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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~

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~SVEN HEDIN~

+Gran Cañon+

Zoroaster-Tempel.]

~SVEN HEDIN~

+Gran Cañon+

Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

★

Mit 38 einfarbigen und 10 bunten Einschaltbildern nach Skizzen des Verfassers, einem Bildnis und 2 Karten

Zweite Auflage

~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~

Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig Printed in Germany

Dem Andenken meiner geliebten Mutter

Zum Geleit.

An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.

Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte, schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin, wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.

Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe, empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach, mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand, entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres Lebens.

Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben. Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen, die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.

Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird, noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.

Inhalt.

Seite

+Zum Geleit+ 7

+Erstes Kapitel.+ Einleitung 15

+Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen 32

+Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona 48

+Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck 60

+Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View 86

+Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins 99

+Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado 125

+Achtes Kapitel.+ Navaho Point 137

+Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point 158

+Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado 176

+Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf 194

+Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal 223

+Register+ 240

Bunte Einschaltbilder.

Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und Zoroaster-Tempel Titelbild

Blick von Navaho Point auf die Palisaden 64

Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus 80

Abendstimmung bei Navaho Point 96

Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang 112

Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus 128

Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright Angel Point 144

Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von Point Royal aus 158

Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus 176

Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal 220

Einfarbige Einschaltbilder.

Anna Hedin 9

Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West 61

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten 67

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten 73

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West 77

Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon 83

Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten 87

Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten 93

Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden 101

Hopi-Indianer 105

Hopi-Indianer 109

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts 115

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten 119

Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts 123

Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten 127

Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in Nord 12° West 131

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost 135

Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten 139

Aussicht von Havasupai Point nach Westen 143

Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West 147

Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon (Nord 30° Ost) 151

Blick von Havasupai Point nach Osten 155

Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch 161

Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten, Colorado aufwärts 165

Altarfall 169

Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost 173

Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni) 179

Felskuppe im Bright Angel Cañon 183

Felskuppe im Bright Angel Cañon 187

Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon 191

Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli) 197

Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli) 201

Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel) 205

Blick von Cape Royal in den Gran Cañon 209

Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron 213

Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West 217

Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final 225

Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost 229

Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain 235

Karten.

Übersichtskarte 14

Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000, am Ende des Buchs.

Erstes Kapitel.

Einleitung.

Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“ (1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.

Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922 mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was „~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.

Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war, meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield, ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte, dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“; dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle Auskünfte geben, die ich wünschte.

Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe. Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte, Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung stehen, ich brauchte nur zu befehlen.

Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson, Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West, Tillotson und MacLean.

Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam, überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die Vereinigten Staaten verknüpft.

Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen. In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt -- im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen durchkreuzt.

Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.

Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.

Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr 1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige Male untersucht.

Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter 1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.

Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war, setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97), Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten, Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920) ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L. R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924 erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die gewonnenen Ergebnisse.

In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte: „~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.

Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.

Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~) anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden, daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und 1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken, die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen verwickelten Hebung der Erdrinde.

Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes, in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und reicherem Pflanzenwuchs.

Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit, durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar, Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört. Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden, Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen, Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.

Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust. Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen. So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32 Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt, mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten, regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt. So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen, denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.

Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang, 21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken, wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben. Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.

* * * * *

Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen. Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste. Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.

Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis von Nischapur.

In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor, daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.

Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500 Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen. Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!

Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben. Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden, alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden steigt blauviolett die neue Nacht empor.

Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur, den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und mächtigere Sprache nötig.

Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte; man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß 1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen, nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend. Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche: man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.

Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.

Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht. Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten, die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein Gefühl unendlicher Ruhe.

Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen. Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte, den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie verstummende Brausen des Rio Colorado.

Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr wohl bewußt.

Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.

Zweites Kapitel.

Nach dem fernen Westen.

Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich. Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die Straßen öde und leer waren.

Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher, die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt.

Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben, geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas, der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt obdachlos sind.

Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe, und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson. Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern, kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können. Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein.

Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen ununterbrochenen Garten zu fahren.

Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt, aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht.

Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen. Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und ich als Gast der Gesellschaft.

Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen. Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt, daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft, da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen.

Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas Bewegung machen kann.

Während wir unsern Lunch einnehmen, erzählt Herr Clarkson, daß die Santa-Fé-Gesellschaft um 1845 gegründet wurde und sich anfangs nach der Linie von Atchison nach Topeka, zwei Städten im nordöstlichen Kansas, nannte. Jetzt ist sie mit einer Bahnlänge von etwa 20400 Kilometer die größte Eisenbahngesellschaft der Welt. Im Jahr 1866 begann Fred Harvey längs ihrer Bahnlinien Hotels und Speisewirtschaften einzurichten. Nach seinem Tod im Jahr 1900 übernahm den Betrieb sein Sohn Ford Harvey, der jetzt 25 große Hotels und zahllose kleinere Restaurants besitzt. Im Jahr 1922 wurden in diesen 13 Millionen Mahlzeiten verabfolgt. Es ist also ein riesiges Unternehmen und ein Geschäft, das sich zu einer soliden und erstklassigen Organisation entwickelt hat. Ford Harvey, der in seinem Fach größere Erfahrung hat als sonst jemand in den Vereinigten Staaten, ist aufgefordert worden, in New York und andern Städten Hotels zu errichten und zu betreiben. Aber auf derartige Lockungen antwortet er ablehnend; er zieht es vor, seine Tätigkeit auf die Santa-Fé-Eisenbahnen zu konzentrieren und dort auszubauen; vermutlich ist er der Ansicht, daß die zwölf oder fünfzehn Millionen, die er schon verdient hat, für seine irdischen Bedürfnisse ausreichen. Für das Recht, den ganzen mit dem Gran Cañon verknüpften Hotel- und Ausflugsbetrieb mit Hospiz, Unterkunftshütten, Wegen, Mauleseln, Pferden, Cowboys, Personal, Automobilen usw. auszuüben, zahlt er Abgaben an die Regierung. Der Gran Cañon ist nämlich wie so viele andere Gebiete Nationalpark und gehört der Regierung. Aus meinem Bericht wird man ersehen, daß die Aufsicht über diese großartigste und wunderbarste Werkstatt der Natur keinen bessern Händen hat anvertraut werden können als denen Ford Harveys. Ich hatte Gelegenheit, ihn in El Tovar kennenzulernen, und kann versichern, daß er auch persönlich ein ungewöhnlich prächtiger Mann ist.

Aber die halbe Stunde ist vorüber; wir nehmen wieder unsere Plätze ein und rollen weiter durch das überschwemmte Land. Zu beiden Seiten breiten sich riesige Wasserflächen aus, schmutziggrau oder braungelb; an engen Durchgängen weisen sie starke Strömung auf. Bäume, Gärten, Alleen und kleine Gehölze stehen mitten im Wasser. Auf manchen Gemarkungen hat die Überschwemmung das reifende Getreide hinweggespült. Wo der Boden abfällt, ist alles weggeschwemmt worden, Ackerkrume, Saat, Keime und Getreide, aber wo das Land eben ist, und das ist gewöhnlich der Fall, kann das meiste gerettet werden. Von Zeit zu Zeit fahren wir an einer Farm vorüber, deren Besitzer gewiß voller Unruhe die Launen des losgelassenen Wassers beobachtet.

Die Farmen in diesem Teil von Kansas haben durchschnittlich eine Bodenfläche von 650 Acres (263 Hektar), eine Größe, die in Europa als beträchtlich gelten würde. Der Staat Kansas erzeugte seinerzeit den meisten Weizen in Amerika, ja sein Boden lieferte einen größern Weizenertrag als alle übrigen Staaten zusammen. Noch heute steht der Weizenanbau hoch, obgleich jetzt Gerste die wichtigste Getreideart ist. Kansas City nimmt auch die erste Stelle unter den Orten ein, in denen landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, und der Staat Kansas übertrifft in dieser Hinsicht den nächsten in der Reihe um 23 vom Hundert. Die bedeutendsten Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte sind in Chicago.

Wir fahren auf der nördlichen Linie durch Kansas, da die südliche unter Wasser steht und unterbrochen ist. Aber auch auf unserer Linie saust der Zug Stunde um Stunde zwischen überschwemmten Feldern hin, und der Himmel ist ebenso grau wie bisher. Bei Peabody sehen wir einen Wald von Bohrtürmen, ganz wie in Balachany am Kaspischen Meer oder südlich von Los Angeles in Kalifornien, und schon von weitem riecht es nach Rohnaphtha. Dann werden die menschlichen Spuren seltener; wir fahren lange Strecken, ohne eine Menschenseele oder ein Haus zu erblicken. In Newton, durch das wir am Nachmittag kommen, besitzt Harvey eine Molkerei und einen Viehhof mit 270 Kühen. Obgleich ihm noch viele derartige Besitzungen in Texas, Neumexiko, Colorado, Arizona und Kalifornien gehören, reicht deren Ertrag an Milch, Butter und Käse nur dazu, ein Zwanzigstel des Bedarfs der Eisenbahnwirtschaften zu decken, und die Hauptmenge muß anderweitig beschafft werden. Harveys Milchwirtschaften haben im Grunde nur die Aufgabe, den Markt zu regulieren und zu kontrollieren.

In frischem, feuchtem Sommergrün breitet sich das flache Land zu beiden Seiten endlos wie ein Meer aus. Die überschwemmten Gebiete werden kleiner und immer seltener. Eine gute Weile nach Einbruch der Dunkelheit hält der Zug in Hutchinson, damit wir unser Essen einnehmen können. Die Mahlzeit, die in einem prächtigen Saal aufgetischt wird, ist reichlicher als ein gewöhnlicher Mensch vertilgen kann, alles ist trefflich zubereitet und von wahren Fluten von Eiswasser mit kristallklaren Eisstücken begleitet. Dem Arkansas River folgend, passieren wir am Abend Dodge City und überschreiten im Dunkel der Nacht, nachdem wir unsere Uhren um eine Stunde zurückgestellt haben, die Grenze von Kansas und Colorado. Ein freundlicher alter Herr aus Texas schenkt mir einen mexikanischen Miniatur-Haarhut, dessen Band den berühmten Namen „El Paso“ trägt. Im Wasch- und Rauchabteil erzählt er seine Lebensgeschichte. Als ich dann in den Mittelgang des Wagens komme, sind die schweren Vorhänge zugezogen, und mein Schlafplatz vom Neger für die Nacht zurechtgemacht. Wenn man „~lower berth~“ mitten im Wagen hat, ist die Bewegung sanft und angenehm. Die Bahn ist gut gebaut und sorgfältig unterhalten. In den überschwemmten Gebieten sah man jedoch, daß das Wasser an steinigen Stellen nur noch 60 Zentimeter hätte zu steigen brauchen, um die Schienen zu erreichen.

Als mich der Neger am 12. Juni um 1⁄27 Uhr mit der Erklärung weckte, wir hätten nur noch 35 Minuten bis Trinidad, hatten wir schon La Junta hinter uns und sausten schnurgerade nach Südwesten auf die Grenze von Neumexiko zu. Der Tag war strahlend klar und das Land flach und öde; Rinderherden weiden auf den riesigen Ebenen, und als wir in Trinidad halten, glauben wir eine wirkliche Oase mitten in der Wildnis erreicht zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist wie die meisten andern in Colorado und Neumexiko im spanisch-mexikanischen Klosterstil erbaut mit Arkaden, Gängen und Höfen, sattgrünen Rasenteppichen und dichtbelaubten Bäumen. Über dem Portal ist der Name des spanischen Konquistadors Cardenas zu lesen, des ersten bahnbrechenden Pioniers in diesen Gegenden. Der kleine Ort hat ein schmuckes Schulhaus und mehrere andere neue Gebäude. Am Bahnhof warten ein Dutzend Fordautos. Aber die Reisenden haben nur einige Schritte bis zur Wirtschaft, wo das Frühstück unserer harrt. Wir befinden uns 1827 Meter über dem Meer, und die Morgenluft ist kühl und frisch. Im Laufe des Tages steigen wir noch einige hundert Meter. Ich merke die Luftverdünnung nicht -- ich habe in dieser Hinsicht ja schon Schlimmeres erlebt. Aber Clarkson gesteht, daß er sie als Atemnot spüre und daß es ihm schwer werde, bergauf zu gehen.

Dicht neben dem Bahnhof erhebt sich der erste kleine Hügel, und als wir Trinidad verlassen haben, kommen wir sofort in hügelige Landschaft aus anstehendem Gestein, Geröll und lockeren Erdschichten. Auf vielen Abhängen wachsen mächtige Wacholder, und auf grauen Hügeln und Höhenzügen heben sich Büsche als grüne Flecke ab; einige Höhen sind ganz mit Gras überzogen und leuchten in frischem Grün. Die Steigung ist schon recht merkbar, und unsere Lokomotive hat Hilfe von einer zweiten erhalten, die von hinten schiebt. Später, als die Steigung noch mehr zunimmt, wird eine dritte Lokomotive vor die erste gekuppelt. Sie ächzen und arbeiten, um den schweren Zug auf die Hochebene hinaufzuschleppen, und die Bewegungen werden ruckartig und ungleichmäßig, jedoch nicht unangenehm. In starken Kurven steigen wir das Tal hinan, das zum Ratonpaß hinaufführt. Auf den Hängen stehen vereinzelte Kiefern. Wir kommen an einem Dorf vorbei, dessen spanische Kirche auf einem Hügel thront, und an einer Kohlengrube, kurz darauf an einer zweiten.

Wir befinden uns in den südlichsten Regionen des Felsengebirges und haben nach Norden an einigen Punkten eine unbeschreiblich schöne Aussicht auf schneebedeckte Gipfel. Südlich des Ratontunnels haben wir die Wasserscheide zwischen dem Mississippi und dem Rio Grande del Norte überschritten, und die Vorspann-Lokomotive wird abgekuppelt. Wir haben hier den höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt erreicht, 2323 Meter, und sind also von Chicago aus, das 180 Meter über dem Meeresspiegel liegt, mehr als 2000 Meter gestiegen. Nun fahren wir in nicht allzu scharf sich dahinschlängelnden Tälern bergab und sehen von Zeit zu Zeit eine Biegung der vorzüglichen alten Landstraße nach Santa Fé und der Küste.

Auf einem kleinern Bahnhof überschwemmt die Tagesnummer der „Denver Post“ unsern Zug, und alle verschlingen die großen fettgedruckten Überschriften und Nachrichten von der immer noch zunehmenden Überschwemmung und den Unglücksfällen und Verlusten. „Zwölf Menschen sind in den Fluten umgekommen, die drei Staaten überschwemmen. 5000 obdachlos, Dutzende von Städten stehen unter Wasser. Ungeheuer große Ackerflächen zerstört. Im Gebiet des Kansasflusses ist das Standrecht erklärt“ und ähnlich lauten die sensationellen Überschriften lebhafter Schilderungen. In kleinem Druck stehen weit hinten einige kurze Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und von Curzons Vermittlungsversuch. Ein Telegramm meldet Pierre Lotis vor zwei Tagen erfolgten Tod.

Es nimmt also nicht viel Zeit in Anspruch, den Rahm aus der „Denver Post“ abzuschöpfen, und nachdem Clarkson und ich dies getan haben, nehmen wir unser Gespräch wieder auf und unterhalten uns über die endlosen Weiten der Erdoberfläche, die sich zu beiden Seiten der Bahnlinie ausbreiten und zum Staat Neumexiko gehören. Mein Reisegefährte steigert auch meine Spannung auf das nächste Ziel der Fahrt, den Gran Cañon, und ist selbst neugierig, welchen Eindruck er auf mich machen wird. Clarkson betrachtet den Gran Cañon mit fast religiöser Ehrfurcht und erklärt es für unmöglich, mit Farben, Worten oder Tönen diese Landschaft zu beschreiben. Alle, die es versucht haben, sind gescheitert. Zahllose Maler sind dorthin gekommen mit ganzen Rollen gewaltiger Leinwand und allen Farben des Regenbogens in ihren Tuben. Aber sie haben bald gefunden, daß sie vor einer unlösbaren Aufgabe standen, und sind ohne Gemälde abgezogen, hoffnungslos und mißmutig. Clarkson ermuntert mich auch mit der Aussicht, daß man den Gran Cañon in einigen Tagen gar nicht in sich aufnehmen +kann+ und daß man wochenlang dort leben muß, ehe man zu begreifen beginnt, daß das, was man sieht, Wirklichkeit ist und kein Traum. Die ersten Tage verbringt man in stummem Staunen und atemloser Bewunderung. Man sitzt nur da und schaut und merkt nicht, wie die Zeit im Fluge vergeht. Man kommt sich wie eine kleine armselige Mücke vor, wie ein Staubkorn, das vom Winde fortgeweht wird. Alles, was sich in der Welt ereignet und zuträgt, der Menschen Fleiß und Anstrengung und rastlose Jagd nach Geld, die politischen Fehden und der Kampf um vergängliche Ehrenstellen -- alles erscheint einem lächerlich und klein, selbst so etwas wie der Weltkrieg schrumpft zu einer kleinen unbedeutenden Episode zusammen, die einem zu gleichgültig ist, als daß man sich ihrer erinnerte, und an die man nicht einmal einen Gedanken verschwendet. Was spielt es angesichts dieser gigantischen Wunderwerke der unaufhaltsamen Arbeit der Naturkräfte für eine Rolle, daß einige Millionen Menschlein einander totgeschlagen haben, und was bedeutet es angesichts der aufgeschlagenen Chronikbücher der geologischen Zeitalter, auf welcher Seite man während einer flüchtigen Sekunde der Ewigkeit gestanden hat? Am Gran Cañon wird man Philosoph, man wird ein neuer Mensch, man wird geläutert und bekommt eine wohltuende heilsame Gewißheit seiner eigenen Kleinheit. Nach einer solchen Vorbereitung ist es wohl nicht verwunderlich, daß ich mit steigender Spannung auf das warte, was da kommen soll.

In einem offenen, flachen, von niedrigen Hügeln umrahmten Kesseltal liegt die kleine Stadt Raton mit ihrem dunklen Bahnhofsgebäude in dem üblichen spanischen Stil. Dann sausen wir auf weichem, graugelbem Boden, der hier und da grünlich schimmert, ohne daß jedoch Wasser zu sehen wäre, über das öde Hochland im nördlichen Teil von Neumexiko. Die Bahn geht nach Südsüdwesten. Im Nordwesten läuft die ganze Zeit in einer Entfernung von ungefähr 24 Kilometer ein langer Gebirgszug, über seinem Kamm ist in der Ferne eine kleinere Schneekette zu sehen. Das schnaubende Dampfroß durchquert nun das Gebiet, wo die Indianer einst Büffel jagten. Noch vor 50 Jahren weideten hier riesige Herden dieser königlichen Tiere. Jetzt ist kein einziger Bison mehr da. In Montana wird eine Herde von 300, in Colorado eine solche von 5000 gehegt. Nicht anders ist es den andern wilden Tieren ergangen oder wird es bald ergehen. Der Puma, das schöne Katzentier, der hier ~mountain lion~, Berglöwe, heißt, ist nunmehr sehr selten. In den Bergen nimmt die Zahl der braunen, schwarzen Grisly- und Cenomanbären immer mehr ab. Der Cojote dagegen, der Heul- oder Präriewolf, ein Verwandter des Schakals, kommt überall auf den Prärien vor.

Von Zeit zu Zeit fliegt ein Städtchen oder Dörfchen an uns vorüber und dann und wann eine Farm mit Ackerfeldern und Weideland, auf dem Pferde, Rinder und Schafe grasen. Hier wohnt ein Ansiedler, der der ausgeruhten Erde seinen Lebensunterhalt abgewinnt. Der Boden des Tafellandes ist eben oder schwach gewellt. Auf lange Strecken wird die Öde nur durch den einen und andern Trupp Bahnarbeiter unterbrochen. Die Telegraphenstangen haben zwei Querbalken, sechzehn Drähte und grüne Isolatoren. Wenn man ganze Tage lang auf demselben Pullmansofa sitzt und zum Fenster hinaussieht, bemerkt man auch die unbedeutendsten Dinge und beachtet alles. Man macht auch negative Beobachtungen, z.❁B. daß nur selten ein Auto auf der uralten Landstraße dahinjagt, die vor der Erbauung der Eisenbahnlinie der wichtigste Verkehrsweg zwischen Kansas City und Santa Fé war und die älteste in den Vereinigten Staaten sein soll. Vermutlich ist sie vor Zeiten ein einfacher Pfad gewesen, der von den Indianern benutzt wurde.

Ohne zu halten, sausen wir an einem kleinen Ort vorüber, der Springer heißt und von einem wasserarmen Bach durchflossen wird. Derartige kleine Ortschaften tauchen von Zeit zu Zeit wie Oasen in der Wüste auf; sobald wir sie hinter uns gelassen haben, umschließt uns wieder die Wildmark mit ihrer bezaubernden Einförmigkeit und Unendlichkeit. Wasser ist die erste Lebensbedingung dieser Städte oder Dörfer, und wo das Wasser fehlt, späht man vergebens nach menschlichen Gemeinwesen. Die Farmen sind auch nicht sehr zahlreich. Aber Schafe, Rinder und Pferde sieht man oft in Herden auf der Weide. Eigentlich ist es ein Land für Schafzucht, durch das wir fahren. Die Bodenwellen sind gewöhnlich dem Auge kaum erkennbar. Aber man merkt sie an der Geschwindigkeit und dem Geräusch. Wir befinden uns in einer Höhe von ungefähr 1525 Meter. Der Abstand zwischen uns und dem Gebirge wird allmählich größer. Schneeschutzwände aus senkrecht stehenden oder wagerecht liegenden Planken verraten, daß Schneestürme hier oben auf der Hochebene rasen können.

Hier und da erhebt sich auf dem flachen Land ein Hügel, eine Mesa, bald kegel- oder pyramidenförmig, bald breiter und tafelförmig abgeplattet. Diese Landschaftsform ist typisch für Neumexiko. Die Ingenieure haben leichte Arbeit gehabt, als sie die Eisenbahn legten. Lange Strecken waren kein Bahndamm und keine Einschnitte nötig, nur selten eine kleine Brücke.

Im Valmoratal wird das Gelände steinig; anstehendes Gestein und Blöcke auf beiden Seiten, Kiefern und Gras auf den Hängen, Wasser in einem kleinen Rinnsal. Manchmal schneidet die Bahn durch gelbe Sandsteinplatten. Die Linie ist hier einspurig, aber 8 Kilometer weiter südlich läuft noch eine zweite Spur. Auf beiden verkehren Züge in beiden Richtungen. Die Landstraße ist ganz in der Nähe; ein Auto, das es eilig hat, überholt uns gerade in einer Wolke von Staub. Ein paar eigentümliche Fuhrwerke erinnern an Rußland, da die drei Pferde wie bei der Troika nebeneinander gespannt sind. Neben dem Wege sehen wir ein Zigeunerlager, das sich um seine großen, mit tunnelförmigen Dächern überspannten Packwagen häuslich niedergelassen hat.

Über dem Gebirge im Nordwesten haben sich Wolken zusammengezogen, und prächtige Blitze flammen zwischen ihnen auf, aber unser Zug eilt in glühender Sonne dahin, und es ist warm in den Abteilen. Im Westen erheben sich herrlich blauende Berge, sie gehören zum Sangre de Cristo. Die Wolken haben eine drohend blauviolette Gewitterfärbung, aber im Südwesten ist es klar. Vielleicht entgehen wir dem kleinen Unwetterzentrum, das über das Hochland von Neumexiko dahinzieht. Aber die Blitze kreuzen einander immer noch zwischen den Wolken und leuchten wie Degen kämpfender Riesen.

In Las Vegas haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt für den Lunch. Im Lunch Room des Bahnhofs speist man nach der Karte, im Dinner Room nach festem Menü. Fünf Züge am Tage passieren die Station. Dazu kommen verschiedene Beamte, die ihre Mahlzeiten hier einnehmen, und, wie ich schon erwähnte, die Reisenden, die in ihren eigenen Autos vorbeifahren. Im Durchschnitt betragen diese bis zu vierhundert am Tag. Es sind meistens Touristen, die den Erdteil von Küste zu Küste durchqueren, ein ebenso angenehmes wie lehrreiches Sommervergnügen in den Vereinigten Staaten.

In Las Vegas sind wir in 1946 Meter Höhe über dem Meer. Gleich vor der Stadt entrollt der gelbgrau und rot schimmernde Boden wieder seine Unendlichkeit. Und doch ist dies scheinbar so öde Land „The Big Cattle Country“, das große Viehland. Bald wird das Gelände wieder bewegter, und wir fahren zwischen kleinen rotbraunen, oft von Büschen dunkelgrün gefleckten Hügeln dahin. Das Unwetter scheint uns zu folgen. Ein kleiner Regenschauer prasselt gegen die Fensterscheiben und Fliegengitter. In einiger Entfernung zur Rechten sind einige „Pueblos“ zu sehen, Dörfer, die vor 3000 Jahren von Azteken erbaut und jetzt von den Archäologen ausgegraben worden sind. Wir kommen durch eine „Lumber Region“, wo die Abholzung anscheinend recht planlos unter Gelbkiefern und Wacholder haust.

In 2262 Meter Höhe fahren wir über den Glorietapaß, eine Wasserscheide zweiter Ordnung mit dem Dörfchen gleichen Namens. Dann geht es bergab, dem Rio Grande zu. Die Geschwindigkeit nimmt zu; eine Motordräsine, die uns dicht auf den Fersen folgte, kann nicht mehr mit. Nachdem die Bahn 225 Kilometer eingleisig gewesen ist, wird sie wieder doppelgleisig, und wir begegnen einem Zug, dessen große eiserne Wagen mit Früchten gefüllt sind. Der Boden hat hier denselben roten Farbton, der für den Gran Cañon so charakteristisch ist. Wir durcheilen in engen Durchgängen gewundene rote Täler, die oft zwischen senkrechten Bergwänden eingeschlossen sind. Kalköfen ragen wie riesige weiße Bienenkörbe empor.

Bei dem kleinen Dorf Lamy zweigt nach rechts, nach Norden, eine Nebenbahn nach dem 40 Kilometer entfernten Santa Fé ab, der berühmten alten Stadt, die der Eisenbahngesellschaft ihren Namen gegeben hat. Leider mußte ich darauf verzichten, die Adobehütten, charakteristische spanische, aus ungebrannten Ziegeln errichtete Häuser, zu besichtigen, und mußte mich mit einem flüchtigen Blick begnügen. Der nächste Ort ist Los Cerrillos. Große Ziegenherden weiden auf der Prärie. Man sitzt den ganzen Tag und betrachtet die entfliehende Landschaft, man wird schläfrig und schlummert für eine Weile ein. An einem Pueblo erreichen wir den Rio Grande del Norte, dessen Tal wir nun folgen. Wir befinden uns jetzt in einem „Horsebreeding Country“, einem Pferdezuchtland, mit üppigem Grün, saftigem Wiesenland und parkartigem Wald. Um 3⁄46 Uhr sind wir in Albuquerque am linken oder Ostufer des Rio Grande.

Drittes Kapitel.

Durch Neumexiko und Arizona.

Es gehörte zu Clarksons Dienstgeschäften, in Albuquerque haltzumachen und das vor zwei Monaten fertiggewordene Hotel Harveys zu besichtigen. Diese Unterbrechung paßte mir vortrefflich, denn nach einer Bahnfahrt von 2000 Kilometer ist man etwas steif in den Beinen. Das Hotel, das in dem gewöhnlichen spanisch-mexikanischen Stil erbaut ist, hat nicht weniger als 750000 Dollar gekostet, während das Gasthaus El Tovar am Gran Cañon, das aus Holz ist, 250000 Dollar erfordert hat. Diese beiden sind die größten von Harveys fünfundzwanzig Hotels, deren östlichstes in Emporia liegt.

Vor dem Essen besuchten wir Harveys „Indian Shop“, der ein wahres Museum ist. Hier werden moderne von Indianern angefertigte Gegenstände verkauft, wie Körbe, irdene Gefäße, Puppen, silberne Ringe, Arm- und Halsbänder und mit Türkisen aus Arizona besetzte Dosen. In einem Schaukasten sind all die Arten von Halbedelsteinen ausgestellt, die im Staate Arizona vorkommen. In einem großen Raum breitete man auf dem Boden eine ganze Sammlung indianischer Teppiche aus in eigenartigen, originellen Mustern, in denen Blitz und Hakenkreuz eine große Rolle spielen, und man zeigte uns hübsche „Rugs“, ein Mittelding zwischen Schal und Mantel, in Rot und Gelb, die die Indianer vor ein, zwei Jahrhunderten getragen haben; die Sonne und die malerischen Wirkungen des Sonnenlichts haben sicher Farbe und Muster beeinflußt. Die einfach schwarzweißgestreiften sind seinerzeit von Häuptlingen getragen worden. Auch allerlei Gegenstände alter spanisch-mexikanischer kirchlicher Kunst stehen hier zum Verkauf, die teils aus Europa eingeführt, teils im Lande von spanischen Missionaren angefertigt worden sind, Heiligenbilder, Altargemälde, Kruzifixe, Bischofskreuze an silbernen Ketten, Kandelaber und anderes mehr. Auf dem Bahnsteig, wo die Reisenden während der Zeit des stundenlangen Aufenthalts, die nicht durch das Essen in Anspruch genommen ist, lustwandelten, saßen eine Reihe wirklich malerischer Indianerinnen vom Navahostamm in bunten Gewändern mit roten Kopftüchern und Schals, geschmückt mit baumelnden silbernen Schmucksachen; sie verkauften Tonwaren, irdene Gefäße und andern Kram. Ich hätte am liebsten hierbleiben mögen, um zu zeichnen und zu malen, doch meine Zeit gestattete es nicht.

Albuquerque ist nach dem berühmten Konquistador Alfonso d’Albuquerque benannt, der um 1540 die Gegend verheerte und plünderte. Es ist eine recht langweilige, alles andere als schöne Stadt. Aber in der Umgebung soll es bemerkenswerte Überreste aus früheren Zeiten geben. Die Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Indianern und Ansiedlern.

Nachdem ich in einem entzückenden, kühlen Hotelzimmer mit den unentbehrlichen feinen Drahtgittern vor den Fenstern eine angenehme Nacht verbracht und mich richtig ausgeruht hatte, nahmen wir ein „Yellow Taxy“ und fuhren in fünfunddreißig Minuten nach Isleta. Der 13 Kilometer lange Weg ist zementiert, ein Luxus, der hier auf etwa zehn Dollar für das Meter zu stehen kommt. Den Rio Grande del Norte überquert man auf einer schmalen eisernen Brücke mit hölzerner Fahrbahn. Der Fluß ist gewaltig, aber seicht, wie dies hier im Westen oft der Fall ist; sein Wasser ist dick wie Erbsenbrei.

Isleta ist in den letzten Jahren ansehnlich gewachsen und soll eine Bevölkerung von 25000 Menschen haben. Die meisten sind Mexikaner. Die Häuser sind im Adobestil erbaut, d.❁h. aus ungebrannten Lehmziegeln. Die ansässigen Indianer, die Puebloindianer, sind katholisch. Mehrere vornehme Indianer liegen unter den Steinplatten der mit billigen Farbendrucken geschmückten, dreihundert Jahre alten Kirche begraben, einer der ältesten in dieser Gegend. Der Pater, ein Franzose, der dreißig Jahre an diesem schrecklichen Ort zugebracht hat, war nicht zu Hause.

Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern. Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta, dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen, besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber; auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben zufrieden.

Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten: die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit. In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt, auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat.

Um 1⁄29 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen, und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar 15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen, den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean durchzieht.

Man wird von dem Neger geweckt und ist rechtzeitig zum Frühstück in Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste, indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde, Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger.

Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund.

Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen. Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen. Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat. In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem Sonnentempel.

Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar, aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter, die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben.

Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön, aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell und hier wenn irgendwo am Platze sind.

Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform. Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber, der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck, denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem Rande steht.

Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon gebracht.

Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische Schönheit.

Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber. Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht.

Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich. Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken.

El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein, davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75, die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1 oder 11⁄2 Dollar kosten.

Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J. Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom Gran Cañon heim.

Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine Verpflegung auf den Ausflügen.

Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen.

Viertes Kapitel.

Der erste Eindruck.

Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“, dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10 Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point. Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von 1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.

Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.]

Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben, wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des Cañons wird davon nicht berührt.

Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“ genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab, und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden, und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch befinden mag.

Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des Colorado.

Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen, ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang, dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.

Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend, ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand, Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs haben.

Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen, braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand. Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor. Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado 1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.

Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren. Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter. So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages -- wenn Stürme, Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen. Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „~Is that all?~“ (Ist das alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „~Is’nt it cute?~“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief: „~What a hell of a gash!~“ (Was für eine verteufelte Schramme!) Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „~What happened?~“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen, Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten.

Nordwesten.

Die Abendschatten nehmen zu.]

Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern. Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“ von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben.

Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner. Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten. Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen Schatten verdecken.

Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32 Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die ebensoweit im Nordwesten liegen.

Ehe ich fortfahre, den malerischen Eindruck dieser großartigen Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d.❁h. in der Richtung, in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „~Story of the Grand Canyon of Arizona~“ gegeben hat.

Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden, sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen, der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300 Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die darunterliegenden Schichten -- mit Ausnahme derer, die von der „großen Denudation“ hinweggespült worden sind -- bis zum Urgestein, zum Granit, hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert.

Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen, daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die „Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen Lehmhütten.

Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir sehen ihn, so weit er reicht, d.❁h. bis zu dem Punkt, wo der Granit verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist.

Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon, zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der 330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und schließlich der dunkle Granit.

Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und in der Taltiefe sichtbar sind.

Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple. Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon.

Nordwesten.]

Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek, den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein!

Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen.

So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden, nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150 Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen, Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf.

Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple, gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein (210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation, teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins (150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab.

Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels, somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm.

16° West.

Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.]

Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung entgegenzugehen.

Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d.❁h. den Gran Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen haben.

Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht. Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten, Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in den folgenden Tagen besuchen wollte.

Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang, der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa 120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es stärker hören!

Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein, denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat man noch 21⁄2 Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei noch 366 Meter tief.

Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter. Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt, die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars, des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt.

Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor, sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich, wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch, zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen, der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland zwischen Tibet und China.

Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne, in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend.

Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht, schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79): „Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger Himalajagipfel. -- In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“

Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen, hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben, die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.

Cañon.]

Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten, befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte, Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago. Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre 1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.

Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle und ihrem Frieden.

Fünftes Kapitel.

Die Aussicht von Grand View.

Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen Gebiets.

Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist 24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 21⁄2 Kilometer nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und ähnliche.

Ganz rechts der Turm der Cathedral Spire.]

Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute, wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte. Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock, der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren.

Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber, unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13 Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten, rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen. Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen, die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum, der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern.

Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt. Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven; auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des Randes senkrecht abfallen.

Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude, von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps, im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon, ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man auf der Westseite die Basalt Cliffs.

Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen Asbestos Canyon trägt.

Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen, liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“, eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein.

Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht, erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden.

Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel, ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen.

Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap, Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt -- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen.

Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt, ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus.

Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein; dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“, Angel Gate, tragen.

Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek. Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt.

Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte, im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab, Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne alle irdischen oder himmlischen Namen.❁--

Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge, die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten, erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge südlich des Flusses.

Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht, neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot, dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre Herrschaft über Arizona an.

Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben. Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270 Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon 85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen.

Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen entrollt.

Sechstes Kapitel.

Nach Hermit Cabins.

Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um 1⁄210 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer, dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 31⁄2 Stunden im Sattel erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein, roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein, und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen.

Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt, und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute beim geringsten Anlaß.

Die Sonne steht im Westen.]

Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 111⁄4 Uhr, die Temperatur war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten, der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der Coconinoformation eingetreten.

Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur Tiefe des Hermit Basin hinabgeht.

Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den „Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die jetzt zur Linken zu sehen ist.

Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen.

Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult; mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins betreten.

Um 121⁄4 Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck, Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können.

Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes, während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt, daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift, wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete Kulisse vom Hermit Creek.

Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen, um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen. Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten.

Um 1⁄22 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird.

Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter.

Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar. Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad, der zu ihnen hinabführt.

Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen.

Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß.

Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel.

Wir waren also während des 31⁄2 Stunden langen Rittes 1097 Meter tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem Meeresspiegel.

Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt.

Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab, war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder.

Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner, Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert hat.

Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar hinaufgeschickt.

Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten, „Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die Sonne untergeht.

Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu machen.

Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden. Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit hier die Nacht verbringt.

Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um 1⁄24 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr), unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie beschnupperte, wollten sie beißen.

Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir, die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten, jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes, dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht, aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der „Kathedralstufen“.

Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist.

Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen.

Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku, „Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 31⁄2 Stunden hinabgeritten waren, hatten sie in 11⁄2 Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte, die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten, da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen, und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an.

Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne, die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250 Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch 20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem Schauspiel, dem wir beiwohnten.

aufwärts.]

Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell, daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte. Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften.

Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler, wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt; daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat.

Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut, abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut, aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet.

Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“ singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der „Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend waren.

Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen, verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen, er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre.

Südsüdwesten.]

Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand.

Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand, Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht. Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen, ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor, werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum.

Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und Zeitvertreib.“

Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen.

Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien. Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“

Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“, den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich.

Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken; wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel. Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte.

Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur Arbeit untauglich sind.

abwärts.]

Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17. Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags 25,5, um 1⁄23 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus Seattle mit zwei Damen an.

Siebentes Kapitel.

Der Rio Colorado.

Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge, gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um 1⁄21 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist. Auf der ganzen, 21⁄2 Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab, also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei.

Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte.

Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte, hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens, der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch, wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat.

Die Mauer der Palisaden mit Comanche Point in der Mitte; links im Schatten Marble Cañon und der Colorado; auf der Höhe der Palisaden rechts die Bunte Wüste.]

Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen, steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom Südrand vorspringt.

Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen, ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem, schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das das Tal erfüllt.

Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3 Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln der Stromschnellen verschwanden sie spurlos.

Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte. Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte, fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den größten Spaß daran hatte, Rock oder ich.

Um 1⁄26 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen, Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten, ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur 10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist Lehrerinnen und Kinderfräulein.

Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern.

Tempel in Nord 12° West.]

Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32 Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen, Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen.

Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt war sie auf 26 gefallen.

Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte, ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein einziger Unglücksfall vorgekommen.

Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest, errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und Vergnügungsreisender aller Art war.

Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz, die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in einem aufgeregten Meer.

Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann.

Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon.

Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen, sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen, um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt. Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen, ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen, wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich.

60° Ost.

Rechts Yavapai Point.]

So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen. Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2 Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur herrscht.

Achtes Kapitel.

Navaho Point.

Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1]) entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging.

Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden, jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren nicht gestört.

Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen.

Ostnordosten.]

Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen,

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