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Zu Beginn der Sitzung vom 14. Januar verlas Staatsminister Reuter im Namen der Großherzogin Maria Adelheid folgende Erklärung:

„Schloß Berg, den 9. Januar 1919.

Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, die sie kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten hatte, erstatteten Berichtes, habe Ich beschlossen, der Krone des Großherzogtums zu entsagen.

Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war Ich stets beseelt von der Liebe zu meinem Land und von dem Wunsch, zur Hebung seines moralischen und geistigen Wohles beizutragen.

Ich wünsche deshalb, dem Luxemburger Volke jede Schwierigkeit, die die von der Regierung zur Vorbereitung und Einrichtung der wirtschaftlichen Zukunft des Landes mit der einen oder andern Nachbarnation anzuknüpfenden Verhandlungen hemmen könnte, zu vermeiden.

Die Regierung wird Meinen Entschluß der Abgeordnetenkammer zur Kenntnis bringen und Meine Abdankung wird durch deren Mitteilung in der nächsten Sitzung des Parlamentes vollzogen sein.

In dem Bewußtsein der mit der Annahme der Krone des Großherzogtums und durch den auf die Verfassung geleisteten Eid übernommenen Pflichten beauftrage ich die Regierung, die zur Regelung der Thronfolge sowie zur Sicherstellung der nationalen Selbständigkeit erforderlichen Maßnahmen zu treffen.

In dem Augenblicke, wo das Ende des Weltkrieges das Großherzogtum Luxemburg vor einen neuen Abschnitt seiner Geschichte gestellt hat, habe ich meine Absicht bekundet, die Geschicke des Landes in die Hände des Luxemburger Volkes zu legen.

Die Ausübung dieses, den kleinsten Völkern durch die Grundsätze des neuen Völkerbundes gesicherten Rechtes wird es ihm ermöglichen, den von ihm frei gewählten Einrichtungen die dauerhafte Grundlage zu verleihen, die sich aus dem Gemeingefühl und der Verantwortlichkeit aller Bürger ergibt.

Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen! Möge es seine nationalen Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner Unabhängigkeit unversehrt erhalten!"

Großherzogin war nun Prinzeß Charlotte und die Kammer sollte die Abgeordneten bezeichnen, in deren Hände die neue Herrscherin den Verfassungseid ablegt.

Die Gegner der Dynastie beantragten, die Eidesleistung aufzuschieben, bis zu dem Augenblick, wo eine verantwortliche Regierung imstande sei, gestützt auf amtliche Belege, zu versichern, daß die Ententemächte bereit seien, die Minister der Großherzogin zu empfangen und mit der Großherzogin die diplomatischen Beziehungen in der Herzlichkeit wieder aufzunehmen, wie es vor dem Kriege der Fall war.

Dieser von Herrn Brasseur eingebrachte und von den HH. Probst, Pescatore, Mark, Koch unterstützte Antrag entfesselte wieder das große Toben. Herr Reuter stellte sich mit der ganzen Kraft seiner beredten Aufrichtigkeit hinter die ihm von meinem Bruder und mir verbürgte Gewißheit und sprach:

„Die Zusicherungen, die wir erhalten haben, brachten uns die Überzeugung, daß die französische Regierung keine Schwierigkeiten erhebt, nach der Thronbesteigung der Prinzessin Charlotte die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen."

Rufe links: „Legen Sie die Schriftstücke vor!"

Hr. Reuter: „Ich werde nichts vorlegen."

Rufe rechts: „Wir trauen den Aussagen der Regierung."

Hr. Reuter: „Sämtliche Regierungsmitglieder teilen diese Überzeugung, und zwar ohne Vorbehalt."

Rufe rechts: „Das genügt uns!"

Hr. Reuter: „Wir legen keine Schriftstücke vor, wir dürfen keine Namen nennen. Wenn die Kammer uns nicht glauben will, so möge sie tun, was sie für nützlich findet!"

Von diesem Standpunkt wird der Staatsminister auch bei allen folgenden Auseinandersetzungen kein Haarbreit abweichen. Immer wieder beruft er sich auf die heilige Überzeugung sämtlicher Regierungsmitglieder und auf deren Vaterlandsliebe; beständig weigert er sich, Namen zu nennen und der Kammer die geforderten Belege zu unterbreiten.

Das Vertrauen hielt stand. Der Antrag wurde mit 30 gegen 19 Stimmen abgelehnt.

Dagegen stimmte die Rechte sowie die HH. Glesener, Herschbach, Laval, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver;

dafür stimmten die HH. Diderich, Hemmer, Housse, Kellen, Kieffer, Koch, Krier, Lacroix, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum und Brasseur;

es enthielten sich die HH. Kappweiler und Krieps.

Dasselbe Schicksal fand bei 31 Stimmen gegen 19 und 1 Enthaltung eine zweite von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Tagesordnung des Inhalts:

„Da die französische Regierung sich weigerte, bei aller Sympathie für das luxemburgische Volk, die Minister der Großherzogin zu empfangen; da es aber notwendig ist, mit der französischen Republik wieder in enge Beziehungen zu treten, schiebt die Kammer die Ernennung der Kommission auf und bezeichnet aus ihrer Mitte eine Vertretung von drei Mitgliedern, die im Namen des Luxemburger Volkes alsbald mit der französischen Regierung sowie mit den übrigen Ententemächten Fühlung nehmen sollen."

* * * * *

Am 15. Januar, um 4 Uhr nachmittags, wurde Großherzogin Charlotte vereidigt. Sie schloß an die feierlichen Worte folgenden Ausspruch:

„Ich bin stolz auf den Eid, den Ich soeben in die Hände der Vertretung der luxemburgischen Kammer abgelegt habe.

Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß Ich die Interessen des Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an seinen Freuden und Leiden teilnehmen will.

Ich wünsche mit dem Luxemburger Volke zusammenzuarbeiten, um die freundschaftlichen Bande zu festigen, die es mit den Verbandsmächten, an deren wirtschaftlichem Leben es teilnehmen soll, verknüpfen sollen.

Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Land eine Zeit des Wohlstandes, des inneren und äußeren Glückes eröffne."

Der Kammerpräsident dankte I. K. H. und verlieh der Hoffnung Ausdruck, unter dem gedeihlichen Zusammenwirken von Fürst und Volk werde das Großherzogtum einer glücklichen und unabhängigen Zukunft entgegengehen.

* * * * *

In der Sitzung vom 16. Januar stand auf der Tagesordnung das Vertrauensvotum für die neue Regierung.

Ich rechtfertigte meine Handlungsweise in einer längeren Erklärung, deren Ton und Ausführungen ausschließlich von den angedeuteten Gefühlen bestimmt wurden: nur der Heimat und dem Heimatgedanken sollten meine Worte gelten.

„~Herr Generaldirektor Welter~: Ich verlange das Wort in einer persönlichen Angelegenheit. Während der Dienstagssitzung wurde ich mit gewissen Liebenswürdigkeiten bedacht, deren Sinn und genauen Wortlaut ich in dem allgemeinen Tumult nicht verstehen konnte. Erst als ich gestern morgen den analytischen Kammerbericht las, konnte ich mir von diesen Vorwürfen eine bestimmte Vorstellung bilden. Man gibt darin, unter anderm, meinen Namen der Verachtung aller ehrlichen Leute preis. Die Kammer wird mir gestatten, auf diesen kleinen Zwischenfall zurückzukommen. Nicht als ob diese Ausfälle mir besonders nahe gegangen wären, aber ich möchte auch nicht den Anschein haben, als wollte ich mich einer freiwillig und bewußt übernommenen Verantwortung entziehen. Auch möchte ich durch meine Erklärungen dem Lande begreiflich machen, daß man ein ehrlicher Mann bleiben kann, sogar wenn es einem unmöglich gewesen ist, bis zum äußersten der Politik einer Partei zu folgen, der man durch aufrichtige Sympathien und tiefe Freundschaft verbunden war.

Wenn ich verschiedene andere Unterbrechungen richtig verstanden habe, ruft man besonders nach dem Verrat des Dichters der „Schmiede" und des einstigen Vertrauensmanns. Aber weder in der einen noch in der andern Eigenschaft habe ich jemals verraten oder getäuscht.

Der Verfasser der „Schmiede" verleugnet noch heute keinen der in diesem Gedichte ausgesprochenen Gedanken. Im Gegenteil, ich denke immer mit Vergnügen daran und es macht mich diese Erinnerung um 20 Jahre jünger. Ich empfand denn auch eine aufrichtige Genugtuung an dem Tage, wo ich die Entdeckung machte, daß der Dichter der „Schmiede" sich gewissermaßen als Pate des sozialistischen Parteiblattes betrachten darf. Es war auch nur die lebhafte Sympathie für die sozialen Bestrebungen dieser Partei, die mich zur Annahme des Postens in dem Koalitionsministerium bewog, das glücklicherweise aufgelöst ist, leider aber nicht selig im Herrn entschlafen konnte. Den besten Beweis dafür, daß die „Schmiede" für mich keine Jugendsünde ist, für die ich heute büßen möchte, finden Sie unter anderem in dem Leben eines Proletariers, in dem Buche „Franz Bergg". „Franz Bergg" hat mir kurz vor Beginn des Krieges in Deutschland, auf Befehl der Militärbehörden, zwei Prozesse eingebracht. Sie werden mir also glauben, wenn ich Ihnen noch einmal versichere, daß ich der Einladung der sozialistischen Partei gefolgt bin, aus reiner Sympathie für die sozialen Ideen, die sie vertritt, einer Sympathie, der sich auch etwas menschliche, leicht begreifliche Neugier mischte. Aber an dem Tage, wo ich mich vor die Einladung der sozialistischen Partei gestellt sah, war ich darauf bedacht, meinen Vorbehalt zu machen. Und so gab ich denn einem Freunde zu verstehen, daß es mir in einem Konflikt zwischen Monarchie und republikanischem Prinzip vielleicht unmöglich gemacht würde, der Erwartung meiner Auftraggeber ganz zu entsprechen. Es wurde mir die Antwort, daß es zu einem solchen Konflikt kaum kommen dürfte; meine diesbezüglichen Bedenken seien also unbegründet.

Sie erkennen daran, daß ich von Anfang an darauf bedacht war, jedem Mißverständnis vorzubeugen und mir in der Hinsicht meine Freiheit vorzubehalten. Man hat demnach Unrecht, mir einen Vertrauensbruch an der Fraktion vorzuwerfen. Ich habe niemals die Abdankung meiner Persönlichkeit verpfändet.

Ich bin weit davon entfernt, ein eingefleischter Monarchist zu sein. Republikaner in Frankreich, in der Schweiz, in dem heutigen Deutschland, dürfte ich es, und besonders unter den heutigen Umständen, nicht in Luxemburg sein, und zwar so ziemlich aus denselben Gründen, die Herr Laval vorgestern mit der ganzen Kraft der Überzeugung auseinandergesetzt hat.

Ich kämpfe, wie ich es an dieser Stelle bereits ausgesprochen habe, für die Unabhängigkeit des Landes. Ich will, daß Luxemburg, trotz aller wirtschaftlichen und anderen Bande, in seiner innern Politik möglichst selbständig bleibe. Ich gehöre nicht zu den Landsleuten, die dem Auslande weismachen wollten, der Luxemburger habe wohl eine Heimat, aber kein Vaterland. Dieser lächerliche Sophismus wird sogar von großen ausländischen Schriftstellern wiederholt und verbreitet. Das Großherzogtum ist nun aber unser Vaterland. Dieses Vaterland ist allerdings klein. Sein Volk ist, und war es niemals mehr als heute, der Schwächste der Schwachen. Aber dieses Vaterland wird uns dadurch nur um so teurer, weil sich gerade den Kleinen und den Schwachen die Zärtlichkeit unserer ganzen schützenden Liebe zuwendet.

Wenn es Männer gibt, die sich ihres Vaterlandes schämen, die es dazu drängen möchten, im Abgrunde der Größe einer benachbarten Nation unterzugehen, so bin ich immer stolz darauf gewesen, Luxemburger zu sein, und ich hoffe immer Luxemburger bleiben zu können.

Nun gestatten Sie mir, m. H., Ihnen zu erklären, weshalb wir bleiben möchten, was wir sind, weshalb wir freie Luxemburger bleiben möchten.

Seit meiner Kindheit lernte ich Luxemburg lieben als ein Land, wo das Leben trotz allem nicht zu schwer ist, obschon ich mich in meiner Jugend niemals an die Tafel des Überflusses setzen durfte. Ich konnte mich auch schon früh davon überzeugen, daß dem Talent bei uns seine Förderung wurde, daß der freie Gedanke und das freie Wort unter uns eine Stätte hatte, daß die Kraft und der Mut auf der heimatlichen Erde ein geeignetes Arbeitsfeld fanden oder wenigstens auf einen Weg gestellt wurden, der sie auf die großen Kreuzungspunkte und die weiten Kampfplätze menschlicher Tätigkeit führte.

In diesem kleinen neutralen Lande wurde uns aber auch schon früh ein Ideal in die Seele gepflanzt, das mir immer teuer blieb, ein friedliches, antimilitaristisches, rein menschliches Ideal, dessen Verwirklichung heute mehr als jemals zu den großen Sorgen der Völker und der Individuen gehört.

Es ist aber auch nur zu natürlich, daß die Gedanken von idealer Gerechtigkeit und von menschlichem Recht gerade uns tief ins Herz gesenkt wurden, denn dem Schwachen bleibt nur das Recht und die Gerechtigkeit, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Und so lernte der Luxemburger, wie ich mir ihn denke, sein Ideal vom Menschen und von Menschlichkeit sehr hoch stellen. Bürger eines schwachen Staates, schritt er doch auf den Gipfeln, von denen aus sein Blick messen konnte, was unvergänglich und groß, aber auch was klein und vergänglich war an dem Tun der großen Reiche, deren nationale Vorurteile ihm den Scharfblick seines Urteils nicht trübten. Und deshalb behaupte ich wieder einmal, daß die kleinen neutralen Staaten ihren Platz in der politischen Staatengruppierung haben müssen. Zwischen den erzgepanzerten Riesen bergen sich diese Kleinen schwach und furchtsam, aber in ihnen, viel lebhafter und feiner als in den Großstaaten, verkörpert sich das Gewissen der Menschheit. An dem Tage, wo der letzte dieser kleinen Staaten der Begier des Imperialismus hingeopfert würde, müßte der gute Geist der Menschheit sich in Trauer hüllen, denn er würde sich bis in den Kern der Seele verarmt fühlen.

Das, meine Herren, ist meine Auffassung über die kleinen Staaten wie Luxemburg, das ist nach meinem Empfinden die moralische Daseinsberechtigung dieser Staaten, und das ist auch einer der wichtigsten, einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb ich fordere, daß ein freies und unabhängiges Luxemburg erhalten bleibt.

Wir neutralen Kleinstaater sind sogar in mehr als einer Hinsicht der Entwicklung voraufgegangen, die sich in der Welt vorzubereiten scheint. Wir waren immer die begeisterten Anhänger der Forderung, gemäß der jede Nation das Recht haben müßte, frei über ihr Schicksal zu verfügen. Dieses Ideal, das heute von der höchsten Völkerkanzel neu verkündigt wird, war immer das unsrige. Die schwache Flamme, die mit ihrem trauten Schein unsern schlichten Herd beleuchtete, brennt auch in der Fackel, mit der Präsident Wilson heute den großen Nationen die Wege der Zukunft erhellt.

Die beste Gewähr einer weiten und gesicherten Selbständigkeit aber sehe ich, wie Herr Laval, in einer einheimischen Dynastie. Ich verehre, wie Sie alle, das siegreiche und schutzbringende Frankreich, das geheiligte Vaterland der Gesetze, der Künste und der Armeen. Aber ich will nicht, daß das kleine Luxemburg im Reichtum und in den Tiefen Frankreichs untergehe. Eine luxemburgische Republik müßte, für den Fall, wo sie eingerichtet werden und bestehen könnte, notgedrungen bald von einer benachbarten starken Macht aufgesogen werden. In dieser Richtung übrigens bewegen sich die Hoffnungen vieler Mitglieder der „+Action républicaine+" und deshalb konnte ich ihre Bestrebungen niemals billigen. Die „+Action républicaine+" hat sich ja schließlich selbst für die Selbständigkeit des Landes ausgesprochen, aber ich erlaube mir, die Absichten vieler ihrer Mitglieder etwas anzuzweifeln. Ihr republikanischer Block bedeutet mir nichts Gutes. Unter den Führern der „+Action républicaine+" stehen die Namen von Politikern und andern Leuten, die von der ersten Stunde an sozusagen das Aufgehen des Landes in Frankreich herbeigewünscht haben. Ebenso sind unter ihren eifrigsten und feurigsten Anhängern viele, die für den Augenblick allerdings die annexionistischen Wünsche in den Hintergrund gestellt haben; sie werden diese heimlichen Absichten aber ganz gewiß wieder laut werden lassen, sobald sich ihnen bessere Aussichten auf Gelingen eröffnen. Ich habe daher gar kein Zutrauen in die Unschuld ihrer späteren Erklärungen, ich betrachte diese Erklärungen vielmehr als politische Camouflage.

Im Anschluß an diesen Gedankengang kann ich es mir nicht versagen, Ihnen eine recht bezeichnende kleine Begebenheit zu erzählen. Vor kurzem kam ein französischer Soldat unsere Freiheitsavenue herauf, während sich ein Deutscher in der Richtung des Bahnhofs ihm entgegen bewegte. Ein junger Luxemburger kam ebenfalls daher. Als er an dem Franzosen vorbeiging, rief er „+Vive la France!+" Dann wandte er sich gegen den andern und schleuderte ihm ein „+M.... pour la Prusse+" ins Gesicht. Da wandte sich der brave Poilu um und bemerkte dem luxemburgischen Gassenbuben im vorwurfsvollen Tone: „+Oh, Monsieur, cela n'est pas beau.+"

Nun wohl, meine Herren, unsere Herren Annexionisten nehmen ungefähr dieselbe Haltung ein. Sie kehren sich nach Südwesten und jubeln mit schriller Stimme „+Vive la France!+" Dann wenden sie sich, aber diesmal nach dem eigenen Lande, und höhnen: „+Flûte pour le Luxembourg!+" Aber es kann ihnen leicht widerfahren, daß das edelmütige Frankreich auch ihnen die Antwort des braven Poilu gibt und ihnen ebenfalls bemerkt: „+Oh, Messieurs, cela n'est pas beau.+"

Aus allen diesen Gründen bin ich also ein überzeugter Gegner der Annexion. Ich will, daß wir selbst in möglichst weitem Maße Herren bei uns bleiben. Deshalb habe ich mich von der ersten Stunde an, wie auch meine Kollegen sehr wohl wissen, für eine nationale Dynastie ausgesprochen, und ich bekannte mich auch immer zu der Lösung, die die Mehrheit der Kammer gebilligt hat. Diese Haltung gebot mir zudem schon das schlichte Gerechtigkeitsgefühl.

Ich möchte weiter den Thron möglichst fest und sicher zwischen das Großherzogtum und seine Nachbarn pflanzen als eine Art Schranke, die uns erlaubte, unser eigenes Leben zu leben, unsern eigenen Haushalt zu führen gemäß unserm Charakter, unsern Sitten und Gebräuchen.

Das, meine Herren, hat mich dazu geführt, mich für die Beibehaltung der Dynastie auszusprechen. Sie sehen, daß bei alledem kein Verrat und kein persönlicher Hintergedanke war. Ich bin dem nationalen Gedanken, zu dem ich mich mein Leben lang bekannt habe, treu geblieben, dem nationalen Gedanken, der sich neben den sozialen Ideen wie ein roter Faden durch alle meine Schriften zieht.

Ich weiß eigentlich nicht, worüber sich die Herren drüben beklagen. Ich wurde der Lehnsmann der sozialistischen Fraktion, wo ich mich doch bis dahin niemals einer politischen Partei hatte verschreiben wollen. Und ich habe mich als Vertrauensmann aufrichtig und gefügig benommen, das müssen die Herren selbst zugestehen. Ich habe die Ideen und Pläne der Fraktion nicht immer gebilligt, und ich habe mich doch unterworfen. In der entscheidenden Stunde hoben sie meinen Ratschlägen zuwider entschieden und ich bin zurückgetreten.

Aber am Tag, wo ich die Kammer verließ, ging ich mit leichteren Schritten heim, denn ich war wieder ein freier Mann geworden.

Seitdem habe ich die laufenden Geschäfte erledigt. Ich habe mich geweigert, in ein anderes Ministerium einzutreten und wartete darauf, dem Nachfolger meinen Sessel abzutreten. Die Ereignisse überrumpelten mich. Auch ich mußte mich der Einrichtung der revolutionären Republik widersetzen. Aber als der öffentliche Wohlfahrtsausschuß uns im Regierungsgebäude die Ehre seines Besuches schenken wollte, da hatte ich das Bewußtsein, daß wir fünf politischen Leichen, wie man uns so gerne schimpft, daß wir, die gegangenen Minister, in Wirklichkeit den engeren nationalen Wohlfahrtsausschuß bildeten, dem der Schutz der Gesetzlichkeit und der nationalen Würde anvertraut war.

Die Revolution, mit der man es versucht hatte, war zudem von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die große Mehrheit der Luxemburger ist nicht republikanisch gesinnt. Dafür haben wir noch nicht genug gelitten. Die Revolution, meine Herren, ist, wie Sie sehr gut wissen, das Kind des Elends. Die revolutionäre Republik ist die Tochter der Drangsal. Der Baum der revolutionären Freiheit wurzelt in den Tiefen der gequälten Herzen, der zerrissenen Eingeweide. Sein Stamm wird mit Blut getränkt, aus seiner Krone tropfen die Tränen der Mütter, der Witwen und der Waisen. Das Beispiel Rußlands und Deutschlands beweist leider wieder einmal diese trostlose Wahrheit.

Und diese leidvolle Entwicklung, diese soziale Revolution bildet auch den Grundgedanken meiner „Schmiede".

Sie, meine Herren, haben es nur mit einer politischen Revolution versucht. Aber wir hatten immer noch nicht genug gelitten, als daß auch dieser Versuch bei uns hätte gelingen können. Trotz aller Bedrängnis der letzten Jahre hat Luxemburg noch lange nicht dieselben Marter- und Todesängste durchgemacht, wie die benachbarten Nationen, die auf einem endlosen Leidensweg ihr Kreuz von Station zu Station schleppen mußten. Unser Land wurde gerettet, gerade in dem Augenblick, wo das Schicksal mit ehernem Hufe gegen unsere Schwelle stieß. Die benachbarten Länder mußten die Tiefe der Erde mit der sterblichen Hülle ihrer grausam hingemähten Söhne bevölkern. Die Blüte der Luxemburger Jugend aber ist unversehrt und lacht in die Sonne, bereit ihren Flug zu nehmen.

Und noch in manch andern Hinsichten blieb uns das Elend erspart, das in einer Revolution seine natürliche Sühne und Erlösung sucht und findet. Ich durfte also mit vollem Rechte schon einmal an dieser Stelle behaupten, daß sich das kleine Luxemburg um seine Kinder wohl verdient gemacht hat.

Haben wir daher, meine Herren, haben wir wenigstens den Mut zur Dankbarkeit, denn dem unabhängigen und neutralen Vaterlande schulden wir unsere unverhoffte Rettung. An uns ist es jetzt, zu beweisen, daß uns dieses unerhörte Glück nicht ganz unverdient geschenkt worden ist.

Das, meine Herren, sind die Gründe, die es mir als Pflicht auferlegten, die republikanische Bewegung zu bekämpfen. Ich mußte in dieser Bewegung eine Bedrohung der Zukunft unseres Landes sehen. Ich habe nach meinem Gewissen gehandelt und bin mir selbst treu geblieben als Mensch und als Dichter. Ich habe übrigens in der Zwischenzeit meine Erfahrungen gemacht. Ich bin keine politische Natur, das weiß ich jetzt. Ich habe wenig in mir vom Herdeninstinkt und nichts vom Demagogen. Ich werde mein Leben lang ein unverbesserlicher Individualist bleiben.

Seit der „Schmiede" bin ich nur etwas kritischer geworden. Ich bin vor allem zu dem Skeptiker geworden, der durch die Menschen und die Ereignisse des Tages mit dem Lächeln seiner schwermütigen Ironie seinen Weg geht. Aber ich habe mir doch den nationalen Glauben gewahrt. Und wenn ich an diesen Platz zurückgekehrt bin, so geschah es, weil ich als guter Luxemburger eine patriotische Pflicht zu erfüllen hatte. Im Augenblicke, wo ich mich dazu entschloß, wollte ich nicht den Stimmen lauschen, die mit verführerischer Gewalt aus den Tiefen meiner Vergangenheit heraufriefen. Ich verschloß mein Ohr dem Vorwurf des Freundes und der Schmähung des Gegners. Ich folgte der Eingebung meiner gereiften Überlegung. Ich gehorchte dem Drang meines luxemburgischen Blutes. Ich nahm meinen Schritt nach dem Pulsschlag meines luxemburgischen Herzens."

* * * * *

Den sich diesen Erklärungen anschließenden heftigen Vorwürfen, Anklagen und Übertreibungen des sozialistischen Parteiredners setzte ich, meinem bereits dargelegten Vorsatz gemäß, Stillschweigen entgegen.

Dann sprach Herr Liesch. Er tat es, seiner ganzen überlegenen Art entsprechend, scharf, schneidig und klug. Auch er erkannte einer Republik Luxemburg die Daseinsmöglichkeit ab, ging mit beißender Ironie ins Gericht mit den luxemburgischen Jünglingen, die in Paris ihre Annexionsgelüste austoben ließen zum Schaden des Landes, sprach von den Lehren der Vergangenheit und bekannte sich mit flammender Überzeugung zur neuen Herrscherin, zur Heimat und ihrer Zukunft.

Tagelang zog sich das Gehader hin. Der Revolutionsputsch wurde in seinem ganzen Verlaufe aufgerollt, von dem Radau in der Kaserne angefangen bis zur Lüftung des Kammergebäudes durch die luxemburgischen Gendarmen. Spätere Lustspieldichter könnten in den verschiedenen Abschnitten dieser von den Wohlfahrtsmenschen aufgeführten politischen Hanswurstiade sowie aus deren parlamentarischer Aufmachung noch für Jahrzehnte schöpfen. Manchmal allerdings duftete das Häßliche allzu widerlich durch und es dampfte die Schamlosigkeit.

Die Freunde der Dynastie, allen vorauf die Herren August Thorn, Schiltz und Prüm, ließen sich nicht verblüffen, erwiderten Hieb auf Hieb und zogen die Revolutionäre vor ein hochnotpeinliches Gericht.

Herr Staatsminister Reuter kämpfte mit dem starken Schwung seiner begeisterten Überzeugung und juristischen Schlagfertigkeit.

Die Regierung fand Glauben. Das Vertrauen sprach sich auch auf den Lippen des einen und andern Linksabgeordneten rührend aus.

Besonders ergreifend und wirkungsvoll tat das, unmittelbar nach seinem Freunde Hrn. ~J. Schmitz~ aus Garnich, der frühere Präsident und jetzige Alterspräsident Herr ~Notar Hemmer~, da er als Vorsitzender am 24. Januar zur Begründung seines Votums diese Erklärung gab: „... Meine Herren, die gegenwärtige Regierung ist kein Koalitionsministerium mehr. Sie ist nur noch ein Geschäftsministerium, und dem ist auch besser so.... Ich persönlich vertraue den Männern, die der Regierung angehören. Mir ist von ihnen keine Handlung bekannt, die mich bestimmen könnte, ihnen mein Vertrauen zu entziehen.... Besonders aber, und ich halte darauf, das hervorzuheben, besitzen mein Vertrauen die beiden Generaldirektoren, die am schärfsten hier angegriffen werden.... Ich wage zu hoffen, daß die nunmehrige Geschäftsregierung in der Unterstützung der Kammermehrheit die Kraft finden wird, deren sie bedarf zur Erhaltung von unseres Landes Unabhängigkeit und Selbständigkeit, gemäß dem heiligsten Wunsch der ungeheuern Mehrheit unseres Volkes."

Kurz nachher sprach dann auch die Kammer der Regierung mit 30 gegen 17 Stimmen ihr Vertrauen aus. Gegen sie stimmten die HH. Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur und Gallé.

Für die Regierung erklärten sich neben der Rechten die HH. Glesener, Hemmer, Herschbach, Kellen, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver.

* * * * *

Inzwischen hatte Großherzogin Charlotte ein erstes Wort an ihr Volk gerichtet und die leitenden Grundsätze ihrer Regierung in den großen Linien dargelegt in folgender

Proklamation.

„Die Krone des Großherzogtums Luxemburg ist mir in einem der kritischsten Augenblicke unserer nationalen Geschichte zugefallen. Ich nehme sie an, weil Ich es als Meine Pflicht erachte, das Gut unserer öffentlichen Einrichtungen, die das Luxemburger Volk bislang als eine Gewähr seiner Unabhängigkeit und seiner Zukunft angesehen hat, unversehrt zu erhalten.

Das Großherzogtum schickt sich an, die Grundlagen seines wirtschaftlichen Lebens neu zu gestalten und Verbindungen einzugehen, die seine gedeihliche Entwicklung sicher stellen und für das Land eine neue Zeit des moralischen und materiellen Fortschrittes eröffnen werden.

Ich werde bemüht sein, die Bande, die zwischen dem Großherzogtum und den Ententestaaten geknüpft wurden, zu festigen und immer enger zu gestalten.

Unsere internationalen Beziehungen müssen aufgebaut werden auf der herzlichen, rückhaltlosen Freundschaft, die zwischen dem Luxemburger Volk und den verbündeten Mächten besteht, und auf dem gegenseitigen Vertrauen, das die Frucht dieser Freundschaft sein wird.

In dem Augenblick, wo das Großherzogtum diese Umstellung seiner Geschicke vornimmt, will ich es nicht unterlassen, im Namen des Luxemburger Volkes wie in Meinem eigenen Namen unserm innigsten Dank Ausdruck zu verleihen für die Befreiung, die uns die siegreichen Heere in der Stunde der höchsten Gefahr gebracht haben. Dank ihrem unwiderstehlichen Ansturm ist Luxemburg vom Joche befreit worden, das der fremde Eindringling, den feierlich beschworenen Verträgen zuwider, auf uns lasten ließ.

Unserer Dankbarkeit paart sich eine tiefe Ergriffenheit beim Gedanken an die Söhne der Luxemburger Erde, die unter den Fahnen der verbündeten Mächte gekämpft haben.

Ich bin glücklich, mich der Huldigung anzuschließen, die die Abgeordnetenkammer unsern Landsleuten dargebracht hat. Indem sie ihr Blut für die Ehre ihres selbstgewählten Vaterlandes vergossen, haben diese Tapfern mitgeholfen, die Unabhängigkeit ihres kleinen Heimatlandes wieder herzustellen und zu sichern.

Alle Meine Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, Meine Pflichten als luxemburgischer Fürst gewissenhaft zu erfüllen.

Unser Volk hegte stets neben der Liebe zu seinen nationalen Überlieferungen den Kultus der Gerechtigkeit und der Freiheit. Ich werde Meine hohe Aufgabe in demselben Geiste durchführen.

In der Ausübung der höchsten Gewalt sollen die Verfassung und die Gesetze des Landes Meine Richtschnur sein. Eine auf das Vertrauen des Volkes gestützte Regierung soll Mich leiten und beraten.

Die demokratische Reform unsers Grundgesetzes, die von der verfassunggebenden Versammlung in Angriff genommen wurde, wird Meine volle Zustimmung finden.

Ich will das Leben Meines Volkes leben, von dem Mich keine Schranke trennen soll.

Ich will seine Freuden und seine Leiden teilen.

Wunderbarerweise von den Greueln des Krieges verschont, wünscht unser kleines Land unabhängig in der großen Völkerfamilie und im Lichte der neuen Freiheit weiterzubestehen.

Luxemburgerin von ganzer Seele, werde Ich es als Meinen schönsten Ruhmestitel ansehen, zur Verwirklichung dieses nationalen Wunsches beizutragen.

Schloß Berg, den 18. Januar 1919.

~Charlotte.~"

Der Hinweis auf die Luxemburger Legionäre in den Heeren der Entente und das am Schlusse gegebene Versprechen machten im Ausland, und besonders in Frankreich, den besten Eindruck.

Am 28. Januar 1919 feierte Großherzogin Charlotte ihren ersten Geburtstag als Landesfürstin.

Zum ersten Male war beim feierlichen Tedeum der großherzogliche Hof durch einen luxemburgischen Hofmarschall, Herrn Fr. de Colnet d'Huart, vertreten. General de la Tour, die französischen Offiziere, ein englischer Offizier hatten ihre Plätze im Chor eingenommen. Der belgische Geschäftsträger, Prince de Ligne, bedauerte, einer durch ein Regierungsmitglied überbrachten mündlichen Einladung des Staatsministers nicht entsprechen zu können; er hielt aber darauf, wie er erklärte, persönlich, unter dem andächtigen Volke der Feier beizuwohnen, um den Luxemburgern einen Beweis seiner Sympathie zu geben.

Am 31. Januar konnte die Regierung endlich auch die Vorlage über das politische Referendum einbringen.

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