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Wie sehr auch die Lage des Vaterlands drängt, Bewahr deine Kunst dir als reine; Wer sich in die patriotische Kleie mengt, Den fressen die politischen Schweine.
An diesen grimmigen Spruch Grillparzers mußte ich in den folgenden Wochen häufig denken, wenn es in Kammer und Zeitungen gegen mich sprang und grunzte.
Meine Person und meinen Namen hatte ich dem politischen Zank und jeder Bosheit hingeworfen. Aber ich vertraute auf die im Laufe der Jahre gewonnene nachsichtige Skepsis, um mich gegen die Stänker zu behaupten. Ich kannte meine Pappenheimer, und besonders deren Flügelmänner. Auch unsere kleinstädtischen Pressetürken und die krittlenden Mamelucken unter ihrem knechtischen Troß.
Für den parlamentarischen Verkehr mit den früheren politischen Freunden steckte ich mir eine ganz persönliche Richtschnur fest.
Ich verstand ihren Groll und entschuldigte ihren Haß. Ich wollte bewußt kein Wort fallen lassen, das als Herausforderung verletzen könnte. Ich nahm mir vor, auf die unvermeidlichen Anwürfe und Verdächtigungen nur das Nötigste zu erwidern, mich auf eine verschwiegene Zurückhaltung zu beschränken, auf die Gefahr hin, als der Mann mit dem bösen Gewissen und als der Minister im Klebsessel zu gelten.
Wie sich der frühere Freund von ähnlichen Gefühlen leiten ließ, erkannte ich aus dem Umstand, daß er in all den Sitzungen, wo meine Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und im Vordergrund der Angriffe stehen mußte, abwesend war.
Ich stellte das jedesmal mit wehmütiger Genugtuung fest. Statt seiner besorgten andere das Werk der Abrechnung, und das mit Lust und mit Lärm.
Ich war natürlich der Abtrünnige, der Wortbrüchige, der Verräter, der Kleber und Streber, der für seine zwölftausend Franken Ministersold seine Überzeugung verkauft hatte. In die Hand hätte ich der Partei versprochen, auf den ersten Wink auszutreten! +Ad nutum+ hätte ich mich ihr zur Verfügung gestellt! Geschworen hätte ich, auf den ersten Pfiff zurückzustehen! +Ad nutum!+ Man kann sich denken, wie das geheimnisvolle Wort, in dem tragischen Tonfall, die lateinunkundigen Zuhörer mit einem fröstelnden Gruseln überrieselte beim Anblick des moralischen Halunken, der hinter dem Ministertische in seiner Schande saß und schwieg! +Ad nutum!+ Und dabei sauste die Luft von den sie bearbeitenden Faustschlägen oder den wie tobsüchtig mähenden Armen; gesteifte und weiche, rote und blaue Männerbrüste knitterten und knackten, Verbissenheit schwitzte, Ingrimm dampfte, Bosheit krähte, Rächerzorn durchschütterte Pfeiler und Decke, die Augen der Reinen glänzten und die Herzen der Treuen bebten in der Runde.
Ich saß gewöhnlich kühl bis an den Hals und sagte mir zum Troste den Reim vor, der mir in einer dieser Zirkusstunden angeflogen war:
„Was soll das Gebelfer und das Geschrei, Das grimme Gesichterschneiden: Das Land steht über der Partei! Auch ihr sollt's lernen und leiden!"
Im übrigen bliesen sie Wind und streuten Sand.
Aber die Schäker von damals sind sie geblieben.
Ich bin ihnen immer noch der bequemste Mann des Großherzogtums. Kommt ihnen das Bedürfnis nach sittlicher Entrüstung, so trommeln sie auf dem breiten Rücken des einstigen Vertrauensmannes einen Sturmmarsch der Verachtung. Kommt ihnen das Bedürfnis nach Versen für ihre Feiertage, sie suchen und finden sie regelmäßig und fast ausschließlich in den Gedichten desselben wortbrüchigen Verräters. Sie stehlen dann wie die Spatzen, ohne zu fragen, und sie lohnen mit Spatzen .... dank.
So hielten sie es in der „Schmiede". So halten sie es in der „Arbeiterzeitung". In der Festnummer zum 1. Mai 1825 prangt unter meinem vollen Namen mein bis dahin immer noch ohne Namen erschienenes Frühlingslied an die Schlehenblüte und den Weltfeiertag, ohne jede Druckermächtigung meinerseits. In der Kammersitzung vom 25. Mai aber verspürt ihr parlamentarischer Wortführer wieder den Reiz, sich in heiliger Empörung aufzuregen über „diesen Mann", denn, so tönt es, „dieser Mann hatte uns in einem gegebenen Augenblick sein Ehrenwort gegeben (sobald wir mit der Regierung nicht mehr einverstanden wären, würde er ohne weiteres zurücktreten ...), und in einer Besprechung mit uns erklärt, er gehe weiter als wir selbst, er sei Edelanarchist (!)."
So nützen sie mich moralisch, plündern mich literarisch und werden an mir zum Dichter. Wenn ich nicht da wäre, sie müßten mich erfinden.
Ihre Märchen aber zerfließen im hellen Tag. Als ich mich im September 1918 der Partei zur Verfügung stellte, wurde meinerseits kein Wort gegeben und ihrerseits kein Versprechen gefordert. ~Mir~ aber hatte ich gelobt zu gehen, sobald die Mehrheit der Fraktion es wünschte, ob mit oder wider Willen, ob mit oder ohne Billigung meinerseits.
Dieses mir gegebene Wort hatte ich gehalten. +Ad nutum!+ Auf den ersten Fingerschnalz hin war ich zurückgetreten.
Wenn ich trotzdem an den Regierungstisch zurückkehrte, so geschah das unter eigenem Gesetz; ich war für diesen Schritt nur mir und dem Lande Rechenschaft schuldig.
Es kam auch nicht darauf an, daß ich viel redete und rechtete; wesentlich war, daß ich da war und durchhielt.
Wohl setzte mich meine Zurückhaltung der Mißdeutung aus; meine scheinbare Gleichgiltigkeit konnte und mußte als Verlegenheit ausgelegt werden; ich saß da als der falsche Bruder, dem das böse Gewissen den Mund schloß. Meinen Gegnern gab ich durch mein Schweigen Waffen in die Hand; sie machten ausgiebig davon Gebrauch und stolzierten in der Toga des Edelsinns, der für Großmut und Vertrauen nur Verrat und Undank eingeheimst hatte. Aber auch ich gefiel mir in meiner Rolle. Gerade die Tatsache, daß ich den Widersachern mit Wissen und Willen auf Augenblicke zu einer kleinen rhetorischen Entladung verhalf, bereitete mir eine eigentümliche Genugtuung. Dieser Genugtuung mischte sich das Gefühl einer behaglichen Verachtung. Ich empfand es als Genuß, daß ich mir den moralischen Luxus dieser lässigen Gleichgiltigkeit gestatten konnte, in der festen Hoffnung, endlich doch das letzte Wort zu haben.
Zudem war ich unserm Volke schon seit langen Jahren als überzeugtester Nationalist bekannt. Ich hatte in allen meinen Schriften, in Vers und in Prosa, als unentwegter Luxemburger geworben, gepredigt und geschwärmt. Die Sozialisten im besondern hätte ich schlagen können mit dem Bekenntnis, das grade der langjährige leidenschaftliche Führer der Partei, der lange Zeit vergötterte Liebling der Arbeitermassen, eines Tages im Wirbelsturm einer patriotischen Empörung aus der Kammer in das Land hinausgerufen hatte. Am 10. November 1915, in einer Stunde, wo das Schicksal des Großherzogtums doch nicht in dem Maße auf dem Spiele stand, angesichts der Regierung Loutsch brach +Dr.+ Michel Welter in die Worte aus: „Ich spreche nur zum Wohle des Landes. Diesem Wohl opfere ich mein Ehrgefühl, die Ansichten und die Überzeugungen meiner Freunde, alle meine Grundsätze, denn das Wohl des Landes steht jedem andern voran!" Die ganze Kammer rief Bravo! Und auch die engeren Parteifreunde klatschten dem Begeisterten Beifall.
Diese hohen Töne und pathetischen Geberden widerstrebten mir. Ich brauchte nicht soweit zu gehen, meinem Ehrgefühl keine Zumutung zu stellen, von meinen Grundsätzen aber auch keinen aufzugeben.
Wie es mir in der nationalen Bedrängnis ums Herz war, hatte ich schon im ersten Kriegsjahr in den Versen eines Neutralen „Über den Kämpfen" ausgesprochen. Diese Dichtungen waren überall im Lande verbreitet und geliebt. Dort steht auch der schönste, der selbstbewußte Treuschwur an die Heimat, den ich hierhersetzen will:
An die Heimat.
Wenn ich in sichern Friedenstagen dir, Vaterland, ergeben war, wie sollt ich dir nicht Treue tragen im bittern Ernste der Gefahr!
Dir schuld ich alles, was dem Leben Bestand und Schwung und Würde leiht: der Bildung Glück, das frohe Streben, den Mut zur freien Tätigkeit.
Mag auch die Fremde draußen locken mit buntrem Kranz und lautrem Lohn, das Silberläuten deiner Glocken bleibt meines Herzens Lieblingston.
Und fehlt uns gar in diesen Zeiten ein Schwert, ich traure dem nicht nach; von allen Erdenscheußlichkeiten nenn ich den Krieg die ärgste Schmach.
In dem Gefühl werd ich nicht wanken, von rechts nicht noch von links beirrt, und wills der Heimat ewig danken, daß man an ihr zum Menschen wird.
Und soll die arme Welt genesen von Schlachtengier und Barbarei, misch' einen Schuß aus unserm Wesen der Völkerarzt dem Heiltrank bei.
In diesem Sturm von Blut und Eisen, o Land, wie keines schwach und klein, soll deiner Kinder Art beweisen, daß du es wert bist, ~Du~ zu sein!
Ich fühlte Stolz, daß es mir gegönnt wurde, in jenen Tagen die Aufrichtigkeit dieses Gewissensschwures durch die Tat zu beweisen.
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