen großes Lebendiges. Sie ist mit ihrem Gegenstand, dem Menschen, nicht konvertibel, weil nicht allen zu ebendieser Art gehörenden Individuen das Merkmal: vier Ellen groß, zukommt.

Wiederum: ob man mehrmals dasselbe sagt, indem man z. B. das Gelüste als Verlangen nach Süßem oder Lustbringendem bezeichnet; denn jedes Gelüste geht auf Lustbringendes, so daß das auch das mit ihm Identische tun muß. So bekommen wir als Definition des Gelüstes: Verlangen nach dem Lustbringenden. Es ist ja kein Unterschied, ob man sagt: Gelüste oder Verlangen nach Lustbringendem, und es geht jedes von beiden auf das Lustbringende.

[Sidenote: 141a]

Indessen möchte die Wahrheit sein, daß hierin nichts Unzukömmliches liegt. Ist doch auch der Mensch ein zweifüßiges Wesen und wird es daher auch das mit ihm Identische sein. Das ist aber: durch Gehen sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Er ist mithin ein durch Gehen sich bewegendes zweifüßiges Lebendiges. Aber hieraus erwächst keine Unzuträglichkeit. Denn das Zweifüßig wird nicht von gehendem Lebendigen prädiziert — das wäre zweimal von dem nämlichen —, sondern es wird von gehendem zweifüßigen Lebendigen gesagt, und demnach wird es nur einmal prädiziert. Ebenso ist es mit dem Gelüste. Die Bestimmung: „nach Lustbringendem“ wird nicht von dem Verlangen, sondern von dem Ganzen ausgesagt, so daß die Aussage auch hier nur einmal gemacht wird. Eine Unzukömmlichkeit liegt nicht darin, daß dasselbe Wort zweimal ausgesprochen, sondern darin, daß von etwas mehrmals dasselbe gesagt wird, wie es z. B. von Xenokrates geschieht, wenn ihm die Klugheit es ist, die die Dinge bestimmt und betrachtet. Wer bestimmt, betrachtet auch, so daß er mit dem Zusatz: „und betrachtet“ zweimal das nämliche sagt. Denselben Fehler begeht man, wenn man die Erkältung die Beraubung (Privation, στέρησις) der natürlichen Wärme sein läßt. Jede Beraubung raubt, was von Natur da ist, und so ist der Zusatz: natürlich, müßig. Es genügte zu sagen: Beraubung der Wärme, da schon der Ausdruck Beraubung besagt, daß sie etwas Natürliches betrifft.

Wieder: ob man nach dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären hinzusetzt, die Epikie z. B. für eine Verkürzung des Nützlichen und Gerechten erklärt. Das Gerechte ist doch etwas Nützliches und somit in dem Nützlichen bereits einbegriffen. Es ist also müßig: man hat dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären beigegeben. Dasselbe geschieht, wenn man die ärztliche Kunst zur Wissenschaft von dem macht, was für Lebendes und Mensch gesund ist, oder das Gesetz zum Bilde dessen, was von Natur sittlich und gerecht ist. Ist doch alles Gerechte ein Sittliches, und demnach die Folge, daß man in einer solchen Definition zweimal das nämliche sagt.

+Viertes Kapitel.+

Ob man demnach gut oder nicht gut definiert hat, ist nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, ob man dagegen das Wesen angegeben und bestimmt hat oder nicht, nach den folgenden.

[Sidenote: 141b]

Erstens muß man sehen, ob der Gegner die Definition nicht mittelst früherer und bekannterer Begriffe gewonnen hat. Man definiert, damit der fragliche Gegenstand erkannt werde. Wir erkennen aber etwas nicht aus jedwedem, sondern aus Früherem und Bekannterem, nicht anders als bei den Demonstrationen — denn das ist der Weg alles Lehrens und Lernens —, und so erhellt denn, daß einer, der für die Definition nicht solche Begriffe verwendet, nicht definiert hat. Sollte das nicht gelten, so müßte ein und dasselbe Ding mehrere Definitionen haben. Denn wer für die Begriffsbestimmung Früheres und Bekannteres verwendet, hat offenbar besser definiert, und so gingen denn beide Definitionen auf dasselbe. Das hat aber keinerlei Schein für sich. Für jedes Ding ist sein wesenhaftes Sein eines. Sollte es daher für ein und dasselbe mehrere Definitionen geben, so müßte das durch beide beschriebene Sein des Definierten dasselbe sein. Das beiderseits beschriebene Sein ist aber nicht dasselbe, da die Definitionen verschieden sind. Folglich hat man offenbar nicht definiert, wenn man es nicht vermittelst früherer und bekannterer Begriffe tut.

Ob nun eine Definition nicht auf bekannteren Begriffen fußt, läßt sich in zweifacher Weise feststellen. Man muß sehen, ob sie aus Begriffen gewonnen ist, die schlechthin, oder aus solchen, die für uns minder bekannt sind. Denn beides kann der Fall sein. Schlechthin bekannter ist das Frühere im Vergleich zum Späteren, so der Punkt im Vergleich zur Linie, die Linie mit der Fläche, die Fläche mit dem Körper verglichen. Desgleichen die Einheit gegenüber der Zahl. Denn die Einheit ist für jede Zahl das Frühere und Prinzip. Ebenso ist es der Buchstabe für die Silbe. Für uns dagegen ist es oft umgekehrt. Der Körper fällt am meisten in die Sinne, die Fläche mehr als die Linie und die Linie mehr als der Punkt. Denn die Menge lernt das Körperliche besser kennen, da der erste beste es erfaßt, während das andere einen schärferen und bevorzugten Verstand erfordert. Es ist nun ja schlechthin besser, daß man das Spätere durch das Frühere zu erkennen sucht, weil diese Weise mehr der Wissenschaft entspricht. Für diejenigen jedoch, die auf solchem Wege nicht zur Erkenntnis gelangen können, ist es vielleicht notwendig, den Begriff durch ihnen bekanntere Merkmale zu erklären. Solcher Art sind die Definitionen des Punktes, der Linie und der Fläche. Alle diese Begriffsbestimmungen erklären das Frühere aus dem Späteren: sie sagen uns, daß das eine die Grenze der Linie, das andere die der Fläche und das dritte die des Körpers ist.

Man bemerke aber wohl, daß solche Definitionen nicht das Wesen des Definierten erklären können, wenn nicht dasselbe schlechthin und für uns bekannter ist. Muß doch eine gute Definition mittelst der Gattung und der Differenz zustande kommen. Diese beiden sind aber schlechthin bekannter und früher als die Art. Denn Gattung und Differenz heben, selbst aufgehoben, auch die Art auf. Sie sind mithin früher als sie. Aber sie sind auch bekannter. Denn wenn man die Art kennt, kennt man notwendig auch Gattung und Differenz — wer den Menschen kennt, kennt auch Sinnenwesen und Zweifüßiges —; wenn man aber die Gattung oder die Differenz kennt, kennt man nicht notwendig auch die Art. Die Art ist mithin weniger bekannt.

[Sidenote: 142a]

Auch müssen die, die solche Bestimmungen aus dem, was der Einzelne besser kennt, für eigentliche Definitionen erklären, folgerichtig sagen, daß ein und dasselbe Ding viele Definitionen zuläßt. Dem einen ist dieses, dem anderen jenes, nicht allen dasselbe bekannter, und so hätte man für jeden eine andere Bestimmung nötig, wenn die Definition aus dem erwachsen soll, was den Einzelnen bekannter ist.

Auch ist für dieselben Personen zu einer Zeit dieses, zu anderer Zeit jenes bekannter, anfangs das Sinnliche, später mit zunehmender Geistesschärfe das Entgegengesetzte, und so dürfte man selbst nicht für die nämliche Person immer die nämliche Definition angeben, wenn die Begriffsbestimmung aus dem hergestellt werden soll, was jedem bekannter ist.

Es ist also klar, daß die Definition nicht auf solchen, sondern nur auf schlechthin bekannteren Merkmalen fußen darf. Nur so gewinnt man immer eine und dieselbe Begriffsbestimmung.

Vielleicht ist aber auch das schlechthin Bekannte nicht was allen, sondern was Menschen mit einem guten Verstande bekannt ist, gleichwie das schlechthin Gesunde ist was es für Leute mit guter Körperbeschaffenheit ist.

Alle diese Punkte wollen scharf aufgefaßt und in der Disputation nützlich verwandt sein, am leichtesten ist aber unstreitig eine Definition zu entkräften, wenn der Gegner den Begriff weder aus dem schlechthin, noch aus dem für uns Bekannteren abgeleitet hat.

So besteht denn eine Weise, nicht aus Bekannterem zu definieren, wie jetzt ausgeführt worden ist, darin, daß man das Frühere durch das Spätere bestimmt; eine andere hat man, wenn Ruhendes und Bestimmtes durch Unbestimmtes und Bewegtes erklärt wird. Denn das Bleibende und Bestimmte ist früher als das Unbestimmte und in Bewegung Befindliche[111].

Es kann aber der Fehler, daß man nicht aus Früherem definiert, auf dreifache Weise begangen werden: erstens, indem man das Gegenteil durch das Gegenteil, z. B. das Gute durch das Schlechte, definiert. Denn das Gegenteilige ist seiner Natur nach gleichzeitig. Manche sind aber auch des Glaubens, daß die Wissenschaft der beiden Opposita dieselbe und demnach auch das eine nicht bekannter als das andere sei[112].

Man bemerke aber, daß manches sich vielleicht nicht anders definieren läßt, wie z. B. das Doppelte nicht ohne das Halbe und alles, was an sich relativ ist. Denn für alles solche besteht das Sein gleichmäßig in einem bestimmten Verhalten zu etwas, so daß man das eine unmöglich ohne das andere kennen kann, weshalb auch in der Definition des einen das andere mit einbegriffen ist.

Man muß also alle diese Regeln kennen und sie so verwenden, wie es einem nützlich scheint.

[Sidenote: 142b]

Eine zweite Form dieses Verstoßes liegt vor, wenn man das Definierte selbst verwendet. Dieser Fehler versteckt sich aber, wenn man nicht seinen Namen selbst verwendet, indem man z. B. die Sonne als den am Tage leuchtenden Himmelskörper definiert. Wer Tag sagt, sagt Sonne. Um einen solchen Schnitzer aufzudecken, muß man an die Stelle des Namens den Begriff setzen, daß z. B. der Tag die Bewegung der Sonne über die Erde ist. Es ist klar, daß man Sonne sagt, wenn man sagt: die Bewegung der Sonne über die Erde, und demnach hat man die Sonne verwandt, wenn man den Tag verwendet.

Drittens fehlt man so, wenn man von den zwei Gliedern einer Einteilung das eine durch das andere definiert, z. B. ungrad als um eins größer als grad. Die Teile derselben Gattung sind von Natur zugleich; ungrad und grad sind aber solche Teile: beide sind Unterschiede der Zahl.

Ähnlich fehlt man, wenn man das Übergeordnete durch das Untergeordnete definiert, z. B. die grade Zahl als eine solche, die sich halbieren läßt, oder das Gute als einen tugendhaften Habitus (Verfassung). Halbieren muß begrifflich von zwei abgeleitet werden, das grade ist, und die Tugend ist etwas Gutes, und so sind die beiden zur Erklärung gebrauchten Momente dem zu Erklärenden untergeordnet. Auch muß, wer das Untergeordnete gebraucht, auch das, dem es das ist, gebrauchen: wer das Moment Tugend gebraucht, gebraucht das des Guten, da die Tugend ein Gut ist; ebenso gebraucht, wer halbieren sagt, den Begriff grad, da halbieren in zwei Teile zerlegen heißt, und zwei grade ist.

+Fünftes Kapitel.+

Der Fehler, daß man die Definition nicht von Früherem und Bekannterem nimmt, macht im ganzen einen Ort aus, dessen Teile wir angegeben haben.

Ein zweiter Ort ist, wenn das Ding in einer Gattung steht und man es nicht in ihr unterbringt. Diesen Fehler haben alle Definitionen, die nicht die Quiddität des Begriffes vorlegen, wie die Definition des Körpers: das Dreidimensionale, oder wenn man den Menschen definierte: was zu rechnen versteht. Hier fehlt die Angabe, was das ist, das drei Dimensionen hat oder zu rechnen versteht. Was aber die Quiddität anzeigen will, ist die Gattung: sie muß in der Definition voranstehen.

[Sidenote: 143a]

Ferner: wenn das Definierte für mehreres Geltung hat und man gleichwohl nicht alles, wofür es gilt, angibt, wenn man z. B. die Grammatik als die Fertigkeit bestimmt, Vorgetragenes zu schreiben. Es gehört dazu noch: und die Fertigkeit zu lesen. Die Fertigkeit zu schreiben gehört nicht mehr in die Definition als die Fertigkeit zu lesen, und so hat man weder wirklich definiert, wenn man bloß das eine, noch wenn man bloß das andere, sondern nur, wenn man beides sagt. Es kann ja doch für Eines nicht mehr als eine Definition geben. Oft ist es nun in Wahrheit so, wie angegeben, in manchen Fällen jedoch wieder nicht, und zwar immer, wenn eine Bestimmung nicht an und für sich für beides gilt, wie z. B. für die Heilkunde, daß sie Gesundheit und Krankheit bewirkt. Sie bewirkt das eine an sich, sofern sie Heilkunde ist, das andere per accidens (mitfolgend). Denn schlechthin ist es der Medizin fremd, daß sie Krankheit bewirkt. Mithin ist die Definition, die beide Seiten hervorhebt, nicht eher eine wirkliche Begriffsbestimmung, als die andere, die nur eine Seite berücksichtigt, sondern selbst wohl noch weniger, da auch jeder Nichtarzt krank machen kann.

Ferner: wenn das Definierte für mehreres gilt, wovon man statt des Besseren das Schlechtere angibt. Jede Wissenschaft und Kunst geht doch wohl auf das Beste, was sie weiß und kann[113].

Ob hinwieder etwas nicht in seine eigentümliche Gattung zu stehen gekommen ist, muß man nach den oben entwickelten Grundregeln über die Gattungen beurteilen.

Ferner: wenn man beim Definieren die Gattungen übergeht[114], z. B. die Gerechtigkeit definiert als Gleichheit herstellenden oder Gleiches zuteilenden Habitus. Wer so definiert, übergeht die Tugend und gibt somit, da er die Gattung für Gerechtigkeit ausläßt, ihr Wesen nicht an. Denn das Wesen ist für jedes Ding an seine Gattung gebunden. Es ist das dieselbe Weise wie jene, wo das Objekt nicht unter die nächste Gattung gebracht wird. Eine Bestimmung, die das Objekt unter die nächste Gattung bringt, gibt damit alle höheren an, da diese sämtlich von den niederen Gattungen ausgesagt werden. Man muß demnach entweder den Begriff unter die nächste Gattung bringen, oder der höheren Gattung alle Differenzen beigeben, wodurch die nächste Gattung bestimmt wird. Denn so läßt die Definition nichts aus, sondern gibt statt des Namens den Begriff der niederen Gattung an. Eine Bestimmung dagegen, die nur die höhere Gattung selbst angibt, gibt nicht auch die niedere an. Denn wer Pflanze sagt, sagt nicht Baum.

+Sechstes Kapitel.+

Ebenso ist wieder bei den Differenzen darauf zu achten, ob die Definition auch die Differenzen der Gattung angibt. Enthält sie nicht die eigentümlichen Differenzen der Gattung, oder gibt sie gar etwas an, was für keinen Gegenstand eine Differenz bilden kann, wie das Merkmal Lebendiges oder Substanz, so wird offenbar nicht definiert, weil solche Merkmale überhaupt keine Differenz bilden.

[Sidenote: 143b]

Man muß aber auch sehen, ob die angegebene Differenz ein Gegenteil hat. Ist es nicht der Fall, so kann sie offenbar keine Differenz der Gattung sein. Denn jede Gattung zerfällt in gegenteilige Differenzen, so z. B. Sinnenwesen (ζῷον) in Gangtier, Flugtier, Wassertier und Zweifüßig (Mensch). Oder ob eine gegenteilige Differenz zwar da ist, aber für die Gattung nicht gilt. Denn dann kann offenbar keine von beiden Differenz der Gattung sein, weil alle gegenteiligen Differenzen für die eigentümliche Gattung gelten. Ebenso, ob sie gilt, aber keine Art bildet, wenn man sie der Gattung beigibt. Dann kann sie offenbar auch keine spezifische (artbildende) Differenz der Gattung sein. Denn jede spezifische Differenz bildet zusammen mit der Gattung eine Art. Ist sie aber keine Differenz, dann auch die vorgebliche nicht, da sie ihr Gegenteil ist.

Es ist ferner ein Fehler, wenn man die Gattung durch Negation einteilt, wie wenn man z. B. die Linie dahin bestimmt, daß sie eine Länge ohne Breite sei. Denn das heißt nichts anderes, als daß sie keine Breite hat. Es müßte dann folgerichtig die Gattung an der Art teilnehmen. Denn jede Länge hat entweder keine Breite oder wohl, da von jedem Ding entweder die Bejahung oder die Verneinung gilt, und so muß auch die Gattung der Linie als Länge entweder ohne Breite sein oder Breite haben. Nun ist aber Länge ohne Breite Begriff der Art, aber ebenso auch Länge, die Breite hat. Denn ohne Breite und Breite habend sind Differenzen, und aus Differenz und Gattung besteht der Artbegriff. Mithin träte die Gattung unter den Begriff der Art. Aber ebenso auch unter den der Differenz, da die andere Differenz notwendig von der Gattung ausgesagt wird.

Dieser Ort ist gegen die verwendbar, die das Dasein von Ideen behaupten. Gibt es eine Länge an sich, wie kann man da die Gattung eine Breite oder keine haben lassen? Es müßte ja von aller Länge nur eins von beiden gelten, wenn es von der Gattung gelten soll. Es ist aber nicht wahr, da es Längen ohne und mit Breite gibt. So ist denn dieser Ort nur gegen die verwendbar, die die Gattung der Zahl nach eine sein lassen, wie die Verteidiger der Ideen, die eine Länge an sich und ein Sinnenwesen an sich zur Gattung machen[115].

[Sidenote: 144a]

Bei einigen Dingen ist man aber vielleicht gezwungen, für die Definition auch die Verneinung zu verwenden, so z. B. bei den Privationen. Denn blind ist, was kein Gesicht hat, zur Zeit wo es von Natur es haben sollte. Es macht aber keinen Unterschied, ob man die Gattung durch Verneinung oder durch eine Bejahung einteilt, deren Gegenteil notwendig eine Verneinung ist, wie wenn man definiert: eine Länge, die Breite hat. Denn von dem, was Breite hat, ist das Gegenteil, was keine hat, und sonst nichts, und so wird hier die Gattung wieder durch Verneinung eingeteilt.

Ferner: wenn man statt der Differenz die Art angibt, etwa die Beschimpfung als eine Unbilde mit Verspottung definiert. Die Verspottung ist eine bestimmte Unbilde, mithin nicht Differenz, sondern Art.

Ferner, wenn man statt der Differenz die Gattung setzt, die Tugend etwa eine gute oder rechtschaffene Verfassung nennt. Gut ist Gattung von Tugend.

Doch möchte vielleicht gut nicht Gattung sein, sondern Differenz, wofern es wahr ist, daß das nämliche nicht in zwei Gattungen stehen kann, deren keine die andere umfaßt. Verfassung ist nicht in gut, und gut nicht in Verfassung begriffen. Denn nicht jede Verfassung ist gut, und nicht alles Gute Verfassung. Folglich sind nicht beide Gattungen. Wenn nun Verfassung Gattung von Tugend ist, so ist gut offenbar nicht Gattung, sondern vielmehr Differenz. Auch zeigt Verfassung an, was die Tugend ist, gut dagegen zeigt keine Quiddität, sondern eine Qualität an. Nun dürfte es aber grade eine Qualität sein, die durch die Differenz angezeigt wird.

Man muß auch sehen, ob die angegebene Differenz kein Qualitatives, sondern ein Dieses bezeichnet. Jede Differenz scheint ein Qualitatives anzuzeigen.

Man muß auch darauf achten, ob die Differenz dem Definierten akzidentell zukommt. Keine Differenz, wie auch die Gattung nicht, gehört zu den Akzidenzien: von der Differenz darf es nicht gelten, daß sie einem Dinge ebensogut zukommen wie nicht zukommen kann.

Ferner: wenn die Differenz oder die Art oder etwas der Art Untergeordnetes von der Gattung ausgesagt wird, hat man nicht definiert. Nichts von alledem kann der Gattung zukommen, da sie einen größeren Umfang hat als alles dieses.

[Sidenote: 144b]

Ferner: wenn die Gattung von der Differenz ausgesagt wird. Die Gattung scheint nicht von der Differenz, sondern von dem ausgesagt zu werden, dem die Differenz beigelegt wird, so das Sinnenwesen von Mensch, Ochs und den anderen Gangtieren, nicht von der spezifischen Differenz selbst. Denn soll von jeder Differenz Sinnenwesen gesagt werden, so würden viele Sinnenwesen von der Art ausgesagt werden, da die Differenzen von der Art ausgesagt werden. Auch sind alle Differenzen entweder Arten oder Individuen, wofern sie Sinnenwesen sein sollen. Denn jedes sinnliche Wesen ist entweder Art oder Individuum[116].

Ebenso muß man sehen, ob die Art oder etwas der Art Untergeordnetes von der Differenz ausgesagt wird. Das ist unmöglich, da die Differenz einen weiteren Umfang hat als die Arten. Auch würde folgen, daß die Differenz eine Art wäre, indem ja eine von den Arten von ihr ausgesagt wird. Denn wenn Mensch von ihr ausgesagt wird, so ist sie offenbar Mensch[117].

Wiederum: ob die Differenz nicht früher ist als die Art. Die Differenz muß später sein als die Gattung, aber früher als die Art[118].

Auch muß man sehen, ob die angegebene Differenz noch einem anderen als dem in der Definition angeführten Genus, das weder in ihm enthalten ist, noch es enthält, zukommt. Dieselbe Differenz scheint nicht zweien Gattungen zuzukommen, deren keine die andere enthält. Sonst wäre die Folge, daß auch dieselbe Art zu zweien Gattungen gehörte, deren keine die andere enthielte. Denn jede Differenz bringt die ihr eigene Gattung mit sich, wie z. B. Gehend und Zweifüßig das Sinnenwesen. Wovon also die Differenz, davon wird auch jedes der beiden Genera ausgesagt, und so stände die Art offenbar unter zweien sich nicht umfassenden Genera. — Oder ist es vielleicht nicht unmöglich, daß dieselbe Differenz zweien sich nicht umfassenden Gattungen zukommt, und muß man vielmehr noch beifügen: zweien Gattungen, die auch nicht beide unter +einer+ höheren Gattung stehen? Gehendes Sinnenwesen und fliegendes Sinnenwesen sind Gattungen, die sich nicht umfassen, und ihrer beiden Differenz ist das Merkmal zweifüßig. Man muß mithin beifügen: die auch nicht beide unter +einer+ höheren Gattung stehen, da diese beide unter der Gattung Sinnenwesen stehen. Es ist auch klar, daß, da dieselbe Differenz zweien sich nicht umfassenden Gattungen zukommen kann, sie deshalb doch nicht notwendig jede ihre eigene Gattung mit sich bringt, sondern nur eine von beiden und die ihr übergeordnete, wie z. B. zweifüßig fliegendes oder gehendes Sinnenwesen mit sich bringt.

[Sidenote: 145a]

Man muß sein Augenmerk auch darauf richten, ob man als Wesensunterschied angibt, daß etwas in einem ist. Eine Wesenheit kann sich doch von einer anderen Wesenheit nicht dadurch unterscheiden, daß ihr Subjekt da ist oder dort. Daher tadelt man es auch, wenn Tier in Land- und Wassertier eingeteilt werden soll, da Land- und Wassertier auf das Wo des Aufenthalts hinweise. Oder ist vielleicht der Tadel in diesem Punkte nicht berechtigt? Besagt doch Wassertier nicht, daß etwas in einem oder irgendwo ist, sondern daß es eine bestimmte Qualität hat. Ein Tier ist ein Wassertier, auch wenn es auf dem Lande ist, und ebenso ist ein Landtier ein Landtier und kein Wassertier, wenn es auch im Wasser ist. Aber gleichwohl hat man, falls die Differenz etwa besagt, daß etwas in einem ist, offenbar gefehlt.

Wiederum: ob man die passive Qualität als Differenz angegeben hat[119]. Durch jede solche Qualität tritt, wenn sie gesteigert wird, ihr Subjekt aus seiner Wesenheit heraus. Aber der Differenz ist eine solche Wirkung nicht eigen. Sie muß doch ihr Subjekt eher erhalten, und es muß schlechterdings unmöglich erscheinen, daß etwas ohne seine eigentümliche Differenz ist. Denn wenn kein Gehendes ist, kann kein Mensch sein. Es kann überhaupt nichts, worin ein Subjekt qualitativ verändert wird, seine Differenz sein. Denn durch alles Derartige tritt, wenn es gesteigert wird, das Ding aus seiner Wesenheit heraus. Mithin hat man, wenn man irgendeine solche Differenz angibt, gefehlt. Denn es gibt überhaupt auf dem Boden der Differenzen keine qualitativen Veränderungen für uns.

Und: ob man die Differenz eines Relativen ohne den Terminus der Relation angegeben hat. Das Relative hat auch relative Differenzen, wie z. B. die Wissenschaft. Man unterscheidet die theoretische, praktische und poietische (hervorbringende) Wissenschaft, deren jede eine Relation, eine Beziehung, besagt. Die theoretische Wissenschaft ist Wissenschaft von etwas (dem Theoretischen) und die poietische von etwas und die praktische von etwas.

Man muß auch darauf achten, ob der Definierende das angibt, wozu das jeweilige Relative von Natur da ist. Manches Relative läßt sich nur für das gebrauchen, wozu es von Natur da ist, und für sonst nichts, manches wieder auch noch für anderes. Das Gesicht kann man nur zum Sehen gebrauchen, mit dem Striegel wohl auch Wasser schöpfen. Gleichwohl fehlte man, wollte man den Striegel als ein Gerät zum Schöpfen definieren. Denn dafür ist er von Natur nicht da. Fragt man für den Ausdruck: wozu es von Natur da ist, nach einer Definition, so wäre sie: wozu der Kluge als Kluger und die jeweilige besondere Wissenschaft es gebraucht.

Oder: ob man etwas nicht auf sein erstes Subjekt zurückgeführt hat, wenn es mit Bezug auf mehrere Subjekte ausgesagt wird, ob man z. B. die Klugheit für eine Tugend des Menschen oder der Seele, und nicht für eine Tugend des Denkvermögens ausgegeben hat. Die Klugheit ist an erster Stelle eine Tugend des Denkvermögens, und erst mit Rücksicht auf dieses spricht man sie auch der Seele und dem Menschen zu.

[Sidenote: 145b]

Man hat auch gefehlt, wenn das, dem die definierte Affektion, Verfassung und dergleichen zukommen soll, nicht ihr aufnehmendes Prinzip sein kann. Jede Verfassung und jede Affektion entsteht ja doch naturgemäß in dem, was sie hat, die Wissenschaft z. B. in der Seele, deren Verfassung sie ist. Hierin fehlt man nun zuweilen, z. B. wenn man sagt, der Schlaf sei ein Unvermögen des Sinnes, der Zweifel das Gleichgewicht konträrer Schlüsse, der Schmerz ein gewaltsames Auseinanderziehen von Teilen, die naturgemäß zusammengehören. Der Schlaf kommt nicht dem Sinne zu, was er doch müßte, wenn er ein Unvermögen des Sinnes ist. Und ebenso kommt auch der Zweifel nicht konträren Schlüssen zu und der Schmerz nicht den naturgemäß zusammengehörenden Teilen. Es müßte ja das Seelenlose Schmerz fühlen, wenn ihm der Schmerz beiwohnen soll. Von dieser Beschaffenheit ist auch die Definition der Gesundheit, wenn sie das Gleichmaß von Wärme und Kälte sein soll. Denn da müßte die Wärme und die Kälte gesund sein. Das Gleichmaß eines Dinges wohnt doch dem bei, was das Gleichmaß hat; mithin müßte der Wärme und der Kälte die Gesundheit beiwohnen.

Wenn man in dieser Weise definiert, begegnet es einem auch, daß man die Wirkung an Stelle der Ursache setzt und umgekehrt. Das Auseinanderzerren zusammengehöriger Teile ist nicht Schmerz, sondern seine Ursache, und das Unvermögen des Sinnes ist nicht Schlaf, sondern je eines ist die Ursache des anderen. Wir schlafen entweder vor Unvermögen, oder sind unvermögend vor Schlaf. Ebenso sollte es scheinen, daß das Gleichgewicht konträrer Schlüsse die Ursache des Zweifels ist. Denn wenn wir nach beiden Seiten Schlüsse ziehen und sich auf beiden Seiten alles gleichmäßig verhält, so zweifeln wir, was von beiden wir tun sollen.

Man muß ferner auf die verschiedenen Zeiten achten und sehen, ob etwa die Übereinstimmung fehlt, wie wenn man z. B. definierte, das Unsterbliche sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges. Das jetzt unvergängliche Lebendige wäre ja ein jetzt Unsterbliches. Oder trifft das vielleicht in diesem Falle nicht zu? Der Ausdruck: jetzt unvergänglich, ist ja zweideutig. Er kann entweder bedeuten: es ist jetzt nicht vergangen, oder: es kann jetzt nicht vergehen, oder: es ist jetzt so, daß es nie vergehen kann. Sagen wir also, ein Wesen sei ein jetzt unvergängliches Lebendiges, so sagen wir, es sei jetzt ein solches Lebendiges, daß es nie vergehen kann. Das hieße aber so viel wie unsterblich, und mithin folgte nicht, daß es jetzt unsterblich wäre. Aber wenn es sich gleichwohl trifft, daß das begrifflich Bestimmte jetzt oder früher wäre, dagegen das, was den Namen hat, nicht, so fehlt die Identität zwischen der Definition und dem Definierten. — Demnach wäre dieser Ort in der bezeichneten Weise zu verwenden.

+Siebentes Kapitel.+

[Sidenote: 146a]

Man muß auch sehen, ob ein Ding, das man definiert hat, seinen Namen mehr auf Grund eines anderen trägt als auf Grund des aufgestellten Begriffs, wie wenn z. B. die Gerechtigkeit das Vermögen sein soll, das Gleiche zuzuteilen. Gerechter ist, wer den Vorsatz, als wer das Vermögen hat, Gleiches zuzuteilen. Mithin kann die Gerechtigkeit nicht das Vermögen sein, das Gleiches zuteilt. Denn dann wäre auch am meisten gerecht, wer am meisten Gleiches zuzuteilen vermöchte.

Ferner: ob das Ding ein Mehr zuläßt, dagegen der Inhalt der Definition nicht, oder ob umgekehrt der Inhalt der Definition es zuläßt, dagegen nicht das Ding. Beide müssen es zulassen oder keines von beiden, da ja der Inhalt der Definition mit dem Ding dasselbe ist.

Ferner: ob zwar beide ein Mehr zulassen, aber nicht beide gleichzeitig eine Zunahme erfahren, wie wenn z. B. der Eros (die Liebe) das Gelüste nach der Beiwohnung ist. Wer mehr liebt, den gelüstet nicht mehr nach der Beiwohnung; mithin lassen beide das Mehr nicht gleichzeitig zu, was doch sein müßte, da sie dasselbe sein sollten.

Ferner: ob, wo es sich um zwei Dinge handelt, von dem einen, wovon das Ding mehr ausgesagt wird, der Inhalt der Definition weniger ausgesagt wird, wie wenn z. B. das Feuer der feinste Körper ist. Die Flamme ist mehr Feuer als das Licht, aber die Flamme ist weniger als das Licht der feinste Körper, und doch müßte beides demselben mehr zukommen, da es dasselbe sein sollte.

Wiederum: ob das eine (der Name) beiden Dingen, um die es sich handelt, gleichmäßig, das andere (die Definition) ihnen nicht gleichmäßig, sondern dem einen von ihnen mehr zukommt.

Man fehlt ferner, wenn man die Definition disjunktiv für zweierlei Dinge aufstellt, wenn man z. B. das Schöne als das bestimmt, was für das Gesicht oder das Gehör genußbringend ist, und das Seiende als das, was leiden oder wirken kann. Es müßte dann dasselbe zugleich schön und nichtschön, seiend und nichtseiend sein. Denn das, was für das Gehör genußbringend ist, wird mit dem Schönen, und mithin das, was für das Gehör nicht genußbringend ist, mit dem Nichtschönen identisch sein. Denn für Identisches ist auch das Gegenteil identisch. Nun ist aber das Gegenteil von schön nichtschön und von genußbringend für das Gehör nichtgenußbringend für das Gehör. Das für das Gehör nicht Lustbringende ist also offenbar identisch mit nichtschön. Wenn demnach etwas für das Gesicht lustbringend, aber für das Gehör nicht lustbringend ist, so wird es sowohl schön als nichtschön sein. Und ebenso werden wir zeigen, daß dasselbe seiend und nichtseiend ist.

Ferner muß man für die Genera, die Differenzen und alles, was sonst noch in den Definitionen angegeben wird, die Begriffe statt der Namen setzen, und so sehen, ob etwas nicht übereinstimmt.

+Achtes Kapitel.+

[Sidenote: 146b]

Ist das Definierte entweder an sich oder seiner Gattung nach relativ, so muß man sehen, ob in der Definition der Terminus der Relation fehlt, die es an sich oder seiner Gattung nach hat, ob man z. B. die Wissenschaft als unumstößliche Meinung oder den Wunsch als unlustfreies Begehren bestimmt. Die Wesenheit alles Relativen hat eine Beziehung auf ein anderes, da für jedes Relative das Sein dasselbe ist, wie sich zu etwas in bestimmter Weise verhalten. Man müßte also sagen, die Wissenschaft sei eine Meinung, die auf das Wißbare geht, und der Wunsch sei ein Begehren des Guten. Ähnlich wäre es, wenn man die Grammatik als die Wissenschaft der Buchstaben definierte, da man doch in ihrer Definition angeben müßte, worauf sie sich entweder selbst bezieht (nämlich auf die Kunst, die Buchstaben zu lesen und zu schreiben), oder worauf sich ihre Gattung bezieht (auf das Wißbare, das, was seiner Natur nach gewußt werden kann).

Oder man muß sehen, ob das, wovon man mit Beziehung auf etwas spricht, nicht mit Beziehung auf sein Ziel beschrieben wird. Ziel ist in allem das Beste oder dasjenige, um dessentwillen das andere ist oder wird oder geschieht. Man muß also das Beste oder das Letzte angeben, muß z. B. sagen, daß das Gelüste nicht auf das Genußbringende, sondern auf den Genuß geht, da wir seinetwegen auch das Genußbringende wünschen.

Man muß auch sehen, ob der angegebene Terminus der Relation ein Werden oder eine Tätigkeit ist. Nichts Derartiges kann Ziel sein. Das Getanhaben und Gewordensein ist mehr Ziel als das Werden und Tun. Indessen gilt dieser Satz vielleicht nicht allgemein. Die meisten wollen wohl lieber genießen als zu genießen aufhören. Sie machen mithin das Tun oder Tätigsein mehr zum Ziele als das Getanhaben oder Tätiggewesensein.

Manchmal wieder muß man sehen, ob das Moment der Quantität oder der Qualität oder der Örtlichkeit oder der anderen Kategorien nicht gehörig bestimmt ist, ob z. B. bei dem Ehrgeizigen nicht angegeben ist, welche und wieviel Ehre er begehrt; denn alle begehren nach Ehre. Mithin ist es nicht genug, zu sagen, ehrgeizig sei, wer nach Ehre begehrt, sondern man muß die angegebenen Bestimmungen hinzufügen. Ebenso muß man bei dem Habsüchtigen hinzufügen, nach wieviel Habe er begehrt, oder bei dem Unmäßigen, in welchen Genüssen er kein Maß hält. Denn nicht derjenige wird unmäßig genannt, der von irgendeiner, sondern der, der von einer bestimmten Lust überwunden wird. Oder wieder: wie man die Nacht als Schatten der Erde definiert, oder das Erdbeben als Bewegung der Erde, oder die Wolke als Verdichtung der Luft, oder den Wind als Bewegung der Luft: man muß nämlich beifügen, von wieviel und von was für einem Ding es gelten und wodurch es geschehen soll, und dasselbe ist in den anderen Fällen dieser Art zu tun. Denn wenn man irgendeine Bestimmung ausläßt, gibt man das Wesen nicht an Man muß diese Bestimmung aber immer mit Rücksicht auf die Forderung des Falles zu treffen suchen: es gibt kein Erdbeben, wenn Erde, und ebenso keinen Wind, wenn Luft beliebig und in beliebiger Quantität bewegt wird.

[Sidenote: 147a]

Ferner, ob bei den Begierden und wo es sich sonst noch gehört, nicht der Zusatz: anscheinend oder scheinbar steht, ob z. B. der Wunsch die Begierde des Guten und das Gelüste die Begierde des Genußreichen sein soll, nicht dessen, was gut oder genußreich scheint. Denen, die etwas begehren, ist es oft verborgen, was gut oder genußreich ist, so daß es nicht gut oder genußreich zu sein, sondern nur zu scheinen braucht. Man müßte also entsprechend auch die Angabe machen. Wenn man das aber auch tut, so muß man doch die Definition auf die Ideen zurückführen, wenn man Ideen setzt. Denn nichts, was bloß scheint, hat eine Idee, von einer Idee aber spricht man doch wohl mit Beziehung auf eine andere, und sagt z. B.: das Gelüste an sich geht auf das Genußreiche an sich, und der Wunsch an sich auf das Gute an sich. Sie gehen mithin auf kein scheinbar Gutes und kein scheinbar Genußreiches; denn es ist ungereimt, daß es ein Scheingut an sich und ein scheinbar Genußreiches an sich geben soll.

+Neuntes Kapitel.+

Ferner muß man, wenn die Definition den Habitus betrifft, auf den Inhaber, und wenn sie den Inhaber betrifft, auf den Habitus achten. Gleiches gilt von anderen solchen Fällen. Ist z. B. das Genußreiche das Nützliche, so ist auch der Genießende, wer den Nutzen hat. Man kann überhaupt sagen, daß der Definierende in solchen Definitionen gewissermaßen mehr als eines definiert. Wer die Wissenschaft definiert, definiert in gewisser Weise auch die Unwissenheit, und ebenso definiert man mit dem Wissenden den Unwissenden und mit dem Wissen das Nichtwissen. Wenn das Erste erklärt ist, wird in gewisser Weise auch das Übrige erklärt. Man muß also bei allen diesen Dingen sehen, daß nirgendwo der Einklang fehlt, indem man die Regeln heranzieht, die über das Konträre und das zu einer Begriffsreihe Gehörende aufgestellt worden sind[120].

Man sehe ferner bei den Relativa, ob da, wo für die Gattung der Terminus der Relation allgemein angegeben wird, für die Art ein unter ihm stehender einzelner Terminus auftritt, ob z. B., wenn man die Meinung auf das Objekt der Meinung bezieht, eine bestimmte Meinung auf ein bestimmtes Objekt bezogen wird, und wenn man das Vielfache auf das Vielteilige bezieht, ein Soundsovielfaches auf ein Soundsovielteiliges bezogen wird. Macht man es nicht so, so hat man offenbar gefehlt.

Man habe auch acht, ob für das Entgegengesetzte der entgegengesetzte Begriff, z. B. für das Halbe der dem Begriffe des Doppelten entgegengesetzte Begriff auftritt: wenn doppelt ist, was ein anderes um soundso viel übertrifft, ist halb, was um ebensoviel übertroffen wird.

[Sidenote: 147b]

Ebenso wie mit diesen relativen Gegensätzen ist es mit dem Konträren. Für das Konträre gilt der konträre Begriff, der diesen Charakter der Kontrarietät nach der einen oder der anderen der möglichen Verbindungen des Konträren besitzt. Wenn z. B. nützlich ist, was Gutes bewirkt, so muß schädlich sein, was Böses bewirkt oder Gutes zerstört. Denn eines dieser beiden muß dem anfangs Genannten konträr sein. Wenn ihm demnach keines von beiden konträr ist, so kann offenbar keiner der an zweiter Stelle angegebenen Begriffe der Begriff des Konträren sein, und mithin ist dann auch der an erster Stelle angegebene Begriff nicht richtig angegeben. Da manches Konträre durch den Mangel des anderen ausgedrückt wird, wie z. B. die Ungleichheit ein Mangel der Gleichheit zu sein scheint — denn ungleich wird genannt, was nicht gleich ist —, so muß man offenbar das in der Form des Mangels ausgedrückte Konträre durch das andere definieren, dieses aber nicht wieder durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte; denn da folgte, daß man jedes von beiden durch jedes erkännte. Man muß also bei dem Konträren auf diesen Fehler achtgeben, wie wenn man z. B. die Definition aufstellte, die Gleichheit sei das konträre Gegenteil der Ungleichheit: die Gleichheit würde da durch das in der Form des Mangels Ausgedrückte definiert. Auch muß der, der so definiert, das Definierte selbst verwenden, wie sich zeigt, wenn man statt des Namens den Begriff nimmt: es trägt nichts aus, ob man Ungleichheit sagt oder Mangel der Gleichheit, mithin wird Gleichheit das konträre Gegenteil des Mangels der Gleichheit sein, und so hat man das Definierte selbst in der Definition verwandt.

Wird keines von zwei Kontraria in der Form des Mangels ausgedrückt und der Begriff ebenso bestimmt, wie z. B.: gut ist das konträre Gegenteil von bös, so wird offenbar bös das konträre Gegenteil von gut sein. Denn man muß für das so Konträre den Begriff auf gleiche Weise bestimmen. Demnach folgt wieder, daß man das Definierte verwendet. Denn in dem Begriff von bös kommt gut vor. Ist demnach gut das Kontrarium von bös, und ist zwischen bös und Kontrarium von gut kein Unterschied, so wird gut das Kontrarium des Kontrariums von gut sein, und so hat man denn offenbar das Definierte selbst verwandt.

[Sidenote: 148a]

Ferner: ob man bei der Definition eines Mangels nicht angibt, worauf er sich bezieht, ob z. B. auf einen Habitus oder sein konträres Gegenteil oder auf was sonst, und ob man nicht beifügt, worin er seiner Natur nach auftritt, entweder überhaupt nicht, oder nicht, worin als erstem er von Natur auftritt, ob man z. B. die Unwissenheit einen Mangel, aber nicht einen Mangel des Wissens nennt oder nicht beifügt, worin er von Natur auftritt, oder dieses zwar tut, aber nicht angibt, worin als erstem er auftritt, indem man z. B. nicht sagt: in dem denkenden Seelenteile, sondern in dem Menschen oder der Seele. Tut man irgendeines davon nicht, so fehlt man. Ebenso, ob man die Blindheit nicht als einen Mangel des Gesichts im Auge bezeichnet: wer richtig angeben will, was der Mangel ist, muß angeben, worauf er sich bezieht, aber auch, welches sein Subjekt ist.

Ferner: ob man etwas, was keinen Mangel besagt, als einen Mangel definiert, ein Fehler, der denen auch bei der (entsprechenden Definition der) Unwissenheit vorhanden scheint, die die Unwissenheit nicht im Sinne der Verneinung (des Mangels) verstehen. Denn nicht das, was kein Wissen hat, scheint unwissend zu sein, sondern vielmehr das Getäuschte, weshalb wir auch nicht sagen, daß das Seelenlose und die Kinder (die nicht getäuscht werden können) unwissend sind. Also wird die Unwissenheit nicht von dem Mangel des Wissens verstanden.

+Zehntes Kapitel.+

Ferner: ob gleichen Beugungsformen des Wortes gleiche des Begriffes entsprechen; z. B. wenn nützlich ist was gesund macht, ist auch nützlicherweise (ὠφελίμως) was auf eine Weise geschieht, die gesund macht (ποιητικῶς ὑγιείας), und ist was genützt hat, was gesund gemacht hat.

Auch ist zu prüfen, ob die angegebene Definition zu der Idee paßt. Denn dieses ist bei manchen Definitionen nicht der Fall, z. B. nicht bei der Weise wie Plato die verschiedenen Sinnenwesen definiert, indem er das Wort sterblich hinzusetzt. Die Idee, wie z. B. Mensch an sich, ist nicht sterblich, und mithin paßt der Begriff nicht zu der Idee. Überhaupt muß bei den Begriffen, die das Moment des Wirkens oder Leidens in sich schließen, die Definition mit der Idee verzwistet sein. Denn die Ideen sind für die, die sie annehmen, unfähig zu leiden und bewegt zu werden. Gegen sie sind mithin auch solche Gründe am Platze[121].

Weiter: ob man bei homonymen Dingen (wo das gleiche Wort ungleiches bedeutet) nur einen gemeinsamen Begriff für alle angibt. Dinge, wo der Sinn der Bezeichnung einer ist, sind synonym, und somit kommt die aufgestellte Begriffsbestimmung keinem der durch das Wort bezeichneten Dinge zu, da sie gleichmäßig auf alles Homonyme passen soll. Diesen Fehler hat auch die Definition des Lebens durch Dionysius, sofern das Leben die Bewegung der sich ernährenden Gattung sein soll, die ihr angeboren ist und ihr folgt; denn das haben die Tiere nicht mehr als die Pflanzen. Das Leben scheint aber nicht nur als eine Art verstanden zu werden, und ein anderes den Tieren, ein anderes den Pflanzen zuzukommen. Man kann nun zwar den Begriff auch absichtlich so fassen, auf Grund der Vorstellung, daß alles Leben synonym, wie von einer Art, gedacht wird, aber es kann auch wohl geschehen, daß man sich der Homonymie eines Wortes bewußt ist und nur nach der einen Bedeutung definieren will und dennoch unvermerkt einen Begriff aufstellt, der nicht einer Bedeutung eigentümlich ist, sondern für beide Bedeutungen gilt. Gleichwohl fehlt man, möge man es so machen oder so[122].

[Sidenote: 148b]

Da manches Homonyme sich als solches verbirgt, so muß der Fragende das Homonyme beim Disputieren als synonym behandeln — denn die Definition für das eine wird für das andere nicht zutreffen, so daß es den Anschein gewinnt, daß nicht in richtiger Weise definiert worden ist, da die Begriffsbestimmung für alles Synonyme zutreffen muß —, dagegen muß der Antwortende (der den Satz aufstellt) selbst (von sich aus) die verschiedenen Bedeutungen unterscheiden.

Da aber manche von denen, die zu antworten haben (Defendenten), das Synonyme für homonym erklären, wenn der angegebene Begriff nicht auf alles paßt, und das Homonyme für synonym, wenn er auf beides paßt, so muß man sich vorher mit dem Gegner hierüber verständigen oder durch logischen Schluß dartun, daß etwas das eine oder das andere, homonym oder synonym ist. Denn man gibt es dann eher zu, weil man die Folgen, die sich daraus ergeben, nicht voraussieht.

Wenn aber keine Einigung vorausgegangen ist und der Gegner das Synonyme für homonym erklärt, weil der angegebene Begriff nicht auch auf dieses paßt, so muß man sehen, ob der Begriff, den man von ihm aufstellt, auf das übrige paßt. Denn dann muß es offenbar mit dem übrigen synonym sein. Wäre es das nicht, so gäbe es für das übrige mehrere Definitionen. Denn es paßten die beiden Erklärungen des Wortes darauf, die vorher und die nachher gegebene.

Wenn aber jemand hinwieder bei der Definition eines vieldeutigen Ausdrucks, falls der Begriff nicht auf alles paßte, ihn zwar nicht für homonym erklärte, aber bestritte, daß das Wort auf alles passe, indem es auch der Begriff nicht tue, so wäre einem solchen zu bemerken, daß man die überlieferte und gewöhnliche Benennung auf alle Fälle anwenden müsse und an solches nicht rühren dürfe, wohl aber dürfe man manches nicht so sagen wie der große Haufe[123].

+Elftes Kapitel.+

Wird die Bestimmung eines zusammengesetzten Begriffs gegeben, so muß man den Begriff des einen der beiden Stücke wegnehmen und sehen, ob auch der Begriff des Restes auf den Rest paßt. Wenn nicht, so paßt auch nicht der Begriff des Ganzen auf das Ganze. Definiert man z. B. eine begrenzte grade Linie als das Ende einer Fläche, die Enden hat, dessen Mitte die Enden verdeckt, so muß, wenn der Begriff der begrenzten Linie ist: Ende einer Fläche, die Enden hat, der Begriff der graden Linie der Rest sein: dessen Mitte die Enden verdeckt. Aber die unbegrenzte Linie hat weder Mitte noch Enden und ist doch grade. Mithin ist der Rest nicht die Definition des Restes[124].

[Sidenote: 149a]

Ferner: ob der Begriff, wenn das Definierte zusammengesetzt ist, gleichgliedrig mit ihm aufgestellt wird. Der Begriff heißt gleichgliedrig, wenn so viele Nomina und Verba in ihm vorkommen, als das Zusammengesetzte Teile hat. In solchen Definitionen findet notwendig ein Umtausch der Bezeichnungen, ihrer aller oder einiger, statt, da nun nicht mehr Bezeichnungen gebraucht werden als zuvor. Aber man muß beim Definieren statt der Worte Begriffe angeben, am besten für alle, wo nicht, doch für die meisten. Sonst hätte man auch definiert, wenn man bei einem einfachen Ausdruck nur den Namen vertauschte und z. B. statt Obergewand Mantel sagte.

Noch schlimmer wäre der Fehler, wenn man an Stelle eines Wortes ein noch unbekannteres setzte und z. B. für weißer Mensch sagte: lichter Sterblicher. So hat man einmal nicht definiert, und dann ist eine solche Rede auch noch weniger deutlich.

Man muß auch bei der Vertauschung der Worte achtgeben, ob sie nicht mehr dasselbe bezeichnen, wie wenn man z. B. die theoretische Wissenschaft für eine theoretische Meinung erklärt. Meinung ist nicht dasselbe wie Wissenschaft, was doch sein müßte, wenn auch das Ganze dasselbe sein soll. In beiden Wendungen ist ja der Ausdruck theoretisch gemeinsam, während der andere verschieden ist.

Ferner: ob man bei der Vertauschung des einen Wortes mit einem anderen nicht eine andere Differenz, sondern eine andere Gattung angegeben hat, wie es in dem angeführten Beispiel der Fall ist. Theoretisch ist weniger bekannt als Wissenschaft: dieses ist Gattung, jenes Differenz, die Gattung ist aber das Bekannteste von allem. Somit müßte man nicht mit der Gattung, sondern mit der Differenz einen Umtausch vornehmen, da sie minder bekannt ist. Doch diese Ausstellung ist wohl lächerlich. Es kann sehr wohl geschehen, daß die Differenz im Gegensatz zur Gattung durch ein sehr bekanntes Wort ausgedrückt ist[125].

Tauscht man aber nicht ein Wort gegen ein Wort aus, sondern will man für ein Wort dessen Begriff setzen, so muß man offenbar eher die Definition der Differenz als die der Gattung angeben, da man die Definition um der Erkenntnis willen gibt. Denn die Differenz ist weniger bekannt als die Gattung.

+Zwölftes Kapitel.+

Hat der andere aber den Begriff der Differenz angegeben, so muß man sehen, ob dieser Begriff nicht etwa zu allgemein ist, indem er noch anderes als die fragliche Differenz umfaßt. Hat man z. B. die ungrade Zahl als eine Zahl bezeichnet, die eine Mitte hat, so muß man auch noch angeben, wie sie eine Mitte hat. Das Wort Zahl kommt hier in beiden Wendungen zugleich vor, während man mit dem Ausdruck für ungrad einen Tausch vorgenommen hat. Es haben aber auch die Linie und der Körper eine Mitte und sind doch nicht ungrad. Mithin haben wir hier keine Definition von ungrad. Ist aber der Ausdruck: was eine Mitte hat, vieldeutig, so muß man angeben, wie es eine Mitte hat. Mithin ist hier entweder für einen Tadel Raum oder für den logischen Schluß, daß keine Definition erbracht ist.

[Sidenote: 149b]

Wiederum: ob das Objekt des aufgestellten Begriffes zwar zu dem Seienden gehört, dasselbe aber mit seinem Inhalt nicht der Fall ist, wie wenn man z. B. das Weiße als eine mit Feuer vermischte Farbe definierte. Es ist unmöglich, daß das Unkörperliche mit einem Körper vermischt sei, und mithin kann es keine mit Feuer vermischte Farbe geben, aber es gibt ein Weißes[126].

Ferner: alle, die bei den Relativa nicht unterscheiden, worauf sie sich beziehen, sondern mehreres mit ihrer Angabe umfassen, geben eine ganz oder teilweise falsche Definition, so z. B. wenn man die Heilkunde für die Wissenschaft des Seienden erklärte. Ist die Heilkunde die Wissenschaft gar keines Seienden, so ist diese Bestimmung offenbar ganz und gar falsch, ist sie aber die Wissenschaft des einen Seienden und des anderen nicht, so ist sie teilweise falsch. Denn sie muß die Wissenschaft alles Seienden sein, wenn sie an sich und nicht mitfolgend die Wissenschaft des Seienden sein soll, wie es bei den anderen Relativa der Fall ist. Auf die Wissenschaft wird alles Wißbare bezogen, und ebenso ist es bei den anderen Begriffen, da alles Relative sich umkehren läßt.

Es würde auch, wenn es richtig wäre, den Beziehungspunkt nicht an sich, sondern mitfolgend zu bezeichnen, jedes Relative nicht auf eines, sondern auf mehreres bezogen werden. Denn es kann gar wohl dasselbe Ding Seiendes, Weißes und Gutes sein, und somit hätte man, welchen von diesen Beziehungspunkten man auch angäbe, ihn richtig angegeben, wenn jemand, der den Beziehungspunkt mitfolgend angibt, ihn richtig angibt.

Ein solcher Begriff kann aber auch unmöglich dem angegebenen Objekt eigentümlich sein. Denn nicht bloß die Heilkunde, sondern auch die meisten anderen Disziplinen werden auf das Seiende bezogen, und so wäre jede die Wissenschaft des Seienden. So gilt denn offenbar diese Definition für keine Wissenschaft; denn die Definition muß eigentümlich, sie darf nicht gemeinsam sein.

Zuweilen definiert man ein Ding nicht schlechthin, sondern nach seiner guten Beschaffenheit oder nach seiner Vollendung. Von dieser Art ist die Definition des Redners und des Diebes, wofern ein Redner sein soll, wer es versteht, bei jedem Ding das Überzeugende herauszufinden und nichts zu übergehen, und ein Dieb wer heimlich wegnimmt. Offenbar wird bei solcher Beschaffenheit beider der eine ein guter Redner, der andere ein guter Dieb sein. Denn nicht wer heimlich wegnimmt, sondern wer heimlich wegnehmen will, ist ein Dieb[127].

Wiederum hat man gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte für ein Bewirkendes oder Tätiges oder wie immer eines anderen wegen Wünschenswertes erklärt, wie wenn man z. B. von der Gerechtigkeit angibt, daß sie die Gesetze erhält, oder von der Weisheit, daß sie die Glückseligkeit bewirkt. Was bewirkt oder erhält, ist eines anderen wegen wünschenswert. Oder ist es damit etwa so, daß ein seiner selbst wegen Wünschenswertes gar wohl auch wegen eines anderen wünschenswert sein kann? Aber man hat nichtsdestoweniger gefehlt, wenn man das seiner selbst wegen Wünschenswerte so definiert. Denn bei jedem Ding ist dasjenige sein Bestes, was am meisten in seinem Wesen liegt. Besser ist aber was seiner selbst, als was eines anderen wegen wünschenswert ist. Mithin müßte die Definition vielmehr dieses zum Ausdruck bringen.

+Dreizehntes Kapitel.+

[Sidenote: 150a]

Man muß auch sehen, ob einer ein Ding so definiert, daß er sagt: es ist diese Dinge (τάδε), oder: es besteht aus ihnen, oder: es ist das mit dem.

Ist es diese Dinge (τάδε), so muß es folgerichtig beiden oder keinem zukommen. So z. B., wenn man die Gerechtigkeit als Mäßigkeit und Starkmut definiert. Wenn zwei Personen sind, deren jede je eine dieser beiden Eigenschaften besitzt, so werden beide gerecht sein und keiner, da beide zusammen die Gerechtigkeit haben, während jeder für sich sie nicht hat.

Wenn aber das Gesagte noch nicht sehr ungereimt ist, da solches auch sonst vorkommt — denn zwei können ganz gut eine Mine haben, ohne daß sie einer von beiden hat —, so muß es aber doch ganz ungereimt erscheinen, daß ihnen Konträres beiwohnt. Das muß aber wirklich der Fall sein, wenn der eine von ihnen Mäßigkeit und Feigheit hat, der andere Starkmut und Unmäßigkeit. Denn da werden beide Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit haben. Denn wenn die Gerechtigkeit Mäßigkeit und Starkmut ist, wird die Ungerechtigkeit Feigheit und Unmäßigkeit sein. Überhaupt dient alles, woran sich zeigen läßt, daß Teile und Ganzes nicht dasselbe sind, dem Gesagten zur Stütze, da man bei einer solchen Weise der Begriffsbestimmung die Teile mit dem Ganzen zu identifizieren scheint, aber die treffendsten Gründe dafür liefern doch die Dinge, bei denen, wie z. B. bei einem Hause und dergleichen, die Zusammensetzung der Teile auf der Hand liegt; denn da kann offenbar, obschon die Teile da sind, das Ganze nicht da sein, so daß also die Teile nicht dasselbe sind wie das Ganze. Hat der andere aber nicht gesagt, es sei dieses (ταῦτα, diese Dinge), sondern das Kompositum aus ihm, so muß man zuerst sehen, ob aus dem Genannten (den genannten Dingen) von Natur eins werden kann. Manches steht zueinander in einem solchen Verhältnis, daß nichts aus ihm wird, wie z. B. Linie und Zahl.

Dann muß man sich fragen, ob zwar das Definierte von Natur in etwas Einheitlichem als erstem Subjekt Dasein gewinnen, dagegen seine vorgeblichen Bestandteile nicht in einem solchen, sondern jeder nur in je einem anderen entstehen können. Dann kann das Definierte offenbar nicht aus diesen Teilen bestehen. Denn worin die Teile, darin muß auch das Ganze vorhanden sein, mithin ist das Ganze nicht in einem, als seinem ersten Subjekt, sondern in mehreren.

Haben aber sowohl die Teile als das Ganze ein einheitliches erstes Subjekt, so muß man sehen, ob sie nicht dasselbe Subjekt haben, sondern ein anderes das Ganze und ein anderes die Teile.

Wiederum: ob die Teile zugleich mit dem Ganzen vergehen: es muß umgekehrt sein, daß, wenn die Teile vergangen sind, das Ganze vergeht. Wenn aber das Ganze vergangen ist, brauchen nicht auch die Teile vergangen zu sein.

[Sidenote: 150b]

Oder: ob das Ganze gut oder schlecht ist, die Teile aber keines von beiden, oder umgekehrt die Teile gut oder schlecht, das Ganze aber keines von beidem. Aus dem, was keines von beidem ist, kann weder Gutes noch Schlechtes werden, und ebenso aus dem, was schlecht oder gut ist, nichts, was keins von beiden ist.

Oder: ob das eine mehr gut ist als das andere schlecht, das Kompositum aus beidem aber nicht mehr gut als schlecht, wie wenn z. B. die Unverschämtheit aus Mut und falscher Meinung bestehen soll. Der Mut ist mehr gut, als die falsche Meinung schlecht ist. Es müßte also auch das Kompositum aus beidem dem Mehr folgen und entweder schlechthin gut oder mehr gut als schlecht sein.

Indessen ist das vielleicht nicht notwendig, es müßte denn jedes von beiden an sich gut oder schlecht sein. Vieles, was Gutes bewirkt, ist an sich nicht gut, wohl aber gemischt, oder umgekehrt ist jedes von beiden gut, gemischt dagegen schlecht oder keins von beidem. Dieses zeigt sich am deutlichsten bei dem, was der Gesundheit nützlich oder schädlich ist. Manche Mittel sind so beschaffen, daß jedes für sich gut ist, gibt man sie aber beide gemischt, so schaden sie.

Wiederum: ob das Ganze, wenn es aus einem Besseren und einem Schlechteren besteht, nicht schlechter ist als das Bessere, aber besser als das Schlechtere. Doch ist wohl auch das nicht notwendig, wenn die Bestandteile nicht an sich gut sind, vielmehr kann es wohl geschehen, daß ein Ganzes herauskommt, das nicht gut ist, wie in dem eben angeführten Beispiel.

Ferner: ob das Ganze mit einem Teil synonym ist. Das darf nicht sein, wie es auch bei den Silben nicht vorkommt. Die Silbe ist mit keinem von den Buchstaben, aus denen sie besteht, synonym.

Ferner: ob der andere die Weise der Zusammensetzung nicht angibt. Um etwas zu erkennen, genügt es nicht zu sagen: aus dem und dem. Denn nicht darauf, daß etwas aus dem und dem, sondern darauf, daß es soundso daraus ist, beruht das Wesen eines jeden der zusammengesetzten Dinge, wie z. B. bei einem Hause. Wenn man die Materialien beliebig zusammengestellt hat, ist es noch lange kein Haus.

Hat der andere aber gesagt, das zu Definierende sei das mit dem, so ist dazu fürs erste zu bemerken, daß das mit dem dasselbe ist entweder mit dieses (τάδε) oder mit das aus ihm Bestehende. Wer sagt: Honig mit Wasser, sagt entweder: Honig und Wasser, oder: etwas aus Honig und Wasser, und so wird man ihm, mag er sein „das mit dem“ dem einen davon oder dem anderen gleichsetzen, füglich dasselbe bemerken können, was wir vorhin aufs eine und andere bemerkt haben.

Ferner muß man unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man sagt: das eine mit dem anderen, und sehen, ob es in keinem Sinne zutrifft, daß das mit dem ist. Sagt man z. B.: das eine mit dem anderen wie in demselben aufnehmenden Subjekt, wie etwa Gerechtigkeit und Mut in der Seele sind, oder wie an demselben Ort oder in derselben Zeit, und erfüllt sich das Gesagte an dem Genannten in keiner Weise, so kann die angegebene Definition offenbar auf keines davon passen, da es in keiner Weise wahr ist, daß das mit dem ist.

[Sidenote: 151a]

Wenn sich aber von den unterschiedenen Weisen die erfüllt, daß jedes von beiden in derselben Zeit da ist, so muß man sehen, ob möglicherweise nicht jedes auf dasselbe bezogen wird, in dem Falle z. B., daß man den Mut als Kühnheit mit richtiger Überlegung definiert. Denn möglicherweise hat man Kühnheit zu rauben und richtige Überlegung in Dingen, die die Gesundheitspflege angehen. Man ist aber noch nicht mutig, wenn man zu gleicher Zeit dieses mit diesem hat.

Aber auch wenn beides auf dasselbe, z. B. das Heilverfahren, bezogen wird, ist man es noch nicht. Man kann in Dingen, die dieses Verfahren betreffen, gar wohl Kühnheit und richtige Überlegung haben, und dennoch ist man deshalb, weil man das eine mit dem anderen besitzt, noch nicht mutig. Denn so wie keins von beiden auf ein anderes bezogen werden darf, ebenso darf auch, wenn sie auf dasselbe bezogen werden, dieses nicht das erste beste sein, sondern es muß das Ziel des Mutes sein, nämlich die Bestehung von Gefahren im Kriege oder vielleicht sonst etwas, was noch mehr als das das Ziel und die Vollendung alles Mutes ausmacht[128].

Manches, was in dieser Art als Definition angegeben wird, fällt keineswegs unter die gedachte Unterscheidung, z. B. wenn man den Zorn definiert als ein Unlustgefühl mit der Vorstellung, daß man geringgeschätzt wird. Denn das will sagen, daß die Unlust durch die gedachte Vorstellung entsteht. Daß aber etwas durch das entsteht, ist nicht dasselbe, wie wenn das mit ihm ist, und zwar nach keiner der genannten Weisen.

+Vierzehntes Kapitel.+

Wenn der andere hinwieder das Ganze als die Verbindung von dem und dem, etwa das Sinnenwesen als eine Verbindung von Seele und Leib, bezeichnet, so muß man erstens sehen, ob er nicht gesagt hat, was für eine Verbindung es sein soll, wie etwa, ob er, um Fleisch oder Knochen zu definieren, sie als die Verbindung von Feuer, Erde und Luft bezeichnet hat[129]. Es genügt nicht, sie als eine Verbindung zu bezeichnen, man muß auch die Art der Verbindung angeben. Denn es entsteht kein Fleisch, wenn diese Elemente beliebig verbunden sind, sondern Fleisch, wenn sie so, Knochen, wenn sie so verbunden sind.

Es scheint aber auch überhaupt keine der beiden Substanzen mit Verbindung identisch zu sein. Jede Verbindung hat ihr konträres Gegenteil an einer Auflösung, die beiden aber haben keines[130].

Wenn es endlich gleichen Glauben verdient, daß alles Zusammengesetzte, und daß keines eine Verbindung ist, und wenn jedes Lebewesen zwar zusammengesetzt, aber keine Verbindung ist, so kann auch wohl sonst kein Zusammengesetztes eine Verbindung sein[131].

[Sidenote: 151b]

Wenn einem Dinge hinwieder von Natur gleichmäßig Konträres beiwohnen kann und man es durch einen der Gegensätze definiert, so hat man es offenbar nicht definiert. Sonst hätte man folgerichtig für denselben Gegenstand mehrere Definitionen. Denn warum sollte der eine ihn eher richtig angegeben haben, der ihn durch dieses, als der andere, der ihn durch jenes definiert, da von Natur gleichmäßig beide in ihm Raum finden? Diesen Charakter hat z. B. die Definition der Seele, wenn sie eine der Wissenschaft fähige Wesenheit sein soll: sie ist ja ebenso der Unwissenheit fähig.

Man muß auch, wenn man nicht die ganze Definition angreifen kann, weil einem das Ganze nicht bekannt ist, einen ihrer Teile angreifen, wenn er bekannt ist und nicht richtig bestimmt worden zu sein scheint. Ist der Teil umgestoßen, so wird es auch die ganze Definition.

Die unklaren Definitionen muß man in der Weise behandeln, daß man sie gemeinsam mit dem Defendenten berichtigt und ihnen eine Fassung gibt, die einen bestimmten, anfechtbaren Sinn ausdrückt. Der Defendent muß dann entweder die Auffassung des Opponenten gelten lassen oder selbst erklären, was seine Definition sagen will.

Und wie man in den Volksversammlungen ein Gesetz einzubringen pflegt und das frühere aufhebt, wenn das eingebrachte besser ist, so muß man es auch mit den Definitionen machen und selbst eine bessere Definition vortragen. Wenn sie offenbar besser ist und das zu Definierende klarer beschreibt, so ist damit selbstredend die Definition des Defendenten umgestoßen, da es für einerlei Sache keine zwei Definitionen gibt.

Für alle Definitionen aber ist eine Hauptregel, daß man den vorliegenden Gegenstand bei sich selbst zutreffend definiert oder eine gut gefaßte Definition von ihm wieder hervorlangt. Dann wird man, als blickte man auf ein Muster, sowohl das, was der gegnerischen Definition an den gebührenden Angaben fehlt, als auch das, was ihr unnötig beigefügt ist, notwendig gewahr werden und so für die Disputation desto reicheren Stoff zur Verfügung haben.

So viel sei also von den Regeln gesagt, die sich auf die Definitionen beziehen.

Siebentes Buch.

+Erstes Kapitel.+

Ob aber etwas mit etwas identisch oder von ihm verschieden ist — identisch meinen wir im eigentlichsten Sinne dieses Wortes gemäß unseren obigen Unterscheidungen, also im Sinne von der Zahl nach identisch —, muß man nach den Beugungsformen, dem Begriffsverwandten und dem Entgegengesetzten beurteilen[132].

Denn wenn Gerechtigkeit identisch ist mit Mut, so ist es auch der Gerechte mit dem Mutigen und gerechterweise mit mutigerweise[133].

Ebenso ist es mit dem Entgegengesetzten. Ist das und das identisch, so ist es auch sein Gegensatz, und zwar nach jeder von den angegebenen Arten der Entgegensetzung: es trägt nichts aus, ob man das diesem oder das diesem Entgegengesetzte nimmt, da es identisch ist.

[Sidenote: 152a]

Endlich muß man die Identität beurteilen nach dem Hervorbringenden und Zerstörenden, dem Werden und Vergehen und überhaupt nach allem, was zu beiden das gleiche Verhältnis hat: bei allem, was schlechthin identisch ist, ist es auch sein Werden und Vergehen, was es hervorbringt und was es zerstört.

Man muß auch sehen, ob, falls von zwei Dingen eines irgend etwas am meisten sein soll, auch von dem anderen in ebendieser Hinsicht das Prädikat „am meisten“ gilt, wie z. B. Xenokrates die Identität des glückseligen und des tugendhaften Lebens damit beweist, daß die tugendhafte und die glückselige Lebensweise von allen am wünschenswertesten ist; denn das Wünschenswerteste und Größte ist eins; und gleiches läßt sich von anderen Dingen dieser Art sagen. Es muß aber jedes von beidem, was das Größte und Wünschenswerteste sein soll, der Zahl nach eins sein, sonst ist seine Identität nicht bewiesen. Wenn die Peloponnesier und Lazedämonier die tapfersten unter den Griechen sind, so sind die Peloponnesier nicht notwendig mit den Lazedämoniern identisch, da der Zahl nach nicht nur ein Peloponnesier oder Lazedämonier ist.

Dagegen ist wohl notwendig, daß der eine von dem anderen umfaßt wird, wie es die Lazedämonier von den Peloponnesiern werden. Sonst wären, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden, folgerichtig die einen jedesmal besser als die anderen. Die Peloponnesier müßten besser sein als die Lazedämonier, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden. Denn sie sind besser als alle übrigen. Ebenso müßten aber auch die Lazedämonier besser als die Peloponnesier sein. Sind doch auch sie besser als alle übrigen. Mithin werden die einen je besser als die anderen. Es muß also offenbar das, was je das Beste und Größte sein soll, der Zahl nach eines sein, wenn seine Identität bewiesen werden soll.

Daher führt auch Xenokrates keinen Beweis. Das glückselige und ebenso das tugendhafte Leben ist nicht der Zahl nach eines. Mithin braucht es deshalb, weil beide am wünschenswertesten sind, nicht identisch, wohl aber muß eins dem anderen untergeordnet sein[134].

Wiederum muß man sehen, ob mit dem, womit das eine identisch ist, es auch das andere ist. Sind nicht beide mit demselben Dritten identisch, so sind sie es offenbar auch nicht untereinander.

Auch muß man nach dem urteilen, was dem vorgeblich Identischen mitfolgt, und nach dem, dem es selbst mitfolgt. Was dem einen mitfolgt, muß es auch dem anderen, und wenn das eine davon mitfolgt, muß auch das andere mitfolgen. Steht eines dieser Stücke nicht in dem erforderlichen Einklang, so ist offenbar keine Identität vorhanden.

[Sidenote: 152b]

Man muß auch sehen, ob beides nicht in derselben Gattung der Kategorie steht, sondern das eine ein Qualitatives, das andere ein Quantitatives oder Relatives besagt, wiederum, ob die Gattung beider nicht dieselbe, sondern das eine etwas Gutes, das andere etwas Schlechtes, oder das eine eine Tugend, das andere eine Wissenschaft ist, oder, ob die Gattung zwar dieselbe ist, aber nicht dieselben Differenzen von beidem ausgesagt werden, sondern von dem einen, daß es eine theoretische, von dem anderen, daß es eine praktische Wissenschaft ist. Ebenso hat man es in den anderen Fällen zu halten.

Ferner kann man nach dem Mehr urteilen, wenn das eine das Mehr zuläßt, das andere nicht, oder wenn zwar beides es zuläßt, aber nicht gleichzeitig. So begehrt z. B. wer mehr liebt, nicht mehr nach der Beiwohnung, und somit ist Liebe und Begierde nach der Beiwohnung nicht dasselbe[135].

Ferner nach dem Zusatze, wenn jedes von beidem, zu demselben Dritten hinzugesetzt, das Ganze nicht identisch macht.

Oder wenn von jedem dasselbe weggenommen wird und dann der Rest verschieden ist, wenn man z. B. behauptet, das Doppelte vom Halben und das Vielfache vom Halben sei dasselbe. Es müßte, wenn man von jedem dasselbe wegnimmt, der Rest dasselbe bedeuten, tut es aber nicht, weil doppelt und vielfach nicht dasselbe bedeutet.

Man muß aber nicht bloß sehen, ob unmittelbar vermöge der These etwas Unmögliches herauskommt, sondern auch, ob eine Unmöglichkeit kraft einer Hypothese vorliegen kann, wie es denen begegnet, nach denen das Leere und das mit Luft Gefüllte identisch sein soll. Denn es ist klar, daß die Leere beim Entweichen der Luft nicht minder, sondern noch mehr vorhanden ist, während es kein mit Luft Gefülltes mehr gibt. Mithin wird bei einer bestimmten Voraussetzung, sei sie falsch oder richtig, darauf kommt es nicht an, das eine der beiden Dinge aufgehoben, das andere nicht, und mithin sind sie nicht identisch.

Überhaupt muß man alles ins Auge fassen, was wie immer von jedem der beiden ausgesagt wird und wovon beide ausgesagt werden, und muß sehen, ob irgendwo die Übereinstimmung fehlt. Was von dem einen, muß von dem anderen, und wovon das eine, von dem muß auch das andere ausgesagt werden.

Da ferner das Wort identisch mehr als eine Bedeutung hat, muß man sehen, ob etwas noch nach einer anderen Weise identisch ist. Das der Art oder der Gattung nach Identische muß nicht oder kann nicht der Zahl nach identisch sein. Wir untersuchen aber eben, ob etwas in diesem Sinne identisch ist oder nicht[136].

Endlich muß man sehen, ob das eine ohne das andere sein kann; in diesem Falle ist keine Identität vorhanden.

+Zweites Kapitel.+

[Sidenote: 153a]

Der Örter, die sich auf das Identische beziehen, wären hiernach so viele anzuführen. Man sieht aber aus dem Gesagten, daß alle widerlegenden Örter, die sich so auf das Identische beziehen, auch für die Definition verwendbar sind, wie oben bemerkt worden ist. Denn wenn das Wort und der Begriff nicht dasselbe bedeutet, so kann der angegebene Begriff keine Definition sein. Dagegen ist hier kein begründender Ort für die Definition verwendbar. Denn der Nachweis der Identität des unter den Begriff und des unter die Benennung Fallenden genügt nicht, um den Begriff als Definition zu erhärten, vielmehr muß diese auch sonst alles Vorgeschriebene enthalten.

+Drittes Kapitel.+

Was also die Widerlegung einer Definition angeht, so muß man sie immer auf diese Weise und mit diesen Mitteln zu erzielen suchen.

Handelt es sich aber darum, eine Definition als richtig zu erhärten, so muß man zunächst wissen, daß beim Disputieren[137] niemand oder nur wenige eine Definition schlußweise gewinnen, sondern alle die betreffenden Bestimmungen als Prinzip ansprechen. So verfahren beispielsweise alle, die es mit Geometrie, Algebra und anderen solchen Disziplinen zu tun haben.

Sodann bemerke man, daß es einer anderen Disziplin (den zweiten Analytiken) obliegt, genauer anzugeben, was eine Definition ist und wie man definieren soll, und es gegenwärtig genug sein muß mit dem, was der augenblickliche Zweck erheischt, und so sei denn nur so viel gesagt, daß man auf die Definition und das Was des Dinges durch Schluß kommen kann. Denn wenn eine Definition eine das Wesen des Dinges anzeigende Rede und das in der Definition Ausgesagte auch das einzige ist, was bei der Beschreibung seines Wesens ausgesagt werden darf, und wenn wieder bei der Beschreibung seines Wesens die Gattung und die Arten von ihm ausgesagt werden — nun, so muß offenbar, wenn man in die Aussage über das Wesen des Dinges dieses, Gattung und Art aufnimmt, die dieses enthaltende Rede die Definition sein; eine andere Definition kann es nicht geben, da nichts anderes bei der Beschreibung des Wesens eines Dinges ausgesagt wird.

Man sieht also, daß man auf die Definition durch Schluß kommen kann. Aus welchen Örtern man sie aber gewinnen muß, ist anderswo (im 2. Buch der 2. Analytiken) genauer auseinandergesetzt worden, für die vorliegende Untersuchung sind aber dieselben Gesichtspunkte verwendbar.

Man muß nämlich zu diesem Ende sein Augenmerk auf das Konträre und die anderen Gegensätze richten und dabei sowohl die ganzen Begriffe als ihre einzelnen Teile in Betracht nehmen. Denn wenn dem entgegengesetzten Ding der entgegengesetzte Begriff entspricht, so muß auch dem vorliegenden Ding der aufgestellte Begriff entsprechen. Da das Konträre aber mehrere Verknüpfungen zuläßt, so muß man dasjenige Konträre nehmen, dem die konträre Definition am meisten konträr erscheint.

So muß man also Umschau halten, wenn es sich um die Definition im ganzen handelt. Fragt es sich aber um ihre Teile, so ist folgendes zu beachten.

Zuerst überzeugt man sich, daß die angegebene Gattung richtig angegeben ist. Steht das konträre Ding in der konträren Gattung und steht das vorliegende Ding nicht in derselben Gattung, so muß es offenbar in der konträren stehen, da Konträres notwendig in derselben oder in konträren Gattungen steht[138].

[Sidenote: 153b]

Aber auch bei den Differenzen fordern wir, daß konträre von Konträrem ausgesagt werden, wie z. B. von weiß und schwarz. Das eine hat die Eigenschaft, das Gesicht zu zerstreuen, das andere es zu sammeln[139]. Wenn mithin von dem konträren konträre, so müssen von dem vorliegenden Ding die angegebenen Differenzen ausgesagt werden. Da mithin beides, Gattung und Differenzen, richtig angegeben sind, so muß die Definition die angegebene sein.

Oder ist es etwa nicht notwendig, daß von Konträrem konträre Differenzen ausgesagt werden, wenn es nicht in derselben Gattung steht, und kann bei Dingen konträrer Gattungen gar wohl dieselbe Differenz beiden beigelegt werden, wie z. B. der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit? Ist doch das eine ein Vorzug, das andere ein Mangel der Seele, so daß das Merkmal „der Seele“ beiden beigelegt wird, da es auch einen Vorzug und einen Mangel des Leibes gibt. Indessen gilt immerhin das, daß Konträres entweder konträre Differenzen hat oder dieselben. Wird mithin von seinem konträren Gegenteil die konträre Differenz ausgesagt, von dem fraglichen Ding selbst aber nicht, so muß offenbar die angegebene von ihm selbst ausgesagt werden.

Und überhaupt wird, da die Definition aus Gattung und Differenzen besteht, wenn die Definition seines konträren Gegenteils einleuchtend ist, auch die Definition des fraglichen Dinges einleuchtend sein. Denn da das Konträre in derselben oder der konträr entgegengesetzten Gattung steht und ebenso von dem Konträren entweder konträre oder identische Differenzen ausgesagt werden, so muß offenbar von dem vorliegenden Ding entweder dieselbe Gattung wie von seinem konträren Gegenteil ausgesagt werden, während die Differenzen, seien es alle, oder nur einige im Gegensatz zu den übrigen, identischen, konträr sind, oder es sind umgekehrt die Differenzen identisch und die Gattungen konträr, oder es sind beide, Gattungen und Differenzen, konträr. Denn identisch können nicht beide sein, da sonst dieselbe Definition für konträre Gegenstände gelten würde.

Ferner muß man die Definitionen aus den Beugungsformen und dem Begriffsverwandten begründen. Denn notwendig folgen die Gattungen den Gattungen und die Definitionen den Definitionen. Ist beispielsweise die Vergessenheit ein Verlust des Wissens, so muß auch das Vergessen ein Verlieren des Wissens und das Vergessenhaben ein Verlorenhaben des Wissens sein. Wird somit hiervon das eine zugegeben, so muß auch das andere zugegeben werden. Ebenso ist auch, wenn der Untergang eine Auflösung der Substanz ist, das Untergehen ein Aufgelöstwerden der Substanz und das „untergangbewirkenderweise“ (τὸ φθαρτικῶς) ein „auflösenderweise“ (διαλυτικῶς). Und ist das den Untergang Bewirkende ein die Auflösung der Substanz Bewirkendes, so ist auch der Untergang eine Auflösung der Substanz. Und ebenso ist es überall sonst. Nimmt man mithin nur eines, sei es was es wolle, so wird auch alles andere zugegeben.

[Sidenote: 154a]

Man muß sie aber auch aus dem begründen, was in demselben Verhältnis zueinander steht. Bewirkt das Gesunde die Gesundheit, so wird auch das Bekömmliche das Wohlbefinden und das Nützliche das Gute bewirken. Jedes dieser Dinge steht in demselben Verhältnis zu seinem besonderen Zweck; hat somit eines von ihnen zur Definition, daß es die Realisierung seines Zweckes bewirkt, so muß diese Definition auch für jedes von den übrigen gelten.

Ferner muß man sie aus dem Mehr und dem Ebenso begründen, soweit es durch die Vergleichung von zweien mit zweien geschehen kann. Ist z. B. das mehr Definition von dem als das von dem, und ist das Definition, was weniger Definition ist, so ist es auch das, was es mehr ist. Und ist das ebenso Definition von dem wie das von dem, so ist, wenn das eine Definition des einen ist, auch das andere Definition des anderen.

Werden aber entweder eine Definition mit zwei Objekten oder zwei Definitionen mit einem Objekt verglichen, so ist der Gesichtspunkt des Mehr zu nichts nütze. Denn es kann weder eine Definition für zwei Objekte, noch zwei Definitionen für dasselbe Objekt geben.

+Viertes Kapitel.+

Unter allen Örtern sind aber auch nebst den jetzt genannten die aus dem Sinnverwandten und die aus den Beugungsformen die brauchbarsten. Daher muß man diese auch ganz besonders im Gedächtnis und zur Hand haben, da sie für sehr viele Probleme verwandt werden können. Auch merke man sich von den anderen Örtern besonders die gemeinsten, da diese von den anderen die besten Dienste leisten, z. B. daß man das Einzelne ins Auge fassen und sehen muß, ob der Begriff darauf paßt, da die Art nur gleichartige Dinge umfaßt. Dieses Verfahren ist, wie schon gesagt, den Vertretern der Ideenlehre gegenüber angezeigt[140]. Auch prüfe man, ob der Gegner ein Wort metaphorisch gebraucht oder etwas, als wäre es verschieden, von sich selbst aussagt. Und wenn sonst noch ein Ort gemein und zweckdienlich ist, so verwende man ihn ebenso.

+Fünftes Kapitel.+

Daß es aber schwerer ist, eine Definition zu begründen als sie zu widerlegen, soll die Betrachtung zeigen, die wir hiernach folgen lassen.

Es handelt sich bei den Sätzen, die die Richtigkeit einer aufgestellten Definition als Schluß ergeben, entweder darum, sie selbst zu finden, oder sie durch Fragen von der anderen Seite herauszuholen. Mag aber nun das eine oder das andere der Fall sein, so ist dieses nicht leicht. Wir meinen die Sätze, daß von den in dem angegebenen Begriff enthaltenen Stücken das eine die Gattung, das andere die Differenz ist, und daß in der Beschreibung des Wesens die Gattung und die Differenzen angegeben werden. Ohne diese Sätze ist es unmöglich, durch Schluß auf die Definition zu kommen. Denn wenn noch etwas anderes in der Beschreibung des Wesens angegeben wird, so weiß man nicht, ob für das betreffende Ding die aufgestellte Definition gilt oder eine andere, da die Definition eine Rede ist, die das Wesen anzeigt.

Daß aber das eine schwerer ist als das andere, erhellt auch aus folgendem. Es ist leichter, einen Schluß zu ziehen als viele. Nun ist es aber für die Widerlegung genug, wenn man gegen je einen Punkt disputiert — denn haben wir auch nur einen Punkt, gleichviel welchen, widerlegt, so haben wir den Begriff umgestoßen —, bei der Konstruktion dagegen muß man sich darüber einig werden, daß alles zusammen geleistet ist, was zur Definition gehört.

[Sidenote: 154b]

Ferner muß man bei der Konstruktion für den Schluß in seiner Allgemeinheit aufkommen, Denn die Definition muß von allem gelten, was den betreffenden Namen hat, und das muß sich überdies noch umkehren lassen, wenn die gegebene Definition dem Gegenstande eigentümlich sein soll. Dagegen bedarf es bei der Widerlegung nicht mehr des Nachweises einer allgemeinen Geltung. Es genügt zu beweisen, daß sich der Begriff bei einem unter dem Namen befaßten Ding nicht erfüllt. Und wenn man auch allgemein widerlegen müßte, so wäre doch auch so bei der Widerlegung keine Umkehrung notwendig. Denn für eine allgemeine Widerlegung genügt es, wenn man zeigt, daß der Begriff von etwas, wovon der Name ausgesagt wird, nicht ausgesagt wird, und es bedarf keiner Umkehrung, um zu zeigen, daß der Name von etwas ausgesagt wird, wovon der Begriff nicht ausgesagt wird.

Auch wird eine Definition umgestoßen, wenn sie auf alles paßt, was unter das Wort fällt, aber nicht darauf allein.

Ebenso verhält es sich mit dem Proprium und der Gattung: bei beiden ist es leichter zu widerlegen als zu begründen. Das erhellt für das Proprium aus dem Gesagten. Das Proprium wird meistens in einem Komplex von Worten angegeben, und so läßt die Widerlegung sich erbringen, indem man nur eines umstößt, während für die Begründung alles durch Schluß erhärtet werden muß. Man kann aber füglich auch fast alles andere für das Proprium geltend machen, was für die Definition gilt. Denn einmal muß man bei der Begründung zeigen, daß es allem zukommt, was unter die Benennung fällt, während es für die Widerlegung genügt, zu zeigen, daß es einem nicht zukommt, und dann wird es auch in dem Falle widerlegt, daß es allem zukommt, aber nicht ihm allein, wie wir bei der Definition sagen.

Bei der Gattung aber erhellt es daraus, daß man auf eine Weise begründen muß, indem man zeigt, daß sie allem zukommt, während für die Widerlegung zwei Wege offen stehen: man mag zeigen, daß sie keinem zukommt, und man mag zeigen, daß sie einem nicht zukommt, so hat man beide Male die zu Anfang aufgestellte Gattung umgestoßen. Auch genügt es bei der Begründung nicht, zu zeigen, daß sie einem Gegenstand zukommt, man muß auch zeigen, daß sie ihm als Gattung zukommt; bei der Widerlegung aber reicht es hin, zu zeigen, daß sie einem nicht zukommt oder nicht allem zukommt. Es scheint daher, daß, wie überhaupt das Zerstören leichter ist als das Aufbauen, so auch hier das Widerlegen leichter ist als das Begründen.

[Sidenote: 155a]

Was das Akzidenz angeht, so ist das allgemeine Akzidenz leichter zu widerlegen als zu begründen; denn bei der Begründung muß man zeigen, daß es allem zukommt, bei der Widerlegung aber genügt es zu zeigen, daß es einem nicht zukommt. Ein partikuläres Akzidenz ist umgekehrt leichter zu begründen als zu widerlegen. Denn für die Behauptung genügt es zu zeigen, daß es einem, zur Widerlegung aber muß man zeigen, daß es keinem zukommt.

Es ist aber auch klar, daß von allen diesen vier Stücken die Definition am leichtesten zu widerlegen ist. Für sie sind die Daten am zahlreichsten, da vieles angegeben worden ist, was man bei ihr beobachten muß. Je mehr dessen aber ist, desto schneller wird ein Schluß aus ihm gewonnen. Denn es ist natürlich, daß bei vielen Bestimmungen eher ein Fehler vorkommt als bei wenigen.

Weiterhin kann man eine Definition auch mit Hilfe der anderen Stücke angreifen. Denn mag der aufgestellte Begriff dem Gegenstand nicht eigentümlich, oder die vorgebliche Gattung nicht die rechte sein, oder mag etwas, was in dem Begriffe enthalten ist, dem Gegenstand nicht zukommen, so wird damit die Definition umgestoßen. Zu einem Angriff auf die anderen Stücke aber kann man weder die aus den Definitionen sich darbietenden Gründe, noch sonst alles verwenden; denn nur die Bestimmungen für das Akzidenz gelten gemeinsam für alle genannten Stücke. Ein jedes von ihnen muß dem Gegenstande zukommen, kommt ihm aber die Gattung nicht als Proprium zu, so ist sie damit noch nicht aufgehoben. Ebenso braucht ihm das Proprium nicht als Gattung und das Akzidenz nicht als Gattung oder Proprium zuzukommen, sondern es braucht ihm nur zuzukommen. Mithin kann man aus dem einen keine Schlüsse gegen das andere ziehen außer bei der Definition.

Man sieht also, daß die Definition von allen Stücken am leichtesten umzustoßen und am schwersten zu begründen ist. Denn einmal muß man hier alles nachweisen, was zu den anderen Stücken erforderlich ist — daß dem Ding zukommt was man angegeben hat, daß die Gattung die behauptete, der Begriff ihm eigentümlich ist —, und dann noch außerdem, daß der Begriff das Wesen anzeigt. Das alles will aber auch gut getan sein.

Von den anderen Stücken kommt der Definition in dieser Beziehung das Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leichter, weil es meistens durch viele Worte ausgedrückt wird, es aber zu begründen ist sehr schwer, da man einerseits zu diesem Ende vieles beibringen und begründen muß, und es anderseits dem Ding allein zukommt und mit ihm konvertibel ist.

Am leichtesten von allen zu begründen ist das Akzidenz. Bei den anderen Stücken muß man nicht nur zeigen, daß sie dem Ding zukommen, sondern auch, daß sie ihm so zukommen, bei dem Akzidenz aber reicht es hin, zu zeigen, daß es ihm zukommt. Aber es zu widerlegen ist am schwersten, weil es die wenigsten Daten enthält. Es besagt nichts weiter, als daß es dem Ding zukommt, über die Weise, wie das sein soll, sagt es nichts. Mithin lassen sich die anderen Stücke auf zweierlei Weise umstoßen: durch den Nachweis, daß sie dem Subjekt nicht zukommen, und durch den Nachweis, daß sie ihm nicht so zukommen, das Akzidenz aber läßt sich nur durch den Nachweis umstoßen, daß es ihm nicht zukommt.

So sind denn die Örter, die uns helfen können, in bezug auf jedes Problem dialektische Schlüsse zu ziehen, annähernd vollständig aufgezählt[141].

Achtes Buch.

+Erstes Kapitel.+

[Sidenote: 155b]

Nach diesem aber müssen wir von der Ordnung und Weise der Fragestellung handeln.

Man muß, wenn man fragen will, erstens den Ort ausfindig machen, aus dem der dialektische Schluß erfolgen soll, zweitens die einzelnen Fragen bei sich selbst stellen und in eine bestimmte Ordnung bringen und sie endlich drittens dem anderen entsprechend vorlegen.

Solange es sich nun um die Auffindung des Ortes handelt, gehört die Untersuchung dem Philosophen und dem Dialektiker gemeinsam an, dagegen bildet die nachfolgende Anordnung und Fragestellung die eigentümliche Aufgabe des Dialektikers. Denn alles hier Einschlägige hat seine Bedeutung lediglich dem anderen gegenüber, während es den Philosophen, der ja für sich selbst forscht, nicht kümmert, daß die Prämissen des Schlusses wahr und bekannt sind, der Antwortende jedoch sie nicht aufstellt, weil sie der anfänglichen Frage nahestehen und er die Folgerung voraussieht, vielmehr wird er sich wohl noch bemühen, möglichst bekannte und mit dem Problem verschwisterte Axiome zum Ausgangspunkt zu nehmen, weil das die Sätze sind, aus denen die wissenschaftlichen Schlüsse entspringen[142].

Woher man nun die Örter nehmen muß, davon ist im obigen gehandelt worden, um aber von der Ordnung und der Fragestellung zu handeln, müssen wir die verschiedenen Sätze unterscheiden, die man noch außer den notwendigen Sätzen verwenden muß. Notwendig werden die Sätze genannt, durch die der Schluß zustande kommt. Der Sätze aber, die noch außer diesen verwendet werden, sind vier Arten: sie werden verwendet entweder zum Zwecke der Induktion, damit so das Allgemeine zugestanden wird, oder zur Erweiterung der Rede, oder zur Verschleierung des Schlußsatzes, oder zur Verdeutlichung der Rede. Außer diesen darf man keinen Satz verwenden, sondern man muß die Fragestellung, wenn man ihr einen weiteren Umfang geben will, auf sie beschränken. Die Fragen zum Zwecke der Verschleierung werden des Streites wegen gestellt, da aber diese ganze Kunst ihre Bedeutung lediglich einem anderen gegenüber hat, so muß man sich auch ihrer bedienen.

[Sidenote: 156a]

Dementsprechend muß man die notwendigen Sätze, durch die der Schluß erfolgt, nicht sogleich aufstellen, sondern sie so weit als möglich zurückstellen, indem man z. B. nicht fordert, daß die Wissenschaft des Konträren dieselbe ist, wenn man dieses erhärten will, sondern die des Entgegengesetzten. Ist das angenommen, so kann man auch folgern, daß die Wissenschaft des Konträren dieselbe ist, da das Konträre entgegengesetzt ist. Nimmt der Gegner es aber nicht an, so muß man es durch Induktion erhärten, indem man Sätze über das einzelne Entgegengesetzte aufstellt. Denn man muß die notwendigen Sätze entweder durch Schluß oder durch Induktion gewinnen, oder die einen durch Induktion und die anderen durch Schluß, die ganz klaren aber muß man unmittelbar aufstellen; denn bei der Zurückstellung und der Induktion ist die Folge, die sich ergibt, immer weniger absehbar, und anderseits steht es einem auch frei, die tauglichen Sätze unmittelbar aufzustellen, wenn man sich ihrer auf jenem ersten Wege nicht versichern kann. Die sonst noch genannten Sätze aber muß man wegen der notwendigen Sätze heranziehen.

Im einzelnen muß man hier so verfahren. Bei der Induktion muß man vom Besonderen zum Allgemeinen und vom Bekannten zum Unbekannten fortschreiten. Bekannter, schlechthin oder für die Menge, ist das Sinnenfällige.

Bei der Verschleierung muß man zuvor auf dasjenige schließen, wodurch der Schluß auf die ursprüngliche These zustande kommen soll, und zwar auf möglichst vieles; was geschieht, wenn man nicht nur Schlüsse auf die notwendigen Sätze bildet, sondern auch auf den einen oder anderen Satz, der auf diese führt.

Man darf ferner den jeweiligen Schlußsatz nicht angeben, sondern muß ihn erst zuletzt aus allem Vorausgeschickten ableiten. So muß er am weitesten von der ursprünglichen These abstehen.

Um aber die Hauptsache zu sagen, man muß es bei diesem versteckten Verfahren so einrichten, daß der andere, nachdem man selbst die ganze Begründung durch Fragen gesichert und den Schlußsatz ausgesprochen hat, nach dem Warum fragt, und das wird man besonders auf die vorhin angegebene Weise erreichen. Denn wenn man nur den letzten Schlußsatz nennt, so weiß der Antwortende nicht, wie er gewonnen wird, weil er nicht voraussieht, kraft welcher Prämissen er gewonnen wird, wenn die vorausgehenden Schlüsse nicht entsprechend zergliedert werden. Das geschieht aber mit dem Schluß auf die Konklusion dann am wenigsten, wenn wir nicht die Requisite dieser Konklusion, sondern die jenes Schlusses vorlegen.

Es empfiehlt sich auch, die Axiome, aus denen der jeweilige Schluß erfolgen soll, nicht stetig aufeinander folgen zu lassen, sondern erst die für die eine und dann die für die andere Folgerung zu bringen. Denn wenn man die zu einem Schlusse gehörigen Vordersätze unmittelbar aneinander reiht, sieht man deutlicher, was aus ihnen folgen muß.

[Sidenote: 156b]

Man muß auch wo es angeht, den allgemeinen Vordersatz (der unmittelbar den gewollten Schluß ergibt) durch eine Definition zu erhalten suchen, die nicht für das Gewollte selbst, sondern für Sinnverwandtes gilt. Denn man redet sich, wenn die Definition auf Sinnverwandtes bezogen wird, fälschlich ein, man habe damit noch nicht jenen allgemeinen Satz zugegeben. Man setze z. B. den Fall, wo man zugestanden haben müsse, der Zornige begehre wegen scheinbarer Geringschätzung nach Rache, und es werde einem zugestanden, der Zorn sei ein Begehren nach Rache wegen scheinbarer Geringschätzung. Offenbar hat man mit diesem Zugeständnis das, worauf es einem ankommt. Wer aber geradezu auf das Gewollte losgeht, mag bei dem Antwortenden oft auf Widerspruch stoßen, weil es ihm eher einen Einwand liefert, in unserem Falle etwa, daß der Zornige mitnichten nach Rache und Strafe begehrt. Zürnen wir doch auch wohl unseren Eltern, ohne deshalb Rache an ihnen nehmen zu wollen. Nun ist ja dieser Einwand freilich wohl nicht triftig. Denn an manchen Personen ist es eine ausgiebige Rache, wenn man es dazu bringt, daß sie ihr Verhalten einfach bedauern und bereuen. Gleichwohl wohnt dem Einwurf in dem Sinne etwas Überzeugendes bei, daß man den behaupteten Satz nicht grundlos zu bestreiten scheint. Bei der bloß abstrakten Definition des Zornes aber ist es nicht ebenso leicht, einen Einwurf zu finden.

Es empfiehlt sich auch, die Sätze so zu stellen, als handelte es sich nicht um die Sache selbst, sondern um etwas anderes. Vor dem, was für die These dienlich ist, ist man auf der Hut.

Eine Hauptregel ist, es nach Möglichkeit im unklaren zu lassen, ob man einen Satz oder sein Gegenteil zugestanden haben will. Wenn es dem Gegner ungewiß bleibt, was zur Begründung dienlich ist, sagt er eher seine Meinung.

Man muß ferner den Gegner in der Weise ausholen, daß man ihn nach Ähnlichem fragt. Das ist einerseits überzeugender für ihn, und anderseits bleibt so der allgemeine Satz, aus dem der gewollte Schluß erfolgen soll, besser verborgen. Es ist z. B., wie das Wissen und Nichtwissen des Konträren dasselbe ist, auch die sinnliche Wahrnehmung des Konträren dieselbe, oder umgekehrt ist, da die Wahrnehmung dieselbe ist, das Wissen es ebenso. Dieses Verfahren ist der Induktion ähnlich, aber freilich nicht mit ihr identisch. Denn dort erhält man aus dem Besonderen das Allgemeine, bei dem Ähnlichen aber ist das, was man erhält, nicht das Allgemeine, unter dem alles Ähnliche befaßt wäre.

Man muß sich auch zuweilen selbst einen Einwurf machen. Denn die Antwortenden haben keinen Argwohn gegen einen Gegner, der bei der Erörterung redlich zu verfahren scheint.

Es nützt auch, in der Disputation anzumerken, daß das und das bekannt und anerkannt sei. Man scheut sich, etwas anzugreifen, was gewöhnliche Meinung ist, wenn man keine Gegengründe hat. Zugleich hütet man sich auch darum, gegen solche Aufstellungen anzugehen, weil man selbst von ihnen Gebrauch macht.

Ferner ist es vorteilhaft, sich nicht mit großem Eifer für etwas einzusetzen, wenn es auch durchaus wichtig ist. Einem Gegner, der Eifer verrät, setzt man größeren Widerstand entgegen.

Und: den Satz in einem Gleichnis vorzulegen. Man nimmt leichter an, was eines anderen wegen behauptet wird und nicht sich selbst zum Zwecke hat.

Ferner: nicht das aufzustellen, was man erhalten muß, sondern das, worauf das Gewollte folgt. Einmal räumt man dasselbe leichter ein, weil man nicht so deutlich sieht, was seine Folge ist, und dann hat man ja mit ihm auch das Gewollte.

[Sidenote: 157a]

Und: zuletzt zu fragen was man vor allem zugestanden haben will. Man steift sich am hartnäckigsten gegen das Erste, weil die meisten Opponenten das zuerst aufstellen, worauf es ihnen am meisten ankommt. Manchen gegenüber aber ist es besser, sich solcher Sätze zuerst zu versichern. Anmaßende Personen räumen das Erste am ehesten ein, wenn die daraus erfließende Folge nicht vollkommen klar ist, am Ende aber werden sie frech und schwierig. Ebenso machen es die, die scharfsinnig beim Disputieren zu sein glauben: nachdem sie das meiste zugegeben haben, verlegen sie sich zuletzt auf windiges Gerede, mit dem sie dartun wollen, daß das Ergebnis aus dem Zugestandenen nicht erfließt. Sie sind aber so rasch mit Zugeständnissen bei der Hand, weil sie sich auf ihre Gewandtheit verlassen und meinen, man könne ihnen nichts anhaben.

Endlich: weitläufig zu sein und nach Art der Pseudographen (Zeichner falscher Figuren) Dinge einzuflechten, die für die Erörterung keinerlei Bedeutung haben[143]. Wird vieles gesagt, so weiß man nicht, wo der Fehler steckt. Deshalb bringen auch die Fragenden zuweilen unbemerkt nur so nebenher Zusätze, die man ihnen nicht hingehen ließe, wenn sie für sich allein aufgestellt würden.

Wo es sich also um die Verschleierung der Beweisführung handelt, muß man sich der angeführten Mittel bedienen, zur Ausschmückung des Vortrags aber ist die Induktion und die Unterscheidung des Verwandten zu benutzen.

Was die Induktion ist, bedarf keiner Erklärung. Man unterscheidet aber, wenn man z. B. sagt: die eine Wissenschaft ist wertvoller als die andere, entweder weil sie genauer ist, oder weil sie ein vorzüglicheres Objekt hat[144], oder: die Wissenschaften sind teils theoretisch (betrachtend), teils praktisch (handelnd), teils poiëtisch (hervorbringend). Solche Unterscheidungen schmücken den Vortrag als Beiwerk, brauchen aber nicht um des Schlußsatzes willen gemacht zu werden.

Zum Behuf der Deutlichkeit endlich muß man Beispiele und Vergleiche anführen, aber Beispiele, die auf die Sache passen und von bekannten Dingen hergenommen sind, wie sie Homer, nicht wie sie Chörilus[145] bringt. Denn so wird das Behauptete deutlicher.

+Zweites Kapitel.+

Man muß beim Disputieren den Schluß mehr den Dialektikern als der Menge gegenüber anwenden, die Induktion hingegen mehr der Menge gegenüber. Hiervon war schon vorhin die Rede[146].

Bei manchen Dingen ist es möglich, bei der Induktion das Allgemeine durch Fragen zu erhalten, bei anderen ist es deshalb nicht leicht, weil nicht für alles Ähnliche eine gemeinsame Bezeichnung vorhanden ist, sondern, wenn man das Allgemeine erhalten muß, sagt man, daß es so bei allem Derartigen ist. Aber grade das ist am schwersten auszumachen, was von dem Angeführten derartig ist, und was nicht. Und überdies hintergeht man sich in der Disputation oft, indem der eine etwas für ähnlich ausgibt, was es nicht ist, und der andere das, was ähnlich ist, nicht als solches gelten läßt. Deshalb muß man für alles Derartige selbst einen Namen zu erfinden suchen, damit weder der Antwortende bezweifeln kann, daß das Angeführte ähnlich ist, noch der Fragende die Ähnlichkeit fälschlich behaupten kann, da vieles, was keine ähnliche Bedeutung hat, sie doch zu haben scheint[147].

Wenn der Gegner, obschon man die Induktion an vielen Einzelheiten durchführt, die Allgemeingültigkeit nicht zugibt, dann ist es billig, von ihm zu verlangen, daß er eine Gegeninstanz anführt. Sagt man aber selbst nicht, in welchen Fällen es so ist, so ist es nicht billig, vom Gegner zu verlangen, daß er sage, in welchen Fällen es nicht so ist. Denn erst muß man die Induktion durchführen, dann kann man erst nach einer Instanz fürs Gegenteil fragen.

[Sidenote: 157b]

Auch muß man fordern, daß man die Instanzen (Verwahrungen gegen die Einwürfe des Gegners) nicht an Hand des Behaupteten selbst bringt, es wäre denn das einzige, das so beschaffen wäre, wie einzig die Zwei unter den graden Zahlen die erste Zahl ist. Denn der sich Verwahrende muß seine Verwahrung an Hand eines anderen Objekts bringen, oder muß sagen, daß einzig das und das so beschaffen sei[148].

Wider solche aber, die sich gegen die Allgemeingültigkeit einer Behauptung verwahren, aber die Verwahrung nicht an Hand des Dinges selbst bringen, sondern sich auf ein Homonymes berufen, die z. B. behaupten, es könne jemand eine Farbe oder einen Fuß oder eine Hand haben, die nicht die seine sei — kann doch der Maler eine Farbe, der Schlächter[149] einen Fuß haben, der nicht der seine ist —, nun, bei solchen Dingen muß man mit Anwendung einer Unterscheidung fragen. Denn solange die Homonymie versteckt bleibt, hat es den Schein, als ob man sich mit Recht gegen den aufgestellten Satz verwahre.

Wenn der Gegner aber die Entscheidung der Frage dadurch aufhält, daß er seinen Einwurf nicht vom Homonymen, sondern von dem Ding selbst hernimmt, so muß man mit Aufgabe dessen, was von dem Einwurf getroffen wird, den Rest allgemein fassen, bis man den tauglichen Vordersatz erhält. Nehmen wir zur Erläuterung das Beispiel vom Vergessenhaben und der Vergeßlichkeit! Man gibt nämlich nicht zu, daß jemand, der ein Wissen eingebüßt hat, vergaß, was er wußte, weil er, wenn das Ding in sein Gegenteil umgeschlagen ist, zwar das Wissen von ihm eingebüßt hat, es aber nicht vergessen hat. Man muß also mit Aufgabe dessen, was von dem Einwurf wirklich getroffen wird, den Rest der Behauptung aufrechterhalten, daß er nämlich, wenn er trotz der Fortdauer des Dinges das Wissen darum eingebüßt hat, es vergessen hat.

Ebenso muß man denen begegnen, die dagegen insistieren, daß das höhere Gut sein Gegenteil an dem größeren Übel hat. Sie machen geltend, daß der Gesundheit, die ein geringeres Gut ist als das gute Befinden, ihr Gegenteil an einem größeren Übel hat; denn die Krankheit sei ein größeres Übel als das schlechte Befinden. Man gebe also auch hier das auf, was von dem Einwurf getroffen wird. Denn nach dessen Aufgabe wird man den Rest leichter zugestanden bekommen, daß nämlich das größere Gut sein Gegenteil an dem größeren Übel hat, wenn nicht das eine das andere mit sich bringt, wie das gute Befinden die Gesundheit.

Man muß das aber nicht nur tun, wenn der Gegner insistiert, sondern auch wenn er ohne Instanz leugnet, weil er voraussieht, daß etwas herauskommt, was ihn widerlegt. Denn wenn dasjenige aufgegeben wird, worauf der Einwand zutrifft, so wird er genötigt sein, seine Zustimmung zu geben, weil er nicht sieht, wo es bei dem Rest anders sein sollte. Gibt er aber seine Zustimmung nicht, so wird er, nach einer Instanz gefragt, keine zur Verfügung haben. Von der Art sind die Sätze, die zum Teil wahr und zum Teil falsch sind. Man kann sie so einschränken, daß der Rest wahr bleibt. Wenn man aber einen Satz an vielen Einzelfällen erhärtet und der Gegner keinen Einwand bringt, so muß man fordern, daß er ihn gelten läßt. Denn ein Satz, der sich in vielen Fällen so bewährt und gegen den keine Instanz spricht, ist ein dialektischer Satz.

[Sidenote: 158a]

Wenn man das nämliche sowohl ohne das Unmögliche wie durch das Unmögliche erschließen kann, so trägt es für den Demonstrierenden und nicht Disputierenden nichts aus, ob er so oder so schließt, wer aber wider einen anderen disputiert, darf nicht den Schluß durch das Unmögliche anwenden. Denn mit jemand, der ohne das Unmögliche schließt, läßt sich nicht rechten, schließt man aber auf das Unmögliche, so leugnen die Gegner, wenn die Falschheit der Behauptung nicht sehr einleuchtend ist, ihre Unmöglichkeit, und erreichen somit die Fragenden ihren Zweck nicht.

Man muß behaupten was sich in vielen Fällen so verhält und einen Einwand entweder überhaupt nicht oder doch keinen solchen zuläßt, der an der Oberfläche liegt. Denn wenn die Gegner nicht abzusehen vermögen, in welchen Fällen es nicht so sein soll, so nehmen sie an, daß es wahr ist.

Man darf den Schlußsatz nicht als Frage fassen. Sonst scheint, wenn der Gegner die Frage verneint, kein Schluß erfolgt zu sein. Denn er bestreitet oft einen Satz schon, auch wenn man nicht fragt, sondern ihn als Folgerung vorträgt, und wenn er das tut, halten ihn solche, die das Ergebnis der zugestandenen Sätze nicht absehen, nicht für widerlegt. Wenn man nun auch nicht erklärt, daß etwas logisch folge, sondern fragt, und der Gegner verneint, scheint schon gar kein Schluß erfolgt zu sein.

Nicht jeder allgemeine Satz scheint ein dialektischer Satz zu sein, z. B. nicht der Satz: was ist ein Mensch? oder: in wie vielfachem Sinne spricht man von dem Guten? Dialektisch ist ein Satz, auf den man mit ja oder nein antworten kann, was bei den angeführten Sätzen nicht der Fall ist. Deshalb sind solche Fragen nicht dialektisch, wenn man nicht selbst eine Unterscheidung und Gegenüberstellung in sie hineinbringt, und z. B. sagt: spricht man von dem Guten in dem oder in dem Sinne? Denn auf solche Fragen ist leicht bejahend oder verneinend antworten. Deshalb muß man die betreffenden Sätze so zu fassen suchen. Dann mag es auch wohl billig sein, den Gegner zu fragen, in wie vielfachem Sinne man von dem Guten spricht, wenn man selbst die Fragen einteilt und er in keinem Sinne zustimmt.

Wer lange um eine Begründung herumfragt, verstößt gegen die Regeln der Fragestellung. Denn wenn er das in der Erörterung mit einem Gegner tut, der auf das Gefragte antwortet, so stellt er offenbar viele Fragen oder des öfteren die nämlichen, und verführt somit entweder leeres Geschwätz oder erhält keinen Schluß. Denn zum Schluß gehören immer nur wenige Prämissen. Antwortet der andere aber nicht, so fehlt man insofern, als man ihn nicht tadelt oder die Erörterung nicht fallen läßt.

+Drittes Kapitel.+

Es kann bei denselben Voraussetzungen schwer sein, sie anzugreifen, und leicht, sie zu verteidigen.

[Sidenote: 158b]

Von dieser Art sind das von Natur Erste und das Letzte. Denn das Erste bedarf der Definition, und das Letzte wird, wenn man vom Anfang bis zum Ende die Kontinuität wahren will, durch eine Vielheit von Sätzen gewonnen, oder die Schlüsse müssen sophistisch erscheinen, da man nichts demonstrieren kann, wenn man nicht mit den eigentümlichen Prinzipien der Sache beginnt und in ununterbrochener Folge bis zum Letzten fortschreitet[150]. Was nun das Definieren angeht, so fordern die Antwortenden es weder, noch geben sie, wenn der Fragende definiert, darauf acht. Wenn man aber nicht weiß, was das Vorliegende eigentlich ist, so ist nicht leicht dagegen angehen. Am meisten aber gilt dieses von den Prinzipien. Denn das andere wird aus ihnen bewiesen, sie selbst aber können nicht aus anderem bewiesen werden, sondern jedes Prinzip muß man mit Hilfe der Definition gewinnen.

Aber auch solches ist schwer anzugreifen, was den Prinzipien sehr nahesteht. Man kann dagegen nicht viele Gründe anführen, weil zwischen ihm und den Prinzipien weniges in der Mitte liegt, und doch aus diesem Wenigen das Folgende erhärtet werden müßte.

Von allen Definitionen sind aber diejenigen am schwersten anzugreifen, die solche Bezeichnungen verwenden, von denen man einmal nicht weiß, ob sie eines oder vieles bedeuten, und dann nicht, ob der Urheber der Definition sie im eigentlichen oder im übertragenen Sinne versteht. Weil die Bezeichnungen nicht deutlich sind, bieten sie keine Anhaltspunkte zum Angriff, und weil man ungewiß ist, ob ihre Undeutlichkeit auf der metaphorischen Redeweise beruht, rechtfertigen sie keinen Tadel.

Überhaupt muß man von jedem schwer anzugreifenden Problem annehmen, daß entweder eine Definition dazu gegeben werden muß, oder daß es zweideutig oder metaphorisch ausgedrückt ist, oder daß es die Prinzipien nahe berührt, oder daß wir zunächst ebendieses nicht wissen, auf welche von diesen Arten die Schwierigkeit, die es bietet, zurückgeht. Denn wenn man sich die Art der Schwierigkeit zum Bewußtsein bringt, so zeigt sich, daß man entweder zu definieren oder zu distinguieren oder die Mittelsätze beizubringen hat, aus denen die letzten Sätze bewiesen werden müssen.

Bei vielen Sätzen ist es deshalb nicht leicht, über sie zu disputieren und sie anzugreifen, weil man keine gute Definition aufstellt, so z. B. bei dem Problem, ob einem eines oder mehreres konträr ist. Ist aber das Konträre richtig definiert, so ist es leicht abzunehmen, ob ein und demselben mehreres konträr sein kann oder nicht. Und ebenso ist es sonst, wo sich eine Definition gehört.

[Sidenote: 159a]

Es scheint aber auch in der Mathematik manches wegen des Abgangs einer Definition nicht leicht erweislich[151], so z. B. der Satz, daß das Perpendikel, das (in einem gleichschenkligen Dreieck) die Figur an der Grundlinie zerteilt, Linie und Fläche gleichmäßig zerlegt. Gibt man aber die Definition an, so leuchtet der Satz sofort ein. Der Abzug hebt sich nämlich bei den Flächen und den Linien gleichmäßig gegen den Rest auf, und das ist eben die Definition desselben Verhältnisses. Überhaupt sind in dieser Disziplin, wenn man einmal die Definitionen hat, wie z. B. von Linie und Kreis, die Anfangsgründe sehr leicht zu beweisen, nur daß sich bei jedem dieser obersten Sätze nicht viel disputieren läßt, weil der Zwischenglieder nicht viele sind. Werden aber die Definitionen der Prinzipien nicht angegeben, so sind diese Beweise schwer, wo nicht gar unmöglich. Ähnlich nun wie bei den Elementen der Geometrie liegt die Sache auch, wenn man es bei den dialektischen Disputationen mit elementaren Sätzen zu tun hat.

Man muß also wissen, daß, wenn gegen einen Satz schwer disputieren ist, immer eine von den bezeichneten Ursachen zugrunde liegt. Trifft es sich aber, daß gegen ein Axiom[152] oder eine Prämisse schwerer disputieren ist, als gegen die These selbst, so kann man zweifeln, ob man eine solche These zugeben soll oder nicht. Gibt man sie nicht zu und will vielmehr auch jenes Axiom oder jenen Vordersatz erörtert haben, so verlangt man von dem Gegner etwas, was weiter ausschaut als der ursprüngliche Gegenstand der Erörterung. Gibt man sie aber zu, so wird man glauben auf Grund von weniger Glaubhaftem.

Wenn man also ein Problem nicht erschweren darf, so muß man sie zugeben; wenn man aber aus Bekannterem schließen muß, so darf man sie nicht zugeben. Oder sagen wir lieber: wer lernen will, soll sie nicht zugeben, wer aber bloß der Übung wegen disputiert, soll sie zugeben, wenn sie nur wahr scheint. Man darf demnach offenbar dem Fragenden und dem Lernenden nicht in gleicher Weise zumuten, daß sie solche Vordersätze einräumen.

+Viertes Kapitel.+

Wie also und in welcher Ordnung man fragen muß, mag mit dem Bisherigen zur Genüge erklärt sein, bezüglich der Antwort aber müssen wir zuerst angeben, welches die Aufgabe dessen ist, der gut antworten will, verglichen mit der Aufgabe dessen, der gut fragen will.

Wie es die Aufgabe des Fragenden ist, die Rede so zu lenken, daß er den Antwortenden nötigt, von dem, was aus der These notwendig folgt, das Unwahrscheinlichste einzuräumen, so ist es an dem Antwortenden, dafür zu sorgen, daß die Unmöglichkeiten oder Paradoxien als Folgerungen nicht auf seine Rechnung, sondern auf Rechnung der These zu kommen scheinen. Ist es doch wohl ein anderer Fehler, etwas als These voranzustellen, was man nicht hätte behaupten sollen, und das Aufgestellte nicht gehörig zu vertreten wissen[153].

+Fünftes Kapitel.+

Da aber diejenigen, die der Übung und Probe wegen disputieren, keine bestimmten Regeln vor sich haben — denn es sind nicht dieselben Ziele, die Lernende und Lehrende und die Streitende verfolgen, und anderes wieder als sie haben diejenigen im Auge, die der Untersuchung wegen sich miteinander besprechen; denn der Lernende muß immer zugeben, was er für wahr hält, da ja auch niemand etwas Falsches lehren will; von den Streitenden aber muß der fragende Teil unter allen Umständen den Schein erwecken, daß er den Gegner in die Enge treibt, der antwortende Teil hinwieder muß den Schein hervorrufen, daß ihm solches nicht widerfährt. Für die dialektischen Erörterungen aber, wo man das Gespräch nicht des Wettstreites, sondern der Probe und der Untersuchung wegen führt, ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes darüber gelehrt worden, worauf der Antwortende es abzusehen hat, und was er zugeben und nicht zugeben muß, um eine These gut oder nicht gut zu behaupten —, da wir also von den anderen bezüglich dieser Kunst nichts überkommen haben, so wollen wir unserseits einiges über sie vorzutragen suchen.

[Sidenote: 159b]

Der Antwortende muß also Rechenschaft geben, nachdem er einen Satz aufgestellt hat, der entweder wahrscheinlich oder unwahrscheinlich oder keines von beiden ist, und der entweder schlechthin wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist, oder in einer bestimmten Beziehung, nämlich für den und den, den Defendenten selbst oder sonst jemanden. Es macht keinen Unterschied, in welchem Sinne auch immer der Satz wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sein mag: die Weise, recht zu antworten und das Gefragte zuzugeben oder nicht zuzugeben, wird dieselbe sein.

Ist nun die These unwahrscheinlich, so muß der Schlußsatz (auf den der Opponent lossteuert) wahrscheinlich, ist sie wahrscheinlich, so muß er unwahrscheinlich werden. Denn der Fragende schließt immer auf das Gegenteil der These. Ist aber das Behauptete weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich, so wird auch der Schlußsatz diese Beschaffenheit haben.

Da aber einer, der gut schließt, seinen Vorwurf aus Wahrscheinlicherem und Bekannterem beweist, so ist klar, daß, wenn das Behauptete schlechthin unwahrscheinlich ist, der Antwortende weder solches zugeben darf, was schlechthin nicht wahr scheint, noch solches, was zwar wahr scheint, aber weniger wahr als der Schlußsatz. Denn wenn die These unwahrscheinlich ist, ist der Schlußsatz wahrscheinlich, und demgemäß muß alles, was man (zu seiner Begründung) verwendet, wahrscheinlich sein und mehr noch wahrscheinlich als das Vorliegende (der Schlußsatz des Opponenten), wenn das minder Bekannte aus dem Bekannteren gefolgert werden soll. Wenn mithin etwas von dem Gefragten diese Beschaffenheit nicht hat, darf der Antwortende es nicht zugestehen.

Ist die These dagegen schlechthin wahrscheinlich, so ist der Schlußsatz offenbar schlechthin unwahrscheinlich. Man muß mithin sowohl alles zugestehen, was wahr scheint, als auch alles von dem nicht wahr Scheinenden, was minder unwahrscheinlich ist als der Schlußsatz. Auf diese Weise wird man vortrefflich disputiert haben.

Ebenso verfahre man bei einer These, die weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich ist. Man gebe auch in diesem Falle alles Glaubwürdige, und von dem nicht Glaubwürdigen so viel zu, als minder unwahrscheinlich ist denn der Schlußsatz. So müssen die Begründungen wahrscheinlich werden.

Ist also das Behauptete schlechthin wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, so muß man die einzelnen Aufstellungen des Opponenten unter dem Gesichtspunkte des schlechthin Wahrscheinlichen vergleichen, ist es aber nicht schlechthin, sondern für den Antwortenden wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, so muß man, was Glauben verdienen soll, was keinen, nach sich selbst beurteilen und so die Zugeständnisse bald geben, bald verweigern.

Daher räumen auch diejenigen, die fremde Meinungen vortragen, etwa daß Gut und Schlecht dasselbe sei, wie Heraklit sagt, nicht ein, daß Konträres nicht zugleich einem und demselben Ding beiwohnt, nicht als ob sie es selbst glaubten, sondern weil man es nach Heraklit behaupten muß. Das tun auch diejenigen, die die Sätze voneinander übernehmen: sie suchen sie im Sinne ihrer Urheber zu erhärten.

+Sechstes Kapitel.+

Man sieht also, worauf der Antwortende sein Absehen richten muß, sei nun das Behauptete schlechthin oder subjektiv wahrscheinlich.

[Sidenote: 160a]

Da aber alles Gefragte notwendig entweder wahrscheinlich oder unwahrscheinlich oder keins von beidem ist und entweder in die Disputation gehört oder nicht, so muß man, wenn das Gefragte wahr scheint und nicht in die Disputation gehört, es zugeben und sagen, es scheine wahr; scheint es aber nicht wahr und gehört es nicht in die Disputation, so muß man es zwar zugeben, aber dabei, um den Schein der Einfältigkeit zu vermeiden, bemerken, daß es einem nicht wahr vorkomme. Gehört es aber in die Disputation und scheint es wahr, so muß man sagen, es scheine wahr, aber stehe der ursprünglichen Behauptung zu nahe, und es werde mit ihrer Annahme das nun Behauptete aufgehoben. Wenn es aber in die Disputation gehört, indessen ein sehr unwahrscheinliches Axiom ist, so muß man sagen, bei seiner Voraussetzung gelte zwar die Folgerung des Gegners, aber der Satz sei sehr einfältig.

Ist es aber weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich, so muß man es, wenn es für die Sache nichts ausmacht, ohne weitere Bemerkungen zugeben, im anderen Falle gebe man zu verstehen, daß mit seiner Annahme die ursprüngliche Behauptung umgestürzt wird. Denn so kann auf den Antwortenden kein Schein fallen, als ob er durch eigene Schuld in Verlegenheit käme, wenn er jegliches vorschauend zugibt, und gewinnt der Fragende einen Schluß, wenn ihm alles, was wahrscheinlicher ist als der Schlußsatz, zugestanden wird. Solche Gegner aber, die aus Prämissen schließen wollen, die unwahrscheinlicher als der Schlußsatz sind, schließen offenbar nicht richtig, und deshalb darf man sie den Fragenden nicht zugeben.

+Siebentes Kapitel.+

Ähnlich muß man dem Opponenten begegnen, wenn er sich undeutlich und vieldeutig ausdrückt. Da es dem Defendenten gestattet ist, wenn er etwas nicht versteht, zu sagen: ich verstehe nicht, und er, wenn der Gegner vieldeutig spricht, seine Sätze nicht einzuräumen oder zu bestreiten braucht, so muß er offenbar zuerst, wenn das, was der andere vorbringt, nicht deutlich ist, ohne Bedenken erklären, daß er es nicht verstehe. Denn man gerät oft, wenn man, nicht deutlich gefragt, etwas zugibt, in Schwierigkeiten.

Sodann muß er, wenn es zwar bekannt, aber vieldeutig ist, folgendes beobachten: ist die Behauptung in jedem Sinne richtig oder falsch, so muß er sie glattweg zugeben oder ablehnen, ist sie aber in einem Sinne falsch und in einem anderen Sinne richtig, so muß er erklären, daß sie vieldeutig und in dem einen Sinne falsch, in dem anderen richtig ist. Denn wenn er später unterscheidet, weiß man nicht, ob er die Amphibolie schon zu Anfang bemerkt hat.

Hat er aber die Amphibolie nicht schon zuvor bemerkt, sondern die Behauptung im Hinblick auf die eine ihrer möglichen Bedeutungen zugegeben, so muß er dem Gegner, der auf die andere Bedeutung hinauswill, erklären: ich habe meine Zustimmung nicht mit Bezug auf diese, sondern mit Bezug auf die andere Bedeutung ausgesprochen.

Ist das Gefragte endlich klar und eindeutig zugleich, so muß man darauf mit ja oder nein antworten.

+Achtes Kapitel.+

[Sidenote: 160b]

Da aber jeder Satz in einem Schlusse entweder zu denen gehört, woraus die Folgerung unmittelbar erfließt, oder um eines dieser Sätze willen auftritt —daß etwas um eines anderen willen herbeigezogen wird, verrät sich dadurch, daß man mehreres Ähnliche fragt; denn das Allgemeine erhält man meistens durch Induktion oder durch Ähnlichkeit —, nun, so muß man das Einzelne alles zugeben, wenn es wahr und wahrscheinlich ist, aber gegen die allgemeine Folgerung muß man eine Instanz[154] zu erbringen suchen. Denn eine Begründung ohne Instanz, sie sei wirklich oder scheinbar, aufhalten, heißt, unnötige Schwierigkeiten machen. Wenn man mithin, wo für das Allgemeine viele Erscheinungen sprechen, es dennoch nicht zugibt, ohne eine Instanz für sich zu haben, so liegt es auf der Hand, daß man bloß unnötige Schwierigkeiten macht. Und diesem Schein könnte man sich um so mehr aussetzen, wenn man auch nicht imstande wäre, den Gegner mit Gründen zu widerlegen.

Gleichwohl reicht dieses doch nicht aus (um den Schein zu rechtfertigen). Denn wir haben viele den feststehenden Meinungen entgegengesetzte Gründe, die schwer zu entkräften sind, wie die des Zeno, daß keine Bewegung sein und man die Rennbahn nicht durchlaufen kann. Und doch folgt daraus nicht, daß man nicht das Gegenteil davon behaupten muß.

Wenn man also etwas nicht zugibt, obwohl man weder eine Gegeninstanz (eine entgegengesetzte angesehene Meinung), noch Gegengründe zur Verfügung hat, so ist es klar, daß man grundlose Schwierigkeiten macht. Denn bei den Disputationen grundlose Schwierigkeiten machen, heißt, eine den angegebenen Regeln zuwiderlaufende Antwort geben, die den Schluß umstürzt.

+Neuntes Kapitel.+

Man muß sich einer These und einer Definition erst annehmen, nachdem man sie bei sich selbst überlegt hat. Denn man hat offenbar die Aufgabe, den Argumenten zu begegnen, mit denen die Fragenden das Behauptete umstürzen wollen.

Eines unwahrscheinlichen Satzes sich anzunehmen vermeide man. Ein Satz kann in zweifacher Weise unwahrscheinlich sein: einmal, wenn er zu ungereimten Folgerungen führt, wie wenn man beispielsweise behauptete, daß alles oder daß nichts sich bewegt; dann, wenn es Sätze sind, deren Wahl eine minderwertige Gesinnung verrät und die mit rechtschaffenem Wollen nicht vereinbar sind, wie z. B. daß die Lust das höchste Gut und daß es besser ist, Unrecht zu tun als Unrecht zu leiden. Denn man wird gegen die Anwälte solcher Sätze eingenommen, indem man sich vorstellt, daß sie sie nicht der logischen Übung halber verteidigen, sondern als ihre wahre Meinung vortragen.

+Zehntes Kapitel.+

Die Schlüsse, die Falsches ergeben, muß man entkräften, indem man den Punkt umstößt, auf dem die falsche Folgerung beruht.

Um sie zu entkräften, genügt es nicht, das erste beste umzustoßen, auch wenn es etwas Falsches ist. Der Schluß kann ja mehrere Fehler haben, wie wenn man z. B. die Prämissen nimmt, daß der Sitzende schreibt und Sokrates sitzt. Denn aus diesen Prämissen folgt, daß Sokrates schreibt. Ist nun der Satz umgestoßen, daß Sokrates sitzt, so ist für die Entkräftung der Begründung noch nichts gewonnen, und doch ist der Vordersatz falsch. Aber es liegt nicht an ihm, daß die Begründung falsch ist. Denn wenn jemand zufällig sitzt, aber ohne zu schreiben, so paßt hierauf diese Art, den Schluß zu entkräften, noch lange nicht. Mithin muß man nicht diesen Vordersatz umstoßen, sondern den anderen, daß der Sitzende schreibt. Denn nicht jeder Sitzende schreibt.

So hat man denn durch die Umstoßung des Satzes, auf dem der Fehler beruht, jedenfalls den Schluß entkräftet, aber ein Wissen um die Entkräftung hat doch nur, wer weiß, daß der Schluß auf ihm beruht, wie es bei den falsch gezeichneten geometrischen Figuren[155] der Fall ist. Denn da genügt es nicht, eine Instanz anzurufen, wenn auch das durch sie Umgestoßene falsch ist, sondern man muß zeigen, warum es falsch ist. Denn nur so kann man sehen, ob man die Instanz in Voraussicht ihrer Tragweite anruft oder nicht.

[Sidenote: 161a]

Es gibt aber vier Weisen, die Gewinnung eines Schlusses zu verhindern, entweder durch Umstoßung des Satzes, auf dem der Irrtum beruht, oder durch Anrufung einer Instanz, die nur für den Fragenden ihre Wirkung hat. Damit ist zwar nicht der Schluß entkräftet, aber der Fragende kann gleichwohl nicht weiter. Drittens durch Anrufung einer Instanz, die ihre Wirkung auf das Gefragte äußert. Denn es kann geschehen, daß das von dem Gegner Gewollte auf Grund seiner Frage nicht herauskommt, weil er verkehrt gefragt hat, während der eine oder andere Zusatz den Schluß ergeben würde. Wenn also der Fragende nicht weiter kann, so ist das eine Instanz in bezug auf den Fragenden, wenn aber wohl, so ist es eine Instanz in bezug auf das Gefragte. Die vierte Instanz endlich und die schlechteste erborgt man sich von der Zeit. Denn manche rufen Instanzen an, die zu ihrer Erledigung mehr Zeit erfordern würden, als die gepflogene Erörterung zuläßt.

So lassen sich denn Instanzen auf vierfache Art erbringen. Eine Entkräftung des gegnerischen Schlusses aber ist unter den genannten nur die erste, die anderen sind lediglich Mittel, ihn aufzuhalten und zu behindern.

+Elftes Kapitel.+

Der Tadel einer Beweisführung aber ist nicht derselbe, wenn man die Begründung an sich betrachtet, und in der Form, die sie bei einer Frage erhält.

Oft wird der Gefragte an der Mangelhaftigkeit einer Beweisführung schuld sein, weil er etwas nicht einräumt, womit sich eine gute Widerlegung seiner These hätte gewinnen lassen. Denn es steht nicht nur bei einem, wenn die gemeinsame Aufgabe gut gelöst wird.

Man ist somit zuweilen genötigt, gegen den Redenden, nicht gegen seine These zu argumentieren, wenn der Antwortende sich eigenwillig auf das Gegenteil von dem versteift, was der Fragende will. So verschulden es also die leeren Ausflüchte, die man macht, daß die Erörterungen aus dialektischen zu agonistischen (reinen Streitreden) werden.

Auch muß man, da solche Reden der Übung und Probe, nicht der Lehre wegen geschehen, offenbar nicht nur auf das Wahre, sondern auch auf Falsches schließen, und nicht immer aus wahren, sondern hin und wieder auch aus falschen Sätzen. Denn der Disputierende muß oft, wo etwas Wahres aufgestellt ist, es umstoßen und sich dabei folgerichtig auf falsche Prämissen stützen. Zuweilen muß er auch einen falschen Satz durch falsche Sätze umstoßen. Denn es kann wohl geschehen, daß jemand etwas Unwahres eher glaubt als die Wahrheit, und wenn man mithin auf Grund seiner Vorstellungen argumentiert, so wird ihn das nicht sowohl im Irrtum bestärken, als vielmehr von der Wahrheit überzeugen.

Man muß aber, wenn man in rechter Weise (von dem eigentlichen Ziele und von dem eigentlichen Wege) ablenken will, dabei dialektisch, nicht eristisch (rechthaberisch) verfahren, wie der Geometriker bei der geometrischen Manier bleiben muß, mag nun das Gefolgerte falsch oder wahr sein. Welches aber dialektische Schlüsse sind, ist oben (I, 1) erklärt worden.

[Sidenote: 161b]

Da aber ein schlechter Genosse ist wer das gemeinsame Werk hindert, so gilt das offenbar auch bei der Rede. Denn auch hier besteht eine gemeinsame Aufgabe, außer für die, die nur disputieren, um im Streite ihre Kräfte zu messen; denn siegen kann nicht mehr als einer.

Es ist aber gleichgültig, ob man den Schaden durch das Antworten oder durch das Fragen verursacht. Wer eristisch fragt, disputiert ebenso schlecht, wie wer beim Antworten nicht zugibt was den Schein für sich hat, und sich auf nichts einläßt, was der Fragende herausbringen möchte.

So erhellt denn aus dem Gesagten, daß man die Beweisführung an sich nicht auf dieselbe Weise tadeln darf wie den Fragenden. Denn es kann wohl sein, daß die Beweisführung schlecht ist und der Fragende trotzdem wider den Antwortenden so gut disputiert hat, als nur möglich war. Denn gegen Quertreiber kann man vielleicht nicht sofort Schlüsse ziehen, wie man möchte, sondern nur so, wie es möglich ist.

Da es aber unbestimmt ist, wann die Menschen das Gegenteil annehmen und wann sie ihre ursprüngliche Ansicht festhalten — denn oft sagen sie, wenn sie mit sich selbst sprechen, Entgegengesetztes und geben hernach zu was sie zuvor verneint haben, daher sie denn oft auf eine Frage dem Gegenteil von dem beipflichten, was sie im Anfang gesagt haben — nun, so müssen die Disputationen aus diesem Grunde mißraten. Die Schuld hat der Antwortende, weil er das eine nicht zugibt und anderes von der und der Art zugibt. Es ist also klar, daß man die Fragenden nicht ebenso tadeln darf wie die Beweisführungen.

Es kann aber die Beweisführung an sich einem fünffachen Tadel unterliegen: dem ersten, wenn aus den Prämissen, in denen der Schlußsatz enthalten ist, weder das Behauptete noch überhaupt etwas folgt, weil sie falsch oder unwahrscheinlich sind, alle oder die meisten, und wenn sich der Schlußsatz weder durch Weglassungen noch durch Zusätze noch durch beide zugleich formell korrekt erzielen läßt;

dem zweiten, wenn der Schluß, den man aus solchen Prämissen und auf solche Art, wie eben gesagt worden, gewinnt, sich nicht gegen die These kehrt;

dem dritten, wenn einige Zusätze, die man machen könnte, den Schluß zustande kommen lassen, diese Zusätze aber schlechter sind als das Gefragte (die Prämissen) und weniger wahrscheinlich als der Schlußsatz;

wiederum, wenn der Schluß zustande kommt, wofern man einiges wegläßt. Denn man nimmt zuweilen mehr, als notwendig ist, in die Begründung auf, und so gilt der Schluß nicht darum, weil dieses ist;

endlich, wenn man aus solchen Vordersätzen schließt, die unwahrscheinlicher und weniger glaubhaft sind als der Schlußsatz, oder aus solchen, die wahr, aber schwerer zu beweisen sind als das Problem.

[Sidenote: 162a]

Man kann aber nicht verlangen, daß die Prämissen bei allen Problemen gleich wahrscheinlich und überzeugend seien, da unter den Problemen die einen von vornherein von Natur leichter, die anderen schwerer sind, und wenn man darum die Ergebnisse aus so wahrscheinlichen Vordersätzen gewinnt, als jeweilig möglich ist, so hat man gut argumentiert. Daraus sieht man nun, daß auch für die Beweisführung der Tadel nicht derselbe sein kann, wenn man das zur Erörterung stehende Problem, und wenn man sie selbst in Betracht nimmt. Denn die Beweisführung kann an sich gar wohl Tadel, in Rücksicht auf das Problem aber Lob verdienen, und umgekehrt an sich Lob, in Rücksicht auf das Problem aber Tadel, dann nämlich, wenn man den Folgesatz leicht aus vielem Wahrscheinlichen und Wahren gewinnen kann.

Es ist aber auch wohl einmal eine schlüssige Beweisführung schlechter als eine nichtschlüssige, wenn die eine von einfältigen Vordersätzen zu einem nicht so gearteten Problem gelangt, während die andere noch einiger wahrscheinlichen und wahren Prämissen bedarf und der Beweis doch nicht auf dem noch Beizufügenden beruht.

Die aber, die aus Falschem Wahres schließen, trifft kein gerechter Vorwurf. Falsches muß man immer aus Falschem schließen, Wahres aber kann man zuweilen auch aus Falschem schließen, wie aus der Analytik erhellt (Prior. II, 2).

Wenn ein angegebener Grund der Beweis (Demonstration, Apodeixis) für etwas ist und noch etwas anderes gefolgert wird, was gar nicht in die Konklusion gehört, so gilt der Schluß hierfür nicht, und scheint es doch so, so wird die Folgerung zum Sophisma und ist kein Beweis mehr.

Es ist aber ein Philosophem ein beweisender (demonstrativer, apodiktischer) Schluß, ein Epicheirem ein dialektischer Schluß, ein Sophisma ein eristischer Schluß (Streitschluß) und ein Aporem ein dialektischer Schluß auf das kontradiktorische Gegenteil[156].

Wird etwas aus Sätzen bewiesen, die beide wahrscheinlich, aber nicht gleich wahrscheinlich sind, so hindert nichts, daß das Bewiesene (an sich, abgesehen von seiner Ableitung) wahrscheinlicher ist als jeder der beiden Sätze. Ist aber der eine Satz wahrscheinlich, der andere keins von beidem (auch nicht unwahrscheinlich), oder ist der eine wahrscheinlich, der andere nicht wahrscheinlich, so ist das Bewiesene (in Betracht der Ableitung), wenn sie es gleich sehr sind, gleich wahrscheinlich und nicht wahrscheinlich, ist aber ein Satz in höherem Grade unwahrscheinlich, so muß es ihm folgen[157].

Auch das ist ein Fehler, der bei den Schlußfolgerungen vorkommt, daß man zu weitläufig beweist, obschon es kürzer geschehen könnte, mit Beschränkung auf die Prämissen, die innerlich zum Beweisgrund gehören, so z. B. wenn man zum Erweis des Satzes, daß eine Meinung mehr eine solche ist als die andere (glaubwürdiger), forderte, daß das, was an sich das Jeweilige sei, es am meisten sei; nun gebe es aber ein Objekt wahrer Meinung an sich; also sei es mehr Objekt der Meinung als die anderen Objekte. Es sei aber das Genannte ein Mehr für das Mehr (der Meinung). Es gebe nun aber auch eine wahre Meinung an sich, die genauer (und glaubwürdiger) sein müsse als die einzelnen Meinungen. Nun hat man die Postulate: einmal, daß es eine wahre Meinung an sich gibt, und dann, daß jedes Ansich am meisten das Betreffende ist. Also ist diese am meisten wahre Meinung genauer. Welches ist hier das Gebrechen? Doch wohl dieses, daß bei einer solchen Argumentation der Beweisgrund ins Dunkel gerückt wird.

+Zwölftes Kapitel.+

[Sidenote: 162b]

Eine Beweisführung ist klar: in einer, der gewöhnlichsten Weise, wenn sie so gewonnen wird, daß es keiner weiteren Fragen (Vordersätze) bedarf; in einer zweiten sodann, nach der sie auch vornehmlich so heißt, wenn sie Vordersätze verwendet, aus denen der Schlußsatz notwendig folgt und die selbst durch Schluß erhalten werden; endlich, wenn sie nur solcher Hilfssätze ermangelt, die sehr wahrscheinlich sind.

Falsch heißt eine Beweisführung in vierfachem Sinne: einmal, wenn sie durch Schluß zu erfolgen scheint, ohne daß es wirklich der Fall ist, eine Weise, die als eristischer Schluß bezeichnet wird; dann zweitens, wenn sie zwar durch Schluß erfolgt, der Schluß aber nicht auf das führt, worum es sich handelt, ein Fehler, der besonders bei der Zurückführung aufs Unmögliche vorkommt; oder drittens, wenn der Schluß zwar den Satz ergibt, um den es sich handelt, aber nicht nach der dem Gegenstande entsprechenden Methode. Das ist der Fall, wenn er nicht medizinisch ist, aber so scheint, oder geometrisch scheint, es aber nicht ist, oder dialektisch, und es wieder nicht ist, mag nun das Ergebnis richtig oder falsch sein. Endlich viertens ist die Beweisführung noch in einem anderen Sinne falsch, wenn sie mit Hilfe falscher Vordersätze zustande kommt. Der Schlußsatz einer solchen Deduktion wird bald falsch, bald wahr sein. Denn Falsches wird immer aus Falschem geschlossen, Wahres aber kann auch aus Nichtwahrem geschlossen werden, wie wir schon vorhin erklärt haben.

Daß nun eine Beweisführung falsch ist, ist mehr ein Fehler des Beweisenden als des Beweises, und auch nicht immer des Beweisenden, sondern nur dann, wenn er ihn nicht bemerkt, da wir sie uns an sich lieber als viele wahre gefallen lassen, wenn sie durch möglichst wahr Scheinendes etwas Wahres umstößt. Denn bei solcher Beschaffenheit wird sie zum Beweis, daß anderes wahr ist. Denn es ist dann durchaus notwendig, daß eine Voraussetzung nicht stimmt, und mithin kann die Argumentation zum Beweis des Gedachten dienen[158]. Leitete sie aber Wahres mit Hilfe falscher und sehr einfältiger Vordersätze ab, so wäre sie schlechter als viele Beweisführungen, die auf Falsches herauskommen, und das gälte auch, wenn sie Falsches folgerte.

Man sieht also, daß die erste Frage bei einer Beweisführung an sich[159] die ist, ob sie schließt, die zweite, ob auf Wahres oder Falsches, und die dritte, aus was für Prämissen. Wenn aus falschen, aber wahrscheinlichen, so ist sie logisch, wenn aus wahren, aber unwahrscheinlichen, so ist sie schlecht. Wenn sie aber auf Falsches und dabei noch sehr Einfältiges schließt, so ist sie offenbar schlecht, absolut oder im Verhältnis zum Gegenstand.

+Dreizehntes Kapitel.+

Wie der Fragende das ursprünglich zur Erörterung Stehende und das Gegenteil fordert, ist, wenn das Gespräch um der Wahrheit willen geführt wird, in der Analytik (Prior. II, 16) erklärt worden; wie man aber diese Forderung erhebt, wenn es sich um Wahrscheinliches handelt, soll jetzt erklärt werden.

Was die petitio principii betrifft, so scheint man sie auf fünferlei Weise zu begehen.

[Sidenote: 163a]

An erster Stelle und am augenscheinlichsten, wenn man eben das fordert, was zu beweisen wäre. Dieses Verfahren bleibt, wo man die Sache selbst nennt, nicht leicht verborgen, dagegen eher bei den Synonyma und da, wo das Wort dasselbe besagt wie die beschreibende Rede[160].

Zweitens, wenn man etwas, was eines partikulären Beweises bedürfte, allgemein postulierte, wenn man z. B. beweisen wollte, daß konträr Entgegengesetztes unter dieselbe Wissenschaft fällt, und postulierte, daß diese Regel für Entgegengesetztes überhaupt gilt. Auf diese Weise scheint man etwas, was man für sich beweisen sollte, zusammen mit anderem und umfassenderem zu postulieren.

Drittens, wenn man, wo etwas allgemein zu beweisen ist, etwas Partikuläres postuliert, z. B. wo zu beweisen ist, daß die Wissenschaft für alles Entgegengesetzte dieselbe ist, postuliert, daß sie es für einiges Entgegengesetzte ist. Hier scheint man was man mit anderem zusammen beweisen sollte, gesondert für sich zu postulieren.

Ferner, wenn man das Problem in der Art postuliert, daß man es teilt, z. B. wo man beweisen sollte, daß die Heilkunde auf das Gesunde und das Ungesunde geht, beides getrennt postuliert.

Endlich, wenn man von zwei Dingen, die sich notwendig folgen, eines postuliert, z. B. daß die Seite des Quadrats mit der Diagonale inkommensurabel ist, wo man beweisen sollte, daß die Diagonale mit der Seite inkommensurabel ist.

Auf gleich viele Weisen postuliert man das Gegenteil des zu Anfang Gefragten.

Erstens nämlich, wenn man die entgegengesetzte Bejahung und Verneinung postuliert.

Zweitens, wenn man konträr Entgegengesetztes zugestanden haben will, daß beispielsweise ein und dasselbe gut und schlecht ist.

Drittens, wenn man zuerst das Allgemeine annimmt, und dann wieder die partikuläre Kontradiktion postuliert, wenn man z. B. erst annimmt, daß es für Konträres nur eine Wissenschaft gibt, und dann wieder für Gesundes und Ungesundes je eine andere Wissenschaft fordert, oder zuerst dieses postuliert, und dann für das Allgemeine das Gegenteil zur Geltung bringen möchte.

Ferner, wenn man das konträre Gegenteil von dem postuliert, was mit Notwendigkeit aus den zugestandenen Vordersätzen folgt.

Und endlich, wenn man zwar das Gegenteilige selbst nicht annimmt, aber auf zwei Postulaten besteht, die den Widerspruch zugunsten des Gegenteils ergeben.

Die Postulierung des Gegenteils unterscheidet sich von der petitio principii dadurch, daß sich bei dieser der Fehler auf den Schlußsatz bezieht — denn ihn hat man im Auge, wenn man von einer petitio principii spricht —, das Gegenteil dagegen zielt auf die Vordersätze, sofern sie ein bestimmtes Verhältnis zueinander haben.

+Vierzehntes Kapitel.+

Um aber in dieser Art von Beweisführungen Übung und Gewandtheit zu erlangen, muß man sich erstens gewöhnen, die Schlüsse umzukehren. So wird man einmal die Probleme geschickter begründen können und dann die volle Fertigkeit gewinnen, in wenigen Schlüssen gleichsam viele zu erhalten. Denn einen Schluß umkehren heißt, das Gegenteil der Konklusion nehmen und mit ihm und den übrigen Prämissen einen von den gegebenen Sätzen umstoßen (Anal. prior. II, 8). Denn wenn die Schlußfolgerung nicht gilt, wird notwendig einer von den Vordersätzen aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus ihrer Gesamtheit schöpfte.

[Sidenote: 163b]

Sodann muß man sich bei jeder These, für die Bejahung und die Verneinung, nach Gründen umsehen, und hat man sie gefunden, sofort die Entscheidung suchen; so hat man zugleich die beste Übung fürs Fragen wie fürs Antworten. Und kann man mit keinem anderen disputieren, so muß man sich auf diese Weise für sich selbst üben. Und man muß parallele dialektische Argumente zusammenstellen und sie mit Rücksicht auf den Widerspruch des Gegners auswählen. Denn es ist für die Erhärtung einer Sache ein großer Vorteil und für die Widerlegung eine große Hilfe, wenn man für das Ja wie für das Nein Argumente zur Verfügung hat. Da muß der Gegner nach beiden Seiten auf der Hut sein.

Auch für die Erkenntnis und die philosophische Klugheit ist es kein geringes Hilfsmittel, wenn man die Konsequenzen zweier entgegengesetzten Annahmen übersehen kann und übersehen hat. Denn dann bleibt weiter nichts zu tun, als unter beiden die richtige Wahl zu treffen. Dazu bedarf es aber einer guten Naturanlage, und das ist recht eigentlich eine gute Anlage, daß man fähig ist, das Wahre richtig zu wählen und das Falsche zu meiden. Das ist eben die Kunst gut angelegter Menschen: sie begegnen dem, was man ihnen vorträgt, mit der rechten Liebe und dem rechten Haß und entscheiden richtig, was das Beste ist.

Man muß auch für die am häufigsten erörterten Probleme und besonders für die obersten Grundsätze die Beweisführungen gut innehaben. Denn bei diesen machen die Antwortenden oft Schwierigkeiten.

Ferner muß man über viele Definitionen verfügen und diejenigen unter ihnen, die sich auf die vornehmsten und ersten Begriffe beziehen, in Bereitschaft haben. Denn durch sie kommen die Schlüsse zustande.

Man muß auch danach trachten, diejenigen Stücke, auf die man sonst beim Disputieren des öfteren zurückkommt, innezuhaben. Denn wie es in der Geometrie von Vorteil ist, in den Elementen beschlagen zu sein, und wie in der Arithmetik die Vertrautheit mit der Multiplikation der Grundzahlen viel für die Gewandtheit in der Multiplikation der anderen Zahlen austrägt, so ist es auch bei den Disputationen nützlich, wenn man die Prinzipien gegenwärtig hat und die Vordersätze auswendig kann. Denn wie der Mnemoniker (der in der Gedächtniskunst Bewanderte) nur die mnemonischen Örter vor sich zu haben braucht, um durch sie sofort an die Sache selbst erinnert zu werden, so werden einen auch diese Stücke im Schließen geschickt machen, weil man die gedachten Prinzipien und Sätze in bestimmter Zahl vor sich hat. Man präge sich aber lieber einen allgemeinen Vordersatz (einen Ort) als eine Beweisführung ins Gedächtnis. Denn es ist nicht eben schwer, sich mit einem Vorrate von Prinzipien und Voraussetzungen auszurüsten.

[Sidenote: 164a]

Ferner muß man sich darin üben, aus einer Beweisführung möglichst versteckt viele zu machen. Dies geschieht, wenn man sich soweit als möglich aus dem Bereich der Dinge, die zur Erörterung stehen, entfernt. Diesem Verfahren fügen sich am besten die allgemeinsten Sätze, z. B. der Satz, daß es nicht eine Wissenschaft für Mehreres gibt; denn so allgemein gefaßt, gilt der Satz auch von dem Relativen, dem Konträren und dem Begriffsverwandten[161]. Man muß aber auch, wenn man an die Sätze des Gegners erinnert, sie in eine allgemeine Fassung bringen, wenn er sie auch in beschränktem Sinne aufgestellt hat. Denn auch so kann man aus einem Satze mehrere machen. Ähnlich verfährt man in der Rhetorik mit den Enthymemen[162]. Dagegen muß man sich für den eigenen Zweck möglichst davor hüten, seine Schlüsse zu verallgemeinern.

Auch muß man immer darauf achten, ob die Schlüsse auf Grund genereller Prämissen gewonnen werden. Denn alle partikulären Schlüsse sind auch allgemein gezogen, und in dem partikulären Beweis ist der Beweis für das Allgemeine enthalten, weil ohne das Allgemeine nichts gefolgert werden kann.

Die Gewandtheit in der Induktion muß man gegenüber einem jungen, die Gewandtheit im Schlußverfahren gegenüber einem geübten Gegner zur Geltung bringen. Von denen, die in der Syllogistik beschlagen sind, muß man die Vordersätze, von denen, die induktiv verfahren, die Beispiele zu entlehnen suchen, weil beide hierin geschickt sind.

[Sidenote: 164b]

Überhaupt muß man sehen, aus den Disputierübungen entweder einen Schluß über etwas mitzunehmen oder eine Lösung oder eine Aufstellung oder eine Beanstandung oder ein Urteil darüber, ob man richtig oder nicht richtig gefragt hat, man selbst oder sonst einer, und inwiefern das eine oder das andere geschehen ist. Denn darin liegt die Kunst, derenthalben man sich übt, und besonders in den Aufstellungen und Anständen. Denn um in zwei Worten alles zu sagen: ein Dialektiker ist wer etwas aufzustellen und zu beanstanden weiß. Aufstellen heißt, aus Mehrerem Eines machen — denn das, was zu begründen ist, muß zu einem Ganzen zusammengefaßt werden —, und Beanstanden heißt, aus Einem Vieles machen. Denn man unterscheidet entweder oder man widerlegt, indem man die eine Aufstellung zugibt, die andere nicht.

Man darf aber nicht mit jedem disputieren und sich nicht mit dem ersten besten einlassen; denn je nachdem der Gegner ist, kann aus den Disputationen nichts Rechtes werden. Wollte man einen Widerpart, der um jeden Preis den Schein behaupten will, daß ihm nicht beizukommen sei, um jeden Preis matt stellen, so wäre das zwar gerecht, aber man würde sich selbst vergeben. Deshalb darf man nicht leichthin mit jedwedem anbinden. Denn da kann nichts herauskommen als böses Gerede. Würden doch auch die, die sich bloß üben wollen, kaum umhin können, bei solchen Disputationen in einen streitsüchtigen und rechthaberischen Ton zu verfallen.

Endlich muß man noch für solche Probleme Beweise bereit haben, bei denen man nur über sehr wenige Gründe verfügt, aber solche, die für sehr vieles verwandt werden können. Das sind die allgemeinen Gründe und solche, zu denen man von den elementaren Beobachtungen und Begriffen aus schwerer den Weg findet[163].

Anmerkungen.

Zum ersten Buche.

[1] Man steht Rede in der Antwort, als Defendent. Die Bildung der Schlüsse, von der unmittelbar vorher verlautet, ist als Sache des Opponenten gedacht; es sind also Gegenschlüsse oder Widerlegungen gemeint. Das Opponieren scheint also die erste Aufgabe des Dialektikers sein zu sollen, vgl. unten II. l, Abs. 2, Ende. Daher vielleicht auch der Titel der letzten logischen Schrift: Sophistische Widerlegungen, nicht Schlüsse. In diesem Absatz ist auch der Charakter der Dialektik gegenüber der streng philosophischen Erörterung gekennzeichnet: Für den Opponenten handelt es sich um Bildung von Schlüssen, für den Defendenten um Vermeidung von Widersprüchen.

[2] Vgl. An. pr. I, 1. 24b 18ff.

[3] Die Eigentümlichkeit des dialektischen gegenüber dem apodiktischen Schlusse besteht in keinem formellen Mangel — alle Schlüsse schließen nach dem vorausgehenden Absatz notwendig —, sondern in einem materiellen Mangel: die Vordersätze sind bei ihm nicht sicher.

[4] Die erste Art eristischer Schlüsse ist materiell, die zweite formell oder zugleich auch materiell falsch. Man vergleiche im Text den folgenden Absatz.

[5] Es wäre z. B. ein pseudographischer Schluß, wenn man behauptete, ein Kreis sei doppelt so groß als ein anderer, wenn er einen doppelt großen Durchmesser hat. Der stillschweigend vorausgesetzte Obersatz ist zwar ein geometrisches Prinzip, aber ein falsches, das auch nicht wahrscheinlich ist. Man kann aber auch in der Geometrie sonst wahre Prinzipien verwenden, die aber in ihr nicht gelten, und schließt so eristisch oder sophistisch. Wollte man z. B. sagen, es müsse eine Quadratur des Kreises geben, weil das um den Kreis gezeichnete Quadrat größer, das in ihn gezeichnete kleiner als der Kreis sei, und wo ein Größeres und ein Kleineres sei, auch ein Gleiches sein müsse, so hätte man sich mit dem letzten Satz auf ein nicht geometrisches Prinzip berufen, vgl. d. soph. el. 11.

[6] Der Nutzen der Dialektik für die philosophische Erkenntnis ist also zweifach: sie hilft die Einzelfragen lösen und die Vorfragen zu den einzelnen Wissenschaften beantworten.

[7] Da die Dialektik nur Wahrscheinliches ergibt, so braucht sie nicht förmlich zu überzeugen.

[8] Griech. ὁρικόν, von ὅρος, Definition. Das Wort ist unübersetzbar, es bedeutet: was definiert oder zur Definition dient oder gehört.

[9] Fähig, die Elementarfächer, Lesen und Schreiben, sich anzueignen; vgl. B. 6, K. 5, Absatz 3, 142 b 31.

[10] Aber nicht überhaupt; denn auch die Vögel haben zwei Füße.

[11] ζῷον heißt nicht Tier, nicht lebendes Wesen und nicht Geschöpf. Tier heißt griech. θηρίον. Die Bedeutung lebendes Wesen ist hier nicht gemeint, weil sie zu allgemein ist. In der Definition muß das Genus proximum, die nächste Gattung, angegeben werden. ζῷον aber kommt z. B. auch in der Definition Gottes vor, met. XII, 7. 1072 b 28. Darum darf man das Wort auch nicht mit Geschöpf übersetzen, ganz abgesehen davon, daß auch diese Bedeutung zu allgemein wäre. Das Wort kann auch lebendes Wesen mit Einschluß der Pflanzen bedeuten. So sagt z. B. Aristoteles, daß die Seele das Prinzip der ζῷα, der lebenden Wesen, ist, d. anima I, 1. 402a 6; cf. ib. I, 5. 411b 27.

[12] Aristoteles will sagen, daß die Einteilung in Akzidenz, Genus, Proprium und Definition mangelhaft ist, sofern manches was bezüglich der Auffindung der Örter für das eine gilt, auch für das andere gilt. Trotzdem will er für jedes Genannte besondere Anweisungen geben. Was nicht ausgesprochen zum Akzidenz, Genus usw. gehört, soll nach seiner näheren Verwandtschaft damit untergebracht werden. — Zur Gattung gehörig heißt γενικός, wie zur Definition gehörig ὁρικός, vgl. Anm. 8.

[13] Vgl. oben, K. 5, Absatz 3.

[14] Πεζός geht auf die Art der Fortbewegung, im Gegensatz z. B. zu Fliegen und Schwimmen.

[15] Schon zu Anfang des 4. Kap. waren als die Materie, um die die dialektischen Schlüsse sich bewegen, die Definition, das Proprium usw. bezeichnet worden. Jetzt folgt die Begründung hierfür durch Induktion und Schluß.

[16] Ein Beispiel für den ersten Fall ist der Satz, der die Definition des Kreises ausspricht, für den zweiten Fall der Satz: alles Erschaffene ist in der Zeit geworden, für den dritten der Satz: der Mensch ist ein sinnliches Wesen, für den vierten der Satz: alle Menschen schlafen.

[17] Definition oder Wesen und wesentliche Prädikate, Gattung und Art, können in allen Kategorien stehen, da die übrigen Kategorien so gut eine Definition zulassen, wie die Substanz; dagegen können Proprium und Akzidenz nicht in der Kategorie der Substanz stehen. — Bei der Definition wird ein Ding von sich selbst oder wird von ihm die Gattung, bei dem Proprium und dem Akzidenz, wird, wie schon im Wort liegt, von dem einen Ding ein anderes ausgesagt.

[18] Frage kann auch eine Prämisse bedeuten, die der Opponent durch Fragen gewinnt, bedeutet es hier aber nicht. Ebenso kann πρότασις auch Prämisse heißen, heißt es hier aber nicht. Vgl. zu diesem Absatz B. l, K. l, Abs. 5 und K. 4, vorletzter Abs.

[19] Theoretische oder praktische Frage.

[20] Hier wird die Ewigkeit der Welt als ein unlösbares Problem bezeichnet, wobei aber glaubhaft ist, daß die Unmöglichkeit der Lösung nicht schlechthin gemeint ist, sondern subjektiv, für Personen von geringerer philosophischen Einsicht. In der Metaphysik XII, 6. 1071 b 7, beim Beweis des ersten göttlichen Bewegers, legt Aristoteles die Ewigkeit der Welt und der Bewegung zugrunde. Er wird daher besser mit sich selbst im Einklang stehen, wenn wir die erste Stelle in dem von uns bevorzugten Sinne auffassen. In der Schrift de gener. animal. freilich, III, 11. 762 b 28 ff., bespricht er mit wissenschaftlichem Ernste die Hypothese, nach der die ersten Individuen der Menschen und Vierfüßler aus der Erde entsprossen sind, indem er es für wahrscheinlicher bezeichnet, daß in diesem Falle diese Individuen aus einem Wurm, nicht aus einem Ei entstanden sind. Aber es handelt sich hier erstens nicht um die Ewigkeit der Welt, sondern der Zeugungen, und zweitens können sich nach Aristoteles die Entstehung und der Untergang der irdischen Organismen von jeher periodisch gefolgt sein. Wir möchten aber zu der Stelle, die uns auf diese Anmerkung geführt hat, besonders folgendes erinnern. Man darf nicht glauben, mit dem Philosophen in Übereinstimmung zu bleiben, wenn man die Frage nach der Ewigkeit der Welt der anderen Frage nach ihrer Ursprungslosigkeit und Unerschaffenheit gleichsetzt. Ob die Welt in Gott ihren Ursprung hat oder nicht, kann doch unmöglich als ein unlösbares Problem bezeichnet werden. Das wäre der Verzicht auf alle Philosophie, die keine andere Aufgabe hat, als die Dinge aus ihrem letzten Grunde zu erklären. Von einer solchen Frage kann man darum auch nicht sagen, was am Ende des Absatzes steht: man kann auch nach so etwas fragen. So spricht man nicht von der ersten und letzten Frage aller Forschung. Vielmehr scheint diese Fassung grade daraus verständlich zu werden, daß der Gedanke einer erschaffenen und doch ewigen Welt befremden muß. Auch das paßte auf die Frage von der Schöpfung nicht, was im vorausgehenden Absatz von der Ewigkeit der Welt gesagt wird, es sei eine theoretische, keine praktische Frage, weshalb sie auch förmlich als Beispiel einer theoretischen Frage auftritt. Die praktische Tragweite dürfte doch hier größer sein als irgendwo anders. Man muß also annehmen, daß Aristoteles die beiden Momente der Ewigkeit und der Geschaffenheit nicht für unverträglich angesehen, mit anderen Worten, daß er eine anfangslose Schöpfung für denkbar und möglich gehalten hat. Abhängigkeit und Ewigkeit des Seins waren ihm kein Widerspruch, hat er doch auch eine ewige von Gott bewirkte Bewegung gelehrt.

[21] Das Sophisma beruht auf dem Schluß: der Musikus kann kein Grammatikus geworden sein; denn da würde ein Akzidenz das Subjekt eines anderen Akzidenz; er ist aber auch nicht von Ewigkeit her ein Grammatikus; also ist etwas, was weder geworden, noch ewig ist. Der Fehler liegt darin, daß die eine Eigenschaft Subjekt der anderen werden soll, da doch beide ihr gemeinsames Subjekt an dem Menschen haben.

[22] Das ist auch die bekannte alte Einteilung der ganzen Philosophie.

[23] Beraubung ist nicht dasselbe wie Nichtvorhandensein. Sie ist das Nichtvorhandensein dessen, was man von Natur haben sollte. So ist z. B. der Blinde, nicht der Stein, des Gesichtes beraubt.

[24] Zu einem solchen Schluß kommt man mit Hilfe der Zweideutigkeit nur dann, wenn die Bedeutung, die man zugrunde legt, nicht gilt. Indessen ist das kein dialektisches, sondern ein sophistisches Verfahren, das man nur anwenden darf, wem man sich sonst nicht mehr zu helfen weiß.

Zum zweiten Buche.

[25] Dieser und die drei anderen Absätze dieses Kapitels enthalten je eine Vorbemerkung zu den Topi für das Akzidenz.

[26] Weil die Örter für die partikulären Probleme dieselben sind, wie die für die allgemeinen Probleme, so brauchen eigentlich nur die letzteren behandelt zu werden, doch ist den ersteren das K. 6 des 3. Buches gewidmet. Von den allgemein umstoßenden Örtern wird nur zu Anfang eigens gehandelt. Bald werden sie mit den begründenden oder behauptenden Örtern gemeinsam vorgenommen, doch so, daß sie in den einzelnen Absätzen meistens zuerst an die Reihe kommen. Wenn die umstoßenden Örter zuerst behandelt werden sollen, so folgt daraus nicht, daß in der Dialektik die Opposition die Hauptsache ist. Vgl. unten B. 7, Anm. 6. Der 1. Absatz in B. 1, K. 1 läßt sich auch so erklären, daß das Redestehen nachträglich genannt wird, um einmal daran zu erinnern, daß die Dialektik das Für und Wider erörtert, und dann anzumerken, daß in ihr wenigstens die formelle Richtigkeit beim Schließen gewahrt werden muß.

[27] Wenn die Unzulässigkeit eines Urteils noch nicht aus der Definition des Subjekts und seines Akzidenz hervorgeht, so muß man die einzelnen Bestandteile der Definition definieren, um sie zu zeigen.

[28] Vielleicht interessiert die Notiz, daß Thomas von Aquino diese Stelle im ersten Satz seiner Philosophischen Summa zitiert: Multitudinis usus, quem in rebus nominandis sequendum Philosophus censet Top. II, 2, communiter obtinuit, ut sapientes dicantur qui res directe ordinant et bene gubernant. Unde, inter alia quae homines de sapiente concipiunt, a Philosopho ponitur Metaphys. I, 2, quod sapientis est ordinare. — Vgl. B. 6, Anm. 15.

[29] Wenn es in der Gattung Sinnenwesen Geflügeltes und Vierfüßiges gibt, so ist darum die Art Mensch doch weder das eine noch das andere. Wenn aber die Art Mensch tugendhaft ist, so ist es auch die Gattung Sinnenwesen, indem der Mensch ein tugendhaftes Sinnenwesen ist.

[30] „Paronym, nach etwas benannt, heißen Worte, von denen das eine so nach dem anderen gebildet ist, daß es nur durch seine Beugungsform sich von ihm unterscheidet; so ist Grammatiker nach Grammatik, mutig nach Mut gebildet.“ Cat. 1, 1 a 12.

[31] Wenn man nicht weiß, ob die Arten einer Gattung von etwas ausgesagt werden, so muß man seine Zuflucht zu den verschiedenen Definitionen über die Arten nehmen, um ins klare zu kommen. Der Absatz leidet an einer gewissen Dunkelheit wegen der schwankenden Bedeutung von ἐπιχειρεῖν und ἐπιχείρημα, vgl. hierüber Trendelenburg, elem. log. Arist. § 33. p. 108 sqq. Ἐπιχειρεῖν heißt nicht bloß angreifen, um zu widerlegen, sondern auch etwas in Angriff nehmen, um pro et contra zu disputieren. Ἐπιχείρημα heißt geradezu dialektischer Schluß, vgl. unten B. 8, K. 11. Den letzten Satz unseres Absatzes darf man nicht, wie es wohl geschieht, so übersetzen: gegen Definitionen ist der Angriff oder das Disputieren leichter. Es wird ja ausdrücklich geraten, sich nach Definitionen umzusehen. Die Partikel πρός, die hier steht, heißt ja nicht nur gegen, wider, sondern auch mit Bezug auf etwas. Daher die Kategorie des πρός τι.

[32] Wenn die platonischen Ideen unsere Vorstellungen sind, so sind sie weder unbewegt noch intelligibel. Das eine nicht, weil die Vorstellungen sich mit uns bewegen, das andere nicht, weil die Vorstellungen unserer Seele von außen durch die Dinge eingedrückt werden und darum sinnlich sind. Sie sind die Abbilder ihrer Form, die als sensibile commune zwar auch mit dem Getast, doch besonders mit dem Gesicht erkannt wird, vgl. d. an. II, 6. 418a 17ff.

[33] Man kann z. B. an momentaner Eingenommenheit des Kopfes leiden, ohne krank zu sein.

[34] Begriffsverwandt ist also im Vergleich zu abgeleitet der weitere und übergeordnete Begriff.

[35] Da die Klugheit eine Tugend ist, so ist man ohne sie nicht schlechthin tugendhaft. Man scheint also, da man von Natur freigebig oder anspruchslos, aber nicht von Natur klug sein kann — wird diese Tugend doch nur durch Erfahrung erworben —, etwas beziehungsweise sein zu können, ohne es schlechthin zu sein.

[36] Das ist also die Lösung des Einwands. Wenn z. B. etwas auch mäßig warm ist, so ist es doch schlechthin warm, und wenn man an einem Orte oder zu einer Zeit deutsch sprechen kann, so kann man es schlechthin, weil einem diese Fähigkeit zuerkannt werden muß, ohne daß man einen Zusatz macht.

Zum dritten Buche.

[37] Die Gerechtigkeit ist wünschenswerter oder besser als der Gerechte soll heißen, sie macht ihn besser als seine übrigen Eigenschaften, die keine sittlichen Güter sind. In ähnlichem Sinne sagt die Heil. Schrift: „Fürchte Gott, und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“ Eccles. 12. 13.

[38] Vgl. die vorausgehende Anm.

[39] Nach der Voraussetzung, daß die Glückseligkeit die Gesundheit an Wert um mehr übertrifft, als diese ihre bewirkende Ursache, das Gesunde. Setzen wir mithin als wirkende Ursache der Glückseligkeit die Tugend, so folgt, daß diese besser ist als die Gesundheit. Der Wert des Gesunden sei z. B. = 1, der der Gesundheit das Doppelte, = 2, der der Glückseligkeit das Dreifache hiervon, = 6. Dann ist der Wert der Tugend = 3, also größer als der Wert der Gesundheit. Sie übertrifft eben das Nämliche, das Gesunde, um mehr, als diese es tut.

[40] Wer z. B. bedauert, daß ihm die Tugend abgeht, ist weniger zu tadeln, als wer bedauert, daß ihm der Reichtum abgeht. Daher ist die Tugend wünschenswerter als der Reichtum.

[41] So z. B. ein Schwert, das gut ist für seinen Zweck, den Kampf.

[42] So ist z. B. die Tugend besser als die Lust.

[43] II, 2, Abs. 3.

[44] Man muß nicht nur das Subjekt, sondern auch das Prädikat, das Akzidenz, in Arten unterscheiden. Wenn es heißt, man solle das Akzidenz nach Art oder nach Zahl unterscheiden, so scheint der Ausdruck Zahl für die Fälle vorbehalten zu sein, wo man nicht gut von Arten sprechen kann. Vielleicht ist das der Fall bei den graden und ungraden Zahlen in zweiten Beispiel.

[45] Mit angehen haben wir ἐπιχειρητέον übersetzt; vgl. Anm. II, 31.

Zum vierten Buche.

[46] Die Ordnung, in der die vier Gegenstände der Probleme und der Disputationen, Akzidenz, Gattung, Proprium und Definition, sich folgen, mag durch folgende Rücksicht bestimmt sein: das Akzidenz wohnt dem Subjekt bei, steht aber nicht als Wesensbestimmung und läßt sich nicht mit ihm vertauschen; z. B. Markus ist blind. Die Gattung wohnt nicht nur dem Subjekt bei, sondern gehört zur Bestimmung seines Wesens; Beispiel: Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Das Proprium wohnt nicht nur dem Subjekt bei, sondern wird mit ihm vertauscht; Beispiel: Der Mensch lacht, was lacht, ist Mensch. Die Definition endlich wohnt nicht nur dem Subjekt bei, sondern steht als Wesensbestimmung und wird mit ihm vertauscht; Beispiel: jeder Mensch ist ein vernünftiges Sinnenwesen, jedes vernünftige Sinnenwesen ist ein Mensch; nach Silv. Maurus, in 1. II. Top. Synopsis.

[47] Denn die Definition enthält die Gattung und ist ein Proprium des Definierten. Auch darum also kommt die Definition zuletzt an die Reihe.

[48] Auch darum kommen die Gattung und das Proprium erst nach dem Akzidenz an die Reihe.

[49] Vgl. oben I, 5. 102 b 6.

[50] Sinnenwesen läßt nicht den Begriff des Menschen, wohl aber Mensch den Begriff des Sinnenwesens zu: das Sinnenwesen ist kein Mensch, aber der Mensch ein Sinnenwesen.

[51] Es müßte also das Seiende oder das Eine ein Lebendiges oder ein Körperliches oder zu einer anderen der höchsten Gattungen Gehöriges sein, was nicht der Fall ist. Somit steht Seiendes und Eines unter keiner Gattung.

[52] Eine schwierige Stelle! Es ist hier die Rede von einer Art, die zu einer Gattung gehört, auf der ersten Einteilung beruht und an keiner Art, sondern nur an einer Gattung teilhat. — Was an der Gattung teilhat, muß doch auch, wie es gleich weiter unten in diesem Absatz heißt, an einer der Arten teilhaben. Und was ist das für eine Art, die an keiner Art teilhat? — Art, εἶδος, hat hier die Bedeutung von Begriff: die auf der ersten Einteilung beruhenden Arten oder Gattungen sind die zehn Kategorien als oberste Begriffe. Sie zerfallen nicht in Arten. Die Substanz z. B. zerfällt in geistige und körperliche Substanzen, was keine Arten sind, die Größe in stetige und diskrete Größen, Raumgrößen und Zahlen, was wieder keine Arten sind.

[53] Die Lust als Bewegung soll eine Art Erregung sein, freudige Erregung. Bewegung, κίνησις, hat einen weiten Sinn, in welchem sie die Ortsbewegung, die Zu- und Abnahme, die qualitative Veränderung und die substantiale Veränderung, das Werden und Vergehen, umfaßt (Alexander zu dieser Stelle, pag. 156). Da nun die Lust keine dieser Bewegungen ist, so ist sie überhaupt keine Bewegung.

[54] Dagegen ist eine Art des Seienden, Wahren, Gegenstand der Wissenschaft, der ἐπιστήμη, dasjenige Seiende nämlich, das man aus seinen Gründen erkennt. Ein falsches Urteil über solches aus seinen Gründen erkennbares Seiendes wäre kein Wissen, sondern Meinung, δόξα, irrige Meinung, oder einfach ψεῦδος, Irrtum. Das unmittelbar, aus sich erkannte Seiende ist Gegenstand des νοῦς, der geistigen Anschauung; so die obersten Grundsätze.

[55] Alexander hat folgendes: „Platos gedenkt er, um diesen Ort hervorzuheben und seinen Nutzen zu zeigen, da er auch dazu dienen könne, die Redeweise eines berühmten Mannes zu rügen. Aber er hat sich unbewußt selbst eine Rüge erteilt, da er im 5. Buch der Physik 226b 32 ff., nachdem er bemerkt hat, die Ortsbewegung habe keinen eigenen Namen, sie Phora nennt.“ Man kann zur Rechtfertigung des Aristoteles sagen, daß er unter Phora die physikalische Ortsbewegung versteht, die wirklich nichts anderes ist als ein totes, willenloses Dahingetragenwerden.

[56] Vgl. 1. B. 15. Kap.

[57] Steht also in diesem Falle das konträre Gegenteil der Art nicht in derselben Gattung wie sie selbst, so ist die Gattung schlecht angegeben. Vgl. cat. 11, 14a 19ff.: „Alles Konträre muß entweder in derselben Gattung stehen oder in den konträren Gattungen oder muß selbst Gattung sein. Weiß und Schwarz stehen in derselben Gattung — ihre Gattung ist Farbe —, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den konträren Gattungen — die Gattung des einen ist Tugend, die des anderen Laster —, und Gut und Bös stehen in keiner Gattung, sondern sind selbst Gattungen.“

[58] Beispiel: „die natürliche Neigung zum Guten steht nicht in der Gattung Tugend. Denn das Kontrarium von Tugend ist Laster. Es müßte also auch die natürliche Neigung zum Laster in der Gattung Laster stehen. Das aber ist nicht der Fall. Denn das Laster kann nicht natürlich sein. Also.“ Nach Silv. Maurus.

[59] Steht weiß in der Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, dann auch schwarz.

[60] Rot liegt in der Mitte zwischen weiß und schwarz und steht in der Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, also auch weiß und schwarz.

[61] Wie Ungerechtigkeit der Gerechtigkeit, so ist das Laster der Tugend konträr. Die Tugend ist aber Gattung für Gerechtigkeit. Also ist das Laster Gattung für Ungerechtigkeit. Denn wo die Gattungen konträr sind, müssen konträre Arten zu konträren Gattungen gehören.

[62] Vgl. B. 2, K. 8.

[63] Die Tugend ist relativ, sofern sie sich auf bestimmte Güter bezieht, die Gerechtigkeit z. B. auf das Recht.

[64] Griechisch heißt es: καὶ γὰρ τῶν νοητῶν ἔνια ἐπιστητά. Man darf das nicht übersetzen: „denn auch solches, was rein intelligibel ist, gehört zum Gewußten“; noch weniger: „da auch von dem durch die Vernunft Erkannten einiges wißbar ist“. Julius Pacius hat richtig: „quoniam in rerum intelligibilium numero nonnulla scibilia sunt“.

[65] Gedächtnis, μνήμη, ist hier der Akt der Erinnerung.

[66] Was geschähe, wenn der Glaube Gattung von Meinung wäre. Denn man kann meinen, ὑπολαμβάνειν, ohne zu glauben, πιστεύειν.

[67] Aristoteles irrt, wenn Gott das Schlechte soll tun können. Jedenfalls aber beweist dies, daß er Gott Willensfreiheit zugeschrieben hat. Hiermit streitet nicht, daß er das höchste Wesen immer das Beste tun läßt, womit vielleicht auch seine Meinung von der Ewigkeit der Welt zusammenhängt. Denn da das Sein besser ist als das Nichtsein, so erscheint es besser, daß die Welt von jeher war, als daß sie erst in der Zeit ins Dasein gerufen wurde. Aber diese Notwendigkeit, immer das Beste zu tun, ist im Sinne des Aristoteles die höchste Freiheit. Nur scheint hier übersehen, daß es im Bereich des Geschaffenen kein absolut Bestes gibt, da es immer noch höhere Grade der Vollkommenheit geben kann. Gott tut immer das Beste, indem er die Ratschlüsse seiner Weisheit und Güte aufs beste ausführt. Übrigens muß man an unserer Stelle, um Aristoteles gerecht zu werden, noch folgendes bedenken. Er sagt: jedes Vermögen ist etwas Wünschenswertes. Vermögen ist aber die Fähigkeit, etwas gut zu machen, die gleichzeitig Fähigkeit ist, etwas absichtlich nicht gut zu machen. Wer gut schließen kann, kann auch verkehrt schließen. So hat Gott die Wahlfreiheit, sofern sie ein Gut ist. Denn sie beruht auf Erkenntnis und Willensmacht. Sofern sie nun auf Konträres geht, scheint mit ihr, absolut zu reden, das Vermögen schlecht zu wählen verbunden zu sein. — Silvester Maurus will der Schwierigkeit anders Herr werden, indem er in seiner Paraphrase statt Gott angelus setzt, als wäre etwa an einen Sphärengeist gedacht.

[68] So ist die Glückseligkeit kein Vermögen, weil man sie ihrer selbst wegen wünscht und wählt. Die Wahlfreiheit hat ihren Wert insofern, als man einen guten Gebrauch von ihr machen kann.

Zum fünften Buche.

[69] Lebewesen = ζῷον, vgl. Anm. I, 11.

[70] Nachdem die vier Arten des Proprium im 2. Absatz paarweise genannt und an Beispielen kurz verdeutlicht worden sind, werden sie hier jede für sich näher erklärt. — Proprium des Menschen an sich ist sterbliches wissensfähiges Sinnenwesen. Es sind scheinbar zwei Attribute, aber sterblich soll Sinnenwesen nur von den Geistern unterscheiden. K. 4. Abs. 2 ist wissensfähiges Sinnenwesen Proprium des Menschen. Das Merkmal wissensfähig unterscheidet ihn von den Tieren, sofern sie nicht wissen, und von Gott, sofern er nicht des Wissens bloß fähig ist, oder es passiv aufnimmt, δεκτικός. Aber obschon ein solches Proprium seinem Subjekte an sich und immer zukommt, so ist es doch keine Wesensbestimmung, wie etwa die Gattung, sondern etwas, was zum Wesen hinzutritt. So ist es z. B. auch ein Proprium des ebenen Dreiecks, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt, aber das folgt erst aus der Definition, nach der es eine von drei graden Linien umschlossene Figur ist. So folgt auch wissensfähig beim Menschen aus seiner vernünftigen Natur.

[71] Man geht ja nicht immer spazieren, wie man immer ein Kompositum aus Leib und Seele ist. Daß dieses Proprium auch nur dann vorliegt, wenn man zufällig der einzige Spaziergänger ist, sagt Absatz 2.

[72] Das relative Proprium ist zugleich ein Akzidenz. Denn im Vergleich zu dem einen ist es ein Proprium seines Inhabers, im Vergleich zu dem anderen ist es kein Proprium. Akzidenz aber ist, was einem Subjekte zukommen und nicht zukommen kann. Mithin gelten die Örter für das Akzidenz auch für das relative Proprium.

[73] Seite 129b hat Bekker γνωριμώτερον ὑπάρχει. Wir korrigieren ὑπάρχειν, gleich εἶναι. ὑπάρχει steht auch als Kopula wie ἐστίν.

[74] Nach der alten Physik gibt es eine dreifache natürliche Bewegung der Körper, nach oben, nach unten und im Kreise. Am höchsten nach oben steigt das Feuer, nach ihm die Luft. Am tiefsten nach unten steigt die Erde, nach ihr das Wasser. Die ätherischen Himmelskörper, die Sphären und Gestirne, bewegen sich im Kreise.

[75] Die Übersetzer sind hier unklar, weil sie nicht gesehen haben, daß ἐπίστασθαι τοῦτο nicht bloß heißen kann: dieses wissen, sondern auch, daß dieses weiß, z. B. dieses Geschöpf oder dieses Kollegium. Das ist nach Aristoteles die eine Zweideutigkeit, die andere ist, daß es ein aktuelles und ein habituelles Wissen gibt. Aus der Kombination der beiden Paare ergibt sich ein vierfacher Sinn. Schon vorher war gesagt worden, daß wahrnehmen, αἰσθάνεσθαι, zweierlei bedeutet: den Sinn haben und den Sinn gebrauchen. Die böhmische Sprache hat für den doppelten Sinn des Zeitworts eine doppelte Form.

[76] Vgl. Anm. I, 11.

[77] Es heißt hier, wie schon früher wiederholt, daß das Proprium in gewissem Betracht richtig angegeben sei. Es liegt an sich näher, das Feuchte oder das Wasser, ὑγρόν, nach seiner Eigentümlichkeit anders zu bestimmen als durch das Merkmal, daß es sich in die Gestalt des umschließenden Körpers fügt. Man kann seine Eigentümlichkeit etwa ähnlich wie beim Feuer nach seinem eigentümlichen Orte bestimmen. Aber es liegt Aristoteles daran, mit den Beispielen zu wechseln, um die vielen möglichen Rücksichten zu zeigen, die hier in Betracht kommen. Jedenfalls soll das κατὰ τοῦτο, in diesem Betracht, keinen Mangel besagen, als ob das Proprium nur in einer Beziehung richtig angegeben wäre, vgl. unten Anm. 83.

[78] Im Griechischen heißt es wörtlich: „bei den anderen Bestimmungen, die etwas nicht bekannter machen oder bekannter machen“.

[79] Erste Trägerin der Farbe oder, wie es wörtlich heißt: „das, was zuerst gefärbt ist“, ist die Fläche insofern, als zwar der Körper gefärbt ist, aber nur, sofern er eine Fläche hat. Das ist auch eine der etwas gezwungenen und fernliegenden Weisen, das Proprium anzugeben; deshalb wieder der Zusatz: in diesem Betracht, κατὰ τοῦτο, ist es gut bestimmt.

[80] Daß die Definition des Menschen sei: animal gressibile bipes, setzt Aristoteles hier frei voraus. Es ist seine Art, mitunter, wo der Ort nicht ist, genau zu sein, unbestimmt und nach der vulgären Meinung zu reden. Die richtige Definition des Menschen ist: animal rationale. Darüber, daß das Proprium nicht zum Wesen gehört, vergleiche man die Anm. 70. Von Natur zahmes Wesen wird als Proprium gelten gelassen, weil es mit Mensch vertauscht wird. Katze, Hund und Rind usw. sind zwar auch zahm, aber sie kommen auch wild vor, sind also nicht von Natur zahm.

[81] Auch vom reinen Geist kann man sagen, daß er eine Seele hat, wie z. B. Plato von Zeus, den er als das höchste Wesen denkt, sagt, es wohne ihm eine königliche Seele ein, Philebus 30 D. Es ist also hier eigentlich ζῷον im Sinne von Lebewesen gemeint; vgl. K. 4, Abs. 4, wo Gott wieder ζῷον heißt. Was Aristoteles tadelt, ist nicht die Sache, sondern die Form: das Genus fehlt. Im 4. Kapitel wird er uns sagen, daß auf eben diese Weise das Proprium sachlich richtig angegeben wird. Man vergleiche dort den 4. Absatz, Ende.

[82] Im Griechischen steht διὰ τῶνδε, das sonst auf nachfolgendes weist; besser stände διὰ τούτον.

[83] Das vorige Kapitel hat gezeigt, wie das Proprium in einem bestimmten Betracht richtig angegeben wird. Jetzt soll gezeigt werden, wie es schlechthin richtig angegeben wird. Das ist der Fall, wenn es überhaupt, ὅλος, ein Proprium ist. Letzteres ist weniger, als wenn es in jedem Betracht richtig angegeben wird.

[84] Vgl. oben Anm. 2.

[85] Am Wissen teilnehmend, ἐπιστήμης μετέχον, ist zu unterscheiden von das Wissen aufnehmend, ἐπιστήμης δεκτικόν, oder des Wissens fähig. Teilhaben besagt keine Passivität, die in Gott, der lauteren Aktualität und Wirklichkeit, keine Stelle findet, obwohl für das höchste Wesen und das Prinzip alles Seins auch der Ausdruck teilnehmend nicht recht paßt und nur gewählt ist, um ein gemeinsames Attribut für Gott und die endlichen Geister zu haben.

[86] Vgl. oben Anm. 13. Der vorausgehende Absatz 2 scheint müßig und unterschoben. Er deckt sich vollständig mit dem folgenden Absatz 4. Silvester Maurus geht in seiner Paraphrase anscheinend über ihn hinweg.

[87] Der Ausdruck ist auffallend, der Sinn ist einfach: noch bevor man selbst ist und Mensch ist, und auch später, kann von einem anderen, das Subjekt oder Träger des Namens Mensch ist, etwas ausgesagt werden, was nicht zum Wesen oder den wesentlichen Bestimmungen des Menschen gehört. Wenn dasselbe also von einem selbst als Proprium ausgesagt wird, so kann dies nur zeitweilig gelten.

[88] Vgl. Anm. 2.

[89] Beseelte Substanz ist Proprium des Sinnenwesens oder besser des Lebewesens, nicht Definition. Das Verhältnis der Seele zur Substanz wird nicht angegeben; es ist bei den Sinnenwesen das der Form, bei den reinen Geistern ist die Form selbst Substanz. Beim Lebewesen überhaupt ist die Beseeltheit das Proprium, das es von den anderen Substanzen unterscheidet.

[90] Vgl. die vorige Anmerkung. Leben ist dasselbe wie Beseeltsein. Vgl. de anima II, 2. 413a 20: „Wir sagen, das Beseelte sei von dem Unbeseelten dadurch unterschieden, daß es lebt“.

[91] Dieser ganze dritte Ort trügt. Dem Nichtlebewesen kommt überhaupt nichts zu, da es nichts ist. Dem Lebewesen aber ist es nicht eigentümlich, daß es kein Nichtbeseeltes ist, da das etwas Negatives ist. Anders Silv. Maurus: „Proportionalis locus est: quod non est proprium unius contradictorii, est proprium alterius. At hic locus non est universaliter verus. Non enim valet, sentire non est proprium hominis; ergo est proprium non hominis.“

[92] Lebewesen heißt hier wieder auch mit Bezug auf Gott ζῷον. Dem Menschen, dem Tier und der Pflanze kommt das Prädikat sinnlich wahrnehmbar zu, es ist also für keines von ihnen ein Proprium. Im Griechischen steht: keinem anderen sterblichen Lebewesen, statt: keinem anderen Lebewesen, das sterblich ist, wie man in dieser Sprache auch sagt: die Griechen und die anderen Barbaren, d. h.: die Griechen und die anderen, die Barbaren sind. Für Gott ist das Prädikat intelligibel kein Proprium, weil er es mit den Sphärengeistern teilt.

[93] Vgl. oben B. 5, K. 1, Abs. 4, bei Bekker 128b 37ff.

[94] Das Griechische ist nicht wörtlich übersetzbar. Es ist hier das Verhältnis des Nominativus und des Dativus gemeint. Der Text heißt: ἐπεὶ τοῦ ἀνθρώπου ἐστίν ἴδιον τὸ πεζὸν δίπουν, καὶ τῷ ἀνθρώπῳ εἴη ἂν ἴδιον τὸ πεζῷ δίποδι λέγεσθαι 136b 20ff.

[95] Vgl. B. 2, K. 9.

[96] Der Arzt stellt nicht allein die Gesundheit her, sondern auch die Arznei, die Diät oder einer, der einen guten medizinischen Rat gibt, und der Baumeister macht nicht allein ein Haus, sondern auch wohl einmal ein Farmer. Dagegen ein Mann, der ein Hersteller der Gesundheit ist, ist nur der Arzt, und ein Mann, der ein Hersteller von Häusern ist, nur der Baumeister.

[97] Dieser Ort ist unter den vielen schwierigen Örtern, die sich um das Proprium drehen, wohl einer der schwierigsten. Man kann ihn mit Anwendung des aristotelischen Beispiels so erklären. Ist es der Klugheit nicht eigentümlich, Wissenschaft des Schönen zu sein, dann auch nicht, Wissenschaft des Häßlichen zu sein. Denn sie hat zu beiden dasselbe Verhältnis. Wenn es ihr aber eigentümlich ist, Wissenschaft des Schönen zu sein, dann kann es ihr wieder nicht eigentümlich sein, daß sie Wissenschaft des Häßlichen ist. Denn eines kann nicht Proprium für zwei sein. Diese Folge ergäbe sich aber. Denn man kann Klugheit mit Wissenschaft des Schönen und des Häßlichen vertauschen und darum auch diese beiden unter sich, und so wäre es der Klugheit und der Wissenschaft des Schönen gleich eigentümlich, Wissenschaft des Häßlichen zu sein. — Aristoteles bemerkt dem Sinne nach, daß sich dieser Ort von dem vorigen unterscheidet, weil er nicht zwei, sondern nur ein Ding im Verhältnis zu zweien betrachtet. Daher ist er nur für die Widerlegung zu gebrauchen.

[98] Im Griechischen steht nicht θνητός, was dem Menschen nicht eigentümlich, sondern mit den Tieren gemeinsam ist, sondern βροτός, die eigentümliche Bezeichnung für ihn, sofern er sterblich ist.

[99] Im Begriff des ζῷον, Mensch, Tier und Pflanze, liegt, daß es ihm eigentümlich ist, aus Leib und Seele zu bestehen, dagegen nicht im Begriff des Menschen, daß es ihm eigentümlich ist, zu ruhen, wohl aber ist ihm dies zwar nicht eigentümlich, kommt ihm aber zu, wenn man ihn als Idee betrachtet. Denn die Ideen ruhen nach der Ansicht ihrer Vertreter. Hiergegen erhebt sich ein Bedenken: es scheint dem animal nicht eigentümlich, sondern wesentlich zu sein, aus Seele und Leib zu bestehen. Hierauf ist zu sagen, daß das Wesentliche beim animal das Verhältnis von Seele und Leib, Sein und Leben gebender Form und Sein und Leben empfangendem Stoff ist. Davon ist das Zusammengesetztsein zu schlechthinniger Einheit die Folge; es ist also ein notwendiges Proprium.

[100] Die vollkommeneren Tiere haben alle fünf Sinne, die unvollkommensten nur einen oder zwei, das Getast und den Geschmack.

[101] Dem Menschen ist die Tugendhaftigkeit nicht eigentümlich: es gibt auch böse Menschen. Darum, sagt der Text sehr frei, ist auch dem mehr Mensch kein mehr Tugendhaft eigentümlich. Davon, daß es kein mehr Mensch gibt, wird abgesehen. Es gibt aber z. B. ein mehr Lebendigsein, wie bei den Tieren der höheren Stufen. Alexander bemerkt zu 137b, 14, daß die Wesenheiten kein Mehr und Minder zulassen.

[102] Die höchste Schicht zwischen Luft und Äther ist dem Aristoteles Feuer, das freilich nicht leuchtet wie die Flamme, sonst würde man es in der Nacht sehen.

[103] In diesem Absatz entsteht für das Verständnis des Griechischen eine Schwierigkeit, weil μᾶλλον hier nicht mehr, sondern eher heißt und dem entsprechend auch die Bedeutung von ἧττον, weniger, sich modifiziert. Eine Schwierigkeit in diesem Absatz ist auch, daß dem ζῷον die Wahrnehmung nicht eigentümlich sein soll, aber es bezeichnet auch die Pflanze und den reinen Geist, die nicht sinnlich wahrnehmen. Dem Menschen ist das Wissen nicht eigentümlich, weil auch Gott es hat. Noch eine Schwierigkeit bietet der Ort mit dem zahmen Menschen und dem lebenden ζῷον. Wir legen ihn uns auf folgende Weise zurecht. Beim Menschen kann man zweifeln, weil viele Menschen bösartig sind, beim ζῷον, weil die Pflanze im Vergleich zum Tier nicht zu leben scheint. Indessen ist der Zweifel hier geringer, weil schon das Wort ζῷον auf ζῆν, leben, hinweist. Nun ist es dem Menschen aber wirklich eigen, daß er ein zahmes ζῷον ist, vgl. Anm. 80; die Bösartigkeit kann nicht zur Natur des Menschen gehören, vgl. B. 4, Anm. 58. Also ist es auch dem ζῷον eigen, daß es lebt. Daß sie leben, ist bei den ζῷα Proprium, nicht Wesensbestimmung, weil das Leben das Wesen voraussetzt. Bei den Organismen ist es logisch später als das Was, weil es auf die substantielle Einheit von Leib und Seele erst folgt, daß das Kompositum aus beiden lebt, bei den reinen Geistern aber folgt es auf die Geistigkeit. — Silv. Maurus teilt die loca in diesem und dem vorausgehenden und den zwei folgenden Absätzen so ein: im ersten Ort wird eines von einem gesagt, im zweiten zwei Dinge von zweien, im dritten eines von zweien und im vierten zwei Dinge von einem. Man vergleiche hierzu Alexander zu 137b 14.

[104] Vielleicht ist daran gedacht, daß auch das Innere des Körpers gefärbt ist und sich beim Bruch gefärbt zeigt, zumal da nach Aristoteles die Farbe nicht vom Lichte kommt, sondern durch das Licht nur sichtbar wird. Wenn es der Oberfläche nicht eigentümlich ist, gefärbt zu sein, so ist es dem Körper darum nicht eigentümlich, weil zwei Dinge nicht dieselbe Eigentümlichkeit haben können.

[105] Dem Sinnenwesen scheint wahrnehmbar eher eigen als teilbar. Teilbar sind auch Linien und Flächen, aber sie sind, streng mathematisch genommen, nicht wahrnehmbar, nur denkbar. Aber auch wahrnehmbar ist ihm nicht eigen, alle Körper sind es. — Wahrnehmbar darf nicht mit wahrnehmend übersetzt werden: αἰσθητόν ist nicht αἰσθητικόν.

[106] Dieses Beispiel bereitet Schwierigkeiten. Zwei Absätze vorher 138a 7 hieß es: dem ζῷον ist die Wahrnehmung nicht eigen, hier heißt es: sie ist ihm eigen, auch ist es schwer zu sagen, warum man weniger geneigt sein soll, dem ζῷον die Wahrnehmung als Proprium beizulegen denn das Leben; eher scheint das Gegenteil der Fall. Auch vorhin schon war eine unmögliche Annahme gemacht worden mit dem mehr Mensch sein, vgl. Anm. 101. So legt sich denn der Gedanke nahe, ja, drängt sich auf, daß die Sätze, die uns hier begegnen, nur hypothetisch stehen. Für ihren hypothetischen Charakter spricht auch ihre Konstruktion im Urtext. Es heißt 138a 27–29 wörtlich so: „da oder wenn, ἐπεὶ, dem ζῷον das Wahrnehmen weniger eigentümlich ist als das Leben, das Wahrnehmen ihm aber eigentümlich ist, so möchte es ihm eigentümlich sein, daß es lebt.“ Hiernach würde sich auch die Erklärung früherer loca vereinfachen. Die Anm. 103 z. B. würde sich in folgender Weise modifizieren. ζῷον wäre als Sinnenwesen zu denken, wie es ja auch an unserer Stelle diesen engeren Sinn hat, und die Zeilen 10–12 im griechischen Text wären in dieser Umschreibung wiederzugeben: nehmen wir an, es liege nicht so nahe, dem Menschen als Proprium zuzuschreiben, daß er von Natur zahm ist, wie daß er lebt, da wäre es, wenn er gleichwohl von Natur zahm ist, gewiß eine Eigentümlichkeit von ihm, daß er lebt.

[107] Hier bekommt man wieder den Eindruck, daß die Annahme rein hypothetisch ist.

[108] Weil ein und dasselbe nicht die Eigentümlichkeit von zweien sein kann.

Zum sechsten Buche.

[109] Ebendarum kann wissensfähig Proprium des Menschen sein; vgl. B. 5, Anm. 70.

[110] Vgl. bei Aristoteles d. anima I, 4. 408b 32 ff.; bei Plato Phädrus K. 24, 245 C. Übrigens will Aristoteles sonst nicht, daß die Seele sich selbst bewegt, weil sie überhaupt nicht bewegt werde, l. c. Zeile 30 f. Wenn man freilich das Wort bewegen in dem weiteren Sinne von tätigsein nimmt, so würde er eine Selbstbewegung der Seele nicht bestreiten, da die vernünftige Seele sich selbst erkennt und liebt. Daß es schwer sein soll, zu sagen, ob die Seele Zahl und sich selbst bewegend Proprium ist, ist wohl so zu nehmen: man weiß nicht, ob nach den Platonikern Zahl Gattung und sich selbst bewegend spezifischer Unterschied sein soll.

[111] Was sich bewegt, hat eben damit ein unbestimmtes Sein. Es wäre nach diesem Orte verkehrt, das Geometrische aus der Bewegung zu bestimmen, die Linie z. B. als den Fluß des Punktes.

[112] Der Sinn scheint zu sein, daß bei der gedachten Annahme die Definition doppelt fehle, weil sie das Objekt nicht aus Früherem und nicht aus Bekannterem bestimmt.

[113] Wie man auch bei der Angabe der Leistungsfähigkeit das Höchste nennt.

[114] S. 143a 15 liest man: εἰ ὑπερβαίνειν λέγει τὰ γένη. Wir haben übersetzt, als stände da: ὑπερβαίνων, und als bedeutete λέγει: er definiert. Ist ὑπερβαίνειν, wie es scheint, richtig, so wäre so zu übersetzen: (man weist dem anderen die Mangelhaftigkeit seiner Definition nach) wenn man erklärt und betont, daß er die Gattungen überschlägt.

[115] Das ist freilich ein schlagender Beweis gegen die Ideen, wie Aristoteles sie deutet, ohne daß die Schriften Platos diese Deutung irgendwie rechtfertigen. Es sollten nach Aristoteles konkrete Genera, wirklich existierende Allgemeinheiten sein, eine contradictio in adiecto! Alles Wirkliche ist individuell. Gibt es also eine subsistierende Länge, so ist sie entweder unausgebreitet oder sie hat Breite. Ist sie unausgebreitet, so ist sie nicht Gattung für Linie, sondern selbst Linie. Hat sie Breite, so ist sie wieder nicht Gattung für Linie, weil die Linie keine hat und sich der Begriff der Gattung doch in der Art erfüllen müßte; der Mensch z. B. muß ein Sinnenwesen sein, und so müßte die Linie Breite haben, wenn die subsistierende ausgebreitete Länge ihre Gattung wäre. — Die Gattung ist der Zahl nach eine, wenn man sie subsistieren läßt. In Wirklichkeit ist sie eben nur als Gattung eine, in ihren Arten aber mehreres und noch mehr nach der Zahl der unter sie fallenden Individuen.

[116] Die Gattung darf von der Differenz nicht so ausgesagt werden, als befasse sie die Differenz unter sich; sie befaßt die Art unter sich, der die Differenz zukommt, so Sinnenwesen das vernünftige Sinnenwesen, den Menschen, nicht die Vernünftigkeit, wie die Tugend die Gerechtigkeit umfaßt. Wohl aber sagt man: das Vernünftige ist ein Sinnenwesen, das Vernunft hat, wobei man von den Geistern, die auch Vernunft haben, absieht. Sagt man von den Differenzen die Gattung so aus, als wären sie begrifflich von ihr umfaßt, so wäre die Folge einmal, daß die Gattung öfter genannt würde, so, wenn gehend und zweifüßig den Begriff Sinnenwesen einschlössen und Differenzen des Menschen wären. Eine weitere Folge wäre die Absurdität, daß die Differenzen entweder Art oder Individuum wären, da alles, wovon die Gattung ausgesagt wird, eines von beiden ist.

[117] Dieser Fall ist mit dem vorigen verwandt. Die Differenz hat einen weiteren Umfang als die Art, zweifüßig z. B. oder auf Füßen gehend einen weiteren Umfang als Mensch, und doch müßte sie ihrem ganzen Umfang nach unter die Art fallen. Auch würde die Differenz Art, zweifüßig z. B. Mensch sein, was absurd ist.

[118] Die Differenz steht in der Mitte zwischen Gattung und Art, sie setzt die Gattung voraus, zweifüßig z. B. das Sinnenwesen, wird aber ihrerseits von der Art vorausgesetzt, zweifüßig z. B. von Mensch: sie begründet die Art.

[119] Das scheint hier πάθος zu bedeuten, nicht Leiden oder Passivität oder Zustand, sondern ποιότης παθητική, besonders Trockenheit und Nässe. Weiter in diesem Absatz wird erklärt, daß die Qualitäten überhaupt, also auch Wärme und Kälte hier in Betracht kommen; vgl. de gen. et corr. II, 2. 329b 24 ff. Eher scheint aber, nach der Definition von πάθος, die Metaph. V, 21 an erster Stelle gegeben wird, der Begriff in unserem Text noch einen weiteren Umfang zu haben. Es heißt dort: πάθος heißt in einer Weise die Qualität, nach der etwas qualitativ verändert werden kann, wie weiß und schwarz, süß und bitter, Schwere und Leichtigkeit und dergleichen.

[120] Vgl. B. 2, K. 7 u. 9, B. 5, K. 6.

[121] Sind die Ideen ewige Wesenheiten, so kann das Sterbliche, sind sie ohne Wirken und Leiden, so kann das Wirkende und Leidende nicht an ihnen teilhaben. Sind sie aber schöpferische Gedanken, so brauchen ihre Erzeugnisse ihnen nicht gleichartig zu sein: mit ewigem Gedanken kann Zeitliches und ohne Bewegung kann Bewegtes gedacht werden.

[122] Ein Sophist Dionysius wird in der Physiognomik 3, 808a 16 genannt. Wenn man das Leben definiert wie er, so paßt die Definition nur auf die Tiere, nicht auf die Pflanzen. Man kann auch die Absicht haben, ein zweideutiges Wort nur nach einer Bedeutung zu erklären, und gleichwohl eine Erklärung geben, die auf beide Bedeutungen paßt. In beiden Fällen kommt die Mehrdeutigkeit nicht zu ihrem Recht. Das eine Mal wird sie von dem Definierenden übersehen, das andere Mal stellt die Definition keine Scheidung her.

[123] Silv. Maurus bemerkt hier: loquendum cum multis, sentiendum cum paucis; vgl. 2. B. 2. K. letzter Absatz. Es ist falsch zu übersetzen: „wenn auch manches nicht nach der allgemeinen Ausdrucksweise zu bezeichnen ist“, oder: „wenn man auch einzelnes nicht so wie die Menge bezeichnen könne“.

[124] Von jedem Punkt der Geraden kann man nach hinten und vorn nicht über den nächsten Punkt hinaussehen, weil er die folgenden verdeckt. So paßte die Definition vielleicht auf jede Grade.

[125] In diesem Falle muß also eher die Bezeichnung für die Gattung als die für die Differenz vertauscht werden.

[126] Feuer galt der alten Physik als Körper, aber Farbe ist kein Körper, sondern eine Qualität des Körpers.

[127] Wer heimlich und unbemerkt etwas wegnehmen will, es aber nicht fertig bringt, ist ein Dieb, aber kein guter Dieb.

[128] Man vergleiche nikomachische Ethik III, 9 und dazu die Anm. 17 in unserer Übers. d. Ethik.

[129] Vgl. B. 5, Anm. 99. Ob eine Verbindung Fleisch oder Knochen ist, soll sich danach richten, welche Elemente in dem Kompositum überwiegen, vgl. d. anim. I, 5. 410a 1 ff.

[130] Es gibt kein kontrares Gegenteil von Fleisch und Knochen, wie es z. B. eines von weiß und hell gibt.

[131] Mit dem bloßen Wort Zusammensetzung hat man keine Definition des Zusammengesetzten.

Zum siebenten Buche.

[132] Ob eine Definition richtig ist, hängt davon ab, ob sie mit dem Definierten identisch ist. Daher folgen auf die Örter bezüglich der Definition die Örter bezüglich des Identischen. B. 1, K. 5, Abs. 3 hieß es: „auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit darin, zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit vorliegt.“ Zu den verschiedenen Bedeutungen von identisch vgl. B. 1, K. 7.

[133] Man sieht hier wieder, wie die Annahmen ziemlich willkürlich gemacht werden; vgl. B. 5, Anm. 38.

[134] Xenokrates, auch 2,6 und 6,3 zitiert, war Schüler Platos und zweiter Leiter der Akademie. In der Nik. Ethik B. 10, K. 7–9 wird gelehrt, daß das glückselige Leben einmal in der Pflege der dianoëtischen Tugenden, oder der Betrachtung, dann auch in der Übung der sittlichen Tugenden besteht und daß zu ihm auch die Gunst der äußeren Verhältnisse gehört. Hierin liegt schon, daß auch das tugendhafte Leben nicht der Zahl nach eines ist. Das tugendhafte Leben ist, weil es auch das beste ist, dem glückseligen Leben untergeordnet, wie das Mittel dem Zwecke.

[135] Vgl. B. 6, K. 7, Abs. 3.

[136] Vgl. K. 1, Abs. 1.

[137] Im Griechischen heißt es: οὐδεὶς τῶν διαλεγομένων, niemand von denen, die disputieren. Disputieren hat eine weitere Bedeutung, so daß darin auch die Mitteilung des Lehrvortrages einbegriffen ist. Das beweist das angeführte Beispiel der Mathematiker. Entsprechend heißt es auch in den sophistischen Widerlegungen im Anfang des 2. Kapitels: „Es gibt vier Arten von Beweisführungen beim Disputieren, τῶν ἐν τῷ διαλέγεσθαι λόγων: die didaskalischen, die dialektischen, die peirastischen und die eristischen Beweisführungen. Didaskalische Beweisführungen sind solche, die aus den jeder Wissenschaft eigentümlichen Prinzipien und nicht aus den Meinungen des Antwortenden schließen — denn der Lernende muß glauben —, dialektische solche, die aus dem Wahrscheinlichen auf die ἀντίφασις (den Widerspruch, das kontradiktorische Gegenteil oder auch das Für und Wider) schließen usw.“ Diese Bestimmung über die dialektische Beweisführung dürfte uns auch einen endgültigen Aufschluß darüber verschaffen, ob wirklich, wie wir in der ersten Anmerkung zum ersten Buche vermuten, der Angriff oder die Widerlegung die Hauptaufgabe des Dialektikers und somit auch die Anweisung dazu das Hauptanliegen der Topik ist. Wir möchten es bezweifeln. Widerspruch bedeutet für und wider im Sinne der Bejahung und Verneinung. Demnach ist die Dialektik die Kunst, aus wahrscheinlichen Prämissen auf einen Satz oder seine Kontradiktion zu schließen. — Somit dürfte auch die Vermutung, die wir in der gedachten Anmerkung zu B. 1 über den Sinn der Bezeichnung „sophistische Widerlegungen“ ausgesprochen haben, kaum haltbar sein. Die Bezeichnung steht nicht darum für sophistische Schlüsse, als ob in der Dialektik die Widerlegung die Hauptsache wäre, sondern sie bedeutet: sophistisches Verfahren bei der Begründung des Für und Wider. Demnach möchten wir auch jene Vermutung zurücknehmen, die wir in der Einleitung zur Übersetzung der sophistischen Widerlegungen geäußert haben, als ob die sophistischen Widerlegungen als solche vom Standpunkte der philosophischen Wahrheit bezeichnet würden, gegen die die Trugschlüsse der Sophisten angehen.

[138] So steht weiß und schwarz in derselben Gattung Farbe, Freigebigkeit und Geiz in den konträren Gattungen Tugend und Laster.

[139] Darum pflegen hin und wieder korpulente Personen, um nicht aufzufallen, schwarz zu tragen.

[140] Vgl. B. 6, Anm. 121.

[141] Es heißt im Text: οἱ τόποι δι’ ὥν εὐπορήσομεν πρὸς ἕκαστα τῶν προβλημάτων ἐπιχειρεῖν. Dies muß so, wie geschehen, übersetzt werden. Hier wird der Inhalt aller vorausgegangenen Bücher bezeichnet. An dieser Stelle hat ἐπιχειρεῖν wieder die Bedeutung von etwas angehen oder dialektische Schlüsse ziehen. Wenn man überträgt: „Gesichtspunkte, um jedes Problem anzugreifen“, oder: „um jeden Streitsatz anzugreifen“, so paßt das nicht auf das Vorhergehende, und die Anordnung des Stoffes wird verwirrt. Silvester Maurus paraphrasiert richtig: ex quibus possumus ducere argumenta accomodata cunctis generibus problematum. Julius Pacius überträgt minder glücklich: loci, ex quibus adversus singula problemata argumentorum copia nobis suppetat. Er nimmt das πρός im Sinne von adversus und εὐπορεῖν im Sinne von reich sein; es heißt aber hier imstande sein, wie der folgende Infinitiv zeigt.

Zum achten Buche.

[142] Dem Philosophen liegt daran, den Zusammenhang der Prämissen mit der Konklusion hervortreten zu lassen, dem Dialektiker ihn zu verbergen. Wenn es heißt, daß Philosoph und Dialektiker, gleichmäßig nach Vordersätzen für den beabsichtigten Schluß suchen, so bleibt dabei der B. 1, K. 1, Abs. 5 angegebene Unterschied der Vordersätze bestehen.

[143] Silv. Maurus bemerkt hierzu: „Die Pseudographen ziehen viele Linien, die teils einen Zweck haben, teils nicht, damit der Gegner, der die einen von den anderen nicht unterscheidet, getäuscht wird.“

[144] Man vergleiche die einleitende Periode im Proömium zu de anima: „Da wir die Wissenschaft zu den schönen und würdigen Dingen rechnen, die eine aber vor der anderen, entweder mit Rücksicht auf ihre Genauigkeit oder ihren besseren und erhabeneren Gegenstand, so können wir die Seelenkunde füglich nach diesen beiden Rücksichten zugleich in die erste Reihe stellen.“

[145] Chörilus von Samos, Zeitgenosse des Euripides, besang in einem Epos den Sieg der Griechen über Xerxes. Von ihm steht ein Vers in der Rhetorik III, 14. 1415a 4; auch ist dort wohl aus ihm das Zitat Zeile 16 ff.

[146] Vgl. B. 1, K. 12.

[147] Silv. Maurus hat folgendes Beispiel. Hat man durch Induktion gezeigt, daß das Pferd, der Hund, der Ochs usw. ein Maul haben, um damit die Nahrung aufzunehmen, und einen Magen, um sie zu verdauen, so ist leicht zu schließen: also haben alle Tiere zu dem und dem Zweck ein Maul und einen Magen, weil man den feststehenden Namen Tier hat. Hat man aber viele Tiere mit zahnlosem Oberkiefer angeführt, so ist es mißlich zu folgern: also hat alles solche einen zahnlosen Oberkiefer, weil man nicht weiß, was nun zu dem solchen gehört und was nicht. Es hat eben keinen eigenen Namen. Man erdenke also einen und sage z. B.: alle gehörnten Tiere.

[148] Gegen die Instanzen des Gegners darf man nicht das Behauptete, sondern nur etwas anderes geltend machen, außer in dem Falle, daß das Behauptete einzig in seiner Art ist. So ist z. B. zwei die einzige unter den geraden Zahlen, die die erste Zahl überhaupt ist, alle anderen geraden Zahlen zerfallen naturgemäß in andere, frühere Zahlen. Eins ist keine Zahl, sondern Prinzip und Maß der Zahl.

[149] Zeile 6 bedeutet μάγειρος Schlächter oder Koch, nicht Bäcker.

[150] Demnach ist es schwer, das Gegenteil von dem, worauf der Widerpart hinaus will, schulgerecht zu beweisen.

[151] Für leicht erweislich steht im Text ῥαδίως γράφεσθαι, eigentlich leicht zu zeichnen. Zeichnen steht für beweisen, weil es die Geometrie mit der körperlichen Ausdehnung und ihren Grenzen zu tun hat, die der Anschaulichkeit wegen gezeichnet werden. Darum bedeutet auch ψευδογράφος, Pseudograph, nicht nur den, der falsche geometrische Figuren zeichnet, sondern auch den, der falsche mathematische Schlüsse zieht.

[152] Trendelenburg: „ἀξιώματα fere idem atque προτάσεις“ Elem. logices Arist., § 42, p. 127. Er leitet dort das Wort von ἀξιοῦν, postulieren, fordern, ab: „aliquid tamquam syllogismi propositionem tacite assumere“.

[153] Vgl. B. 1, K. 1, Abs. 1 und die Anm. dazu.

[154] Die Instanz, ἔνστασις, besteht darin, daß man einen der Vordersätze des gegnerischen Schlusses umstößt. Trendelenburg l. c. § 41: „instantiam, propositionem propositioni contrariam, latine cum iurisconsultis exceptionem dixeris.“ Man vergleiche den ganzen Paragraphen 41 bei Tr.

[155] Vgl. Anm. 151.

[156] Die hier gegebene Definition von Epicheirem bestätigt das über die verschiedene Bedeutung von ἐπιχειρεῖν in der Anm. 148 zu B. 8 Gesagte. Aporem ist ein Schluß auf die Antiphasis, das heißt das Für und das Wider, auf die Bejahung und auf die Verneinung. Daher der Name Aporem von ἀπορεῖν: in Verlegenheit sein, nicht wissen, zweifeln. Auf das Aporem paßt das B. 1, K. 11, Abs. 2, Anfang Gesagte.

[157] Die Parenthesen berücksichtigen die logische Forderung, daß keine Konklusion gewisser oder wahrscheinlicher sein kann als die Prämissen.

[158] Wenn eine Beweisführung nach der letzten der vier im vorigen Absatz genannten Weisen falsch ist, d. h. materiell falsch und formell richtig, und wahres umstößt, so folgt die Falschheit einer der Prämissen, durch die sie zustande kommt. Denn aus lauter wahren Prämissen könnte bei formell richtiger Schlußfolgerung nur wahres sich ergeben. Die Falschheit einer Prämisse fordert aber die Wahrheit von etwas anderem, nämlich die Wahrheit ihres kontradiktorischen Gegenteils.

[159] Beweisführung an sich. In dem drittletzten Absatz dieses Kapitels war die Beweisführung auch mit Rücksicht auf ihren Gegenstand betrachtet worden. Das zweite Glied der dortigen Einteilung bildeten die Schlüsse, die nicht zu dem in Frage kommenden Ergebnis führen, das dritte die Schlüsse, die nicht der vom Gegenstande geforderten Methode entsprechen.

[160] Bei den Synonyma. Wenn man ein Wort für ein anderes, gleichbedeutendes Wort setzt, wie Oberkleid für Mantel, und wenn man die Definition für das Wort setzt. Alexander von Aphrodisias will synonym im Sinne von homonym erklären; vgl. hierüber und über den terminus petitio principii sowie die fünf hier unterschiedenen Fälle Trendelenburg l. c. § 42.

[161] Der Satz ist in seiner Allgemeinheit falsch, wenn er auch bestechend ist. Denn Konträres steht unter einer Wissenschaft, aber man sollte meinen, daß es nicht eine Wissenschaft für mehreres geben kann.

[162] Enthymema ist eine Erwägung oder Schlußfolgerung, die auf äußeren Anzeichen, σημεῖα, oder auf gewöhnlich Vorkommendem, εἰκότα, fußt; vgl. Trendelenburg l. c. § 37.

[163] Je allgemeiner ein Grund ist, desto mehr befaßt er unter sich, desto schwerer ist er aber auch zu finden, weil er in der Reihe des Intelligibeln am höchsten steht und somit zwar in sich am klarsten, für uns aber am unklarsten ist, vgl. Met. II, 1. 993 b 7–11. Aristoteles will sagen, daß metaphysischer Tiefblick auch für den Dialektiker die beste Mitgift ist.

Sachregister.

+Abgeleitete+ Wörter, Ptoseis 44, 61, 77, 161, 167, 168.

+Akzidenz+, Begriff 7, Örter aus dem Akzidenz 28 ff. Vergleichende Werturteile aus d. Akz. 50 ff.

+Apodiktischer+ Schluß, s. Demonstration.

+Aporem+ 14, 196

+Auswahl+ der Sätze 16 ff.

+Axiom+ 184.

+Bedeutung+, verschiedene der Wörter 18 ff.

+Begriffsverwandtes+, zu derselben Begriffsreihe Gehöriges 44, 175; vgl. abgeleit. Wörter.

+Bekannteres+ an sich und für uns 131.

+Beugungsformen+, s. abgel. Wörter.

+Bewegung+, der Körper 95, der Seele 128, von Zeno bestritten 190.

+Definition+, Begriff 5, 165. Örter aus der Def. 124 ff., 161 ff.

+Demonstration+ 1.

+Dialektik+, Begriff 1 Kunst der Erfindung, Wegweiserin zu den Prinzipien 3 f., ergibt Wahrscheinlichkeit 18.

+Dialektischer+ Schluß 1, dialekt. Problem 14, dial. Satz 12.

+Differenz+, Artunterschied 139, 140, 153, 166.

+Digressionen+ 37, vgl. auch 178.

+Disputieren+ 164.

+Enthymema+ 202.

+Epicheirein+ 36, 172.

+Epicheirema+ 196.

+Eristischer+ Schluß 2.

+Erweiterung+ der Rede 174.

+Ethische+ Sätze 18.

+Ewigkeit+ der Welt ein Problem 14.

+Forderung+ der Einräumung des Gegenteils 198 ff.

+Frage+ 12, Ordnung beim Fragen 173 ff., Fragen nach Ähnlichem 176 f.

+Gattung+ Begriff 7, Örter aus ihr 66 ff., Gattungen der dialektischen Örter 4.

+Gegensätzlichkeit+, vierfache 42.

+Glaubwürdige+ Sätze 12 f.

+Grammatik+ 6, 134.

+Habitus+ 43, 82, 113, 146.

+Homonyma+ 22 ff.

+Ideen+, platonische 41, 137, 149.

+Identisches+ 6, 9 f., 161 ff.

+Induktion+ 16, 178 f.

+Instanz+ 179, 190 f.

+Kategorien+ 11, 21 f., 163.

+Kontradiktorisches+ 113 ff.

+Konträres+ 74, 112, 147 f., 159 f.

+Logische+, erkenntnistheoretische Sätze 18.

+Mangel.+ Privation 21, 43 f., 148 f.

+Metaphorische+ Ausdrücke 126.

+Ort+, dialektischer 27, 28 ff.

+Paronyma+ 36.

+Pathos+ 140.

+Petitio+ principii 198 ff.

+Philosophem+ 196.

+Physikalische+ Sätze 18.

+Problem+ 4 f., 14, 201.

+Probleme+, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat, Aporem, 14 und Probleme, über die einer keine Rede stehen kann 14.

+Proprium+, Eigentümlichkeit, Begriff 6, Arten 91 ff., dialektische Örter aus dem Proprium 93 ff.

+Protasis+, Prämisse, Satz 12.

+Pseudographischer+ Schluß 2, 178, vgl. S. 184 und die Anm. 151.

+Relation+, ihr Beziehungspunkt 144, 153 f.

+Relativa+ 44, 79 ff., 92 f.

+Satz+, Gegenstand der Disputation 4 f., 12 f., 14 f.

+Schluß+, Begriff 1, s. auch Syllogismus.

+Sinnenwesen+ 7, 91 f., 114, 118.

+Sophisma+ 196.

+Sophistische+ Mittel 37.

+Subjekt+ 146, erstes Subjekt 141, 156.

+Substanz+ 11.

+Syllogismus+ sicherer als Induktion 16, mehr gegenüber dem Dialektiker als gegenüber der Menge angebracht 178 f.

+Synonyma+ 198.

+Technik+ des Disputierens 173 ff.

+Teil+ 155 ff., 160.

+Teilhaben+ 67 f., 70 ff., 74.

+These+ 15.

+Topos+ s. Ort.

+Übereinstimmung+ der Dinge, ihre Auffindung 25.

+Überflüssige+ Zusätze 127 ff.

+Umkehrung+ der Schlüsse 200.

+Undeutlichkeit+ 125 ff., 189.

+Unterschied+ der Dinge, seine Auffindung 24 f.

+Verdeutlichung+ der Rede 174, 178.

+Vergleiche+ 178.

+Verhalten+, Verhältnis 77 ff.

+Verschleierung+ der Absicht 174 ff.

+Wahrheit+, Vorzug des philosophischen Urteils 18.

+Wahre+ und erste Sätze 1.

+Wahrscheinliche+ Ergebnisse 18.

+Wahrscheinliche+ Sätze 1, 195.

+Wegnahme+ 163.

+Werkzeuge+, Organe, Mittel um induktive und dialektische Schlüsse zu erhalten 16.

+Wesen+, Was, Quiddität 11.

+Willensfreiheit+, göttliche 84.

+Zusammensetzung+, Verbindung 159.

+Zusatz+ 163.

Advertisement