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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand des unveränderten Nachdrucks der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern der Wortsinn erhalten bleibt.
Die Einträge im Inhaltsverzeichnis für die Anmerkungen, sowie das Sachregister wurden vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber eingefügt.
Die Endnoten befinden sich einem gesonderten Abschnitt ‚Anmerkungen‘. Diese wurden in der gedruckten Version für das Erste bis Achte Buch getrennt nummeriert, beginnen dort also jeweils bei 1. In der elektronischen Fassung erfolgt die Nummerierung dagegen durchgehend. Die betreffenden Verweise im Text wurden dementsprechend angepasst.
In den Randnotizen finden sich Hinweise zu den entsprechenden Stellen in der kritischen Aristoteles-Gesamtausgabe von Immanuel Bekker aus den Jahren 1831 bis 1837.
Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
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ARISTOTELES
TOPIK
(Organon V)
Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von EUGEN ROLFES
VERLAG VON FELIX MEINER HAMBURG
PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 12
Unveränderter Nachdruck 1968 der zweiten Auflage von 1922
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der photomechanischen Wiedergabe, vorbehalten Herstellung: R. Himmelheber & Co., Hamburg Printed in Germany
Einleitung.
Die Topik des Aristoteles enthält die Lehre von den einen Wahrscheinlichkeitsschluß begründenden allgemeinen Sätzen, nach denen sie auch benannt ist: topica sc. scripta, von Topos, Ort. Das Wort Topos hat Aristoteles zu einem Kunstausdruck geprägt, den er vorzüglich in dieser Schrift und in der mit ihr verwandten Rhetorik gebraucht. In der Rhetorik steht auch eine Erklärung des Wortes. „Wir reden“, so heißt es da, „von Örtern mit Beziehung auf die dialektischen und rhetorischen Schlüsse. Die Örter sind es, die sich gleichmäßig auf rechtliche, physikalische, politische und viele andere der Art nach verschiedene Gegenstände beziehen, wie es z. B. von dem Orte aus dem Mehr und Minder gilt: aus ihm kann man, ebensogut wie über Gegenstände des Rechts, über andere, die der Physik oder jeder beliebigen Wissenschaft angehören, einen Syllogismus oder ein Enthymema gewinnen, obwohl diese Disziplinen der Art nach voneinander verschieden sind. Dagegen sind eigentümliche Prinzipien alle die, die zur Zahl der in eine einzelne Art und Gattung einschlagenden Sätze gehören, wie es z. B. in der Physik Sätze gibt, die keinen Schluß und kein Enthymem in ethischen, und umgekehrt in der Ethik Sätze, die keines von beiden in physikalischen Fragen gestatten“ a. a. O. I, 2. 1358a 10 ff. Einen leisen Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen einem allgemein verwendbaren Vordersatz und einem Ort im gewöhnlichen, räumlichen Sinne des Wortes, und somit eine Art Rechtfertigung des Ausdrucks, kann man in einer späteren Stelle der Rhetorik finden: „Mir ist Element dasselbe wie Ort. Element und Ort sind etwas, worunter viele Enthymeme fallen“ II, 26. 1403a 18. Theophrast bestimmt nach Alexander den Begriff Topos „als ein Prinzip oder Element, das uns, wenn wir gehörig aufmerken, die Prinzipien oder Vordersätze zu einem beliebigen Schluß verschafft“, Scholia in Arist. 252a 12.
Die Topik als Wissenschaft oder Kunst wird von Aristoteles selbst im ersten Satze der Schrift als „eine Methode“ bezeichnet, „nach der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können“.
Es erhebt sich aber an dieser Stelle sogleich die schwierige Frage, in welchem Sinne Aristoteles die Vordersätze der Topik wahrscheinlich nennt.
Silvester Maurus meint in der Paraphrase zur Topik in der Einleitung, die begründenden Sätze, deren man sich beim Disputieren bedient, seien darum wahrscheinlich, weil die Dialektik oder Topik die Kunst sei, sowohl für als wider eine These zu disputieren. Man könne aber nur in einem der beiden Fälle die Wahrheit für sich haben, weil Kontradiktorisches nicht gleichzeitig wahr sein kann, und da Falsches nicht aus Wahrem begründet werden könne, so bleibe hierfür nur Wahrscheinliches übrig.
Allein das möchte ein Irrtum und ein greifbarer Widerspruch mit der Lehre des Aristoteles sein.
Nachdem er im Proömium B. 1 K. 1. Absatz 4 gesagt hat, ein dialektischer Schluß entspringe aus wahrscheinlichen Sätzen, erklärt er im Absatz 5 ausdrücklich, wahrscheinliche Sätze seien die, die allen oder den meisten oder den Weisen wahr zu sein schienen. Das sind aber doch wohl nicht die Sätze, mit denen man alles mögliche beweist. Wenn der Dialektiker pro und contra disputiert, ist es ja auch nicht derselbe Satz, bei dem er das tut, sondern je ein anderer: er tritt eben bald als Defendent, bald als Opponent auf. B. 8, K. 9 wird eigens gefordert, man solle sich keiner unwahrscheinlichen Sätze annehmen. Auch scheinen die in der Topik vorkommenden Örter sämtlich nicht von der Art zu sein, daß man sie als bloß wahrscheinliche oder gar als Sätze von einiger, aber geringer Wahrscheinlichkeit im mathematischen Sinne bezeichnen könnte: sie sind so ziemlich alle wahr.
Aber wenn das zutrifft, so entsteht eine neue Schwierigkeit: sind die Topen des Aristoteles wahre Sätze, warum nennt er sie dann wahrscheinlich?
Man wird antworten müssen, daß nicht sowohl die fraglichen Sätze an sich bloß wahrscheinlich sind, sondern vielmehr die Berechtigung, sie auf die gegebenen Fälle anzuwenden. Das liegt ja auch bereits in der Stelle der Rhetorik I, 2. Die fraglichen Sätze sind allgemeiner Natur und darum dem jeweiligen behandelten Gegenstand mehr äußerlich. Es kann also vorkommen, daß sie auf ihn nicht passen, und dementsprechend stoßen wir in der Topik selbst nicht selten auf Fälle, für die Aristoteles dies erklärt.
Dementsprechend läßt er auch öfter, wo er in einer einzelnen Disziplin einen Satz beweisen will, dialektische oder wahrscheinliche Gründe vorausgehen, um dann, eben der wissenschaftlichen Gewißheit wegen, der Sache eigentümliche folgen zu lassen. Als ein Beispiel diene die Stelle Physik III, 5. 204b ff. Es handelt sich dort um die Frage, ob ein unendlich großer Körper möglich ist. Für das Nein führt er zuerst zwei „logische“ Gründe an: 1. den Begriff des Körpers: er ist das durch Flächen Begrenzte, die Begrenztheit schließt aber die Unendlichkeit aus; 2. den Begriff der Zahl: sie ist durch die Einheit gemessene Vielheit, unendlich viele Teile aber, wie sie der unendlich große Körper haben müßte, lassen sich nicht messen oder zählen; denn das Unendliche läßt sich nicht durchschreiten.
In diesem Sinne also schließt die Topik aus Wahrscheinlichem und auf Wahrscheinliches. Darum nimmt sie auch die Mitte ein zwischen der Lehre vom wissenschaftlichen und vom Trugschlusse: jene ergeben Wahres, diese Falsches, die dialektischen Schlüsse Wahrscheinliches.
Die Topik wird von Aristoteles Dialektik genannt. Mit diesem Sprachgebrauch weicht er von Plato ab, der vielfach unter Dialektik die Metaphysik als Abschluß der Philosophie versteht. Das Wort kommt von διαλέγεσθαι, disputieren, und zeigt an, daß die Dialektik die Kunst ist, eine Aufstellung einem Gegner gegenüber zu verteidigen oder anzugreifen.
Der Nutzen der Dialektik wird von Aristoteles B. 1 K. 2 kurz angegeben. Sie macht uns geübt, einen vorgelegten Gegenstand logisch und methodisch zu behandeln; die Vertrautheit mit ihr befähigt uns, die geltenden Meinungen sachkundig zu beurteilen und selbständig und mit Erfolg entweder zu vertreten oder anzugreifen. Auch ist sie für die philosophischen Wissenschaften nützlich, da durch die Vergleichung des Für und Wider die Wahrheit an den Tag kommt. Eine Beleuchtung dieses Gedankens sind die Aporien, die im dritten Buche der Metaphysik aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren Büchern die streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen zu lassen. Endlich klärt sie uns über die Prinzipien der Einzelwissenschaften auf, die von diesen selbst vorausgesetzt, nicht bewiesen werden. So gewinnt Aristoteles Metaphysik I, 2 den Begriff der Philosophie, indem er die Meinungen der Menge über den Weisen zu Rate zieht. Es sind also überall annehmbare, angesehene, wahrscheinliche Meinungen, ἔνδοξα, an deren Hand die Wahrheit ermittelt wird.
Der Plan und der Inhalt der acht Bücher der Topik ist folgender.
Das erste Buch ist mehr einleitend und allgemein. Zuerst werden die Dialektik und ihr Objekt, die dialektischen Schlüsse, ihrem Begriffe nach bestimmt und wird der Nutzen der Dialektik beschrieben. Dann folgt gleich im 4. K. eine Einteilung der dialektischen Schlüsse, die für die ganze nachfolgende Erörterung grundlegend ist: es handelt sich bei ihnen entweder um ein Akzidenz oder die Gattung oder das Proprium oder die Definition. Diese vier Genera stehen sich aber nicht so gegenüber, daß nicht die Topen für das eine vielfach auch für das andere gälten. Solche Sätze heißen nach der Rhetorik, im Gegensatz zu den Topen im engeren Sinne, auch εἴδη, Formen. Vom zwölften bis zum achtzehnten, dem letzten Kapitel dieses Buches werden vier Werkzeuge oder allgemein verwendbare Mittel zur Gewinnung von probablen Sätzen besprochen. Sie sind eine Zusammenfassung dessen, was die Topen im einzelnen sind. Das erste ist die Auswahl der den Schluß begründenden Sätze, das zweite die Unterscheidung der verschiedenen Bedeutung der Wörter, das dritte die Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte die Auffindung ihrer Übereinstimmung.
Das zweite und dritte Buch bringt die Topen für das Akzidenz, das vierte die für die Gattung, das fünfte die für das Proprium und das sechste und siebente die für die Definition.
Das achte Buch unterweist in der Technik des Disputierens und lehrt die Ordnung, in der man fragen und wie man überhaupt die ganze Erörterung gestalten soll, um nicht nur die gewollte Begründung oder Widerlegung tatsächlich zustande zu bringen, sondern auch den Widerpart klar zu überzeugen oder doch außer Gefecht zu setzen.
Wir haben diese Schrift wieder nach der großen Bekkerschen Ausgabe des Aristoteles von 1831 übersetzt. Der Text der Topik ist sehr gut erhalten. Hier und da haben wir bei der Übertragung ein oder mehrere Worte in Klammern beigefügt, um die Anmerkungen nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Von diesen haben wir die eine und die andere, die uns in der Folge nicht mehr haltbar schien und durch spätere Anmerkungen richtiggestellt wird, gleichwohl in der ursprünglichen Fassung stehen lassen, um gleichsam vor den Augen des Lesers schrittweise in das mühevolle Verständnis dieser Schrift einzudringen und ihm an diesem Beispiel zu zeigen, wie die bessere Auffassung von der Meinung des Aristoteles oft erst durch die Fortsetzung der Untersuchung gewonnen wird. Von deutschen Übersetzungen haben wir die von Zell, Bender und von Kirchmann eingesehen und zu Rate gezogen. Die vortreffliche lateinische Übertragung von Julius Pacius haben wir verglichen. Die lateinische Paraphrase von Silvester Maurus S. J.: Aristotelis opera omnia Paris 1885 Lethielleux hat uns dankenswerte Dienste geleistet, wenn wir dem Autor auch nicht in allem glaubten beipflichten zu können.
Köln-Lindenthal, den 9. November 1918.
=Rolfes.=
Inhaltsverzeichnis.
=Erstes Buch=.
Seite
+Kapitel 1.+ Die Topik oder Dialektik und ihr Objekt 1
+Kapitel 2.+ Ihr Nutzen 3
+Kapitel 3.+ Der naturgemäße Grad ihrer Vollkommenheit 4
+Kapitel 4.+ Die wahrscheinlichen Schlüsse als Objekt der Dialektik. Es handelt sich bei ihnen entweder um ein Akzidenz oder die Gattung oder das Proprium oder die Definition 4
+Kapitel 5.+ Erklärung dieser vier Begriffe 5
+Kapitel 6.+ Die Einteilung der wahrscheinlichen Schlüsse nach diesen Genera ist nicht zu pressen. Die Probleme der einen Art können gleichzeitig zu anderen Arten gehören 8
+Kapitel 7.+ Das Identische, sofern es die Übereinstimmung einer Definition mit ihrem Gegenstand bedingt. Seine Arten 9
+Kapitel 8.+ Beweis für die Richtigkeit der Einteilung der Schlüsse nach den genannten vier Genera des Akzidenz, der Gattung, des Proprium und der Definition 10
+Kapitel 9.+ Verhältnis der vier Genera zu den Kategorien: Definition und Gattung können zu allen Kategorien, Proprium und Akzidenz können nicht zu der Kategorie der Substanz gehören 11
+Kapitel 10.+ Satz und Problem als Objekte der Disputationen. Der dialektische Satz 12
+Kapitel 11.+ Das dialektische Problem. Die These 14
+Kapitel 12.+ Induktion und Syllogismus, die beiden dialektischen Begründungsweisen 16
+Kapitel 13.+ Vier Werkzeuge oder allgemein verwendbare Mittel, um Induktionen und Syllogismen zu erhalten. Das erste Mittel: die Ausfindigmachung und Auswahl der den Schluß begründenden Sätze 16
+Kapitel 14.+ Regeln für die Auswahl der Sätze 17
+Kapitel 15.+ Das zweite Mittel: die Unterscheidung der verschiedenen Bedeutung der Wörter 18
+Kapitel 16.+ Das dritte Mittel: die Auffindung des Unterschiedes der Dinge 24
+Kapitel 17.+ Das vierte Mittel: die Auffindung ihrer Übereinstimmung 25
+Kapitel 18.+ Von dem mannigfachen Nutzen, den die drei letztgenannten Mittel gewähren. — Die dialektischen Örter oder τόποι als begründende Sätze im einzelnen 25
Zweites Buch.
+Kapitel 1.+ Örter aus dem Akzidenz. Vorbemerkungen 28
+Kapitel 2.+ Widerlegende Örter. Das Akzidenz ist nicht Gattung. Die Akzidenzien der Genera sind nach den Arten zu beurteilen, die der verschiedenen Subjekte nach der Definition der letzteren. Aus dem Problem muß man einen Satz machen und ihn beanstanden. Man muß sehen, worin die Menge und worin die Weisen maßgebend sind 29
+Kapitel 3.+ Örter, die gleichzeitig widerlegen und begründen. Verschiedene Bedeutung der Wörter 32
+Kapitel 4.+ Weitere Örter. Ersatz eines undeutlichen durch ein deutlicheres Wort. Wenn demselben Subjekt Entgegengesetztes zukommen kann, muß man die Gattung und ihre Arten beachten. Grund und Folge. Nichtüberstimmung der Zeit, für die die Attribute gelten 35
+Kapitel 5.+ Digressionen im Interesse der eingenommenen Position. — Widerlegung aus den Konsequenzen 37
+Kapitel 6.+ Attributive Akzidenzien. Urgierung der Begriffe zur Begründung eines Satzes. Notwendige, gewöhnliche und zufällige Attribute. Attribute, die mit ihrem Subjekt identisch sind 38
+Kapitel 7.+ Behandlung der Sätze mit entgegengesetztem Subjekt oder Prädikat 40
+Kapitel 8.+ Die vier Arten der Entgegensetzung 42
+Kapitel 9.+ Begriffsverwandtes und durch abgeleitete Wörter Bezeichnetes. Werden und Vergehen, Schaffen und Zerstören 44
+Kapitel 10.+ Örter aus dem sich ähnlich Verhaltenden, dem mehr und minder Zukommenden und dem gleich sehr Zukommenden 46
+Kapitel 11.+ Örter aus dem Zusatz, dem mehr oder minder Vorhandenen und dem beziehungsweise und irgendwann und irgendwo Vorhandenen 48
Drittes Buch.
+Kapitel 1.+ Örter aus dem Akzidenz zur Begründung vergleichender Werturteile. — Vorbemerkung. — Wünschenswerter ist vor allem was in sich wertvoll ist, also länger dauert, wesenhaft etwas ist, für sich selbst Ursache des Guten ist usw. 50
+Kapitel 2.+ Wünschenswerter ist sodann, was mit höheren Werten zusammenhängt, größer an Zahl ist, mit Lust verbunden ist und dergleichen 53
+Kapitel 3.+ Wünschenswerter ist, was die der Art eigene Güte hat, seinen Inhaber gut macht, das Bessere und Herrschende gut macht usw. 57
+Kapitel 4.+ Die angeführten Örter zeigen nicht nur das Bessere, sondern auch das schlechthin Gute an 59
+Kapitel 5.+ Sie sind zur Erhöhung ihrer Brauchbarkeit möglichst allgemein zu fassen 60
+Kapitel 6.+ Örter für partikuläre Probleme. Alle im 2. und 3. Buch angeführten Örter sind, weil allgemein, auch für die partikulären Probleme verwendbar, einige ganz besonders. Begründung und Umstoßung der partikulären Probleme, der unbestimmten wie der bestimmten. Verwendung des Ortes aus der Teilung nach B. 2, K. 2, Abs. 3 61
Viertes Buch.
+Kapitel 1.+ Örter aus der Gattung. Die Disputierenden bekümmern sich selten um Gattung und Proprium. Die einem Ding zugewiesene Gattung ist verkehrt, wenn ein Verwandtes nicht unter sie fällt, statt der Gattung das Akzidenz steht, Gattung und Art nicht zur selben Kategorie gehören, das der Gattung Untergeordnete weiter reicht als sie selbst usw. 66
+Kapitel 2.+ Die Gattung ist ferner verkehrt, wenn die Art noch zu einer anderen Gattung gehört, die weder die angegebene Gattung umfaßt, noch von ihr umfaßt wird, wenn die Gattung selbst an der Art teilhat, so daß diese von ihr ausgesagt wird, wenn man die Differenz oder den Unterschied der Art für das Genus ausgibt oder sie in das Genus aufnimmt usw. 69
+Kapitel 3.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn das unter ihr Begriffene an etwas teilhat, was ihr konträr ist, wenn die Art mit der Gattung nur den Namen gemein hat, wenn die Gattung nur eine Art haben soll, wenn man etwas metaphorisch Ausgedrücktes als Gattung bezeichnet, wenn die Art ein konträres Gegenteil hat, die Gattung aber nicht, und doch die konträren Arten nicht in derselben Gattung stehen usw. 74
+Kapitel 4.+ Ein Maßstab für die Richtigkeit oder Verkehrtheit der Gattung ist die Gleichheit des Verhältnisses zweier Begriffe zu zwei anderen Begriffen, mag es nun das Verhältnis des Bewirkenden zum Bewirkten sein oder das der Art zur Gattung, und mag es sich bei solchen Verhältnissen um ein Positives oder um einen Mangel oder eine Negation, und mag es sich um Absolutes oder Relatives handeln 77
+Kapitel 5.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn man den Habitus unter den Aktus reiht und umgekehrt, wenn man ihn unter ein mit ihm verbundenes Vermögen ordnet; das, was irgendwie mit der Art verbunden ist, als Gattung setzt, wenn Art und Gattung nicht in demselben Subjekt ruhen usw. 82
+Kapitel 6.+ Die Gattung ist verkehrt, wenn sie überhaupt von nichts Gattung ist. Wenn sie ein transszendentaler Begriff ist, wenn sie an und in der Art als ihrem Subjekte sein soll, wenn sie mit der Art nicht synonym ist, d. h. von der einen Art in einem anderen Sinne ausgesagt wird, als von der anderen; ferner, wenn sie sich nicht zu allen Arten als Wesensbestimmung verhält. Sie kann verkehrt sein, wenn sie bloß auf das unter eine Gattung zu Bringende folgt 86
Fünftes Buch.
+Kapitel 1.+ Örter aus dem Proprium. Vier Arten desselben. Wir fragen besonders nach dem immer und an sich gültigen Proprium 91
+Kapitel 2.+ Zuerst fragt es sich, ob das Proprium gut angegeben ist oder nicht. Es ist es nicht, wenn es durch Unbekannteres bestimmt wird, als es selbst ist. Die für das Proprium gebrauchten Wörter dürfen nicht mehrdeutig sein, auch das nicht, dessen Proprium angegeben wird. Man darf bei der Bestimmung des Proprium nicht mehrmals dasselbe sagen und keine transszendentalen Bezeichnungen verwenden 93
+Kapitel 3.+ Man darf zur Erklärung der Eigentümlichkeit einer Sache nicht diese Sache selbst heranziehen, überhaupt nichts verwenden, was nicht bekannter ist als das zu Erklärende selbst. Man darf nicht für ein Proprium ausgeben was der Sache nicht immer folgt und was nur vorübergehend an ihr wahrgenommen worden ist. Das Proprium darf nicht mit der Definition verwechselt, auch nicht angegeben werden, ohne daß man die Gattung anführt 98
+Kapitel 4.+ Zweitens fragt es sich, ob das angegebene Proprium überhaupt ein solches ist, ob also ein Ort wirklich ein Proprium liefert. Das wahre Proprium muß allem zukommen, was zu einer Art gehört, und muß ihm zukommen, sofern es zu ihr gehört; es muß ihm allein zukommen; es darf nicht das Subjekt bezeichnen, dessen Proprium es sein soll usw. 102
+Kapitel 5.+ Das Proprium darf nicht als das immer, sondern nur als das naturgemäß Vorhandene bezeichnet werden. Überhaupt muß man es einmal in der rechten Art und Weise aufstellen und dann auch genau sagen, welches das eigentliche Subjekt des Proprium sein soll. Das Proprium des Ganzen muß auch von den Teilen wahr sein, wenn sie dieselbe Beschaffenheit mit ihm haben 108
+Kapitel 6.+ Über die Richtigkeit eines Proprium entscheidet auch die Prüfung des Entgegengesetzten: des Konträren, des Relativen, des Gegensatzes von Habitus und Privation, endlich der Kontradiktion 112
+Kapitel 7.+ Man muß auch die Beugungsfälle und das sich ähnlich oder gleich Verhaltende in Betracht ziehen. Ebenso muß man das Verhältnis von Sein und Werden, desgleichen die Idee des Dinges berücksichtigen 115
+Kapitel 8.+ Ferner ist zu berücksichtigen das mehr und minder Zukommende und ebenso das gleich sehr Zukommende 118
+Kapitel 9.+ Bei dem Proprium, das etwas Potenzielles besagt, darf sich das Potenzielle nur auf Wirkliches beziehen. Das durch den Superlativ ausgedrückte Proprium kann leicht aufhören, das Proprium des ursprünglichen Subjekts zu sein 121
Sechstes Buch.
+Kapitel 1.+ Örter aus der Definition. Die Erörterung hat an sich fünf Teile. Drei scheiden aus, weil sie schon bei den Topi aus Akzidenz, Gattung und Proprium erledigt worden sind. Bleiben also nur die Fälle, daß man nicht gut oder gar nicht definiert hat. Man definiert nicht gut, wenn man undeutlich definiert oder wenn die Definition zu viel enthält 124
+Kapitel 2.+ Man definiert nicht deutlich, wenn man Homonyma verwendet, wenn das Definierte selbst nicht eindeutig ist, wenn man metaphorisch spricht, ungewöhnliche Wörter gebraucht u. dergl. 125
+Kapitel 3.+ Die Definition enthält zu viel, wenn sie enthält, was von allem Seienden gilt oder von allem, was mit dem Definierten unter eine Gattung fällt, wenn sie entbehrliche Propria enthält oder gar Zusätze, die nicht auf alles unter sie Fallende passen, wenn sie mehrmals dasselbe sagt und wenn sie zu dem allgemeinen Ausdruck einen partikulären hinzufügt 127
+Kapitel 4.+ Man definiert gar nicht, wenn man nicht aus Bekannterem und Früherem definiert. Man definiert nicht aus Bekannterem, wenn man nicht aus solchem definiert, was schlechthin oder für uns bekannter ist. Ist es bloß für uns bekannter, so erklärt man nicht das Wesen des Definierten. Man definiert ferner nicht aus Bekannterem, wenn man Ruhendes durch Bewegtes definiert. Man definiert nicht aus Früherem, wenn man 1. das Gegenteil durch das Gegenteil definiert, 2. das Definierte selbst verwendet und 3. ein Glied einer Einteilung durch das andere, oder auch wenn man das Übergeordnete durch das Untergeordnete definiert 130
+Kapitel 5.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn der Begriff oder das Ding in einer Gattung stehen und man sie nicht in ihr unterbringt. So verabsäumt man die Angabe des Was oder des Wesens. Wenn man nicht alles angibt, genauer nicht das Beste, wofür das Definierte Geltung hat; auch wenn man die Gattungen übergeht 134
+Kapitel 6.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn man die die Art bezeichnenden Unterschiede gar nicht oder verkehrt angibt. Hier kommen viele Fehler vor: wenn man angibt was gar keine Differenz sein kann, wie lebendig oder Substanz, was naturgemäß nicht zwei Arten derselben Gattung unterscheiden kann; wenn man ebenso angibt, was kein Gegenteil hat; wenn man die Gattung durch Negation einteilt, was gegen die Anhänger der Ideenlehre gilt; wenn man statt der Differenz, die die Art bildet, diese selbst setzt oder statt der Differenz die Gattung usw. 136
+Kapitel 7.+ Man definiert ferner gar nicht, wenn das Ding was es ist, nicht auf Grund des angegebenen Begriffs ist, wenn es selbst ein Mehr zuläßt, der Inhalt der Definition dagegen nicht und wenn man disjunktiv definiert 142
+Kapitel 8.+ Es ist auch keine Definition, wenn sie auf Relatives geht und den Beziehungspunkt verschweigt, wenn sie die Qualität oder Quantität bei dem Gegenstand einer Neigung nicht bestimmt, oder nicht anzeigt, ob sie auf das Gute oder das bloß gut Scheinende gerichtet ist 144
+Kapitel 9.+ Ferner muß man, um nicht verkehrt zu definieren, bei einem Habitus darauf achten, seinen Inhaber und seinen Sitz in der rechten Weise zu bestimmen, bei Relativem, den Beziehungspunkt der Art nach Maßgabe des Beziehungspunktes der Gattung anzugeben und für Konträres konträre Begriffe aufzustellen. Man darf auch das, was kein Mangel ist, nicht als einen Mangel bestimmen 146
+Kapitel 10.+ Die Beugungsformen des Begriffes müssen denen des Wortes für das Definierte entsprechen. Der Begriff muß auch zu der Idee des Definierten und bei Homonymem auf alles durch das Wort Bezeichnete passen 149
+Kapitel 11.+ Definition des Zusammengesetzten 151
+Kapitel 12.+ Definition der Differenz. — Die Definition darf nichts Unmögliches enthalten. Den Beziehungspunkt der Relativa darf man nicht zu weit fassen; man muß ihn an sich, nicht mitfolgend bezeichnen. Das seiner selbst wegen Wünschenswerte darf man nicht wie ein eines anderen wegen Wünschenswertes definieren 153
+Kapitel 13.+ Definition eines Dinges als das und das oder als bestehend aus dem und dem oder als das mit dem. Definitionen, die nur scheinbar unter die letzte Weise fallen 155
+Kapitel 14.+ Man darf ein Ding, z. B. den Menschen, nicht als eine Synthese oder Verbindung definieren und darf einem Ding, dem gleichmäßig Konträres beiwohnen kann, nicht nur das eine Glied des Gegensatzes beiwohnen lassen. — Regeln, um die Definition des Widerparts zu widerlegen oder zu verbessern oder selbst gut zu definieren 159
Siebentes Buch.
+Kapitel 1.+ Zu der Lehre von den Örtern aus der Definition gehört auch eine positive Aussprache über die richtige Definition. Da in der Definition Wort und Begriff identisch sein müssen, so fragt sich, wann das der Fall ist. Dies muß nach den Beugungsformen, dem Begriffsverwandten und dem Entgegengesetzten beurteilt werden. Ist ferner eines etwas am meisten und ein anderes es auch, so sind beide identisch, wenn jedes der Zahl nach eins ist. Weitere Regeln zur Feststellung der Identität 161
+Kapitel 2.+ Die Identität von Wort und Begriff beweist aber noch nicht die Richtigkeit einer Definition 164
+Kapitel 3.+ Bezüglich der Richtigkeit der Definition bemerke man zunächst, daß man die Definitionen nicht zu beweisen, sondern nach Art der Mathematiker vorauszusetzen pflegt, sodann, daß es Sache der Analytik ist, anzugeben, was definieren heißt und wie man definieren soll. Hier sei nur betont, daß man die Definition durch Schluß gewinnt. Die Örter, sie zu gewinnen, lehrt genauer die Analytik. Hier genügen die folgenden Gesichtspunkte. Konträres wird konträr definiert. Dann sind es die Beugungsformen, das Begriffsverwandte, das, was in demselben Verhältnis zu einander steht, endlich das Mehr und das Ebenso, woraus man die Definitionen begründen muß 164
+Kapitel 4.+ Für besonders zahlreiche Fälle läßt sich eine Definition aus dem Sinnverwandten und den Beugungsformen rechtfertigen. Man achte auch sorgfältig auf die konkreten Einzeldinge, um zu sehen, ob der für die Art angegebene Begriff auf sie paßt 168
+Kapitel 5.+ Eine Definition ist schwerer zu begründen als zu widerlegen. Dieses wird im einzelnen nachgewiesen. Ihr kommt hierin das Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leicht, es zu begründen sehr schwer. Am leichtesten von allen vier Stücken zu begründen ist das Akzidenz, aber es ist am schwersten zu widerlegen 168
Achtes Buch.
+Kapitel 1.+ Nachdem gezeigt worden, wie der Disputierende die nötigen Sätze gewinnt, um sachlich seinen Standpunkt zu begründen, gilt es, das Erforderliche über die Technik beim Disputieren zu sagen. Der Dialektiker will nicht nur das Wahre oder Wahrscheinliche dartun, sondern auch in der Disputation den Sieg über den Gegner davontragen. Dem entsprechend muß er beim Fragen und Antworten eine gewisse Weise und eine gewisse Ordnung beobachten. Die notwendigen Sätze, aus denen der Schlußsatz oder dessen unmittelbare Vordersätze gewonnen werden, dürfen, um den Gegner nicht aufmerksam zu machen, nicht gleich im Anfang vorgetragen werden. Auch bei der Führung des Induktionsbeweises und im Interesse der größeren Deutlichkeit der Rede oder um den Schlußsatz zu verschleiern, sind gewisse Regeln zu beobachten 173
+Kapitel 2.+ Induktion und Syllogismus. Weisungen für das Verfahren bei der Induktion 178
+Kapitel 3.+ Es kann bei denselben Voraussetzungen für ein Problem schwer sein, sie anzugreifen, und leicht, sie zu verteidigen. Verhalten beim Angriff 182
+Kapitel 4.+ Ziel und Aufgabe des Antwortenden oder Defendenten 185
+Kapitel 5.+ Regeln für den Antwortenden 185
+Kapitel 6.+ Antwort auf wahrscheinliche und unwahrscheinliche, zur Sache gehörende und nicht gehörende Behauptungen 188
+Kapitel 7.+ Antwort auf undeutliche oder vieldeutige, sowie auf deutliche und eindeutige Fragen oder Einwürfe 189
+Kapitel 8.+ Der Verteidiger, der etwas nicht zugibt, ohne eine entgegenstehende Meinung oder einen Gegengrund zur Verfügung zu haben, macht leere Schwierigkeiten. Freilich ist oft die Antwort auf einen Einwurf schwer, wie z. B. auf die Einwürfe Zenos gegen die Bewegung. Aber gegen Zeno steht die allgemeine Meinung 189
+Kapitel 9.+ Der Verteidiger nehme sich keiner unwahrscheinlichen Sätze an 190
+Kapitel 10.+ Haltlose Einwürfe entkräfte man, indem man den wahren Grund ihrer Haltlosigkeit aufdeckt. Vier Instanzen gegen einen gegnerischen Schluß 191
+Kapitel 11.+ Eine Beweisführung kann an sich und kann in der Form, die sie durch eine gegnerische Frage erhält, mangelhaft und tadelnswert sein. Schadhaftigkeit durch Schuld der anderen Seite. Fünffacher Tadel, den sie an sich verdienen kann. Ein schlüssiger Beweis kann schlechter sein als ein nichtschlüssiger. Was ist ein Philosophem, ein Epicheirem, ein Sophisma und ein Aporem? Der Schlußsatz kann wahrscheinlicher sein als die Vordersätze 192
+Kapitel 12.+ Wann ist die Beweisführung klar? wann ist sie falsch? Drei Fragen bei einer Beweisführung an sich 197
+Kapitel 13.+ Beweisführung aus unzulässigen Vordersätzen; petitio principii und Postulierung des Gegenteils des zu Anfang Gefragten 198
+Kapitel 14.+ Wie wird man ein tüchtiger und gewandter Dialektiker 200
Anmerkungen 205
Sachregister 226
Erstes Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 100a 18]
Unsere Arbeit verfolgt die Aufgabe, eine Methode zu finden, nach der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können und, wenn wir selbst Rede stehen sollen, in keine Widersprüche geraten[1].
Demnach müssen wir zuerst erklären, was ein Schluß ist und welches seine verschiedenen Arten sind, damit wir den dialektischen Schluß erhalten. Denn dieser ist es, den wir in der vorliegenden Arbeit suchen.
Ein Schluß ist also eine Rede, in der bei bestimmten Annahmen etwas anderes als das Vorausgesetzte auf Grund des Vorausgesetzten mit Notwendigkeit folgt[2].
Es ist nun eine Demonstration (Apodeixis), wenn der Schluß aus wahren und ersten Sätzen gewonnen wird oder aus solchen, deren Erkenntnis aus wahren und ersten Sätzen entspringt. Dagegen ist ein dialektischer Schluß ein solcher, der aus wahrscheinlichen Sätzen gezogen wird[3].
[Sidenote: 100b 18]
Wahre und erste Sätze sind solche, die nicht erst durch anderes, sondern durch sich selbst glaubhaft sind. Denn bei den obersten Grundsätzen der Wissenschaften darf man nicht erst nach dem Warum fragen, sondern jeder dieser Sätze muß durch sich selbst glaubhaft sein. Wahrscheinliche Sätze aber sind diejenigen, die Allen oder den Meisten oder den Weisen wahr scheinen, und auch von den Weisen wieder entweder Allen oder den Meisten oder den Bekanntesten und Angesehensten.
Ein eristischer Schluß (Streitschluß) aber ist ein solcher, der auf nur scheinbar, nicht wirklich wahrscheinlichen Sätzen fußt, und ein solcher, der auf wahrscheinlichen oder scheinbar wahrscheinlichen Sätzen zu fußen scheint[4]. Denn nicht alles, was wahrscheinlich scheint, ist es auch. Kein Satz, den man als wahrscheinlich bezeichnet, sieht nur ganz an der Oberfläche so aus, wie es bei den Prinzipien der eristischen Begründungen der Fall zu sein pflegt. Denn der Charakter der Falschheit verrät sich bei ihnen sofort und in den meisten Fällen für solche, die auch nur wenig Überblick haben.
[Sidenote: 101a 1]
Der erste der genannten eristischen Schlüsse möge auch Schluß heißen, der andere immerhin eristischer Schluß, aber nicht Schluß, da er zwar dem Scheine nach schließt, aber nicht wirklich.
Außer den verschiedenen jetzt angeführten Schlüssen gibt es noch Fehlschlüsse auf Grund der eigentümlichen Sätze bestimmter Wissenschaften, wie sie in der Geometrie und den ihr verwandten Disziplinen vorzukommen pflegen. Diese Art scheint sich von den genannten Schlüssen zu unterscheiden. Der Pseudograph (Zeichner falscher geometrischer Figuren) schließt weder aus wahren und ersten, noch aus wahrscheinlichen Sätzen. Denn die von ihm verwandten Prämissen fallen nicht unter die Begriffsbestimmung des Wahrscheinlichen: er nimmt zu Vordersätzen weder was Allen, noch was den Meisten, noch was den Weisen, und von den Weisen weder was ihnen Allen, noch was den Meisten, noch was den Berühmtesten wahr scheint, sondern er folgert aus Annahmen, die zwar seiner Wissenschaft eigentümlich, die aber nicht wahr sind. Denn er gewinnt den Fehlschluß, indem er entweder die Halbkreise nicht beschreibt, wie es sein müßte, oder bestimmte Linien nicht so zieht, wie sie gezogen werden müßten[5].
Dieses mögen denn, im allgemeinen Umriß beschrieben, die verschiedenen Arten der Schlüsse sein. Wir wollen aber überhaupt, wie alles Angeführte, so auch das noch weiter Auszuführende nur so weit, also nur im allgemeinen, behandeln. Denn es ist nicht unser Vorhaben, über irgend eines dieser Dinge genaue Rechenschaft zu geben, sondern wir wollen alles nur im Umriß darstellen, indem es uns für die vorliegende Disziplin vollkommen zu genügen scheint, wenn man sich mit allem Einzelnen in ihr auch nur annähernd bekannt machen kann.
+Zweites Kapitel.+
Auf das Gesagte mag passend eine Andeutung darüber folgen, für wie viele und was für Dinge diese Kunst nützlich ist.
Sie ist für dreierlei Dinge nützlich: für die Übung, für den Gedankenaustausch und für die philosophischen Wissenschaften.
Daß sie für die Übung nützlich ist, versteht sich von selbst: wenn wir im Besitz einer festen Methode sind, so werden wir einen vorgelegten Gegenstand leichter in Angriff nehmen können.
Und auch für den Gedankenaustausch muß sie nützlich sein. Denn wir werden, wenn wir mit ihr vertraut sind, im Verkehr mit anderen die Meinungen der Menge aufzählen und alles, was uns von der Gegenseite nicht recht gesagt scheint, nicht auf fremde Ansichten, sondern auf die eigene gestützt, widerlegen können.
Endlich ist sie für die philosophischen Wissenschaften nützlich. Denn wenn wir imstande sind, nach beiden Seiten Bedenken zu erheben, werden wir leichter erkennen, was hier und was dort wahr oder falsch ist.
[Sidenote: 101b 1]
Sie kann uns aber auch für die Erkenntnis dessen nützlich sein, was bei den Prinzipien der Einzelwissenschaften das Erste ist[6]. Hierüber läßt sich auf Grund der besonderen Prinzipien einer gegebenen Wissenschaft unmöglich etwas ausmachen, weil die Prinzipien das erste von allem sind; man muß hier vielmehr mit Hilfe der wahrscheinlichen Sätze über den jeweiligen Gegenstand der Sache beikommen. Das ist aber die eigentümliche oder doch ihr besonders zukommende Leistung der Dialektik. Sie ist eine Kunst der Erfindung, und darum beherrscht sie den Weg zu den Prinzipien aller Wissenschaften.
+Drittes Kapitel.+
Wir werden diese Disziplin vollkommen inne haben, wenn wir sie in der gleichen Weise inne haben, wie man es von der Beredsamkeit, der Heilkunde und ähnlichen Künsten fordert.
Diese Vollkommenheit besteht darin, daß wir unser Vorhaben so weit zur Ausführung bringen, als es möglich ist. Der Rhetor wird nicht in allen Fällen überzeugen und der Arzt nicht die Heilung herbeiführen; wenn er nur nichts von dem, was möglich ist, unterläßt, werden wir schon sagen, daß er seine Wissenschaft gehörig inne hat[7].
+Viertes Kapitel.+
Wir müssen nun zuerst sehen, woraus diese Disziplin erwächst. Wir dürften diese Frage genügend beantwortet haben, wenn wir ermitteln, auf wie viele und was für Dinge sich die Disputationen beziehen, mit welchen Gründen sie beweisen und wie wir diese Gründe finden.
Es sind der Zahl nach die gleichen und es sind dieselben Dinge, aus denen die Disputationen erwachsen und um die sich die Schlüsse drehen. Die Disputationen erwachsen aus den Sätzen und das, worum sich die Schlüsse drehen, sind die Probleme. Jeder Satz und jedes Problem bezeichnet aber entweder eine Gattung oder eine Eigentümlichkeit oder ein Akzidenz. Die spezifische Differenz muß man hier, als mit der Gattung verwandt, mit ihr zusammenstellen. Da die eine Eigentümlichkeit das Wesen bezeichnet, die andere nicht, so werde die Eigentümlichkeit überhaupt nach den beiden jetzt genannten Teilen unterschieden, und es heiße der das Wesen bezeichnende Teil Definition, der andere soll dann nach der gemeinsamen Benennung, die wir ihnen gegeben haben, als Eigentümliches, Proprium, bezeichnet werden. So erhellt denn aus dem Gesagten, daß auf Grund dieser jetzt gemachten Unterscheidung im ganzen vier Stücke herauskommen müssen: Proprium, Definition, Genus und Akzidenz.
Es möge aber niemand uns so verstehen, als wäre schon jedes von diesen Stücken, für sich allein genommen, ein Satz oder ein Problem, sondern wir wollen nur sagen, daß die Probleme und Sätze von ihnen kommen und durch sie veranlaßt werden.
Problem und Satz unterscheiden sich durch die Form. Sagt man: Ist auf Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition von Mensch? und: Ist Sinnenwesen Gattung von Mensch? so gibt es einen Satz. Sagt man dagegen: Ist auf Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen die Definition von Mensch oder ist sie es nicht? und: Ist Sinnenwesen Gattung von Mensch (oder nicht)? so gibt es ein Problem. Und so auch im übrigen.
Man versteht hiernach, daß Probleme und Sätze sich an Zahl gleich sind. Aus jedem Satz kann man mit Änderung der Form ein Problem machen.
+Fünftes Kapitel.+
Wir müssen jetzt angeben, was Definition, was Proprium, was Gattung und was Akzidenz ist.
[Sidenote: 102a]
Definition ist eine Rede, die das Wesen anzeigt. Man setzt hier entweder eine Rede an die Stelle eines Wortes oder eine Rede an die Stelle einer Rede. Denn man kann auch manches definieren, was durch eine Rede ausgedrückt ist.
Wer etwas wie immer durch ein Wort erklärt, gibt offenbar keine Definition des Dinges, da jede Definition eine Rede ist. Doch muß man zugeben, daß es sich der Definition nähert, wenn man z. B. sagt: Das sittlich Gute ist das Geziemende. Gleiches gilt für den Fall, daß man erklärt, ob Sinneserkenntnis und Wissenschaft dasselbe oder verschieden ist; denn auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit darin, zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit gegeben ist. Wir wollen darum überhaupt alles, was mit den Definitionen unter dasselbe Verfahren fällt, definitiv[8] nennen. Daß das jetzt Angeführte ausnahmslos diesen Charakter hat, versteht sich von selbst. Können wir schulgerecht darüber disputieren, ob etwas dasselbe wie ein anderes oder von ihm verschieden ist, so können wir es auf dieselbe Weise auch mit den Definitionen angehen. Denn wenn wir gezeigt haben, daß es nicht dasselbe ist, haben wir die Definition widerlegt. Freilich kann man das eben Gesagte nicht umkehren. Zur Aufstellung einer Definition genügt der Nachweis der Identität gewiß nicht; wohl aber genügt es vollständig zu ihrer Widerlegung, wenn man zeigt, daß die Identität nicht vorhanden ist.
Eigentümlich, proprium, ist was zwar nicht das Wesen eines Dinges bezeichnet, aber nur ihm zukommt und in der Aussage mit ihm vertauscht wird. So ist es eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß er der Grammatik[9] fähig ist; denn wenn er ein Mensch ist, ist er der Grammatik fähig, und wenn er der Grammatik fähig ist, ist er ein Mensch. Niemand nennt eigentümlich, was einem anderen zukommen kann, nennt z. B. den Schlaf eine Eigentümlichkeit des Menschen, auch nicht, wenn der Schlaf zufällig vorübergehend nur ihm zukommen sollte. Würde mithin etwas Derartiges auch eigentümlich genannt, so gälte diese Bezeichnung doch nicht schlechthin, sondern nur zeitweilig und beziehungsweise. Rechtsstehen ist für ein Subjekt zeitweilig eigentümlich, und zweibeinig sein mag ihm beziehungsweise als Eigentümlichkeit beigelegt werden, dem Menschen z. B. mit Beziehung auf Pferd und Hund[10]. Aber es ist klar, daß nichts von dem, was einem anderen zukommen kann, in der Aussage mit seinem Subjekte vertauscht wird. Wenn etwas schläft, braucht es deshalb kein Mensch zu sein.
[Sidenote: 102b]
Gattung ist, was von mehreren und der Art nach verschiedenen Dingen bei der Angabe ihres Was oder Wesens prädiziert wird. Bei Angabe des Wesens prädiziert werden werde von solchem verstanden, was man auf die Frage antworten muß, was das vorliegende Ding ist. So muß man z. B. beim Menschen auf die Frage, was er ist, sagen, er sei ein Sinnenwesen[11]. Zur Frage nach der Gattung gehört auch die Frage, ob etwas mit einem anderen in derselben oder in einer verschiedenen Gattung steht. Eine solche Frage fällt unter dieselbe wissenschaftliche Behandlung wie die Frage nach der Gattung. Haben wir dargetan, daß Sinnenwesen gleichmäßig Gattung von Mensch und Ochs ist, so haben wir dargetan, daß sie in derselben Gattung stehen. Haben wir dagegen gezeigt, daß etwas Gattung des einen ist, aber nicht des anderen, so haben wir dargetan, daß die beiden nicht in derselben Gattung stehen.
Akzidenz ist was keines von diesen ist, nicht Definition, nicht Proprium, nicht Gattung, aber dem Dinge zukommt, und was einem und demselben, sei es was immer, zukommen und nicht zukommen kann, wie es z. B. einem und demselben zukommen und nicht zukommen kann, daß es sitzt. Gleiches gilt von dem Weißen. Nichts hindert ja, daß dasselbe Ding bald weiß, bald nicht weiß ist.
Von den Begriffsbestimmungen des Akzidenz ist die zweite besser. Um die zuerst aufgestellte zu verstehen, muß man zuvor wissen, was Definition, Gattung und Proprium ist, dagegen genügt die zweite für sich, um uns erkennen zu lassen, was das Akzidentelle an sich ist.
Zum Akzidenz wollen wir auch die Vergleichungen von Dingen ziehen, die in irgendeiner Weise von ihm den Namen haben, Vergleichungen, wie sie z. B. in der Frage vorkommen, ob das sittlich Gute oder das Vorteilhafte den Vorzug verdient, ob das Leben nach der Tugend oder ein Leben nach den Eingebungen der Sinnlichkeit genußreicher ist, und dergleichen. Denn bei allen solchen Fragen will man wissen, wem von beiden das betreffende Prädikat eher akzidentell mitfolgt.
Diese Fragen zeigen aber, daß ein Akzidenz stellenweise auch ohne Anstand mit bezug auf bestimmte Subjekte zum Proprium werden kann. So wird das Sitzen, das ein Akzidenz ist, wenn man der einzige Sitzende ist, zum Proprium, und wenn man nicht der einzige ist, wird es gegenüber den nicht Sitzenden den Charakter des Proprium annehmen. Und so kann dann das Akzidenz relativ und stellenweise zum Proprium werden, schlechthin aber wird es kein Proprium sein.
+Sechstes Kapitel.+
Man bemerke wohl, daß alles über Proprium, Gattung und Akzidenz Gesagte füglich auch von der Definition gelten kann. Wenn man zeigt, daß etwas dem Gegenstande der Definition nicht allein zukommt, und dasselbe ist von dem Proprium zu sagen, oder daß die in der Definition angegebene Gattung nicht die rechte ist, oder daß ein in die Definition aufgenommenes Merkmal nicht zutrifft, und das gelte auch vom Akzidenz, so hat man damit die Definition selbst aufgehoben. So hat denn nach dem eben vorgetragenen Grunde alles, was wir aufgezählt haben, gewissermaßen definitiven Charakter.
Darum darf man jedoch nicht eine gemeinsame Methode für alle Probleme ohne Unterschied fordern.
[Sidenote: 103a]
Einmal wäre eine solche Methode nicht leicht ausfindig zu machen, und dann wäre sie, wenn auch gefunden, ganz unbestimmt und für die vorliegende Aufgabe unverwendbar. Wird dagegen für eine jede der von uns unterschiedenen Gattungen eine eigene Methode angegeben, so läßt sich der jeweilige Gegenstand aus den ihm angemessenen Gesichtspunkten leichter behandeln. So muß man denn, wie vorhin gesagt, unsere Einteilung bloß allgemein verstehen und von dem Übrigen dasjenige in die eine oder in die andere Gattung einbeziehen, was ihr am nächsten verwandt ist. Man bezeichne dieses dann als zur Definition gehörig, zur Gattung gehörig und so fort. So haben wir ja auch das, was wir bereits angeführt haben, so ziemlich an seinem Orte untergebracht[12].
+Siebentes Kapitel.+
Zu allererst müssen wir von dem Identischen handeln, und angeben, in wie vielfacher Bedeutung man von ihm spricht[13].
Das Identische, um es nur in einem allgemeinen Umriß zu beschreiben, scheint drei verschiedene Bedeutungen zu haben. Wir nennen etwas identisch der Zahl oder der Art oder der Gattung nach: der Zahl nach identisch das, was mehr als einen Namen hat, aber nur ein Ding ist, wie Gewand und Kleid; der Art nach, was mehr als eines ist, aber keinen Unterschied in der Art aufweist, wie z. B. Mensch mit Mensch und Pferd mit Pferd identisch ist; denn man nennt solches der Art nach identisch, was unter dieselbe Art fällt. Ebenso nennt man der Gattung nach identisch, was unter dieselbe Gattung fällt, wie Pferd, verglichen mit Mensch.
Wasser aus derselben Quelle scheint sich, wenn es identisch genannt wird, von den genannten Weisen zu unterscheiden. Gleichwohl möge auch solches Wasser mit denjenigen Dingen in einer Reihe stehen, die wie immer identisch genannt werden, weil sie zu einer Art gehören. Alles solches scheint sich verwandt und ähnlich zu sein. Alles Wasser wird allem Wasser der Art nach identisch genannt, weil es eine gewisse Ähnlichkeit hat, und Wasser aus derselben Quelle unterscheidet sich nur dadurch, daß hier die Ähnlichkeit besonders stark hervortritt. Daher wollen wir es nicht von den Dingen trennen, die wie immer identisch genannt werden, weil sie zu einer Art gehören.
Es versteht sich wohl von selbst, daß man allgemein mit identisch besonders das der Zahl nach meint. Aber auch dieses pflegt den Dingen in mehrfachem Sinne zugesprochen zu werden: im eigentlichsten und ersten Sinne, wenn die Identität dem Worte oder der Definition beigelegt wird, wie wenn Kleid mit Gewand, und gehendes[14], zweibeiniges Sinnenwesen mit Mensch identisch ist; zweitens, wenn sie dem Proprium beigelegt wird, wie das der Wissenschaft Fähige mit Mensch und das von Natur nach oben Steigende mit Feuer identisch ist, und drittens, wenn sie einem Objekte auf Grund seines Akzidenz beigelegt wird, in der Weise z. B., wie sitzend oder gebildet mit Sokrates sich deckt. Alles dieses will das der Zahl nach Eine anzeigen.
Daß dem wirklich so ist, erkennt man am besten an dem Verfahren derer, die die Bezeichnungen der Dinge miteinander vertauschen. Wenn wir aus einer Zahl sitzender Personen eine rufen lassen wollen, ändern wir wohl die Bezeichnung, wenn uns der Beauftragte nicht versteht, in der Erwartung, daß er uns auf Grund eines Akzidenz eher verstehen wird, und befehlen, den Sitzenden oder Plaudernden zu uns zu rufen, natürlich in der Annahme, daß wir Identisches bezeichnen, ob wir nun den Namen oder das Akzidenz nennen.
+Achtes Kapitel.+
[Sidenote: 103b]
Das Identische werde also, wie gesagt, dreifach unterschieden. Was dann aber die Begründungen angeht, so kann ein erster Beweis dafür, daß die vorhin genannten Gattungen es sind, woraus und wodurch und mit Bezug worauf man sie gewinnt, durch Induktion geführt werden[15].
Wenn man nämlich die Prämissen und Probleme betrachtet, so zeigt sich, daß jede und jedes entweder aus der Definition oder aus dem Proprium oder aus der Gattung oder aus dem Akzidenz genommen ist.
Ein zweiter Beweis wird durch den Syllogismus geführt. Alles, was von etwas prädiziert wird, läßt notwendig entweder die Umkehrung von Subjekt und Prädikat zu oder nicht. Läßt es sie zu, so ist das Prädizierte entweder Definition oder Proprium: gibt es das Wesen des Subjekts an, so ist es Definition, wo nicht, Proprium. Das galt uns ja als Proprium, was zwar mit dem Subjekt vertauscht wird, aber sein Wesen nicht angibt. Läßt es aber die Umkehrung von Subjekt und Prädikat nicht zu, so ist es entweder ein Bestandteil der Definition des Subjekts, oder nicht. Und ist es ein Bestandteil von ihr, so muß es Gattung oder Differenz sein, da die Definition aus Gattung und Differenz besteht; ist es aber kein Bestandteil von ihr, so ist es offenbar ein Akzidenz; denn als Akzidenz bezeichneten wir was weder Definition, noch Gattung, noch Proprium ist, aber dem Ding, von dem man spricht, zukommt[16].
+Neuntes Kapitel.+
Nach diesem nun sind die Gattungen der Kategorien zu denen die genannten vier Stücke gehören, anzugeben. Ihrer sind zehn an der Zahl: Was (Quiddität, Wesen), Quantität, Qualität, Relation, Wo, Wann, Liegen, Haben, Wirken, Leiden. Zu einer von diesen Kategorien müssen das Akzidenz, die Gattung, das Proprium und die Definition immer gehören. Denn alle durch sie zustande kommenden Prämissen enthalten entweder eine Aussage über ein Was, oder über eine Qualität oder eine Quantität oder über sonst eine Kategorie.
Es ist aber selbstverständlich, daß der, der das Was angibt, bald die Substanz angibt, bald die Qualität, bald sonst eine Kategorie. Denn wenn er, wo es sich um einen Menschen fragt, erklärt, das Fragliche sei ein Mensch oder ein Sinnenwesen, so sagt er, was es ist, und gibt die Substanz an; und erklärt er, wo es sich um die weiße Farbe handelt, das Fragliche sei weiß oder Farbe, so sagt er, was es ist, und gibt die Qualität an. Und wenn er, wo es sich um die Größe einer Elle handelt, erklärt, das Fragliche sei eine Größe von einer Elle, so wird er in gleicher Weise sagen, was es ist, und gibt die Quantität an. Und mit den anderen Kategorien verhält es sich ebenso: von einem jeden unter sie fallenden Ding gibt man, mag es von sich selbst oder mag die Gattung von ihm ausgesagt werden, an, was es ist. Wenn es dagegen von einem anderen ausgesagt wird, gibt man nicht an, was es ist, sondern man gibt die Quantität oder die Qualität oder sonst eine Kategorie an[17].
[Sidenote: 104a]
So sind es denn diese und so viele Dinge, um die sich die Disputationen drehen und durch die sie veranlaßt werden. Wie wir diese Dinge aber erhalten und wodurch wir sie finden, müssen wir nach diesem erklären.
+Zehntes Kapitel.+
Zuerst soll nun bestimmt werden, was ein dialektischer Satz (πρότασις διαλεκτική) und was ein dialektisches Problem ist. Denn man darf nicht jeden Satz und jedes Problem für dialektisch halten. Wird doch kein Verständiger einen Satz aufstellen, den niemand für wahr hält, und ein Problem aus etwas machen, was allen oder den meisten einleuchtet. Das eine bietet keine Schwierigkeit und das andere wird niemand behaupten.
Es ist aber ein dialektischer Satz eine Frage[18], die entweder allen oder den meisten oder den Weisen und von den Weisen entweder allen oder den meisten oder den Angesehensten glaubwürdig erscheint, ohne (für die gemeine Meinung) unglaubwürdig zu sein. Denn man wird dasjenige als wahr verfechten, was die Weisen dafür halten, falls es nicht den Ansichten der Menge zuwiderläuft.
Zu den dialektischen Sätzen gehört auch was dem Glaubwürdigen Ähnliches behauptet, was dem glaubwürdig Scheinenden Entgegengesetztes verneint wird, und alles, was die Meinungen wiedergibt, die den von den Menschen erfundenen Wissenschaften und Künsten gemäß sind.
Denn wenn es glaubwürdig ist, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß es auch glaubwürdig scheinen, daß die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist, und wenn es glaubwürdig ist, daß es der Zahl nach nur eine Grammatik gibt, so muß es auch glaubwürdig scheinen, daß es der Zahl nach nur eine Kunst des Flötenspiels gibt, und wenn mehrere grammatische Wissenschaften, auch mehrere Künste des Flötenspiels. Denn alles dieses scheint sich ähnlich und verwandt.
Ebenso muß glaubwürdig erscheinen, was dem glaubwürdigen Entgegengesetztes verneint wird. Ist es glaubwürdig, daß man den Freunden Gutes tun muß, so ist es auch glaubwürdig, daß man ihnen nichts Böses tun darf. Das konträre Gegenteil hiervon wäre, daß man den Freunden Böses tun müßte, das bloß verneinende oder kontradiktorische Gegenteil aber ist, daß man ihnen nichts Böses tun darf. Ebenso braucht man, wenn man den Freunden Gutes tun muß, es nicht den Feinden zu tun. Auch dieses entspricht der Verneinung des Gegenteils; das (eigentliche, konträre) Gegenteil wäre, daß man den Feinden Gutes tun müßte. Und ebenso ist es in anderen dergleichen Fällen. Es wird auch bei der Vergleichung so scheinen, als ob das Gegenteil, vom Gegenteil prädiziert, glaubwürdig oder wahrscheinlich sei, z. B.: wenn man den Freunden Gutes tun muß, muß man auch den Feinden Böses tun. Auch könnte es so scheinen, als ob den Freunden Gutes tun das Gegenteil wäre von den Feinden Böses tun. Ob dem aber wirklich so ist, oder nicht, soll erklärt werden, wenn wir auf die Lehre vom Konträren zu sprechen kommen (unten 2. Buch, 7. Kap., 2. Abs.).
Es ist auch klar, daß alle solche Meinungen, die den Wissenschaften und Künsten gemäß sind, dialektische Sätze abgeben. Man wird solchen Ansichten das Wort reden, die den Leuten vom Fach annehmbar erscheinen, in Sachen der Heilkunde dem, was die Ärzte, in Fragen der Geometrie dem, was die Geometriker darüber glauben, und so fort.
+Elftes Kapitel.+
[Sidenote: 104b]
Ein dialektisches Problem (Vorwurf) ist ein Theorem (Forschungsgegenstand), das entweder auf Wahl und Flucht oder auf Wahrheit und Erkenntnis abzielt[19], sei es unmittelbar oder als Beihilfe zu einem anderen Satz dieser Art, und über das die Menge und die Weisen entweder keine bestimmte Meinung haben, oder jene entgegengesetzt denkt wie diese, oder diese wie jene, oder beide unter sich selbst. Denn die Kenntnis mancher Probleme ist für das Wählen oder Fliehen nützlich, z. B. ob die Lust begehrenswert ist oder nicht; bei manchen dagegen liegt der Nutzen nur im Wissen, z. B. ob die Welt ewig ist oder nicht; und manche haben an und für sich weder für das eine, noch für das andere einen Nutzen, tragen aber zur Lösung solcher Probleme bei. Denn manches wollen wir nicht an und für sich wissen, sondern um eines anderen willen, das wir aus ihm zu erkennen hoffen.
Es gibt auch Probleme, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat — denn es kann zweifelhaft sein, ob etwas sich so verhält, oder nicht, weil es für beides glaubwürdige Gründe gibt —, und wieder solche, über die wir, obwohl sie groß und bedeutend sind, nicht Rede stehen können, da wir es für schwer halten, das Warum anzugeben, z. B. ob die Welt ewig ist, oder nicht; denn man mag auch wohl nach so etwas fragen[20].
So seien denn die Probleme und Sätze in der Art beschrieben, wie wir jetzt getan haben. Eine These aber ist eine paradoxe Meinung eines angesehenen Philosophen, z. B. daß es keinen Widerspruch geben kann, wie Antisthenes behauptete, oder daß, wie Heraklit will, alles sich bewegt, oder daß das Seiende eins ist, wie Melissus sagt. Denn sich um den ersten Besten zu kümmern, der den gewöhnlichen Meinungen Entgegengesetztes aufgestellt hat, wäre einfältig.
Oder Thesen sind Aufstellungen, bezüglich deren wir einen (scheinbaren) Grund haben, der den (gewöhnlichen) Meinungen entgegensteht, z. B. wie die Sophisten sagen, daß nicht alles Seiende entweder geworden oder ewig ist, da wer ein Musiker sei, ein Grammatiker sei, ohne (es) geworden und ohne (es) ewig zu sein. Denn wenn man das auch nicht glaubt, so kann man es doch glauben, weil es einen Grund für sich hat[21].
[Sidenote: 105a]
Auch die These ist ein Problem; doch ist nicht jedes Problem eine These, da manche Probleme so beschaffen sind, daß wir nach keiner von beiden Seiten eine bestimmte Ansicht über sie haben. Daß aber auch die These ein Problem ist, ist klar. Denn nach dem Gesagten muß über eine These entweder die Menge mit den Weisen geteilter Ansicht sein, oder beide unter sich, da ja die These eine paradoxe Meinung ist. Gegenwärtig aber bezeichnet man durchgängig alle dialektischen Probleme als Thesen. Es soll auch nichts austragen, wie man sie nennt. Denn nicht um neue Namen aufzubringen, haben wir beide so unterschieden, sondern um den Unterschied nicht zu übersehen, der zwischen ihnen besteht.
Man soll nicht jedes Problem und jede These untersuchen, sondern nur solche, wo es zur Lösung obwaltender Zweifel der Vernunft bedarf, nicht der Züchtigung oder der gesunden Sinne. Die etwa zweifeln, ob man die Götter ehren und die Eltern lieben soll, oder nicht, bedürfen der Züchtigung, und die zweifeln, ob der Schnee weiß ist, oder nicht, bedürfen der gesunden Sinne. Auch darf man nicht solches dialektisch behandeln, wofür der Beweis nahe oder allzu fern liegt: das eine bietet keine, das andere größere Schwierigkeit, als bloße Übung verträgt.
+Zwölftes Kapitel.+
Nachdem dieses festgestellt ist, müssen wir angeben, wie viele verschiedene Arten dialektischer Begründungen es gibt. Die eine ist Induktion, die andere der Syllogismus.
Was ein Syllogismus ist, haben wir oben erklärt (1. K.).
Die Induktion aber ist der Aufstieg vom Besonderen zum Allgemeinen, z. B.: wenn der beste Steuermann ist, wer seine Sache versteht, und Gleiches von dem Wagenlenker gilt, so ist auch der Beste überhaupt, wer seine jeweilige Sache versteht. Die Induktion ist überzeugender, deutlicher, sinnlich faßbarer und der Menge vertrauter, der Syllogismus zwingender und für die Widerlegung wirksamer.
+Dreizehntes Kapitel.+
Die Gattungen, um die die von uns gesuchten Begründungen und Sätze sich drehen und aus denen sie entnommen werden, seien in der Weise festgestellt, wie vorhin (K. 8) angegeben worden.
Der Mittel (Werkzeuge) aber, die uns Syllogismen und Induktionen finden helfen, sind vier: das eine ist die Ermittelung der Sätze, das zweite die geschickte Unterscheidung der mannigfachen Bedeutung der Wörter, das dritte die Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte die Aufsuchung ihrer Übereinstimmung.
In gewisser Weise sind aber auch die drei zuletzt genannten Hilfsmittel Sätze. Denn man kann jedes von ihnen so behandeln, daß ein Satz daraus wird, der Satz z. B., daß das Begehrenswerte entweder das sittlich Gute oder das Angenehme oder das Nützliche ist, und: daß der Sinn sich insofern von der Wissenschaft unterscheidet, als man diese nach ihrem Verluste wieder erlangen kann, jenen aber nicht, und: daß das Gesunde sich zur Gesundheit verhält wie das Kräftige zur Kraft. Dem ersten Satz liegt die Mannigfaltigkeit der Bedeutung zugrunde, dem zweiten der Unterschied der Dinge, dem dritten ihre Übereinstimmung.
+Vierzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 105b]
Was nun die Sätze betrifft, so muß man sie in so vielfacher Weise auswählen, wie wir es oben (K. 10) bezüglich des Satzes festgestellt haben, muß also entweder die Meinungen nehmen, an denen alle festhalten oder die Meisten oder die Weisen, und von den Weisen entweder Alle oder die Meisten oder die Angesehensten, oder muß auch die Meinungen nehmen, die den geläufigen entgegengesetzt sind, und die, die in den Künsten und Wissenschaften gelten. Die den geläufigen entgegengesetzten Meinungen muß man aber in dem vorhin angezeigten Sinne aufstellen, d. h. verneinend.
Es ist auch nützlich, sie so aufzustellen, daß man nicht nur wirklich wahrscheinliche auswählt, sondern auch ihnen ähnliche, daß z. B. die Wahrnehmung des Entgegengesetzten dieselbe ist — ist doch die Wissenschaft für beide Seiten des Gegensatzes eine —, und daß wir sehen, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden (keinen Lichtstrahl). Denn es ist auch bei den anderen Sinnen so. Wir hören, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht etwas aussenden, und ebenso schmecken wir, und so fort.
Man muß auch das, was bei allen oder den meisten Dingen zutage tritt, als Prinzip und geltende These nehmen. Denn diejenigen, die nicht gewahren, daß es sich in einem bestimmten Falle nicht so verhält, sehen so etwas für eine These an.
Man muß seine Sätze auch aus geschriebenen Ausführungen nehmen und die Angaben so machen, daß man sie gesondert über jede Gattung anbringt, z. B. über das Gute oder über das Lebendige, und zwar über alles Gute, angefangen mit seinem Was. Auch muß man die Meinungen der jeweiligen Gewährsmänner als solche bezeichnen, muß z. B. anmerken, daß Empedokles vier körperliche Elemente gelehrt hat. Denn was ein angesehener Mann gesagt hat, wird man einem bereitwillig als haltbare These gelten lassen.
Es gibt, um es nur im Umriß zu sagen, drei Klassen von Sätzen und Problemen: die einen sind ethische, die andern physikalische und die dritten logische (erkenntnistheoretische) Sätze[22]. Ethische sind Sätze, wie, ob man im Falle einer Kollision der Pflichten mehr den Eltern gehorchen soll als den Gesetzen, logische z. B., ob die Wissenschaft der Gegensätze dieselbe ist, oder nicht, physikalische, ob die Welt ewig ist, oder nicht. Ein Gleiches gilt von den Problemen. Was für Sätze je zu einer dieser Klassen gehören, ist begrifflich nicht leicht zu erklären, man muß sie einzeln durch fortgesetzte Induktion kennen zu lernen suchen, indem man sich die obgenannten Beispiele gegenwärtig hält.
Um über solche Sätze und Probleme ein philosophisches Urteil zu gewinnen, muß man sie freilich nach dem Maßstabe der Wahrheit behandeln, um sich aber lediglich eine Meinung über sie zu bilden, ist das dialektische Verfahren am Platz. Man muß aber alle Sätze möglichst allgemein fassen, um sodann aus dem einen Satze viele zu machen, muß z. B. zuerst den Satz nehmen, daß Entgegengesetztes derselben Wissenschaft unterliegt, dann, daß dieses von dem konträr Entgegengesetzten und von dem Relativen gilt. Ebenso muß man wieder diese Sätze teilen, so lange eine Teilung angeht, z. B. daß das Gute und das Böse, das Weiße und das Schwarze, das Kalte und das Warme Einem Wissen untersteht usw.
+Fünfzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 106a]
Bezüglich des Satzes möge das jetzt Vorgetragene genügen. Was aber dann die mannigfaltige Bedeutung der Wörter angeht, so muß man nicht nur darlegen, was alles auf verschiedene Weise ausgesagt wird, sondern auch die Gründe dafür zu erklären suchen. Man muß z. B. nicht bloß sagen, daß auf eine andere Weise Gerechtigkeit und Starkmut und auf eine andere das Kräftige und Gesunde gut genannt wird, sondern auch, daß man deshalb so verschieden davon spricht, weil das eine selbst eine bestimmte Beschaffenheit hat, das andere sie bewirkt und nicht selbst hat, usf.
Ob ein Wort dem Begriffe nach mehrfach oder einfach gebraucht wird, muß man durch folgende Mittel zu erkennen suchen.
Erstens muß man bei seinem Gegenteil zusehen, ob man verschieden davon redet, mag es nun eine Verschiedenheit im Begriff, d. h. in der Bedeutung, oder im Wort sein. Vieles ist auch schon dem Worte nach verschieden, so ist dem Scharfen (Hohen, Spitzen) in der Stimme das Schwere (Tiefe), in der Raumgröße das Stumpfe entgegengesetzt. Demnach ist klar, daß man vom Gegenteil von scharf mehrfach redet. Wenn aber das, dann auch von scharf (selbst). Denn das Gegenteil wird für jedes dieser beiden verschieden sein. Denn es ist nicht dasselbe Scharfe das Gegenteil von stumpf und von schwer, von beiden aber ist scharf das Gegenteil. Wiederum ist dem Schweren bei der Stimme das Scharfe (Hohe), bei der Raumgröße oder Masse das Leichte entgegengesetzt, so daß man von schwer in mehrfachem Sinne spricht, weil auch von seinem Gegenteil. Ebenso ist dem Schönen an Mensch oder Tier das Häßliche, dagegen dem Schönen an einem Hause das Schlechte entgegengesetzt und demnach schön homonym.
Bei vielen Dingen aber tritt zwar im Wort keine Abweichung hervor, wohl aber zeigt sich bei ihnen sofort ein Unterschied in der Bedeutung, so z. B. bei weiß und schwarz. Man spricht von einer weißen und schwarzen (klaren und unklaren) Stimme und ebenso von der Farbe. So weicht denn beides dem Worte nach gar nicht voneinander ab, aber der Unterschied der Bedeutung tritt hier sofort zutage. Die Farbe wird nicht in demselben Sinne klar genannt wie die Stimme. Das verrät auch die sinnliche Wahrnehmung. Was dem begrifflichen Wesen nach dasselbe ist, fällt unter denselben Sinn, das Helle in Stimme und Farbe aber beurteilen wir nicht mit demselben Sinn, sondern dieses mit dem Gesicht, jenes mit dem Gehör. Ebenso ist es mit dem Scharfen und Stumpfen bei Geschmäcken und bei Körpern, nur daß man dieses mit dem Getast, jenes mit dem Geschmack beurteilt. Auch hier zeigt sich keine Abweichung im Worte, weder bei den genannten Dingen selbst, noch bei ihrem Gegenteil. Denn auch das Gegenteil von beiden heißt stumpf.
[Sidenote: 106b]
Ferner muß man zusehen, ob das eine ein Gegenteil hat, das andere dagegen schlechthin keines. So ist z. B. von der Lust des Trinkens das Gegenteil die Unlust des Dürstens, aber die Lust der Betrachtung, daß die Diagonale mit der Seite nicht kommensurabel ist, hat kein Gegenteil, und so folgt, daß man von der Lust mehrdeutig spricht. Und von der geistigen Liebe ist das Gegenteil der Haß, aber die sinnliche Liebe, die auf leiblicher Funktion beruht, hat kein Gegenteil, und so ist klar, daß Liebe homonym ist.
Ferner muß man bei dem in der Mitte Stehenden achtgeben, ob das eine ein Mittleres hat, das andere keines, oder ob beide ein Mittleres haben, aber nicht dasselbe. Z. B. zwischen weiß und schwarz (hell und dunkel oder tief) steht bei Farben das Braune, bei der Stimme dagegen nichts in der Mitte, und wenn schon etwas, so müßte es die Belegtheit sein, wie denn einige sagen, daß die belegte Stimme zwischen hell und tief in der Mitte stehe. Demnach ist weiß homonym und schwarz desgleichen. Ferner muß man sehen, ob das eine mehrere Mittlere hat, das andere nur eines, wie bei weiß und schwarz. Bei den Farben gibt es da vieles Mittlere, bei der Stimme nur eins, die Belegtheit.
Wiederum muß man bei dem kontradiktorischen Gegenteil achtgeben, ob es mehrdeutig gesagt wird. Denn wenn dieses mehrdeutig gesagt wird, wird auch sein Gegenteil mehrdeutig gesagt werden. So wird z. B. „nicht sehen“ mehrdeutig gesagt: einmal, wenn man kein Gesicht hat, und dann, wenn man nicht aktuell sieht. Wenn aber dieses, so muß auch „sehen“ mehrdeutig gesagt werden; nämlich von „kein Gesicht haben“ ist das Gegenteil eins haben, und von „nicht aktuell sehen“ ist es aktuell sehen.
Auch muß man achtgeben auf das, was Beraubung und Haben besagt. Wird das eine mehrdeutig gesagt, dann auch das andere; wird z. B. αἰσθάνεσθαι (eigentlich durch die Sinne wahrnehmen, aber auch mit dem Verstand erkennen, merken) mit bezug auf Seele und Leib gesagt, so wird auch ἀναίσθητον εἶναι (ohne Empfindung, aber auch ohne geistige Spürkraft sein) mit bezug auf Seele und Leib gesagt werden. Daß sich aber das jetzt Angeführte wie Beraubung und Haben gegenübersteht, ist klar, da ja die Lebewesen von Natur darauf angelegt sind, beide Sinne, den seelischen und den leiblichen, zu haben[23].
[Sidenote: 107a]
Ferner sind die Umbildungsformen der Wörter (πτώσεις) ins Auge zu fassen. Wenn gerechter Weise (δικαίως) mehrdeutig gesagt wird, wird auch das Gerechte mehrdeutig ausgesagt werden. Es ist in verschiedenem Sinne gerecht, je nachdem man das „gerechter Weise“ verschieden versteht. Wenn man z. B. mit dem Ausdruck „gerechter Weise“ sowohl ein Rechtsprechen nach der eigenen Überzeugung, als ein solches, wie es (nach dem wirklichen Sachverhalt) sein müßte, meint, so meint man das Gerechte ebenso. Auf die nämliche Weise wird, wenn das Gesunde mehrdeutig ausgesagt wird, es auch bei dem Adverbium gesund der Fall sein, wird z. B., wenn bald gesund ist, was die Gesundheit bewirkt, bald was sie erhält, bald was sie anzeigt, auch das Adverbium gesund bald im Sinne von Bewirken, bald von Erhalten, bald von Anzeigen gebraucht werden. Ebenso wird sonst, wenn das Betreffende selbst mehrdeutig ausgesagt wird, auch die von ihm abgeleitete Flexion mehrdeutig ausgesagt werden, und wenn die Flexion, dann auch es selbst.
Achten muß man auch auf die Gattungen der Kategorien, denen ein Wort angehören kann, und sehen, ob sie überall dieselben sind. Denn wenn sie nicht dieselben sind, so ist der Ausdruck offenbar homonym. So ist das Gute bei einer Speise das, was die Lust bewirkt, und in der Heilkunde das, was die Gesundheit bewirkt. Für die Seele dagegen bedeutet es eine Qualität, wie Mäßigkeit, Starkmut oder Gerechtigkeit, und ebenso für den Menschen. Hin und wieder aber bedeutet es das Wann, wie es z. B. das Gute tut, das zur rechten Zeit geschieht. Denn was so geschieht, heißt gut. Oft auch bedeutet es die Quantität, z. B. bei mäßig. Denn auch das Mäßige nennt man gut. So folgt denn, daß gut homonym ist. In derselben Weise ist das Weiße (Helle) bei einem Körper die Farbe (Qualität), aber beim Ton das leicht Hörbare (wirkend). Ähnlich das Scharfe: es bedeutet nicht in allen Fällen dasselbe: ein scharfer (hoher) Ton ist der schnelle (wirkend), wie die mathematische Harmonik lehrt, ein scharfer (spitzer) Winkel der, der kleiner ist als ein rechter (relativ), und ein scharfes (spitzes) Messer das, dessen Klinge in einen spitzen Winkel ausläuft (Kategorie der Qualität).
Achten muß man auch auf die Gattungen dessen, was unter derselben Benennung steht, und sehen, ob sie verschieden und sich nicht untergeordnet sind, wie z. B. Esel in der doppelten Bedeutung von Tier und Zugmaschine. Denn der Begriff des Wortes ist hier verschieden: das eine wird für ein bestimmtes Tier, das andere für eine bestimmte Maschine erklärt werden. Sind sich aber die Gattungen untergeordnet, so brauchen die Begriffe der Wörter nicht verschieden zu sein. So ist für Rabe Tier und Vogel Gattung. Sagen wir nun, der Rabe sei ein Vogel, so sagen wir auch, er sei ein Tier von einer bestimmten Beschaffenheit, so daß beide Gattungen von ihm ausgesagt werden. Ebenso sagen wir, wenn wir den Raben ein geflügeltes, zweibeiniges Tier nennen, er sei ein Vogel; und so werden denn beide Gattungen und ihr Begriff von dem Raben ausgesagt. Das trifft aber bei den sich nicht untergeordneten Gattungen nicht zu: sagen wir Maschine, so sagen wir nicht Tier, und sagen wir Tier, so sagen wir nicht Maschine. Man muß aber nicht nur darauf achten, ob das Vorliegende zu verschiedenen und sich nicht untergeordneten Gattungen gehört, sondern auch das Gegenteil darauf ansehen. Wenn das Gegenteil mehrdeutig ausgesagt wird, dann offenbar auch das Vorliegende.
[Sidenote: 107b]
Es ist auch nützlich, auf die Definition zu achten, die man von dem Zusammengesetzten, wie weißer Körper, weiße (helle) Stimme, erhält. Es muß hier, wenn man das Eigentümliche davon nimmt, derselbe Begriff übrig bleiben. Das ist aber bei Homonymem, z. B. dem jetzt Genannten, nicht der Fall. Das eine wird ein Körper von der und der Farbe sein, das andere eine leicht hörbare Stimme. Zieht man Körper und Stimme ab, so ist das, was bleibt, bei beiden nicht dasselbe. Das müßte aber sein, wenn das von beiden ausgesagte Weiße synonym wäre (d. h. ebenso denselben Sinn hätte, wie es denselben Namen hat).
Oft aber wird man es nicht gewahr, daß sich die Homonymie auch in die Begriffe selbst einschleicht. Man muß daher sein Augenmerk auch auf die Begriffe richten. Wenn man z. B. sagte, das die Gesundheit Anzeigende und Bewirkende sei das im richtigen Verhältnis zur Gesundheit Stehende, so müßte man es damit nicht genug sein lassen, sondern zusehen, was mit dem Ausdruck „im richtigen Verhältnis“ beidemal gemeint war, ob z. B. nicht das, daß das eine seiner Beschaffenheit nach die Gesundheit bewirkt und das andere den Stand des Befindens anzeigt.
Ferner (muß man zusehen), ob etwas nicht nach dem Mehr oder Gleich vergleichbar ist, wie etwa helle Stimme und helles Kleid, scharfer Geschmack und scharfe (hohe) Stimme. Hier läßt sich von hell und scharf je in bezug auf beide Objekte weder sagen, daß es in gleichem, noch daß es in höherem Grade bei ihnen vorhanden ist. Und so folgt, daß hell und scharf homonym ist. Denn alles Synonyme ist vergleichbar: es wird den Dingen entweder in gleichem oder dem einen in höherem Grade beigelegt werden.
Da die verschiedenen und sich nicht untergeordneten Gattungen auch der Art nach verschiedene Differenzen haben, wie z. B. Sinnenwesen und Wissenschaft — denn diese beiden haben verschiedene Differenzen —, so muß man zusehen, ob die gleichbenannten Eigenschaften Differenzen verschiedener und sich nicht untergeordneter Gattungen sind, wie scharf (hell, spitz) bei Stimme und Körper. Denn Stimme unterscheidet sich von Stimme, wie ebenso auch Körper von Körper, durch die Schärfe. Und so folgt, daß scharf homonym ist: es bezeichnet Differenzen verschiedener und sich nicht untergeordneter Gattungen.
Wiederum (muß man zusehen), ob die gleichnamigen Dinge selbst verschiedene Differenzen haben, wie Farbe bei den Körpern und in der Musik (χρῶμα, chromatisch). Die Farbe bei den Körpern hat die Differenz, daß sie das Gesicht zerstreut und sammelt (das Weiße erscheint dem Auge größer, das Schwarze kleiner), aber die Farbe in der Musik hat nicht dieselbe Differenz. Und so folgt, daß Farbe homonym ist: dasselbe hat ja dieselbe Differenz.
Da ferner die Art von nichts (gemeinsam unter sie Fallendem) Differenz ist (muß man sehen), ob von gleichnamigem das eine Art ist, das andere Differenz, wie z. B. das Weiße am Körper eine Art der Farbe, dagegen das Weiße (Helle, Klare) in der Stimme eine Differenz ist. Denn Stimme unterscheidet sich von Stimme dadurch, daß sie hell ist.
+Sechzehntes Kapitel.+
[Sidenote: 108a]
Was also die Vieldeutigkeit der Wörter angeht, so muß man sie nach diesen und ähnlichen Gesichtspunkten beurteilen. Der gegenseitige Unterschied der Dinge sodann muß sowohl innerhalb der Gattungen selbst betrachtet werden — indem man z. B. fragt, worin sich die Gerechtigkeit von dem Starkmut und die Klugheit von der Mäßigkeit unterscheidet, was alles aus derselben Gattung ist —, als auch aus dem Verhältnisse der nicht allzu weit voneinander entfernten Gattungen, wie z. B. bei dem Unterschiede von Sinneswahrnehmung und Wissenschaft. Bei den weit voneinander entfernten Gattungen sind die Unterschiede ja ganz offenbar.
+Siebenzehntes Kapitel.+
Die Übereinstimmung muß man einmal bei den in verschiedenen Gattungen stehenden Dingen betrachten, und sich klar werden, daß wie sich Verschiedenes zu Verschiedenem, so Anderes zu Anderem verhält, z. B. wie Wissenschaft zu wißbar, so Sinn zu sinnlich, und wie Verschiedenes in Verschiedenem, so Anderes in Anderem, z. B. wie Gesicht im Auge, so Verstand in der Seele, und wie Meeresstille im Meer, so Windstille in der Luft. Und hier muß man sich besonders in den weit voneinander abstehenden Gattungen üben. Dann wird man die Übereinstimmung auch sonst leichter herausfinden. Dann muß man auch die in derselben Gattung stehenden Dinge betrachten, und sich klar werden, ob allen etwas Identisches zukommt, z. B. dem Menschen, dem Pferde und dem Hunde. Denn soweit ihnen etwas Identisches zukommt, soweit stimmen sie überein.
+Achtzehntes Kapitel.+
Der Nutzen, den es gewährt, wenn man die Vieldeutigkeit der Wörter in Betracht zieht, liegt einmal in der Klarheit — man wird sich der Bedeutung eines Satzes besser bewußt sein, wenn sich zeigt, in wie vielfachem Sinne etwas gesagt wird —, sodann darin, daß die Schlüsse der Sache selbst gemäß erfolgen und nicht nur auf Worte gehen. Weiß man nicht, in wie vielfachem Sinne etwas gesagt wird, so denkt der Antwortende (Defendent) möglicherweise an etwas anderes als der Fragende (Opponent). Hat sich aber gezeigt, in wie vielfachem Sinne etwas gesagt wird und woran man bei seiner Behauptung denkt, so machte der Fragende sich lächerlich, wenn er nicht hiergegen argumentierte.
Der Nutzen liegt aber auch darin, daß man nicht durch Trugschlüsse hintergangen wird, selber aber den Gegner durch Trugschlüsse hintergehen kann. Sind wir mit den verschiedenen Bedeutungen eines Wortes bekannt, so können wir nicht hintergangen werden, sondern müssen es merken, wenn der Fragende nicht gegen eben das argumentiert, was zur Erörterung steht. Sind wir aber selbst der Fragende, so können wir den Antwortenden hintergehen, wenn er etwa nicht weiß, wie viele Bedeutungen ein Wort hat. Das ist aber nicht überall möglich, sondern nur, wenn von den vielen Bedeutungen die eine wahr, die andere falsch ist. Jedoch gehört diese Weise nicht in die Dialektik[24]. Daher sollen die Dialektiker es durchaus vermeiden, gegen das Wort zu disputieren, es sei denn, daß man den Gegenstand sonst gar nicht erörtern könnte.
[Sidenote: 108b]
Die Auffindung des Unterschieds der Dinge ist von Nutzen einmal, um Schlüsse über Identisches und Verschiedenes zu bilden, und dann, um zu erkennen, was jedes ist. Daß sie für die Schlüsse über Identisches und Verschiedenes von Nutzen ist, ist klar. Haben wir in dem, was zur Erörterung steht, irgendeinen Unterschied aufgefunden, so haben wir gezeigt, daß keine Identität stattfindet. Für die Erkenntnis dessen, was jedes ist, ist sie es auch, weil wir den eigentümlichen Wesensbegriff eines jeden Dinges durch die jeweiligen besonderen Differenzen zu bestimmen und so von anderen Begriffen zu trennen pflegen.
Die Betrachtung der Übereinstimmung ist von Nutzen für die induktiven Begründungen, die hypothetischen Schlüsse und die Angabe der Begriffe. Für die induktiven Begründungen, weil wir durch Anführung einzelner übereinstimmender Fälle das Allgemeine zu beweisen glauben. Es ist ja nicht leicht, induktiv zu schließen, wenn man das Übereinstimmende nicht kennt. Für die hypothetischen Schlüsse, weil es wahrscheinlich ist, daß es sich so, wie in einem von mehreren übereinstimmenden Fällen, auch in den übrigen verhält. Und so werden wir, wo immer wir über eine Reihe verwandter Dinge reichlichen Stoff zur Verfügung haben, zuvor übereinkommen, daß es sich, wie mit ihnen, so auch mit dem Vorliegenden verhält. Haben wir aber dort den Sachverhalt gezeigt, so werden wir hypothetisch auch das Vorliegende gezeigt haben. Denn wir haben für die Führung des Beweises die Hypothese gemacht, daß es sich, wie dort, so auch mit dem Vorliegenden verhält. Für die Angabe der Begriffe endlich ist sie von Nutzen, weil wir, wenn wir beurteilen können, was jeweilig identisch ist, nicht in Verlegenheit darüber sein werden, unter welche Gattung das Vorliegende bei der Begriffsbestimmung zu bringen ist: Gattung muß sein, was von den gemeinsamen Prädikaten am meisten das Wesen ausdrückt. Auch für die Bestimmung sehr voneinander verschiedener Begriffe ist die Betrachtung der Übereinstimmung von Nutzen, die Betrachtung z. B., daß Meeresstille im Meere dasselbe ist wie Windstille in der Luft — beides ist ja Stille —, und daß der Punkt das in der Linie ist, was die Einheit in der Zahl — beides ist ja Prinzip —. Und so werden wir, indem wir das allem Gemeinsame als Gattung angeben, gewiß nicht verkehrt definieren. Auf diese Weise pflegen ja auch wohl tatsächlich die Definierenden die Begriffe zu bestimmen. Sie sagen, daß die Einheit das Prinzip der Zahl und der Punkt das Prinzip der Linie ist. Sie setzen also offenbar die Gattung in das beiden Gemeinsame.
Das wären denn die Hilfsmittel zur Gewinnung von Schlüssen. Die Örter dagegen, für die das Gesagte von Nutzen ist, sind folgende.
Zweites Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 109a]
Einige Probleme sind allgemein, andere partikulär: allgemein ist z. B. das Problem, daß jede Lust gut ist und daß keine Lust gut ist, partikulär z. B. das Problem, daß einige Lust gut ist und daß einige Lust nicht gut ist[25].
Für beide Gattungen von Problemen sind die allgemein begründenden und umstoßenden Örter gemeinsam: haben wir gezeigt, daß etwas allem zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es einigem zukommt, und haben wir ebenso gezeigt, daß es keinem zukommt, so haben wir auch gezeigt, daß es nicht allem zukommt. Darum müssen wir zuerst von den allgemein umstoßenden Örtern handeln, einmal, weil solche Örter für die allgemeinen und die partikulären Probleme gemeinsam sind, und dann, weil man eher positive als negative Sätze aufstellt und die Disputierenden es sich zur Aufgabe machen, sie umzustoßen[26].
Es ist sehr schwer, die eigentümliche Benennung nach dem Akzidenz (mit dem Subjekt des Akzidenz) zu vertauschen. Denn es kommt nur bei den Akzidenzien vor, daß etwas nur in gewisser Hinsicht und nicht allgemein und schlechthin gilt. Daß man den Tausch mit der Definition, dem Proprium und der Gattung vornehmen könne, ist notwendig. Wenn es z. B. einem Subjekte zukommt, auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen zu sein, so wird man mit Wahrheit umgekehrt von ihm sagen können, daß es ein auf Füßen gehendes zweibeiniges Wesen ist. Ebenso ist es, wenn man von der Gattung ausgeht: wenn es einem Subjekte zukommt, Sinnenwesen zu sein, so ist es ein Sinnenwesen. Gleiches gilt vom Proprium: kommt es einem Subjekte zu, der Grammatik fähig zu sein, so wird es der Grammatik fähig sein. Keine von diesen Bestimmungen kann einem Subjekte nur in gewisser Hinsicht, sondern nur schlechthin zukommen oder nicht zukommen. Bei den Akzidenzien dagegen hindert nichts, daß sie dem Subjekte in gewisser Hinsicht zukommen, z. B. die Weiße oder die Gerechtigkeit, und so genügt es (beim Disputieren) nicht, zu zeigen, daß einem Subjekte Weiße oder Gerechtigkeit zukommt, um zu zeigen, daß es weiß oder gerecht ist. Daher brauchen die Akzidenzien nicht mit dem Subjekt konvertibel zu sein.
Noch muß man betonen, daß die Fehler bei den Problemen zweifach sind, indem sie entweder in einer falschen Behauptung oder in der Abweichung von der üblichen Redeweise bestehen. Es fehlen diejenigen, die Falsches behaupten und den Dingen zukommen lassen, was ihnen nicht zukommt; diejenigen aber, die sie mit fremden Namen bezeichnen, wie z. B. die Platane als einen Menschen, weichen von der üblichen Redeweise ab.
+Zweites Kapitel.+
Ein Ort nun ist, daß man zusieht, ob man das, was einem Dinge in anderer Weise zukommt, etwa für ein Akzidenz erklärt hat. Dieser Fehler kommt besonders bei den Gattungen vor, wenn man z. B. behauptet, dem Weißen sei es akzidentell, Farbe zu sein; denn es ist dem Weißen nicht akzidentell, Farbe zu sein, sondern die Farbe ist seine Gattung.
[Sidenote: 109b]
Es mag nun der, der einen Satz aufstellt, auch förmlich erklären, daß es z. B. der Gerechtigkeit mitfolgt (ihr akzidentell ist), eine Tugend zu sein, aber oft wird man sich, auch ohne einen Begriff aufgestellt zu haben, sagen müssen, daß man die Gattung wie ein Akzidenz behandelt hat, wie wenn man z. B. sagte, die Weiße sei gefärbt oder das Gehen werde bewegt. Denn von keiner Gattung wird ein Wort abgeleitet, um damit (paronymisch, denominativ) die Art zu bezeichnen, sondern alle Gattungen werden von den Arten synonymisch ausgesagt, da die Arten so den Namen wie den Begriff der Gattungen annehmen. Wer also das Weiße für ein Gefärbtes erklärt, hat damit weder die Gattung angegeben, da er ja ein von Farbe abgeleitetes Wort dafür gebraucht hat, noch das Proprium, noch die Definition. Denn Definition und Proprium kommen keinem anderen zu, aber gefärbt ist auch sonst manches, wie Holz, Stein, Mensch, Pferd. So erklärt er es denn offenbar für ein Akzidenz.
Ein anderer Ort ist die Betrachtung der Objekte, von denen der Gegner behauptet hat, daß ein Attribut entweder ihnen allen oder keinem zukommt. Man muß sie nach Arten, nicht in den Individuen prüfen, die ja ohne Zahl sind. So verläuft die Untersuchung methodischer und verliert sich nicht ins Weite. Man muß aber mit der Prüfung der obersten Klassen anfangen und von da bis zu den nicht weiter teilbaren Arten fortschreiten. Hat man z. B. gesagt, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten dieselbe ist, so muß man sehen, ob die Wissenschaft des Relativen, des Konträren, des Mangels und des Habitus, und des Kontradiktorischen dieselbe ist. Und ist es hierbei noch nicht klar, so muß man wieder weiter unterscheiden bis zu den nicht mehr teilbaren Arten, muß z. B. sehen, ob der Satz gilt für Gerechtes und Ungerechtes, Doppeltes und Halbes, Blindheit und Gesicht, oder Sein und Nichtsein. Denn wenn von irgend etwas erwiesen ist, daß sie bei ihm nicht dieselbe ist, so haben wir das Problem umgestoßen. Ebenso ist es, wenn ein Attribut keinem zukommen soll. Dieser Ort paßt übrigens gleichmäßig für Aufhebung und Behauptung von Problemen. Sieht man etwas bei allen oder vielen Objekten, die man durch Unterscheidung erhält, sich bestätigen, so kann man verlangen, daß man es auch allgemein behauptet oder im Falle der Beanstandung sagt, wo es sich nicht bestätigt. Wer keins von beidem tut, macht sich mit seiner Ablehnung der These lächerlich.
[Sidenote: 110a]
Ein anderer Ort ist, Begriffe für das Mitfolgende (Akzidentelle) und das, dem es mitfolgt, sei es für beides besonders, oder nur für eines, aufzustellen, und dann zuzusehen, ob etwas nach den Begriffen nicht Wahres für wahr genommen worden ist. Ist das Problem z. B., ob man Gott Unrecht tun kann, so ist zu fragen, was Unrecht tun heißt. Heißt es freiwillig schaden, so kann Gott offenbar kein Unrecht getan werden. Denn Gott kann keinen Schaden erleiden. Und ist das Problem, ob der Tugendhafte neidisch ist, so fragt es sich: was ist neidisch und was ist Neid? Ist Neid Unlust über anscheinendes Wohlergehen eines guten Mannes, so ist der Tugendhafte offenbar nicht neidisch. Denn er müßte ja schlecht sein. Und wenn das Problem ist, ob der Unwille im Sinne der Nemesis als Neid gelten muß, so ist zu fragen: wie sind diese beiden Begriffe zu bestimmen? Denn so wird sich herausstellen, ob es wahr ist, wenn man es bejaht. Besteht z. B. der Neid darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Guten, dagegen der Unwille im Sinne der Nemesis darin, daß man Unlust über das Wohlergehen der Bösen empfindet, so können offenbar der Neid und dieser gerechte Unwille nicht eins sein. Hierher gehört auch, daß man an die Stelle der in der Definition vorkommenden Worte eigene Begriffe setzt und damit nicht aufhört, bis man vom minder Bekannten zum Bekannten kommt. Denn das Gesuchte ist oft, wenn man nur den ganzen Begriff angibt, noch nicht klar und wird es erst, wenn man für eines der Worte der Definition den Begriff einsetzt[27].
Ferner kann man sich aus einem Problem einen Satz machen und dagegen einen Einwand erheben. Denn der Einwand wird ein Angriff gegen die These sein. Dieser Ort ist fast derselbe, wie wenn man die Objekte betrachtet, die alle ein Attribut entweder haben oder nicht haben sollen. Der Unterschied liegt nur in der Form (vgl. Abs. 3).
Ferner muß man unterscheiden, über was für Dinge man mit der Menge reden muß, und über was für Dinge nicht. Das ist gleichmäßig für Begründung und Widerlegung der Probleme von Nutzen. Man muß nämlich bei der Benennung der Dinge mit der Menge gehen[28]; wenn es sich aber fragt, was für Dinge einer Benennung unterliegen, und was für Dinge nicht, hat man sich an die Menge nicht mehr zu kehren. Man muß z. B. gesund nennen, was die Gesundheit bewirkt, wie die Menge sagt. Ob aber das Vorliegende die Gesundheit bewirkt, oder nicht, muß nicht nach der Meinung der Menge, sondern nach dem Urteil des Arztes bestimmt werden.
+Drittes Kapitel.+
Wenn ferner etwas vieldeutig gesagt wird, aber einem Subjekte zukommen oder nicht zukommen soll, so muß man eines von dem vieldeutig Gesagten zeigen, wenn man nicht beides kann. Man muß dieses da tun, wo die Vieldeutigkeit verborgen ist; wo das nicht der Fall ist, wird der Gegner insistieren und sagen, es sei nicht über das von ihm selbst in Zweifel Gezogene disputiert worden, sondern über das andere.
[Sidenote: 110b]
Dieser Ort paßt gleichmäßig für Begründung und Widerlegung. Wollen wir ein Problem begründen, so werden wir zeigen, daß dem Subjekte eines von beiden zukommt, wenn wir beides nicht zeigen können; bestreiten wir es, so werden wir zeigen, daß eines ihm nicht zukommt, wenn wir es von beiden nicht können. Nur braucht der Widerlegende durchaus nicht auf Grund einer vorausgegangenen Verständigung zu disputieren, sei es, daß etwas allem oder keinem zukommen soll. Denn wenn wir gezeigt haben, daß es irgendeinem nicht zukommt, so haben wir die Behauptung entkräftet, daß es allem zukommt, und ebenso werden wir, wenn wir zeigen, daß es einem zukommt, die Behauptung entkräften, daß es keinem zukommt. Diejenigen dagegen, die etwas behaupten, müssen sich zuvor dahin verständigen, daß wenn ein Attribut irgendeinem zukommt, es allen zukommt, vorausgesetzt, daß dieses Postulat glaubhaft ist. Denn um zu zeigen, daß etwas allem zukommt, genügt es nicht, über eines zu disputieren; wenn z. B. die Seele des Menschen unsterblich ist, genügt dieses nicht, um zu zeigen, daß jede Seele unsterblich ist, und so muß man sich zuvor verständigen, daß, wenn irgendeine Seele unsterblich ist, jede unsterblich ist. Man muß das aber nicht immer tun, sondern nur dann, wenn wir keinen gemeinsamen Grund für alles anführen können, wie der Mathematiker für den Satz, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt.
Ist die Vieldeutigkeit nicht verborgen, so muß man angeben, in wie vielfacher Bedeutung etwas gesagt wird, und hiernach das Problem widerlegen und begründen. Wenn z. B. das Gebotene das Nützliche oder das sittlich Gute ist, so muß man für den vorliegenden Fall beides zu begründen oder zu bestreiten suchen, daß es nämlich sittlich gut und nützlich, oder daß es weder sittlich gut noch nützlich ist. Kann man nicht beides, so muß man eines zeigen, und dabei bemerken, daß das Gebotene das eine sei, das andere nicht. Dieselbe Rede gilt, wenn der Bedeutungen, die ein Wort hat, mehrere sind.
Wiederum (ist alles das zu beachten), was nicht auf Grund der Homonymie (Gleichheit des Wortes bei verschiedener Bedeutung), sondern auf andere Weise mehrdeutig ist, wie z. B. die Wissenschaft mehrerer Dinge eine ist, entweder als Wissenschaft des Zieles und der Mittel, wie die Heilkunst auf die Bewirkung der Gesundheit und auf die Diät geht, oder als Wissenschaft beider Ziele, wie die Wissenschaft der Gegensätze dieselbe genannt wird — denn der eine Gegensatz ist nicht mehr Ziel als der andere —, oder endlich als Wissenschaft dessen, worauf sie an sich und worauf sie mitfolgend (per accidens) geht, wie sie an sich z. B. von dem Dreieck, mitfolgend aber von dem gleichseitigen Dreieck weiß, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt; denn weil es dem gleichseitigen Dreieck mitfolgt (akzidentell ist), Dreieck zu sein, so erkennen wir daraus, daß seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt.
[Sidenote: 111a]
Wenn nun die Wissenschaft mehrerer Dinge in keiner Weise dieselbe sein kann, so kann sie es offenbar überhaupt nicht sein, oder kann sie es irgendwie sein, so kann sie es offenbar sein. Man muß aber nur so viele Unterscheidungen machen, als ersprießlich ist. Wollen wir z. B. begründen, so müssen wir lauter solche Fälle vorbringen, wo die behauptete Sache möglich ist, und nur solche Unterscheidungen machen, die für die Begründung von Nutzen sind; wollen wir aber widerlegen, so müssen wir alle Fälle vorbringen, wo das Behauptete nicht möglich ist, und die anderen übergehen. Man muß das auch bei Mehrdeutigkeiten dieser Art in dem Falle tun, wo es unbekannt ist, wie viele der Bedeutungen sind. Und auch daß das auf das geht oder nicht geht, ist auf Grund derselben Örter zu zeigen, z. B. daß die und die Wissenschaft auf das und das geht, sei es wie auf ihr Ziel, oder wie auf Mittel zur Erreichung des Zieles, oder wie auf das, was dem Objekte mitfolgt, oder wiederum daß etwas nach keiner der genannten Weisen zutrifft. Dasselbe gilt von dem Begehren und allem, was sonst noch auf mehreres geht. Denn das Begehren geht auf eine Sache entweder als Ziel, wie die Gesundheit, oder als Mittel, wie das Arzneinehmen, oder als Mitfolgendes, wie etwa der Freund von Süßigkeiten nach dem Weine begehrt, nicht weil er Wein, sondern weil er süß ist. Denn er begehrt nach dem Süßen an und für sich, nach dem Weine aber mitfolgend; denn wenn er herb ist, begehrt er ihn nicht mehr. Er begehrt ihn also mitfolgend.
Dieser Ort ist bei den Relativa von Nutzen; denn zu ihnen gehören gewöhnlich die Dinge, die in der angezeigten Weise vieldeutig sind.
+Viertes Kapitel.+
Auch muß man ein Wort mit einem anderen, bekannteren vertauschen, muß z. B., wenn es sich um eine Ansicht handelt, statt genau klar sagen, ebenso statt πολυπραγμοσύνη (Lage dessen, der viel zu tun hat), φιλοπραγμοσύνη (Art dessen, der sich gern zu tun macht). Denn wenn man bekanntere Ausdrücke braucht, läßt sich leichter über eine These disputieren. Auch dieser Ort ist für beides, das Begründen und das Widerlegen, gemeinsam.
Um zu zeigen, daß die Gegensätze demselben Subjekte zukommen, muß man die Gattung betrachten. Wenn wir z. B. zeigen wollen, daß es in der Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum gibt, und Wahrnehmen Urteilen ist, man aber wahr und nicht wahr urteilen kann, so muß es in der Wahrnehmung Wahrheit und Irrtum geben.
Dieser Beweis war ein Schluß von der Gattung auf die Art. Urteilen ist Gattungsbegriff von Wahrnehmen. Denn der Wahrnehmende urteilt gewissermaßen. Man kann aber auch umgekehrt von der Art einen Schluß für die Gattung machen. Denn was der Art zukommt, kommt auch der Gattung zu. Wenn es z. B. eine schlimme und eine gute Wissenschaft gibt, so gibt es auch eine schlimme und eine gute Verfassung. Denn Verfassung ist Gattungsbegriff von Wissenschaft.
Der erste von diesen beiden Orten ist, für die Begründung verwandt, falsch, der zweite wahr. Nicht alles, was der Gattung zukommt, braucht auch der Art zuzukommen. Das Sinnenwesen ist geflügelt und vierfüßig, der Mensch nicht. Alles aber, was der Art zukommt, muß auch der Gattung zukommen. Ist der Mensch tugendhaft, so ist es auch das Sinnenwesen[29]. Dagegen für die Widerlegung verwandt, ist der erste wahr, der zweite falsch. Alles, was der Gattung nicht zukommt, kommt auch der Art nicht zu, aber nicht alles, was der Art nicht zukommt, braucht der Gattung nicht zuzukommen.
[Sidenote: 111b]
Weiterhin muß, wem die Gattung zugeschrieben wird, auch eine der Arten zugeschrieben werden, und was die Gattung hat oder ein Paronymon[30] der Gattung ist, auch eine der Arten haben oder ein Paronymon von ihr sein. Wird einem z. B. die Wissenschaft zugeschrieben, so wird ihm auch die Grammatik oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft zugeschrieben werden, und wenn einer eine Wissenschaft inne hat oder mit einem paronymen Namen bezeichnet wird, wird er auch die Grammatik inne haben oder die Musik oder sonst eine Wissenschaft oder mit einem von diesen Künsten hergenommenen Namen bezeichnet werden, z. B. als Grammatiker oder Musiker.
Wird nun in einer Behauptung etwas wie immer nach der Gattung bezeichnet, z. B. gesagt, daß die Seele bewegt wird, so muß man zusehen, ob die Seele nach einer der Arten der Bewegung bewegt werden kann, ob sie z. B. wachsen oder vergehen oder entstehen kann, und was sonst noch für Arten der Bewegung sind. Denn wenn sie es nach keiner kann, wird sie offenbar nicht bewegt.
Dieser Ort gilt gemeinsam für beides, Widerlegung und Begründung. Was nach einer der Arten bewegt wird, wird offenbar bewegt, und was nach keiner der Arten bewegt wird, wird offenbar nicht bewegt.
Wer aber keinen Stoff hat, um über die These zu disputieren, muß die Sache vom Standpunkte der Definitionen des betreffenden Gegenstandes, der wirklichen oder wahrscheinlichen, und nicht bloß einer, sondern mehrerer, in Angriff nehmen. Hat man die Definitionen angeführt, so ist leichter disputieren. Denn Definitionen bieten mehr Möglichkeit, etwas zu erörtern[31].
Man muß ferner bei einer Behauptung zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei, oder was sein muß, wenn das Behauptete ist. Will man beweisen, so muß man zusehen, was sein muß, damit das Behauptete sei — denn ist gezeigt, daß es ist, so ist auch das Behauptete gezeigt —; will man aber widerlegen, so muß man zusehen, was ist, wenn das Behauptete ist. Denn wenn wir gezeigt haben, daß das, was auf die Behauptung folgt, nicht ist, haben wir die Behauptung entkräftet.
Auch muß man auf die Zeit sehen, ob sie etwa mit einer Behauptung disharmoniert, wenn z. B. jemand sagt, daß das, was sich ernährt, notwendig wächst. Die Tiere ernähren sich immer, wachsen aber nicht immer. Ebenso ist es mit der Behauptung, Wissen sei Erinnerung. Das eine geht auf die Vergangenheit, das andere auch auf Gegenwart und Zukunft. Man sagt, daß man das Gegenwärtige und das Zukünftige weiß, z. B. den Eintritt einer Finsternis, aber Erinnerung kann es nur an Vergangenes geben.
+Fünftes Kapitel.+
[Sidenote: 112a]
Ferner (kommt hier) die sophistische Weise (in Betracht), die darin besteht, daß man die Disputation auf einen Punkt bringt, wo einem viele Gründe zur Verfügung stehen müssen. Das wird bald wirklich nötig sein, bald scheinbar, bald weder scheinbar noch wirklich. Wirklich nötig ist es, wenn der Antwortende etwas leugnet, was für den Beweis der These von Nutzen ist, und Gründe dagegen geltend macht, das Bestrittene aber von der Art ist, daß man vieles zu seinen Gunsten anführen kann. Ebenso wenn er, die aufgestellte Behauptung benutzend, auf irgendeinen Punkt das induktive Verfahren anwendet mit der Absicht, ihn umzustoßen. Denn mit diesem Punkte fiele auch die Behauptung. Nur scheinbar nötig ist das gedachte Verfahren, wenn der Punkt, gegen den sich die Reden kehren, zwar brauchbar und zur These gehörig scheint, es aber nicht wirklich ist, mag nun derjenige, der sich für den Einwurf einsetzt, ihn dadurch umzustoßen suchen, daß er einfach leugnet, oder mag auf Grund der These eine scheinbare Induktion gegen ihn erbracht werden. Der noch übrige Fall ist gegeben, wenn das, wogegen die Reden sich kehren, weder nötig ist noch scheint, aber eine andere falsche Widerlegung gegen den Antwortenden zur Hand wäre. Vor dieser letzten Weise muß man sich hüten. Sie gehört gar nicht in die Dialektik und ist ihr gänzlich fremd. Darum darf auch der Antwortende bei solchen Einreden keine Schwierigkeit machen, sondern muß alles, was für die These ohne Belang ist, gelten lassen, indem er es immer beifügt, wenn er etwas nicht glaubt, aber doch gelten läßt. Denn die Fragenden kommen meistens in ärgere Verlegenheit, wenn ihnen alles Derartige eingeräumt wird, und sie gleichwohl nicht zum Ziele gelangen.
Wer ferner irgend etwas gesagt hat, hat gewissermaßen vieles gesagt, da aus jedem notwendig mehreres folgt. Wer z. B. von etwas gesagt hat, daß es ein Mensch ist, hat auch gesagt, daß es ein Sinnenwesen, zweibeinig und der Einsicht und Wissenschaft fähig ist, und so wird, wenn irgendeine Folge umgestoßen wird, auch die ursprüngliche Behauptung umgestoßen. Man muß sich aber (bei dem Angriff auf eine Behauptung) auch hüten, etwas mit dem Schwereren zu vertauschen. Denn es ist bald leichter die Folgerung, bald den Hauptsatz selbst umzustoßen.
+Sechstes Kapitel.+
Wo dem Subjekt notwendig nur eines von beiden, dem Menschen z. B. Krankheit oder Gesundheit, zukommt, werden wir, wenn wir von dem einen leicht darlegen können, daß es ihm zukommt oder nicht zukommt, es auch von dem anderen können. Das gilt also umgekehrt für beides, Widerlegung und Behauptung. Haben wir gezeigt, daß einem das eine zukommt, so haben wir gezeigt, daß ihm das andere nicht zukommt, und wenn wir gezeigt haben, daß es ihm nicht zukommt, haben wir gezeigt, daß ihm das andere zukommt. Der Ort ist also offenbar für beides nützlich.
[Sidenote: 112b]
Um einen weiteren Ort zu erhalten, greift man die Sache in der Weise an, daß man ein Wort auf seinen Begriff zurückführt und betont, daß man es durchaus diesem gemäß auffassen müsse, statt so, wie es gewöhnlich genommen wird. So sei εὔψυχος (guten Mutes, tapfer) nicht der Mutige, wie das Wort jetzt verstanden wird, sondern ein Mann, mit dessen Seele es wohl bestellt ist, wie εὔελπις ein Mann ist, der gutes hofft, und sei ebenso εὐδαίμων (glücklich) ein Mann, dessen Dämon tugendhaft ist, in dem Sinne des Xenokrates, der glücklich nennt, wer eine tugendhafte Seele hat; denn diese sei des Menschen Dämon (guter Geist).
Da ferner von den Dingen die einen notwendig, die anderen gewöhnlich, noch andere zufällig sind, so schafft man jedesmal einen Ort für einen Angriff, wenn man das Notwendige als das Gewöhnliche oder das Gewöhnliche als das Notwendige setzt, sei es nun das Gewöhnliche selbst oder sein Gegenteil. Setzt man das Notwendige als das Gewöhnliche, so sagt man damit offenbar, daß es nicht allem zukommt, da es doch allem zukommt, muß also fehlen. Und sagt man umgekehrt, daß was gewöhnlich ist, notwendig ist, so ist es in gleicher Weise gefehlt. Denn man läßt allem zukommen was doch nicht allem zukommt. Ebenso ist es, wenn man das Gegenteil des Gewöhnlichen notwendig sein läßt. Das Gegenteil des Gewöhnlichen ist immer das Seltenere, wie wenn etwa die Menschen gewöhnlich schlecht sind, sie seltener gut sind. Und so ist es noch ärger gefehlt, wenn man sie notwendig gut sein läßt. Dasselbe ist der Fall, wenn man das Zufällige notwendig oder gewöhnlich sein läßt. Denn das Zufällige ist weder das eine, noch das andere.
Man kann auch, wenn einer nicht unterscheidet, ob etwas gewöhnlich oder notwendig sein soll, die Sache aber nur gewöhnlich ist, so gegen ihn disputieren, als sollte es ihm zufolge notwendig sein. Hat er z. B. die Enterbten unterschiedslos schlecht genannt, so kann man so gegen ihn disputieren, als sollten sie es ihm zufolge notwendig sein.
Ferner (setzt man sich einem Angriffe aus), wenn man etwas sich selbst wie ein Verschiedenes mitfolgen läßt, weil das Wort verschieden ist, wie z. B. Prodikus die Lüste in Freude, Ergötzung und Frohsinn unterschied. Das sind ja lauter Namen für etwas mit der Lust Identisches. Läßt man also die Freude dem Frohsinn mitfolgen, so muß man etwas sich selbst mitfolgen lassen.
+Siebentes Kapitel.+
Da ferner Entgegengesetztes sechsfach miteinander verbunden wird, aber nur in vier Verbindungen einen Gegensatz bildet, so muß man es so verwenden, wie es für die Widerlegung und die Begründung nützen kann. Daß es sechsfach verbunden wird, ist klar. Entweder wird beides Entgegengesetzte mit beidem (jedes von zwei Prädikaten mit jedem von zwei Subjekten) verbunden werden, und zwar zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Böses, oder hinwieder den Freunden Böses und den Feinden Gutes tun, oder man sagt beides von dem einen, und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Freunden Böses, oder den Feinden Gutes und den Feinden Böses, oder man sagt das eine von beiden, und auch das zweifach, wie den Freunden Gutes und den Feinden Gutes, oder den Freunden Böses und den Feinden Böses.
[Sidenote: 113a]
Die zwei erstgenannten Verbindungen bilden nun keinen Gegensatz: den Freunden Gutes und den Feinden Böses tun steht sich nicht entgegen: beides ist zu tun und ist Sache derselben Gesinnung. Auch den Freunden Böses und den Feinden Gutes tun steht sich nicht entgegen: beides ist wieder gleichmäßig zu meiden und Sache derselben Gesinnung. Ein Ding, das zu meiden ist, steht aber einem anderen Ding, das auch zu meiden ist, nicht entgegen, es müßte denn das eine ein Zuviel, das andere ein Zuwenig besagen. Denn das Zuviel gehört zu den Dingen, die zu meiden sind, ebenso, wie das Zuwenig. Dagegen bilden alle anderen vier Opposita einen Gegensatz. Den Freunden Gutes tun ist der Gegensatz von den Freunden Böses tun: es kommt von entgegengesetzter Gesinnung, und das eine ist zu tun, das andere ist zu meiden. Ebenso ist es mit den anderen Opposita. Bei jeder Verbindung ist das eine zu tun, das andere zu meiden und das eine Ausfluß einer guten, das andere Ausfluß einer schlechten Gesinnung.
Aus dem Gesagten erhellt also, daß es von ein und demselben mehrere Gegensätze gibt. Den Freunden Gutes tun hat zum Gegensatz sowohl den Feinden Gutes tun, als auch den Freunden Böses. Ebenso werden sich hier, wenn man auf dieselbe Weise zusieht, von jedem anderen zwei Gegensätze ergeben. Man muß also von den beiden Gegensätzen jedesmal den verwenden, der für die These nützlich ist.
Ferner, wenn das Akzidenz ein Gegenteil hat, muß man sehen, ob es dem Subjekt zukommt, dem das Akzidenz zukommen soll. Wenn es ihm zukommt, kann jenes ihm nicht zukommen. Dann demselben Subjekt kann unmöglich gleichzeitig Entgegengesetztes zukommen.
Oder (man muß zusehen) ob von einem Subjekt etwas Derartiges gesagt worden ist, daß ihm, wenn es wahr ist, Entgegengesetztes zukommen muß. Nehmen wir z. B. die Behauptung, daß die Ideen in uns sind. Es würde da folgen, daß sie gleichzeitig bewegt werden und ruhen, und daß sie sinnlich und intelligibel sind. Denn denen, die Ideen annehmen, scheinen die Ideen zu ruhen und intelligibel zu sein. Wenn sie aber in uns sind, können sie unmöglich unbewegt sein. Denn notwendig muß, wenn wir bewegt werden, auch alles, was in uns ist, mitbewegt werden. Sie sind aber offenbar auch, wenn sie in uns sind, sinnlich; denn die Form an jedem Ding erkennen wir mit dem Gesichtssinn[32].
[Sidenote: 113b]
Wenn wiederum einem Subjekt ein Akzidenz, das ein Gegenteil hat, zugeschrieben wird, muß man sehen, ob dieses Subjekt ebenso für das Gegenteil empfänglich ist. Denn dasselbe Ding ist für Entgegengesetztes empfänglich. So müßte, wenn man behauptet hätte, daß der Haß dem Zorn folgt, der Haß in dem iraszibeln Teile des Strebevermögens sein, weil der Zorn in ihm ist. Man muß also sehen, ob auch das Gegenteil, die Liebe, in dem iraszibeln Teile ist. Denn ist das nicht der Fall, ist die Liebe vielmehr in dem konkupiszibeln Teile, so kann nicht der Haß dem Zorne folgen. Ebenso ist es auch, wenn man behauptet hat, daß der konkupiszible Seelenteil unwissend ist; denn er wäre des Wissens fähig, da er ja auch des Nichtwissens fähig sein soll, das aber nimmt man nicht an, daß der konkupiszible Teil des Wissens fähig ist.
Hat man nun die Aufgabe, etwas zu widerlegen, so muß man diesen Ort in der angegebenen Weise verwenden. Soll man aber etwas begründen, so kann man ihn nicht verwenden, um zu zeigen, daß das Akzidenz dem Subjekt zukommt, sondern nur um zu zeigen, daß es ihm zukommen kann. Haben wir gezeigt, daß es das Gegenteil nicht zuläßt, so haben wir gezeigt, daß ihm das Akzidenz weder zukommt, noch zukommen kann. Wenn wir aber gezeigt haben, daß ihm das Gegenteil zukommt oder daß es das Gegenteil zuläßt, so haben wir noch nicht gezeigt, daß ihm auch das Akzidenz zukommt: es ist nur so viel gezeigt, daß es ihm zukommen kann.
+Achtes Kapitel.+
Da vier Gegensätze sind (Kateg. 10: Relation, Kontrarietät, Privation und Habitus, Kontradiktion), so muß man bei (dem einen von ihnen) der Kontradiktion zusehen, was aus ihr folgt, wenn man (Subjekt und Prädikat) umkehrt, mag man nun widerlegen oder begründen. Man muß es aus der Induktion entnehmen. Ist z. B. der Mensch ein Sinnenwesen, so ist was nicht Sinnenwesen ist, nicht Mensch. Und ebenso ist es sonst. Hier gilt die Folge bei Umkehrung von Subjekt und Prädikat: dem Menschen folgt das Sinnenwesen, aber dem Nichtmenschen folgt nicht das Nichtsinnenwesen, sondern umgekehrt dem Nichtsinnenwesen das Nichtmensch. So ist dieses denn überall zu postulieren: ist z. B. das Schöne genußreich, so ist auch das Nichtgenußreiche nicht schön. Ist es aber dieses nicht, so auch nicht jenes. Ebenso ist, wenn das Nichtgenußreiche nicht schön ist, das Schöne genußreich. So erhellt denn, daß die Folgerung nach der Kontradiktion für beides (Subjekt und Prädikat) gilt, wenn man sie umgekehrt zieht.
Bei der Kontrarietät muß man, ob man nun widerlegt oder begründet, zusehen, ob auf Konträres Konträres folgt, wenn man Subjekt und Prädikat auf derselben Stelle läßt, oder wenn man sie umkehrt. Auch dies muß man aus der Induktion entnehmen, so weit es zweckdienlich ist.
Bleibt Subjekt und Prädikat auf seinem Platz, so gilt die Folge z. B. für den Mut und die Feigheit: dem einen folgt die Tugend, der anderen die Schlechtigkeit. Und dem einen folgt das Wählenswerte, der anderen das Fliehenswerte. So gilt denn auch hier die Folge, wenn beides seinen Platz behält. Denn Wählenswert ist das Gegenteil von Fliehenswert. Und ebenso ist es sonst.
[Sidenote: 114a]
Dagegen gilt die Folge bei der Umkehrung, wenn es sich z. B. um gutes Befinden und Gesundheit handelt: gutem Befinden folgt die Gesundheit, schlechtem Befinden aber nicht Krankheit[33], sondern der Krankheit schlechtes Befinden. So gilt denn hier die Folge offenbar bei der Umkehrung. Doch ist letztere bei der Kontrarietät selten am Platz, und meistens gilt hier die Folge ohne sie.
Wenn also dem Konträren das Konträre weder ohne noch mit Umkehrung folgt, so ergibt sich offenbar auch für das in der Disputation aufgestellte Konträre, daß das eine dem anderen nicht folgt. Folgt aber eins dem anderen beim Konträren, dann notwendig auch bei dem Aufgestellten.
In gleicher Weise wie bei dem Konträren muß man da verfahren, wo es sich um Mangel und Habitus handelt. Nur gibt es bei dem Mangel keine Umkehrung, sondern die Folgerung muß immer ohne sie gezogen werden, wie dem Gesichte der Sinn, dagegen der Blindheit die Anästhesie folgen muß. Sinn und Anästhesie stehen sich wie Habitus und Mangel gegenüber: hier ist das eine Habitus, das andere Mangel.
Ebenso wie bei Habitus und Mangel ist die Sache bei den Relativis anzugehen. Auch hier gilt die Folgerung für dieselbe Reihenfolge der Attribute, d. h. ohne Umkehrung. Ist z. B. das Dreifache vielfach, so ist auch das dreimal Kleinere vielmal kleiner. Denn dreifach wird verstanden im Vergleich zu dem dreimal Kleineren und vielfach im Vergleich zu dem vielmal Kleineren. Und wiederum: ist Wissen Fürwahrhalten, so ist auch das Objekt des Wissens Objekt des Fürwahrhaltens, und ist Sehen Wahrnehmung, so ist auch das Sichtbare wahrnehmbar.
Ein Einwand wäre, daß die Folge bei den Relativis nicht notwendig so, wie behauptet, Platz greift: das Wahrnehmbare ist wißbar, die Wahrnehmung aber nicht Wissen. Aber der Einwand scheint nicht auf Wahrheit zu beruhen: Viele leugnen, daß es vom Wahrnehmbaren ein Wissen gibt. Ferner läßt sich auf Grund des Gesagten nicht minder das Gegenteil beweisen, daß nämlich das Wahrnehmbare (formell als solches) nicht wißbar ist: die Wahrnehmung ist ja auch nicht Wissenschaft.
+Neuntes Kapitel.+
Man muß ferner auf das Begriffsverwandte (σύστοιχα) und auf die abgeleiteten Wörter (πτώσεις) achten bei der Widerlegung sowohl wie bei der Behauptung.
Begriffsverwandt ist z. B. das Gerechte und der Gerechte mit der Gerechtigkeit, und das Mutige und der Mutige mit dem Mute. Ebenso gilt das, was etwas bewirkt oder erhält, als begriffsverwandt mit dem, was es bewirkt oder erhält, wie das Gesunde mit der Gesundheit, das, was zum Wohlbefinden hilft, mit dem Wohlbefinden. Und dieselbe Weise gilt sonst. Wie nun derartiges begriffsverwandt genannt zu werden pflegt, so bezeichnet man als abgeleitete Wörter Formen wie δικαίως (gerechter Weise), ἀνδρείως (mit Mut) und ὑγιεινῶς (zum Besten der Gesundheit) und alles, was in dieser Weise gesagt wird. Es scheint nun auch das durch abgeleitete Wörter Bezeichnete[34] begriffsverwandt zu sein, wie δικαίως mit δικαιοσύνη (Gerechtigkeit), ἀνδρείως mit ἀνδρία (Mut), aber begriffsverwandt heißt alles, was zu derselben Begriffsreihe gehört, insgesamt, wie Gerechtigkeit, der Gerechte, das Gerechte, gerecht (gerechter Weise).
[Sidenote: 114b]
Ist nun irgendeines, was in derselben Begriffsreihe steht, als gut oder lobenswert erwiesen, so ist offenbar auch alles andere als solches erwiesen; gehört z. B. die Gerechtigkeit zu dem Lobenswerten, so gehört auch der Gerechte und das Gerechte und das Gerecht zu dem Lobenswerten. Wovon man aber sagt gerechterweise, davon wird man auch sagen lobenswerterweise (ἐπαινετῶς) nach derselben Ableitung von dem Lobenswerten, wie das Gerecht von Gerechtigkeit abgeleitet ist.
Man muß aber nicht nur aus eben dem folgern, was in der Disputation angeführt worden ist, sondern auch aus dem Konträren das Konträre ableiten. So ist z. B. das Gute nicht notwendig genußreich; denn es ist auch das Schlechte nicht unlusterregend; oder wenn dieses ist, dann auch jenes. Und wenn die Gerechtigkeit eine Wissenschaft ist, so ist auch die Ungerechtigkeit eine Unwissenheit. Und ist das Gerecht ein Wissentlich und ein Erfahren (Kundig, ἐμπείρως), so ist das Ungerecht ein Unwissentlich und ein Unerfahren. Und wenn dieses nicht ist, dann auch jenes nicht, wie es bei dem eben Angeführten zutrifft. Denn man möchte eher sagen, daß was ungerechterweise geschieht, nach Erfahrung als nach Unerfahrenheit aussieht. Dieser Ort ist schon vorhin bei den Folgerungen ex contrario angeführt worden; denn wir postulieren jetzt nichts anderes, als daß Konträrem Konträres folgt.
Ferner kommen Werden und Vergehen, Bewirkendes und Zerstörendes in Betracht, mag man widerlegen oder behaupten.
Ist das Werden eines Dinges vom Guten, so ist es auch selbst gut, und ist es selbst gut, so ist es auch sein Werden. Ist aber sein Werden vom Bösen, so ist es auch selbst vom Bösen. Aber beim Vergehen ist es umgekehrt: ist das Vergehen vom Guten, so ist es selbst vom Bösen, und ist das Vergehen vom Bösen, so ist es selbst vom Guten. Gleiches gilt von dem Bewirkenden und Zerstörenden: ist das, wodurch ein Ding bewirkt wird, gut, so ist es auch selbst vom Guten, ist aber das, wodurch es zerstört wird, gut, so ist es selbst vom Bösen.
+Zehntes Kapitel.+
Wiederum muß man bei Ähnlichem zusehen, ob nämlich etwas sich ähnlich verhält, ob es z. B. wenn Eine Wissenschaft, dann auch Eine Meinung von Mehrerem gibt, und ob, wenn ein Gesicht haben sehen, dann auch ein Gehör haben hören ist. Ebenso ist es sonst, sowohl bei dem, was ist, als bei dem, wovon man meint, daß es ist. Der Ort ist für beides zu gebrauchen. Denn wenn es sich bei Einem Ähnlichen so verhält, dann auch bei dem anderen Ähnlichen, und wenn bei Einem nicht, dann auch bei dem anderen nicht.
Man muß auch zusehen, ob sich etwas bei einem und ob es sich bei vielem in der gleichen Weise verhält. Denn bisweilen ergibt sich da eine Unstimmigkeit. Wenn z. B. wissen nachdenken ist, ist auch vieles wissen über vieles nachdenken. Dem ist aber nun nicht so. Denn man kann vieles wissen, aber nicht (gleichzeitig) über vieles nachdenken. Ist nun dieses nicht wahr, dann auch jenes nicht, was bei einem Objekt gelten soll, daß nämlich wissen nachdenken ist.
Ein weiterer Gesichtspunkt liegt in dem Mehr und Minder. Er liefert vier Örter.
[Sidenote: 115a]
Der eine beruht darauf, daß dem Mehr das Mehr folgt. Ist z. B. die Lust ein Gut, so ist auch die größere Lust ein größeres Gut, und ist Unrechttun ein Übel, so ist auch größeres Unrechttun ein größeres Übel. So ist denn der Ort für beides brauchbar. Denn wenn, wie gesagt, dem Zuwachs des Subjekts der Zuwachs des Akzidenz folgt, so ist es offenbar ein Akzidenz von ihm, und wenn er nicht folgt, ist es keines. Man muß dies durch Induktion nachweisen.
Ein anderer Ort. Wo eines von zweien gesagt wird, gilt die Regel: kommt es dem nicht zu, dem es eher, dann auch dem nicht, dem es weniger zukommen sollte, und kommt es dem zu, dem es weniger, dann auch dem, dem es eher zukommen sollte.
Wiederum, wo zweierlei von einem gesagt wird, gilt die Regel: wenn ihm nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch nicht was weniger, oder wenn ihm zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann auch was eher.
Ferner, wo zweierlei von zweien gesagt wird, gilt die Regel: wenn dem einen nicht zukommt was ihm eher zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen nicht, oder wenn dem einen zukommt was ihm weniger zuzukommen scheint, dann auch das andere dem anderen.
Ferner kann man daraus, daß einem etwas in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint, dreifach schließen, gerade so, wie es bei dem Mehr bei den drei zuletzt genannten Örtern angegeben worden ist.
Wo ein Eines zweien in gleicher Weise zukommt oder zuzukommen scheint, gilt die Regel: kommt es dem einen nicht zu, dann auch nicht dem anderen, kommt es aber dem einen zu, dann auch dem anderen.
Wo zweierlei demselben in gleicher Weise zukommt, gilt die Regel: kommt ihm das eine nicht zu, dann auch nicht das andere, kommt ihm aber das eine zu, dann auch das andere.
Auf dieselbe Weise gilt die Regel, wo zweierlei zweien in gleicher Weise zukommt: kommt das eine dem einen nicht zu, dann auch nicht das andere dem anderen, kommt aber das eine dem einen zu, dann auch das andere dem anderen.
+Elftes Kapitel.+
Auf Grund des Mehr und Minder und des gleich Sehr kann man sich also an einem Problem auf so vielerlei Weise versuchen. Man kann dies aber ferner auch auf Grund des Zusatzes.
Wenn eines, zum anderen hinzugesetzt, es gut oder weiß macht, da es vorher nicht weiß oder gut war, so wird das Hinzugesetzte weiß oder gut sein, also eben die Eigenschaft haben, die es dem Ganzen mitteilt. Wenn ferner etwas, zu schon Vorhandenem hinzugesetzt, ein Ding noch mehr zu einem so beschaffenen macht, als es schon zuvor war, so wird es auch selbst so beschaffen sein. Und ebenso ist es sonst.
[Sidenote: 115b]
Der Ort ist aber nicht überall brauchbar, sondern nur wo Raum für ein Mehr ist. Aber dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die Widerlegung verwendbar wäre. Macht ein Hinzugesetztes nicht gut, so ist noch nicht entschieden, daß es selbst nicht gut ist. Denn Gutes, zum Schlechten hinzugesetzt, macht nicht notwendig das Ganze gut, so wenig es das Weiße tut, wenn man es zum Schwarzen hinzusetzt.
Wiederum ist etwas, wenn es mehr oder minder vorhanden sein soll, auch schlechthin vorhanden. Was nicht gut oder nicht weiß ist, wird man auch nicht als mehr oder minder gut oder weiß bezeichnen. Denn von dem Schlechten kann man nicht sagen, daß es mehr oder minder gut ist als ein anderes, sondern nur, daß es mehr oder minder schlecht ist.
Auch dieser Ort läßt sich nicht umkehren, so daß er auch für die Widerlegung verwendbar wäre. Denn es gibt vieles, wo man von keinem Mehr oder Minder spricht. Man ist nicht mehr oder minder Mensch, aber daraus folgt nicht, daß kein Mensch ist.
Ebenso muß man bei dem zusehen, was beziehungsweise und irgendwann und irgendwo Geltung hat. Ist es beziehungsweise möglich, dann auch schlechthin. Ebenso, wenn es irgendwann oder irgendwo gilt. Schlechthin Unmögliches kann weder beziehungsweise, noch irgendwo, noch irgendwann gelten.
Ein Einwand (hiergegen liegt darin), daß es Menschen gibt, die von Natur beziehungsweise tugendhaft, wie freigebig oder anspruchslos, aber keine, die von Natur schlechthin tugendhaft sind; denn niemand ist von Natur klug[35]. Ebenso vergeht ein Vergängliches möglicherweise zeitweilig nicht, aber es ist unmöglich, daß es schlechthin nicht vergehen sollte. Ebenso ist die Einhaltung einer bestimmten Lebensweise irgendwo nützlich, z. B. an ungesunden Orten, aber nicht schlechthin. Auch ist es möglich, daß an einem bestimmten Orte nur Einer ist, aber es kann nicht überhaupt nur Einer sein. Auf dieselbe Weise ist es irgendwo recht, den Vater zu opfern, wie bei den Triballern, aber nicht recht überhaupt. Doch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wo, sondern um das Wem. Denn es verschlägt nichts, wo sie sind: überall gilt es ihnen als Triballern für recht. Wiederum ist es zeitweilig nützlich, Arznei zu nehmen, nämlich wenn man krank ist, aber nicht überhaupt. Doch auch hier fragt es sich vielleicht nicht um das Wann, sondern um den Zustand. Denn das Wann verschlägt nichts, wenn nur der kranke Zustand gegeben ist.
Aber schlechthin ist das, wovon man ohne Zusatz sagen wird, daß es recht oder das Gegenteil ist. Man wird z. B. nicht sagen, daß es recht ist, seinen Vater als Opfer zu schlachten, sondern daß es für bestimmte Leute recht ist; mithin ist es nicht schlechthin recht. Aber man wird ohne Zusatz sagen, daß es recht ist, die Götter zu ehren; denn es ist schlechthin recht. Also das, was ohne Zusatz gut oder schlecht und dergleichen zu sein scheint, wird man schlechthin so nennen[36].
Drittes Buch.
+Erstes Kapitel.+
[Sidenote: 116a]
Was von zwei oder mehr Dingen wünschenswerter oder besser ist, muß man nach folgenden Gesichtspunkten zu entscheiden suchen. Zuvor aber sei bemerkt, daß unsere Untersuchung sich auf keine Dinge bezieht, die weit voneinander abstehen und einen großen Unterschied aufweisen — denn niemand plagt sich mit der Frage, ob die Glückseligkeit oder der Reichtum den Vorzug verdient —, sondern auf solches, was sich nahe steht und wo wir zweifeln, auf welche Seite wir uns schlagen sollen, weil wir nicht sehen, was das eine vor dem anderen voraus hat. Bei solchen Dingen wird also offenbar, wenn auf der einen Seite einer oder mehr Vorzüge nachgewiesen werden, das Denken sich dahin entscheiden, daß das wünschenswerter ist, was die Vorzüge hat, sei es das eine oder das andere.
Erstens ist nun das Dauerhaftere oder Festere wünschenswerter als das, was diese Beschaffenheit weniger hat. Und das, dem der kluge oder der gute Mann oder das rechte Gesetz den Vorzug gibt, oder was die in der jeweiligen Sache Tüchtigen als solche zu bevorzugen pflegen, oder die in einem Fache Kundigen, seien es die meisten oder alle, wie z. B. in der Arznei- oder Baukunde das, was die meisten oder alle Ärzte vorziehen, oder was überhaupt die meisten oder alle Menschen oder alle Tiere verfolgen, wie z. B. das Gute; denn alles strebt nach dem Guten. Man muß aber seine Aufstellung mit dem Gesichtspunkt in Beziehung bringen, der gerade tauglich ist. Es ist aber schlechthin besser und wünschenswerter was zur besseren, aber für den Einzelnen, was zu seiner eigentümlichen Kunst oder Wissenschaft gehört.
Sodann ist das, was wesenhaft etwas ist, (wünschenswerter) als was nicht zu der (betreffenden) Gattung gehört, so z. B. die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Gerechte[37]. Denn das eine gehört zur Gattung, dem Guten, das andere nicht, und das eine ist wesenhaft gut, das andere nicht. Denn nichts erhält die Gattung als Wesensbezeichnung, was nicht zu der Gattung gehört; so ist der weiße Mensch nicht wesenhaft Farbe. Und ebenso ist es sonst.
Und, das wegen seiner selbst Wünschenswerte ist wünschenswerter als das wegen eines anderen Wünschenswerte, wie gesund sein wünschenswerter ist als Gymnastik. Denn das eine ist wegen seiner selbst wünschenswert, das andere wegen eines anderen. Und, was es an sich ist, ist es mehr, als was es mitfolgend (per accidens) ist, wie es wünschenswerter ist, daß die Freunde, als daß die Feinde gerecht sind. Denn das eine ist wünschenswert an sich, das andere mitfolgend. Denn daß die Feinde gerecht seien und nicht ungerecht, wünschen wir mitfolgend, damit sie uns nicht schaden. Dieser Fall ist derselbe wie der vorige, unterscheidet sich aber von ihm durch die Weise. Daß die Freunde gerecht sind, wünschen wir seiner selbst wegen, wenn es auch +für uns+ keine Folgen hat, auch wenn sie bei den Indern sind; daß es aber die Feinde sind, wünschen wir eines anderen wegen, damit sie +uns+ nicht schaden.
[Sidenote: 116b]
Und, was an sich Ursache des Guten ist, ist wünschenswerter, als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Tugend wünschenswerter ist als die Schickung. Jene ist an sich, diese mitfolgend Ursache des Guten. Dasselbe gilt von anderen dergleichen Dingen. Ebenso ist es mit dem Gegenteil. Was an sich Ursache des Schlechten ist, ist mehr zu fliehen, als was es mitfolgend ist, wie z. B. die Schlechtigkeit und die Schickung. Jene ist an sich schlecht, diese mitfolgend.
Und, das schlechthin Gute ist wünschenswerter als das für den Einzelnen Gute, wie Gesundsein mehr als Geschnittenwerden. Jenes ist schlechthin gut, dieses für einen Einzelnen, für den eine solche Operation nötig ist. Und das natürlich Gute ist es mehr als das nicht natürlich Gute, wie z. B. die Gerechtigkeit mehr als der Gerechte[38]. Das eine ist von Natur gut, das andere ist erworben. Und wünschenswerter ist, was der Bessere und Würdigere hat, wünschenswerter z. B. was Gott, als was der Mensch, und was die Seele, als was der Leib hat. Und das Eigentümliche des Besseren ist besser als das des Schlechteren, besser z. B. das Eigentümliche Gottes als das des Menschen. Denn nach dem Gemeinsamen in beiden sind sie nicht voneinander unterschieden, aber der eine muß den anderen durch seine Eigentümlichkeiten übertreffen. Und was sich an dem Besseren oder Früheren oder Würdigeren findet, ist besser, besser z. B. Gesundheit als Stärke und Schönheit. Jene hat ihren Sitz in dem Nassen und Trockenen, dem Warmen und Kalten, kurz in den ersten Bestandteilen des Lebewesens, diese haben ihn in den späteren Bestandteilen. Die Stärke liegt in den Sehnen und Knochen, und die Schönheit scheint ein gewisses Gleichmaß der Glieder zu sein.
Und, das Ziel scheint wünschenswerter zu sein als die Mittel, und von zwei Mitteln das, das dem Ziele näher steht. Und überhaupt ist was sich auf das Ziel des Lebens bezieht, wünschenswerter, als was auf ein sonstiges Ziel geht, wünschenswerter z. B. was auf Glückseligkeit, als was auf Klugheit abzielt. Und das (moralisch) Mögliche ist es mehr als das Unmögliche. Ferner von zwei bewirkenden Faktoren der, dessen Ziel besser ist. Wenn es sich aber um Bewirkendes und Ziel fragt, richtet sich die Entscheidung nach dem Verhältnis, darnach, wollen wir sagen, ob ein Ziel das andere um mehr übertrifft, als dieses die ihm eigentümliche bewirkende Ursache. Wenn z. B. die Glückseligkeit die Gesundheit um mehr übertrifft, als die Gesundheit das Gesunde, so ist die bewirkende Ursache der Glückseligkeit besser als die Gesundheit. Denn um so viel, als die Glückseligkeit die Gesundheit übertrifft, übertrifft die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde. Nun übertraf uns aber die Gesundheit das Gesunde weniger[39], so daß die bewirkende Ursache der Glückseligkeit das Gesunde um mehr übertrifft, als es die Gesundheit tut. Mithin ist die bewirkende Ursache der Glückseligkeit offenbar wünschenswerter als die Gesundheit. Denn sie übertrifft das Nämliche um mehr.
[Sidenote: 117a]
Ferner, was an sich schöner (sittlich besser), würdiger und lobenswerter ist; so Freundschaft mehr als Reichtum, Gerechtigkeit mehr als Stärke. Denn das eine gehört an sich zu dem Würdigen und Lobenswerten, das andere nicht an sich, sondern eines anderen wegen. Niemand schätzt den Reichtum seinet-, sondern eines anderen wegen, aber die Freundschaft schätzt man an sich, wenn man sich auch sonst keinen Vorteil von ihr verspricht.
+Zweites Kapitel.+
Wenn sich ferner zwei Dinge sehr ähnlich sind und wir keinen Vorzug des einen vor dem anderen entdecken können, so muß man sehen, was mit ihnen verbunden ist (auf sie folgt). Denn das, womit ein größeres Gut verbunden ist, ist wünschenswerter. Ist aber das mit ihnen Verbundene schlecht, so ist das wünschenswerter, dem das kleinere Übel folgt. Denn wenn auch beide gut sind, so hindert doch nichts, daß etwas Mißliebiges mit ihnen verknüpft ist. Die Beurteilung nach dem, was sich an die Dinge knüpft, kann aber in zweifacher Weise geschehen. Denn es kann etwas vorher und nachher mit ihnen verknüpft sein: so ist mit dem Lernen das Nichtwissen vorher und das Wissen nachher verknüpft. Meistens ist aber das später Verknüpfte besser. Man muß also beim Disputieren von dem Verknüpften jedesmal das verwenden, was für den Fall brauchbar ist.
Ferner sind mehr gute Dinge wünschenswerter als weniger, entweder schlechthin, oder wenn sich die einen unter den anderen befinden, die Minderzahl unter der Mehrzahl. Einen Einwand liefert der Fall, daß das eine des anderen wegen ist; denn da sind die beiden nicht wünschenswerter als das eine; so ist Gesundung und Gesundheit nicht wünschenswerter als Gesundheit, da wir die Gesundung der Gesundheit wegen wünschen. Aber es hindert auch nichts, daß Nichtgutes wünschenswerter ist als Gutes; so ist die Glückseligkeit und noch etwas dazu, was nicht gut ist, wünschenswerter als Gerechtigkeit und Mut.
Und, dasselbe mit Lust ist es mehr als ohne Lust. Und dasselbe ohne Unlust ist es mehr als mit Unlust.
Und, jedes ist zu der Zeit, wo es mehr vermag, auch wünschenswerter, so die Schmerzlosigkeit im Alter mehr als die in der Jugend, da sie im Alter mehr vermag. Dementsprechend ist auch die Klugheit im Alter wünschenswerter. Denn niemand wählt die jungen Leute zu Führern, weil man nicht glaubt, daß sie klug sind. Mit dem Mute aber ist es umgekehrt; denn mutvolles Handeln ist nötiger in jungen Jahren. Ebenso ist es mit der Enthaltsamkeit. Denn die jungen Leute werden mehr als die alten von den Begierden belästigt.
Und, was zu jeder Zeit oder zu den meisten Zeiten nützlicher ist. So ist z. B. Gerechtigkeit und Mäßigkeit wünschenswerter als Mut. Jene sind immer nützlich, dieser ist es nur zu Zeiten.
[Sidenote: 117b]
Und, wünschenswerter ist was, wenn alle es haben, uns des anderen nicht bedürfen läßt, als was sie haben können, ohne daß wir aufhören, noch des anderen zu bedürfen, wie es z. B. bei Gerechtigkeit und Mut zutrifft. Sind alle gerecht, so braucht es keinen Mut. Sind aber alle mutig, so braucht es Gerechtigkeit.
Ferner kann man den Vorzug der Dinge beurteilen aus ihrem Untergang und Verlust, Werden und Gewinn und dem Konträren. Wessen Untergang mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Ebenso ist es mit dem Verlust und dem Konträren. Wessen Verlust oder Konträres mehr zu fliehen ist, das ist selbst wünschenswerter. Mit dem Werden und dem Gewinn aber ist es umgekehrt. Wessen Gewinn und wessen Werden wünschenswerter ist, das ist auch selbst wünschenswerter.
Ein anderer Ort ist: was dem Guten näher ist, ist besser und wünschenswerter.
Und, was dem Guten ähnlicher ist; so ist z. B. die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Gerechte.
Und, was dem ähnlicher ist, was besser ist, als es selbst; wie z. B. Einige sagen, daß Ajax besser sei als Odysseus, weil er dem Achilleus ähnlicher sei. Ein Einwand hiergegen ist, daß es nicht wahr ist, indem nichts hindert, daß Ajax dem Achilleus nicht in der Hinsicht ähnlicher ist, in der er besser ist, während der andere gut ist, ohne ihm ähnlich zu sein. Man muß hier auch an den Fall denken, wo die Ähnlichkeit ins Lächerliche ginge, wie z. B. der Affe dem Menschen ähnlicher ist, während das Pferd es nicht ist. Denn der Affe ist nicht schöner, aber dem Menschen ähnlicher.
Wiederum, wenn bei zweien das eine dem Besseren, das andere dem Schlechteren ähnlicher ist, muß besser sein was dem Besseren ähnlich ist. Aber auch dieses leidet einen Einwand: nichts hindert, daß das eine dem Besseren wenig, das andere dem Schlechteren (minder Guten) sehr ähnlich ist, wie wenn z. B. Ajax dem Achilleus wenig und Odysseus dem Nestor sehr ähnlich wäre. Und wenn das dem Besseren Ähnliche ihm nach der schlechteren und das dem Schlechteren Ähnliche ihm nach der besseren Seite ähnlich wäre, wie das Pferd dem Esel und der Affe dem Menschen.
Ein anderer Ort: das Edlere ist wünschenswerter als das minder Edle; und ebenso das Schwerere; denn es gilt uns mehr, zu haben was nicht leicht zu erlangen ist. Und das Eigentümlichere ist es mehr als das Gemeinere; und ebenso was weniger dem Übel zugänglich ist; denn wünschenswerter ist wem nichts Mißliebiges folgt, als wem es folgt.
Wenn ferner dieses schlechthin besser ist als dieses, ist auch das Beste unter diesem besser als das Beste unter dem anderen. Wenn z. B. Mensch besser ist als Pferd, ist auch der beste Mensch besser als das beste Pferd. Und wenn das Beste besser ist als das Beste, ist dieses auch schlechthin besser als dieses. Wenn z. B. der beste Mensch besser ist als das beste Pferd, ist auch Mensch schlechthin besser als Pferd.
[Sidenote: 118a]
Dasjenige ferner, woran die Freunde teilnehmen können, ist wünschenswerter als das, woran sie es nicht können. Und was wir lieber für den Freund tun wollen als für den ersten Besten, das ist wünschenswerter. So ist es z. B. wünschenswerter, gerecht zu handeln und Gutes zu tun, als nur so zu scheinen. Denn den Freunden wollen wir lieber Gutes tun, als nur so scheinen, aber wenn es sich um den ersten Besten handelt, halten wir es umgekehrt.
Und, was zum Überflusse gehört, ist besser als das Notwendige, zuweilen auch wünschenswerter. Denn besser als leben ist gut leben, gut leben aber gehört zum Überflusse, während das Leben selbst notwendig ist. Zuweilen aber ist das Bessere nicht auch wünschenswerter. Denn wenn etwas besser ist, ist es nicht notwendig auch wünschenswerter. Ist doch philosophieren zwar besser als Geld erwerben, aber für den Dürftigen nicht wünschenswerter als das Notwendige. Wenn aber etwas zum Überflusse gehört, so besagt das, daß man das Notwendige hat und sich dazu noch anderes, Schönes erwirbt. In der Regel ist vielleicht das Notwendige wünschenswerter, aber was zum Überflusse gehört, ist besser.
Und, wünschenswerter ist was durch keinen anderen, als was auch durch einen anderen ersetzt werden kann, wie es z. B. bei der Gerechtigkeit im Vergleich zum Mute der Fall ist.
Und, wenn zwar das eine ohne das andere wünschenswert ist, aber nicht dieses ohne jenes. So ist z. B. Macht ohne Klugheit nicht wünschenswert, wohl aber Klugheit ohne Macht.
Und, wenn wir von zweien das eine leugnen, damit wir das andere zu haben scheinen, so ist dasjenige wünschenswerter, was wir zu haben scheinen wollen. So leugnen wir z. B., daß wir fleißig sind, um begabt zu scheinen.
Und, wo bei einer Sache kleinerer Tadel angebracht ist, wenn man ihren Abgang bedauert, da ist sie wünschenswerter; und wo bei einer Sache größerer Tadel angebracht ist, wenn einer ihren Abgang nicht bedauert, da ist sie wünschenswerter[40].
+Drittes Kapitel.+
Ferner ist unter Dingen derselben Art das wünschenswerter, was die der Art eigentümliche Güte hat, als das, was sie nicht hat. Haben beide sie, so ist es das, was sie in höherem Grade hat[41].
Ferner, wenn das eine seinen Inhaber gut macht, das andere nicht, so ist das wünschenswerter, was ihn gut macht, wie auch das Wärmende wärmer ist als das nicht Wärmende[42]. Machen beide ihn gut, so ist es das, was ihn in höherem Grade gut macht. Oder etwas ist wünschenswerter, wenn es das Bessere und Herrschendere gut macht, z. B. wenn das eine die Seele gut macht, das andere den Leib.
Ferner, der Vorzug einer Sache ist nach den abgeleiteten Formen, den Gebrauchsweisen, den Handlungen und den Werken zu beurteilen, aber auch umgekehrt diese nach jener. Denn das eine folgt auf das andere. Ist z. B. das Gerecht (δικαίως, gerechter Weise) wünschenswerter als das Mutig, so ist auch die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut. Und ist die Gerechtigkeit wünschenswerter als der Mut, so ist auch das Gerecht wünschenswerter als das Mutig. Und ähnlich ist es in den anderen Fällen, die wir genannt haben.
[Sidenote: 118b]
Ferner, wenn eines von zweien ein größeres, das andere ein kleineres Gut ist als ein drittes, oder (anders ausgedrückt), wenn es größer ist als ein größeres, so ist das größere wünschenswerter.
Aber auch wenn zwei Dinge wünschenswerter sind als ein drittes, so ist dasjenige es mehr, das in höherem, als dasjenige, das in geringerem Grade wünschenswert ist.
Ferner, wessen Mehr wünschenswerter ist als das Mehr eines anderen Dinges, das ist auch selbst wünschenswerter. So ist es z. B. Freundschaft mehr als Geld, weil ein Mehr an Freundschaft wünschenswerter ist als ein Mehr an Geld.
Und, wünschenswerter ist was man sich lieber selbst verschafft, als das, was man lieber einem anderen dankt; so muß man z. B. lieber Freunde haben wollen als Geld.
Ferner (muß man das Wünschenswertere) nach dem Zusatz (beurteilen), wenn (nämlich) etwas, zu demselben Ding hinzugesetzt, das Ganze wünschenswerter macht (als ein anderer Zusatz es tut). Man darf diese Regel aber nicht auf den Fall ausdehnen, wo das Gemeinsame (dem der Zusatz zuteil geworden) den einen Zusatz gebraucht oder sonst mit seiner Hilfe wirkt, während es den anderen nicht gebraucht und nichts mit ihm tut, wie wenn man z. B. Säge und Sichel mit dem Zimmergewerbe zusammennimmt. Denn so ist die Säge wohl das Wünschenswertere, aber (noch) nicht schlechthin.
Wiederum (etwas ist wünschenswerter), wenn es, zu Kleinerem hinzugetan, das Ganze größer macht.
Ebenso (muß man das Wünschenswertere) nach dem Abzug (beurteilen). Was, von einem und demselben in Abzug gebracht, das Kleinere übrig läßt, muß größer sein, da es ja, vom Ganzen abgezogen, den Rest kleiner macht (als ein anderer Abzug).
Und, wenn das eine wegen seiner selbst, das andere wegen des Ansehens wünschenswert ist; wie z. B. die Gesundheit es mehr ist als die Schönheit. Die Definition dessen, was für das Ansehen geschieht, ist diese: ein Ding, worum man sich nicht bemüht, wenn keiner weiß, daß man es hat.
Und, wenn das eine wegen seiner selbst und zugleich wegen des Ansehens, das andere aber nur wegen des einen oder wegen des anderen wünschenswert ist, (ist es das Erste mehr).
Und, was von zweien seiner selbst wegen Wert hat, das ist auch besser und wünschenswerter. An sich wertvoller aber muß sein was wir seiner selbst wegen vorziehen, ohne sonst einen Vorteil von ihm zu erwarten.
Ferner, man muß unterscheiden, in wie vielfachem Sinne man von dem Wünschenswerten spricht und wofür es wünschenswert sein soll, ob, weil es vorteilhaft oder sittlich gut oder genußreich ist. Denn was für alles oder für mehr Dinge nützlich ist, muß wünschenswerter sein, als was es nicht ist.
Haben beide dasselbe, so muß man sehen, welches es in höherem Grade hat, welches also genußreicher oder sittlich besser oder nützlicher ist.
Wiederum, was des Besseren wegen wünschenswert ist, ist es in höherem Grade, so das der Tugend wegen Wünschenswerte in höherem Grade als das des Genusses wegen Wünschenswerte.
Ebenso ist es mit dem Fliehenswerten: man muß mehr fliehen was das Wählenswerte in höherem Grade verhindert; so ist die Krankheit mehr als die Häßlichkeit zu fliehen. Denn die Krankheit ist ein größeres Hindernis für den Genuß und die Tugendwerke.
Ferner (erkennt man) daraus (was wünschenswerter ist), daß man von der vorliegenden Sache zeigt, sie sei ebenso zu fliehen als zu wünschen. Denn was man gleichmäßig wünscht und flieht, ist weniger wünschenswert als das andere, das nur wünschenswert ist.
+Viertes Kapitel.+
[Sidenote: 119a]
Man muß also die gegenseitigen Vergleiche so anstellen, wie wir angegeben haben. Dieselben Örter sind aber auch brauchbar, um zu zeigen, daß etwas (schlechthin) zu wünschen oder zu fliehen ist. Man muß dabei nur das Mehr des einen vor dem anderen weglassen. Ist das Würdigere wünschenswerter, so ist auch das Würdige wünschenswert, und ist das Nützlichere wünschenswerter, so ist auch das Nützliche wünschenswert, und mit den anderen Vorzügen, die so miteinander verglichen werden, ist es ebenso. Denn bei manchen Dingen sagen wir auf Grund ihrer Vergleichung sofort, daß wir beide oder das eine wählen müssen, wenn wir z. B. sagen, daß das eine von Natur, das andere nicht von Natur gut ist. Denn das von Natur Gute verdient offenbar, (schlechthin) gewünscht zu werden.
+Fünftes Kapitel.+
Man muß aber die Örter, die sich um das Mehr und das Größere drehen, möglichst allgemein fassen. Denn so gefaßt, müssen sie in desto weiterem Umfange brauchbar sein. Manchen von den angeführten Örtern läßt sich diese allgemeinere Fassung durch eine kleine Umbiegung des Ausdrucks geben. Man sage z. B.: was eine bestimmte Beschaffenheit von Natur hat, hat sie mehr, als was sie nicht von Natur hat. Und, wenn das eine seinen Inhaber oder das, dem es beiwohnt, so und so beschaffen macht, das andere nicht, so ist das, was es so beschaffen macht, in höherem Grade so beschaffen als das, was es nicht tut; tun es aber beide, dann das, was es mehr tut.
Ferner, wenn das eine eine bestimmte Beschaffenheit in höherem, das andere in niederem Grade hat als ein und dasselbe Dritte; und wenn das eine sie in höherem, das andere nicht in höherem Grade hat als ein gleichbeschaffenes Drittes, so hat offenbar das erste die betreffende Beschaffenheit in höherem Grade.
Ferner (muß man das Mehr), nach dem Zusatz (abschätzen), wenn nämlich etwas, zu demselben hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so und so Beschaffenen macht, oder wenn es, zu dem, was weniger so beschaffen ist, hinzugesetzt, das Ganze mehr zu einem so Beschaffenen macht.
Ebenso muß man es nach dem Abzug schätzen: nach wessen Abzug der Rest eine Beschaffenheit in geringerem Grade hat, das hat sie selbst in höherem Grade.
Und, was weniger mit seinem Gegenteil vermischt ist, hat eine bestimmte Beschaffenheit in höherem Grade. So ist z. B. weißer was weniger mit schwarz vermischt ist.
Ferner, außer den vorhin angegebenen Fällen ist hier dasjenige zu nennen, woran sich die eigentümliche Definition eines Dinges vollkommener erfüllt. Ist z. B. der Begriff von weiß: eine Farbe, die das Gesicht zerstreut, so ist weißer was in höherem Grade das Gesicht zerstreuende Farbe ist.
+Sechstes Kapitel.+
Wenn das Problem partikulär und nicht allgemein gestellt ist, so sind erstens die genannten allgemein begründenden oder widerlegenden Örter sämtlich brauchbar. Wenn wir allgemein widerlegen oder begründen, beweisen wir auch das Partikuläre: wohnt etwas allem bei, dann auch einem, und wenn keinem, dann auch nicht einem.
[Sidenote: 119b]
Besonders brauchbar und umfassend sind unter den Örtern diejenigen, die aus dem Entgegengesetzten, dem Begriffsverwandten und den Ableitungsformen entnommen sind. Das Postulat: wenn jede Lust ein Gut ist, ist auch jede Unlust ein Übel, ist ebenso wahrscheinlich wie das Postulat: wenn eine Lust ein Gut ist, ist auch eine Unlust ein Übel. Wenn ferner eine bestimmte Wahrnehmung kein Vermögen ist, so ist auch eine bestimmte Anästhesie kein Unvermögen. Und wenn das Objekt einer Meinung Objekt eines Wissens ist, ist auch eine bestimmte Meinung Wissen. Wiederum, wenn ein einzelnes Unrecht gut ist, ist auch ein einzelnes Recht schlecht. Und ist ein Einzelnes, das dem Rechte gemäß (δικαίως, gerechterweise) geschieht, schlecht, so ist auch ein Einzelnes, das ungerecht geschieht, gut. Und ist ein Genußreiches zu fliehen, so ist ein Genuß zu fliehen. Nach derselben Regel muß aber auch, wenn ein Genußreiches nützlich ist, ein Genuß nützlich sein.
Ebenso ist es aber auch mit dem, was ein Vergehen bewirkt, und mit dem Entstehen und Vergehen. Wenn etwas, was das Vergehen einer Lust oder eines Wissens bewirkt, gut ist, so muß eine Lust oder ein Wissen vom Bösen sein. Ebenso wird, wenn ein Vergehen des Wissens vom Guten oder seine Entstehung vom Bösen ist, ein bestimmtes Wissen vom Bösen sein. Ist z. B. das Vergessen häßlicher Taten, die man begangen hat, vom Guten, oder die Erinnerung daran vom Bösen, so muß das Wissen um die häßlichen Taten, die man begangen hat, vom Bösen sein. Ebenso ist es sonst. Überall findet sich die Wahrscheinlichkeit der Folgerung in gleichem Maße.
Ferner kann man von dem Mehr und Minder und Gleich ausgehen. Wenn etwas mehr (eher) als ein anderes, das zu einer anderen Gattung gehört, eine bestimmte Beschaffenheit hat, aber nichts zu ihm Gehöriges sie hat, so kann auch das Genannte sie nicht haben. Z. B. wenn eine Wissenschaft mehr (eher) als eine Lust ein Gut ist, aber keine Wissenschaft es ist, so kann es auch keine Lust sein. In der nämlichen Weise kann man von dem Gleich und Minder ausgehen, kann widerlegen und begründen, nur daß man auf Grund des Gleich beides, aber auf Grund des Weniger nur erhärten, nicht widerlegen kann. Ist ein Vermögen gleich (wahrscheinlich) ein Gut wie eine Wissenschaft, und ist ein Vermögen ein Gut, so ist es auch eine Wissenschaft. Ist es aber kein Vermögen, dann auch keine Wissenschaft. Ist aber ein Vermögen weniger (wahrscheinlich) ein Gut als eine Wissenschaft, und ist ein Vermögen ein Gut, dann auch eine Wissenschaft. Ist aber kein Vermögen ein Gut, so ist nicht notwendig auch keine Wissenschaft ein Gut. So kann man denn offenbar auf Grund des Weniger nur erhärten. Man kann aber ein Problem nicht nur auf Grund von Dingen verschiedener, sondern auch auf Grund von Dingen derselben Gattung entkräften, indem man das aus ihr nimmt, was eine bestimmte Beschaffenheit im höchsten Grade hat. Soll z. B. eine Wissenschaft gut sein und wird gezeigt, daß die Klugheit es nicht ist, so kann es auch keine andere sein, da selbst die es nicht ist, die den größten Schein der Güte für sich hat.
[Sidenote: 120a]
Ferner kann man hypothetisch schließen auf Grund der Forderung, daß etwas, wenn einem, dann gleicherweise auch allen beiwohnt oder nicht beiwohnt; daß z. B., wenn die Seele des Menschen unsterblich ist, auch die anderen Seelen es sind, wenn aber sie nicht, auch die anderen nicht. Soll nun etwas einem beiwohnen, so muß man zeigen, daß es einem nicht beiwohnt; denn auf Grund der Voraussetzung wird folgen, daß es keinem beiwohnt. Soll es aber einem nicht beiwohnen, so muß man zeigen, daß es einem beiwohnt; denn auch so wird folgen, daß es allen beiwohnt. Wer die Voraussetzung zugrunde legt, macht hier offenbar ein partikulär gestelltes Problem allgemein: er fordert, daß wer partikulär zustimmt, allgemein zustimmt, indem er das Zugeständnis fordert, daß was einem, gleicherweise allen beiwohnt.
Ist nun das Problem unbestimmt, so kann man es nur in einer Weise entkräften, wie wenn z. B. der andere behauptet, eine Lust sei gut oder nicht gut, ohne sonst etwas hinzuzusetzen. Denn wenn er behauptet hat, daß eine bestimmte Lust gut ist, so muß man, wenn man die Behauptung entkräften will, allgemein zeigen, daß keine es ist. Ebenso muß man, wenn er behauptet hat, eine Lust sei nicht gut, allgemein zeigen, daß jede gut ist; anders ist der Satz nicht zu widerlegen. Denn wenn wir zeigen, daß eine bestimmte Lust nicht gut oder gut ist, ist die Behauptung noch nicht widerlegt. Es ist also klar, daß man nur auf eine Weise widerlegen kann, begründen dagegen kann man auf zweifache Weise. Mögen wir allgemein erhärten, daß jede Lust, oder partikulär, daß eine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung erhärtet sein. Und ebenso werden wir, wenn wir beweisen sollen, daß einige Lust kein Gut ist, entweder durch den Nachweis, daß keine ein Gut, oder durch den Nachweis, daß einige kein Gut ist, zweifach, allgemein und partikulär, bewiesen haben, daß einige Lust kein Gut ist.
Ist aber die These bestimmt, so kann man sie auf zweifache Weise widerlegen, z. B. wenn die Behauptung lautet, einer Lust komme es zu, gut zu sein, einer anderen komme es nicht zu. Denn mag man zeigen, daß jede, oder daß keine Lust ein Gut ist, so wird die Behauptung widerlegt sein. Hat aber der andere behauptet, daß nur eine Lust gut ist, so kann man dieses dreifach widerlegen: wir werden die Behauptung widerlegt haben, indem wir zeigen, daß jede, oder daß keine, oder daß mehr als eine gut ist. Ist die These aber noch weiter bestimmt, soll z. B. die Klugheit allein unter den Tugenden ein Wissen sein, so läßt sie sich vierfach widerlegen: diese Behauptung wird widerlegt sein, wenn gezeigt worden ist, daß jede Tugend, oder daß keine, oder daß auch sonst noch eine, wie die Gerechtigkeit ein Wissen ist, oder daß die Klugheit selbst keines ist.
[Sidenote: 120b]
Es ist aber (hier, bei den partikulären Problemen), wie bei den allgemeinen Problemen, auch nützlich, auf das Einzelne, dem etwas zukommen oder nicht zukommen soll, zu sehen. Ferner muß man bei den Gattungen wohl zusehen, indem man sie in Arten zerlegt, bis sie nicht mehr weiter teilbar sind, wie wir oben angegeben haben[43]. Denn möge das Betreffende allem oder keinem zuzukommen scheinen, so hat man jedenfalls, wenn man zugunsten seiner These viele Einzelfälle angeführt hat, das Recht zu fordern, daß der andere den Satz entweder allgemein einräumt, oder als Instanz einen gegenteiligen Fall bringt. Ferner muß man, wo das Akzidenz nach der Art oder nach der Zahl unterschieden werden kann, zusehen, ob keines von diesen so unterschiedenen Akzidenzien dem Subjekt zukommt[44], indem man z. B. zur Behauptung des Satzes, daß die Zeit sich nicht bewegt und keine Bewegung ist, die verschiedenen Arten der Bewegung aufzählt. Denn wenn keine von diesen Arten der Bewegung der Zeit zukommt, so bewegt sie sich offenbar nicht und ist nicht Bewegung. Ebenso muß man zum Schutze des Satzes, daß die Seele keine Zahl ist, die Zahl unterscheiden und sagen, daß jede Zahl entweder ungerade oder gerade ist. Denn wenn die Seele weder ungerade noch gerade ist, so ist sie offenbar keine Zahl.
Mit bezug auf das Akzidenz also muß man die Sache mit solchen Mitteln (mit Verwendung der angeführten Örter) und auf solche Weise angehen[45].
Viertes Buch.
+Erstes Kapitel.+
Hiernach müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Verfahren bei der Gattung und dem Proprium richten[46]. Sie bilden die Grundlage für die Erörterungen über die Definitionen[47], aber die Untersuchungen der Disputierenden haben es mit ihnen nur selten zu tun[48].
Wenn für etwas eine Gattung aufgestellt wird, muß man zuerst sein Augenmerk auf alles dem Betreffenden Verwandte richten, um zu sehen, ob etwas darunter ist, von dem sie nicht ausgesagt wird, wie es beim Akzidenz der Fall ist. Soll z. B. für die Lust das Gute Gattung sein, so muß man sehen, ob eine Lust nicht gut ist. Wenn es so ist, kann das Gute offenbar nicht Gattung von Lust sein. Denn die Gattung wird von allen Arten (εἰδῶν statt εἶδος Zeile 20, S. 120b) ausgesagt, die unter demselben (Begriff) stehen.
Sodann muß man sehen, ob etwas dem Subjekt, statt im Sinne des Wesens, etwa nur als Mitfolgendes beigelegt wird, wie wenn man vom Schnee sagt, daß er weiß, oder von der Seele, daß sie ein durch sich selbst Bewegtes ist. Der Schnee ist nicht wesenhaft weiß, weshalb weiß nicht Gattung von Schnee ist, und die Seele nicht wesenhaft bewegt, vielmehr folgt ihr die Bewegung mit, wie es dem (ganzen) Lebewesen oft mitfolgt, zu gehen und Gehendes zu sein. Ferner ist bewegt kein Was, sondern scheint ein Wirkendes oder Leidendes zu bezeichnen. Dasselbe gilt von weiß. Es gibt nicht an, was der Schnee ist, sondern ist Qualitätsbezeichnung. So wird denn keines von beiden seinem Subjekt im Sinne des Wesens beigelegt.
Besonders muß man die Definition des Akzidenz berücksichtigen, um zu sehen, ob sie auf die betreffende Gattung, wie z. B. das jetzt Angeführte, paßt. Etwas kann sich selbst bewegen und nicht bewegen, weiß und nicht weiß sein. So ist denn keines von beiden Gattung, sondern Akzidenz, da wir als Akzidenz bezeichnet haben was einem Subjekt zukommen und nicht zukommen kann[49].
[Sidenote: 121a]
Man muß ferner zusehen, ob etwa der Fall vorliegt, daß die Gattung und die Art nicht in derselben Abteilung stehen, vielmehr das eine Substanz, das andere Qualität, oder das eine Relation und das andere Qualität ist, wie z. B. Schnee und Schwan Substanz sind, während das Weiße nicht Substanz ist, sondern Qualität. Somit kann weiß nicht Gattung von Schnee oder Schwan sein. Die Wissenschaft wiederum gehört zum Relativen, das Gute und Schöne dagegen ist qualitativ. Somit kann gut oder schön nicht Gattung von Wissenschaft sein. Denn die Gattungen des Relativen müssen auch selbst zum Relativen gehören, wie man z. B. bei doppelt sieht: das Vielfache, als Gattung von doppelt, ist auch selbst ein Relativum. Die Gattung muß, um es allgemein zu sagen, in derselben Abteilung stehen wie die Art: ist die Art Substanz, dann auch die Gattung, und ist die Art qualitativ, dann ist auch die Gattung ein Qualitatives, ist z. B. das Weiße ein Qualitatives, dann auch die Farbe. Und ebenso ist es sonst.
Wiederum hat man darauf zu sehen, ob die Gattung an etwas, was zu ihr gehören soll, teilhaben muß oder kann. Teilhaben heißt den Begriff dessen zulassen, woran etwas teilhat. Daraufhin ist klar, daß die Arten an den Gattungen, aber die Gattungen nicht an den Arten teilhaben[50]. Man muß also sehen, ob eine angegebene Gattung an der Art teilhat oder teilhaben kann, z. B. für den Fall, daß man eine Gattung für das Seiende oder das Eine angäbe. Hier müßte folgen, daß die Gattung an den Arten teilhat. Denn das Seiende und das Eine und somit auch der Begriff beider wird von allen Dingen ausgesagt[51].
Ferner muß man zusehen, ob eine angegebene Art in Wahrheit von etwas ausgesagt wird, nicht aber die Gattung, wie wenn z. B. das Seiende oder das Wißbare als Gattung dessen, was Gegenstand der Meinung ist, aufgestellt wird. Von dem Nichtseienden läßt sich sagen, daß es ein solcher Gegenstand ist. Man kann ja manches meinen, was nicht ist. Daß aber seiend und wißbar nicht von dem Nichtseienden ausgesagt wird, ist klar. Mithin ist das Seiende und das Wißbare nicht Gattung dessen, was man meinen kann. Denn wovon die Art ausgesagt wird, davon muß auch die Gattung ausgesagt werden.
Wiederum muß man zusehen, ob das, was zu einer Gattung gehören soll, etwa an keiner von den Arten teilhaben kann. Denn es kann nicht an der Gattung teilhaben, wenn es an keiner von den Arten teilhat, es müßte denn eine von den Arten sein, die auf der ersten Einteilung beruhen; denn diese haben nur an der Gattung teil[52]. Wird also die Bewegung als Gattung der Lust gesetzt, so muß man sehen, ob die Lust weder örtliche Bewegung, noch qualitative Veränderung, noch sonst eine von den angenommenen Arten der Bewegung ist. Sie würde dann offenbar an keiner von den Arten teilhaben und so auch nicht an der Gattung, da das, was an der Gattung teilhat, auch an einer von den Arten teilhaben muß. Mithin kann die Lust keine Art der Bewegung sein[53] und auch nicht den individuellen Bewegungen der betreffenden Art zugesprochen werden. Denn auch das Individuelle hat teil an Gattung und Art. So hat z. B. der einzelne Mensch teil an Mensch und an Sinnenwesen.
[Sidenote: 121b]
Ferner muß man sehen, ob das, was in eine Gattung gehören soll, weiter reicht als die Gattung, wie z. B. das, was Gegenstand einer Meinung sein kann, einen größeren Umfang hat als das Seiende. Denn Gegenstand des Meinens kann Seiendes und Nichtseiendes zugleich sein, und so wird wohl was Gegenstand der Meinung ist, keine Art des Seienden sein[54]. Denn die Gattung reicht weiter als die Art. Wieder: ob Art und Gattung von gleich vielem ausgesagt wird, wie wenn z. B. von zwei transszendenten Prädikaten, etwa Seiendes und Eines, dieses als Art, jenes als Gattung gesetzt würde. Denn jedem Seienden muß das Eine folgen, und so ist keines Genus des anderen, da es von gleich vielem ausgesagt wird. Gleiches gilt, wenn Erstes und Prinzip Gattung voneinander sein sollen. Prinzip ist Erstes, und Erstes Prinzip, so daß entweder beide Genannten dasselbe sind, oder keines für das andere Genus ist. Allen diesen Regeln liegt die Maxime zugrunde, daß die Gattung von größerem Umfange ist als die Art und die Differenz. Denn auch die Differenz ist von kleinerem Umfang als die Gattung.
Man muß auch bei Dingen, die der Art nach ununterschieden sind, sehen, ob die für sie aufgestellte Gattung für eines von ihnen nicht Gattung ist oder nicht scheint, und wo einem die Begründung obliegt, ob sie es wohl für eines ist. Denn die Gattung ist für alles der Art nach Ununterschiedene dieselbe. Ist sie also für eines als Gattung erwiesen, dann offenbar für alles, und ist sie es erweislich für eines nicht, dann offenbar für keines, wie wenn z. B. jemand, der unzerschneidbare Linien setzt, behauptete, ihre Gattung sei das Unteilbare. Denn die Linien, die eine Teilung zulassen, haben die gedachte Gattung nicht, da sie doch der Art nach (von den anderen) nicht unterschieden sind. Denn alle geraden Linien sind der Art nach nicht voneinander verschieden.
+Zweites Kapitel.+
Man muß auch acht geben, ob die angegebene Art zu einer anderen Gattung gehört, die weder die angegebene Gattung umfaßt, noch unter ihr steht, wie wenn z. B. jemand die Wissenschaft als Gattung der Gerechtigkeit setzte. Denn die Gattung ist hier die Tugend, und keine der beiden Gattungen umfaßt die andere; und so kann die Wissenschaft nicht wohl die Gattung für die Gerechtigkeit darstellen. Denn wenn eine Art unter zwei Gattungen steht, scheint die eine Gattung von der anderen umfaßt zu werden.
Diese Regel bringt einen aber stellenweise in Verlegenheit: Manche halten die Klugheit für eine Tugend und eine Wissenschaft zugleich, ohne daß doch eine von diesen Gattungen unter der anderen stehen soll.
[Sidenote: 122a]
Indessen wird nicht allgemein zugegeben, daß die Klugheit eine Wissenschaft ist. Wenn man aber nun zugibt, daß das Gedachte wahr ist, so scheint doch wenigstens so viel notwendig zu sein, daß die Gattungen desselben Dinges subaltern sind oder beide unter derselben Gattung stehen, wie es auch mit der Tugend und der Wissenschaft der Fall ist. Sie stehen beide unter derselben Gattung, da jedes von ihnen einen Habitus und eine Verfassung darstellt. Man muß also achtgeben, ob keines von beiden Verhältnissen der angegebenen Gattung zukommt. Wenn die Gattungen weder subaltern (eine der anderen untergeordnet) sind, noch beide unter derselben Gattung stehen, so kann das angegebene Genus nicht wirklich das Genus sein.
Man muß auch auf die Gattung der angegebenen Gattung und so immer auf die nächst höhere Gattung achtgeben, ob sie alle von der Art ausgesagt werden, und ob sie ihr im Sinne des Wesens beigelegt werden. Denn alle höheren Gattungen müssen der Art im Sinne des Wesens beigelegt werden. Wenn es nun an einer Stelle damit nicht stimmt, so ist die angegebene Gattung offenbar nicht die wirkliche.
Wiederum muß man sehen, ob die Gattung an der Art teilhat, entweder sie selbst oder eine der ihr übergeordneten Gattungen. Denn das Höhere hat an keinem Niederen teil.
Der Widerlegende muß diesen Gesichtspunkt in der angegebenen Weise verwenden. Der Begründende braucht, wenn man zugibt, daß das gedachte Genus der Art zukommt, aber bezweifelt, ob es ihr auch formell als Genus zukommt, nur zu zeigen, daß irgendeines der höheren Genera von der Art im Sinne des Wesens ausgesagt wird. Denn wenn eines in diesem Sinne ausgesagt wird, werden alle, höhere und niedere Genera, wenn sie anders von der Art ausgesagt werden, in eben diesem Sinne prädiziert werden, und so muß das auch von dem angegebenen Genus gelten. Daß aber, wenn eines, dann auch alle anderen, wenn anders sie prädiziert werden, im Sinne des Wesens prädiziert werden, muß auf induktivem Wege gezeigt werden.
Wenn aber der Gegner schlechthin bezweifelt, daß das angegebene Genus der Art zukommt, so kann der Nachweis, daß eines der höheren Genera von der Art prädiziert wird, nicht genügen. So genügt es z. B., wenn man als Genus von Gehen die Ortsbewegung (φορά) angibt, zum Erweis dieser Behauptung nicht, zu zeigen, daß das Gehen eine Bewegung ist, da es auch andere Bewegungen gibt, sondern es muß auch noch gezeigt werden, daß das Gehen an keiner der durch dieselbe Teilung gewonnenen Arten teilhat außer an der Ortsbewegung. Denn was an der Gattung teilhat, muß auch an einer durch die erste Teilung gewonnenen Arten teilhaben. Wenn also das Gehen weder an der Zunahme, noch an der Abnahme, noch an den anderen Bewegungen teilhat, so muß es offenbar an der Ortsbewegung teilhaben, und so muß für Gehen die Ortsbewegung das Genus sein.
[Sidenote: 122b]
Wiederum: wo eine aufgestellte Spezies als Genus prädiziert wird, ist zuzusehen, ob auch das angegebene Genus, und desgleichen die höheren Genera, von eben dem im Sinne des Wesens prädiziert werden, wovon es die Spezies wird. Wenn es damit an einer Stelle nicht gehen will, ist das angegebene Genus offenbar nicht das wirkliche. Wäre es Genus, so würden alle höheren Genera und es selbst von eben dem im Sinne des Wesens ausgesagt werden, wovon auch die Spezies im Sinne des Wesens ausgesagt wird. Dieser Gesichtspunkt ist für den Widerlegenden verwendbar, wenn das Genus nicht von dem im Sinne des Wesens prädiziert wird, wovon die Spezies es wird, und für den Begründenden, wenn das Genus wohl so prädiziert wird. Denn es muß sich die Folge ergeben, daß von einem und demselben Subjekt Genus und Spezies im Sinne des Wesens prädiziert wird, und so kommt dasselbe Subjekt unter zwei Genera zu stehen. Demnach müssen die Genera subaltern sein. Ist also nachgewiesen, daß das von uns gewollte Genus nicht unter der Spezies steht, so muß die Spezies offenbar unter ihm stehen, und somit ist dieses als Genus erwiesen.
Man muß auch zusehen, ob die Begriffe der Gattungen auf die angegebene Art und das an der Art Teilhabende passen. Die Begriffe der Gattungen müssen von der Art und dem an ihr Teilhabenden ausgesagt werden. Wenn es also damit an einer Stelle nicht gehen will, so ist die angegebene Gattung offenbar nicht die wirkliche.
Wiederum ist zuzusehen, ob der andere die Differenz als Genus, etwa unsterblich als Genus Gottes, angegeben hat. Für Lebewesen ist unsterblich Differenz. Da die Lebewesen teils sterblich, teils unsterblich sind. So ist denn hier offenbar gefehlt worden. Die Differenz kann für kein Ding Genus sein. Daß das wahr ist, muß einleuchten. Keines Dinges Differenz besagt ein Was, sondern vielmehr eine Qualität, wie gehend und zweibeinig.
Und: ob der Gegner die Differenz (nach Art einer Spezies) in die Gattung aufgenommen, z. B. das Ungrade hat Zahl sein lassen. Ungrad ist Differenz der Zahl, nicht Spezies. Auch scheint die Differenz nicht an der Gattung teilzuhaben. Alles, was an der Gattung teilhat, ist entweder Spezies oder Individuum, die Differenz ist aber weder Spezies noch Individuum. Mithin hat die Differenz offenbar nicht an der Gattung teil. Also kann ungrad nicht Spezies, sondern nur Differenz sein, da es nicht an der Gattung teilhat.
Ferner: ob er die Gattung (nach Art eines Teiles) in die Art aufgenommen, z. B. die Berührung hat Stetigkeit (Kontinuität) sein lassen, die Mischung überhaupt (μίξις, Verbindung von Stoffen in beliebigem Aggregatszustande) Mischung von Flüssigkeiten (κρᾶσις), oder wenn er mit Plato die Ortsbewegung als φορά (latio, getragen werden) definiert. Die Berührung muß nicht Kontinuität, wohl aber umgekehrt die Kontinuität Berührung sein. Nicht alles, was sich berührt (z. B. Wasser und Luft) ist kontinuierlich, aber alles Kontinuierliche (z. B. die Luftteilchen) berührt sich. Ebenso ist es mit dem Übrigen. Nicht jede Mixis ist Krasis — die Mischung trockener Stoffe ist nicht Krasis —, und nicht jede Ortsveränderung ist Phora. Das Gehen ist doch wohl keine Phora[55]. Von Phora spricht man gewöhnlich bei solchen Dingen, die mechanisch, nach Art des Seelenlosen, ihren Ort wechseln. In den angegebenen Fällen hat auch die Art einen größeren Umfang als die Gattung, da es doch umgekehrt sein müßte.
[Sidenote: 123a]
Wiederum: ob man den Unterschied in die Art aufgenommen, etwa das Unsterbliche hat Gott sein lassen. Denn da müßte die Art folgerichtig gleichen oder größeren Umfang bekommen (als der Unterschied, was nicht sein kann). Denn der Unterschied wird immer von gleich vielen oder mehr Subjekten ausgesagt als die Art.
Ferner: ob man die Gattung in den Unterschied aufgenommen, etwa behauptet hat, Farbe sei wesenhaft oder begrifflich was das Gesicht sammelt (das Gesehene kleiner erscheinen läßt, wie schwarz), oder Zahl sei das, was ungrad ist.
Und: ob man die Gattung für den Unterschied genommen hat. Denn es kann vorkommen, daß man auch Sätze wie diese aufstellt: Mixis ist Differenz von Krasis, oder: die Ortsveränderung ist Differenz von Phora. Alle diese Fälle muß man nach denselben Grundsätzen beurteilen. Die Gesichtspunkte sind hier (für den vorliegenden und die zwei vorausgehenden Örter) gemeinschaftlich. Die Gattung muß weiter reichen als die Differenz und darf an der Differenz nicht teilhaben. Wenn sie aber so (wie vorhin) angegeben wird, kann keins von beiden stattfinden: die Gattung reichte minder weit und hätte an der Differenz teil.
Wiederum: wenn keiner von den Unterschieden der Gattung von der angegebenen Art ausgesagt wird, so wird auch die Gattung nicht von ihr ausgesagt werden. Von der Seele wird z. B. weder ungrad noch grad ausgesagt, und so auch nicht die Zahl.
Ferner: wenn die Art der Natur nach früher ist und zugleich auch die Gattung aufhebt (kann sie nicht Gattung sein). Denn das Gegenteil scheint zuzutreffen.
Ferner: wenn sich die Art von dem, was Genus oder Differenz sein soll, trennen läßt, wie z. B. die Seele von dem Bewegtwerden und die Meinung von Wahrheit und Falschheit, so kann keines dieser beiden das Genus oder die Differenz sein. Denn Genus und Differenz müssen überall folgen, wo die Art auftritt.
+Drittes Kapitel.+
Man muß auch sehen, ob das in einer Gattung Begriffene an etwas, was der Gattung konträr ist, teilhat oder teilhaben kann. Es würde da ein und dasselbe gleichzeitig an Konträrem teilhaben, da es sich nie von seiner Gattung trennt, und doch auch an etwas, was ihr konträr ist, teilhat oder teilhaben kann.
Ferner: ob die Art an etwas Anteil hat, was dem unter der Gattung Begriffenen gar nicht zukommen kann. Wenn z. B. die Seele am Leben Anteil hat und keine Zahl leben kann, kann die Seele nicht Spezies von Zahl sein.
Man muß auch darauf achten, ob die Spezies dem Genus homonym ist, indem man sich hierbei der Prinzipien bedient, die wir zur Ermittelung des Homonymen entwickelt haben. Genus und Spezies sind synonym[56].
Da jedes Genus mehrere Spezies hat, muß man sehen, ob nicht noch eine zweite Spezies zu dem vorgeblichen Genus gehören kann. Gibt es keine, so ist offenbar das vorgebliche Genus überhaupt keines.
Man muß auch sehen, ob der Gegner etwas metaphorisch Gesagtes als Genus angegeben, etwa die Mäßigkeit oder Besonnenheit für Einklang erklärt hat. Jedes Genus wird von der Spezies im eigentlichen, Einklang wird aber von Besonnenheit nicht im eigentlichen, sondern im übertragenen Sinne ausgesagt. Aller Einklang liegt in Tönen.
[Sidenote: 123b]
Ferner muß man in dem Falle zusehen, wo die Spezies ein Kontrarium hat. Diese Untersuchung muß in mehrfacher Weise geschehen. Erstens fragt es sich, ob das Konträre in derselben Gattung steht, während die Gattung kein Konträres hat. Konträres muß in derselben Gattung stehen, wenn die Gattung kein Konträres hat[57].
Hat die Gattung ein konträres Gegenteil, so muß man sehen, ob das Konträre in der konträren Gattung steht. Denn das muß sein, wenn die Gattung ein konträres Gegenteil hat. Dies erhellt im einzelnen durch Induktion[58].
Wiederum: ob das konträre Gegenteil der Art überhaupt in keiner Gattung steht, sondern selbst Gattung ist, wie z. B. das Gute. Steht dieses in keiner Gattung, so wird auch sein Kontrarium in keiner Gattung stehen, sondern selbst Gattung sein, wie es bei dem Guten und Schlechten zutrifft: keines von ihnen steht in einer Gattung, aber beide sind Gattung.
Ferner: ob etwas sowohl ein konträres Genus als eine konträre Spezies hat, und die einen ein Mittleres haben, die anderen nicht. Haben die Gattungen ein Mittleres, dann auch die Arten, und wenn die Arten, dann auch die Gattungen, wie bei Tugend und Schlechtigkeit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Eine Instanz dagegen ist, daß Gesundheit und Krankheit kein Mittleres haben, Schlechtes und Gutes aber wohl.
Oder: ob zwar beide, Art und Gattung, ein Mittleres haben, aber nicht so, daß es in gleicher Weise, sondern das eine Mal negativ, das andere Mal positiv, ausgedrückt wird. Denn es ist wahrscheinlich, daß sie es beide in gleicher Weise haben, wie es bei Tugend und Schlechtigkeit und Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Fall ist: bei beiden wird das in der Mitte zwischen ihnen Stehende negativ ausgedrückt.
Ferner muß man, wenn die Gattung kein konträres Gegenteil hat, nicht nur sehen, ob das Konträre, sondern auch ob das Mittlere in derselben Gattung steht. Denn in der Gattung, in der die Extreme stehen, steht auch das jeweilige Mittlere, z. B. bei weiß und schwarz. Denn die Farbe ist Gattung für dieses und alle mittleren Farben. Eine Instanz ist, daß das Zuwenig und Zuviel derselben Gattung — beides dem Übel — angehört, während das Mäßige, in der Mitte zwischen dem einen und dem anderen, nicht dem Übel, sondern dem Guten angehört.
Man muß auch untersuchen, ob die Gattung Kontrarium von etwas ist, die Art aber nicht. Ist die Gattung Kontrarium von etwas, dann auch die Art, wie z. B. die Tugend dem Laster und die Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit konträr ist. Und ebenso muß einem das einleuchten, wenn man andere Begriffe in Betracht zieht. Eine Instanz hat man an der Gesundheit und der Krankheit. Alle Gesundheit ist der Krankheit schlechthin konträr entgegengesetzt, die einzelne Krankheit aber, Spezies der Krankheit, ist keinem konträr, wie z. B. Fieber, Augenleiden usw.
[Sidenote: 124a]
Alle diese verschiedenen Weisen der Betrachtung sind für die Widerlegung zu verwenden. Denn wenn die angegebenen Erfordernisse nicht erfüllt sind, ist die aufgestellte Gattung offenbar nicht richtig. Für die Begründung aber bleiben drei Gesichtspunkte.
Erstens fragt es sich, ob das konträre Gegenteil der Art in der angegebenen Gattung steht, während die Gattung kein Kontrarium hat. Steht das Gegenteil in der Gattung, dann offenbar auch die fragliche Art[59].
Zweitens ist die Frage, ob das Mittlere in der angegebenen Gattung steht. Was das Mittlere umfaßt, umfaßt auch die Extreme[60].
Drittens muß man, wenn die Gattung ein Kontrarium hat, sehen, ob auch die konträren Spezies in konträren Gattungen stehen. Ist dem so, so steht auch offenbar die fragliche Spezies in der fraglichen Gattung[61].
Wiederum muß man, sei es, um etwas anzugreifen, oder um es zu verteidigen, bei den Ableitungsformen und dem Begriffsverwandten zusehen, ob die Begriffe sich gleicherweise fordern. Denn was einem, muß allem zukommen oder nicht zukommen. Ist z. B. die Gerechtigkeit eine Wissenschaft, so geschieht auch was gerechterweise geschieht, der Wissenschaft gemäß und ist der Gerechte ein Wissender. Und umgekehrt: gilt eines dieser Momente nicht, dann auch kein anderes.
+Viertes Kapitel.+
Man muß ferner sein Augenmerk auf die Dinge richten, die in gleichem Verhältnis zueinander stehen. So verhält sich lustbringend zur Lust, wie nützlich zur Güte. Beides bewirkt beides. Wenn also die Lust wesenhaft gut ist, wird auch das Lustbringende wesenhaft nützlich sein. Denn es muß offenbar, da die Lust gut ist, Gutes bewirken.
Ebenso ist es mit dem Werden und Vergehen. So ist, wenn Bauen Wirken ist, Gebauthaben Gewirkthaben, und wenn Lernen Sicherinnern ist, Gelernthaben Sicherinnerthaben, und wenn Aufgelöstwerden Vergehen ist, Aufgelöstsein Vergangensein und Auflösung ein Untergang.
Ebenso ist es aber auch mit allem, was Werden und Vergehen bewirkt, und mit den Vermögen und ihren Betätigungen, und überhaupt muß man, sei es als Opponent oder Defendent, jeden derartigen Fall von Analogie in der Weise, wie wir es beim Werden und Vergehen angegeben haben, in Betracht nehmen. Ist das, was Untergang bewirkt, Auflösung bewirkend, so ist auch Untergehen Aufgelöstwerden; und ist das, was Entstehung bewirkt, schaffend, so ist Entstehen Geschaffenwerden und Entstehung Schöpfung. Ebenso ist es mit den Vermögen und ihren Betätigungen. Ist das Vermögen Anlage, so ist auch Vermögenhaben Anlagehaben, und ist die Betätigung eines Vermögens Tätigkeit, so ist das Betätigen Tätigsein und das Betätigthaben Tätiggewesensein.
[Sidenote: 124b]
Ist das Gegenteil der Art ein Mangel, so kann man (ein aufgestelltes Problem über das Genus) in zweifacher Weise widerlegen, erstens, wenn das Gegenteil in der angegebenen Gattung steht. Denn der Mangel steht entweder schlechthin nie in derselben Gattung, oder doch dann nicht, wenn es die letzte (nächste) Gattung ist. Wenn z. B. für Gesicht die letzte Gattung sinnliches Vermögen ist, so wird die Blindheit kein sinnliches Vermögen sein. Wenn zweitens der Mangel oder die Privation das Gegenteil der Gattung und der Art zugleich ist, ohne daß das (privative) Gegenteil unter dem Gegenteil steht, so kann auch die angegebene Art selbst nicht unter der angegebenen Gattung stehen. Wer also beim Disputieren widerlegt, muß diesen Ort in der jetzt erklärten Weise verwenden. Wer aber etwas begründen will, darf ihn nur in einer Weise benützen: steht das Gegenteil unter dem Gegenteil, so muß auch das Positive unter dem Positiven stehen: ist Blindheit Anästhesie oder Beraubung eines Sinnes, so ist Gesicht eine Sinneswahrnehmung.
Bei den Negationen hinwieder muß man umgekehrt verfahren, so wie es oben beim Akzidenz angegeben worden ist[62]. So ist z. B., wenn das Genußreiche wesenhaft gut ist, das Nichtgute nicht genußreich. Sonst könnte ja auch ein Nichtgutes genußreich sein. Es kann aber unmöglich, wenn gut Gattung von genußreich ist, ein Nichtgutes genußreich sein. Denn wovon die Gattung nicht ausgesagt wird, davon kann auch keine der Arten ausgesagt werden. Auch wer etwas begründen will, muß dieses nämliche Verfahren beobachten. Ist das Nichtgute nicht genußreich, so ist das Genußreiche gut, mithin gut Gattung von genußreich.
Ist die Art relativ, so muß man sehen, ob auch die Gattung es ist. Denn wenn die Art zum Relativen gehört, dann auch die Gattung, wie man z. B. an dem Zweifachen und Vielfachen sieht: beides gehört zum Relativen. Ist aber die Gattung ein Relativum, so braucht es nicht auch die Art zu sein: die Wissenschaft ist ein Relativum, die Grammatik ist keines. Oder vielleicht ist auch das vorhin Gesagte nicht richtig: die Tugend ist wesenhaft sittlich und gut, aber während sie selbst zu den relativen Begriffen zählt[63], ist das bei dem Guten und Sittlichen nicht der Fall, sondern beides ist qualitativ.
Wiederum: ob die Art ihre Bezeichnung nicht mit Bezug auf denselben Terminus hat, mag man sie für sich nehmen, oder sie unter den Gattungsbegriff stellen. Nennt man z. B. das Doppelte Doppeltes der Hälfte, so muß man auch das Vielfache Vielfaches der Hälfte nennen, sonst könnte vielfach nicht Gattung von doppelt sein.
Ferner: ob die Art ihre Bezeichnung nicht mit Bezug auf denselben Terminus hat, mag man sie unter den Begriff der Gattung oder aller Gattungen der Gattung stellen. Denn wenn das Doppelte ein Vielfaches der Hälfte ist, so wird man auch sagen, daß es die Hälfte überragt, und daß ihm überhaupt alle Bezeichnungen der höheren Gattungen im Verhältnis zur Hälfte zukommen. Eine Instanz ist, daß etwas nicht auf denselben Terminus bezogen zu werden braucht, wenn man es an sich nimmt, und wenn man es unter die Gattung stellt: von Wissenschaft redet man mit Bezug auf das Wißbare, aber von Habitus und Anlage nicht mit Bezug auf das Wißbare, sondern mit Bezug auf die Seele.
[Sidenote: 125a]
Wiederum: ob Gattung und Art denselben Kasus haben, den Genitiv, Dativ usw. Die Gattung muß hier mit der Art übereinstimmen, wie bei doppelt und seinen höheren Gattungen: wie das Doppelte, so ist das Vielfache Doppeltes und Vielfaches eines Dinges. Ebenso ist es mit der Wissenschaft: wie sie selbst Wissenschaft eines Dinges ist, so auch ihre Genera, Anlage und Habitus. Eine Instanz hiergegen ist, daß es sich hin und wieder nicht so verhält: man sagt (im Griechischen) verschieden (διάφορον) und Gegenteil (ἐναντίον) von etwas (griech. Dativ: τινί), dagegen bei dem anderen (ἕτερον), das Gattung dieser beiden ist, sagt man nicht von etwas (gr. Dativ), sondern als etwas (gr. Genitiv: τινός). Denn man sagt: es ist ein anderes als jenes (ἕτερον γάρ τινος λέγεται).
Wiederum: ob die Relativa, deren Termini den gleichen Kasus haben, ihn nicht auch bei der Umkehrung fordern; wie bei doppelt und vielfach. Wie hier beides für sich denselben zweiten Fall für den Beziehungspunkt der Relation verlangt, so auch bei der Umkehrung. Denn bei Hälfte, Drittel, Viertel usw. steht das Korrelativum, Doppeltes, Dreifaches, Vierfaches usw., im Genitiv. Ebenso ist es mit der Wissenschaft und der Meinung. Sie sind (im Griech.) Wissenschaft und Meinung eines Dinges (als Objekt, worauf sie sich beziehen), und bei der Umkehrung ist es ebenso (Gewußtes und, allgemeiner, Gemeintes ist Sache der Wissenschaft und der Meinung). Und ebenso ist Gewußtes und Gemeintes solches durch etwas (Dativ, τινί, durch Wissen und Meinung, und dasselbe gilt umgekehrt: Wissen und Meinung ist was es ist, durch das Gewußte und das Gemeinte). Wenn also irgendwo eine solche Umkehrung nicht stattfindet, so kann das eine offenbar nicht Genus des anderen sein.
Wiederum: ob Art und Gattung gleich viele Beziehungen haben. Denn beide scheinen die gleichen und gleich viele Beziehungen zu haben, wie man an dem Beispiel von Geschenk und Gabe sieht. Man sagt Geschenk von etwas oder für einen (τινος ἢ τινί) und Gabe von etwas und für einen. Gabe ist aber Genus von Geschenk: Geschenk ist eine Gabe, die man nicht wiederzugeben braucht. Bei einigen Dingen aber trifft es nicht zu, daß sie gleich viele Beziehungen haben. Das Doppelte ist Doppeltes von etwas, beim Überragenden und Größeren aber tritt das zweifache Verhältnis auf: zu dem Gegenstand und zu der Beziehung, in der etwas überragend und größer ist. Denn alles Überragende und Größere überragt durch etwas und etwas. Mithin sind die angegebenen Begriffe keine Genera von doppelt, da hier der Beziehungen nicht gleich viele sind wie bei der Art. Oder wäre es etwa nicht ausnahmslos wahr, daß Art und Gattung gleich viele Beziehungen haben?
Auch muß man sehen, ob das relative Gegenteil Gattung des Gegenteils, ob z. B. das Vielfache Gattung von doppelt, der aliquote Teil Gattung von halb ist. Denn das Gegenteil muß Gattung des Gegenteils sein. Behauptet man also, Wissenschaft sei wesenhaft Wahrnehmung, so muß auch Wißbares wesenhaft wahrnehmbar sein. Es ist es aber nicht. Nicht alles Wißbare ist wahrnehmbar. Manches Wißbare ist auch intelligibel[64]. Mithin ist wahrnehmbar nicht Gattung von wißbar. Wenn aber das nicht, dann ist auch Wahrnehmung nicht Gattung von Wissenschaft.
[Sidenote: 125b]
Von dem Relativen ist das eine notwendig in oder an dem, worauf es sich bezieht. So Anlage, Habitus, Gleichmaß — denn solches kann nur in dem sein, worauf es Bezug hat. — Anderes ist in dem, worauf es Bezug hat, nicht notwendig, aber möglicherweise — so z. B. wenn die Seele ein Wißbares ist; denn es hindert nichts, daß die Seele Wissenschaft von sich selbst hat, aber das Wißbare ist nicht notwendig in ihr. Denn möglicherweise ist die Wissenschaft (von der Seele) auch in einem anderen —. Noch anderes endlich kann schlechthin nicht in dem sein, worauf es Bezug hat, wie Konträres in Konträrem oder Wissenschaft im Wißbaren, es müßte denn das Wißbare Seele oder Mensch sein. Man muß nun sehen, ob der Gegner ein solches Relatives in ein verkehrtes Genus weist, ob er z. B. das Gedächtnis für ein Beharren des Wissens ausgibt. Jedes Beharren ist in und an dem Beharrenden, folglich auch das Beharren des Wissens in dem Wissen. Mithin ist das Gedächtnis im Wissen, da es ein Beharren des Wissens ist. Das ist aber unmöglich. Denn alles Gedächtnis ist in der Seele. Dieser Ort hat auch beim Akzidenz seine Stelle. Denn es ist kein Unterschied, ob man das Beharren als Genus des Gedächtnisses bezeichnet, oder sagt, es folge ihm mit. Denn mag das Gedächtnis so oder so als ein Beharren des Wissens gedacht werden, der angegebene Grund gilt bei ihm auf jeden Fall.
+Fünftes Kapitel.+
Wiederum: ob der Gegner den Habitus unter den Aktus oder den Aktus unter den Habitus reiht, z. B. den Sinn als Bewegung durch den Körper setzt. Der Sinn ist Habitus, die Bewegung Aktus. Ebenso wenn er das Gedächtnis für ein habituelles Festhalten einer Meinung erklärt. Kein Gedächtnis ist Habitus, sondern vielmehr Aktus[65].
Es fehlen aber auch diejenigen, die einen Habitus unter ein mit ihm verbundenes Vermögen ordnen, z. B. Sanftmut als Enthaltung von Zorn, Mut und Gerechtigkeit als Enthaltung von Furcht und Gewinnsucht bezeichnen. Mutig und sanftmütig heißt der des Affektes Ledige, enthaltsam aber der mit Affekten Behaftete, der sich aber nicht durch sie bestimmen läßt. Nun ist ja wohl ein solches Vermögen mit beiden Tugenden verbunden, so daß man, wenn man affiziert wird, nicht unterliegt, sondern obsiegt, aber darin liegt das Wesen des Mutes und der Sanftmut nicht, sondern darin, daß man solche Affekte gar nicht hat.
[Sidenote: 126a]
Zuweilen setzt man auch alles, was irgendwie mit der Art verbunden ist, als Genus, die Unlust als Genus von Zorn und die Meinung als Genus von Glaube. Beide sind zwar in gewisser Weise mit den gedachten Arten verbunden, doch kann keine Genus sein. Der Zürnende hat zwar Unlustgefühle, aber nur, sofern sie in ihm dem Zorne vorhergehen. Denn der Zorn ist nicht Ursache der Unlust, sondern die Unlust ist Ursache des Zornes. Folglich ist der Zorn nicht Unlust schlechthin. Demnach ist aber auch Glaube nicht Meinung. Denn man kann dieselbe Meinung haben, auch ohne zu glauben. Das ist aber nicht möglich, wenn der Glaube eine Art der Meinung ist. Denn etwas kann nicht mehr dasselbe bleiben, wenn es ganz aus der Art herausfällt[66], wie auch dasselbe Lebendige nicht bald Mensch sein kann, bald nicht. Wollte man aber sagen, wer meint, müsse auch glauben, so bekäme Meinung und Glaube gleichen Umfang. Folglich wäre die Meinung auch so nicht Genus. Denn das Genus muß größeren Umfang haben.
Man muß auch sehen, ob beide ihrer Natur nach in einem und demselben Subjekt sein können. Wo die Art ihren Sitz hat, da auch die Gattung. So ist die Farbe in dem, worin das Weiße, und das Wissen in dem, worin die Grammatik ist. Wenn man also das Schamgefühl als Furcht oder den Zorn als Unlustgefühl bezeichnet, so kann nicht folgen, daß Art und Gattung in demselben Subjekt ruhen. Denn das Schamgefühl ist in dem verständigen, dagegen die Furcht in dem iraszibeln Seelenteile, und die Unlust ist in dem konkupiszibeln Teile — in ihm ist ja auch die Lust —, dagegen der Zorn in dem iraszibeln. Folglich können die angegebenen Genera nicht die richtigen sein, da sie ihrer Natur nach nicht in denselben Seelenteilen wie die Arten ihren Sitz haben können. Ebenso kann die Liebe (die geschlechtliche), wenn sie in dem konkupiszibeln Teile ist, kein Wollen sein. Denn alles Wollen ist in dem verständigen Teile. Dieser Ort ist auch für das Akzidenz verwendbar. Das Akzidenz oder Mitfolgende ist in demselben Subjekte wie das, dem es mitfolgt, so daß es, wenn es nicht in demselben Subjekte erscheint, offenbar nicht mitfolgt.
Wiederum: ob die Art (nur) nach einem (Teile) an der vorgeblichen Gattung teilhat. An einer Gattung wird doch nicht bloß nach einem Teile partizipiert. Nicht bloß einem Teile nach ist der Mensch Sinnenwesen, die Grammatik Wissenschaft usw. Man muß also sehen, ob an der Gattung seitens bestimmter Arten nur teilweise, secundum quid, partizipiert wird, wenn z. B. das Sinnenwesen wesenhaft sinnlich wahrnehmbar oder sichtbar sein soll. Es ist das nur secundum quid, ist dem Leibe, nicht der Seele nach sichtbar, und so kann sichtbar und sinnlich nicht Gattung von Sinnenwesen sein.
Zuweilen stellt man auch unvermerkt das Ganze unter den Teil, etwa das Sinnenwesen unter den belebten Körper. Der Teil wird aber auf keine Weise von dem Ganzen ausgesagt, und so kann Körper nicht Gattung von Sinnenwesen sein, da er ein Teil ist.
[Sidenote: 126b]
Man muß auch den Fall ins Auge fassen, daß der Gegner etwas, was zu tadeln oder zu fliehen ist, als ein Vermögen oder ein Vermögendes hinstellt, daß z. B. ihm zufolge Sophist oder Ränkeschmied oder Dieb wäre wer fremdes Gut heimlich wegzunehmen oder Ränke zu schmieden oder sich mit Sophismen abzugeben vermag. Keiner von diesen Leuten heißt so, weil er so etwas vermag. Auch Gott und der tugendhafte Mann kann das Schlechte tun, aber sie sind nicht solche, sind nicht schlecht. Denn alle Schlechten heißen so nur auf Grund freier Wahl. Auch ist jedes Vermögen etwas Wünschenswertes, weshalb wir es eben auch Gott und dem tugendhaften Manne beilegen[67], indem wir erklären, sie seien vermögend, das Schlechte zu tun. So kann denn das Vermögen nicht Gattung von etwas Schlechtem sein. Soll das aber nicht gelten, so müßte folgen, daß etwas Tadelnswertes wünschenswert wäre. Denn es müßte dann ein Vermögen tadelnswert sein.
Und, ob man ein seiner selbst wegen Wertvolles oder zu Wählendes für ein Vermögen oder Vermögendes oder Bewirkendes ausgegeben hat. Jedes Vermögen und alles Vermögende oder Bewirkende wird eines anderen wegen gewählt[68].
Oder, ob man ein in zwei oder mehr Gattungen Stehendes nur in eine gestellt hat. Manches läßt sich nicht in nur eine Gattung stellen, wie Betrüger und Ränkeschmied. Weder wer es sein möchte, aber nicht sein kann, noch wer es sein kann, aber nicht sein möchte, ist ein Ränkeschmied oder ein Betrüger, sondern bei wem sich beides zusammenfindet. Mithin darf man die Genannten nicht in eine, sondern muß sie in beide Gattungen stellen.
Ferner gibt man zuweilen statt des spezifischen Unterschiedes die Gattung und statt der Gattung den spezifischen Unterschied an, bestimmt z. B. das Staunen als ein Übermaß von Verwunderung, und den Glauben als einen hohen Grad von Meinen. Das Übermaß ist so wenig wie der hohe Grad Gattung, sondern Differenz. Staunen möchte doch übermäßige Verwunderung, und Glaube übermäßiges Meinen sein. Somit ist Verwunderung und Meinen Gattung, und Übermaß und Hochgradigkeit Differenz. Wollte man Übermaß und Hochgradigkeit für die Gattung ausgeben, so müßte auch das, was (streng logisch gesprochen) keine Seele hat, glauben und staunen. Hochgradigkeit und Übermaß von etwas wohnt ja immer dem bei, dem die Hochgradigkeit und das Übermaß zukommt. Wenn also das Staunen ein Übermaß von Verwunderung ist, muß das Staunen der Verwunderung beiwohnen und somit die Verwunderung staunen. Ebenso muß der Glaube, wenn er anders ein hoher Grad des Meinens ist, diesem beiwohnen und somit das Meinen glauben. Auch müßte man in Konsequenz dieser Auffassung die Hochgradigkeit hochgradig und das Übermaß übermäßig nennen. Der Glaube ist hochgradig. Ist also Glaube Hochgradigkeit, so gäbe es eine hochgradige Hochgradigkeit. Ebenso ist das Staunen übermäßig. Ist also Staunen ein Übermaß, so gäbe es ein übermäßiges Übermaß. Es ist aber keines von beiden anzunehmen, wie auch die Wissenschaft nicht gewußt und die Bewegung nicht bewegt wird.
[Sidenote: 127a]
Zuweilen fehlt man auch dadurch, daß man ein Leiden oder eine Eigenschaft in die Gattung stellt, die die Eigenschaft hat, wie z. B. wenn man sagt, die Unsterblichkeit sei ewiges Leben. Die Unsterblichkeit ist doch wohl eine Eigenschaft oder Inhärenz des Lebens. Daß dem so ist, kann man sehen, wenn man den Fall setzt, daß jemand aus einem Sterblichen ein Unsterblicher wird. Hier wird niemand sagen, daß er ein anderes Leben erhält, sondern daß eben diesem Leben eine neue Inhärenz oder Eigenschaft zuteil geworden ist. Mithin ist das Leben nicht Gattung von Unsterblichkeit.
Man fehlt auch, wenn man das Subjekt oder den Träger einer Eigenschaft zur Gattung der Eigenschaft macht, z. B. den Wind als bewegte Luft bestimmt. Der Wind ist vielmehr Bewegung der Luft. Dieselbe Luft bleibt, wenn sie bewegt wird und wenn sie still steht. Somit ist der Wind überhaupt keine Luft. Es müßte ja Wind sein, auch ohne daß die Luft bewegt wird, da ja dieselbe Luft bleibt, die Wind sein sollte. Ebenso ist es mit anderen solchen Dingen.
Wollte man nun aber auch in diesem Falle zugeben, daß Wind bewegte Luft ist, so ist doch ein solches Zugeständnis nicht für alle Dinge statthaft, von denen die Gattung nicht wahrheitsgemäß ausgesagt wird, sondern nur für solche, die man im Einklang mit der Wahrheit einer bestimmten Gattung zuweist. Das trifft bei manchen Dingen, wie z. B. bei dem Lehm und dem Schnee, nicht zu. Man bestimmt den Schnee als erstarrtes Wasser, und den Lehm als durchfeuchtete Erde. Aber der Schnee ist so wenig Wasser, als der Lehm Erde, und mithin kann keines dieser beiden Gattung sein. Denn die Gattung muß von ihren Arten immer wahrheitsgemäß prädiziert werden können. Ebenso ist auch der Wein kein gegohrenes Wasser, wie Empedokles sagt:
„Wasser gegohren im Holz“;
denn Wein ist überhaupt kein Wasser.
+Sechstes Kapitel.+
Ferner: ob eine angegebene Gattung überhaupt von nichts Gattung ist. Sie kann in diesem Falle offenbar auch nicht Gattung der betreffenden Art sein. Man kann dies daran sehen, daß die Dinge, die an der aufgestellten Gattung teilhaben sollen, sich der Art nach in keiner Weise unterscheiden, wie z. B. das Weiße. Das eine ist hier von dem anderen in keiner Weise verschieden. Nun sind aber die Arten einer jeden Gattung verschieden, und somit kann weiß von nichts Gattung sein.
Wiederum: ob der Gegner einen Begriff, der allen Dingen folgt (oder mit ihnen gegeben ist, einen transszendenten Begriff), für die Gattung oder die Differenz ausgibt. Es gibt dergleichen Begriffe mehrere, so gehören z. B. das Seiende und das Eine zu ihnen. Hat man nun das Seiende als Gattung aufgestellt, so muß es offenbar Gattung von allem sein, da es von allem ausgesagt wird. Denn die Gattung wird von keinem anderen als von den Arten ausgesagt. Somit müßte auch das Eine eine Art des Seienden sein. Es ergibt sich also die Folge, daß die Art von allem ausgesagt wird, wovon die Gattung ausgesagt wird, indem Seiendes und Eines schlechthin von allem ausgesagt wird, während doch die Art einen kleineren Umfang haben muß. Hat der Gegner aber den transszendenten Begriff für die Differenz ausgegeben, so muß die Differenz gleichen oder größeren Umfang als die Gattung bekommen, gleichen, wenn auch die Gattung transszendent ist, größeren, wenn sie es nicht ist.
[Sidenote: 127b]
Ferner: ob die vorgebliche Gattung in und an der Art als ihrem Subjekte sein soll, wie z. B. das Weiße am Schnee. Sie kann dann nicht die Gattung sein. Die Gattung wird nur von der Art als ihrer Trägerin ausgesagt.
Man muß auch sehen, ob die Gattung mit der Art nicht synonym ist. Die Gattung wird von allen Arten synonymisch ausgesagt.
Ferner: ob man, wenn Art und Gattung ein Kontrarium haben, das bessere Konträre in die schlechtere Gattung stellt. Die Folge wird dann sein, daß das andere Konträre in die andere Gattung zu stehen kommt, da Konträres in konträren Gattungen steht. Mithin kommt das Bessere in die schlechtere und das Schlechtere in die bessere Gattung zu stehen. Es möchte aber doch das Bessere auch eine bessere Gattung haben.
Und: ob man, falls eine und dieselbe Art sich gleichmäßig zu beiden verhält, sie in die schlechtere, statt in die bessere Gattung stellt, z. B. die Seele als Bewegung oder Bewegtes bestimmt. Die Seele möchte doch ebensogut Prinzip der Ruhe als der Bewegung sein. Ist somit die Ruhe besser, so gehört sie in diese Gattung.
Ferner kann man aus dem Mehr und Minder folgern, und zwar wenn man etwas widerlegen soll, wenn die Gattung ein Mehr zuläßt, die Art aber nicht, weder sie selbst, noch das nach ihr Benannte. Wenn z. B. die Tugend ein Mehr zuläßt, dann auch die Gerechtigkeit und der Gerechte. Man sagt ja, daß der eine gerechter ist als der andere. Wenn also die angegebene Gattung das Mehr zuläßt, die Art aber nicht, weder sie selbst, noch das nach ihr Benannte, so kann die angegebene Gattung nicht die richtige sein.
Wiederum: wenn das, was eher oder gleich sehr Gattung zu sein scheint, es nicht ist, so ist es offenbar auch die angegebene Gattung nicht. Der Ort ist besonders für solche Fälle nützlich, wo dem Anscheine nach von der Art mehrere Genera im Sinne des Wesens ausgesagt werden, und es unentschieden ist und man nicht sagen kann, welches von ihnen das Genus ist. So scheint z. B. von dem Zorne sowohl der Schmerz als der Verdacht erlittener Geringschätzung im Sinne des Wesens ausgesagt zu werden. Denn einerseits fühlt der Zornige Schmerz, anderseits besorgt er, geringgeschätzt zu werden. Dieselbe Erwägung ist angezeigt, wenn eine Art mit einer anderen in Vergleich kommt. Wenn diejenige Art, die eher oder gleich sehr unter einer angegebenen Gattung zu stehen scheint, nicht unter ihr steht, so steht offenbar auch die angegebene Art nicht unter ihr.
[Sidenote: 128a]
Bei der Widerlegung ist also das bezeichnete Verfahren anzuwenden, bei der Behauptung dagegen ist der Ort, wenn sowohl die angegebene Gattung als die Art das Mehr zuläßt, nicht verwendbar. Denn wenn auch beide es zulassen, so hindert doch nichts, daß das eine nicht Gattung des anderen ist. Schön und weiß lassen beide ein Mehr zu, und doch ist keines Gattung des anderen. Dagegen führt die Vergleichung der Gattungen und der Arten zum Ziele. Wenn z. B. das eine so sehr Gattung ist wie das andere, so ist es, wenn das eine, dann auch das andere. Gleiches gilt im Falle des Minder und des Mehr. Ist Gattung für Enthaltsamkeit eher Vermögen als Tugend, und ist Tugend Gattung, dann auch Vermögen. Dasselbe läßt sich füglich von der Art behaupten. Ist dieses und dieses gleich sehr Art der behaupteten Gattung, so ist, wenn das eine wirklich Art ist, es auch das andere; und wenn das, was weniger Art zu sein scheint, es doch ist, dann auch das, was einen stärkeren Schein für sich hat.
Ferner muß man bei der Behauptung, wenn nicht nur eine Art angegeben wird, sondern ihrer mehr und verschiedene sind, sehen, ob die Gattung von den Arten, für die sie gelten soll, im Sinne des Wesens prädiziert wird. Denn sie wird in diesem Falle offenbar die Gattung sein. Ist es aber nur von einer Art ausgemacht, daß die Gattung von ihr im Sinne des Wesens ausgesagt wird, so muß man sehen, ob sie auch von anderen Arten in diesem Sinne ausgesagt wird. Denn so wird neuerdings die Folge herauskommen, daß sie von mehreren und verschiedenen Arten ausgesagt wird. Da man aber mancherseits meint, auch die Differenz werde von den Arten in Weise einer Wesensbezeichnung ausgesagt, so gilt es, die Gattung von der Differenz zu unterscheiden, wobei die angegebenen elementaren Regeln in Betracht kommen, einmal, daß die Gattung größeren Umfanges ist als die Differenz, sodann daß man zur Bezeichnung des Wesens passender die Gattung nennt als die Differenz: wer Sinnenwesen sagt, zeigt mehr, was der Mensch ist, als wer gehend sagt. Endlich, daß die Differenz immer eine Qualität der Gattung bezeichnet, die Gattung aber keine Qualität der Differenz: wer sagt, gehend, legt dem Sinnenwesen eine Qualität bei, wer aber Sinnenwesen sagt, legt dem Gehenden keine Qualität bei.
So ist also die Differenz von der Gattung zu unterscheiden. Da aber das Gebildete, sofern es gebildet ist, ein Wissendes und die Bildung ein Wissen zu sein scheint, und da ebenso, wenn sich das Gehende durch das Gehen bewegt, das Gehen eine Bewegung zu sein scheint, so muß man bei der Frage, in welche Gattung man etwas stellen soll, auf eben diese Weise verfahren. So z. B. bei der Frage, ob man das Wissen wesenhaft als Glaube fassen soll, wenn der Wissende, sofern er weiß, glaubt. Denn offenbar muß so das Wissen ein Glaube sein. Und ebenso ist in anderen solchen Fällen zu verfahren.
[Sidenote: 128b]
Da endlich das, was immer logische Folge eines Begriffs ist, ohne daß es auch umgekehrt so wäre, von der Gattung schwer zu unterscheiden ist, wenn zwar das eine immer auf das andere, dieses aber nicht immer auf jenes folgt, so z. B. auf Windstille Ruhe, auf Zahl Teilbarkeit, aber nicht umgekehrt — denn nicht alles Teilbare ist Zahl, noch jede Ruhe Windstille —, nun, so kann man, wenn man selbst einen Satz aufstellt, ein solches immer beifolgendes Attribut als Genus verwenden, vorausgesetzt, daß das andere nicht ebenso folgt. Stellt aber ein anderer den Satz auf, so muß man ihn nicht allgemein zugeben. Denn man kann z. B. dagegen einwenden, daß das Nichtseiende allem Werdenden folgt — was wird, ist nicht — und hier keine Umkehrung gilt — nicht alles Nichtseiende wird —, und doch Nichtseiendes nicht Gattung von Werdendem ist. Denn es gibt überhaupt keine Gattungen des Nichtseienden.
Mit der Gattung hat man es also in der bezeichneten Weise anzugehen.
Fünftes Buch.
+Erstes Kapitel.+
Ob aber etwas Proprium ist oder nicht, ist nach folgenden Gesichtspunkten zu beurteilen.
Man stellt etwas in dem Sinne als Proprium auf, daß es einem Subjekt entweder an sich und immer, oder im Verhältnis zu einem anderen und zeitweilig zukommen soll. So ist z. B. Proprium an sich für den Menschen das Merkmal: von Natur zahmes Sinnenwesen; Proprium im Verhältnis zu einem anderen ist z. B. für die Seele im Verhältnis zum Leibe, daß das eine herrscht, das andere dient; ein immer vorhandenes Proprium ist z. B. für Gott das Merkmal: unsterbliches Lebewesen[69]; und endlich ist ein zeitweilig vorhandenes Proprium z. B. für einen einzelnen Menschen, daß er auf dem Übungsplatz spazieren geht (und sonst niemand).
Dasjenige, was im Verhältnis zu einem anderen das Proprium eines Subjektes sein soll, liefert entweder für zwei oder für vier Probleme Stoff. Zwei Probleme kommen heraus, wenn man dasselbe Merkmal dem einen beilegt und dem anderen abspricht, wie z. B. bei dem Proprium der Zweibeinigkeit des Menschen im Verhältnis zum Pferde. Man kann da sowohl beweisen wollen, daß der Mensch nicht zweibeinig, als auch, daß das Pferd zweibeinig ist, und auf beide Weisen würde man das Proprium aufheben. Wenn man aber beides beiden beilegt und beiden abspricht, müssen vier Probleme herauskommen, sofern das Proprium des Menschen im Verhältnis zum Pferde darin liegt, daß er zwei, es vier Beine hat. Denn man kann beweisen wollen, daß der Mensch nicht zweibeinig, und auch, daß er von Natur vierbeinig ist, und ebenso ist es möglich, den Beweis zu versuchen, daß das Pferd zweibeinig und daß es nicht vierbeinig ist. Mag man nun aber seinen Satz wie immer bewiesen haben, so ist es um die aufgestellte Behauptung geschehen.
[Sidenote: 129a]
Proprium an sich ist was allem gegenüber als Eigentümlichkeit eines Dinges angegeben wird und es von allem unterscheidet. So ist Proprium des Menschen: sterbliches der Wissenschaft fähiges Sinnenwesen[70]. Proprium im Verhältnis zu anderem (relatives Proprium) ist was ein Ding nicht von allem, sondern von einem besonders Aufgestellten unterscheidet. So ist Proprium der Tugend gegenüber der Wissenschaft, daß das eine seiner Natur nach in mehreren, das andere nur in dem verständigen Seelenteile und seinen Inhabern anzutreffen ist. Immer vorhandenes Proprium ist was zu jeder Zeit gilt und nie aufhört, wie es z. B. die Eigentümlichkeit des Menschen ist, daß er ein Kompositum aus Seele und Leib darstellt. Zeitweilig vorhandenes Proprium endlich ist was zu bestimmter Zeit gilt und seinem Träger nicht immer zu folgen braucht, wie wenn es z. B. einem einzelnen Menschen eigentümlich ist, auf dem Markte spazieren zu gehen[71].
Die Angabe des relativen Propriums besteht darin, daß man den Unterschied bestimmt, der eine Art entweder in allen ihren Individuen und immer, oder vorwiegend und in den meisten Individuen charakterisiert. So ist ein überall und immer geltendes Proprium des Menschen dem Pferde gegenüber die Zweibeinigkeit. Jeder Mensch ist jederzeit, kein Pferd ist jemals zweibeinig. Ein vorwiegend und für die Mehrheit der Individuen gültiges Proprium ist es z. B. bei dem verständigen gegenüber dem konkupiszibeln und iraszibeln Seelenteile, daß das eine befiehlt, während das andere gehorcht. Nicht in allen Fällen befiehlt der verständige Teil, er läßt sich wohl auch befehlen, und der begehrende und zürnende Teil läßt sich nicht immer befehlen, sondern befiehlt auch wohl, wenn die Seele des Menschen schlecht ist.
Logisch (für die Dialektik fruchtbar) sind vorzüglich die an sich und immer geltenden und die relativen Propria. Das relative Proprium liefert, wie schon gesagt, mehrere Probleme: es kommen ihrer notwendig entweder zwei oder vier heraus, und so müssen denn der logischen Gründe in bezug auf solche problematische Sätze mehr werden. Das an sich und immer gültige Proprium läßt sich im Verhältnis zu vielen Dingen erörtern und mit Rücksicht auf verschiedene Zeiten betrachten. Näherhin ist es das Erstgenannte, das Proprium an sich, was sich im Verhältnis zu vielen Dingen erörtern läßt, weil ihm die betreffende Eigentümlichkeit im Vergleich zu jedem Seienden derart zukommen muß, daß das Proprium nicht richtig angegeben sein kann, wenn durch dasselbe sein Subjekt nicht von allem anderen sich unterscheiden würde. Ein immer vorhandenes Proprium sodann läßt sich mit Rücksicht auf verschiedene Zeiten betrachten: mag es dem Subjekt nicht zukommen, nicht zugekommen sein, oder in Zukunft nicht zukommen, in keinem Falle könnte es Proprium sein. Dagegen betrachten wir das nur zeitweilig Vorhandene bloß für die betreffende Zeit, und so kann es da nicht viele Erörterungen geben. — Logisch ist aber ein Problem dann, wenn es zu vielen guten Begründungen Gelegenheit gibt.
Bei dem sogenannten relativen Proprium sind es die Örter für das Akzidenz, wonach man urteilen muß, ob es dem einen mitfolgt, dem anderen nicht[72]. Für die immer und an sich gültigen Propria dagegen gelten die folgenden Gesichtspunkte.
+Zweites Kapitel.+
[Sidenote: 129b]
An erster Stelle muß man sehen, ob das Proprium nicht gut angegeben ist, oder doch.
Hierfür ist ein erster Gesichtspunkt die Frage, ob das Proprium nicht durch Bekannteres bestimmt wird, oder doch, und zwar fragt es sich bei der Widerlegung, ob es nicht durch Bekannteres, bei der Behauptung, ob es durch Bekannteres bestimmt wird. Nicht durch Bekannteres bestimmt wird es einmal, wenn das angegebene Proprium überhaupt unbekannter ist als das, dessen Proprium es sein soll. In diesem Falle ist das Proprium nicht richtig angegeben. Wir stellen es ja der Erkenntnis wegen auf, und deshalb muß es durch Bekannteres bestimmt werden. Denn nur so wird sein Subjekt besser erkennbar. Wer z. B. die Eigentümlichkeit des Feuers darein setzt, daß es der Seele am meisten gleicht, gebraucht zur Erklärung etwas, was weniger als das Feuer bekannt ist, die Seele — wissen wir doch eher, was das Feuer, als was die Seele ist —, und darum kann das Merkmal: der Seele am ähnlichsten, als Proprium des Feuers nicht richtig angegeben sein. Sodann liegt dieser Fehler vor, wenn es nicht bekannter ist, daß das und das dem und dem zukommt. Denn das Proprium muß nicht nur bekannter sein als das Ding, sondern es muß auch bekannter sein, daß es ihm zukommt[73]. Denn wer nicht weiß, daß es ihm zukommt, wird auch nicht wissen, daß es ihm allein zukommt. Mag also das eine oder das andere vorliegen, so bleibt das Proprium unklar. Wer somit als Eigentümlichkeit des Feuers das Merkmal nennt: das, worin die Seele ihrer Natur nach ihren ersten Sitz hat, läßt das Feuer unbekannter sein als den Umstand, daß die Seele in ihm ihren Sitz, ihren ersten Sitz hat, und aus diesem Grunde kann es keine richtige Bestimmung der Eigentümlichkeit des Feuers sein, wenn sie darin liegen soll, daß die Seele von Natur in ihm ihren ersten Sitz hat.
Bei der Behauptung dagegen muß man sehen, daß man das Proprium durch Bekannteres bestimmt, und zwar durch Bekannteres nach jeder der zwei Weisen. Demgemäß bestimmt, ist es richtig bestimmt. Denn von den begründenden Gesichtspunkten für eine richtige Bestimmung der Eigentümlichkeit werden die einen nur nach dieser Weise ergeben (secundum quid), daß eine Bestimmung gut ist, die anderen Gesichtspunkte dagegen werden eben dieses schlechthin und geradezu erhärten. Da z. B. die Bestimmung der Eigentümlichkeit des Sinnenwesens als „Besitz sinnlicher Wahrnehmung“ das Proprium nach beiden Weisen, durch Bekannteres und als bekanntere Tatsache, ausspricht, so hat „Besitz der Wahrnehmung“ als gute Bestimmung von Sinnenwesen secundum quid zu gelten.
[Sidenote: 130a]
Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob eines der für das Proprium gebrauchten Wörter mehrdeutig ist, oder auch die ganze Rede einen verschiedenen Sinn zuläßt. Denn dann wäre das Proprium nicht richtig angegeben. Da z. B. wahrnehmen mehreres bedeutet, einmal Wahrnehmung besitzen, und dann, Wahrnehmung betätigen, so bestimmt man die Eigentümlichkeit des Sinnenwesens nicht gut, wenn man sagte, es sei von Natur zur Wahrnehmung veranlagt. Deshalb darf man zur Bestimmung des Proprium weder ein Wort noch einen Satz verwenden, der vieldeutig ist, weil Vieldeutigkeit die Rede unklar macht, indem derjenige, der sich an einem Satz versuchen will, nicht weiß, in welcher von seinen vielen Bedeutungen er gemeint ist. Das Proprium wird ja doch des Lernens wegen angegeben. Zudem muß auch für die, die das Proprium so bestimmen, eine Widerlegung erwachsen, wenn man da, wo Vieldeutigkeit vorliegt, den Schluß auf Grund des abweichenden Sinnes bildet. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß weder die einzelnen Worte, noch die ganze Rede mehrsinnig sein dürfen. So wird eine gute Bestimmung des Proprium secundum quid gewonnen. Da z. B. weder das Wort Körper mehrdeutig ist, noch das Merkmal: was sich am leichtesten nach dem oberen Orte bewegt, noch das hieraus gebildete Ganze, so hat man die Eigentümlichkeit des Feuers in diesem Betracht richtig bestimmt, wenn man sagt: der Körper, der sich am leichtesten nach dem oberen Orte bewegt[74].
Sodann muß man sehen, und zwar wenn es sich um die Widerlegung handelt, ob das, dessen Proprium man angibt, mehrdeutig ist, ohne daß bestimmt wird, was von dem möglicherweise Gemeinten es sein soll, dem das Proprium beiwohnt. Denn dann wäre das Proprium nicht richtig aufgestellt. Weshalb es das nicht wäre, kann nach dem schon Gesagten nicht zweifelhaft sein: muß sich doch dieselbe Folge einstellen. Z. B. der Ausdruck: „dieses wissen“ (ἐπίστασθαι τοῦτο, kann auch heißen, daß dieses weiß) ist vieldeutig — er kann sagen wollen, daß es selbst Wissen hat, dann, daß es selbst das Wissen betätigt, dann, daß man ein Wissen von ihm hat, endlich, daß man ein Wissen von ihm betätigt —, und darum würde man das Proprium von „dieses wissen“ nicht richtig aufstellen, wenn man nicht bestimmte, wem es hier als Proprium beiwohnen soll[75]. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß das, dessen Proprium man angibt, nicht vieldeutig, sondern eins und einfach sei. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig bestimmt. So wäre der Mensch z. B., da man von Mensch nur in einem Sinne redet, nach seiner Eigentümlichkeit richtig mit der Angabe bestimmt: ein von Natur zahmes Sinnenwesen.
[Sidenote: 130b]
Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob man bei Angabe der Eigentümlichkeit mehrmals dasselbe sagt. Man tut das oft, ohne es zu merken, bei den Propria grade so, wie bei den Definitionen. Ein solches Proprium wäre nicht richtig aufgestellt. Es muß den Hörer verwirren, mehrmals dasselbe zu vernehmen, und so wird denn die Rede unklar, und außerdem scheint der Redende leeres Geschwätz zu verführen. Es kann auf zweierlei Weise geschehen, daß man mehrmals dasselbe sagt: einmal, wenn man dasselbe Wort wiederholt, wie wenn man die Eigentümlichkeit des Feuers so bestimmte: es sei der dünnste Körper unter den Körpern — hier hat man zweimal Körper gesagt —; dann, wenn man statt der Wörter die Begriffe setzt, wie wenn man z. B. die Eigentümlichkeit des Elementes der Erde mit der Wendung bestimmte, die Substanz, die unter den Körpern am meisten nach dem unteren Orte strebt, und dann statt: unter den Körpern, sagte: unter den betreffenden (d. i. körperlichen) Substanzen. Denn Körper und entsprechende Substanz ist eines und dasselbe. So hätte man denn hier den Ausdruck Substanz zweimal verwandt. Es kann also keine der beiden Eigentümlichkeiten richtig angegeben sein. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß man kein Wort wiederholt. Dann ist das Proprium richtig bestimmt. Da man z. B. bei der Angabe, es sei dem Menschen eigentümlich, wissensfähiges Sinnenwesen zu sein, kein Wort mehr als einmal verwendet, so ist die Eigentümlichkeit des Menschen in diesem Betracht richtig bestimmt.
Sodann muß man, wenn es sich um die Widerlegung handelt, sehen, ob der Gegner bei Angabe der Eigentümlichkeit ein Wort, das allem zukommt (eine transszendentale Bezeichnung) gebraucht hat. Eine Bezeichnung, die nach keiner Seite eine Grenze zieht, wäre unbrauchbar, da der Gegenstand durch das Proprium, nicht anders wie durch die Definitionen, unterschieden werden muß. Mithin wäre die Eigentümlichkeit nicht richtig angegeben. Wer z. B. die Eigentümlichkeit der Wissenschaft dahin bestimmt, daß sie eine durch keine Gegengründe zu erschütternde Meinung und ein Eines sein soll, verwendet für das Proprium etwas, was allem zukommt, das Eine, und somit wäre die Eigentümlichkeit der Wissenschaft nicht richtig angegeben. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß man keine gemeinsame, sondern eine nach einer bestimmten Seite unterscheidende Bezeichnung verwendet. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig bestimmt. Wer z. B. als Eigentümlichkeit des ζῷον (des Lebewesens mit Einschluß der Pflanzen) den Besitz der Seele nennt, verwendet keine gemeinsame Bezeichnung, und so ist die Eigentümlichkeit des Lebewesens in diesem Betracht durch das Merkmal: Besitz der Seele, richtig bestimmt[76].
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob einer mehrere Eigentümlichkeiten desselben Dinges angegeben hat, ohne zu erklären, daß er ihrer mehrere aufstellt. Das Proprium wäre dann nicht richtig bestimmt. Wie bei den Definitionen außer dem das Wesen bezeichnenden Begriff nichts weiter hinzukommen darf, so darf auch bei den Propria außer dem das betreffende Proprium ausmachenden Begriff nichts hinzugesetzt werden, da ein solcher Zusatz unnütz wäre. Wer es z. B. die Eigentümlichkeit des Feuers sein läßt, daß es der feinste und leichteste Körper ist, hat mehrere Propria genannt — denn beides kann wahrheitsgemäß nur vom Feuer ausgesagt werden —, und darum wäre mit dem Merkmal: der feinste und leichteste Körper, die Eigentümlichkeit des Feuers nicht gut wiedergegeben. Bei der Behauptung dagegen ist darauf zu achten, daß man nicht mehr als ein Proprium für dasselbe Ding angibt. Wer z. B. sagt: Proprium des Feuchten ist: ein Körper, der sich in jede Gestalt bringen läßt, hat nur eine Eigentümlichkeit genannt und in diesem Betracht die Eigentümlichkeit des Feuchten richtig bestimmt[77].
+Drittes Kapitel.+
[Sidenote: 131a]
Sodann muß man beim Widerlegen sehen, ob man eben das, dessen Eigentümlichkeit man angeben soll, oder etwas unter ihm Begriffenes verwandt hat. Dann wäre das Proprium nicht richtig angegeben. Man gibt es ja an, damit der andere lerne. Nun aber wird es dadurch nicht bekannter, daß man es selbst wieder nennt; und etwas unter ihm ist, weil später als es selbst, ebenfalls nicht bekannter. Somit lernt man durch solche Mittel nichts Neues. Wer z. B. sagt: Proprium des Sinnen- oder Lebewesens (ζῷον) ist: eine Wesenheit, von der der Mensch eine Spezies ist, verwendet etwas unter dem Lebewesen Begriffenes und bestimmt somit das Proprium nicht richtig. Beim Behaupten aber ist darauf zu achten, daß man es weder selbst noch etwas unter ihm verwendet, dann gibt man in dieser Beziehung das Proprium richtig an. Wer z. B. sagt: Proprium des Lebewesens ist: Kompositum aus Seele und Leib, verwendet es weder selbst noch etwas unter ihm, und gibt somit das Proprium von Lebewesen in diesem Betracht richtig an.
Auf dieselbe Weise muß man bei den anderen Bestimmungen zusehen, ob sie den Gegenstand bekannter machen oder nicht[78], beim Widerlegen, ob der Gegner nichts verwendet, was dem zu erklärenden Objekt entgegengesetzt oder ihm von Natur gleichzeitig oder später als es ist. Denn das Proprium ist dann nicht richtig bezeichnet. Gegensätze sind von Natur gleichzeitig, und von Natur Gleichzeitiges und Späteres macht kein Ding bekannter. Wer z. B., um die Eigentümlichkeit des Guten anzugeben, sagt: der größte Gegensatz des Schlechten, verwendet das Gegenteil des Guten und gibt darum seine Eigentümlichkeit nicht richtig an. Beim Behaupten aber sehe man, daß man nichts verwende, was Gegensatz oder überhaupt von Natur gleichzeitig oder später ist. In diesem Betracht ist dann das Proprium recht bestimmt. Wer z. B., um die Eigentümlichkeit der Wissenschaft anzugeben, sagt: die zuverlässigste Meinung, verwendet keinen Gegensatz, kein von Natur Gleichzeitiges, kein Späteres, und gibt darum in diesem Betracht die Eigentümlichkeit der Wissenschaft richtig an.
[Sidenote: 131b]
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das, was dem Dinge nicht immer folgt oder ihm zuweilen nicht eigentümlich ist, als Proprium angibt. Dann wäre das Proprium nicht richtig bezeichnet. Einerseits würde für das Objekt, dem wir es zukommen sehen, nicht auch der Name notwendig zutreffen, anderseits würde dem Objekt, dem es nach unserer Beobachtung nicht zukommt, der Name nicht notwendig abzusprechen sein. Zudem wäre es auch bei der Bestimmung der Eigentümlichkeit nicht sicher, daß sie dem Dinge zukommt, da sie ihm möglicherweise abgeht. Und so wäre das Proprium nicht einleuchtend. Wer z. B. als Eigentümlichkeit des Sinnenwesens nennt: was sich je und je bewegt und stillsteht, gibt eine Eigentümlichkeit an, die ihm zuzeiten nicht eigentümlich ist, und stellt deshalb das Proprium nicht richtig auf. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, als Proprium anzugeben was notwendig immer ist. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig aufgestellt. Wer z. B., um die Eigentümlichkeit der Tugend zu bestimmen, sagt: was seinen Inhaber gut macht, hat als Proprium angegeben was immer folgt, und deshalb in diesem Betracht die Eigentümlichkeit der Tugend richtig angegeben.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das, was einem Ding nur für den Augenblick eigentümlich ist, angibt, ohne es ausdrücklich zu sagen. Dann wäre das Proprium nicht richtig aufgestellt. Erstens fordert das, was man gegen die Gewohnheit tut, eine Erklärung; alle haben doch die Gewohnheit, mit Vorzug dasjenige als Eigentümlichkeit zu bezeichnen, was einem Ding immer folgt; und zweitens weiß man, wenn er es nicht sagt, nicht, ob einer gerade das jetzt geltende Proprium aufstellen will. Man soll ja doch keinen Vorwand zu einer Ausstellung bieten. Wer es z. B. für die Eigentümlichkeit eines einzelnen Menschen erklärt hat, daß er bei jemanden sitzt, stellt das jetzt gültige Proprium auf und hat darum das Proprium nicht richtig angegeben, sofern er das nicht eigens gesagt hat. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, daß man bei der Angabe des jetzt gültigen Proprium das ausdrücklich sage. Dann ist es in diesem Betracht richtig aufgestellt. Wer z. B. die Eigentümlichkeit eines einzelnen Menschen dahin bestimmt, daß er jetzt spazieren geht, macht seine Angabe mit Unterscheidung und stellt darum das Proprium richtig auf.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner etwas als Proprium angegeben hat, was nur durch die Wahrnehmung als vorhanden erkannt wird. Dann ist das Proprium nicht richtig aufgestellt. Denn alles Wahrnehmbare wird ungewiß, wenn es der Wahrnehmung entzogen wird. Man weiß dann, da es nur durch Wahrnehmung erkannt wird, nicht, ob es dem Ding noch beiwohnt. Dies ist überall wahr, wo etwas seinem Träger nicht notwendig immer folgt. Wer z. B. als Eigentümlichkeit der Sonne angibt, daß sie der glänzendste über die Erde ziehende Himmelskörper ist, hat mit der Eigentümlichkeit, daß sie über die Erde zieht, ein Merkmal verwandt, das durch die Wahrnehmung erkannt wird, und hat deshalb die Eigentümlichkeit der Sonne nicht richtig angegeben. Denn wenn die Sonne untergegangen ist, weiß man nicht mehr, ob sie über die Erde zieht, weil uns dann die Wahrnehmung im Stich läßt. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, etwas als Proprium anzugeben, was nicht durch die Wahrnehmung feststeht, oder, wenn auch wahrnehmbar, doch offenbar seinem Träger notwendig beiwohnt. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig angegeben. Wer z. B. als Eigentümlichkeit der Fläche angibt, daß sie die erste Trägerin der Farbe ist[79], hat zwar mit dem Moment, Trägerin der Farbe, etwas Sinnliches verwandt, aber ein solches, das seinem Subjekt offenbar immer beiwohnt, und hat darum in diesem Betracht die Eigentümlichkeit der Fläche richtig angegeben.
[Sidenote: 132a]
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner die Definition als Proprium angegeben hat. Dann ist es nicht richtig aufgestellt. Das Proprium darf nicht erklären, was ein Ding ist. Wer es z. B. als Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet, daß er ein auf Füßen gehendes zweibeiniges Sinnenwesen ist, hat etwas, was das Wesen des Menschen angibt, für seine Eigentümlichkeit erklärt und hat sie darum nicht richtig angegeben. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, als Proprium etwas zu nennen, was wechselweise mit dem Subjekt ausgesagt wird, aber nicht sein Wesen ausspricht. Dann ist das Proprium in diesem Betracht richtig angegeben. Wer es z. B. als Proprium des Menschen hinstellt, daß er ein von Natur zahmes Sinnenwesen ist, hat ein Proprium angegeben, das wechselweise mit Mensch ausgesagt wird, aber nicht sein Wesen ausspricht, und hat darum in diesem Betracht die Eigentümlichkeit des Menschen richtig angegeben[80].
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Proprium aufgestellt hat, ohne es in das Wesen einzureihen. Bei den Proprien muß man, wie bei den Definitionen, zuerst die Gattung angeben, und dann das übrige hinzusetzen und so die Abgrenzung vornehmen. Somit ist ein nicht auf diese Weise aufgestelltes Proprium nicht richtig angegeben. Wer es z. B. als Eigentümlichkeit des Sinnenwesens bezeichnet, daß es eine Seele hat[81], hat das Sinnenwesen nicht in die Wesenheit eingewiesen und hat deshalb die Eigentümlichkeit des Sinnenwesens nicht richtig aufgestellt. Bei der Behauptung achte man darauf, das Ding, dessen Proprium man bestimmt, in das Wesen einzureihen und das übrige beizufügen. Dann hat man in diesem Betracht das Proprium richtig angegeben. Wer es z. B. als Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet, daß er ein des Wissens fähiges Sinnenwesen ist, hat das Proprium durch Einstellung ins Wesen angegeben und hat deshalb in diesem Betracht die Eigentümlichkeit des Menschen richtig aufgestellt.
+Viertes Kapitel.+
Ob also das Proprium gut angegeben ist oder nicht, muß nach diesen[82] Gesichtspunkten ermittelt werden. Ob aber ein angegebenes Proprium überhaupt ein solches ist oder nicht, muß man aus den folgenden Gesichtspunkten entnehmen. Die Örter, die dartun, daß ein Proprium schlechthin richtig aufgestellt ist, müssen dieselben sein mit denen, die überhaupt das Proprium ergeben. Haben wir mithin diese bezeichnet, so werden in und mit ihnen auch sie angegeben sein[83].
[Sidenote: 132b]
Erstens muß man also bei der Widerlegung bei jedem Ding, dessen Eigentümlichkeit angegeben wird, zusehen, ob sie keinem zukommt, oder ob sie für das Ding nicht auf Grund seiner eigentümlichen Natur zutrifft, oder ob sie nicht jedem von den zu einer Gruppe gehörenden Dingen nach derjenigen Natur eigen ist, deren Eigentümlichkeit angegeben wird. In diesem Falle kann das vorgebliche Proprium es nicht wirklich sein. Weil es z.B. bei dem Geometriker nicht zutrifft, daß er durch keinen Grund getäuscht werden kann — der Geometriker täuscht sich ja, wenn er falsche Figuren zeichnet —, so kann es keine Eigentümlichkeit des Wissenden sein, daß er durch keinen Grund getäuscht wird. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, daß die Eigentümlichkeit sich bei allem und sofern es das Betreffende ist, erwahre. Dann ist die vorgegebene die wirkliche Eigentümlichkeit. Weil z. B. das Merkmal: wissensfähiges Sinnenwesen von jedem Menschen und sofern einer Mensch ist, gilt, muß die Eigentümlichkeit des Menschen wirklich darin liegen, daß er ein wissensfähiges sinnliches Wesen ist[84].
Dies ist ein Gesichtspunkt für die Widerlegung, wenn man fragt, ob da, wo bei einem Dinge der Name zutrifft, der Begriff es nicht tut, und da, wo der Begriff zutrifft, der Name es nicht tut; desgleichen für die Behauptung, wenn man fragt, ob da, wo der Name, auch der Begriff, und da wo der Begriff, auch der Name von etwas ausgesagt wird.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob von wem der Name, von dem nicht auch der Begriff, und ob von wem der Begriff, von dem nicht auch der Name ausgesagt wird. Dann kann das vorgebliche Proprium nicht das wirkliche sein. Weil z. B. das Merkmal: am Wissen teilhabendes Lebewesen sich in Gott erfüllt, das Prädikat Mensch ihm aber nicht beigelegt wird, so kann das Merkmal: am Wissen teilhabendes Lebewesen, nicht die Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnen[85]. Bei der Behauptung aber muß man darauf sehen, ob auch von wem der Begriff, von dem der Name, und von wem der Name, von dem der Begriff ausgesagt wird. Dann wird Proprium sein was es nicht sein soll. Z. B., von wem es wahr ist, daß es eine Seele hat, von dem ist es auch wahr, daß es ein Lebendiges ist, und von wem es wahr ist, daß es ein Lebendiges ist, von dem ist es wahr, daß es eine Seele hat, und darum drückt das Merkmal: eine Seele haben, die Eigentümlichkeit des Lebendigen (ζῷον)[86] aus.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Subjekt als Proprium seiner Eigenschaft angibt. Dann kann das vorgebliche Proprium nicht das wirkliche sein. Wer z. B. für das Proprium des feinsten Körpers das Feuer ausgibt, gibt das Subjekt für das Proprium des Attributes aus, und deshalb kann das Feuer nicht das Proprium des feinsten Körpers sein. Das Subjekt kann aber darum nicht das Proprium der Eigenschaft des Subjekts sein, weil das Nämliche das Proprium mehrerer und der Art nach verschiedener Dinge sein würde. Denn dem Nämlichen kommen mehrere der Art nach verschiedene Bestimmungen zu, die von ihm allein ausgesagt werden und für die alle, bei solcher Fassung des Proprium, das Subjekt das Proprium wäre. Bei der Behauptung dagegen muß man darauf achten, das dem Subjekte Anhaftende als die Eigentümlichkeit des Subjekts anzugeben. Dann wird dasjenige das Proprium sein, was es nach dem Gegner nicht sein sollte, vorausgesetzt, daß es von den Dingen ausschließlich ausgesagt wird, deren Proprium es sein soll. Z. B. wer es als Proprium der Erde bezeichnet, daß sie der der Art nach schwerste Körper ist, gibt die Eigentümlichkeit des Subjekts an, die nur von diesem Ding gilt und als seine Eigentümlichkeit ausgesagt wird, und hat deshalb die Eigentümlichkeit der Erde richtig bestimmt.
[Sidenote: 133a]
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Proprium nach der Teilnahme (der logischen Unterordnung unter eine Gattung) angibt. Dann kann das vorgebliche Proprium nicht das wirkliche Proprium sein. Was nach der Teilnahme angegeben wird, gehört mit zur Quiddität des Dinges. Es wäre eine von einer einzelnen Art geltende Differenz. Z. B. wer es als ein Proprium des Menschen bezeichnet, daß er ein zweibeiniges gehendes Wesen ist, hat das Proprium nach der Teilnahme angegeben, und deshalb kann zweibeiniges gehendes Wesen kein Proprium des Menschen sein. Bei der Behauptung aber muß man darauf achten, daß man das Proprium nicht nach der Teilnahme angebe und nichts anführe, was die Quiddität bezeichnet, mit der das Ding selbst wechselweise ausgesagt wird. Dann wird dasjenige das Proprium sein, was es dem Gegner zufolge nicht sein sollte. Z. B. wer es als eine Eigentümlichkeit des Sinnenwesens bezeichnet, daß es die natürliche Anlage zur sinnlichen Wahrnehmung hat, hat weder die Eigentümlichkeit nach der Teilnahme angegeben, noch das die Quiddität Bezeichnende angeführt, mit dem das Ding selbst wechselweise ausgesagt wird, und darum ist die natürliche Anlage zur sinnlichen Wahrnehmung eine Eigentümlichkeit des Sinnenwesens.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob das Proprium nicht gleichzeitig, sondern nur früher oder später als das Subjekt einer Benennung sein kann. In diesem Falle ist das, was Proprium sein soll, es nicht, entweder überhaupt nicht, oder doch nicht immer. Z. B. kann es einem früher und auch später zukommen, auf dem Markte herumzugehen, als Mensch zu sein[87], und deshalb ist es entweder überhaupt nie oder doch nicht immer eine Eigentümlichkeit des Menschen, auf dem Markte herumzugehen. Bei der Behauptung sehe man, daß das Betreffende dem Subjekt notwendig immer gleichzeitig zukomme, ohne Definition oder Differenz zu sein. Dann ist was nach dem Gegner nicht Proprium sein sollte, es wohl. Z. B. das Merkmal: wissensfähiges sinnliches Wesen findet sich notwendig immer gleichzeitig mit Mensch, ohne Differenz oder Definition zu sein, und deshalb ist es ein Proprium des Menschen[88].
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob dasselbe als dasselbe nicht dasselbe Proprium hat. In diesem Falle ist das, was ein Proprium sein soll, es in Wirklichkeit nicht. Z. B. ist es kein Proprium des Erstrebenswerten, manchen Menschen gut zu scheinen, und darum kann das auch kein Proprium des Wählens- oder Wünschenswerten sein. Denn erstrebens- und wünschenswert ist dasselbe. Bei der Behauptung dagegen sehe man, ob dasselbe, sofern es dasselbe ist, dasselbe Proprium hat. Dann ist das, was kein Proprium sein sollte, es trotzdem. Z. B. von dem Menschen als Menschen gilt es als eine Eigentümlichkeit, eine dreifache Seele zu haben, und deshalb muß eben dieses auch eine Eigentümlichkeit des Sterblichen als Sterblichen sein. Dieser Ort läßt sich auch bei dem Akzidenz verwenden. Denn demselben als demselben muß dasselbe beiwohnen oder nicht beiwohnen.
[Sidenote: 133b]
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Art nach Identisches nicht immer der Art nach Identisches zu eigen hat. Dann kann die vorgebliche Eigentümlichkeit auch nicht für das aufgestellte Subjekt gelten. Mensch und Pferd sind z. B. der Art (Gattung) nach identisch. Es ist aber dem Pferde nicht immer eigen, von selbst still zu stehen, und darum ist es auch dem Menschen nicht eigen, sich von selbst zu bewegen. Denn von selbst sich bewegen und von selbst still stehen ist der Art nach identisch, da es jedem von beiden, dem Menschen und dem Pferde, zukommt, sofern sie sinnliche Wesen sind. Bei der Behauptung dagegen sehe man, ob das der Art nach Identische immer Identisches zu eigen hat. Dann ist das, was nach dem Gegner kein Proprium sein sollte, es trotzdem. Es ist z. B. dem Menschen eigen, ein zweibeiniges durch Gehen sich fortbewegendes Sinnenwesen zu sein, und deshalb ist es auch dem Vogel eigen, ein zweibeiniges durch Fliegen sich fortbewegendes Sinnenwesen zu sein. Denn hier ist jedesmal jedes der Art nach identisch, sofern Mensch und Pferd Arten derselben Gattung Sinnenwesen darstellen, und zweibeiniges Gehendes und zweibeiniges Fliegendes Differenzen der Gattung Sinnenwesen sind. Dieser Ort ist trügerisch, wenn das eine von beiden nur einer, das andere vielen Arten zukommt, wie bei dem Prädikat: vierbeiniges Gangtier.
[Sidenote: 134a]
Da man aber von dem Identischen und dem Verschiedenen in vielfachem Sinne spricht, so ist es gegenüber einem Widersacher, der diese Begriffe sophistisch nimmt, schwer, für eines und nur eines ein Proprium anzugeben. Was einem Dinge zukommt, dem eine Bestimmung mitfolgt, wird auch dem Mitfolgenden zukommen, wenn man es mit dem zusammen nimmt, dem es mitfolgt. Z. B. wird das, was dem Menschen zukommt, auch dem weißen Menschen zukommen, wenn der Mensch weiß ist, und das, was dem weißen Menschen zukommt, wird auch dem Menschen zukommen. Man kann nun aber die meisten Propria in verschmitzter Weise unter dem Vorgeben anfechten, das Subjekt sei ein anderes an sich und ein anderes mit dem Akzidenz, ein anderes sei z. B. der Mensch und ein anderes der weiße Mensch; ein anderes sei ferner der Habitus und wieder ein anderes das nach ihm benannte Subjekt. Denn was dem Habitus, das müsse auch dem nach ihm benannten, und was diesem, auch jenem zukommen. Weil z. B. dem Wissenden dieser Vorzug auf Grund des Wissens zuerkannt werde, könne es dem Wissen nicht eigentümlich sein, daß kein Grund gegen es aufkomme, weil auch gegen ihn keiner aufkommen kann. Bei der Behauptung aber muß man betonen, daß das Subjekt das Akzidenz und dieses selbst, mit ihm genommen, nicht schlechthin verschieden ist, sondern nur insofern für je ein anderes ausgegeben wird, als der Begriff beider verschieden ist. Denn Menschsein beim Menschen ist nicht dasselbe, wie weißer Mensch sein beim weißen Menschen (die Attribute sind begrifflich verschieden). Auch muß man auf die Wortbeugungen sehen, und sagen, der Wissende sei nicht das, sondern der, die Wissenschaft nicht das, sondern die, wogegen keine Gründe aufkommen. Wer alle Instanzen anruft, muß sich auch alle Abwehrmittel gefallen lassen.
+Fünftes Kapitel.+
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner, während er das von Natur Vorhandene angeben will, dem Ausdrucke eine Fassung gibt, nach der das immer Vorhandene bezeichnet wird. In diesem Falle müßte das Proprium, das er aufgestellt hat, seinen Halt verlieren. Wer es z. B. als eine Eigentümlichkeit des Menschen bezeichnet, daß er zweibeinig ist, will zwar das von Natur Vorhandene angeben, bezeichnet aber mit dem gewählten Ausdruck das immer Vorhandene, und deshalb kann es dem Menschen in diesem Sinne nicht eigentümlich sein, daß er zweibeinig ist. Denn es gibt auch Menschen, die keine zwei Beine haben. Bei der Behauptung dagegen achte man, wenn man ein von Natur vorhandenes Proprium angeben will, darauf, es auch im Ausdruck entsprechend zu fassen. Dann kann es in diesem Betracht seinen Halt nicht einbüßen. Wer es z. B. für ein Proprium des Menschen ausgibt, daß er ein wissensfähiges Sinnenwesen ist, will nicht nur ein von Natur vorhandenes Proprium bezeichnen, sondern trifft es auch mit dem gewählten Ausdruck, und darum kann in diesem Betracht die Aufstellung, daß der Mensch seiner Eigentümlichkeit nach ein der Wissenschaft fähiges sinnliches Wesen ist, ihren Halt nicht verlieren.
Es ist auch schwer, von solchen Dingen, die entweder nach einem anderen als Erstem benannt oder selbst als Erstes bezeichnet werden, das Proprium anzugeben. Gibt man es von dem nach einem anderen Benannten an, so wird es auch für das ursprüngliche Subjekt gelten, und stellt man es für dieses auf, so wird es auch von jenem ausgesagt werden. Gibt man z. B. das Gefärbtsein als Proprium der Fläche an, so wird es auch für den Körper gelten, und gibt man es als Proprium des Körpers an, so wird es auch von der Fläche ausgesagt werden. Wovon mithin der Begriff (Gefärbtsein) als Proprium gilt, davon wird nicht auch der Name (Fläche oder Körper) gelten.
Bei manchen Proprien kommt ein Fehler vor, weil man nicht bestimmt, wie man das Proprium aufstellt und wessen Proprium es sein soll.
[Sidenote: 134b]
Alle suchen nämlich ein Proprium anzugeben, das entweder von Natur vorhanden ist, wie beim Menschen die Zweibeinigkeit, oder tatsächlich, wie bei einem gewissen Menschen, daß er vier Finger hat, oder der Art nach, wie beim Feuer die höchste Feinheit, oder schlechthin, wie beim Lebewesen, daß es lebt, oder auf Grund eines anderen, wie bei der Seele die Klugheit, oder ursprünglich, wie bei dem verständigen Teil der Seele wieder die Klugheit, oder auf Grund des Habens, wie bei dem Wissenden, daß kein Gegengrund gegen ihn aufkommt — denn einzig darum, weil er etwas Bestimmtes hat, kommt kein Grund gegen ihn auf —, oder weil es gehabt wird, wie bei der Wissenschaft, weil wieder kein Grund sie erschüttert, oder weil an ihm teilgenommen wird, wie beim Sinnenwesen das Wahrnehmen — denn auch anderes, der Mensch z. B., nimmt sinnlich wahr, aber nur darum, weil er schon an ihm teilnimmt —, oder endlich, weil man an ihm teilnimmt, wie bei einem gewissen Lebewesen, daß es lebt.
[Sidenote: 135a]
Läßt man nun den Zusatz: von Natur, weg, so fehlt man, weil es vorkommen kann, daß das von Natur Vorhandene dem Subjekt, dem es von Natur beiwohnt, nicht beiwohnt, wie z. B. dem Menschen, daß er zwei Füße hat. Erklärt man nicht, daß man das Vorhandene angibt, so fehlt man, weil das Subjekt nicht so beschaffen ist, wie jetzt, wo z. B. der Mensch vier Finger hat. Macht man nicht deutlich, daß man etwas als Ursprüngliches oder als Abgeleitetes setzt, so wird wieder gefehlt, weil davon, wovon der Begriff gilt, nicht auch der Name gilt, wie z. B. beim Gefärbtsein, soll es nun die Eigentümlichkeit der Fläche, oder die des Körpers ausmachen. Bemerkt man nicht zum voraus, daß man das Proprium auf das Haben oder das Gehabtwerden gründet, so ist es abermals gefehlt, weil es dann kein Proprium sein kann. Denn wenn man das Proprium auf das Gehabtwerden gründet, wird es (auch) dem Habenden, und wenn man es nach dem Habenden bestimmt, (auch) dem Gehabten beiwohnen, wie z. B. daß kein Vernunftbeweis dagegen aufkommt, wenn dieses Merkmal ein Proprium des Wissens oder des Wissenden sein soll. Fügt man nicht bei, ob das Proprium sich auf das Teilnehmen (des logisch Untergeordneten an dem Übergeordneten) oder auf das Teilnehmenlassen (von seiten des Übergeordneten) gründet, so wird es auch manchem anderen beiwohnen: gründet man es auf das Teilnehmenlassen, dem Teilnehmenden, im umgekehrten Falle, dem Teilnehmenlassenden, wie wenn man z. B. die Lebenstätigkeit als Proprium eines einzelnen Sinnenwesens oder des Sinnenwesens (überhaupt) bezeichnet. Läßt man weiterhin das Distinktivum: der Art nach, weg, so wird das Proprium im ganzen Bereiche, dem es eigen sein soll, nur einem zukommen; denn das Übermaß wird nur einem beiwohnen, wie beim Feuer z. B. das Höchstmaß der Leichtigkeit. Zuweilen ist es aber auch dann gefehlt, wenn man das: der Art nach, hinzusetzt. Denn bei einem solchen Zusatz müßte das Betreffende auch wirklich nur eine Art ausmachen. Das ist aber bei manchen Dingen, wie z. B. auch bei dem Feuer, nicht der Fall. Es gibt nicht bloß eine Art von Feuer: Kohle, Flamme und Licht sind zwar sämtlich Feuer, aber der Art nach verschieden. Das betreffende Ding darf aber bei dem Zusatz: der Art nach, darum keine weitere Art haben, weil die betreffende Eigentümlichkeit dem einen mehr, dem anderen weniger zukommen wird, wie z. B. beim Feuer die höchste Feinheit. Denn das Licht ist feiner als die Kohle und die Flamme. Das darf aber nicht sein, wenn nicht auch der Name dem eher zukommt, bei dem der Begriff sich eher erfüllt. Wenn nicht, so würde dem, bei dem der Begriff sich eher erfüllt, nicht auch der Name eher zukommen. Zudem wird noch die Folge sein, daß das Proprium dasselbe ist für das, was den Namen schlechthin hat, und für das, was im Bereich des schlechthin so Genannten die Eigentümlichkeit am meisten hat, wie es beim Feuer mit dem Feinsten der Fall ist, da auch das Licht eben diese Eigentümlichkeit haben wird.
Wenn also ein Anderer das Proprium so angibt, muß man ihn hierin angreifen, ihm selbst aber darf man zu einer solchen Beanstandung keinen Anlaß geben, sondern muß gleich bei Aufstellung des Proprium bestimmen, in welcher Weise man es aufstellt.
Sodann muß man bei der Widerlegung sehen, ob der Gegner das Ding selbst als sein Proprium setzt. Dann kann das vorgebliche Proprium es nicht wirklich sein. Denn jedes Ding zeigt durch sich selbst das Sein an, was aber das Sein anzeigt, ist nicht Proprium, sondern Definition. Wer z. B. sagt, das Proprium des Schönen (sittlich Guten) sei das Geziemende, gibt das Ding selbst als sein Proprium an — denn schön und geziemend ist dasselbe —, und daher kann das Geziemende nicht das Proprium des Schönen sein. Bei der Behauptung dagegen achte man darauf, statt das Ding selbst als sein Proprium anzugeben, etwas zu setzen, was wechselweise mit ihm ausgesagt wird. So wird das, was kein Proprium sein soll, es dennoch sein. Wer z. B. als Proprium des Sinnenwesens das Merkmal setzt: Beseelte Substanz, gibt, statt das Ding selbst als sein Proprium zu setzen, etwas an, was wechselweise mit ihm ausgesagt wird, und darum muß beseelte Substanz das Proprium des Sinnenwesens sein[89].
[Sidenote: 135b]
Sodann muß man, wo es sich um Dinge aus gleichen Bestandteilen handelt, bei der Widerlegung sehen, ob das Proprium des Ganzen nicht von dem Teile gilt, oder ob das des Teiles nicht von dem Ganzen ausgesagt wird. In diesem Falle kann das vorgebliche Proprium es nicht wirklich sein. Dieses kann bei manchen Dingen vorkommen. Man kann bei Gleichteiligem das Proprium angeben, indem man bald auf das Ganze sieht, bald sein Augenmerk auf den Teil richtet. Keines von beiden ist dann richtig angegeben. Handelt es sich um das Ganze, so kann man es z. B. als die Eigentümlichkeit des Meeres bezeichnen, daß es die größte Menge Salzwasser ist. Weil man aber dann zwar das Proprium eines Gleichteiligen setzt, aber ein solches angibt, das nicht von dem Teile gilt — denn ein einzelnes Meer ist nicht die größte Menge Salzwasser —, so kann es kein Proprium des Meeres sein, daß es die größte Menge Salzwasser ist. Handelt es sich aber um den Teil, so führt man etwa als eine Eigentümlichkeit der Luft an, daß man sie einatmen kann. Weil man aber dann zwar das Proprium eines Gleichteiligen nennt, aber ein solches angibt, das zwar von einer bestimmten Luft gilt, aber nicht von der Luft überhaupt — denn nicht jede Luft läßt sich einatmen —, so kann es gewiß kein Proprium der Luft sein, daß man sie einatmen kann. Bei der Behauptung dagegen muß man darauf sehen, daß das Proprium zwar von jedem der Teile des Gleichteiligen wahr ist, ihnen aber auf Grund des Ganzen eignet. Dann muß das, was dem Gegner zufolge nicht Proprium sein sollte, es dennoch sein. Es gilt z. B. von aller Erde, daß sie naturgemäß nach unten strebt, es ist das aber auch der einzelnen Erde als Erde eigen, und deshalb ist es der Erde eigentümlich, daß sie von Natur nach unten strebt.
+Sechstes Kapitel.+
Wo es sich sodann um Gegensätze handelt, ist erstens das Konträre ins Auge zu fassen und bei der Widerlegung nach ihm zu urteilen, ob das Konträre kein Konträres zum Proprium hat. Dann wird auch sein Konträres kein Konträres zum Proprium haben. Von Gerechtigkeit ist z. B. das konträre Gegenteil Ungerechtigkeit, und vom Besten das Schlechteste. Nun ist es aber keine Eigentümlichkeit der Gerechtigkeit, daß sie am besten ist, und deshalb kann es auch keine Eigentümlichkeit der Ungerechtigkeit sein, daß sie am schlechtesten ist. Bei der Behauptung dagegen muß man darauf achten, daß Konträres Konträres zum Proprium habe. Dann muß auch sein Konträres Konträres zum Proprium haben. So ist dem Guten das Schlechte und dem Wünschenswerten das zu Fliehende konträr entgegengesetzt. Nun ist es aber dem Guten eigen, daß es wünschenswert ist, und deshalb wird es dem Schlechten eigen sein, daß man es fliehen muß.
Zweitens muß man nach dem Relativen urteilen, bei der Widerlegung, ob das Relative kein Relatives zum Proprium hat. Dann wird auch sein Relatives kein Relatives zum Proprium haben. So spricht man von doppelt mit Bezug auf halb, und von übertreffend mit Bezug auf übertroffen. Nun hat aber doppelt nicht zum Proprium übertreffend, und deshalb kann halb nicht zum Proprium übertroffen haben. Bei der Behauptung muß man darauf achten, daß Relatives Relatives zum Proprium habe. Dann muß das auch bei seinem Relativum der Fall sein. So spricht man von doppelt mit Bezug auf halb, und von zwei mit Bezug auf eines. Nun ist es aber dem Doppelten eigen, daß es sich wie zwei zu eins verhält, und deshalb wird es dem Halben eigen sein, daß es sich wie eins zu zwei verhält.
[Sidenote: 136a]
Drittens muß man bei der Widerlegung sehen, ob dem Habitus das nach ihm Benannte nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch der Beraubung das nach ihr Benannte nicht sein. Und wenn der Beraubung das nach ihr Benannte nicht eigentümlich ist, wird auch dem Habitus das nach ihm Benannte es nicht sein. So wird es nicht als Eigentümlichkeit der Taubheit bezeichnet, daß sie Anästhesie ist, und daher kann es auch dem Hören nicht eigentümlich sein, daß es Wahrnehmung ist. Bei der Behauptung sehe man, daß das nach dem Habitus Benannte ihm eigentümlich sei. Dann wird auch das nach der Beraubung Benannte ihr eigentümlich sein. Und wenn der Beraubung das nach ihr Benannte eigentümlich ist, dann auch dem Habitus das nach ihm Benannte. So ist dem Gesicht das Sehen eigentümlich, durch das wir diesen Sinn haben, und deshalb muß es auch der Blindheit, der gemäß wir trotz der natürlichen Anlage kein Gesicht haben, eigentümlich sein, daß man nicht sieht.
Sodann muß man nach der Kontradiktion urteilen, und zwar erstens nach den Prädikaten selbst. Dieser Ort dient aber nur für die Widerlegung. Es sei z. B. die Bejahung oder das bejahend Gesagte einem Dinge eigentümlich, dann kann ihm nicht die Verneinung oder das verneinend Gesagte eigentümlich sein. Und wenn ihm die Verneinung oder das verneinend Gesagte eigentümlich ist, kann es ihm nicht die Bejahung oder das bejahend Gesagte sein. Da dem Sinnenwesen z. B. die Beseeltheit eigentümlich ist, so kann ihm nicht die Unbeseeltheit eigentümlich sein.
Zweitens muß man urteilen nach dem, was ausgesagt oder nicht ausgesagt wird, und nach dem, wovon es ausgesagt oder nicht ausgesagt wird, und zwar muß man bei der Widerlegung sehen, ob die Bejahung der Bejahung nicht eigen ist. Dann kann auch die Verneinung der Verneinung nicht eigen sein. Und wenn die Verneinung der Verneinung nicht eigen ist, kann auch die Bejahung der Bejahung nicht eigen sein. Da es z. B. keine ausschließliche Eigenschaft des Menschen ist, daß er ein Sinnenwesen ist, so kann es auch keine solche Eigenschaft des Nichtmenschen sein, daß er kein sinnliches Wesen ist. Und wenn es als keine Eigentümlichkeit des Nichtmenschen erscheint, daß er kein sinnliches Wesen ist, so kann es auch keine Eigentümlichkeit des Menschen sein, daß er ein sinnliches Wesen ist. Bei der Begründung muß man sehen, ob die Bejahung der Bejahung eigentümlich ist. Dann muß es auch die Verneinung der Verneinung sein. Ist aber die Verneinung der Verneinung eigentümlich, so muß es auch die Bejahung der Bejahung sein. Da es z. B. dem Nichtsinnenwesen eigentümlich ist, daß es nicht lebt, so muß es dem Sinnenwesen eigentümlich sein, daß es lebt[90]. Und wenn es dem sinnlichen Wesen eigentümlich erscheint, daß es lebt, so muß es dem nichtsinnlichen Wesen eigentümlich erscheinen, daß es nicht lebt.
[Sidenote: 136b]
Drittens endlich muß man nach den Subjekten (der Aussage) selbst urteilen, und zwar muß man bei der Widerlegung sehen, ob die angegebene Eigentümlichkeit der Bejahung eigentümlich ist. Dann kann die nämliche nicht auch der Verneinung eigentümlich sein. Und ist die angegebene Eigentümlichkeit der Verneinung eigentümlich, so kann sie es nicht der Bejahung sein. Da z. B. dem Lebewesen die Beseeltheit eigentümlich ist, so kann sie es nicht dem Nichtlebewesen sein. Bei der Behauptung folgt man dem Satz: Ist das Gegebene nicht der Bejahung, so ist es der Verneinung eigen. Aber dieser Ort trügt. Die Bejahung ist der Verneinung und die Verneinung der Bejahung nicht eigentümlich. Denn die Bejahung kommt der Verneinung überhaupt nicht zu, die Verneinung aber kommt der Bejahung zwar zu, aber nicht als Proprium[91].
Sodann kommt der Fall in Betracht, daß die Glieder einer Einteilung denen einer anderen gegenüberstehen. Hier muß man bei der Widerlegung sehen, ob sonst kein Glied der einen Einteilung einem Gliede der anderen eigentümlich ist. Dann kann es auch das vorgebliche Glied dem, dem es soll, nicht sein. Da z. B. sinnlich wahrnehmbares Lebewesen keinem sterblichen Lebewesen als unterscheidende Eigentümlichkeit zukommt, so kann intelligibles Lebewesen kein Proprium Gottes sein[92]. Bei der Behauptung muß man sehen, ob je ein Glied der einen je einem der anderen Einteilung eigentümlich ist. Dann muß auch das noch übrige Glied dem eigentümlich sein, dem es dem Gegner zufolge es nicht sein sollte. So ist es der Klugheit eigen, daß sie von Natur eine Tugend des verständigen, den anderen Tugenden, je für sich genommen, daß sie ebenso Vorzüge eines bestimmten Seelenteils sind. Daher ist es der Mäßigkeit eigen, daß sie von Natur Tugend des begehrenden Teils ist[93].
+Siebentes Kapitel.+
Sodann muß man nach den Beugungsfällen urteilen und muß bei der Widerlegung sehen, ob der eine Fall dem anderen nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch der entsprechende Fall dem entsprechenden nicht sein. So ist dem Gerechterweise das Sittlicherweise nicht eigentümlich, und darum wird es auch dem Gerechten nicht das Sittliche sein. Bei der Behauptung muß man sehen, ob der eine Fall dem anderen eigentümlich ist. Dann wird es auch der entsprechende dem entsprechenden sein. So wird es, da zweifüßiges Gehendes des Menschen Eigentümlichkeit ist, auch dem Menschen eigentümlich sein, zweifüßiges Gehendes genannt zu werde[94]. Man muß aber nicht bloß das, was den Beugungsfällen untersteht, sondern auch seine Gegensätze ins Auge fassen, wie wir auch schon bei den früheren Örtern bemerkt haben[95], und muß bei der Widerlegung sehen, ob der Fall des Gegenteils dem seines Gegenteils nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch der des entsprechenden Gegenteils dem des entsprechenden Gegenteils nicht sein. So ist dem Gerechterweise das Tugendhafterweise nicht eigentümlich, und darum wird es auch dem Ungerechterweise das Sündhafterweise nicht sein. Bei der Behauptung muß man sehen, ob der Fall des Gegenteils dem des Gegenteils eigentümlich ist. Dann wird es auch der des entsprechenden Gegenteils dem des entsprechenden Gegenteils sein. So ist die Eigentümlichkeit des Tugendhaften das Beste, und darum wird auch die des Sündhaften das Schlechteste sein.
[Sidenote: 137a]
Sodann muß man nach dem urteilen, was sich ähnlich verhält, und bei der Widerlegung sehen, ob das sich ähnlich Verhaltende in dem einen Falle kein Proprium des sich ähnlich Verhaltenden ist. Dann wird es auch im anderen keines sein. So verhält sich der Baumeister zur Herstellung eines Hauses ähnlich wie der Arzt zur Herstellung der Gesundheit. Es ist aber dem Arzte nicht eigentümlich, daß er die Gesundheit herstellt, und deshalb auch dem Baumeister nicht, daß er ein Haus herstellt. Bei der Behauptung muß man sehen, ob das sich ähnlich Verhaltende in dem einen Falle ein Proprium des sich ähnlich Verhaltenden ist. Dann wird es auch im anderen eines sein. So verhält sich der Arzt zu dem Merkmal: ein Mann, der ein Hersteller der Gesundheit ist, ähnlich wie der Lehrer der Gymnastik zu dem Merkmal: ein Mann, der ein Hersteller des Wohlbefindens ist. Nun ist es aber eine Eigentümlichkeit des letzteren, daß er ein Hersteller des Wohlbefindens ist, und daher wird es auch eine Eigentümlichkeit des ersteren sein, daß er ein Hersteller der Gesundheit ist[96].
Sodann nach dem, was sich gleich verhält, bei der Widerlegung, ob das sich gleich Verhaltende kein Proprium des sich gleich Verhaltenden ist. Dann wird auch das sich gleich Verhaltende kein Proprium des sich gleich Verhaltenden sein. Ist aber das sich gleich Verhaltende ein Proprium des sich gleich Verhaltenden, so doch nicht dessen, dessen Proprium es sein soll. So verhält sich die Klugheit ebenso zu dem sittlich Schönen wie zu dem sittlich Häßlichen, indem sie die Wissenschaft von beiden ist. Es ist aber der Klugheit nicht eigentümlich, daß sie die Wissenschaft des Schönen ist, und deshalb kann es der Klugheit auch nicht eigentümlich sein, daß sie die Wissenschaft des Häßlichen ist. Ist es der Klugheit aber eigentümlich, daß sie die Wissenschaft des Schönen ist, so kann es ihr nicht eigentümlich sein, daß sie die Wissenschaft des Häßlichen ist. Denn das nämliche kann nicht mehreren eigentümlich sein. Für die Behauptung läßt sich dieser Ort in keiner Weise verwenden. Denn das sich gleich verhaltende Eine wird mit mehrerem verglichen[97].
[Sidenote: 137b]
Sodann, bei der Widerlegung: ob das nach dem Sein Gesagte (durch das Hilfszeitwort sein mit dem Subjekt Verbundene) kein Proprium des nach dem Sein Gesagten ist. Dann kann auch das Vergehen kein Proprium des nach dem Vergehen, und das Werden kein Proprium des nach dem Werden Gesagten sein. Da es z. B. kein Proprium des Menschen ist, daß er ein Sinnenwesen ist, so kann es auch kein Proprium seines Werdens sein, daß ein solches wird, oder seines Vergehens, daß eines vergeht. Auf dieselbe Weise, wie nach dieser Regel vom Sein auf Werden und Vergehen, muß man auch vom Werden auf Sein und Vergehen und vom Vergehen auf Sein und Werden schließen. Bei der Behauptung dagegen, ob dem nach dem Sein Gesagten das nach dem Sein Gesagte eigentümlich ist. Dann wird auch dem nach dem Werden Gesagten das nach ihm, und dem nach dem Vergehen Gesagten das nach diesem Angegebene eigentümlich sein. Da es z. B. dem Menschen eigentümlich ist, daß er das sterbliche Wesen ist[98], so muß es es auch seinem Werden sein, daß das sterbliche Wesen wird, und seinem Untergang, daß es untergeht. Auf dieselbe Weise, wie es für die Widerlegung angegeben worden ist, muß man aus dem Werden und Vergehen auf das Sein, sowie auch auf die gedachte Übereinstimmung bei dem Werden und Vergehen selbst, die Folgerung ziehen.
Sodann muß man auf die Idee des Dinges sehen und sich bei der Widerlegung fragen, ob das Proprium ihr nicht, oder nicht insofern zukommt, als sie das Ding, dessen Eigentümlichkeit man angibt, vertritt. Dann kann das, was dem Ding eigentümlich sein soll, es nicht wirklich sein. So kommt dem Menschen an sich die Ruhe nicht zu, sofern er Mensch, sondern sofern er eine Idee ist, und deshalb kann die Ruhe keine Eigentümlichkeit des Menschen sein. Bei der Behauptung muß man sehen, ob das Proprium der Idee zukommt, und zwar insofern sie eben das konkrete Ding vertritt, dem es nicht eigentümlich sein soll. Dann wird das, was ihm nicht eigentümlich sein sollte, es doch sein. So kommt es dem Sinnenwesen an sich, und sofern es Sinnenwesen ist, zu, daß es aus Seele und Leib besteht, und deshalb muß dieses eine Eigentümlichkeit des Sinnenwesens sein[99].
+Achtes Kapitel.+
[Sidenote: 138a]
Sodann nach dem Mehr und Minder, erstens, bei der Widerlegung: ob das Mehr dem Mehr nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch das Minder dem Minder nicht sein, der tiefste nicht dem tiefsten, der höchste nicht dem höchsten Grad, und das Schlechthin nicht dem Schlechthin. So ist kein Mehr im Gefärbtsein Proprium eines Mehr im Körpersein, und deshalb kann auch kein Minder dort Proprium eines Minder hier sein, und kein Gefärbtsein schlechthin Proprium von Körper. Bei der Behauptung: ob das Mehr dem Mehr eigentümlich ist. Dann muß es auch das Minder dem Minder sein, der tiefste dem tiefsten, der höchste dem höchsten Grad, und das Schlechthin dem Schlechthin. So ist einem Mehr im Lebendigsein ein Mehr sinnlicher Wahrnehmung eigentümlich, und daher muß es auch einem Minder im Lebendigsein ein Minder an Wahrnehmung sein[100], und dem höchsten der höchste, dem tiefsten der tiefste Grad, und dem Schlechthin das Schlechthin. Man muß aber auch aus dem Schlechthin auf eben diese Bestimmungen schließen, und demgemäß bei der Widerlegung zusehen, ob das Schlechthin dem Schlechthin nicht eigentümlich ist. Dann kann es auch nicht das Mehr dem Mehr, der höchste dem höchsten und der tiefste dem tiefsten Grade sein. So ist dem Menschen nicht die Tugendhaftigkeit eigentümlich, und deshalb kann auch keinem Mehr des Menschen ein Mehr der Tugend eigentümlich sein[101]. Bei der Behauptung: ob das Schlechthin dem Schlechthin eigentümlich ist. Dann muß es auch das Mehr dem Mehr sein, das Minder dem Minder und der höchste Grad dem höchsten Grade. So ist es dem Feuer eigentümlich, daß es von Natur nach oben strebt, und daher muß es auch dem, was mehr Feuer ist, eigentümlich sein, daß es von Natur mehr nach oben strebt[102]. Auf dieselbe Weise muß man aus den anderen Momenten auf alle diese Bestimmungen schließen.
Zweitens, bei der Widerlegung: ob das Mehr dem Mehr nicht eigentümlich ist. Dann wird es auch das Minder dem Minder nicht sein. So ist die Wahrnehmung dem Lebewesen eher eigentümlich, als dem Menschen die Wissenschaft. Nun ist aber dem Lebewesen die Wahrnehmung nicht eigentümlich, und daher auch dem Menschen nicht die Wissenschaft. Bei der Behauptung: ob das Minder dem Minder eigentümlich ist. Dann wird es auch das Mehr dem Mehr sein. So ist es dem Menschen minder eigentümlich, daß er von Natur ein zahmes Wesen ist, als dem Lebewesen, daß es lebt. Nun ist es aber dem Menschen eigentümlich, daß er von Natur ein zahmes Wesen ist, also auch dem Lebewesen, daß es lebt[103].
Drittens, bei der Widerlegung: ob etwas dem, dem es eher eigen ist, es nicht ist. Dann kann es auch dem nicht eigen sein, dem es weniger eigen scheint. Ist es diesem aber eigen, dann nicht jenem. So ist Gefärbtsein eher der Fläche als dem Körper eigen. Es ist es ihr aber nicht. Somit kann es nicht dem Körper eigen sein. Ist es aber der Fläche eigen, dann nicht dem Körper. Für die Begründung ist dieser Ort nicht zu gebrauchen. Denn das nämliche kann nicht mehrerem eigentümlich sein[104].
Viertens, bei der Widerlegung: ob das, was dem Ding eher eigen ist, es nicht ist. Dann wird auch das es nicht sein, was ihm weniger eigen scheint. So scheint dem Sinnenwesen das Wahrnehmbar eher eigen als das Teilbar. Es ist ihm aber nicht eigen[105]. Mithin kann es ihm nicht das Teilbar sein. Bei der Behauptung: ob was ihm minder eigen ist, ihm eigen ist. Dann wird es ihm auch das sein, was es ihm eher ist. So ist dem Sinnenwesen die Wahrnehmung minder eigen als das Leben. Die Wahrnehmung ist ihm aber eigen. Also muß ihm das Leben eigen sein[106].
[Sidenote: 138b]
Sodann nach dem, was gleichmäßig beiwohnt, erstens, bei der Widerlegung: ob das, was gleich eigen ist, dem nicht eigen ist, dem es gleich eigen ist. Dann wird auch das, was gleich eigen ist, dem nicht eigen sein, dem es gleich eigen ist. Wenn (ἐπεὶ) z. B. dem begehrenden Seelenteil das Begehren gleich eigentümlich ist, wie dem denkenden Teil das Denken, dem begehrenden Teil aber das Begehren nicht eigentümlich ist, so kann es dem denkenden Teil nicht das Denken sein[107]. Bei der Behauptung: ob das, was gleich eigen ist, dem eigen ist, dem es gleich eigen ist. Dann wird auch das, was gleich eigen ist, dem eigen sein, dem es gleich eigen ist. So ist es dem verständigen Teil gleich eigentümlich, erstes Subjekt der Klugheit, wie dem begehrenden Teil, erstes Subjekt der Mäßigkeit zu sein. Jenem ist aber das Genannte eigentümlich, also auch dem begehrenden Teil, das erste Mäßige zu sein.
Zweitens, bei der Widerlegung: ob was einem Ding gleich eigen ist (wie ein anderes), ihm nicht eigen ist. Dann wird ihm auch das nicht eigen sein, was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es dem Menschen gleich eigen, zu sehen und zu hören. Es ist ihm aber nicht eigen, zu sehen, also auch nicht zu hören. Bei der Behauptung: ob was ihm gleich eigentümlich ist, ihm eigentümlich ist. Dann wird es ihm auch das sein, was ihm gleich eigentümlich ist. So ist es der Seele gleich eigen, erstes Subjekt des begehrenden, wie erstes Subjekt des denkenden Teils zu sein. Es ist ihr aber eigen, erstes Subjekt des begehrenden Teils zu sein. Daher muß es der Seele auch eigen sein, daß sie erstes Subjekt des denkenden Teils ist.
Drittens, bei der Widerlegung: ob etwas dem, dem es gleich eigen ist, nicht eigen ist. Dann wird es auch dem, dem es gleich eigen ist, nicht eigen sein. Ist es ihm aber eigen, dann wird es dem anderen nicht eigen sein[108]. So ist es der Flamme gleich eigen wie der Kohle zu brennen. Es ist aber der Flamme nicht eigen zu brennen, und daher wird es der Kohle nicht eigen sein zu brennen. Ist es ihr aber eigen, dann nicht der Kohle. Für die Behauptung ist dieser Ort gar nicht verwendbar.
Der Ort aus dem sich gleich Verhaltenden unterscheidet sich von dem anderen aus dem gleich sehr Zukommenden dadurch, daß dort nach dem Verhältnis ohne Rücksicht auf das Zukommende geschlossen wird, während man hier ein Ding darauf ansieht, ob es dem Subjekt zukommt oder nicht.
+Neuntes Kapitel.+
[Sidenote: 139a]
Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner bei der Angabe dessen, was einem Ding der Potenz nach eigen ist, dieses so Eigentümliche auch mit Bezug auf Nichtseiendes angibt, wenn die Potenz dem Nichtseienden nicht zukommen kann. Dann kann das behauptete Proprium kein wirkliches sein. Wer es z. B. der Luft eigen sein läßt, daß sie respirabel ist, gibt das potenziell Eigentümliche an — respirabel ist ja, was geatmet werden kann —, gibt es aber auch mit Bezug auf Nichtseiendes an. Denn Luft kann auch sein, wenn es kein von Natur zum Atmen der Luft veranlagtes Tier gibt; dagegen ist kein Atmen möglich, wenn kein Tier ist, und so kann es der Luft dann nicht eigen sein, daß sie geatmet werden kann, wenn kein Tier ist, das sie atmen kann. Mithin kann es der Luft nicht eigentümlich sein, daß sie respirabel ist. Bei der Behauptung: ob man bei der Angabe dessen, was einem Ding der Potenz nach eigen ist, das Proprium entweder mit Bezug auf Seiendes angibt, oder mit Bezug auf Nichtseiendes, wenn die Potenz dem Nichtseienden zukommen kann. Dann wird, was kein Proprium sein sollte, es dennoch sein. Wer es z. B. dem Seienden eigen sein läßt, daß es leiden oder wirken kann, gibt zwar potenziell Eigentümliches an, aber mit Bezug auf Seiendes. Denn zur Zeit, wo es Seiendes ist, hat es auch das Vermögen, etwas zu leiden oder zu wirken. Mithin muß es dem Seienden eigen sein, daß es leiden oder wirken kann.
Sodann, bei der Widerlegung: ob der Gegner das Proprium durch den Superlativ ausdrückt. Dann wird das, was Proprium sein soll, es nicht sein. Denn gibt man es so an, so kann es einem begegnen, daß von dem, wovon der Begriff gilt, der Name nicht gilt. Denn wenn auch das Ding zugrunde gegangen ist, kann der Begriff gleichwohl fortbestehen, indem er irgendeinem von dem, was noch ist, am meisten zukommt. Dieses gilt z. B., wenn man es als Proprium des Feuers bezeichnet, daß es der leichteste Körper ist. Denn wenn das Feuer zugrunde gegangen ist, wird es doch einen unter den Körpern geben, der am leichtesten ist, so daß das Feuer nicht die Eigentümlichkeit besitzt, der leichteste Körper zu sein. Bei der Behauptung muß man sehen, daß man das Proprium nicht durch den Superlativ ausdrückt. Dann wird es in diesem Betracht richtig aufgestellt sein. Wenn man es z. B. als Proprium des Menschen aufstellt, daß er von Natur ein zahmes sinnliches Wesen ist, so hat man das Proprium nicht im Superlativ angegeben und hat es daher in diesem Betracht richtig aufgestellt.
Sechstes Buch.
+Erstes Kapitel.+
Die Erörterung über die Definitionen hat fünf Teile.
Entweder ist es überhaupt nicht wahr, daß das, was den Namen hat, auch unter den Begriff gehört — muß doch z. B. der Begriff Mensch von jedem Menschen gelten —, oder man bringt das Ding, obwohl eine Gattung vorhanden ist, nicht unter sie oder nicht unter die eigentümliche Gattung — denn beim Definieren muß man das Ding in eine Gattung gewiesen haben, um dann die Unterschiede hinzuzufügen, da in der Definition die Gattung doch wohl am ersten das Wesen des zu Definierenden wiedergibt, — oder der Begriff ist dem Ding nicht allein eigen — die Definition muß, wie schon gesagt, dem Ding eigentümlich sein —, oder man beobachtet alles Angegebene, definiert aber gleichwohl nicht und bezeichnet die Quiddität des Dinges nicht. Dazu kommt endlich der Fall, daß man zwar definiert, aber nicht so, wie man soll.
[Sidenote: 139b]
Ob nun das, wovon der Name gilt, nicht ebenso in Wahrheit unter den Begriff fällt, muß man nach den Örtern für das Akzidenz beurteilen. Denn die ganze dortige Untersuchung gilt der Frage, ob die Aussage wahr ist oder nicht. Zeigen wir, daß das Akzidenz dem Ding zukommt, so sagen wir: es ist wahr, und zeigen wir, daß es ihm nicht zukommt, so sagen wir: es ist nicht wahr. Ob man sodann das Ding nicht unter seine besondere Gattung gebracht hat, oder ob ihm der aufgestellte Begriff nicht eigentümlich ist, muß man aus den für Gattung und Proprium angegebenen Örtern entnehmen.
So bleibt denn nur noch darzulegen, wie man es mit der Frage angehen muß, ob man überhaupt nicht, oder doch nicht gut oder nicht so, wie man soll, definiert hat. Hier gilt unsere Aufmerksamkeit zuerst der Frage, ob man nicht gut definiert hat. Denn alles läßt sich leichter tun, als gut tun. Hier wird also häufiger gefehlt werden, weil es schwerer ist, und so muß der Angriff bei diesem Punkte leichter sein als bei jenem.
Nicht gut definieren kann man auf zweierlei Weise, einmal, wenn man sich undeutlich ausdrückt — denn bei der Definition muß man so deutlich wie möglich sein, da sie der Erkenntnis wegen gegeben wird —, dann, wenn man in dem Begriffe mehr angibt, als nötig ist, da jede weitere Zugabe zu der Definition überflüssig ist.
Jedes dieser beiden Momente zerfällt wieder in mehrere Teile.
+Zweites Kapitel.+
Ein erster Ort, um wegen Undeutlichkeit Einspruch zu erheben, liegt vor, wenn die aufgestellte Definition eine Homonymie enthält, wenn man z. B. sagt: Werden ist der Weg zum Sein, oder: Gesundheit ist der Ausgleich von Wärme und Kälte. Weg und Ausgleich sind Homonyma, und so weiß man nicht, welche von den Bedeutungen der doppelsinnigen Ausdrücke gemeint ist.
Der gleichen Undeutlichkeit begegnet man, wenn das Definierte vieldeutig ist und man nicht mit Unterscheidung von ihm spricht. Man kann dann nicht wissen, ob die Definition dem einen oder dem anderen gelten soll, und man kann in schikanöser Weise einwenden, daß der Begriff nicht auf alles paßt, dessen Definition angegeben wird. Dieses böswillige Verfahren läßt sich besonders dann anwenden, wenn die Homonymie versteckt ist. Man kann aber auch selbst angeben, wie viele Bedeutungen das durch die Definition Bestimmte hat, und so einen Gegenschluß ziehen. Denn wenn der Begriff nach keiner der verschiedenen Weisen gehörig erklärt wird, kann er offenbar auch nicht nach der Weise bestimmt sein, die in Frage steht.
[Sidenote: 140a]
Ein anderer Ort ist gegeben, wenn der Gegner metaphorisch spricht, etwa die Wissenschaft ein Unumstößliches sein läßt, oder die Erde eine Amme, oder die Mäßigkeit einen Einklang. Jede Metapher ist undeutlich. Man kann auch den, der von ihr Gebrauch macht, schikanieren, als habe er es eigentlich gemeint. Dann wird die gegebene Bestimmung nicht passen, wie z. B. bei der Mäßigkeit, da jeder Einklang in Tönen liegt. Auch müßte, wenn Einklang Gattung für Mäßigkeit ist, das nämliche in zwei Gattungen stehen, von denen keine die andere umfaßt. Denn der Einklang umfaßt nicht die Tugend, und die Tugend nicht den Einklang.
Ferner: wenn man Worte verwendet, die durch keinen Gebrauch feststehen, z. B. mit Plato das Auge wimpernumschattet sein läßt, oder die Spinne
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