Tamarisken herein; mit uns zugleich giengen mehrere Käfer, unter ihnen in Menge der Aegyptische Mumienkäfer (+Ateuchus sacer+) und eine uns noch neue Pimelia aus ihren Schlupfwinkeln hervor und geriethen hierdurch in die Gewalt des Menschen, welche überall, wie ein Haupt der Gorgona, den Augenblick des gegenwärtigen Erscheinens erstarren machet und fest hält. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere betrug nach +Dr.+ Erdls barometrischen Messungen 954 Par. Fuß.

Am Morgen des 19ten Märzes erwachten wir bei guter Zeit, aus einem ruhigen, sehr erquicklichen Schlafe. Unsre Beduinen hatten uns schon gestern gesagt, daß heute vielleicht ein Regen kommen würde und daß dieses zu wünschen sey, weil, wenn dieß nicht geschehe, der Sandsturm mit seiner Trübung des Himmels mehrere Tage dauere. Die Hoffnung des Besseren gieng in Erfüllung, denn der Himmel zeigte sich von Regengewölk getrübt; die Luft war gekühlt und überaus angenehm zum Athmen. Es war heute der Tag des Herrn und noch überdieß Palmsonntag; uns erquickte als ein Manna der Wüste das schöne Sonntagslied: »Allein Gott in der Höh sey Ehr« und der herrliche Ambrosianische Lobgesang.

Bei der heute freier gewordnen Aussicht erblickten wir zu unsrer Linken eine niedre Hügelkette aus Sandstein, welche diesseits der Mitte des großen Arabathales näher nach der Ostseite desselben verläuft, und auf diese Weise ein anfangs noch ziemlich breites Seitenthal bildet, welches auch zu seiner rechten Seite vorherrschend Sandsteingebirge anstehen hat. Dieses Seitenthal ist sehr reich an Strauchwerk und niedreren Kräutern, auch sahen wir viele Vögel aus der Familie der Frankolinen und Wüstenhühner; es muß hier großentheils ein gutes Weideland geben. Einige Male fieng es an zu regnen, hörte aber immer bald wieder auf. Mein Kamel mußte bei solcher Gelegenheit die Gewohnheit haben das Wetter als stiller Zuschauer abzuwarten, es legte sich, als der Regen kam, freilich auch später bei Sonnenschein, mehrmalen mit mir nieder. Als wir durch eine enge Schlucht hinanzogen, kamen etliche fremde Beduinen, mit Lanzen bewaffnet, zu Pferde gegen uns angesprengt, unser sehr phantasiereicher Arabischer Knecht, zugleich aber auch mit ihm etliche der Kamelführer wollten uns einen feindlichen Ueberfall befürchten machen, wir hielten uns deshalb näher zu einander und die Bewaffneten unter uns rückten an ihren Flinten. Die Vorsicht war indeß überflüssig; unser alter Scheikh ritt auf seinem Dromedar den Lanzenmännern entgegen und bald sahen wir, daß beide Theile zu Handschlag und friedlichem Zweigespräch sich vereinten. Die Reiter waren von befreundetem Stamme; sie hatten unsre Begleiter bloß vor einem Regiment Aegyptischer Soldaten warnen wollen, dessen Durchzug man heute, auf seinem Wege von Ghaza nach Kerek hier erwartete, weil solche Bewaffnete, wenn es ihnen an Lastthieren fehlt, gar gerne auch fremde zum Mitgehen einladen. Unsre Beduinen, wahrscheinlich in Folge dieser Warnung, führten uns von hier an eine Zeit lang, in ziemlicher Eile, sehr schlechte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine Anhöhe, von welcher aus wir das wahrhaft hehre, Edomitische Gebirge ganz nahe vor uns erblickten, welches durch seine riesenhaften Pfeilerformen einen überwältigenden Eindruck auf die Sinnen macht. Wer die Gruppen der Adersbacher Sandsteinfelsen oder jene der Sächsischen Schweiz gesehen hat und diese zehnfach sich vergrößert denkt, der wird sich ein ohngefähres Bild machen können von dem was hier unser Auge sahe. Der Hor, auf welchem Aarons Grab ist, schaute majestätisch ernst über das niedrere Gebirge herunter, während sich über seinen südlicheren Nachbarhöhen und Thälern eine Wetterwolke entlud. Selbst unsre Beduinen deuteten mit einem Ausdruck der Ehrfurcht auf die Grabstätte des »Propheten« hin; unsre Augen und Herzen begrüßten freudig diesen neuen Zielpunkt unsrer Wanderschaft. Wir traten jetzt in ein Thal ein, in welchem die Wüste das gelblichgraue Alltagsgewand ganz abgelegt und sich mit dem schönen, grünen Festtagsgewand der Gebüsche und Kräuter bekleidet hatte, als wolle sie mit der Seele der Pilgrime zugleich das Andenken des lieben Palmsonntages feiern. Aus dem Benehmen unsrer Beduinen konnten wir bemerken, daß sie sich hier wieder vollkommen sicher glaubten. Die Kamele wurden ruhig dem Zug ihrer Eßlust überlassen, der sie bei jedem Schritte bald zu dieser, bald zu einer andren Staude hinführte; das meinige hatte sich sogar ganz bequem dazu auf seine untergeschlagnen Beine gelegt, und mir dadurch das Absteigen erleichtert. Um uns her beleuchtete der helle Sonnenschein die liebliche Wildniß; über den Riesenzinnen und Pfeilerfelsen des Hochgebirges aber, in dessen Thäler und Fluthklüfte wir schon ganz nahe hineinblickten, schwebte das dunkelfarbige Geflügel der Wetterwolken. Wir ruheten da einige Augenblicke unter dem blühenden Gesträuch; das Summen der aus- und einfliegenden großen Bienen klang wie der Ton einer fernen Orgel; auch hier in diesem Tempel wandelte uns eine lebendige Empfindung des Sabbathes an.

Während wir da ruheten und dann langsam -- die jüngeren Freunde allerhand sammlend -- weiter zogen, hatte unser jüngerer Scheikh mit einigen andern Beduinen zu Fuße die Höhe eines benachbarten Hügels erklommen, wo er sich, mit dem Gewehre, das einer unsrer jungen Freunde ihm geliehen hatte, an der Jagd ergötzte. Seine Mühe war nicht umsonst gewesen, denn nach einiger Zeit brachte er uns mehrere von ihm geschossene Felsen- und Wüstenhühner[107] und einen von ihm lebendig gefangenen Arabischen Hasen.

Auf einer der Anhöhen, über welche der weitre Verlauf unsers Weges führte, sahen wir ein altes, vielleicht vormals zum Wachthaus bestimmtes Gebäude, an welchem meine jungen Freunde, da sie näher zu ihm hingiengen, eingehauene Römische Zahlen entdeckten. Schon um halb zwei Uhr nach Mittag war die Mündung des Wadi Musa erreicht, an welcher unsre Beduinen den kurzen Tagesmarsch endeten und Halt machten. Auf unsre Gegenvorstellungen, durch welche wir sie zu einem weitern Vorwärtsschreiten hinein in das Thal bewegen wollten, antworteten sie, daß im Wadi weit hinan kein schicklicher Lagerplatz zu finden sey, überdieß sey ein Ungewitter am Ausbrechen, welches bald das Vordringen ins Thal unmöglich machen werde. Und daß beides seine Richtigkeit habe, davon überzeugte uns die eigne Erfahrung zum Theil noch heute, zum Theil aber am andern Morgen. Denn kaum hatten wir unser Zelt in dem steinigen Boden neben und über dem Bette des Gießbaches aufgeschlagen, der aus dem Wadi Musa hier in die Ebene hervortritt, da entlud sich mit heftigem Donner und Blitz auf den Nachbarbergen ein Gewitter, wie Arabiens Hitze sie erzeugt; das eben noch ganz trocken gewesene Gießbachbette ward zur Höhe und Mächtigkeit eines großen Waldstromes angefüllt, welcher unser armes Zelt, das meine Weisheit durchaus, wenn die landeskundigeren Beduinen es nicht verhindert hätten, hier im tiefen Sande wollte aufgeschlagen haben, sammt allem Gepäck leicht mit sich fortgerissen hätte. Doch die Gewitter dieses Landes, deren Donner so schnell und laut auf einander folgen als die Worte in dem Munde des schnell redenden Beduinen, sind wenigstens in dieser Zeit eine eilig vorübergehende Erscheinung; das Gewölk hatte sich verzogen; die Sonne schien wieder heiß und hell in die Ebene und auf die nächst gelegenen Berge; das Wasser, welches vorher das enge Thal von der einen zu der andern gähen Felsenwand überschwemmte, hatte sich bald wieder so weit verlaufen, daß wir ein Stück Weges in demselben hinauf gehen konnten.

Sobald am andern Morgen, den 20sten März der Tag ergraute, saßen wir auf zur Reise in das Thal und auf das Gebirge. Der umwölkte Himmel und die Nebel auf den Höhen schienen mit Regen zu drohen; Wolken wie Nebel wichen jedoch bald der höher steigenden Morgensonne. Man hatte uns zum Theil, zur Beschleunigung des Weges, jene Reitkamele (Dromedare) mit Sätteln gegeben, auf denen die vornehmsten unter unsern Beduinen gewöhnlich ritten; denn nur einige von diesen begleiteten uns auf dem heutigen Tagmarsche, die andern, sammt den meisten Kamelen und unserm Arabischen Knechte waren bei dem Zelt und Gepäck zurückgeblieben. Das Wasser des gestrigen Gewitterstromes hatte sich ganz verlaufen, erst weiter im Engthal hinauf zeigten sich die letzten, bis hieher noch glücklich gelangten Tröpflein des Baches, der durch den obern Theil des Wadi strömt und da, wo wir jetzt stunden, nach Art der meisten Bäche des Landes im Sande versiegt. Allerdings wäre in diesem Engthale, dessen Sohle nirgends eben ist, auf weithin kein Ort zum Aufschlagen des Zeltes gewesen, abgesehen von der Gefahr, welche ein plötzlich hereinbrechender Regenstrom hätte bringen können. Zwischen dem Gesträuch und Gehölze, namentlich des Oleanders hindurch, wand sich unser Weg nach drei Viertelstunden zum Fuße eines steilen Hügels hinan, über welchen ein Richtsteig führt, der die Krümmungen und plötzlichen gähen Abfälle der Thalsohle vermeidet. Eine Schaar von Bergkrähen, deren Geschrei eine ganz andre Sprache spricht als das der unsrigen, denen sie übrigens an Gestalt und Farbe gleichen, flog über uns hin[108]; aus den Felsenklüften vernahm man den Ton der wilden Tauben dieses Landes. Das alte Gemäuer, welches in der Nähe des schneckenartig sich hinanwindenden Richtsteiges liegt, scheint von Römischer Bauart und mag, wie das gestern gesehene, zum Wachthaus gedient haben.

Wir hatten während des Hinansteigens, zu welchem wir abermals drei Viertelstunden brauchten, rechts unter uns, in immer größerer Tiefe das Bette des Siechbaches gesehen, dessen weniges Wasser nur selten an der Oberfläche der Felsenplatten bemerkt wird, meist aber unter diesen sich verbirgt. Da wir oben waren fanden wir uns mit dem Rinnsal des Wassers wieder in gleicher Ebene und zugleich auf der Sohle einer zweiten, höheren Terrasse des Thales, welche gegen das Erdgeschoß oder das niedrigere, allmälig zur Ebene hinaus sich absenkende Plateau des Thales mit einer senkrechten Felsenwand abbricht, über welche, zur Zeit des Regens, ein mächtiger Wasserfall sich hinabstürzt. Der Weg führte uns von hier an eine halbe Stunde lang auf der Ebene der Terrasse hin, dann aber begann ein neues, ungleich beschwerlicheres Ansteigen, als das vom untern Thale zum ersten höheren Stockwerk war. Außer dem gähen, steinigen Abhang, mit welchem der Berg sich zum Thale senkt, finden sich hier natürliche Stufen von solcher Steilheit und Höhe, daß auch der geübte Fußgänger sich mit Händen und Füßen hinauf arbeiten muß; zugleich mit uns legten aber auch heute unsre Kamele eine Probe von jener Geschicklichkeit im Bergsteigen ab, welche man diesem, scheinbar mehr für das Reisen in der Ebene geeigneten Thiere, kaum zutrauen möchte. Unbelastet, wie sie jetzt waren, klommen sie alle glücklich zur Höhe hinan, bis auf das eine, noch ziemlich junge, welches +Dr.+ Erdl geritten hatte. Dieses schien außer Stande das Steigen solcher Stufen zu begreifen; es mußte durch einen der Beduinen wieder zurückgebracht werden zur Lagerstätte. Das Auge, wenn auch auf Kosten der hart angestrengten Füße, wird indeß auf dieser Anhöhe in seltner Weise ergötzt. Wir fanden uns hier nahe bei den Gränzen des Landes, in welchem Hiob und seine Freunde lebten, und die Natur, die wir hier sahen, sprach zu dem Auge, so wie durch dieses zu der empfindenden Seele in einer ähnlichen Sprache, als das Buch Hiob zum Geist des Menschen redet. Gerade dieser Schatten des eilig hinüberfliehenden, leichten Gewölkes, der jetzt gehobene, dann wieder niederfallende Schleier des Nebels erregten bald auf diese bald auf eine andre Stelle der Felsenwarten und ihrer Thäler ein Aufmerken, wie dieß in einem andern, höhern Maße die Sprache des von Gott begeisterten Sehers oder Sängers jetzt auf diesen, dann auf einen andern Theil der Gnadenerweisungen Gottes weckt. Auch die Pflanzen- und Thierwelt dieser Nachbargebirge des Landes Uz trägt viel zu dem eigenthümlichen Colorit der Gegend bei. Während im Thale das edle Roß in seiner höchsten Kraft und Schönheit gesehen wird, weidet auf den Höhen und in den Schluchten des Gebirges der kräftige asiatische Steinbock und die schlanke Gazelle; mit der Stimme der Gebirgstauben zugleich läßt sich der laute, melodische Gesang der Orientalischen Singdrosseln aus den Zweigen der Edomitischen Cypresse vernehmen, von welcher wir auf den Höhen des Wadi Musa und am Hor viele einzelne Stämme, ja ganze Haine sahen; Bienenarten von fremder Gestalt wiegen sich summend auf den Gewürzkräutern des Landes.

Wir hatten jetzt, drei Stunden nach unsrem Aufbruch, jene Höhe erreicht, die zu der obersten Terrasse des Wadi Musa führt; zu jenem bedeutungsvollen Theil des Thales, der, von einem Bache frischen Wassers durchströmt, die alte, merkwürdige Edomitische Felsenstadt Petra (Sela und Jaktheel der heiligen Schrift[109] umfaßt. Ehe ich jedoch Petra sahe, wollte ich vorher einen andern Theil dieser Gebirge besuchen, den ich mir längst zu einem der Hauptzielpunkte meiner Reise gesetzt hatte. Man glaubt auf der Anhöhe vor Petra schon sehr hoch gestiegen zu seyn, und dieß mit Recht, denn ich halte dafür, daß dieselbe über der Mündung des Wadi Musa, die nach unsern Messungen 2046 Par. Fuß ober dem Meere liegt, wenigstens eben so weit erhaben liege als der Gipfel des Horeb über dem Thale des Katharinenklosters; jener Anhöhe aber zur Linken (fast im Norden) erhebt sein ungleich riesenhafteres Haupt der majestätische Hor; der Fürst und Nazir des Edomitischen Gebirges. Der größere Theil der Reisegesellschaft, jetzt wieder zu Kamel gestiegen, eilte dem wunderreichen Petra zu; ich aber, nur in Begleitung meines jungen Freundes, des Herrn Franz, schlug den Weg nach dem Gipfel des Hor ein. Wir hatten uns zwei Beduinen aus der Mitte der unsrigen zu Wegweisern ausgewählt, zu den zweien gesellten sich jedoch ungebeten, angeblich unsrer Sicherheit wegen, noch zwei andre, unter ihnen der verständige jüngere Scheikh oder Karawanenführer.

Der Hor besteht, wie sein Nachbargebirge, aus einem bunten Sandsteine, in welchem, wie in manchem vaterländischen Sandsteine, hellere und dunklere, braungelb und röthlich gefärbte Streifen aufs Mannichfaltigste wechslen. Die Streifen sind bald breiter bald schmäler, bald gerade bald bogenförmig gekrümmt, sie geben öfters, besonders im Thal von Petra, den Felsenwänden das Ansehen von gemahlten Tapeten. Aus der körnigen Hauptmasse stehen Kugeln, kleinere wie größere, hervor, in deren Innrem die bunten Lagen concentrisch, eine um die andre sich fügen. Das Gebirge ist von vielen senkrechten Klüften durchschnitten; zu den natürlichen Aushöhlungen, die sich an manchen Stellen finden, kommen, besonders an dem Abhange gegen Petra hin, jene von Menschenhand eingehauenen Grüfte und Höhlenräume, von denen ich nachher reden will. Der Scheitel des Hor ist durch eine seichte Einbuchtung in zwei Gipfel getheilt, auf deren einem, östlicheren Aarons Grabmahl steht. Unsre Beduinen führten uns einen einsamen Steig, welcher jenseits eines Thales, das wie ein Burggraben die Bergveste umzieht und gegen Petra hinabläuft, seine nördliche Richtung verließ und sich nach dem westlichen Theile des Berges wendete, dann aber wieder, etwas minder steil, nach dem östlichen Gipfel hinüberzog. Wir sahen am Abhange des Berges viele Cypressen; eine schöne Phlomis fieng eben an ihre großen, goldgelben Blüthen zu entfalten, eine rothe prächtige Anemone schmückte an vielen Stellen den Boden; mehrere Cistusarten, zum Theil schon verblüht, wachsen, mit dem Gesträuch des Ginsters und einer kleinen Art von Fichte vermischt[110]. Schon ziemlich nahe am Gipfel kamen wir an eine Schlucht, in welcher, noch recht wohl erhalten, Stufen hinauf führen und noch etwas höher hinan fanden wir, in derselben Schlucht, alte Bauwerke: bogenartige Gewölbe, unter denen eine Art von gemauerter unterirdischer Kammer oder Cisterne offen vor Augen lag. Vor alten Zeiten stund am Abhange des Hor ein christliches Kloster; sollten diese für ein vereinsamtes Kloster fast zu prächtig erscheinenden Bauwerke von diesem die Ueberreste seyn? Von dort wird in Kurzem der Gipfel, mit dem viereckten Gebäude erreicht, welches die Andacht der Mohamedaner über Aarons Grabe erbaute. Auf dem letzten Theile unsers Weges, besonders aber auf jenem der zwischen dem großen, gemauerten Wasserbehältniß und dem Gipfel lag, so wie am nordöstlichen Abhang von diesem fanden wir eine große Menge von Scherben dicker, irdener, auch steinerner Gefäße, dazwischen auch Stücklein von gefärbtem Glase, ähnlich jenem, dessen Trümmer wir öfters in der Nähe der Aegyptischen Pyramiden gesehen. In welcher Zeit diese Gegenstände hieher kamen, möchte schwer zu bestimmen seyn; das Thal von Petra zeigte uns ähnliche; vielleicht war es die Andacht der späteren Geschlechter, welche hieher diese Gaben brachte. Denn Haruns des Propheten Grab, ist selbst den jetzt lebenden Nachkommen Ismaëls und Edoms, wie allen Mohamedanern so heilig, daß sie, wenn sie auf ihrem Vorüberzuge den Gipfel des Hor mit seinem viereckten Gebäude auch nur von fern erblicken, ein Opferthier schlachten und über dem Blut desselben einen Steinhaufen errichten; wir sahen solche Opferdenkmale nicht bloß auf der näher am Fuß des Hor gelegnen Hochebene, sondern selbst noch auf der nächsten Tagreise, hinwegwärts vom Wadi Musa öfters an unserm Weg.

Auch unsre Beduinen näherten sich dem Grabe des Propheten und betraten sein Innres mit Zeichen der Ehrfurcht; mich aber erhub und beugte zugleich das mächtige Gefühl dieser unvergeßlichen Stunde in solchem Maaße, daß ich vergaß, daß ich nicht in der stillen Kammer sey. Abrahams Söhne, dem Fleische nach, beten hier gebückt im Staube den Gott Jacobs, den Trost der Väter an, obgleich sie den großen Namen nicht kennen; wie sollte dann ich, der ich den Namen kenne, vor welchem sich beugen sollen die Kniee Aller, die auf der Erde und unter der Erde sind, nicht dasselbe thun? Mir war es auch hier, als fühlte ich, vielleicht als Folge der Nüchternheit und Stille des Wüstenlebens und der heutigen, langen Bewegung in der reinen, balsamischen Gebirgsluft, den Geist viel entfesselter vom Leibe, denn gewöhnlich; das Saitenspiel meines Innren ertönte von einem Liede, dessen Inhalt dem des Jubilus Bernhardi glich; ich fühlte im Nennen des großen Namens einen Vorschmack der Freuden der Ewigkeit.

Die Beduinen hatten die Einkehr in die geistige Heimath nicht gestört. Sie hatten sich, mit einer an ihnen noch ungewohnten Achtung Dessen, was die »Ungläubigen« thaten, in einen Winkel des Gebäudes, auf die vorspringende Mauer gesetzt. Dennoch weigerten sie sich uns durch angezündetes Gesträuch oder Reißig das eigentliche, untere Grabgewölbe zu beleuchten, zu welchem man auf mehreren Stufen hinabsteigt. Wir versuchten denn dieses zuerst allein und ohne Licht. Da ich aber unten, auf dem ebenen Boden, einige Schritte im Finstern vorwärts tappte, fühlte ich mich an meiner Brust »wie durch zwei eiserne, bewegliche Arme« (so beschrieb ich meinem jungen Reisegefährten die Empfindung) gehalten und gehemmt. Wir stiegen wieder hinauf und fanden unsre Beduinen in einem Gespräch begriffen, dessen Gegenstand ein bei ihnen gewöhnlicher war: das sogenannte Trinkgeld für die Mühe, oder der »Backschisch.« Ich fühlte mich gedrungen mit den wenigen Worten Arabisch, welche mir zu Gebote stehen, sie daran zu erinnern, daß nicht das Geld (»Fluhs«) etwas Großes und Gutes sey, sondern Gott sey groß und gut und Den solle man vor Allem im Herzen tragen. Sie hörten mein gebrochenes Arabisch freundlich und aufmerksam an, und nach einiger Zeit ließ sich der junge Scheikh willig finden, einige Bündel dürrer Zweige anzuzünden und mit ihnen die unterirdische Gruft uns zu beleuchten. Jetzt sahe ich die »eisernen, beweglichen Arme,« die mich bei meinen Herumtappen im Finstern an der Brust gehalten und gehemmt hatten. Es waren zwei metallene, wie mir schien eiserne Flügelthüren, welche halb offen stunden, und welche mit ihren inneren Seiten nach vorn, gegen den Kommenden gerichtet waren. An den Wänden umher sahen wir viele, Hebräisch und Arabisch geschriebene Namen und Denksprüche; das getünchte Gemäuer aber, welches über und um den vermuthlichen Eingang zur alten Gruft gelegt ist, reicht, mit der Zeit seines Entstehens gewiß nicht in ein früheres Jahrtausend hinein, sondern mag vielleicht nicht viel älter oder von gleichem Alter mit dem oberen Mohamedanischen Ueberbau des Grabmahles seyn. Noch jünger ist der (Türkische) Sarkophag, welcher im oberen Gebäude, dem Eingange gleich entgegenstehend gefunden wird; er gleicht jenen, dergleichen ich später in Abners wie in Rahels Grab, besonders aber in den Grabmählern der Mohamedanischen Heiligen öfters sahe.

Während mein junger Reisegefährte ~Franz~ diesen vom Tageslichte hell beleuchteten Sarkophag sammt seinen Hebräischen und Arabischen Inschriften, davon jene Namen jüdischer Pilgrime sind, so genau als möglich abzeichnete, trat ich zur Thüre hinaus und genoß der hehren Aussicht, die sich dem Auge hier darbeut. Das höchste Interesse für mich hatte, schon durch seine Gestalt, noch mehr aber durch seine uralte Geschichte, das Gebirgsland, welches ostwärts und nordöstlich, jenseits des Thales von Petra sich erhebt. Die zerrissenen Reste des Nebels, welcher heute am Morgen als Regengewölk auf dem Gipfel des Gebirges lag, zogen wie weidende Lämmer über die Bergabhänge hin; ein großer Theil dieser östlichen Höhen scheint, wenn auch sparsam, von grünem Weideland bekleidet; seine Schluchten sind mit dem Wald der Cypressen und anderen Bäumen, so wie mit Gesträuch bedeckt. Der Form nach sind jene östlicheren Höhen nicht mehr Sand- sondern Kalkstein. Jenseits dieser Höhen, in Südost von Petra lag einst Bus (wahrscheinlich das jetzige Bosta), von welchem Elihu, dort bei Dhana lag Suah (später Szyah), von welchem Bildad kam, um Hiob zu trösten; er selber aber, der Dulder, dessen nach Ihm fragenden und thränenden Auge der Allmächtige selber begegnete, wohnte weiter gen Norden hin, in dem jetzigen Gebalene. Hier aber, näher am Fuße des Berges, wo das frische Wasser der Bäche ein ganzes, dürstendes Volk zu tränken und das Grün des Weidelandes auch für Heerden des Viehes zu erzeugen vermochte, beweinete Israël die Zeit der vierzig Trauertage hindurch, den ersten der Hohenpriester; den Bruder jenes Mannes Gottes, »welcher in Seinem ganzen Hauße treu war.«

Die Aussicht vom Hor hinüber nach Hiobs Lande, herab in das Thal des Moses und auf Petras Gräberstadt, so wie in die Spalten und Schluchten des Hor selber; dann nach Westen hin der ungehemmte Hinausblick über die weite Thalebene der Araba, waren von einer Art, daß ich gern Tage lang hätte hier verweilen mögen. Dazu war es da auf der Höhe so lieblich kühl, daß ich freiwillig den Schatten des Gebäudes verlassen und mich hinausgesetzt hatte, an die mild wärmenden Strahlen der Sonne, zu einer Art von Seitenanbau des Grabmahles. Wie viele dieser Werksteine, zum Theil aus weißem Marmor, aus denen die Hände der Mohamedaner das jetzige Gebäude aufgeführt haben, mögen noch, wie dies einige Spuren auch im Innren bemerken lassen, Inschriften enthalten, die uns Kunde über die ältere Geschichte des Hor geben könnten. Doch uns selber blieb, auch nur zur äußerlichen Beaugenscheinigung der jüngeren Zusammenfügung alter Trümmer, heute wenig Zeit; der Stand der Sonne so wie unsre Beduinen erinnerten uns daran, daß der Mittag nicht mehr fern und daß es mithin Zeit sey, die vorangegangene Reisegesellschaft in Petra aufzusuchen.

Der Hinabweg vom Hor gegen Petra hin war steiler als der Heraufweg, brachte uns aber in kurzer Zeit zu den äußersten Ausbreitungen der merkwürdigen Felsen- und Höhlenstadt. In der That ein wunderlicher Bau; einzig vielleicht, in solcher Art und Größe unter allen jetzt bekannten Menschenwerken. Wohin man sieht, überall, wenigstens in dem was zuvörderst ins Auge fällt, etwas Andres und Neues; eine Mannichfaltigkeit der Formen, wie sie etwa bei einem Römischen Volksfeste an den Trachten der Menschenhaufen bemerkt wird, unter denen man den reich gekleideten Engländer oder Franzosen neben dem Italienischen Fischer oder Lazaroni, den Soldaten oder Bürger neben den Geistlichen der verschiedenartigst gekleideten Orden bemerkt. Das Thal von Petra ist ein riesenhafter Saal, den die Natur mit aller Fülle, der ihr selber eigenthümlichen Architektonik aufgeführt, seine Wände in orientalischem Geschmacke aufs schönste ausgemahlt hat (nach S. 419) und in welchem sich alle Geschlechter und Jahrhunderte der älteren Baukunst versammelt haben, um da ihre Studien zu machen. Die jüngsten und spätesten Meister, welche in diesem Studiensaale hausten und Werke hinterließen, waren die Römer, von denen noch lateinische Inschriften der Gebäude reden; die ältesten stammten von jenem Geschlechte her, welches »in Felsenklüften wohnte und hohe Gebirge inne hatte.« »Dessen Streben es war sein Nest so hoch zu machen als die Adler«[111], bis dennoch seine trotzige Brut aus dem unersteigbar scheinenden Felsenhorste heruntergestürzt ward, durch die Hand des Herrn. Die Römer, für welche Petra ein wichtiger Zwischenpunkt des Handels und Verkehres mit den Völkern des Ostens und Südostens war, baueten in dieser Bauschule der Felsen noch in den kunstreichen Zeiten des Kaiser Hadrian und Antonins des Frommen; und vielleicht aus noch jüngerer Zeit mag das Grabmahl seyn, das sich, nicht fern vom Römischen Amphitheater, links von dem Eingang in das Engthal des Mosesbaches, gen Eldschi hinan, durch seine, für uns wenigstens unleserliche griechische Inschrift auszeichnet. Jene Adler aber, die dort oben, in einer Höhe von mehreren hundert Fuß über der Thalsohle die Horste der Felsenhöhlen anlegten, die konnten zu der nordischen Nachtigall, welche des Orpheus und Linus, damals neue, Sybillinische Lieder sang, sagen, wir sind älter als du. Die Kraft des Gedankens der ein ganzes Felsengebirge in Denkmale der Menschennamen gestalten wollte, die einst genannt und hochgepriesen, aus eigner Macht sich mit der Unvergänglichst des ewigen Wortes zu überkleiden suchten, ist hier dieselbe, wie in den gleichzeitigen der Tempelfelsen von Elephantine, oder wenigstens der Bauwerke des Aegyptischen Theben. Und dennoch, bei all dieser Kraft, welche die »Zeit der Riesen« ihnen gab, haben die ältesten Baumeister von Petra, wenn man sie mit denen von Theben und Elephantine vergleicht, sich einer ähnlichen Freiheit gebraucht, wie die Bewohner einer, vom Herrschersitz weit abgelegnen Landgemeinde, bei der Anlage ihres Kirchhofes. Da spricht sich auch in der Form der Denksteine und im Inhalt der Inschriften nicht der mathematisch, nach einem festen Gesetz gestaltende, ruhige Verstand, noch weniger ein durch äußres Ansehen festgestellter Typus, sondern das in den mannichfachsten Formen sich darstellende, lebendig bewegte Gefühl aus. Denn das Fühlen gehet bei solchem Werk dem mathematischen Erkennen voraus.

Ich habe schon öfter, wenn ich den Eindruck beschrieb, den der Anblick des Römischen Amphitheaters, mitten unter den Felsenwerken von Petra (es ist übrigens selber großentheils aus dem Felsen gehauen) auf mich machte, an jenes, aus Brettern gebaute Theater erinnert, das die jetzt lebenden Bewohner von Verona auf der Arena des dortigen alten, Römischen Amphitheaters errichtet haben. Dem Reisenden, welcher von einem der oberen Umgänge dieses antiken Bauwerkes herabschauet, erscheint allerdings, jenes moderne, zur Belustigung des Volkes so gut ausreichende, sehr kleinlich. So ergeht es auch dem Wandrer, der von der Anhöhe über den Römischen Schauplatz hinab- und hinüberschaut, auf das Werk vom Titanischem Samen: auf die Reihen der Höhlengebäude an der Wand des Gebirges. Hatten denn die alten Erbauer dieser Felsenwerke Flügel, wie die Adler, mit denen sie sich da hinauf erhuben, an dem senkrecht steilen Abfall? wer könnte ihnen jetzt, selbst mit Füßen der Gemse, nachklimmen? Wie sich der Gedanke an eine Ewigkeit verhält, die mit ihren Kräften zwar schon in das jetzige Leben, gleich dem Morgenlicht durch die Spalten einer dunklen Felsenkluft, hineinbricht, dennoch aber erst jenseits des Grabes ihren Anfang nimmt, zu dem Gedanken der das Gewebe der Spinne, die gestern und heute spann, umfasset; so verhält sich das alte Edomitische Petra, zu dem Spielhaus der Römer. Denn der größeste Theil der frühesten Denkmäler, unter deren das junge Römerreich sich ansiedelte, gehört, als Namenszug der Hinübergegangnen und als Zeichen der Hoffnung, daß der Seele auch nach dem Tode ein Fortwirken möglich sey, nicht dem Bedürfnisse oder der Belustigung des schnell hinschwindenden, leiblichen Lebens, sondern dem Reich des geistigen Seyns an.

Eines der größesten Kunststücke der Genien, oder Dschenni, ist doch gewiß das, daß sie ihre Bauwerke nicht wie wir staubgebornen Menschen von unten, vom Boden beginnen, und so allmälig zur Mitte und zur Vollendung des Daches fortgehen, sondern daß sie von oben, vom Giebel anfangen und dann die Mitte, zuletzt das Unterste ausbauen, auf welchem das ganze Gebäu fußet. Im Grunde ist dies derselbe Weg, auf welchem die mütterlich bildende Weisheit alle Lebendige bereitet, denn am Küchlein im bebrüteten Ei sind es auch, nicht etwa zuerst die tragenden Füße oder die Flügel, welche den Anfang des Gestaltens machen, sondern dieses beginnt bei Dem das getragen wird: bei dem Gehirn, bei den Augen, dem Herzen und bei allen andren Obersten und Innersten, und erst nachher entfalten sich die Knospen der äußeren und unteren Theile. Wollten wir jedoch, bei uns zu Lande, einem Architekten es aufgeben, er solle zuerst den Giebel des Daches, dann die oberste Etage, und bei gelegner Zeit auch die mittlere, dann die unterste und zuletzt die Grundlage des Ganzen vollenden, so würde ihm die Lösung der Aufgabe einige Schwierigkeit machen. In Petra aber, der alten Felsenstadt, welche die Beduinen als ein Werk der Aegyptischen Pharaonen preisen (und allerdings gehört diese Stadt der Zeit des älteren Pharaonenreiches an), kann man dem Kunststück der Gebirgsgenien noch jetzt so genau zusehen, als wäre man bei seiner Ausübung dabei gewesen. Da bemerkt man mehrere angefangene Gebäude, von denen bloß Giebel und Dach, andre an denen schon die obersten Kapitäler der Säulen, die den Giebel tragen, vollendet herausstehen an den lichten Tag; die Schäfte aber, auf denen die Kapitäler ruhen und noch weniger der Fußboden, auf dem die Säulen gründen sollen, sind noch gar nicht angefangen: es ist da ein in der Luft schwebendes Dach, das nur vorerst nicht durch die leiblichen Massen, sondern von dem nach oben wurzelnden Gedanken gehalten wird. -- Denn weil die Gebäude von Petra unmittelbar aus der Felsenmasse selber ausgehauen wurden, begann die Arbeit von oben, und endete nach unten.

Man frage nicht, in welchem Style diese sonderbaren Werke geformt sind. Zwischen den abentheuerlichen Plänen und Träumen unsrer frühesten Jugend und den Thaten wie Gewährungen, welche in die Zeit des gereiften Mannesalters fallen, ist allerdings Verwandtschaft und innre Beziehung, aber die Seitenauswüchse der Blätter, welche damals dem jungen Stamm die erste Nahrung gaben, sind hinweggefallen und die geradlinigtere, entschiednere Form ist hervorgetreten. In den Säulenordnungen der Gebäude von Petra glaubt man bald Annäherungen an die Dorische, bald an die Ionische, andre Male an die Korinthische Form zu erblicken, doch gewiß ist, daß die Letztere auch hier, als eine sehr alt Orientalische, nicht als eine erst aus dem Abendlande eingewanderte erscheint. Zuweilen ist der obere (früher entstandene) Theil des Werkes von ganz andrem Style, denn der untere, weil entweder eine um Jahrhunderte spätere Zeit, den aus der Hand gefallenen Faden in ihrer Weise weiter gesponnen, oder auch, weil der freie, seinen eigenen Einfällen überlassene Geist der Erbauer, während der Arbeit selber auf andre, neue Vorbilder seines Nachbildens gerathen war. Wie auf unsren Kirchhöfen selbst unter den kunstreichsten Ehrendenkmalen nur eine kunstlose, einfache Behaußung für den Sarg und seine Gebeine gefunden wird, so bemerkt man auch innerhalb der vielversprechenden, tempelartigen Portale der Ehrenmäler von Petra öfters nur einfache, roh in das Felsengestein gehauene Kammern, zur Aufnahme, einst der Todten, später auch zur Wohnung eines ohnmächtigeren, noch lebenden Geschlechtes.

Wir Alle, auch meine früher als ich hier angekommene Reisegefährten, blieben im Ganzen nur sieben oder acht Stunden bei den Ruinen von Petra. Dennoch haben die beiden, im Aufzeichnen geübten Begleiter, Herr Maler Bernatz und Doctor Erdl einige der bedeutungsvollsten Punkte der alten Gräber- und jüngeren Krämerstadt aufgenommen. Wir Andren haben uns, der Eine dahin, der Andre dorthin zerstreut, und da zuletzt, eine durch gemeinsame Absicht so nahe verbundne Gesellschaft, in allen ihren Gliedern für einen Mann steht, beschreibe ich zuerst den Gesamtüberblick den wir uns erwarben, ehe ich zu der Spezialgeschichte dieses meines Reisetages übergehe.

Nicht fern von den Ueberresten des Römischen Amphitheaters nimmt ein Engthal der Sandsteinfelsen seinen Anfang, welches, von dem jenseits, in Osten gelegnen, von Mauern geschützten, mit Aeckern, Obstgärten und Weinpflanzungen umgebenen Eldschi her den eigentlichen Eingang nach Petra bildet. +Dr.+ ~Roth~ drang zuerst und am tiefsten in dieses Engthal ein, das einer Felsenkluft gleichet, durch welche der Bach fließt. Er sah da Dasselbe, was Laborde und andre, frühere wie spätere Reisende gesehen: den wunderschönen Tempel, der aus einem Stücke der heller farbigen, röthlichen Sandsteinfelsen gehauen, eines der prachtvollsten Gebäude des Thales ist; weiterhin findet sich der sonderbare Bogen, der sich von dem Dache der einen Thalwand zu dem andren herüberspannt. Die reich bewachsene Kluft ist öfters so eng, daß mitten am Tage nur ein dämmerndes Licht sie erhellet. Der Tempel, welcher, wenn auch ein später bauendes Volk an der Façade manches veränderte, dennoch ursprünglich nur zum Ehrenmal der Todten bestimmt war, wird von den innwohnenden Beduinen das Khasneh oder Schatzhaus des Pharao genannt; Laborde giebt von ihm in seinem Werke eine getreue Darstellung. Diesseits des architektonisch reichen, an seinen Wänden öfters von Grabhöhlen durchbrochenen Engthales, in dem eigentlichen Innenraum oder Edomitischen Adlernest des Petrathales finden sich die meist in pyramidale Giebel endigenden, von Säulen der verschiedensten Tonweisen getragnen Portale von scheinbaren Gebäuden, deren innre Ausführung wie die Erwartung des Verborgenen, welches das Grab verhüllt, nur von der Seele der Erbauer hinzugedacht, nicht leiblich verwirklicht ward. Denn wer mit der Erwartung, etwa eines Tempelgewölbes durch die Thüren des Portales hineintritt, der sieht sich getäuscht; er findet da meist nur einige enge Kammern. Der Mensch, wenn er am Tage auch noch so weit herumgezogen und gewirkt hat, nimmt, wenn der Schlaf ihn befällt, gern mit der engen Ruhestätte am Boden vorlieb. -- Unten im Thale, in welches der Bach, bald zwischen dem Felsenschutt verschwindend sich ergießt, haben die Beduinen der Umgegend Pflanzungen, selbst von Ackerfeldern angelegt; dazwischen zieht sich eine alte, auf Römische Weise gepflasterte Straße hin; Ruinen von Tempeln, Brücken, selbst die eines Triumphbogens bezeugen es, daß der untre Theil des Thales schon in ziemlich alter Zeit mehr für die Wohnungen der Lebenden, als zu Verwahrungsstätten der Todten bestimmt war; die obersten Schwalbennester aber, in den Bergwänden sind die Häußerburgen der anfänglichsten Bürger von Sela, während des Lebens, so wie nach dem Tode gewesen. Auf einem der Hügel des untern Thales liegen die Ruinen einer Art von Akropolis aus spätrer Zeit.

Soll ich auch noch etwas von meinen eignen, innren Erfahrungen an diesem Tage sagen? Mir, da ich vom Gipfel des Hor, aus dem Kreise der Gedanken und lebenskräftigen Gefühle, die dort mich bewegt hatten, heruntertrat in dieses Thal einer wahrhaftig bewundernswürdigen Menschen-Herrlichkeit, ergieng es dennoch wie Einem, der den theuren Freund, von welchem er heute auf lange Zeit Abschied nahm, hinausbegleitet hat, der Abendsonne entgegen, ins Freie; und der nun bei seiner Zurückkehr in die Stadt hineintritt aus der Tageshelle in einen verdunkelten, nur von Kerzenlicht beleuchteten Konzertsaale. Das Auge war geblendet und sahe minder scharf als sonst; das Lied aber, welches die Tonkünstler spielten, hatte eine erhebend schöne Melodie und der Text, ich werde ihn nie vergessen, war von jenem Dichter, welcher zugleich der größeste der Prediger und der weiseste der Könige gewesen, er lautete und wiederholte die Worte oft: es ist Alles eitel; Alles Thun der sterblichen Menschen ist eitel; nur Eines bleibet, der Geist, der zu Gott gehet, von welchem er kam.

Wir beiden, mein Begleiter Franz und ich, sahen, da wir von Aarons Grabe auf dem Hor herunter kamen in die Mitte der wunderlichen Edomitischen Höhlenstadt, zuerst nur die Kamele weiden auf dem grünenden Thalboden. Nach einiger Zeit entdeckten wir den fleißigen Maler Bernatz, der vor einem der höher gelegnen Gebäude zeichnend saß und hörten den Ton der geognostischen Hämmer. Der übrige Theil der Gesellschaft, zu dem auch die treue Hausfrau gehörte, hatte sich in eine der geräumigsten, innerlich mit Säulen, die aus dem Felsenganzen gehauen waren, verzierte Höhlenwohnungen begeben. Unsre Beduinen saßen hier bei dem angezündeten Feuer und wollten sich ihr schwarzes Lieblingsgetränk bereiten, zu welchem wir ihnen gerne, nach ihrem Begehren, den nöthigen Stoff gegeben hätten, wenn wir damit versehen gewesen wären. Wir waren aber heute am Morgen so eilig fortgezogen, daß wir es ganz vergessen hatten an das Bedürfniß der Küche zu denken.

Nach kurzem Ausruhen giengen auch wir hinab zu dem Hauptplatz der alten Stadt, wendeten uns dann nach dem Römischen Amphitheater, und von diesem zum Ufer des Baches hin, der aus dem vorhin beschriebenen Engthal hervorbricht. Nach so vielen neuen Genüssen der Sinne zog mich bald ein alter, längst entbehrter an. Ich saß am Bächlein nieder; wie lange hatte ich kein solches gesehen und kein so frisches Wasser getrunken. Das Ufer duftete von dem wohlbekannten Geruche einer Art von Wassermünze, welche der unsrigen (der +Mentha aquatica+) sehr ähnlich war; die darüber schattenden Bäume erinnerten mich an unsre Erlen; jenseits des Ufers wuchs eine Hyazinthenart, welche aufs vollkommenste der Schopfhyazinthe (+Hyacinthus comosus+) glich, die ich in meiner Jugend so oft in der Nähe von Zirndorf, bei dem lieben Nürnberg gesucht und gefunden hatte; ich glaubte daheim zu seyn, an einem Bache des Vaterlandes. Zugleich regte sich der vaterländische wie ausländische Hunger. Ein zusammengerolltes Stück Arabischen Kuchenbrodes, das ich vor fast acht Tagen zu mir gesteckt, und das dem Munde nicht mehr genießbar geschienen hatte, legte ich, beschwert mit einem Steine (damit das muntre Bächlein mir es nicht entrisse) ins Wasser. Ich trank in vollen Zügen aus der hohlen Hand und aß dazu das mäßig erweichte Brod. Mir konnte das Mahl an der Tafel eines reichen Fürsten nicht besser schmecken als dieses Mahl der Wüste; kein Wein der Erde das Herz mehr erfreuen als dieses Bachwasser.

Ja, du mein Hirte, leiblich wie geistig führest du mich auf grüner Aue, zum frischen Wasser. Du lassest kein Gutes mir mangeln, du tränkest mich, auch in der dürren Wüste, mit Strömen der Freude. Darum sollst Du seyn und bleiben meine Zuflucht für und für, mein Gott, auf den ich hoffe; Dein Stecken und Stab sollen mein Trost und mein Führer seyn, bis zum dunklen Thal des Todes.

Noch war es nicht ganz entschieden ob wir zur Lagerstätte zurückkehren oder heute Nacht in unsern Felsenkammern bleiben sollten. Dem drückenden Mangel an Lebensmitteln hofften wir durch Ankauf von Brod und vielleicht auch eines Lammes von den umwohnenden Beduinen abzuhelfen. Einige dieser Leute hatten sich schon im Thale sehen lassen, waren aber, bis auf einen, der mit unsern Führern wohl bekannt schien, wieder verschwunden. Da wir jedoch jetzt zu den Unsrigen zurückkehrten, hörten wir schon von ferne das laute Geschrei zankender Männer. Eine Schaar jener fremden Beduinen, unter ihnen etliche von so wildem, rohen Aussehen, wie mir auf dieser ganzen Reise noch keine vorgekommen, hatte sich um die unsrigen versammelt und schalt diese als wären sie Räuber und Feinde, die in ein fremdes Gebiet eindrangen. Auch mochte wirklich das Vernehmen der beiden Stämme bei dem damals ausgebrochnen Kriege zwischen Ibrahim Pascha, dessen Verbündete die unsrigen waren, und den Beduinen von Kerek nicht das beste seyn. Im günstigsten Falle hätte die Sicherheit der nächsten Nacht, hier in Petra, durch eine Abgabe von mehreren hundert Piastern, an den Scheikh von Eldschi erkauft werden müssen; unsre Beduinen schienen jedoch auch für die Sicherheit ihrer Kamele besorgt, sie trieben diese eilig zusammen, und wir machten uns zum Aufbruch fertig.

Auf dem Rückweg, der für mich und meinen Begleiter ein andrer war als jener Weg, der uns vom Hor hieher geführt hatte, traten wir noch ins Innre mehrerer Grabeskammern; sahen die zusammengesetzte, hohe Säule am Ende des Thales und mehrere andre Bauwerke; außer dem schönen, kuglichen Sandstein und der schon erwähnten neuen Krähenart, hatten meine jungen Freunde eine noch unbekannte Art der Süßwasser-Conchylien, vom Geschlecht der Carocolla erbeutet.

Das herrliche Wadi Musa war zuletzt nur noch von der späten Abenddämmerung und dann von dem Lichte des Vollmondes beleuchtet, als wir aus seiner Mündung heraustraten in die Ebene, in der unser Zelt lag. Wie die Biene, die an vielen Blumen eines grünenden Feldes sich satt gesogen, kehrte unsre Seele, reich beladen von den Vorräthen ihrer heutigen Gefühle zurück zu ihrer stillen Einkehr in den geistigen Ruheort. Ein lang ersehnter Hauptzielpunkt der Reise vom Sinai bis Hebron war leichter und glücklicher erreicht worden, als ich mir dies gedacht hatte: der Hor, mit dem einsamen Grabe auf seinem Gipfel, welches noch jetzt in hellem Lichte über das Feld der Geschichte hinstrahlet, und mit der Schaar der Grabeshöhlen zu seinen Füßen, welche in eine Tiefe der vergangenen Zeiten eindringen, die von keinem Lichte der sichren Kunde erhellt wird.

Reise durch das Ghor nach Palästina.

So groß die Anstrengungen des gestrigen Tages gewesen waren, brachen wir dennoch Dienstags den 21sten März schon kurz nach 6 Uhr des Morgens auf. Es war dies gegen unsre Erwartung und selbst gegen unsren Willen, denn in der Meinung, daß wir heute etwas länger ruhen wollten als gewöhnlich, hatten wir gestern durch den Beduinen in Petra, der mit den unsrigen bekannt schien (nach S. 435) und der uns bis fast an unser Zelt das Geleite gab, Milch, Eier und frische Arabische Brode aus Eldschi bestellt, die uns noch vor dem Dahah (vor etwa 9 Uhr des Morgens) gebracht werden sollten. Unsre Beduinen ließen uns ruhig diese Bestellungen machen; heute aber dämmerte kaum der Morgen da weckten sie schon die Arabischen Knechte und uns; da wir hinaustraten fanden wir die Kamele schon bereit zum Aufpacken, wir hatten kaum Zeit das Frühstück zu bereiten und einzunehmen, zu welchem uns der jüngere Scheikh einen Becher sehr wohlschmeckender Kamelmilch schenkte, denn unter unsern Thieren war eine Mutter mit ihrem Füllen, welche den übrigen das Ehrengeleite gab, indem man der ersteren nur ein leichtes Gepäck auflegte. Auch das eine von unsern Kamelen, jenes welches den Reissack trug, hatte es heute auffallend leichter als früher, denn dieser Vorrath hatte sich gestern, während unsrer Abwesenheit, so stark vermindert, daß wir den alten Bekannten bei unsrer Rückkehr am Abend kaum wieder erkannten. Wahrscheinlich hatten es die bei der Gerätschaft zurückgebliebenen Beduinen für rathsam gehalten die Last aus dem großen in viele kleine Säcke, und von einem auf viele Kamele zu vertheilen, denn so ehrlich sie in Beziehung auf Geld und andre Dinge der Art sind, so halten sie doch das stillschweigende Entlehnen von Lebensmitteln für kein Unrecht, um so weniger da es im jetzigen Falle wahrscheinlich mit Wissen unsers Knechtes geschehen war.

Da wir zu Kamel saßen trat der ältere Scheikh zu uns und sagte uns, daß wir uns heute, besonders am Vormittag auf einen möglichen Angriff von feindlichen Beduinen gefaßt machen müßten; wir sollten uns beim Reiten nahe zusammenhalten. Er selbst mit seiner Lanze in der Hand ritt an der Spitze des Zuges; ein andrer Beduine, auf einem flüchtigen Dromedar, ritt in einiger Entfernung vor uns her, stieg von Zeit zu Zeit ab und kletterte auf die Spitze eines Felsen oder bestieg einen Sandhügel, um mit seinen wohlgeübten Augen nachzusehen ob Alles sicher sey. Dabei brauchte er die Vorsicht nicht aufrecht zu stehen, sondern, damit er nicht selber gesehen würde, auf allen Vieren zu kriechen und sich auf den Bauch zu legen. Wir zogen leise -- denn keiner der Beduinen ließ heute seine laute, kräftige Stimme vernehmen -- und in ziemlicher Eile vorwärts, anfangs noch in dem Nebenthal das die Vorberge und Hügel der Ebene bilden, in welche der Wadi Musa mündet und im trocknen Bette der Gießbäche, welche in der Regenzeit nach dieser Richtung sich ergießen. Die Wände der Felsen bestunden aus buntem, merglichen Sandstein und Kreidekalk, in welchem sich öfters kleine Höhlen und mannichfaltige, gleichsam architektonische Naturspiele zeigten. Gebüsche des Tamarisken- und des Artasstrauches zierten den Boden; an den Felsen zeigte sich das Gesträuch der Kappern, hin und wieder jenes das der Cleomen. Das augenfälligste Gewächs das wir heute sahen, war jedoch eine wunderschöne Orobanche (+Heliopoea+) mit großen, gelb und blaufarbigen Blüthen. War es doch als sollten die feindseligen Bewegungen, mit denen wir, Gott Lob, von außenher verschont blieben, auf einmal in unsrer kleinen Karawane selber ausbrechen. +Dr.+ ~Roth~ hielt, wieder auf dem Kamele sitzend, einige der hier abgepflückten Exemplare der Orobanche in der Hand, um sie genau zu betrachten, da schlug sie ihm der Beduine, welcher das Kamel führte, mit der Lanze aus der Hand. Darüber wurden wir sehr aufgebracht, obgleich die That des Arabers wahrscheinlich aus guter Absicht gekommen war, weil er meinte unser Freund wolle diese in seinen Augen schädliche Pflanze essen. Auch zwischen Herrn Mühlenhof und einem der Beduinen brach ein Streit aus, wobei sich jener beinahe statt der lauteren Sprache der Worte der leiseren der Fäuste bedient hätte, wäre der ältere Scheikh der uns durch einen einzigen Wink der Lanze zum Recht verhalf, nicht als Schiedsrichter dazu gekommen. Der Streit war dadurch veranlaßt, daß Herr Franz seit mehrern Tagen aus freier Wahl meist zu Fuß gegangen war; indeß hatte ein Beduine sein Kamel in Besitz genommen, das er dem rechtmäßigen Reiter nicht wieder einräumen wollte. -- Während wir der Richtung der Gießbachbetten folgten und hierbei von einem Seitenthal ins andre kamen, hatten wir manche Krümmung gemacht, im ganzen jedoch vorherrschend die Richtung von Nordwest in Nord beibehalten. Dieser Richtung folgten wir auch da wir um 9 Uhr auf die freie Ebene der Araba herauskamen, welche von hier an nördlich bis zum todten Meer den Namen des Ghor führt. Die Aussicht war dort eine überaus weite und reiche. Vor uns die einige Meilen breite Fläche des Ghor, in Westen von dem Sandsteinzuge der Tyh begränzt; hinter uns das Gebirge Seir, über welches der majestätische Hor sein Haupt erhebt. Die Senkung des Ghor, von Ost gegen West war hier sehr augenfällig; wir ritten den ganzen Tag hindurch allmälig abwärts; an der Seite unsers Weges zeigten sich öfters jene Steinhaufen, womit die vorüberziehenden Araber die Stätte bezeichnen, an der sie, wenn sie Aarons Grabmahl von ferne erblicken, dem Propheten zu Ehren ein Opferthier schlachteten. Der grünende Saum der Bäume und Gebüsche, der an der niedren Westseite des Ghor sich hinzieht und den wir, seit unsrem Heraustritt in die Ebene immer vor uns sahen, war schon um drei Uhr erreicht. Unsre Beduinen, welche ihre Thiere heute zu ungewöhnlicher Eile angetrieben hatten, beschlossen hier zu halten; wir hatten dagegen nichts einzuwenden, denn die Hitze war überaus groß und drückend und die hochstämmigen Tamarisken versprachen uns erquicklichen Schatten.

Die Gegend, in welcher wir übernachteten erschien uns im hohen Grade beachtenswerth und wird jedem Reisenden so erscheinen. Sie ist, durch ihre tiefe Lage, ein Sammel- und Vereinigungspunkt der in der Zeit des Regens hier aus Ost und West zusammenströmenden Gewässer, und gleichet ganz dem Kessel eines kleinen ausgetrockneten Landsees, durch welches das breite Bette eines Flußes sich hinzieht. Mit einigen Stichen der Schaufel in den Sand hatten unsre Beduinen Wasser gefunden, das sie zum Tränken ihrer Kamele und zum übrigen Bedarf des heutigen Abends benutzten. Auch wir fanden es trinkbar; es hatte nur einen sehr schwachen, salzigen Beigeschmack. Nach den Berechnungen, welche Herr Prof. v. Steinheil, mit größester Vorsicht auf Dr. Erdls barometrische Messungen gründete, lag der tiefere Punkt des kleinen Thalkessels, an dessen Saume wir übernachteten 91 Fuß ~unter~ dem Spiegel des rothen Meeres, eine Thatsache die uns als eine kaum glaubliche erschienen seyn würde, wenn nicht die späteren barometrischen Messungen in der obern Jordansaue ähnliche unerwartete Resultate ergeben hätten. Von dem Punkte unsers vorigen Nachtlagers, an der Mündung des Wadi Musa, dessen Meereshöhe zu 2046 Fuß berechnet war, hatten wir uns mithin heute, im allmäligen Absteigen durch die Thäler und dann auf der Fläche des Ghor um 2137 Par. Fuß gesenkt. Der Maler Bernatz benutzte die letzten Stunden des Tages um von hier aus eine Ansicht des Eremitischen Gebirges mit dem Hor aufzunehmen; auch wir Andren nahmen, wenn auch nicht auf das Papier, doch in die Seele manche Eindrücke dieses Thales der Tamarisken auf, die sich in der Erinnerung zum lieblich reichen Bild gestalteten.

Mittwochs den 22sten März giengen die Meisten von uns zu Fuße der kleinen Karawane voraus, die sich, mit ihren Kamelen halb sieben Uhr in Bewegung setzte. Wer hätte aber auch hier an solchem Orte und zu solcher Zeit nicht lieber zu Fuße gehen als reiten mögen! Glich doch der freilich sehr schmale, nach beiden Seiten von der Wüste umsäumte Landstrich, durch den wir anfangs hinzogen, einer vaterländischen Frühlingsaue, so grün war er. Freilich erinnerte uns die ausländische Form der hier blühenden Gräser: der Aristiden, Penniseten, Eleusinen, und Danthonien bald daran, daß wir im außereuropäischen Lande seyen; die Bäume die uns von ferne wie Edeleschen oder Ahorne erschienen waren, zeigten sich in der Nähe als Arten der Cassien und südlichen Akazien; die vermeintliche Straße, die durch das Grün zog, war das trockne Bette eines Winterstromes, dennoch aber wehete uns schon hier die Luft einer Heimath an, denn wir naheten uns der Gränze des Landes unsrer Wünsche; des Landes in dem schon unsre Kindheit im Geiste gewohnt und sogar gewandelt hatte. Hatte ja doch auch heute schon die Mitte der stillen Woche begonnen, deren Ende wir noch in Jerusalem, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, doch in Bethlehem zu feiern hofften.

Wir zogen anfangs noch in fast nordwestlicher Richtung und kamen so um acht Uhr zu dem Brunnen Huaibi (Wuäbe), an welchem Palmenbäume stehen und der ein trinkbares, wiewohl etwas salpetrig schmeckendes Wasser enthält. Von hier an, wo wir fast eine halbe Stunde verweilt hatten, zog sich der Weg mehr in nördlicher Richtung über einen kleinen Hügel nach einer sandigen Ebene hinan, auf welcher ein großer, runder Stein lag. Jeder unsrer Beduinen strengte sich im Vorbeigehen an um den Stein ein wenig hinanwärts, nach der Richtung unsers Weges zu wälzen; auch unsre Knechte und zum Scherz einige der jungen Freunde halfen mit. Nach eingezogner Erkundigung erfuhren wir, daß es, nach der Meinung der Beduinen, mit diesem Stein eine gar besondre Bewandtniß habe. Derselbe rückt, so wähnen sie, von selber alle Jahre ein wenig weiter nach Süden hinab, und werde so zuletzt zum Meer bei Akaba kommen. Wenn aber dieß geschähe, dann sey der Tag des Gerichts, der Tag des Endes vorhanden. In früheren Zeiten habe dieses Fortrücken alljährlich nur etwa eine Armslänge (Elle) betragen; seit mehreren Jahren aber bemerke man an dem Steine, daß jetzt Alles zum Ende eile; denn er fange an ins Laufen zu kommen. Einer unsrer ältern Kamelführer wollte ihn noch selber vor etlichen Jahren fern von da, auf dem Abhange einer vor uns stehenden kleinen Anhöhe haben liegen sehen. -- Sonderbare Erwartung von großen, nahe bevorstehenden Veränderungen, die sich zu unsrer Zeit im Kopf und Herzen der Bekenner der verschiedensten Religionen: des Islam, des Mosaischen Gesetzes und des Christenthumes regt!

Gegen Mittag kamen wir in ein reich mit Gebüsch und Mimosenbäumen[112] bewachsnes Thal, dessen Gestalt ich wegen seiner vielen, engeren Nebenthäler und Schluchten mit dem innren Baue einer vielfächrigen Frucht vergleichen möchte. In dem Thale sind Quellen; die eine mit sehr hellem Wasser; unsre Beduinen hielten aber das Wasser für giftig und warnten vor seinem Genuße. Sie nannten diese Gegend Birsaba oder Mirsaba, indeß kamen wir nicht in Versuchung bei diesem Namen an das Bersaba der heiligen Schrift zu denken. Am Nachmittag zog sich unser Weg ziemlich hoch, wiewohl allmälig bergan und dann wieder eben so bedeutend bergab, bis wir rechts neben dem Abhange, an dem wir hinab stiegen, ziemlich tief unter uns ein grünendes, mit Strauchwerk bewachsnes Thal sahen. Noch auf der Anhöhe fiengen zuerst die Beduinen, dann aber auch unsre, von ihren Führern verlassenen Kamele an wild zu laufen und zu rennen, so daß wir Mühe hatten uns auf dem Rücken der Thiere zu erhalten. Jene thaten es, weil sie das gute Futter für ihr Vieh sahen und jeder vor dem Andren von dem besten Grasplatz Besitz nehmen wollte, diese aber, weil sie eben dieses Futter aus der Ferne witterten. Wir lagerten im Thale am Rande eines jetzt trocken liegenden Gießbachbettes, an der gähen Wand eines fast südwärts stehenden Felsen; nach Norden lag vor uns, jenseit des Thales ein hoher, kahler Berg. Ueber ihn und die Stätte unsers Lagerplatzes ertheilten uns die Beduinen, da wir nach dem Namen fragten, sehr verschiedne Auskunft; einige nannten beide ganz richtig Madara, ein Andrer nannte das Thal Figari und den Berg Assapha oder Assowa. Nach unsern barometrischen Messungen und den später darauf gegründeten Berechnungen lag auch das Bette des Gießbaches, an dessen Saum wir unser Zelt schlugen, noch 5 Fuß unter dem Meeresspiegel.

Der heutige Nachmittag und Abend hatten uns in eine, für den Freund und Forscher der heiligen Schrift sehr bedeutungsvolle Gegend geführt. Dieser Madaraberg und seine Umgegend sollten eigentlich den uralten Namen des Menschenherzens: »Trotzig und Verzagt« führen. Hier in der Nähe war Kades. Saras Magd, Ismaëls Mutter, die Hagar, da sie trotzig den Händen und den gerechten Demüthigungen ihrer Herrin entflohen war, irrte zwischen Kades und Sur, wo der Engel des Herrn sie fand und zur Rückkehr bewog (1. Mos. C. 16). Hier war die Stätte des Verzagens, bei welcher die Heere Israëls eine Nacht hindurch weinten, als die Kundschafter zurückgekehrt waren, welche dem Lande ein böses Geschrei machten (4. Mos. C. 13, V. 33; C. 4, V. 14). Aber über dieses Gebirge da gieng auch der Anlauf, den der Trotz nahm, welcher mit dem Verzagen wechselte, als Israëls Volk in eigner Kraft, bei der das Mitwirken des Herrn nicht war, hinaufzog um auch gegen den Willen des Herrn das verheißene Land zu erobern (4. Mos. C. 14, V. 40-45). Hier bei Kades, dessen Gebirge Madara allerdings, wie sein Name in dem Munde eines unsrer Beduinen klang, ein Assaph oder Versammler heißen könnte, weil diese Gegend mehrmalen ein Sammelpunkt der Heere Israëls war, starb auch, da die Zeit der vierzigjährigen Reisen ihrem Ende nahe war, Mirjam die Prophetin, die Schwester Mosis (4. Mos. 20, V. 1); hier in der Nähe war der Wunderquell jenes Haderwassers, bei welchem Israël sich durch den Trotz, Moses und Aaron sich durch die Verzagtheit des Unglaubens an dem Herrn versündigten.

Der Mond stieg über die Felsenwand in Südost heran und beleuchtete das tiefe Thal; die kleinen weißen Hügel des Gesteines erschienen uns wie Denkmale der Gräber, welche neben Mirjams Gebein hier so Viele aus dem Volke fanden. Die Beduinen saßen am Feuer und erzählten sich lebhaft, vielleicht von einem Kampfe der Ihrigen, der einst da, in diesem Thal gehalten worden. Obgleich wir mit diesen Beduinen nun schon manchen Tag gereist waren, hatten wir doch mit ihnen niemals so vertraulich zu werden vermocht, als wir es mit denen vom Towarastamm, namentlich mit unserm alten Hassan gleich in den ersten Tagen gewesen. Es war zwischen uns und ihnen ein Zaun, vielleicht der Vorurtheile gezogen, über welchen, wenn auch die Hände, doch niemals die Herzen sich recht eng einander zu nahen vermochten. Während wir mit unsern Towara-Beduinen zogen hatte selbst die Hausfrau öfters der Kochkunst der Wüste zugesehen; es gelüstete uns aber niemals die jetzigen Begleiter bei ihrer Feuerstätte zu besuchen, noch jene, sich ohne ein besondres Geschäft, unserm Zelte zu nahen. Doch was uns die Gegenwart versagte, das gab uns hier im reichsten Maße, die Erinnerung an die Vergangenheit; und wenn auch die sichtbaren Begleiter etwas fremd gegen uns waren, so erzeigten sich doch die unsichtbaren an diesem Abend unsern Herzen desto fühlbar näher und freundlicher.

III. Die ersten zwölf Tage in Palästina.

Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron.

Der 23ste März, es war der grüne Donnerstag, der mich heute vor 44 Jahren, vor dem Altar des Herrn, über die Gränzen des geistigen Landes der Verheißung, zu der Gemeinschaft des himmlischen Jerusalems eingeführt hatte, ist mir ein ganz besondrer Gedenktag dieser Reise geworden. Nach unsrer früheren Berechnung hatten wir heute in Jerusalem eintreffen und den schönen Tag in der Kirche des heiligen Grabes feiern wollen, und dieses wäre auch möglich gewesen, wenn uns nicht in der Nachbarschaft jener Stätte, da einst die Kinder Edoms die Heere Israëls am Weiterziehen hinderten, die Verbündeten Edoms, die Männer von Akaba aufgehalten, und wenn unsre jetzigen Beduinen das Werk der Förderung unsers Weges nicht so saumselig betrieben hätten. Aber wenn auch nicht in die Thore von Jerusalem, führte uns doch dieser Tag in die sichren Gränzen des alten Landes der Verheißung ein.

Doch, wie dieß uns Pilgrimen und Bürgern der Erde so oft begegnet, dem Aufschwunge zum neuen, höheren Moment des Lebens mußte ein harter Kampf, ein Vorschmack wie von der Ermattung des Todes vorangehen. -- Unsre Beduinen waren erst kurz vor sieben Uhr zum Aufbruch fertig, da die Sonne schon sehr heiß schien. Wir zogen Anfangs über das ziemlich breite Thal hinüber, bis wir nach etwa drei Viertelstunden an das hohe Gebirge (Madara) in Nordwesten kamen. Dieses besteht ganz aus Kalk, dessen Schichten sehr steil gegen Osten einfallen; unten in der Schlucht, durch welche der Bergweg anstieg, zeigten sich einzelne Mimosenbäume mit denen die Natur von Arabien gleichsam Abschied von uns nahm, denn es waren die letzten, welche ~wir~ auf unserm Wege sahen. Wir waren abgestiegen von den Kamelen, wir drei, die Hausfrau mit ihrer Freundin und ich folgten dem Beduinenweibe, welches als Besitzerin der beiden Kamele, auf denen abwechslend, einen Tag um den andern unsre beiden Reisegefährtinnen ritten, bei der Karawane war. Die Araberin führte uns einen Richtweg, der allerdings viel gerader nach der Höhe hinangieng, als der andre, welchen die Kamele und unsre Reisegefährten einschlugen, dafür aber auch desto beschwerlicher war. Er stieg so steil empor und der Reflex der hellen, heißen Sonnenstrahlen von seinem weißen Gestein war so heftig, daß mir es öfters vorkam als wollte mir, wie in einem Gluthofen, der Athem versagen und das Auge erblinden. Wir fanden übrigens an diesem steilen Abhange deutliche Ueberreste von eingehauenen Stufen. In einer Bergschlucht, in der wir, nahe beim Gipfel, ausruhten, zeigte sich ein altes, festes Gemäuer, wie von einer ehemaligen, nun aber ganz versandeten Eintiefung oder Cisterne, für das vom Gebirge kommende Regenwasser. Wir waren bis zu diesem Ausruhepunkte, wie dieß die barometrischen Messungen ergaben, schon mehr denn doppelt so hoch als der Straßburger Münster, oder die höchste der Aegyptischen Pyramiden ragt, nämlich 902 Par. Fuß gestiegen; die Abkühlung im nothdürftigen Schatten eines kleinen Felsenvorsprunges brachte nur wenig Stärkung. Jetzt kamen auch unsre Reisegefährten neben den Kamelen einhergehend nach; wir zogen mit ihnen den etwas minder beschwerlichen Weg der Kamele bis zum Sattel des Gebirges, dessen Höhe nach unsern Messungen 1434 Fuß über der Meeresfläche beträgt. Wir hatten diese Höhe vom Thale an, die Zeit des Ausruhens mit eingerechnet, in anderthalb Stunden erstiegen; ich möchte aber die Beschwerden dieser anderthalb Stunden, wenigstens auf dem Richtwege des Beduinenweibes, und bei solcher Hitze nicht noch einmal in meinem Leben durchmachen; es waren für mich die leiblich mühsamsten Schritte der Reise gewesen. In der Nähe des Berggipfels sahen wir alte Gemäuer, welche uns an die Bauart der Römischen Wachtthürme zu erinnern schienen und auch an andern Punkten bemerkten wir Ruinen. Von der Höhe, deren Ersteigen, mir wenigstens, so schwer geworden war, gieng es wieder, doch nur auf kurze Zeit, steil bergunter; hier fand sich, in der Bergschlucht, zur Rechten des Weges, in einer Felsenkluft eine kleine, von der Natur gebildete Cisterne, mit etwas, von der Regenzeit her verhaltenem Wasser, welches einige unsrer Beduinen, die uns zum mit Hinabsteigen in die Schlucht ermuntert hatten, begierig tranken. Diese Kinder der Wüste können an keinem Wasser vorbeigehen, ohne es zu kosten; das Wort Wasser ist bei ihnen fast gleichbedeutend mit jenen für Glück und Segen; auch wir labten uns mit ihnen. Aus der Schlucht hinaus traten wir in eine Ebene, über die wir anfangs in westlicher Richtung hinzogen. O wie schön dünkte uns diese Gegend nach den überstandnen Mühseligkeiten des »kahlen Berges« über den man nach Edom hingehet. Sey mir noch einmal in der Erinnerung gegrüßt und gesegnet du erster Eintritt in das Land der Verheißung! Der Boden war hier ein wahrer Blumengarten, denn da blüheten mit mehrern Arten der Tulpen, die buntfarbigen Anemonen und zarten Hyazinthen; ein erfrischender Windhauch kam uns, als wir uns jetzt wieder nach Norden wendeten, aus den grünenden Hügeln entgegen. Wir zogen in einer Einbuchtung dieser Hügel hinan und erreichten hier Mittags, gegen zwölf Uhr eine Höhe, von welcher aus wir links neben uns ein ansehnliches Zeltendorf erblickten, das die Fremdlinge des Landes, die Araber bewohnen. Unsre Beduinen nannten dieses Dorf Kurnup (auf den Karten heißt es Kalla el Kurnup), es ist reich an Brunnenwasser und trefflichem Weideland. Zur Rechten, im Thale, erblickten wir mehrere große Heerden von Schafen und Ziegen. Die beiden Scheikhs verließen uns hier mit mehreren ihrer Gefährten, sie ritten in das Dorf hinein; wie die Andern sagten um mit den Bewohnern desselben wegen des friedlichen Durchzuges und der Lagerung auf ihrem Lande zu unterhandeln. Unser Knecht war indeß zu den Heerden hinabgegangen um bei den Hirtinnen etwas saure Milch für uns zu kaufen. In solchen Fällen pflegte er sich, das hatten wir schon mehrmalen bemerkt, so ungestüm und gebieterisch zu benehmen als wenn er -- der Aegypter -- selber ein Pascha wäre, der dies ganze Land mit Furcht und Schrecken in Zaum halten und beherrschen müsse. Die Folge davon war, daß die Hirtinnen ihm keine Milch abließen, während der Knecht des Herrn v. Krohn so viel bekam als er wollte. Wir ritten von hier an nur noch kurze Zeit über das Gefilde der Tulpen und Anemonen, kamen an üppig grünenden Wiesen vorüber, die, wie ehemalige Felder, durch Gränzsteine und niedrige Gränzmauern abgetheilt waren und mußten es uns, so sehnlich wir weiter verlangten, gefallen lassen, daß unsre Beduinen schon bald nach zwei Uhr in einem grünenden, von niedern Hügeln umsäumten Thale das Nachtlager aufschlugen, weil, wie sie sagten, es nöthig sey auf die beiden Scheikhs zu warten. Die Hoffnung, noch vor dem Ostertage in Jerusalem einzutreffen, fieng nun ohnehin an zu schwinden, wir gaben uns ruhig dem Genusse hin, den uns an jener Lagerstelle die Natur so reichlich darbot.

Durften wir doch da den Nachmittag des grünen Donnerstags mitten in einem Grün der Wiesen und Auen hinbringen, dergleichen wir seit unsrer Abreise aus dem Nilthale nirgends sahen; und selbst das Nilthal läßt, weil es allenthalben zum angebauten Feld und Acker geworden, nur an wenig Punkten ein solches mannichfaches Gewebe der Wiesenblumen sehen als wir hier fanden. Der Boden unsers Zeltes, der bisher nur dürrer Sand gewesen, war heute ein hohes, weiches Gras, mit gewürzhaft duftenden Kräutern untermischt; es that mir leid, daß fast mit jedem Tritte in und außer dem Zelte eine Blume oder der junge, noch blüthenlose Stengel eines Gewächses zertreten wurde, welches zu Hauße, im Vaterlande, als eine Zierde der wissenschaftlichen Pflanzensammlungen oder der fürstlichen Lustgärten gelten würde. Denn es gab allein von wildwachsenden Tulpen in dieser Gegend drei Arten[113]; zwei Arten der Irideen, darunter ein Gladiolus von noch unbeschriebener Art, ein IIxiolirion und eine Menge andrer Gewächse dieser wärmeren Heimath[114], welche wenigstens Farbenverschiedenheiten der unsrigen bildeten: wie der Wunderklee mit rothen Blüthen, meist aber zu Arten gehörten, welche unsren Landschaften fremd sind. Dasselbe galt auch von den Vögeln, unter denen ein Steinschmätzer durch besonders lieblichen Gesang sich auszeichnete, und von den Käfern, auch wenn sie im Ganzen den Umriß unsrer Cetonien, Sepidien, Cyminthen und Cryptocephalen trugen; hatte doch selbst die Wüstenschnecke (+Helix desertorum+) hier ihr Alltagsgewand der Färbung abgelegt und sich mit einem neuen Kleid der Zeichnung angethan, in welchem sie kaum als dieselbe Art zu erkennen war.

Ganz nahe bei unserm Zelte zogen die dicken Mauern eines kastellartigen Gebäudes unsre Aufmerksamkeit an. Das, was noch von dem Gebäude steht, scheint das unterste Geschoß eines festen Wachthurmes gewesen zu seyn; überhaupt war das Ganze nur von geringem Umfange und ursprünglich wahrscheinlich nur zum Wachtposten an einer der Stationen der hier vorüberführenden Römischen Heerstraße bestimmt gewesen. Die Höhe unsers Lagerplatzes betrug nach Erdls Messungen und Steinheils späteren Berechnungen 1525 Par. Fuß. Unsre Beduinen nannten das Thal Ateiche. Die Richtung unsers heutigen Weges war im Ganzen Nordnordwest gewesen.

Die beiden Scheikhs mit ihren Begleitern kamen erst gegen Abend zurück. Auch wir erhielten etwas von dem frischen, Arabischen Brode, das sie von ihren Gastfreunden mitgebracht hatten. Die Lerche sang noch ihr Abendlied, auf dessen Töne ein andrer Vogel, aus der Kluft der Felsen antwortete; unser Herz war sehr bewegt; wir athmeten hier schon die Luft eines Landes, dessen Hauch für uns ein Geruch des Lebens, zum Leben war. Dennoch dachten wir zugleich mit wehmüthigem Sehnen an das, was uns dieser Tag der Einsetzung des Abendmahls in andern Jahren in der Gemeinde der christlichen Brüder gewährt hatte. Vom Gipfel des kleinen Sandhügels sahe man weithin noch nichts als die grünende Einöde; die Seele jedoch, wie auf Taubenflügeln, erhub sich über das im Norden hinziehende Gebirge und schaute da schon mit dem innren Auge das, was nun in wenigen Tagen auch das äußre Auge sehen sollte.

Der stille Freitag, am 24sten März, erhub sich in einem solchen Morgenglanze über das blühende Thal, daß er sich uns auch äußerlich als ein Tag der hehren Feier ankündigte. Wir brachen fast mit Sonnenaufgang (gegen 6 Uhr) auf. Unter dem Gesange der Lieder, womit die vaterländische Kirche diesen hochheiligen Tag begrüßet, ritten wir zuerst noch durch das blumenreiche Ateichethal, dann jenseits einiger niedriger Hügel durch das Thal Ghirfalgula. Der Gesang der Vögel, aus Gesträuch und Felsen, mischte sich mit den Tönen unsres Gesanges; eine sehr große Heerde von Störchen schwebte mit stillem Fluge an uns vorüber, der nördlichen Heimath zu. Wir befanden uns hier schon in einer Gegend, auf deren Boden die Erzväter Israels öfter ihre Heerden weideten, im Nachbargebiet von Bersaba, da der Brunnen war, des »Lebendigen und Sehenden.« Gegen zehn Uhr sahen wir in einer weiten Ebene, die gegen Norden hin von einem Gebirge begränzt wird, in einiger Entfernung von uns zur Rechten ein altes, tempelartig von Säulen getragnes Gebäude und noch mehrere andre Ruinen, wie es schien von gutem klassischen Styl der Bauart[115]. Bald hernach kamen wir an einem gemauerten Brunnen vorüber, den unsre Beduinen Bir Melech nannten. Hier schöpften einige Männer in den Schöpfeimern, die mit ihren Seilen an der langen, schlagbaumartig nach unten befestigten Stange hiengen, Wasser, das sie in die steinernen Tränkrinnen schütteten. Heerden von Lämmern, eine von der andern gesondert, bei jeder ein Hirte, stunden in der Nähe und warteten geduldig bis die Reihe des Trinkens sie träfe. Wenn der lange Trog gefüllt war, gab der Hirt, dessen Heerde jetzt die nächste war, mit Stab und Stimme ein Zeichen und der Widder, mit tanzenden Sprüngen, welche jedes der andern Schafe dann nachahmte, begann den Lauf nach dem Wasser. Wenn die eine Schaar getränkt war, trat sie ab, und eine andre kam an ihre Stelle. Uns erinnerten diese tanzend hüpfenden Lämmer, so wie ihre Folgsamkeit gegen die Stimme des Hirten an viele, gar liebliche Stellen der heiligen Schrift; wir glaubten hier ein Nachbild aus dem Leben der Erzväter zu sehen. Wir ritten von Bir Melech etwas lehnan über die Ebene oder das Hochthal, von unsern Beduinen Wadi Malath oder Malahh[116] benannt und kamen, etwa um zwölf Uhr, nahe an einem ansehnlichen Beduinendorfe vorüber, in dessen Nähe eine hier gelagerte, große Heerde von Störchen ihre Mittagsrast hielt, und durch diese Wahl des Ortes uns vermuthen ließ, daß hier kein Mangel an wasserreichem Boden sey. Auch einzelne, grünende Stellen zeigten sich auf der weiten Fläche. So grün aber auch Ateiche und das jetzt vor uns liegende Wadi Malath erschienen, so wurden wir doch erst recht innen, daß wir nun ganz im gelobten Lande seyen, als wir jenseit des terrassenförmig ansteigenden Kalkgebirges, welches unsre Beduinen mit dem allgemeinen Namen Dschebel Chalil (Gebirge Hebron) benannten, auf eine fruchtbare Höhe kamen, auf der wir, zum ersten Male nach so langer Zeit, denn es waren heute ~vierzig Tage~ seit wir in die Wüste eintraten, wieder Getraide sahen. Gott Lob! rief ich, die Wüste, da kein Säen noch Erndten ist, ist nun aus; das Land, dem Glauben verheißen, ist erreicht.

Zu dem einen, lang entbehrten Anblick gesellte sich noch ein andrer, der mir wie ein ganz neuer vorkam: ich sahe wieder Menschen, nicht in den Schaffellen und Umschlagetüchern der Wüstenbewohner, sondern in gewöhnlicher Orientalischer Kleidung. Ein Mann der mir ganz besonders stark und groß vorkam, begegnete uns und grüßte uns mit dem Gruß des Friedens. Wir zogen, inniglich vergnügt, von der letzten Anhöhe, die wir heute noch zu besteigen hatten, hinab nach einem Thale, in welches die tiefer stehende Sonne durch das Gewölk mild hereinblickte. Ich weiß nicht, war es die höhere Lage der Gegend, durch die wir eilten, oder war es der mit Gesträuch und Saatfeldern reich bewachsne Boden, was der hiesigen Luft ihre eigenthümliche, wohlthuende Frische gab; mir war es als athmete ich hier noch vielmehr als in Ateiche, statt der drückend heißen oder austrocknenden Luft der Wüste wieder die des vaterländischen Gebirges oder seiner Hochthäler; die Brust erweiterte sich; sie trank in vollen Zügen den balsamischen Lebenshauch.

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Das Gebirge Chalil, durch dessen Felsenpässe und Engthäler von Wadi Melech aus unser Weg gegangen war, erinnert durch seine allgemeinen Umrisse ganz an den vaterländischen Jurakalk; auf der Sohle des einen Thales zeigte sich ein Quell, der sich als ein schwaches Bächlein ergoß. Als wir hier am steilen Abhang hinritten, glitt das Kamel des +Dr.+ Erdl, durch Unachtsamkeit des Beduinen, der es führen sollte, aus, und hätte, wenn nicht ein Felsenstück den Fall noch hemmte, seinen Reiter in große Gefahr bringen können, so aber sprang derselbe unversehrt herunter und auch das Reisebarometer, welches er aus Vorsorge immer auf seinem Rücken trug und keinen Augenblick am Tage von sich legte -- das einzige unter unsren vieren, auf die Reise mitgenommenen, welches noch ganz geblieben war, fand sich zu unsrer Freude, durch den Sturz nicht beschädigt. Aus diesem Thale zog sich unser Weg eine Anhöhe hinan, die kein Ende nehmen wollte, bis zu der freien Fläche, auf der wir, wie ich vorhin erzählte, die ersten Getraidefelder sahen. Die Meisten von uns giengen hier zu Fuß und wir fanden an etlichen Stellen deutliche Dolomitfelsen, wie sie auf unsrem vaterländischen Jurakalk vorkommen.

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So sehr jedoch auch die Formation des Gebirges an vaterländische Naturverhältnisse uns erinnerte, und namentlich die Getraidefelder den Eindruck des Altbekannten machten, so bemerkten wir dennoch an der hiesigen lebenden Natur das Gewand des fernen Morgenlandes. So fanden unsre Beduinen und wir selber schon beim Hinansteigen aufs Gebirge einige lebende Chamäleons von schönster Färbung; oben auf der Höhe, in den Feldern und an ihren Rändern bemerkten wir nach allen Richtungen die Baue der merkwürdigen Blindmaus (+Spalax typhlus+) über deren kleinen Augapfel das behaarte Fell eine so dicke Lage bildet, daß selbst kein dämmernder Schein des Tageslichtes hineinfallen kann. Einer der Landleute der Gegend, der sich weiterhin zu uns gesellte und einige Zeit neben meinem Kamele hergieng, hatte das Thier gesehen und beschrieb es wegen seiner langen (Schneide-) Zähne zwar mit fabelhafter Uebertreibung, als sehr gefährlich, übrigens aber deutlich genug. Und so waren auch aus der Pflanzenwelt zwar die Gestalten der Wüstengewächse verschwunden, man sahe da nicht mehr die stachlichen Mimosen und die andern Sippschaften der dornigen Sträuche, wenn jedoch auch die Hauptform der Gattungen an unsre vaterländischen erinnerte, so war doch, bei genauerer Betrachtung, ~die Art~ eine andre und neue. Denn die Iris, eben so wie die Orchis und das Arum welche hier wuchsen, gehörten zu ganz unbekannten Spezien; die Salbei war die Sibthorpische, die Reseda die mittelmeerische[117]. Zugleich sahen wir auch in großer Menge, in der Nähe der Felder ein Gewächs, das wenigstens nur als eine Nebenart der Alraunpflanze (+Atropa Mandragora+) betrachtet werden kann, welche zu den seltensten, eifrigst von den Sammlern gesuchten Zierden unsrer vaterländischen Kalkgebirge gehört. Sie trug schon ausgewachsne aber noch unreife Früchte; die Bewohner des Landes genießen diese und schreiben ihnen wohlthätig aufregende Kräfte zu.

Von der Höhe her hatten wir schon seit längerer Zeit in der Thalschlucht, nach welcher unser Weg sich hinlenkte ein starkes, thurmartiges Gebäude erblickt; als wir näher kamen zeigten sich uns in dem Seitenthale zu unsrer Linken große, ansehnliche, wohlerhaltene Ruinen von Gebäuden und Mauern. Der Thurm war uns zur Rechten geblieben. Unsre Beduinen nannten diese Ruinen mit einem ihnen von Jugend an gelängen Namen Arafat, einer der Bewohner von Samua jedoch Araad. Sollte hier nicht die Stätte jenes Arad der heiligen Schrift zu suchen seyn, welches in der Mosaischen Zeit der Sitz eines Kananitischen Königes war, der (nach 4. Mos. 21, V. 1-3) zuerst siegreich gegen Israël kämpfte, dann aber von diesem geschlagen wurde? Denn dieses Arad lag sechs bis sieben Stunden südwärts von Hebron, nahe der Wüste Juda oder Kades Barnea, nicht weit von Malatha, das, wie wir vorhin sahen, wahrscheinlich am südlichen Saume des Chalilgebirges stund, über das wir heute kamen.

Nur noch eine halbe Stunde jenseit der Ruinen von Araad kamen wir in die Nähe des ziemlich hoch auf seinem Felsenhügel gelegnen, ansehnlichen Esmua oder Samua. Wir zogen nicht hinauf in den Ort; sondern schlugen unser Zelte unten im Thale, auf einem steinigen, brach liegendem Felde auf. Wir erhielten bald mehrere Besuche aus dem Städtlein, von Männern, die uns Eier brachten und saure Milch, auch frisches, sehr wohlschmeckendes Kuchenbrod und Butter, wofür sie nur eine geringe Bezahlung annahmen. Sie schienen mit mehreren unsrer Beduinen wohl bekannt und nachdem sie einige neugierige Blicke in das Zelt hineingeworfen, kauerten sie sich, Tabak rauchend, zu unsern Leuten hin an das Feuer. Einer von ihnen zeigte uns, am Fuße der benachbarten Felsen mehrere schön gemauerte Brunnen, die ein sehr wohlschmeckendes Wasser enthielten. Nach seiner Versicherung sollten, außer den Cisternen, in der nächsten Umgegend von Samua sieben solcher Brunnen seyn. Und daß der Umgegend dieses Ortes die beiden Hauptquellen der Naturfülle: die wohlthätige Wärme und das nährende Wasser in reichlichem Maaße zuströmen müssen, das bewiesen uns die trefflichen Gartenanlagen voll Oliven, Feigen und Pistazienbäumen. Diese Gärten, so wie die steinernen, wohlgebauten Häußer, thaten unserm Auge besonders wohl. Die Höhe der heutigen Lagerstätte über dem Meeresspiegel wurde, aus den barometrischen Messungen, zu 2225 Fuß berechnet.

Es war ein unvergleichlich schöner Frühlingsabend. Ich stieg einsam an einem der Stadt gegenüber, nahe bei unserm Zelt gelegnem Hügel hinan. Von da war der Hinüberblick auf die Oelgärten der Stadt und nach einer andern Seite hin auf einen, oben mit einer tempelartigen Ruine gekrönten Nebenhügel, so wie in das enge Thal gegen Araad hinauf, sehr anziehend. Neben mir zogen Heerden und Hirten still vorüber, nach ihren Ruheplätzen in der Stadt. In den Gefilden dieses Landes hatten auch die Erzväter ihre Heerden geweidet; Abraham einst gepredigt von dem Namen des Herrn. Ich setzte mich jenseits einem längst unbrauchbar geworden, in den Felsen gehauenen Behältnisse für das Regenwasser, bei einer Höhle nieder, welche den Anschein eines alten Felsengrabes hatte; mein Geist aber feierte bei einem andren Ruheort der Felsen, da Der den kurzen Schlummer des Todes schlief, welcher der Geber und Quell des Lebens selber ist.

Bald nach Anbruch des Tages weckte uns, mit fröhlichem Tone, der Gesang der Vögel. In Begleitung eines der Beduinen ritt Herr Mühlenhof voraus nach Hebron, um uns eine Wohnung bei jenen »Franken« aufzusuchen, welche, nach der Versicherung unsrer Beduinen in bedeutender Anzahl zu Chalil (Hebron) wohnen sollten. Wir andern, weil noch der Hügel mit den (Römischen) Tempelruinen bestiegen und besehen wurde, traten die heutige Tagreise etwas später, erst eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang (fast um halb sieben Uhr) an. Unser Weg führte den Hügel hinan. Wir hatten das Städtlein rechts, zu unsrer Linken Gemäuer von zerstörten, vormaligen Gebäuden; an dem jenseitigen (nördlichen) Abhang des Hügels zeigten sich in ziemlicher Menge die Felsengräber der alten Bewohner dieser Trümmer. Ein tiefes Thal wurde nun seiner Breite nach durchschnitten, jenseits welchem wir eine Anhöhe bestiegen auf der sich uns eine weite Aussicht über das herrliche Land eröffnete. Sind nicht dort in Südost jene Felsen der Gemsen, jene Wüste Engeddi, in welcher David vor Saul sich verbarg (1. Sam. 24, V. 1-3); ist nicht einer dieser Berge der von Maon, wo der zum Herrscher Israëls Geweihte schon vom Netz des Feindes umgeben, dennoch durch die Hand des Herrn errettet ward? (Ebend. C. 23, V. 27, 28). Und dort mehr gegen Nordost lag jenes Carmel, da Nabal der Reiche wohnte, dessen Heerden David und seine Männer lange beschirmt hatten (C. 25, V. 2 u. f.).

Vom nördlichen Abhang der Anhöhe hinab kamen wir in ein Engthal, dessen Laufe, der in nördlicher Richtung gehet, wir eine Zeit lang folgten. Dieses Thal, durch seine Gestalt wie durch sein vieles grünendes Strauchwerk und die (freilich sparsameren) Waldungen der Höhen, weckte viele Erinnerungen an das theure Vaterland auf. Ich wähnte mich in ein Thal der Gegend von Muggendorf versetzt, nur war hier, schon am Osterheiligenabend, die Pflanzenwelt so grünend und blühend, wie sie dort erst in der Pfingstzeit es ist und statt der Deutschen Bäume und Gesträuche blüheten neben uns der Erdbeerbaum (+Arbutus Unedo+) und einige Arten der Pistazien; auf den Höhen erhuben sich vereinzelt stehend die Orientalische Seefichte und die Pinie. Auch diese Höhen da zu unsrer Rechten erinnerten an jene Tage der Angst und Noth, in welche David den Gesalbten die Feindschaft eines mächtigen Königes versetzte, zugleich aber auch an jene Stunden des Trostes, welche die Freundschaft ihm gewährte, als Jonathan, vor dem Angesicht des Herrn mit ihm einen Bund schloß; denn hier, im Osten der Höhen, war die Wüste Siph (1. Sam. C. 23, V. 15 u. f.).

Es war jetzt eben die Blüthenzeit der schön gebildeten Orchideen, von denen meine jungen Freunde schon heute in diesem Thale des Jurakalkes eine reichliche Menge sammleten. Auch für den Freund der älteren Baukunst und der Kunde des Landes gaben ein rundliches Bauwerk, das im Thale, zur Rechten unsres Weges lag, noch mehr aber die anscheinend viel älteren Ruinen von mehreren ansehnlichen Gebäuden, die wir auf dem letzten, hochansteigenden Berge vor Hebron, etwa eine Stunde vor diesem, zu unsrer Rechten sahen, mannichfachen Stoff zur Beachtung und geistigen Beschäftigung. Vermuthlich lag hier das alte Inta, die Levitenstadt (Jos. 15, V. 55 und 21, V. 16), welches von Einigen (namentlich von Reland und Rosenmüller) für Bethzacharia, die eigentliche Wohnung der Eltern Johannes des Täufers und für den Geburtsort des Letzteren gehalten wird.

Noch war es nicht Mittag (erst eilf Uhr) als wir von eben dieser Anhöhe herab das herrliche Thal vor uns sahen, in welchem Hebron liegt. Das Erste was uns, so wie wir weiter nach dem Thale hinabzogen, ins Auge fiel, war die zur Rechten, am Fuße des östlichen Bergabhanges gelegne Moschee, welche in ihrem Innren, zu welchem den Christen wie den Juden der Zutritt neidisch versagt ist, die zwiefache Höhle verbirgt, in welcher Abraham neben Sarah, Isaak und Rebekka, Jacob und Lea begraben sind. Dieses große Gebäude beherrscht durch seine hellere Färbung, so wie durch die Höhe der Mauern und der beiden (an Größe ungleichen) Thürme die übrige Stadt und ihre dunklen alterthümlichen Mauern, Häußer und Thürmlein so ganz, daß das Auge des Pilgrims zum Besehen des Andern noch gar keine Zeit finden kann. Und wie sollte dasselbe nicht vor Allem unsrem Auge ein Punkt des erquicklichen Ausruhens, unsrem Herzen ein Ort der feiernden Betrachtung gewesen seyn, da Hebron eines der längst ersehnten Ziele dieser Reise war, wie neben und bei ihm Mamre, in dessen Haine der Vater der Gläubigen Ihn, den Herrn, dessen Wort der Verheißung er so zuversichtlich vertraut und geglaubt hatte, von Angesicht sahe. Auch für die Beschreibung dieser Reise soll deshalb Hebron der Ort eines kurzen Verweilens und Stillstandes seyn.

Hebron.

Während so manche mächtige Stadt jener Länder, durch welche der Weg unsrer Reise uns geführt hatte, in Trümmer gesunken, ja bis auf jede Spur von der Erde vertilgt und verschwunden ist, hat sich Hebron, eine der ältesten Städte, welche die Geschichte der Völker uns nennt, bis auf unsre Tage als nicht unansehnlicher Ort erhalten. Hebron war (nach 4. Mos. 13, V. 23) schon sieben Jahre vor Zoan (Thanis) in Aegypten, nach Josephus vor Memphis erbaut; welche Reiche und stolze Herrschersitze der Erde sind seit jener Zeit in den Staub gesunken, aus denen andre, jüngere sich erhuben und wieder versanken, aus ihnen noch spätere, die gleich ihren Vorgängern zerstäubten und vergiengen. Eine Jüdische Ueberlieferung, die wir selbst noch im Vaterlande von einem gelehrten Rabbiner wiederholen hörten, will sogar in Hebron eine Denkstätte der Geschichte erblicken, welche in die Zeiten hinüberweiset, welche vor der großen Noachischen Fluth waren. Denn, wie die jetzt lebenden Christen in Jerusalem von Golgathas Felsen etwas Aehnliches erzählen, so glauben die Juden, daß zu Hebron des ersten der Menschen, Adams, Grab sey[118]. Deshalb, nicht nach dem Vater der Riesen, Arba (Jos. 14, V. 15), habe Hebron in ältester Zeit die Stadt der Viere (Kiriath Arba) geheißen, weil hier mit den drei Erzvätern Israëls auch der Vater der Väter bestattet gewesen sey. Näher liegt uns jedoch die Ableitung des Arabischen Namens, womit die jetzt hier lebenden Mohamedaner die uralte Stadt benennen. Dieser, im ganzen Morgenlande für Hebron gebräuchliche Name ist Chalil (der Geliebte) und derselbe ward von Ihm, dem Geliebten, dem Freunde Gottes, von Abraham entnommen.

Von dem ersten Eindrucke, welchen Hebron schon von fern gesehen auf das Auge macht, sprach ich schon vorhin Einiges. Die Umgegend der Stadt gleicht einem großen, reichen Oelgarten; die Abhänge der Hügel wie die Fläche des Thales grünen und blühen mit allen Kräutern der Wiesen und Gärten; dazwischen, vorzüglich auf der anderen, gegen Jerusalem hin gelegnen Seite, zeigen sich reiche Weinpflanzungen, deren Trauben der Mohamedanische Bewohner frisch oder getrocknet meist nach Jerusalem verkauft, deren Wein aber der hier wohnende Israëlit genießt.

Jetzt lag die Stadt mit ihren hohen, alten Gebäuden unmittelbar vor uns; neben den tief und fest gemauerten Teichen, von denen der eine, weiter abgelegene, Davids Namen führt, kamen wir zu dem engen, finstren Thore, in welchem noch immer, wie zu Davids Zeiten ein mordsüchtiger Joab unvermerkt sein Schwert ziehen könnte gegen einen Helden der größer war denn er (2. Sam. 3, V. 27). Schon vor dem Thore begegnete uns Herr Mühlenhof und mit ihm ein Orientalisch in rothes Gewand gekleideter Mann. Es war so, wie wir schon vermuthet hatten: die Franken in Hebron, von denen unsre Beduinen uns so Vieles gesagt und deren Wohnungen sie uns zur Herberge empfohlen hatten, waren die hier wohnenden, zum Theil sehr wohlhabenden Israëliten. Diese selber feierten heute ihren Sabbath; sie hatten uns deshalb einen in Hebron wohnenden Christen, der sich zur Griechischen Kirche hält, den nämlichen der uns jetzt mit Herrn Mühlenhoff entgegen kam, zugesendet, damit dieser für uns jene Geschäfte, beim Abladen der Kamele und Einräumen der für uns bestimmten Zimmer besorgte, von welcher die Feier des Sabbaths sie abhielt. Unsre Wohnung war uns bei dem Ober-Rabbiner, einem gebornen Spanier, angewiesen; sie stund schon für uns bereit.

Gleich in der ersten der engen, dunklen Gassen der Stadt lag der Haupteingang zu dem vielwinklichen Gehäuse und Gewirre der Häußer, welche zusammen das Stadtviertel bilden, in welchem die meisten Israëliten von Hebron beisammenwohnen. Es dauerte auch späterhin einige Zeit, bis ich mich in diesem Labyrinth der kleinen, gassenartigen Höfe, der Nebeneingänge und der auf- und niedersteigenden Treppen zu meinem Zimmer finden lernte. Doch herrschte hier eine im Orient seltene, große Reinlichkeit, zu welcher diesmal die Osterfeier unsrer Israëlitischen Gastfreunde auch das Ihrige beigetragen hatte.

Schon vor dem Haupteingang zum Judenquartier empfieng uns unser Wirth, der Ober-Rabbiner, ein schöner, ansehnlicher Mann in reicher Kleidung. Vor den Thüren der einzelnen, kleinen Wohnungen saßen und stunden Frauen, Mädchen und Kinder in ihrem Festtagsschmucke, um die neuankommenden Fremden zu sehen. An der Thüre der stattlicheren und größeren Rabbinerwohnung zeigte sich mit ihrem reichen, goldenen Halsschmuck die jugendliche, wohlgebildete Frau unsers Wirthes. Da diese uns Deutsch reden hörte, fragte sie freudig: Ihr sprecht ja peilnisch; seyd ihr aus Peilen? Statt Polnisch und Polen, was die gute Frau hatte benennen wollen, verstund ich Bayerisch und Bayern, und antwortete eben so freudig als jene gefragt hatte: »Ja.« Jetzt versammelte sich alsbald ein Häuflein der Deutsch redenden Jünglinge und Kinder, besonders um meine jungen Freunde her, und die Frauen und Mädchen hörten in einiger Entfernung den Deutschen Fragen und Antworten zu. Wir erfuhren gleich bei diesem ersten Gespräch, daß damals (1837 im März) über sechszig Jüdische Familien die man gewiß zu sechshundert Seelen anschlagen darf, in Hebron wohnten und lebten; ein ansehnlicher Theil von ihnen stammt aus Polen her, Andere aus Rußland, Spanien und anderen Europäischen Ländern. Mehrere von ihnen besitzen außer dem eignen Hauße auch Oel- und Weingärten, so wie andre Grundstücke.

Ich vermag es nicht zu beschreiben, wie es mir an diesem Tage des stillen Sabbathes zu Muthe war, als ich sammt meiner treuen Lebens- und Reisegenossin in das kleine, freundliche Zimmer eingeführt wurde, das man uns zur Wohnung eingeräumt hatte. Da war ja Wasser zum Waschen; ein Teller voll lieblich duftender, goldgelber Orangen, ein sehr wohlschmeckendes Festtagsbrod und eine Flasche köstlichen Weines. Die Bewirthung, in dem reichsten, ansehnlichsten Hotel von London oder Paris hätte mir andre Male nicht ausgesuchter und kostbarer erscheinen können, als jetzt, am Ende der vierzigtägigen Wüstenreise die Bewirthung in dem Zimmer des wackren Ober-Rabbiners zu Hebron.

Unmittelbar vor unserm Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine Terrasse, mit der freien Aussicht nach dem unter und bei dem Hause gelegenen Baumgarten und nach dem der Stadt gegenüber gelegnen Berge, welchen einst ein Theil von Mamres geheiligtem Hain umschattete. So wohl mir die lang entbehrte Ruhe auf den zu ihr einladenden Polstern that, und so sehr auch der heutige, stille Sabbath zur Ruhe ermahnte, konnte ich doch dem Drange nicht widerstehen in Begleitung meiner jungen Freunde und eines im Orte einheimischen Führers noch heute einen Theil von Hebron zu besehen. Wir hatten nicht Ursache, die unbedeutende Anstrengung zu bereuen, denn durch diese kleine Aufopferung der äußern Ruhe war die Kraft des Ausruhens an dem großen Sabbathsgedanken, der sich dem Pilger zu Hebron darbeut, nur noch gewachsen und gestärkt worden. Hier in dem Felsen, den uns das Gebäude verdeckte, ruheten Abrahams Gebeine; dort bei jenem alten Gemäuer stund Davids Königshaus[119]; dort jenseits der Stadtmauer die alterthümliche prächtige Cisterne ist noch ein Werk dieses Königes, dem die höchste der Verheißungen und die klare Voraussicht ihrer Erfüllung beschieden war.

Der Abend war etwas trübe, eben hierdurch aber auch lieblich gekühlt; ein frischer Wind vom Thale herauf ergieng sich in den Zweigen der alten Pistazienbäume und entlockte dem zerrissenen Gemäuer, das neben Abners Grabmahle emporstehet, Laute, wie Töne einer fernen Harfe. Auch in meinem Innren tönte ein Lied ähnlich an Inhalt und Worten dem alten Liede des stillen Sabbathes von Paul Gerhard: »Als Gottes Lamm und Leue entschlafen und verschieden.« -- Als ich nach Hauße kam fand ich die Familie des Ober-Rabbiners nebst einigen andern zu ihr gehörigen Personen in unsrem Zimmer, bei meiner Hausfrau sitzend. Die Unterhaltung war Deutsch gewesen, wobei die Frau des Ober-Rabbiners für ihren Mann die Stelle eines Dolmetschers vertreten hatte. Er selber, unser Gastfreund, sprach übrigens auch etwas Italienisch. Ich lernte in ihm einen gelehrten und frommen Israëliten kennen, der schon vor mehreren Jahren hieher, in das Land der Verheißung gezogen ist, weil er des Trostes Israëls als eines noch künftigen, aber nahe künftigen wartet. Dergleichen fromme Israëliten, welche in der Hoffnung auf die Verheißung, welche geschehen ist von Gott zu ihren Vätern, Alles verließen und in das alte Land der Väter zogen, lernte ich in Palästina, vor allem in Jerusalem, Viele kennen. Man kann von diesen mir wahrhaft ehrenwerthen Israëliten sagen, was der heilige Apostel Paulus von seinen Glaubensgenossen sagt, daß sie mit ernstem Gottesdienst, mit Gebet und Flehen Tag und Nacht emsiglich der Erfüllung des Wortes, das auch ihnen gegeben ist, entgegenharren.

Am Verlaufe des leiblich sichtbaren Tages ist es bekannt, daß die Länder des Ostens schon das tiefe Dunkel der Nacht umhüllet, wenn es in den westlicheren noch heller Tag ist, oder daß in jenen schon der Morgen dämmert, wenn es im fernen Abendlande noch mitternächtlich finster ist. Wohl denen, die an der Pforte des Abends wohnen, wenn ihnen das Licht, das vom Lande des Aufganges kam, noch helle leuchtet; Die aber, denen es schon untergieng, möge bald der frische Lebenshauch des Morgens, welcher, dies verkündet allenthalben der Gesang des frühen Vogels und ein im Osten anbrechendes Roth, ganz nahe ist, zum neuen Leben erwecken und stärken. Du neuer Tag der Geschichte der Völker des Westens, wer möchte deine nahe Zukunft verkennen!

So war mir denn, am 26sten März, der heilige Ostersonntag, zwar nicht, wie ich früher gehofft hatte, in Jerusalem, doch aber in Hebron angebrochen; in Hebron dessen Geschichte zu der von Jerusalem sich eben so verhält, wie die aufkeimende Hülsenfrucht, in welcher das ganze künftige Gewächs seinem Hauptumrisse nach schon vorgebildet liegt, zu dem nachmaligen Blätter und Blüthen tragenden Stamme. Ich begrüßte den lieben Tag aus tiefstem Herzensgrunde, mit dem alten, schönen Liede: Christ ist erstanden, und mit manchem andren schönen Osterliede; dann erquickten wir uns, freilich fern von einer Gemeinde, die sich heute des auferstandnen Herrn freut, an dem Lesen der großen Geschichte dieses Tages, in den vier Evangelisten. Die Stimmung der Seele war die, welche das alte, gute Osterlied von Paul Gerhard ausspricht, das mit den Worten anhebt: »Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr was heut geschieht.«

Auch der äußere Mensch sollte, denn er bedurfte dieß sehr, des Tages genießen, der die Reinigung und Wiedererneuerung des innren feiert; ein Türkisches Bad nahm den Staub der Wüste von ihm hinweg. Die Luft in den ersten Morgenstunden erschien unsrem, in der Tiefe der dürren Wüste verwöhntem Gefühle, hier in Hebron fast kalt; sie war jedoch auch nach der Angabe des Thermometers im Freien noch nicht vier Grad Reaumur. Hebron liegt aber auch, nach unsern barometrischen Messungen fast noch 200 Fuß höher über dem Meere als Jerusalem, fast noch einmal so hoch als München, nämlich gegen 2700 oder nach Russegger 2842 Par. Fuß. Nach einigen Stunden gab die höher steigende Sonne dem Thale seine milde, gemäßigte Frühlingswärme wieder, die uns hinauslockte ins Freie. Der erste Gang, den wir heute gemeinsam machten, war abermals nach der vormaligen Christenkirche und nunmehrigen Moschee gerichtet, welche die zwiefache Höhle Machpelah umfasset, die Abraham von Ephron dem Hethiter zum Erbbegräbniß erkaufte (1. Mos. C. 23). Da hier das Denkzeichen, welches die Geschlechter von vier Jahrtausenden mit Ehrfurcht betrachteten, nicht an einem leicht zerstörbaren Menschengebäude, sondern an einem mächtig festen Werk der Natur haftete, läßt sich kaum ein gegründeter Zweifel gegen die Annahme erheben, daß hier wirklich das Grab Dessen gewesen sey, den selbst die heidnischen Bewohner des Landes als einen »Fürsten Gottes« erkannten (1. Mos. 23, V. 6). Die Moschee liegt am südöstlichen Ende der Stadt; ihr eigentliches Gebäude ist, wie manche unsrer alten Klosterkirchen, von hohen Ringmauern umgeben, zu deren Innenraum ein fest gemauerter Bogengang führt. Schon gestern hatten wir die Türkischen Hüter dieses Einganges zu den Vorhallen und zu dem engen Hofraum, der zwischen den Ringmauern und dem Tempelgebäude herumläuft, gefragt, ob es nicht erlaubt sey, wenigstens in diese Außenräume hineinzutreten; sie hatten 200 Piaster für die Vergünstigung begehrt, einmal da innen um die Moschee herumzugehen. Heute schien es, als ob sie mit einer geringeren Summe sich wollten abfinden lassen, da wir aber von unsern Führern erfahren hatten, daß es außer- und oberhalb der Mauern Punkte gäbe, von wo aus der äußre Umriß des Gebäudes viel besser könne in Augenschein genommen werden, als von dem dunklen Hofraume, begnügten wir uns damit unsre Reisegefährtinnen, welche gestern noch nicht mit uns waren, durch die vergitterte Oeffnung, bei welcher es auch den Juden erlaubt ist dazustehen und zu beten, hineinschauen zu lassen nach den Vorhallen. Wir giengen zuerst, indem wir die Moschee zur Linken ließen, hinan zu der Höhe des Hügels, an dessen Fuß jene liegt. Er gehört zu jenem Bergrand, der das Thal von Hebron an seiner Ostseite umgürtet. Wir fanden hier, in dem von vielen natürlichen Höhlen durchzognen Kalkstein viele Felsengräber der vormaligen Israëlitischen (?) Bewohner der Stadt. Bei mehreren dieser Gräber ist der innre, natürliche Umriß der Höhle, die zur Todtenbehaußung benutzt wurde fast unverändert und deutlich erkennbar geblieben.

Wir hatten schon hier einen Punkt zu erreichen gehofft, wo die Aussicht nach Osten, vielleicht selbst nach dem nur wenige Meilen entfernten todten Meere sich freier und weiter öffnen würde; es stellten sich aber andre, bedeutendere Höhen zwischen uns und jene große Tiefe des Wassers, so daß wir bald, durch die Felder des schon hochgeschoßten Getraides zurückkehrten. Da von der östlichen Höhe aus kann man übrigens freier als von irgend einem andern Punkte die ganze Stadt, mit ihren vereinzelteren Häußergruppen oder kleinen Vorstädten überblicken, die sich nordwärts von ihr, so wie am Abhang und in den Schluchten des westlichen Bergabhanges finden. Das ganze Thal steigt von Südost gegen Nordwest an. Wenn man auch nicht wüßte, daß Hebron sein augenfälligstes Gebäude, die oft erwähnte Moschee durch die Hände christlicher Baumeister empfieng, und daß diese Stadt im Mittelalter, zur Zeit des Fränkischen Königthumes ein Bischofssitz war, so würde man an vielen Gebäuden einen gewissen, abendländischen Charakter nicht zu verkennen vermögen. Ehe wir jedoch ins Einzelne der Betrachtung eingiengen, begaben wir uns zuerst von neuem, von Osten her zu der alten Kirche, die vormals, wie das hiesige Bisthum, den Namen des heiligen Abraham trug und auch jetzt noch, als Moschee, in ihrem Arabischen Beinamen, den ehrwürdigen Vater der Gläubigen nennt.

Hier am Abhang des Berges an dem das Gebäude stehet, fanden wir, wie schon erwähnt, Gelegenheit sein Aeußeres besser zu betrachten als dies im engen Hofraume möglich gewesen wäre. Wir traten sogar auf die breite Ringmauer selber, die sich in Osten und Norden unmittelbar an den Felsen anlehnt, dessen Steinmasse von den ältesten christlichen Erbauern nach diesen Seiten hin so tief ausgehauen und so weit abgetragen wurde, bis es zur Anlage der Kirchenmauern um die Höhe her und über dieselbe hinlänglichen Raum gab. Die Moschee oder vormalige Kirche ist von keiner besondern Größe; sie bildet ein längliches Viereck dessen Länge kaum über 140 Fuß, die Breite zwischen achtzig und neunzig Fuß betragen mag. Das, was ihr von fern gesehen ein so bedeutendes Ansehen giebt ist die hohe, äußere Ringmauer. An jeder der vier Ecken von dieser erhub sich vormals ein Thurm. Von diesen vier Eckthürmen ist der eine ganz, der andre halb zerstört; von den beiden übrigen aber, welche an zwei diagonal gegenüber liegenden Ecken stehen, und welche nun zu Minares benutzt sind, scheint ebenfalls nur der eine, bis hinan zu den alten Zinnen unversehrt zu seyn, während der andre, der neben dem ganz zerstörten Thurme steht, wenigstens des Obertheiles ermangelt und hierdurch niedriger ist. Diese Thürme könnten eben so gut zur Verteidigung des festen Gebäudes als zu Trägern des Kreutzes an ihrer Spitze gedient haben. Die Moschee selber macht noch immer in ihrem Hauptumrisse den Eindruck einer alten, christlichen Kirche; steht sie doch noch auf der Grundlage jenes Christentempels, den schon die fromme, vielthätige Kaiserin Helene über der Höhle erbauen ließ, und den die christlichen Könige von Jerusalem zu einer bischöflichen Kirche weiheten. Freilich haben aber jene rohen Hände, die das alte, christliche Prachtgewand der äußren Form, so weit es an die Gottesverehrung der Nazarener erinnerte, zerrissen und verstümmelten, dasselbe hin und wieder sehr ungeschickt mit neuen unpassenden Lappen geflickt. Der Haupteingang scheint, wie in allen alten christlichen Kirchen in Westen, der Hochaltar in Osten gewesen zu seyn.

Was das Innre des Gebäudes betrifft, dem die Andacht der Christen und Israëliten bis jetzt sich noch vergeblich zu nahen bemüht, so kann ich bei dem was ich von ihm erwähne nur die Berichte fremder Augenzeugen geben, deren letzter und jüngster für mich unser Arabischer Knecht Mohamed war, der mehrmalen in die Moschee hineingieng, und auf mein Ermahnen Alles so genau als möglich betrachtete. Der älteste Beschreiber jenes Innren ist der Jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der die Grabstätte der Erzväter besuchte und sahe. Zwar stund zu seiner Zeit noch kein Tempelgewölbe über der zwiefachen Höhle, sie selber aber hatte die Verehrung, schon der jüdischen Herrscher mit Marmor ausgetäfelt und bekleidet. So sahe dieselbe noch der Kirchenvater Hieronymus, und auch die Kaiserin Helena, da sie das Scepter, in welchem Orpheisch bauende und gestaltende Kraft lag, auf diese ehrwürdige Stätte wendete, fand das Innre, so wie jene beiden es sahen, noch unverletzt. Selbst die Bekenner des Islams, da sie sich gewaltsam in das Amt der Erhalter und Wächter der heiligen Stätten des gelobten Landes eindrängten, haben am Grabe, auch ihres Erzvaters nichts zerstört. Die eigentliche Höhle, deren Eingang, nach der Beschreibung unsers Arabers gegen Südwest zu liegen scheint, ist zwar sehr vergittert und verwahrt, oben darüber aber sahe der Engländer Monro, der unter Ibrahim Paschas Schirm und Schutz zuerst wieder unter allen abendländischen Christen das Kirchenschiff betrat, eben so gut als unser Knecht Mohamed jene »hüttenartigen« Kenotaphien in Türkischem Geschmack, deren jedes einem der Erzväter gewidmet ist. Hat doch die überflüssige Sorgfalt der Moslemen hier selbst des Bruders des Erzvaters Jacobs, des Esaus gedacht, denn auch für diesen (nicht für Isa oder Jesus, wie unser Mohamed meinte) ist, ein wenig seitwärts von den andern, ein Kenothaphium errichtet[120].

Nur bei einem einzigen Punkte, den wir bei unsrem Herumgehen um die Moschee, und bei dem Besteigen selbst der Ringmauer berührten, erinnerte uns ein alter Türke, der hier im Freien sitzend seine Pfeife rauchte, daß es den Christen nicht erlaubt sey sich so weit zu nähern, er schwieg übrigens ganz ruhig, als wir dennoch mehrmalen zu den Stellen zurückkehrten, von welchen man von oben in einen großen Theil der Vorhallen hineinblicken kann. Das Aegyptische Regiment, vor Allem der in Hebron sehr gefürchtete Ibrahim Pascha, haben die Undultsamkeit der Türken schon so weit zum Schweigen gebracht, daß vielleicht nach wenig Jahren das Betrachten mancher der ehrwürdigsten zur Moschee entstellten Gebäude des jüdischen und christlichen Alterthumes nicht bloß als seltene, ausnahmsweise Vergünstigung, sondern als allgemeines Recht den abendländischen Reisenden gegeben seyn wird.

Unfern der Moschee (nordwärts von dieser) führte uns ein junger Türke, der sich freiwillig zu unsrem Begleiter angeboten hatte, in ein altes, unterirdisches Gewölbe, welches offenbar in älterer Zeit, als sein starkes Gemäuer noch fest geschlossen war, zur Cisterne gedient hat. Noch jetzt füllt es sich, zur Zeit des Regens, bis oben an mit Wasser. Wahrscheinlich ist ein Nachhall jener Kunde, welche die Späher des Landes schon dem Moses von Hebron brachten; jener Kunde, daß hier ein Geschlecht der Riesen (Enakim) lebte (4. Mos. 13, V. 23), welches nachmals Caleb, der Held, bezwang und vertilgte (Jos. 11, V. 21), auch noch bis auf die jetzt hier wohnenden Türken gekommen, nur legen sie jenem Nachklang einen falschen Text unter. Sie erzählen nämlich, daß jene Cisterne, in welcher eines unsrer kleinen Bürgerhäußer, bis an sein oberes Stock Platz hätte, das Bad der Sarah gewesen sey. Diese, schön wie sie war, von Angesicht, sey eine Riesin von Gestalt gewesen; denn wenn sie, wie sie täglich pflegte, in der Cisterne sitzend sich wusch, reichte ihr das Wasser derselben, auch wenn der Raum des Gemäuers ganz davon gefüllt war, nur bis an den Hals.

In der Stadt, obgleich der größere Theil ihrer Bewohner, als Mohamedaner, nichts von unserm Osterfeste wußte, war mir es, als feierte sie mit uns das große, schöne Fest der Auferstehung. Mich täuschte hierbei jene Stille, jene schweigende, nicht sehr augenfällige Art der Geschäftigkeit, die im Allgemeinen den Orient von dem Occident unterscheidet. Ich wurde jedoch dieser Täuschung ganz enthoben, als wir durch die Gasse kamen, in welcher die Glasfabriken von Hebron sich befinden, welche nicht bloß für Palästina eine ungemeine Menge der Flaschen und anderer Glaswaaren zum Gebrauch des gemeinen Lebens, sondern auch vor allen Dingen jene bunten Armringe und andre wohlfeile Schmucksachen fertigen, welche an die christlichen Pilgrime von Jerusalem verkauft, und von diesen in alle Gegenden des westlichen Asiens, auf die Inseln des griechischen Archipelagus und in viele Länder von Europa mitgenommen werden. Diese Glasfabriken empfangen das viele Holz, dessen sie sich bedienen, noch immer aus den Resten der großen Waldungen, von denen Mamres, jetzt fast ausgerotteter Hain ein Theil war. Freilich darf man sich jene Waldungen nicht so dicht und schattig vorstellen wie die unsrigen; die Fichtenarten ragen nur in einzelnen Stämmen über das Gebüsch der Terebinthen, das aus den Wurzeln der alten abgehaltenen Stämme ausschlug, und der Erdbeerbäume hervor; da aber dieses Gehölz, namentlich gegen Ost und Nordost bis zum todten Meere und in die Nähe von Thekoa sich erstreckt, und bei aller rohen Bewirthschaftung dennoch überaus leicht wieder nachwächst, reicht es für den Bedarf der hiesigen Fabriken aus. Und hierdurch bleibt fortwährend die Stätte von Mamres geheiligten Hain eine Ernährerin der Quellen, die unter der grünenden Decke sich erzeugen, und des Wohlstandes von Hebron. Denn schon der Verkehr mit den Glaswaaren ist bedeutend; während unsers hiesigen Aufenthaltes sahen wir täglich ganze Züge von Kamelen beladen, welche namentlich die vorhin erwähnten bunten Schmucksachen hinwegführten. Das Osterfest der Orientalischen Christen fiel zwar in diesem Jahre um fünf Wochen später als das unsrige, aber schon jetzt stellten sich in Jerusalem die Käufer solcher farbigen Waaren: die Schaaren der Armenischen und Griechischen Pilgrime ein und veranlaßten hierdurch eine lebhaftere Thätigkeit und häufigeren Sendungen. Wir traten ein wenig hinein in die geräumigen, meist steinernen Fabrikgebäude, sahen da die Menge der Arbeiter und anderwärts die mit dem Sortiren und Einpacken der leicht zerbrechlichen Fabrikate beschäftigten Leute und bedauerten sie, daß dieser große Tag des Herrn nicht auch für sie ein Tag der festlichen Freude und Stille war. Ich entfloh dem Geräusch, das übrigens nur auf diese Gebäude beschränkt schien, und suchte die sabbathliche Stille außen vor der Stadt, bei dem Türkischen Gottesacker, im Schatten der uralten Pistazien auf.

Obgleich die Kochkunst unsers Arabischen Knechtes auf keiner sonderlichen Höhe stund, ward uns dennoch am Mittag das von ihm zubereitete Lammfleisch mit dem wohlschmeckenden Wein und gutem Brode von Hebron zu einem unvergleichbar köstlichem Festtagsessen. Schon Hasselquist machte die Bemerkung, daß die Rebe von Palästina zu derselben Unterart des Weinstockes gehöre, die am Rhein gepflegt wird und hier die edelsten Weine des Landes erzeugt. Selbst der Geschmack schien uns diese Verwandtschaft zu bezeugen, denn der Wein, den wir in Hebron so wie später in Bethlehem und Jerusalem tranken, gleicht hierinnen sehr unsern feurigsten, lieblichsten Rheinweinen, während des ersten Jahres ihres Alters, nur ist er reicher an Zucker und natürlichem Gewürz.

Bald nach unsrer Mahlzeit machten wir uns von neuem auf, um Abners und Isboseths Grab zu sehen. Wir giengen zuerst wieder hinabwärts nach der Gegend der Moschee und betrachteten die Gemäuer einiger der größesten vormaligen Gebäude. Das, welches nach der Aussage unsers Griechischen Christen (nicht unsre Jüdischen Begleiter) die Burg Davids gewesen seyn sollte, mag wohl nur der Zeit der christlichen Herrschaft des Landes angehören und war vermuthlich die Wohnung des Bischofes von St. Abraham und seiner Geistlichkeit. Doch zu welchem ungleich älteren Gebrauch mögen so manche dieser mächtigen Werkstücke, namentlich der unteren Gemäuer, hier und an andern Stellen gedient haben. Jenes kleinere Gebäude, welches, offenbar von Türkischer Bauart, über der vermuthlichen Gruft steht, welche einst die Gebeine des Feldhauptmann Abner und Isboseths Haupt verwahrte, liegt in dem kleinen Hofe eines Türken, der gegen ein geringes Trinkgeld sich willig finden ließ uns hinein zu führen. Auch hier sind, unten im Gewölbe der Gruft jene etwa noch vorhandnen Reste des vormaligen Ehrenmahles von den Türken mit einem jener weiß angestrichnen, backofenartigen Sarcophagen überbaut und verkleidet worden, dergleichen man in Rahels Grabe wie in den Gräbern der Mohamedanischen Heiligen sieht. Durch die Sitte dieses Zudeckens und Ueberbauens haben mich die Bekenner des Islams öfters an eine Gewohnheit mancher bienenartigen Insekten erinnert, welche fremde Körper, die in ihren Bau hinein geriethen, wenn ihnen dieselben zu groß und zu übermächtig zum Hinausschaffen sind, ganz mit Wachs überwölben und verbauen.

Ungleich lohnender als der Besuch von Abners Grabe war der Weg, den wir am schönen Nachmittag, welcher die Frische eines vaterländischen Frühlingstages hatte, hinan auf die im Westen der Stadt emporsteigende Anhöhe zu Jesses (Isais) Grabe machten. Wir giengen zuerst über den Türkischen Gottesacker nach jenen uralten, dickstämmigen Bäumen der Pistazien hin, deren Alter weit über jenes der türkischen Herrschaft hinausreicht. An ihren Zweigen hiengen in großer Menge die eben in höchster Entfaltung stehenden Kätzchen der männlichen Blüthen, dazwischen zeigten sich die zarten, zierlich gestalteten Fruchtblüthen. Die Nüsse dieses Baumes gehörten schon in den Zeiten der Erzväter zu den geachtetsten Früchten des Landes, denn jene Botnim, welche Jacob (nach 1. Mos. 43, V. 11) dem Joseph, dem gefürchteten Herrscher Aegyptens, nebst andern Erzeugnissen von Palästina zum Geschenk sendet, waren nicht Datteln, wie unsre gewöhnliche Uebersetzung dies aussagt, sondern Pistazien von jener edlen, ächten Art (+Pistacia vera+), welche wir hier zum ersten Mal in ihrer blühenden Schönheit sahen. Nahe bei jenen hochstämmigen Pistazien zeigte unser Israëlitischer Führer ein Feld der Märtyrer, welche in Treue gegen Jehovahs Gesetz hier dem Schwert der Heiden unterlagen.

Wir nahmen jetzt unsren Weg mehr zur Linken (gegen Süden) nach einem Brunnen, der den Namen des Vater Abraham führt, so wie zwei andre, im Hebronthale gelegne, der eine nach Isaak der andre nach Jacob benannt sind. Viele steinerne Stufen führen zu dem klaren, frischen Wasser des kunstreich gemauerten Abrahamsbrunnen hinab. Da schöpften so eben Frauen und Jungfrauen die großen irdenen Krüge voll, die sie auf dem Haupte zur Stadt trugen; einzelne Männer füllten große Schläuche, womit sie ihre Esel beluden. Diese reiche Quelle leidet, wie unser Führer uns erzählte, zu keiner Jahreszeit Mangel an Zufluß; sie versorgt die Bewohner von Hebron in Ueberfluß mit dem reinsten, wohlschmeckendsten Quellwasser.

Jesses angebliches Grab, zu welchem zuletzt ein sehr beschwerlicher Weg, über die zwischen die Gartenmauern herausgeworfnen Steine hinführte, liegt innerhalb dem Gemäuer eines jener alten, zur Ruine gewordnen Gebäude, dergleichen viele auf der Höhe des Berges stehen. Sie scheinen fast durchgängig einer älteren, zum Theile wohl viel älteren Zeit anzugehören als die der Muhamedanischen Herrschaft des Landes ist. Nahe bei Jesses Grabgebäude sind mehrere Häußer zusammengebaut gewesen, von denen das eine wohl einmal die Bestimmung einer christlichen Kirche gehabt haben kann. Vielleicht mag dasselbe auch von jenem Gebäude gelten, in welchem die Grabstätte gezeigt wird. Von einer brunnen- oder schachtartig senkrecht hinabführenden Oeffnung in der einen Ecke dieses Gebäudes trugen sich unsre Begleiter mit einer Sage, nach welcher jenes Brunnenschacht zu ausgemauerten Gängen führen sollte, welche in der Tiefe bis Hebron und noch weiter führten.

Bei den Ruinen des Berges und rings um dieselben her sind Gärten von niedern Mauern umgeben, aus kunstlos über einander gehäuften Steinen gebaut. Der vorzüglichste Reichthum dieser Gärten sind der Oelbaum und der Pistazienbaum, daneben aber sieht man häufig unsern Wallnußbaum (+Juglans regia+), welcher durch ganz Palästina wildwachsend und einheimisch gefunden wird; neben den alten Stämmen der Feigenbäume gedeihen einige unsrer Obstarten, vor allem der Aprikosenbaum; an den freieren Abhängen breitet sich, fast ohne alle Menschenpflege der Weinstock aus.

Die reiche Anhöhe, an der wir diesen Nachmittag zubrachten, hatte uns mit den schönsten Frühlingsblumen des Landes versehen. Mit buntfarbigen, duftenden Sträußen in den Händen, wie sie schwerlich der ansehnlichste Gewächsgarten unsers Vaterlandes am 26sten März zu geben vermöchte, giengen wir unsrer Wohnung zu[121]. Ich stund noch lange auf der kleinen Terrasse bei unsrem Zimmer und schaute hinaus in die von der Abendsonne beleuchtete, schöne Gegend. Ein Gewölk stieg in Westen auf, zog aber bald wie Absaloms, des in Hebron Geborenen, Aufstand gegen den König und Vater, an den Herrscherstrahlen der Sonne vorüber. Unten im Garten hatte auch die Familie unsers Hauswirthes sich heute ein ganz neues Festtagsvergnügen gemacht. Sie hatte sich unser Zelt, das wir nicht weiter als Hebron mit uns nehmen wollten, um billigen Preis verschafft, dasselbe im Garten, unter den Bäumen aufgeschlagen und diese Wohnung so angenehm gefunden, daß sie sich erst spät am Abend von ihr trennte. Das Erdbeben vom ersten Januar dieses Jahres 1837, welches mit verheerender Macht durch so viele Gegenden von Palästina sich verbreitete, hatte auch in Hebron die Häußer erschüttert und den Wunsch erregt ein Zelt zu haben, unter dessen Obdach man, bei solcher Gefahr im Freien wohnen könne. -- Armes, so oft gescheuchtes und geängstetes Volk! wann wirst du ohne Furcht und in stillem Frieden das Land deiner Väter bewohnen. Möchte doch bald einem Erdbeben, welches dir das Annahen deines Herrn verkündete, das Feuer folgen, das Alle Herzen entzündet und von dem die Liebe wollte es brennete schon (Luc. 12, V. 49), und nach dem Feuer dich jenes stille, sanfte Sausen[122] anwehen, das die Seele mit den Kräften eines ewigen Friedens erfüllt.

Auch der zweite Ostertag, am 27sten März, ward noch dem sabbathlichen Ausruhen in Hebron bestimmt. Wir feierten den Vormittag still in unsrer Wohnung; am Nachmittag, der abermals lieblich kühl war, giengen Einige von uns wieder hinan auf die Berge, welche einst Mamres gesegneter Hain beschattete. Wir ließen heute den Weg, der zu Isais Grabe führt weit zur Linken, giengen zuerst, neben jenem der Türken hinan zum Gottesacker der Juden, bei dessen Gräbern ein strauchartiges Hülsengewächs seine goldgelben, schmetterlingsförmigen Blüthen entfaltete, die an Gestalt, nicht aber an den Eigenschaften der südeuropäischen Anagyris glich, denn sie hatte nichts von dem unangenehmen Geruch an sich, der an der gemeinen Anagyris bemerkt wird. Von den Grabstätten der Juden stiegen wir, in mehr nördlicher Richtung hinan nach dem Gipfel des nicht sehr steilen Berges. Die Felsart, woraus dieser besteht, gleicht unsrem Jurakalk; stellenweise zeigt sich Dolomit; Versteinerungen sahen wir heute nicht. Zwischen den vielen Felsentrümmern, die auf dem Boden umhergestreut liegen, ist dieser so fruchtbar, und die auf ihm wuchernden Gesträuche und Kräuter sind von solcher Art, daß sich der vormalige Waldboden nicht verkennen lässet. Hin und wieder bezeugten dasselbe auch unmittelbar jene alten, in den Felsen versteckten Wurzeln, aus denen die neu ausschlagende Brut der Eichen und Terebinthen zum grünen Strauchwerk sich erhub.

Die Sonne neigte sich zum Untergang; es war unmöglich die äußerste Anhöhe des Berges zu erreichen, die sich, auch wenn wir sie schon erstiegen glaubten, in immer abgelegnere Ferne zurückzog. Aber schon da, wo wir stunden, hatten wir nach Süden hin die Aussicht in ein fruchtbares Nebenthal, in welchem, neben den Oelbäumen Saatfelder grünten und ein kleines Dörflein stund; gegen Osten in das Hauptthal von Hebron und die jenseit, nach dem todten Meere hin gelegnen Höhen, so wie über das bergige, von Thälern durchschnittne Land in Nord und Nordosten, durch welches der Weg nach Bethlehem und Jerusalem sich hinziehet. Mehr aber denn die Aussicht in die Ferne des Raumes fühlte sich hier die Seele durch eine Aussicht in die Ferne der Zeiten bewegt und angezogen, welche mit der andren Hand in Hand gieng. War doch hier, in dieser schönen Landschaft die Stätte jener gesegneten Hütte, zu der sich der Herr selber, im Geleite der beiden Engel, als Gast nahete; hier hat der Vater der Gläubigen die große Verheißung empfangen und mit Gott geredet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet; hier ist der Glaube eines sterblichen Menschen zu einem festen Boden geworden, auf den die Kräfte des Himmlischen und Ewigen in sichtbarlicher Gestalt sich niederließen. Was die Kräfte in der menschlichen Natur wirkten und erzeugten, das ist nicht wie das Sterbliche dem Veralten unterworfen, und, ob selbst Sara lachen möchte hinter der Thür der Hütte, die Verheißung, dem Glauben gegeben, wird feste bleiben, auch wenn dieser, scheinbar schon ganz erstorbenen Leibes dastünde; alle Lande sollen noch voll werden der Ehre Dessen, der dem Abraham als ein Segen aller Geschlechter der Erde verkündet war. Zu den Zeiten des Kaiser Constantin hatten, wie Eusebius[123] erzählt, die Heiden, hier, bei dem Haine Mamre einen Altar, auf welchem sie, auch ohne Seinen Namen zu kennen, Dem Gottesdienst erzeigten, welcher daselbst dem Abraham erschien; wie hat sich doch in so tausendfachen Formen bei allen Völkern und Heiden der Zug des Sehnens nach Dem bewegt, der vormals bei dieser Stätte in sichtbarlicher Gestalt dem Glauben der Menschenseele entgegen trat.

Ein Türke, der vom Felde kam, hatte jetzt sein Abendgebet, zur Erde gebeugt, mit dem Angesicht gegen Mekka gerichtet, vollendet; er schritt raschen Ganges an uns vorüber; wir grüßten uns freundlich. Wie gern hätte ich mit ihm, der ja auch den Vater der Gläubigen als Vater erkannte, reden mögen, was mir eben das Herz eingab. Mir fielen einige Verse ein, aus dem schönen Liede: »Ich will dich lieben meine Stärke,« namentlich jener: »Ach daß ich dich so spät erkennet, du hochgelobte Schönheit du« -- und vor Allem die Worte: »Ich lief verirrt und war verblendet, ~ich suchte Dich~ und fand Dich nicht; ich hatte mich von Dir gewendet und liebte das geschaffne Licht.« -- Ja, auch diese Kinder Abrahams, dem Fleische nach ~suchen Ihn~, den Aufgang aus der Höhe, und auch ihnen wird es, wie uns Andren, die wir ja auch von Ihm verirrt waren, noch geschehen; daß sie ewig Ihn ersehen.

Nur noch ein Abend und eine kurze Nacht, und die letzte Tagreise sollte beginnen, deren naher Endpunkt Jerusalem war. Die Unruhe, welche durch die Ruhe dieser letzten Nacht vor Jerusalem gieng, möchte ich wohl eine selige nennen; es war mir wie Einem der im Felde der blühenden Lilien einschlief und den von Zeit zu Zeit der Duft der Blumen aus lieblichen Träumen weckt und in noch lieblichere hinüberführt; oder wie einem armen Sänger, der mitten im Liede des Heimwehes, das seine Hand spielte, entschlafen, sein müdes Haupt auf die Harfe legte, und den bei jeder Bewegung das leise tönende Schwirren der Saiten zu neuen Gedanken an das Lied vom Heimweh weckt. Du Morgen, an welchem einst die letzte Tagreise vor dem Eingang zu den Thoren des Friedens beginnen wird, mögest du mich einfältiger, treuer, lauterer finden, als jener, an welchem ich am letzten Tage vor dem Eingang in die Thore des irdischen Jerusalems von meinem Lager aufstund; und dennoch sey mir auch der damalige Morgen einer Pilgerreise gesegnet, die so vielfach von Zerstreuungen und geistigen Trübungen heimgesucht war.

Wenn im Tempel des alten Jerusalems das Morgenopfer dargebracht werden sollte, da rief der Priester dem Wächter auf der Zinne zu: fängt es an Licht zu werden bis nach Hebron[124]? Als ich auf die Terrasse bei unserm Zimmer hinaustrat an die erfrischende Morgenluft, da rief die Wachtel in den nachbarlichen Feldern der jungen, grünen Saat ihr lautes »wachet auf, wachet auf.« Aber das Sehnen nach dem Anblick der »hochgebauten Stadt,« die vormals ein irdisches Vorbild der himmlischen Stadt war, und dereinst dies wieder seyn wird, wachte schon lange; es wachte heute mit besondrer Kraft. Die alten Geschichten Hebrons, welche am Saume von Mamres Haine so lebendig in der Seele erwacht waren, sind zu den Geschichten Jerusalems Dasselbe, was der schöne Herbstabend, an welchem der Säemann, in Hoffnung und zuversichtlichem Glauben an die Zukunft eines nahenden Frühlinges, das Saatkorn in den Boden streuete, zu dem Morgen des Frühlingstages sind, an welchem die Saat in hoher, grünender Fülle vor dem Auge dasteht, und zum Morgen des Sommertages, da man ihre reifen Garben zur Scheuer führt. Wie leicht hat es doch der treu, bei der Mutter gebliebene Kinderglaube eines spät gebornen Geschlechtes, dem die Schaaren der Zeugen, welche es erfuhren daß die Wahrheit des Glaubens wahr sey, den Weg so ebneten und bahnten. Zwischen dem geistigen Hebron eines Abraham auch dann als er auf Morija es erfahren daß der Herr Alles siehet, und zwischen der Verherrlichung des Golgathas und des Oelberges bei Jerusalem, da Abrahams spätere Geschlechter es erfuhren, daß der Herr, der Sehende, auch der alles Sehnen stillende, alles Hoffen erfüllende sey, welche Jahrhunderte der Noth, der Verirrungen, der Kämpfe lagen da innen; und der Pilgrim des heutigen Tages hat zwischen dem Morgen der in Hebron anbricht und dem Abend, der über Jerusalem anbricht nur die kurze Frist der Mühe von wenigen Stunden.

Wir mußten heute, unsrer innren Eile kam es wenigstens so vor, ganz besonders lange warten, bis Alles zur Abreise bereit war. Noch einmal sollten, vor allem unser Gepäck, die Schiffe der Wüste, die Kamele weiter führen. Ich war in Begleitung meines lieben Reisegefährten Krohn, geführt von dem schon erwähnten Griechischen Christen und von einem, der Gegend besser kundigen Israëliten, der ein Verwandter unsres Hauswirthes ist, zu Fuß vorangegangen; erst draussen vor der Stadt begegneten uns jene Pferde, die außer den Kamelen für die heutige Tagreise bestellt waren. Wir nahmen zwei von diesen und folgten dann unsern Führern, die uns heute noch die Stätten zeigen wollten, an denen, der hier noch fortbestehenden Sage nach, Abraham wohnte, Nathan der Prophet begraben ward und David seinen Königspallast hatte. Unser Weg, östlicher als die gewöhnliche Heerstraße nach Jerusalem, gieng zuerst zwischen den üppig grünenden, schon dem Aufblühen nahen Weingärten hin, welche aufwärts im Thale, und im Norden der Stadt sich weithin ausbreiten. Wir wendeten uns dann rechts (nordostwärts) von der Straße ab, durch dicht grünende Saatfelder, deren Getraide eben blühete, und kamen, etwa nach einer Stunde an ein, aus riesenhaften Werkstücken zusammengefügtes Gemäuer, welches einen großen, viereckten Raum, wie einen Hof umschließt, innerhalb welchem, nach der einen Ecke hin, eine schön gemauerte Cisterne sich zeigt. Hier konnte wohl die Wohnung des reichen Besitzers der Heerden seyn, von denen ein großer Theil in dem geräumigen Hofraum bei Nacht Schutz fand. Wir trafen daselbst einen Hirtenknaben, der in dem alten, noch zum Theil gepflasterten und dennoch mit hohem Grase bewachsenen Hofraum seine Kühe weidete. Die Umgegend, rings um dieses Gebäude her, gehört zu den fruchtbarsten die wir in Palästina sahen; die Hügel sind mit Strauchwerk und Bäumen bewachsen und auch die üppig gedeihenden Kräuter der Ebene machen hier den vormaligen Waldboden kund.

Von dieser Stätte, welche die Ueberlieferung der Israëliten Abrahams Wohnung, bei Mamres Haine nennet, nahmen wir die Richtung wieder fast nordwärts, dann den Abhang des Hügels hinab in ein Thal, welches voller Weingärten ist. Auf der jenseitigen Anhöhe liegt ein Arabisches Dörflein (Nabi Yunas), und in ihm ein ansehnlicheres, fast burgartiges Gebäude, welches unsre Führer das Grab Nathans, des Propheten nannten. Der Landmann, welcher in oder bei dem Gebäude wohnt, öffnete uns das Grabgewölbe; auch hier fand sich ein Türkischer Sarkophag, ähnlich den früher erwähnten; denn den Mohamedanern ist auch das Grab des Propheten Nathan ein geheiligter Ort. Bei dem Dorfe sind mehrere alte Gemäuer.

Westwärts von Nathans Grabe und dem eben erwähnten Dorfe gelang man sehr bald wieder zu der Straße, die in gerader Richtung von Hebron nach Jerusalem führt; wir hatten zu unsrem ganzen Abwege nicht viel über eine Stunde gebraucht. Jener Punkt, an welchem man die Heerstraße berührt, gewährt nicht bloß wegen des gemauerten Brunnens voll reichlich fließenden, lebendigen Wassers, sondern auch noch aus andern Gründen einen interessanten Ort des Ausruhens. Es stehen in der Nähe des Brunnens, bei welchem wir uns mit unsren, gerade von Hebron hieher gegangenen Reisegefährten wieder zusammenfanden, Ruinen von Gebäuden, welche noch in ihrem jetzigen Verfall von alterthümlicher Pracht zeugen. Höchst wahrscheinlich lag hier Beth-Zur oder Bethsur, welches unter Josua dem Stamme Juda zugetheilt ward (Jos. 15, V. 58), welches von Rehabram (nach 2. Chron. 11, V. 7) und nachmals von den Makkabäern und Bacchides befestigt wurde. Hier an diesem Brunnen taufte, nach der älteren und wahrscheinlicheren Angabe, Philippus den Kämmerer der Königin Candace. Auf geradem Wege von Hebron hieher braucht man nicht viel über eine halbe Stunde. -- Die Eingebornen, wenigstens unsre Israëlitischen Freunde, nennen übrigens diese Stätte der Trümmer nicht Bethsoron, sondern Luar oder Iluel und sagen daß hier, nicht in Hebron selber, Davids gewöhnlicher Aufenthalt, während der sieben ersten Jahre seines Königreiches über Juda gewesen sey. Nahe bei den noch jetzt Herrschergewalt über das Auge übenden Ruinen, finden sich mehrere Felsengräber, weiter westwärts von dort soll die uralte Terebinthe seyn, die wir nicht besuchten.

Von hier an giengen Mehrere von uns, unter denen auch ich war, den Weg zur Stadt der Städte, wie es den Pilgrimen geziemt, zu Fuß. Der Westwind, der bald über die Saatfelder, bald über den Felsengrund der Gewürzkräuter kam, hatte Eile, damit aus dem Abend der Morgen werde; das Sehnen unsrer Seele aber strebte vorwärts, damit aus dem Morgen der Abend werde. Wollte ich jetzt, ohne mein Tagebuch zu fragen, bloß der Besinnung an das folgen, was damals meine Seele bewegte, so würde ich vielleicht, ohne mir es bewußt zu seyn daß ich irrte, erzählen, ich sey an vielen Kirchlein und andern Denksteinen der christlichen Andacht vorüber gekommen, da, wo über die duftende Narde der Wind wehete und auf die Kappernstaude der weißlichen Felsen die Mittagssonne schien. Und dennoch waren all' die Kirchlein und Denksteine der »veralteten« Christenandacht, dies sagt mir mein Tagebuch, nur innerliche gewesen, denn auf dem ganzen Wege von Iluels Trümmern bis zu Salomons Teichen sahen wir keine andren Spuren der bauenden Menschenhand, als nur einen alten, verfallenen, von Gebüsch umwachsenen Brunnen. In seiner Nähe begegnete uns ein reich und halbfränkisch gekleideter Grieche, mit mehreren Gefährten, der neugierig und teilnehmend uns einsame, zu Fuße wandernde Franken fragte woher wir kämen und wohin wir wollten? Denn, in der That, das, was wir heute thaten, das wäre vor wenig Jahren noch ein kühnes Wagstück gewesen. Ich war schnell vorangegangen; zuletzt blieben nur noch Herr Franz und +Dr.+ Erdl an meiner Seite, die Andern waren zum Schutz der beiden Begleiterinnen und des Gepäckes bei der kleinen Karawane. Wir drei aber, als hätte es große Eile, waren bald im Thale, während jene noch über den Hügel zogen, oder auf der Höhe, wenn jene im Thale weilten und zuletzt verloren wir, ohne es zu bemerken, die Gefährten ganz aus dem Auge.

Die Stunde des Nachmittags war eben vorüber, da kamen wir von einem wenig gangbaren Stege, auf den wir uns verirrt hatten, den steilen, mit Felsenstücken bestreuten Abhang hinab, zur Mündung des Nebenthales, in welchem »Salomons Teiche und versiegelte Brunnen« liegen. Ich werde von diesen später erzählen; heute galt es nur das Vorwärtskommen zum Ziele. Neben Salomons Teichen geht der genauere Richtweg gen Jerusalem etwas westlicher über die Berge hinan; diesem folgten unsre Reisegefährten mit den Kamelen und Pferden; wir drei, nachdem wir uns an dem frischen Wasser erquickt hatten, dessen Brunnen nach dem Namen des weisesten der Könige genannt ist, blieben an dem Wege, welcher der alten Wasserleitung folgt, die am höhern Abhange des Berges nach Jerusalem sich wendet. Es ist dieses zugleich, bis zur Anhöhe hin, die man in dieser Richtung ebenen Fußes erreicht, der Weg nach Bethlehem. Nur wenig weiter, nordwärts im Thale, siehe da lagen uns zur Rechten, im Thale, Salomos verschlossene Gärten. Es war dieß das dritte Mal im Jahre, daß uns der Frühling mit seinen blühenden Fruchtbäumen, von denselben Arten wie sie in den Gärten der lieben Heimath stehen, begegnete. Das erste Mal trafen wir ihn, schon im Januar, in Aegypten; das zweite Mal, im Februar, schon in einer herrlicheren Gestalt, in den Gärten des Katharinenklosters am Sinai, und heute, am 28sten März, girrte uns die Turteltaube der Felsen bei den blühenden Aprikosen- und Kirschenbäumen der Salomonischen Gärten an. Die Turteltaube dieser heiligen Stätte, sie schien hier anders zu sprechen denn vormals, als sie in Südfrankreich zu mir redete; anders als im Nilthale und in den Felsen Arabiens: sie redete deutlicher die Sprache des Freundes, welcher unter den Rosen weidet: siehe der Winter ist vergangen; der Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgebrochen aus dem Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und ich, die Turteltaube, lasse meine Stimme hören im Thale; die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch. So stehe nun auf, o Seele, komm' und schaue und genieße die seligen Freuden dieses Landes.

Zu unsrer Rechten öffnete sich jetzt eine ganz besondre Aussicht. Es war die auf den seltsam, wie ein Altar von welchem die Rauchsäule des Opfers aufsteigen soll, gestalteten Frankenberg[125] mit seinen Nachbarhöhen. Weiterhin zeigten sich, am jenseitigen Abhange mehrere Thürme gleich jenen Wacht- und Schutzthürmen, welche die alte, deutsche Ritterzeit erbaute. Wir hatten jetzt den äußersten (nördlichen) Rand des Höhengürtels erreicht, der das Thal der Salomonischen Gärten umschlingt, da lag vor uns in Norden, jenseit des tiefen, gäh abfallenden Thales, auf der Höhe des Felsenberges, Bethlehems Stadt; neben uns, zur Rechten (gegen Osten), das grünende, von Bäumen beschattete Feld der Hirten: das Feld des Gesanges der Engel. -- Wer sollte da nicht fröhlich gewesen seyn! Hatten ja die Engel hier an dieser Stätte ihr Lied vom Frieden und von dem Wohlgefallen über und an den Menschen auch für uns mit gesungen: sie hatten uns dieß an so manchem, lieben Weihnachtsabend in der winterlich kalten Heimath gethan, heute aber waren die Himmelskräfte des Weihnachtsfestes mit der Fülle des herrlichsten Frühlingstages überkleidet; jeder Lufthauch der aus den Weinbergen und blühenden Gärten des Hügels herüberkam wiederholte die Worte des Preises, des Friedens und des Wohlgefallens womit seit jener seligen Nacht jedes vorübergehende Menschenalter und Geschlecht der Pilgrime das andre begrüßt.

Wir neuen Ankömmlinge in dieser Gegend hatten beim Hinabsteigen von dem Hügel nicht den gewöhnlicheren und bequemeren Weg gewählt, den wir bei unserm, zweiten, längeren Besuch in Bethlehem kennen lernten; auch das Hinanklimmen an den steilen Berg, auf welchem die Stadt wie eine Burg des Friedens fest gegründet steht, gieng nicht ohne große Beschwerde ab, doch nun war sie ja erreicht, die Stadt Davids, die lieblichste, die bedeutungsvolleste unter allen Wiegenstätten der Erde. Das große, in seiner Bauart einem Kastell gleichende, lateinische Kloster, das an dem einen Ende der Stadt stehet, machte sich uns von selber kenntlich; vor seinem verschlossenen Thore empfieng uns der Arabische Thürhüter und ließ uns durch das Pförtlein hinein, das in dem einen Thorflügel angebracht ist; so klein, daß man nur gebückt hinein gehen kann. Die armen Väter des Klosters müssen noch immer, wenigstens gegen die Zudringlichkeiten wenn auch nicht Gewaltthaten der Araber auf beständiger Hut seyn, obwohl die Sicherheit des Landes, wie wir ja dieses selber auf unserm heutigen Wege erfuhren, den wir unbewaffnet und ohne Führer machten, jetzt eine ungleich größere ist, als sie noch vor wenig Jahren war.

Wir wurden in ein freundliches Zimmer geführt, dessen Fenster nach dem kleinen Garten hinausgehen; bald trat der Prior des Klosters, ein geborner Spanier zu uns herein, der uns freundlich bewillkommnete. Der Leib war zwar wohl des Ausruhens und der Erquickung bedürftig, denn wir hatten seiner Pflege heute nur wenig gedacht, aber das Verlangen nach einem Ausruhen von geistiger Art lag uns noch näher an; wir wollten gerne, wenn auch heute nur wie Vorübergehende, Bethlehems heilige Grotte begrüßen. Der Prior erfüllte gern unsren Wunsch; durch die langen Kreuzgänge des alten Klostergebäudes hindurch, dann durch die uralte, innen mit Teppichen ausgekleidete Basilika führte er uns hinab zu dem Raum der Felsen, da, nach dem unbestrittenen Zeugnisse schon der ersten christlichen Jahrhunderte, Christus geboren ward. Es ist eine große, natürliche Höhle des Gebirges, die ihren eigentlichen Eingang vom Tage herein, außerhalb des Gebäudes hat, zu welcher aber, innerhalb der darüber gebauten Kirche von oben herab eine Treppe führt. Auf dieser waren wir jetzt hinuntergestiegen in den von Lampenlicht beleuchteten, innersten Raum der Höhle, dessen Wände und Boden die Andacht der christlichen Jahrhunderte mit Marmorplatten ausgelegt hat. Und siehe, hier in diesem verborgnen, engen Raume war die Stätte, da Er, den Erde und Himmel nicht umfassen, in Kindesgestalt erschien; hier hat uns zuerst besucht, der Aufgang aus der Höhe. Der gute Prior trat so still auf und sprach so leise, als fürchte er einen theuren Schläfer zu stören; und in der That, das Gefühl, welches den Pilgrim bei dem ersten Eintreten in die Grotte von Bethlehem ergriff, war von solcher Art, daß auch die Beschreibung desselben nur leise andeutend aufzutreten vermag. Es war als halleten, in dem von Ehrfurcht durchdrungenen Herzen jene Worte eines heiligen Buches nach, das von dem Geheimniß des Einswerdens der Seele mit Dem redet, der ihres Wesens und Sehnens Anfang und Ende ist: »Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei dem zarten, frühe gejagten Rehe des Feldes, daß ihr Ihn, den meine Seele liebet, nicht aufreget noch wecket, bis daß es Ihm selber gefällt.« -- War doch diese süße Ruhe am geheiligten Herzen der liebenden Mutter die einzige, welche Dem auf Erden vergönnt war, der die Angst und Unruhen des frühe gejagten Rehes für sich erwählte, nur damit wir Frieden hätten und Ruhe.

Die kindliche Andacht eines erst heute hier gewesenen Pilgrimes hatte einen duftenden Blüthenzweig neben die heilige Krippe gestellt. Es hätte nicht dieser äußren Erinnerung an den draussen auf den Bergen und in den Thälern wiedergekehrten Frühling bedurft; Bethlehems Geschichte und innerliche Erinnerungen schließen dem Geiste das Land eines ewigen, unvergänglichen Frühlinges auf. Wie verständlich wird der Seele hier bei dieser Stätte jener Zug der Liebe der den Kirchenvater Hieronymus an die Grotte zu Bethlehem band. Dort in einer Nebenkammer der Höhle verweilte der Greis und wollte hinfort nicht mehr unter anderm Obdach wohnen; in einem andren Raume des Felsens haben die geheiligten Frauen Paula und Eustochia ein Leben des seeligen Friedens genossen und geendet. Und wem sollte es hier nicht wohl seyn und werden im Anblick des unvergänglichen Morgenrothes eines Tages der Ewigkeit; wem sollte das alternde Herz nicht wieder jung werden und neu aufleben, wenn er im Geiste das Kind anblickte das unter allen Menschenkindern dem Geiste als das schönste und liebenswertheste erscheint.

Zuweilen geschieht es uns selbst im Traume, daß wir, auch wenn uns im wachen Zustande die Gabe der Dichtkunst versagt ist, ein Lied singen oder lesen, als sey es uns von einem fremden Meister gegeben; hier bei der Krippe von Bethlehem wurde dem in Liebe bewegten Gemüthe in noch viel andrem, höheren Maaße als dies im Traume geschieht ein neues Lied gleich wie auf Zunge und Lippen gegeben; ein Lied das noch lieblicher tönte und zugleich in lebenskräftigeren Worten sprach als der Hymnos der Posaunen, auf Sinais Höhen, oder der Gesang der Klage um Aaron und über Hiobs Jammer, auf dem Gipfel des Hor. Die Kräfte dieses neuen Liedes sind vor Allem es gewesen, welche die Schritte von Bethlehem nach Jerusalem wie zu einem Fluge machten. Es war schon nahe an fünf Uhr des Nachmittags als wir vom Kloster der heiligen Grotte schieden; der Prior entließ uns ungern, weil in Jerusalem, wohin man zwei Stunden Weges rechnet, die Thore mit Sonnenuntergang verschlossen werden und ein späterer Einlaß auch der Fußgänger, überaus schwierig, ja fast unmöglich ist. Uns aber, die wir ja später noch einmal nach Bethlehem zurückkehrten und dann länger da verweilten ließ das Sehnen nach der »hochgebauten Stadt,« nach welcher der größere Theil unsrer Reisegefährten schon voraus gezogen war, keine Ruhe mehr.

Nicht fern von der Stadt fanden wir unsern Arabischen Knecht, den die sorgsame Hausfrau uns zum Führer und Begleiter zugesendet hatte. In einiger Entfernung von uns, gegen Westen, zeigte sich, schon durch die Beschreibung seiner Lage erkennbar, Rahels Grabmahl, welches bis auf diesen Tag am Wege gen Ephrata-Bethlehem zu sehen ist. Ich hatte noch niemals jene Worte des gesalbten Dichters, welche von einem Fröhlichwerden der Gebeine reden (Ps. 51, V. 10) so an mir selber erfahren und verstanden als heute; die Last der Ermüdung und des Alters waren hinweggenommen; uns däuchte es wir seyen so eben aus Bethlehem ausgegangen, da fanden wir uns schon auf der Anhöhe in der Mitte des Weges, bei dem Eliaskloster und in der Nähe jenes Brunnens, bei welchem den Weisen des Morgenlandes von neuem der Stern erschien, der sie zur Stätte geleitete da Jacobs Stern, das Licht der Heiden aus dem Schweigen der Nacht hervorgebrochen war.

Und siehe, da lag vor uns, vom hellen Glanze der Abendsonne beleuchtet, Zions Burg mit ihren Zinnen, Morijas Tempel und Jerusalems Stadt. Als hier auf diesen Höhen, der Vater der Gläubigen, Abraham, auf dem Wege von Süden kommend sein Auge aufhub und Morijas Felsen von ferne sahe; als er von hier an mit Isaak, dem Sohne der Verheißung allein gieng und auf die Frage des Knaben, wo ist aber das Lamm zum Brandopfer? antwortete: Gott wird Ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer[126], da regte sich in ihm ein Geist der Voraussicht nicht nur des nahen sondern eines fernkünftigen Tages jener Herrlichkeit des Herrn, welche die auserwählte Stätte des Opfers erleuchten sollte. Als fast zweitausend Jahre nachher, Der, welcher in einem höheren Sinne denn Isaak als Lamm zum Brandopfer ersehen war, von jenen nachbarlichen, in Nordosten gelegnen Höhen, die Stadt von ferne sahe, da überblickte er, mit göttlich klarem Erkennen die ganze Hinausführung des Rathschlusses einer ewigen Erbarmung, über das Geschlecht des Menschen, von Abrahams schwerem Glaubensgange an, nach Morija, bis zu dem noch schwererem der Leiden des Menschensohnes auf Golgatha, und seinem Triumph auf des Oelbergs Höhe, ja bis zu dem letzten der Kämpfe und Siege. Der Pilgrim, welcher abermals nach fast zwei Jahrtausenden, seit Golgathas und des Oelberges großen Geschichten, Jerusalem von ferne erblickt, siehet, gleich jenen Lichtern, welche in der Thräne eines Menschenauges zittern, in nahem Beisammenseyn alles vergangene und künftige Bewegen einer Welt des Göttlichen und Geistigen, die einst sichtbarlich dort über den heiligen Bergen wohnte und waltete, und noch jetzt ihr Aufsehen auf Zions Stätte gerichtet hat. »Ja, der Herr ist König ewiglich, dein Gott o Zion für und für.«

Das Heer der Kreuzfahrer, welches Gottfried von Bouillon gen Jerusalem zum Kampf und Siege führte, da es von der Höhe des nördlichen Blachfeldes die heilige Stadt erblickte, hatte auf einmal aller bisher erduldeten Mühen und Beschwerden vergessen; ein Gesang der Hymnen ergriff, wie ein Sturmwind im Walde der Eichen, seine ganzen Schaaren, das Auge, selbst der rohesten Krieger, füllte sich mit Thränen der Freude; anbetend naheten sie sich dem hehren Ziele ihrer sorgenvollen Fahrt. Wer möchte nicht gern, in der vollesten Kraft das mit und nachempfinden was jene empfanden? Und doch wird wohl Jedem der nicht allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem ein Solcher ist, dessen ~Herz~ nicht vernahm was in seinen Mauern geschehen ist, nach seinem Maaße von einem Schauer der Ehrfurcht ergriffen werden, wenn sich die Königin der Städte, die noch jetzt, in ihrer Wittwentrauer, ein hehrer Anblick ist, zuerst seinem Auge zeiget. Ich fühlte und bemerkte nichts mehr als den Zug des Sehnens in meinem Innren und das neue sichtbarliche Ziel nach welchem der Zug hingieng; ob ich, im Anschauen verloren, still stünde oder mit so eiligen Schritten fortgienge, das hätte ich nicht bemerkt, wären wir nicht auf einmal, in unerwartet kurzer Zeit hinabgekommen zum untren Teich, im Thale Gihon, welches weiter gen Süden in Ben Hinnoms Thale endigt. Da wir gegen das Thor hinangiengen, gesellten sich zu uns die Schaaren der Pilgrime, welche den schönen Frühlingsnachmittag außerhalb der Stadt, in den grünenden Thälern und Auen zugebracht hatten; die weiß gekleideten Frauen und Kinder, im Schutze der Väter und Brüder; mit ihnen zogen wir ein in das Thor und die Gassen der Stadt. Jener fromme Israëlit eines früheren Jahrhunderts, da er in das Gewand der tiefsten Trauer gehüllt zu Jerusalems Thore eingieng, wandelte, gebeugt von Schmerz, singend unter Thränen ein Lied des Jammers und der Klage über Zions Trümmer hin. Dieser Schmerz über Jerusalems Fall und Zerstörung, so gerecht er scheinen möge, ist nicht das einzige, nicht das vorherrschende Gefühl das den Christen beim Anblick der tief erniedrigten Königsstadt ergreift, denn dieser weiß es, daß, als Jerusalem, das irdische zerbrochen ward, der Bau eines himmlischen schon begründet war, welcher nicht zerbrochen werden kann, und dessen Thore niemals geschlossen sind für den Pilger, der in sie einzugehen begehrt.

Wir giengen sogleich zur gewöhnlichen Herberge aller Fremdlinge die aus den Abendländern kommen: zu dem Kloster St. Salvator. Ich hatte durch die Vermittlung eines vielvermögenden Freundes einen sehr gütig mich empfehlenden Brief an die Väter des heiligen Landes, vom Cardinal Franzoni in Rom erhalten; aber auch ohne diese Empfehlung würde uns im lateinischen Kloster die freundlichste Aufnahme geworden seyn, denn es ist die Weise der in ihm wohnenden, guten Väter, alle Pilgrime, die seinem Dache sich nahen, nach Kräften zu bewirthen und zu verpflegen. Wir neuen Ankömmlinge wurden zuerst zu einem Besuch bei dem damaligen Quardian des heiligen Grabes, dem venerandissimo Padre Saverio da Malta ins Kloster eingeladen. Er und der Padre Secretario empfiengen uns sehr freundlich; es wurde mir, nebst einigen meiner Freunde eine Wohnung im Kloster angeboten, wir zogen es jedoch vor in dem nachbarlich angränzenden Pilgerhauße mit der Gesellschaft unsrer übrigen Reisegefährten beisammen zu bleiben.

Es war Abend geworden, als wir unter das Obdach eingingen, das nun auf mehrere Wochen uns in der hochgebauten Stadt bewirthen sollte. Drei Zimmer die zum Theil erst heute wieder leer geworden, unter ihnen ein sehr großes, hatte man uns eingeräumt; es herrschte in dem abgelegenen Hofe, nach welchem diese Zimmer die Aussicht hatten, eine Ruhe und Stille, wie in den Vorhöfen eines Tempels; auch in uns war ein seliges, stilles Erwarten, wie es die Seele am Vorabend eines hohen Festes empfindet.

Die erste Woche in Jerusalem.

Der Morgen grauete kaum, da hatte ich schon den Weg zu dem platten Dache gefunden, das über der Reihe unsrer Zimmer war. Der Mond, fast im letzten Viertel, schien noch klar und hell am Himmel, über dem Oelberg fuhren die ersten Strahlen des Tageslichtes auf. Es hat, wie ich dieß schon bei andrer Gelegenheit erwähnte, immer zu einem meiner Lieblingsvergnügungen auf Reisen gehört, in fremden Land und in fremder Stadt den Morgen erwachen zu sehen. Er erwacht ja überall, wie aus Gedanken des Traumes von dem was gestern und ehegestern war und trägt das Gepräge der Gedanken, die in ihm sind, an seiner Stirne; wo aber könnte der Morgentraum, der des Vergangenen gedenket, großartiger und Theilnahme erregender seyn als in dem Gewölk des Sonnenaufganges das über dem Oelberg, über Gethsemanes Thale, über Morija und Golgathas Tempel schwebt.

Noch war mir das Ganze, das mein Auge von dem hochgelegnen Dach überblickte, in vielen seiner Theile fremd und neu; doch wer könnte dort in Osten den Oelberg, mit der Kirche der Auffahrt verkennen; wer sollte nicht errathen, daß die Thalschlucht da in Südosten der Weg des Kidron nach dem todten Meere sey, und daß einige der jenseits herüberblickenden Höhen schon zu Pisgas Bergzug gehören. Die Höhen gegen Süden hatten wir auf unsrer Reise vom Hebron hieher selbst durchwandelt; in Norden schließt sich das hohe Blachfeld an, über welches zur Linken der Weg nach Ramla und Joppen (Jaffa), zur Rechten aber nach Nazareth und nach Damaskus führet. Aus den allmälig heller werdenden Häußern der Stadt erhebt sich am östlichen Ende die Moschee des Omar, an der Stätte, da einst Salomo's Tempel stund; näher heran aber, mit ihren beiden Kuppeln, gegen Omars Moschee gar klein erscheinend, die Kirche des heiligen Grabes. Neben den Gedanken der Kämpfe, welche hier über diesen Hügeln gekämpft wurden, erwachten, mit dem Morgenlicht des neuen Tages zugleich jene Gedanken des Friedens, welche von Ewigkeit über Jerusalem gedacht waren und ohne Aufhören über ihm bleiben werden[127].

Wer könnte aber, wenn in ihm Kraft zum Gehen ja nur zum Kriechen ist, die Stadt der Städte so nahe zu seinen Füßen sehen, ohne sich von ihr hinabgezogen zu fühlen zur unmittelbaren Betrachtung und Berührung. Wir warteten keinen Führer aus dem Kloster ab, sondern machten uns allein auf den Weg, begleitet von Herrn Mühlenhof, der schon mehrere Male in Jerusalem war.

Jener Jäger, der den Lieblingsjünger des Herrn, Johannes den Evangelisten besuchte, fand den heiligen Greis, den er sich nicht anders als in beständigem Gebet oder lehrend und schreibend gedacht hatte, kindlich spielend mit einem zahmen Adler, und würde an diesem Anblick ein Aergerniß genommen haben, wenn der Jünger ihn nicht liebreich belehrt hätte über die Nothwendigkeit des Wechsels zwischen Ausruhen und Thätigseyn, welcher der Geist des Menschen unterliegt, so lange er die irdische Hülle bewohnt. Wer möchte sich nicht gern Jerusalem, die heilige Stadt, als eine solche denken, an deren Aeußerem schon Züge jenes stillen Ernstes und jener Andacht sichtbar wären, von denen der Pilgrim, der hinaustritt in ihre Gassen, sich durchdrungen fühlt. Solchen Zügen begegnet man auch wirklich fast auf jedem Schritte; man darf sich jedoch nicht ärgern an der bunten Decke der Gegenwart, welche die ernsten Züge der großen Vergangenheit verhüllet. Und doch wäre dieses mir und einem meiner jüngeren Freunde, der neben mir gieng, fast geschehen. Das Alltagsgewühl der Gassen so wie der von Käufern und Verkäufern erfüllten Bazars machte auf uns einen ähnlichen Eindruck, als etwa auf Kinder, denen heute der Vater starb, das alltägliche, scherzhafte Geschwätz eines von Gästen erfüllten Nachbarhauses. Die Stadt war schon sehr gefüllt von den Schaaren der orientalischen Christen, welche die ihnen noch bevorstehende Feier der Passionswoche und des Osterfestes hieher gezogen hatte. Ihnen, von denen Manche vielleicht erst gestern oder heute angekommen waren, konnte man die Aeußerungen der Freude über das glückliche Erreichtseyn des ersehnten Zieles nicht verargen, wenn auch diese Aeußerungen von andrer Form waren als bei uns; eben so wenig den Käufern und Verkäufern der vielerlei Waaren, die laute und geräuschvolle Art mit der sie ihr Gewerbe trieben.

Da stunden wir denn auf dem Vorplatz vor der heiligen Grabeskirche. Auch ihn fanden wir erfüllt, wie dies vormals die Hallen des Tempels auf Morija waren, von den Schaaren der Käufer und Verkäufer jener mannichfachen Erinnrungszeichen an Jerusalem, welche die Pilgrime gewöhnlich von hier mit sich nehmen in die Heimath. Wir hatten gehofft die Thüre der Kirche offen zu finden: unsre Erwartung sah sich getäuscht. Noch immer sind die Schlüssel zu dieser dem Christenglauben ehrwürdigsten Kirche in den Händen der Türken, welche selbst in der österlichen Zeit nur zu gewissen Stunden ihre Thüren aufthun, oder, gegen reichliche Belohnung, auch zu andrer Zeit den Fremden sie öffnen. Wir hatten versäumt vom Kloster aus um das Aufthun der Kirche nachsuchen zu lassen; Keiner von uns wußte wo die Thürhüter zu finden seyen; so mußten wir uns begnügen das ehrwürdige Gebäude vorerst nur noch von außen zu betrachten.

Während wir da, auf einem jenseits des Vorplatzes gelegnen Gemäuer stunden und anschaueten, wendete sich das Gespräch zwischen mir und dem Freunde, der dort mit mir war, auf die älteren so wie neueren Bedenklichkeiten über die Oertlichkeit des heiligen Grabes. Auch hier, in der Beschreibung meiner Reise scheint es mir nöthig, mich mit meinen Lesern über die historische Bedeutung der heiligen Grabeskirche zu verständigen.

Ein Umstand auf den sich der Zweifel hauptsächlich gründete, daß die Stätte von Golgatha und dem heiligen Grabe da zu suchen seyen, wo die Andacht der späteren Christen sie verehrte, war der, daß ja dann beide innerhalb der Stadtmauern müßten gelegen seyn, was im offenbaren Widerspruch mit der Schrift so wie mit den Einrichtungen und Sitten der Jüdischen Hauptstadt stünde. Dieser Anstoß des Zweifels ist durch die neueren Untersuchungen über die Lage und den Umkreis der alten Stadtmauern zu Christi Zeit gehoben worden, denn aus ihnen hat sich ergeben, daß die damalige Mauer von der Burg Davids nicht wie die jetzige nach Westen sich verlängerte, sondern von der östlichen Ecke der Burg sich zuerst gegen Nordosten wendete, dann nordwärts und zuletzt in N. N. W. zu der Gegend des jetzigen Damaskusthores verlief[128]. Bei dieser früheren Begränzung der Stadt lag jene ganze westliche Ecke derselben, die jedem Auge als ein unsymmetrischer Ansatz erscheint, an welcher anjetzt das Lateinische so wie der größere Theil des Griechischen Klosters und die Kirche des heiligen Grabes stehen, außerhalb der älteren Mauern, von denen sich noch unverkennbare Ueberreste bei dem Gerichtsthor (+Porta judiciaria+) finden. Allerdings wurde auch diese Gegend der jetzigen Stadt, an welcher schon zu Christi Zeiten die vereinzelten, von Gärten umgebenen Häuser der Neustadt (Bezetha) stunden, späterhin, unter der Regierung des Kaiser Claudius durch Agrippas des Ersten Vorsorge von einer neuen (der dritten) Mauer umfasset; diese Veränderung des alten Umrisses der Stadt fällt jedoch erst nahe gegen zehn Jahre nach Christi Kreuzigung[129].

Außer diesen bloß negativen, die Zweifel abwehrenden Gründen finden sich auch noch andre, positive für die Aechtsprechung der Oertlichkeiten des heiligen Grabes und der Schädelstätte. Auch nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus hatte die Liebe, welche für die Fußtapfen des Geliebten so aufmerksame, scharfe Augen besitzt, Golgathas Stätte, mitten unter den Trümmern wiedererkannt und aufgefunden; das gescheuchte Häuflein der Jünger, wie mit Flügeln der Taube, »welche den Weg zur Heimath kennet,« besuchte vielfältig die geheiligte Stätte, und feierte hier das Andenken des größesten der Siege. Kaiser Hadrian der Hochgebildete (denn die hohe Bildung schützet nicht vor dem Widerwillen gegen die Einfalt des Christenglaubens) hatte, um den Wallfahrten der Nazarener nach Golgathas nun zur Aelia Capitolina gehörigen Felsen ein Ende zu machen, sechs Jahrzehende nach der Zerstörung Jerusalems an die Stelle, da Christus gekreuzigt ward, einen Tempel der Venus erbauen lassen; über dem Felsen, in welchem das heilige Grab gewesen, stund ein Bild des Jupiter[130]. Die Unsauberkeiten des Venusdienstes hatten allerdings die armen Tauben der Wüste, welche in der reinen Luft der Höhen wohnen, verscheucht; dennoch hatte auch diesmal, wie dieß so oft geschieht, der Haß für die Liebe den Weg bereitet. Da nach dem Verlauf von fast zwei Jahrhunderten (im Jahre 326 n. Ch. Geb.) die Kaiserliche Pilgerin Helena, damals in Jerusalem weilend[131], in Vollmacht und nach dem Wunsche ihres Sohnes, des Kaiser Constantin jene heiligen Stätten wiederaufsuchte, um sie zu Christentempeln zu weihen, da gaben gerade die Ueberreste der heidnischen Götzentempel den Forschungen einen sichren Anhalt. Als am Fuße des Felsens Golgatha unter dem hinweggeräumten Schutte die Grotte des heiligen Grabes, so wie die Sage der früheren Menschenalter sie beschrieben, wieder aufgefunden, als sie unter dem Triumphgesang der Christen wieder gereinigt und zur Stätte der Andacht geweiht war, da erhub sich die christliche Baukunst zu ihren ersten, jugendlich schönen Werken. Das domartige Dach über dem Grabesfelsen wurde von hohen Säulen getragen; das geheiligte Grab umgab ein Vorhof der mit glänzendem Gestein gepflastert und an drei Seiten von Säulenhallen umgeben war. Die Basilika, der Tempel darinnen die betende Gemeinde sich versammlete, stund ostwärts von dem heiligen Grabe (da wo Golgathas Stätte ist). Das Auge der damals lebenden Christen hatte noch keinen solchen Tempel, seinem Herrn zu Ehren gesehen, darum wird uns von den Zeitgenossen, mit überfließendem Lobe die Größe und Höhe, die buntfarbige Mosaik der äußeren Mauern, das bleierne Dach, die marmorne Auskleidung der innren Wände, das prachtvolle Schnitzwerk der Decke und die reiche Vergoldung gerühmt, von welcher vor Allem das Inwendige der Basilika strahlte. Der Eingang war im Osten. Ehe jedoch die Schaar der zum Tempel Wallenden zu dem Halbkreis kam, den zwölf hohe Säulen vor diesem bildeten, und zu den drei kunstreichen Thüren, die ins Innre führten, führte ihn zuerst sein Weg durch prachtvolle Propyläen und den großen, von Hallen umgränzten Vorhof. So hatte sich die Kunst bemüht, auch den Eindruck der Andacht auf die äußern Sinnen mit jedem Schritte zu steigern, der zum Ziele der Wallfahrt: dem jenseits der Basilika gelegnen heiligen Grabe führte. Auch an der nördlichen wie an der südlichen Seite der Basilika fand sich ein Anbau der reich vergoldeten Hallen und über der Stätte der Kreutzesfindung erhub sich eine besondre Kapelle. So stund der Bau bis Chosroes der Perserkönig, durch den Neid der Juden hiezu bewogen, im Jahr 614 ihn verheerte und seiner goldnen Zierrathen beraubte. Doch hatte schon im Jahr 628 Kaiser Heraclius das Ganze wieder hergestellt, und Omar der Kalife, dem sich im Jahr 639 die feste Stadt, nach zweijährigen tapfren Widerstand ihres Patriarchen Sophronius ergab, bezeugte den heiligen Stätten des Christenglaubens solche Ehrfurcht, daß er nur auf den Stufen des Einganges der Kirchen knieend seine Andacht verrichtete, damit, seinem Beispiele folgend, auch keiner seiner Krieger in die Tempel hineingehen und die Andacht der Christen stören möchte. Dreihundert und siebenzig Jahre lang freueten sich die Christen an dem ungestörten Besitz ihres Tempels zu Jerusalem, bis Hakem, der Aegyptische Kalif im Jahr 1010 ihn abermals verwüstete. Aber auch dieser Aegyptische Herrscher bereuete später seine Härte gegen die Christen; er, so wie sein Sohn Daher gaben Erlaubniß zum Wiederaufbau der zerstörten Kirche Jerusalems und schon im Jahre 1048 unter dem Patriarchen Nicephorus erhub sie sich wieder aus ihren Trümmern. Die noch immer vereinzelt stehenden Kapellen des Grabes, der Kreutzigungsstätte und der Kreutzesauffindung brachten um ein halbes Jahrhundert später die ersten christlichen Könige von Jerusalem unter ein gemeinsames Dach und verbanden sie zu jenem nicht ganz regelmäßigen Ganzen, das noch jetzt in seinem Hauptumriß unverändert dastehet, obgleich der große Brand, der im Jahre 1807 die Kuppel über dem heiligen Grabe zerstörte und der spätere Wiederaufbau derselben im Einzelnen einige Veränderungen herbeigeführt hat. Man darf sogar behaupten, daß die eigentliche, innre Kapelle des heiligen Grabes noch in dem ursprünglichen Felsengestein sich finde, obgleich der Fels, damit man ihn in die Kirche aufnehmen konnte, nach allen Seiten so weit als nöthig behauen und abgetragen, so wie von außen und innen mit Marmorplatten ausgelegt ist. Auch Golgathas Fels, mit der Stelle der Kreutze, steht noch, wiewohl von Marmor überkleidet, im östlichen Theile des großen Tempels.

So hat seit der Zerstörung Jerusalems ein Jahrhundert dem andren die Anerkennung der Stätte, wenigstens des heiligen Grabes und Golgathas aus Hand in Hand gegeben, und über jene christlichen Menschenalter hinüber, welche nicht wie Pilgrime sondern nur wie eilig Fliehende an der geheiligten Einöde der Trümmer vorüberzogen, und deren Aussage mithin eine minder sichre gewesen wäre, hatte die Feindschaft der Heiden, durch Hadrians Götzentempel, einen sichren Wegweiser bilden müssen.

Die Stunden in Jerusalem vergehen schnell. Wir waren in unser Pilgerhaus beim Lateinischen Kloster zurückgekehrt und hatten da Einiges, das zum heutigen Tagwerk paßte, gelesen; ehe wir es erwarteten, kam der freundliche Padre Secretario, um uns ins Innre der heiligen Grabeskirche zu geleiten. Die Thüren waren jetzt geöffnet; mit uns zugleich drängten sich die Pilgrime der verschiedensten Völker des Morgenlandes, Kopten, Georgianer und Maroniten, Armenier und Griechen hinein zu den Felsen, welche Zeugen einer ersten so wie einer zweiten, höheren Schöpfung gewesen. Da ich aus diesen Schaaren die Aeußerungen der Andacht, bei Vielen, auch den stärksten Männern des Gebirges von Thränen begleitet, in den verschiedensten Sprachen vernahm, war es mir als sähe ich, wenn auch nur im schwachen Vorbilde und noch mitten im Elende der Gegenwart, die Herrlichkeit jener Zeit, da sie zu Zion predigen werden den Namen des Herrn und Sein Lob zu Jerusalem; wenn (hier) die Völker zusammenkommen, und die Königreiche, dem Herrn zu dienen (Ps. 102 V. 22, 23). Ja, ich freue mich deß, das mir geredet ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen; und daß unsre Füße werden stehen in deinen Thoren, Jerusalem (Ps. 122 V. 1, 2). Siehe diese meine Freude ist heute erfüllt.

Vielleicht hat es Jeder von uns, der Leser wie der Schreiber, einmal in seinem Leben erfahren, daß es Freuden wie Schmerzen im Leben giebt, die, wenn sie da sind, unsre ganze Seele erfassen und so tief in dieselbe hineinreden, daß alle Kräfte des innren Menschen zu einem Aufmerken und Verstehen der Rede geworden scheinen, und daß dennoch, wenn die Augenblicke des Zweigespräches vorüber sind, und die Seele gefragt wird: was hast du vernommen? sie antworten muß: ich weiß es nicht. Bei Einigen, denen dieß begegnet, wie vielleicht bei dem Pilgrim, der dieses schreibt, mag der Grund des Gebundenseyns der Sprache, über das was die Seele erfuhr, in der großen Verschiedenheit des alltäglichen, kalten, todten Wesens von jenen Augenblicken liegen, da auch die ärmste Seele besucht wird von dem Aufgang aus der Höhe; bei Andren verbergen sich solche Begegnisse aus der oberen, seligen Welt, tief ins Innre, damit der Rost und die Würmer des täglichen Treibens der Welt sie nicht verderben, und sie behalten bleiben mögen in ihrer ganzen Kraft für die selige Erinnerung der Ewigkeit. Ihr Augenblicke, da ich zum ersten Male knieete und anbetete an der Stätte, da der Leib Dessen, welcher aller Verleiblichung Anfang ist, auf kurze Stunden ruhete; dann da, wo auf Golgathas Felsen das große Werk der Errettung vollbracht ward, wie wenig würde von Dem, was ich in euch empfand, für das Seyn das jenseits ist, zurückbleiben, wenn es hier nur die eigne Kraft, die eigne, lautere, unverfälschte Stimmung gälte. Und dennoch, der Fels, auf dem das Kreuz stund, so wie Jener in welchem Er, welcher Macht hatte Sein Leben zu lassen und dasselbe wieder zu nehmen, erwachte, ist fester und sichrer als die Welle des Blutes, die im unstäten Herzen sich bewegt; ich lege die Hand jetzt auf diesen Felsen und dann aufs Herz. Hätte ich den Felsen der Ueberzeugung nicht, daß das, was das Evangelium sagt, ein wahrhaft Geschehenes ist, was sollte der arme Schlag des sehnenden Herzens, mit seinen Odemzügen?

Indem wir da, tief ausruhend im Geiste, weilen, beginnen die Gesänge des täglichen Umganges der Minoriten, durch die geheiligten Stätten des weiten Tempelgebäudes; auch wir schließen uns den Pilgrimen aus der Heimath des Abendlandes an und treten hinein in die Kapelle der Lateiner, in und bei welcher der Zug sich versammlet. Das Lied der anbetenden Dankbarkeit und Beugung hebt bei der Säule an, die einst in Pilatus Hauße stehend, von der Andacht vieler Jahrhunderte als dieselbe betrachtet wird, an welcher Christus, den Händen der Heiden übergeben, gegeißelt ward:

Erwache Mensch, und nimm es dir zu Herzen, Du darfst jetzt mit Ihm gehn den Weg der Schmerzen; Mit Ihm, der deiner Seele Schuld getragen, Als hier der Heiden Hände. Ihn geschlagen. --

Von der Stätte der Geißelung gehet der Zug der singenden Priester und Pilgrime weiter, zuerst durch einen langen, am Umfang des eigentlichen Kirchengebäudes gelegnen Gang zu der Stätte, welche seit anderthalb Jahrtausenden von der Andacht der Christen als jene verehrt wird, an der Christus der Herr gebunden stand, während die Heiden, in deren Hände er übergeben worden, die Vorbereitung zu seiner Kreuzigung trafen. Dann, mit Gesängen, in denen Töne der innigsten Klage mit jenen des Triumphes des Christenglaubens sich vereinen, wird jene zerbrochne Säule begrüßt, die vormals im Richthauße stund und bei der man den Herrn mit Dornen krönte; hierauf die Stätte, an welcher die Kriegsknechte seine Kleider theilten und über sein Gewand das Loos warfen. »Ja,« (so singt das Lied) »Der, welcher die Sterne des Himmels, mit Seinem Gewande, welches Licht ist, bekleidet; Er, der das Geflügel unter dem Himmel wie die Blumen des Feldes mit dem Kleide des bunten Gefieders und der Farben zieret, läßt sich hier von Menschenhänden des von ihnen geliehenen Gewandes berauben, damit Er den Menschen das Kleid eines ewigen Seyns verleihen könne.« Von hier begiebt sich die Schaar der Anbetenden hinab in die Tiefe der Felsen zur Kapelle der Kreuzesfindung; es legte wenigstens der Geist der Andacht von fünfzehn vorübergegangenen Jahrhunderten in diese Stätte ein Andenken an jenen Stamm, der aus tiefen Wurzeln der Liebe entsprungen hinanraget mit seinem Gipfel, zu den Höhen des Aufganges eines ewigen Erbarmens. Das herrliche, alte Lied: +vexilla regis prodeunt+, mit welchem die Wonne des Glaubens, unter dem Panier ihres Königes hinansteiget auf Golgathas Felsen, so wie das +pange lingua+, mit welchem sie das Hinaufführen des Kampfes der Zeitlichkeit zum Siege der Ewigkeit, beim Hinabsteigen zu der Steinplatte, auf der man den Leib des Herrn, des Königes der Höhen wie der Tiefen salbete, besingt, sprachen noch niemals mit solch rührender Gewalt zur Seele; noch nie ertönten die Gesänge des Auferstehungsmorgens so erhebend als dort, am Felsen des Grabes und an der Stätte da der Auferstandene der Maria Magdalena erschien. Bei dem Singen der Litanei antwortet ein Chor wohllautender, tiefer Männerstimmen, zugleich mit den Tönen der Orgel, dem Chor der Sänger und Pilgrime, welche in der Capelle, an der Stätte versammlet stehen, die der Glaube als jene verehrt an welcher Christus der unter den Weibern Erkohrenen, seiner Mutter, als Sieger aus des Grabes Nacht sich zeigte. Wie ein Frühlingsregen, der das dürstende Land netzt und im Wald wie Feld Tausende der verschlossenen Knospen wie der schweigenden Stimmen wecket, ergoß sich die Fülle dieser Töne über Geist und Herz, und weckte hier Gedanken und Empfindungen, in denen ein Saame des Werdens und Bleibens seyn möge.

Wir kommen in dieser Reisebeschreibung noch einmal zu der Betrachtung der heiligen Grabeskirche und ihren mitten unter dem Geräusch des menschlich Gebrechlichen, »herrlichen Gottesdiensten« zurück; heute fand uns der Abend wieder im Hauße der Pilger. Wir saßen da schweigend, und Einige von uns im Stillen über die Erfahrung verwundert, daß das Herz, wie ein armer, lahmer Fußgänger, den ein reicher Reisender ein Stück Weges mit auf seinen Wagen nahm und ihn schnell über die Auen dahinführte, dann aber wieder aussteigen ließ, so bald wieder, statt im Fluge zu eilen, an seinen alten Krücken dahin schlich. Führe Du Reichester unter den Reichen den Lahmen nicht nur auf ein Stück Weges über Deine Auen, sondern gieb ihm, Du, Israëls Arzt, die Kraft des Laufens, wenn Du ihn ziehest.

Der dreißigste März, es war ein Donnerstag, sollte uns, im unmittelbarem Geleite des an Erkenntniß wie an Liebe reich begabten Padre Secretario mit den andren heiligen Stätten bekannt machen, welche in und um die Stadt, seit anderthalb Jahrtausenden Denksteine und Gefäße waren, auf die der kindliche Glaube der Christen seine magischen Kräfte übertrug. -- Es liegt eine ganz eigene, geistig erweckende Kraft in der Reihenfolge der einzelnen christlichen Feste des Kirchenjahres; der Palmsonntag lässet in der Seele das Hosianna des Einzuges in Jerusalem erwachen; der grüne Donnerstag führt sie zur stillen, hochgesegneten Einkehr beim Tische des Herrn; der Charfreitag wie der Charsamstag ziehen den Blick des Geistes jetzt hinan zum Kreuze und senken ihn dann hinab zur Stille des geheiligten Grabes, bis das innre Ohr am Osterabend und Morgen den Posaunenton des Triumphgesanges der Auferstehung vernimmt. Es begleitet hierauf die feiernde Betrachtung Maria, die Magdalenerin, zu den Entzückungen des ersten Anblickes des Erstandenen und freuet sich am Abend des Ostertages, so wie acht Tage hernach und am See von Tiberias wie auf dem Berge in Galiläa der Freude des Wiedersehens, mit den verwaisten Jüngern. Sie folget am Himmelfahrtstage dem Herrn auf den Gipfel des Oelberges und siehet Ihm freudig nach auf der Heimkehr zur Herrlichkeit des Vaters, aus welcher Er gekommen; vernimmt die Verheißung der Engel, daß Er, welcher thronet zur Rechten Gottes, so, wie wir Ihn sahen auffahren, einst wiederkehren werde; empfängt am heiligen Pfingstfeste mit den Aposteln zugleich einen Vorschmack jener Seligkeiten, da nicht mehr der Geist des Menschen, sondern ein neuer Geist aus Gott den Tempel der Seele wie des Leibes erfüllet mit seinen Himmelskräften. Oder auch zu andren Zeiten führet die Erinnerung, welche die einzelnen Festtage mit sich bringen, das theilnehmende Herz mit sich hinaus vor die Thore Jerusalems, zu der Stätte, da der erste der Blutzeugen des neuen Bundes, Stephanus gesteinigt ward, und betend für seine Feinde entschlief; zu der Quelle Siloahs, da der Blinde mit dem leiblichen Licht zugleich Ihn, des Lichtes geistigen Quell erkennen lernte; nach Bethanien, zu dem Hauße da Maria wohnte und Martha, zu dem Grabe da Lazarus schlief. Wieder an andern Gedenktagen des Jahres nahet sich die Betrachtung der großen Geschichten, die in Jerusalem geschahen jener Stätte, da Jacobus enthauptet ward; dem Kerker aus welchem die Hand des Engels Petrum hinausführte, oder dem Hauße, in welchem Maria Magdalena die Füße des Herrn mit ihren Thränen benetzte. Aber alle diese hehren Stimmen der Erinnerungen, mit denen die einzelnen christlichen Jahresfeste zum Herzen sprechen, sind in und nahe bei Jerusalem zu einem Gesammtchore vereint, das wie ein voller, kräftiger Strom die Seele bewegt. Wenn das innre Auge das große Farbenbild der sonst zerstreuten, hier wie zu der Fensterrose eines Tempelthores vereinten Strahlen, in ganzer Stärke zu erfassen vermöchte, dann könnte ihm der Eindruck den Jerusalem macht der Vorschmack eines Momentes der Ewigkeit seyn, dessen Wesen von keinem Wechsel der Jahre und der Tage berührt wird, weil in ihm die ~eine~, ungetheilte Kraft jenes Sieges sich kund giebt, welcher in vielfachen Thaten und Kämpfen der Zeit errungen ward.

Das was unser Führer heute zuerst uns zeigte ist für eine lange Reihe der christlichen Jahrhunderte ein Gegenstand der andächtigsten, innigsten Beachtung gewesen; es war der sogenannte Schmerzensweg, die +via dolorosa+. An wie viel tausend Wohnstätten der Christen, in allen Ländern der Erde, finden sich Nachbildungen dieses Schmerzensweges der heiligen Stadt, mit allen seinen einzelnen Stationen; Nachbildungen in denen selbst alle Raumverhältnisse genau nach Schritten abgemessen und in Uebereinstimmung mit dem Urbild gebracht sind. Der kindliche Glaube beschauet in dem Wege, welcher von Gethsemane herauf durch das Thor der Ostseite, vorüber an den Resten der Antoniaburg und an Pilatus Richthaus, zuerst hinabwärts, dann ungleich steiler aufwärts nach Golgatha hingehet, die Bahn der Erniedrigungen und Leiden, welche einst der Sieger betrat über den Tod und seine Schrecken. Allerdings vermag die Seele auch mit dem innren Auge, ohne des leiblichen Sehens zu bedürfen den Helden auf der Bahn seiner Kämpfe zu begleiten. Aber, wer sollte es nicht schon, auf einem Schlachtfelde stehend, wo vor vielen Menschenaltern das Volk seines Landes einen großen Sieg errang, erfahren haben, daß bei der sinnlichen Betrachtung einer solchen Denkstätte die Erinnerung an Das was hier geschehen zu einer ganz andren, lebendigeren, kräftigeren wurde als sie in der Ferne, beim bloßen Vernehmen der Geschichte jener Schlacht gewesen war? Mag es seyn daß uns die hier eingeborne kindliche Andacht, wenn sie die einzelnen Züge des großen Bildes beschreibt, zuweilen auf ähnliche Weise erscheint wie ein Landmann, dessen Hütte in der Nähe des Schlachtfeldes stehet, wenn derselbe nicht mit den Worten eines sachkundigen Kriegers, noch weniger mit der Sicherheit eines Augenzeugen uns erzählt was da und dort auf der seitdem viel veränderten Stätte geschehen sey; immerhin wird uns die Erzählung zur innigsten Theilnahme bewegen, denn sie ist doch ein Nachhall Dessen, was die Urväter hier wirklich sahen und erlebten. Es ist nun, seit Constantins und Helenas Zeiten das sechzehnte Jahrhundert, das an den Denksteinen dieser großen Erinnerungen sich erbaut und geistig erquickt.

Wenn man vom Lateinischen Kloster aus hinabgehet, berührt man zuerst jenes Ende des Schmerzensweges, welches, ehe hier der alte Weg mit Häußern verbaut wurde, hinab führte nach dem Calvarienberge. Da wo zur Linken des Weges der Thurm des Gerichtsthores stehet, war die alte Stadtmauer; hier trat der Herr hinaus ins Freie um die Schmach des Kreuzestodes zu tragen[132]. Unten im Thale, an dem tiefsten Punkte der Stadt, wo nun das mühsame Aufwärtssteigen begann, ward Simon von Cyrene gewürdigt dem Herrn das Kreuz zu tragen, weiterhin zeigt die fromme Sage die Stelle da die erkohrene der Frauen den Mann der Schmerzen sahe, den sie, verkündigt von den Engeln gebahr, und wo sie nach Simeons Worten das Schwert fühlte durch ihre Seele dringen. Dort wo sich der jenseitige Hügel etwas steiler zum Thal herunter senkt erlag Christus zum ersten Male unter der Last des Kreuzes, etwas weiter hinan, vor dem Hauße des Stadtcommandanten, das an der vermuthlichen Stätte von Pilatus Pallast stehet, war jener Bogen auf dem der Herr stund da Pilatus mit den Worten: sehet welch ein Mensch, dem Volk ihn zeigte; auf der linken Seite der jetzigen Straße, dem Pilatushaus gegenüber finden sich die Trümmer eines Kirchleins, in welcher die Andacht der früheren christlichen Jahrhunderte die Stelle verehrte, da Christus von den Kriegsknechten verhöhnt und mit Dornen gekrönt wurde. Weiterhin, bei dem Hauße das anjetzt zu einer Kaserne des Aegyptischen Militärs dienet, zeigt man die heilige Treppe auf der Christus hinanstieg nach des Pilatus Haus.

In der Nähe des Thores der Ostseite, das gegen Gethsemane hinabführt, und welches an die Stelle des Schafthores getreten ist, mischen sich die Erinnerungen auch an andre Thaten des Herrn mit denen an seinen letzten Kampf. Noch ehe man zum Thore kommt sieht man zur Linken die Ruinen jenes Haußes, welches das der heiligen Anna, der Mutter Marias, genannt war; weiterhin, zur Rechten, gleich innerhalb des Thores, den Teich Bethesda, mit drei noch jetzt wohlerhaltnen Hallen. Den ehemaligen Grund dieses festgemauerten Wasserbehältnisses füllt besonders gegen Nord und Osten hin ein Hügel von Schutt aus, auf welchem ein dichtes Gebüsch von wilden Granatbäumen grünet. An dem östlichen Rande des Bethesdateiches hin würde der gerade Weg gen Süden an einen der Eingänge zum Vorplatz der großen Moschee führen. Wir sahen Türkische Frauen die Stufen hinansteigen um gegen den Tempel hinzugehen, uns andren jedoch, als Christen war selbst der Zutritt zum Vorplatz nur ungern verstattet. Auch zog es uns, so hehr immer die Erinnerungen sind die sich an den Berg des Tempels anknüpfen, jetzt mehr nach einer andern Stätte hin als nach Morija.

Wir traten zum Thor hinaus, welches von den jetzigen christlichen Bewohnern Jerusalems das St. Stephansthor genannt wird, weil die Andacht der späteren Jahrhunderte hier an die Stätte erinnert, an welcher der erste der Blutzeugen, Stephanus, gesteinigt wurde, während in den Zeiten der Kreuzzüge[133] allgemein eine Gegend bei dem nördlichen (Herodes-) Thore für den Ort der Steinigung galt. Eine Schaar der griechischen Pilgrime kam uns den Berg herauf entgegen; andre zogen hinab nach dem Grabe der Maria; unter uns im Thale lag Gethsemanes Garten, vor uns der grünende Oelberg mit seinen drei Gipfeln. Eine steinerne Brücke führt über den jetzt ganz wasserlosen Kidron; die uralten Oelbäume zur Rechten, die Eintiefung des Thales zur Linken, auf welche der überhangende Fels seinen dichten Schatten wirft, müßten die Seele auch des unkundigen Wandrers mit Gedanken und Ahndungen des tiefen Ernstes erfüllen. Ein durch den Felsen gehauener, durch eine Thür verschließbarer Gang führte uns hinein in das nur dämmernd beleuchtete Geheimniß der Felsen, bei deren Geschichte selbst das tiefsinnigste Erkennen des Menschengeistes, ja der Verstand der Engel anbetend staunt. Hier hat sich Der, welcher des Lebens Anfang und Vollendung ist, Er der in Bethlehems Grotte mit dem Geschlecht des Menschen, zu dem Er als Bruder und Helfer sich gesellte, die Schwäche der Kindheit, dann alle Noth und Gebrechlichkeit des vergänglichen Lebens trug, hinabgebeugt bis zu der Angst und den Schrecken des Todes; hier war es wo der Herr, blutigen Schweiß schwitzend, die Last des Fluches empfand, welcher auf der alten Schuld des Menschen liegt[134]. Wenn an dieser Stätte des Schauders der Glaube des Christen sich beugt und hinabschaut in den finstern Abgrund, in welchen damals der Sieger über des Todes Gewalt und Schrecken sich versenkte, da wird ihm dennoch die Beugung der Trauer bald zu einer Erhebung der Freude; der Abgrund, in welchem die Furcht und Bangen wohnten ist leer; statt jener Feinde stehet ein freundlicher Engel da, welcher der Seele zurufet: Weine nicht; siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda; die Wurzel Davids.« Ja, »Tod wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?«

Nahe bei Gethsemanes heiligem Felsendunkel ist der Oelgarten, in welchem die Jünger, die der Herr zu Zeugen seines Todeskampfes gewählt hatte, verweilten und schliefen, während Er, der Held die Kelter allein trat[135] und mitten unter den Schmerzen der Wunden und der Last der Arbeiten wachte[136]. Einige uralte Stämme von Oelbäumen, deren selbst die Türken mit frommer Scheu verschonen und die sie auch von Andern nicht verletzen lassen, stehen hier, welche ihrem Aussehen nach, bei dem hohen Alter das dieser Baum erreicht, wohl zu einem Geschlecht der Mitlebenden vieler, längst vergangener Jahrhunderte gehören können. Ihr Innres ist ganz hohl; damit der Wind sie nicht umbrechen möge, hat man dasselbe hoch hinan mit Steinen angefüllt und auch äußerlich, zum Schutz und zur Befestigung, Haufen von Steinen herumgelegt. -- Jene Stelle in Gethsemane Garten da Christus von Judas verrathen ward, haben die Türken als eine verfluchte mit Steinhaufen umgeben.

Hinan zum mittleren Gipfel des Oelberges, auf welchem die Himmelfahrtskirche stehet, war es als würde der Leib durch Kräfte eines neuen, innren Lebens getragen. Ja, wer sollte hier nicht sehr freudig seyn, wenn er unter den blühenden Bäumen des Frühlinges, die mit den grünenden Feldern des Getraides zugleich ihren Duft geben, hinan steiget nach jener Höhe, da die Erde mit dem Herrlichsten das sie in ihrer Leiblichkeit getragen, dem Himmel entgegenkam; dieser aber, der Himmel, mit all seinen Kräften der Ewigkeit, zur Erde sich niedersenkte. Gewiß, hier ist noch in höherem Sinne denn zu Bethel, die Stätte heilig und eine Pforte des Himmels[137]. Und dennoch fürchten wir uns nicht.

Jener nördlichere Gipfel des Oelberges erscheint als der höchste unter den dreien, auf welchem die Denksäule an den Ort erinnern soll, da die Engel stunden, welche, als der Herr gen Himmel gefahren war, zu den Jüngern sprachen: Ihr Männer aus Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen in den Himmel, wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren[138]. Als den Punkt auf welchem der Herr stund als er aufgenommen ward, bezeichnet die christliche Ueberlieferung schon der ersten Jahrhunderte jene Stelle der mittleren Kuppe, an welcher der nächste Weg von Jerusalem gen Bethanien vorüberführt, und auf welcher die Auffahrtskirche stehet. Diese Stelle ist von der nördlichen bei der die Engel stunden einige hundert Schritte weit entfernt; ein Eindruck im Felsenstein der mit der Gestalt eines Menschenfußes verglichen wird, ist noch jetzt hier Gegenstand der Verehrung der Pilgrime. Der dritte südlichste Theil heißt Berg des Aergernisses, weil hier Salomon im hohen Alter seinen fremden Frauen den Dienst des Moloch gestattete.

Die Auffahrtskapelle, schon von der Kaiserin Helena begründet, gehört jetzt den Armeniern, die uns freundlich und gern den Eintritt gestatteten. Auch der Islamismus, der wie die flüchtige, scheue, Schwalbe, so unzähmbar er auch ist, dennoch gern sein Nest unter und bei den Hallen der christlichen Andacht erbauet, hat nahe bei der Auffahrtskirche eine Moschee angelegt, und wahrlich, hier wie einst auf dem Thabor möchte die Seele des Pilgrims sagen: »da ist gut seyn; laß uns Hütten bauen.« Was in Mamres Haine verheißen, auf Morija vorgebildet, auf dem Thabor vorausgeschaut, aus Golgatha durchgekämpft wurde dem ist hier, auf des Oelbergs Höhe das Siegel der Verherrlichung ausgeprägt und die Palme des Sieges gereicht worden. Und welche andre Aussicht auf Erden ist wohl der vom Gipfel des Oelberges zu vergleichen, die wir nicht bloß heute, sondern auch später noch öfters genossen. Unter sich in Westen sieht man die Stadt, welche einst genannt war eine Wohnstätte des Herrn und Seiner Herrlichkeit; die Mauer um den Tempel auf Morija hemmet, von diesem höheren Standpunkte aus[139], den Ueberblick nicht, man sieht mit ihren Säulenhallen die wahrhaft schöne Moschee des Omar und die vormalige Kirche von Mariä Opferung, sammt dem ganzen sie umringenden Vorplatz; das Fernrohr, dessen man sich in unsern Tagen ungestraft bedienen darf, macht jeden der kunstreichen, metallisch glänzenden Ziegel der Kuppel deutlich. Aber auch die Höhen und Tiefen der weiten Umgegend sind ein bedeutungsvoller, herrlicher Rahmen zu dem Bild von Jerusalem. Gegen Osten hin senkt sich der Blick von einer Tiefe zur andern, bis zu dem Kessel des todten Meeres hinab und jenseit des Wasserspiegels, dessen nördliches Ende man sieht, erhebt sich der Bergzug des Nebo und Pisga, von dessen Gipfel der Mann, der in seinem ganzen Hauße treu erfunden ward das Land der Verheißung überblickte, das sein Fuß nicht betreten durfte. Das Thal des Jordans (das Ghor) kommt im Norden des Salzmeeres aus dem Verdeck der diesseitigen Höhen hervor; es ist als ob man aus der leichteren Luft des Oelberges nach jenem Thalkessel hin in eine ungleich dichtere atmosphärische Schicht blickte, die dem Flußthale wie dem todten Meere eine ganz besondre Färbung ertheilt[140]. Auch das Kidronthal kann man als tiefe Spalte verfolgen bis an jenes Meer der Senkungen. Wendet man sich von Ost nach Norden da zeigen sich dem Auge die Höhen des Gebirges Ephraim; unter ihnen, besonders deutlich, der Ebal und Garizim bei Sichem und manche andre Gegenden, die wir auf unsrer nachmaligen Reise berührten. Denn wie oft habe ich es beklagt, daß ich nicht später, da ich des Landes etwas besser kundig war noch einmal zum Oelberg zurückkehrte, um das Panorama seiner Aussicht besser deuten zu können; wie sehr beklagt es noch jetzt mein Reisegefährte, der Maler Bernatz, daß er es versäumt hat dieses Panorama zu zeichnen; eine Arbeit die sich jeder geschickte Zeichner der an diese Stelle kommt zu einer Hauptaufgabe machen sollte, da sie für die bessre Kenntniß des Landes von großer Wichtigkeit seyn könnte.

Während meine Begleiter noch bei der Auffahrtskapelle und bei dem neuen Bau der Armenier verweilten, war ich ein wenig am östlichen Abhange des Berges hinunter gegangen bis dahin, wo man jenseit des schmalen Höhensattels der zwischen den beiden Thalschluchten verläuft, nach Bethanien hinabschauen kann. Der kurze Weg hatte über die Stätte von Bethphage am Oelberg geführt, wo die Zurüstungen zum Einzuge des Sanftmüthigsten und Demüthigsten der Herrscher begannen. Auch in meiner Seele ertönte das Hosianna der Jünger; ich genoß da eine Nachfeier des Palmensonntags, die zwar der Zeit nach verspätet, ihrer Kraft nach aber durch keinen Unterschied der Tage geschwächt war.

Von dem mittleren Gipfel des Oelberges, an welchem der eine, nähere Weg von Jerusalem nach Bethanien vorüberführt, giengen wir, auf eben diesem Wege hinab nach dem Kidron. Seitwärts, am Rande eines Feldes