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Einfälle, Dummheiten. Das mochte noch angehen, denn das Gehirn ist geräumig; aber es sollte auch die Gedanken anderer aufnehmen, alte vermoderte Gedanken, an denen fremde Menschen ihr ganzes Leben lang gekaut hatten und die sie jetzt ausspuckten; da bekam er Erbrechen und da -- er war zwanzig Jahre alt, als er zum Theater ging. Sehen Sie meine Uhr an; sehen Sie den Sekundenzeiger: sechzigmal, ehe es eine Minute wird, sechzigmal sechzig, ehe es eine Stunde wird, und das wieder vierundzwanzigmal, und es ist erst ein Tag; das wieder dreihundertfünfundsechzigmal -- und es ist erst ein Jahr. Denken Sie nun, zehn Jahre! Herr -- sind Sie schon einmal vor einem Hause auf und ab gegangen und haben auf einen lieben Bekannten gewartet? Die erste Viertelstunde vergeht wie ein Nichts; die zweite Viertelstunde -- nun, man tut es so gern für einen, den man lieb hat; die dritte Viertelstunde: er kommt nicht; die vierte: Hoffnung und Furcht; die fünfte: man geht fort, kehrt aber wieder um; die sechste: Herr Gott, ich habe meine Zeit unnötig verschwendet; die siebente: aber ich bleibe doch hier, da ich nun einmal so lange geblieben bin; die achte: Raserei, Verwünschungen; die neunte: man geht nach Hause und legt sich auf sein Sofa und fühlt eine Ruhe, als halte man den Tod im Arm. Er wartete zehn Jahre, zehn Jahre lang! Sträuben sich mir nicht die Haare auf dem Kopf, wenn ich zehn Jahre sage? Sehen Sie nach! Es sind doch noch welche da? Zehn Jahre vergingen, bevor er eine Rolle bekam. Und dann hatte er Erfolg -- sofort. Und da wäre er beinahe wahnsinnig geworden über seine vergeudeten zehn Jahre; er raste, weil es nicht vor zehn Jahren geschehen war, und wunderte sich, daß das eingetroffene Glück ihn nicht glücklich machte, und so wurde er unglücklich.«

»Meinen Sie, daß er die zehn Jahre nicht gebraucht hat, um seine Kunst zu studieren?«

»Er konnte ja nie studieren, da er nie spielen durfte. Er war eine lächerliche Figur, ein Ausschuß auf dem Theaterzettel; der Direktor sagte, er sei nicht zu gebrauchen, und wenn er sich an einen andern Direktor wendete, sagte der, er habe kein Repertoir!«

»Aber warum war er nicht glücklich, als er Erfolg hatte?«

»Glauben Sie, eine unsterbliche Seele ist damit zufrieden, Erfolg zu haben? -- Aber warum über so etwas reden! Ihr Entschluß ist unwiderruflich! Meine Ratschläge sind überflüssig! Es gibt keinen anderen Lehrmeister als die Erfahrung, und er ist sehr launisch und berechnend, genau wie die Lehrer in der Schule; einige Schüler werden immer gelobt, andere bekommen immer Prügel; Sie sind dazu geboren, Lob zu bekommen; glauben Sie nicht, daß ich das in Hinblick auf Ihre Herkunft sage; ich bin aufgeklärt genug, dem weder Gutes noch Böses zuzuschreiben; das ist ein völlig gleichgültiger Faktor in diesem Falle, denn hier gilt der Mensch als Mensch! Ich wünsche Ihnen, daß Sie so rasch wie möglich Erfolg haben, damit Sie aufgeklärt werden -- so rasch wie möglich! Sie verdienen das, glaube ich!«

»Aber haben Sie denn keine Achtung vor Ihrer Kunst? Der größten und herrlichsten von allen?«

»Die überschätzt wird wie alles, worüber Menschen Bücher geschrieben haben. Sie ist gefährlich, denn sie kann schaden! Eine schön gesagte Lüge kann einen wahrhaften Eindruck machen! Sie gleicht der Volksversammlung, in der die ungebildete Majorität den Ausschlag gibt. Je oberflächlicher, desto besser -- je schlechter, desto besser. Ich habe damit nicht gesagt, daß sie unnötig ist!«

»Was Sie sagen, kann doch nicht wirklich Ihre Ansicht sein!«

»Es ist meine Ansicht, aber sie braucht deshalb ja nicht zuzutreffen.«

»Aber haben Sie denn wirklich keine Achtung vor Ihrer Kunst?«

»Vor meiner? Warum sollte ich vor meiner mehr Achtung haben als vor der anderer?«

»Und Sie haben doch die tiefsinnigsten Rollen gespielt; Sie haben Shakespeare gespielt? Sie haben den Hamlet gespielt? Sind Sie wirklich nie in Ihrem Innersten erschüttert gewesen, wenn Sie den tiefen Monolog ›Sein oder Nichtsein!‹ gesprochen haben?«

»Was meinen Sie mit tief?«

»Tiefsinnig, tief gedacht!«

»Erklären Sie sich! Ist es so tief zu sagen: Soll ich mir das Leben nehmen oder nicht? Ich würde es sehr gern tun, wenn ich wüßte, was nach dem Tode kommt, und das würden alle andern auch tun, aber wir wissen es nun einmal nicht, deshalb wagen wir nicht, uns das Leben zu nehmen. Ist das nun so tiefsinnig?«

»Nein, so nicht ...«

»Nun also! Sie haben ganz sicher schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen? Nicht wahr?«

»Ja, das haben wohl alle Menschen getan!«

»Nun, warum haben Sie es nicht getan? Weil Sie, wie Hamlet, es nicht wagten, weil Sie nicht wissen, was hinterher kommt. Nun, waren Sie da sehr tiefsinnig?«

»Nein, natürlich nicht!«

»Nun also, es ist ganz einfach eine Banalität. Es ist mit einem Wort -- wie nennt man das, Gustav?«

»Es ist alt!« kam die Antwort vom Uhrgehäuse her, wo man auf das Stichwort gewartet zu haben schien.

»Ja, es ist alt! Hätte aber der Dichter ein annehmbares Bild von dem künftigen Leben gegeben, das wäre neu gewesen!«

»Ist alles Neue so ausgezeichnet?« fragte Rehnhjelm, der über die neuen Dinge, die er zu hören bekam, sehr niedergeschlagen war.

»Das Neue hat wenigstens ein Verdienst -- nämlich: daß es neu ist! Versuchen Sie Ihre Gedanken selber zu denken, und Sie werden sich immer neu finden. Wollen Sie glauben, daß ich gewußt habe, worüber Sie mit mir sprechen würden, bevor Sie in die Tür traten? Und daß ich weiß, was Sie mich nun zunächst fragen werden, nun wir in die Nähe Shakespeares gekommen sind?«

»Sie sind ein sonderbarer Mensch; ich muß gestehen, daß Sie in dem, was Sie sagen, recht haben, obwohl ich es nicht gutheiße.«

»Nun, was halten Sie von der Leichenrede des Antonius an Cäsars Bahre? Ist die nicht merkwürdig?«

»Das gerade wollte ich Sie fragen? Es ist ganz, als könnten Sie meine Gedanken lesen.«

»Ja, das habe ich Ihnen ja eben gesagt. Und ist das so seltsam, da alle Menschen dasselbe denken oder richtiger sagen? Nun, was finden Sie tief daran?«

»Das kann ich mit Worten nicht ausdrücken ...«

»Nun, finden Sie denn nicht, daß es eine ganz gewöhnliche Form einer ironischen Äußerung ist? Man sagt genau das Gegenteil von dem, was man meint, und wenn man die Kanten schärft, so wird keiner umhin können, sich daran zu stechen. Nun, aber haben Sie je etwas Schöneres gelesen als Julias und Romeos Zwiegespräch nach der Hochzeitsnacht?«

»Ja, die Stelle, wo er sagt, er habe geglaubt, es sei die Nachtigall, als es die Lerche war?«

»Welche andere Stelle sollte ich meinen, da die ganze Welt sie meint. Nun, hier beruht doch die Wirkung auf einem einzelnen, sehr häufig angewandten poetischen Bilde; glauben Sie nun, daß Shakespeares Größe auf poetischen Bildern beruht?«

»Warum wollen Sie mir alles zertrümmern, warum wollen Sie mir meinen ganzen Halt nehmen?«

»Ich werfe Ihre Krücken fort, damit Sie -- selber gehen lernen. Im übrigen: verlange ich, daß Sie auf das eingehen, was ich sage?«

»Sie verlangen es nicht, Sie zwingen einen, es zu tun!«

»Dann müssen Sie meine Gesellschaft meiden. -- Ihre Eltern sind traurig über Ihr Vorhaben?«

»Ja, natürlich! Wie können Sie das wissen?«

»Das sind alle Eltern! Warum müssen Sie mein Urteilsvermögen überschätzen? Sie dürfen überhaupt nicht überschätzen!«

»Glauben Sie, daß man dadurch glücklicher wird?«

»Glücklicher? Hm! Kennen Sie jemanden, der glücklich ist? Antworten Sie jetzt mit eigenen Ansichten, nicht mit fremden Worten!«

»Nein!«

»Nun, wenn Sie nicht glauben, daß irgend jemand glücklich ist, wie können Sie dann davon sprechen, daß man glücklicher wird? -- Also Sie haben Eltern! Es ist sehr dumm, Eltern zu haben!«

»Wieso? Wie meinen Sie das?«

»Finden Sie es nicht unnatürlich, daß eine alte Generation eine neue erziehen und sie mit ihren veralteten Dummheiten aufpäppeln soll? Nun, Ihre Eltern verlangen Dankbarkeit von Ihnen? Nicht wahr?«

»Ja, man soll doch auch wohl seinen Eltern dankbar sein?«

»Dankbar dafür, daß sie uns mit gesetzlicher Erlaubnis in dies Elend hineingesetzt, uns mit schlechtem Essen ernährt, uns geschlagen, unterdrückt, gedemütigt, sich unsern Wünschen widersetzt haben? Wollen Sie glauben, daß eine Revolution nötig ist? Nein, zwei! Warum trinken Sie nicht Absinth? Sie haben Angst davor? Ach, sehen Sie, es ist doch das Rote Kreuz darauf! Es heilt die Verwundeten auf dem Schlachtfelde, Freund und Feind! Es betäubt den Schmerz, stumpft die Gedanken ab, tilgt die Erinnerung, erstickt alle edlen Gefühle, die den Menschen verleiten, Torheiten zu begehen, und löscht schließlich das Licht der Vernunft aus. Wissen Sie, was das Licht der Vernunft ist? Das ist erstens eine Phrase, zweitens ein Irrlicht, Sie wissen, so ein Licht, das über Orten umhertanzt, wo Fische vermodert sind und Phosphorwasserstoff erzeugt haben; das Licht der Vernunft ist Phosphorwasserstoff, aus der grauen Gehirnsubstanz erzeugt. Es ist doch merkwürdig, daß alles Gute hier auf Erden untergeht und vergessen wird. Ich habe bei meinen zehnjährigen Streifzügen und meiner anscheinenden Untätigkeit alle Volksbibliotheken durchgelesen, die in den kleinen Städten existieren; alles Schlechte und Bedeutungslose, was in den Büchern steht, wird zitiert und neu gedruckt, aber das Gute bleibt unbeachtet. -- Was ich sagen wollte -- erinnern Sie mich daran, daß ich bei der Sache bleibe --«

Jetzt begann die Uhr ihr Unwesen zu treiben und donnerte sieben Schläge. -- Die Tür flog auf, und herein wälzte sich mit großem Lärm ein Mensch. Es war ein Fünfziger mit fettem, schwerem Kopf, der wie ein Mörser zwischen ein paar fetten Schultern ruhte, wie auf einer Lafette mit einer beständigen Elevation von 45 Grad, und aussah, als wolle er die Sterne bombardieren. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei sein Besitzer aller möglichen Verbrechen und aller unmöglichen Laster fähig, werde aber von Feigheit abgehalten, sie zu begehen. Er schleuderte sofort eine Granate auf den Düsteren und verlangte von dem Kellner einen Rumgrog in einer grammatikalisch ungehobelten Sprache, mit einer Stimme wie ein Korporal.

»Das ist der Lenker Ihres Geschicks,« flüsterte der Düstere Rehnhjelm zu. »Das ist der große Tragöde, der Direktor und Intendant, mein Todfeind.«

Rehnhjelm schauderte, als er die entsetzliche Gestalt betrachtete, die einen Blick tiefsten Hasses mit Falander gewechselt hatte und nun dasaß und den Gang mit Spucksalven beschoß.

Darauf öffnete sich die Tür von neuem, und herein glitt ein fast eleganter, älterer Mann mit pomadisiertem Haar und gewachstem Schnurrbart. Er ließ sich vertraulich neben dem Direktor nieder, der ihm den mit einem Karneolring geschmückten Mittelfinger zum Schütteln reichte.

»Das ist der Redakteur der hiesigen konservativen Zeitung: der Verteidiger von Thron und Altar. Er hat freien Zutritt zu den Kulissen und möchte alle Mädchen verführen, auf die nicht der Direktor seine Augen wirft. Er war früher königlicher Beamter, mußte die Stellung aber aufgeben, -- ich schäme mich, zu sagen, warum,« erläuterte Falander. »Aber ich schäme mich auch, im selben Raum zu sitzen wie diese Herren, und ich gebe außerdem hier heute abend meinen Freunden ein kleines Fest anläßlich meines gestrigen Benefizes. Wenn Sie Lust haben, in schlechter Gesellschaft zu sein, mit den verworfensten Subjekten, zwei übel beleumundeten Damen und einem alten Lump von Herrn, so sind Sie mir um acht Uhr willkommen.«

Rehnhjelm zögerte nicht einen Augenblick, die Einladung anzunehmen.

Die Spinne an der Wand kletterte durch ihr Netze wie um es zu inspizieren, und verschwand dann. Die Fliege blieb noch eine kleine Weile sitzen. Aber die Sonne verkroch sich hinter der Domkirche, die Maschen des Netzes lösten sich auf, als seien sie nie gewesen, und die Espen zitterten vor dem Fenster. Da aber erhob der große Mann, der künstlerische Direktor, seine Stimme und schrie, denn das Sprechen hatte er verlernt; und er sagte:

»Nun, du hast gesehen, wie das Wochenblatt mich wieder angegriffen hat.«

»Ach, um das Geschwätz mußt du dich nicht kümmern!«

»Ich soll mich nicht darum kümmern! Was meinst du damit, zum Teufel? Liest es nicht die ganze Stadt? Oh, ich werde mich schon darum kümmern! Ich gehe zu ihm in die Wohnung und verprügele ihn, das tue ich! Er behauptet ganz frech, ich übertreibe und sei affektiert.«

»Nun, so bestich ihn doch! Aber mache keinen Skandal!«

»Bestechen? Denkst du, das habe ich nicht versucht? Diese liberalen Zeitungsschreiber sind verdammt sonderbare Leute! Wenn man mit ihnen befreundet und bekannt ist, können sie nett über einen schreiben, aber bestechen, das geht nicht, und wenn sie noch so arm sind!«

»Ach, du verstehst dich nicht darauf! Man muß nicht gerade drauflos gehen, sondern muß ihnen Geschenke schicken, die man versetzen kann, oder auch bares Geld, anonym, und sich dann später nie etwas merken lassen!«

»Wie man es mit dir macht? Nein du, das geht bei ihnen nicht; ich habe es schon versucht. Es ist eine Hölle, mit Leuten mit Prinzipien zu tun zu haben.«

»Was meinst du, was war das für ein Opfer -- um das Thema zu wechseln --, das der Teufel in den Klauen hatte?«

»Das geht mich nichts an!«

»Vielleicht doch! Gustav! Wer war der Herr, den Falander bei sich hatte?«

»Ja, der will zum Theater und heißt Rehnhjelm.«

»Was sagst du? Der will zum Theater? Der?« schrie der Direktor.

»Ja, das will er,« antwortete Gustav.

»Und Tragödie spielen, natürlich. Und von Falander protegiert werden? Und sich nicht an mich wenden? Und meine Rollen nehmen? Und uns die Ehre erweisen. Und ich weiß kein Wort von der Sache? Ich? Ich? Das tut mir leid um ihn! Es ist schade um ihn! Was für eine schreckliche Zukunft! Ich werde ihn natürlich protegieren! Ich werde ihn unter meine Flügel nehmen! Man fühlt die Kraft meiner Flügel, auch wenn ich nicht fliege! Sie haben einen guten Druck! Das war ein schmucker Kerl! Ein feiner Kerl! Schön wie ein Antigonus! Schade, daß er nicht zuerst zu mir gekommen ist, dann hätte er Falanders sämtliche Rollen bekommen! Oh! Oh! Oh! Aber das ist noch nicht zu spät! Ha! Erst muß der Teufel ihn verderben! Er ist noch etwas zu frisch! Er sah wirklich unverdorben aus! Armer Junge! Ja, ich sage nur: Gott behüte ihn!«

Der Laut des letzten Stoßgebets erstarb unter dem Lärm, der entstand, als nun alle Groggäste der Stadt sich einfanden.

Fünfzehntes Kapitel

Theateraktiengesellschaft Phönix

Am folgenden Tage erwachte Rehnhjelm in seinem Bett im Hotel spät am Vormittag. Die Erinnerungen an die verflossene Nacht stiegen wie Gespenster auf und umgaben sein Bett mitten an dem sommerhellen Tag. Er sah das schöne, mit Blumen reich geschmückte Zimmer, in dem die Orgie bei fest verschlossenen Fensterläden stattgefunden hatte; er sah die fünfunddreißigjährige Schauspielerin, die von einer Rivalin in das Mutterfach verdrängt worden war; sie kommt voll Verzweiflung und Wut über neue Beschimpfungen herein, betrinkt sich, legt die Beine auf die Sofalehne und knöpft, als es zu warm im Zimmer wird, die Taille auf, so sorglos, wie ein Herr nach einem großen Diner die Weste aufmacht; da wankt der alte Komiker umher, der frühzeitig das Liebhaberfach aufgeben mußte, nach einer kurzen Blütezeit zu Dienerrollen herabgesunken ist und nun die Kleinbürger mit seinen Liedern und vor allem seinen Erzählungen aus der Zeit seiner Größe ergötzt; aber mitten in dem Rauch und den Bildern des Rausches sieht er die junge Sechzehnjährige, die mit tränengefüllten Augen eintritt und dem finsteren Falander berichtet, daß der große Direktor ihr wieder schimpfliche Anträge gemacht und bei ihrer Weigerung geschworen habe, sich zu rächen und ihr nur noch Dienstmädchenrollen zu geben; und er sieht Falander, der die Sorgen und Kümmernisse aller entgegennimmt und sie anhaucht, daß sie verschwinden; wie er alles in ein Nichts auflöst: Kränkungen, Demütigungen, Fußtritte, Unglücksfälle, Not, Elend und Jammer; wie er seine Freunde belehrt und ermahnt, nichts zu überschätzen, vor allem die eigenen Sorgen nicht. Aber wieder und immer wieder sieht er die kleine Sechzehnjährige mit dem unschuldigen Gesicht, deren Freund er geworden ist und von der er beim Abschied einen Kuß bekommen hat, einen heftigen, leidenschaftlichen Kuß; sein überreiztes Hirn erinnerte sich jetzt, wenn es aufrichtig war, diesen Kuß etwas unerwartet gefunden zu haben. Aber wie hieß sie doch nur?

Er steht auf, um nach der Wasserkaraffe zu greifen, und bekommt ein kleines Taschentuch mit Weinflecken darin in die Hand. Ah! Da steht es unauslöschlich mit Zeichentinte geschrieben -- Agnes! Es küßt es auf der reinsten Stelle zweimal und stopft es in den Koffer. Darauf zieht er sich sorgfältig an, um zum Theaterdirektor zu gehen, der zwischen zwölf und drei Uhr am sichersten zu treffen ist.

Um sich nichts vorwerfen zu müssen, geht er um zwölf Uhr ins Theater und trifft einen Diener, der ihn fragt, was er wünsche und ob er ihm zu Diensten sein könne. Rehnhjelm hält das nicht für möglich, sondern fragt von neuem, ob der Direktor nicht zu sprechen sei; darauf wird ihm mitgeteilt, daß der Direktor sich augenblicklich in der Fabrik befinde, später aber herkommen werde. Rehnhjelm hält das Wort Fabrik für eine familiäre Bezeichnung für das Theater, wird aber dahin belehrt, daß der geschäftsführende Direktor eigentlich Inhaber einer Streichholzfabrik ist. Sein Schwager, der Rendant, ist auf der Post beschäftigt und pflegt erst um zwei Uhr zu kommen, und dessen Sohn, der Sekretär, tut auf dem Telegraphenamt Dienst, so daß man nie sicher ist, ihn zu treffen. Da jedoch der Diener Rehnhjelms Anliegen zu kennen glaubte, überreichte er ihm in eigenem und in des Theaters Namen ein Exemplar der Statuten des Theaters, mit denen der junge Debütant sich die Zeit vertreiben sollte, bis einer von den Direktionsmitgliedern käme. Er wappnete sich also mit Geduld und setzte sich auf ein Sofa, um zu studieren. Als er die Satzungen durchgelesen hatte, war es erst halb eins. Da unterhielt er sich mit dem Diener bis dreiviertel eins. Darauf machte er sich daran, den ersten Paragraphen der Statuten zu ergründen: »Das Theater ist eine moralische Institution, deshalb müssen alle seine Mitglieder sich der Gottesfurcht, der Tugend und guter Sitten befleißigen.« Er drehte und wendete den Satz und suchte ihn ins rechte Licht zu stellen, ohne daß es ihm gelang. Wenn das Theater schon eine moralische Institution ist, so brauchen doch die Mitglieder, die (neben Direktor, Rendant, Sekretär, Maschinen und Dekorationen) die Institution bilden, so brauchen sie sich doch nicht erst all des Schönen, wie es nun auch heißt, zu befleißigen. Wenn man gesagt hätte: Das Theater ist eine unmoralische Institution und deshalb ... Ja, dann hätte es einen Sinn gegeben; so war es aber von der Direktion nicht gemeint. Und dann dachte er an Hamlets »Worte, Worte«, erinnerte sich aber sofort, daß es alt sei, Hamlet zu zitieren, und daß man seine Gedanken mit eigenen Worten ausdrücken müsse; so überlegte er lange und blieb schließlich dabei stehen, es Geschwätz zu nennen; er verwarf auch das als nicht originell, aber das war das Original ja auch nicht.

Paragraph 2 half ihm dann, sich eine weitere Viertelstunde mit Betrachtungen über den Text zu vertreiben. »Das Theater ist keineswegs zum Vergnügen da. Nicht bloß zur Belustigung.« Da stand: Das Theater ist nicht zum Vergnügen da, und da stand: Das Theater ist nicht ausschließlich zum Vergnügen da, also ist es (auch) zum Vergnügen da. Darauf dachte er darüber nach, wann man sich im Theater unterhält: Ja, wenn man sieht, wie Kinder, zumal Söhne, ihre Eltern um Geld betrügen, vor allem, wenn die Eltern sparsam, gutmütig und verständig sind; zweitens wenn Frauen ihre Männer betrügen; das ist besonders lustig, wenn der Mann alt ist und die Hilfe seiner Frau braucht; weiter erinnerte er sich, furchtbar gelacht zu haben über zwei alte Männer, die dem Hungertode nahe waren, weil ihr Geschäft zurückgegangen war; und noch heutigentags lachte man darüber in dem Stück eines klassischen Dichters. Er erinnerte sich ferner, sich an dem Unglück eines älteren Mannes ergötzt zu haben, der das Gehör verloren hatte; erinnerte sich, zusammen mit sechshundert andern Menschen sich höchlich amüsiert zu haben über einen Priester, der auf natürlichem Wege Heilung für die Verrücktheit suchte, in die seine Enthaltsamkeit ihn gebracht hatte, und über die Heuchelei, die er zur Erreichung seiner Absichten anwenden mußte. Worüber hatte man nur so gelacht, fragte er sich. Und da er nichts anderes zu tun hatte, so versuchte er darauf zu antworten! Ja, über Unglück, Not, Elend, Laster, Tugend, über die Niederlage des Guten, den Sieg des Bösen. Dies Resultat, das ihm teilweise neu war, versetzte ihn in gute Stimmung, und er fand einen großen Genuß an diesem Spiel mit Gedanken. Da die Direktion noch nichts von sich hören ließ, setzte er das Spiel fort und kam, ehe fünf Minuten vergangen waren, zu dem Ergebnis, daß man in der Tragödie über genau dieselben Dinge weint, über die man in der Komödie lacht. Da aber blieb er stehen, denn herein stürmte der große Theaterdirektor, rannte an Rehnhjelm vorbei, als sehe er ihn nicht, und stürzte in ein Zimmer links, wo einen Augenblick später eine Klingel von starker Hand in Bewegung gesetzt wurde. Der Diener brauchte eine halbe Minute, um hinein zu gehen und mit der Erklärung wieder herauszukommen, Seine Hoheit empfange.

Als Rehnhjelm eintrat, hatte der Direktor schon abgeprotzt und seinen Mörser in so großem Winkel gerichtet, daß er unmöglich den Sterblichen sehen konnte, der leise zitternd eintrat. Aber er mußte ihn gehört haben, denn er fragte sofort in verletzendem Ton, was gefällig sei.

Rehnhjelm erklärte, er wolle debütieren.

»Oh! Großes Debüt! Großer Enthusiasmus! Haben Sie ein Repertoire, Herr? Haben Sie Hamlet, Lear, Richard Sheridan gespielt und sind nach dem dritten Akt zehnmal herausgerufen worden? Was? He?«

»Ich bin noch nie aufgetreten!«

»Ach so! Das ist etwas anderes!«

Er setzte sich in einen versilberten, mit blauer Seide bezogenen Lehnstuhl, und sein Gesicht legte eine Maske an, die in einer der Biographien im Svetonius als Illustration hätte dienen können.

»Darf ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen, mein Herr? Ja? Verzichten Sie auf diese Laufbahn!«

»Unmöglich!«

»Ich wiederhole: Verzichten Sie auf diese Laufbahn! Es ist die schrecklichste aller Karrieren! Sie ist so voll von Demütigungen, Unannehmlichkeiten, Nadelstichen, Dornen, mein Herr, die Ihnen, glauben Sie mir, das Leben so verbittern, daß Sie schließlich wünschen, nie geboren zu sein!«

Er sah wirklich glaubwürdig aus, aber Rehnhjelm war unerschütterlich in seinem Entschluß.

»Nun, beachten Sie meine Worte wohl! Ich rate Ihnen feierlich ab und erkläre Ihnen: die Aussichten sind so trübe, daß Sie vielleicht jahrelang als Statist fungieren müssen! Überlegen Sie sich das! Und kommen Sie später nicht zu mir und beschweren Sie sich. Diese Laufbahn ist so verteufelt schwer, mein Herr, daß Sie, wenn Sie Bescheid wüßten, sie nie einschlagen würden! Sie haben eine Hölle vor sich, glauben Sie mir, jetzt ist es gesagt!«

Es waren vergeudete Worte!

»Würden Sie dann nicht lieber gleich ohne Debüt ein Engagement nehmen? Das ist weniger riskant.«

»Ja natürlich, aber das hatte ich nicht in Erwägung gezogen.«

»Wollen Sie bitte diesen Kontrakt unterschreiben? Zwölfhundert Kronen Gage und zwei Jahre Kontrakt. Ist das gut?«

Er holte einen ausgefüllten und von der Direktion unterzeichneten Kontrakt, der unter dem Löschblatt lag, hervor und reichte ihn Rehnhjelm zur Unterschrift, und Rehnhjelm, dem die zwölfhundert Kronen den Kopf verwirrten, unterschrieb unbesehen.

Als das geschehen war, reichte der Direktor ihm seinen großen Mittelfinger mit dem Karneolring und sagte: »Willkommen!«, wobei er das Zahnfleisch des Oberkiefers und das gelbe, blutgesprenkelte Weiße der beiden Augen mit der seifengrünen Iris zeigte.

Und dann war die Audienz beendet. Rehnhjelm aber, dem das Ganze zu rasch gegangen war, blieb stehen und nahm sich die Freiheit, zu fragen, ob er nicht warten solle, bis die Direktion versammelt sei.

»Die Direktion?« rief der große Tragöde; »das bin ich! Haben Sie etwas zu fragen, so wenden Sie sich nur an mich! Wollen Sie einen Rat haben, so wenden Sie sich an mich! an mich, mein Herr! An keinen andern! So! -- Marsch!«

Es sah aus, als bleibe Rehnhjelms Rockschoß an einem Nagel hängen, gerade als er im Hinausgehen war, so hastig blieb er stehen und drehte sich um, gewissermaßen um festzustellen, wie die letzten Worte aussahen, aber er erblickte nur das rote Zahnfleisch, das einem Folterwerkzeug glich, und das mit Blut marmorierte Auge, weshalb er keine Lust verspürte, eine Erklärung zu fordern, sondern in den Ratskeller eilte, um Mittag zu essen und Falander zu treffen.

Dieser saß schon an seinem Tisch, ruhig und gleichgültig, als sei er auf das Allerschlimmste, was es auch sei, gefaßt. Es wunderte ihn also nicht, daß Rehnhjelm engagiert worden war, wenn er auch sehr finster wurde, als er es erfuhr.

»Wie gefällt dir der Direktor sonst?« fragte Falander.

»Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber ich wagte es nicht.«

»Das wagt die Direktion auch nicht, und deshalb ist er Alleinherrscher. Du wirst immer sehen, daß die Roheit die Macht in Händen hat. Du weißt, daß er auch Dramatiker ist?«

»Das habe ich gehört!«

»Er schreibt eine Art historische Schauspiele, die immer Beifall finden; das kommt daher, daß er Rollen schreibt, statt Charaktere zu gestalten. Er bringt Applausstellen bei den Abgängen an und treibt Wucher mit dem sogenannten vaterländischen Gefühl. Übrigens können seine Figuren nicht sprechen, sie keifen und zanken nur: Männer und Fragen, Alte und Junge, allesamt, so daß sein bekanntes Stück ›König Göstas Söhne‹ mit Recht ein historisches Spektakelstück in fünf Auftritten heißt, denn es sind keine Akte, sondern regelrechte Auftritte, Familienauftritte, Straßenauftritte, Reichstagsauftritte und so weiter. Statt der Antworten erteilt man sich Gertenhiebe, die nicht Szenen, sondern den schrecklichsten Spektakel hervorrufen. Statt der Dialoge hat er Wortwechsel, in denen man sich gegenseitig beschimpft, und die höchste dramatische Wirkung wird von Handgreiflichkeiten hervorgerufen. Die Kritik sagt, er sei groß in der Schilderung historischer Charaktere. Wie hat er aber Gustav Wasa in dem erwähnten Stück geschildert? Ja, als einen breitschultrigen, langbärtigen, großmäuligen, unlenksamen und muskelstarken Mann -- er zerschlägt unter anderem auf dem Reichstag in Västeraas einen Tisch und tritt bei der Versammlung in Vadstena eine Tür ein. Aber einmal sagte die Kritik, seinen Stücken fehle der Sinn; da wurde er böse und nahm sich vor, Sittenkomödien mit Sinn zu schreiben. Er hatte einen Jungen, der die Schule besuchte (das Ungeheuer ist verheiratet!), sich unanständig benahm und Prügel kriegte. Sofort schrieb der Vater eine Sittenkomödie, in der er die Lehrer abkonterfeite und schilderte, wie unmenschlich die Jugend heutzutage behandelt werde. Ein andermal wurde eine gerechte Rezension über ihn geschrieben, und sofort verfaßte er eine Sittenkomödie, in der er die liberalen Journalisten der Stadt darstellte! Nun, meinetwegen mag er tun, was er will!«

»Ja, aber warum haßt er dich?«

»Weil ich auf einer Probe Don Pasquale gesagt habe, obwohl er erklärt hatte, es heiße Paskal. Das Resultat: ich wurde bei Geldstrafe verurteilt, den Namen so auszusprechen, wie er befahl, wobei er erklärte, es möge in der ganzen Welt heißen, wie es wolle, hier aber solle es Paskal heißen, denn so heiße es!«

»Wo kommt er her? Was ist er gewesen?«

»Kannst du nicht sehen, daß er Stellmachergeselle gewesen ist? Aber wüßte er, daß du es weißt, so würde er dich vergiften! Doch, um jetzt von etwas ganz anderm zu sprechen: wie fühlst du dich nach gestern?«

»Ausgezeichnet! Ich habe ganz vergessen, dir zu danken!«

»Nun! Das ist schön! Und dir gefällt das Mädel? Die Agnes?«

»Ja, sie hat mir sehr gefallen!«

»Und sie ist in dich verliebt! Das paßt gut! Nimm sie.«

»Ach, wie du redest! Wir können doch noch nicht heiraten!«

»Wer hat gesagt, daß ihr das tun sollt?«

»Was meinst du denn?«

»Du bist achtzehn, sie ist sechzehn! Ihr liebt euch! Also gut! Wenn ihr einig seid, ist es doch die privateste Angelegenheit, die es gibt!«

»Ich verstehe dich nicht! Forderst du mich zu einer schlechten Handlung auf? Oder wie?«

»Ich fordere dich auf, ein wenig der großen Stimme der Natur zu gehorchen, nicht der dummen der Menschen. Wenn die Menschen euer Benehmen verwerfen, so geschieht es aus Neid, und die Moral, die sie predigen, ist ihre Bosheit, die eine passende, präsentable Form angenommen hat. Hat nicht die Natur euch schon jahrelang zu ihrem großen Fest geladen, das die Freude der Götter, aber das Entsetzen der Gesellschaft ist, die fürchtet, Alimente zahlen zu müssen?«

»Warum rätst du uns nicht zur Heirat?«

»Weil das etwas anderes ist! Man bindet sich nicht fürs Leben nach einem gemeinsam verbrachten Abend, und es ist nicht gesagt, daß jemand, der die Lust mitmacht, auch das Leid mit auf sich nehmen will! Die Ehe ist eine seelische Angelegenheit; das ist diese Sache vorläufig gerade noch nicht! Übrigens brauche ich euch nicht zu dem aufzufordern, was ohnehin geschehen wird. Liebt euch in der Jugend, ehe es zu spät ist, liebt euch wie die Vögel, ohne einen Gedanken an den Nestbau oder wie die Blumen aus der Klasse der Diözien.«

»Du sollst nicht so unehrerbietig von dem Mädchen sprechen! Sie ist gut, unschuldig und bedauernswert, und wer etwas anderes zu sagen wagt, der lügt! Hast du je unschuldigere Augen gesehen als ihre, liegt nicht sogar im Klang ihrer Stimme Wahrheit? Sie ist einer großen Liebe und einer reinen Liebe würdig, nicht so einer wie die, von der du sprichst, und ich hoffe, es ist das letztemal, daß du etwas in dieser Richtung vorbringst! Das eine kannst du ihr sagen: ich werde es als das größte Glück und die größte Ehre ansehen, ihr einmal, wenn ich ihrer würdig bin, meine Hand anzubieten!«

Falander schüttelte den Kopf, daß die Schlangen sich ringelten.

»Ihrer würdig? Deine Hand? Was sagst du?«

»Dabei bleibe ich!«

»Das ist entsetzlich! Wenn ich dir sage, daß dies Mädchen nicht nur aller Eigenschaften ermangelt, die du ihr zuerkennst, sondern sogar die entgegengesetzten besitzt, so glaubst du mir nicht, sondern wirst mein Feind!«

»Ja, das werde ich!«

»Wie kann die Welt nur so voller Lüge sein, daß ein Mensch keinen Glauben findet, wenn er die Wahrheit spricht.«

»Wie soll man dir glauben können, da du keine Moral hast?«

»Sieh, da haben wir das Wort wieder! Das ist ein merkwürdiges Wort; es beantwortet alle Fragen, schneidet alle Diskussionen ab, verteidigt alle Fehler, die eigenen, aber nicht die fremden, schlägt alle Gegner zu Boden, plädiert für und gegen, ganz wie ein Rechtsanwalt. Jetzt hast du mich damit geschlagen, das nächste Mal schlage ich dich damit. Lebwohl, ich muß nach Hause, denn ich gebe um drei Uhr Stunde! Lebwohl! Viel Glück!«

Und Rehnhjelm blieb allein mit seinem Mittagessen und seinen Betrachtungen.

* * * * *

Als Falander nach Hause kam, zog er sich Schlafrock und Pantoffel an, als erwarte er durchaus keinen Besuch. Aber eine heftige Unruhe schien ihn zu beherrschen, denn er ging im Zimmer auf und ab und blieb dann und wann hinter der Gardine stehen, um ungesehen auf die Straße blicken zu können. Dann trat er vor den Spiegel, knöpfte seinen Kragen ab und legte ihn auf den Sofatisch. Nachdem er eine Weile so hin und her gewandert war, nahm er die Photographie einer Dame aus einer Visitenkartenschale, legte sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas und betrachtete sie, wie man ein mikroskopisches Präparat betrachtet. Er saß recht lange bei dieser Arbeit. Als er Schritte auf der Treppe hörte, versteckte er hastig die Photographie da, wo er sie hergenommen hatte, sprang auf und setzte sich an den Schreibtisch, so daß er der Tür den Rücken kehrte. Er war in voller Beschäftigung, als ein Klopfen an der Tür -- zwei kurze, leise Doppelschläge -- ertönte.

»Herein!« rief Falander mit einer Stimme, die nicht einladend klang, sondern eher für eine Ausweisung paßte.

Herein trat ein junges Mädchen, klein von Wuchs, aber mit angenehmen Linien in der Figur; ein feines, ovales Gesicht, von Haar umgeben, das seine blonde Farbe durch Bleichen in der Sonne bekommen zu haben schien, denn es hatte nicht dieses ausgesprochene Blond, das angeboren ist. Die kleine Nase und der fein geschnittene Mund brachten ein munteres Spiel kleiner, schelmischer Kurven zustande, die unaufhörlich die Formen änderten wie Figuren in einem Kaleidoskop; wenn sie zum Beispiel die Nasenflügel bewegte, und der hellrote Knorpel sich wie ein Anemonenblatt abzeichnete, teilten sich die Lippen und zeigten die Spitzen sehr kleiner, gleichmäßiger Zähne, die, obwohl sie echt waren, zu gleichmäßig und zu weiß waren, um Vertrauen einzuflößen. Die Augenwinkel gingen nach der Nasenwurzel zu in die Höhe und senkten sich an den Schläfen, wodurch ein beständig bittender, elegischer Ausdruck erzielt wurde, der eine zauberhafte Disharmonie mit den unteren, spielenden Partien des Gesichts bildete; aber die Pupille war unruhig, sie konnte in einem Augenblick fein werden wie die Spitze einer Nähnadel, um sich im nächsten aufzutun und zu starren wie das Objekt eines Nachtfernrohrs.

Sie betrat also das Zimmer und verriegelte die Tür, nachdem sie den Schlüssel hereingeholt hatte.

Falander saß noch immer und schrieb.

»Du kommst spät heute, Agnes,« sagte er.

»Ja, das tue ich,« antwortete sie trotzig, während sie den Hut abnahm und sich häuslich einrichtete.

»Ja, wir sind über Nacht spät ins Bett gekommen!«

»Warum stehst du nicht auf und begrüßt mich? So müde kann man doch nicht sein!«

»Ach, verzeih, das habe ich vergessen!«

»Vergessen! Ich habe bemerkt, daß du seit einiger Zeit manches vergißt.«

»So? Seit wann hast du das bemerkt?«

»Seit wann? Was meinst du? Bitte, zieh den Schlafrock und die Pantoffel aus!«

»Liebes Kind, das ist mir heute zum erstenmal passiert, und du findest das eine lange Zeit! Ist das nicht seltsam? Sag!«

»Du verspottest mich! Was ist mit dir? Du bist seit einiger Zeit so sonderbar!«

»Seit einiger Zeit! Da haben wir es wieder! Warum sagst du seit einiger Zeit? Weil gelogen werden muß? Warum muß gelogen werden?«

»So, du wirfst mir vor, ich lüge?«

»O nein, ich scherzte nur!«

»Denkst du, ich sehe nicht, daß du meiner überdrüssig bist? Denkst du, ich habe das gestern abend nicht gesehen, als du gegen die simple Jenny so aufmerksam warst, daß du für mich den ganzen Abend kein Wort hattest?«

»Du bist also eifersüchtig?«

»Ich? Nein, weißt du, nicht im geringsten! Wenn du sie mir vorziehst, bitte schön! Das rührt mich keine Spur!«

»So! Du bist nicht eifersüchtig? Das ist unter gewöhnlichen Verhältnissen eine bedauerliche Tatsache.«

»Unter gewöhnlichen Verhältnissen? Was meinst du damit?«

»Ich meine -- ganz einfach --, daß ich deiner überdrüssig bin, wie du vorhin selbst gesagt hast!«

»Das lügst du! das bist du nicht!«

Sie bewegte die Nasenflügel, zeigte die Zahnspitzen und stach mit den Nähnadeln.

»Wir wollen von etwas anderm sprechen,« sagte er. »Wie hat dir Rehnhjelm gefallen?«

»Sehr nett! Das ist ein lieber Junge! Und ein feiner Junge!«

»Er hat sich bis über beide Ohren in dich verliebt!«

»Wie du redest!«

»Doch das Schlimmste ist, daß er sich mit dir verheiraten will!«

»Ach, bitte, verschone mich mit solchen Dummheiten!«

»Da er aber erst zwanzig Jahre alt ist, will er warten, bis er deiner würdig ist, wie er sich ausdrückt!«

»So ein Narr!«

»Mit würdig meint er, ein anerkannter Schauspieler sein. Und das kann er nicht eher werden, ehe er Rollen bekommt. Kannst du ihm nicht dazu verhelfen?«

Agnes errötete, warf sich in die Sofaecke und zeigte ein paar elegante Stiefeletten mit goldenen Troddeln.

»Ich? Ich kriege ja selber keine! Du machst dich über mich lustig!«

»Ja, das tue ich!«

»Du bist ein Teufel, Gustav! Willst du das glauben?«

»Vielleicht, vielleicht nicht! Es ist so schwer, so etwas zu entscheiden! Aber wenn du ein verständiges Mädchen bist ...«

»Schweig!«

Sie nahm ein scharfes Papiermesser vom Tisch und hob es drohend im Scherz, der wie Ernst aussah.

»Du bist so schön heute, Agnes,« sagte Falander.

»Heute? Was meinst du? Heute? Hast du das früher nicht gesehen?«

»O doch, das habe ich schon!«

»Warum seufzt du?«

»Das tut man immer, wenn man gebummelt hat.«

»Darf ich dich ansehn? Tun dir die Augen weh?«

»Die durchwachte Nacht, meine Liebe!«

»Ich will gehen, dann kannst du Mittagsschlaf halten!«

»Geh nicht fort! Ich kann doch nicht schlafen!«

»Ich glaube, ich muß ohnehin gehen! Ich bin eigentlich nur hergekommen, um dir das zu sagen!«

Ihre Stimme wurde weich, und ihre Augenlider senkten sich sacht wie der Vorhang nach einer Todesszene. Falander erwiderte:

»Das ist lieb, daß du doch gekommen bist, um abzusagen.«

Sie stand auf und setzte vor dem Spiegel ihren Hut auf.

»Hast du Parfüm hier?« fragte sie.

»Nein, das habe ich im Theater.«

»Du mußt dir das Pfeifenrauchen abgewöhnen; das setzt sich so scheußlich in den Kleidern fest.«

»Das will ich tun.«

Sie bückte sich und machte ihr Strumpfband zu.

»Verzeih!« sagte sie und warf einen bittenden Blick auf Falander.

»Was denn?« antwortete er mit abwesender Miene, als habe er nichts gesehen.

Da die Antwort ausblieb, faßte er sich ein Herz, holte rief Luft und fragte:

»Wo willst du hin?«

»Ich muß ein Kleid anprobieren, du brauchst dich also nicht zu beunruhigen!« antwortete sie, sehr ungezwungen, wie sie glaubte. Er aber hörte an dem falschen Akzent, daß es einstudiert war, und sagte nur:

»Also dann adieu!«

Sie ging auf ihn zu, um sich küssen zu lassen. Er nahm sie in die Arme und drückte sie an die Brust, als wolle er sie ersticken, darauf küßte er sie auf die Stirn, führte sie zur Tür, schob sie hinaus und sagte ganz kurz: »Adieu!«

Sechzehntes Kapitel

Auf dem Weißen Berge

Eines Nachmittags im August sitzt Falk wieder im Park auf Mosebacke, einsam, wie er den ganzen Sommer über gewesen ist, und summiert seine Erfahrungen in diesem Vierteljahr, das vergangen ist, seit er zuletzt hier war, so voller Hoffnungen, so mutig und so stark. Er fühlt sich alt, müde, gleichgültig; er hat in all diese Häusermassen hineingesehen, die dort unten stehen, und es sah immer anders aus, als er gedacht hatte. Er hat sich in der Welt umgeschaut und hat die Menschen unter mancherlei Verhältnissen beobachtet, wie es nur einem Armenarzt oder einem Zeitungsschreiber vergönnt ist, allerdings mit dem Unterschiede, daß der Journalist sie zu sehen bekommt, wie sie sich zeigen, während der Arzt sie gewöhnlich sieht, wie sie sind. Er hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen als Gesellschaftstiere in allen möglichen Formen zu sehen. Er war im Reichstag gewesen, hatte an Kirchenratssitzungen, Generalversammlungen von Aktiengesellschaften, Wohltätigkeitsveranstaltungen, polizeilichen Untersuchungen, Festen, Beerdigungen, Volksversammlungen teilgenommen; überall große Worte und viele Worte, Worte, die in der täglichen Rede nie gebraucht wurden, eine besondere Art von Worten, die nicht ein Ausdruck für irgendeinen Gedanken sind, wenigstens nicht für den, der ausgesprochen werden müßte. Er hatte dadurch eine einseitige Auffassung vom Menschen bekommen und konnte in ihm nur noch das verlogene Gesellschaftstier sehen, das er sein muß, da die Zivilisation offenen Krieg verbietet; infolge seines Mangels an Verkehr vergaß er, daß es ein anderes Tier gab, das zwischen Glas und Wand recht liebenswürdig ist, wenn es nicht gereizt wird, und das sich gern mit all seinen Fehlern und Schwächen zeigt, wenn keine Zeugen anwesend sind. Das hatte er vergessen, und deshalb war er sehr bitter. Aber ein anderer Umstand war noch trauriger: er hatte die Achtung vor sich selbst verloren! Und zwar ohne eine einzige Handlung begangen zu haben, deren er sich hätte schämen müssen! Andere aber hatten sie ihm geraubt, und das geht sehr leicht vonstatten. Überall, wo er auch aufgetreten war, hatte man ihm Mißachtung gezeigt, und wie hätte er, der von Kindheit an des Selbstgefühls beraubt worden war, den achten können, den alle andern mißachteten! Eins aber machte ihn wirklich unglücklich, nämlich zu sehen, wie die Referenten der konservativen Zeitungen, das heißt alle, die alles Verkehrte verteidigten oder zum mindesten unangetastet ließen, mit sehr großer Höflichkeit behandelt wurden. Er zog sich also nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Zeitungsschreiber die allgemeine Verachtung zu, sondern als Anwalt der Elenden! Bisweilen war er ein Raub grausamer Zweifel gewesen. Er hatte zum Beispiel in dem Bericht über die Generalversammlung des Triton das Wort Schwindel gebraucht. Hierauf hatte das Graumützchen mit einem langen Artikel erwidert und so klar bewiesen, daß die Gesellschaft ein national-patriotisches, philanthropisches Unternehmen sei, daß er selbst fast glaubte, unrecht gehabt zu haben, und sich lange mit Gewissensbissen plagte, weil er so leichtsinnig mit dem Ruf der Menschen umgegangen war. Er befand sich eben jetzt in einem Zustand zwischen Fanatismus und absolutem Indifferentismus, und es hing nur von dem nächsten Impuls ab, welche Richtung er einschlagen würde.

Das Leben war ihm in diesem Sommer so sauer geworden, daß er mit Schadenfreude jeden Regentag begrüßte, und er fühlte jetzt ein relatives Behagen, als er sah, wie hier und da ein welkes Blatt über die Kieswege raschelte. Er saß da und stellte zu seinem Trost teuflisch heitere Betrachtungen über sein Dasein und dessen Zweck an, als er fühlte, wie eine magere, knochige Hand sich auf seine Schulter legte und eine andere seinen Arm umspannte, als wolle der Tod ihn beim Wort nehmen und ihn zum Tanz führen. Er blickte auf und erschrak: da stand Ygberg, bleich wie eine Leiche, mit abgezehrtem Gesicht und mit Augen, die eine so verwässerte Farbe hatten, wie nur der Hunger sie hervorbringen kann.

»Ah, guten Tag, Falk,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme und klapperte am ganzen Körper.

»Guten Tag, Ygberg,« antwortete Falk und kam in recht gute Laune. »Setz dich und trinke eine Tasse Kaffee mit mir, zum Teufel! Wie gehts dir? Du siehst aus, als hättest du unterm Eis gelegen!«

»Ach, ich bin so krank gewesen, so krank!«

»Du hast einen angenehmen Sommer gehabt, gerade wie ich!«

»Ist er für dich auch so schwer gewesen?« fragte Ygberg, während eine schwache Hoffnung, es möchte so sein, sein gelbgrünes Gesicht erhellte.

»Ich will nur sagen: Gott sei Dank, daß der verfluchte Sommer vorbei ist! Meinetwegen könnte das ganze Jahr Winter sein! Nicht genug, daß man selber leiden muß, man soll auch noch mit ansehen, wie andere sich freuen! Ich habe keinen Fuß vors Tor gesetzt! Und du?«

»Ich habe keine Tanne gesehen, seit Lundell im Juni von Lill-Jans fortgezogen ist! Aber warum muß man auch gerade Tannen sehen! Das ist nicht so nötig! Und etwas Merkwürdiges ist es auch nicht! Aber daß man es nicht haben kann, das empfindet man so bitter!«

»Nun, das soll uns jetzt nicht kümmern; da hinten im Osten ist es trüb, also morgen bekommen wir Regen, und wenn die Sonne wieder scheint, ist es Herbst! Prost!«

Ygberg sah den Punsch an, als dächte er, es sei Gift, aber er trank doch.

»Nun,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »du hast doch die schöne Erzählung von dem Schutzengel oder der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton für Smith geschrieben. War das nicht gegen deine Überzeugung?«

»Überzeugung? Ich habe keine Überzeugung!«

»Hast du keine?«

»Nein, nur dumme Menschen haben eine!«

»Bist du unmoralisch, Ygberg?«

»Nein! Sieh, wenn ein dummer Mensch einen Gedanken hat, entweder aus sich selbst oder aus andern, so erhebt er ihn zu seiner Überzeugung und hält daran fest und prahlt damit, nicht weil es eine Überzeugung ist, sondern weil es seine Überzeugung ist. Was die in Rede stehende Gesellschaft betrifft, so glaube ich, daß es Schwindel ist. Sie schadet recht vielen Menschen, nämlich den Aktionären, dafür aber macht sie andern, der Direktion und den Beamten, um so mehr Freude, und auf diese Weise tut sie doch viel Gutes!«

»Hast du denn alle Begriffe von Ehre verloren, Freund?«

»Man muß alles seiner Pflicht opfern!«

»Ja, das gebe ich zu.«

»Des Menschen erste und größte Pflicht ist es, zu leben -- zu leben, um welchen Preis es auch sei! Das fordert das göttliche Gebot, das fordert das menschliche Gesetz.«

»Aber die Ehre darf man nicht opfern.«

»Beide Gesetze fordern, wie gesagt, daß man alles opfert -- sie fordern von dem Armen, die sogenannte Ehre zu opfern! Das ist grausam, aber der Arme kann nicht dafür!«

»Du hast keine heiteren Ansichten vom Leben!«

»Wo sollte ich die herhaben?«

»Ja, das ist wahr!«

»Aber um auf etwas anderes zu kommen: ich habe einen Brief von Rehnhjelm. Ich will dir etwas daraus vorlesen, wenn du magst.«

»Er ist ja zum Theater gegangen, hörte ich.«

»Ja, und da scheint er keine guten Tage zu haben.«

Ygberg holte einen Brief aus der Brusttasche, steckte ein Stück Zucker in den Mund und las:

»Wenn es eine Hölle im künftigen Leben gibt, was recht zweifelhaft ist ...«

»Der Junge ist Freidenker geworden!«

... »so kann sie nicht schlimmer sein als meine jetzige. Ich bin seit zwei Monaten engagiert, und mir kommt es vor, als seien es zwei Jahre. Ein Teufel, ein ehemaliger Stellmachergeselle, jetzt Theaterdirektor, hat mein Schicksal in die Hände genommen und geht so zu Werk, daß ich dreimal täglich ans Ausreißen denke; aber vorsichtigerweise sind die Strafbestimmungen des Kontrakts so schwer, daß ich den Namen meiner Eltern entehren würde, im Falle eines Prozesses, so daß ich es vorziehe, zu bleiben. Denke Dir, ich bin Abend für Abend als Statist aufgetreten und habe noch kein Wort sagen dürfen. Zwanzig Abende hintereinander habe ich mir Umbra ins Gesicht schmieren und in einem Zigeunerkostüm auftreten müssen, von dem nicht ein Stück mir paßt: das Trikot ist zu lang, die Schuhe zu groß, die Jacke zu kurz. Ein Unterteufel, Kulissensouffleur genannt, paßt genau auf, daß ich diese Kleidungsstücke nicht gegen passende vertausche, und immer, wenn ich versuche, mich hinter dem Volkshaufen zu verkriechen, der aus den Fabrikarbeitern des direktorialen Fabrikbesitzers besteht, öffnen sie die Reihen und stoßen mich nach vorn, und sehe ich dann nach den Kulissen hinüber, so steht dort der Unterteufel und lacht, und blicke ich in den Zuschauerraum, so sehe ich den Bösen selber in der Loge sitzen und lauten Halses lachen. Er scheint mich zu seinem Privatvergnügen engagiert zu haben, nicht, damit ich dem Theater etwas nütze. Einmal wagte ich seine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß ich mich einmal in Sprechrollen üben müsse, wenn ich Schauspieler werden solle. Da wurde er grob und erklärte, erst müsse man kriechen lernen, ehe man gehen könne! Ich erwiderte ihm, ich könne gehen! Das sei eine Lüge, sagte er und fragte mich, ob ich glaube, die Schauspielkunst, die schönste und schwerste aller Künste, erfordere keine Schule. Als ich ihm antwortete, das eben sei meine Ansicht, und deshalb warte ich ungeduldig darauf, diese Schule beginnen zu dürfen, sagte er, ich sei ein ungebildeter Hund und er werde mir einen Tritt geben. Als ich hiergegen opponierte, fragte er weiter, ob ich glaube, sein Theater sei eine Rettungsanstalt für unbemittelte Jünglinge; ich antwortete mit einem offenen, unbedingten, freudigen Ja! Da erklärte er, er werde mich morden, und dabei ist er jetzt. Ich fühle, wie meine Seele herunterbrennt wie ein Talglicht in Zugluft, und bin beinahe überzeugt davon, daß das Böse zum Schluß siegen wird, obwohl es sich in Wolken verbirgt, oder wie es im Katechismus heißt. Aber das Schlimmste von allem ist, daß ich die Achtung vor dieser Kunst verliere, die die Liebe und der Traum meiner Jugend gewesen ist. Wie ist es anders möglich, als daß ich anfangen muß, den Wert dieser Kunst gering zu schätzen, wenn ich hier Leute sehe, die ohne Erziehung, ohne Bildung, vom Handwerk und von der Straße kommen, nur von Eitelkeit und Leichtsinn getrieben, ohne Begeisterung und Verstand, sehe, wie sie nach ein paar Monaten Charakterrollen, historische Rollen spielen, leidlich gut, ohne einen Funken von Ahnung von der Zeit zu haben, in der sie sich bewegen, oder eine Spur von Verständnis für die Bedeutung, die die Personen, die sie darstellen, in Wirklichkeit besaßen.

Es ist ein langsamer Meuchelmord, der an mir verübt wird. Und unter diesem Pöbel, der mich unterdrückt (einige Mitglieder der Truppe sind mit Paragraphen des Strafgesetzbuches in Kollision gekommen), werde ich, was ich nie gewesen bin -- Aristokrat, denn so schwer kann der Druck der Gebildeten von den Ungebildeten nie empfunden werden.

Aber es gibt doch einen Lichtpunkt in dieser Finsternis: ich liebe. Ein Mädchen von reinstem Gold mitten in diesen Schlacken. Natürlich wird auch sie zu Boden getreten und macht dieselbe langsame Hinrichtung durch wie ich, nachdem sie mit Stolz und Verachtung die schändlichen Anträge des Regisseurs zurückgewiesen hat. Sie ist die einzige Frau mit lebendigem Geist unter all den Tieren, die sich hier im Schmutz wälzen, und sie liebt mich mit ihrer ganzen Seele und ist jetzt im geheimen meine Braut. -- Oh, ich warte nur auf den Tag, da ich mich durchgesetzt habe und ihr meine Hand bieten kann, aber wann? Wir haben oft daran gedacht, zusammen in den Tod zu gehen, doch dann kommt die trügerische Hoffnung und verleitet einen, das Elend fortzusetzen! Dies unschuldige Mädchen zu sehen, zu sehen, wie sie leidet und sich schämt, wenn sie gezwungen wird, in unanständigen Kostümen aufzutreten, das ist mehr, als man ertragen kann! Aber ich will dies traurige Kapitel einstweilen ruhen lassen.

Von Olle kann ich grüßen, und von Lundell auch! Olle hat sich sehr verändert! Er ist in eine neue Art Philosophie hineingekommen, die alles niederreißt und alle Dinge um und um kehrt, daß sie auf dem Kopf stehen. Es ist sehr amüsant anzuhören und wirkt bisweilen sehr wahr, ist aber auf die Dauer recht gefährlich. Ich glaube, ihm sind diese Ideen in dem Verkehr mit einem hiesigen Schauspieler gekommen, der ein sehr guter Kopf ist und große Kenntnisse besitzt, der aber sehr unmoralisch ist und den ich liebe und hasse zu gleicher Zeit. Es ist ein sonderbarer Mensch! Er ist im Grunde gut, aufopfernd, edel, großherzig, ich kann mit einem Wort nicht eine schlechte Eigenschaft von ihm anführen, -- aber er ist unmoralisch, und ohne Moral ist der Mensch doch ein Schuft. Nicht wahr?

Jetzt muß ich abbrechen, denn ich sehe meinen Engel, meinen guten Geist kommen; nun werde ich wieder eine Stunde haben, da alle bösen Gedanken fliehen und ich mich wieder als ein besserer Mensch fühle! Grüße Falk und bitte ihn, an mein Schicksal zu denken, wenn er es schwer hat.

Dein Freund R.«

»Nun, was sagst du dazu?«

»Das ist die alte Geschichte von den Kämpfen des wilden Tieres! Weißt du, Ygberg, ich glaube, man muß ein schlechter Mensch werden, wenn man in der Welt vorwärts kommen will.«

»Versuche es! Es ist vielleicht nicht so leicht!«

»Hast du jetzt noch Geschäfte mit Smith?«

»Nein, leider nicht. Du etwa?«

»Ich bin wegen meiner Gedichte bei ihm gewesen. Er hat sie für zehn Kronen pro Bogen gekauft, so daß er an mir denselben Mord begehen kann wie der Stellmacher an Rehnhjelm. Und ich fürchte etwas in dieser Art, denn noch habe ich keinen Ton gehört. Er war beängstigend gutmütig, so daß ich auf das Allerschlimmste gefaßt bin, wenn ich nur wüßte, was es ist. Aber was ist dir, Bruder, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«

»Ja, siehst du,« erwiderte Ygberg und hielt sich am Geländer fest, »ich habe seit zwei Tagen nur diese fünf Stückchen Zucker gegessen! Ich glaube, ich werde ohnmächtig!«

»Wenn dir mit Essen geholfen ist, so geht es, denn ich habe glücklicherweise Geld bei mir!«

»Gewiß ist mir mit Essen geholfen,« flüsterte Ygberg mit matter Stimme.

Das war jedoch nicht der Fall, denn als sie in die Kneipe gegangen waren und Essen vorgesetzt bekamen, wurde Ygberg immer elender, und Falk mußte ihn unter den Arm nehmen und ihn nach Hause bringen in seine Wohnung hinten auf dem Weißen Berge.

Es war ein altes einstöckiges Holzhaus, das auf einen Berg geklettert war und jetzt aussah, als habe es ein Hüftleiden; es war scheckig, als habe es den Aussatz gehabt, denn es hatte früher einmal angestrichen werden sollen, aber es war beim Spateln geblieben; es sah in jeder Beziehung erbärmlich aus, und man traute dem Feuerversicherungsschild nicht recht, das an der Wand rostete, als eine Verheißung, daß ein Phönix aus der Flamme emporsteigen werde. Zu Füßen des Hauses wuchsen Butterblumen, Brennesseln und Wegerich, diese treuen Begleiter des Menschen in der Not; Spatzen badeten in dem glühend heißen Sand, daß er nur so spritzte, und Kinder mit dicken Bäuchen und blassen Gesichtern, die aussahen, als würden sie mit neunzig Prozent Wasser ernährt, machten sich Halsketten und Armbänder aus Butterblumenstengeln und suchten sich im übrigen ihr trauriges Dasein zu verbittern, indem sie sich zankten und beschimpften.

Falk und Ygberg stiegen eine knarrende, wackelige Holztreppe hinauf und kamen in ein großes Zimmer, in dem drei Parteien wohnten, die das Zimmer mit Kreidestrichen in drei Kreise eingeteilt hatten. In zweien von diesen Kreisen wurde ein Handwerk betrieben, von einem Tischler und einem Schuhmacher; der dritte Kreis war ausschließlich für das Familienleben bestimmt. Wenn die Kinder zu schreien anfingen, was alle Viertelstunde geschah, geriet der Tischler in Raserei und begann zu schimpfen und zu fluchen, was wieder von seiten des Schuhmachers Bibelsprüche und Ermahnungen zur Folge hatte. Die Nerven des Tischlers waren von diesem ewigen Jammergeschrei, den Züchtigungen und dem Zank so aufgerieben, daß er, obwohl er sich vorgenommen hatte, Geduld zu üben, kaum fünf Minuten, nachdem der Schuhmacher die Versöhnungsprise angeboten hatte, von neuem in Wut geriet; er war meistens den ganzen Tag in Wut, am schlimmsten aber war es, wenn er die Frau fragte, »warum die Teufel von Weibern so viele Kinder in die Welt setzen müßten«, denn dann kam die Frauenfrage aufs Tapet, und dann blieb man ihm die Antwort nicht schuldig.

Durch dies Zimmer gingen Falk und Ygberg, um in Ygbergs Kammer zu gelangen; aber obwohl sie ganz leise gingen, weckten sie doch zwei von den Kindern auf, weshalb die Mutter ein Wiegenlied zu singen begann, mitten in einem Wortwechsel zwischen Schuhmacher und Tischler, so daß der Tischler sofort wieder einen Anfall bekam.

»Sei still, Weib!«

»Sei doch selber still! Kann Er die Kinder nicht schlafen lassen?«

»Geh zur Hölle mit den Gören! Sind es meine Kinder? Soll ich darunter leiden, daß andere liederlich gewesen sind? Was? Bin ich selber liederlich? He? Habe ich selber Kinder? Halt den Mund, oder du kriegst den Hobel an den Kopf!«

»Aber Meister! Meister!« nahm der Schuhmacher das Wort; »Er darf nicht so von den Kindern reden! Gott schickt die Kinder auf die Welt!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Nein, der Böse schickt sie! Und dann schieben die liederlichen Eltern es auf Gott! Oh, ihr solltet Euch schämen!«

»Meister! Meister! Er soll doch nicht fluchen! Die Bibel sagt, den Kindern gehört das Himmelreich.«

»Ach so, solche sind im Himmelreich!«

»Gott, wie Er redet,« rief die erzürnte Mutter. »Wenn Er selbst einmal Kinder bekommt, so will ich beten, daß sie verkrüppelt und lahm werden; ich will beten, daß sie stumm und taub und blind sind; ich will beten, daß sie in die Besserungsanstalt und an den Galgen kommen; das will ich tun.«

»Ja, tu das, du liederliches Weibsstück; ich habe nicht die Absicht, Kinder in die Welt zu setzen, damit sie wie Hunde schuften; Ihr müßtet ins Arbeitshaus, weil Ihr solche armen Dinger ins Elend hineinsetzt. Ihr seid verheiratet? Ja! Müßt Ihr liederlich sein, weil Ihr verheiratet seid? He?«

»Meister! Meister! Gott schickt doch die Kinder!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Ich habe in einer Zeitung gelesen, die verdammte Kartoffel sei schuld, daß die Armen so viele Kinder kriegen, denn seht, die Kartoffel enthält zwei Materien oder Stoffe, die man Sauerstoff und Stickstoff nennt; wenn sie in einer gewissen Zusammensetzung und in einer bestimmten Menge vorkommen, werden die Frauen fruchtbar!«

»Aber wie soll man es denn ändern?« fragte die erzürnte Mutter, deren Gefühle sich beim Anhören des interessanten Vortrags besänftigt hatten.

»Man soll das Kartoffelessen lassen, das kannst du doch wohl begreifen!«

»Was soll man denn essen, wenn man keine Kartoffeln essen darf?«

»Beefsteak, Weib, mußt du essen! Beefsteak mit Zwiebeln! He! Ist das gut? Oder Chatto-briang! Weißt du, was das ist? He? Im ›Vaterland‹ stand neulich von einer Frau, die Mutterkorn genommen hat, so daß beinahe sie und das Kind draufgegangen wären.«

»Was sagst du da?« fragte die Frau und spitzte die Ohren.

»Bist du neugierig, he?«

»Ist das mit dem Mutterkorn wirklich wahr?« fragte der Schuhmacher blinzelnd.

»Ja, das treibt Leber und Lunge aus einem heraus, und übrigens steht schwere Strafe darauf, und das ist recht!«

»Ist das recht?« fragte der Schuhmacher mit dumpfer Stimme.

»Gewiß ist das recht! Wer liederlich ist, muß Strafe haben; und man darf doch seine Kinder nicht morden!«

»Kinder! Das ist doch wohl noch ein Unterschied,« sagte die erzürnte Mutter ergeben. »Aber wo kommt der Stoff her, Meister, von dem du sprachst?«

»Ach so, du willst noch mehr Kinder machen, du Weibsstück, obwohl du Witwe mit Fünfen bist! Nimm dich vor dem Schuster in acht; der ist sehr streng gegen die Weiber, obwohl er gottesfürchtig ist! Gib eine Prise her, Schuster!«

»Also es gibt wirklich ein Kraut ...«

»Wer hat gesagt, daß es ein Kraut ist? Habe ich gesagt, daß es ein Kraut ist? Nein! Es ist ein zoologischer Stoff. Seht einmal, alle Stoffe -- es gibt etwa sechzig Stoffe in der Natur -- alle Stoffe lassen sich in chemische und zoologische einteilen; dieser Stoff heißt auf lateinisch +Cornutibus secalias+ und kommt im Auslande vor; zum Beispiel auf der Kalabrischen Halbinsel.«

»Ist es wohl sehr teuer, Meister?« fragte der Schuhmacher.

»Teuer!« wiederholte der Tischler und hielt den Hobel, als ziele er mit einem Karabiner. »Es ist verteufelt teuer!«

Falk, der mit großem Interesse diese ganze Unterhaltung angehört hatte, fuhr zusammen, als er durch das offene Fenster hörte, wie ein Wagen auf der Straße anhielt und zwei Frauenstimmen, die er zu kennen glaubte, ein Gespräch anfingen:

»Dies Haus sieht gut aus!«

»Es sieht gut aus?« fragte die ältere Dame. »Ich finde, es sieht schrecklich aus.«

»Ich finde, es sieht gut aus für unsern Zweck. Wissen Sie, ob hier im Hause Arme wohnen, Kutscher?«

»Ich weiß es nicht, aber der Teufel soll mich holen, wenn keine drin wohnen.«

»Fluchen ist Sünde, also lassen Sie das! Warten Sie hier auf uns, während wir hinaufgehen und unseres Amtes walten.«

»Höre, Eugenie, wollen wir nicht hier unten bleiben und erst mit den Kindern sprechen?« sagte Frau Revisor Homan zu Frau Falk.

»Ja, das wollen wir tun! Komm her, kleiner Junge, wie heißt du?«

»Albert!« antwortete ein kleiner blasser Sechsjähriger.

»Kennst du Jesus, mein liebes Kind?«

»Nee,« antwortete der Kleine lachend und steckte den Finger in den Mund.

»Das ist ja entsetzlich,« sagte Frau Falk und holte ihr Notizbuch heraus. »Ich schreibe also hier: Katharina-Gemeinde, auf dem Weißen Berge. Tiefe geistige Finsternis bei den Minderjährigen. -- Kann man Finsternis sagen? -- Nun, möchtest du ihn nicht kennenlernen?« fragte sie weiter.

»Nee!«

»Willst du denn einen Groschen haben, mein Junge?«

»Ja!«

»Bitte, sagt man! -- Im höchsten Grade verwahrlost; es gelang jedoch durch Milde, ihnen ein besseres Benehmen beizubringen.«

»Hier ist ein entsetzlicher Geruch; wir wollen weitergehen, Eugenie,« bat Frau Homan.

Sie stiegen die Treppen hinauf und traten, ohne zu klopfen, in das große Zimmer.

Der Tischler griff zum Hobel und nahm ein ästiges Brett in Angriff, so daß die Damen schreien mußten, um sich Gehör zu verschaffen.

»Ist hier jemand, der nach Erlösung und Gnade dürstet?« schrie Frau Homan, während Frau Falk mit Parfüm aus dem Zerstäuber die Kinder besprengte, die zu schreien anfingen, weil es ihnen in den Augen brannte.

»Haben Sie Erlösung auszubieten?« fragte der Tischler, der eine Pause in der Arbeit machte. »Wo haben Sie die her? Vielleicht gibt es auch Wohltätigkeit und Demütigung und Hoffart? He?«

»Sie sind ein roher Mensch, der der Verdammnis anheimfallen wird,« erwiderte Frau Homan. Frau Falk schrieb in ihr Notizbuch und sagte. »Der ist gut.«

»Sprechen Sie,« sagte die Frau Revisor.

»Das kennen wir! Vielleicht wollen die Damen über Religion mit mir sprechen! Ich kann über alles sprechen! Wissen die Damen, daß in Niceum im Jahre 829 ein Konzil stattfand, wo der Heilige Geist in die Schmackhaldinschen Artikel aufgenommen wurde?«

»Nein, das wissen wir nicht, guter Mann!«

»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein, sagt die Heilige Schrift! Also die Damen kennen das Konzil zu Niceum im Jahre 829 nicht? Wie kann man da andere lehren wollen, wenn man selber nichts weiß? Nun, wenn jetzt die Wohltätigkeit losgehen soll, so passen Sie den Augenblick ab, wenn ich den Rücken wende, denn die wahre Wohltätigkeit geschieht im geheimen. Aber üben Sie sie vor allen Dingen an den Kindern, die können sich nicht wehren; doch kommen Sie uns nicht zu nah! Geben Sie uns Arbeit, wenn Sie wollen, und lernen Sie Arbeit bezahlen, dann brauchen Sie nicht so umherzulaufen! Eine Prise, Schuster!«

»Kann man so schreiben, Evelyn?« fragte Frau Falk, »starker Unglaube, Verstocktheit ...«

»Verhärtung ist besser, liebe Eugenie!«

»Was schreiben die Damen auf? Unsere Sünden? Dann ist das Buch viel zu klein ...«

»Die Frucht der sogenannten Arbeitergewerkschaften ...«

»Sehr gut,« sagte die Frau Revisor.

»Nehmen Sie sich vor den Gewerkschaften in acht,« sagte der Tischler. »Jetzt ist es seit ein paar Jahrhunderten über die Könige hergegangen, aber nun haben wir entdeckt, daß es nicht ihre Schuld ist; das nächste Mal kommen alle Faulenzer an die Reihe, die von der Arbeit anderer existieren; dann sollt ihr was erleben!«

»Still, still!« sagte der Schuhmacher.

Die erzürnte Mutter, die während dieses Auftritts die Augen auf Frau Falk gerichtet hatte, benutzte jetzt eine Pause, um zu fragen: »Verzeihung, sind Sie nicht Frau Falk?«

»Nein, das bin ich nicht,« antwortete die fragliche Dame mit einer Sicherheit, die sogar Frau Homan frappierte.

»O Herrgort, die Dame ist Ihnen so ähnlich; ich kannte ihren Vater, den Flaggschiffer Raanock auf dem Holm, als er Matrose war!«

»Das ist ja sehr interessant, aber das gehört nicht hierher ... Wohnt hier noch sonst jemand, der Erlösung braucht ...«

»Nein,« sagte der Tischler, »Erlösung brauchen sie nicht, aber Essen und Kleider, oder am liebsten Arbeit, viel Arbeit und gutbezahlte Arbeit. Aber es ist besser wenn die Damen nicht hineingehen, denn der eine hat die Pocken ...«

»Die Pocken!« schrie Frau Homan; »und man hat uns kein Wort davon gesagt! Komm, Eugenie, dann schicken wir die Polizei her. Pfui, was für Menschen!«

»Aber die Kinder? Wem gehören diese Kinder? Antworten!« sagte Frau Falk und drohte mit dem Bleistift.

»Mir, gute Frau!« sagte die Mutter.

»Aber der Mann? Wo ist der Mann?«

»Der läßt sich nicht mehr blicken,« sagte der Tischler.

»So! Dann werden wir ihm die Polizei auf den Hals schicken! Und wir werden ihn ins Arbeitshaus stecken! Hier soll es anders werden! -- Dies ist wirklich ein gutes Haus, wie ich sagte, Evelyn!«

»Wollen gnädige Frau nicht Platz nehmen?« fragte der Tischler. »Es plaudert sich besser, wenn man sitzt, aber Stühle können wir Ihnen nicht anbieten, denn wir haben keine, und das macht nichts; wir haben auch keine Betten, die sind draufgegangen für die Beisteuer zur Gasbeleuchtung, +pro primo+, damit Sie nicht nachts im Dunkeln aus dem Theater nach Hause gehen müssen; wir haben kein Gas, wie Sie sehen; und für die Wasserleitung, +pro secundo+, damit Ihre Dienstmädchen keine Treppen zu steigen brauchen; wir haben keine Wasserleitung; und für das Krankenhaus, +pro tertio+, damit Ihre Söhne nicht zu Hause zu liegen brauchen ...«

»Komm, Eugenie, um Gottes willen, hier wird es unerträglich ...«

»Ich versichere Ihnen, meine Damen, es ist hier schon unerträglich,« sagte der Tischler. »Und es wird ein Tag kommen, da es noch schlimmer wird, aber dann, dann kommen wir vom Weißen Berge herunter, und vom Schinderbuchtberge, und vom Tyskbagarberge, und wir kommen mit großem Getöse wie ein Wasserfall und fordern unsere Betten zurück. Fordern? Nein, nehmen! Und ihr könnt dann auf Hobelbänken liegen, wie ich es muß, und ihr werdet Kartoffeln essen, daß eure Bäuche sich wie ein Trommelfell spannen, ganz als hättet ihr die Wasserprobe durchgemacht wie wir ...«

Die Damen waren verschwunden, unter Zurücklassung eines Stoßes Broschüren.

»Pfui Teufel, wie das nach Eau de Cologne riecht! Ganz wie bei Dirnen!« sagte der Tischler. »Eine Prise, Schuster!«

Er wischte sich mit der blauen Schürze über die Stirn und griff wieder zum Hobel, während die Gesellschaft ihre Betrachtungen anstellte.

Ygberg, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, erwachte jetzt und machte sich zurecht, um mit Falk wieder fortzugehen. Durch das offne Fenster hörte man noch einmal Frau Homans Stimme:

»Was meinte sie mit dem Flaggschiffer? Dein Vater ist doch Kapitän?«

»Man nennt ihn so! Übrigens ist Schiffer und Kapitän dasselbe! Das weißt du doch! Findest du nicht, es war ein unverschämtes Pack? Hierher komme ich nie wieder! Aber ein feiner Bericht wird es! Fahren Sie nach Hasselbacken, Kutscher!«

Siebzehntes Kapitel

Natura ...

Falander saß eines Nachmittags zu Hause und lernte eine Rolle, als ein leises Klopfen -- zwei Doppelschläge -- an der Tür ertönte. Er sprang auf, zog einen Rock an und öffnete.

»Agnes! Das ist ein seltener Besuch!«

»Ja, ich mußte dir einmal Guten Tag sagen; es ist so verdammt langweilig!«

»Wie du fluchst!«

»Laß mich fluchen; das ist so schön!«

»Hm! Hm!«

»Gib mir eine Zigarre; ich habe seit sechs Wochen nicht geraucht! Diese Erziehung macht mich verrückt!«

»Ist er denn so streng?«

»Verdammt!«

»O pfui, Agnes, wie kannst du so etwas sagen!«

»Ich darf nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Punsch trinken, nicht abends ausgehen! Aber laß mich nur erst verheiratet sein! Dann!!!«

»Ist es sein voller Ernst?«

»Sein voller! Sieh dir dies Taschentuch an!«

»A. R. mit Krone; neun Zacken?«

»Wir haben die gleichen Initialen, und er hat mir seine Schablone geliehen! Ist das nicht fein?«

»Ja, das ist fein. Also soweit seid ihr schon!«

Der Engel im blauen Gewande warf sich selbstherrlich auf das Sofa und qualmte die Zigarre. Falander betrachtete ihren Körper mit Blicken, als mache er einen Kostenüberschlag, darauf sagte er:

»Trinkst du ein Glas Punsch?«

»Ja, gern!«

»Nun, du liebst deinen Verlobten?«

»Er gehört nicht zu der Sorte von Männern, die man richtig lieben kann! Doch das weiß ich übrigens nicht. Lieben! Hm! Was ist das eigentlich?«

»Ja, was ist das?«

»O, du weißt es schon! -- Er ist sehr achtenswert, schrecklich sogar, aber, aber, aber!«

»Nun?«

»Er ist so ordentlich!«

Sie sah Falander mit einem Lächeln an, daß der abwesende Bräutigam gerettet gewesen wäre, wenn er es gesehen hätte.

»Er ist nicht nett zu dir?« fragte Falander in neugierigem und unruhigem Ton.

Sie trank ihr Glas Punsch aus, machte eine Kunstpause, schüttelte den Kopf und sagte mit einem Theaterseufzer:

»Neihein!«

Falander schien mit der Antwort zufrieden zu sein und fühlte sich sichtlich erleichtert. Darauf setzte er seine Inquisition fort.

»Es mag lange dauern, bis du heiraten kannst! Er hat noch immer keine Rolle bekommen.«

»Nein, das weiß ich.«

»Das wird langweilig für dich werden?«

»Man muß Geduld haben!«

»Hier muß man die Folter anwenden,« dachte Falander.

»Du weißt doch, daß Jenny augenblicklich meine Geliebte ist.«

»Die alte häßliche Person!«

Es zog eine ganze Schar weißer Nordlichtflammen über ihr Gesicht, und alle Muskeln gerieten in Bewegung, als ständen sie unter der Einwirkung einer galvanischen Säule.

»Sie ist gar nicht so alt,« sagte Falander kaltblütig. »Hast du gehört, daß der Kellner aus dem Ratskeller in dem neuen Stück als Don Diego debütieren soll, und daß Rehnhjelm seinen Diener spielen wird? Der Kellner wird wohl Erfolg haben, denn die Rolle spielt sich von selber, aber der arme Rehnhjelm wird vor Scham sterben.«

»Gott im Himmel, was sagst du!«

»Es ist Tatsache!«

»Das darf nicht geschehen!«

»Wer kann es hindern?«

Sie sprang vom Sofa auf, leerte ein Glas, brach in heftiges Weinen aus und rief:

»O wie bitter die Welt ist, wie bitter! Es ist, als wenn eine böse Macht dasitzt und all unsere Wünsche ausspioniert, um sie durchkreuzen zu können, unsere Hoffnungen belauert, um sie zu zerschmettern, unsere Gedanken errät, um sie zu ersticken. Wenn man sich selbst alles Böse wünschen könnte, müßte man es tun, um diese Macht zum Narren zu halten!«

»Sehr richtig, mein Kind! Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß es schlimm endet! Aber das ist nicht das Traurigste! Hör zu, dann will ich dir einen Trost geben! Du weißt, jedes Glück, das dir zuteil wird, geschieht immer auf Kosten eines andern; wenn du eine Rolle bekommst, so hat ein anderer keine; dann windet er sich wie ein getretener Wurm, und du hast unfreiwillig Böses getan; deshalb ist auch das Glück vergiftet! Dein Trost im Unglück muß sein, daß du mit jedem Pech, das du erleidest, eine -- sagen wir unfreiwillige -- gute Tat tust, und unsere guten Taten sind die einzigen reinen Genüsse, die wir haben.«

»Ich will keine guten Taten tun, ich will keine reinen Genüsse haben, ich bin ebenso berechtigt wie andere, Glück zu haben, und ich -- werde -- Glück haben!«

»Um jeden Preis?«

»Um jeden Preis muß ich aufhören, die Kammerjungfer deiner Geliebten zu spielen!«

»Oh, du bist eifersüchtig! -- Lerne mit Geschmack Unglück zu haben, mein Kind, das ist größer -- und viel interessanter.«

»Sag mir eins -- liebt sie dich?«

»Ich fürchte, sie hat sich allzu ernstlich an mich attachiert!«

»Und du?«

»Ich? Ich werde nie eine andere lieben können als dich, Agnes.«

Er faßte ihre Hand.

Sie sprang vom Sofa auf, daß die Strümpfe zu sehen waren.

»Glaubst du, es gibt etwas, was Liebe heißt?« fragte sie und richtete ihre großen Pupillen auf ihn.

»Ich glaube, daß es mehrere Arten von Liebe gibt.«

Sie ging durchs Zimmer und blieb an der Tür stehen.

»Liebst du mich ganz, ungeteilt?« fragte sie mit der Hand am Schlüssel.

Er dachte zwei Sekunden nach und antwortete:

»Deine Seele ist böse, und ich liebe das Böse nicht!«

»Ich kümmere mich nicht um die Seele! Liebst du mich? Mich?«

»Ja! So sehr ...«

»Warum hast du mir Rehnhjelm auf den Hals geschickt?«

»Weil ich fühlen wollte, wie es ist, dich nicht zu besitzen!«

»Du hast also gelogen, als du sagtest, du seist meiner überdrüssig!«

»Ja, das habe ich getan!«

»O du Teufel!«

Sie hatte den Schlüssel hereingeholt und er die Jalousien heruntergelassen!

Achtzehntes Kapitel

Nihilismus

Als Falk an einem sehr regnerischen Abend im September nach Hause wanderte und in die Grafmagnistraße einbog, sah er zu seinem Erstaunen hinter seinem Fenster Licht. Als er näher kam, gewahrte er oben an der Decke einen Schatten, der an einen Menschen erinnerte, den er schon gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wer es war. Es war eine traurige Gestalt, die in der Nähe noch betrüblicher wirkte. Als Falk das Zimmer betrat, saß Struve am Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt. Seine Kleider waren naß vom Regen und hingen auf den Fußboden nieder, wo sich Wasserläufe gebildet hatten, die ihren Abfluß durch die Dielenritzen suchten; sein Haar stand ihm in Strähnen um den Kopf, und sein sonst so steifer englischer Backenbart hing wie Tropfstein auf seinen nassen Rock. Neben ihm auf dem Boden stand sein schwarzer Hut, der unter der eigenen Schwere das Knie gebeugt hatte und um seine verlorene Jugend zu trauern schien, denn er trug einen schmalen Trauerflor.

»Guten Abend,« sagte Falk; »das ist ja vornehmer Besuch!«

»Verspotte mich nicht,« bat Struve.

»Warum sollte ich das nicht? Ich wüßte keinen Grund, warum nicht.«

»Ach so, du bist auch am Ende!«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen, ich werde nächstens auch konservativ! Du hast Trauer, sehe ich, hoffentlich kann ich gratulieren.«

»Mir ist ein Kind gestorben.«

»Nun, dann kann ich dem gratulieren! -- Aber sag, was willst du eigentlich von mir? Du weißt, daß ich dich verachte; das tust du selbst wohl auch, vermute ich. Nicht wahr?«

»Freilich, aber höre einmal, mein Freund, findest du nicht, daß das Leben bitter genug ist, ohne daß man es sich gegenseitig unnötig zu verbittern braucht? Wenn Gott oder das Schicksal Vergnügen daran findet, so braucht sich doch nicht auch der Mensch so weit zu erniedrigen!«

»Das ist ein vernünftiger Gedanke; er macht dir Ehre! Willst du nicht meinen Schlafrock anziehen, während dein Gehrock trocknet; du frierst doch darin?«

»Ich danke dir, aber ich muß bald gehen.«

»O bleib doch eine Weile hier, dann können wir uns wenigstens einmal aussprechen.«

»Ich spreche so ungern von meinem Mißgeschick.«

»Dann sprich von deinen Verbrechen!«

»Ich habe keine begangen!«

»Oh, große! Du hast deine schwere Hand auf die Unterdrückten gelegt, du hast die Verwundeten mit Füßen getreten, du hast die Elenden verhöhnt! Erinnerst du dich des letzten Streiks, als du dich auf die Seite der Gewalt stelltest?«

»Auf die Seite des Gesetzes, lieber Freund!«

»Ha, das Gesetz! Wer hat das Gesetz für die Armen geschrieben, du Narr? Der Reiche! Das heißt der Herr für den Sklaven!«

»Das Gesetz hat das ganze Volk und das allgemeine Rechtsbewußtsein geschrieben -- das hat Gott geschrieben!«

»Spare deine großen Worte, wenn du mit mir sprichst. Wer hat das Gesetz des Jahres 1734 geschrieben? Herr Cronhjelm! Wer hat das letzte Gesetz über die Prügelstrafe aufgestellt? Das war Oberst Sabelmann -- sein Antrag war es --, und es wurde von seinen Bekannten durchgedrückt, die damals die Majorität ausmachten. Oberst Sabelmann ist nicht das Volk, und seine Bekannten sind nicht das allgemeine Rechtsbewußtsein. Wer hat das Gesetz über die Rechte der Aktiengesellschaften geschrieben? Richter Svindelgren! Wer hat die neue Reichstagsverfassung aufgesetzt? Assessor Vallonius! Wer hat das Gesetz über den ›gesetzlichen Schutz‹ gemacht, das heißt den Schutz des Reichen gegen die rechtmäßigen Ansprüche des Armen? Großhändler Kryddgren! Halt den Mund! Ich kenne deine Phrasen! Wer hat das neue Erbrecht entworfen? Verbrecher! Wer hat das Forstgesetz gemacht? Diebe! Wer hat das Gesetz über das Notenemissionsrecht der Privatbanken geschrieben? Schwindler! Und du behauptest, Gott habe das getan? Armer Gott!«

»Darf ich dir einen Rat geben, einen Rat fürs Leben, den mir die Erfahrung erteilt hat! Wenn du der Selbstverbrennung zuvorkommen willst, der du als Fanatiker entgegengehst, so eigne dir schleunigst eine neue Anschauung von Sachen und Dingen an; übe dich, die Welt in Vogelperspektive zu sehen, und du wirst erkennen, wie klein und bedeutungslos alles erscheint; geh davon aus, daß das Ganze ein Kehrichthaufen ist, daß die Menschen Abfall, Eierschalen, Mohrrübenkraut, Kohlblätter, Zeuglappen sind, so wirst du nie mehr überrumpelt werden, kannst nie mehr eine Illusion verlieren; dafür aber wirst du eine ganze Menge Freude erleben, so oft du einen schönen Zug, eine gute Tat siehst; lege mit einem Wort eine ruhige und stille Weltverachtung an -- du brauchst deshalb nicht zu fürchten, herzlos zu werden.«

»Diesen Standpunkt nehme ich noch nicht ein, das ist richtig, aber die Weltverachtung habe ich schon zum Teil. Das ist aber auch mein Unglück, denn wenn ich einen einzigen Beweis von Güte oder Edelmut sehe, liebe ich die Menschen wieder, überschätze sie und werde von neuem betrogen!«

»Werde Egoist! Pfeife auf die Menschen!«

»Ich fürchte, das kann ich nicht!«

»Suche dir eine andere Beschäftigung. Tu dich mit deinem Bruder zusammen; er scheint hier in der Welt zu gedeihen. Ich habe ihn gestern auf der Kirchenratsversammlung von Nicolai gesehen.«

»Auf der Kirchenratsversammlung?«

»Er ist im Kirchenrat! Ja, das ist ein Mann mit einer Zukunft! Der Pastor Primarius hat ihm zugenickt! Er wird nächstens Stadtverordneter werden, wie alle Hausbesitzer.«

»Wie steht es augenblicklich mit dem Triton?«

»Ach, die sind jetzt bei den Obligationen; dabei hat dein Bruder nichts verloren, wenn er auch nichts verdient hat, nein, er hat andere Geschäfte.«

»Wir wollen nicht von dem Mann reden.«

»Aber er ist doch dein Bruder!«

»Ist das ein Verdienst von ihm, daß er mein Bruder ist? Aber nun haben wir so viel hin und hergeredet; sage mir jetzt, was du willst!«

»Ach, ich habe morgen Begräbnis, und ich habe keinen Frack.«

»Nun, den kannst du bekommen ...«

»Danke, lieber Freund, du hilfst mir aus einer großen Verlegenheit. Das war die eine Sache; aber es ist noch eine andere, von etwas heiklerer Art ...«

»Warum wählst du mich, deinen Feind, zum Vertrauten in so heiklen Fällen? Das wundert mich!«

»Weil du ein Mensch von Herz bist ...«

»Darauf verlaß dich jetzt nicht mehr! Nun, sag ...«

»Du bist so nervös geworden, und so ganz anders, du warst doch früher so sanft!«

»Das sage ich ja! Nun, heraus mit der Sprache!«

»Ich wollte fragen, ob du mit zum Kirchhof gehen würdest?«

»Hm! Ich? Warum bittest du keinen von deinen Kollegen vom ›Graumützchen‹?«

»Weil es besondere Umstände sind! Dir kann ich es sagen! Ich bin nicht verheiratet!«

»Nicht verheiratet? Du, der Wächter des Altars und der Sitten, lockerst du die heiligen Bande?«

»Die Armut, die Verhältnisse! Aber ich bin doch glücklich! Meine Frau hat mich lieb und ich sie, und das ist alles! Es ist auch noch eine andere Ursache! Das Kind ist aus gewissen Gründen nicht getauft worden; es war drei Wochen alt, als es starb, und da bekommt es am Grabe keinen Pastor, aber das darf meine Frau nicht wissen, denn dann würde sie verzweifeln; deshalb habe ich ihr gesagt, der Geistliche komme direkt auf den Kirchhof; damit du Bescheid weißt. Sie selbst bleibt natürlich zu Hause. Du wirst nur zwei Personen treffen; der eine heißt Levi, ein jüngerer Bruder des Direktors vom Triton, der im Kontor der Gesellschaft angestellt ist; das ist ein liebenswürdiger junger Mann mit einem ungewöhnlich guten Kopf und einem noch besseren Herzen. Du mußt nicht lachen, ich sehe schon, du denkst, ich habe Geld von ihm gepumpt; das habe ich natürlich auch getan; aber es ist ein Mann, der dir gefallen wird! Und dann mein alter Freund Doktor Borg, der das Kind behandelt hat. Das ist ein vorurteilsloser Mann von sehr fortschrittlicher Denkart -- mit dem wirst du dich gut verständigen. Nun, jetzt kann ich wohl auf dich rechnen; wir sitzen nur zu vieren im Wagen, und dann natürlich der Sarg mit dem Kinde.«

»Ja, ich werde kommen!«

»Aber ich muß dich noch um eins bitten. Siehst du, meine Frau hat religiöse Bedenken, daß das Kind nicht selig wird, weil es ungetauft gestorben ist, und sie fragt alle Menschen nach ihrer Meinung, um ihr Gemüt zu beruhigen.«

»Nun, du kennst doch die Augsburger Konfession?«

»Es ist hier nicht die Rede von einer Konfession!«

»Aber wenn du für die Zeitung schreibst, ist immer die Rede von dem offiziellen Glauben.«

»Die Zeitung, ja, das ist ja die Sache der Firma -- wenn die Firma das Christentum aufrechterhalten will, so mag sie das tun; wenn ich für die Firma arbeite, so ... das ist eine Sache für sich ... Sei nett und stimme ihr zu, wenn sie sagt, sie glaube, daß das Kind selig wird.«

»Nun ja, um einen Menschen glücklich zu machen, kann ich wohl den Glauben verleugnen, besonders da es nicht meiner ist. Aber du mußt mir auch sagen, wo du wohnst!«

»Weißt du, wo der Weiße Berg liegt?«

»Ja, das weiß ich! Wohnst du etwa in diesem scheckigen Holzhaus oben auf dem Berge?«

»Woher kennst du das?«

»Ich bin einmal dort gewesen.«

»Du bist wohl mit dem Sozialisten Ygberg bekannt, der mir die Leute aufsässig macht? Ich bin Vizewirt dort für Smith und habe freie Wohnung dafür, daß ich die Mieten eintreibe; aber wenn sie nicht bezahlen können, so reden sie allerhand Quatsch, den er sie gelehrt hat, von Arbeit und Kapital und so allerhand, was in den Skandalzeitungen gestanden hat.«

Falk wurde still.

»Kennst du den Ygberg?«

»Ja, das tue ich! Willst du jetzt den Frack anprobieren?«

Nachdem Struve in den Frack geschlüpft war, zog er den nassen Gehrock darüber, knöpfte ihn bis zum Kinn zu, steckte sich einen zerkauten Zigarrenstummel an, der auf ein Streichholz gesteckt war, -- und ging.

Falk leuchtete ihm die Treppe hinunter.

»Du hast weit zu gehen,« sagte Falk, um den Abschied etwas abzurunden.

»Ja, das soll Gott wissen! Und einen Regenschirm habe ich nicht.«

»Und keinen Überzieher! Willst du nicht meinen Winterüberzieher anziehen?«

»O danke vielmals, aber das ist zu freundlich von dir!«

»Du kannst ihn mir ja gelegentlich wiedergeben!«

Falk kehrte in sein Zimmer zurück, holte den Überzieher und trug ihn Struve hinunter, der unten auf dem Flur stand, und nach einem kurzen Gute Nacht ging er wieder hinauf. Aber die Luft kam ihm so stickig vor, daß er das Fenster öffnete. Draußen strömte der Herbstregen nieder, prasselte auf die Dachpfannen und stürzte auf die schmutzige Straße. Von der Kaserne gegenüber hörte man den Zapfenstreich, während im Logement die Abendandacht gehalten wurde, daß abgerissene Choralverse durch die geöffneten Fenster drangen.

Falk fühlte sich leer und müde. Er hatte gehofft, einem Repräsentanten alles dessen, was er für feindlich hielt, eine Schlacht liefern zu dürfen, aber der Feind war geflüchtet und hatte ihn zugleich teilweise besiegt. Wenn er sich klarzumachen suchte, worum der Kampf eigentlich ging, gelang ihm das nicht, und wer recht hatte, konnte er auch nicht ergründen. Und er begann sich zu fragen, ob nicht die ganze Sache, die er zu der seinen gemacht hatte, die Sache der Unterdrückten nämlich, bloß eine Unwirklichkeit sei. Im nächsten Augenblick machte er sich diese Feigheit zum Vorwurf, und der permanente Fanatismus, der in ihm glühte, flammte wieder auf; er verurteilte seine Schwäche, die ihn ständig zum Nachgeben verleitete; eben hatte er den Feind in den Händen gehabt, und er hatte ihn nicht nur seinen tiefen Abscheu nicht fühlen lassen, sondern hatte ihn sogar mit Wohlwollen behandelt und ihm Sympathie erzeigt. Was würde der nun von ihm denken? Diese Gutmütigkeit war kein Verdienst, da sie ihn hinderte, kraftvolle Entschlüsse zu fassen, sie war nur eine moralische Schlappheit, die ihn unfähig machte für einen Kampf, dem er sich immer weniger gewachsen fühlte. Er verspürte das lebhafte Bedürfnis, das Feuer unter dem Kessel auszulöschen, der einem so hohen Druck nicht mehr lange widerstehen konnte, da kein Dampf verbraucht wurde, und er dachte an Struves Rat; er dachte so lange, daß er sich schließlich in einem chaotischen Zustand befand, in dem Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht in behaglicher Eintracht umhertanzten, so daß sein Gehirn, in dem die Begriffe durch die akademische Erziehung schön sortiert gewesen waren, bald wie ein gutgemischtes Kartenspiel aussah.

Es gelang ihm merkwürdig gut, sich in einen Zustand des Indifferentismus hineinzuarbeiten; er übte sich darin, gute Motive für die Handlungen des Feindes zu suchen und gab sich mit der Zeit selbst unrecht, fühlte sich versöhnlich gestimmt gegenüber der Weltordnung, nahm schließlich den erhöhten Standpunkt ein und fand es in der Tat völlig bedeutungslos, ob das Ganze nun schwarz oder weiß sei; war es schwarz, so gab es keine Sicherheit dafür, daß es nicht so sein sollte, und in diesem Falle stand es ihm nicht zu, es anders zu wünschen. Er fand diesen Seelenzustand angenehm, denn er brachte ein Gefühl von Ruhe mit sich, wie er es in den vielen Jahren, in denen er in Unruhe um die Menschheit gewesen war, nicht empfunden hatte. Er genoß diese Ruhe, im Verein mit einer Pfeife starken Tabaks, bis die Aufwärterin hereinkam, um sein Bett zurechtzumachen und ihm zugleich einen Brief zu bringen, den der Postbote eben abgegeben hatte. Der Brief war Olle Montanus unterzeichnet, war sehr lang und schien zum Teil einen lebhaften Eindruck auf Falk zu machen. Er hatte folgenden Wortlaut:

Lieber Freund!

Obwohl Lundell und ich jetzt unsere Arbeiten abgeschlossen haben und bald in Stockholm eintreffen werden, habe ich doch das Verlangen, meine Eindrücke aus den vergangenen Tagen hier aufzuzeichnen, weil sie von großer Bedeutung für mich und meine geistige Entwicklung gewesen sind; denn ich bin zu einem Resultat gekommen und stehe nun verwundert da wie ein eben ausgebrütetes Küchlein, das mit neugeöffneten Augen in die Welt blickt und der Eierschale, die ihm so lange das Licht ferngehalten hat, einen Tritt gibt. Dies Resultat ist allerdings nicht neu; Plato hat es bereits ausgesprochen, bevor das Christentum kam: die Wirklichkeit, die sichtbare Welt ist nur ein Schein, ein Schattenspiel der Gedanken; das heißt: die Wirklichkeit ist etwas Niederes, Bedeutungsloses, Sekundäres, Zufälliges. Jawohl! Aber ich will synthetisch verfahren und mit dem Einzelnen anfangen, um von da zum Allgemeinen zu kommen.

Zunächst will ich von meiner Arbeit sprechen, für die sich Reichstag und Regierung gemeinsam interessiert haben. Neben dem Altar in der Kirche von Träskaala standen zwei Holzfiguren; die eine war zertrümmert, die andere war heil. Die unbeschädigte hielt ein Kreuz in der Hand und war eine weibliche Gestalt; von der zertrümmerten Figur waren zwei Säcke mit Stücken in der Sakristei aufbewahrt. Ein gelehrter Altertumsforscher hatte den Inhalt der beiden Säcke untersucht, um das Aussehen der zertrümmerten Figur zu bestimmen, war aber über Mutmaßungen nicht hinausgekommen. Er ging jedoch gründlich zu Werk; er nahm eine Probe von der weißen Farbe, mit der die Figur überstrichen war, schickte sie an das Pharmazeutische Institut und erlangte auf diese Weise die Bestätigung, daß sie Blei enthalte und nicht Zink; folglich war die Figur älter als 1844, weil Zinkweiß erst in diesem Jahre in Gebrauch kam. (Was soll man zu einer solchen Schlußfolgerung sagen, die Figur konnte doch übermalt sein!) Darauf schickte er eine Probe des Holzes an das Tischleramt in Stockholm und bekam die Antwort, es sei Birke. Die Figur war also aus Birke, vor 1844 entstanden. Aber nicht das wollte er feststellen, sondern er hatte Anlaß(!) zu der Annahme (das heißt, er wünschte es um seiner Ehre willen), daß die Bildwerke aus dem sechzehnten Jahrhundert stammten, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie von dem großen (natürlich großen, da sein Name so gut in Eiche eingeschnitten war, daß er sich bis in unsere Tage erhalten hat) Burchard von Schiedenhanne verfertigt wären, der die Chorstühle in der Domkirche von Västeraas geschnitzt hat. Die gelehrten Untersuchungen wurden fortgesetzt. Er hatte etwas Gips von den Figuren in Västeraas gestohlen und schickte den nun mit der Gipsprobe aus der Sakristei von Träskaala an die Ekole pollyteknik (ich kann es nicht richtig schreiben) in Paris. Das Urteil war vernichtend für die Zweifler: die Analysen ergaben, daß die Gipsproben die gleiche Zusammensetzung hatten, 77 Äquivalente Kalk und 23 Schwefelsäure, folglich (!) stammten die Figuren aus der gleichen Epoche. Das Alter der Figuren war mithin festgestellt; die Teile wurden abgezeichnet und an die Akademie für Altertümer eingeschickt (die Gelehrten haben eine entsetzliche Passion, alles einzuschicken); jetzt mußte nur noch die zertrümmerte bestimmt und rekonstruiert werden. Zwei Jahre lang wurden die beiden Säcke zwischen Upsala und Lund hin und her geschickt; die beiden Professoren waren diesmal glücklich verschiedener Meinung, so daß ein Streit entstand; der Professor in Lund, der soeben Rektor geworden war, schrieb eine Abhandlung über die Figur für seine Rektoratsrede und schlug den Professor in Upsala zu Boden; dieser antwortete mit einer Broschüre. Glücklicherweise trat im selben Moment ein Professor von der Stockholmer Kunstakademie mit einer ganz neuen Ansicht auf; die Folge war wie immer, daß Herodes und Pilatus sich einigten und nun gemeinsam über den Stockholmer herfielen und ihn mit der ganzen Galle des Kleinstädters zerrissen. Ihre Meinung aber war, und daran hielt man fest: die zertrümmerte Figur habe den Unglauben dargestellt, weil doch die heile Figur -- mit dem Symbol des Kreuzes -- den Glauben darstellen mußte. Die Mutmaßung (des Professors in Lund), die zertrümmerte Figur habe die Hoffnung dargestellt, da man in dem einen Sack einen Ankerhaken gefunden habe, wurde verworfen, weil man dann das Vorhandensein einer dritten Figur, der Liebe, hätte voraussetzen müssen (!), von der sich keine Spur fand, und für die auch kein Platz da war; außerdem wurde (durch Beispiele aus der reichen Sammlung von Pfeilspitzen im Historischen Museum) bewiesen, daß es kein Ankerhaken sei, sondern eine Pfeilspitze, eine von den Waffen, durch die der Unglaube symbolisiert wird; vergleiche Brief an die Hebräer, wo von den blinden Schüssen des Unglaubens gesprochen wird, und Jesaias, wo mehrfach die Pfeile des Unglaubens erwähnt werden! Die Form der Pfeilspitze, die denen aus der Zeit des Reichsverwesers Sture genau glich, entfernte den letzten Zweifel betreffs des Alters der Figur.

Meine Aufgabe war nun, nach der Idee der Professoren eine Statue des Unglaubens als Pendant zum Glauben herzustellen. Das Programm war gegeben, und ich zögerte nicht. Ich suchte mir ein männliches Modell, denn ein Mann mußte es sein; ich habe lange suchen müssen, aber ich habe ihn gefunden, ja, ich glaube, ich fand den Unglauben in eigener Person -- und es ist mir brillant gelungen. Nun steht der Schauspieler Falander links vom Altar, mit einem mexikanischen Bogen aus dem Schauspiel Ferdinand Cortez und einem Räubermantel aus Fra Diavolo; aber die Leute sagen: es ist der Unglaube, der vor dem Glauben die Waffen streckt, und der Propst, der die Einweihungspredigt hielt, sprach von den herrlichen Gaben, die Gott bisweilen den Menschen gebe und besonders mir; und der Graf, bei dem wir zum Einweihungsdiner waren, erklärte, ich hätte ein Meisterwerk geschaffen, das gut mit den Werken der Antike zu vergleichen sei (die er in Italien gesehen habe); und ein Student, der bei dem Grafen konditionierte, nahm die Gelegenheit wahr, Verse drucken zu lassen und zu verteilen, in denen er den Begriff des Erhaben-Schönen entwickelte und eine historische Übersicht über die Teufelsmythe gab.

Bisher habe ich als echter Egoist nur von mir selber gesprochen! Was soll ich von Lundells Altarbild sagen? Es sieht folgendermaßen aus: Christus (Rehnhjelm) am Kreuz im Hintergrunde; links der unbußfertige Schächer (ich; der Schuft hat mich noch häßlicher gemacht als ich bin); rechts der bußfertige Schächer (Lundell selbst, die scheinheiligen Augen auf Rehnhjelm gerichtet); zu Füßen des Kreuzes Maria Magdalena (Maria, du weißt doch, tief dekolletiert); ein römischer Zenturio (Falander) zu Pferd (der Beschäler von dem Schöffen Olsson).

Ich kann nicht beschreiben, was für einen entsetzlichen Eindruck es auf mich machte, als nach der Predigt die Hüllen fielen und all diese bekannten Gesichter von dem erhöhten Platz am Altar über die Gemeinde hinstarrten, die mit Andacht den großen Worten des Geistlichen von der hohen Bedeutung der Kunst lauschte, zumal wenn sie im Dienst der Religion stehe. Vor meinen Augen zerriß in diesem Augenblick ein Schleier, der vieles, vieles verhüllt hatte, und was ich später über Glauben und Unglauben gedacht habe, sollst du einmal zu hören bekommen; was ich jedoch über die Kunst und ihre hohen Aufgaben denke, werde ich in einem Vortrag zum Ausdruck bringen, den ich in einem öffentlichen Lokal zu halten gedenke, sobald ich in die Stadt komme.

Daß Lundells religiöse Gefühle in diesen »teuren« Tagen überhandnahmen, kannst Du Dir vorstellen; er ist verhältnismäßig glücklich in seinem kolossalen Selbstbetrug, und er weiß nicht, daß er ein Schelm ist.

Nun habe ich, glaube ich, das meiste gesagt; das weitere mündlich, wenn wir uns sehen.

Bis dahin lebwohl und laß es dir gutgehen!

Dein wahrer Freund

Olle Montanus.

+PS.+ Ich habe ganz vergessen, von der Auflösung der Altertumsforschungsgeschichte zu erzählen. Sie endete so, daß der Armenhäusler Jan, der sich aus seiner Kindheit erinnert, wie die Figuren ausgesehen haben, die Erklärung abgab, es seien drei gewesen: Glaube, Liebe und Hoffnung; da die Liebe die größte sei (1. Korinther), so habe sie über dem Altar gestanden. Der Blitz habe sie und den Glauben um das Jahr 1810 niedergerissen. Die Figuren habe sein Vater, der Galjonschnitzer in Karlskrona war, verfertigt.

D.O.

Nach der Lektüre dieses Briefes ließ Falk sich an seinem Schreibtisch nieder, sah nach, ob die Lampe gut gefüllt war, steckte sich eine Pfeife an, holte ein Manuskript aus der Schublade und begann zu schreiben.

Neunzehntes Kapitel

Vom neuen Kirchhof nach Norrbacka

Der Septembernachmittag lag grau und warm und still über der Hauptstadt, als Falk die südlichen Höhen hinaufwanderte. Auf dem Katarinenkirchhof setzte er sich nieder, um auszuruhen; er empfand ein wirkliches Wohlbehagen, als er sah, daß die Ahorne in den letzten Nächten rotgefroren waren, und er hieß den Herbst mit seiner Dunkelheit, seinen grauen Wolken und seinem fallenden Laub herzlich willkommen. Kein Windhauch regte sich; es war, als ruhe die Natur, müde von der kurzen Sommerarbeit; alles ruhte, die Menschen lagen unter dem Rasen so still und friedlich, wie sie nie im Leben gewesen waren, und er wünschte, sie lägen alle dort unten und er auch. Oben auf dem Turm schlug die Uhr; da stand er auf und ging weiter, ging die Parkstraße entlang, bog in die Neue Straße ein, die vor hundert Jahren neu gewesen sein mochte, ging über den Neumarkt und kam nach dem Weißen Berge. Da blieb er vor dem scheckigen Hause stehen und hörte zu, was die Kinder sagten, denn wie gewöhnlich waren Kinder auf dem Hügel; und sie unterhielten sich laut und ungeniert, während sie kleine Ziegelsteine schliffen, die sie zum Hupfspiel brauchten.

»Was hast du zu Mittag bekommen, Janne?«

»Geht das dich was an?«

»Angeht? Sagst du, ob mich das was angeht? Nimm dich in acht, du, sonst hau ich dir eine runter!«

»Du! Ach, hör an! Du, mit den Augen!«

»Na, weißt du! Hab ich dich nicht neulich erst am Hammarbysee verwichst? He?«

»Ach, halt's Maul!«

Janne wird »verwichst«, und die Unruhe legt sich.

»Hast du etwa nicht auch Kresse auf dem Katrinenkirchhof gestohlen, Janne? He!«

»Hat der lahme Olle gepetzt?«

»Und kam da nicht die Polizei, he?«

»Denkst du, ich habe Angst vor der Polizei! Das sollst du mal sehen!«

»Wenn du keine Angst hast, so komm doch mit zu Zinkens Teich und hilf Birnen mausen heut abend.«

»Ich steige nicht über den Zaun, da sind bissige Hunde!«

»Ach, der Schornsteinfeger-Pelle steigt über den Zaun wie ein Hui, und den Hunden muß man einen Tritt geben.«

Das Schleifen wird von einer Magd unterbrochen, die herauskommt und Tannenzweige auf die grasbewachsene Straße streut.

»Was für ein Teufel soll heut begraben werden?«

»Ach, von dem Vizewirt, der mit seiner Frau wieder ein Kind gekriegt hat.«

»Der Vizewirt ist ein kitzlicher Satan, was?«

Statt der Antwort stimmte der andere eine unbekannte Melodie an, die auf besondre Art gepfiffen wurde.

»Wir verhauen seine Füchse, wenn sie aus der Schule kommen. Und seine Frau, weißt du, die ist aufgeblasen. Das Teufelsweib hat uns einmal nachts im Schnee sitzen lassen, als wir die Miete nicht bezahlt hatten, und da haben wir im Blechschuppen schlafen müssen.«

Das Gespräch versiegte, denn diese letzte Mitteilung schien auf den Zuhörer nicht den geringsten Eindruck zu machen.

Nicht mit sehr heiteren Gefühlen betrat Falk das Haus nach der Vorstellung, die die beiden Straßenjungen vermittelt hatten. Er wurde in der Tür von Struve begrüßt, der eine betrübte Miene aufgesetzt hatte und ihn jetzt beim Arm nahm, als wolle er ihm eine vertrauliche Mitteilung machen oder in seinem Beisein eine Träne zerdrücken, irgend etwas mußte er tun -- und er faßte ihn um.

Falk befand sich in einem großen Zimmer mit Eßtisch, Büfett, sechs Stühlen und einem Sarg. Vor den Fenstern hingen weiße Laken, durch die das Tageslicht hereinsickerte und sich an dem roten Schein zweier Stearinkerzen brach; auf dem Eßtisch stand ein Tablett mit grünen Weingläsern und ein Suppennapf mit Georginen, Levkoien und Astern.

Struve faßte seine Hand und führte ihn an den Sarg, in dem der kleine Namenlose auf Hobelspänen in Tüll gebetet lag, mit wilden Weinblättern bestreut.

»Hier,« sagte er. »Hier!«

Falk spürte keine andern Erregungen, als die einen immer in Gegenwart einer Leiche überkommen, und konnte daher keine für die Situation passenden Worte finden, sondern beschränkte sich darauf, dem Vater die Hand zu drücken, worauf dieser sagte:

»Ich danke dir, ich danke dir!« und sich entfernte, um in ein Nebenzimmer zu gehen.

Falk war allein; er hörte zunächst ein heftiges Flüstern hinter der Tür, hinter der Struve verschwunden war; darauf wurde es eine Weile still; dann aber drang am andern Ende des Zimmers ein Gemurmel durch die dünne Bretterwand; er konnte die Worte nur teilweise unterscheiden, glaubte aber die Stimmen wiederzuerkennen. Zunächst hörte man einen schrillen Diskant, der sehr rasch lange Strophen sprach.

»Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö. -- Babebibobubybäbö --« ertönte es.

Darauf antwortete eine zornige Männerstimme unter der Begleitung des Hobels. »Witscho-witscho-witsch-witsch-hitsch-hitsch.«

Und dann ein langsam dahinrollendes »Mum-mum-mum-mum. Mum-mum-mum-mum.« Worauf der Hobel wieder sein »Witsch-witsch« zu spucken und zu niesen begann. Und darauf ein Sturm von »Babili-bebili-bibili-bobili-bubili-bybili-bäbili-bö!«

Falk ahnte, um was die Diskussion sich drehte, und an einem gewissen Tonfall glaubte er zu erkennen, daß der kleine Tote in die Sache verwickelt sei.

Nun begann wieder ein heftiges Flüstern hinter Struves Tür, durchschossen mit Schluchzen; dann öffnete sie sich, und heraus kam Struve und führte eine Waschfrau an der Hand, die schwarzgekleidet war und rote Augen hatte. Struve stellte mit der Würde eines Familienvaters vor:

»Meine Frau. -- Assessor Falk, mein alter Freund!«

Falk wurde mit einer Hand so hart wie ein Waschholz und einem Lächeln sauer wie Pickels begrüßt. Er versuchte in größter Hast eine Redensart zu konstruieren, die die beiden Worte »Frau« und »Schmerz« enthielt, und kam einigermaßen damit zustande, so daß Struve ihm eine Umarmung zuteil werden ließ.

Die Frau, die auch eine Freundlichkeit beisteuern wollte, begann ihrem Mann den Rücken abzubürsten und sagte:

»Schrecklich, wie Christian sich immer einschmiert; ewig ist er hinten staubig. Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß er wie ein Ferkel aussieht?«

Dem armen Falk blieb es erspart, diese liebevolle Frage zu beantworten, denn hinter dem Rücken der Mutter tauchten jetzt zwei rote Köpfe auf und grinsten den Fremden an. Die Mutter nahm sie zärtlich beim Schopf und sagte:

»Haben Sie schon einmal so häßliche Buben gesehen, Herr Assessor? Sehen sie nicht aus wie junge Füchse?«

Das stimmte mit der wirklichen Sachlage in solchem Grade überein, daß Falk sich veranlaßt fühlte, die Tatsache aufs lebhafteste in Abrede zu stellen.

Die Korridortür öffnete sich, und herein traten zwei Herren. Der erste war ein breitschulteriger Dreißiger mit einem viereckigen Kopf, dessen Vorderseite das Gesicht vorstellen sollte; die Haut sah aus wie eine halbvermoderte Brückenplanke, in die Würmer ihre Labyrinthe gegraben hatten; der Mund war breit geschnitten und stets etwas geöffnet, so daß man die vier gut geschliffenen Eckzähne sah; wenn er lachte, wurde das Gesicht in zwei Teile gespalten, und man konnte bis an den vierten Backenzahn sehen; kein Barthalm wagte sich auf dem unfruchtbaren Boden hervor; die Nase war so schlecht angebracht, daß man von vorn ein gutes Stück in den Kopf hineinsehen konnte; auf dem oberen Teil des Schädels wuchs etwas, das wie eine Kokosmatte aussah.

Struve, der das Talent besaß, seine Umgebung zu adeln, stellte den Kandidaten Borg als Doktor Borg vor. Dieser gab kein Zeichen von Befriedigung oder Mißvergnügen, sondern hielt den Ärmel seines Überziehers seinem Begleiter hin, der sofort den Rock auszog und ihn an die Angel der Stubentür hängte, wobei Frau Struve bemerkte: dies alte Haus sei so schlecht; nicht einmal ein Kleiderständer sei da. Der Rockauszieher wurde als Herr Levi vorgestellt. Es war ein langaufgeschossener Jüngling; sein Schädel schien sich durch eine Entwicklung des Nasenbeins nach hinten gebildet zu haben; und der Rumpf, der bis zu den Kniekehlen reichte, sah aus, als sei er auf die Weise entstanden, daß der Schädel durch ein Zieheisen gegangen war, wie man Stahldraht zieht. Die Schultern fielen wie Dachrinnen ab, von Hüften war keine Spur zu sehen, die Schienbeine gingen bis an die Schenkel, die Füße waren abgelaufen wie alte Schuhe, die Höhlung niedergetreten, die Beine standen nach auswärts wie bei einem Arbeiter, der schwere Lasten getragen oder den größten Teil seines Lebens gestanden hat: es war ein richtiger Sklaventyp.

Der Kandidat war, nachdem er von dem Überzieher befreit worden war, an der Tür stehen geblieben; er hatte die Handschuhe ausgezogen, den Stock weggestellt, sich geschneuzt, das Taschentuch eingesteckt, ohne Struves wiederholte Versuche, ihn vorzustellen, zu beachten; er glaubte noch auf dem Korridor zu sein; jetzt aber nahm er seinen Hut, kratzte mit dem Fuß und trat einen Schritt ins Zimmer hinein.

»Guten Tag, Jenny, wie geht es?« sagte er und faßte die Hand der Frau mit einer Wichtigkeit, als gelte es ihr Leben. Darauf verbeugte er sich unmerklich vor Falk mit einer Grimasse wie ein Hund, wenn er einen fremden Köter auf seinem Hof sieht.

Der junge Herr Levi folgte dem Kandidaten auf den Fersen, fing sein Lächeln auf, zollte seinen Sarkasmen Beifall und ließ sich von seiner Überlegenheit ducken.

Die Frau zog eine Flasche Rheinwein auf und reichte ihn herum. Struve ergriff sein Glas und hieß die Gäste willkommen. Der Kandidat öffnete den Rachen, legte den Inhalt des Glases auf seine zu einem Rinnstein gewordene Zunge, schnitt eine Grimasse, als solle er einnehmen, und schluckte es hinunter.

»Er ist schrecklich sauer und schlecht,« sagte die Frau; »vielleicht trinken Sie lieber ein Glas Punsch, Henrik?«

»Ja, er ist recht schlecht,« gab der Kandidat zu und erntete Herrn Levis ungeteilten Beifall.

Der Punsch wurde gebracht. Borgs Gesicht klärte sich auf; er sah sich nach einem Stuhl um; sofort brachte Herr Levi ihm einen.

Die Gesellschaft ließ sich am Eßtisch nieder. Die Levkoien dufteten stark, und ihr Geruch mischte sich mit dem des Weins, das Licht spiegelte sich in den Gläsern, die Unterhaltung kam in Fluß, und bald stieg vom Platz des Kandidaten eine Rauchsäule auf. Die Frau warf einen unruhigen Blick nach dem Fenster, wo der Kleine schlummerte, aber diesen Blick sah niemand.

Da hörte man draußen einen Wagen vorfahren. Alle außer dem Doktor standen auf. Struve hustete und fragte mit leiser Stimme, als sage er etwas Unangenehmes: »Wollen wir uns fertigmachen?«

Die Frau trat an den Sarg, beugte sich nieder und weinte heftig; als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihren Mann mit dem Sargdeckel bereitstehen und brach in lautes Schluchzen aus.

»Nun, nun! beruhige dich,« sagte Struve und beeilte sich, den Deckel aufzulegen, als wolle er etwas verbergen. Borg goß ein Glas Punsch in seinen Rinnstein und sah hinterher aus wie ein Pferd, wenn es gähnt. Herr Levi half Struve den Deckel festschrauben, was er mit großer Gewandtheit tat, als mache er eine Packkiste zu.

Man verabschiedete sich von der Frau, zog die Überzieher an und ging; die Frau bat die Herren, auf der Treppe vorsichtig zu sein; »sie sei so alt und schlecht«.

Struve ging voran und trug den Sarg; als er auf die Straße kam und eine kleine Volksversammlung sah, die ihm zu Ehren zusammengeströmt war, wurde er so vom Hochmutsteufel gepackt, daß er den Kutscher anfuhr, weil er die Wagentür nicht geöffnet und das Trittbrett nicht heruntergelassen hatte; um die Wirkung zu steigern, duzte er den großen livrierten Mann, der mit dem Hut in der Hand schleunig seinen Befehlen nachkam; das hatte in dem Haufen einen kurzen, boshaften Hustenanfall eines Jungen zur Folge, der auf den Namen Janne hörte; als er sich durch sein Husten die Aufmerksamkeit der Umstehenden zuzog, begann er mit emporgewandten Augen die Schornsteine zu mustern, als erwarte er den Kaminkehrer.

Die Wagentür schlug hinter den vier Herren zu, und unter den jüngeren Mitgliedern der Volksversammlung, die sich jetzt sicherer fühlten, entspann sich das folgende Gespräch:

»He du! So ein protziger Sarg! Hast du ihn gesehen?«

»Ja, natürlich! Aber hast du gemerkt, daß auf dem Schild kein Name stand?«

»Wirklich nicht?«

»Nein, das konnte man doch sehen; es war ganz blank.«

»Was bedeutet das denn?«

»Weißt du das nicht? Das war ein Hurenkind!«

Glücklicherweise knallte die Peitsche, und der Wagen rollte davon. Falk warf einen Blick nach dem Fenster hinauf; da stand die Frau, die schon ein paar Laken abgenommen hatte, und blies die Stearinkerzen aus, und neben ihr standen die jungen Füchse, jeder mit einem Glas Wein in der Hand.

Der Wagen rasselte dahin, straßauf, straßab; keiner machte einen Versuch zu sprechen; Struve sah geniert aus, wie er mit dem Sarg auf den Knien dasaß; und es war noch so hell, daß er sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte.

Es war ein langer Weg nach dem Neuen Friedhof, aber er nahm doch auch ein Ende, und schließlich war man angelangt. Vor dem Zaun hielt eine lange Wagenreihe. Man kaufte Kränze, und der Totengräber nahm den Sarg in Empfang. Nach einem längeren Spaziergang machte die kleine Prozession auf einem neuzugekauften Sandfelde ganz hinten am nördlichen Ende des Kirchhofs halt. Der Totengräber legte die Bretter zurecht; der Doktor kommandierte: Anfassen! Hochheben! Loslassen! und nun wurde der kleine Namenlose drei Ellen rief in die Erde gesenkt; es entstand eine Pause; alle neigten die Köpfe und blickten in das Grab hinunter, als warteten sie auf etwas; schwer und grau lag der Himmel über dem weiten, öden Sandfelde, auf dem die weißen Pfähle wie die Gespenster kleiner Kinder standen, die sich hier draußen verirrt hatten; der Waldsaum zeichnete sich schwarz wie der Hintergrund eines Schattenspiels ab, kein Windhauch regte sich. Da hörte man eine Stimme, zuerst zitternd, bald aber klar und bestimmt, wie von einer Überzeugung getragen; Levi war auf die Bahre gestiegen und sprach mit entblößtem Haupt:

»Von dem Höchsten sicher beschirmt, im Schatten seiner Allmacht ruhend. Zu dem Ewigen spreche ich: Du meine Zuflucht bist der Getreue, du meine Burg, die ewig sichere, du Gott, dem ich vertraue! -- Kaddisch! -- Herr, du allmächtiger Gott, gib, daß dein heiliger Name in der ganzen Welt angebetet und geheiligt werde; denn du wirst dereinst die Welt erneuen, du, der du die Toten auferweckst und sie zu neuem Leben rufst. Du, der du ewigen Frieden in deinem Himmel herrschen läßt, schenke du auch dem ganzen Israel deinen Frieden, Amen!

Schlaf in Frieden, du Kind, das keinen Namen bekommen hat! Er, der die Seinen kennt, wird dich schon beim Namen rufen! Schlafe gut in der Herbstnacht, keine bösen Geister werden dich stören, wenngleich du das geheiligte Wasser nicht empfangen hast; freue dich, daß du den Kämpfen des Lebens entgehst, seine Freuden sind zu entbehren. Glücklich du, der du von hinnen gehen durftest, ehe du die Welt kennen lerntest; rein und fleckenlos ließ deine Seele ihre zarte Hülle zurück, deshalb wollen wir nicht Erde auf dich werfen -- Erde ist Vergänglichkeit --, sondern wir wollen dich mit Blumen zudecken; denn wie die Blume aus der Erde aufsteigt, so wird sich auch deine Seele aus dem dunklen Grabe zum Licht erheben, denn von Geist bist du gekommen, zu Geist sollst du wieder werden!«

Er ließ den Kranz fallen und bedeckte den Kopf.

Struve trat heran, faßte seine Hand und drückte sie mit Wärme, wobei ihm die Tränen in die Augen kamen, so daß er sich von Levi das Taschentuch leihen mußte. Der Doktor, der seinen Kranz ins Grab geworfen hatte, war schon im Gehen, und die andern folgten ihm langsam. Falk aber stand gedankenvoll über das Grab gebeugt und starrte in die Tiefe hinunter; anfangs sah er nur eine viereckige Finsternis, aber allmählich tauchte ein heller Fleck auf, der wuchs und eine bestimmte Form annahm, er wurde rund und warf einen weißen Schein wie ein Spiegel -- das war das unbeschriebene Lebensschild des Kindes, das durch die Dunkelheit leuchtete und nur das ungebrochene Licht des Himmels widerstrahlte. Er ließ seinen Kranz hinuntergleiten; ein schwacher, dumpfer Ton, und das Licht erlosch. Da wandte er sich um und folgte den andern.

Am Wagen erhoben sich einige Diskussionen, wohin man fahren solle; Borg machte kurzen Prozeß und kommandierte. »Nach Norrbacka!«

Nach einigen Minuten befand sich die Gesellschaft in dem großen Saal im ersten Stock, wo sie von einem Mädchen empfangen wurde, das Borg mit einem Kuß und einer Umarmung begrüßte, worauf er seinen Hut unter ein Sofa warf, Levi befahl, ihm den Überzieher auszuziehen und eine Kanne Punsch, fünfundzwanzig Zigarren, eine halbe Flasche Kognak und einen Hut Zucker bestellte. Darauf zog er sich auch den Rock aus und belegte das einzige Sofa des Saals mit Beschlag.

Struves Gesicht begann zu strahlen, als er die Vorbereitungen zu einer Kneiperei sah, und er verlangte Musik. Levi setzte sich ans Klavier und haspelte einen Walzer herunter, während Struve Falk um die Taille faßte und mit ihm im Saal umherwanderte unter leichtfaßlichen Gesprächen über das Leben im allgemeinen, über Schmerz und Freude, über die unbeständige Natur des Menschen usw., woraus sich das Resultat ergab, daß es sündhaft sei, über das zu trauern, was die Götter -- er gebrauchte das Wort Götter, weil er schon von sündhaft gesprochen hatte, damit Falk nicht glauben solle, er sei Pietist -- gegeben und genommen hätten. Diese Erwägung schien die Introduktion zu dem Walzer zu bilden, den er gleich darauf mit der Kellnerin tanzte, die die Bowle hereinbrachte. Borg füllte die Gläser, rief Levi, hob ein Glas und sagte:

»Jetzt wollen wir Brüderschaft trinken, dann können wir nachher grob gegeneinander sein!«

Levi drückte seine große Freude über diese Ehre aus.

»Prost, Isaak,« sagte Borg.

»Ich heiße nicht Isaak ...«

»Denkst du, ich kümmere mich darum, wie du heißt? Ich nenne dich Isaak, und du bist mein!«

»Du bist mir ein netter Teufel ...«

»Teufel! Schämst du dich nicht, du Judenjunge ...«

»Wir wollten doch grob sein ...«

»Wir? Ich wollte grob gegen dich sein, ja!«

Struve glaubte vermitteln zu müssen:

»Hab Dank, Bruder Levi,« sagte er, »für deine schönen Worte. Was war das für ein Gebet, das du gesprochen hast?«

»Das war unser Begräbnisgebet.«

»Es war sehr schön.«

»Ich finde, es waren nur Phrasen,« fiel Borg ein. »Der ungläubige Hund hat nur für Israel gebetet, es konnte also gar nicht dem Verstorbenen gelten!«

»Alle Ungetauften rechnen zu Israel,« erwiderte Levi.

»Und dann hast du die Taufe angegriffen,« fuhr Borg fort. »Ich dulde nicht, daß jemand die Taufe angreift -- das wollen wir selber tun. Ferner hast du die Rechtfertigungslehre angetastet! Laß das bleiben; ich dulde nicht, daß ein anderer unsere Religion antastet!«

»Da hat Borg recht,« sagte Struve, »sofern wir es nämlich dahin ausdehnen, die Taufe oder irgendeine andere der heiligen Wahrheiten überhaupt anzugreifen, und ich möchte mir ausbitten, daß jedes Gespräch dieser leichtsinnigen Art heute abend aus unserer Gesellschaft verbannt bleibt.«

»Möchtest du dir ausbitten?« schrie Borg. »Was möchtest du dir ausbitten? -- Nun, ich verzeihe dir, wenn du den Mund hältst. Spiel auf, Isaak! Musik! Warum ist die Musik so stumm bei Cäsars Fest! Musik! Aber komme nicht mit etwas Altem. Neu muß es sein!«

Levi setzte sich ans Klavier und spielte die Ouvertüre zur Stummen.

»Schön, jetzt wollen wir plaudern,« sagte Borg. »Sie sehen ja so traurig aus, Assessor; kommen Sie, wir wollen trinken.«

Falk, der in Borgs Gegenwart eine gewisse Beklemmung empfand, nahm die Einladung mit einiger Zurückhaltung an. Aber es kam zu keiner Unterhaltung, man fürchtete gewissermaßen einen Zusammenstoß. Struve irrte umher wie eine Motte auf der Suche nach Vergnügen, ohne es zu finden, und kehrte doch immer wieder an den Punschtisch zurück; dann und wann machte er einige Tanzschritte und bildete sich ein, es sei lustig, es sei festlich, aber das war es nicht. Levi ging zwischen Klavier und Punsch hin und her; er machte sogar den Versuch, ein lustiges Lied zu singen, aber es war zu alt, als daß einer danach hingehört hätte. Borg brüllte, um »Stimmung« zu machen, wie er es nannte, aber es wurde immer stiller und fast beängstigend. Falk ging ab und zu durchs Zimmer, schweigend und unheilverkündend wie eine geladene Gewitterwolke.

Auf Borgs Befehl wurde nun ein gewaltiges Abendbrot aufgetischt. Man setzte sich unter bedrohlichem Schweigen zu Tisch. Struve und Borg sprachen dem Schnaps unmäßig zu. Borgs Gesicht sah aus wie eine bespuckte Ofenklappe; hier und da zeigten sich rote Flecke, und die Augen wurden gelb; Struve dagegen glich einem gefirnißten Edamer Käse, gleichmäßig rot und fettig. Wenn man Falk und Levi in dieser Gesellschaft sah, wirkten sie wie ein paar Kinder, die bei den Menschenfressern ihr letztes Abendbrot aßen.

»Gib dem Skandalschreiber den Lachs,« befahl Borg Levi, um das einförmige Schweigen zu unterbrechen.

Levi reichte Struve die Schüssel. Dieser schob die Brille in die Höhe und spie Galle.

»Schämst du dich nicht, du Jude?« fauchte er und warf Levi die Serviette ins Gesicht.

Borg legte ihm seine schwere Hand auf den kahlen Schädel und sagte:

»Schweig, du Lump!«

»In was für eine Gesellschaft ist man hier geraten! Ich will Ihnen sagen, meine Herren, daß ich so etwas nicht gewöhnt bin, und ich bin wirklich zu alt, mich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen,« sagte Struve mit zitternder Stimme und vergaß seine angenommene Gutmütigkeit.

Borg, der jetzt gesättigt war, stand vom Tisch auf und sagte:

»Pfui Teufel, ist das eine Gesellschaft! Bezahle, Isaak, ich gebe es dir später wieder; ich gehe voraus!«

Er zog sich den Überzieher an und setzte den Hut auf, füllte ein Wasserglas mit Punsch, goß es bis an den Rand mit Kognak voll, leerte es in einem Zuge, pustete im Vorbeigehen ein paar Kerzen aus, zerschlug einige Gläser, steckte sich eine Handvoll Zigarren und eine Streichholzschachtel in die Tasche und taumelte hinaus.

»Es ist ein Jammer, daß so ein Genie so trinkt!« sagte Levi andächtig.

Nach einer Minute war Borg wieder im Zimmer, trat an den Eßtisch, nahm den Leuchter, zündete sich eine Zigarre an, blies Struve den Rauch ins Gesicht, streckte die Zunge heraus und zeigte die Backenzähne, löschte das Licht aus und ging. Levi lag bäuchlings auf dem Tisch und schrie vor Entzücken.

»Was ist das für ein Abschaum, mit dem du mich zusammenbringst?« fragte Falk ernst.

»Ach, mein Bester, jetzt ist er betrunken, aber er ist der Sohn von dem Stabsarzt und Professor ...«

»Ich habe nicht gefragt, wer sein Vater ist, sondern wer er selber ist; aber jetzt hast du mir gesagt, warum du dich von so einem Hund treten läßt! Kannst du mir nun auch die Frage beantworten, warum er mit dir verkehrt?«

»Ich behalte mir alle Sottisen vor,« sagte Struve vornehm.

»Ja, behalte dir alle Dummheiten der Welt vor, aber behalte sie für dich!«

»Was ist mit dir, Bruder Levi?« sagte Struve einschmeichelnd; »du siehst so ernst aus!«

»Es ist ein wahrer Jammer, daß so ein Genie wie Borg so schrecklich trinkt!« sagte Levi.

»Wie und wann äußert sich sein Genie?« fragte Falk.

»Man kann ein Genie sein, ohne Verse zu schreiben,« bemerkte Struve anzüglich.

»Das glaube ich, denn Verse schreiben setzt kein Genie voraus, -- aber sich wie ein Vieh betragen, auch nicht,« sagte Falk.

»Wollen wir jetzt bezahlen?« fragte Struve und verließ das Zimmer unter einem Vorwand.

Falk und Levi bezahlten. Als sie hinauskamen, regnete es, und der Himmel war schwarz, nur das Gaslicht aus der Stadt stand wie eine rote Wolke im Süden. Die Droschke war nach Hause gefahren; es blieb ihnen also nur übrig, die Rockkragen hochzuschlagen und zu gehen. Sie waren erst bis an die Kegelbahn gekommen, als sie hoch in der Luft einen furchtbaren Schrei hörten.

»Fluch!« schrie es über ihren Köpfen, und nun sahen sie Borg auf einem der höchsten Äste einer Linde schaukeln. Der Ast senkte sich fast bis auf die Erde, hob sich aber im nächsten Augenblick wieder und beschrieb eine unerhörte Kurve.

»Oh, das ist kolossal!« schrie Levi. »Das ist kolossal!«

»So ein Tollkopf,« lächelte Struve, stolz auf seinen Schützling, und zog den Rockkragen hoch.

»Komm her, Isaak,« brüllte Borg oben in der Luft, »komm her, Judenjunge, wir wollen uns gegenseitig anpumpen!«

»Wieviel willst du haben?« fragte Levi und schwenkte die Brieftasche.

»Ich pumpe nie weniger als einen Fünfziger!«

Im nächsten Augenblick war Borg vom Baum herunter und steckte die Banknote in die Tasche.

Dann zog er den Überzieher aus.

»Zieh ihn an!« sagte Struve befehlend.

»Ich soll ihn anziehen? Was sagst du? Willst du mir befehlen? He? Sagst du, ich soll? Sagst du das? Vielleicht willst du dich mit mir prügeln?«

Dabei schlug er seinen Hut gegen den Baumstamm, daß er einknickte, worauf er Rock und Weste auszog und den Regen auf das bloße Hemd peitschen ließ.

»Komm nur her, du Lump, wir wollen uns schlagen!«

Damit faßte er Struve um den Leib und rang mit ihm, daß beide in den Graben fielen.

Falk machte sich auf den Weg nach der Stadt, so schnell er konnte, aber noch lange hörte er hinter sich Levis Lachsalven und Bravorufe: »Das ist göttlich, das ist kolossal -- das ist kolossal!« und Borgs: »Verräter, Verräter!«

Zwanzigstes Kapitel

Auf dem Altar

Die Standuhr im Ratskeller zu X-köping donnerte an einem Oktoberabend sieben, als der künstlerische Direktor des Stadttheaters sich zur Tür hereinwälzte. Er hatte eine strahlende Miene aufgesetzt, wie eine Kröte strahlen mag, wenn sie eine gute Mahlzeit gehalten hat; er sah froh aus, aber die Muskeln seines Gesichts waren es nicht gewöhnt, so etwas mitzumachen, sondern sie legten die Haut in unruhige Falten und entstellten sein schreckliches Aussehen nur noch mehr. Er grüßte gnädig den kleinen, dürren Wirt, der hinterm Büfett stand und die Gäste zählte.

»+How are you?+« schrie der Direktor -- er hatte nämlich längst aufgehört zu sprechen, wie wir uns erinnern.

»+Thank you+,« antwortete der Wirt.

Da es nun mit dem Englisch der Herren zu Ende war, so gingen sie unmittelbar zu ihrer Muttersprache über.

»Nun, was sagen Sie zu dem Jungen, dem Gustav? War er nicht glänzend als Don Diego? Was? Ich kann Schauspieler machen, das will ich meinen!«

»Ja, das sage ich auch! Dieser Bengel! Aber es ist, wie Herr Direktor selbst gesagt haben: es ist leichter, ein Talent aus einem Menschen zu machen, der sich nicht mit den dummen Büchern verpfuscht hat ...«

»Die Bücher sind ein Verderb, das weiß ich am besten! Übrigens, wissen Sie, Herr Wirt, was in den Büchern steht? He? Ich weiß es! Sie sollen sehen, wenn jetzt der junge Rehnhjelm als Horatio auftritt, wie der sich benimmt. Das wird nett werden! Ich habe ihm die Rolle versprochen, weil er so sehr gebettelt hat; aber ich habe ihm gleich gesagt, daß ich ihm nicht helfen werde, denn ich will für sein Fiasko nicht verantwortlich sein. Ich habe ihm auch gesagt, er solle die Rolle bekommen, weil ich ihm beweisen möchte, wie schwer es sei zu spielen, wenn die Natur einem nicht die Gabe verliehen hat. -- Oh, ich will ihn ducken, daß er noch manchen lieben Tag hinterher nicht nach Rollen ausschaut. Das will ich tun! Aber darüber wollten wir nicht reden! Hören Sie, Herr Wirt, haben Sie ein paar Zimmer frei?«

»Die beiden kleinen?«

»Ganz recht!«

»Immer zu Ihrer Disposition, Herr Direktor!«

»Ein Souper für zwei, aber fein! Um acht! Sie servieren selbst, Herr Wirt!«

Er schrie nicht, als er dies letzte sagte, und der Wirt verbeugte sich zum Zeichen, daß er verstanden habe.

Im selben Augenblick trat Falander ein. Ohne den Direktor zu grüßen, setzte er sich auf seinen alten Platz. Der Direktor stand sofort auf und sagte, als er am Büfett vorbeiging, geheimnisvoll: »Um acht Uhr«, worauf er sich entfernte.

Der Wirt stellte jetzt Falander eine Absinthflasche mit Zubehör hin. Da dieser keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, nahm der Wirt seine Serviette und begann den Tisch abzuwischen; als das nichts half, füllte er den Streichholzständer und sagte:

»Souper heute abend; in den kleinen Zimmern! Hm!«

»Von wem und wovon sprechen Sie?«

»Hm! Von ihm, der eben wegging!«

»Ach, von dem! Nun, das ist ja etwas Merkwürdiges, wo er so geizig ist! Das ist wohl für eine Person?«

»Nein, für zwei,« sagte der Wirt und blinzelte mit den Augen. -- »In den kleinen Zimmern! Hm!«

Falander spitzte die Ohren, schämte sich aber zugleich, daß er den Klatsch anhörte, und ließ das Thema fallen; aber das lag nicht in der Absicht des Wirtes.

»Ich möchte wissen,« sagte er, »wer das sein kann! Seine Frau ist krank, und ...«

»Was geht es uns an, mit wem das Ungeheuer zu soupieren geruht. Haben Sie eine Abendzeitung, Herr Wirt?«

Dieser brauchte auf den Verweis nicht zu antworten, denn jetzt kam Rehnhjelm herein, strahlend wie ein Jüngling, der einen Lichtschimmer auf seinem Wege sieht.

»Stelle den Absinth heute abend weg,« sagte er, »und sei mein Gast. Ich bin so froh, daß ich weinen möchte!«

»Was ist geschehen?« fragte Falander ängstlich. »Du hast doch nicht etwa eine Rolle bekommen?«

»Doch, du Pessimist, ich habe den Horatio bekommen ...«

Falander wurde finster:

»Und sie die Ophelia,« warf er hin.

»Woher weißt du das?«

»Ich vermute es.«

»Deine Ahnungen! Das war aber nicht schwer zu ahnen! Findest du nicht, daß sie es verdient? Haben wir eine Bessere hier am Theater?«

»Nein, das gebe ich zu! Nun, gefällt dir Horatio?«

»Oh, er ist herrlich!«

»Ja, es ist merkwürdig, wie verschieden der Geschmack ist!«

»Was findest du denn?«

»Ich finde, er ist der größte Schuft von allen Hofleuten, er sagt zu allem ja. ›Ja, mein Prinz, ja, mein guter Prinz!‹ Wenn er sein Freund ist, so muß er doch auch einmal nein sagen und ihm nicht immer zustimmen wie jeder beliebige Schmeichler.«

»Mußt du mir auch das wieder verderben?«

»Ja, ich will dir alles verderben! Wie kannst du, solange du alles, was jämmerliche Menschen gemacht haben, groß und herrlich findest, etwas Unzeitliches erstreben? Wenn du in allem Irdischen Vollkommenheit und Vortrefflichkeit siehst, wie kannst du da Sehnsucht nach dem wirklich Vollkommenen haben? Glaube mir, der Pessimismus ist der wahrste Idealismus, und der Pessimismus ist eine christliche Lehre, wenn es dein Gewissen beruhigen kann, denn das Christentum lehrt die Eitelkeit der Welt, der wir entsagen sollen.«

»Soll ich denn wirklich nicht finden, daß die Welt schön ist? Darf ich ihr nicht dankbar sein, weil sie alles Gute schenkt, und mich freuen über das, was das Leben zu bieten hat?«

»Doch, doch, freue dich, mein Junge, freue dich und glaube und hoffe. Da alle Menschen auf Erden der gleichen Sache nachjagen -- dem Glück --, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es erringen wirst, gleich 1439145300stel, weil es nämlich so viele Menschen gibt, wie der Nenner des Bruchs besagt. Ist das Glück, das du heute erobert hast, diese monatelangen Qualen und Demütigungen wert? Und übrigens: worin besteht dein Glück? Daß du eine schlechte Rolle bekommen hast, in der du nicht reussieren kannst, wie man das nennt, -- ich will damit nicht sagen, daß du Fiasko machst. Bist du denn sicher, daß ...«

Er mußte Luft holen ...

»Daß Agnes als Ophelia Erfolg hat? Vielleicht macht sie in ihrem Eifer, die seltene Gelegenheit auszunutzen, zuviel aus der Rolle, das ist das übliche! Aber es tut mir leid, daß ich dich traurig gemacht habe, und ich bitte dich wie immer: glaube nicht, was ich sage; man weiß ja nicht, ob es wahr ist!«

»Wenn ich dich nicht kennte, würde ich glauben, du beneidetest mich!«

»Nein, mein Junge, ich wünsche dir, wie allen Menschen, daß ihnen so schnell wie möglich ihre Wünsche erfüllt werden, damit sie ihre Gedanken einem Bessern zukehren können; denn das dürfte doch der Zweck des Lebens sein.«

»Das kannst du so ruhig sagen, du, der du dich schon durchgesetzt hast?«

»Ja, sollen wir nicht dahin kommen? Wir wünschen uns ja gar nicht, Glück zu haben; wir wünschen uns, so dasitzen und über unsere großen Bestrebungen, unsere großen, hörst du, lächeln zu können!«

Die Uhr schlug jetzt acht, daß es durch den Saal schmetterte. Falander erhob sich hastig vom Stuhl, als wolle er gehen, dann strich er sich mit der Hand über die Stirn und setzte sich wieder.

»Ist Agnes heute abend bei Tante Beate?« fragte er in gleichgültigem Ton.

»Woher weißt du das?«

»Nun, das kann ich mir doch denken, wenn du hier in aller Ruhe sitzt! Sie will ihr wohl die Rolle vorlesen, denke ich mir, da ihr nicht mehr viel Zeit habt.«

»Ja, hast du sie heute abend getroffen, da du auch das weißt?«

»Nein, auf Ehre nicht! Ich kann mir nur keinen andern Grund denken, warum sie dich einen Abend, wo wir nicht spielen, allein läßt.«

»Da hast du ganz richtig gedacht. Übrigens hat sie mich gebeten, auszugehen und mir Gesellschaft zu suchen, weil ich so lange zu Hause gesessen habe. Sie ist so besorgt und zärtlich, das liebe Mädel!«

»Ja, sie ist sehr zärtlich!«

»Sie hat mich erst einen einzigen Abend allein gelassen, als sie bei ihrer Tante aufgehalten wurde und nicht absagen lassen konnte. Ich wäre beinahe verrückt geworden und habe die ganze Nacht nicht schlafen können.«

»Das war am 6. Juli, nicht wahr?«

»Du erschreckst mich! Spionierst du?«

»Warum sollte ich das tun? Ich kenne euer Verhältnis doch und begünstige es in jeder Weise. Und wenn ich weiß, daß das an einem Dienstag, am 6. Juli, passiert ist, so kommt das daher, daß du so oft davon gesprochen hast.«

»Ach, das ist wahr!«

Es wurde wieder lange still.

»Es ist seltsam,« unterbrach Rehnhjelm schließlich das Schweigen, »wie melancholisch das Glück einen Menschen machen kann; ich bin heute abend so unruhig und wäre lieber mit Agnes zusammengewesen. Wollen wir nicht in die kleinen Zimmer gehen und sie holen lassen? Sie kann ja sagen, es sei Besuch von auswärts gekommen.«

»Das würde sie nie sagen; sie bringt es nicht fertig, die Unwahrheit zu sprechen!«

»Oh, das ist nicht gefährlich! Das können alle Frauen!«

Falander fixierte Rehnhjelm auf eine Art, die dieser nicht enträtseln konnte; dann sagte er:

»Ich will erst nachsehen, ob die kleinen Zimmer frei sind, davon wollen wir es abhängig machen!«

»Nun, gut!«

Falander hielt ihn zurück, als er Miene machte, mitzugehen, und entfernte sich. Nach zwei Minuten war er wieder da. Er war ganz weiß im Gesicht, aber ruhig, und sagte nur:

»Sie sind besetzt!«

»Wie ärgerlich!«

»Nun, wir müssen uns so gut wir können Gesellschaft leisten!«

Und sie leisteten sich Gesellschaft, und sie aßen und tranken, und sie sprachen vom Leben, von der Liebe und von der Bosheit der Menschen; und sie wurden satt und betrunken und gingen nach Hause und legten sich schlafen.

Einundzwanzigstes Kapitel

Eine Seele über Bord

Rehnhjelm erwachte um vier Uhr am folgenden Morgen, weil ihm war, als rufe jemand seinen Namen. Er richtete sich im Bett auf und lauschte -- es war still. Er zog das Rouleau hoch und sah einen grauen Herbstmorgen, regnerisch und stürmisch. Er legte sich wieder hin, versuchte aber vergebens zu schlafen. Es waren so viele wunderliche Stimmen im Winde; sie klagten und warnten und weinten und ächzten. Er versuchte an etwas Angenehmes zu denken: an sein Glück; er nahm seine Rolle und begann zu lesen; aber es war nur: »Ja, mein Prinz,« und er dachte an Falanders Worte und fand, daß dieser zum Teil recht habe. Er versuchte daran zu denken, wie er auf der Bühne als Horatio aussehen werde; er versuchte sich Agnes als Ophelia vorzustellen, und er sah in ihr eine heuchlerische Intrigantin, die auf Polonius' Einflüsterung ihm eine Falle stellte; er wollte dies Bild verscheuchen und sah an Stelle von Agnes die galante Mamsell Jaquette, die er im Stadttheater zuletzt die Ophelia hatte spielen sehen. Vergebens versuchte er diese unangenehmen Gedanken und Bilder zu verjagen, aber sie verfolgten ihn wie Mücken. Als er sich müde gekämpft hatte, schlief er ein und machte im Traum dieselben Qualen durch; er riß sich los und ermunterte sich, schlief aber wieder ein, und die gleichen Bilder wiederholten sich. Gegen neun Uhr erwachte er davon, daß er laut aufschrie; da sprang er aus dem Bett, als wolle er vor bösen Geistern, die ihn verfolgten, fliehen. Als er vor den Spiegel trat, sah er, daß er geweint hatte. Er kleidete sich in aller Eile an, und als er die Stiefel anziehen wollte, lief eine Spinne über den Fußboden. Er freute sich, denn er glaubte an Spinnen, sie sollen Glück bedeuten; ja, er kam in ganz vortreffliche Stimmung und sagte sich selber, man dürfe abends keine Krebse essen, wenn man gut schlafen wolle. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine Pfeife und lächelte über die Regenschauer und den Sturm draußen, als es an die Tür klopfte. Er fuhr zusammen, denn er fürchtete heute alle Nachrichten, er wußte nicht warum; dann dachte er an die Spinne und ging ruhig hin und öffnete.

Es war Herrn Falanders Dienstmädchen, das ihn bat, unbedingt pünktlich um zehn Uhr in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu Herrn Falander zu kommen.

Von neuem wurde er von der unbeschreiblichen Angst überfallen, die ihn im Morgenschlummer geplagt hatte. Er versuchte sich die noch bleibende Stunde zu vertreiben. Aber es war unmöglich. Da zog er sich an, und eilte mit hochklopfendem Herzen zu Falander.

Bei diesem war schon aufgeräumt und alles empfangsbereit. Er begrüßte Rehnhjelm mit freundlicher, wenn auch ungewöhnlich ernster Miene. Dieser bestürmte ihn mit Fragen, Falander aber erwiderte, er könne vor zehn Uhr nichts sagen. Rehnhjelm wurde unruhig und wollte wissen, ob es etwas Unangenehmes sei; Falander sagte, nichts sei unangenehm, wenn man es nur richtig zu sehen verstehe. Und er erklärte, daß viele Dinge, die uns unerträglich erschienen, sehr leicht zu ertragen seien, wenn man sie nur nicht überschätze. So verging die Zeit bis zehn Uhr.

Da wurde zweimal leise an die Tür geklopft, die sich unmittelbar darauf öffnete, und herein trat Agnes. Ohne auf die Anwesenden zu achten, holte sie den Schlüssel herein, verschloß die Tür und stand im Zimmer. Aber der Ausdruck der Verlegenheit, als sie statt einer Person deren zwei sah, dauerte nur eine Sekunde und löste sich in eine angenehme Überraschung auf, Rehnhjelm auch hier zu treffen. Sie warf den Regenmantel ab und lief auf ihn zu; er umarmte sie und drückte sie heftig an die Brust, als habe er sie ein Jahr lang nicht gesehen.

»Du bist lange fort gewesen, Agnes!«

»Lange? Was meinst du damit?«

»Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, finde ich. Du siehst heute so frisch aus; hast du gut geschlafen?«

»Findest du, ich sehe frischer aus als gewöhnlich?«

»Ja, das finde ich; du bist so rosig und hast so runde Wangen! Willst du Falander nicht begrüßen?«

Dieser stand ruhig da und hörte dem Gespräch zu, aber sein Gesicht war weiß wie Gips, und er schien zu überlegen.

»Himmel, wie siehst du angegriffen aus,« sagte Agnes und machte einen Entrechat durch das Zimmer mit den weichen Bewegungen eines Kätzchens, nachdem sie sich Rehnhjelms Armen entwunden hatte.

Falander antwortete nicht. Agnes betrachtete ihn genauer und schien in einem Augenblick seine Gedanken zu erraten; ihr Gesicht verwandelte sich wie eine Wasserfläche, wenn der Windstoß sich nähert, aber nur für eine Sekunde. In der nächsten war sie wieder ruhig und entschlossen, allem zu begegnen, nachdem sie mit einem Blick Rehnhjelm gemustert und die Situation erfaßt hatte.

»Darf man wissen, was für wichtige Angelegenheiten uns so früh hierhergeführt haben?« sagte sie heiter und schlug Falander auf die Schulter.

»Ja,« begann er, fest und entschlossen, so daß Agnes erblaßte; aber im selben Augenblick warf er den Kopf herum, als wolle er den Gedanken eine andere Richtung geben: »heute ist mein Geburtstag, und ich möchte euch zum Frühstück einladen.«

Agnes, der zumut war wie einem Menschen, der einen Zug auf sich zubrausen sah, ihm aber im letzten Augenblick entronnen ist, brach in ein klingendes Lachen aus und umarmte Falander.

»Aber da ich es erst zu elf Uhr bestellt habe, müssen wir hier solange warten. Bitte, nehmt Platz!«

Es wurde still, unheimlich still.

»Jetzt geht ein Engel durchs Zimmer,« sagte Agnes.

»Das warst du,« sagte Rehnhjelm und küßte ehrerbierig und innig ihre Hand.

Falander sah aus wie einer, der aus dem Sattel geworfen, aber wieder hinaufzuklettern bemüht ist.

»Ich habe heute früh eine Spinne gesehen,« sagte Rehnhjelm, »das bedeutet Glück!«

»+Araignée matin: chagrin+,« sagte Falander; »das kennst du wohl nicht!«

»Was bedeutet das?« fragte Agnes.

»Spinne am Morgen, Unglück und Sorgen.«

»Hm!«

Es wurde wieder still, und das ruckweise Peitschen des Regens an den Fenstern ersetzte die Unterhaltung.

»Ich habe über Nacht ein so aufregendes Buch gelesen,« begann Falander, »daß ich gar nicht habe schlafen können.«

»Was war das für ein Buch?« fragte Rehnhjelm, ohne sonderliches Interesse an der Sache, denn er fühlte sich noch immer beunruhigt.

»Es hieß Pierre Clément und behandelte die übliche Weibergeschichte; aber sie war so lebendig dargestellt, daß sie einen sehr starken Eindruck machte.«

»Welches ist denn die übliche Weibergeschichte, wenn ich fragen darf?« sagte Agnes.

»Untreue und Falschheit, natürlich!«

»Nun, und Pierre Clément?« fragte Agnes.

»Er wurde natürlich betrogen. Er war ein junger Maler, der die Geliebte eines andern liebte ...«

»Jetzt erinnere ich mich, den Roman gelesen zu haben,« sagte Agnes, »und er hat mir sehr gefallen. Verlobte sie sich dann nicht mit einem, den sie wirklich liebte? Ja, so war es, und unterdes erhielt sie die alte Beziehung aufrecht. Damit wollte der Verfasser beweisen, daß die Frau auf zwei Arten lieben kann, der Mann aber nur auf eine. Das ist sehr richtig. Nicht wahr?«

»Gewiß! Doch dann kam der Tag, als ihr Verlobter sich mit einem Bilde an einer Konkurrenz beteiligen wollte -- kurz und gut, sie gab sich dem Akademiedirektor hin, und Pierre Clément wurde glücklich -- und konnte sich verheiraten.«

»Und damit wollte der Verfasser sagen, daß die Frau für den Mann, den sie liebt, alles opfern kann, während der Mann ...«

»Das ist das Schändlichste, was mir je vorgekommen ist!« rief Falander.

Er stand auf und trat an seinen Schreibsekretär. Er öffnete heftig die Klappe und holte ein schwarzes Kästchen heraus.

»Hier,« sagte er und gab Agnes das Kästchen; »geh nach Hause und befreie die Welt von einem Abschaum!«

»Was ist das?« sagte Agnes lachend, indem sie das Kästchen öffnete und einen sechsläufigen Revolver herausholte. »Nein, ist das ein nettes Ding! Hast du den nicht als Karl Moor gehabt? Ja, den hattest du! Ich glaube, er ist geladen!«

Sie hob den Revolver, zielte nach der Schornsteinklappe und drückte ab.

»Leg ihn wieder weg!« sagte sie. »Das ist kein Spielzeug, meine Freunde!«

Rehnhjelm hatte sprachlos dagesessen. Er begriff alles, aber er konnte kein Wort herausbringen, und er stand so unter dem Zauber des Mädchens, daß er nicht einmal unfreundliche Gefühle gegen sie aufbringen konnte. Er wußte freilich, daß ihm ein Messer durchs Herz gegangen war, aber der Schmerz hatte noch nicht Zeit gehabt, sich einzufinden.

Falander war von so viel Frechheit aus der Fassung gebracht und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln, da seine ganze moralische Hinrichtungsszene mißglückt und sein Theatercoup für ihn nicht sehr günstig ausgefallen war.

»Wollen wir jetzt nicht gehen?« fragte Agnes und begann ihr Haar vor dem Spiegel zu ordnen.

Falander öffnete die Tür.

»Geh!« sagte er, »und nimm meinen Fluch mit dir. Du hast den Seelenfrieden eines ehrlichen Mannes zerstört.«

»Wovon sprichst du eigentlich? Mache doch die Tür zu, es ist nicht warm hier drinnen.«

»Ach so, wir müssen deutlicher reden. Wo bist du gestern abend gewesen?«

»Das weiß Hjalmar, und dich geht es nichts an!«

»Du warst nicht bei deiner Tante; du hast mit dem Direktor soupiert!«

»Das ist eine Lüge!«

»Ich habe dich um neun Uhr im Ratskeller gesehen!«

»Das lügst du! Um die Zeit bin ich zu Hause gewesen; du kannst Tantes Mädchen fragen, die mich nach Hause begleitet hat!«

»Das hätte ich doch nicht gedacht!«

»Wollen wir diese Unterhaltung jetzt nicht beenden, so daß wir endlich wegkommen? Du mußt nachts nicht solche dummen Bücher lesen, dann hast du tags darauf den Koller! Zieht euch jetzt an!«

Rehnhjelm mußte sich an den Kopf fassen, um zu fühlen, ob der noch an seinem richtigen Platz saß, denn ihm drehte sich alles vor den Augen. Als er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, suchte er nach einem klaren Gedanken, der Licht in die Angelegenheit hätte bringen können, aber er fand keinen.

»Wo bist du am 6. Juli gewesen?« fragte Falander mit der vernichtenden Miene eines Richters.

»Was du für dumme Fragen stellst; wie soll ich mich erinnern, was vor drei Monaten geschehen ist?«

»Nun, du warst bei mir, während du Hjalmar gesagt hast, du seist bei deiner Tante.«

»Höre nicht auf ihn,« sagte Agnes und ging schmeichelnd auf Rehnhjelm zu, »er schwatzt so viel dummes Zeug.«

Im nächsten Augenblick hatte Rehnhjelm sie am Halse gepackt und warf sie nun rücklings in die Ofenecke, wo sie still und regungslos auf einem Haufen Holz liegen blieb.

Dann setzte er den Hut auf, Falander aber mußte ihm den Überzieher anhelfen, denn er zitterte an allen Gliedern.

»Komm, wir wollen gehen,« sagte er, spuckte auf die Steine vor dem Ofen und ging hinaus.

Falander zögerte einen Augenblick, fühlte Agnes' Puls und ging dann sofort hinter Rehnhjelm her, den er unten auf dem Flur einholte.

»Ich bewundere dich,« sagte Falander zu Rehnhjelm; »die Sache stand wirklich außerhalb aller Erörterungen.«

»Ich bitte dich, sie auch weiter so zu behandeln; wir haben nicht mehr viel Zeit, um gegenseitig unsere Gesellschaft zu genießen; ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Hause, um zu arbeiten und zu vergessen! Jetzt wollen wir in den Ratskeller gehen und uns betäuben, wie du es nennst!«

Sie kamen in den Keller und ließen sich ein separates Gemach geben, verbaten sich aber die »kleinen Zimmer«.

Bald saßen sie an einem wohlgedeckten Tisch.

»Habe ich graues Haar bekommen?« fragte Rehnhjelm und befühlte sein Haar, das ganz feucht war und dicht am Schädel klebte.

»Nein, mein Freund, das geht nicht so schnell; grauhaarig bin ich ja noch nicht einmal geworden.«

»Hat sie sich verletzt?«

»Nein.«

»In diesem Zimmer war es -- das erste Mal!«

Er stand vom Tisch auf, machte einige Schritte, wankte und fiel neben dem Sofa auf die Knie, auf das er seinen Kopf legte und in ein Weinen ausbrach wie ein Kind, wenn es in seiner Mutter Schoß weint.

Falander setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf zwischen die Hände. Rehnhjelm fühlte etwas Heißes wie einen Feuerfunken auf seinen Hals fallen.

»Wo ist die Philosophie, Freund? Her damit! Ich ertrinke! Einen Strohhalm! Hierher!«

»Armer, armer Junge!«

»Ich muß sie sehen! Ich muß sie um Verzeihung bitten! Ich liebe sie! Dennoch! Dennoch! Hat sie sich wehgetan? Gott im Himmel, daß man leben, daß man so unglücklich sein kann, wie ich bin!«

* * * * *

Um drei Uhr am Nachmittag reiste Rehnhjelm mit dem Zuge nach Stockholm ab. Falander warf selbst die Kupeetür hinter ihm zu und verschloß sie.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Schlimme Zeiten

Der Herbst hatte große Veränderungen auch für Sellén mit sich gebracht. Sein hoher Protektor war gestorben, und jetzt sollten alle Erinnerungen an diesen ausgelöscht werden; sogar das Andenken an seine guten Taten sollte ihn nicht überleben. Daß das Stipendium eingezogen wurde, verstand sich von selbst, besonders da Sellén nicht der Mann war, etwas zu erbetteln; übrigens glaubte er jetzt keiner Unterstützung mehr zu bedürfen, nachdem man ihm einmal so gut auf die Beine geholfen hatte, und er sah viele Jüngere, die bedürftiger waren. Aber er sollte erkennen, daß nicht nur die Sonne erloschen war, sondern daß auch alle kleinen Planeten in ein Stadium totaler Verfinsterung eingetreten waren. Obwohl er im Sommer durch strenge Studien sein Talent vervollkommnet hatte, erklärte der Direktor der Akademie, er habe sich verschlechtert, und sein Erfolg im Frühling sei ein Glückstreffer gewesen; der Professor der Landschaftsmalerei sagte ihm als Freund, aus ihm würde nie etwas werden, und der akademisch gebildete Rezensent nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rehabilitieren, und hielt an seiner anfänglichen Meinung fest. Außerdem trat eine Veränderung des Geschmacks bei den Bilderkaufenden ein, das heißt bei der den Geschmack bestimmenden, unwissenden, reichen Masse; Landschaften mußten ein Porträt der Sommerfrischen sein, wenn sie Käufer finden wollten, und selbst dann war es noch schwer, denn eigentlich ging nur das tränenselige Genrebild oder das halbnackte Kabinettstück. Es waren also schwere Zeiten für Sellén, und es ging ihm sehr schlecht, denn er konnte sich nicht dazu verstehen, wider sein besseres Gefühl zu malen.

Jetzt hatte er sich ein ehemaliges photographisches Atelier oben in der Regierungsstraße gemietet. Die Wohnung bestand aus dem Atelier selbst, mit vermodertem Fußboden und ausgetrocknetem Dach -- ein Übelstand, dem freilich jetzt im Winter der Schnee, der darauf lag, abhalf --, sowie der früheren Dunkelkammer, die nach Kollodium roch, so daß sie nur als Kohlen- und Holzschuppen benutzt werden konnte, wenn die Verhältnisse eine solche Art der Benutzung mit sich brachten. Das Meublement bestand aus einer Gartenbank aus Haselholz, mit herausstehenden Nägeln, und so kurz, daß sie, wenn sie als Bett benutzt wurde, was immer der Fall war, wenn der Besitzer (der Entleiher) nachts zu Hause war, ihm nur bis zu den Kniekehlen reichte. Das Bettzeug bestand aus einem halben Plaid -- die andere Hälfte war versetzt -- und einer Mappe voller Skizzen. Im Kohlenverschlag befand sich eine Wasserleitung mit Ausguß, das war die Toilette.

An einem kalten Nachmittag kurz vor Weihnachten stand Sellén und malte, zum drittenmal, ein neues Bild auf einer alten Leinwand. Er war gerade erst von seinem harten Bett aufgestanden; keine Aufwärterin war gekommen und hatte eingeheizt, teils weil er keine Aufwärterin hatte, teils weil er nichts zum Heizen besaß; aus den gleichen Gründen war auch keine Aufwärterin gekommen, um ihm die Kleider zu bürsten und den Kaffee hereinzubringen. Aber er stand doch ganz vergnügt da und pfiff und legte seine Farben auf zu einem brillanten Sonnenuntergang auf dem Gaustafelsen, als vier Doppelschläge an der Tür ertönten. Sellén öffnete ohne Zögern, und herein trat Olle Montanus, einfach und leicht gekleidet, ohne Überzieher.

»Guten Morgen, Olle! Wie geht's? Hast du gut geschlafen?«

»Danke für die Nachfrage!«

»Wie steht's mit der Metallkasse in der Stadt?«

»Ach, schlecht!«

»Und die Banknoten?«

»Es sind so wenig Banknoten im Umlauf.«

»Ja, sie wollen nicht mehr ausgeben! Nun, aber die Wertpapiere?«

»Keine vorhanden!«

»Glaubst du, daß es ein strenger Winter wird?«

»Ich habe heut früh viele Seidenschwänze bei Bälsta gesehen -- das bedeutet einen kalten Winter!«

»Du hast einen Morgenspaziergang gemacht?«

»Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen, seit ich um zwölf aus dem Roten Zimmer gekommen bin!«

»Ach, du bist gestern abend dagewesen!«

»Ja, und ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht: Doktor Borg und Sekretär Levin!«

»Ach, diese Kuckucke! Die kenne ich! Nun, warum hast du nicht bei ihnen übernachtet?«

»Ach, sie waren etwas hochmütig, weil ich keinen Überzieher anhatte, und ich schämte mich. Ach, ich bin so müde, ich lege mich ein bißchen auf dein Sofa! Erst bin ich nach dem Katrinenberg vorm Kungsholmer Tor gegangen, dann bin ich wieder umgekehrt und bin nach Bälsta hinausgewandert. Heute gedenke ich bei einem Ornamentbildhauer Arbeit zu suchen, sonst sterbe ich.«

»Ist es wahr, daß du in den Arbeiterverein Nordstern eingetreten bist?«

»Ja, das ist wahr! Ich soll dort Sonntag einen Vortrag halten über Schweden!«

»Das ist ein feines Thema! Sehr fein!«

»Wenn ich hier auf dem Sofa einschlafe, so wecke mich nicht; ich bin so schrecklich müde!«

»Geniere dich nicht, schlafe nur!«

Nach ein paar Minuten lag Olle in tiefem Schlaf und schnarchte. Sein Kopf hing über die eine Seitenlehne, die seinen dicken Hals stützte, und seine Beine über die andere.

»Armer Teufel!« sagte Sellén und warf den Plaid über ihn.

Jetzt klopfte es wieder, aber nicht reglementsmäßig, so daß Sellén es nicht geraten fand, zu öffnen; doch da wurde das Klopfen so dröhnend, daß alle Furcht vor etwas Ernstem verschwand und Sellén Doktor Borg und Sekretär Levin die Tür öffnete. Borg führte das Wort:

»Ist Falk hier?«

»Nein!«

»Was liegt denn da für ein Holzsack?« fuhr Borg fort und deutete mit seinem schneebedeckten Stiefel auf Olle.

»Das ist Olle Montanus!«

»Ach, dies Original, das Falk gestern abend bei sich hatte. Schläft er noch?«

»Ja, er schläft.«

»Hat er hier übernachtet?«

»Ja, das hat er!«

»Warum hast du kein Feuer gemacht? Hier ist es verteufelt kalt!«

»Weil ich kein Holz habe.«

»Nun, laß doch welches holen! Wo ist die Aufwärterin, der will ich Beine machen!«

»Die Aufwärterin ist zur Beichte.«

»Wecke den Ochsen auf, der daliegt und schläft, dann schicke ich den!«

»Nein, laß ihn schlafen!« bat Sellén und zog den Plaid über Olle, der die ganze Zeit geschnarcht hatte und noch immer weiter schnarchte.

»Nun, dann will ich dir eine andere Methode beibringen. Ist hier Erd- oder Schuttfüllung unter den Dielen?«

»Darauf verstehe ich mich nicht,« antwortete Sellén und nahm vorsichtig auf einigen auf dem Boden ausgebreiteten Pappscheiben Platz.

»Hast du noch mehr solche Pappe?«

»Ja, wieso?« fragte Sellén, und eine leichte Röte war an den Haarwurzeln zu sehen.

»Ich brauche sie und eine Feuerzange.«

Borg bekam die verlangten Dinge von Sellén, der nicht wußte, worauf er hinauswollte; er nahm jetzt seinen Malerstuhl und ließ sich auf den ausgebreiteten Pappscheiben nieder, wo er sitzenblieb, als bewache er einen Schatz.

Borg warf den Rock ab und begann mit der Feuerzange ein von Säuren und Regentropfen morsch gewordenes Brett herauszubrechen.

»Nein, bist du des Teufels!« schrie Sellén.

»So habe ich es in Upsala gemacht,« sagte Borg.

»Ja, aber in Stockholm geht das nicht!«

»Das schert mich den Teufel! Ich friere, und hier soll eingeheizt werden!«

»Aber brich doch nicht mitten im Zimmer meinen Fußboden auf! Man sieht es ja sofort!«

»Ist mir ganz egal, ob man es sieht, das kann ich dir sagen! Ich wohne ja nicht hier! Aber das ist zu hart.«

Er hatte sich Sellén genähert und stieß nun gegen den Stuhl, daß Sellén umfiel und im Fallen seine Pappscheiben mitriß, daß die nackte Bodenfüllung sichtbar wurde.

»So ein Schuft! Hier hat er eine regelrechte Holzgrube und sagt kein Wort!«

»Ja, das hat der Regen getan!«

»Ist mir ganz egal, wer es getan hat, jetzt wollen wir aber Feuer machen!«

Mit kräftigem Ruck hatte er ein paar Bohlenstücke losgerissen, und bald brannte das Feuer im Ofen.

Levin verhielt sich unterdes ruhig, abwartend und höflich. Borg setzte sich vor das Feuer und machte die Feuerzange glühend.

Wieder klopfte es, drei kurze Schläge und ein langer.

»Das ist Falk,« sagte Sellén und ging hin, um Falk zu öffnen, der mit etwas hektischem Aussehen eintrat.

»Brauchst du Geld?« fragte Borg den Eintretenden und schlug sich auf die Brusttasche.

»Sonderbare Frage!« antwortete Falk etwas zweideutig.

»Wieviel brauchst du? Ich kann es besorgen!«

»Ist das Ernst?« sagte Falk, und sein Gesicht erhellte sich.

»Ernst! Hm! Wieviel? Die Summe! Die Ziffer!«

»Nun, sechzig Kronen könnte ich schon brauchen!«

»Das ist ein bescheidener Mann,« sagte Borg und wandte sich zu Levin.

»Ja, das ist furchtbar wenig,« gab dieser zu. »Nimm doch, Falk, wenn es dir angeboten wird!«

»Nein, das will ich nicht! Ich brauche nicht mehr und kann mich nicht in größere Schulden stürzen. Übrigens weiß ich ja nicht, wann es bezahlt werden muß!«

»Zwölf Kronen jeden sechsten Monat, vierundzwanzig Kronen jährlich, in zwei Raten,« erwiderte Levin sicher und entschieden.

»Das sind ja loyale Bedingungen,« sagte Falk. »Wo bekommt ihr dafür Geld?«

»In der Stellmacherbank! -- Gib Papier und Feder her, Levin!«

Dieser hatte schon einen Schuldschein, einen Federhalter und ein Taschentintenfaß in der Hand. Der Schuldschein war bereits ausgefüllt. Als Falk die Zahl achthundert sah, zögerte er einen Augenblick.

»Achthundert Kronen?« sagte er fragend.

»Nimm doch mehr, wenn du nicht zufrieden bist.«

»Nein, ich will nicht; und es ist ja gleichgültig, wer das Geld nimmt, wenn es nur richtig bezahlt wird. Übrigens bekommt ihr Geld auf so ein Papier, ohne Sicherheit?«

»Ohne Sicherheit? Du hast doch unsere Bürgschaft!« antwortete Levin verächtlich und vertrauensvoll.

»Ich will ja nichts dagegen sagen,« meinte Falk; »ich bin dankbar, daß ihr für mich bürgen wollt, aber ich glaube nicht, daß es durchgeht!«

»Hahaha! Es ist schon bewilligt,« sagte Borg und holte einen Bewilligungsschein heraus, wie er es nannte. »Nun, unterschreibe!«

Falk schrieb seinen Namen. Borg und Levin standen wie Polizisten neben ihm.

»Assessor,« diktierte Borg.

»Nein, ich bin Schriftsteller,« erwiderte Falk.

»Nützt nichts, du bist als Assessor angemeldet, und übrigens stehst du so noch im Adreßbuch.«

»Habt ihr nachgesehen?«

»Man muß in Formsachen streng sein,« sagte Borg ernst.

Falk unterschrieb.

»Komm her, Sellén, und bezeuge!« befahl Borg.

»Ja, ich weiß nicht, ob ich es riskiere,« antwortete dieser. »Ich habe daheim auf dem Lande so viel Elend aus solchen Unterschriften entstehen sehen ...«

»Du bist jetzt nicht auf dem Lande und hast nicht mit Bauern zu tun! Schreibe und bestätige, daß Falk seinen Namen selbst geschrieben hat, das kannst du doch tun!«

Sellén unterschrieb, schüttelte aber den Kopf.

»Wecke jetzt den Zugochsen da auf, dann muß er auch unterschreiben.«

Als alles Rütteln vergebens war, um Olle zum Leben zu erwecken, nahm Borg die Feuerzange, die jetzt rot geworden war, und hielt sie dem Schlafenden unter die Nase.

»Wach auf, du Hund, dann kriegst du was zu essen!« schrie er.

Und Olle sprang auf und rieb sich die Augen.

»Du sollst Falks Unterschrift bestätigen, verstehst du!«

Olle nahm die Feder und schrieb nach dem Diktat der beiden Bürgen, worauf er sich wieder zum Schlafen legen wollte, aber von Borg gehindert wurde.

»Nein, warte einmal! Falk muß erst noch eine Ersatzbürgschaft schreiben.«

»Leiste keine Bürgschaft, Falk,« sagte Olle; »das geht nie gut; das ist ein Leiden!«

»Schweig, du Hund!« brüllte Borg. »Komm her, Falk. Wir haben für dich gebürgt, Kaution gestellt, verstehst du! Jetzt sollst du eine Ersatzbürgschaft leisten an Struves Stelle, der gerichtlich belangt worden ist.«

»Was heißt Ersatzbürgschaft?« fragte Falk.

»Das ist nur eine Form. Das Darlehn lautete auf achthundert Kronen in der Malerbank; die erste Anzahlung ist geleistet, nun aber wird Struve gerichtlich belangt, und da müssen wir uns nach einem Ersatzmann umsehen. Es ist ja ein altes gutes Darlehn, also ein Risiko ist nicht dabei; das Geld ist vor einem Jahr verfallen.«

Falk unterschrieb, und die beiden Zeugen setzten ihre Namen ebenfalls darunter.

Borg kniffte sorgfältig und mit Kennermiene die Schuldscheine zusammen und überreichte sie Levin, der sich sofort der Tür zuwandte.

»In einer Stunde bist du mit dem Geld wieder hier,« sagte Borg, »sonst gehe ich sofort zur Polizei und lasse dich suchen!«

Damit stand er auf und legte sich, zufrieden mit seinem Werk, auf das Sofa, auf dem Olle gelegen hatte.

Dieser wankte ans Feuer, ließ sich auf dem Fußboden nieder und rollte sich zusammen wie ein Hund.

Es blieb eine Weile still.

»Hör einmal, Olle,« sagte Sellén, »wenn wir auch so ein Papier unterschrieben!«

»Dann kommt ihr nach Rindö,« sagte Borg.

»Was ist Rindö?« fragte Sellén.

»Das ist eine Insel in den Schären; aber wenn ihr den Mälarsee vorzieht, so gibt es einen Ort, der Zuchthaus Langholm heißt!«

»Aber im Ernst, was geschieht,« fragte Falk, »wenn man am Verfalltage nicht bezahlen kann?«

»Dann nimmt man ein neues Darlehn auf in der Schneiderbank,« antwortete Borg.

»Warum leiht ihr nicht von der Reichsbank?« fing Falk wieder an.

»Die ist faul,« antwortete Borg.

»Verstehst du das?« sagte Olle zu Sellén.

»Kein Wort!« erwiderte dieser.

»Ihr werdet es einmal lernen, wenn ihr Mitglieder der Akademie seid und im Adreßbuch steht.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Audienzen

Nikolaus Falk saß in seinem Kontor am Morgen des Tages vor dem Weihnachtsabend; er war nicht mehr ganz der alte; die Zeit hatte das blonde Haar auf seinem Schädel gelichtet, und im Gesicht hatten die Leidenschaften kleine Abflüsse gegraben für all die Säure, die aus dem sumpfigen Boden hervorquoll. Er saß über ein kleines schmales Buch vom Format des Katechismus gebeugt und arbeitete mit der Feder darin, als steche er Muster aus.

Es klopfte, und sofort verschwand das Buch unter der Pultklappe, und eine Morgenzeitung nahm seine Stelle ein. Falk war tief in die Lektüre versunken, als seine Frau eintrat.

»Setz dich!« sagte Falk.

»Nein, dazu habe ich keine Zeit! Hast du die Morgenzeitung schon gelesen?«

»Nein!«

»Ach so, ich dachte, du seiest gerade dabei!«

»Ja, ich habe eben angefangen!«

»Dann hast du wohl die Kritik über Arvids Gedichte gelesen?«

»Ja ja, die habe ich gelesen!«

»Nun, er hat ja großes Lob bekommen!«

»Das hat er selbst geschrieben!«

»Das hast du gestern abend auch gesagt, als du das ›Graumützchen‹ last!«

»Nun, was willst du?«

»Ich habe vorhin die Admiralin getroffen; sie dankte für die Einladung und sprach ihre Freude aus, den jungen Dichter zu treffen!«

»Hat sie das gesagt?«

»Ja, das hat sie!«

»Hm! Nun, man kann sich ja getäuscht haben! Ich sage damit nicht, daß man es getan hat! Du willst wohl wieder Geld haben?«

»Wieder? Wann habe ich denn zuletzt welches bekommen?«

»Hier! -- Geh nun! Aber verlange jetzt vor Weihnachten nicht noch einmal etwas; du weißt, es ist ein schweres Jahr gewesen!«

»Nein, das weiß ich allerdings nicht! Alle Menschen sagen, es sei ein gutes Jahr gewesen!«

»Für den Landwirt, ja! Aber nicht für die Versicherungsgesellschaft. Adieu!«

Die Frau ging, und herein trat Fritz Levin, vorsichtig, als fürchte er einen Hinterhalt.

»Was willst du?« begrüßte Falk ihn.

»Ach, ich wollte nur im Vorbeigehen einmal Guten Tag sagen!«

»Das ist gescheit! Ich wollte gerade mit dir sprechen!«

»Ach nein!«

»Du kennst den jungen Levi?«

»Ja, gewiß!«

»Lies dies Schriftstück; laut!«

Levin las laut: »Großartige Schenkung! Mit einer bei unsern Kaufleuten heute nicht ungewöhnlichen Freigebigkeit hat der Großhändler Karl Nikolaus Falk, um den Jahrestag einer glücklichen Ehe zu feiern, der Direktion der Kinderkrippe Bethlehem eine Schenkungsurkunde über 20000 Kronen eingehändigt, wovon die eine Hälfte sofort, die andere Hälfte nach dem Tode des edlen Spenders ausgezahlt wird. Das Geschenk ist von um so größerem Wert dadurch, daß Frau Falk eine der Gründerinnen der menschenfreundlichen Institution ist.«

»Ist das gut?« fragte Falk.

»Ausgezeichnet! Das bedeutet zu Neujahr den Wasa-Orden.«

»Nun, dann geh jetzt zu der Direktion, das heißt zu meiner Frau, mit der Schenkungsurkunde und dem Geld, und dann suche den jungen Levi auf! Verstehst du?«

»Gewiß!«

Falk gab ihm die Schenkungsurkunde, die auf Pergament geschrieben war, und die Summe.

»Zähle nach, ob es stimmt,« sagte er.

Levin riß einen Stoß Papiere auf und machte große Augen. Es waren fünfzig bedruckte Bogen für viele Kronen in allen möglichen Farben.

»Ist das Geld?« fragte er.

»Das sind Wertpapiere,« antwortete Falk, »fünfzig Aktien zu je zweihundert Kronen vom Triton, die der Kinderkrippe Bethlehem überwiesen werden.«

»Aha, der wird jetzt sinken, da die Ratten das Schiff verlassen!«

»Das hat niemand gesagt,« antwortete Falk mit einem boshaften Lachen.

»Ja, wenn es aber der Fall ist, dann wird die Kinderkrippe Konkurs machen müssen!«

»Was geht das mich an, und dich noch weniger! Jetzt etwas anderes! -- Du mußt -- du weißt, was ich meine, wenn ich sage, du mußt --«

»Ich weiß, ich weiß; Gerichtsvollzieher, Scherereien, Schuldscheine -- sprich nur, sprich nur!«

»Du mußt zu meinem Diner am dritten Weihnachtstag Arvid herschaffen!«

»Ebensogut könnte ich drei Barthaare von dem Riesen holen! Siehst du jetzt, wie gut es war, daß ich deinen Auftrag damals im Frühjahr nicht ausgeführt habe? Habe ich nicht gleich geäußert, es würde so kommen?«

»Hast du? Was willst du geäußert haben? Halt jetzt den Mund und tu, was ich sage: das war die Sache! -- Nun noch eins! -- Ich habe gewisse Symptome von Reue bei meiner Frau bemerkt. Sie muß die Mutter oder eine von den Schwestern getroffen haben. Weihnachten ist eine sentimentale Jahreszeit. -- Geh nach dem Holm und heize etwas ein!«

»Das ist kein angenehmer Auftrag ...«

»Marsch! -- Der Nächste!«

Levin ging und wurde von Magister Nyström abgelöst, der durch eine Tapetentür im Hintergrunde des Zimmers hereinkam, worauf die Tür verschlossen wurde. Jetzt verschwand die Morgenzeitung, und das lange schmale Buch kam zum Vorschein.

Nyström sah bedauerlich herabgekommen aus; sein Körper war auf ein Drittel seines Volumens reduziert und sein Anzug äußerst dürftig. Er blieb demütig an der Tür stehen, holte ein sehr verbrauchtes Notizbuch aus der Tasche und wartete.

»Fertig?« fragte Falk und legte den Zeigefinger in das Buch.

»Fertig,« antwortete Nyström und öffnete das Notizbuch.

»Nummer 26. Leutnant Kling; 1500 Kronen. Bezahlt?«

»Nicht bezahlt!«

»Wird prolongiert mit Strafzinsen und Provision. Wird zu Hause aufgesucht!«

»Empfängt zu Hause nie!«

»Dann muß man ihm brieflich androhen, ihn in der Kaserne aufzusuchen! -- Nummer 27. Assessor Dahlberg: 800 Kronen. Wart einmal! Sohn des Großhändlers, der auf 35000 geschätzt wird; kann vorläufig gestundet werden, wenn er nur die Zinsen bezahlt! Behalte ihn im Auge!«

»Er bezahlt die Zinsen nie!«

»Muß auf Postkarte gemahnt werden, die ins Amt geschickt wird! -- Nummer 28. Hauptmann Stjernborst: 4000. Da haben wir den Jungen. Nicht bezahlt?«

»Nicht bezahlt!«

»Schön! Verhaltungsmaßregeln: Wird um zwölf Uhr auf der Wache aufgesucht. Anzug -- deiner, nämlich -- kompromittierend. Der rote Überzieher, der an den Nähten gelb ist -- du weißt ja!«

»Das nützt nichts! Ich habe ihn im Winter im Gehrock im Wachlokal aufgesucht!«

»Dann gehst du zu den Bürgen!«

»Da bin ich gewesen, und die haben mich zum Teufel geschickt! Die Bürgschaft sei nur eine Formalität gewesen, sagten sie.«

»Dann suchst du ihn selbst einmal am Mittwochnachmittag um eins auf, wenn er in der Direktion des Triton sitzt; nimm Andersson mit, damit ihr zu zweien seid.«

»Das ist schon geschehen!«

»Nun, was machte die Direktion denn für ein Gesicht?« fragte Falk und blinzelte mit den Augen.

»Sie sahen geniert aus!«

»Oh, taten sie das? Sahen sie wirklich geniert aus?«

»Ja, das taten sie!«

»Aber er selbst?«

»Er begleitete uns hinaus auf den Flur und sagte, er werde bezahlen, wenn wir nur versprächen, ihn nie wieder dort aufzusuchen!«

»Ach so! Oho! Sitzt da zwei Stunden in der Woche für sechstausend Kronen, weil er Stjernborst heißt! -- Warte einmal! Heute ist Sonnabend! -- Du bist pünktlich halb eins im Triton; wenn du mich da siehst, was sicher ist, so bitte -- keine Miene! -- Verstanden? Gut! -- Neue Gesuche?«

»Fünfunddreißig!«

»Ja ja! Morgen ist Weihnachten!«

Falk blätterte einen Stoß Schuldscheine durch; dann und wann glitt ein Lächeln über seine Lippen, und ein vereinzeltes Wort entfuhr ihm.

»Herrgott! Ist es so weit mit ihm gekommen! Und der -- und der -- der für so solide gilt! Ja ja, ja ja, ja ja! Das sind Zeiten! -- Ach, der braucht Geld? Dann werde ich sein Haus kaufen ...«

Es klopfte an die Tür. Die Klappe wurde zugemacht, Papiere und Katechismus waren wie fortgeblasen und Nyström ging durch die Tapetentür hinaus.

»Um halb eins,« flüsterte Falk ihm nach. »Noch ein Wort! Hast du das Gedicht fertig?«

»Ja,« ertönte es aus der Unterwelt.

»Gut! Halte Levins Schuldschein bereit, daß wir ihn der Kanzlei vorlegen können. Ich werde ihm eines Tages den Garaus machen! Der Teufel ist falsch!«

Darauf rückte er das Halstuch zurecht, zog die Manschetten vor und öffnete die Tür zum Korridor.

»Ah, guten Tag, Herr Lundell! Ergebenster Diener! Bitte sehr, treten Sie näher! Wie geht es? Ich hatte mich einen Augenblick eingeschlossen!«

Es war wirklich Lundell, wie ein Kommis gekleidet, nach der letzten Mode, mit Uhrkette, Ring, Handschuhen und Galoschen.

»Ich störe wohl, Herr Großhändler?«

»Nein, durchaus nicht! Glauben Sie, Herr Lundell, daß wir es bis morgen fertig bekommen?«

»Muß es unbedingt morgen fertig sein?«

»Unbedingt! Die Krippe hat ein Fest, das ich gebe, und meine Frau soll dies Porträt überreichen, damit es im Eßsaal aufgehängt wird!«

»Nun, dann darf es keine Hindernisse geben,« erwiderte Lundell und holte ein fast fertiges Bild und eine Staffelei aus einem Kämmerchen. »Wollen Herr Großhändler bitte einen Augenblick stillsitzen, dann kann ich hier und da etwas korrigieren!«

»Bitte sehr! Bitte sehr! Ganz wie Sie wünschen!«

Falk warf sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander, nahm die Haltung eines Staatsmanns an und setzte eine vornehme Miene auf.

»Bitte, sprechen Sie,« sagte Lundell. »Das Gesicht ist allerdings schon an sich interessant, aber je mehr Nuancen des Charakters es ausdrücken kann, desto besser!«

Falk lächelte, und ein Schein von Wohlgefallen und Zufriedenheit mit sich selbst erhellte seine rohen Gesichtszüge.

»Sie speisen doch am dritten Weihnachtstag bei mir, Herr Lundell?«

»Danke sehr ...«

»Da werden Sie die Gesichter hochverdienter Männer studieren können, die am Ende würdiger wären, auf der Leinwand festgehalten zu werden als meins.«

»Ich werde vielleicht die Ehre haben, sie zu malen?«

»Sicher, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege!«

»Oh, glauben Sie wirklich?«

»Ganz sicher!«

»Jetzt habe ich eben einen neuen Zug gesehen. Bitte, behalten Sie diese Miene bei. So! Vortrefflich! Ich fürchte, wir müssen heute den ganzen Tag daranwenden, Herr Großhändler! Es bleiben noch eine Menge Kleinigkeiten, die man nur so unter der Hand entdeckt. Ihr Gesicht ist so reich an interessanten Zügen.«

»Nun, dann wollen wir zusammen im Restaurant essen! Und wir wollen uns oft treffen, Herr Lundell, damit Sie Gelegenheit haben, mein Gesicht besser zu studieren zu der zweiten Auflage -- die man doch immer gern haben möchte! Ich muß wirklich sagen, Herr Lundell, es gibt wenige Leute, die so angenehm auf mich wirken wie Sie ...«

»Oh, ich bitte ergebenst.«

»Und ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß ich sehr scharfsichtig bin und Wahrheit von Schmeichelei wohl zu unterscheiden verstehe.«

»Das habe ich sofort gesehen,« erwiderte Lundell gewissenlos. »Mein Beruf hat mir die Fähigkeit gegeben, Menschen zu beurteilen!«

»Sie haben Blick! Mich können in der Tat nicht viele Menschen richtig beurteilen. Meine Frau zum Beispiel ...«

»Nun, das kann man von Frauen auch nicht verlangen.«

»Nein, habe ich das nicht immer gesagt? -- Hören Sie, darf ich Sie nicht zu einem guten Glas Portwein einladen?«

»Danke sehr, Herr Großhändler, aber ich habe mir zum Prinzip gemacht nie etwas zu trinken, wenn ich arbeite ...«

»Das ist sehr richtig! Dies Prinzip respektiere ich -- ich respektiere Prinzipien immer -- um so mehr, wenn ich sie teile.«

»Aber wenn ich nicht arbeite, trinke ich gern ein Glas.«

»Ganz wie ich -- ganz wie ich!«

Es schlug halb eins. Falk sprang auf.

»Entschuldigen Sie mich, ich muß einen Augenblick in Geschäften fort, aber ich werde sogleich wieder da sein!«

»Bitte sehr! Bitte sehr! Die Geschäfte gehen vor!«

Falk zog sich an und ging. Lundell blieb allein in dem Kontor.

Er steckte sich eine Zigarre an und betrachtete das Porträt. Wer sein Gesicht jetzt beobachtet hätte, würde seine Gedanken nicht haben lesen können, denn er hatte schon so viel Lebenskunst gelernt, daß er nicht einmal der Einsamkeit seine Ansichten anvertraute, ja er hatte sogar Angst, sie sich selber kundzutun.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Über Schweden

Man war zum Dessert gekommen. Der Champagner funkelte in den Gläsern, in denen sich die Lichtstrahlen des Kronleuchters in Nikolaus Falks Eßsaal in der Wohnung an der Schiffsbrücke spiegelten. Arvid nahm von allen Seiten freundliche Händedrücke mit Komplimenten und Glückwünschen, Warnungen und Ratschlägen entgegen; alle wollten sich einen Anteil an seinen Erfolgen sichern, denn jetzt war es ein ausgesprochener Erfolg.

»Herr Assessor Falk! Ich habe die Ehre!« sagte der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter und nickte ihm über den Tisch zu. »Das ist ein Genre, auf das ich mich verstehe!«

Falk nahm das verletzende Kompliment mit Ruhe entgegen.

»Warum schreiben Sie so melancholisch?« fragte eine junge Schönheit, die rechts vom Dichter saß. »Man könnte glauben, Sie seien unglücklich verliebt!«

»Herr Assessor Falk! Darf ich mir erlauben!« sagte der Chefredakteur des ›Graumützchens‹ von links, indem er seinen langen blonden Bart strich. »Warum schreiben Sie nicht für meine Zeitung, Herr Assessor?«

»Ich glaube, die Herren würden nicht drucken, was ~ich~ schreibe!« antwortete Falk.

»Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte!«

»Die Ansichten!«

»Oh! Das ist doch nicht so gefährlich damit! Das wird sich schon ausgleichen! Wir haben ja gar keine Ansichten!«

»Prosit, Falk!« schrie der schon ganz ausgelassene Lundell über den Tisch. »Heisa!«

Levi und Borg mußten ihn festhalten, damit er nicht aufstand und eine Rede hielt.

Es war das erste Mal, daß er in so einer Gesellschaft war, und die stattliche Versammlung und das glänzende Diner waren ihm zu Kopf gestiegen; da aber alle Gäste sich in einem höheren Stadium befanden, erregte er gleicherweise kein unliebsames Aufsehen.

Arvid Falk fühlte sich warm beim Anblick dieser Menschen, die ihn wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatten, ohne eine Erklärung zu verlangen oder eine Abbitte zu fordern. Er hatte ein Gefühl von Sicherheit, auf diesen alten Stühlen zu sitzen, die zu seinem Elternhause gehört hatten; er erkannte mit Wehmut den großen Tafelaufsatz wieder, der früher nur einmal im Jahre herausgeholt wurde; aber die vielen neuen Menschen machten ihn zerstreut. Er ließ sich von ihren freundlichen Mienen nicht täuschen; sie wollten ihm allerdings nichts Böses tun, aber ihr Wohlwollen hing von einer Konjunktur ab. Außerdem kam ihm die ganze Veranstaltung wie eine Maskerade vor. Was für gemeinsame Interessen hatte Professor Borg, der Mann mit dem großen wissenschaftlichen Ruf, mit seinem ungebildeten Bruder? Sie waren in der gleichen Aktiengesellschaft! Was tat der hochmütige Hauptmann Gyllenborst hier? Kam er her, um zu essen? Unmöglich, obwohl die Menschen recht weit gehen, um zu essen. Und der Präsident? Und der Admiral? Hier gab es unsichtbare Bande, starke, unlösliche Bande vielleicht!

Die Freude ging hoch, doch das Lachen war zu schrill, der Witz sprudelte, war aber säuerlich; Falk fühlte sich beklommen, und er hatte das Gefühl, als blicke von dem Porträt, das über dem Klavier hing, das Gesicht des Vaters zornig auf die Gesellschaft nieder.

Nikolaus Falk strahlte vor Zufriedenheit; er sah und hörte nichts Unangenehmes, wich aber den Blicken des Bruders soviel er konnte aus. Sie hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, denn Arvid hatte sich nach Levins Anweisung erst eingefunden, als alle Gäste versammelt waren.

Das Diner näherte sich seinem Ende. Nikolaus hielt eine Rede auf »die eigne Kraft und den festen Willen«, die den Menschen zum Ziel führen: »zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit« und einer »Position«. »Dies alles zusammen«, sagte der Redner, »verleih Selbstgefühl und gibt dem Charakter die Festigkeit ohne die wir nichts ausrichten können; nichts ausrichten im Dienst der Allgemeinheit, dem Höchsten, was wir erreichen können; und dahin, meine Herren, streben wir doch alle, wenn wir wahr sein wollen! Ich trinke auf das Wohl meiner geehrten Gäste, die heute meinem Hause die Ehre geben, und hoffe, daß ich noch oft die gleiche Ehre genießen werde!«

Darauf antwortete Hauptmann Gyllenborst, der schon etwas angeheitert war, in einer längeren, scherzhaften Rede, die in einer andern Stimmung und in einem andern Hause als skandalös bezeichnet worden wäre.

Er griff den kaufmännischen Geist an, der jetzt um sich gegriffen habe, und erklärte scherzend, es fehle ihm gewiß nicht an Selbstgefühl, obwohl er im höchsten Grade der wirtschaftlichen Unabhängigkeit entbehre; er habe gerade heute vormittag eine Affäre recht unangenehmer Art gehabt, -- trotzdem jedoch habe er Charakterstärke genug besessen, zu diesem Diner zu gehen; und was seine gesellschaftliche Position betreffe, so halte er sie für ebenso gut wie die irgendeines andern Menschen -- und dieser Meinung seien auch andere, da er ja doch die Ehre habe, an dieser Tafel, bei diesen scharmanten Gastgebern zu sitzen!

Als er geendet hatte, atmete die Gesellschaft erleichtert auf, denn »man habe das Gefühl gehabt, als zöge eine Gewitterwolke vorüber«, bemerkte die Schöne zu Arvid Falk, der dieser Äußerung lebhaft zustimmte.

Es war so viel Lüge, so viel Falschheit in der Luft, daß Falk sich beklommen fühlte und sich hinaussehnte. Er sah, wie diese Menschen, die ganz sicher ehrenhaft und achtenswert waren, gleichsam an einer unsichtbaren Kette gingen, an der sie dann und wann mit erstickter Wut zerrten -- ja, Hauptmann Gyllenborst behandelte den Wirt wirklich mit offener, wenn auch scherzhafter Verachtung. Er steckte sich im Salon eine Zigarre an, nahm unpassende Stellungen ein und beachtete die Damen nicht. Er spuckte auf die Steine vor dem Ofen, kritisierte unbarmherzig die Öldrucke an den Wänden und sprach seine Verachtung für Mahagonimöbel aus. Die übrigen Herren beobachteten ein indifferentes, ihrer selbst würdiges Benehmen und schienen Dienst zu tun.

Erregt und unzufrieden verließ Arvid Falk unbemerkt die Gesellschaft und ging fort. Auf der Straße stand Olle Montanus und wartete auf ihn.

»Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß du kommen würdest,« sagte Olle. »Es ist so schön hell da oben!«

»Ach deshalb! Ich wollte, du wärst dabei gewesen!«

»Nun, wie macht Lundell sich unter feinen Leuten?«

»Beneide ihn nicht! Er wird auch noch bittere Tage haben, wenn er Porträtmaler werden will! -- Laß uns jetzt von etwas anderm sprechen! Ich habe mich wirklich so nach diesem Abend gesehnt, wo ich die Arbeiter aus der Nähe sehen soll! Oh, ich glaube, nach diesem Qualm wird es wie frische Luft sein! Mir ist, als dürfte ich in den Wald gehen, nachdem ich in einem Krankenhaus darniedergelegen habe! Ich werde doch nicht auch dieser Illusion beraubt werden?«

»Der Arbeiter ist mißtrauisch, du mußt also vorsichtig sein!«

»Ist er edel? Ist er frei von Kleinlichkeit? Oder hat der Druck ihn verdorben?«

»Du wirst ja sehen! Es ist vieles in der Welt anders, als man sich vorstellt!«

»Ja, leider Gottes, das ist es!«

Nach einer halben Stunde befanden sie sich in dem großen Saal des Arbeitervereins Nordstern, der schon vollbesetzt war. Falks schwarzer Frack machte keinen guten Eindruck, und er mußte manchen unfreundlichen Blick aus finsteren Gesichtern entgegennehmen.

Olle stellte Falk einem langen, hageren, hustenden Manne von fanatischem Aussehen vor:

»Tischler Eriksson!«

»Ach,« sagte der, »ist das auch ein Herr, der Reichstagsabgeordneter werden will? Dazu sieht er mir doch zu schmächtig aus!«

»Nein, nein,« sagte Olle, »er kommt für die Zeitung!«

»Was für eine Zeitung? Es gibt so viele Sorten von Zeitungen! Vielleicht ist er hier, um sich über uns lustig zu machen!«

»Nein, durchaus nicht,« sagte Olle, »er ist ein Arbeiterfreund und will alles für euch tun!«

»So so, das ist etwas anderes! Aber ich habe Angst vor solchen Herren; wir hatten einen, der bei uns wohnte, das heißt in demselben Haus oben auf dem Weißen Berge; er war der Vizewirt -- Struve hieß die Kanaille!«

Ein Hammerschlag ertönte, und ein Mann in mittleren Jahren setzte sich auf den Präsidentenstuhl. Das war Stellmacher Löfgren, Stadtverordneter und Inhaber der Medaille +Litteris et Artibus+. Durch Übung in der Wahrnehmung kommunaler Ämter hatte er sich eine große Routine erworben, und sein Äußeres hatte ein Gepräge von Würde angenommen, das Stürme beschwichtigen und Aufruhr eindämmen konnte. Eine große Richterperücke beschattete ein breites Gesicht, das mit Backenbart und Brille geziert war.

Neben ihm saß der Sekretär, in dem Falk einen Diätar aus dem großen Amt wiedererkannte. Dieser trug einen Kneifer und drückte durch ein bäurisches Grinsen seine Mißbilligung über das meiste aus, was geäußert wurde. Auf der ersten Bank unterhalb der Tribüne saßen die vornehmsten Mitglieder, Offiziere, Beamte, Großhändler, die alle loyalen Anträge kräftig unterstützten und mit überlegenem parlamentarischen Geschick alle Reformprojekte niederstimmten.

Das Protokoll wurde vom Sekretär verlesen und von der ersten Bank genehmigt. Darauf wurde der erste Punkt der Tagesordnung vorgetragen.

»Der vorbereitende Ausschuß stellt dem Arbeiterverein Nordstern anheim, der Mißbilligung Ausdruck zu geben, die jeder rechtdenkende Bürger hinsichtlich der ungesetzlichen Bewegungen empfinden muß, die unter dem Namen Streik durch fast ganz Europa gehen.

Will der Verein ...«

»Jawohl,« schrie die erste Bank.

»Herr Vorsitzender!« rief der Tischler vom Weißen Berge.

»Wer lärmt da hinten?« fragte der Vorsitzende und blickte mit einer Miene unter der Brille durch, als wolle er den Rohrstock holen.

»Hier lärmt keiner; ich wollte nur ums Wort bitten,« sagte der Tischler.

»Wer ist ich?«

»Tischlermeister Eriksson!«

»Sind Sie Meister? Wann sind Sie das geworden?«

»Ich bin ausgelernter Geselle und habe nie die Mittel gehabt, meine Meisterprüfung zu machen, aber ich bin ebenso geschickt wie irgendein anderer, und ich arbeite selbständig! Das kann ich sagen!«

»Tischlergeselle Eriksson, wollen Sie sich bitte setzen und uns nicht weiter stören. -- Hält der Verein die Frage für bejaht?«

»Herr Vorsitzender!«

»Um was handelt es sich?«

»Ich bitte ums Wort! Können Sie nicht hören, Herr?« brüllte Eriksson.

»Eriksson hat das Wort,« wurde im Hintergrunde gemurmelt.

»Geselle Eriksson -- schreiben Sie sich mit x oder mit z?« fragte der Vorsitzende, dem der Sekretär soufflierte.

Lautes Lachen ertönte auf der vordersten Bank.

»Ich schreibe mich überhaupt nicht, meine Herren, ich diskutiere!« sagte der Tischler mit funkelnden Augen; »das tue ich! Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich sagen: die Streikenden haben recht, denn wenn die Meister und Prinzipale fett werden, die nichts weiter tun als herumlaufen und scherwenzeln bei Audienzen und solchem Scheiß, so hat das den Schweiß der Arbeiter gekostet! Aber wir wissen recht gut, warum ihr unsere Arbeit nicht bezahlen wollt: weil wir dann das Wahlrecht zum Reichstag bekommen würden, und davor hat man Angst ...«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Und wir wissen recht gut, daß die Steuereinschätzungskommission die Steuer herabsetzt, sobald sie eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich noch viel mehr sagen, aber es hat so wenig Zweck ...«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Herr Vorsitzender, meine Herren! Es ist höchst unerwartet, daß in einer Versammlung wie dieser, die sich durch ihr würdiges Verhalten (noch kürzlich bei dem königlichen Beilager) einen so guten Namen gemacht hat, Personen ohne allen parlamentarischen Takt einen achtenswerten Verein durch schamlose und rücksichtslose Verachtung aller Formen kompromittieren dürfen. Glauben Sie mir, meine Herren, so etwas könnte nicht geschahen in einem Lande, wo man von Jugend auf militärische Zucht lernt ...«

(»Allgemeine Wehrpflicht!« sagte Eriksson zu Olle.)

»... wo man sich daran gewöhnt, sich selbst und andere zu beherrschen! Ich spreche die gemeinsame Hoffnung aus, daß ein so störender Zwischenfall nicht wieder vorkommt unter uns ... ich sage uns ... denn ich bin auch Arbeiter ... wir sind alle Arbeiter vor dem ewigen Gott ... ich sage das in meiner Eigenschaft als Mitglied dieses Vereins, und der Tag würde ein Tag der Trauer sein, an dem ich die Worte zurücknehmen müßte, die ich kürzlich in einer andern Versammlung -- jawohl, es war in dem Nationalverein der Freunde der allgemeinen Wehrpflicht -- geäußert habe: Ich denke hoch von dem schwedischen Arbeiter!«

»Bravo! Bravo! Bravo!«

»Hält der Verein den Antrag des vorbereitenden Ausschusses für angenommen?«

»Ja! Ja!«

»Zweiter Punkt: Auf den Antrag eines Mitgliedes des Arbeitsausschusses wird dem Verein anheimgestellt, zu der bevorstehenden Konfirmation Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Dalsland in Anerkennung der Dankesschuld, die der schwedische Arbeiter dem Königshaus gegenüber hat, und besonders als Ausdruck der Mißbilligung jener Arbeiterunruhen, die unter dem Namen Kommune die Hauptstadt Frankreichs verheeren, eine Sammlung für eine Ehrengabe zu veranstalten, deren Wert allerdings dreitausend Kronen nicht übersteigen dürfte.«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Doktor Haberfeld!«

»Nein, ich war es, Eriksson, ich bitte ums Wort!«

»Ach so! Nun! Eriksson hat das Wort!«

»Ich möchte darauf hinweisen, daß nicht der Arbeiter die Kommune in Paris gemacht hat; sie ist gemacht von Beamten, Advokaten, Offizieren, gerade von den Wehrpflichtigen -- und von Zeitungsschreibern. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, so würde ich die Herren bitten, ihre Gefühle in einem Album zur Konfirmation auszudrücken!«

»Hält der Verband den Antrag des Arbeitsausschusses für angenommen?«

»Ja! Ja!«

Und nun begann ein Schreiben der Schreiber und ein Kollationieren und ein Schwatzen wie im Reichstag selbst.

»Geht das hier immer so zu?« fragte Falk.

»Finden Sie das lustig, Herr?« antwortete Eriksson. »Man möchte sich die Haare ausreißen! Ich nenne dies Korruption und Verrat. Lauter Eigennutz und Schändlichkeit; keiner, der ein Herz hätte, der sich der Sache annimmt; deshalb kommt es auch, wie es kommt!«

»Was kommt denn?«

»Wir werden ja sehen!« sagte der Tischler und ergriff Olles Hand. »Bist du bereit?« fuhr er fort. »Sieh dich nur vor, denn hier wirst du kritisiert!«

Olle nickte schlau.

»Ornamentbildhauergeselle Olof Montanus will einen Vortrag über Schweden halten,« begann der Vorsitzende. »Das Thema ist sehr umfangreich, finde ich, und etwas allgemein gehalten, aber wenn er verspricht, es in einer halben Stunde zu erledigen, so wollen wir zuhören; oder was meinen die Herren?«

»Jawohl!«

»Herr Montanus, bitte, treten Sie vor!«

Olle schüttelte sich wie ein Hund, ehe er zum Sprung ansetzt, und ging durch die Menge hindurch, die ihn mit den Blicken musterte.

Der Vorsitzende eröffnete eine kleine Unterhaltung mit der ersten Bank, und der Sekretär gähnte, ehe er eine Zeitung zur Hand nahm, um zu zeigen, wie wenig er auf den Vortrag zu hören gedenke.

Olle aber stieg auf die Tribüne, senkte seine großen Augenlider, kaute ein paarmal, um die Zuhörer glauben zu machen, er wolle anfangen, und als es wirklich stillgeworden war, so still, daß man hören konnte, was der Vorsitzende zu dem Rittmeister sagte, begann er.

»Über Schweden. -- Einige Gesichtspunkte.«

Eine Pause entstand.

»Meine Herren! Es dürfte wohl mehr als eine unverbürgte Annahme sein, daß die fruchtbarste Idee, die kraftvollste Bestrebung unserer Zeit die ist, das kurzsichtige Nationalgefühl aufzuheben, das die Völker trennt und sie als Feinde einander gegenüberstellt; wir haben die Mittel gesehen, die hierbei angewendet werden -- Weltausstellungen und ihre Wirkungen -- die Ehrendiplome!«

(Man sah sich fragend an. »Was war das für eine Stichelei?« sagte Eriksson. »Das kam etwas unerwartet, sonst war es gut!«)

»Die schwedische Nation marschiert, wie immer, so auch hier, an der Spitze der Zivilisation; sie hat in höherem Grade als irgendein anderes Kulturvolk die kosmopolitische Idee fruchtbar zu machen gewußt und hat, wenn man nach der Statistik urteilen darf, schon sehr vieles erreicht. Hierzu haben ungewöhnlich günstige Umstände beigetragen, über die ich jetzt einen kurzen Überblick geben will, um dann zu etwas Leichterverständlichem wie der Regierungsform, der Grundsteuer und ähnlichem überzugehen.«

(»Das wird lang,« sagte Eriksson und puffte Falk in die Seite; »aber er ist amüsant!«)

»Schweden ist, wie man weiß, ursprünglich eine deutsche Kolonie, und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten. Dieser Umstand, nämlich die Schwierigkeit für die Provinzen, sich untereinander zu verständigen, hat als mächtiger Faktor der Entwicklung des ungesunden Nationalitätsbegriffs entgegengearbeitet. Andere glückliche Umstände wieder haben einem einseitigen deutschen Einfluß entgegengewirkt, der früher einmal so weit gegangen ist, daß Schweden eine Deutschland einverleibte deutsche Provinz war, nämlich unter Albrecht von Mecklenburg. Hierzu rechne ich zunächst die Eroberung der dänischen Provinzen, Schonen, Halland, Blekinge, Bohuslän und Dalsland. Schwedens reichste Provinzen sind von Dänen bewohnt, die noch heute die Sprache ihres Landes sprechen und sich weigern, die schwedische Herrschaft anzuerkennen.«

(»Worauf in Jesu Namen will er hinaus? Ist er verrückt?«)

»Der Schone zum Beispiel sieht noch heutigentags Kopenhagen als Hauptstadt an, und die Vertreter Schonens bilden im Reichstag die regierungsfeindliche Partei. Ähnlich ist auch die Situation in dem dänischen Göteborg, das Stockholm nicht als Reichshauptstadt anerkennt. Da haben aber jetzt die Engländer die Initiative ergriffen und eine Kolonie angelegt. Diese Nation, die englische, fischt längs der Küste und hat während des Winters in der Stadt fast den gesamten Großhandel in den Händen; im Sommer fahren sie wieder nach Hause und genießen die gesammelten Schätze in ihren Landhäusern im schottischen Hochland. Übrigens ein prächtiges Volk! Die Engländer halten sich auch eine große Zeitung, in der sie ihre eigenen Taten rühmen, ohne die fremden geradezu zu schmähen.

Dann haben wir die zahlreichen Einwanderungen in Betracht zu ziehen, die dann und wann stattgefunden haben. Wir haben Finnen in den finnischen Wäldern, haben sie aber auch in der Hauptstadt, wohin sie unter den schwierigen politischen Verhältnissen in ihrer Heimat ausgewandert sind.

In unseren größeren Eisenwerken gibt es eine Unmenge von Wallonen, die im siebzehnten Jahrhundert ins Land kamen und noch heute ihr gebrochenes Französisch sprechen. Bekanntlich hat ein Wallone in Schweden die neue Staatsverfassung eingeführt, die Wallonien entlehnt ist. Tüchtige Leute, und sehr ehrlich!«

(»Nein, was in ... soll das heißen!«)

»Zu Gustaf Adolfs Zeiten strömte eine Menge schottischen Gesindels ins Land und verdingte sich als Soldaten, wodurch viele von ihnen auch ins Ritterhaus kamen!

An der Ostküste gibt es viele Familien, deren Traditionen von der Einwanderung aus Livland und den andern slawischen Provinzen sprechen, weshalb man hier oft rein tatarische Typen trifft.

Ich stelle die Behauptung auf, daß das schwedische Volk auf dem besten Wege ist, sich zu entnationalisieren! Schlagen Sie das Wappenbuch des schwedischen Adels auf, und zählen Sie die schwedischen Namen, die Sie treffen. Wenn das mehr als fünfundzwanzig Prozent sind, so können Sie mir die Nase abschneiden, meine Herren!

Schlagen Sie aufs Geratewohl das Adreßbuch auf; ich habe selbst den Buchstaben G nachgezählt: von vierhundert Namen waren zweihundert ausländische. Welches sind die Ursachen? Es gibt ihrer viele, die vornehmsten aber sind: die ausländischen Dynastien und die Eroberungskriege. Wenn man sich überlegt, wieviel Gesindel auf dem schwedischen Thron gesessen hat, so wundert man sich, daß die Nation noch heute so monarchisch ist. Hätte unsere Verfassung eine Bestimmung aufzuweisen, wonach der schwedische König stets ein Ausländer sein müßte, so würde dadurch unbedingt unser Ziel, die Entnationalisierung, geradeswegs erreicht werden, und das ist auch geschehen! Daß das Land durch Anschluß an fremde Nationen gewinnen kann, ist meine Überzeugung, denn verlieren kann es nichts, weil man nichts verlieren kann, was man nicht hat. Der Nation fehlt ganz einfach die Nationalität; das hat Tegnér im Jahre 1811 entdeckt und kurzsichtigerweise beklagt; da war es jedoch bereits zu spät, denn die Rasse war durch die Aushebungen während der dummen Eroberungskriege schon verdorben. Von der einen Million Einwohner, die es zu Gustaf Adolfs Zeiten im Lande gab, wurden siebzigtausend zeugungsfähige Männer ausgehoben und ruiniert. Wie viele Karl +X.+, +XI.+ und +XII.+ ruiniert haben, ist mir nicht bekannt, aber man kann sich vorstellen, was für eine Rasse die Zuhausebleibenden erzeugen konnten, da sie ja doch Ausschuß waren.

Ich kehre zu meinem Auspruch zurück, daß uns die Nationalität fehlt. Kann jemand mir etwas Schwedisches in Schweden nennen, außer unsern Fichten, Tannen und Eisenbergwerken, die für den Weltmarkt bald überflüssig sein werden? Was sind unsere Volkslieder? Französische, englische und deutsche Romanzen, in schlechten Übersetzungen! Was sind die Volkstrachten, deren Verschwinden wir bedauern? Alte Überbleibsel von den Trachten der Edelleute des Mittelalters. Schon zu Gustafs +I.+ Zeit verlangten die Talmänner, man solle alle die bestrafen, die ausgeschnittene und bunte Kleider trügen. Wahrscheinlich waren die bunten Hofgewänder, die burgundische Tracht, noch nicht zu den Talfrauen hinuntergekommen! Und sicher haben sie seitdem viele Modeveränderungen durchgemacht.

Nennen Sie mir eine schwedische Dichtung, ein Kunstwerk, eine Musikschöpfung, die so spezifisch schwedisch ist, daß sie sich von allem Nichtschwedischen unterscheidet! Zeigen Sie mir ein schwedisches Gebäude! Es gibt keins, und wenn es eins gibt, so ist es entweder schlecht oder es ist nach ausländischem Muster gemacht.

Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die schwedische Nation eine unbegabte, hochmütige, sklavische, neidische, kleinliche und rohe Nation ist! Und deshalb geht sie ihrem Untergang entgegen, und zwar mit Riesenschritten!«

(Jetzt erhob sich Lärm im Saal! Vereinzelte Hochrufe auf Karl +XII.+ übertönten jedoch den Spektakel.)

»Meine Herren, Karl +XII.+ ist tot, lassen wir ihn bis zum nächsten Jubelfeste ruhen! Ihm in der Hauptsache haben wir unsere Entnationalisierung zu danken, und deshalb bitte ich die Herren, mit mir in ein vierfaches Hurra einzustimmen: Meine Herren! Karl +XII.+ lebe hoch!«

»Ich muß die Versammlung zur Ordnung rufen!« schrie der Vorsitzende.

»Kann man sich wohl etwas Dümmeres denken, als daß ein Volk vom Ausland lernen muß, Dichter zu werden? Was sind das für Ochsen, die sechzehnhundert Jahre hinter dem Pfluge hergehen und nicht auf den Gedanken kommen, Lieder zu dichten! Da aber kam ein lustiger Bruder von Karls +XI.+ Hof und zerstörte das ganze Werk der Entnationalisierung! Früher schrieb man deutsch, jetzt sollte schwedisch geschrieben werden! Ich muß deshalb die Herren bitten, mit mir in den Ruf einzustimmen: Nieder mit dem dummen Hund Georg Stjernhelm!«

(»Wie hieß er? Edvard Stjernström!« Der Vorsitzende schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. Unruhe. »Es ist genug! Nieder mit dem Verräter! Er macht sich über uns lustig!«)

»Die schwedische Nation kann nur schreien und schlagen, das höre ich! Und da ich nicht weitersprechen darf und nicht zur Regierung und auf die Krongüter komme, so will ich nur sagen, daß solche servilen Lümmel, wie ich heute abend hier gehört habe, reif für den Absolutismus sind. Und ihr werdet ihn bekommen! Verlaßt euch drauf! Ihr bekommt den Absolutismus!«

(Ein Puff von hinten stieß dem Redner, der sich jetzt an das Pult klammerte, um sich festzuhalten, das Wort aus dem Halse.)

»Und ein undankbares Geschlecht, das die Wahrheit nicht hören will ...«

(»Schmeißt ihn raus! Haut ihn kaputt!« Olle wurde von der Tribüne hinuntergeworfen, aber noch im letzten Augenblick schrie er wie ein Wahnsinniger, während er Püffe und Schläge hinnahm: »Es lebe Karl +XII.+! Nieder mit Georg Stjernhelm!«)

Olle und Falk waren auf der Straße.

»Was war dir nur?« fragte Falk; »warst du von Sinnen?«

»Ja, das war ich, glaube ich! Ich hatte fast sechs Wochen lang meine Rede gelernt, ich wußte aufs Haar, was ich sagen wollte, aber als ich dann dastand und all diese Augen sah, da zerbrach es; meine ganze kunstvolle Beweisführung stürzte zusammen wie ein Gerüst, ich fühlte den Boden unter den Füßen schwinden und alle Gedanken kamen durcheinander. War es sehr falsch?«

»Ja, es war schlimm, und die Zeitungen werden über dich herfallen.«

»Ja, es ist zu traurig! Und ich dachte, es sei alles so klar! Aber es war doch schön, ihnen eins zu versetzen!«

»Auf diese Weise schadest du deiner Sache und kannst nie mehr öffentlich sprechen!«

Olle seufzte.

»Was um Gottes willen hattest du mit Karl +XII.+ zu schaffen? Das war das Schlimmste von allem!«

»Frage mich nicht, ich weiß nichts!«

»Liebst du den Arbeiter noch?« fuhr Falk fort.

»Ich bedaure ihn, weil er sich von Glücksrittern verführen läßt, und ich werde seine Sache nie im Stich lassen, denn seine Sache ist das Problem der nächsten Epoche, und eure ganze Politik ist dagegen nicht einen roten Heller wert!«

Olle und Falk wanderten durch die Straßen, kamen dann wieder in die Stadt hinunter und schritten die Neue Straße entlang, wo sie ins Café Naples gingen.

Es war jetzt zwischen neun und zehn Uhr, und das Café war sozusagen leer. Nur ein einziger Gast saß an einem Tisch in der Nähe des Büfetts. Er las aus einem Buch der Kellnerin vor, die neben ihm saß und nähte. Es sah sehr nett und gemütlich aus, mußte aber Falk stark irritieren, denn er machte eine heftige Bewegung, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

»Sellén! Bist du hier! Guten Abend, Beda!« sagte Falk mit einer erkünstelten Herzlichkeit, die ihm sehr fremd war, indem er die Hand des jungen Mädchens ergriff.

»Ach, Bruder Falk!« sagte Sellén. »Verkehrst du hier auch? Ich habe mir schon gedacht, daß so etwas los sei, da wir uns so selten im Roten Zimmer sehen!«

Falk und Beda wechselten einen Blick. Das junge Mädchen hatte für seine Stellung ein distinguiertes Aussehen; ein feines, intelligentes Gesicht, das einen leidvollen Ausdruck trug; eine schlanke Gestalt, mit einem eigenwilligen, aber keuschen Linienspiel; die Augen gingen an den Winkeln etwas nach oben, als wollten sie ein Unglück vom Himmel erspähen, konnten aber im übrigen alle Spiele spielen, die eine momentane Laune zu ersinnen vermochte.

»Wie ernst du bist,« sagte sie zu Falk und blickte auf ihre Näherei nieder.

»Ich bin in einer ernsten Versammlung gewesen,« sagte Falk und errötete wie ein Mädchen. »Was lest ihr denn da?«

»Ich habe die Zueignung zum Faust gelesen,« sagte Sellén und streckte seine Hand aus, um mit Bedas Nähzeug zu spielen.

Eine dunkle Wolke zog über Falks Gesicht. Das Gespräch wurde gezwungen und unerträglich. Olle saß in Betrachtungen versunken da, die sich um Selbstmord zu drehen schienen.

Falk ließ sich eine Zeitung geben und bekam den »Unbestechlichen«. Plötzlich fiel ihm ein, daß er nachzusehen vergessen habe, was der über seine Gedichte schrieb. Er schlug die Zeitung auf und richtete die Augen auf die dritte Seite; da fand er, was er suchte. Es waren keine Schmeicheleien, aber auch keine Grobheiten, denn der Artikel war von wirklichem und tiefem Interesse diktiert. Der Rezensent fand Falks Poesie nicht schlechter und nicht besser als die der sonstigen Zeitgenossen, aber ebenso egoistisch und bedeutungslos; sie handele nur von den Privatangelegenheiten des Verfassers, von unerlaubten Beziehungen, erdichteten oder wirklichen, kokettiere mit kleinen Sünden, trauere aber nicht über die großen; sie sei keine Spur besser als die englische Boudoirpoesie, und der Verfasser hätte ruhig sein Porträt vor den Text setzen sollen, dann wäre das Buch wenigstens illustriert gewesen usw. Diese einfachen Wahrheiten machten einen tiefen Eindruck auf Falk, der nur die Reklame im »Graumützchen«, die Struve geschrieben hatte, und die von persönlichem Wohlwollen diktierte Rezension im »Rotkäppchen« gelesen hatte. Er verabschiedete sich kurz und stand auf, um zu gehen.

»Willst du schon fort?« fragte Beda.

»Ja. Treffen wir uns morgen?«

»Ja, wie gewöhnlich. Gute Nacht!«

Sellén und Olle gingen mit ihm.

»Das ist ein nettes Kind!« sagte Sellén, nachdem sie eine Weile stumm dahingegangen waren.

»Ich möchte dich bitten, dich etwas zurückhaltender über sie zu äußern!«

»Ach, du bist in sie verliebt, scheint mir?«

»Ja, das bin ich, und ich hoffe, du verzeihst es mir!«

»Bitte sehr, ich will dir nicht hinderlich sein!«

»Und ich bitte dich, nichts Schlechtes von ihr zu denken ...«

»Nein, das tue ich auch nicht! Sie ist beim Theater gewesen ...«

»Woher weißt du das? Das hat sie mir nie erzählt!«

»Nein, aber mir! Man darf diesen kleinen Teufeln nie glauben!«

»Nun, dabei ist ja nichts Schlimmes! -- Ich gedenke sie sobald ich kann aus dieser Stellung wegzunehmen; unser Verkehr beschränkt sich darauf, daß wir morgens um acht nach dem Hagapark gehen und Wasser aus der Quelle trinken.«

»Wie unschuldig! Soupiert ihr nie abends zusammen?«

»Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, ihr einen so unpassenden Vorschlag zu machen, den sie mit Verachtung zurückweisen würde. Du lachst! Tu es nur! Ich glaube noch an ein Weib, das liebt, welcher Klasse es auch angehören, ja, was für Abenteuer es auch früher gehabt haben mag. Sie hat mir gesagt, ihr Weg sei nicht rein gewesen, aber ich habe versprochen, sie nie nach dem Vergangenen zu fragen!«

»Es ist also ernst?«

»Ja, es ist ernst!«

»Das ist etwas anderes! Gute Nacht, Bruder Falk! Olle, du kommst wohl mit mir!«

»Gute Nacht!«

»Armer Falk,« sagte Sellén zu Olle; »jetzt muß er auch das Spießrutenlaufen durchmachen; aber es muß so sein! Das ist wie Zahnwechsel; es wird kein Mann aus einem, ehe man nicht seine Geschichte gehabt hat!«

»Wie ist das Mädel denn?« fragte Olle aus reiner Höflichkeit, denn seine Gedanken waren weit weg.

»Sie ist in ihrer Art recht nett; aber Falk nimmt die Sache ernst; das tut sie scheinbar auch, solange sie glaubt, ihn erobern zu können; zieht es sich aber in die Länge, so wird sie der Sache überdrüssig, und es ist nicht sicher, daß sie sich nicht doch unterdes anderweitig Zerstreuung sucht. Nein, ihr könnt solche Affären nicht richtig behandeln; man muß nicht so lange trödeln, sondern gleich zupacken, sonst kommt einem ein anderer in den Weg. Hast du nie so etwas erlebt, Olle?«

»Ich hatte ein Kind mit unserer Magd daheim auf dem Lande; deshalb hat Vater mich aus dem Hause geworfen. Seitdem hab ich die Weiber nicht mehr anspucken mögen!«

»Das war ja nicht sehr verwickelt! Aber betrogen zu werden, wie man es nennt, das spürt man, das kannst du mir glauben. Oh! Oh! Oh! Man muß Nerven haben wie Geigensaiten, wenn man dies Spiel spielen will. Wir werden sehen, wie Falk die Feuerprobe besteht; manche nehmen so etwas sehr tief, und das ist dumm! -- Ach so, die Tür ist auf! Tritt ein, Olle! Ich hoffe, das Bett ist gemacht, damit du recht gut liegst! Aber du mußt meine alte Aufwärterin entschuldigen, daß sie die Betten nicht ordentlich aufschüttelt; sie hat so schwache Hände, daher wird es vielleicht ein bißchen knollig und hart sein.«

Sie waren die Treppen hinaufgeklettert und langten nun oben an.

»Tritt ein, tritt ein!« sagte Sellén. »Es scheint, daß Stafva hier gelüftet hat oder auch gescheuert; ich finde, es riecht so feucht.«

»Du machst Witze! Hier kann doch niemand scheuern, es ist ja kein Fußboden da!«

»Ist kein Fußboden da? Das ist etwas anderes. Wo ist er denn geblieben? Vielleicht ist er verbrannt worden? Nun, einerlei! Dann werden wir auf unserer Mutter Erde schlafen, oder auf dem Schutt, was es nun auch ist.«

Und sie legten sich in den Kleidern auf die Bodenfüllung, nachdem sie mit Stücken Malerleinwand und alten Skizzen ein Lager hergerichtet hatten, und schoben sich beide ihre Brieftasche unter den Kopf. Olle machte Feuer, holte einen Stearinkerzenstummel aus der Hosentasche und stellte ihn neben sich auf den Fußboden; ein schwacher Lichtschein irrte in dem großen leeren Atelier umher und schien den Massen von Finsternis, die sich durch die kolossalen Fenster hereinstürzen wollten, heftigen Widerstand entgegenzusetzen.

»Es ist kalt heute abend,« sagte Olle und holte ein schmieriges Buch heraus.

»Kalt! Aber nein! Es sind zwanzig Grad draußen, da sind hier im Zimmer mindestens dreißig, wo wir so hoch wohnen. Wie spät mag es wohl sein?«

»Mir war, als hätte es vorhin von Johannis eins geschlagen.«

»Johannis? Die haben gar keine Uhr! Die sind so arm, daß sie sie versetzt haben.«

Eine lange Pause entstand, die erst von Sellén unterbrochen wurde.

»Was liest du, Olle?«

»Das ist egal!«

»Ist das egal? Mußt du nicht höflich sein, wenn du zu Besuch bist?«

»Es ist ein altes Kochbuch, das Ygberg mir geliehen hat.«

»Nein, Teufel auch, das ist es? Oh, dann wollen wir etwas lesen; ich habe heute nichts gegessen als eine Tasse Kaffee und drei Glas Wasser!«

»Was willst du denn haben?« sagte Olle und blätterte in dem Buch. »Willst du ein Fischgericht haben? Weißt du, was Mayonnaise ist?«

»Mayonnaise? Nein! Lies das! Das klingt gut!«

»Also hör zu. Nummer 139, Mayonnaise. Butter, Mehl und etwas englischer Senf werden geschwitzt und mit guter Bouillon verquirlt. Wenn es kocht, werden einige Eigelb hineingequirlt, worauf die Soße erkalten muß ...«

»Nein, zum Teufel, davon wird man nicht satt ...«

»Oh, es ist noch nicht zu Ende. Feines Speiseöl, Weinessig, etwas Sahne und weißen Pfeffer -- ja, jetzt sehe ich, daß es nichts taugt. Willst du etwas Kräftigeres haben?«

»Schlage Kohlrollen auf; das ist mein Leibgericht!«

»Nein, ich kann nicht mehr laut lesen, laß mich!«

»Ach, lies doch!«

»Nein, laß mich jetzt in Ruh!«

Es wurde wieder still. Dann erlosch das Licht, und es wurde ganz dunkel.

»Gute Nacht, Olle! Deck dich gut zu, damit du nicht frierst!«

»Womit soll ich mich zudecken?«

»Ja, das weiß ich nicht! Findest du dies Dasein nicht herrlich?«

»Ich möchte wissen, warum man sich nicht das Leben nimmt, wenn es so kalt ist.«

»Das darf man nicht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie es schließlich kommt.«

»Hast du Eltern, Sellén?«

»Nein, ich bin unehelich; und du?«

»Ja! Aber das ist egal!«

»Du mußt der Vorsehung dankbar sein, Olle! Man muß der Vorsehung immer dankbar sein -- obwohl ich nicht weiß, was es eigentlich für einen Zweck hat! Es muß wohl so sein!«

Es wurde wieder still; diesmal war Olle der Störenfried.

»Schläfst du?«

»Nein, ich liege und denke an die Gustav-Adolf-Statue; willst du glauben, daß ...«

»Frierst du nicht?«

»Frieren? Hier ist es doch so warm!«

»Mein rechter Fuß ist ganz abgestorben!«

»Zieh dir den Farbenkasten über und stopfe die Pinsel neben dich, dann wird es besser.«

»Glaubst du, daß je ein Mensch es so schwer gehabt hat wie wir?«

»Schwer? Haben wir es schwer? Wir haben doch ein Dach überm Kopf! Es gibt Professoren der Akademie, mit Dreimaster und Degen, die es viel schlechter haben. Professor Lundström hat den halben April im Hopfenparktheater geschlafen! Das finde ich stilvoll! Er hatte die ganze linke Loge für sich, und er behauptet, es sei nach ein Uhr nachts nicht ein Parkettplatz freigewesen, im Winter immer gut besucht, aber im Sommer schlecht! Gute Nacht, du, jetzt schlafe ich!«

Und Sellén schnarchte. Olle jedoch stand auf und ging im Zimmer hin und her, bis es im Osten hell wurde; da erbarmte der Tag sich seiner und schenkte ihm die Ruhe, die die Nacht ihm nicht gegönnt hatte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

In letzter Stunde

Und der Winter verging, langsam für die Unglücklichen, schneller für die weniger Unglücklichen. Und der Frühling kam mit seinen zunichte gewordenen Hoffnungen auf Sonne und Grün, bis der Sommer da war als eine kurze Vorbereitung auf den Herbst.

Eines Maimorgens ging der Schriftsteller Arvid Falk in glühender Sonnenhitze über die Schiffsbrücke nach der Redaktion der »Arbeiterfahne« und sah zu, wie am Hafen die Schiffe aus- und eingeladen wurden. Sein Äußeres war nicht so gepflegt wie früher, sein schwarzes Haar länger, als die Mode guthieß, und sein Bart a la Henri +IV.+ gewachsen, was seinem abgemagerten Gesicht einen fast wilden Ausdruck gab. Seine Augen brannten in einem unheilverkündenden Feuer, das den Fanatiker oder den Trinker zu verraten pflegt. Er schien unter den Schiffen zu wählen, konnte sich aber schwer entschließen. Nach langem Zögern trat er auf einen Matrosen zu, der einen Karren mit Warenballen auf eine Brigg rollte. Er lüftete höflich den Hut.

»Wollen Sie mir bitte sagen, wohin dies Schiff geht?« fragte er schüchtern, obwohl er in einem sehr kühnen Ton zu sprechen glaubte.

»Schiff? Ich sehe kein Schiff!«

Und die Umstehenden lachten.

»Aber wenn Sie wissen wollen, wohin die Brigg geht, so lesen Sie da!«

Falk fühlte sich aus der Fassung gebracht, stachelte sich aber selber auf und fuhr in heftigem Ton fort:

»Können Sie auf eine höfliche Frage nicht eine höfliche Antwort geben?«

»Sie? Scher dich zur Hölle und steh nicht herum und schimpfe! -- Aufgepaßt!«

Das Gespräch war zu Ende, und Falk faßte endlich einen Entschluß. Er machte kehrt, ging durch eine Gasse über den Kaufmannsmarkt und bog in die Kindstustraße ein. Hier blieb er vor der Tür eines schmutzigen Hauses stehen. Wieder zögerte er, denn seine Hauptsünde, die Unentschlossenheit, konnte er nicht überwinden. Da kam ein kleiner, zerlumpter, schielender Bengel gelaufen, die Hand voll langer Korrekturfahnen, und wollte an Falk vorbei, als dieser ihn anhielt.

»Ist der Redakteur oben?« fragte er.

»Ja, er ist schon seit sieben Uhr da,« antwortete der Junge außer Atem.

»Hat er nach mir gefragt?«

»Ja, schon mehrmals!«

»Ist er böse?«

»Ja, das ist er immer!«

Und der Junge schoß wie ein Pfeil die Treppen hinauf. Falk aber folgte ihm unmittelbar und betrat das Redaktionszimmer. Es war ein Loch mit zwei Fenstern nach der dunklen Straße; vor jedem stand ein ungestrichener Holztisch mit Papier, Federhaltern, Zeitungen, Schere und Leimflasche.

An dem einen Tisch saß unser alter Freund Ygberg, in einem zerlumpten schwarzen Gehrock, und las Korrektur; an dem andern Tisch, der Falk gehörte, saß ein Herr in Hemdärmeln, mit einer schwarzseidenen Mütze auf dem Kopf, ähnlich wie die Kommunards sie tragen. Sein Gesicht war mit einem roten Vollbart bewachsen, und seine untersetzte Gestalt mit den groben Formen verriet den Arbeiter. Als Falk eintrat, machte der Kommunard eine heftige Bewegung mit den Beinen unter dem Tisch und krempelte die Hemdärmel auf, wobei eine blaue Tätowierung, bestehend aus einem Anker und einem angelsächsischen +R+, sichtbar wurde. Darauf ergriff er die Schere, stach sie mitten durch das erste Blatt einer Morgenzeitung, machte einen Ausschnitt und sagte in rauhem Ton, dem angeredeten Falk den Rücken kehrend:

»Wo sind Sie gewesen, Herr?«

»Ich war krank,« sagte Falk trotzig, wie er selbst meinte, aber demütig, wie Ygberg hinterher versicherte.

»Das ist gelogen! Sie haben gesoffen, Herr! Sie sind gestern abend im Naples gewesen; ich habe Sie gesehen!«

»Nun, das darf ich doch tun ...«

»Sie können sitzen, wo Sie wollen, Herr, aber hier haben Sie pünktlich zu sein, auf den Glockenschlag, nach Vereinbarung! Jetzt ist es schon ein Viertel nach acht! Ich weiß, solche Herren, die sich an der Universität herumgetrieben haben, wo sie so schrecklich viel zu lernen glauben, können sich nicht an Ordnung und Lebensart gewöhnen. Ist es nicht ungeschliffen, zu spät zu kommen? Benehmen Sie sich nicht wie ein Tölpel, Herr, wenn Sie Ihren Arbeitgeber Ihre Arbeit tun lassen? Wie? Augenblicklich ist alles auf den Kopf gestellt, das sehe ich! Die Arbeitnehmer kujonieren die Meister, das heißt die Arbeitgeber, und die Kapitalisten sind die Unterdrückten! So ist es!«

»Seit wann haben Sie diese Ansicht, Herr Redakteur?«

»Seit wann? -- Seit eben, Herr! Seit eben! Aber ich hoffe, deswegen ist die Ansicht doch gut! Ich habe jedoch auch noch etwas anderes entdeckt! Sie sind ja ein ungebildeter Mensch, Herr! Sie können ja nicht Schwedisch! Bitte, sehen Sie her! Was steht hier? Lesen Sie! ›Wir hoffen, daß alle, die im nächsten Jahr zur Übung eingezogen werden‹ -- hat man so etwas schon gehört? ›alle, die ...‹«

»Ja, das ist richtig,« sagte Falk.

»Das ist richtig? Wie können Sie das behaupten, Herr! Es heißt: alle die, welche; also muß man schreiben: ›alle die, welche‹.«

»Ja, wenn ...«

»Oh, keine gelehrten Redensarten; damit kommt man nicht weiter! Solchen Unsinn müssen Sie mir nicht vorsetzen, Herr! -- Nun, und dann schreiben Sie exserzieren nur mit x, obwohl es ex-serzieren heißt! Schweigen Sie! Heißt es ex-erzieren oder ex-serzieren? Antworten Sie!«

»Man sagt allerdings ...«

»Man sagt, also heißt es ex-serzieren; denn es kann nicht anders heißen, als man sagt! Vielleicht bin ich dumm, alles in allem, vielleicht kann ich nicht einmal Schwedisch sprechen! Ich habe es jedenfalls korrigiert! Sehen Sie her! Lesen Sie jetzt weiter und seien Sie ein andermal pünktlicher!«

Er sprang mit einem Aufschrei vom Stuhl auf und gab dem Korrekturjungen eine schallende Ohrfeige.

»So, du sitzt am hellen Tage da und schläfst, du Lümmel! Dich will ich lehren, wachzubleiben! Du bist noch nicht zu alt, Prügel zu kriegen!«

Er nahm das Opfer beim Gürtel, warf es auf einen Haufen unverkaufter Zeitungen und prügelte es mit seinem Leibriemen, den er abgeschnallt hatte.

»Ich habe nicht geschlafen, ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht!« schrie der Junge unter Schmerzen.

»So, du leugnest auch noch! Du hast lügen gelernt; aber ich werde dich lehren, die Wahrheit zu sagen! -- Hast du geschlafen, oder hast du nicht geschlafen? Sage jetzt die Wahrheit, sonst gibt es ein Unglück!«

»Ich habe nicht geschlafen,« stotterte der Unglückliche, der noch zu jung und zu unschuldig war, um sich mit einer Lüge aus dem Dilemma retten zu können.

»So, du leugnest noch! Du bist mir ein verstockter Lümmel! So frech zu lügen!«

Er wollte gerade daran gehen, den jungen Wahrheitsfanatiker noch weiter zu bestrafen, als Falk aufstand, auf den Redakteur zuging und mit fester Stimme sagte:

»Schlagen Sie den Jungen nicht; ich habe gesehen, daß er nicht schlief!«

»Nein, höre einer an! Sie sind mir ein netter Knabe! ›Schlagen Sie den Jungen nicht!‹ Wer hat das gesagt? Mir war, als hätte ich eine Mücke vorm Ohr summen hören! Ich habe mich wohl verhört! Das hoffe ich! Das hoffe ich zu Gott! -- Herr Ygberg! Sie sind ein anständiger Mann! Sie haben nicht studiert! Hören Sie, haben Sie vielleicht zufällig gesehen, ob der Junge, den ich hier wie einen Fisch an den Hosenträgern halte, haben Sie gesehen, ob er geschlafen hat, Herr?«

»Wenn er nicht geschlafen hat,« erwiderte Ygberg sanftmütig und einschmeichelnd, »so war er wohl gerade im Begriff, einzuschlafen.«

»Das ist die rechte Antwort! Herr Ygberg, wollen Sie mir bitte den Hosenbund festhalten, während ich mit meinem Stock einen Jüngling die Wahrheit sprechen lehre!«

»Sie haben kein Recht, ihn zu schlagen,« sagte Falk. »Wenn Sie ihn anrühren, öffne ich das Fenster und rufe einen Polizisten herauf.«

»Ich bin der Prinzipal, und ich schlage meine Lehrlinge! Er ist ein Lehrling, denn er soll später in die Redaktion! Das soll er, obwohl manche akademisch gebildeten Leute glauben, daß man eine Zeitung nicht ohne ihre Hilfe redigieren kann. Sag einmal, Gustav, lernst du nicht das Zeitungswesen? Was? Antworte jetzt, aber sprich die Wahrheit, sonst ...«

Die Tür öffnete sich, und ein Kopf sah herein -- es war ein sehr ungewöhnlicher Kopf, der an diesem Ort recht ungewohnt wirkte, aber es war ein sehr bekannter Kopf, denn er war fünfmal abgebildet worden.

Jedenfalls hatte dieser bedeutungslose Kopf die Wirkung, daß der Redakteur in einen Rock schlüpfte und den Leibriemen umschnallte, sowie eine Verbeugung machte und ein Grinsen aufsteckte, das von großer Übung zeugte.

Der Staatsmann fragte, ob der Herr Redakteur zu sprechen sei, worauf eine befriedigende Antwort erfolgte, während der letzte Rest des Arbeiters verschwand, indem die Barrikadenmütze vom Kopf genommen wurde.

Die beiden Herren traten in das Privatgemach des Redakteurs, und die Tür wurde gut hinter ihnen verschlossen.

»Mich soll wundern, was der Graf jetzt für Pläne hat,« sagte Ygberg und setzte sich selbstherrlich auf seinen Stuhl, wie ein Schuljunge, wenn der Lehrer fortgeht.

»Das soll mich gar nicht wundern,« sagte Falk, »denn jetzt glaube ich zu wissen, was für ein Schelm er ist, und was für ein Schelm der Redakteur ist; aber mich wundert das eine, wie du aus einem Rindvieh ein ehrloser Hund hast werden können, der sich zu Schändlichkeiten hergibt.«

»Du mußt nicht so heftig sein, lieber Freund! -- Aber du warst ja über Nacht nicht im Plenum!«

»Nein! Nach meiner Ansicht ist der Reichstag für andere als private Interessen bedeutungslos. Wie ist es mit der schlechten Geschäftslage des Triton abgelaufen?«

»In allgemeiner Abstimmung wurde beschlossen, der Staat solle, in Anbetracht der großen nationalen Idee des patriotischen Unternehmens, die Obligationen übernehmen, während die Gesellschaft liquidiert ... das heißt die laufenden Geschäfte abwickelt!«

»Das heißt -- der Staat stützt das Haus, während das Fundament einstürzt, so daß die Direktoren Zeit haben, sich in Sicherheit zu bringen.«

»Du hättest lieber gesehen, daß all die kleinen ...«

»Weiß schon! Weiß schon! All die kleinen Rentiers -- jawohl, ich würde lieber sehen, daß sie mit ihrem kleinen Kapital arbeiten, als daß sie faulenzen und damit wuchern, aber am liebsten würde ich sehen, daß die Betrüger ins Zuchthaus kämen, dann würden betrügerische Unternehmungen nicht ermutigt. Das nennt man politische Ökonomie! Pfui Teufel! -- Übrigens: Du trachtest nach meinem Posten! Du sollst ihn haben! Du sollst nicht da in deiner Ecke sitzen und bittere Gedanken gegen mich hegen, weil du in der Korrektur hinter mir auskehren und aufräumen mußt. Ich habe da drinnen bei diesem Freiheitshund, den ich verachte, zu viele Artikel ungedruckt liegen, als daß ich hier noch länger sitzen und Räubergeschichten für ihn aufschneiden möchte. Das ›Rotkäppchen‹ war mir zu konservativ, die ›Arbeiterfahne‹ aber ist mir zu schmutzig!«

»Gut, daß du deine Hirngespinste aufgibst und vernünftig wirst! Geh du zum ›Graumützchen‹, da hast du eine Zukunft!«

»Ich gebe das Hirngespinst auf, daß die Sache der Unterdrückten in guten Händen liegt, und ich glaube, es wäre eine große Aufgabe, die Allgemeinheit darüber aufzuklären, was die öffentliche Meinung, besonders die gedruckte, in Wirklichkeit ist, und wie sie entsteht, aber die Sache selbst gebe ich nie auf!«

Die Tür zum Zimmer des Redakteurs öffnete sich wieder, und herein kam der Redakteur selbst. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sagte mit unnatürlich geschmeidiger, fast höflicher Stimme:

»Herr Assessor, wollen Sie bitte die Redaktionsgeschäfte führen in meiner Abwesenheit -- ich muß auf einen Tag in einer höchst wichtigen Angelegenheit verreisen. Der Assistent kann Ihnen bei den laufenden Arbeiten helfen. Der Herr Graf bleibt eine Weile in meinem Zimmer -- ich hoffe, die Herren werden dem Herrn Grafen behilflich sein, wenn er etwas wünscht.«

»Bitte sehr, das ist nicht nötig!« rief der Graf aus dem Zimmer, wo er über ein Manuskript gebeugt saß, das im Entstehen war.

Der Redakteur ging, und merkwürdigerweise entfernte sich der Graf ungefähr zwei Minuten später, das heißt nach genau so langer Zeit, wie nötig war, um sich nicht in Begleitung des Redakteurs der »Arbeiterfahne« zeigen zu müssen.

»Bist du sicher, daß er gleich abreist?« fragte Ygberg.

»Ich hoffe es!« sagte Falk.

»Dann gehe ich nach der Mönchsbrücke und sehe zu, wie die Frauen einkaufen. Übrigens, hast du Beda seitdem getroffen?«

»Seit wann?«

»Ach, seit sie das Café Naples verlassen und sich eine Wohnung gemietet hat!«

»Woher weißt du das?«

»Du mußt versuchen, ruhig zu sein, Falk! Sonst nimmt es ein schlimmes Ende mit dir!«

»Ja, ich muß es wohl versuchen, sonst verliere ich den Verstand! Dies Mädchen, das ich so geliebt habe, so sehr! Sie hat mich so schändlich betrogen! Was sie mir verweigerte, das hat sie diesem dicken Krämer gegeben! Und weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte: das beweise die Reinheit ihrer Liebe zu mir!«

»Das ist eine feine Dialektik! Und sie hat recht, denn die Prämisse ist ganz richtig: sie liebt dich noch immer?«

»Sie verfolgt mich wenigstens!«

»Und du?«

»Ich hasse sie, so tief man hassen kann; aber ich fürchte ihre Nähe!«

»Das heißt, du liebst sie noch!«

»Laß uns von etwas anderm reden!«

»Du mußt dich beruhigen, Falk! Sieh mich an! Jetzt gehe ich aber weg und sonne mich; man muß doch sein Dasein in seiner zeitlichen Existenz genießen. Gustav, du kannst auf eine Stunde an den deutschen Brunnen hinuntergehen und Knopf spielen, wenn du magst.«

Falk war allein. Die Sonne schien mit aller Macht auf das schräge Dach gegenüber und durchglühte jetzt das Zimmer; er öffnete das Fenster und blickte hinaus, um frische Luft zu schöpfen, aber ihm schlug der betäubende Geruch aus der Gosse entgegen; er ließ den Blick nach rechts hinüberschweifen durch die engen Gassen, und sah ganz hinten in der Ferne ein Stück von einem Dampfer, ein paar Wellen des Mälar, die im Sonnenschein glänzten, und eine Partie des Schinderbuchtberges, der jetzt erst hier und da in den Schluchten etwas Grün aufwies. Er dachte an die Leute, die auf diesem Dampfer in die Sommerfrische fahren würden, die in den Wellen baden und ihr Auge an dem Grün erlaben konnten. Nun aber begann der Klempner unten zu hämmern, daß Haus und Fensterscheiben zitterten. Ein paar Arbeiter fuhren einen rasselnden, stinkenden Karren vorbei, und aus der Kneipe gegenüber strömte ein Geruch von Branntwein, Dünnbier, Sägespänen und Tannenreisern. Er zog den Kopf zurück und setzte sich an seinen Tisch; vor ihm lagen wohl hundert Provinzzeitungen zum Ausschneiden bereit. Er zog die Manschetten aus und begann die Durchsicht. Sie rochen nach Kienruß und Öl und färbten ab -- das war der Haupteindruck; was er des Ausschneidens wert fand, durfte er nicht nehmen, denn er mußte an das Programm seiner Zeitung denken. Wenn die Arbeiter einer Fabrik dem Werkmeister eine silberne Schnupftabaksdose geschenkt hatten, so war das sofort auszuschneiden; wenn aber ein Prinzipal der Kasse der Arbeiter fünfhundert Kronen stiftete, so mußte er daran vorbeigehen. Wenn der Herzog von Halland einen Rammblock eingeweiht und Direktor Trälund ein Gedicht darauf gemacht hatte, so mußte er das mit Gedicht und allem ausschneiden, »denn so etwas lesen die Leute gern«; konnte er etwas Geringschätziges hinzufügen, so war es um so besser, sie kriegten es dann wenigstens zu hören. Im übrigen galt für das Ausschneiden die folgende Regel: alles Rühmliche über Journalisten und Arbeiter, alles Schmähliche über Geistliche, Militärs, große Kaufleute (nicht kleine), Akademiker, berühmte Schriftsteller und Juristen. Außerdem mußte er mindestens einmal wöchentlich die Direktion des königlichen Theaters angreifen, sowie die leichtsinnigen Singspiele der kleinen Theater im »Namen der Moral und der Sittlichkeit« herunterreißen, denn der Redakteur hatte bemerkt, daß die Arbeiter diese Theater nicht liebten. Einmal monatlich mußten Stadtverordnete der Verschwendung bezichtigt (und verurteilt) werden, wobei, so oft sich die Gelegenheit bot, die Regierungsform angegriffen werden sollte, aber nicht die Regierung. Strenge Zensur hatte der Redakteur sich bei Attentaten auf gewisse Reichstagsabgeordnete und gewisse Minister vorbehalten. Auf welche? Das war ein Geheimnis, das nicht einmal der Redakteur kannte, denn das hing von den Konjunkturen ab, und die vermochte nur der geheime Verleger der Zeitung zu beurteilen.

Falk arbeitete mit seiner Schere, bis seine eine Hand schwarz war, und er klebte; aber die Leimflasche gab einen so ekelhaften Geruch von sich, und die Sonne brannte so heiß; die arme Aloe, die wie ein Kamel dursten und alle Stiche einer gereizten Stahlfeder ertragen konnte, sah sehr betrübt aus und machte den wüstenartigen Eindruck grauenhaft lebendig; sie hatte lauter schwarze Punkte von Stichen, und ihre Blätter schossen wie ein Bündel Eselsohren aus der wie Schnupftabak trocknen Erde auf. Etwas Ähnliches mochte Falk vorschweben, denn er saß in Gedanken versunken, und ehe er es bereuen konnte, hatte er alle Ohrzipfel abgeschnitten. Dann, vielleicht um das Gewissen zu betäuben, vielleicht um etwas zu tun zu haben, strich er Leim auf die Wunden und sah zu, wie die Sonne es trocknete; darauf überlegte er eine Weile, wo er Mittagessen herbekommen werde, denn er war auf den Weg geraten, der zur Verdammnis führt, das heißt auf den Weg der sogenannten »schlechten Verhältnisse«; schließlich steckte er sich eine Pfeife Knaster an und ließ den betäubenden Rauch aufsteigen und sich in dem kurzlebigen Sonnenschein baden. Das stimmte ihn milder gegen das arme Schweden, wie es sich nach der Meinung der Leute in den Tages-, Wochen- und Halbwochenbulletins, die man Zeitungen nennt, darstellte. Er legte die Schere beiseite, warf die Zeitungen in eine Ecke und teilte mit der Aloe brüderlich den Inhalt der Tonkaraffe; dabei fand er, daß die Ärmste aussah, als seien ihr die Flügel beschnitten -- wie eine Ente zum Beispiel, die auf dem Kopf im Schlamm steht und nach irgend etwas gräbt -- vielleicht nach Perlen, oder doch wenigstens nach Muscheln ohne Perlen. Dann packte ihn wieder die Verzweiflung, wie der Gerber mit seinen langen Haken, und stieß ihn zu Boden, hinunter in den Schmutz, wo er präpariert werden sollte, bevor das Messer kam und ihm die Haut abschabte, damit er würde wie andere Menschen. Und er fühlte keine Gewissensbisse, keine Reue über ein verfehltes Leben, sondern ganz einfach Verzweiflung darüber, in seiner Jugend sterben zu müssen, den geistigen Tod, bevor er hatte wirken können, Verzweiflung darüber, wie ein unnützes Rohr, wie dürres Holz ins Feuer geworfen zu werden!

Von der Deutschen Kirche schlug es elf, und nun setzte das Glockenspiel ein: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte« und »Mein Leben ist ein Wellenspiel«; gewissermaßen von derselben Idee erfaßt begann ein italienischer Leierkasten mit der obligaten Flötenstimme »An der schönen blauen Donau« aufzuspielen; soviel Musik auf einmal brachte neues Leben in den Klempner, der mit verdoppeltem Eifer sein Blech vornahm; all dieser Lärm war schuld, daß Falk nicht hörte, wie die Tür sich öffnete und zwei Personen eintraten. Die eine war eine lange, magere, finstere Gestalt mit Habichtsnase und Polkahaar, die andere ein dicker, blonder, untersetzter Mann, dessen Gesicht blank vom Schweiß war und große Ähnlichkeit mit dem Tier hatte, das bei den Hebräern für das unreinste von allen galt. Ihr Äußeres deutete auf eine Beschäftigung hin, die weder die Seelen- noch die Körperkräfte zu sehr in Anspruch nahm; es war jenes unbestimmte Etwas, das Unregelmäßigkeit in Arbeit und Lebensweise verrät.

»Pst!« flüsterte der Lange; »bist du allein?«

Falk schien von dem Besuch halb angenehm, halb unangenehm überrascht zu sein.

»Ich bin sogar ganz allein; der Rote ist verreist.«

»Oh, dann komm mit und iß mit uns!«

Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden; er schloß das Büro zu und ging mit den beiden in die Kneipe »Stern« in der Österlangstraße, wo sie sich in der dunkelsten Ecke niederließen.

»Ach, sieh da, Branntwein!« sagte der Dicke, und seine erloschenen Augen leuchteten beim Anblick der Branntweinflasche.

Aber Falk, der hauptsächlich deshalb mitgegangen war, um Teilnahme und Trost zu finden, schenkte den aufgetischten Herrlichkeiten nicht die gebührende Aufmerksamkeit.

»Ich habe mich schon lange nicht so unglücklich gefühlt,« sagte er.

»Nimm dir ein Brötchen mit Hering!« sagte der Lange. »Wir wollen Rydinger Kümmelkäse essen. -- Pst! Kellner! Mischung Blomberg!«

»Könnt ihr mir jetzt einen guten Rat geben?« versuchte Falk wieder; »ich halte es bei dem Roten nicht länger aus und muß suchen ...«

»Pst! Kellner! Bergmanns Hartbrot! -- Trink doch, Falk, und rede keinen Unsinn!«

Falk war aus dem Sattel geworfen und machte keine weiteren Versuche, auf diese Art Linderung seiner geistigen Not zu finden; er schlug einen andern nicht ungewöhnlichen Weg ein.

»Sagtest du, wir wollten trinken? Für mein Leben gern!«

Es floß wie Gift durch seine Adern, denn er war nicht an Alkohol am Vormittag gewöhnt; aber er empfand ein wunderliches Wohlbehagen bei den Essensgerüchen und dem Fliegengesumme und dem Duft des halbverfaulten Blumenstraußes, der neben dem schmutzigen Tafelaufsatz stand. Sogar die schlechte Gesellschaft mit der unsauberen Wäsche, den fleckigen Anzügen und den ungekämmten Galgenphysiognomien harmonierte so sehr mit seiner eigenen Erniedrigung, daß er eine wilde Freude empfand.

»Gestern sind wir im Tiergarten gewesen und haben gesoffen!« sagte der Dicke, um in der Erinnerung die verflossenen Genüsse noch einmal durchzukosten.

Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden, und seine Gedanken schlugen sofort eine andere Richtung ein.

»Ist es nicht schön, einmal vormittags frei zu sein?« sagte der Lange, der die Rolle des Versuchers übernommen zu haben schien.

»Ja, das ist schön,« antwortete Falk und wollte mit einem Blick durch das Fenster seine Freiheit gewissermaßen messen, aber er sah nur eine Feuerleiter und einen Müllkasten auf dem Hof, auf den nur der schwache Widerschein des Sommerhimmels hinunterdrang.

»Jetzt trinken wir einen Schnaps! So! -- Ah! -- Nun, und der Triton? Hahahaha!«

»Du mußt nicht lachen,« sagte Falk; »es werden so viele arme Leute darunter leiden!«

»Was für arme Leute? Arme Kapitalisten? Hast du Mitleid mit Leuten, die nicht arbeiten, sondern von ihrem Gelde leben? Nein, mein Junge, du hast immer noch deine Vorurteile! Aber in der ›Hornisse‹ stand eine lustige Geschichte von einem Großhändler, der der Kinderkrippe Bethlehem 20000 Kronen geschenkt und dafür den Wasa-Orden bekommen hatte; nun stellt sich aber heraus, daß es Triton-Aktien mit solidarischer Haftung waren, und jetzt muß die Krippe Konkurs machen! Ist das nicht köstlich? Die Aktiva bestehen aus fünfundzwanzig Kinderbetten und einem Ölbilde eines unbekannten Meisters. Das ist doch herrlich! Das Porträt wird auf fünf Kronen geschätzt! Ist das nicht köstlich? Hahahaha!«

Falk fühlte sich von dem Thema, das er besser kannte als die andern, unangenehm berührt.

»Nun, hast du gesehen, daß das ›Rotkäppchen‹ den Schwindel mit Skönström entlarvt hat, der Weihnachten diese elenden Gedichte herausgegeben hat?« sagte der Dicke. »Es war direkt erfreulich, einmal ein wahres Wort über diesen Kerl zu lesen. Ich habe ihm in der ›Natter‹ ein paar Hiebe versetzt, daß es nur so pfiff.«

»Ja, aber du bist etwas ungerecht gegen ihn gewesen, seine Verse waren nicht schlecht,« sagte der Lange.

»Schlecht? Sie waren doch viel schlechter als meine, die das ›Graumützchen‹ so heruntergerissen hat -- du erinnerst dich wohl!«

»Apropos, Falk, bist du im Tiergartentheater gewesen?« fragte der Lange.

»Nein.«

»Schade!«

»Da grassiert jetzt die Lundholmsche Räuberbande! Das ist ein frecher Lümmel, kann ich dir sagen. Er hatte der ›Natter‹ keine Billette geschickt, und als wir gestern hingingen, schmeißt er uns raus! Das soll er büßen! Willst du dir den Hund nicht vornehmen? Hier hast du Papier und Bleistift. Erst schreibe ich! ›Theater und Musik. Das Tiergartentheater.‹ Nun schreibst du.«

»Aber ich habe seine Truppe ja nicht gesehen!«

»Was tut das, zum Teufel? Hast du noch nie über etwas geschrieben, was du nicht gesehen hast?«

»Nein, das habe ich nicht; ich habe Schwindel entlarvt, aber ich habe nie Unschuldige angegriffen, und seine Truppe kenne ich nicht.«

»Oh, die ist elend! Lauter Pack!« bestätigte der Dicke. »Spitze deinen Bleistift und stich ihn in die Ferse, was du so gut kannst!«

»Warum stecht ihr nicht selbst?« fragte Falk.

»Weil die Setzer unseren Stil kennen, und die pflegen abends da draußen eine Rolle zu spielen. Übrigens ist Lundholm ein so jähzorniger Kerl, der kommt sicher ins Büro gerast, und dann muß man es ihm unter die Nase reiben können, daß es eine Meinungsäußerung eines Unparteiischen ist! Ja, wenn Falk über Theater schreibt, so nehme ich mir die Musik vor. Es ist doch in dieser Woche in der Kirche in Ladugaardsland ein Konzert gewesen. -- Hieß er nicht Daubry mit y?«

»Nein, mit i,« antwortete der Dicke. »Vergiß nur nicht, daß er Tenor war und das +Stabat mater+ gesungen hat!«

»Wie schreibt sich das?«

»Das können wir gleich nachsehen,« sagte der dicke Redakteur der ›Natter‹ und nahm einen Stoß schmieriger Zeitungen vom Gasmesserschrank.

»Hier hast du das ganze Programm, und ich glaube, es steht auch eine Rezension in der Zeitung.«

Falk konnte sich eines Lachens nicht erwehren.

»Es kann doch nicht eine Rezension drinstehen am selben Tag, wo die Annonce erscheint?«

»Das kann es schon! Aber es ist nicht nötig, denn ich werde dies französische Pack schon noch rezensieren. -- Nimm du dir nur die Literatur vor, Dickus!«

»Schicken die Verleger der ›Natter‹ Bücher?« fragte Falk.

»Bist du verrückt?«

»Kauft ihr sie selbst, nur um das Vergnügen zu haben, sie zu rezensieren?«

»Kaufen? -- Grünschnabel! Nimm dir noch ein Glas und mache ein heiteres Gesicht, dann kriegst du ein Kotelett!«

»Ihr lest wohl die Bücher gar nicht, die ihr rezensiert?«

»Wer sollte denn Zeit haben, Bücher zu lesen, he? Genügt es nicht, daß man darüber schreibt? Man liest die Zeitungen, das ist hinreichend! Übrigens ist es unser Prinzip, alle runterzumachen!«

»Aber das ist doch ein dummes Prinzip!«

»Unsinn! Dadurch zieht man alle Gegner und Neider der Dichter auf seine Seite -- und da hat man doch die Majorität. Die Neutralen lesen lieber Grobheiten über andere als Lobesworte! Es liegt für den Unbeachteten etwas Erbauliches und Tröstliches darin, zu sehen, wie dornenvoll der Weg des Ruhms ist. Nicht wahr?«

»Ja, aber wie kann man so mit den Schicksalen der Menschen umgehen!«

»Oh, das tut Alten und Jungen sehr gut, das weiß ich, denn ich habe in meiner Jugend nie etwas anderes als Grobheiten zu hören bekommen!«

»Aber ihr führt das Urteil des Publikums irre.«

»Das Publikum will gar kein Urteil haben, das Publikum will seine Passionen befriedigt sehen. Wenn ich deinen Gegner lobe, windest du dich wie ein Wurm und sagst, ich hätte kein Urteil; wenn ich deinen Freund lobe, sagst du, ich habe Urteil! Nimm dir das letzte Stück des Dramatischen Theaters vor, Dickus, das soeben veröffentlicht ist!«

»Bist du sicher, daß es schon erschienen ist?«

»Aber gewiß! Du kannst jedenfalls betonen, daß es keine Handlung hat; daß man das sagt, ist das Publikum gewohnt; ferner kannst du dich über die ›schöne Sprache‹ mokieren; das ist ein altes, gutes, abschätziges Lob, und dann falle über die Direktion des Theaters her, die das Stück angenommen hat; sprich auch davon, daß der sittliche Gehalt des Stückes zweifelhaft ist, das kann man immer sagen; sage aber nichts über die Aufführung, das ›verschieben wir auf ein andermal, aus Mangel an Raum‹, kannst du hinzufügen, dann verhaust du dich nicht, weil du doch das Zeug nicht gesehen hast.«

»Wer ist der Unglückliche, der dies Stück geschrieben hat?« fragte Falk.

»Das weiß man noch nicht!«

»Denkt doch an seine Eltern und Geschwister; vielleicht lesen sie diese Dinge, die ja höchst ungerecht sein können.«

»Nun, was haben sie mit der ›Natter‹ zu tun? Sie wollten doch sicher etwas Abfälliges über ihre Gegner lesen; sei überzeugt: sie wissen genau, was die ›Natter‹ zu enthalten pflegt.«

»Ihr habt also kein Gewissen?«

»Hat das Publikum, das geehrte Publikum, das uns unterhält, Gewissen? Meinst du, wir würden leben, wenn sie uns nicht hielten? Willst du einen Erguß über den augenblicklichen Stand der Literatur hören, den ich geschrieben habe? Er ist nicht dumm, das kann ich dir sagen! Ich habe einen Abzug bei mir! Aber wir wollen erst ein Glas Porter trinken! Kellner! Pst! -- Paß jetzt auf, dann sollst du was hören! Du kannst es auch auf dich beziehen, wenn du willst!«

»Seit langer Zeit hat man nicht solchen Jammer in der schwedischen Versfabrik gehabt; es ist ein Gewimmer, das zum Verzweifeln ist; große, ausgewachsene Männer winseln wie Katzen im März! Und diese Leute wollen, wenn sie auf andere Art nicht imstande dazu sind, das Interesse der Welt durch Bleichsucht und Polypen erregen; mit Schwindsucht wagen sie nicht zu kommen, das ist zu alt. Dabei haben sie einen Rücken so breit wie Bierwagenpferde und ein Gesicht so rot wie ein Weinzapfer. Da jammert einer über die Untreue des Weibes, der nie etwas anderes kennen gelernt hat als die bezahlte Treue der Hure; und jener andere, der da schreibt, er habe kein Gold, er habe nur seine Leier -- so ein Lügner --, der hat fünftausend Kronen Zinsen jährlich und Anwartschaft auf einen Sitz in der Schwedischen Akademie. Und dieser treulose, zynische Spötter, der seinen Mund nicht auftun kann, ohne unreinen Atem auszustoßen, der predigt Gottseligkeit. Ihre Poesien sind nicht um ein Haar besser, als sie vor dreißig Jahren für Pastorentöchter in Gitarrenmusik gesetzt wurden; sie sollten für den Zuckerbäcker schreiben, für zwölf Pfennig den Zoll, nicht aber von Verlegern, Druckern und Rezensenten verlangen, sie zu Dichtern zu machen! Worüber schreiben sie? Über nichts, das heißt über sich selbst! Es ist unpassend, von sich selbst zu sprechen, aber schreiben darf man! Worüber jammern sie? Über ihre Unfähigkeit, Erfolg zu haben. Erfolg! Das ist das Wort! Hätten Sie einem einzigen Gedanken Ausdruck gegeben, der in irgendeinem andern, in der Epoche, in der Gesellschaft Wurzel schlüge; hätten sie ein einziges Mal sich zum Sprecher der Elenden gemacht, so sollten ihre Sünden ihnen verziehen sein, aber das haben sie nicht getan; deshalb sind sie ein tönendes Erz -- nein, wie ein gellendes Eisen und eine zersprungene Narrenschelle -- denn sie haben Liebe nur für die nächste Auflage von Bjurstens Literaturgeschichte, für die Schwedische Akademie und sich selbst! -- Das ist scharf! Was?«

»Das ist ungerecht, finde ich,« sagte Falk.

»Ich finde es forsch,« sagte der Dicke. »Du mußt jedenfalls zugeben, daß es gut geschrieben ist. Nicht wahr? Der Lange hat eine Feder, die durch Sohlleder geht!«

»Haltet jetzt den Mund, Jungens, und schreibt, dann kriegt ihr nachher Kaffee und Kognak!«

Und sie schrieben über Wert und Unwert der Menschen und knickten Herzen, wie man Eier zerschlägt.

Falk hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach frischer Luft; er öffnete das Fenster nach dem Hof, aber es war ein so hoher, schmaler, dunkler Hof, in dem man sich wie in einem Grabe fühlte, und wo man nur ein Viereck vom Himmel sehen konnte, wenn man den Kopf nach hinten bog. Und er hatte auch das Gefühl, tief unten in seinem Grabe zu sitzen, mitten in Branntweindunst und Speisengerüchen, im Begriff, seine Jugend, seine guten Vorsätze und seine Ehre zu Grabe zu trinken; er versuchte an dem Flieder zu riechen, der auf dem Tisch stand, aber der verbreitete nur einen Duft von Fäulnis; er versuchte noch einmal durch das Fenster irgendeinen Gegenstand zu erspähen, der ihm keinen Ekel einflößte; doch er sah nur den frischgeteerten Müllkasten, der dastand wie ein Sarg mit seinem Inhalt von weggeworfenen Zieraten, ausgedienten Gebrauchsgegenständen; er ließ seine Gedanken die Feuerleiter hinaufklettern, die aus Schmutz und Gestank und Schande direkt in den blauen Himmel zu führen schien, aber da stiegen keine Engel auf und nieder, und hoch oben war kein freundliches Gesicht zu sehen, nur das leere blaue Nichts.

Falk faßte die Feder und begann die Buchstaben in der Überschrift »Theater« zu schraffieren, als eine kräftige Hand ihn beim Arm faßte und eine energische Stimme sagte:

»Komm mit, ich muß mit dir sprechen!«

Falk blickte auf, betroffen und beschämt. Borg stand neben ihm und schien ihn nicht loslassen zu wollen.

»Darf ich vorstellen ...«, begann Falk.

»Nein, das darfst du nicht,« unterbrach Borg; »mit Branntweinliteraten möchte ich nicht bekannt werden. Komm nur mit!«

Und er zog Falk mit nach der Tür, unwiderstehlich.

»Wo ist dein Hut? So! Komm jetzt nur!«

Sie waren draußen auf der Straße; Borg faßte ihn unter und führte ihn nach dem Eisenmarkt; dort zog er ihn in einen Laden für Schiffsartikel und kaufte ein Paar Segelschuhe, darauf schleppte er ihn über die Schleuse nach dem Hafen hinunter; da lag ein Kutter vertäut, fertig zur Abfahrt; auf dem Kutter saß der junge Levi, studierte eine lateinische Grammatik und aß ein Butterbrot.

»Hier«, sagte Borg, »siehst du den Kutter Uria; das ist ein häßlicher Name, aber er fährt gut und ist beim Triton versichert; da sitzt der Reeder des Schiffes, der Judenjunge Isaak, und lernt Rabes Grammatik -- der Idiot möchte studieren --, und nun bist du sein Lehrer für den Sommer; und jetzt fahren wir nach unserer Sommerfrische auf Nämdö. Alle Mann an Bord! Keine Widerrede! -- Fertig? -- Abfahrt!«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Briefwechsel

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve

Nämdö, Juni 18..

Alter Skandalschreiber!

Da ich ganz sicher bin, daß weder Du noch Levin Eure Abschlagszahlungen auf unser Darlehn in der Schuhmacherbank geleistet habt, so schicke ich hiermit einen Schuldschein für ein neues Darlehn in der Baumeisterbank. Das wenige, was nicht für die Abschlagszahlungen draufgeht, ist christlich zu teilen; meinen Anteil bitte ich mir mit dem Dampfer nach Dalarö zu schicken, wo ich ihn mir abhole.

Bruder Falk habe ich jetzt einen Monat lang in meiner Behandlung gehabt, und ich glaube, er ist auf dem Wege der Besserung. Du erinnerst dich, daß er uns unmittelbar nach dem Olaischen Vortrag verließ und, statt sich seinen Bruder und seine Beziehungen zunutze zu machen, in die »Arbeiterfahne« eintrat, wo er für fünfzig Kronen monatlich mißhandelt wurde. Die freiheitliche Luft in der Kindstustraße muß aber demoralisierend auf ihn gewirkt haben, denn er begann bessere Leute zu meiden und sich schlecht zu kleiden. Ich hatte jedoch die ganze Zeit ein Auge auf ihn mit Hilfe der bewußten Dirne Beda, und als ich ihn für reif hielt, diese Kommunardbeziehungen abzubrechen, habe ich ihn geholt. Ich traf ihn in der Kneipe Stern, wo er mit zwei Skandalschreibern saß und Schnaps trank -- ich glaube, sie schrieben auch! Sein Zustand bei dieser Abholung war, was ihr traurig nennen würdet! Wie du weißt, betrachte ich die Menschen mit dem Blick absoluter Gleichgültigkeit; ich nehme sie als geologisches Präparat, als Mineralien; einige kristallisieren in dem einen System, andere in einem andern; warum sie das tun, ja, das hängt von Gesetzen oder Umständen ab, denen gegenüber wir uns gleichgültig verhalten müssen; ich weine nicht über den Kalkspat, weil er nicht hart ist wie Bergkristall; deshalb kann ich Falks Lage auch nicht traurig nennen; sie ist ganz einfach das Produkt seines Temperaments (seines Herzens, wie ihr sagt), plus der Umstände, die sein Temperament hervorgerufen hat. Immerhin war er in diesem Falle etwas »+down+«. Ich brachte ihn an Bord, und er verhielt sich passiv. Aber gerade als wir losgemacht hatten und Fahrt bekamen, drehte er sich um, und da, ich weiß nicht, wie sie dahingekommen ist, stand die bewußte Beda am Ufer und winkte. Da wurde der Mann toll; er wolle an Land, schrie er, und drohte, ins Wasser zu springen. Ich nahm ihn beim Arm und steckte ihn in die Kajüte, worauf die Tür verschlossen wurde. Als wir an Vaxholm vorbeifuhren, gab ich zwei Briefe zur Post, einen an den Redakteur der »Arbeiterfahne« mit der Bitte, Falks dauerndes Ausbleiben zu entschuldigen, den andern an seine Wirtin, mit dem Ersuchen, seine Kleider hierher zu schicken.

Inzwischen beruhigte er sich, und als er das große Wasser und die Schären erblickte, wurde er sentimental und redete eine ganze Masse Unsinn, wie: er habe nicht geglaubt, Gottes (!) grüne Erde noch einmal wiederzusehen und so weiter. Dann aber überkam ihn eine Art Gewissensbisse. Er glaubte nicht das Recht zu haben, so glücklich zu sein und so in Muße genießen zu dürfen, wo so viele Menschen unglücklich seien; er meinte, seine Pflicht gegen den Lumpen von der »Arbeiterfahne« versäumt zu haben, und wollte umkehren; er erklärte auf meine schreckliche Beschreibung seiner letzten Zeit, es sei die Pflicht der Menschen, füreinander zu leiden und zu arbeiten. Diese Ansicht hat bei ihm einen religiösen Charakter angenommen. (Ich habe sie aber jetzt mit Selterwasser und Seebädern beseitigt.) Der Mann schien ganz kaputt zu sein, und ich habe viel Mühe gehabt, ihn zu kurieren, denn psychisch und physisch war hier schwer zu unterscheiden. Ich muß sagen: in gewisser Beziehung erregt er meine Verwunderung -- bewundern tue ich nie. -- Es muß eine besondere Manie sein, die ihn treibt, genau gegen seine Interessen zu handeln. Denke doch, wie gut er es gehabt hätte, wenn er in seiner ruhigen Beamtenkarriere geblieben wäre, besonders da der Bruder versprochen hatte, ihm in diesem Falle mit einer größeren Summe zu helfen. Statt dessen geht er hin und vertut sein Ansehen und wird der Sklave eines rohen Arbeiters -- alles um der Ideen willen! Das ist zu wunderlich!

Jetzt scheint er jedoch in der Besserung zu sein, besonders nach der letzten Lektion. Kannst du Dir denken, er hat den Fischer hier draußen Herr genannt und hat den Hut vor ihm abgenommen. Außerdem hat er sich in kleine kordiale Unterhaltungen mit der Bevölkerung eingelassen und wollte sich informieren, wie sie lebten. Die Folge war, daß der Fischer es mit der Angst bekam und eines schönen Tages mich fragte, ob »dieser Falk« seine Miete selber bezahlen, oder ob der Herr Doktor (ich) das tun werde! Ich erzählte es Falk, und er war traurig, wie immer, wenn er seine gute Meinung von etwas verliert. Einige Zeit darauf sprach er über das allgemeine Wahlrecht mit dem Fischer; die Folge war, daß dieser zu mir kam und fragte, ob Falk in schlechten Verhältnissen sei.

In den ersten Tagen ist er hier am Strande umhergelaufen und hat sich wie ein Irrsinniger benommen; manchmal hat er lange Schwimmtouren gemacht, als wolle er überhaupt nicht wieder umkehren, und da ich den Selbstmord stets für eins der heiligsten Rechte des Menschen gehalten habe -- denn er hat diese Gabe von der Natur empfangen --, so habe ich nicht in seine Gewohnheiten eingegriffen. Isaak erzählte, Falk habe ihm sein Herz ausgeschüttet über diese Nymphe Beda, die ihn gründlich hineingelegt zu haben scheint.

Übrigens Isaak, das ist ein feiner Kopf, kann ich Dir sagen. Er hat sich in einem Monat den Rabe einverleibt und liest den Cäsar, wie wir das »Graumützchen« lesen, und was mehr ist, er weiß, was drinsteht, was wir nie gewußt haben. Aber sein Kopf ist im Grunde rezeptiv, das heißt empfänglich, und dabei berechnend, und das ist eine Gabe, mit der mancher ein Genie geworden ist, obwohl er ein Dummkopf war. Seine praktische Veranlagung muß sich bisweilen Luft machen, und wir hatten neulich ein glänzendes Beispiel seines kaufmännischen Talents. Ich bin über seine pekuniäre Lage nicht orientiert, denn er ist in dieser Beziehung sehr geheimnisvoll, aber eines Tages legte er eine gewisse Unruhe an den Tag, denn er hatte ein paar hundert Kronen zu bezahlen. Da er sich nicht an den Bruder im Triton wenden konnte, mit dem er gebrochen hat, so kam er zu mir. Ich konnte ihm nicht helfen. Da nahm er einen Briefbogen und schrieb einen Brief, den er durch Eilboten befördern ließ; darauf war es einige Tage still.

Vor dem Hause, in dem wir wohnen, stand ein schönes Eichengehölz, das angenehmen Schatten gab und zugleich Schutz vor den Seewinden bot. Ich verstehe mich im allgemeinen nicht auf Bäume und Natur, aber ich liebe Schatten, wenn es heiß ist. Eines Morgens, als ich das Rouleau aufzog, fand ich mich nicht zurecht. Der Fjord lag frei vor den Fenstern, und eine Kabellänge vom Lande war eine Jacht verankert. Das ganze Eichengehölz war gefällt, und auf einem Baumstumpf saß Isaak, studierte Euklid und zählte die Bäume, die auf die Jacht gebracht wurden. Ich weckte Falk; er war verzweifelt und wütend und geriet in einen Wortwechsel mit Isaak, der bei diesem Geschäft tausend Kronen in die Tasche steckte. Der Fischer bekam zweihundert -- er hatte nicht mehr verlangt. Ich war wütend -- nicht wegen der Bäume, sondern weil ich nicht selber auf diese Idee gekommen war. Falk sagt, es sei unpatriotisch, Isaak aber behauptet, die Aussicht sei viel besser, nun da »dies Gestrüpp« entfernt sei, und er gedenkt in der nächsten Woche sich ein Boot zu nehmen und die Nachbarinseln zu dem gleichen Zweck zu besuchen. Die Frau des Fischers hat den ganzen Tag geweint, doch der Alte fuhr nach Dalarö, um ihr ein hübsches Kleid zu kaufen; er blieb zwei Tage lang weg, und als er wiederkam, war er besoffen, aber das Boot war leer, und als seine Frau nach dem Stoff fragte, erklärte der Alte, er habe ihn vergessen.

Adieu einstweilen! Schreibe bald und erzähle ein paar Skandalgeschichten, und besorge das mit dem Darlehn gut!

Dein Todfeind und Bürge

H. B.

+P. S.+ Ich habe aus den Zeitungen ersehen, daß man im Begriff ist, eine Beamtenbank zu gründen. Wer wird da Geld hineinstecken? Behalte das jedenfalls im Auge, dann können wir später ein Papierchen anbringen.

Bitte die folgende Notiz hinsichtlich meiner bevorstehenden Promotion ins »Graumützchen« zu lancieren:

Wissenschaftliche Entdeckung. +Cand. med.+ Henrik Borg, einer unserer jüngeren, bedeutenderen Ärzte, hat bei seinen zootomischen Forschungen in den Stockholmer Schären eine neue Art der Familie +Clypeaster+ entdeckt, der er den sehr treffenden Namen +maritimus+ gegeben hat. Der Charakter läßt sich kurz folgendermaßen bestimmen: Hautplatten in fünf mit Poren durchbohrten Ambulacralfeldern und fünf Interambulacralfelder mit Knöpfen an Stelle der Stacheln. Das Tier hat in der gelehrten Welt lebhafte Aufmerksamkeit erregt.

Brief von Arvid Falk an Beda Petterson.

Nämdö, August 18..

Wenn ich am Meeresstrande wandere und sehe, wie der Weiderich aus Schreibsand und Kieselsteinen emporsprießen kann, denke ich daran, wie Du einen ganzen Winter lang in einem Krug in der Neuen Straße blühen konntest.

* * * * *

Ich kenne nichts Lieblicheres, als lang ausgestreckt auf den Strandklippen zu liegen und zu fühlen, wie die Gneisscherben meine Rippen kitzeln, während ich aufs Meer hinausschaue; denn dann werde ich hochmütig und fühle mich als Prometheus, aber der Geier -- das bist Du -- muß in einem Federbett in der Sandbergstraße liegen und Quecksilber schlucken.

* * * * *

Am Tang hat man keine Freude, wenn er auf dem Meeresgrunde wächst; kommt er aber an Land und vermodert, dann riecht er nach Jod, das ist gut für die Liebe, und nach Brom, und das ist gut für Verrücktheit.

Es gab keine Hölle auf Erden, bevor das Paradies ganz fertig war, das heißt bevor das Weib kam! (Alt!)

* * * * *

Weit draußen im Meer wohnt ein Eiderpaar in einer ausgesetzten Schnupftabakkiste. Wenn man weiß, daß die Eider zwei Fuß zwischen den Flügelspitzen messen, so muß man an ein Wunder denken -- und die Liebe ist ein Wunder! Ich habe jetzt in der ganzen Welt nicht mehr Platz!

Brief von Beda Pettersson an Assessor Falk.

Stockholm, August 18..

Geliebter Freund!

Ich erhielt Deinen Brief gerade eben, aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn verstanden habe; aber ich hörte, daß Du denkst, ich bin in der Sandbergstraße, aber das ist eine ewige Lüge, und ich kann mir wohl denken, daß dieser Lump sie verbreitet hat, es ist eine ewige Lüge, und ich beteure, daß ich Dich noch ebensosehr liebe wie früher, ich sehne mich oft danach, Dich zu sehen, aber das wird wohl so bald nicht geschehen.

Deine getreue Beda.

Postskriptum. Lieber Arvid, wenn Du mir bis zum 15. mit dreißig Kronen helfen könntest, wärst Du sehr lieb, Du bekommst sie am 15. bestimmt zurück, denn dann bekomme ich selber Geld. Ich bin sehr krank gewesen und bin manchmal so traurig, daß ich sterben möchte. Die Mamsell im Café war ein Unmensch, sie war eifersüchtig auf mich wegen des dicken Berglund, deshalb bin ich da ausgetreten. Alles, was sie über mich reden, ist nur Verleumdung und Lüge. Laß es Dir immer gutgehen und vergiß nicht

Deine

Dieselbe.

Du kannst das Geld an Hulda im Café schicken, dann bekomme ich es.

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.

Nämdö, August 18..

Konservativer Schurke!

Hast Du das Geld unterschlagen? Erstens habe ich keins zu sehen bekommen, zweitens habe ich einen Mahnbrief von der Schuhmacherbank erhalten. Denkst Du, man darf stehlen, weil »man Weib und Kind hat«? Schreibe sofort, oder ich komme in die Stadt und mache Skandal!

Die Notiz habe ich gelesen, aber natürlich mußten Druckfehler drin sein: da stand zoologische statt zootomische und Crypeaster statt Clypeaster. Ich hoffe, sie hat trotzdem gewirkt.

Falk ist total verrückt geworden, seit er dieser Tage einen Brief von Damenhand bekommen hat. Bald klettert er die Bäume hinauf, bald taucht er auf den Meeresgrund hinunter. Das ist wahrscheinlich die Krisis, -- nachher werde ich vernünftig mit ihm reden.

Isaak hat seine Jacht verkauft, ohne mich um meine Zustimmung zu fragen, weshalb wir momentan verfeindet sind; er liest jetzt das zweite Buch Livius und ist im Begriff, eine Fischerei-Aktiengesellschaft zu gründen.

Außerdem hat er ein Strömlingsnetz gekauft, eine Seehundsflinte, 25 Pfeifenschäfte, eine Lachsleine, zwei Barschnetze, einen Netzschuppen und -- eine Kirche. Dies letzte klingt unglaublich, ist aber wahr! Sie ist freilich von den Russen etwas angesengt worden (1719), aber die Mauern stehen noch (die Gemeinde hat eine neue Kirche, die auf die gewöhnliche Art benutzt wird; die alte diente als Speicher). Er gedenkt sie der Akademie der Wissenschaften zum Geschenk zu machen, um den Wasa-Orden zu bekommen. Man hat ihn schon für weniger gekriegt! Sein Onkel, der Gastwirt ist, bekam den Wasa-Orden dafür, daß er die Taubstummen mit Bier und Butterbrot traktierte, wenn sie im Herbst in der Reitbahn waren. Das hat er sechs Jahre lang getan, aber schließlich ist es geglückt. Jetzt bekommen die Taubstummen kein Butterbrot mehr, ein Beweis, wie schädlich der Wasa-Orden ist.

Wenn ich den Kerl nicht ersäufe, ruht er nicht eher, bis er ganz Schweden aufgekauft hat.

Raffe Dich jetzt auf und sei redlich, sonst komme ich über Dich wie Jehu, und dann bist Du verloren.

H. B.

+P. S.+ Wenn Du Notizen über Badegäste in Dalarö schreibst, so nenne mich und Falk (Assessor), aber nicht Isaak; ich beginne mich von seiner Gesellschaft etwas geniert zu fühlen -- und da ging er hin und verkaufte die Jacht.

Schicke mir ein paar Wechselformulare (blaue, Sola-) mit, wenn das Geld kommt.

Brief von Kandidat Borg an Journalist Struve.

Nämdö, September 18..

Ehrenmann! Moneten eingetroffen! Schienen gewechselt zu sein, denn die Baumeisterbank pflegt immer in Schonenschen Fünfzigkronenscheinen zu zahlen. Nun! Einerlei!

Falk ist gesund und hat die Krise wie ein Mann überstanden; er hat wieder Selbstgefühl bekommen, ein sehr wichtiges Organ für unser Vorwärtskommen im Leben, das aber, wie die Statistik beweist, in hohem Grade geschwächt ist bei Kindern, die ihre Mutter früh verlieren. Ich habe ihm jetzt ein Rezept gegeben, das er akzeptiert hat, um so mehr, als er selbst auf den Gedanken gekommen ist. Er kehrt zu der Beamtenlaufbahn zurück -- ohne Geld von dem Bruder anzunehmen (das ist seine letzte Dummheit, und ich kann sie nicht respektieren); kehrt zurück in die Gesellschaft, registriert sich in die Herde ein, wird respektabel, erlangt eine gesellschaftliche Stellung und hält den Mund -- so lange, bis sein Wort Autorität hat. Dies letzte ist unbedingt notwendig, wenn er weiterleben soll, denn er hat Anlage zum Wahnsinn und würde verdunsten, wenn er sich nicht alle seine Ideen aus dem Kopf schlüge, -- die ich im Grunde nicht verstehe; ich glaube auch nicht, daß er selber sagen kann, was er eigentlich will.

Er hat die Kur schon angefangen, und ich staune über die Fortschritte, die er macht. Er endet bestimmt in irgendeiner Hofcharge. So dachte ich; jawohl! Aber da ist ihm jetzt ein Zeitungsblatt in die Hände gefallen, und darin hat er von der Pariser Kommune gelesen. Sofort bekam er einen Rückfall und fing wieder an, auf die Bäume zu klettern -- doch es gab sich, und jetzt wagt er keine Zeitung mehr anzusehen. Er hat jedoch kein Wort gesagt. Ihr könnt euch alle vor dem Mann in acht nehmen, wenn er einmal fertig ist!

Isaak hat jetzt mit dem Griechischen angefangen! Er findet die Lehrbücher sehr dumm und sehr lang, deshalb nimmt er sie auseinander und schneidet das Wichtigste heraus; das klebt er in ein Kontobuch, das er sich als Kompendium für das Abiturium eingerichtet hat.

Die zunehmenden Kenntnisse in den klassischen Sprachen machen ihn aber frech und unangenehm. Er hat neulich beim Schach mit dem Pastor über Religion zu disputieren gewagt und dabei behauptet, das Christentum sei von den Juden erfunden, und alle Christen seien Juden. Das Lateinische und Griechische ist ein Verderb! Ich fürchte, ich habe einen Lindwurm an meinem bärtigen Busen genährt; wenn es so ist, so muß des Weibes Same der Schlange den Kopf zertreten.

Adieu.

H. B.

+P. S.+ Falk hat sich seinen amerikanischen Bart abrasiert und nimmt vor den Fischern nicht mehr den Hut ab.

Jetzt wirst Du aus Nämdö nichts mehr von uns hören; wir kehren am Montag in die Stadt zurück.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Genesung

Und es ist wieder Herbst; es ist ein klarer Novembermorgen, als Arvid Falk sich von seiner jetzigen eleganten Wohnung in der Großen Straße nach dem ....manschen Mädchenpensionat am Karlsmarkt begibt, wo er als Lehrer für Schwedisch und Geschichte eintreten soll. Er hat die Herbstmonate gut genutzt, um sich wieder in die zivilisierte Gesellschaft hineinzufinden, und hat dabei erfahren, was für ein Barbar er auf seinen Streifzügen geworden war; er hat seinen Räuberhut abgelegt und sich einen neuen hohen angeschafft, der anfangs gar nicht sitzen wollte; er hat sich Handschuhe gekauft, war aber so verwildert, daß er, als das Fräulein im Laden nach seiner Nummer fragte, fünfzehn antwortete, was einiges Lächeln bei den vielen Verkäuferinnen hervorrief; die Mode hatte große Veränderungen durchgemacht, seit er sich zuletzt einen Anzug gekauft hattet; er kommt sich vor wie ein Stutzer, wenn er durch die Straßen geht, und spiegelt sich dann und wann in den Schaufenstern, um zu sehen, ob alles ordentlich sitzt. Jetzt geht er auf dem Trottoir vor dem Dramatischen Theater auf und ab und wartet, daß die Uhr von Sankt Jakob neun schlagen soll; er fühlt sich unruhig und erregt, ganz als solle er selber in die Schule gehen; das Trottoir ist zu kurz, und er meint wie ein Hund an einer Kette zu laufen, wenn er wieder und immer wieder in seinen Spuren umkehrt; einen Augenblick denkt er ernstlich daran, die Promenade etwas weiter auszudehnen, denn er weiß, daß man nach Lill-Jans kommt, wenn man die Straße verfolgt, und er erinnert sich des Morgens, als das gleiche Trottoir ihn aus der Gesellschaft, die er floh, zur Freiheit, zur Natur und -- zur Sklaverei hinausführte.

Es wird neun Uhr! Er steht auf dem Flur; die Türen zur Aula sind geschlossen; im Zwielicht sieht er so viele kleine Kleidungsstücke an den Wänden umherhängen; Hüte, Boas, Häubchen, Kapuzen, Handschuhe, Muffe liegen auf dem Tisch und in den Fensternischen, und auf dem Fußboden stehen ganze Regimenter von Überschuhen. Aber es riecht nicht nach feuchten Kleidern und nassem Leder wie im Vestibül des Reichstags oder im Arbeiterverein Phönix, oder -- oh, da strich ein Duft wie von frischgemähtem Heu vorbei -- der kam bestimmt von dem kleinen Muff, der weiß ist wie ein Kätzchen mit schwarzen Flecken; blauseidenes Futter hat er und hängende Quasten; er kann nicht umhin, ihn in die Hand zu nehmen und das Parfüm +New-mown hay+ zu riechen -- aber da öffnet sich die Flurtür, und herein kommt eine kleine Zehnjährige, von ihrem Fräulein begleitet; sie sieht den Lehrer mit großen, unerschrockenen Augen an und macht einen kleinen koketten Knix, den der Lehrer fast verlegen mit einer Verbeugung erwidert, über die die kleine Schönheit lächelt, und das Fräulein auch! Sie kommt zu spät, aber das scheint sie nicht anzufechten, denn sie läßt sich von dem Fräulein Mantel und Überschuhe mit so ruhiger Miene ausziehen, als komme sie zu einem Ball. Da -- was dringen da für Töne aus dem Zimmer -- ihm klopft das Herz --, was war das? -- Ah! Das war ja die Orgel! Hm! Die alte Orgel! Jawohl!

Und ein ganzes Heer von Kinderstimmen singt: »Jesus, laß mich stets beginnen.« Ihm ist nicht ganz wohl, und er muß an Borg und Isaak denken, um die Fassung wiederzugewinnen. Aber nun wird es noch schlimmer. »Vater unser, der du bist im Himmel!« -- Herrgott, ja! Das alte Vaterunser! Das ist lange her ... Es wird still, so still, daß man das ganze Heer kleiner Köpfe sich aufrichten und Kragen und Schürzen knistern hört, und dann öffnen sich die Türen, und ein ganzes Blumenbeet junger Mädchen von acht bis vierzehn Jahren wogt hin und her. Er wird verlegen und kommt sich fast wie ein ertappter Dieb vor, als die alte Vorsteherin ihm die Hand reicht und ihn willkommen heißt; da entsteht eine Bewegung im Blumenbeet, und es wird geflüstert, und Blicke werden gewechselt, und es wird getuschelt und gezischelt.

Und jetzt sitzt er an dem einen Ende eines langen Tisches, umgeben von zwanzig frischen Gesichtern mit frohen Blicken, zwanzig Kindern, die das bitterste Leid des Erdenlebens, die Demütigungen der Armut, nie kennen gelernt haben; und sie begegnen seinen Blicken keck und neugierig, er aber ist verlegen, bis er sich zusammennimmt; bald aber ist er sehr intim mit Anne-Charlotte und Georgine und Lisen und Henny, und der Unterricht ist ein Vergnügen; fünf muß gerade sein, und Ludwig +XIV.+ und Alexander sind wieder große Männer, wie alle, die Erfolg gehabt haben, und die Französische Revolution war ein entsetzliches Ereignis, das für den edlen Ludwig +XVI.+ und die tugendsame Marie Antoinette ein schlimmes Ende nahm, und so ähnlich. Und als er dann nachher ins Amt für Heubelieferung der Kavallerieregimenter ging, fühlte er sich ganz warm und verjüngt.

In dem besagten Kollegium, wo er den »Konservativen« las, saß er bis elf Uhr, dann ging er in die Kanzlei für Branntweinfabrikation. Dort aß er Frühstück und schrieb zwei Briefe -- an Borg und Struve.

Punkt eins ist er im Departement für Erbschaftssteuern. Dort kollationiert er eine Vermögensaufnahme, an der er hundert Kronen verdient, worauf er bis zum Mittagessen noch so viel Zeit hat, Korrektur einer neu durchgesehenen Auflage des Forstgesetzes zu lesen, die er herausgibt. Und so wird die Uhr drei. Wer dann über den Ritterhausmarkt geht, wird auf der Brücke einem jungen Herrn begegnen, der eine wichtige Miene aufsetzt und, mit Dokumentenrollen in den Taschen, die Hände auf dem Rücken verkreuzt, gemächlich dahinwandert neben einem alten, mageren, graugesprenkelten Herrn in den Fünfzigern. Das ist der Aktuar aus dem Erbschaftsamt. Alle, die im Bereich der Stadt sterben, müssen diesem Manne angeben, was sie besitzen; davon erhebt er seine Prozente; einige sagen, das sei sein Amt, andere meinen, er repräsentiere die Erde und müsse aufpassen, daß die Gestorbenen nichts mit wegnehmen von hier, wo alles ein Darlehn ist -- ein zinsloses Darlehn! Jedenfalls ist er ein Mann, der sich mehr für die Toten als für die Lebenden interessiert; deshalb fühlt Falk sich in seiner Gesellschaft so wohl; daß er sich an Falk anschließt, hat seinen Grund darin, daß dieser gleich ihm selber Münzen und Autographen sammelt, und daß er so frei von Opposition ist, etwas so Ungewöhnliches bei jungen Leuten. Nun gehen die beiden alten Freunde zu Rosengren, wo sie ziemlich sicher davor sind, junge Leute zu treffen, und wo sie über Numismatik und Autographie sprechen. Darauf trinken sie Kaffee auf einem Sofa bei Rydberg und sehen Münzkataloge durch bis sechs Uhr; dann kommt die Postzeitung, und sie lesen die Ernennungen. Sie fühlen sich gegenseitig in ihrer Gesellschaft so glücklich, denn sie geraten nie in Streit; Falk ist so frei von Ansichten, daß er der liebenswürdigste Mensch geworden ist; daher ist er bei Vorgesetzten und Kollegen gleich beliebt und geschätzt. Manchmal bleiben sie noch zusammen, essen dann in der »Hamburger Börse« und trinken nachher einen Bittern, vielleicht auch zwei, im Opernkeller. Wenn man sie dann um elf Uhr nach Ladugaardsland hinaufpilgern sieht, Arm in Arm, so ist das wirklich ein erfreuliches Bild. Er ist sehr oft zu Diners und Soupers in Familien geladen, bei denen Borgs Vater ihn eingeführt hat; die Damen finden ihn interessant, aber sie wissen nie, wie sie mit ihm dran sind, denn er lächelt immer und sagt ihnen bisweilen reizende Bosheiten.

Wenn er aber das Familienleben und die gesellschaftliche Lüge satt hat, dann geht er hinunter ins Rote Zimmer; dort trifft er den schrecklichen Borg, seinen Bewunderer Isaak, seinen heimlichen Feind und Neider Struve, der nie Geld hat, und den sarkastischen Sellén, der nun allmählich beginnt, zum zweitenmal Glück zu haben, nachdem all seine Nachahmer das Publikum an die neue Manier gewöhnt haben. Lundell, der mit dem religiösen Gefühl Schluß gemacht hat, als sein Altarbild vollendet war, lebt jetzt vom Porträtmalen, eine Beschäftigung, die unendlich viele Einladungen zu Diners und Soupers mit sich bringt, die er für das Studium der Charaktere für unerläßlich erklärt; er ist ein fetter Epikuräer geworden, der nur immer dann ins Rote Zimmer kommt, wenn er nassauern möchte. Olle, der noch immer bei dem Ornamentbildhauer arbeitet und düster und menschenfeindlich ist nach seiner großen Niederlage als Politiker und Redner, will die Gesellschaft nicht »genieren«, sondern bleibt für sich. Falk ist feurig und wild, wenn er ins Rote Zimmer kommt, und Borg meint, viel Ehre mit ihm einzulegen; ja, er ist ein wirklicher Sappeur, dem nichts heilig ist -- außer der Politik; an die rührt er nie. Aber sieht er dann, wenn er zur Belustigung der andern seine Raketen abbrennt, auf der andern Seite des Saales durch die Rauchwolken den düsteren Olle, so wird er finster wie eine Nacht auf dem Meer und nimmt große Quantitäten starker Getränke zu sich, als wolle er ein Feuer auslöschen oder verbrennen. Jetzt aber hat Olle sich schon lange nicht mehr blicken lassen.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Von jenseits des Grabes

Der Schnee fällt so leicht, so leise, so weiß auf die neue Königsholmbrücke, als Falk und Sellén abends an der Feuermühle und dem Seraphimlazarett vorbeiwandern, um Borg ins Rote Zimmer abzuholen.

»Merkwürdig, was der erste Schnee für einen, ich will nicht gerade sagen feierlichen Eindruck macht,« sagte Sellén. »Die schmutzige Erde wird ...«

»Bist du sentimental?« unterbrach Falk höhnisch.

»Nein, ich äußerte mich nur als Landschaftsmaler.«

Sie gingen schweigend weiter durch den Schnee, der ihnen um die Füße wirbelte.

»Der Königsholm mit seinen Lazaretten ist mir immer etwas unheimlich vorgekommen,« bemerkte Falk.

»Bist du sentimental?« sagte Sellén höhnisch.

»Nein, das bin ich nicht, aber dieser Stadtteil macht immer einen gewissen Eindruck auf mich.«

»Ach, Unsinn! Er macht gar keinen Eindruck; das ist ein Irrtum von dir! Sieh, jetzt sind wir da, und bei Borg ist Licht. Mich soll wundern, ob er heute abend ein paar nette Leichen hat.«

Sie standen jetzt vor der Pforte des Instituts; das riesige Gebäude blickte mit seinen großen, dunklen Fenstern auf sie nieder, als wolle es fragen, wen sie zu dieser späten Stunde suchten; sie wateten durch den Gang an dem Rondell vorbei und betraten das kleine Gebäude rechts. Ganz hinten im Saal saß Borg allein bei seiner Lampe und arbeitete an dem Körper eines abgeschnittenen Gehängten, den er auf die furchtbarste Art entstellt hatte.

»Guten Abend, Kinder,« sagte Borg und legte das Messer hin. »Wollt ihr einen Bekannten sehen?«

Er wartete nicht auf die Antwort, die ausblieb, sondern steckte eine Laterne an, griff nach seinem Überzieher und nahm ein Schlüsselbund in die Hand.

»Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier Bekannte haben,« sagte Sellén, der den Humor nicht verlieren wollte.

»Kommt!« sagte Borg.

Sie gingen über den Hof nach dem großen Gebäude; die Tür kreischte und schloß sich hinter ihnen, und der Stearinlichtstumpf, der bei dem letzten Kartenspiel übriggeblieben war, warf seinen roten, machtlosen Schein über die weißen Wände. Die beiden Fremden versuchten in Borgs Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Scherz handle, aber da stand nichts geschrieben.

Jetzt bogen sie links in einen Korridor ein, in dem der Laut ihrer Schritte widerhallte, als gehe jemand hinter ihnen her. Falk hielt sich dicht hinter Borg, um Sellén im Rücken zu wissen.

»Hier!« sagte Borg und blieb mitten im Gang stehen.

Keiner sah etwas anderes als Wände. Aber man hörte ein Geräusch wie einen sachten Regen, und ein sonderbarer Duft wie von einem feuchten Gartenbeet oder einem Nadelwald im Oktober schlug ihnen entgegen.

»Rechts!« sagte Borg.

Die rechte Wand war aus Glas, und hinter ihr sah man drei weiße Körper auf dem Rücken liegen.

Borg holte einen Schlüssel heraus, öffnete die Glastür und ging hinein.

»Hier!« sagte er und blieb vor dem zweiten von den dreien stehen.

Es war Olle! Er hatte die Arme über der Brust verkreuzt, als halte er Mittagsschlaf; die Lippen hatten sich nach oben gezogen, so daß er zu lächeln schien; im übrigen war er gut erhalten.

»Ertrunken?« fragte Sellén, der sich zuerst faßte.

»Ertrunken. -- Kennt einer von euch seine Kleider?«

An der Wand hingen drei traurige Hüllen, unter denen Sellén sofort die richtige herausfand, eine blaue Joppe mit Matrosenknöpfen und eine schwarze Hose mit weißen Knien.

»Bist du ganz sicher?«

»Ich muß doch meinen eigenen Rock kennen, -- den ich von Falk gepumpt habe.«

Aus der Brusttasche der Joppe holte Sellén ein großes, sehr dickes Notizbuch heraus, das von Wasser klebrig und mit grünen Algen behängt war, die Borg enteromorph nannte. Er öffnete es beim Lichtschein und sah den Inhalt durch -- ein paar verfallene Pfandscheine und ein Stoß beschriebener Zettel, auf denen geschrieben stand: »An den, der es lesen will!«

»Habt ihr jetzt genug gegafft?« sagte Borg. -- »Dann gehen wir nach der Piperschen Mauer!«

Die drei Trauernden (Freunde war ein Wort, das nur von Lundell und Levin angewendet wurde, wenn sie Geld haben wollten) konstituierten sich in der nächsten Kneipe als Ausschuß des Roten Zimmers. Bei einem flammenden Feuer im Ofen und einer Batterie starker Getränke begann Borg die Verlesung der nachgelassenen Papiere, mußte aber dann und wann Falks Fertigkeit als Autograph in Anspruch nehmen, denn das Wasser hatte die Tinte verwischt, so daß es aussah, als habe der Schreiber geweint, wie Sellén scherzhaft bemerkte.

»Still jetzt!« sagte Borg und trank seinen Grog mit einer Grimasse, daß die Backenzähne zu sehen waren. »Jetzt fange ich an, und bitte mich nicht zu unterbrechen!«

»An den, der es lesen will!

Daß ich mir jetzt das Leben nehme, ist mein Recht, um so mehr, als ich damit in die Rechte keines andern Menschen eingreife, sondern vielmehr einen glücklich mache, wie man es nennt; ein Arbeitsposten und 400 Kubikfuß Luft täglich werden frei.

Ich begehe diese Tat nicht aus Verzweiflung, denn ein denkender Mensch verzweifelt nie, sondern ziemlich ruhigen Herzens; daß ein solcher Schritt Erregung hervorrufen muß, wird man wohl verstehen; diese Handlung aus Furcht vor dem, was hinterher kommt, aufzuschieben, vermag wohl nur der Erdensklave, der diesen Vorwand sucht, um hierbleiben zu dürfen, wo er es sicherlich nicht so schlecht gehabt hat. Ich fühle mich befreit bei dem Gedanken, dies Dasein verlassen zu dürfen, denn schlechter kann ich es nicht bekommen, wohl aber besser. -- Bekomme ich überhaupt nichts, -- so ist der Tod an sich schon eine Seligkeit, so groß wie die, nach schwerer körperlicher Arbeit in einem guten Bett schlafen zu dürfen; wer beobachtet hat, wie dann der Körper sich gewissermaßen in allen Gliedern löst und die Seele sich allmählich fortstiehlt, der wird den Tod nicht fürchten.

Wenn die Menschen so viel Aufhebens von dem Tode machen, so liegt das daran, daß sie sich zu tief in die Erde eingegraben haben, als daß sie das Herausreißen nicht schmerzlich empfinden müssen. Ich habe mich längst losgemacht; keine Familienbande, keine wirtschaftlichen, keine staatsrechtlichen oder juristischen Bande halten mich, und ich gehe von hinnen, weil ich ganz einfach die Lust zum Leben verloren habe. Keineswegs will ich damit andere, denen es gutgeht, auffordern, zu tun, was ich tue; sie haben ja keinen Grund dazu und können deshalb meine Tat nicht beurteilen; ob sie feig ist oder nicht, darüber habe ich nicht nachgedacht, denn das ist gleichgültig; übrigens ist es eine Angelegenheit ganz privater Natur. Ich habe nie darum gebeten, hierherkommen zu dürfen; folglich habe ich das Recht, zu gehen, wann es mir paßt.

Warum ich gehe? Das hat viele und tiefe Gründe, und ich habe weder die Zeit noch die Fähigkeit, sie hier auseinanderzusetzen. Deshalb halte ich mich an die nächsten, die für mich und meine Tat besondere Bedeutung haben.

In meiner Kindheit und Jugend war ich Arbeiter; ihr, die ihr nicht wißt, was es heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten, um dann in einen tierischen Schlaf zu versinken, ihr habt euch dem Fluch des Sündenfalls entzogen -- denn es ist ein Fluch, zu fühlen, wie die Seele in ihrem Wachstum stillsteht, während der Körper sich in die Erde hineinwühlt. Geh hinter dem Ochsen her, der den Pflug zieht, und laß tagaus, tagein das Auge an der grauen Erdscholle haften, so wirst du schließlich vergessen, zum Himmel aufzublicken; steh mit dem Spaten da und hebe in brennender Sonnenhitze einen Graben aus, und du wirst empfinden, wie du in den sumpfigen Boden einsinkst und deiner Seele das Grab gräbst. Das wißt ihr nicht, die ihr euch's den ganzen Tag über wohl sein laßt und in einer müßigen Stunde zwischen Frühstück und Mittag arbeitet, um dann eure Seelen im Sommer auszuruhen, wenn die Felder grün sind, -- wenn ihr die Natur genießt wie ein Schauspiel, das veredelt und erhebt. Für den Erdarbeiter ist die Natur so nicht vorhanden; der Acker ist Brot, der Wald Holz, das Meer ein Waschfaß, die Wiese Käse und Milch -- alles ist Erde ohne Seele. Als ich sah, daß die eine Hälfte der Menschheit mit ihren Seelen, die andere mit ihren Körpern arbeitete, da dachte ich anfangs, die Welt habe zwei Arten von Menschen vorgesehen; aber dann kam die Vernunft und stellte das in Abrede. Da empörte sich meine Seele, und ich beschloß, mich ebenfalls dem Fluch des Sündenfalls zu entziehen -- und ich wurde Künstler.

Den vielbesprochenen Künstlertrieb kann ich analysieren, da ich ihn selber besessen habe. Er beruht zunächst auf einer breiten Basis von Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von nützlicher Arbeit; deshalb hat auch ein deutscher Philosoph das Schöne als das Unnützliche definiert; denn wenn ein Kunstwerk nützlich sein will, eine Absicht oder eine Tendenz verrät, so ist es schlecht; ferner beruht dieser Trieb auf Hochmut; der Mensch will in der Kunst Gott spielen, nicht als ob er etwas Neues schaffen könnte (das kann er nicht!), sondern er will umgestalten, verbessern, zusammenstellen. Er fängt nicht damit an, die Vorbilder, das heißt die Natur, zu bewundern, sondern er fängt mit Kritik an. Man findet alles so mangelhaft und will es besser machen. Dieser Hochmut, der einen treibt, und diese Befreiung vom Fluch des Sündenfalls, der Arbeit, bewirkt, daß der Künstler über andern Menschen zu stehen glaubt, was er in gewisser Weise auch tut; aber er muß sich beständig hieran erinnern, sonst kommt er leicht hinter seine eigenen Schliche -- das heißt er erkennt, wie nichtig seine Tätigkeit und wie unberechtigt seine Flucht vor dem Nützlichen ist. Dies ständige Bedürfnis, seine unnütze Arbeit anerkannt zu sehen, macht ihn eitel, unruhig und oft tief unglücklich; wird er sich über sich selbst klar, so hört häufig sein Produktionsvermögen auf, und er geht unter, denn zurückkehren ins Joch, wenn er einmal die Freiheit gekostet hat, das kann nur der Religiöse.

Einen Unterschied zwischen Genie und Talent zu machen, das Genie als eine neue Eigenschaft hinzustellen, ist dumm, denn dann müßte man auch an die besondere Offenbarung glauben. Der größte Künstler hat gewisse Anlagen zu einer technischen Fertigkeit bekommen; ohne Übung sterben diese; deshalb hat jemand gesagt: Genie sei Fleiß; das kann man sagen; ebensogut wie so vieles andere, was zu einem Viertel wahr ist: kommt Bildung hinzu (was nicht häufig ist, weil Wissen bald zur Erkenntnis des Irrtums führt, so daß der Gebildete sich selten der Kunst zuwendet) und ein guter Verstand, so entsteht das Genie als Produkt einer ganzen Reihe von günstigen Umständen.

Ich verlor bald den Glauben an das Höhere in meinen Neigungen (meinem Beruf, Gott behüte mich), denn meine Kunst konnte keine einzige Idee ausdrücken, sie konnte allenfalls den Körper darstellen in der Situation, die eine den Gedanken begleitende Gemütsbewegung zu bezeichnen scheint, -- konnte also aus dritter Hand einen Ausdruck geben. Das ist wie der Feldtelegraph -- sinnlos für alle, die nicht die Bedeutung der Signale kennen. Ich sehe nur eine rote Flagge, der Soldat aber sieht den Befehl: Vorgehen! Übrigens hat bereits Plato, der doch ein so feiner Kopf und dazu ein Idealist war, das Nichtige der Kunst erkannt, als einen Schein vom Schein (der Wirklichkeit), weshalb er aus seinem Idealstaat auch den Künstler vertrieb. Es war ihm Ernst.

Da versuchte ich in die Sklaverei zurückzukehren, aber das war unmöglich. Ich versuchte in ihr meine höchste Pflicht zu finden, ich versuchte zu resignieren, aber das ist mir nicht gelungen. Meine Seele nahm Schaden, und ich war auf dem Wege, ein Vieh zu werden; ich fand bisweilen, die viele Arbeit sei geradezu Sünde, weil sie dem höheren Ziel, der Entwicklung der Seele, entgegenwirkte; da schwänzte ich und floh für einen Tag hinaus in die Natur, wo ich in Meditationen lebte, die mich unaussprechlich glücklich machten -- doch dies Glück erschien mir als ein selbstsüchtiger Genuß, ebenso groß, ja größer als das Glück, das ich bei der künstlerischen Arbeit empfunden hatte, und da kam das Gewissen, das Pflichtgefühl wie eine Furie über mich, und ich floh zurück in mein Joch, das nun wieder lieblich war -- für einen Tag!

Um mich von diesem unerträglichen Zustand zu befreien und Klarheit und Frieden zu finden, gehe ich dem Unbekannten entgegen! Ihr, die ihr meine Leiche sehen werdet -- sehe ich unglücklich aus im Tode?«

Gelegentliche Aufzeichnungen bei Wanderungen im Freien

Der Plan der Welt ist die Befreiung der Idee von der Sinnlichkeit, die Kunst aber versucht die Idee in eine sinnliche Hülle zu kleiden, damit sie sichtbar wird. Also ...

Alles korrigiert sich selbst. Als die Künstlerwirtschaft in Florenz zu bunt wurde, kam Savonarola -- o dieser tiefe Mann! -- und sprach sein: Das ist nichts! Und die Künstler -- und was für Künstler! -- machten einen Scheiterhaufen aus ihren Kunstwerken. O dieser Savonarola!

* * * * *

Was mögen die Bilderstürmer in Konstantinopel gewollt haben? Was wollten die Anabaptisten und Bilderstürmer in den Niederlanden? Das wage ich nicht zu sagen, denn dann erscheinen am Samstag Karikaturen von mir -- vielleicht auch schon am Freitag!

* * * * *

Die große Idee unserer Zeit: die Arbeitsverteilung führt zum Fortschritt der Gattung und zum Tod der Individuen! Was ist denn die Gattung? Das ist der Totalitätsbegriff, die Idee, sagen die Philosophen, und die Individuen glauben es und sterben für die Idee!

* * * * *

Es ist merkwürdig, daß die Fürsten immer wollen, was das Volk nicht will. Sollte einem solchen Mißverhältnis nicht auf sehr einfache und leichtverständliche Art abzuhelfen sein?

* * * * *

Als ich in reiferen Jahren meine Schulbücher wieder las, wunderte ich mich nicht, daß wir Menschen solche Dummköpfe sind! Ich habe neulich Luthers Katechismus gelesen und machte dabei

Einige Bemerkungen und Entwurf zu einem Katechismus.

(Nicht der Kommission einzureichen; das hier Mitgeteilte ist alles, was ich geschrieben habe.)

Das erste Gebot. Vernichtet den Glauben an einen Gott, denn es setzt voraus, daß es noch andere Götter gibt, etwas, was das Christentum auch anerkennt.

Anm. Der so gefeierte Monotheismus hat einen schlechten Einfluß auf die Menschen gehabt, denn er hat sie der Achtung und Liebe für den Einzigen und Wahren beraubt dadurch, daß die Erklärung des Bösen ausgeblieben ist.

Das zweite und dritte Gebot enthalten wirkliche Lästerungen, weil der Verfasser unserm Herrgott so kleinliche und dumme Vorschriften in den Mund legt, die eine Beleidigung seiner Allweisheit sind, und die dem Verfasser einen Prozeß zugezogen haben würden, wenn er in unsern Tagen gelebt hätte.

Das vierte Gebot müßte folgenden Wortlaut haben: Du sollst dich von deiner angeborenen Ehrfurcht vor deinen Eltern nicht verleiten lassen, auch ihre Fehler zu bewundern, und du brauchst sie nicht mehr zu ehren, als sie verdienen. Du bist unter keinen Umständen den Eltern irgendwelche Dankbarkeit schuldig, denn sie haben dir keinen Gefallen damit getan, daß sie dich in die Welt gesetzt haben; daß sie dich ernähren und dich kleiden, das gebietet ihnen sowohl ihr Egoismus als auch das bürgerliche Gesetz. Die Eltern, die von ihren Kindern Dankbarkeit erwarten (es gibt sogar Eltern, die Dank verlangen), sind wie Wucherer: sie setzen gern das Kapital aufs Spiel, wenn sie nur Zinsen bekommen.

Anm. 1. Wenn die Eltern (besonders die Väter) ihre Kinder häufiger hassen als lieben, so liegt das daran, daß die Kinder ihren Wohlstand einschränken. Es gibt Eltern, die ihre Kinder wie Aktien behandeln, von denen sie unaufhörlich Dividenden verlangen.

Anm. 2. Dies Gebot hat die ungeheuerlichste aller Regierungsformen geschaffen, die Familientyrannei, gegen die schwerlich eine Revolution helfen kann. Die Menschheit würde mit Kinderschutzvereinen mehr Ehre einlegen als mit Tierschutzvereinen.

(Fortsetzung folgt.)

* * * * *

Schweden ist eine Kolonie, die ihre Blütezeit, die Epoche der Großmacht, gehabt hat, und nun gleich Griechenland, Italien und Spanien in den ewigen Schlaf einzugehen scheint.

Die schreckliche Reaktion, die nach 1865, dem Todesjahr der Hoffnungen, eingetreten ist, hat demoralisierend auf das neue Geschlecht gewirkt, das herangewachsen ist. Eine größere Gleichgültigkeit gegen die Allgemeinheit, einen größeren Egoismus, eine größere Irreligiosität hat man seit langer Zeit in der Geschichte nicht gesehen. Es stürmt draußen in der Welt, und die Völker brüten vor Wut gegen die Tyrannei, doch hier im Lande feiert man nur Jubelfeste.

Der Pietismus ist die einzige Äußerung von Seelenleben bei dem schlafenden Volk; das Mißvergnügen wirft sich der religiösen Resignation in die Arme, um nicht in Verzweiflung oder ohnmächtige Raserei zu verfallen.

Pietisten und Pessimisten gehen von dem gleichen Grundsatz aus: von der Erbärmlichkeit des Daseins, und streben dem gleichen Ziele zu: der Welt zu entsagen, mit Gott zu leben.

Aus Berechnung konservativ zu sein ist die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann. Das ist ein Attentat gegen die Weltidee, für drei Silberlinge, denn der Konservative sucht die Entwicklung zu hindern; er stemmt den Rücken gegen die rollende Erde und sagt: steh still! Es gibt nur eine Entschuldigung: Dummheit; schlechte Geldverhältnisse sind keine Entschuldigung, wohl aber ein Motiv.

* * * * *

Ich frage mich, ob Norwegen für uns nicht ein neuer Flicken auf einem alten Kleide wird.

* * * * *

Stjernhelm, der ein dummer Kerl war, schrieb schon im siebzehnten Jahrhundert folgendes über Schweden:

Entweder ist unser Land versetzt, vertauscht und verändert, Oder die Schweden sind einstmals auch mit den Goten gewandert fort von der Kälte; ausländisch Volk ist statt ihrer geblieben, kärglich an Weisheit und Witz, aber in Torheit seltsam gerieben. Wenn an bestimmtem Orte die Stämme sich ballten, man fänd unter tausend kaum fünfzig, die noch glichen den Alten.

»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte Borg, als er die Lektüre beendet und einen Kognak getrunken hatte.

»Ach, gar nicht so übel; es hätte freilich etwas witziger sein können,« sagte Sellén.

»Nun, was sagst du denn, Falk?«

»Es ist ja das übliche Gewinsel -- nichts weiter. Wollen wir jetzt gehen?«

Borg sah ihn an, um festzustellen, ob es Ironie sei, aber er sah nichts Beunruhigendes.

»Ja,« sagte Sellén, »Olle hat seligere Gefilde aufgesucht; nun, jetzt hat er es ja gut; jetzt braucht er sich nicht mehr ums Mittagessen zu sorgen. Ich möchte wissen, was der Wirt im ›Knopf‹ hierzu sagen wird. Er hatte doch wohl einen kleinen Klaps, wie er es nannte. Ja ja!«

»Was für eine Herzlosigkeit! Was für eine Roheit! Pfui Teufel, diese Jugend!« brach Falk los, warf Geld auf den Tisch und griff nach seinem Mantel.

»Bist du sentimental?« höhnte Sellén.

»Ja, das bin ich! Adieu!«

Und er ging.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Rundschau

Brief von Doktor Borg, Stockholm, an Landschaftsmaler Sellén, Paris.

Lieber Sellén!

Du hast jetzt ein ganzes Jahr lang auf einen Brief von mir gewartet, aber nun habe ich wenigstens etwas zu schreiben. Ich wollte meinen Grundsätzen getreu zuerst von mir selber sprechen, aber ich habe mich in Höflichkeit zu üben, denn ich muß mir jetzt bald mein Brot verdienen; ich fange also mit Dir an! Ich gratuliere mir, daß Dein Bild in der Ausstellung angenommen worden ist und dort solchen Effekt gemacht hat. Isaak hat die Notiz ins »Graumützchen« gebracht, ohne Wissen des Redakteurs, so daß dieser vor Wut schäumte, als er es las, denn er hatte geschworen, aus Dir sollte nie etwas werden. Da Du nun aber im Ausland anerkannt bist, hast Du natürlich auch hier daheim einen Namen, und ich brauche mich Deiner nicht mehr zu schämen.

Um nichts zu vergessen und um mich kürzer fassen zu können, denn ich bin faul und müde nach anstrengendem Dienst in der Entbindungsanstalt, verfasse ich meinen Brief in Notizenform, ganz wie im »Graumützchen«, so daß Du auch leichter das überspringen kannst, was dich nicht interessiert.

Die ~politische Lage~ wird immer interessanter; alle Parteien haben sich gegenseitig mit Geschenken und Gegengeschenken bestochen, so daß sie nun alle miteinander grau sind. Diese Reaktion wird wahrscheinlich mit Sozialismus enden. Es ist stark die Rede davon, die Zahl der Kreise auf achtundvierzig zu erhöhen, denn in der Ministerkarriere wird man jetzt am schnellsten befördert, besonders da nicht einmal das Volksschullehrerexamen dazu erforderlich ist. Ich sprach neulich mit einem meiner Schulkameraden, der schon Minister a. D. ist, und er behauptete, es sei viel leichter, Minister zu sein als Expeditionssekretär. Die Tätigkeit soll sehr an die Arbeit erinnern, die man zu tun hat, wenn man eine Bürgschaft leistet: man braucht nur zu unterschreiben! Mit der Bezahlung wird es nicht so genau genommen, man hat ja den zweiten Bürgen.

Was die ~Presse~ betrifft -- ja, die kennst Du! Im allgemeinen hat sie sich als Geschäft konstituiert, das heißt, sie folgt der Ansicht der momentanen Majorität, und die Majorität, das heißt die meisten Abonnenten, ist reaktionär. Ich habe eines Tages einen liberalen Zeitungsmann gefragt, warum er so gut über Dich schreibe, ohne Dich zu kennen. Er sagte, das liege daran, daß Du die öffentliche Meinung, das heißt die meisten Abonnenten, für Dich hättest. »Nun, aber wenn die öffentliche Meinung sich gegen ihn wendet?« -- »Dann stürze ich ihn natürlich!«

Unter solchen Verhältnissen ist es Dir wohl verständlich, daß die ganze nach 65 herangewachsene Generation, die nicht im Reichstag vertreten ist, die Lage verzweifelt findet; deshalb sind sie auch Nihilisten, das heißt sie ....... auf alles oder sehen ihren Vorteil darin, konservativ zu werden, denn unter solchen Verhältnissen liberal bleiben, das ist des Teufels!

Die ~wirtschaftliche Lage~ ist gedrückt; der Banknotenvorrat, meiner wenigstens, reduziert; auch die feinsten Papiere, von zwei Doktoren unterzeichnet, werden von keiner Bank angenommen.

Die ~Aktiengesellschaft Triton~ liquidierte, wie Du weißt, in der Weise, daß Direktoren und Liquidatoren alle gedruckten Aktien übernahmen, während Aktionäre und Depositäre von der bekannten Norrköpinger Gesellschaft (der einzigen, die sich in diesen Schwindelzeiten gut gehalten hat) allerlei lithographische Papiere bekamen; ich habe eine Witwe gesehen, die die Hand voll Obligationen für einen Marmorbruch hatte; es waren große, schöne Bogen, rot und blau bedruckt, auf denen immer wieder 1000 Kronen graviert war, und darunter standen, ganz als hätten sie Bürgschaft geleistet, die Namen von Leuten, von denen mindestens drei das Ehrengeläut für die Inhaber des Seraphimerordens bekommen, wenn sie aufhören, in dieser Welt Aktionäre zu sein.

Der Freund und Bruder ~Nikolaus Falk~, der seiner privaten Darlehnswirtschaft überdrüssig geworden ist, weil sie ihm kein volles bürgerliches Ansehen schenkte, was doch die öffentliche tut, beschloß, sich mit einigen sachverständigen (!) Personen zu vereinigen und eine Bank zu gründen. Das Neue an dem Programm wurde folgendermaßen angekündigt: »Da die Erfahrung gelehrt hat -- wahrlich eine betrübende Erfahrung! -- (Levin ist der Verfasser, das merkst Du!), daß Depositenscheine nicht hinlängliche Sicherheit bieten, um anvertraute Wertsachen, das heißt deponiertes Geld, auch wirklich zurückzubekommen, so haben die Unterzeichneten, erfüllt von uneigennützigem Eifer für die vaterländische Industrie, und um dem wohlhabenden Publikum eine größere Sicherheit zu bieten, sich als Bank konstituiert, unter dem Namen Depositen-Garantie-Aktiengesellschaft. Das Neue und Sichere, denn nicht alles Neue ist sicher, in unserer Idee ist, daß die Depositäre statt der wertlosen Depositenscheine Wertpapiere im vollen Betrag der hinterlegten Summe bekommen usw. Das Geschäft ist noch im Gange, und Du kannst Dir denken, was für Papiere statt des Depositenscheins ausgehändigt werden. Mit seinem scharfen Blick erkannte Falk, wie großen Vorteil er aus einem Menschen mit so weitgehender ökonomischer Erfahrung ziehen kann, wie Levin sie besitzt, der außerdem, durch seine Pumpgeschäfte, ungeheuer viele Menschen kennt; um ihn aber richtig vorzubereiten und ihn mit allen Irrwegen eines Geschäfts und besonders der juristischen Seite voll vertraut zu machen, schlug Falk ihn mit seinem Schuldschein zu Boden und zwang ihn zum Konkurs. Dann trat er als Retter auf und machte ihn zu einer Art finanziellem Beirat mit dem Titel Direktionssekretär, und nun sitzt Levin da in einem kleinen Privatzimmer, darf sich aber in der Bank nicht sehen lassen. Kassierer ist Isaak. Er hat das Abiturium gemacht (mit Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, ebenso den juristischen und philosophischen Doktor mit den höchsten Nummern in allen Fächern -- sein Examen wurde natürlich im »Graumützchen« erwähnt). Er arbeitet jetzt zum juristischen Staatsexamen und schachert einstweilen auf eigene Faust. Er ist wie der Aal, er hat neun Leben und lebt von nichts! Er trinkt keinen Alkohol, genießt kein Nikotin in irgendeiner Form; ob er sonst irgendwelche Laster hat, weiß ich nicht, aber er ist furchtbar! Er hat eine Eisenhandlung in Härnösand, ein Zigarrengeschäft in Helsingfors und ein Galanteriewarengeschäft in Södertelge; außerdem hat er im Süden von Stockholm ein paar kleine Häuser! Er ist ein Mann der Zukunft, sagen die Leute, er ist ein Mann der Gegenwart, finde ich. Der Bruder Levi hat sich nach Abwicklung der Geschäfte des Triton mit einem recht hübschen Vermögen, wie man sagt, zu Privatgeschäften zurückgezogen. Er soll das Waldkloster haben kaufen wollen, um es in einem neuen Stil zu restaurieren, den sein Onkel von der Kunstakademie erfunden hat. Das Angebot ist aber abgelehnt worden. Levi war sehr beleidigt darüber und schrieb im »Graumützchen« eine Notiz mit der Überschrift: Judenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert, wodurch er sich die lebhaften Sympathien der gebildeten Kreise zuzog; er kann durch diesen Coup Reichstagsabgeordneter werden, wenn er Lust hat. Er bekam sogar eine Dankadresse von seinen Glaubensgenossen (als wenn Levi einen Glauben hätte!), in der sie ihm dafür dankten (sie war im »Graumützchen« abgedruckt), daß er die »Rechte« der Juden verteidige (nämlich das Waldkloster zu kaufen!). Die Adresse wurde bei einem Fest im Grünen Jäger überreicht, zu dem auch eine ganze Menge Schweden (ich führe die Judenfrage immer auf das richtige Gebiet -- das ethnographische -- zurück) eingeladen waren, zu verdorbenem Lachs und offnem Wein. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Helden des Tags unter großer Rührung (siehe »Graumützchen«) eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen (in Kroppaktien) überreicht, für das »Heim für verwahrloste Kinder evangelischen Glaubens« (immer muß der Glaube herhalten). Ich bin auch auf dem Fest gewesen und habe -- was ich noch nie erlebt -- Isaak betrunken gesehen! Er erklärte, er hasse mich und Dich und Falk und alle Weißen -- er nannte uns abwechselnd Weiße und Eingeborene und »Roche«; das letzte Wort kenne ich nicht, aber als er es aussprach, scharten sich sofort zahllose »Schwarze« um uns und machten so unheimliche Gesichter, daß Isaak mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort brach er los: sprach von seinen Leiden als Kind in der Klara-Schule, wie Lehrer und Kameraden ihn mißhandelt und zurückgesetzt, wie die Straßenjungen ihn auf der Straße geprügelt hätten; das Rührendste war eine Erzählung aus seiner Soldatenzeit: er war bei der Andacht vor die Front gerufen worden, um das Vaterunser zu beten, und als er das nicht konnte, wurde er verhöhnt. Seine Schilderung hat mich veranlaßt, meine Ansichten über ihn und seine Rasse zu ändern.

Der ~Religionssnobismus und die Wohltätigkeitscholera~ grassieren in hohem Maße und machen den Aufenthalt im Vaterlande sehr angenehm. Du kennst zwei von diesen Haaren des Teufels: Frau Falk und Frau Revisor Homan; die beiden kleinlichsten, eitelsten und boshaftesten Geschöpfe, die nur je müßig herumgelaufen sind; Du erinnerst Dich an ihre Kinderkrippe und deren Ende; jetzt haben sie ein Magdalenenheim gegründet, und die erste, die aufgenommen wurde, war -- auf meine Empfehlung -- die Marie aus der Neuen Gasse! Die Arme hatte ihre ganzen Ersparnisse einem Handwerksburschen geliehen, der damit durchgebrannt ist. Jetzt ist sie froh, alles umsonst zu haben und die bürgerliche Achtung wiederzugewinnen. Das viele Gotteswort, das mit all solcher Wirksamkeit verbunden ist, erklärt sie aushalten zu können, wenn sie nur morgens ihren Kaffee habe.

Du erinnerst Dich auch ~Pastor Skaares~; er hat die Stelle des Pastor primarius nicht bekommen; aus Ärger darüber ist er jetzt dabei, eine neue Kirche zusammenzubetteln; gedruckte Bettellisten, unterzeichnet von den reichsten Magnaten Schwedens, rufen die allgemeine Barmherzigkeit an. Die Kirche, die dreimal so groß wie die Blasieholmskirche werden und einen wolkenhohen Turm haben soll, wird da stehen, wo jetzt die Sankt-Katarinenkirche steht; diese soll nämlich angekauft und niedergerissen werden, weil sie sich als zu klein erwiesen hat für das große geistige Bedürfnis, das jetzt das schwedische Volk reitet. Die zusammengebettelten Mittel sind schon so groß, daß man zu ihrer Verwaltung bereits einen Rendanten (mit freier Wohnung und Heizung) hat ernennen müssen. Kannst Du raten, wer dieser Rendant ist? -- Hör zu! Struve! -- Er ist in letzter Zeit etwas religiös geworden -- ich sage etwas, weil es nicht viel ist, aber doch hinreichend für seine kleinen Verhältnisse, denn nun wird er von den Gläubigen protegiert. Das hindert ihn nicht, seine Zeitungsschreiberei und sein Trinken fortzusetzen; aber sein Herz ist nicht weich; er ist im Gegenteil erbittert auf alle, die dem Verfall entgangen sind, denn, unter uns, er ist entsetzlich verkommen; deshalb haßt er Falk und Dich und hat sich vorgenommen, Euch niederzuschlagen, sobald Ihr wieder von Euch hören laßt. Um aber die Rendantenwohnung beziehen und die Heizung verbrennen zu können, hat er sich trauen lassen müssen, was in aller Stille oben auf dem Weißen Berge vor sich gegangen ist. Ich war Trauzeuge (betrunken natürlich) und habe mir die Szene angesehen. Die Frau hat sich ebenfalls auf das Gottesgnadentum geworfen, nachdem sie erfahren hat, daß es vornehm ist. -- ~Lundell~ hat das religiöse Gefühl völlig +ad acta+ gelegt und malt nur noch Bilder von geschäftsführenden Direktoren, wodurch er Lehrer an der Kunstakademie geworden ist. Er ist jetzt auch unsterblich, weil ein Bild von ihm sich im Nationalmuseum befindet. Die Methode war sehr einfach und ist zur Nachahmung zu empfehlen: Smith hat dem Museum ein von Lundell gemaltes Genrebild geschenkt, dafür hat Lundell ihm gratis sein Porträt malen müssen! -- Das ist fein? Was?

~Schluß eines Romans.~ Ich sitze eines Sonntags vormittags, in der kurzen Stunde, wenn der Sabbatfriede nicht von den schrecklichen Glocken gestört wird, in meinem Zimmer und rauche. Da klopft es an die Tür, und herein kommt ein großer, hübscher Kerl, den ich zu kennen glaube -- es ist Rehnhjelm. Gegenseitiges Examen. Er ist Verwalter eines großen Betriebes und recht zufrieden mit seiner Welt. Es klopft noch einmal. Herein kommt Falk (mehr von ihm weiter unten). Alte Erinnerungen und gemeinsame Bekannte werden erörtert. Dann kommt der bekannte Augenblick nach einem eifrigen Gespräch, wo es still wird und eine sonderbare Pause entsteht! Rehnhjelm griff nach einem Buch, das ihm gerade zur Hand lag, blätterte darin und begann laut zu lesen:

»›Ein Kaiserschnitt. Akademische Abhandlung, die mit Genehmigung der hohen medizinischen Fakultät im kleinen Hörsaal des Gustavianums öffentlich verteidigt wird.‹ Das sind ja schreckliche Figuren; wer ist denn so unglücklich, daß er nach seinem Tode auf diese Weise umgehen muß?«

»Sieh nach!« sagte ich, »das steht auf Seite zwei.«

Er las weiter:

»Das Becken, das unter Nr. 38 in der pathologischen Sammlung der Akademie -- Nein, das war es nicht. Unverehelichte Agnes Rundgren.«

Der Mann wurde weiß wie Kalk und mußte aufstehen und Wasser trinken.

»Hast du sie gekannt?« fragte ich, um ihn etwas abzulenken.

»Ob ich sie gekannt habe! Sie war in X-köping am Theater und ist später nach Stockholm gegangen in ein Restaurant, wo sie sich Beda Pettersson nannte.«

Jetzt hättest Du Falk sehen müssen. Es gab eine Szene, die damit endete, daß Rehnhjelm die Frauen im allgemeinen verfluchte, worauf Falk sehr erregt erwiderte, es gebe zwei Arten von Frauen, darauf bitte er aufmerksam machen zu dürfen, und zwischen Frauen und Frauen sei ein so großer Unterschied wie zwischen Engeln und Teufeln. Und er sprach mit solcher Rührung, daß Rehnhjelm die Tränen in die Augen traten.

Ja, Falk! Den habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Er hat sich verlobt! Wie das zugegangen ist? Er selbst hat das folgendermaßen erzählt: »Wir sahen uns!« Wie Du weißt, habe ich niemals fertige Ansichten, sondern warte immer noch auf neue Erfahrungen, aber was ich bisher gesehen habe, scheint unstreitig zu beweisen, daß die Liebe etwas ist, worüber wir Junggesellen nicht urteilen können -- was wir mit diesem Namen bezeichnen, ist nur Liederlichkeit! Lache nur, Du alter Spötter!

Ich habe sonst nur in schlechten Theaterstücken eine so rasche Charakterentwicklung gesehen wie damals bei Falk. Mit der Verlobung ging es nicht sehr rasch, das mußt Du nicht denken. Der Vater war ein alter Witwer, Egoist, Pensionär, der seine Tochter als ein Kapital betrachtete: durch eine reiche Heirat sollte sie ihm ein angenehmes Alter schaffen (ein sehr häufiger Fall). Er sagte rundheraus nein! Da hättest Du Falk sehen sollen. Er ging ein Mal übers andere zu ihm und wurde hinausgeworfen, aber er kam wieder und sagte dem Alten gerade ins Gesicht, sie würden ohne seine Einwilligung heiraten, wenn er nicht nachgebe; ich weiß nicht, aber ich glaube, sie haben sich geprügelt. Dann eines Abends begleitete Falk seine Braut von Verwandten, bei denen er sich eingeführt hatte, nach Hause. Als sie in die Straße kamen, sahen sie beim Laternenschein den Alten im Fenster liegen -- er hat ein kleines Haus in der Hornzollstraße, das er allein bewohnt. Falk rüttelt an der Gartentür; er rüttelt eine Viertelstunde lang, niemand öffnet! Er klettert über den Zaun, wird von einem großen Hund angefallen, den er überwältigt und in den Müllkasten sperrt (denke Dir den ängstlichen Falk); darauf zwingt er den Hausmann, aufzustehen und zu öffnen; jetzt standen sie auf dem Hof; blieb noch die Haustür; er schlägt mit einem großen Stein gegen die Tür, aber von innen hört man keinen Laut. Da holt er aus dem Garten eine Leiter und klettert zum Fenster des Alten hinauf (genau wie ich es selbst auch gemacht haben würde) und ruft: Aufmachen, sonst schlage ich das Fenster ein! Da ertönt von innen die Stimme des Alten: »Schlag, du Lümmel, dann schieße ich dich nieder!« Falk schlug das Fenster ein. Es blieb eine Weile totenstill. Schließlich hörte er durch die zerschmetterte Scheibe: »Das war stilvoll (der Alte war Soldat gewesen)! Du bist mein Mann!« -- »Ich schlage nicht gern Fenster ein,« sagte Falk, »aber für Ihre Tochter tue ich alles!« und damit war die Sache in Ordnung.

Er verlobte sich! Du mußt bedenken, daß vor kurzem der Reichstag die große Reorganisation der Ämter vorgenommen hat, wobei Gehälter und Stellen verdoppelt wurden, so daß ein junger Mann sich schon in der untersten Gehaltsklasse verheiraten kann! Er will im Herbst heiraten. Sie bleibt Lehrerin, das ist sie nämlich! Ich weiß sehr wenig von der Frauenfrage, denn sie geht mich nichts an, aber ich glaube, nach dem, was ich gesehen habe, daß unsere Generation das Asiatische abschaffen wird, das der Ehe noch anhaftet. Beide Parteien schließen einen freien Vertrag, keiner gibt seine Selbständigkeit auf, keiner versucht den andern zu erziehen, jeder lernt die Schwächen des andern respektieren, und man hat eine Kameradschaft fürs Leben, die nicht dadurch langweilig wird, daß der eine Teil auf Zärtlichkeit pocht. Frau Nikolaus Falk, Du weißt, diese wohltätige Teufelin, halte ich für nichts anderes als eine +femme entretenue+, und so sieht sie sich selbst auch an; die meisten Frauen verheiraten sich, um es gut zu haben und nicht mehr arbeiten zu müssen, um selbständig zu werden; daß so wenig Ehen geschlossen werden, das ist die Schuld der Frau, aber auch die des Mannes.

Falk aber ist undurchdringlich; er hat sich auf die Numismatik geworfen mit einem Eifer, der nicht ganz natürlich ist, ja ich habe ihn sogar neulich davon reden hören, er sei mit der Ausarbeitung eines Lehrbuchs der Numismatik beschäftigt und wolle versuchen, es in den Schulen einzuführen, wo die Münzenkunde Lehrfach werden solle; nie liest er eine Zeitung; nie weiß er, was in der Welt passiert; und die Schriftstellerei scheint er sich ganz aus dem Sinn geschlagen zu haben. Er lebt nur für seinen Dienst und seine Braut, die er vergöttert; aber ich glaube nicht an dies alles. Falk ist ein politischer Fanatiker, der weiß, daß er verbrennen würde, wenn er der Flamme Spielraum gäbe, deshalb löscht er sie durch strenge, trockne Studien aus; ich glaube jedoch nicht, daß es ihm gelingt, denn wenn er sich derartig Zwang antut, befürchte ich einmal eine Explosion; übrigens -- unter uns -- glaube ich, daß er einer der heimlichen Gesellschaften angehört, die Reaktion und Militarismus auf dem Kontinent hervorgerufen haben. Als ich ihn neulich im Reichstag sah, als Herold bei der Thronrede, im roten Purpurmantel, mit der Feder am Barett und dem Stab in der Hand, zu Füßen des Thrones (zu Füßen des Thrones!) -- da dachte ich: ja, es ist eine Sünde, das zu sagen; als aber der Minister Seiner Majestät des Königs gnädige Propositionen über Zustand und Bedürfnisse des Reiches vorbrachte, da sah ich einen Blick in Falks Augen, der ungefähr sagte: »Was weiß Seine Majestät von der Lage und den Bedürfnissen des Reiches?« Der Mann, der Mann!

Nun habe ich wohl meine Rundschau beendet, ohne jemanden vergessen zu haben. Leb also für diesmal wohl! Du wirst bald wieder von mir hören!

H. B.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

August Strindberg

Ausgewählte Romane in fünf Bänden

Das Rote Zimmer Die Leute auf Hemsö Am offenen Meer Die Gotischen Zimmer Schwarze Fahnen

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Ferner erschienen:

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