Advertisement

Unsere beiden Kollegen, die HH. Neyens und Collart, warteten unser in Spannung und Ungeduld. Die Freiwilligenkompanie meuterte. Die Revolution stand vor der Türe. Wir aber brachten einen trostlosen Bescheid, der sogar in verletzender Form gegeben worden.

Des andern Tags erstatteten wir der Großherzogin Bericht. Nun erkannte Maria Adelheid, daß für sie keine Rettung mehr war, denn geheimhalten ließ sich die Geschichte ja nicht. Ich meinerseits verständigte sie von dem Schritte, den ich zugunsten von Prinzessin Charlotte unternommen hatte und über dessen Erfolg mir in den ersten Tagen Bescheid werde. Bis dahin glaubten wir einen Entschluß aufschieben zu dürfen.

Auch die sonstigen Verhältnisse gestalteten sich sorglich genug.

Unsere Fahrt nach Paris war den Feinden der Dynastie von der ersten Stunde an zuwider gewesen. Sie schrieen und zeterten, was sich ein abgegangenes Ministerium noch um auswärtige Politik zu kümmern habe. Vor allem waren sie neugierig zu erfahren, was bei einer solchen Reise ans Auswärtige Amt in Paris der Unterrichtsminister zu tun hatte.

Herr Liesch fühlte sich verpflichtet, den Liberalen ohne Verzug den Verlauf der Audienz am Quai d'Orsay darzulegen. Er tat es, meiner Auffassung nach, mit etwas übermäßigem Vertrauen, der überzeugendste Beleg für seine volle Aufrichtigkeit.

Ich wollte meinerseits den Sozialisten Bescheid geben. Ihre Zeitung „Die Schmiede" hatte allerdings schon am 21. Dezember einen ersten Schmähartikel gegen mich losgelassen, ein Beweis, wie für sie das frühere Verhältnis bereits gelöst war.

Nichtsdestoweniger verständigte ich bei einer Begegnung Herrn Probst von meiner Absicht. Ich erfuhr eine heftige Abweisung.

An diesem Abend des 29. Dezember 1918 wurden für mich die Beziehungen zur Partei abgeschnitten.

* * * * *

In der Kaserne war es inzwischen zu den unerfreulichsten Zwischenfällen gekommen.

Vor unserer Abreise bereits hatten die Freiwilligen die Kammer mit einer Eingabe befaßt, in der sie Klage führten gegen das harte und willkürliche Vorgehen ihrer Offiziere. Zugleich forderten sie die Umgestaltung der Kaserne in eine Militärschule. Die Bittschrift fand in der Kammer heiße Befürworter und es wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission ernannt.

Feldwebel Eiffes, der die Bewegung leitete, wurde von seinen Vorgesetzten in Schutzhaft gesetzt. Die Soldaten erbrachen die Türe des Arrestlokals, befreiten den Führer mit Gewalt und verjagten die Offiziere. So war der Aufruhr da.

Die von der Kammer bezeichnete Kommission hatte wenig Glück. Unsern Kriegern, vor allem ihrem selbstgegebenen Haupt, war es um eine rasche Erledigung sämtlicher Forderungen zu tun, nicht um eine besonnene, zweckentsprechende Untersuchung. Bald auch wird von ihren Anhängern der Argwohn verbreitet, als arbeiteten im Schoße der Kommission so manche gegen die Freiwilligen. Nun gab der Kommissionspräsident, Herr Lacroix, seine Entlassung. An die Soldaten aber erging die Aufforderung, vorerst in die Schranken der Ordnung zurückzukehren. Die wackeren Jungen wollten davon so wenig hören, daß aus dem Munde eines andern Kommissionsmitgliedes die Worte fielen, mit Rebellen könne man nicht verhandeln.

Während unserer Abwesenheit erschien eine Abordnung in der Regierung. Hier wurde ihnen der Bescheid, angesichts der durch die Kammer anberaumten Untersuchung sei ein Eingreifen von Verwaltungsseite recht erschwert worden, doch möchten die Mannschaften sich vorher wieder der Gesetzlichkeit und Ordnung unterstellen.

Die Truppe weigerte sich weiter, ihre Offiziere wieder anzuerkennen, und richtete am 29. Dezember an die Untersuchungskommission eine Bittschrift von über sechzig Punkten mit den schwersten Anschuldigungen gegen die Offiziere.

In einer eigenen Flugschrift gaben sie sodann die hauptsächlichsten Anklagen der Öffentlichkeit preis und bewogen damit ihre Vorgesetzten, ihrerseits gegen die Schmähschrift bei der Staatsanwaltschaft Klage einzureichen.

Inzwischen hatte sich die Kaserne als Militärschule eingerichtet; doch die Mannschaften bezogen die Wache wie sonst.

Die Gendarmen hatten ebenfalls Klagen und Wünsche vorzubringen. Sie weigerten sich aber, mit den Meuterern gemeinsame Sache zu machen. Sie standen treu zur Obrigkeit und zur Ordnung.

Des Zündstoffes häufte sich tagtäglich mehr. Als die Einzelheiten des Empfangs bei Herrn Pichon bekannt wurden, erhob sich bei den Gegnern der Dynastie und des Referendums ein Gewieher der Befriedigung.

Der Prozeß der Nassau-Braganza, hieß es, ward in Paris entschieden, und zwar gegen sie. Das Volksreferendum ist überflüssig geworden.

Wir aber walteten nach Pflicht und bestem Vermögen. Am 30. Dezember versammelte sich um die Großherzogin ein Kronrat, dem auch die Präsidenten der Kammer und des Staatsrats beiwohnten. Man beschloß folgende Mitteilung an die Regierungen der Verbündeten und Nordamerikas: „Die großherzoglich-luxemburgische Regierung hat die Verträge mit Deutschland über die Zollgemeinschaft und die Eisenbahnen gekündigt. Die Regierung wünscht mit den Verbandsmächten Verhandlungen wegen einer neuen wirtschaftlichen Annäherung anzuknüpfen. Sie stellt die Unabhängigkeit des Großherzogtums unter den hohen Schutz der Mächte."

Damit wurde das langjährige Band mit Deutschland, das dieses selbst durch den rohen Einfall von 1914 einseitig zerrissen hatte, endgültig gelöst. Das Tor zu einer neuen Zukunft stand offen.

Die Gegner stimmten ein Zetermordio an über die Dreistigkeit einer am Boden liegenden Regierung, die sich solche souveränen Schritte herausnähme.

Mit trübem Mute traten wir über die Schwelle des Jahres 1919.

Auch ließ die Antwort aus Paris noch immer auf sich warten.

Wenn sie sich noch einige Tage verzögerte, so dürften, das fürchtete ich, sogar die Kollegen meinen Worten und Versicherungen nicht mehr trauen. Umsomehr als von Privatseite die widersprechendsten Gerüchte aus Paris einliefen und uns in der Regierung heimsuchten.

Endlich, am 3. Januar nachmittags, kam der Bote. Ich riß das Blatt unter Herzklopfen auf und las: „+Soeur va mieux, suit bien les conseils du médecin luxembourgeois.+"

Ich ging zum Staatsminister und deutete die Botschaft. „Großherzogin Charlotte wird anerkannt. Nur muß sie den Ratschlägen ihrer Regierung entsprechend handeln."

Welches Wort und welche Geberde an erster Stelle von ihr erwartet wurden, war uns bekannt.

Wir begaben uns zu Maria Adelheid. Ich unterbreitete das Telegramm und berichtete. Sie war bereit, der Schwester zu weichen.

Draußen ging die Hetze zielbewußt weiter. In Belgien brach der Annexionshunger in ein stets heisereres Gekläffe aus.

Aus Paris herüber kam Bote auf Bote und meldete, und immer aus erster, bestimmter Quelle, auch Charlotte werde nicht anerkannt werden; Herr Mollard habe das ausdrücklich erklärt.

Ich legte mich auf die eingelaufene Drahtung fest, stärkte die Hoffnung und belebte den Glauben.

Die Rechtspartei ließ Listen umgehen und forderte das Volk auf zu einer Massenkundgebung an die Kammer. Die Eingabe begehrte: 1. Politische Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Anschluß an die Westmächte; 2. Das Referendum über Staatsform und Dynastie; 3. Unveräußerliches Selbstbestimmungsrecht des luxemburgischen Volkes.

Die Listen füllten sich umgehend mit Zehntausenden von Unterschriften.

Die +Action Républicaine+ ihrerseits schürte aus Leibeskräften unter dem fanatischen Eifer der gegnerischen Zeitungen. Die Pariser Reise wurde grimmig ausgebeutet. Man wähnte sich des Sieges gewiß.

Sämtliche Parteien rüsteten für die nächste Kammersitzung vom 9. Januar.

Auch wir mußten zu einem Entschluß gelangen und hielten Ministerrat.

Wir kamen vor lauter Bedenken nicht vom Fleck.

Herr Reuter hatte sich über die ausschließliche Tragweite des mir zugegangenen Telegramms in letzter Stunde volle Gewißheit holen wollen und zugleich einen äußersten Schritt zur Rettung der Fürstin versuchen lassen. Marschall Foch war bereit, bei der Regierung in Paris zu vermitteln, wenn die Großherzogin einen schriftlichen Wunsch äußern wolle. Maria Adelheid empfand unter der ersten Regung eine solche Handlung für unwürdig. Der Staatsminister gab zu erwägen, ob es doch vielleicht nicht ihre Pflicht sei, für sich selbst und für das Land dieses letzte Mittel zu ergreifen. Schließlich unterstützte ihn auch Großherzogin Maria Anna mit den Worten: „Ja, Kind, der Herr Staatsminister hat recht. Wir haben die Pflicht, auch dieses Opfer nicht zu scheuen." Nun schrieb Maria Adelheid, im alleinigen Verlangen, wie sie erklärte, dem Lande zu nützen.

Herr Reuter befördert den Brief in aller Eile nach Luxemburg. Der Zug des Marschalls wartet im Bahnhof; er ist glücklicherweise mit einigen Minuten Verspätung eingelaufen. Das Schreiben geht ab. Nach einigen Tagen kommt die Antwort. Dem Staatsminister wird darin aus sicherster Quelle die Versicherung, bei den Ententemächten sei die Stimmung ganz so, wie Herr Welter es dem Ministerrat auseinandergelegt habe; Maria Adelheid sei nicht zu halten.

Nun waren auch für Herrn Reuter die Würfel gefallen. Am 8. Januar kam es also im Regierungskonseil zur Abstimmung. Wir sprachen uns einmütig für die Abdankung der Großherzogin Maria Adelheid aus. Die Mehrheit forderte sofortige Entscheidung.

Regierungs- und Kammerpräsident sollten noch an demselben Mittwoch nach Berg fahren. Herr Collart bestand darauf, daß ich die beiden Herren begleite. Schließlich ging auch er mit.

Wir sprachen unterwegs bei einem Freund vor. Als dessen Gattin vernahm, worum es sich handle, geriet sie in unbeschreibliche Aufregung. Ihr Antlitz brannte. Sie sprang gegen uns mit dem zornigen Ruf: „Die Männer sind doch alle Feiglinge! Sie hätten das arme Kind bis aufs Blut verteidigen müssen!" Es wurde ihr die ruhige Antwort: „Glauben Sie uns, Madame, zu dem Schritt, den wir jetzt unternehmen, gehört des Mutes noch mehr."

Gegen 9 Uhr langten wir im Schlosse an.

Herr Reuter ging zuerst zur Großherzogin, dann empfing sie auch uns. Es war in dem anmutigen Rosazimmer. Wir führten alle dieselbe Sprache. Durch Frankreichs schroffe Ablehnung wird die wirtschaftliche Zukunft des Landes schwer geschädigt. Um die Dynastie zu retten, gibt es nur einen Weg. Maria Adelheid erklärt sich zum Rücktritt bereit. Neuerdings empfiehlt sie uns als Nachfolgerin aufs wärmste ihre Schwester Charlotte. Sie will alsbald mit ihr reden, um sie vorzubereiten. Morgen vormittag gegen halb elf wird sie selbst dem Herrn Staatsminister die Antwort bringen.

* * * * *

Am nächsten Morgen warten wir vergebens auf die in Aussicht gestellte Urkunde. Der Großherzogin sind über Nacht, unter eigener oder fremder Eingebung, Bedenken gekommen.

Sie läßt den Staatsminister wissen, sie sei bereit, gleich abzudanken, wenn die Rechtspartei ihren Abgang als für das Wohl des Landes notwendig erkläre.

Die Rechtspartei nimmt diesen Wunsch mit Verwunderung entgegen. Sie erwidert, sie weigere sich nachdrücklichst eine Erklärung abzugeben, die sie nicht geben könne. Maria Adelheids Verbleib, das sei die Überzeugung der Partei, würde an sich dem Lande nur zum Heil gereichen. Ob aber besondere Nebenumstände ihre Abdankung vielleicht nicht als ersprießlich erscheinen ließen, das zu beurteilen sei Sache der großherzoglichen Regierung.

Herr Reuter fuhr im Nachmittag des 9. Januar nach Berg und verständigte die Fürstin von dieser Auffassung der Rechtspartei. Sie verstand alsbald und sagte: „Die Partei hat recht. Mein Verbleib wäre, wenn nur möglich, eine Wohltat für das Land. Die Verhältnisse aber, die meine Entfernung vielleicht als geboten hinstellen, die zu beurteilen ist tatsächlich die ausschließliche Angelegenheit und Sorge von Großherzogin und Regierung."

Die Abdankungsurkunde wurde unter Zurateziehung eines ihrer entschlossensten Paladine in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar aufgesetzt.

Die Ereignisse, die sich kurz vorher am Nachmittag und am Abend in Luxemburg abgespielt hatten, haben den letzten Entschluß Maria Adelheids nicht entscheidend beeinflußt.

Die junge Fürstin unterzeichnete in aller Seelenruhe und tröstete den Staatsminister, der in sichtbarer Erregung vor ihr saß, mit den Worten: „Man darf sich durch nichts aufregen lassen, Herr Reuter. Man muß die Dinge und Ereignisse sehen, wie sie sind, und sie auch so entgegennehmen."

Advertisement