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Vor Beginn der Kammersitzung des 9. Januar tagt und tobt auf dem Wilhelmsplatz eine republikanische Versammlung. Die Führer verlesen einen Aufruf an die Volksvertretung. Sie fordern die Absetzung der Dynastie und die Republik.

Die aufgeregte Menge zieht vor das Kammergebäude.

~Im Sitzungssaal ist der Regierungstisch noch immer leer.~

Der Tag setzt stürmisch ein. Eine Tagesordnung der Liberalen, gezeichnet von den Herren Brasseur, Pescatore, Palgen, Diderich, Gallé verlangt, aus Gründen der innern, und noch mehr der äußern Politik, wobei der Haltung des Herrn Pichon und dem Ausbleiben des Herrn Mollard ein besonderes Gewicht beigelegt werden, die Entfernung der Großherzogin und des Herrscherhauses.

Der Bürgermeister von Differdingen, dem die Erinnerungen an das Revolutionstribunal in Paris durch den Kopf spukten, schrie, eine auf dem Wilhelmsplatze tagende Volksversammlung habe soeben die Absetzung der Dynastie beschlossen. Man solle dem Volke den Zutritt in die Kammer gestatten, damit es durch eigene Wortführer seinen Willen verkünden könne.

Herr Schiltz mahnt, die Erörterungen über diese Angelegenheit etwas aufzuschieben; in vielleicht einer halben Stunde schon könne von Seiten der Regierung eine wichtige Meldung einlaufen, die jede Weiterdebatte überflüssig machen dürfte; er beantrage einstweilen, die zur Untersuchung der Militärverhältnisse eingesetzte parlamentarische Kommission aufzulösen und die Weiterführung dieser Untersuchung an die Regierung sowie an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.

Die Tribünen greifen fortwährend störend in die Verhandlungen ein. Nach vergeblicher Mahnung zur Ruhe unterbricht Herr Präsident Altwies die Sitzung unter dem verzweifelten Protest der Gegner. Die Sitzung wird an dem Tag nicht mehr aufgenommen.

* * * * *

Die Ereignisse jagen und überstürzen sich. Sie streifen dann und wann an die entscheidende Schicksalsstunde eines Volkes, überpurzeln sich ins Groteske und enden in der Lächerlichkeit.

Gleich nach Unterbrechung der Sitzung bemühten sich Radikale und Sozialisten, eine provisorische Regierung von fünf Mann auf die Beine zu bringen.

Im Kasernenhofe wartete inzwischen die Truppe ihrerseits auf die Ereignisse; doch waren nur die sog. Militärschüler anwesend. Einige Mitglieder der +Action républicaine+ hatten den Leuten vorher verkündet, im Laufe der Nachmittagssitzung werde es in der Kammer, unter dem Druck des Volkes, zur Ausrufung der Republik kommen; eine neue Regierung werde eingesetzt; die Soldaten möchten sich bereit halten, um dieser republikanischen Regierung zur Verfügung zu stehen.

In der Kammer aber konnten sich die Linksparteien nicht so im Handumdrehen auf die neue Regierung einigen. Die Menge draußen schwoll stets stärker an und schrie immer ungeduldiger nach den Namen des republikanischen Ministeriums. General de la Tour trat in das Kammergebäude und erinnerte die Abgeordneten an seine Pflicht, für die öffentliche Ordnung zu sorgen und alle störenden Ansammlungen zu verhindern; wenn die Herren in einer Viertelstunde die Menge nicht beschwichtigt hätten, so müsse er eingreifen. Der Bürgermeister von Luxemburg wollte von der Kammertreppe herunterreden; er wurde ausgezischt. Feldwebel Eiffes rief dem Volke zu, er werde die Militärmusik kommen lassen und sie wollten dann einen Umzug durch die Stadt halten. Alles johlte und niemand wich.

Vor der Hand schrie ein Quidam von der Treppe des Kammergebäudes herunter die Republik aus. Allgemeines Hallo und Gebrüll!

In die Kaserne wird sofort gemeldet, die Kammer habe den Beschluß der Volksversammlung gebilligt und die Republik eingesetzt; die Mannschaften möchten sich der neuen gesetzmäßigen Ordnung anschließen. Darauf entfernen die Militärschüler den Namenszug der Großherzogin von den Tschakos und erklären sich für die Republik.

Im hohen Haus aber stößt die Einrichtung des Wohlfahrtsausschusses auf mannigfache Schwierigkeiten. Frühere Politiker, die man für die neue Regierung gewinnen wollte, lehnen ab. Doch gelingt es schließlich, eine Anzahl Leute zusammenzubringen, die für den andern Tag die provisorische Regierung gebären sollen. Dieser öffentliche Wohlfahrtsausschuß besteht aus den Herren Emil Servais, Brasseur, Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Mark, Kayser und Diderich.

Herr Eiffes bringt den neuen Männern kein rechtes Vertrauen entgegen und aus dem Volke schallt es ihnen zu, sie sollten sich nur nicht erlauben, Komödie zu spielen.

Jetzt kommt auch die Militärkapelle heranmarschiert und sucht, die Menge an ihren klingenden Zug zu fesseln. Der Pöbel steht wie eine Mauer. Da erscheinen französische Soldaten und schaffen Raum.

Inzwischen sitzt der Wohlfahrtsausschuß an seiner ersten Botschaft an das Volk. Die Sache fleckt nicht. Feldwebel Eiffes redet ein Herrenwort mit und macht dadurch die Sache nicht leichter. Er läßt den Herren endlich durch einen Soldaten melden, wenn der Aufruf nicht in fünf Minuten fertig sei, so werde er selbst die Sache in die Hand nehmen. Da läuft sogar dem Würdigsten der erlauchten Versammlung die Galle über und er schreit empört, eine Regierung könne man doch nicht aus dem Ärmel schütteln, und so ein Manifest auch nicht, und schließlich sei er nicht der Sklave des Herrn Feldwebels.

Unterdessen hatte die Musik ihre Straßenpromenade beendet und den Kiosk des Paradeplatzes umstellt. Die Menge lärmte vor Ungeduld über das Ausbleiben des Wohlfahrtsausschusses. Es sollten Leute bezeichnet werden, die im Namen des Volkes bei dem Ausschuß vorstellig würden.

Endlich hatte der Ausschuß das neue Evangelium der Freiheit fertig. Die Väter des Vaterlandes stellten sich in Positur und marschierten unter dem Schutze des Herrn Eiffes zum Kiosk des Paradeplatzes, damit von diesem Kapitol der Stadt Luxemburg das Reich und das Heil verkündet werde.

Doch siehe, die Botschaft befriedigte nicht. Grundsätzlich zwar hatten sich die neuen Machthaber für die Republik ausgesprochen; sie erklärten aber, nur eine gesetzlich gewählte Nationalversammlung könne über die endgiltige Regierungsform befinden.

Der Pöbel pfiff und zischte; er wünschte unmittelbare Einrichtung der Republik. Dagegen sträubte sich das Gewissen der zum ersten Wohlfahrtsausschuß zählenden, vom Rechtsempfinden angekränkelten Advokaten, die den Weg der Gesetzlichkeit nicht verlassen wollten.

Herr Eiffes seinerseits trat vor und wollte erfahren, ob die Forderungen der Freiwilligen anerkannt würden. Ihm kam die Antwort, erst müsse das umfangreiche Dossier geprüft werden. Zu dieser Prüfung, so herrschte der Gewaltige zurück, habe man vierzehn Tage Zeit gehabt; seine Geduld sei zu Ende und er verlange sofortige Zustimmung.

Vergebens suchten die Redner die Masse zu beschwichtigen. Auch der verwöhnte „Sohn des Volkes" wurde niedergezischt. Da schämte sich der eine und andere der Vernünftigen vor sich selbst, trat von den Demagogen fort und ging nach Haus.

Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte gelebt.

Während dieser den Platz überheulenden Groteske saßen in den Wirtshäusern um den Platz herum die echten Luxemburger Bürger, droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des Volkswohles schwitzen und schwatzen.

Kaum war der erste Wohlfahrtsausschuß gegangen, so beantragte Herr Eiffes die Ernennung eines zweiten: Dieser sollte sich zusammensetzen aus zehn Soldaten und zehn Bürgerlichen. Sofort und auf dem Platze selbst sollte der neue Soldaten- und Bürgerrat ausgewählt werden. Nach einer Pause gespannter Erwartung meldeten sich zu der Ehre vier Bürgerliche, jeder für sich eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie begeben sich zur Kammer zurück. Die Menge wälzt ihnen nach. Von dem ersten Wohlfahrtsausschuß sind nur noch drei am Platz. Der zweite Wohlfahrtsausschuß setzt sich ans Werk und müht sich über Nacht.

In der Nacht kommt es zu bedauerlichen Ausschreitungen. Ein verzweifelter Bursche, früherer Telegraphenbeamte, bricht ins Postgebäude ein, um nach Telegrammen und Flugschriften Umschau zu halten.

Am Morgen des 10. Januar sind Regierung, Schloß, Post und Sparkasse von französischen Soldaten bewacht oder besetzt.

Im Kammergebäude bildet sich nach vielen Verhandlungen zwischen Sozialdemokraten, Republikanischem Ausschuß und Soldatenführern eine neue vorläufige Regierung. Es gehören dazu die HH.: René Blum, Gaston Diderich, Jacques Gallé, Aloys Kayser, Adolf Krieps, Eduard Léon, Emil Mark, Josef Palgen, Jakob Schaack, Emil Servais, Josef Thorn, Jules Ulveling, Dr. Michel Welter. Die Dreizehn Männer lassen gegen halb fünf Uhr nachmittags, wieder von der Kammertreppe herunter, aus Greisenmund die Abschaffung der Dynastie und die Republik verkünden.

Auch im Regierungsgebäude sprechen die neuen Männer vor, um sich beim Staatsminister als die Erwählten des Volkes zu melden und unsere Plätze einzunehmen. Sie wurden nicht vorgelassen und nahmen bald einen stillen Abgang, denn die wachehaltenden Poilus flößten ihnen kein rechtes Vertrauen ein.

Die Regierung ihrerseits blieb nicht untätig.

Freiwilligenkompanie und Musik wurden wegen umstürzlerischer Haltung aufgelöst; eine Neubildung des „Korps", so hieß es im Regierungsbeschluß, werde zur geeigneten Stunde erfolgen.

Die Gendarmen hatten sich hartnäckig geweigert, die Meuterei mitzumachen. Sie wollten ihre eigenen Forderungen auf dem friedlichen Verwaltungswege erreichen und erklärten, an der Bewegung in der Kaserne unbeteiligt zu sein. Wir waren leider nicht genügend über den guten Geist unterrichtet, der diese wackere Truppe beseelte.

Eine durch Feldwebel Eiffes im Kasernenhof einberufene Massenversammlung wurde von dem französischen Ordnungsdienst vereitelt.

Der neue Wohlfahrtsausschuß erschöpfte sich im Aufstöbern geeigneter Wege, um mit den ausländischen Gesinnungsgenossen in Verbindung zu treten, und besonders um die Ansicht Pichons und der französischen Regierung über ihre zukünftige Stellung zum Großherzogtum zu erfahren.

Alle für die Sicherheit des Staates gefährlichen Telegramme wurden zurückgehalten.

An die Bevölkerung erließ die Regierung folgenden Aufruf:

Mitbürger!

Eine revolutionäre Bewegung ist gestern in der Hauptstadt unseres Landes ausgebrochen. Sie bezweckt die Ausrufung der Republik und die Absetzung der Dynastie.

Durch die Unruhen, zu denen diese ungesunde Aufregung führen muß, wird die nationale Ehre und die Unabhängigkeit des Großherzogtums in der kritischsten Stunde seiner Geschichte schwer bedroht.

Die Regierung richtet an alle Bürger, denen die Wahrung dieser kostbarsten Güter am Herzen liegt, die dringende Bitte, mit Einsetzung aller Kraft für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Gesetzlichkeit einzutreten.

Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen Aufschwungs abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist willens, den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden.

Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen ungünstig beeinflussen könnte.

Ihre Königliche Hoheit, der das Wohl des Landes warm am Herzen liegt, erklärte sich deshalb bereit, der Krone zu entsagen. Sie ersucht die Regierung, die zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und der Beibehaltung der Dynastie gebotenen Maßregeln zu treffen.

Zur Erledigung dieser Pflicht wird die Regierung ohne Verzug mit der Kammer in Verbindung treten.

Die Regierung ist überzeugt, daß in diesem Augenblick die Erhaltung der Dynastie eine wesentliche Gewähr ist für den Bestand unserer nationalen Selbständigkeit, und daß auch die Verwirklichung des erwünschten wirtschaftlichen Anschlusses dadurch in keiner Weise beeinträchtigt wird.

Das höhere Wohl des Vaterlandes gebietet uns, das Volk nicht auf den verhängnisvollen Weg der Anarchie hinauszudrängen. Dieser Wunsch wird von der übergroßen Mehrzahl unserer Mitbürger geteilt.

Der endgiltige Entscheid über die dynastischen, sowie über alle übrigen, das Schicksal des Landes betreffenden Fragen bleibt der Willensäußerung des Luxemburger Volkes vorbehalten, das in aller Freiheit und auf gesetzliche Weise darüber befinden soll.

Wir bitten unsere Mitbürger inständigst, sich auf dem Boden der nationalen Verständigung einmütig zusammenzuschließen. So allein sichern wir unsere Würde angesichts der großen, uns befreundeten Nationen. So allein erhalten wir unserm Lande die Ruhe und den Frieden, deren es so dringend bedarf.

Luxemburg, den 10. Januar 1919.

Die Mitglieder der Regierung, +E. Reuter+, +N. Welter+, +A. Liesch+, +A. Neyens+, +A. Collart+.

Das Regierungsgebäude selbst bietet ein abenteuerliches Bild. Gleich das Eingangstor steht unter dem Schutz eines französischen Jägers. Nur wer sich ausweisen kann, erhält Zutritt.

In der Vorhalle starrt eine Gewehrpyramide. Im Vorzimmer, im Gang, lehnen und wandeln blaue Krieger im Stahlhelm. Am Abend, beim elektrischen Licht, wird der Eindruck geradezu phantastisch. Man wähnt sich in einer Wachstube aus spät mittelalterlicher Zeit, aus den Tagen der Reisläufer und Landsknechte.

Für unsere Sicherheit ist gut gesorgt. Aber man trägt in sich das beschämende Gefühl: „Fremde müssen die Ordnung und die Vertreter der öffentlichen Ordnung schützen, weil die Luxemburger Mannschaften, gleich das erste Mal, wo die Pflicht des Fahneneides an sie herantrat, schimpflich versagten."

Im Kammergebäude geht es inzwischen zu wie in einem Bienenhaus. Ein verworrenes Abundzu, Ausundein, ein Schwirren und Schwärmen, besonders von Leuten, die dort nichts zu suchen haben.

Schließlich fühlte sich der französische Offizier, dem die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen anvertraut war, durch die ewige Unruhe behindert, und meinte zu Herrn Altwies, seines Erachtens sei nun auch für den Herrn Kammerpräsidenten die Zeit gekommen, im Parlamente selbst Ordnung zu schaffen.

Wir ließen den Gendarmeriehauptmann rufen. Der war der Meinung, er könne zu der Säuberung des Gebäudes nur zwei zuverlässige Leute zur Verfügung stellen.

„Das wäre allerdings wenig, beschied ihm Herr Altwies; doch gehen Sie immerhin mit den beiden Leuten in die Kammer und fordern Sie die unbefugten Eindringlinge auf, sich zu entfernen. Ihre Haut brauchen Sie dabei nicht zu Markte zu tragen. Dann erstatten Sie mir schriftlich Bericht."

Herr Beck ging und meldete bald nachher, die zwei Brigadiers hätten, dem Befehl des Kammerpräsidenten entsprechend, die in der Kammer Anwesenden zum Fortgang ermahnt; ein Abgeordneter habe geantwortet, der Kammerpräsident habe nichts mehr in der Kammer zu suchen; die übrigen hätten auch keine weitern Anstalten zum Fortgehen getroffen; daraufhin hätten sich die beiden Gendarmen zurückgezogen.

Der Wohlfahrtsausschuß stellte jetzt Nachweiskarten aus, deren Trägern allein das Betreten des Kammergebäudes gestattet wurde.

Die folgende Nacht gebar manch neuen Unfug. Der Regierungsaufruf wurde auf dem Wege von der Druckerei zur Post von Militärschülern entwendet und verschleppt. Ein Anschlag auf das Staatsauto wurde durch die Geistesgegenwart des treuen Gendarmen und Führers, Herrn van Dyck, vereitelt.

Im Vormittag des 11. Januar verhinderten eine Anzahl Militärschüler den Versand des „Luxemburger Wort". Ein Haufen Nummern wurde aus der Bahnhofsbibliothek geraubt und verbrannt. Der Redaktionshof mußte durch französische Mannschaften behütet werden.

Gegen Abend erschien ein neues Mal die revolutionäre Regierung in St. Maximin und verlangte, vom Staatsminister empfangen zu werden. Ihr wurde eine schriftliche Absage hinausgeschickt. Einige Mitglieder beriefen sich auf ihre Eigenschaft als Abgeordnete. Sie erhielten den Bescheid, sie hätten sich als Abgeordnete selbst außerhalb des Gesetzes gestellt. Da kam die Antwort: Schön, so würden sie warten. Das bleibe ihnen unverwehrt, scholl es zurück.

Kurz nachher verließen wir einzeln das Haus. Die Herren hockten im Vorzimmer und sahen uns gehen. Da kehrten sie still in die Kammer zurück. Hier wartete ihrer bald eine neue Überraschung.

Wir hatten inzwischen die Gendarmen, die sich erreichen ließen, in die Regierung beschieden. Herr Generaldirektor Liesch, als Chef der Justiz, prüfte sie auf ihre Gesinnung. Sie stellten sich sämtlich der Regierung in strammer Entschlossenheit zur Verfügung. Sie erhielten den Befehl, der Weisung des Kammerpräsidenten entsprechend zu handeln.

Nach wie vor hielten sich mit dem Wohlfahrtsausschuß auch eine Anzahl Freiwilliger im Kammergebäude auf. Die Ordnung im Hause wurde nicht gerade als erbaulich gemeldet. Herr Altwies beschloß, sein Haus endgiltig zu säubern.

Im Hinweis auf den vom Gendarmeriehauptmann vergeblich unternommenen Versuch, forderte er den französischen Leutnant, der die Zugänge zur Kammer bewachte, auf, die Revoluzzer in Uniform aus dem Hause zu entfernen. Die trutzigen Militärschüler räumten das Feld.

Dann erhielten unsere Gendarmen den Befehl, alle übrigen im Kammergebäude anwesenden Personen, ob Abgeordnete oder nicht, an die Luft zu setzen. Die Leute traten an. Ehe sie noch die Treppe erstiegen hatten, war der letzte Wohlfahrtsausschüssler verduftet. Sie tagten in einem nahen Wirtshaus weiter.

Herr Altwies verfügte, daß die Kammer bis zur nächsten Sitzung geschlossen bleibe. Zutritt sollte nur erhalten, wer sich schriftlich vom Präsidenten oder der Regierung ausweisen könne.

Sonntag vormittag, den 12. Januar, sollten die Freiwilligen im Kasernenhofe auf die Republik vereidigt werden. Da lasen sie an der Mauer eine Regierungserklärung des Inhalts, sämtliche Leute, die an der Eidesleistung teilnähmen, könnten nicht wieder eingestellt werden; wer sich aber zu einer besseren Einsicht bekehre, der dürfe sich für die Neubildung der Kompanie in der Regierung wieder anmelden; die Gesuche würden einzeln geprüft und erledigt werden.

Die Eidesleistung fand nicht statt.

Gegen halb zwölf erschien in der Regierung eine Abordnung aus der Kaserne, bestehend aus zwei Feldwebeln, zwei Sergeanten, zwei Gemeinen. Sie seien gekommen, so erklärten die Leute, im Namen aller Soldaten, auch im Einverständnis mit Feldwebel Eiffes, um zu melden, daß ihr unüberlegter Schritt ihnen leid tue. „Gewisse Politiker", gestanden sie, „haben uns irre geführt. Wir sind bereit, in die Ordnung zurückzutreten."

„Gut!" lautete der Bescheid. „So beugen Sie sich vorher dem Befehl und lösen sich auf. Der Namenszug der Großherzogin muß sofort wieder auf den Tschakos erscheinen. Kleider und Waffen werden ordnungsgemäß abgeliefert. Dann gehen Sie nach Hause und warten das Weitere ab."

Am Nachmittag schon begann der Auszug aus der Kaserne. Jeder einzelne Soldat erhielt durch den Hauptmann die auf seinen Namen lautende Entlassung aus dem großherzoglich-luxemburgischen Militärdienst eingehändigt und es wurde ihm damit der Abschied erteilt.

Die Ausreise verlief nicht ohne Humor und unter muntern Zwischenfällen. Vor und hinter allerlei Fuhrwerken, die mit Körben und Kisten hochbepackt waren, zogen sie gruppenweise, in Uniform, in Zivil, zum Bahnhof. Den meisten der Jünglinge war bei dem Werke des Umsturzes überhaupt nicht ganz geheuer gewesen. Sie waren froh, so leichten Kaufes wieder zu Muttern zu kommen. Ihr Haupttrupp zog hüteschwenkend über den Viadukt und sang im Chor: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus."

Wäre es den Vertretern des Öslings, den Herren Böver und Prüm, nach Wunsch gegangen, den edlen Kämpen wäre von den Nachkommen der Klöppelmänner ein ganz anderer, gar übler Empfang bereitet worden. Das wenigstens war die erzieherische Absicht, die die beiden Abgeordneten bei ihrer forschen „Proklamation an die Öslinger" geleitet hatte.

Herr Feldwebel Eiffes fand den Weg über die Grenze. Die Mitglieder der Militärkapelle baten ebenfalls um Verzeihung und Vergessen.

Eine Anzahl Reuiger unter den Entlassenen wandte sich kurz nachher an den Staatsminister mit der Bitte um Wiedereinstellung; sie überreichten zugleich die folgende Erklärung, die den ganzen Putsch in die richtige Beleuchtung und Bedeutung rückt und beweist, wie eine innerverwaltliche Angelegenheit in zielbewußter Vorbereitung zu einer politischen umgewandelt wurde:

„Die Unterzeichneten beehren sich, Ew. Exzellenz folgende Erklärung abzugeben:

Wir bedauern an den politischen Ereignissen der letzten Tage Anteil genommen zu haben. Es ist dies nicht unsere Schuld. Wir waren stets bestrebt, aus unserer rein internen militärischen Angelegenheit jede Politik fernzuhalten. Lediglich falsche Vorspiegelungen und geheime Umtriebe haben uns zu diesem Schritt geführt.

Um unsere Haltung in dieser Hinsicht näher zu kennzeichnen, seien folgende Tatsachen angeführt:

1. Zu jeder Zeit haben wir gegenüber dem Hauptbeteiligten offen unsere Meinung vertreten, daß wir eine eventuelle Einmischung in die Politik nicht billigen könnten. (Aus diesem Grunde erklärt es sich, warum dieser uns über seine Beziehungen zu Außenstehenden bis zur letzten Stunde keine Mitteilung machte.)

2. Um bei uns keinen Argwohn zu erregen, wurde uns versichert, unsere Angelegenheit bezwecke nichts Politisches.

3. Als für Donnerstag, den 9. Januar, eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz angesagt war, verlangten die Unterzeichneten die Konsignierung der Truppe, weil dieselben in diesem Umstand die beste Garantie erblickten, die Freiwilligen von dieser Bewegung fernzuhalten. Dieses Zugeständnis wurde uns aber erst nach längerm Zögern gemacht.

4. Wir hatten keine Kenntnis davon, daß die Absetzung der Dynastie sowie die Proklamierung der Republik in der von uns einberufenen Versammlung in der Kaserne auf der Tagesordnung standen.

Dadurch, daß dies dennoch geschah, waren wir vor eine fertige Tatsache gestellt.

5. In derselben Versammlung wurden uns falsche Nachrichten über die Vorgänge in der Abgeordnetenkammer überbracht, welche dahin lauteten, Großherzogin und Regierung hätten abgedankt, die Kammer hätte die Republik erklärt, und eine neue Regierung sei gebildet. Diese Nachricht riß die ahnungslose Kompanie mit sich fort und verleitete dieselbe, sich den politischen Kundgebungen von draußen anzuschließen.

Aus vorstehenden Erörterungen mögen Ew. Exzellenz ersehen, auf welche hinterlistige und versteckte Weise wir irregeleitet und gegen unsere Absicht und unseren Willen zu dem verhängnisvollen Schritt geführt wurden, der uns unsers Ansehens beraubt hat und der unsere Existenz zu vernichten droht, für die wir während langen Jahren dem Staat unsere besten Kräfte und unsere Gesundheit geopfert haben.

Genehmigen Ew. Exzellenz den Ausdruck unserer größten Hochachtung."

Am Sonntag abend den 12. Januar schon beschloß der Wohlfahrtsausschuß einstimmig nachstehende von den dreizehn Mitgliedern gezeichnete Mitteilung an die Blätter:

„Auf Grund der Erklärungen, die General de la Tour der Delegation des Wohlfahrtsausschusses unterm Datum des 11. Januar gegeben hat und denen zufolge er den Wohlfahrtsausschuß ermächtigt, der Bevölkerung mitzuteilen, unter welchen Umständen die republikanische Bewegung durch das Einschreiten der französischen Truppen gehemmt wurde, sieht sich der Wohlfahrtsausschuß gezwungen zu erklären, daß er die republikanische Bewegung keineswegs einstellen wird, daß aber angesichts der Maßnahmen, welche die fremden Truppen auf Ersuchen der Regierung und des Präsidenten der Abgeordnetenkammer ergriffen haben, der Wohlfahrtsausschuß nicht mehr in der Lage ist, alle Mittel zu gebrauchen, die die Luxemburger Verfassung und die Landesgesetze zu seiner Verfügung stellen.

Der Wohlfahrtsausschuß wird mit Hilfe der ihm übrig bleibenden Freiheit die Einführung der republikanischen Staatsform betreiben."

Ein vertrackter Satz, voll Verdrehungen, Verrenkungen und Verschlagenheit! Aber doch ganz klar in seiner Bedeutung: Die Revolution war gescheitert.

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