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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1910 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.Alte und ungewönliche Schreibweisen (z.B. Lybien für Libyen, oder gat für geht) werden in dieser Bearbeitung beibehalten, sofern der Sinn des Textes erkennbar bleibt.

Regieanweisungen werden im Original in kleinerer Schrift dargestellt, mit Ausnahme von Personennamen, die in Normalgröße gedruckt wurden. Die Unterschiede in den Schriftgrößen wurden in der Textversion nicht wiedergegeben, weil diese Darstellung für das Textverständnis nicht bedeutend ist.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Aristophanes

Die Vögel

Eine Komödie / in deutsche Reime gebracht von Dr. Owlglaß Jena 1910 Verlegt bei Eugen Diederichs

Titelholzschnitt von F. H. Ehmcke / Von diesem Buche wurden zwanzig Abzüge auf Büttenpapier hergestellt / in Pergament gebunden und handschriftlich numeriert /

Frau Marianne Sieck

zu eigen

Personen

Ratefreund } zwei Athener Hoffegut } Der Wiedehopf Der Zaunschlüpfer, sein Diener Der Führer des Vogelchors Die Nachtigall Ein Priester Ein Bettelpoet Ein Wahrsager Meton, ein Geometer und Astronom Ein Zöllner Ein Händler mit Volksversammlungsbeschlüssen Ein Vaterschläger Kinesias, ein Dithyrambendichter Ein Sykophant Iris, die Götterbotin Prometheus Herakles Poseidon Ein Barbarengott Basileia Chor der Vögel Einzelne Vögel (Flamingo, Hahn, zweiter Wiedehopf, Pelikan), Boten, Herolde, Sklaven

Die Szene stellt eine wilde, mit Buschwerk bestandene Berggegend dar; hier und dort eine zerzauste Föhre.

Erster Akt

Erste Szene

Hoffegut, eine Dohle auf der Hand, und Ratefreund, mit einer Krähe, kommen mühsam über die Felsen geklettert. Beide tragen Bratspieße geschultert, an denen etliche Töpfe und Krüge baumeln.

+Hoffegut+ (zur Dohle):

Gradaus meinst du, dem Baum dort zu?

+Ratefreund+ (zur Krähe):

Daß du zerplatztest, Mistvieh du! ... +Die+ krächzt zurück!

+Hoffegut+:

Übel beraten Spulen wir ab des Weges Faden. Die Berge auf, die Berge ab Irrlichtelieren wir ins Grab.

+Ratefreund+:

Ich Narr! Ließ mich von der Krähe fangen! Bin tausend Meilen umgegangen!

+Hoffegut+:

Ich Ärmster! Folgte dem Dohlenschrei Und stieß mir die Zehennägel entzwei!

+Ratefreund+:

Wo sind wir bloß in aller Welt?

+Hoffegut+:

Du fändest nimmer heimwärts, gelt?

(Stößt an einen Stein)

O wehe!

+Ratefreund+:

Ist just ein Weg für +deine+ Zehe!

+Hoffegut+:

Uns hat der Vogler bös genarrt, Der gallengelbe Widerwart. +Die+ sollten uns zu Tereus weisen, Zum Vogel Wiedehopf? .. Ja .. Meisen! Ein’ Batzen galt die Dohle, drei Galt deine Krey —, Und was verstehn sie? Zuzubeißen!

(zur Dohle)

Du schnappst? Was soll das wieder heißen? Willst uns den Fels hinunterschmeißen? Das wär’ fürwahr ein sondrer Weg!

+Ratefreund+:

Beim Zeus, ich seh’ nicht Pfad noch Steg.

+Hoffegut+:

Und deine Krähe? Weiß +sie+ Kunde?

+Ratefreund+:

Krächzt anders als vor einer Stunde.

+Hoffegut+:

Was meint sie zu dem Weg?

+Ratefreund+: Sie sagt, Daß sie die Finger mir abe hackt.

+Hoffegut+:

’s ist arg: wir, die zum Kucker wöllen, Wir wohlbesohlte Wanderg’sellen, Wir müssen itzt den Weg verfehlen!

(gegen die Zuschauer)

O teilnahmsvolles Publikum, Uns treibt ein ander Übel um Als den, der an der Stadtsucht leid’t Und seinem Dorf entrinnen möchte; Wir sind aus noblem Stadtgeschlechte, Sind gute Städter, echte, rechte, Und doch, von keiner Faust bedräut, Aus unsrer Stadt in weitem Bogen Mit gleichen Füßen ’rausgeflogen.

Ihr meint, weil wir sie haßten? Nein. Groß ist sie von Natur und fein, Und offen stehen ihre Türen All denen, die ums Geldverlieren Prozesse führen. Ein’n Monat oder zwei im Jahr Gilft in den Büschen die Grillenschar. Aber vor Gericht der Athener Sang Dauert das ganze Leben lang. Drum sind wir hier mit Sack und Pack, Suchen einen Ort nach unsrem Schmack, Wo nit Rechtstreit’ und Händel brennen, Wo wir im Frieden hausen können.

Zum Wiedehopf führt unser Pfad, Ob er die so beschaff’ne Stadt Vielleicht im Flug eräuget hat.

+Ratefreund+:

Du!

+Hoffegut+:

Nun, was gibt’s?

+Ratefreund+:

Die Krähe weist Nach oben.

+Hoffegut+:

Auch die Dohle beißt Grimmig nach oben, will mir was künden. Mich dunkt, da müssen sich Vögel finden. .. Ein bissel Lärm wird’s gleich ergründen.

+Ratefreund+ (scherzend):

Schlag das Bein Ans Gestein, Gleich so fallen die Vögel ein.

+Hoffegut+:

Und du den +Kopf+, ’s wird lauter sein!

+Ratefreund+:

Ich nähm’ doch lieber einen Stein!

+Hoffegut+:

Gut, wenn du meinst.

(klopft mit einem Stein an eine Felswand)

He, Wirtschaft! Ho!

+Ratefreund+:

Ei was — nit so! Wirtschaft statt +Wiedhopf+! ~Qui pro quo!~

+Hoffegut+:

He, Wiedehopf! (lauscht) Kein Laut ... Meinst, daß ich nochmals klopf’? (tut’s) He, Wiedehopf!

Zweite Szene

Zaunschlüpfer, Hoffegut, Ratefreund

+Zaunschlüpfer+

(fährt mit weit offenem Schnabel aus einem Busch):

Wer seid ihr? Wer ruft meinem Herrn?

Hoffegut prallt entsetzt zurück; Ratefreund fällt rücklings zu Boden und bleibt liegen bis zum Abgang des Zaunschlüpfers; Krähe und Dohle entflattern.

+Hoffegut+:

Hilf Himmel! Welch ein Schnabelsperrn!

+Zaunschlüpfer+ (nicht minder erschrocken):

O weh, o weh! Zwei Vogelfänger!

+Hoffegut+:

Bist mir ein schöner Gastempfänger!

+Zaunschlüpfer+:

Daß ihr verdürbet!

+Hoffegut+:

Laß doch, laß! Wir sind ja keine +Menschen+!

+Zaunschlüpfer+:

Was?

+Hoffegut+:

Ich bin das Vöglein Fürchtefist Aus Lybien.

+Zaunschlüpfer+:

Wenn ich’s glauben müßt’!

+Hoffegut+ (hinter sich weisend):

So guck’, was mir entfallen ist!

+Zaunschlüpfer+:

Wie wird dein Kamerad genannt?

+Ratefreund+ (stotternd):

Ka .. Kackrich aus Fasanenland.

+Hoffegut+:

Und +du+? Was bist +du+ für ein Vieh?

+Zaunschlüpfer+:

Ein Vogelknechtlein bin ich.

+Hoffegut+:

Wie?

+Zaunschlüpfer+:

Mein Herr, da er zum Wiedhopf ward, Wollt’ einen Diener gleicher Art, Heischt’, daß ich ein Vöglein werden möchte.

+Hoffegut+:

Ja braucht denn auch ein Vogel Knechte?

+Zaunschlüpfer+:

+Der+ schon, weil er einst Mensch gewesen. Bald will der Herr Sardellen essen: Da schlupf’ ich mit der Schüssel fort; Bald Brei, und hat nicht Topf noch Löffel: Gleich schlupf’ ich hin zum Löffelbord.

+Hoffegut+ (gegen die Zuschauer):

Heißt Zaunschlupf drum, der gute Töffel! .. He, weißt’ was? ruf’ uns deinen Herrn!

+Zaunschlüpfer+:

Das tu ich, meiner Treu, nit gern. Hat eben Myrten und Mucken verzehrt, Ärgert sich, wenn man sein Schläfchen stört.

+Hoffegut+:

Ach was ... geh, weck’ ihn!

+Zaunschlüpfer+:

Euch zuliebe. Aber mir schwant, für mich setzt’s Hiebe.

(schlüpft in den Busch zurück)

Dritte Szene

Ratefreund, Hoffegut

+Ratefreund+ (langsam sich aufrichtend und dem Zaunschlüpfer nachdrohend):

Verreck! .. Hab’ mich zu Tod erschrocken!

+Hoffegut+:

Mir ist die Dohl’ vor Angst verflogen. Ich Unglückselger!

+Ratefreund+:

Feigstes Tier! Weil du dich forchtest, entkam sie dir.

+Hoffegut+:

Soso .. Und als du fielst, mein Sohn, Ließest du nicht die Krähe davon?

+Ratefreund+:

Ich nicht.

+Hoffegut+:

Wo ist sie?

+Ratefreund+:

+Selbst+ entflohn!

+Hoffegut+:

+Du+ ließest sie nicht? ... Du Mordspatron!

Vierte Szene

Wiedehopf, Hoffegut, Ratefreund

+Wiedehopf+ (hinter der Szene):

Tu auf den Wald, ich will hinaus!

(Ein Busch öffnet sich; der Wiedehopf, eben in der Mauser, kommt zum Vorschein)

+Hoffegut+ (den Ratefreund anstoßend):

O Herakles! Was für ein Augenschmaus! Sieh bloß das Gefieder! Den dreifachen Busch!

+Wiedehopf+:

Wer sucht mich da?

+Hoffegut+ (halb für sich, mit entsprechender Geste):

Es scheint, dich wusch Die Hand der zwölf Götter ...

+Wiedehopf+:

Ihr spottet mein? Und meines Gefieders? ... Fremdlinge, wißt: Ich war ein Mensch.

+Hoffegut+:

Wir lachen nit +dein+ ..

+Ratefreund+:

Bloß weil du so lächrig +geschnäbelt+ bist.

+Wiedehopf+:

Derart als Tereus ausstaffiert Hat Sophokles mich verschimpfiert.

+Hoffegut+:

Wie? Tereus bist du? Ein Vogel? .. Ein Wunder?

+Wiedehopf+:

Ein Vogel.

+Hoffegut+:

Wo sind deine Federn jetzunder?

+Wiedehopf+:

Sind ausgegangen.

+Hoffegut+:

Bist krank gewesen?

+Wiedehopf+:

Nein. Winters han wir Federlesen. Da mausern wir all und kriegen sie neu. ... Aber was seid denn ihr für zwei?

+Hoffegut+:

Wir? Sterbliche.

+Wiedehopf+:

Und wo stammt ihr her?

+Hoffegut+:

Wo die schönen Schiffe sich wiegen im Meer.

+Wiedehopf+:

Ihr seid .. Geschworne?

+Hoffegut+:

Nein. Im Zorn Han wir der Sippe abgeschwor’n.

+Wiedehopf+:

Sät man dort mehr von solchem Korn?

+Hoffegut+:

Auf abgelegnen Ackergründen Magst du vielleicht noch etlichs finden.

+Wiedehopf+:

Was ist der Reise Zweck und Drum?

+Hoffegut+:

Dir zu begegnen.

+Wiedehopf+:

Und warum?

+Hoffegut+:

Du warst ein Mensch wie wir — einmal Und machtest Schulden wie wir — einmal Und zahltest nicht gern wie wir — einmal. Hernach bist du ein Vöglein worden, Flogst kreisend über Land und Meer, Und was der Menschen und Vögel Begehr, Das bist du alles inne worden. Drum sind wir zwei zu dir gereist, Ob du wohl eine Stätte weißt, Wo wir uns wollig betten könnten.

+Wiedehopf+:

Noch größer als Athenens Stadt?

+Hoffegut+:

Nein, aber linder aller Enden.

+Wiedehopf+:

So bist du ein Aristokrat?

+Hoffegut+:

Das wäre just mein Gusto nicht.

+Wiedehopf+:

Worauf ist euer Sinn gericht’t?

+Hoffegut+:

Da wünscht’ ich mir als schlimmste Sorgen: Ein Freund besuchte mich am Morgen Und spräche: „He, beim Zeus, geschwind Komm du zu mir mit Kegel und Kind, — Das heißt, wenn sie gewaschen sind! Ein Festmahl dampft mir in der Küchen. .. Nein, Freund, hier wird nicht ausgewichen! +Sonst+ magst mir gerne draußen bleiben, Wenn’s gilt, die Sorgen zu vertreiben!“

+Wiedehopf+:

Du liebst die Mühsal, meiner Treu!

(zu Ratefreund):

Und du?

+Ratefreund+:

Da bin ich auch dabei. ’s müßt Einer auf mich losspazieren, Der einen knuspern Knaben hat, Und tiefgekränkt mich inquirieren: „Grad kam mein Söhnlein aus dem Bad, Vom Turnplatz her. Warum, du Tropf, Nahmst du ihn nicht verliebt beim Schopf? Warum hast ihm nicht angepfiffen, Ihn abgeküßt und ausgegriffen? Und willst mein Freund von langher sein!“

+Wiedehopf+:

Das sind mir saubre Träumerein! Doch wüßt’ ich euch am roten Meer Solch gnadenreiche Stadt ..

+Hoffegut+:

Nein nein, Bloß nicht am Meer! Auf einmal schwimmt ein Schiff daher, Setzt einen Büttel an den Strand .. Nein .. weißt du nichts im +griechischen+ Land?

+Wiedehopf+:

Könntet ja zu den Leprosen entschweben.

+Hoffegut+:

Sind mir ein Greuel und ein Graus! .. Aber wie sieht’s bei euch Vögeln aus? +Du+ mußt’s ja wissen.

+Wiedehopf+:

Kein ungut Leben! Man braucht kein Geld nicht auszugeben ..

+Hoffegut+:

So sparst dir Trug und Schwindel viel.

+Wiedehopf+:

Wir treiben in Gärten unser Spiel, Weiden in Mohn und Sesam und Myrtenzweigen ..

+Hoffegut+:

Fürwahr: ein ewiger Hochzeitsreigen!

+Ratefreund+ (aus tiefster Versonnenheit heraus):

O, oho! Mir weist mein Geist ein’n hohen Plan Und Regiment der Vögel an ... Aber ihr müßt euch folgsam zeigen!

+Wiedehopf+:

Worin?

+Ratefreund+:

Worin? Fürs erste flattert Nicht offnen Schnabels weit herum, Weil ihr so keinen Respekt ergattert. Sieht man bei uns solch flüchtig Treiben, Gleich spricht das liebe Publikum: „Ein leichter Vogel! Ein loser Fink! Ein Unverlaß! Luftibus! Flitzeflink!“

+Wiedehopf+:

Tätst uns nicht eben falsch beschreiben .. Aber wie wenden wir das Blatt?

+Ratefreund+:

Erbaut selbander +eine+ Stadt.

+Wiedehopf+:

Was wir für eine bauen kunnten?!

+Ratefreund+:

Sei bloß kein Tor! .. Komm, schau nach unten!

+Wiedehopf+:

Ich schau’.

+Ratefreund+:

Nach +oben+ ebenfalls!

+Wiedehopf+:

Ich schau’.

+Ratefreund+:

Und nun dreh’ flugs den Hals!

+Wiedehopf+:

Was nutzt’s, wenn ich ihn mir verrenke?

+Ratefreund+:

Siehst was?

+Wiedehopf+:

Nur Himmel und Wolkenbänke.

+Ratefreund+:

Ist’s nicht fürwahr der Vögel +Statt+?

+Wiedehopf+:

+Statt?+ Ei, wieso?

+Ratefreund+: Kannst auch +Stätte+ sagen. Man nennt sie so, weil früh und spat Alles hier seinen Durchgang hat Und also wohl +von Statten+ gat .. Ihr müßt bloß bauen und Schanzen schlagen, So wird die +Stätte+ — eine +Stadt+. Die Menschen habt ihr dann am Kragen, Als wären’s Grillen im Felde draus, Und hungert die himmlischen Götter aus.

+Wiedehopf+:

Wie?

+Ratefreund+:

Zwischen Himmel und Erdental Breitet sich doch die Luft zumal. Wie uns, wenn wir nach Delphi wollen, Die Böotier den Durchgang verzollen, So sollt ihr, bringen am Altar Die Menschen Götteropfer dar, Der fetten Dünste Aufstieg versperren, Wenn sie euch nicht zollen, die himmlischen Herren!

+Wiedehopf+ (jubelnd):

Hui, Juchhu! Potz Schlingen, Netz und Garn und Erd’, Hab’ nie einen feineren Plan gehört! Möcht’ wohl mit dir die Stadt erbauen, .. Wenn dem die andern Vögel nicht mißtrauen!

+Ratefreund+:

Wer soll ihnen aber den Handel klären?

+Wiedehopf+:

+Du.+ .. Ich tät sie die Sprache lehren. Eh’ daß ich zu ihnen kommen war, Krähten sie gleich Barbaren gar.

+Ratefreund+:

Wie wirst du sie zur Stelle bringen?

+Wiedehopf+:

Ganz leicht .. Ich wecke mein Gemahl, Tief drin im Busch die Nachtigall: Wir wollen sie zusammensingen. Hören sie unsrer Stimmen Schall, Wern sie sich alle hierher schwingen.

+Ratefreund+:

Du liebstes Vöglein! Flugs! Huschhusch! Und weck’ die Nachtigall im Busch!

(Wiedehopf ab.)

Fünfte Szene

Wiedehopf (hinter der Szene), Hoffegut, Ratefreund

+Wiedehopf+ (singt):

Erwache, Freundin! Auf, wach’ auf! Stimm’ an hochheiliger Lieder Sang! Laß deiner Kehle freien Lauf Und heiß’ die süße weinen, Aus dunkler Brust, schmetternd und bang, Um meinen Sohn und deinen! Klar dringt der Klage Widerhall Durch schwarzer Eiben Düsterkeiten Hinauf bis in den Göttersaal. Da lauscht Apoll und rührt die Saiten, Harfner und Reigenführer zumal. Und die Unsterblichen begleiten In seligen Chören deine Qual.

(Flötenmusik hinter der Szene)

+Hoffegut+:

Beim Zeus! Wie süß das Vöglein ruft! Umspinnt den Busch mit Honigduft!

+Ratefreund+:

Du!

+Hoffegut+:

Nun?

+Ratefreund+:

Schweig’ doch!

+Hoffegut+:

Was ist denn bloß?

+Ratefreund+:

Der Wiedehopf legt schon wieder los.

+Wiedehopf+ (immer noch im Busch, singt, von der Nachtigall begleitet):

Epopopopopopopoi! Io, Io, Ito, Ahoi! Herbei, Mitvögel ihr, Genossen, Die ihr auf weiten Feldern haust, Wo reich die Sommerhalme sprossen! Ihr tausend Stämme Gerstenbrocker Und, die ihr durch die Lüfte saust, Ihr Scharen kleiner Furchenhocker, Die zwitschernd ihr das Korn zermürbt Und sangesfroh Die braune Scholle zart umzirpt! Tjo, Tjo, Tjo, Tjo! Ihr all’, die ihr in Gärten wohnet Und im Gerank des Efeus thronet, Bergläufer ihr und Ölbaumschröpfer Und Erdbeerköpfer: Euch ruft mein Mund! Flugs! Flix! Trioto, Trioto, Totobrix! Ihr Muckenschnapper im feuchten Grund Und alle, die auf tauigen Wiesen Sich gütlich tun, Wo Marathons Gefilde sprießen, Und du, mein Vöglein Haselhuhn, So flügelbunt! Ihr, die ihr über Meereswogen In Schwärmen froh dahingezogen Mit Sturmeisvögeln, all hieher! Ich will euch künden neuste Mär! Langhalsige Vögel, all hieher!

Es kam ein Greis in unsre Berge, Scharfsinnig und gedankenschwer, Ein Unternehmer neuer Werke. Hieher, hieher, hieher, hieher! Toroto, toroto, toroto, torotix! Kikkabau! Kikkabau! Torotorotorotorolililix!

+Hoffegut+:

Siehst einen Vogel?

+Ratefreund+:

Nein, Kotz Knauf! Und sperr’ das Maul gen Himmel auf!

+Hoffegut+:

Tät der im Busch mit seiner Stimmen Umsonst den Regenpfeifer mimen?

Sechste Szene

Ratefreund, Hoffegut, Wiedehopf, Flamingo, Hahn, Zweiter Wiedehopf, Pelikan, Chor der Vögel, Chorführer.

+Flamingo+ (hereineilend):

Torotix! Torotix!

+Ratefreund+:

Sieh’ her! Da stelzt was ... buckelt ... knicks!

+Hoffegut+:

Wahrhaftig, ja. Was ist’s? Ein Pfau?

+Ratefreund+ (auf den wieder heraustretenden Wiedehopf deutend):

Der Wiedehopf sagt’s uns genau.

+Wiedehopf+:

’s ist keiner von der gewöhnlichen Sorte, Bewohnt die Sümpf’ und feuchten Orte.

+Hoffegut+:

Wie ist er schön und rot als Flammen!

+Wiedehopf+:

Flamingo heißt er drum mit Namen.

(Ein Hahn rennt herein und kräht)

+Hoffegut+:

He, du!

+Ratefreund+:

Was brüllst?

+Hoffegut+:

Da ist noch ein andrer!

+Ratefreund+:

Beim Zeus! Nit minder unbekannt! Wie ist der Sangprophet genannt, Der seltsam stolze Bergbewandrer?

+Wiedehopf+:

Ein Hahn ist’s aus dem Mederland.

+Ratefreund+:

O Herakles! Ein Meder der? Wie flog er ohne Kamel daher?

(Ein dritter Vogel, auch ein Wiedehopf, tritt auf)

+Hoffegut+:

Schon wieder einer mit buschigem Kopf!

+Ratefreund+:

Wie? was? Ein zweiter Wiedehopf? Ja gibt’s denn ihrer mehr?

+Wiedehopf+:

Gewiß! Mein Enkel.

+Ratefreund+:

Wie er die Federn ließ!

+Wiedehopf+:

Was bei Gericht man nicht gerupft, Han ihm die Weiber ausgezupft.

(Ein Pelikan kommt hereingewatschelt)

+Ratefreund+:

Und dieser hier, der bunte Gauch, Wer ist es denn?

+Wiedehopf+:

Heißt Schlag/in/Bauch.

+Ratefreund+:

So gibt’s bei euch die Sorte auch? ... Aber wozu die grimmen Büsche Und Federwische?

+Wiedehopf+:

Wer Prügel meidet und Gefahr, Der duckt sich hintern Busch; nicht wahr?

(Es erscheinen gleichzeitig Schwärme von Vögeln)

+Ratefreund+:

Poseidon, hilf uns! Welch Getümmel Zieht als ein Wetter auf am Himmel!

+Hoffegut+:

Wie Wolken senkt es sich geschwind! O weh! Vor Flattern werd’ ich blind!

+Ratefreund+:

Ein Rebhuhn, sieh, ein Haselhähnchen, Ein Enterich, ein Goldfasänchen ... Und da ist eine Eule zu sehn!

+Hoffegut+:

Wer trägt denn Eulen nach Athen!

+Ratefreund+:

Und Häher, Taube, Stiegelitz, Weih, Sperber, Blutfink, Emmeritz, Turmfalke, Kuckuck, Taucher, Star, Schopflerche, Habicht, Specht und Aar!

+Hoffegut+:

Jejeh! Die Vögel, die Drosseln hie! Wie piepsen und zwitschern und kreischen sie! Ist ein Gewusel und Gelauf! Weh! sie sperren die Schnäbel auf! Drohen und äugen zu dir, zu mir!

+Ratefreund+:

Auch mir kommt’s nit geheuer für.

(Beide drücken sich in einen Busch)

+Chor der Vögel+ (aufgeregt umhertrippelnd):

Wo/wo/wo/wo/wo/wo/wo ist, Der uns zu rufen sich vermißt?

+Wiedehopf+:

Hier wart’ ich lang schon, treu den Magen.

+Chor der Vögel+:

Wie? Wie? Wie? Was weißt du zu sagen?

+Wiedehopf+:

Ein sicher Wort, süß und gerecht, Das einem Jeden Nutzen brächt’ ... Zwei Männer kamen her, zwei Weise ...

+Chor der Vögel+ (erschrocken):

Wie? Wo? Was sagst?

+Wiedehopf+:

Zwei kluge Greise, Zwei Menschen, rückten bei uns an Mit eines Riesenwerkes Plan.

+Chorführer+ (entrüstet):

Waaas? .. O du schlimmster Widerpart, Seitdem ich aufgepäppelt ward!

+Wiedehopf+:

Bloß keine Angst!

+Chorführer+:

Was wirst mir tun?

+Wiedehopf+:

Ei nun: Zwei Männer hab’ ich aufgenommen. Wollten in unsre Gemeinschaft kommen.

+Chorführer+:

Das tatest du?

+Wiedehopf+:

Und freue mich.

+Chorführer+ (um sich blickend):

Sind gar schon hie?

+Wiedehopf+:

So gut wie ich.

+Chor+ (jammernd):

Weh uns! Verraten! Ein Frevel unerhört! Der einst als Freund mit uns die Saaten Draußen im weiten Land verzehrt, Hat alte, gute Sitten, Er hat den Eid der Vögel überschritten! Hat uns in eine Falle geladen, Dem frevelnden Geschlecht verraten, Das wider uns, seitdem es lebt, Nur Feindschaft webt!

+Chorführer+ (drohend gegen den Wiedehopf):

Mit dir Wird es sich später schon noch weisen! Aber die Alten müssen wir Alsbald nach Recht und Billigkeit zerreißen!

+Ratefreund+ (hinterm Busch):

Aus ist’s!

+Hoffegut+:

Das hast du eingerührt! Warum hast mich hieher geführt?

+Ratefreund+:

Ich wollt’ da .. nit alleinig weilen.

+Hoffegut+:

Und ich sollt’ bittre Tränen heulen!

+Ratefreund+:

Wie willst du weinen, dummer Wicht, Wenn’s an den +Augen+ dir gebricht?!

+Chor der Vögel+:

Auf, auf! Herzu! Herbei! Heran! Greift mörderisch die beiden an! Im Schweben Schlaget die Schwingen, umzingelt sie rund, Sie sollen laut aufjammern und Dem Schnabel Beute geben! Da schirmt kein Hügel schattenschwer, Kein himmlischer Nebel, kein graues Meer Der beiden Flüchtigen Leben!

+Chorführer+:

Zaudert nicht, rupft und hackt! He, Waibel, rechtseits angepackt!

+Hoffegut+ (hin- und hertäppelnd):

Da haben wir’s! Wo renn’ ich hin?

+Ratefreund+:

So bleib’ doch!

+Hoffegut+:

Daß mich +die+ da schinden?

+Ratefreund+:

Wie denkst du ihnen zu entfliehn?

+Hoffegut+:

Weiß nit.

+Ratefreund+:

Paß auf, ich will dir’s künden: Wir müssen bleiben! Müssen uns mit den Töpfen wehren!

+Hoffegut+:

+Die+ wern sich grad um +Töpfe+ scheren!

+Ratefreund+:

Die +Eule+ kannst damit vertreiben.

+Hoffegut+:

Aber der Krallenkrummen Hauf?

+Ratefreund+:

Pflanz’ deinen Bratspieß vor dir auf!

+Hoffegut+:

Und vor die Augen halt’ ich was?

+Ratefreund+:

Da nimm als Schild den Krug mit Essig.

+Hoffegut+:

Wie weise, schlau und feldherrnmäßig! Du übertriffst den Nikias!

+Chorführer+:

Drauf! Schnabel vor! Rupft ohne Zauderei! Schlagt zu! Haut erst den Feuertopf entzwei!

(Die Vögel rücken vor)

+Wiedehopf+ (beschwichtigend dazwischentretend):

Was soll das? Seid ihr bei Verstande? Wollt wider diese Männer an? Haben euch nichts zuleid getan, Sind meiner Frauen Anverwandte!

+Chorführer+:

Soll’n wir sie eh’r denn Wölfe schonen? Sag’, wo uns +schlimmre+ Feinde wohnen?

+Wiedehopf+:

Im +Herzen+ Freund — wenn auch vom +Feindesstamm+ — Wollen sie uns was Nützes schenken ...

+Chorführer+:

Das Nütze kann ich mir ja denken! Waren doch schon den Ahnen gram!

+Wiedehopf+ (eindringlich):

Auch von den Feinden lernt der Weise. Die Vorsicht ist der beste Schild. Du lernst sie nicht im Freundeskreise, Dich zwingt zu ihr, wer bös gewillt. Vom Feinde lernten sie in den Städten Mauern und Kriegsfahrzeuge bau’n, Denen sie Gut und Blut vertrau’n .. Und solche Lehre tät sie retten.

+Chorführer+ (nach einigem Besinnen, zögernd):

Nun denn ... dieweil’s ersprießlich scheint .. Gewiß: Man lernt ja auch vom Feind ..

+Ratefreund+ (zu Hoffegut):

Die Wut läßt nach. Zurück jetzt! Schritt vor Schritt!

+Wiedehopf+ (zum Chorführer):

Recht so ... und tut mir’s zu Gefallen!

+Chorführer+:

Du weißt, wir gingen sonst bei allen Vorschlägen ohne Zaudern mit.

+Ratefreund+:

Die Friedsamkeit greift in die Breit’ und Quere. Stell’ Topf und Schüsseln still zur Erd’ Und wandle mit dem Bratenspeere Randlängs um unsern Waffenherd, Scharf äugend nach dem Feindesheere. Denn, ach, zu fliehn ist uns verwehrt!

+Hoffegut+:

Wenn sie uns aber doch erschlügen, Wo würden wir da eingescharrt?

+Ratefreund+:

Am +Töpfermarkte+, wo die +Helden+ liegen. Um dort ein Ehrengrab zu kriegen Vermelden wir dem Totenwart: Wir starben und sind nit entloffen Im heißen Kampf bei Vogelhofen.

+Chorführer+ (zum Chor):

Haltet ein! Zurück in eure alten Reih’n! Duckt euch, legt abe Grimm und Mut, Wie der Soldat mit seiner Rüstung tut! ... Und itzt zu diesen fremden Mannen: Wes Geistes Kinder sie, von wannen Und was sie planen. He, Wiedhopf!

+Wiedehopf+:

Was ist dein Begehr?

+Chorführer+:

Wer sind die beiden und woher?

+Wiedehopf+:

Kommen vom weisen Griechenland.

+Chorführer+:

Was hat sie grad zu +uns+ gewandt?

+Wiedehopf+:

Der Trieb, nach eurer Art zu leben, Mit euch zu weben und zu streben, Ja zu verkleben ..

+Chorführer+:

Wie? Was ist ihrer Reden Sinn?

+Wiedehopf+:

Ganz unerhört, kaum zu verstehen!

+Chorführer+ (auf Ratefreund deutend):

Dünkt’s diesem Alten ein Gewinn, Wenn wir mit ihm zusammengehen? Wir sollen ihn wohl unterstützen, Den Feind zu zwingen und dem Freund zu nützen?

+Wiedehopf+:

Er kündet uns ein glückhaft Wort, Unsagbar, nicht zu glauben! Höre! Er sagt, daß alles rundum: da und dort Und wieder dort, daß +Alles+ — +uns+ gehöre!

+Chorführer+:

Rast er?

+Wiedehopf+:

Nein, er ist bei Verstand.

+Chorführer+:

Ist er auch klug?

+Wiedehopf+:

Der schlauste Fant! Ein Gauner, Fuchs, gerieben, hell! O, ein Verstand wie allerfeinstes Mehl!

+Chorführer+ (eindringlich):

Dann soll er reden! Sag’s ihm! Schnell! Schon wenn +du+ sprichst, fühl’ ich beglückt, Wie mich’s in allen Federn jückt!

+Wiedehopf+ (zu den beiden Athenern):

So rüstet ab und legt’s zuhauf Und hängt die Waffen in der Küche auf!

(zu Ratefreund):

Du aber sprich und künde diesen, Warum wir sie zusammen kommen ließen.

+Ratefreund+:

Ich tu’ s nit ohne festen Kontrakt, Wie einst mit seiner Fraue Der Messerschmied, der affenschlaue: Daß ihr mich weder beißt noch an dem Säckel packt Noch anbohrt ...

+Chorführer+:

Wo? (sich auf den Hintern klopfend): Du meinst wohl hie? +Nie!+

+Ratefreund+:

Die +Augen+ mein’ ich.

+Chorführer+:

Einverstanden.

+Ratefreund+:

Beschwöre mir’s!

+Chorführer+:

Ich schwör’s zu Handen: So wahr ich hier mit diesem Spiel Kritik und Publikum gewinnen will!

+Ratefreund+:

Top!

+Chorführer+:

Halt ich aber keinen Frieden, Sei schnöder Durchfall mir beschieden!

(an die Vögel gewandt):

Hört an, ihr Völker! Schultert eure Speere Und zieht nach Haus und wartet weitrer Märe!

(Ein Teil der Vögel ab)

Siebente Szene

Chorführer, Chor der Vögel, Ratefreund, Hoffegut, Wiedehopf. Später die Nachtigall.

+Chorführer+:

Was sie in allewege tut:

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