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Absicht war und als die Heiligkeit des Ortes vielleicht gestattete, holte ein Papier heraus, das ebenfalls bereit gelegen und auf das Stichwort gewartet hatte, und reichte es dem Bruder.
»Hast du dies geschrieben? -- Antworte! Hast du dies geschrieben?«
»Ja!«
Arvid erhob sich, um zu gehen.
»Nein, setz dich! -- setz dich! Setz dich!«
Wenn ein Hund im Zimmer gewesen wäre, würde er sich sofort gesetzt haben.
»Nun, was steht da? Lies! -- Ich, Arvid Falk, bestätige und bezeuge, -- daß -- ich -- von -- meinem Bruder, dem mir vom Gericht bestimmten Vormund -- Karl Nikolaus Falk -- mein Erbe vollständig ausgezahlt bekommen habe, -- in Höhe von usw.«
Er schämte sich, die Summe zu nennen.
»Du hast also eine Sache bestätigt und bezeugt, an die du nicht geglaubt hast! Ich darf wohl fragen: ist das ehrlich? Nein, antworte auf meine Frage! Ist das ehrlich? Nein! Ergo hast du ein falsches Zeugnis abgelegt. Du bist also ein Schuft! Ja, das bist du! Habe ich nicht recht?«
Die Szene war zu dankbar und der Triumph zu groß, um ohne Publikum genossen werden zu können. Der unschuldig Angeklagte mußte Zeugen haben; er machte die Tür zum Laden auf.
»Andersson!« rief er. »Beantworten Sie mir eine Frage: hören Sie genau zu! Wenn ich ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft oder bin ich es nicht?«
»Sie sind natürlich ein Schuft, Herr Prinzipal,« antwortete Andersson ohne Bedenken und mit Wärme.
»Hörst du: er sagt, ich bin ein Schuft -- wenn ich eine falsche Quittung unterschreibe. Nun, was habe ich vorhin gesagt? Du bist nicht ehrlich, Arvid; du bist nicht ehrlich! Das habe ich schon immer gesagt! Gutmütige Menschen sind sehr oft Schufte; und du bist immer gutmütig und nachgiebig gewesen, aber ich habe gemerkt, daß du insgeheim andere Gedanken hegtest; du bist ein Schuft! Das hat dein Vater auch gesagt, ich betone ›gesagt‹, denn er sagte immer, was er dachte und war ein rechtschaffener Mann, Arvid, und das -- bist -- du -- nicht! Sei überzeugt: wenn er jetzt noch lebte, so würde er mit Schmerz und Gram sagen: Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du -- bist -- nicht ehrlich!«
Er schritt wieder einige Diagonalen ab, und es klang, als applaudiere er seiner Szene mit den Füßen, und er klingelte mit dem Schlüsselbund, als gebe er das Signal für den Vorhang. Die Schlußreplik war so abgerundet gewesen, daß jede Hinzufügung das Ganze verderben würde. Trotz der schweren Beschuldigung, die er tatsächlich seit mehreren Jahren erwartet hatte, denn er war immer der Überzeugung gewesen, daß der Bruder ein falsches Herz habe, war er sehr froh, daß es jetzt vorüber war, und so glücklich vorüber, so gut und so sinnreich vorüber, daß er fast fröhlich und sogar ein wenig dankbar gestimmt wurde. Außerdem hatte er ja eine so gute Gelegenheit gefunden, loszuwettern, nachdem er oben in der Familie gereizt worden war; seinen Zorn an Andersson auszulassen, hatte im Lauf der Jahre seinen Reiz eingebüßt, -- und ihn oben auszulassen -- dazu hatte er die Lust verloren.
Arvid war verstummt; er war eine durch die Erziehung so eingeschüchterte Natur, daß er immer etwas Unrechtes zu tun glaubte; er hatte von Kind an diese furchtbar großen Worte: rechtschaffen, ehrlich, aufrichtig, wahrhaft täglich und stündlich aussprechen hören, so daß sie wie Richter vor ihm standen, die ihn immer schuldig sprachen. Er dachte einen Moment, er habe sich in seinen Berechnungen getäuscht, der Bruder sei unschuldig und er selber wirklich ein Schuft; aber im nächsten Augenblick sah er in dem Bruder einen Betrüger, der mit einfachem Advokatengeschwätz ihn übertölpelte, und er wollte sich aus dem Staube machen, um nicht mit ihm in Streit zu geraten, wollte sich aus dem Staube machen, ohne ihm sein Anliegen Nummer 2 vorzutragen: daß er nämlich im Begriff stehe, seinen Beruf zu wechseln.
Die Pause wurde länger, als beabsichtigt war. Karl Nikolaus hatte also Zeit, in der Erinnerung seine eben erlebten Triumphe durchzugehen. Das kleine Wort »Schuft« tat der Zunge so wohl, wenn sie es aussprechen konnte, genau so wohl wie das Wort »Hinaus!«. Und das Öffnen der Tür und Anderssons Antwort und die Vorführung des Dokuments, alles hatte so gut geklappt; das Schlüsselbund war nicht auf dem Nachttisch liegengeblieben, das Schloß hatte funktioniert, das Dokument war bindend gewesen wie ein Garn und die Schlußfolgerung wie die Angel, die den Hecht in ihrer Schlinge fängt. Er war in gute Laune gekommen; er hatte verziehen, nein, er hatte vergessen, alles vergessen, und als er den Geldschrank wieder zuwarf, da verschloß er die unangenehme Affäre für immer. Aber er wollte sich nicht so von dem Bruder trennen, er hatte das Verlangen, über andere Dinge mit ihm zu sprechen, ein paar Schaufeln Geschwätz über das unangenehme Thema zu werfen, ihn in einer alltäglichen Situation zu sehen, zum Beispiel ihn an einem Tisch sitzen zu sehen, warum nicht essend und trinkend? Die Menschen sahen immer vergnügt und zufrieden aus, wenn sie aßen und tranken, und er wollte ihn vergnügt und zufrieden sehen; er wollte sein Gesicht ruhig sehen und hören, daß seine Stimme nicht mehr zitterte, und kam zu dem Entschluß, ihn zum Frühstück einzuladen. Die Schwierigkeit war, einen Übergang zu finden, eine geeignete Brücke, die man über den Abgrund werfen konnte. Er suchte in seinem Kopf, fand aber keine, er suchte in seinen Taschen und fand die -- Streichholzschachtel.
»Teufel auch, du hast ja deine Zigarre nicht angesteckt, Junge!« sagte er mit wirklicher, nicht erheuchelter Wärme.
Aber der Junge hatte seine Zigarre im Lauf des Gesprächs zerbröckelt, und sie wollte nicht mehr brennen.
»Hier, nimm dir eine neue!«
Er holte sein großes Lederetui heraus:
»Sieh her! Nimm nur! Es sind gute Zigarren!«
Der Bruder, der so unglücklich veranlagt war, keinen Menschen verletzen zu können, nahm das Anerbieten dankbar an, wie eine zur Versöhnung hingestreckte Hand.
»So, alter Junge,« fuhr Karl Nikolaus fort und schlug einen angenehmen Gesellschaftston an, auf den er sich so gut verstand. »Komm jetzt, dann gehen wir zu Riga und frühstücken ein bißchen! Komm nur!«
Arvid, an Freundlichkeit nicht gewöhnt, war hierüber so gerührt, daß er dem Bruder hastig die Hand drückte und hinauseilte, durch den Laden hindurch, ohne Andersson zu grüßen, hinaus auf die Straße.
Der Bruder blieb bestürzt stehen; dies konnte er nicht begreifen; was sollte das bedeuten! Davonlaufen, wenn er zum Frühstück eingeladen wurde; davonlaufen, und dabei war er doch nicht böse. Davonlaufen! Das würde ein Hund nicht getan haben, wenn man ihm ein Stück Fleisch hingeworfen hätte!
»Er ist so sonderbar!« murmelte er und stampfte über die Dielen. Darauf trat er an sein Pult, schraubte den Sessel so hoch, wie es ging, und kletterte hinauf. Von diesem erhöhten Platz pflegte er Menschen und Verhältnisse von einem höheren Gesichtspunkt zu betrachten und fand sie in der Regel klein, allerdings nicht so klein, daß sie nicht für seine Zwecke zu verwenden gewesen wären.
Drittes Kapitel
Die Kolonisten
Es war zwischen acht und neun Uhr an dem schönen Maimorgen, als Arvid Falk nach der Szene bei dem Bruder durch die Straßen wanderte, unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden mit dem Bruder und unzufrieden mit der ganzen Welt. Er wünschte sich trübes Wetter und schlechte Gesellschaft. Daß er ein Schuft war, daran glaubte er nicht ganz, aber er war mit sich selbst nicht zufrieden; er war gewohnt, hohe Anforderungen an sich zu stellen, und es war ihm eingeimpft, in dem Bruder eine Art Stiefvater zu sehen, vor dem er große Achtung, fast Ehrerbietung hegen müsse. Aber auch noch andere Gedanken tauchten auf und erfüllten ihn mit Sorge. Er war ohne Geldmittel und ohne Beschäftigung. Dies letzte war vielleicht das Schlimmste, denn die Untätigkeit war für ihn ein böser Feind, da er mit einer nimmer ruhenden Phantasie begabt war.
Unter recht unangenehmen Grübeleien war er in die kleine Parkstraße gekommen; er ging auf dem linken Trottoir entlang, am Dramatischen Theater vorbei, und befand sich bald in der Norrlandstraße; er wanderte ziellos weiter, immer geradeaus; bald wurde das Pflaster uneben, Hütten aus Holz traten an die Stelle der Steinhäuser, schlecht gekleidete Menschen warfen mißtrauische Blicke auf den gut angezogenen Herrn, der so früh am Tage ihre Gegend aufsuchte, und ausgehungerte Hunde knurrten den Fremden drohend an. Zwischen Gruppen von Soldaten, Arbeitern, Brauergesellen, Waschfrauen und Lehrlingen hindurch ging er das letzte Stück der Norrlandstraße mit etwas beschleunigten Schritten, kam dann in die große Hopfenparkstraße und betrat den Hopfenpark. Die Kühe des Generalfeldzeugmeisters hatten bereits die Viehweide in Benutzung genommen, die alten, kahlen Apfelbäume machten einen Versuch, Knospen zu treiben, die Linden waren schon grün, und die Eichhörnchen spielten in den Kronen. Er ging am Karussell vorbei und kam in die Allee, die zum Theater führt; dort saßen Knaben, die die Schule schwänzten und »Knopf« spielten; ein Stück weiter lag ein Malerlehrling auf dem Rücken im Grase und schaute durch die hohen Laubwölbungen zu den Wolken hinauf; er pfiff so sorglos, als warteten weder Meister noch Gesellen auf ihn, während Fliegen und andere Insekten herbeikamen und sich in seinen Farbtöpfen ertränkten.
Falk langte auf der Höhe oben beim Ententeich an; dort blieb er stehen und studierte die Metamorphosen der Frösche, beobachtete die Blutegel und fing einen Wasserläufer. Dann begann er Steine ins Wasser zu werfen. Das brachte sein Blut in Bewegung, und er fühlte sich verjüngt, kam sich vor wie ein schwänzender Schuljunge, frei, trotzig, frei; denn es war eine Freiheit, die er mit recht großen Opfern erkauft hatte. Bei dem Gedanken, frei und nach Belieben mit der Natur verkehren zu können, auf die er sich besser verstand als auf die Menschen, die ihn nur mißhandelt und ihn schlecht zu machen versucht hatten, wurde er froh, aller Unfriede schwand aus seinem Gemüt, und er stand auf, um seinen Weg zur Stadt hinaus fortzusetzen. Er ging durch das Kreuz und befand sich in der nördlichen Hopfenparkstraße. Hier sah er, daß im Zaun gerade gegenüber einige Bretter fehlten und daß auf der andern Seite ein Fußsteig ausgetreten war. Er kroch durch den Zaun, schreckte ein altes Weib auf, das Nesseln pflückte, spazierte über die weiten Tabakfelder, wo heute das Villenviertel steht, und befand sich am Eingang von »Lill-Jans«.
Hier war der Frühling im Ernst über die kleine hübsche Ansiedlung hereingebrochen, die mit ihren drei kleinen Häusern in blühenden Flieder und Apfelbäume eingebettet lag, vor den nördlichen Winden von dem Tannenwald auf der andern Seite der Landstraße geschützt. Hier war ein wirkliches Idyll aufgetischt. Der Hahn saß auf der Gabel eines Wasserkarrens und krähte, der Kettenhund lag in der Sonne und fing Fliegen, die Bienen schwärmten wie eine Wolke um die Körbe, der Gärtner kniete bei den Mistbeeten und zog Radieschen, die Laubsänger und die Rotschwänzchen sangen in den Stachelbeersträuchern, halbbekleidete Kinder scheuchten die Hühner, die die Keimfähigkeit verschiedener frisch gesäter Blumensamen untersuchen wollten. Über dem Ganzen lag ein hellblauer Himmel, und dahinter stand der schwarze Wald.
Neben den Mistbeeten, im Schutz des Zaunes, saßen zwei Männer. Der eine trug einen schwarzen hohen Hut, einen sauber gebürsteten schwarzen Anzug, hatte ein langes schmales blasses Gesicht und sah aus wie ein Geistlicher. Der andere war der Typ eines zivilisierten Bauern, mit zusammengesunkenem, aber korpulentem Körper, hängenden Augenlidern und mongolischem Schnurrbart; er war sehr schlecht gekleidet und sah wie alles mögliche aus -- wie ein Vagabund, ein Handwerker oder ein Künstler --, er machte einen sonderbar verkommenen Eindruck.
Der Magere, der zu frösteln schien, obwohl er direkt in der Sonne saß, las dem Fetten, der aussah, als habe er alle Klimate der Erde erprobt und könne sie mit Ruhe alle vertragen, aus einem Buch vor.
Als Falk durch die Pforte auf die breite Landstraße trat, hörte er deutlich die Worte des Lesenden durch den Zaun, und er meinte stehen bleiben und zuhören zu dürfen, ohne einen Vertrauensdiebstahl zu begehen.
Der Magere las mit trockner, eintöniger Stimme, der jeder Klang fehlte, und der Fette gab dann und wann seine Zufriedenheit zu erkennen durch ein Schnauben, das bisweilen mit einem Grunzen abwechselte und schließlich zum Spucken wurde, wenn die Worte der Weisheit, die er hörte, über den gewöhnlichen Menschenverstand gingen. Der Lange las:
»Die höchsten Grundsätze sind, wie gesagt, drei: ein absolut unbedingter und zwei relativ unbedingte. +Pro primo+: der absolut erste, rein unbedingte Grundsatz soll die Handlung ausdrücken, die allem Bewußtsein zugrunde liegt und dieses erst möglich macht. Dieser Grundsatz ist die Identität: +A+ = +A+. Er bleibt bestehen und kann auf keine Weise fortgedacht werden, wenn man alle empirischen Bestimmungen des Bewußtseins absondert. Er ist das ursprüngliche Faktum des Bewußtseins und muß darum notwendigerweise anerkannt werden; überdies ist er nicht wie jedes andere empirische Faktum etwas Bedingtes, sondern als Folge und Inhalt einer freien Handlung völlig unbedingt.«
»Verstehst du, Olle?« unterbrach sich der Leser.
»O ja, es ist wundervoll! -- ›Er ist nicht wie jedes empirische Faktum etwas Bedingtes.‹ -- Oh, ist das ein Mensch! Weiter, weiter!«
»Wenn man annimmt,« fuhr der Vorleser fort, »daß dieser Satz ohne jeden weiteren Grund sicher ist --«
»Höre einer diesen Filou an -- ›ohne jeden weiteren Grund sicher‹,« wiederholte der dankbare Zuhörer, der damit jeden Verdacht, als verstehe er nicht, von sich abschütteln wollte, »ohne jeden weiteren Grund, wie schlau, wie schlau, statt nur zu sagen: ohne jeden Grund.«
»Soll ich weiterlesen? Oder gedenkst du mich noch öfter zu unterbrechen?« fragte der beleidigte Vorleser.
»Ich werde dich nicht wieder unterbrechen, weiter, weiter!«
»So -- jetzt kommt die Schlußfolgerung (herrlich in der Tat!) -- mißt man sich die Fähigkeit bei, etwas zu behaupten.«
Olle schnaubte.
»Man behauptet demnach nicht +A+ (großes +A+), sondern bloß, daß +A+ = +A+ ist, wenn und soweit +A+ überhaupt ist. Es handelt sich nicht um den Inhalt des Satzes, sondern bloß um dessen Form. Der Satz +A+ = +A+ ist also seinem Inhalt nach bedingt (hypothetisch) und nur seiner Form nach unbedingt.«
»Hast du beachtet, daß es das große +A+ ist?«
Falk hatte genug gehört; dies war die entsetzlich tiefe Philosophie von Upsala, die sich bis hierher verirrt hatte, um die rohe Großstadtnatur zu bezwingen; er sah nach, ob nicht die Hühner von ihren Stangen gefallen seien und ob nicht die Petersilie aufhörte zu wachsen beim Anhören dieses Tiefsten, das in Lill-Jans jemals in Zungen geredet worden war. Er wunderte sich, daß der Himmel sich noch an seinem Platz befand, obwohl er zum Zeugen einer solchen Kraftprobe des menschlichen Geistes angerufen worden war; zugleich aber forderte seine menschliche niedrigere Natur ihr Recht, und er fühlte eine große Trockenheit in der Kehle, weshalb er beschloß, in eins der Häuser hineinzugehen und um ein Glas Wasser zu bitten.
Er kehrte also um und betrat das Haus, das, wenn man von der Stadt kommt, rechts am Wege liegt. Die Tür zu einer großen ehemaligen Backstube stand nach der Diele offen, die nicht größer war als ein Reisekoffer. Im Zimmer befand sich nur eine Schlafbank, ein zerbrochener Stuhl, eine Staffelei und zwei Personen; die eine von diesen stand vor der Staffelei, angetan mit Hemd und Hosen, die von einem Riemen gehalten wurden. Er sah aus wie ein Handwerksbursche, aber er war Künstler, denn er war damit beschäftigt, die Skizze zu einem Altarbilde zu entwerfen. Der andere war ein junger Mann von feinem Aussehen, relativ fein gekleidet. Er hatte seinen Rock ausgezogen, hatte das Hemd heruntergestreift und stand augenblicklich dem Maler mit seiner prachtvollen Büste Modell. Sein schönes, vornehmes Gesicht trug Spuren von Ausschweifungen der vergangenen Nacht, und sein Kopf fiel dann und wann nach vorn, wodurch er sich eine besondere Zurechtweisung von dem Meister zuzog, der ihn unter seinen Schutz genommen zu haben schien. Den Endrefrain einer solchen Moralpredigt bekam Falk zu hören, als er die Diele betrat.
»Daß du so ein Schwein bist und mit diesem Bummler Sellén kneipen gehst! Jetzt stehst du hier und vergeudest deinen Vormittag, statt in der Handelsschule zu sitzen -- die rechte Schulter etwas höher, so! Hast du tatsächlich die ganze Miete durchgebracht, so daß du nicht nach Hause zu gehen wagst? Hast du gar nichts übrig behalten? Keinen Pfennig?«
»O doch, etwas habe ich noch übrig, aber das reicht nicht!«
Der junge Mann holte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus der Hosentasche und wickelte es auf, wobei zwei Dreikronenscheine zum Vorschein kamen.
»Gib her, ich hebe sie dir auf,« riet der Meister und nahm wie ein Vater die Scheine an sich.
Falk, der sich vergebens bemerkbar zu machen versucht hatte, hielt es jetzt für richtig, so unbemerkt, wie er gekommen war, seiner Wege zu gehen. Er ging also wieder an dem Komposthaufen und den beiden Philosophen vorbei und bog links in den Königin-Christina Weg ein. Er war noch nicht weit gegangen, als er einen jungen Mann gewahrte, der seine Staffelei vor dem kleinen Erlenbruch gerade an der Stelle, wo der Wald anfängt, aufgeschlagen hatte. Es war eine feine, schlanke, fast elegante Gestalt mit etwas spitzem, brünettem Gesicht; sprühendes Leben erfüllte seine ganze Person, wie er da vor dem schönen Bilde stand und arbeitete. Er hatte Hut und Rock abgelegt und schien bei vortrefflichster Gesundheit und in bester Laune zu sein. Bald pfiff er, bald summte er vor sich hin, bald sprach er mit sich selber.
Als Falk so weit herangekommen war, daß er ihn im Profil sah, drehte er sich um:
»Sellén! Guten Tag, alter Kamerad!«
»Falk! Alte Bekannte hier draußen im Walde! Was um Gottes willen bedeutet das? Bist du um diese Tageszeit nicht in deinem Amt?«
»Nein. Aber wohnst du hier draußen?«
»Ja, ich bin mit einigen Bekannten am 1. April hier herausgezogen; es wurde zu teuer, in der Stadt zu wohnen -- die Wirte sind auch so kleinlich!«
Ein pfiffiges Lächeln spielte in dem einen Mundwinkel, und die braunen Augen funkelten.
»Ach so,« erwiderte Falk, »dann kennst du vielleicht auch die Typen, die da hinten bei den Mistbeeten sitzen und lesen?«
»Die Philosophen? Aber natürlich! Der Lange ist außerordentlicher Hilfsarbeiter im Versteigerungsamt mit achtzig Reichstalern jährlich, und der Kleine, Olle Montanus, der sollte eigentlich zu Hause sitzen und bildhauern, aber seit er mit Ygberg zusammen auf die Philosophie verfallen ist, hat er aufgehört zu arbeiten, und jetzt geht es in raschem Tempo bergab mit ihm. Er hat entdeckt, daß die Kunst etwas Sinnliches ist!«
»Aber wovon lebt er denn?«
»Eigentlich von nichts! Manchmal steht er dem praktischen Lundell Modell, und dann bekommt er ein Stück Blutkuchen ab und lebt einen Tag davon, und im Winter darf er in seinem Zimmer auf dem Fußboden liegen, denn ›er wärmt doch immerhin etwas‹, sagt Lundell, wo das Holz so teuer ist; und hier war es im April recht kalt.«
»Wie kann er Modell stehen, er sieht doch aus wie ein Quasimodo?«
»Ja, bei einer Kreuzesabnahme soll er der eine Schächer sein, dem die Knochen schon entzwei geschlagen sind; der arme Teufel hat ein Hüftleiden gehabt; wenn er sich also über eine Stuhllehne legt, wird er sehr gut. Manchmal muß er sich nach hinten umdrehen, und dann ist er der zweite Schächer.«
»Warum tut er denn selbst nichts? Hat er kein Talent?«
»Olle Montanus, mein Lieber, ist ein Genie; aber er will nicht arbeiten, er ist Philosoph und würde sicher ein großer Mann geworden sein, wenn er nur hätte studieren können. Es ist wirklich merkwürdig, ihn und Ygberg reden zu hören; Ygberg hat ja allerdings mehr gelesen, aber Montanus hat einen so guten Kopf, daß er ihn manchmal in die Enge treibt, und dann geht Ygberg seiner Wege und liest noch ein Stück für sich; aber er leiht Montanus sein Buch nie.«
»Ach, ihr schätzt Ygbergs Philosophie?« fragte Falk.
»Oh, die ist sehr fein! Sehr fein? Du liebst doch Fichte? Oh, oh, oh, so ein Kerl!«
»Nun,« unterbrach Falk, der Fichte nicht liebte, »wer waren denn die beiden Typen dort im Hause?«
»Ach, die hast du auch gesehen? Ja, der eine war der praktische Lundell, der Figuren- oder richtiger Kirchenmaler, und der andere war mein Freund Rehnhjelm.«
Die letzten Worte versuchte er in sehr gleichgültigem Ton auszusprechen, um den Eindruck desto stärker zu machen.
»Rehnhjelm?«
»Ja, ein sehr netter Junge.«
»Er steht Modell da drinnen?«
»Das tut er! Ja, dieser Lundell; der kann die Menschen ausnutzen; das ist ein ganz sonderbar praktischer Kerl. Aber komm mit, wir wollen hineingehen und ihn necken, das ist das Lustigste, was ich hier draußen habe; dann hörst du vielleicht auch Montanus reden, und das ist wirklich interessant.«
Weniger von der Aussicht, Montanus reden zu hören, als von der Hoffnung, ein Glas Wasser zu bekommen, verlockt, folgte er Sellén und half ihm Staffelei und Malkasten tragen.
Im Hause hatte sich die Szene insoweit verändert, als das Modell sich auf den zerbrochenen Stuhl hatte setzen dürfen und Montanus und Ygberg sich auf der Schlafbank niedergelassen hatten. Lundell stand vor der Staffelei und rauchte aus einer schnarchenden, hölzernen Stummelpfeife den armen Kameraden, denen das bloße Vorhandensein einer Tabakspfeife ein Genuß war, etwas vor.
Als Assessor Falk vorgestellt worden war, wurde er sofort von Lundell, der seine Meinung über sein Bild hören wollte, mit Beschlag belegt. Das Bild erwies sich als ein Rubens, wenigstens dem Stoff nach, wenn auch nicht in bezug auf Farbe oder Zeichnung. Darauf ließ sich Lundell über die schweren Zeiten für einen Künstler aus, machte die Akademie herunter und schimpfte auf die Regierung, die nichts für die einheimische Kunst tue. Er sei jetzt dabei, eine Skizze für ein Altarbild zu malen, aber er sei fest überzeugt, daß es nicht angenommen werden würde, denn ohne Intrigen und Beziehungen komme man nirgends durch. Hierbei warf er einen forschenden Blick auf Falks Anzug, um sich zu vergewissern, ob er vielleicht eine Beziehung abgeben könne.
Eine andere Wirkung hatte Falks Kommen auf die beiden Philosophen gehabt. Sie hatten in ihm sofort einen »Studierten« entdeckt und warfen ihren Haß auf ihn, denn er konnte sie ihres Prestiges in der kleinen Gesellschaft berauben. Sie wechselten bedeutsame Blicke, die Sellén nicht entgingen, so daß er sich versucht fühlte, seine Freunde in ihrem Glanz vorzuführen und womöglich einen Disput zustande zu bringen. Er machte sofort einen Zankapfel ausfindig, zielte, warf und traf.
»Was sagst du denn zu Lundells Bild, Ygberg?«
Ygberg, der nicht erwartet hatte, so bald zu Wort zu kommen, mußte einige Sekunden überlegen. Dann erwiderte er mit markierter Stimme, während Olle ihm den Rücken rieb, damit er sich gerade halte:
»Ein Kunstwerk ist nach meiner Meinung in zwei Kategorien zu zerlegen: in Inhalt und Form. Was den Inhalt dieses Kunstwerks betrifft, so hat es einen tiefen und allgemein menschlichen Inhalt, das Motiv ist fruchtbar, an sich, als solches, und enthält alle Begriffsbestimmungen und Potenzen, die sich für künstlerische Produktion geltend machen können; was aber die Form betrifft, die an sich de facto den Begriff manifestieren soll, das heißt die absolute Identität, das Sein, das Ich -- so kann ich nicht umhin, sie weniger adäquat zu finden.«
Lundell fühlte sich von der Kritik geschmeichelt, Olle lächelte ein seliges Lächeln, als sehe er die himmlischen Heerscharen, das Modell schlief, und Sellén fand, Ygberg habe einen unbestrittenen Erfolg errungen. Jetzt richteten sich aller Blicke auf Falk, als auf den, der den hingeworfenen Handschuh aufnehmen mußte, denn daß es ein Handschuh war, darüber waren sich alle einig.
Falk war teils belustigt, teils geärgert und suchte in den Rumpelkammern seines Gedächtnisses nach einigen philosophischen Windbüchsen, als sein Blick auf Olle Montanus fiel, der am Schluß Gesichtszuckungen bekommen hatte, ein Zeichen, daß er sprechen wollte. Falk lud aufs Geratewohl seine Flinte mit Aristoteles und feuerte ab.
»Was meinen Sie mit adäquat, Herr Assessor? Ich kann mich nicht erinnern, daß Aristoteles dies Wort in seiner Metaphysik anwendet.«
Es wurde ganz still in dem Raum, und man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen der Künstlerkolonie Lill-Jans und dem Gustavianum bevorstand. Die Pause wurde länger als wünschenswert war, denn Ygberg kannte Aristoteles nicht und wäre lieber gestorben, als daß er das zugegeben hätte. Da er nicht schlagfertig war, entdeckte er die Bresche nicht, die Falk offen gelassen hatte; Olle aber sah sie, und er fing den abgeschossenen Aristoteles ab, faßte ihn mit beiden Händen und schleuderte ihn auf den Gegner zurück.
»Wenn ich auch kein Gelehrter bin, möchte ich mir doch die Frage erlauben, ob der Herr Assessor wirklich die Argumente seines Gegners über den Haufen geworfen hat. Ich glaube, man kann adäquat als Bestimmung in einer logischen Schlußfolgerung setzen und als solche gelten lassen, obwohl Aristoteles das Wort in seiner Metaphysik nicht erwähnt. Habe ich recht, meine Herren? Ich weiß es nicht! Ich bin ein ungelehrter Mann, und der Herr Assessor hat diese Dinge studiert.«
Er hatte mit halbgeöffneten Augenlidern gesprochen; jetzt schlug er sie ganz nieder und sah unverschämt bescheiden aus.
»Olle hat recht,« ertönte es von allen Seiten.
Falk fühlte, daß man hier mit harten Fäusten zufassen mußte, wenn die Ehre Upsalas gerettet werden sollte; er schlug eine Volte mit dem philosophischen Kartenspiel und warf ein As hin.
»Herr Montanus hat den Vordersatz verneint oder ganz einfach gesagt: +nego majorem+! Gut! Ich erkläre wiederum, daß er sich eines +posterius prius+ schuldig gemacht hat; er hat, als er einen Hörnerschluß machen mußte, sich verirrt und hat einen Syllogismus nach +ferioque+ statt +barbara+ gemacht; er hat die goldene Regel vergessen: +Caesare Camestres festino barocco secundo+; infolgedessen ist seine Schlußfolgerung limitativ! Habe ich nicht recht, meine Herren?«
»Sehr recht, sehr recht,« antworteten alle, außer den beiden Philosophen, die nie eine Logik in der Hand gehabt hatten.
Ygberg sah aus, als habe er auf einen Nagel gebissen, und Olle grinste, als sei ihm Schnupftabak in die Augen gekommen; aber da er ein schlauer Kerl war, wurde ihm die taktische Methode seines Gegners sofort klar. Er faßte also rasch den Entschluß, nicht auf die Frage zu antworten, sondern von etwas anderem zu sprechen. Er kramte deshalb alles, was er gelernt, und alles, was er gehört hatte, aus dem Gedächtnis hervor und begann mit dem Referat über Fichtes Wissenschaftslehre, das Falk vorhin durch den Zaun gehört hatte; dies zog sich bis gegen Mittag hin.
Unterdes stand Lundell und malte und schnarchte mit seiner sauren Holzpfeife. Das Modell war auf dem zerbrochenen Stuhl eingeschlafen; der Kopf sank tiefer und immer tiefer, bis er gegen zwölf Uhr zwischen den Knien hing, so daß ein Mathematiker hätte ausrechnen können, wann er den Mittelpunkt der Erde erreichen würde.
Sellén saß am offnen Fenster und genoß die Situation, und der arme Falk, der davon geträumt hatte, daß die entsetzliche Philosophie zu Ende gehen werde, mußte ganze Fäuste voll philosophischem Schnupftabak nehmen und ihn seinen Feinden in die Augen werfen. Die Qual hätte kein Ende genommen, wenn nicht der Schwerpunkt des Modells sich ganz allmählich auf eine der empfindlichsten Seiten des Stuhls verlegt hätte, so daß dieser mit einem Krach zusammenbrach und der Baron auf die Erde fiel, was Lundell Gelegenheit bot, über das Laster der Trunksucht und seine bedauerlichen Folgen für den Menschen selbst und für andere -- damit meinte er sich selber -- zu schimpfen.
Falk, der dem verstörten Jüngling aus seiner Verlegenheit helfen wollte, brachte in aller Eile eine Frage aufs Tapet, die von ganz allgemeinem Interesse sein mußte.
»Wo wollen die Herren heute zu Mittag essen?«
Es wurde so still, daß man die Fliegen summen hörte; Falk wußte nicht, daß er auf fünf Hühneraugen zugleich getreten hatte. Lundell brach das Schweigen zuerst. Er und Rehnhjelm wollten im »Kochkessel« essen, wo sie zu essen pflegten, weil sie dort Kredit hatten; Sellén wollte nicht dort essen, weil er mit dem Essen nicht zufrieden war, und hatte sich noch für kein Lokal entschieden; bei dieser Unwahrheit warf er einen fragenden, ängstlichen Blick auf das Modell. Ygberg und Montanus hatten »viel zu tun«, so daß sie »sich ihren Tag nicht zerreißen wollten«, indem »sie sich anzögen und in die Stadt gingen«; sie wollten sich hier draußen etwas beschaffen; was das war, sagten sie nicht.
Darauf begann die Toilette, die in der Hauptsache im Waschen an dem alten Brunnen im Garten bestand. Sellén, der doch ein Stutzer war, hatte unter der Schlafbank ein Zeitungspapierpäckchen versteckt, aus dem er Kragen, Manschetten und Chemisette, alles aus Papier, hervorholte; dann verbrachte er eine lange Zeit kniend vor der Brunnenöffnung, um sich zu spiegeln, während er ein braungrünes Atlasband umband, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte, und sein Haar auf besondere Art frisierte; nachdem er dann die Schuhe mit einem Klettenblatt abgerieben, den Hut mit dem Rockärmel abgebürstet, eine Traubenhyazinthe ins Knopfloch gesteckt und seinen Spazierstock herausgeholt hatte, war er fertig. Auf seine Frage, ob Rehnhjelm bald kommen werde, antwortete Lundell, er habe vorläufig noch keine Zeit, er müsse ihm zeichnen helfen, und Lundell pflegte immer zwischen zwölf und zwei zu zeichnen. Rehnhjelm war gefügig und gehorchte, so schwer es ihm auch fiel, sich von seinem Freunde Sellén zu trennen, den er liebte, während er gegen Lundell einen ausgesprochenen Abscheu empfand.
»Wir treffen uns auf jeden Fall heute abend im Roten Zimmer?« warf Sellén tröstend hin, und darin waren alle einig, sogar die Philosophen und der moralische Lundell.
Auf dem Wege nach der Stadt weihte Sellén seinen Freund Falk in allerlei Geheimnisse in bezug auf die Ansiedler von Lill-Jans ein; er erzählte, er selbst habe mit der Akademie gebrochen, weil seine Auffassung von Kunst eine so ganz andere sei; er wisse, daß er Talent habe und einmal Erfolg haben werde, wenn es auch lange dauern könne, obwohl es unendlich schwer sei, sich einen Namen zu machen, ohne die königliche Medaille bekommen zu haben. Auch natürliche Hindernisse stellten sich ihm in den Weg; er sei an der waldlosen Küste der Provinz Halland geboren und habe das Große und Einfache in der Natur dieser Gegend lieben gelernt; Publikum und Kritik dagegen bevorzugten augenblicklich Einzelheiten, Finessen, deshalb verkaufe er nichts; er könne wohl wie die andern malen, aber das wolle er nicht.
Lundell dagegen sei ein praktischer Mann -- Sellén sprach das Wort praktisch immer mit einer gewissen Verachtung aus. -- Er male nach Wunsch und Geschmack der Menge. Er leide nie an Indisposition; er sei freilich auch von der Akademie fortgegangen, aber aus geheimen, praktischen Gründen, und er habe nicht ganz mit ihr gebrochen, obwohl er das überall erzähle. Er schlage sich ganz gut durch, mit Zeichnungen für illustrierte Zeitschriften, und werde sicher eines Tages Erfolg haben, ungeachtet seines unbedeutenden Talents, dank irgendwelchen Beziehungen und besonders Intrigen, die er von Montanus lernte, denn dieser habe bereits einige Pläne entworfen, die von Lundell mit Erfolg verwirklicht worden seien -- Montanus aber sei das Genie, allerdings entsetzlich unpraktisch.
Rehnhjelm sei der Sohn eines ehemals reichen Mannes oben in Norrland. Der Vater habe ein großes Gut besessen, das ihm aber schließlich verloren gegangen und in die Hände des Verwalters gekommen sei. Jetzt sei der alte Edelmann ziemlich arm und hege den Wunsch, der Sohn möge aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und, als Verwalter, der Familie wieder ein Gut verschaffen; deshalb besuche dieser jetzt die Handelsschule, um landwirtschaftliche Buchführung zu lernen, was er verabscheue. Er sei ein netter Junge, aber etwas schwach, und lasse sich von dem schlauen Lundell leiten, der es nicht verschmähe, das Honorar für seine Morallehren und seine Protektion in natura zu nehmen.
Unterdes hatten Lundell und der Baron sich an die Arbeit gemacht, und zwar in der Weise, daß der Baron zeichnete, während der Meister auf der Ofenbank lag und die Arbeit überwachte, das heißt rauchte.
»Wenn du jetzt fleißig bist, so kannst du mit mir kommen und im ›Zinnknopf‹ zu Mittag essen,« verhieß Lundell, der sich mit den beiden Reichstalern, die er aus dem Ruin gerettet hatte, reich vorkam.
Ygberg und Olle hatten sich auf die Waldhöhe begeben, um über Mittag zu schlafen. Olle strahlte nach seinen Siegen, Ygberg aber war verstimmt; er war von seinem Schüler übertroffen worden. Außerdem hatte er kalte Füße bekommen und war ungewöhnlich hungrig, denn das eifrige Gespräch über Essen hatte schlummernde Gefühle geweckt, die sich ein ganzes Jahr lang nicht Luft gemacht hatten. Sie legten sich unter eine Tanne; Ygberg barg das kostbare Buch, das er Olle nie leihen wollte, gut in Papier gewickelt, unter seinem Kopf und streckte sich in seiner vollen Länge aus. Er war blaß wie eine Leiche, kalt und ruhig wie eine Leiche, die die Hoffnung auf Auferstehung aufgegeben hat. Er sah, wie die Vögelchen über seinem Kopf den Tannensamen pickten und die Schalen auf ihn niederfallen ließen, er sah eine strotzende Kuh zwischen den Erlen weiden und sah den Rauch aus dem Küchenschornstein des Gärtners aufsteigen.
»Bist du hungrig, Olle?« fragte er mit matter Stimme.
»Nein,« sagte Olle und warf hungrige Blicke auf das wunderbare Buch.
»Wer doch eine Kuh wäre!« seufzte Ygberg, faltete die Hände über der Brust und überantwortete seine Seele dem allerbarmenden Schlaf.
Als seine schwachen Atemzüge einigermaßen regelmäßig geworden waren, holte der wachende Freund vorsichtig und ganz leise, damit der Schläfer nicht gestört werden sollte, das Buch hervor, warf sich dann auf den Bauch und begann den kostbaren Inhalt zu verschlingen, worüber er sowohl den »Zinnknopf« wie den »Kochkessel« vergaß.
Viertes Kapitel
Herren und Hunde
Es waren einige Tage vergangen. Karl Nikolaus Falks zweiundzwanzigjährige Frau hatte eben ihren Kaffee im Bett getrunken, dem kolossalen Mahagonibett in dem riesigen Schlafzimmer. Es war erst zehn Uhr. Ihr Mann war schon seit sieben Uhr früh fort und nahm unten an der Brücke Flachs auf. Es geschah jedoch durchaus nicht in dem Glauben, er werde nicht so bald nach Hause kommen, daß die junge Frau sich die Freiheit nahm, so lange im Bett zu liegen, obwohl es im übrigen gegen Sitten und Gewohnheiten des Hauses verstieß. Es schien ihr eher ein Vergnügen zu bereiten, mit allen eingewurzelten Sitten und Gewohnheiten des Hauses zu brechen. Sie war erst seit zwei Jahren verheiratet, hatte aber genügend Zeit gehabt, durchgreifende Reformen in dem alten, konservativen Bürgerhause einzuführen, wo alles alt war, sogar die Dienstboten. Die Macht dazu hatte sie bekommen, als ihr Mann ihr seine Liebe erklärt und sie ihm gnädig ihr Jawort gegeben, das heißt sich in Gnaden von einem verhaßten Elternhause befreit hatte, in dem sie um sechs Uhr hatte aufstehen müssen, um den ganzen Tag zu arbeiten. Sie hatte ihre Brautzeit gut ausgenutzt; sie hatte nämlich während dieser Zeit alle Garantien dafür gesammelt, für ihre Person ein freies, unabhängiges Leben führen zu dürfen, ohne Einmischung vonseiten des Mannes. Diese Garantien bestanden freilich nur in Versprechungen, die ein liebeskranker Mann gegeben hatte; sie aber, die bei klarer Besinnung blieb, nahm sie entgegen und schrieb sie sich ins Gedächtnis. Der Mann jedoch zeigte jetzt nach zweijähriger, kinderloser Ehe die Neigung, all diese Verpflichtungen -- daß die Frau so lange schlafen dürfe, wie sie wolle, daß sie im Bett Kaffee trinken könne usw. -- zu vergessen. Er war sogar unzart genug gewesen, sie daran zu erinnern, daß er sie aus dem Schlamm gezogen, daß er sie aus einer Hölle befreit und sich selbst dabei aufgeopfert habe, denn er sei eine Mesalliance eingegangen -- ihr Vater war Flaggschiffer bei der Marine. Über die Antwort auf diese und ähnliche Beschuldigungen dachte sie jetzt nach, und da ihr guter Verstand während ihrer Bekanntschaft nie von irgendeinem Gefühlsrausch umnebelt gewesen war, hatte sie ihn völlig in der Gewalt -- und sie wußte ihn zu gebrauchen. Deshalb hörte sie mit ungemischter Freude die Symptome der Heimkehr ihres Mannes zum Frühstück. Die Türen zum Eßzimmer wurden nämlich ins Schloß geworfen, während gleichzeitig ein furchtbares Brüllen hörbar wurde, wobei die Frau den Kopf unter die Decke steckte, um ihr Lachen zu verbergen. Schritte ertönten auf dem Teppich im Nebenzimmer, und in der Schlafzimmertür erschien der erzürnte Mann mit dem Hut auf dem Kopf. Die Frau wandte ihm den Rücken und lockte mit ihrer zärtlichsten Stimme:
»Kommt da mein kleiner Dickwanst? Komm nur herein, komm nur herein!«
Der kleine Dickwanst -- das war sein Kosename, und die Herrschaften hatten noch originellere -- hatte keine Lust hereinzukommen, sondern blieb in der Tür stehen und schrie:
»Warum ist das Frühstück nicht aufgetragen? He?«
»Frage die Mädchen, ich habe das Tischdecken nicht übernommen. Und nimm bitte den Hut ab, wenn du hereinkommst, mein Herr!«
»Was hast du denn mit meiner Mütze gemacht?«
»Die habe ich verbrannt. Sie war so fettig, daß du dich schämen solltest.«
»Hast du verbrannt! Nun, darüber wollen wir nachher reden! Warum liegst du noch spät am Vormittag im Bett, statt auf die Mädchen zu passen?«
»Weil es mir Spaß macht!«
»Denkst du, ich habe eine Frau geheiratet, die sich nicht um ihren Haushalt kümmert? He?«
»Ja, das hast du! Und warum meinst du, habe ich dich geheiratet? Das habe ich dir schon tausendmal gesagt, -- weil ich die Arbeit loswerden wollte, und das hast du mir versprochen. Hast du mir das nicht versprochen? Kannst du dein Ehrenwort geben, daß du es mir nicht versprochen hast? Da siehst du, was für ein Mann du bist! Genau wie alle andern!«
»Ja, das war damals!«
»Damals! Wann war es? Sind nicht Versprechungen immer bindend? Müssen sie etwa zu einer bestimmten Jahreszeit gegeben werden?«
Der Mann kannte diese unerschütterliche Logik zu genau, und die gute Laune seiner Frau tat die gleiche Wirkung wie sonst Tränen in solchen Fällen, -- er ergab sich.
»Ich bekomme Besuch heute abend,« erklärte er.
»Ach, bekommst du Herrenbesuch?«
»Natürlich! Weiber kann ich nicht vertragen.«
»Nun, da hast du wohl schon deine Einkäufe gemacht?«
»Nein, das sollst du tun.«
»Ich! Nein, ich habe kein Geld für Besuch! Ich denke gar nicht dran, mein Wirtschaftsgeld für Extrabewirtungen auszugeben.«
»Nein, das verbrauchst du für deine Toilette und andere unnötige Sachen.«
»Nennst du das unnötige Sachen, die ich für dich arbeite? Ist ein Hauskäppchen etwa unnötig? Sind Pantoffel etwa unnötig? Sag! Antworte doch ehrlich!«
Sie verstand ihre Fragen immer so zu formulieren, daß die Antwort für den Antwortenden vernichtend ausfallen mußte. Das war ihres Mannes eigene Methode. Er mußte also, wenn er nicht ganz zu Boden geschmettert werden wollte, unaufhörlich neue Themen aufnehmen.
»Ich habe wirklich Veranlassung,« sagte er mit einer gewissen Rührung, »heute abend Gäste einzuladen: mein alter Freund Fritz Levin von der Post ist nach neunzehnjähriger Dienstzeit jetzt fest angestellt worden -- es hat gestern in der Postzeitung gestanden. Aber da es dir unangenehm zu sein scheint und du weißt, daß ich dir immer den Willen tue, so will ich weiter kein Aufhebens von der Sache machen, sondern empfange ihn und Magister Nyström nur unten im Kontor.«
»Ach, dieser Bummler Levin ist fest angestellt worden, nun das ist ja gut! Da bekommst du vielleicht auch all das Geld wieder, das er dir schuldig ist?«
»Nun ja, das denke ich doch.«
»Aber sag einmal, wie kannst du mit so einem Bummler, wie er ist, verkehren, und dann mit dem Magister; das sind ja richtige Lumpenkerle, denen kaum die Kleider auf dem Leibe gehören.«
»Hör einmal, Altchen, ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten; bekümmere du dich nicht um meine.«
»Wenn du unten Besuch hast, so wüßte ich nicht, was mich hindern sollte, hier oben auch Besuch zu haben.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Na, so komm her, kleiner Dickwanst, und gib mir etwas Geld!«
Der Dickwanst, der in jeder Hinsicht mit dem Resultat zufrieden war, kam dem Befehl mit Vergnügen nach.
»Wieviel willst du haben? Ich bin heute sehr knapp bei Kasse.«
»Ach, ich bin mit fünfzig zufrieden.«
»Bist du verrückt?«
»Verrückt! Bitte, gib mir, was ich verlange; ich brauche doch nicht zu hungern, wenn der Mann ins Wirtshaus geht und schlemmt.«
Der Friede war geschlossen, und die Parteien trennten sich unter gegenseitiger Zufriedenheit. Es blieb ihm erspart, zu Hause ein schlechtes Frühstück zu essen, er mußte außer dem Hause frühstücken; es blieb ihm erspart, da oben zu sitzen, ein bescheidenes Abendbrot einzunehmen und sich vor den Damen zu genieren, denn er war zu lange Junggeselle gewesen; und er brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Das hätte er nur haben müssen, wenn seine Frau allein zu Hause saß, -- aber sie wollte sich ja selbst Besuch einladen und ihn wohl ganz gern los sein -- und das war fünfzig Reichstaler wert.
Als der Mann gegangen war, klingelte die Frau der Haushälterin, um derentwillen sie sich heute gezwungen hatte, so lange liegen zu bleiben, weil diese erklärt hatte, hier im Hause pflege man um sieben Uhr aufzustehen. Dann ließ sie sich Papier und Bleistift bringen und schrieb folgendes Billett an Frau Revisor Homan, die gegenüber wohnte:
»Liebe Evelyn! Komm heute abend zu einer Tasse Tee zu mir, dann können wir über die Statuten des Vereins ›Frauenrechte‹ sprechen. Vielleicht wäre ein Basar oder eine Liebhaberaufführung praktisch. Ich habe wirkliches Verlangen, den Verein zustande zu bringen; es ist ein dringendes Bedürfnis, wie Du so oft sagst, und ich empfinde es sehr tief, wenn ich darüber nachdenke. Glaubst Du, daß Ihre Gnaden mir auch die Ehre erweisen würde? Ich werde vielleicht erst bei ihr Besuch machen. Hole mich bitte um zwölf ab, dann gehen wir zu Bergens und trinken Schokolade. Mein Mann ist aus.
Deine Eugenie.
+PS.+ Mein Mann ist aus.«
Darauf stand sie auf und zog sich an, um zu zwölf Uhr fertig zu sein.
* * * * *
Es war am Abend desselben Tages. Die Österlangstraße lag bereits im Dämmern, als die Uhr von der Deutschen Kirche sieben schlug; nur ein schwacher Lichtstreif von der Ferkensgasse fiel noch in Falks Flachsladen, den Andersson jetzt zumachte. Im Kontor waren die Läden schon geschlossen und das Gas angezündet. Dort war ausgefegt und aufgeräumt worden; an der Tür prangten zwei Flaschenkörbe, aus denen Hälse mit rotem und gelbem Lack, mit Stanniol und sogar mit rosa Seidenpapier hervorsahen. Mitten im Zimmer stand ein weißgedeckter Tisch; darauf thronte eine ostindische Bowle und ein schwerer, vielarmiger silberner Leuchter. Und im Zimmer wanderte Karl Nikolaus Falk auf und ab. Er hatte einen schwarzen Gehrock angezogen und sah respektabel, aber auch vergnügt aus. Er hatte die Berechtigung, einen gemütlichen Abend zu beanspruchen; er hatte selbst die Kosten bestritten und alles arrangiert; er war zu Hause bei sich, ohne sich vor Damen genieren zu müssen, und seine Gäste waren von der Sorte, daß er ein Recht hatte, nicht allein Aufmerksamkeit und Artigkeit, sondern noch etwas mehr zu verlangen. Es waren freilich nur zwei Personen, aber er war nicht für viele Leute; dies waren seine Freunde, zuverlässig, treu wie Hunde, unterwürfig, angenehm, immer mit Schmeicheleien vollgepfropft und nie auf Widerspruch erpicht. Er hätte sich für sein Geld wohl besseren Verkehr schaffen können, und er hatte ihn auch zweimal im Jahr, wenn die alten Freunde seines Vaters eingeladen wurden; aber er war offen gesagt zu sehr Despot, um sich in ihrer Mitte wohl zu fühlen.
Jetzt war es drei Minuten nach sieben, und die Gäste hatten sich noch nicht eingefunden. Falk begann ungeduldig zu werden. Er war, wenn er seine Leute requirierte, gewohnt, daß sie auf die Minute zur Stelle waren. Der Gedanke an das ungewöhnlich blendende Arrangement und seinen lähmenden Eindruck hielt seine Geduld aber noch die eine Minute aufrecht, die verging, bevor der Postbeamte Fritz Levin eintrat.
»Guten Abend, mein lieber Bruder, -- nein!« -- Hier hielt er im Ausziehen des Überrocks inne, nahm die Brille ab und heuchelte Überraschung über die großartigen Zurüstungen, als wolle er vor lauter Verwunderung auf den Rücken fallen. Der siebenarmige Leuchter und das Tabernakel. »Mein Gott! Mein Gott!« rief er, als er die Flaschenkörbe bemerkte.
Der unter dem Vorbringen dieser gut einstudierten Artigkeiten den Überzieher auszog, war ein Mann mittleren Alters von dem vor zwanzig Jahren modernen Typ der königlichen Beamten, mit zusammenhängendem Schnurr- und Backenbart, das Haar schräg gescheitelt, mit +coup-de-vent+. Er war bleich wie eine Leiche, dünn wie ein Bindfaden, elegant gekleidet, sah aber aus, als friere er an allen Gliedern und stehe heimlich mit der Armut in innigem Verkehr.
Falk hieß ihn in roher und überlegener Art willkommen, die einesteils andeutete, daß er Schmeicheleien verachte, besonders von dieser Seite, andernteils, daß der Eintretende das Vertrauen genoß, sein Freund zu sein. Als geeigneten Glückwunsch zur Anstellung sah er eine Anspielung auf die Bestallung seines Vaters zum Hauptmann der Bürgerwehr an.
»Nun, es ist wohl ein schönes Gefühl, sein königliches Diplom in der Tasche zu haben? Was? Mein Vater hatte auch ein königliches Diplom ...«
»Verzeih, lieber Bruder, ich habe nur ein konstitutoriales.«
»Ach, konsistoriales oder königliches Diplom ist ganz dasselbe; willst du mich belehren! Mein Vater hat das königliche Diplom auch gehabt ...«
»Ich versichere dir, Bruder ...«
»Versichere! Was meinst du mit versichern? Denkst du, ich bin ein Lügner? Sag! Denkst du wirklich, ich lüge?«
»Nein, durchaus nicht, du mußt nicht gleich so hitzig werden!«
»Du gibst also zu, daß ich nicht lüge, also hast du doch das königliche Diplom. Was stehst du denn da und redest Unsinn! Mein Vater ...«
Der bleiche Mann, der schon beim Betreten des Kontors eine Schar Furien hinter sich zu haben schien, denn er zitterte an allen Gliedern, stürzte jetzt auf seinen Wohltäter zu, fest entschlossen, kurzen Prozeß zu machen, bevor das Fest begann, damit man nachher Ruhe hatte.
»Hilf mir!« stöhnte er wie ein Ertrinkender und holte einen Revers aus der Brusttasche.
Falk setzte sich auf das Sofa, rief Andersson, befahl ihm, die Flaschen aufzuziehen, und begann die Bowle zu brauen. Darauf antwortete er dem Blassen:
»Helfen? Habe ich dir nicht geholfen? Hast du mich nicht wiederholt angepumpt, ohne je etwas zurückzuzahlen? He? Nun, habe ich dir nicht geholfen? Was meinst du?«
»Mein lieber Bruder, ich weiß schon, daß du immer gut zu mir gewesen bist.«
»Nun, bist du jetzt nicht fest angestellt? Ja! Nun also! Dann sollte doch alles gut werden! Dann wolltest du alle Schulden bezahlen, und es sollte ein neues Leben anfangen. Das habe ich seit achtzehn Jahren gehört. Nun, wieviel Gehalt bekommst du jetzt?«
»Zwölfhundert Reichstaler, gegen achthundert früher. Aber höre nur zu. Das Diplom kostet einhundertfünfundzwanzig, für die Pensionskasse muß ich fünfzig bezahlen, Summa hundertfünfundsiebzig; wo soll ich die hernehmen? Doch nun kommt das Schlimmste: meine Gläubiger haben mein halbes Gehalt mit Beschlag belegt, so daß ich jetzt nur noch sechshundert Reichstaler zum Leben habe, gegen früher achthundert, und darauf habe ich nun neunzehn Jahre lang gewartet! Es ist wirklich eine Freude, fest angestellt zu werden.«
»Ja, aber warum hast du Schulden gemacht? Man muß keine Schulden machen, -- niemals -- Schulden -- machen!«
»Wenn man viele Jahre lang nur hundert Reichstaler Gratifikation bekommt!«
»Dann hat man da nichts zu suchen. Aber das sind Dinge, die mich nichts angehen! Mich -- nichts -- angehen!«
»Willst du nicht dies eine Mal unterschreiben?«
»Du kennst meine Prinzipien in diesem Falle, ich unterschreibe nie. Höre jetzt auf davon!«
Levin schien an abschlägigen Bescheid in diesem Punkte gewöhnt zu sein und beruhigte sich. Im selben Augenblick kam auch Magister Nyström und unterbrach in höchst erwünschter Weise die Unterhaltung. Er war ein dürrer Herr von geheimnisvollem Aussehen und geheimnisvollem Alter; auch seine Beschäftigung war geheimnisvoll -- er sollte Lehrer an irgendeiner Schule im Süden der Stadt sein, aber in welcher, danach fragte niemand, und er selbst legte keinen Wert darauf, darüber zu sprechen. Seine Mission in Falks Gesellschaft war erstens die, Magister tituliert zu werden, wenn jemand es hörte, zweitens unterwürfig und höflich zu sein, drittens dann und wann zu kommen und einen Pumpversuch zu machen, höchstens fünf Kronen -- denn es gehörte zu Falks geistigen Bedürfnissen, daß Leute zu ihm kamen, um Geld von ihm zu borgen, kleinere Beträge natürlich --, und viertens bei festlichen Gelegenheiten Verse zu machen, und das war nicht der unwichtigste Teil seiner Mission.
Jetzt saß Karl Nikolaus Falk da, selber mitten auf dem Ledersofa, denn man sollte nicht vergessen, daß es sein Sofa war, -- umgeben von seinem Generalstab oder seinen Hunden, wie man auch sagen konnte. Levin fand alles wundervoll, die Bowle, die Gläser, die Kelle, die Zigarren (die ganze Kiste vom Kaminsims war hingestellt worden), die Streichhölzer, den Aschbecher, die Flaschen, die Korke, die Eisendrähte, -- alles. Der Magister sah zufrieden aus und brauchte nicht zu sprechen, denn das besorgten die andern; er brauchte nur anwesend zu sein, um im Bedarfsfall als Zeuge zu dienen.
Falk hob das erste Glas und trank, -- auf wen, das erfuhr niemand, der Magister aber nahm an, es gelte dem Helden des Tages, holte deshalb gleich seine Verse heraus und begann die »Fritz Levin bei seiner Anstellung« gewidmeten Strophen zu lesen.
Falk wurde dabei von einem heftigen Husten befallen, der die Vorlesung störte und die Wirkung der witzigsten Pointen auslöschte; Nyström aber, der ein kluger Mann war, hatte das vorausgesehen und deshalb die ebenso schön gedachte wie gesagte Wahrheit eingeflochten: »Was hätte wohl Fritz Levin gemacht, wenn Karl Nikolaus Falk nicht seiner gedacht?« Die feine Anspielung auf die vielen Darlehen, die von Falk seinem Freunde bewilligt worden waren, hatte zur Folge, daß der Husten nachließ und man die Schlußstrophe besser hören konnte, die unhöflicherweise wieder Levin gewidmet war, ein Mißgriff, der von neuem die Harmonie zu stören drohte. Falk goß sein Glas hinunter, als leere er einen bis an den Rand mit Undank gefüllten Kelch.
»Du bist heute abend nicht so amüsant wie sonst, Nyström,« antwortete er.
»Nein, an deinem achtunddreißigsten Geburtstag war er viel amüsanter,« half Levin nach, der wußte, worauf es hinausging.
Falk durchforschte mit einem Blick die geheimsten Winkel seiner Seele, um zu sehen, ob sich irgendein Falsch dort verbarg -- und da er zu stolz war, so etwas zu sehen, sah er nichts. Er vollendete also:
»Ja, das will ich meinen! Das war das Amüsanteste, was ich je gehört habe; es war so witzig, daß man es hätte drucken lassen können; du solltest deine Sachen drucken lassen. Hör einmal, Nyström, du kannst es bestimmt noch auswendig, nicht wahr?«
Nyström hatte ein so schlechtes Gedächtnis, oder, um die Wahrheit zu sagen, er fand, sie hätten noch zu wenig getrunken, um dem Schamgefühl und dem guten Geschmack so gröblich Gewalt anzutun; er bat also um Aufschub; Falk aber, den die stille Opposition reizte und der schon zu weit gegangen war, um umkehren zu können, bestand auf seinem Kopf. Er glaube sogar, er habe eine Abschrift der Verse bei sich; er suchte in seiner Brieftasche, und wahrhaftig, da lagen sie! Die Bescheidenheit hätte ihm nicht verboten, sie selbst vorzulesen, denn das hatte er schon oft getan; aber es klang besser, wenn ein anderer es tat. Und der arme Hund biß in seine Kette, aber sie hielt. Dieser Magister war eine feinfühlige Natur, doch er mußte roh sein, um das kostbare Geschenk des Lebens weiter verwalten zu können, und er war gehörig roh gewesen. Die intimsten Verhältnisse des Lebens waren bloßgelegt: alles was mit der Geburt des Achtunddreißigjährigen, mit seiner Aufnahme in die menschliche Gesellschaft, seiner Erziehung und Pflege in Verbindung stand und was den Gefeierten selbst angeekelt hätte, wenn es sich um einen anderen als ihn selbst gehandelt hätte. Jetzt aber war es ausgezeichnet, weil es sich mit seiner Person beschäftigte. Nach beendeter Vorlesung wurde unter lautem Jubel auf Falks Wohl getrunken, und man leerte viele Gläser darauf, denn man hatte das Gefühl, zu nüchtern zu sein, um seine wirklichen Gefühle im Zaum halten zu können.
Darauf wurde der Tisch abgeräumt, und nun wurde ein köstliches Mahl aufgetragen, mit Austern und Geflügel und allen möglichen guten Dingen. Falk ging umher und beroch die Schüsseln, schickte diese und jene zurück, sah nach, ob der englische Porter verschlagen und die Weine je nach ihrer Art temperiert seien. Jetzt sollten seine Hunde ihren Dienst antreten und ihm ein angenehmes Schauspiel bereiten. Als alles fertig war, zog er seine goldene Uhr und behielt sie in der Hand, während er die folgende scherzende Frage hinwarf, an die die Antwortenden so gewöhnt, so sehr gewöhnt waren:
»Wieviel ist die silberne Uhr der Herren?«
Diese gaben pflichtschuldig und unter angemessenem Lachen die verlangte Antwort: ihre Uhren seien beim Uhrmacher. Das versetzte Falk in brillante Laune, die sich in der durchaus nicht unerwarteten Bemerkung Luft machte:
»Die Fütterung der Tiere findet um acht statt!« -- Worauf er sich setzte, drei Schnäpse einschenkte, selber einen nahm und die anderen aufforderte, ein gleiches zu tun.
»Ich fange an, wenn ihr nicht wollt. Hier werden keine Umstände gemacht. Haut nur ein, Jungens!«
Und nun begann die Fütterung. Karl Nikolaus, der nicht besonders hungrig war, hatte genügend Zeit, sich an dem Appetit der anderen zu weiden, und er forderte sie durch Püffe und Stöße und Grobheiten auf, zu essen. Ein grenzenlos wohlwollendes Lächeln breitete sich über sein blondes Sonnenschein-Gesicht, als er ihren Eifer sah, und es war schwer festzustellen, was ihn am meisten ergötzte: daß sie so fleißig aßen oder daß sie so hungrig waren. Er saß da wie ein Kutscher und trieb sie durch Schnalzen und Knallen an.
»Iß nur, Nyström; du weißt nicht, wann du wieder was kriegst. Nimm dir, Postrat -- du siehst aus, als könntest du Fleisch auf den Knochen brauchen. Grinst du über die Austern -- taugen die etwa nicht für so einen Kerl? -- He? Nimm dir noch eine! Nimm doch! Du kannst nicht? Was ist das für ein Geschwätz! So! Jetzt trinken wir einen Schluck! Trinkt Bier, Jungens! Du mußt mehr Lachs nehmen! Zum Teufel, nimm doch noch ein Stück Lachs! Iß doch, zum Teufel! Das kostet alles gleich viel!«
Als das Geflügel zerlegt war, füllte Karl Nikolaus mit einer gewissen Feierlichkeit die Rotweingläser, und die Gäste, die eine Rede befürchteten, machten eine Pause. Der Wirt hob sein Glas, roch daran und sprach mit tiefem Ernst den folgenden Willkommensgruß:
»Prost, Schweine!«
Nyström beantwortete den Toast dankbar, indem er sein Glas hob und trank, Levin aber ließ das seine stehen und machte ein Gesicht, als schleife er ein Messer in der Tasche.
Als das Abendessen seinem Ende zuging und Levin sich von Speise und Trank gestärkt fühlte und der Weindunst ihm zu Kopf stieg, überkam ihn ein gewisses gefährliches Gefühl von Unabhängigkeit, und ein starker Freiheitstrieb erwachte in ihm. Seine Stimme wurde klangvoller, seine Worte sprach er mit mehr Sicherheit aus, und er bewegte sich unbefangen.
»Gib mir eine Zigarre,« befahl er, »eine gute Zigarre! Kein so schlechtes Kraut!«
Karl Nikolaus, der dies für einen gelungenen Scherz hielt, gehorchte.
»Ich sehe deinen Bruder heute abend nicht hier,« sagte Levin noncholant.
Es lag etwas Unheilverkündendes und Drohendes in seiner Stimme, und das empfand Falk, denn er wurde mißmutig.
»Nein!« antwortete er kurz, aber unsicher.
Levin zögerte, bevor er zum nächsten Schlage ausholte. Es gehörte zu seinen einträglichsten Beschäftigungen, sich in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, wie man es nennt; er trug Klatsch von einer Familie zur anderen, säte hier ein Korn Zwietracht und da eins, um dann die dankbare Rolle des Vermittlers zu übernehmen. Hierdurch verschaffte er sich einen gefürchteten Einfluß und konnte, wenn er wollte, die Menschen wie Puppen tanzen lassen. Falk empfand diesen unangenehmen Einfluß auch und wollte sich ihm entziehen, vermochte es aber nicht, denn Levin verstand durch Kunstgriffe seine Neugier sehr geschickt zu reizen; und indem er mehr andeutete als er selbst überhaupt wußte, entlockte er den Leuten ihre Geheimnisse.
Jetzt hatte also Levin die Peitsche in der Hand, und er schwor sich, sie seinen Unterdrücker fühlen zu lassen. Einstweilen knallte er nur in der Luft, aber Falk war auf Hiebe gefaßt. Er versuchte das Thema zu wechseln. Er forderte zum Trinken auf, und es wurde getrunken. Levin wurde immer weißer und kälter, aber sein Rausch wuchs! Er spielte mit seinem Opfer.
»Deine Frau hat Besuch heute abend,« sagte er gleichgültig.
»Woher weißt du das?« fragte Falk bestürzt.
»Ich weiß alles,« antwortete Levin und zeigte die Zähne. Er wußte wirklich beinahe alles. Seine ausgedehnten Geschäftsverbindungen nötigten ihn, so viele öffentliche Lokale wie möglich zu besuchen, und dort bekam er viel zu hören, sowohl was in seiner Gesellschaft wie in fremder erzählt wurde.
Falk bekam tatsächlich Angst, er wußte nicht warum, und er fand es geraten, die drohende Gefahr abzuwenden. Er wurde höflich und sogar demütig, Levin dagegen immer kühner. Schließlich blieb dem Wirt nur übrig, eine Rede zu halten, wirklich an die Veranlassung dieses Gelages mit den Massen von Speisen und Weinen zu erinnern, mit einem Wort, dem Helden des Tags eine Anerkennung zu spenden. Es gab keinen anderen Ausweg; -- er war allerdings kein Redner, aber es mußte nun einmal sein! Er klopfte an die Bowle, füllte das Glas, erinnerte sich einer alten Rede, die sein Vater auf ihn gehalten hatte, als er Geschäftsinhaber geworden war, stand auf und begann sehr langsam:
»Meine Herren! Ich bin jetzt seit acht Jahren Inhaber des Geschäftes; damals war ich erst dreißig Jahre alt.«
Die Veränderung der Lage vom Sitzen zum Stehen rief einen heftigen Blutandrang nach dem Kopf hervor, so daß er sich verwirrt fühlte, wozu auch Levins höhnische Blicke beitrugen. Er geriet so in Verwirrung, daß die Zahl dreißig ihm ungeheuer groß vorkam und er ganz bestürzt darüber wurde.
»Habe ich dreißig gesagt? Das -- habe ich nicht gemeint! Jedenfalls hatte ich damals bei meinem Vater viele Jahre konditioniert, wie viele Jahre kann ich mich jetzt nicht genau erinnern. Mja -- es würde zu weit führen, alles aufzuzählen, was ich in diesen Jahren durchgemacht und erfahren habe, denn das ist des Menschen Schicksal! Ihr findet vielleicht, daß ich egoistisch bin ...«
»Hört!« stöhnte Nyström, der sein müdes Haupt auf den Tisch gelegt hatte.
Levin stieß den Rauch gegen den Redner aus, als speie er ihn an.
Falk, der jetzt betrunken war, fuhr fort, während seine Blicke ein fernes Ziel suchten, das er nicht fassen konnte:
»Der Mensch ist egoistisch, das wissen wir alle. Mja! Mein Vater, der eine Rede auf mich hielt, als ich Geschäftsinhaber wurde, wie ich vorhin sagte --«
Hier holte der Redner seine goldene Uhr heraus und löste sie von der Kette. -- Die beiden Zuhörer rissen die Augen auf. Wollte er Levin eine Ehrengabe überreichen?
»Überreichte mir bei diesem Anlaß diese goldene Uhr, die er von seinem Vater bekommen hatte, im Jahre --«
Wieder diese furchtbaren Zahlen, und er schrak zurück.
»Diese goldene Uhr, meine Herren, habe ich bekommen, und nie denke ich ohne Rührung -- an den Augenblick, da ich sie bekam. Sie finden vielleicht, daß ich egoistisch bin, meine Herren? Das bin ich nicht. Es ist allerdings nicht schön, über sich selbst zu sprechen, aber bei einer solchen Gelegenheit liegt es nahe, daß man zurückschaut -- über das Vergangene. Ich will nur von einem einzigen kleinen Umstand erzählen.«
Er hatte Levin vergessen, hatte die Bedeutung des Tages vergessen und dachte, es sei sein Junggesellenschmaus. Jetzt aber schwebte ihm die Szene mit dem Bruder am Morgen und sein Triumph vor. Er fühlte ein unklares Bedürfnis, von diesem Triumph zu sprechen, konnte sich aber auf keine weiteren Einzelheiten besinnen, als daß er ihm bewiesen hatte, er sei ein Schuft; die ganze Beweiskette war seinem Gedächtnis entfallen, und es waren nur zwei Tatsachen übriggeblieben. Bruder und Schuft; er versuchte sie zu verknüpfen, aber sie wollten sich nicht vereinigen. -- Sein Hirn arbeitete und arbeitete, und neue Bilder drängten sich heran. Er hatte das Verlangen, von einem edelmütigen Zuge seines Lebens zu sprechen, und ihm fiel ein, daß er seiner Frau am Morgen Geld gegeben hatte, daß sie schlafen konnte so lange sie wollte, und ihren Kaffee im Bett trinken durfte; aber das war für diese Gelegenheit nicht geeignet; er befand sich in einer schwierigen Lage und kam zur Besinnung aus Furcht vor dem Schweigen, das entstanden war, und den scharfen Blicken, die ihn unablässig betrachteten. Er fand sich mit der Uhr in der Hand dastehen. Mit der Uhr? Wo war sie hergekommen! Warum saßen sie hier im Dunkeln, während er stand? Ja, so war es, er hatte ihnen von der Uhr erzählt, und sie warteten auf die Fortsetzung.
»Diese Uhr, meine Herren, ist freilich keine merkwürdige Uhr. Es ist nur französisches Gold.«
Die beiden früheren Besitzer der silbernen Uhren machten große Augen. Dies war ihnen neu!
»Und ich glaube, es sind nur sieben Rubine -- es ist durchaus keine merkwürdige Uhr -- es ist eher eine schlechte Uhr!«
Er wurde aus irgendeinem geheimen Grunde, der seinem Gehirn kaum bewußt war, wütend und mußte seinem Zorn irgendwie Luft machen. Er schmetterte die Uhr auf den Tisch und schrie:
»Es ist eine verdammt schlechte Uhr, sage ich. Hört zu, wenn ich rede! Glaubst du mir nicht, Fritz? Antworte! Du sitzt da und siehst so falsch aus. Du glaubst nicht, was ich sage! Ich sehe es deinen Augen an, Fritz, du glaubst nicht, was ich sage. Ich bin ein Menschenkenner, du! Und ich kann schon noch einmal für dich Bürgschaft leisten! -- Entweder lügst du, oder ich lüge! Hör zu: soll ich dir beweisen, daß du ein Schuft bist? Mja! Hör zu, Nyström! Wenn -- ich -- ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft?«
»Natürlich bist du ein Schuft!« antwortete Nyström prompt.
»Ja! -- Mja!«
Er versuchte sich vergebens zu erinnern, daß Levin ein falsches Zeugnis oder überhaupt irgendein Zeugnis abgegeben habe, also war die Sache hinfällig. Levin war müde und fürchtete, das Opfer könne die Besinnung verlieren, so daß es nicht mehr die Kraft hätte, den zugedachten Schlag zu empfinden. Er unterbrach also den Redner mit einem Scherz in Falks eigenem Stil.
»Prost, alter Schuft!«
Dann setzte er die Peitsche in Bewegung. Er zog nämlich eine Zeitung aus der Tasche und fragte Falk in kaltem, mörderischem Ton:
»Hast du die ›Volksfahne‹ gelesen?«
Falk starrte das Skandalblatt an, schwieg aber. Das Unvermeidliche mußte kommen.
»Es steht ein amüsanter Artikel über das ›Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter‹ darin.«
Falk wurde weiß im Gesicht.
»Man sagt, dein Bruder habe ihn geschrieben.«
»Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist kein Skandalschreiber! Mein Bruder nicht, du!«
»Leider hat er doch dafür büßen müssen! Er soll aus dem Amt fortgejagt sein!«
»Das lügst du!«
»Nein, ich habe ihn übrigens heute mittag mit einem Bummler im ›Zinnknopf‹ gesehen! Es ist verflucht schade um den Jungen!«
Das war wirklich das Schlimmste, was Karl Nikolaus treffen konnte. Er war entehrt! Sein Name und der Name seines Vaters, -- alles, was die alten Bürger ausgerichtet hatten, war vergebens gewesen. Wenn einer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, seine Frau sei gestorben, -- dann wäre doch noch nicht alles verloren gewesen, auch ein Geldverlust hätte sich wieder gutmachen lassen. Wenn ihm einer erzählt hätte, feine Freunde Levin oder Nyström seien wegen Wechselfälschung verhaftet worden, so würde er ganz einfach die Bekanntschaft mit ihnen abgeleugnet haben, denn er ließ sich nie außerhalb des Hauses mit ihnen sehen. Aber die Verwandtschaft mit seinem Bruder konnte er nicht ableugnen. Er war entehrt durch seinen Bruder! Das war ein Faktum.
Levin hatte es eine gewisse Befriedigung bereitet, diese Geschichte vorzubringen; denn Falk, der seinem Bruder nie ein ermunterndes Wort gönnte, wenn dieser es hörte, pflegte dagegen seinen Freunden gegenüber mit ihm und seinen Verdiensten zu protzen.
»Mein Bruder, der Assessor! Hm! Das ist ein Kopf! Er wird es weit bringen, das sollt ihr sehen!« Es hatte Levin gereizt, ständig diese indirekten Vorwürfe zu hören, um so mehr, als Karl Nikolaus eine bestimmte, unübersteigbare Grenze zwischen Post- und Ministerialbeamten zog, wenn er sie auch nicht mit einem Wort präzisieren konnte.
Levin hatte, ohne die Hand heben zu müssen, eine blendende Rache genommen, eine so wohlfeile Rache, daß er es sich leisten zu können glaubte, edelmütig zu sein und als Tröster aufzutreten.
»Nun, du mußt es nicht so verdammt schwer nehmen! Man kann ja doch ein Mensch sein, wenn man auch Zeitungsschreiber ist, und was den Skandal betrifft, so ist er nicht so gefährlich. Wenn man keine bestimmten Persönlichkeiten angreift, ist es ja kein Skandal; im übrigen ist es sehr amüsant geschrieben, sehr witzig, und wird in der ganzen Stadt gelesen.«
Diese letzte Trostpille brachte Falk vollends in Raserei.
»Er hat meinen guten Namen gestohlen, meinen Namen! Wie kann ich es wagen, mich morgen auf der Börse sehen zu lassen. Was werden die Leute sagen!«
Mit den Leuten meinte er eigentlich seine Frau, die über das Ereignis, das die Mesalliance weniger fühlbar machte, sehr entzückt sein würde. Seine Frau würde seinesgleichen werden -- dieser Gedanke machte ihn rasend. Er wurde von einem unauslöschlichen Menschenhaß gepackt. Er hätte der Vater dieses Bastards sein mögen, dann hätte er wenigstens seine Hände waschen können, indem er sich das väterliche Prärogativ zunutze machte, einen Fluch aussprach und damit frei war; aber daß einem Bruder ein solches Recht zustand, hatte man noch nie gehört.
Vielleicht war er selbst zum Teil an seiner Schande schuld; hatte er nicht den Neigungen des Bruders bei der Berufswahl Gewalt angetan, hatte er diesen Artikel vielleicht durch die Szene am Morgen hervorgerufen oder durch die ökonomischen Schwierigkeiten, in die er den Bruder gebracht hatte? Er? Sollte er dies verschuldet haben? Nein! er hatte nie eine schlechte Handlung begangen; er war rein, er genoß Achtung und Ansehen, er war kein Skandalschreiber, er war nicht weggejagt worden; hatte er nicht ein Papier in der Tasche mit der Bestätigung, daß er der beste Freund mit dem besten Herzen sei? Hatte der Magister das nicht vorhin vorgelesen? Ja, natürlich! Er begann zu trinken -- unmäßig -- nicht um sein Gewissen zu betäuben, das hatte er nicht nötig, denn er hatte nichts Unrechtes getan, sondern um seinen Zorn zu ersticken. Aber das half nichts, der Zorn kochte über, und die in der Nähe saßen, wurden verbrüht.
»Trinkt, ihr Elenden! Da sitzt das Vieh und schläft! Das nenne ich Freunde! Weck ihn auf, Levin! Du! Du!«
»Wen schreist du so an?« fragte der gekränkte Levin in mürrischem Ton.
»Dich natürlich!«
Über den Tisch wurden Blicke gewechselt, die nichts Gutes verhießen. Falk, dessen Laune sich besserte, als er einen anderen in Wut geraten sah, nahm einen Löffel voll Bowle und goß sie dem Magister über den Kopf, daß sie ihm hinten in den Kragen lief.
»Tu das nicht noch einmal,« sagte Levin energisch und drohend.
»Wer sollte mich hindern?«
»Ich. -- Ja, ich! Ich dulde solche Schändlichkeiten nicht, daß du seine Kleider ruinierst!«
»Seine Kleider!« lachte Falk. »Seine Kleider! Ist das nicht mein Rock, hat er ihn nicht von mir bekommen?«
»Jetzt geht es zu weit,« -- sagte Levin und stand auf, um zu gehen.
»Ja, jetzt gehst du! Du bist satt, du kannst nicht mehr trinken, du brauchst mich heute abend nicht mehr; willst du mich um einen Fünfer anpumpen? Wie? Darf ich nicht die Ehre haben, dir etwas Geld zu leihen? Oder soll ich lieber unterschreiben, unterschreiben, du?«
Bei dem Wort unterschreiben spitzte Levin die Ohren. Wie, wenn er ihn in dieser erregten Stimmung überrumpeln könnte? Er wurde ganz weich bei dem Gedanken.
»Du darfst nicht ungerecht sein, lieber Bruder,« nahm er das Gespräch wieder auf. »Ich bin nicht undankbar und weiß deine Güte durchaus zu schätzen; ich bin arm, so arm, wie du nie gewesen bist und nie werden kannst; ich habe Demütigungen erduldet, die du nie für möglich halten würdest, dich aber habe ich immer als einen Freund angesehen. Wenn ich das Wort Freund sage -- meine ich es. Du hast heute abend getrunken und bist traurig, deshalb bist du ungerecht; aber ich versichere allen, daß es kein besseres Herz gibt als deins, Karl Nikolaus. Und das sage ich nicht zum erstenmal. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit heute, wenn ich nämlich die festliche Bewirtung, die uns zuteil geworden ist, und die ausgezeichneten Weine, die hier geflossen sind, auf mich beziehen darf. -- Ich danke dir, lieber Bruder, und trinke auf dein Wohl. Prost, Bruder Karl Nikolaus. Hab Dank, hab herzlichen Dank! Du sollst dies nicht umsonst getan haben! Denke daran!«
Diese mit vor Bewegung (Gemütsbewegung) zitternder Stimme gesprochenen Worte taten merkwürdigerweise ihre Wirkung. Falk kam sich gut vor; hatte man ihm nicht abermals versichert, daß er ein gutes Herz habe? Er glaubte es. Sein Rausch trat jetzt in das sentimentale Stadium. Man kam sich näher, man sprach abwechselnd über seine guten Eigenschaften, über die Bosheit der Welt, sprach darüber, wie warm man fühle und einen wie guten Willen man habe; man hielt sich an den Händen. Falk sprach von seiner Frau, wie gut er zu ihr sei; er sprach davon, wie geistlos seine Tätigkeit sei, wie tief er den Mangel an Bildung empfinde, wie verfehlt sein Leben sei; und als er seinen zehnten Likör getrunken hatte, vertraute er Levin an, er habe sich eigentlich dem geistlichen Beruf widmen, ja Missionar werden wollen. Man wurde immer geistiger und geistiger. Levin sprach von seiner verstorbenen Mutter, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von einer verschmähten Liebe und schließlich von seinen religiösen Anschauungen, über die er nicht mit jedem Beliebigen spräche; und jetzt war man bei der Religion angelangt. Die Uhr wurde eins, wurde zwei, und man hörte noch immer nicht auf, während Nyström, den Kopf und die Arme auf den Tisch gelegt, getreulich schlief. Das Kontor war von dem Tabakrauch, der das Licht der Gaslampen verdunkelte, in Dämmerung gehüllt; die sieben Kerzen des siebenarmigen Leuchters waren niedergebrannt, und der Tisch sah betrüblich aus. Ein paar Gläser hatten den Fuß verloren, Zigarrenasche war auf das beschmutzte Tischtuch verstreut, Streichhölzer lagen auf dem Fußboden umher. Durch die Öffnung in den Fensterläden drang jetzt das Tageslicht herein, brach in langen Strahlen durch die Tabakswolken und bildete eine kabbalistische Figur auf dem Tischtuch zwischen den beiden Glaubenshelden, die eifrig im Zuge waren, die Augsburger Konfession umzuredigieren. Sie sprachen jetzt mit zischenden Stimmen, das Gehirn war stumpf geworden, die Worte kamen immer trockener heraus, die Spannung ließ nach, trotz dem fleißigen Anheizen, man versuchte noch einmal, sich zur Ekstase emporzuschrauben, aber sie flackerte und flackerte, der Geist entfloh, bedeutungslose Worte wurden noch hervorgebracht, bald aber erlosch der letzte Funke; die betäubten Hirne, die wie gepeitschte Kreisel gearbeitet hatten, ließen nach und fielen um. Nur ein Gedanke stand noch klar da -- man mußte schlafen gehen, sonst würde man sich voreinander ekeln, man mußte allein sein.
Nyström wurde geweckt. Levin umarmte Karl Nikolaus und steckte drei Zigarren in die Tasche. Man war zu hoch gestiegen, um so schnell wieder herunter kommen und über den Schuldschein sprechen zu können. Die Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht, der Wirt ließ die Gäste hinaus, -- und er war allein! Er öffnete die Läden, und das Tageslicht fiel herein -- er öffnete das Fenster und ein frischer Luftstrom von der Schiffsbrücke drang durch die enge Gasse, deren eine Häuserreihe von der eben aufgegangenen Sonne beleuchtet wurde. Es schlug vier; dieser wunderbare, kurze Glockenschlag, den nur der auf dem schlaflosen Bett des Kummers oder der Krankheit liegende, nach dem Morgen verlangende erbarmenswerte Mensch zu hören pflegt. Selbst die Österlangstraße, diese Straße des Lasters, des Schmutzes, der Schlägereien, lag still, einsam, rein da. Falk fühlte sich tief unglücklich. Er war entehrt, und er war einsam. Er schloß das Fenster und die Läden, und als er sich umdrehte und die Verwüstung sah, begann er aufzuräumen. Er sammelte alle Zigarrenstummel auf und warf sie in den Kamin, er deckte ab, er fegte aus, er wischte Staub, er stellte alles auf seinen Platz. Er wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich; ein Polizist hätte ihn für einen Mörder halten können, der sich bemühte, die Spuren seiner Tat zu verwischen. Aber bei all dem dachte er klar, bestimmt und deutlich. Und als er das Zimmer und sich selbst in Ordnung gebracht hatte, war sein Entschluß gefaßt, den er wirklich lange vorbereitet hatte und der jetzt ins Werk gesetzt werden sollte. Er wollte die Schande auslöschen, die er in seiner Familie erlitten hatte, er wollte emporsteigen, er wollte ein berühmter, ein mächtiger Mann werden; er wollte ein neues Leben beginnen, er hatte einen Namen hochzuhalten, und er wollte ihn zu Ehren bringen. Er fühlte, daß eine große Leidenschaft nötig war, um sich nach dem Schlag, den er heute abend empfangen hatte, aufrechtzuerhalten; der Ehrgeiz hatte lange in ihm geschlummert, man hatte ihn geweckt, und nun war er da.
Er war jetzt völlig nüchtern geworden, steckte sich eine Zigarre an, trank einen Kognak und ging in seine Wohnung hinauf, still und leise, um seine Frau nicht zu wecken.
Fünftes Kapitel
Bei dem Verleger
Arvid Falk wollte seine Versuche bei dem mächtigen Smith beginnen -- den Namen hatte dieser aus übertriebener Bewunderung für alles Amerikanische angenommen, als er einmal in seiner Jugend einen kleinen Ausflug nach dem großen Lande gemacht hatte --, bei dem gefürchteten Manne mit den tausend Armen, der sogar aus schlechtem Material in zwölf Monaten einen Schriftsteller machen konnte. Seine Methode war bekannt, aber es gab niemanden, der sie anzuwenden wagte, denn dazu war ein beispielloser Grad von Frechheit erforderlich. Der Schriftsteller, dessen er sich annahm, konnte sicher sein, einen Namen zu bekommen, deshalb wurde Smith von namenlosen Schriftstellern überlaufen. Als ein Beispiel dafür, wie unwiderstehlich er war und wie er die Leute trotz Publikum und Kritik hochbringen konnte, pflegte die folgende Geschichte angeführt zu werden. Ein junger Mensch, der noch nie etwas geschrieben hatte, verfaßte einen schlechten Roman, den er Smith brachte. Diesem gefiel das erste Kapitel -- mehr las er nie --, und er beschloß, die Welt mit einem neuen Schriftsteller zu beglücken. Das Buch kommt heraus; auf der Rückseite des Umschlages steht zu lesen: »Blut und Schwert. Roman von Gustav Sjöholm. Diese Arbeit des jungen und vielversprechenden Schriftstellers, dessen Name in weiten Kreisen schon lange bekannt und sehr geschätzt war, usw. ... Tiefe der Charaktere ... Klarheit ... Kraft. Unserem Romane lesenden Publikum aufs wärmste zu empfehlen.« Das Buch erschien am 3. April. Am 4. April stand in der viel gelesenen Stockholmer Zeitung »Graumützchen«, von der Smith fünfzig Aktien besaß, eine Kritik. Die Kritik schloß: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen; und wir empfehlen dieses Werk nicht nur dem Romane lesenden, sondern auch dem Romane schreibenden Publikum.« Am 5. April war das Buch in allen Zeitungen der Hauptstadt angezeigt, und in der Annonce fand sich das folgende Zitat: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen (Graumützchen).«
Am selben Abend stand eine Rezension im »Unbestechlichen«, der aber von niemandem gelesen wird. Da wurde das Buch als ein Muster für erbärmliche Literatur besprochen, und der Rezensent verschwor sich, daß Gustav Sjöblom (ein absichtlicher Schreibfehler des Rezensenten) überhaupt kein Name sei. Aber da der »Unbestechliche« nicht gelesen wurde, so verhallte diese Opposition ungehört.
Die anderen Zeitungen der Hauptstadt, die im Urteil nicht von dem führenden, ehrwürdigen »Graumützchen« abweichen wollten und es Smiths wegen nicht wagten, waren recht milde, aber nicht mehr. Sie glaubten, Gustav Sjöholm werde sich durch Arbeit und Fleiß in Zukunft einen Namen machen können.
Einige Tage blieb es still, aber in allen Zeitungen, in dem »Unbestechlichen« mit fettem Druck, standen die Annoncen und verkündeten: Gustav Sjöholm ist bereits ein Name. Dann jedoch tauchte im »Allerlei« von X-köping ein Artikel auf, der gegen die Härte der hauptstädtischen Presse gegen junge Schriftsteller zu Felde zog. Der heißblütige Korrespondent schloß: »Gustav Sjöholm ist ganz einfach ein Genie, trotz der Opposition doktrinärer Dummköpfe.«
Am Tage darauf stand wieder die Annonce in allen Zeitungen und verkündete: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name« usw. (Graumützchen), »Gustav Sjöholm ist ein Genie!« (X-köpinger Allerlei). Das nächste Heft der Zeitschrift »Unser Land«, von Smith herausgegeben, enthielt auf dem Umschlage die folgende Anzeige: »Zu unserer Freude können wir unseren vielen Lesern mitteilen, daß der berühmte Schriftsteller Gustav Sjöholm uns für das nächste Heft eine Originalnovelle in Aussicht gestellt hat usw.« Und dann Annoncen in den Zeitungen! Zu Weihnachten kam schließlich der Kalender »Unser Volk« heraus. Von den Verfassern waren auf dem Titelblatt genannt: Orvar Odd, Talis Qualis, Gustav Sjöholm u. a. Die Tatsache blieb bestehen: Gustav Sjöholm war schon nach acht Monaten ein Name. Und das Publikum, ja, das konnte nichts daran ändern; es mußte ihn hinnehmen. Es konnte in keine Buchhandlung gehen und ein Buch ansehen, ohne von ihm zu lesen, es konnte keine alte Zeitung zur Hand nehmen, ohne ihn darin angezeigt zu sehen, ja, es gab keine Situation im Leben, in der man nicht diesen Namen auf einem Fetzen bedruckten Papiers gefunden hätte. Die Hausfrauen hatten ihn Sonnabends im Marktkorb liegen, die Mädchen brachten ihn aus den Geschäften mit nach Hause, die Laufburschen fegten ihn von der Straße auf, und die Herren trugen ihn in der Schlafrocktasche.
Da der junge Schriftsteller diese große Macht Smiths kannte, stieg er nicht ohne eine gewisse Beklemmung die dunklen Treppen seines Hauses bei der Großen Kirche hinauf. Lange mußte er sitzen und warten und sich den peinlichsten Betrachtungen überlassen, bis die Tür aufgerissen wurde und ein junger Mann mit Verzweiflung im Gesicht und einer Papierrolle unterm Arm hinausstürzte. Zitternd betrat Falk das hintere Zimmer, in dem der Gefürchtete empfing. Er saß auf einem niederen Sofa, ruhig und mild wie ein Gott, nickte freundlich mit seinem graubärtigen, mit einer blauen Mütze versehenen Kopf und rauchte so friedvoll seine Pfeife, als habe er nicht soeben die Hoffnungen eines Menschen vernichtet oder einen Unglücklichen von sich gestoßen.
»Guten Tag, guten Tag!«
Und er musterte mit einigen Götterblicken die Kleider des Eintretenden, die proper aussahen; aber deshalb forderte er ihn doch noch nicht auf, Platz zu nehmen.
»Mein Name ist ... Falk.«
»Der Name ist mir unbekannt. -- Was ist Ihr Vater?«
»Mein Vater ist tot!«
»So, er ist tot? Gut! Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«
Der Herr holte ein Manuskript aus der Brusttasche und überreichte es Smith.
Dieser setzte sich drauf, ohne es anzusehen.
»Nun, und das soll ich drucken lassen? -- Es sind Verse? Jawohl, ja! Wissen Sie, was es kostet, einen Bogen zu drucken? Nein, das wissen Sie nicht!«
Hier stieß er dem Unwissenden mit dem Pfeifenschaft vor die Brust.
»Haben Sie einen Namen, mein Herr? Nein! Haben Sie sich irgendwie ausgezeichnet? Nein!«
»Ich habe für diese Gedichte eine Belobigung von der Akademie bekommen.«
»Von welcher Akademie? Von der Akademie der Wissenschaften! Nun ja! die die vielen Flintsteinsachen herausgibt. Nun ja!«
»Flintsteinsachen?«
»Nun ja, Sie wissen doch, mein Herr, die Akademie der Wissenschaften. Nun ja, unten im Museum am Strom, nun also!«
»Nein, Herr Smith, die schwedische Akademie, bei der Börse ...«
»Nun ja! Die mit den Stearinkerzen! Gleichviel! Kein Mensch weiß, wozu die gut ist! Nein, sehen Sie, mein Bester, man muß einen Namen haben, wie zum Beispiel Tegnell, Öhronschlegel und so weiter! Unser Land hat viele große Dichter, auf die ich mich im Augenblick nicht besinne; aber man muß einen Namen haben. Herr Falk! Hm! Wer kennt Herrn Falk? Ich jedenfalls nicht, und ich kenne viele große Dichter! Ich habe neulich noch zu meinem Freunde Ibsen gesagt: Hör einmal, Ibsen -- ich duze ihn --, hör einmal, Ibsen, schreibe etwas für meine Zeitschrift; ich bezahle, was du verlangst! Er hat geschrieben, ich habe bezahlt, aber ich habe es auch bezahlt bekommen. Nun also!«
Der niedergeschmetterte junge Mann wäre am liebsten in die Fugen des Fußbodens gekrochen und hätte sich versteckt, als er hörte, daß er einem Manne gegenüberstand, der Ibsen duzen durfte. Er wollte sein Manuskript wieder an sich nehmen und davonlaufen, wie vorhin der andere, hinaus, weit fort, an irgendeinen größeren Strom. Smith schien das zu empfinden.
»Nun ja. Sie können Schwedisch schreiben, mein Herr, das glaube ich schon! Sie kennen wohl auch unsere Literatur besser als ich sie kenne! Nun also! Gut! Mir ist eine Idee gekommen! Ich habe gehört, daß es große, schöne, geistliche Schriftsteller in der Vergangenheit gegeben hat, unter Gustaf Eriksson oder seiner Tochter Christine; nun ja, das ist einerlei! Ich besinne mich auf einen, der einen großen, einen sehr großen Namen hat; er hat eine große Versdichtung über Gottes Schöpfung geschrieben, glaube ich! Haakan heißt er mit Vornamen!«
»Haqvin Spegel meinen Sie, Herr Smith! Gottes Werke und Ruhe!«
»Ja richtig! Nun also! Ich habe die Absicht, das herauszugeben! Unser Volk sehnt sich nach Religion in unseren Tagen; das empfinde ich; und man muß den Leuten etwas geben. Ich habe ihnen freilich schon etwas von diesem Hermann Francke und Arndt gegeben, aber die große Stiftung kann billiger verkaufen als ich, und jetzt will ich etwas Gutes billig herausbringen. Wollen Sie sich der Sache annehmen?«
»Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun hätte, da es sich nur um einen Neudruck handelt,« antwortete Falk, der nicht nein zu sagen wagte.
»Aber nein, so eine Unwissenheit! Die Redaktion und die Korrektur! Sind wir einig? Sie geben es heraus! Nicht wahr? Wollen wir einen kleinen Zettel schreiben? Die Arbeit kommt in Lieferungen heraus. Nicht wahr? Einen kleinen Zettel. Geben Sie mir Feder und Tinte her! -- So!«
Falk gehorchte; er konnte keinen Widerstand leisten. Smith schrieb, und Falk unterschrieb.
»So! Das wäre die Sache! Nun die andere! Geben Sie mir das kleine Buch, das da auf dem Regal liegt! Im dritten Fach! So! Sehen Sie her! Eine Broschüre. Titel: Der Schutzengel. Nun, sehen Sie sich die Vignette an! Ein Engel mit einem Anker und einem Schiff -- es ist ein Schoner ohne Rahen, glaube ich! Es ist ja bekannt, wie segensvoll die Seeversicherung für das allgemeine soziale Leben ist. Alle Menschen haben doch einmal -- wenig oder viel -- auf einem Fahrzeug über See zu schicken. Nicht wahr? Nun also! Alle Menschen brauchen deshalb eine Seeversicherung. Nicht wahr? Nun also! Das haben nicht alle Menschen eingesehen? Nein! Deshalb ist es also die Pflicht des Wissenden, den Unwissenden aufzuklären? Nun also! Wir beide wissen, Sie und ich, also müssen wir aufklären. Dieses Buch handelt davon, daß jeder Mensch seine Sachen versichern muß, wenn er sie über See schickt! Aber dies Buch ist schlecht geschrieben! Nun also! Deshalb wollen wir es besser schreiben! Nicht wahr? Sie schreiben mir eine Novelle von zehn Seiten für meine Zeitschrift »Unser Land«, und ich verlange, daß Sie so viel Verstand haben, den Namen Triton, -- so heißt eine neue Gesellschaft, die mein Neffe gegründet hat und die ich unterstützen will, und man soll doch seinem Nächsten helfen, nicht wahr? -- Nun also! Der Name Triton soll zweimal vorkommen, nicht mehr und nicht weniger; aber so, daß es nicht auffällt. Verstehen Sie?«
Falk fühlte sich etwas abgestoßen von dem angebotenen Geschäft, aber es lag ja noch nichts Unehrenhaftes in dem Vorschlag; er bekam ja Arbeit bei dem einflußreichen Manne, und alles im Handumdrehen, ohne weitere Anstrengung. Er dankte also und nahm an.
»Sie kennen doch das Format. Vier Spalten pro Seite macht vierzig Spalten zu je zweiunddreißig Zeilen. Nun also. Wir wollen vielleicht einen kleinen Zettel schreiben.«
Smith schrieb einen Zettel, und Falk unterschrieb.
»Nun also, gut. Und jetzt hören Sie zu. Sie kennen doch die schwedische Geschichte. Nun also, wieder auf dem Regal! Da liegt ein Klischee, ein Holzstock! Rechts! Nun also! Können Sie mir sagen, wer die Dame ist? Es soll eine Königin sein.«
Falk, der anfangs nichts weiter sehen konnte als ein schwarzes Stück Holz, entdeckte schließlich einige menschliche Züge und erklärte, nach seiner Ansicht müsse es Ulrika Eleonora sein.
»Hab ich es nicht gesagt! Hihihi! Dies Klischee ist als Königin Elisabeth von England benutzt worden, in einem amerikanischen Volksbuch, und nun habe ich es mit unzähligen anderen billig gekauft. Jetzt nehme ich es als Ulrika Eleonora in meine Volksbibliothek auf. Wir haben ein so gutes Volk; es kauft meine Bücher so brav. Nun also. Wollen Sie den Text schreiben, mein Herr?«
Falks fein ausgebildetes Gewissen konnte hierin nichts eigentlich Unrechtes finden, obwohl seine Gefühle sehr unangenehm berührt waren.
»Nun also! Dann schreiben wir einen kleinen Zettel! Sechzehn Seiten Oktav zu drei Spalten zu je vierundzwanzig Zeilen. So!«
Und dann wurde wieder geschrieben. Da Falk die Audienz für beendet hielt, machte er Miene, sein Manuskript wieder an sich zu nehmen, auf dem Smith die ganze Zeit gesessen hatte. Aber dieser wollte es nicht aus den Händen geben, er werde es bestimmt lesen, aber es werde noch etwas dauern, erklärte er.
»Nun, Sie sind ja ein verständiger Mann, mein Herr, und wissen, was die Zeit wert ist. Hier war vorhin ein junger Mann, auch mit Versen, einer großen Versdichtung, für die ich keine Verwendung habe. Nun, ich habe dem Herrn dasselbe angeboten wie Ihnen; wissen Sie, was er gesagt hat? Er sagte, ich solle etwas tun, was ich nicht aussprechen kann. Ja, das hat er gesagt, und dann ist er davongelaufen. Der Mann wird nicht lange leben! Adieu! Adieu! Sie verschaffen sich wohl den Haakan Spegel! Nun also! -- Adieu! Adieu!«
Smith deutete mit dem Pfeifenschaft nach der Tür, und Falk entfernte sich.
Seine Schritte waren nicht leicht. Das Holzklischee in seiner Brusttasche war schwer, es zog ihn zu Boden, es hielt ihn zurück. Er dachte an den blassen jungen Mann mit dem Manuskript, der so etwas zu Smith zu sagen gewagt hatte, und ihm kamen hochmütige Gedanken. Dann aber tauchte die Erinnerung an alte väterliche Ermahnungen und Ratschläge auf, und zugleich meldete sich die alte Lüge, daß alle Arbeit gleich achtbar sei, und hielt ihm seinen Hochmut vor; da unterwarf er sich seiner Vernunft und ging nach Hause, um achtundvierzig Spalten Ulrika Eleonore zu schreiben.
Da er früh aufgestanden war, fand er sich schon um neun Uhr am Schreibtisch sitzend. Er stopfte sich eine große Pfeife, faltete zwei Bogen Papier, wischte seine Stahlfedern ab und versuchte sich zu besinnen, was er von Ulrika Eleonore wußte. Er schlug im Ekelund und Fryxell nach. Da stand vielerlei unter der Rubrik Ulrika Eleonore, aber von ihr selbst stand fast nichts da. Um halb zehn hatte er das Thema erschöpft; er hatte aufgeschrieben, wann sie geboren war, wann sie starb, wann sie die Regierung antrat, wann sie dem Thron entsagte, wie ihre Eltern hießen und mit wem sie verheiratet war. Das war ein gewöhnlicher Auszug aus einem Kirchenbuch und füllte nicht mehr als drei Seiten, -- blieben also nur noch dreizehn. Er rauchte einige Pfeifen. Er stocherte mit der Feder im Tintenfaß, als wollte er nach der Midgardschlange fischen, aber es kam nichts nach oben. Er mußte sich über ihre Person äußern, eine flüchtige Charakteristik geben; er hatte das Gefühl, ein Urteil über sie aussprechen zu müssen. Sollte er sie loben oder sie heruntermachen? Da er in dieser Frage indifferent war, konnte er sich zu nichts entschließen, und die Uhr wurde elf. Er machte sie herunter, -- und war unten auf der vierten Seite (blieben noch zwölf). Hier war guter Rat teuer. Er sollte von ihrer Regierung sprechen; aber da sie nicht regiert hatte, so war nichts darüber zu sagen. Er schrieb über ihre Räte -- eine Seite --, blieben noch elf. Er rettete Görtz' Ehre -- eine Seite --, blieben noch zehn. Er hatte noch nicht die Hälfte. Wie er diese Frau haßte! Neue Pfeifen! Neue Stahlfedern! Er ging in der Zeit zurück, er gab einen Überblick, und da er gereizt war, setzte er sein altes Ideal Karl +XII.+ herab; aber das ging so rasch, daß dadurch nur eine einzige Seite den andern hinzugefügt wurde. Rest neun! Er schritt in der Zeit weiter vor und hackte auf Fredrik +I.+ herum. Eine halbe Seite! Er schaute mit sehnsüchtigen Blicken auf das Papier, sah nach, wo die Mitte war, konnte aber nicht bis dahin kommen. Er hatte aber doch schon siebeneinhalb kleine Seiten geschrieben, wo Ekelund nur anderthalb hatte. Er warf das Klischee auf den Fußboden, stieß es unter den Schreibtisch, kroch ihm nach, stäubte es ab und legte es auf den Tisch! War das eine Qual! Ihm war so trocken in der Seele wie einem Buchsbaumbusch, versuchte sich zu Ansichten emporzuschrauben, die er nicht hatte, er versuchte irgendwelche Gefühle für die verstorbene Königin in sich zu erwecken, aber ihre langweiligen in Holz geschnittenen Gesichtszüge machten denselben Eindruck auf ihn wie er auf den Holzstock. Da sah er seine Unfähigkeit ein und fühlte sich verzweifelt, erniedrigt! Und diesen Beruf hatte er gegen den anderen eingetauscht. Er ließ wieder seine Vernunft sprechen und ging zum Schutzengel über. Der war ursprünglich für eine deutsche Gesellschaft namens Nereus verfaßt und enthielt kurz folgendes: Herr und Frau Schloß waren nach Amerika ausgewandert und hatten dort große Reichtümer erworben, die sie, damit die Erzählung möglich wurde, unpraktischerweise in kostbaren Gegenständen und Nippsachen angelegt hatten; damit nun diese ganz sicher umkommen sollten und nichts gerettet werden konnte, wurden sie auf einem Dampfer erster Klasse vorausgeschickt, nämlich auf Washington, Nr. 326 der Veritas, der mit Kupfer beschlagen, mit wasserdichten Schotten versehen und für vier Millionen Taler bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus versichert war. Nun also! Herr und Frau Schloß reisten mit den Kindern auf dem besten Dampfer der White-Star-Linie, Bolivar, der bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus (Grundkapital zehn Millionen Dollar) versichert war, und kamen in Liverpool an. Die Reise wurde fortgesetzt. Sie kamen bis an die Spitze von Skagen. Das Wetter war natürlich auf der ganzen Reise schön gewesen und der Himmel strahlend klar, aber gerade als sie an die gefährliche Spitze von Skagen kamen, brach natürlich der Sturm los; das Fahrzeug scheiterte, die Eltern, die ihr Leben versichert hatten, ertranken und garantierten dadurch den geretteten Kindern eine Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling. Die Kinder waren natürlich sehr froh darüber und kamen in guter Laune in Hamburg an, um die Lebensversicherungssumme und das elterliche Erbe in Besitz zu nehmen. Man denke sich ihre Bestürzung, als sie die Nachricht bekamen, daß die Washington vor vierzehn Tagen auf der Doggerbank gestrandet und daß ihr ganzes Vermögen unversichert zugrunde gegangen sei. Ihnen blieb also nur die Lebensversicherungssumme. Sie eilten auf die Agentur der Gesellschaft, aber man denke sich ihren Schreck, als sie erfuhren, daß die Eltern unterlassen hatten, die letzte Prämie zu bezahlen, die -- welches Schicksal! -- am Tage vorher fällig gewesen war -- gerade an dem Tage, als sie ertranken. Die Kinder waren hierüber sehr betrübt und betrauerten ihre Eltern tief, die so fleißig für sie gearbeitet hatten. Weinend fielen sie sich in die Arme und schwuren sich, fortan stets ihre Sachen zu versichern und nie mehr zu versäumen, ihre Lebensversicherungsprämien zu bezahlen.
Und dies sollte nun lokalisiert, schwedischen Verhältnissen angepaßt und lesbar gemacht werden, in einer Novelle, mit der er in die Literatur eintreten sollte. Von neuem erwachte der Teufel des Hochmuts und flüsterte ihm zu, er sei ein Lump, wenn er sich mit diesen Dingen befasse; aber diese Stimme wurde bald von einer anderen übertönt, die aus der Magengegend kam und von ungewöhnlich saugenden und stechenden Gefühlen begleitet war. Er trank ein Glas Wasser und rauchte eine neue Pfeife, aber das Unbehagen steigerte sich; seine Gedanken wurden düsterer; er fand sein Zimmer ungemütlich, die Zeit schien ihm lang und einförmig; er fühlte sich matt und niedergeschlagen; alles kam ihm widrig vor; seine Gedanken waren abgeschmackt und drehten sich nur um nichtige oder unangenehme Dinge, und zugleich wuchs die körperliche Unlust. Er fragte sich, ob er hungrig sei. Es war ein Uhr, und er pflegte nicht vor drei zu essen! Er untersuchte unruhig seine Kasse. Fünfunddreißig Ör. Also kein Mittagessen! Das war das erstemal in seinem Leben! Dergleichen Sorgen hatte er noch nie gehabt. Aber mit fünfunddreißig Ör brauchte man nicht zu hungern. Er konnte sich doch Brot und Bier holen lassen. Nein, das konnte er nicht, denn das war nicht möglich, das schickte sich nicht; und wenn er selbst in den Milchladen hinunterging? Nein! Und wenn er ausging und pumpte? Unmöglich! Es gab keinen Menschen, den er hätte anpumpen mögen! Bei dieser Gewißheit raste der Hunger wie ein losgelassenes Raubtier und zerriß ihn, zerfleischte ihn und jagte ihn durch das Zimmer. Er rauchte eine Pfeife nach der andern, um die Bestie zu betäuben, aber es nützte nichts. Jetzt ertönte unten auf dem Kasernenhof ein Trommelwirbel, und er sah, wie die Soldaten mit ihren kupfernen Flaschen aufmarschierten, um sich ihr Mittagessen zu holen; aus allen Schornsteinen, die er sah, stieg Rauch auf, auf Skeppsholm läutete die Mittagsglocke, beim Nachbar, dem Polizisten, in der Küche prasselte es, und Bratengeruch drang durch die offene Korridortür zu ihm herein; er hörte im Zimmer nebenan Messer und Teller klappern, hörte, wie die Kinder das Tischgebet sprachen; die Pflasterer unten auf der Straße hielten, gesättigt, auf den leeren Proviantbeuteln Mittagsschlaf; er war überzeugt, daß die ganze Stadt in diesem Augenblick zu Mittag aß, alle außer ihm! Und er wurde böse auf Gott! Da durchkreuzte ein klarer Gedanke sein Gehirn. Er nahm Ulrika Eleonora und den Schutzengel, wickelte sie in Papier, schrieb Smiths Name und Adresse darauf und gab dem Boten seine fünfunddreißig Ör. Dann atmete er erleichtert auf, legte sich auf sein Sofa und hungerte mit Hochmut im Herzen.
Sechstes Kapitel
Das rote Zimmer
Dieselbe Mittagssonne, die Arvid Falk in dem erstem Kampf mit dem Hunger hatte unterliegen sehen, schien heiter in die Stube in Lill-Jans, in der Sellén in Hemdärmeln vor seiner Staffelei stand und an seinem Bilde malte, das am folgenden Tage vor zehn Uhr, vollständig fertig, gefirnißt und mit Rahmen versehen in der Ausstellung sein sollte. Olle Montanus saß auf der Schlafbank und las in dem wunderbaren Buche, das er sich auf einen Tag gegen sein Halstuch geborgt hatte; ab und zu warf er einen Blick auf Selléns Bild und sprach seinen Beifall aus, denn er bewunderte in Sellén ein großes Talent. Lundell arbeitete in Ruhe an seiner Kreuzesabnahme; er hatte schon drei Bilder auf der Ausstellung und wartete, wie so viele andere, mit einer gewissen Spannung den Verkauf ab.
»Das ist gut, Sellén!« sagte Olle. »Du malst göttlich!«
»Darf ich deinen Spinat jetzt einmal anschauen?« fiel Lundell ein, der prinzipiell nie etwas bewunderte.
Das Motiv war einfach und großzügig. Ein Flugsandfeld an der Küste von Halland mit dem Meer im Hintergrunde; Herbststimmung, Sonnenstrahlen durch zerrissene Wolken; ein Teil des Vordergrundes war Flugsand mit eben angeschwemmtem, noch von Wasser triefendem Tang, von der Sonne beleuchtet; dahinter das Meer, zu einem guten Stück in starkem Schatten, hohe See mit weißen Kämmen, ganz hinten am Horizont aber schien wieder die Sonne und öffnete eine Perspektive ins Unendliche. Die einzige Staffage bildete ein Volk Strichvögel. Dies Bild mußte von jedem unverdorbenen Gemüt verstanden werden, das den Mut gehabt hat, die geheimnisvolle, reiche Bekanntschaft der Einsamkeit zu machen, das gesehen hat, wie der Flugsand vielversprechende Ernten erstickt. Es war mit Inspiration und Talent gemalt; die Stimmung hatte die Farbe gegeben, nicht umgekehrt.
»Du mußt etwas im Vordergrunde haben,« predigte Lundell. »Setze eine Vordergrundkuh dahin!«
»Ach rede nicht!« antwortete Sellén.
»Tu, wie ich sage, du Tollkopf, sonst verkaufst du nicht. Setze irgendeine Figur dahin, ein Mädchen. Ich will dir helfen, wenn du es nicht kannst, sieh her ...«
»Bitte, keine Dummheiten! Was soll man draußen im Sturm mit Weiberröcken. Du bist doch zu toll auf Weiberröcke!«
»Nun, tu was du willst,« antwortete Lundell, heimlich verletzt durch den Scherz über eine seiner schwachen Seiten. -- »Aber wenigstens hättest du Störche malen können statt dieser grauen Möwen, von denen man nicht weiß, was für eine Art es ist. Denke dir die roten Storchbeine gegen die dunkle Wolke, das wäre ein Kontrast!«
»Ach, das verstehst du nicht!«
Sellén war nicht stark im Motivieren, doch war er seiner Sache gewiß, und sein gesunder Instinkt führte ihn sicher an allen Mißgriffen vorbei.
»Aber du wirst nicht verkaufen,« fing Lundell wieder an, der um das ökonomische Wohlergehen des Kameraden besorgt war.
»Nun, so werde ich auch so leben! Habe ich jemals etwas verkauft? Bin ich deswegen schlechter? Denkst du, ich weiß nicht, daß ich verkaufen könnte, wenn ich malte wie die andern; denkst du, ich kann nicht ebenso schlecht malen wie sie? Oh, darauf kannst du Gift nehmen! Aber ich will nicht!«
»Du mußt doch schließlich daran denken, deine Schulden zu bezahlen. Du bist Meister Lund im ›Kochkessel‹ ein paar hundert Reichstaler schuldig.«
»Nun, davon wird er nicht arm! Übrigens hat er ein Bild bekommen, das doppelt soviel wert ist!«
»Du bist doch der eingebildetste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Das Bild war keine zwanzig Reichstaler wert.«
»Ich taxiere es auf fünfhundert, nach dem üblichen Preis! Aber Neigung und Geschmack sind recht verschieden hier in der Welt, das weiß Gott! Ich finde deine Kreuzigung erbärmlich, du findest sie gut. Nun also! Das kann dir niemand verdenken! Es ist eben sehr verschieden!«
»Jedenfalls hast du uns allen im ›Kochkessel‹ den Kredit verdorben; Meister Lund hat ihn mir gestern gekündigt, und ich weiß nicht, wo ich heute zu Mittag essen soll.«
»Nun, was willst du auch damit? Man kann auch so leben! Ich habe seit zwei Jahren nicht zu Mittag gegessen!«
»Ach, du hast erst neulich ein Mittagessen ergaunert von diesem Assessor, der dir in die Klauen gefallen war.«
»Ja, das stimmt! Das ist ein netter Junge! Übrigens ein Talent, es ist viel Natur in seinen Versen; ich habe an diesen Abenden einige gelesen. Doch ich fürchte, er ist etwas zu weich, um sich in der Welt durchzusetzen; die Kanaille hat so empfindliche Gefühle!«
»Wenn er mit dir verkehrt, wird sich das schon legen. Aber ich finde es eine Schande mit anzusehen, wie du den jungen Rehnhjelm in der kurzen Zeit verdorben hast. Du hast ihm ja wohl in den Kopf gesetzt, er müsse zum Theater gehen!«
»Nein, hat er das erzählt? Ja, das ist ein forscher Kerl! Aus dem wird was, wenn er am Leben bleibt; das ist jedoch gar nicht so einfach, wenn es so schrecklich wenig zu essen gibt! -- Gottsdonnerwetter! Jetzt ist die Farbe verbraucht! Hast du etwas Weiß? Gott sei mir gnädig, alle Tuben sind so ausgepreßt, daß -- du mußt mir Farbe geben, Lundell.«
»Ich habe nicht mehr, als ich selber brauche, und wenn ich auch welche hätte, würde ich mich hüten, dir etwas zu geben!«
»Ach, rede keinen Unsinn; du weißt, es ist eilig!«
»Im Ernst, ich habe deine Farben nicht! Wenn du Haus hieltest, würden sie länger reichen ...«
»Ja, das wissen wir! Dann gib Geld her!«
»Geld, ja, das wäre so etwas!«
»Auf, Olle, du mußt hin und was versetzen!«
Bei dem Wort Versetzen machte Olle ein heiteres Gesicht, denn dann, wußte er, würde es auch Essen geben. Sellén begann das Zimmer zu durchsuchen.
»Was habt ihr denn hier? Ein Paar Stiefel! Darauf bekommen wir fünfundzwanzig Öre, also ist es besser, sie zu verkaufen.«
»Das sind Rehnhjelms Stiefel, die darfst du nicht nehmen,« unterbrach Lundell, der sie am Nachmittag, wenn er in die Stadt ging, anziehen wollte. -- »Findest du, daß du fremde Sachen nehmen darfst?«
»Ja, was tut das? Er kriegt sie ja später bezahlt! Was ist dies hier für ein Paket? Eine Samtweste! Die ist schön! Die nehme ich selber, dann kann Olle meine wegtragen! Kragen und Manschetten! Ach, das ist nur Papier! Ein Paar Strümpfe! Hier, Olle, fünfundzwanzig Öre! Stecke sie in die Weste. Die leeren Flaschen kannst du verkaufen! Ich glaube, am besten verkaufst du alles!«
»Willst du wirklich anderer Leute Sachen verkaufen? Du hast doch keine Spur von Rechtsgefühl,« unterbrach Lundell wieder, der stark darauf spekuliert hatte, auf dem Wege der Überredung in den Besitz dieses Pakets zu kommen, das ihm schon lange in die Augen gestochen hatte.
»Ach, das bekommt er später bezahlt! Aber dies ist nicht genug! Wir müssen ein paar Bettlaken nehmen! Was tut das! Wir brauchen keine Laken! So, Olle! Pack es nur ein!«
Olle machte mit großer Geschicklichkeit aus einem Laken einen Sack, in den er unter Lundells eifrigsten Protesten alles hineinstopfte.
Als der Sack fertig war, nahm Olle ihn unter den Arm, knöpfte den zerlumpten Gehrock zu, um das Fehlen der Weste besser zu verdecken, und machte sich auf den Weg nach der Stadt.
»Er sieht aus wie ein Dieb,« sagte Sellén, der am Fenster stand und verschmitzt auf den Weg hinausblickte. -- »Wenn ihn nur die Polizei ungeschoren läßt, ist es gut! -- Eile dich, Olle!« rief er dem Fortgehenden nach. »Kaufe sechs Brötchen und zwei Flaschen Bier, wenn bei der Farbe noch etwas übrigbleibt.«
Olle drehte sich um und schwenkte so zuversichtlich den Hut, als habe er das Festmahl schon in den Taschen.
Lundell und Sellén waren allein. Sellén stand da und bewunderte seine neue Samtweste, der so lange Lundells heimliche Liebe gegolten hatte. Lundell kratzte seine Palette ab und warf neidische Blicke auf die verlorene Herrlichkeit. Aber nicht darüber wollte er jetzt sprechen, nicht das wollte ihm so schwer über die Lippen.
»Wirf doch einen Blick auf mein Bild,« sagte er. »Was hältst du davon, im Ernst?«
»Du mußt nicht soviel daran tüfteln und zeichnen, du mußt malen! Wo kommt das Licht her? Von den Kleidern! Von den nackten Partien! Das ist doch ganz närrisch! Was atmen diese Menschen? Farbe, Leinöl! Ich sehe keine Luft!«
»Nun,« meinte Lundell, »das ist eben verschieden, wie du sagst! Aber wie findest du die Komposition?«
»Zu viel Menschen!«
»O, du bist ja schrecklich, ich möchte am liebsten noch ein paar mehr haben!«
»Laß mich jetzt sehen! Einen Fehler hat das Bild!« -- Sellén schoß diese langen Blicke, die den Bewohnern der Küste oder der Ebene eigen sind.
»Ja, einen Fehler hat es! Siehst du ihn?« gab Lundell zu.
»Es sind nur Männer! Das ist etwas zu trocken!«
»Ja, das stimmt! Daß du das siehst!«
»Du willst also ein Weib haben?«
Lundell überzeugte sich durch einen Blick, ob er scherze; aber das war schwer festzustellen, denn jetzt pfiff er.
»Ja, mir fehlt eine weibliche ~Figur~,« antwortete er.
Es wurde still, und das war unangenehm, wenn zwei so alte Bekannte unter vier Augen sind.
»Wenn ich nur wüßte, was ich tun soll, um ein Modell zu bekommen. Die von der Akademie will ich nicht haben, denn die kennt alle Welt, und im übrigen ist der Stoff religiös.«
»Du willst etwas Feineres haben? +Oui!+ Ich verstehe! Wenn sie nicht nackt sein müßte, könnte ich vielleicht ...«
»Sie soll gar nicht nackt sein, bist du verrückt, unter so vielen Männern; im übrigen ist es ein religiöser Stoff ...«
»Ja, ja, das wissen wir schon. Sie soll jedenfalls ein Kostüm anhaben, etwas orientalisch, soll vornübergebeugt dastehen, denke ich mir, und tun, als höbe sie etwas vom Boden auf, soll die Schultern, den Hals und die ersten Rückenwirbel zeigen, ich verstehe! Aber religiös, natürlich, wie Magdalena! +Oui!+ Vogelperspektive, jawohl!«
»Du mußt doch auch mit allem deinen Scherz treiben und alles herabziehen!«
»Zur Sache! Zur Sache! Du sollst ein Modell haben, denn das muß man haben; du selber kennst keins! Gut! Deine religiösen Gefühle verbieten dir, eins zu beschaffen, also werden Rehnhjelm und ich, wir beiden leichtsinnigen Gesellen, dir eins besorgen!«
»Es muß ein anständiges Mädchen sein, das sage ich im voraus!«
»Natürlich, ja! Wir wollen sehen, was wir in der Sache tun können, übermorgen, wenn wir Geld bekommen!«
Und dann wurde wieder gemalt, schweigend und still, bis die Uhr vier wurde, bis sie fünf wurde. Dann und wann warf man unruhige Blicke auf den Weg hinaus. Sellén brach zuerst das bange Schweigen.
»Olle bleibt lange aus! Es ist ihm bestimmt etwas zugestoßen!« sagte er.
»Ja, es geht nicht mit rechten Dingen zu; aber warum mußt du auch immer diesen armen Teufel schicken? Du kannst doch deine Besorgungen selbst machen!«
»Ach, er hat nichts weiter zu tun, und er geht so gern!«
»Das kannst du nicht wissen, und übrigens will ich dir sagen: man weiß nicht, wie Olle endet. Er hat große Pläne und kann jeden Tag wieder auf den Beinen sein, und dann wäre es gut, zu seinen Freunden zu zählen!«
»Ach, was du sagst! Was hat er denn Großes vor? Ich glaube wohl, daß Olle ein großer Mann wird, wenn auch nicht als Bildhauer! Aber was trödelt dieser entsetzliche Kerl! Hältst du es für möglich, daß er das Geld vertut?«
»O ja! Er hat schon lange nichts gekriegt, und die Versuchung kann zu groß gewesen sein,« antwortete Lundell und schnallte den Schmachtriemen zwei Löcher enger, während er überlegte, was er an Olles Stelle getan haben würde.
»Ja, man ist ja auch nur ein Mensch, und jeder ist sich selbst der Nächste,« stimmte Sellén bei, der genau wußte, was er getan hätte. »Ich kann aber nicht warten; ich muß Farbe haben, und wenn ich sie stehlen soll! Ich gehe zu Falk!«
»Willst du den armen Kerl schon wieder aussaugen! Du hast ihm doch gestern erst das Geld für den Rahmen abgenommen! Und das war nicht wenig!«
»Ach, lieber Freund! Ich bin nun einmal gezwungen, der Scham den Kopf abzubeißen, es hilft nichts! Was muß man nicht alles auf sich nehmen! Übrigens ist Falk ein hochherziger Mann, der für jede Situation Verständnis hat. Jetzt gehe ich aber! Wenn Olle nach Hause kommt, so sage ihm, er sei ein Rindvieh! Adieu einstweilen! Komm ins Rote Zimmer, dann wollen wir sehen, ob der liebe Gott so gnädig ist, uns etwas Essen zu bescheren, ehe die Sonne untergeht! -- Schließe die Tür ab, wenn du gehst, und lege den Schlüssel unter die Schwelle! Adieu!«
Er ging, und nicht lange danach stand er vor Falks Tür in der Grafmagnistraße. Er klopfte, bekam aber keine Antwort! Da öffnete er die Tür und trat ein. Falk, der wahrscheinlich unruhige Träume gehabt hatte, fuhr aus dem Schlaf auf und starrte Sellén an, ohne ihn zu erkennen.
»Guten Abend, Bruder,« grüßte Sellén.
»Ach, Donnerwetter, du bist es! Ich muß etwas Komisches geträumt haben! Guten Abend, setz dich und rauche eine Pfeife! Ist es schon Abend?«
Sellén, dem die Symptome bekannt vorkamen, tat doch, als merke er nichts, sondern nahm die Unterhaltung auf.
»Du bist wohl heute nicht im ›Zinnknopf‹ gewesen?«
»Nein,« antwortete Falk verwirrt, »ich bin nicht da gewesen. Ich war in ›Iduna‹.«
Er wußte wirklich nicht, ob er das geträumt hatte, oder ob er dagewesen war, aber er freute sich, daß er es gesagt hatte, denn er schämte sich seines Mißgeschicks.
»Nun, das war recht,« bekräftigte Sellén. »Im ›Zinnknopf‹ ist das Essen nicht gut.«
»Ja, das muß ich auch sagen,« erwiderte Falk, »ihre Fleischsuppe ist verdammt schlecht!«
»Ja, und dann steht der alte Wirt da, dieser Lümmel, und zählt die Butterbrote.«
Bei dem Wort Butterbrote erwachte Falk zum Bewußtsein, aber er fühlte sich nicht sonderlich hungrig, wenn auch etwas matt in den Beinen. Das Thema war jedoch unangenehm und mußte rasch gewechselt werden.
»Nun,« sagte er, »hast du dein Bild für morgen fertig?«
»Nein, leider Gottes, es geht nicht!«
»Was ist denn jetzt los?«
»Ich kann unmöglich fertig werden.«
»Kannst nicht? Warum sitzt du nicht zu Hause und arbeitest?«
»Ach, es ist die alte Geschichte, lieber Falk! Ich habe keine Farbe! Farbe!«
»Nun, dem läßt sich doch wohl abhelfen? Hast du etwa kein Geld?«
»Dann wäre es ja nicht schlimm!«
»Und ich habe auch keins! Was sollen wir da machen?«
Sellén schlug die Augen nieder, bis seine Blicke in die Höhe von Falks Westentasche kamen, in die eine sehr dicke goldene Kette hineinkroch; nicht, daß Sellén geglaubt hätte, es sei Gold, abgestempeltes Gold, denn er hätte nicht begriffen, wie man so übermütig sein könne, so viel Geld außen auf der Weste zu tragen. Seine Gedanken hatten aber eine bestimmte Richtung eingeschlagen und er fuhr fort:
»Wenn ich wenigstens etwas zu versetzen hätte; aber wir sind so unvorsichtig gewesen, die Winterüberzieher an dem ersten sonnigen Tag im April wegzugeben.«
Falk errötete. Solche Dinge hatte er noch nicht mitgemacht.
»Versetzt ihr Überzieher?« fragte er. »Bekommt ihr auf solche Sachen etwas?«
»Versetzen kann man alles -- alles,« betonte Sellén. »Wenn man nur etwas hat.«
Vor Falks Augen drehte sich alles im Kreise. Er mußte sich setzen. Dann zog er seine goldene Uhr heraus.
»Was meinst du, was man für die bekommt, mit Kette?«
Sellén wog die künftigen Pfänder in der Hand und betrachtete sie mit Kennermiene.
»Ist es Gold?« fragte er mit schwacher Stimme.
»Es ist Gold!«
»Gestempelt?«
»Gestempelt!«
»Uhr und Kette?«
»Uhr und Kette!«
»Hundert Reichstaler,« erklärte Sellén und schüttelte die Hand, daß die goldene Kette klirrte. »Aber es ist schade. Du sollst nicht um meinetwillen deine Sachen versetzen.«
»Dann also um meinetwillen,« sagte Falk, der sich nicht einen Anschein von Selbstlosigkeit geben wollte, die er nicht besaß. »Ich brauche auch Geld. Wenn du sie in Geld verwandeln willst, so tust du mir einen Gefallen!«
»Also gut,« sagte Sellén, der seinen Freund nicht durch unzarte Fragen in Verlegenheit bringen wollte. »Ich versetze sie! Zieh dich jetzt an, Bruder! Das Leben ist zuweilen bitter, siehst du, aber wir müssen uns doch damit abfinden!«
Er schlug Falk auf die Schulter, mit einer Herzlichkeit, wie sie nicht oft den Schutzwall von Hohn durchdrang, den er um sich angelegt hatte, und sie gingen fort.
Es wurde sieben Uhr, bis die Besorgung erledigt war. Dann kauften sie Farbe, und darauf begaben sie sich ins Rote Zimmer hinunter.
Berns Salon begann gerade zu dieser Zeit seine kulturhistorische Rolle in dem Stockholmer Leben zu spielen, indem er dem ungesunden Café-Chantant-Betrieb, der in den sechziger Jahren in der Hauptstadt floriert oder grassiert und sich von da über das ganze Land verbreitet hatte, den Garaus machte. Hier versammelten sich von sieben Uhr an Scharen von jungen Leuten, die sich in dem abnormen Zustand befanden, der eintritt, wenn man das elterliche Haus verläßt, und so lange dauert, bis man selbständig wird; hier saßen Scharen von Junggesellen, die der einsamen Kammer oder dem Dachstübchen entflohen waren, um hier in Licht und Wärme sitzen zu können, um ein menschliches Wesen zu treffen, mit dem sie plaudern konnten. Der Wirt des Lokals hatte verschiedentlich Versuche gemacht, sein Publikum durch Pantomime, Gymnastik, Ballett und so weiter zu amüsieren, aber man hatte ihm sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß man nicht hierher kam, um sich zu amüsieren, sondern um Ruhe zu haben, daß man ein Konversationszimmer, einen Versammlungsraum suchte, in dem man sicher war, jederzeit einen Bekannten zu treffen; da die Musik kein Hindernis für eine Unterhaltung bildete, eher im Gegenteil sie förderte, so wurde sie geduldet und bildete schließlich einen Bestandteil der Abenddiät des Stockholmers, neben Punsch und Tabak. So wurde Berns Salon der Junggesellenklub für ganz Stockholm. Die einzelnen Cliquen hatten ihre Ecken, und die Kolonisten von Lill-Jans usurpierten das hintere Schachzimmer unter der südlichen Galerie, das wegen seiner roten Möbel und um der Kürze willen mit der Zeit den Namen »Das rote Zimmer« bekam. Hier war man immer sicher, sich zu treffen, wenn man auch im Laufe des Tages wie Spreu auseinandergeweht worden war; von hier wurden förmliche Razzien durch den Saal unternommen, wenn die Not groß war und Geld aufgetrieben werden mußte; dann wurde eine Kette gebildet; zwei Mann streiften die Galerien ab, zwei nahmen den Saal auf den Längsseiten; man zog gewissermaßen ein Schleppnetz, und selten zog man vergeblich, da ja im Laufe des Abends immer neue Gäste zuströmten. Heute abend kam eine solche Arbeit nicht in Frage, deshalb ließ sich Sellén stolz und ruhig neben Falk auf dem roten Sofa nieder.
Nachdem sie eine kleine Komödie miteinander gespielt hatten, was sie trinken wollten, blieben sie schließlich dabei stehen, daß sie essen müßten. Sie hatten gerade das Abendbrot in Angriff genommen, und Falk fühlte seine Kräfte wachsen, als ein langer Schatten auf ihren Tisch fiel -- und vor ihnen stand Ygberg, bleich und abgezehrt wie gewöhnlich. Sellén, der sich in einer glücklichen Situation befand und dann immer gut und höflich war, fragte sofort, ob er ihnen nicht Gesellschaft leisten wolle, und Falk schloß sich diesem Aufforderung an. Ygberg zierte sich noch, während er schon den Inhalt der Schüsseln abschätzte, ob er wohl satt oder nur halb satt werden würde.
»Sie haben eine scharfe Feder, Herr Assessor,« sagte er, um die Aufmerksamkeit von den Streifzügen, die seine Gabel über das Tablett machte, abzulenken.
»Wieso? Was habe ich?« fragte Falk und flammte auf; nach seiner Meinung hatte kein Mensch mit seiner Feder Bekanntschaft gemacht.
»Dieser Artikel hat viel Beifall gefunden!«
»Welcher Artikel? Ich verstehe nicht!«
»Nun, dieser Artikel in der ›Volksfahne‹ über das Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter!«
»Den habe ich nicht geschrieben!«
»Im Kollegium wird das aber behauptet! Ich habe einen mir bekannten außerordentlichen Hilfsarbeiter aus dem Amt getroffen: die Erbitterung soll nicht klein sein!«
»So?«
Falk fühlte sich zur Hälfte schuldig, und jetzt wurde ihm klar, was sich Struve an jenem Abend auf Mosebacke notiert hatte. Struve war aber doch nur Referent gewesen, Falk hatte gesprochen, und er fühlte sich verpflichtet, für das Gesagte einzustehen, selbst auf die Gefahr hin, als -- Skandalschreiber angesehen zu werden! Da er jetzt fühlte, daß der Rückzug ihm abgeschnitten war, erkannte er deutlich, daß es nur eine Möglichkeit gab, und zwar: draufloszugehen!
»Gewiß,« sagte er, »ich bin der Urheber des Artikels. Aber sprechen wir von etwas anderm! Was halten Sie von Ulrika Eleonora, Herr Ygberg? Ist das nicht eine interessante Gestalt? Oder die Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton? Oder Haqvin Spegel?«
»Ulrika Eleonora ist der interessanteste Charakter in der ganzen schwedischen Geschichte,« erwiderte Ygberg ernst; »ich habe eben eine Bestellung auf einen Aufsatz über sie bekommen.«
»Von Smith?« fragte Falk.
»Ja, woher wissen Sie das?«
»Dann kennen Sie auch den Schutzengel?«
»Woher wissen Sie denn das?«
»Ich habe ihm die Sachen heute mittag zurückgeschickt.«
»Es ist unrecht, nicht zu arbeiten! Sie werden es bereuen! Glauben Sie mir!«
Eine hektische Röte war Falk in die Wangen gestiegen, und er sprach wie im Fieber. Sellén saß ruhig da und rauchte und hörte mehr auf die Musik als auf die Unterhaltung, die ihn einesteils nicht interessierte und ihm andernteils unverständlich war. Von der Sofaecke, in der er saß, konnte er durch die beiden Türöffnungen, die auf die südliche Galerie führten und Aussicht auf den Saal gewährten, die nördliche Galerie überblicken. Durch die gewaltigen Rauchwolken, die ständig über dem Schlund zwischen den beiden Galerien standen, konnte er doch die Gesichter der Leute erkennen, die sich auf der andern Seite befanden. Plötzlich heftete sich seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas weit hinten. Er nahm Falk beim Arm.
»Nein, sieh doch, so ein Duckmäuser! Sieh, dort hinter dem linken Vorhang!«
»Lundell!«
»Ja, der! Er ist auf der Suche nach einer Magdalena! Sieh, jetzt redet er sie an! Das ist ein feines Kind!«
Falk errötete, daß Sellén es bemerkte.
»Sucht er seine Modelle hier?« fragte er verwundert.
»Ja, wo sollte er sie sonst herkriegen? Er kann sie sich doch nicht im Dunkeln greifen!«
Gleich darauf trat Lundell ein und wurde von Sellén mit einem gönnerhaften Kopfnicken begrüßt, dessen Bedeutung er zu verstehen meinte; er verbeugte sich deshalb höflicher als gewöhnlich vor Falk und drückte in beleidigender Weise sein Erstaunen über Ygbergs Anwesenheit aus. Ygberg, der dies alles genau beobachtet hatte, nahm die Gelegenheit beim Schopf und fragte, was Lundell zu verzehren wünsche; dieser machte große Augen und glaubte sich unter lauter Magnaten zu befinden. Er fühlte sich sehr glücklich, er wurde weich und menschenfreundlich, und als er ein warmem Abendbrot bekam, empfand er das Bedürfnis, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Er hatte Falk etwas zu sagen, das war unverkennbar, konnte aber nicht dazu kommen. Unglücklicherweise spielte das Orchester gerade »Hör uns, Schweden« und ging im nächsten Augenblick zu »Ein feste Burg ist unser Gott« über.
Falk ließ mehr Getränke kommen.
»Sie lieben gleich mir das alte gute Kirchenlied, Herr Assessor,« begann Lundell.
Falk konnte eigentlich nicht sagen, daß er Choräle besonders bevorzugte, sondern er fragte Lundell, ob er nicht Punsch trinken wolle. Lundell hatte Bedenken; er wisse nicht, ob er es wagen könne. Er wolle vielleicht erst noch etwas mehr essen, er sei kein großer Trinker, was er, nachdem er den dritten Schnaps getrunken hatte, durch einen heftigen aber kurzen Hustenanfall beweisen zu müssen glaubte.
»Versöhnungsfackel ist ein guter Name,« fuhr er fort; »er deutet das tiefe religiöse Bedürfnis der Versöhnung an und zugleich das Licht, das in die Welt kam, als das größte aller Wunder geschah, das den Hoffärtigen ein Ärgernis ist.«
Damit legte er einen Fleischkloß hinter den letzten Backenzahn und wartete ab, was für eine Wirkung seine Worte haben würden; -- aber er fühlte sich nicht geschmeichelt, als er drei verständnislose Gesichter, die das größte Erstaunen ausdrückten, sich zugewandt sah. Er mußte deutlicher sprechen.
»Spegel ist ein großer Name, und seine Rede ist nicht wie die der Pharisäer. Wir wissen alle, daß er den herrlichen Choral ›Jetzt schweigen die Klagelieder‹ geschrieben hat, dessengleichen man suchen soll. Prost, Assessor! es freut mich, daß Sie ein solcher Repräsentant sind!«
Hier entdeckte Lundell, daß er nichts im Glase habe. -- »Ich darf mir wohl noch einen Schnaps einschenken!«
Zwei Gedanken schwirrten durch Falks Hirn. Erstens: Der Kerl säuft ja Branntwein! Zweitens: Wie kann er das von Spegel wissen? Wie ein Blitz durchfuhr ihn ein Verdacht, aber er wollte nichts wissen, sondern sagte nur:
»Prosit, Herr Lundell!«
Das unangenehme Gespräch, das nun folgen mußte, wurde glücklicherweise durch Olles Kommen verhindert. Denn dieser kam wirklich, zerlumpter als gewöhnlich, schmutziger als gewöhnlich und dem Anschein nach auch lahmer in den Hüften, die wie Bugspriete unter dem Gehrock abstanden, der jetzt nur noch von einem einzigen Knopf dicht über der ersten Rippe zusammengehalten wurde. Aber er war vergnügt und lachte, als er so viele Speisen und Getränke auf dem Tisch sah, und zu Selléns Entsetzen begann er über den Verlauf seiner Mission zu berichten und sich seiner Aufträge zu entledigen. Er war wirklich von der Polizei gefaßt worden.
»Hier hast du die Quittungen!«
Er reichte Sellén über den Tisch zwei grüne Pfandscheine, die dieser sofort in eine Papierkugel verwandelte.
Er war zur Polizeiwache gebracht worden. Er zeigte, daß man ihm den Rockkragen abgerissen hatte. Dort hatte er seinen Namen angeben müssen. Der war natürlich falsch! Kein Mensch hieß Montanus! Dann den Geburtsort: Västermanland. Das war natürlich falsch, denn der Wachtmeister stammte selber daher und kannte natürlich seine Landsleute. Nun das Alter: achtundzwanzig Jahre. Das war eine Lüge, »denn er müsse mindestens vierzig sein«. Wohnung: Lill-Jans! Das war eine Lüge, denn da wohnte nur ein Gärtner. Beruf: Künstler! Das war auch eine Lüge, »denn er sehe aus wie ein Vagabund«!
»Hier ist die Farbe, vier Tuben! Sieh sie dir an!«
Dann hatten sie das Bündel aufgemacht, wobei das eine Laken zerrissen war!
»Deshalb habe ich nur eine Krone und fünfundzwanzig Öre für beide bekommen! Sieh dir die Quittungen an; da wirst du sehen, daß es stimmt!«
Dann war er gefragt worden, wo er die Sachen gestohlen habe. Olle hatte geantwortet, er habe die Sachen nicht gestohlen, worauf der Wachtmeister ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, es sei hier nicht die Rede davon, ob er sie gestohlen, sondern wo er sie gestohlen habe! Wo? Wo? Wo?
»Hier ist das Geld zurück, fünfundzwanzig Öre! Ich habe nichts genommen.«
Darauf war ein Protokoll über die »Gestohlenen Sachen«, die mit drei Siegeln versiegelt wurden, aufgesetzt worden. Vergebens hatte Olle seine Unschuld beteuert, vergebens hatte er an ihr Rechtsgefühl und ihre Humanität appelliert. Dieser letzte Appell hatte, wie es schien, die Wirkung, daß der Polizist vorschlug, man solle zu Protokoll nehmen, daß der »Gefangene« -- er war schon Gefangener -- einen starken Rausch gehabt habe, was auch geschah, allerdings mit der Einschränkung, daß das Wort »stark« wegfiel. Dann hatte der Wachtmeister wiederholt den Polizisten gebeten, sich zu erinnern, ob der Gefangene bei der Festnahme nicht Widerstand geleistet habe; der Polizist hatte versichert, er könne es nicht auf seinen Eid nahmen, daß der Gefangene Widerstand geleistet habe (was in diesem Falle sehr bedenklich gewesen wäre, weil er tückisch und drohend aussehe), er »glaube« aber doch bestimmt, der Gefangene habe versucht, Widerstand zu leisten, indem er in einen Torweg flüchtete; das wurde zu Protokoll genommen.
Nun wurde ein Rapport aufgesetzt, den Olle unterschreiben sollte. Der Rapport hatte folgenden Wortlaut: Ein Mann von tückischem und drohendem Aussehen ist in der Norrlandstraße angetroffen worden, wie er an der linken Häuserreihe entlang schlich, um dreiviertel fünf Uhr nachmittags, mit einem Bündel von verdächtiger Beschaffenheit in der Hand. Die verhaftete Mannsperson war bei ihrer Festnahme mit einem Rock aus grünem Kord bekleidet (ohne Weste), mit Beinkleidern aus blauem Boi und einem Hemd, das am Halse P. L. gezeichnet war (was beweist, daß es entweder gestohlen ist oder daß der Verhaftete einen falschen Namen angegeben hat), mit grauen Wollstrümpfen und einem niedrigen Filzhut mit Hahnenfeder. Der Verhaftete hat den angenommenen Namen Olle Montanus angegeben, hat fälschlich behauptet, in Västermanland als Sohn eines Bauern geboren zu sein, hat glaubhaft zu machen versucht, daß er Künstler sei und hat als Wohnort Lill-Jans angegeben, was nachweislich falsch ist. Er hat bei der Verhaftung Widerstand zu leisten versucht, indem er in einen Torweg flüchtete.
Darauf folgte die Spezifikation des Inhalts des gestohlenen Bündels. Da Olle sich weigerte, die Richtigkeit des Rapports anzuerkennen, wurde sofort nach dem Gefängnis telephoniert, worauf eine Droschke den Gefangenen, das Bündel und einen Polizisten abführte. Als sie in die Münzstraße einbogen, erblickte Olle seinen Retter, den Reichstagsabgeordneten Per Ilsson aus Träskaala, einen Landsmann von ihm, den er anrief und der ihm bestätigte, daß der Rapport falsch sei. Darauf wurde Olle losgelassen und bekam sein Bündel wieder. Und jetzt war er hier und --
»Hier habt ihr Brötchen! Es sind nur noch fünf, ich habe eins aufgegessen. Und hier ist das Bier!«
Er legte wirklich fünf Brötchen auf den Tisch, die er aus der Rocktasche holte, dazu zwei Flaschen Bier, die er aus den Hosentaschen hervorzog, worauf seine Figur wieder die gewohnten Disproportionen annahm.
»Du mußt Olle entschuldigen, Falk, er ist es nicht gewohnt, sich unter Menschen zu bewegen. -- Stecke die Brötchen wieder ein, Olle; was sind das für Dummheiten!« belehrte Sellén.
Olle gehorchte. Lundell wollte das Tablett nicht hergeben, obwohl er es so gründlich abgeweidet hatte, daß man auch nach den Spuren nicht hätte bestimmen können, was auf den Platten gelegen hatte; aber die Branntweinflasche wurde dann und wann dem Glase genähert, worauf Lundell wie in Gedanken einen Schnaps trank. Ab und zu stand er auf oder drehte sich auf dem Stuhl um, um »nachzusehen«, was sie spielten, wobei seine Gesten von Sellén genau beobachtet wurden. Dann kam Rehnhjelm. Schweigsam und betrunken setzte er sich nieder und suchte ein Ziel für seine umherirrenden Blicke, wo sie sich ausruhen konnten, während er Lundells Verwarnungen anhörte. Seine müden Augen richteten sich schließlich auf Sellén und blieben auf der Samtweste haften, die für den ganzen späteren Teil des Abends einen reichen Stoff für seine stillen Betrachtungen bildete. Einen Moment hellte sich sein Gesicht auf wie beim Anblick eines alten Bekannten, dann aber erlosch das Licht wieder, als Sellén, »weil es zog«, den Rock zuknöpfte. Ygberg protegierte Olle, indem er ihm ein Abendbrot spendierte, und wurde nicht müde, ihn mäzenatenhaft zu ermuntern, zuzugreifen und sich einzuschenken. Die Musik wurde, je weiter der Abend vorschritt, um so lebhafter, und die Unterhaltung paßte sich ihr an. Falk fühlte sich sehr wohl in diesem Zustand der Betäubung; hier war es warm, hell, geräuschvoll, rauchig, und hier saßen Menschen, deren Leben er um einige Stunden verlängert hatte und die infolgedessen glücklich und fröhlich waren wie Fliegen, die von einigen Sonnenstrahlen neu belebt werden. Er fühlte sich ihnen verwandt, denn sie waren im Grunde unglücklich, und sie waren bescheiden, sie verstanden, was er sagte, und wenn sie sich äußerten, sprachen sie wie Menschen, nicht wie Bücher; sogar ihre Roheit hatte einen gewissen Reiz, denn es lag so viel Natur darin, so viel Unschuld; selbst Lundells Heuchelei vermochte ihm keinen Widerwillen einzuflößen, denn sie war so naiv, so lose angeklebt, daß sie jeden Augenblick abgerissen werden konnte. Und so verging der Abend, und der Tag ging zu Ende, der ihn unwiderruflich auf die dornige Laufbahn des Schriftstellers geworfen hatte.
Siebentes Kapitel
Christi Nachfolge
Am folgenden Morgen wurde er von der Aufwärterin geweckt, die ihm einen Brief überreichte, der folgenden Wortlaut hatte:
2. Thim. +IV+, 7. 8. 9. 1. Kor. +IX+, 24. 25. 26.
Teurer Bruder!
Unseres H. J. Ch. Gnade und Friede, die Liebe des Vaters und die Gemeinschaft des H. G. usw. Amen!
Ich habe aus dem »Graumützchen« von gestern abend ersehen, daß Du die »Versöhnungsfackel« herauszugeben gedenkst. Suche mich in meiner Tätigkeit morgen früh vor neun Uhr auf.
Dein erlöster Nathanael Skaare.
Jetzt verstand er Lundells Rätsel, zum Teil.
Er kannte freilich den großen Gottesmann Skaare nicht persönlich und wußte nichts von der »Versöhnungsfackel«, aber er war neugierig und beschloß, dem unverschämten Ruf Folge zu leisten.
Um neun stand er in der Regierungsstraße vor dem riesigen vierstöckigen Hause, dessen Fassade vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Schildern bedeckt war: Christliche Buchdruckerei Friede, A.-G., 2. Stock; »Das Erbe der Gotteskinder«, Redaktion, Zwischenstock; Expedition vom Jüngsten Gericht, 1. Stock; Expedition der Friedensposaune, 2. Stock; Redaktion der Kinderzeitschrift: Nähre meine Lämmer, 1. Stock; Direktion der Christlichen Bethausaktiengesellschaft Gnadenstuhl, vermittelt Auszahlungen und bewilligt Darlehn gegen erste Hypothek, 3. Stock; Kommt zu Jesus, 3. Stock. Achtung!(symbol) Ordentliche Verkäufer, die Kaution stellen können, finden Beschäftigung. Missionsaktiengesellschaft Adler verteilt den Gewinn des Jahres 1867 in Kupons, 2. Stock; Kontor des Christlichen Missionsdampfers Zululu, 2. Stock.
(symbol) Der Dampfer geht, so Gott will, am 28. cr. ab. Güter werden gegen Konnossement und Zertifikat im Kontor Schiffsbrücke, an der Dampferladestelle, angenommen.
Der Nähverein Bienenkorb nimmt Gaben im Erdgeschoß entgegen. Priesterkrausen werden gewaschen und geplättet beim Portier! Oblaten 1,50 pro Pfund, beim Portier! Achtung! Schwarze Frackanzüge, passend für Konfirmanden, zu verleihen. Ungegorener Wein (Matth. 26, 28) zu verkaufen beim Portier, 75 Öre pro Kanne, ohne Gefäß.
Unten, links von der Haustür, war eine christliche Buchhandlung. Falk blieb stehen und las die Titel der im Fenster ausgelegten Bücher. Es war das Althergebrachte: indiskrete Fragen, unverschämte Beschuldigungen, verletzende Vertraulichkeiten, alles längst und gründlich bekannt. Aber was seine Aufmerksamkeit mehr anzog, waren die vielen illustrierten Zeitschriften, die mit ihren großen, englischen Holzschnitten aufgeschlagen lagen, um die Leute anzulocken. Die Kinderzeitschriften besonders hatten ein interessantes Programm, und der Buchhandlungsgehilfe wußte zu erzählen, daß alte Männer und Frauen stundenlang vor dem Fenster stehen und die Illustrationen betrachten konnten, die ihre frommen Gemüter zu rühren und die Erinnerung an eine entschwundene, vielleicht in Torheit entschwundene Jugend wachzurufen schienen. Falk wurde einen Augenblick von einem gottlosen Gedanken ergriffen, den er aber sofort zu dem sittlichen Inselvolk schickte, das Brot ißt und sein Blut trinkt, und er schämte sich seines Gedankens.
Er steigt zwischen pompejanischen Wandmalereien die breiten Treppen hinauf, die lebhaft an den Weg erinnern, der nicht zur Seligkeit führt, und kommt dann in ein großes Zimmer, das wie der Saal einer Bank eingerichtet ist, mit Pulten, die noch nicht von Kassierern und Buchhaltern eingenommen sind. Mitten im Zimmer steht ein Schreibtisch, groß wie ein Altar, einer Orgel mit vielen Registern gleichend; die Register werden hier von einer ganzen Klaviatur von Knöpfen für Lufttelegraphen mit trompetenähnlichen Sprachrohren gebildet, die die Verbindung mit allen Räumen des Gebäudes herstellen. Daneben steht ein großer Mann in Reitstiefeln, den Priesterrock mit einem Knopf oben am Halse zugeknöpft, so daß er wie ein offner Uniformrock aussieht, mit weißem Halstuch und einer Seekapitänsmaske darüber, denn das richtige Gesicht ist in einer Pultschublade oder einer Packkiste verschwunden. Der große Mann peitscht seine blanken Stiefelschäfte mit einer Reitgerte, deren Knauf, symbolisch, von einem Pferdefuß gebildet wird, und raucht eine starke Regalia, die er eifrig kaut, anscheinend um den Mund in Tätigkeit zu halten. Falk betrachtet den großen Mann mit Erstaunen.
Dies war also die letzte Mode dieser Art Menschen, denn auch in Menschen gibt es Moden. Dies war der große Verkünder, dem es gelungen war, eine Mode daraus zu machen, sündig zu sein, nach Gnade zu dürsten, elend, armselig, erbärmlich, mit einem Wort irgendwie schlecht zu sein. Dieser Mann hatte die Erlösung fashionabel gemacht! Er hatte ein Evangelium für die Große Parkstraße gefunden! Die Gnadenordnung war Sport geworden. Man veranstaltete Wettrennen in Sündigkeit, bei denen der Schlechteste den Preis errang; man stellte Schnitzeljagden nach armen Seelen an, die erlöst werden sollten; aber es gab auch, gestehen wir das, Treibjagden nach Opfern, an denen man sich in Besserung üben wollte, indem man sie zum Gegenstand der grausamsten Wohltätigkeit machte.
»Ach, Herr Falk, Sie sind es!« sagt die Maske. »Willkommen, mein Freund! Sie wollen sich wohl meine Tätigkeit ansehen! Verzeihen Sie, Herr Falk, Sie sind doch erlöst? Ja! Nun also! Dies ist die Expedition der Druckerei-Aktiengesellschaft -- entschuldigen Sie einen Augenblick.«
Er tritt an die Orgel und zieht ein paar Register, worauf man als Antwort ein Pfeifen hört.
»Bitte, sehen Sie sich einstweilen hier um!«
Er setzt den Mund an eine Trompete und ruft: »Siebente Posaune und achtes Weh! Nyström! Schrift Mediäval, 8, vorrätig, Überschriften Fraktur, Namen gesperrt!«
In derselben Trompete antwortet eine Stimme: »Das Manuskript fehlt!« Die Maske setzt sich an die Orgel, nimmt eine Feder und einen Bogen Papier und läßt die Feder über das Papier gleiten, während er durch die Zigarre spricht.
»Diese Tätigkeit -- hat -- solchen Umfang angenommen, -- daß sie -- nahezu meine -- Kräfte übersteigt, -- und -- meine -- Gesundheit würde schlechter sein -- als -- sie ist, -- wenn -- ich sie nicht -- so gut pflegte.«
Er springt auf, zieht ein anderes Register und ruft in eine andere Trompete hinein: »Korrektur von ›Hast du deine Schulden bezahlt?‹« -- Und dann fährt er fort, zugleich zu sprechen und zu schreiben:
»Sie wundern -- sich, -- warum -- ich Reitstiefel -- anhabe. Das hat seinen Grund -- darin, -- daß ich -- viel reite, -- meiner Gesundheit -- wegen ...«
Ein Laufjunge bringt die Korrektur. Die Maske reicht sie Falk und sagt mit der Nase -- weil der Mund beschäftigt ist -- »lesen Sie das!«, während er mit den Augen dem Jungen zuschreit: »Warten!«
»Zweitens -- (mit einer Bewegung der Ohren sagt er prahlerisch zu Falk: Hören Sie, daß ich orientiert bin) -- weil ich finde, -- daß ein Mann des Geistes -- sich -- durch sein -- Äußeres nicht von andern Menschen -- unterscheiden sollte, -- denn das -- nennt -- man geistigen -- Hochmut, und -- es gibt nur -- Anlaß zu -- Lästerungen.«
Ein Buchhalter tritt ein und wird von der Maske mit der Stirnhaut begrüßt, der einzigen Partie, die nicht in Anspruch genommen ist.
Um nicht müßig dazusitzen, nimmt Falk die Korrektur zur Hand und liest. Die Zigarre spricht weiter.
»Alle andern -- Menschen -- haben Reitstiefel, -- ich -- möchte mich -- um keinen Preis von ihnen unterscheiden, -- äußerlich, -- deshalb, -- weil -- ich kein -- Heuchler bin, -- trage ich -- Reitstiefel.«
Darauf gibt er dem Laufjungen das Manuskript und schreit -- mit dem Munde: »Vier Winkelhaken Siebente Posaune für Nyström!« -- Und dann zu Falk gewendet:
»Jetzt bin ich fünf Minuten frei! Wollen Sie, bitte, in den Lagerraum eintreten?«
Zum Buchhalter:
»Was lädt der Zululu?«
»Branntwein,« antwortet der Buchhalter mit einer rostigen Stimme.
»Geht das?« fragt die Maske.
»Es geht!« antwortet der Buchhalter.
»Nun, dann in Gottes Namen! -- Kommen Sie, Herr Falk.«
Sie betreten ein Zimmer, das mit Regalen voll Bücherstößen bekleidet ist. Die Maske schlägt mit der Reitgerte auf die Rücken der Bücher und sagt hochmütig -- ohne Umschweife:
»Dies habe ich geschrieben! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht viel? Sie schreiben ja auch -- etwas! Wenn Sie sich dranhalten, werden Sie eines Tages auch so viel schreiben! --« Er biß und riß an der Zigarre und spuckte die Stückchen aus, die wie Schmeißfliegen umherschwirrten, bevor sie sich auf die Rücken der Bücher setzten; dabei machte er ein Gesicht, als denke er an etwas Verächtliches.
»Versöhnungsfackel? Hm! Ich finde, das ist ein dummer Name! Finden Sie das nicht auch? Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?«
Zum erstenmal hatte Falk Gelegenheit, ihm zu antworten, denn wie alle großen Männer beantwortete er sich seine Fragen selbst; Falks Antwort war nein. Weiter kam er nicht, denn die Maske war schon wieder in Gang.
»Ich finde, das ist ein sehr dummer Name! Und Sie glauben, er zieht?«
»Ich weiß nichts von der Sache und begreife nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie wissen nichts?«
Er nimmt eine Zeitung und zeigt sie.
Falk liest mit Bestürzung folgende Anzeige:
»Zur Subskription: Die Versöhnungsfackel. Zeitschrift für die christliche Welt. Erscheint demnächst, unter der Redaktion von Arvid Falk (Preisträger der Akademie der Wissenschaften). Das erste Heft enthält Haakan Spegels ›Gottes Schöpfung‹, eine Versdichtung von anerkannt religiösem Geist und tiefer Christlichkeit.«
Er hatte vergessen, auch den Spegel abzulehnen, und nun stand er sprachlos da.
»Wie groß ist die Auflage, he? -- Zweitausend, vermute ich. -- Zu wenig! Hat keinen Zweck! Mein Jüngstes Gericht hat zehntausend, und ich stecke doch nicht mehr als -- was soll ich sagen -- fünfzehn netto ein!«
»Fünfzehn?«
»Tausend, junger Mann!«
Die Maske schien ihre Rolle vergessen zu haben und in alte Gewohnheiten zu verfallen.
»Nun also,« fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich ein beliebter Prediger bin, ich kann das ohne Prahlerei sagen, denn die ganze Welt weiß es. Sie wissen, daß ich sehr beliebt bin, ich kann es nun einmal nicht ändern, es ist so. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich wüßte nicht, was die ganze Welt weiß! Also gut, ich werde Ihr Unternehmen im Anfang unterstützen. Sehen Sie sich diesen Sack hier an. Wenn ich Ihnen sage, daß er Briefe enthält, von Damen -- ja, ja, beruhigen Sie sich, ich bin verheiratet --, die mich um meine Photographie bitten, so habe ich nicht zuviel gesagt.«
Es war aber in Wirklichkeit nur ein Beutel, den er aufpeitschte.
»Um den Damen und mir viel Mühe zu ersparen und zugleich einem Menschen einen großen Dienst zu leisten, gedenke ich, Ihnen die Erlaubnis zu geben, meine Biographie zu schreiben, mit Bild, wodurch Ihre erste Nummer in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt würde und Sie mit dieser einen Nummer rund tausend Kronen in die Tasche stecken könnten.«
»Aber Herr Pastor --« (er hätte beinahe Kapitän gesagt) -- »ich weiß nichts von dieser Sache!«
»Macht nichts! Gar nichts! Der Verleger hat mir selbst geschrieben und um mein Bild gebeten. Und Sie sollen meine Biographie schreiben! Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich von einem Freund den Hauptinhalt aufsetzen lassen, so daß Sie nur eine Einleitung zu schreiben brauchen -- kurz und ausdrucksvoll, ein paar Winkelhaken höchstens! Jetzt wissen Sie es!«
Falk war verzagt über so viel weise Voraussicht, und wunderte sich, daß die Photographie dem Original so unähnlich war und die Handschrift des Freundes der der Maske so völlig glich.
Die Maske hatte ihm Bild und Manuskript überreicht und streckte ihm jetzt die Hand hin, um sich danken zu lassen.
»Grüßen Sie -- den Verleger!« -- Er war so nahe daran, Smith zu sagen, daß eine leichte Röte zwischen seinen Backenbärten aufstieg.
»Aber Sie kennen meine Anschauungen ja nicht, Herr Pastor,« protestierte Falk.
»Anschauungen? He? Habe ich nach Ihren Anschauungen gefragt? Ich verlange die Anschauungen eines Menschen nie zu wissen! Gott behüte mich! Ich? Nie!«
Er peitschte noch einmal die Rücken seiner Verlagsartikel, öffnete die Tür, begleitete seinen Biographen hinaus und kehrte zu seinem Altardienst zurück.
Falk konnte wie gewöhnlich, und das war sein Unglück, erst hinterher die passende Antwort finden, und er war schon unten auf der Straße, als sie ihm einfiel. Eine Kellerluke, die zufällig offen stand (und nicht mit Plakaten bedeckt war) nahm Biographie und Porträt in ihren Schoß auf.
Darauf ging er in die nächste Zeitungsredaktion, um einen Protest gegen die »Versöhnungsfackel« in die Presse zu bringen und dann einem sicheren Hungertode entgegenzugehen.
Achtes Kapitel
Armes Vaterland!
Es schlug zehn von der Riddarholmskirche einige Tage später, als Falk vor dem Reichstagsgebäude anlangte, um den Berichterstatter des »Rotkäppchens« in der Zweiten Kammer zu unterstützen. Er beschleunigte seine Schritte, denn in diesem Amt, wo man ordentlich bezahlt wurde, mußte man doch wohl auf den Glockenschlag zur Stelle sein, dachte er. Er ging die Ausschußtreppe hinauf und wurde auf die linke Berichterstattertribüne der Zweiten Kammer gewiesen. Mit einem gewissen feierlichen Gefühl betrat er die wenigen Planken, die wie ein Taubenschlag unter der Decke aufgehängt waren, damit »die Männer des freien Worts von hier aus hören sollten, wie die heiligsten Interessen des Landes von seinen würdigsten Mitgliedern diskutiert wurden«. Dies Ganze war Falk völlig neu, aber er wurde von keinem großen Eindruck überwältigt, als er von seinem Verschlag niederblickte und unter sich den leeren Saal sah, der lebhaft an eine Lancastersche Schule erinnerte. Es war fünf Minuten nach zehn, aber noch war außer ihm keine lebende Seele anwesend. Einige Minuten lang herrschte eine Stille wie in einer Dorfkirche vor der Predigt; ein leises Knabbern tönte durch den Saal. Eine Ratte, denkt er; aber dann entdeckt er auf der Berichterstattertribüne gerade gegenüber eine kleine, verhutzelte Gestalt, die auf dem Geländer einen Bleistift anspitzt, und er sieht, wie die Späne niederschneien und sich unten auf die Tische legen. Es gibt hier nicht vieles, worauf seine Augen ruhen können, als sie an den leeren Wänden umhertasten, aber sie heften sich schließlich auf die alte Wanduhr aus den Zeiten Napoleons +I.+, deren kaiserliche, frisch vergoldete Embleme den aufgewärmten Kohl symbolisieren; aber auch die Zeiger, die zehn Minuten über zehn zeigen, sind -- ironisch -- ein Symbol für etwas, als die Türen im Hintergrunde sich öffnen, und ein Mann hereintritt. Er ist alt; seine Schultern beugen sich schon unter der Last der öffentlichen Ämter, sein Rücken krümmt sich unter dem Gewicht der kommunalen Missionen, sein Hals ist durch das lange Sitzen in feuchten Amtszimmern, Komiteesälen, Bankgewölben usw. aus der Fasson gekommen, es liegt etwas Pensioniertes in seinen leidenschaftslosen Schritten über den langen Kokosläufer, der zum Rednerpult führt. Als er in die Mitte des Ganges kommt, in die Nähe der kaiserlichen Uhr, bleibt er stehen -- er scheint es gewohnt zu sein, mitten auf dem Wege stehenzubleiben und umherzuschauen, aber auch zurück; jetzt jedoch bleibt er stehen, vergleicht seine Spindeluhr mit der Wanduhr, und schüttelt unzufrieden den alten, verbrauchten Kopf: zu schnell, zu schnell! und sein Gesicht drückt eine überirdische Ruhe aus, die Beruhigung, daß seine Uhr nicht zu langsam gehen kann. Er setzt seine Wanderung durch den Gang mit den gleichen Schritten fort, als gehe er auf sein Lebensziel zu, und es ist sehr die Frage, ob er es nicht dahinten in dem ehrenvollen Lehnstuhl neben dem Rednerpult gefunden hat.
Als er das Ziel erreicht hat, macht er halt, holt sein Taschentuch heraus und schnäuzt sich im Stehen; darauf läßt er den Blick über die lauschende Zuhörerschar von Bänken und Tischen schweifen und sagt ein paar bedeutungsvolle Worte, zum Beispiel: »Meine Herren, jetzt habe ich mich geschnäuzt.« Dann setzt er sich und versinkt in eine präsidentenhafte Ruhe, die Schlummer sein könnte, wenn sie nicht Wachen wäre; und, wie er glaubt, allein in dem großen Raum, allein mit seinem Gott, schickt er sich an, Kräfte zu sammeln für die Arbeit des kommenden Tags, als ein starkes Knabbern von links, hoch oben unter dem Dach, ihn aufschreckt; er wirft den Hals herum, daß er mit einem Dreiviertelblick die Ratte morden kann, die in seiner Gegenwart zu knabbern wagt. Falk, der die Stärke der Resonanz in dem Taubenschlag nicht berechnet hatte, nimmt den Todesstoß von dem mordenden Blick entgegen, der sich jedoch beim Niedergleiten von der Decke mildert und leise flüstert -- denn laut wagt er es nicht zu sagen: »Es war nur ein Berichterstatter; ich fürchtete, es sei eine Ratte!« Dann aber überkommt den Mörder tiefe Reue über die Sünde, die sein Auge begangen hat, und er verbirgt sein Gesicht in der Hand -- und weint? -- Nein, er reibt den Fleck fort, den der Anblick eines widrigen Gegenstandes auf der Netzhaut seines Auges hervorgerufen hat.
Nun aber beginnen sich die Türen zu öffnen, die Mitglieder kommen, und die Zeiger der Wanduhr kriechen vorwärts, immer weiter vorwärts. Der Vorsitzende teilt in Form von Händedrücken und Grüßen Gratifikationen an die Guten aus und straft die Bösen, indem er sein Gesicht von ihnen abwendet, denn er muß gerecht sein wie der Höchste.
Jetzt kommt der Berichterstatter vom »Rotkäppchen«, häßlich, nicht ganz nüchtern und verschlafen; trotzdem scheint er ein Vergnügen darin zu finden, die Fragen des Neulings wahrheitsgemäß zu beantworten.
Noch einmal öffnen sich die Türen sperrangelweit, und herein kommt ein Herr mit so sicheren Schritten, als sei er hier zu Hause, der Kammerverweser aus der Steuereinschätzungskanzlei, der Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter; er geht sogar bis an den Sessel, begrüßt den Vorsitzenden wie einen alten Bekannten und wühlt in den Papieren, als wären es seine eigenen.
»Wer ist das?« fragt Falk.
»Das ist der Oberschreiber,« antwortet der Freund vom »Rotkäppchen«.
»Was? Schreibt ihr hier auch?«
»Auch! Das wirst du bald sehen! Sie haben ein ganzes Stockwerk voller Schreiber; die ganzen Böden sitzen voll, und bald werden auch im Keller Schreiber sitzen!«
Jetzt wimmelt es da unten wie in einem Ameisenhaufen. Der Hammer schlägt auf den Tisch, und es wird still. Der Oberschreiber verliest das Protokoll der vorigen Tagung, das ohne Widerspruch genehmigt wird. Dann verliest er ein Gesuch um vierzehntägigen Urlaub für Jon Jonsson aus Lerbak.
Wird bewilligt!
»Gibt es hier auch Urlaube?« fragt der Neuling verwundert.
»Aber natürlich. Jon Jonsson muß nach Hause und in Lerbak Kartoffeln pflanzen.«
Jetzt beginnt sich die Estrade mit jungen Leuten zu füllen, die mit Feder und Papier bewaffnet sind. Lauter alte Bekannte aus Falks Hilfsarbeiterzeit. Sie lassen sich an kleinen Tischen nieder, als wollten sie Preference spielen.
»Das sind die Schreiber,« erklärt das »Rotkäppchen«. -- »Sie scheinen dich zu erkennen!«
Und das ist wirklich der Fall, denn sie setzen ihre Kneifer auf und blicken alle nach dem Taubenschlag hinauf, genau so herablassend, wie die Parkettbesucher im Theater nach der Galerie hinaufsehen. Jetzt flüstern sie untereinander und tauschen Ansichten über einen Abwesenden aus, der sich allem Anschein nach auf dem Stuhl befinden muß, auf dem Falk sitzt. Falk fühlt sich von so viel Aufmerksamkeit so tief gerührt, daß er Struve, der verschlossen, ungeniert, schmutzig und konservativ den Taubenschlag betritt, nicht allzu freundlich begrüßt.
Der Oberschreiber verliest einen Antrag auf Bewilligung neuer Binsenmatten für das Vestibül und neuer Messingnummern für den Galoschenständer.
Bewilligt!
»Wo sitzt die Opposition?« fragt der Uneingeweihte.
»Ja, du, das weiß der Teufel, wo die sitzt.«
»Sie sagen doch zu allem ja!«
»Warte nur noch ein bißchen, dann wirst du schon hören!«
»Sind sie denn noch nicht hier?«
»Hier kommt und geht man, wie es einem gefällt.«
»Das ist ja genau wie bei einer Behörde.«
Der konservative Struve, der diese leichtfertige Rede gehört hat, meint die Regierung repräsentieren zu müssen.
»Was redet der kleine Falk da? Er soll nicht murren!«
Falk braucht eine so lange Zeit, um die passende Antwort zu finden, daß die Verhandlungen unten ihren Anfang nehmen.
»Du mußt dich nicht um ihn kümmern,« tröstet das »Rotkäppchen«; »er ist immer konservativ, wenn er Geld zum Mittagessen hat, und er hat vorhin fünf Kronen von mir gepumpt!«
Der Oberschreiber liest: »54. Bericht des Ausschusses über Ola Hipssons Antrag auf Abschaffung der Pfahlzäune.«
Holzhändler Larsson aus Norrland fordert unbedingte Annahme: »Was soll aus unsern Wäldern werden?« ruft er; »ich will nur fragen: was soll aus unsern Wäldern werden?« Und er wirft sich keuchend auf die Bank nieder. Diese kernige Beredsamkeit ist in den letzten zwanzig Jahren aus der Mode gekommen, und die Szene wird mit Zischen aufgenommen, worauf das Schnaufen auf der norrländischen Bank von selber aufhört.
Der Vertreter Ölands schlägt Sandsteinmauern vor; der Vertreter von Schonen bevorzugt Buchsbaumhecken; die Leute aus Norrbotten sind der Ansicht, daß Pfahlzäune unnötig sind, wenn man keine Äcker hat, und ein Redner auf der Stockholmer Bank meint, die Frage müsse an eine Kommission von Sachverständigen, er betont Sachverständigen, verwiesen werden. Da aber bricht ein Sturm los. Lieber den Tod als eine Kommission! Man verlangt Abstimmung. Der Antrag wird abgelehnt, und die Pfahlzäune werden stehenbleiben, bis sie von selber umfallen.
Der Oberschreiber liest: 66. Bericht des Ausschusses über Karl Jönssons Antrag auf Aufhebung des Beitrages für die Bibelkommission. Bei diesem ehrwürdigen Namen einer hundertjährigen Institution hört sogar das Grinsen auf, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen entsteht im Saal. Wer würde es wagen, die Religion in ihren Grundfesten anzugreifen? Wer würde es wagen, sich der allgemeinen Verurteilung auszusetzen? Der Bischof von Ystad bittet ums Wort.
»Soll ich schreiben?« fragt Falk.
»Nein, das geht uns nichts an, was er sagt.«
Aber der konservative Struve schreibt das folgende Referat:
»Die heil. Interessen des Vaterlandes. Im Namen der Religion und der Menschlichkeit. 829. 1632. Ketzer. Neuerungssucht. Gottes Wort. Menschenwort. Hundert Jahre. Ansgar. Eiferer. Biederk. Unparteilichkeit. Fähigkeit. Lehre. Bestand der schwed. Kirche. Uralte schwedische Ehre. Gustaf +I.+ Gust. +II.+ Höhen von Lützen. Augen Europas. Urteil der Nachwelt. Trauer, Schande. Der grüne Rasen. Wasche meine Hände. Sie haben es nicht gewollt.«
Karl Jönsson bittet ums Wort.
»Jetzt schreiben wir,« sagt das »Rotkäppchen«.
Und sie schreiben, während Struve den Samt des Bischofs bestickt.
»Unsinn. Große Worte. Kommission tagte hundert Jahre. Kosten hunderttausend Kr., neun Erzbischöfe, dreißig Prof., Upsala zus. fünfhundert Jahre. Diätare. Sekretäre. Gehilfen. Nichts geleistet. Probebogen. Schlechte Arbeit. Geld, Geld, Geld! Jedes Ding beim rechten Namen! Humbug. Beamten. Aussaugesystem.«
Nicht eine Stimme erhebt sich, aber bei der geheimen Abstimmung wird der Antrag angenommen.
Während das »Rotkäppchen« mit geübter Hand die holperigen Ausführungen Jönssons zurechtstutzt und eine packende Überschrift darüber setzt, ruht Falk sich aus. Als aber seine Augen die Zuhörertribüne streifen, treffen sie auf einen bekannten Kopf, der auf der Barriere liegt und dessen Besitzer Olle Montanus heißt. Er sieht in diesem Augenblick aus wie ein Hund, der einen Knochen bewacht. Nicht ohne Grund sah er so aus, aber das wußte Falk nicht, da Olle sehr verschwiegen war.
Jetzt erschien unten bei der Bank unter der rechten Galerie, gerade an der Stelle, wo die verhutzelte Gestalt die Späne des Bleistifts hatte niederschneien lassen, ein Herr in blauer Beamtenuniform mit dem Dreispitz unter dem Arm und einer Papierrolle in der Hand.
Der Hammer fiel auf den Tisch, und es entstand ein ironisches, boshaftes Schweigen.
»Schreib,« sagte das »Rotkäppchen«, »aber nimm nur die Zahlen. Ich nehme das andere.«
»Wer ist das?«
»Das sind königliche Anträge.«
Jetzt wurde aus der Papierrolle vorgelesen: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Erhöhung des Beitrags von 50000 Kr. für das Amt zur Vervollkommnung adliger Jünglinge in lebenden Sprachen, unter Rubrik Schreibmaterialien und Ausgaben auf 56000 Kr. 37 Öre.«
»Was sind das für Ausgaben?« fragte Falk.
»Wasserkaraffen, Schirmständer, Spucknäpfe, Jalousien, Diners in Hasselbacken, Gratifikationen und dergleichen. Halt den Mund; es kommt noch mehr!«
Die Papierrolle fährt fort: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Einrichtung von sechzig neuen Offiziersstellen in der westgotländischen Kavallerie.«
»Waren es sechzig?« fragte Falk, dem staatsmännische Angelegenheiten völlig fremd waren.
»Sechzig waren es! Schreibe nur!«
Die Papierrolle entrollte sich knisternd und wurde immer größer und größer.
»Antrag Seiner Majestät des Königs, fünf neue ordentliche Kanzlistenstellen einzurichten in dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.«
Große Bewegung an den Preferencetischen; große Bewegung auf Falks Stuhl.
Die Papierrolle rollte sich knisternd wieder zusammen, der Vorsitzende stand auf, dankte mit einer Verbeugung, die fragte: Ist weiter nichts gefällig?, und der Besitzer der Papierrolle setzte sich auf die Bank und begann die Späne fortzublasen, die der Verhutzelte ausgestreut hatte, aber sein steifer goldgestickter Kragen hinderte ihn, in dieselbe Sünde zu verfallen, die der Vorsitzende in der Frühe begangen hatte.
Die Verhandlungen gingen weiter. Sven Svensson aus Torrlösa bat ums Wort in der Armenfürsorgefrage. Wie auf ein gegebenes Zeichen erheben sich alle Berichterstatter, gähnen und recken sich.
»Jetzt gehen wir hinunter und essen Frühstück,« erklärt das »Rotkäppchen« seinem Schützling. »Wir haben eine Stunde und zehn Minuten Zeit.«
Sven Svensson aber spricht.
Die Mitglieder der Kammer beginnen sich zu rühren, etliche gehen hinaus. Der Vorsitzende spricht mit einigen guten Mitgliedern und drückt dadurch vonseiten der Regierung seine Mißbilligung dessen aus, was Sven Svensson vorbringt. Zwei ältere Mitglieder von der Stockholmer Bank gehen mit einem jungen Herrn, anscheinend einem Neuling, in die Nähe des Redners, um diesen wie ein Wundertier vorzuführen; sie nehmen ihn genau in Augenschein, finden ihn lächerlich und kehren ihm den Rücken.
Das »Rotkäppchen« scheint es für ein Gebot der Höflichkeit zu halten, Falk darüber aufzuklären, daß der Redner die »Zuchtrute« der Kammer ist. Er ist weder kalt noch warm, kann von keiner Partei benutzt werden, ist für kein Interesse zu gewinnen, aber er spricht, spricht. Doch worüber er spricht, das kann niemand sagen, denn es ist niemals in irgendeiner Zeitung über ihn berichtet worden, und keiner hat sich die Mühe gemacht, im Protokoll nachzusehen; die Schreiber an den Tischen aber haben geschworen, wenn sie einmal zur Macht kämen, seinetwegen die Gesetze ändern zu lassen.
Falk jedoch, der eine gewisse Schwäche für alles Unbeachtete hat, bleibt im Saal und hört, was er schon lange nicht mehr gehört hat: einen Ehrenmann, der untadelig seinen Weg geht und die Klage der Unterdrückten und Mißhandelten vorbringt -- und niemand hört ihn an.
Struve hat beim Anblick des Landmanns schnell seinen Entschluß gefaßt und ist in die Kneipe hinuntergegangen, wohin ihm jetzt die andern folgen und wo sie die halbe Kammer treffen.
Als sie gegessen haben und etwas angeheitert sind, gehen sie wieder hinauf, setzen sich auf die Hühnersteige und hören noch eine Weile Sven Svensson reden, oder richtiger, sehen ihn reden, denn jetzt ist die Unterhaltung nach dem Frühstück so lebhaft, daß man kein Wort von dem Sprecher hört.
Aber es nimmt doch einmal ein Ende. Niemand hat etwas einzuwenden, irgendeine Folge hat die Rede nicht, es ist, als sei sie überhaupt nicht gehalten worden.
Der Oberschreiber, der unterdes einmal in seine Ämter hat laufen können, um seine Postzeitungen durchzusehen und sein Feuer im Ofen zu schüren, ist jetzt wieder auf seinem Platz und liest:
»72. Denkschrift des Staatsausschusses über den Antrag Per Ilssons aus Träskaala, 10000 Kr. zur Restaurierung der alten Schnitzarbeiten in der Kirche von Träskaala zu bewilligen.«
Der Hundekopf auf der Barriere der Zuhörertribüne sah drohend aus, als wolle er seinen Knochen bewachen.
»Kennst du diese Mißgestalt da hinten auf der Tribüne?« fragte das »Rotkäppchen«.
»Olle Montanus, ja, das will ich meinen.«
»Weißt du, daß er der Landsmann von dem Träskaalaer ist? O, das ist ein pfiffiger Kerl! Sieh dir den sprechenden Kopf an, jetzt wo der Mann aus Träskaala spricht.«
Per Ilsson hat das Wort.
Struve wendet mit Verachtung dem Sprecher den Rücken und schneidet sich ein Stück Tabak ab, Falk und das »Rotkäppchen« halten die Bleistifte zur Aktion bereit.
»Nimm du die Redensarten,« sagt das »Rotkäppchen«, »ich notiere die Tatsachen.«
Falks Papier war nach einer Viertelstunde mit folgenden Buchstaben bedeckt:
»Vaterl. Kultur. Ökon. Interessen. Vorw. d. Materialism. Nach Fichte Mater. Vaterl. Kult. nicht Mater. Ergo Vorw. hinfällig. Ehrw. Tempel im Glanz der Morgensonne. Turm bis in die Wolken. Heidn. Zeit. Philos. nicht träumen lassen. Heil. Rechte der Nation. Heil. Inter. d. Vaterl. Kult. Akad. der Wissensch. u. d. Künste.«
Dies Sammelsurium, das zum Teil Heiterkeit erregt hatte, besonders bei der Ausgrabung des toten Fichte, rief doch eine Erwiderung von der hauptstädtischen Bank und von der Bank von Upsala hervor:
Der erste sagte: obwohl er weder die Kirche von Träskaala noch Fichte kenne, und obwohl er nicht wisse, ob die alten Gipsonkel zehntausend Kronen wert seien, so glaube er doch seinen Beifall ausdrücken zu müssen, um einen schönen Antrag in der Kammer zu unterstützen, denn es sei das erstemal, daß die Majorität zu etwas anderem Geld verlange als zu Brücken, Zäunen, Volksschulen und ähnlichem.
Der Redner auf der Upsalaer Bank meinte (nach Struves Aufzeichnungen): der Antragsteller habe +a priori+ recht; seine Prämisse: die vaterländische Kultur müsse gepflegt werden, sei richtig; seine Schlußfolgerung: die zehntausend Kronen müßten gezahlt werden, sei bindend; der Zweck, die Absicht, die Tendenz sei schön, löblich, vaterländisch, aber hier sei doch ein Fehler begangen worden. Von wem? Vom Vaterlande? Vom Staat? Von der Kirche? Nein! Von dem Antragsteller! Verstandesmäßig gesehen habe der Antragsteller recht und deshalb könne der Redner nicht anders, er wiederhole das noch einmal, als den Zweck, die Absicht, die Tendenz loben, und er werde das Schicksal des Antrags mit den wärmsten Sympathien begleiten; er fordere die Kammer auf, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Kultur und im Namen der Kunst, dem Antrag zuzustimmen; er selbst aber müsse den Antrag ablehnen, da er, begriffsmäßig, falsch, unmotiviert, uneigentlich sei, denn er wolle den Begriff des Orts unter den des Staats subsumieren.
Der Kopf auf der Zuhörertribüne rollte die Augen und bewegte die Lippen konvulsivisch, während die Abstimmung vorgenommen wurde, aber als sie vollzogen und der Antrag genehmigt worden war, explodierte der Kopf und verschwand durch die mißvergnügte und gepuffte Zuhörerschar.
Falk glaubte den Zusammenhang zwischen Per Ilssons Antrag und Olles Anwesenheit und Verschwinden zu begreifen. Struve, der nach dem Frühstück noch konservativer und lärmender geworden war, äußerte sich rückhaltlos über dies und jenes. Das »Rotkäppchen« war ruhig und gleichgültig; er hatte aufgehört, sich zu wundern.
Aber aus der dunklen Wolke von Menschen, in die Olle Montanus einen Spalt gerissen hatte, tauchte jetzt klar und hell und leuchtend wie eine Sonne ein Gesicht auf, und Arvid Falk, der seine Blicke dorthin gewandt hatte, mußte die Augen niederschlagen und sich abwenden -- es war sein Bruder, das Haupt der Familie, die Ehre des Namens, der ihn einmal groß und glänzend machen würde. Hinter Nikolaus Falks Schultern sah man die Hälfte eines schwarzen Gesichts mit milden, falschen Zügen, das dem Blonden Heimlichkeiten zuzuflüstern schien. Falk hatte nur eben Zeit, sich über die Anwesenheit des Bruders in diesem Hause zu wundern, weil er seinen Unwillen gegen die neue Staatsform gut kannte, als der Vorsitzende auch schon Anders Andersson die Befugnis erteilte, einen Antrag einzubringen; diese Befugnis machte sich Andersson mit großer Ruhe zunutze und las: »Auf Grund hinreichender Vorkommnisse stelle ich hiermit den Antrag, der Reichstag möge von sich aus den Beschluß fassen, daß Seine Majestät der König bei allen Aktiengesellschaften, deren Statuten er sanktioniert, solidarisch verantwortlich ist.«
Die Sonne verlor ihren Schein auf der Zuhörertribüne, und im Saal erhob sich ein Orkan.
Graf von Splint hat das Wort:
»+Quousque tandem Catilina!+ So weit mußte es kommen! Man vergißt sich so sehr, daß man die Regierung zu tadeln wagt! Hören Sie, meine Herren! Man tadelt die Regierung, oder, was schlimmer ist, man macht sie zur Zielscheibe eines Scherzes, eines rohen Scherzes, denn anders kann man diesen Antrag wohl nicht auffassen. Ein Scherz, sage ich, nein, ein Attentat, ein Verrat! O mein Vaterland! Deine unwürdigen Söhne haben vergessen, was sie dir schuldig sind! Aber wie kann es auch anders sein, da du deine Ritterwacht, deinen Schild, deine Wehr verloren hast. Ich fordere, daß Per Andersson, oder wie der Mann heißt, seinen Antrag zurückzieht, oder, bei Gott, er soll sehen, daß König und Vaterland noch treue Verteidiger haben, die wohl einen Stein heben können, um die vielköpfige Hydra des Verrats zu zerschmettern!«
Beifall von der Zuhörertribüne, Unwille im Saal.
»Ha, glaubt ihr, ich fürchte mich!«
Der Redner arbeitet mit den Armen, als würfe er mit Steinen, die Hydra aber lacht mit ihren hundert Gesichtern. Der Redner sucht nach einer andern Hydra, die nicht lacht, und er findet die Referententribüne.
»Dort! Dort!« Er deutet nach dem Taubenschlage hinauf und schleudert Blicke, als sehe er in der Wand den Abgrund sich auftun. »Dort sitzt das Rabennest! Ich höre ihr Gekrächz, aber sie können mich nicht einschüchtern! Auf, schwedische Männer, haut den Baum ab, sägt die Bretter durch, reißt die Balken nieder, zertretet die Stühle, zertrümmert die Pulte, in Splitter nicht größer als so« (er mißt ein Stück vom kleinen Finger ab) »und verbrennt das ganze Gesindel mit Mann und Maus, dann sollt ihr sehen, wie das Reich in Ruhe blüht und wie seine Pflanzen gedeihen. So spricht ein schwedischer Edelmann! Denkt daran, Bauern!«
Diese Rede, die vor drei Jahren am Ritterhausmarkt mit Bravorufen begrüßt und wörtlich ins Protokoll aufgenommen worden wäre, um später separat gedruckt und an alle staatlichen Volksschulen und andere allgemeine Wohltätigkeitseinrichtungen verteilt zu werden, wurde jetzt als ein Amüsement angesehen, im Protokoll gehörig berichtigt und sonderbarerweise nur in den Oppositionsblättern erwähnt, die sonst nicht gern so etwas aufnehmen.
Darauf baten die Upsalaer ums Wort. Der Redner war in der Sache vollkommen mit dem Vorredner einig und hatte mit seinem feinen Ohr etwas von dem einstigen Schwerterklang in dessen Rede vernommen; jetzt wolle er selbst über die Idee der Aktiengesellschaft als Idee sprechen, aber er bat darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß die Aktiengesellschaft keine Ansammlung von Geld sei, keine Vereinigung von Personen, sondern die Aktiengesellschaft sei eine moralische Persönlichkeit und als solche unzurechnungsfähig --
Jetzt erhob sich im Saal ein solches Gelächter und Geschwätz, daß der Referent nichts mehr von der Rede verstehen konnte, die damit endete, daß die Interessen des Vaterlandes auf dem Spiel ständen, begriffsmäßig genommen; würde der Antrag nicht abgelehnt, so würden die Interessen des Vaterlandes vernachlässigt und somit der Staat in Gefahr geraten.
Sechs Redner beschäftigten sich bis zur Mittagspause damit, Auszüge aus der offiziellen Statistik Schwedens, aus Naumanns Verfassung, aus dem Juristischen Handbuch und aus der Göteborger Handelszeitung vorzulegen, und immer war die Schlußfolgerung, das Vaterland sei in Gefahr, wenn Seine Majestät der König für alle Aktiengesellschaften, deren Statuten von ihm sanktioniert worden seien, solidarisch verantwortlich gemacht werde, und die Interessen des Vaterlandes ständen auf dem Spiel. Einer war kühn genug, zu behaupten, die Interessen des Vaterlandes ständen auf einem Becherwurf, während ein anderer meinte, sie ständen auf einer Karte; manche waren der Ansicht, sie hingen an einem Haar, während der letzte Redner vorzog, zu sagen, sie hingen an einem Faden.
Vor Beginn der Mittagspause wurde die Verweisung an einen Ausschuß abgelehnt, das heißt, das Vaterland brauchte nicht mehr durch die Ausschußmühle, das Kanzleisieb, die Reichshäckselkiste, die Keulenschwinge und den Presselärm zu gehen. Das Vaterland war gerettet! Armes Vaterland!
Neuntes Kapitel
Verschreibungen
Karl Nikolaus Falk und seine liebe Frau saßen einige Zeit nach den Ereignissen des vorigen Kapitels eines Morgens am Kaffeetisch. Der Mann war, gegen seine Gewohnheit, nicht in Schlafrock und Pantoffeln, und die Frau hatte einen kostbaren Morgenrock an.
»Ja, du, sie sind gestern hier gewesen und haben alle fünf ihr Leid geklagt,« sagte die Frau mit einem munteren Lachen.
»Das ist doch ver...«
»Nikolaus! Besinne dich! Du stehst jetzt nicht mehr hinterm Ladentisch!«
»Was soll ich denn sagen, wenn ich wütend werde?«
»Erstens wird man nicht wütend, man wird böse! Und dann kann man sagen: ›Das ist sehr merkwürdig!‹«
»Nun, es ist also sehr merkwürdig, daß du mich immer mit unangenehmen Dingen traktieren mußt. Sprich nicht ständig von so etwas, was mich in Wut bringt.«
»Ärgert, mein Alter! -- So, ich soll also immer meinen Kummer allein tragen, du aber lastest ...«
»Lädst heißt es.«
»Lastest heißt es, deinen Ärger mir auf. Sag, hast du mir das versprochen, als wir uns heirateten?«
»Nun, nun, nur keine Auseinandersetzungen, keine Logik! Sprich nur weiter! Sie waren also alle fünf hier, die Mama und deine fünf Schwestern!«
»Vier Schwestern! Du hast wirklich nicht viel Liebe zu deinen Verwandten!«
»Zu deinen Verwandten! Das hast du doch auch nicht!«
»Nein! Ich mag sie nicht!«
»Nun also, sie waren hier und haben darüber gejammert, daß dein Schwager aus dem Amt gejagt ist, das hatten sie im ›Vaterland‹ gelesen. War es nicht so?«
»Jawohl! Und dann waren sie unverschämt genug, mir zu sagen, ich hätte jetzt keine Berechtigung mehr, dicknäsig zu sein.«
»Hochmütig, Altchen!«
»Dicknäsig, haben sie gesagt; ich würde mich nie herabgelassen haben, einen solchen Ausdruck anzuwenden!«
»Nun, was hast du denn geantwortet? Du hast es ihnen wohl ordentlich gegeben?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Und zwar so, daß die Alte drohte, nie mehr ihren Fuß über meine Schwelle zu setzen.«
»Ach, hat sie das gesagt? Glaubst du, daß sie Wort hält?«
»Nein, das glaube ich nicht! Aber sicher ist, daß der Alte ...«
»Du sollst nicht ›der Alte‹ von deinem Vater sagen, wenn einer es hört.«
»Glaubst du, dann würde ich mir das erlauben? -- Jedenfalls kommt der Alte -- unter uns -- nie mehr hierher.«
Falk versank in tiefes Nachdenken. Dann nahm er wieder das Wort:
»Ist deine Mutter hochmütig? Ist sie leicht zu verletzen? Ich verletze so ungern Menschen, wie du weißt! Du mußt mir ihre schwachen, empfindlichen Seiten aufzählen, dann werde ich vermeiden, ihnen zu nah zu kommen.«
»Ob sie hochmütig ist? Das weißt du doch, auf ihre Art. Wenn sie zum Beispiel erführe, daß wir eine Gesellschaft gegeben und sie und die Schwestern nicht eingeladen hätten, dann würde sie nie wieder herkommen.«
»Sicher nicht?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen!«
»Es ist merkwürdig, daß Leute ihres Standes ...«
»Was redest du?«
»Nun, nun! Daß Frauen so empfindlich sein können! Sag einmal, wie steht es augenblicklich mit deinem Verein? Wie nanntest du ihn doch?«
»Für Frauenrechte!«
»Was sollen das für Rechte sein?«
»Nun, die Frau soll über ihr Vermögen selbst verfügen können.«
»Kannst du das denn nicht?«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Ja, was hast du denn für Vermögen, über das du nicht verfügen darfst?«
»Dein halbes Vermögen, mein Alter! Meinen gesetzlichen Anteil als deine Ehefrau!«
»Himmeldonnerwetter, wer hat dich solche Dummheiten gelehrt?«
»Das sind keine Dummheiten, das ist der Geist der Zeit, siehst du. Die neue Gesetzgebung müßte so werden: Ich hätte bei unserer Heirat die Hälfte bekommen müssen, und für diese Hälfte hätte ich kaufen können, was ich wollte.«
»Und wenn du sie ausgegeben hättest, müßte ich dich doch versorgen? Ich würde mich hüten!«
»Du würdest wohl dazu gezwungen werden, sonst kommst du ins Arbeitshaus! So steht es im Gesetz, wenn einer seine Frau nicht versorgen will.«
»Nein, höre einmal, jetzt geht es zu weit! Aber abgesehen davon: habt ihr eine Sitzung gehabt? Was sind denn da für Leute gewesen? Erzähle doch!«
»Wir stellen jetzt in den vorbereitenden Sitzungen erst die Statuten auf.«
»Nun, was sind denn für Leute da?«
»Vorläufig erst Frau Revisor Homan und Ihre Gnaden Rehnhjelm.«
»Rehnhjelm! Das ist ein recht guter Name! Mir ist, als hätte ich ihn schon früher einmal gehört. Aber war nicht auch von einem Nähverein die Rede, den ihr gründen wolltet?«
»Stiften, heißt es! Ja, und denke nur, Pastor Skaare will einmal abends kommen und eine Vorlesung halten.«
»Pastor Skaare ist ein vortrefflicher Prediger und verkehrt in der vornehmen Welt. Es ist recht, mein Altchen, daß du schlechte Gesellschaft meidest. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Menschen als schlechte Gesellschaft. Das hat mein Vater immer gesagt und das ist einer meiner strengsten Grundsätze geworden.«
Die Frau las Brotkrümel auf und versuchte mit ihnen ihre leere Kaffeetasse zu füllen; der Mann wühlte in der Westentasche nach seinen Zahnstochern, um etwas Kaffee zu entfernen, der sich zwischen den Zähnen festgesetzt hatte.
Die beiden Ehegatten genierten sich voreinander. Jeder kannte die Gedanken des andern, und sie wußten, wer zuerst das Schweigen brach, würde eine Dummheit sagen, etwas Kompromittierendes. Sie suchten in aller Stille nach neuen Themen, prüften sie, fanden sie aber untauglich; alle standen in irgendeiner Beziehung zu dem eben Gesprochenen oder waren damit in Verbindung zu bringen. Falk versuchte einen Fehler im Arrangement des Tisches zu entdecken, der sich seinen Unwillen zuziehen konnte. Die Frau blickte aus dem Fenster, um eventuell einen Wetterumschlag zu konstatieren, aber -- vergeblich.
Da kam der Diener und brachte mit den Zeitungen den Rettungsanker, während er zugleich Herrn Levin meldete.
»Lassen Sie ihn warten!« befahl der Herr des Hauses.
Darauf ließ er die Stiefel eine Weile über die Dielen knarren, damit der arme Wartende draußen auf dem Korridor beizeiten von seinem hohen Kommen unterrichtet würde.
Levin, auf den das neu erfundene Warten auf dem Korridor einen lebhaften Eindruck machte, wurde schließlich, zitternd, in das Zimmer des Hausherrn geführt, wo er kurz wie ein Bittsteller empfangen wurde.
»Hast du das Wechselformular bei dir?« fragte Falk.
»Ich glaube,« antwortete der Bestürzte und holte ein Bündel Schuldscheine und Wechselformulare aller möglichen Gattungen aus der Tasche. -- »Zu welcher Bank möchtest du am liebsten gehen? Ich habe Formulare für sozusagen alle.«
Trotz dem feierlichen Charakter der Situation mußte Falk lachen, als er halbausgefüllte Schuldscheine sah, auf denen der eine Name fehlte, ausgeschriebene Wechsel ohne Akzeptanten und fertige Wechsel, die refüsiert worden waren.
»Wir nehmen wohl die Reiferbank,« sagte Falk.
»Das ist wirklich die einzige, die nicht geht, weil -- man -- mich dort kennt!«
»Nun, dann die Schuhmacherbank, die Schneiderbank, irgend eine, aber rasch!«
Man einigte sich auf die Schreinerbank.
»Nun,« sagte Falk mit einem Blick, als habe er die Seele des andern gekauft, »jetzt mußt du dir einen neuen Anzug bestellen, aber bei einem Uniformschneider, damit du später deine Uniform auf Kredit bekommst.«
»Uniform? Die brauche ich nicht ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Sie muß Donnerstag nächster Woche fertig sein, wenn ich meine große Gesellschaft gebe. Du weißt, ich habe mein Geschäft mit Lager verkauft und bekomme morgen das Bürgerrecht als Großhändler.«
»Oh, ich gratuliere ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Jetzt gehst du nach Skeppsholm und machst einen Besuch! Durch dein falsches Wesen und dein unerhörtes Talent, Unsinn zu schwatzen, hast du meine Schwiegermutter erobert. Gut! Nun frage sie, wie sie über meine große Gesellschaft am vorigen Sonntag denkt.«
»Über deine ...? Hast du ...?«
»Schweig und gehorche nur! -- Dann wird sie grüne Augen machen und fragen, ob du eingeladen gewesen seist! Das bist du natürlich nicht, da ich überhaupt keine Gesellschaft gegeben habe. Gut! Ihr äußert gegenseitig euer Mißvergnügen, werdet gute Freunde, verleumdet mich, ich weiß, das kannst du; aber meine Frau mußt du loben! Verstehst du?«
»Nein, nicht ganz!«
»Das brauchst du auch nicht, gehorche nur! Noch eins: Du kannst Nyström sagen, ich sei so hochmütig geworden, daß ich nicht mehr mit ihm verkehren wolle. Sage das rundheraus, dann sagst du doch einmal die Wahrheit! -- Nein, halt! Wir wollen damit noch etwas warten. Du gehst zu ihm, sprichst von der Bedeutung des Donnerstags, stellst ihm die großen Vorteile vor, die vielen Wohltaten, die glänzenden Aussichten und so weiter. Du verstehst.«
»Ich verstehe!«
»Aber dann gehst du zum Buchdrucker mit dem Manuskript, und dann ...«
»Dann stoßen wir ihn nieder!«
»Ja, wenn du dich so ausdrücken willst, meinetwegen!«
»Und ich lese auf der Gesellschaft die Verse vor und teile sie aus?«
»Hm, ja! Noch eins! Versuche mit meinem Bruder zusammenzukommen! Erkunde seine ganzen Verhältnisse und mit wem er verkehrt! Hefte dich an ihn, stiehl sein Vertrauen -- das ist leicht; werde sein Freund! Sage ihm, ich hätte ihn betrogen, sage ihm, ich sei hochmütig, und frage ihn, wieviel er dafür verlangt, seinen Namen abzulegen!«
Levins weißes Gesicht wurde von einem leichten grünen Schatten überzogen, der ein Erröten vorstellen sollte.
»Dies letzte ist nicht schön,« sagte er.
»Was? Hör einmal! Noch eins! Als Geschäftsmann möchte ich meine Angelegenheiten in Ordnung haben! Ich bürge für eine soundso große Summe, -- ich muß sie bezahlen, das ist doch klar!«
»Oh! Oh!«
»Ach rede nicht! Im Falle eines Todes habe ich keine Sicherheit. Schreibe mir diesen Schuldschein aus, ausgestellt auf den Inhaber und auf Sicht zahlbar; das ist ja nur eine Formalität!«
Bei dem Worte Inhaber ging ein leichtes Zittern durch Levins Glieder, und er faßte zögernd die Feder, obwohl er genau wußte, daß es keinen Rückzug gab. Er sah eine Perspektive von schäbigen Kerlen, die Spalier standen, mit Stöcken in den Händen, Kneifern vor den Augen, die Brusttaschen geschwollen von gestempelten Schriftstücken, er hörte Klopfen an Türen, Laufen auf Treppen, Vorladungen, Drohungen, Fristgewährungen; hörte die Rathausuhr schlagen, während die Männer ihre spanischen Rohre schulterten und er mit einem Klotz am Bein zum Richtplatz geführt wurde, wo man ihn selber laufen ließ, während seine Bürgerehre beim Jubel der Menge unter dem Beil fiel.
Er unterschrieb. Die Audienz war zu Ende.
Zehntes Kapitel
Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«
Schweden hatte vierzig Jahre lang gearbeitet, um die Berechtigung zu erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt, Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen, was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren, der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte, stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich verrechnet zu haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert; unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten, daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne. Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes Elend im Lande war.
Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte (falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte jetzt zu den Konservativen. Aber -- hier war ein Aber, das freilich die Gesellschaft nicht sehr bedrückte -- man mußte den Chefredakteur wechseln um sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur, der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder, die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren, akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein, weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als unverheiratete.
Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von ziemlich guter Figur, mit langem, wallendem, blondem Vollbart, der alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen, offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen. Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt -- in wenigen Worten -- war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten, streng aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren; die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit, die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem Ministerfrack dürste -- er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke, oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde, wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen, sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und im »Graumützchen« gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre, hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger Art, und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen, wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.
Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe in dieser Rolle Mamsell -- wie sie nun gerade hieß -- imitiert. Daß dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als Theaterkritiker gehörte, daß er taub war. Da es mehrere Jahre dauerte, bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül, als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte, konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das glaubte er.
Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen, wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben -- wie hätte er es auch anders wagen sollen --, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick; deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter Gemütsverfassung.
Es war folgendes geschehen:
Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren, nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie angehörte, erschien der »Professor in Karls +IX.+« Er wurde so genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls +IX.+ Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls +IX.+ Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf den Oppositionsmann und sein Bild fielen.
»Ach, Sie sind auch wieder hier?« -- Er setzte den Kneifer auf. »So, dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr! Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg! Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was meinst du dazu, lieber Bruder?«
Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.
Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen umwechselte.
Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, -- bei verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2. Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«
Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten, waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen, teils um beizeiten ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine Gegner es ungerecht fanden, -- und dann weiß man Bescheid. Nicht genug damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.
Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen, und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine Seele verloren ging, war ein Wunder.
Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten, mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet hätten; wie diese Räuber den Geschmack verdürben und die Künstler demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung, völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn, zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.
Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.
»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt, wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan und der »Unbestechliche« bestochen sei.
Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu bekommen.
Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der König habe Selléns »meisterhafte Landschaft« angekauft, die bereits seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.
Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen? Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen auch die Anschauungen eine andere Farbe an. -- Darauf war Struve an das »Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der größten Freiheit mißbrauchte.
Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der »Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«
Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles schrieb -- außer über kufische Münzen --, schrieb jetzt eine glänzende Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst charakteristischen +Dixi+. Und da war das »Graumützchen« gerettet und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.
Elftes Kapitel
Glückliche Menschen
Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet, frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt, und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine Uhr heraus, seine alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen, daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat, das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz einfach: er hat Arbeit gefunden!
Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch, zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren, intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm, stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und Beschützer trennen muß.
»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«
»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«
»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«
»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau, wieviel mir noch fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder Olle, wollen wir über die Sache reden.«
Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:
»Potztausend, wie fein du bist!«
»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«
Und Sellén peitscht seine Lackschuhe mit dem Stöckchen, riecht verschämt an der Blume im Knopfloch und sieht sehr gleichgültig aus.
Da aber holt Olle seine Kartoffel heraus, um nachzusehen, ob Lundell nicht bald kommt; und da muß Sellén sein Fernglas nehmen, um nach den Galerien hinaufzusehen, ob er vielleicht dort sitzt. Dann aber darf Olle mit der Hand über die Samtjacke streichen, um zu fühlen, wie weich sie ist, denn Sellén versichert, daß es für den Preis ungewöhnlich guter Samt ist. Und da muß Olle fragen, was er kostet, und das weiß Sellén, der zur Revanche Olles Manschettenknöpfe bewundert, die aus Muscheln gemacht sind.
Und dann erscheint Lundell, der bei dem großen Schmaus auch einen Knochen abbekommen hat, denn er soll für geringen Preis das Altarbild für die Kirche in Träskaala malen; aber das hat keinen sichtbaren Einfluß auf seinen äußeren Menschen gehabt, abgesehen davon, daß seine fetten Wangen und sein strahlendes Gesicht eine bessere Diät andeuten. Und mit ihm kommt Falk. Ernst, aber froh, ehrlich froh im Namen der ganzen Welt, weil dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren ist.
»Ich gratuliere dir, Sellén, aber das war nicht mehr als recht,« sagte er. -- Und das findet Sellén auch.
»Ich habe seit fünf Jahren ebenso gut gemalt, weißt du, und man hat gegrinst; man hat noch vorgestern gegrinst; aber jetzt! Pfui Teufel, sind das Menschen! Sieh, diesen Brief habe ich von diesem Idioten, dem Professor in Karls +IX.+, bekommen.«
Große Augen und scharfe Augen, denn den Tyrannen möchte man gern in der Nähe sehen, ihn in den Händen halten und wenigstens das Papier mißhandeln, auf dem er seinen Namen geschrieben hat.
»›Mein bester Herr Sellén!‹ Hört nur! -- ›Ich heiße Sie in unserer Mitte willkommen!‹ -- Die Kanaille hat Angst! -- ›Ich habe immer eine hohe Meinung von Ihrem Talent gehabt!‹ -- So ein Heuchler! Zerreißt den Wisch und laßt uns seine Dummheit vergessen!«
Und dann nötigt Sellén zum Trinken; er stößt mit Falk an und spricht die Hoffnung aus, er werde auch bald in irgendeiner Weise durch seine Feder von sich hören lassen; Falk zögert und errötet und verspricht, das zu tun, wenn die Zeit da sei, aber seine Studienzeit werde lange dauern; er bittet die Freunde, nicht die Geduld zu verlieren, wenn er auf sich warten lasse, und dankt Sellén für die gute Kameradschaft, in der er gelernt habe, Geduld zu üben und Entbehrungen zu ertragen. Sellén jedoch sagt, er solle keinen Unsinn schwatzen; was es für eine Kunst sei, zu leiden, wenn man keine andere Wahl habe, und inwiefern es merkwürdig sei, zu entsagen, wenn man nichts bekomme?
Olle aber lacht so gütig, und die Hemdbrust schwillt vor Freude, so daß man die roten Hosenträger sieht, und er trinkt auf Lundells Wohl und rät ihm, sich Sellén zum Vorbild zu nehmen, damit er nicht um der ägyptischen Fleischtöpfe willen das Gelobte Land vergesse; denn er habe Talent, das habe Olle gesehen, und zwar immer, wenn er er selber bleibe und seine eigenen Gedanken male; sobald er aber heuchle und fremde Gedanken male, dann sei er schlechter als andere; deshalb solle er jetzt dies Altarbild als ein Geschäft auffassen, durch das er in die Lage versetzt werde, später nach eigenem Kopf und Herzen zu malen.
Falk will die Gelegenheit wahrnehmen und heraushören, was Olle über sich selbst und seine Kunst denkt, etwas, was ihm schon lange ein Rätsel ist, als Ygberg das Rote Zimmer betritt. Man bestürmt ihn im nächsten Augenblick mit Einladungen, Platz zu nehmen, denn man hatte ihn in den stürmischen Tagen vergessen, und will ihm nun zeigen, daß es nicht aus egoistischen Gründen geschehen ist; Olle aber wühlt in seiner rechten Westentasche, und mit einer Geste, die sehr unauffällig sein soll, stopft er einen zusammengerollten Papierlappen in Ygbergs Rocktasche, und dieser versteht, denn er antwortet mit einem dankbaren Blick.
Ygberg trinkt Sellén zu und meint, man könne wohl sagen, was er bereits an anderer Stelle ausgesprochen habe, Sellén habe sein Glück gemacht. Anderseits wieder könne man auch behaupten, das sei nicht der Fall. Sellén sei noch nicht entwickelt, er brauche noch viele Jahre, denn die Kunst sei lang, das wisse Ygberg selbst, der entschiedenes Pech gehabt habe und deshalb nicht in den Verdacht kommen könne, einen zu beneiden, der bereits so anerkannt sei wie Sellén.
Der aus Ygbergs Rede sprechende Neid rief eine leichte Wolke an dem sonnigen Himmel hervor, aber nur für einen Augenblick, denn alle wußten, daß der Neid durch die Bitterkeit eines langen, verlorenen Lebens zu entschuldigen war.
Mit desto froheren Gefühlen überreichte Ygberg gönnerhaft Falk eine neugedruckte kleine Schrift, und dieser sah mit Erstaunen das schwarze Bild der Ulrika Eleonora sich auf dem Umschlag abzeichnen. Ygberg erklärte, er habe die Bestellung auf den Tag abgeliefert. Smith habe Falks Absage und seinen Widerruf mit größter Ruhe entgegengenommen und sei jetzt im Begriff, Falks Gedichte zu drucken.
Die Gaslampen verloren ihren Schein vor Falks Augen, und er versank in tiefe Gedanken, weil sein Herz zu voll war, um sich Luft machen zu können. Seine Gedichte sollten gedruckt werden, und Smith würde die hohen Kosten bestreiten. Es mußte also etwas daran sein! Das war genug zum Nachdenken für diesen Abend.
Rasch enteilten die Stunden dieses Abends den Glücklichen, und die Musik verstummte, und die Gaslampen wurden ausgelöscht; man mußte gehen, aber es war noch zu früh, sich zu trennen, und so machten sie einen Spaziergang an den Kaien entlang unter endlosen Gesprächen und philosophischen Erörterungen, bis sie müde und durstig wurden; da endlich schlug Lundell vor, die Gesellschaft zu Marie zu führen, bei der sie Bier bekommen würden. Und nun wanderten sie nach Ladugaardsland hinaus und kamen in eine Gasse, die auf den Zaun eines ans unbebaute Land grenzenden Tabakfeldes mündete. Da standen sie nun vor einem alten zweistöckigen Steinhause, das nach der Straße einen Giebel hatte. Über der Tür grinsten zwei in die Mauer eingesetzte Köpfe aus Sandstein, deren Ohren und Kinn sich in Blatt- und Schneckenformen auflösten, die ein Schwert und ein Beil umgaben. Dies war das alte Scharfrichterhaus. Lundell, der mit der Örtlichkeit bekannt zu sein schien, gab ein Signal vor einem Fenster zu ebener Erde, worauf das Rouleau hochgezogen und eine Scheibe geöffnet wurde; ein Frauenkopf sah heraus und fragte, ob es Albert sei. Als Lundell sich zu diesem seinem +Nom de guerre+ bekannte, schloß die Frau die Tür auf und ließ die Gesellschaft herein gegen das Versprechen, leise zu sein; da dieses Versprechen ohne Schwierigkeit gegeben werden konnte, so befand sich das Rote Zimmer bald im Hause und wurde Marie unter schnell angenommenen Namen vorgestellt.
Das Zimmer war nicht groß; es war früher eine Küche gewesen, und der Herd war noch darin. Das Meublement bestand aus einer Kommode, wie Dienstmädchen sie haben; darauf ein Spiegel mit einer weißen Musselingardine; über dem Spiegel eine kolorierte Lithographie, die den Erlöser am Kreuz darstellte; die Kommode war überladen mit kleinen Porzellangegenständen, Parfümflaschen, einem Gesangbuch und einem Aschbecher und schien mit ihrem Spiegel und den zwei brennenden Stearinkerzen einen kleinen Hausaltar zu bilden. Über dem Ausziehsofa, das noch nicht aufgemacht war, saß Karl +XV.+ zu Pferde, umgeben von Ausschnitten aus dem »Vaterland«, die meistens Polizeibeamte darstellten, diese Feinde aller Magdalenen. Am Fenster vegetierten eine Fuchsia, ein Geranium und eine Myrte, -- der stolze Baum der Venus neben den Pflanzen des Armenhauses. Auf dem Nähtisch lag ein Photographiealbum. Auf der ersten Seite war der König, auf der zweiten und dritten Papa und Mama, arme Landleute, auf der vierten ein Student -- der Verführer --, auf der fünften das Kind, und auf der letzten der Bräutigam -- ein Handwerker. Das war ihre Geschichte, die übliche. An einem Nagel neben dem Herd hing ein elegantes Kleid mit reichen Plissees, ein Samtmantel und ein Hut mit Federn -- das war das Feengewand, in dem sie ausging, um Jünglinge zu fangen. Und sie selbst! Eine stattliche vierundzwanzigjährige Frau von gewöhnlichem Aussehen. Leichtsinn und durchwachte Nächte hatte ihrem Teint diese durchsichtige Weiße gegeben, welche die Reichen, die nicht arbeiten, auszuzeichnen pflegt, aber ihre Hände trugen noch die Spuren der mühsamen Arbeit ihrer Jugend. In einen schönen Schlafrock gekleidet, mit gelöstem Haar, konnte sie wohl für eine Magdalena gelten. Sie hatte ein verhältnismäßig schamhaftes Wesen und war heiter, höflich und gesittet in ihrem Benehmen.
Die Gesellschaft verteilte sich in Gruppen, setzte die unterbrochene Unterhaltung fort und nahm neue Themen auf. Falk, der jetzt Dichter war und in allem etwas Interessantes finden wollte, auch in dem Banalsten, vertiefte sich in ein sentimentales Gespräch mit Marie, was ihr sehr gefiel, weil es ihr schmeichelte, als Mensch behandelt zu werden. Sie kamen wie gewöhnlich auf ihre Geschichte und die Motive, aus denen sie ihre Laufbahn gewählt hatte. Bei der ersten Verführung hielt sie sich nicht lange auf; »das sei nicht der Rede wert«; desto düsterer schilderte sie ihre Zeit als Dienstmädchen, dies Sklavenleben unter den Launen und Zänkereien einer beschäftigungslosen Frau, dies Leben der Arbeit ohne Ende. Nein, dann lieber die Freiheit!
»Ja, aber wenn Sie dieses Lebens einmal überdrüssig werden?«
»Dann verheirate ich mich mit Westergren!«
»Und er will Sie haben?«
»Er freut sich schon jetzt auf den Tag, und übrigens mache ich dann selbst mit meinem Ersparten einen kleinen Handel auf. Aber danach haben schon so viele gefragt. -- Hast du Zigarren?«
»Ja, die habe ich! Aber jetzt wollen wir hiervon reden!«
Er nahm ihr Album und schlug den Studenten auf -- es ist immer ein Student mit weißer Binde und der Studentenmütze auf den Knien, von tölpelhaftem Aussehen, der den Mephistopheles spielt.
»Wer ist das?«
»Ach du, das war ein netter Junge!«
»Der Verführer? Was?«
»Still du! Es war meine Schuld ebenso gut wie seine, und so ist es immer, mein Bester; beide haben Schuld! Da siehst du mein Kind! Das hat der liebe Gott zu sich genommen, und das war wohl das beste. Aber jetzt wollen wir von etwas anderem sprechen! -- Was ist das für ein lustiger Kerl, den Albert heute abend mitgebracht hat? Der da am Herd sitzt neben dem Langen, der bis an den Schornstein reicht?«
Olle, dem diese Worte galten, fühlte sich ganz beschämt über die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die seine Person erregte, und er drehte an seinem gebrannten Haar, das nach den vielen Libationen schon wieder glatt wurde.
»Das ist Diakonus Maansson,« sagte Lundell.
»Pfui Teufel, ist das ein Pfaffe? Ich hätte es ja an seinen verschmitzten Augen sehen können. -- Wißt ihr, vorige Woche war auch einer hier. -- Komm her, Masse, laß dich anschaun!«
Olle kroch vom Herd herunter, auf dem er gesessen und mit Ygberg Kants kategorischen Imperativ diskutiert hatte. Er war so gar nicht daran gewöhnt, von Frauen beachtet zu werden, daß er sich sofort jünger fühlte, und mit schlendernden Schritten ging er auf die Schöne zu, die er mit einem Auge bereits beobachtet und bezaubernd gefunden hatte. Er drehte seinen Schnurrbart so gut wie möglich und fragte mit gezierter Stimme, während er eine Verbeugung riskierte, die nicht in der Tanzstunde gelernt war:
»Finden Sie, Fräulein, daß ich wie ein Pastor aussehe?«
»Nein, jetzt sehe ich, daß du einen Schnurrbart hast. Du hast zu saubere Kleider an, um ein Handwerker zu sein -- laß mich deine Hand sehen, -- ach, du bist doch Schmied!«
Olle war rief gekränkt.
»Bin ich so häßlich, mein Fräulein?« sagte Olle mit rührender Stimme.
Marie sah ihn einen Augenblick an.
»Du bist recht häßlich! Aber du siehst nett aus!«
»O mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie weh Sie meinem Herzen tun. Mich hat noch nie eine Frau liebgehabt; ich kenne so viele, die glücklich sind, obwohl sie häßlicher waren als ich, aber das Weib ist ein verwünschtes Rätsel, das kein Mensch lösen kann, und deshalb verachte ich die Frau!«
»Gut! Olle,« ertönte eine Stimme aus dem Schornstein, wo Ygbergs Kopf saß. »Sehr gut!«
Olle wollte nach dem Herd zurückkehren, aber er hatte ein Thema berührt, das Marie zu sehr interessierte, als daß sie es hätte abbrechen mögen, und er hatte eine Saite angeschlagen, deren Ton sie kannte. Sie setzte sich neben ihn, und sie vertieften sich bald in eine weitschweifige, ernste Diskussion -- über Weib und Liebe.
Rehnhjelm aber, der den ganzen Abend still, stiller als gewöhnlich gewesen war, und aus dem keiner recht klug wurde, war allmählich etwas aufgelebt und saß jetzt in Falks Nähe in der Sofaecke. Er hatte schon lange etwas auf dem Herzen, was ihm nicht über die Lippen wollte. Er nahm sein Bierglas und klopfte auf den Tisch, als wolle er eine Rede halten, und als seine nächsten Nachbarn verstummt waren, sprach er mit zitternder und nachlässiger Stimme:
»Meine Herren! Sie denken, ich bin ein Rindvieh, ich weiß, Falk, ich weiß, daß du mich für dumm hältst, aber ihr sollt sehen, Jungens, ihr sollt sehen, hol mich der Teufel ...«
Er hob die Stimme und schlug das Bierglas auf den Tisch, daß es zerbrach, worauf er auf das Sofa zurücksank und einschlief.
Diese Szene, die nicht ganz ungewöhnlich war, erregte doch Maries Aufmerksamkeit. Sie stand auf und brach ihre Unterhaltung mit Olle ab, der obendrein die rein abstrakte Seite der Frage zu verlassen begann.
»Nein, so ein hübscher Bengel! Wo habt ihr den her? Armer Junge! Er ist so müde. Ich habe ihn gar nicht gesehen!«
Sie legte ihm ein Kissen unter den Kopf und breitete ihren Schal über ihn. »Seht nur diese kleinen Hände! Solche habt ihr Bauernjungens nicht! Und dies Gesicht! So unschuldig! Pfui, Albert; du hast ihn verleitet, so viel zu trinken!«
Ob es nun Lundell gewesen war oder ein anderer, war in diesem Falle unwesentlich, denn der Mann war betrunken; sicher war aber, daß niemand ihn zu verleiten brauchte, denn ihn verzehrte eine ständige Begierde, eine innere Unruhe zu betäuben, die ihn von seiner Arbeit wegzutreiben schien.
Lundell war jedoch nicht entzückt über die Betrachtungen, die sein schöner Freund veranlaßte, und der wachsende Rausch spornte seine religiösen Gefühle an, die an diesem Abend infolge des reichlichen Essens ziemlich stumpf gewesen waren. Und da der Rausch allgemein zu werden begann, nahm er Veranlassung, an die Bedeutung des Abends zu erinnern und an die Gefühle, die ein Abschied hervorruft. Er erhob sich von seinem Platz, füllte das Bierglas, lehnte sich gegen die Kommode und appellierte an die allgemeine Aufmerksamkeit.
»Meine Herren« -- er erinnerte sich der Anwesenheit Magdalenas -- »und Damen. Wir haben heute abend gegessen und getrunken, und zwar, um zum Thema zu kommen, in der Absicht, jetzt von dem Materiellen abzusehen, das nur der niedere, sinnliche, tierische Bestandteil unseres Wesens ist, in einem Augenblick wie diesem, da die Stunde des Abschieds naht -- wir sehen hier ein betrübliches Beispiel des Lasters, das wir das Laster der Trunksucht nennen! Es ist in Wahrheit erschütternd für das religiöse Gefühl! Wenn man nach einem Abend, den man im Freundeskreise verbracht hat, sich veranlaßt fühlt, ein Glas auf den zu trinken, der sein seltenes Talent gezeigt hat -- ich meine Sellén --, dann sollte man doch denken, daß die Achtung vor einem selbst sich in irgendeiner Weise geltend machte. Ein solches Beispiel, betone ich, hat hienieden in einer höheren Potenz sich zu erkennen gegeben; ich erinnere mich der schönen Worte, die mir stets in den Ohren klingen werden, solange ich lebe, und ich bin überzeugt, daß wir uns alle ihrer erinnern, wenn auch der Ort nicht sehr geeignet ist; dieser junge Mann, der, soviel ich sehe, dem Laster zum Opfer gefallen ist, das wir Trunksucht nennen wollen, hat sich leider in unsere Gesellschaft eingeschlichen und, um mich kurz zu fassen, traurigere Resultate gezeitigt, als man hätte erwarten sollen. Prosit, edler Freund Sellén, ich wünsche dir alles Glück, das dein edles Herz verdient! Und auch dein Wohl, Olle Montanus! Falk ist ebenfalls ein edler Mann, der sich in größerem Maße bemerkbar machen wird, wenn seine religiösen Gefühle die Festigkeit erlangt haben, die sein Charakter zu verbürgen scheint. Von Ygberg will ich nicht sprechen, denn er hat jetzt endlich seinen Entschluß gefaßt, und wir wünschen ihm alles Gute für die Laufbahn, die er so schön begonnen hat -- die philosophische; es ist eine schwere Laufbahn, und ich sage mit dem Psalmisten: Wer kann es uns sagen? Wir haben jedoch allen Anlaß, für unsere Zukunft das Beste zu erhoffen, und ich glaube, wir können stets auf sie rechnen, solange wir edel von Gefühl sind und nicht nach schnödem Gewinn trachten, denn, meine Herren, ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh. Deshalb möchte ich die Herren alle miteinander auffordern, ihre Gläser zu heben und sie bis zum Grund zu leeren auf alles Edle, Schöne und Herrliche, das wir erstreben! Prosit, meine Herren!«
Das religiöse Gefühl begann jetzt Lundell zu überwältigen, in so hohem Grade, daß die Gesellschaft es geraten fand, an Aufbruch zu denken.
Das Rouleau war schon eine gute Weile vom Tageslicht beleuchtet worden, und die Landschaft mit der Ritterburg und der Jungfrau strahlte jetzt im ersten Glanz der Morgensonne. Als es hochgezogen wurde, fiel das Tageslicht voll in das Zimmer und beleuchtete diejenigen von der Gesellschaft, die sich in der Nähe des Fensters befanden, so daß sie wie Leichen aussahen. Ygberg, der auf dem Herd schief, die Hände um das Bierglas gefaltet, hatte noch den roten Schein vom Stearinlicht im Gesicht und gab einen vortrefflichen Effekt. Olle aber hielt Reden auf das Weib, auf den Frühling, auf die Sonne, auf das Universum, wobei er das Fenster aufmachen mußte, um für seine Gefühle Luft zu bekommen. Die Schlafenden wurden aufgerüttelt, Abschiedsgrüße wurden gewechselt, und die ganze Gesellschaft ging durch den Torweg hinaus. Als sie auf die Gasse kamen, drehte Falk sich um; da lag Magdalena im offenen Fenster; die Sonne schien auf ihr weißes Gesicht, und ihr langes, schwarzes Haar, das von der Sonne dunkelrot gefärbt wurde, glitt am Halse herunter und sah aus, als stürze es sich in mehreren Rinnsalen auf die Straße hinab; und über ihrem Kopf hingen Schwert und Beil und die beiden grinsenden Gesichter. In einem Apfelbaum auf der anderen Seite der Gasse aber saß ein schwarz und weißer Fliegenschnäpper und sang sein milzsüchtiges Lied als Ausdruck seiner Freude, daß die Nacht vorbei war.
Zwölftes Kapitel
Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton
Levi war ein junger Mann, der, zum Kaufmann geboren und erzogen, eben im Begriff stand, sich mit Hilfe seines reichen Vaters selbständig zu machen, als der Vater starb und nichts hinterließ als eine unversorgte Familie. Das war eine große Enttäuschung für den jungen Mann, denn er war jetzt in den Jahren, da er meinte, selber mit arbeiten aufhören und andere für sich arbeiten lassen zu können; er war fünfundzwanzig Jahre alt und hatte ein vorteilhaftes Äußeres; breite Schultern und das völlige Fehlen von Hüften machten seinen Rumpf besonders geeignet, einen Gehrock in der Weise zu tragen, wie er es so oft bei gewissen ausländischen Diplomaten bewundert hatte; sein Brustkorb hatte von Natur die elegante Wölbung, die einer Hemdbrust mit vier Knöpfen volle Elevation geben kann, auch wenn der Träger auf dem Lehnstuhl an der Schmalseite eines langen, mit Mitgliedern vollbesetzten Direktionstisches niedersinkt; ein schön geteilter Vollbart gab seinem jungen Gesicht ein einnehmendes und zugleich vertrauenerweckendes Aussehen; seine kleinen Füße waren dazu geschaffen, über einen Brüsseler Teppich in einem Direktionsbüro zu schreiten, und seine wohlgepflegten Hände eigneten sich besonders gut für eine leichtere Arbeit, zum Beispiel, seinen Namen zu unterzeichnen, am liebsten auf gedruckten Formularen. In dieser Zeit, die man heute die gute nennt, obwohl sie tatsächlich für viele recht bös war, hatte man soeben die große Entdeckung -- die größte des Jahrhunderts -- gemacht: -- daß es billiger und angenehmer ist, vom Gelde anderer zu leben als von seiner eigenen Arbeit. Viele, viele hatten sie sich schon zunutze gemacht, und da sie nicht patentamtlich geschützt war, darf niemand sich wundern, daß auch Levi sich beeilte, sich ihrer zu bedienen, besonders da er selber jetzt kein Geld besaß und keine Lust hatte, für eine Familie zu arbeiten, die nicht seine eigene war.
Er zog also eines Tages seinen besten Anzug an und lenkte seine Schritte zu seinem Onkel Smith.
»So, also du hast eine Idee; nun, laß hören! Es ist gut, Ideen zu haben.«
»Ich wollte eine Aktiengesellschaft gründen.«
»Schön! Dann wird Aron Rechnungsführer, Simon Sekretär, Isaak Kassierer und die andern Jungen Buchhalter; das ist eine gute Idee. Nun weiter! Was für eine Gesellschaft soll es sein?«
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft, habe ich gedacht.«
»So so, das ist schön! Alle Menschen müssen ihre Sachen versichern, wenn sie eine Seereise machen. Aber deine Idee? Nun?«
»Das ist meine Idee!«
»Das ist keine Idee! Wir haben doch die große Gesellschaft Neptun! Nun also! Das ist eine gute Gesellschaft! Deine muß besser sein, wenn du mit ihr konkurrieren willst! Was ist das Neue an deiner Gesellschaft?«
»Oh, ich verstehe! Ich ermäßige die Prämien, dann bekomme ich alle Kunden des Neptun!«
»Ja, das ist eine Idee! Also der Prospekt, den ich natürlich drucken lasse, enthält als Ouvertüre: ›Da es ein lange empfundenes Bedürfnis ist, die Seeversicherungsprämien herabzusetzen, dies aber aus Mangel an Konkurrenz nicht geschehen ist, so geben sich Unterzeichnete hiermit die Ehre, zur Aktienzeichnung für die Gesellschaft‹ ... Nun?«
»Triton!«
»Triton? Was ist das für ein Mann?«
»Das ist ein Meergott!«
»Na schön! Triton! Das wird ein gutes Plakat. Das mußt du bei Rauch in Berlin machen lassen, dann wird es nachher in ›Unser Land‹ abgedruckt. Nun also! Unterzeichnete! Ja! das wäre zunächst ich! Aber wir müssen große, gute Namen haben! Gib mir den Staatskalender her! So!«
Smith blätterte eine gute Weile.
»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft müßte einen hohen Seeoffizier haben. Nun, warte einmal! Admiral nennt man das ja wohl!«
»Ach, die haben ja kein Geld!«
»Ei, ei, ei! Verstehst du so wenig von Geschäften, mein Junge? Sie zeichnen, brauchen aber nicht einzubezahlen, und dann bekommen sie ihre Zinsen dafür, daß sie die Generalversammlungen besuchen und an den Diners beim Direktor teilnehmen. Nun also! Hier sind zwei Admirale! Der eine hat das Ordensband des Polarsterns, der andere aber hat den russischen Annenorden! Was macht man da! -- Ja! -- Nun also! -- Wir nehmen den Russen, denn Rußland ist ein gutes Seeversicherungsland! So!«
»Aber glaubst du denn, Onkel, daß sie sich so einfach nehmen lassen?«
»Ach, sei doch still! Jetzt müssen wir einen ehemaligen Minister haben! -- So! Nun also! Mit dem Titel Exzellenz! Ja! Gut! -- und dann einen Grafen! Das ist schwieriger! Grafen haben so viel Geld! Wir nehmen einen Professor! Die haben nicht viel Geld! Gibt es Professoren der Schiffahrt? Das wäre gut für das Geschäft! Ist neben dem Restaurant vom Südtheater nicht ein Segelklub? Ja! Nun also! Jetzt ist die Sache in Ordnung! Ach, ich habe das Wichtigste vergessen. Ein Jurist! Ein Justizrat! Nun also! -- Da haben wir ihn!«
»Ja, den; aber wir haben noch kein Geld!«
»Geld! Was soll man mit Geld, wenn man eine Gesellschaft gründet! Muß nicht der, der sein Gut versichert, das selber bezahlen? Jawohl! Sollen wir für ihn bezahlen? Nein! Also die Leute müssen mit ihren Prämien bezahlen! Nun also!«
»Aber das Grundkapital?«
»Ach! Man schreibt Grundkapital-Obligationen aus.«
»Ja, aber man muß einen Teil auch bar einzahlen!«
»Jawohl, man zahlt bar ein mit Obligationen. Ist das nicht bezahlen? Nun also! Wenn ich dir eine Obligation für eine bestimmte Summe gebe, so bekommst du in jeder Bank Geld darauf. Ist eine Obligation also kein Geld? Nun also! Und in welchem Gesetz steht, daß bar dasselbe ist wie Banknoten? Dann sind Privatbanknoten auch kein Bargeld! Was?«
»Wie groß muß das Grundkapital sein?«
»Sehr klein! Man darf keine großen Kapitalien festlegen. Eine Million! Davon werden dreihunderttausend bar eingezahlt, der Rest in Obligationen!«
»Aber, aber, aber! Die dreihunderrtausend Kronen müssen doch wohl in Banknoten eingezahlt werden?«
»O du mein Schöpfer! Banknoten? Banknoten sind doch kein Geld! Hat man Banknoten, ist es gut, hat man keine, auch gut! Nun also! Deshalb muß man kleine Leute interessieren, die nur Banknoten haben!«
»Aber die großen? Womit bezahlen die?«
»Mit Aktien, Obligationen, Schuldscheinen natürlich! Nun, nun, nun! Das kommt später! Laß sie nur zeichnen, so werden wir das übrige schon arrangieren!«
»Aber nur dreihunderttausend? So viel kostet ja ein einziger großer Dampfer! Wenn man nun tausend Dampfer versichert?«
»Tausend? Oh! Neptun hatte achtundvierzigtausend Versicherungen im vorigen Jahr und hat sich nur gerade so gehalten!«
»Nun, um so schlimmer! Aber wenn -- wenn es nun schief geht ...«
»Dann liquidiert man!«
»Liquidiert?«
»Ja, macht Konkurs! Das nennt man so! Und was tut es, wenn die Aktiengesellschaft Konkurs macht? Nicht du, nicht ich, nicht er macht Konkurs! Sonst aber pflegt man eine neue Aktienausgabe zu machen, oder man fertigt Obligationen aus, die dann in schweren Zeiten vom Staat preiswert eingelöst werden können!«
»Es ist also kein Risiko?«
»Gar keins! Übrigens, was hast du zu riskieren? Hast du einen Pfennig? Nein! Nun also! Was habe ich zu riskieren? Fünfhundert Kronen! Ich nehme nicht mehr als fünf Aktien, siehst du! Und fünfhundert sind für mich so viel!«
Er nahm eine Prise Schnupftabak, und damit war die Sache in Ordnung.
Diese Gesellschaft kam zustande, man mag es glauben oder nicht, und sie verteilte in den zehn Jahren ihrer bisherigen Tätigkeit 6, 10, 10, 11, 20, 11, 5, 10, 36 und 20 Prozent. Man schlug sich um die Aktien; und um das Geschäft erweitern zu können, wurde eine neue Aktienemission vorgenommen, gleich darauf aber wurde eine Generalversammlung einberufen, und über diese sollte Falk jetzt für das »Rotkäppchen« referieren, dessen außerordentlicher Berichterstatter er war.
Als er an einem sonnigen Nachmittag im Juni in den Kleinen Börsensaal kam, wimmelte es dort schon von Leuten. Es war eine glänzende Gesellschaft. Staatsmänner, Genies, Gelehrte, Militärs und Zivilbeamte der höchsten Rangstufen, Uniformen, Doktorfracks, Orden, Kommandeurbänder, -- all diese Leute wurden von einem gemeinsamen großen Interesse hierhergezogen, der Förderung dieser menschenliebenden Institution, die man Seeversicherung nennt. Und es ist eine große Liebe erforderlich, um sein Geld für den in einer Notlage befindlichen Nächsten aufs Spiel zu setzen, der vom Unglück betroffen wird; so viel Liebe hatte Falk nie auf einmal beisammen gesehen! Er war fast verwundert darüber, obwohl er der Illusionen noch nicht gänzlich beraubt war; aber seine Verwunderung wuchs, als er den kleinen Schuft, den ehemaligen Sozialdemokraten Struve, wie ein Ungeziefer in dem Gewimmel umherkriechen sah und beobachtete, wie hochgestellte Persönlichkeiten ihm die Hand drückten, ihm auf die Schulter schlugen, ihm zunickten und ihn ansprachen. Besonders fiel ihm auf, wie er von einem älteren Herrn mit Ordensband begrüßt wurde und wie Struve bei diesem Gruß doch errötete und sich hinter einem bestickten Rücken verbarg; dadurch kam er in Falks Nähe, der ihn sofort festhielt und ihn fragte, wen er eben gegrüßt habe.
Struves Verlegenheit steigerte sich in hohem Grade, und er mußte bei der Antwort seine ganze Frechheit zu Hilfe nehmen: »Das müßtest du eigentlich wissen! Das ist der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter.«
Als er das gesagt hatte, mußte er hinüber an das andere Ende des Saales, aber so eilig, daß Falk ein Verdacht überkam: Sollte dieser Mensch sich meiner Gesellschaft schämen? Sollte ein Ehrloser sich durch die Gesellschaft eines anständigen Menschen geniert fühlen?
Jetzt begann die glänzende Versammlung ihre Plätze einzunehmen. Aber der Stuhl des Vorsitzenden war noch leer. Falk blickte sich nach dem Tisch der Berichterstatter um, und als er Struve neben dem Referenten des Konservativen rechts von dem Sekretär an einem Tisch sitzen sah, faßte er sich ein Herz und schritt mitten durch die glänzende Versammlung hindurch; aber gerade als er den Tisch erreicht hatte, wurde er von dem Sekretär zurückgehalten, der ihn fragte: »Für welche Zeitung?«
Eine momentane Stille entstand im Saal, und mit bebender Stimme antwortete Falk: »Rotkäppchen«, denn er erkannte in dem Sekretär den Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.
Ein ersticktes Gemurmel durchlief die Versammlung, worauf der Sekretär mit lauter Stimme sagte: »Ihr Platz ist dort hinten.« Er deutete nach der Tür, wo wirklich ein kleiner Tisch stand. Da erfaßte Falk in einem einzigen Augenblick, was konservativ bedeutete, und was Schriftsteller hieß, wenn man nicht konservativ war, und mit siedendem Blut ging er durch die hohnlachende Menge zurück; aber als er sie mit brennenden Blicken musterte, als wolle er sie herausfordern, begegnete sein Auge einem andern, ganz hinten an der Wand; und diese Augen, die so sehr jenem andern Augenpaar glichen, das jetzt erloschen war, ihn aber dereinst mit Liebe angesehen hatte, waren grün vor Bosheit und durchbohrten ihn wie eine Nadel, und er hätte weinen mögen vor Kummer, daß ein Bruder einen Bruder so ansehen konnte.
Er nahm seinen bescheidenen Platz an der Tür ein und ging nicht seiner Wege, nur weil er nicht fliehen wollte. Bald wurde er aus seiner scheinbaren Ruhe von einem Herrn geweckt, der jetzt hereintrat und ihn beim Ausziehen des Überrocks in den Rücken stieß, worauf ein paar Gummischuhe unter seinen Stuhl gestellt wurden. Der Eintretende wurde von der Versammlung begrüßt, die sich wie ein Mann erhob. Es war der Präsident der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton, aber er war mehr. Es war ein früherer Reichsmarschall, ein Freiherr, einer von den Achtzehn der Schwedischen Akademie, Exzellenz und Kommandeur des Hausordens Seiner Majestät des Königs usw.
Der Hammer schlug auf den Tisch, und der Präsident flüsterte unter lautlosem Schweigen die folgende Begrüßungsrede (die er kurz vorher in einer Steinkohlenaktiengesellschaft in den Räumen der Kunstgewerbeschule gehalten hatte): »Meine Herren! Unter allen patriotischen und für die Menschheit heilbringenden Unternehmungen dürften wenige, wenn nicht gar keine, so edler und in ihren Absichten menschenfreundlicher Art sein wie eine Versicherungsgesellschaft.«
»Bravo, bravo!« rauschte es durch die Versammlung, ohne auf den Marschall irgendeinen Eindruck zu machen.
»Was ist das Menschenleben anders als ein Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod, kann man sagen, gegen die Naturkräfte, und wenigen von uns dürfte es wohl erspart bleiben, früher oder später mit ihnen in Streit zu geraten.«
»Bravo!«
»Lange ist der Mensch, besonders im Naturstadium, ein Raub der Elemente gewesen; ein Spielball, ein Handschuh, der wie ein Rohr vom Winde hierhin und dorthin geweht wurde! Heute ist das anders! Ganz anders! Der Mensch hat revoltiert, in einer unblutigen Revolution, nicht in der Weise, wie ehrvergessene Vaterlandsverräter bisweilen gegen ihre gesetzlichen Herrscher vorgegangen sind, nein, gegen die Natur, meine Herren! Er hat den Naturkräften den Krieg erklärt und gesagt: Bis hierher und nicht weiter!«
»Bravo! Bravo!« (Händeklatschen.)
»Der Kaufmann sendet sein Schiff, seinen Dampfer, seine Brigg, seinen Schoner, seine Bark, seine Jacht, was weiß ich, aus. Der Sturm zerschmettert das Fahrzeug! Der Kaufmann sagt: Zerschmettere du nur! Und der Kaufmann hat nichts verloren! Das ist der große Gesichtspunkt, der große Gedanke der Versicherungsidee! Bedenken Sie, meine Herren, der Kaufmann hat dem Sturm den Krieg erklärt -- und der Kaufmann hat gesiegt.«
Ein Orkan von Beifallsrufen rief ein Siegerlächeln auf den Lippen des großen Mannes hervor, und er sah aus, als tue dieser Orkan ihm sehr wohl.
»Aber meine Herren! Wir dürfen die Institution der Seeversicherung kein Geschäft nennen! Es ist kein Geschäft! Wir sind keine Geschäftsleute, um alles in der Welt nicht! Wir haben Geld zusammengeschossen, das wir aufs Spiel zu setzen bereit sind, nicht wahr, meine Herren?«
»Sehr richtig!«
»Wir haben Geld zusammengeschossen, sage ich, um es für den vom Unglück Betroffenen bereit zu stellen; denn den Prozentsatz, den er zahlt, ein Prozent ist es, glaube ich, kann man keine Einzahlung nennen; deshalb haben wir dafür sehr richtig den Namen Prämie, nicht als wenn wir irgendeine Belohnung nehmen wollten -- Prämie bedeutet Belohnung -- für unsere geringen Dienste, die wir -- ich für meine Person möchte das aussprechen, nur aus Interesse, aus reinem Interesse -- an der Sache leisten, und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß einer von uns sich bedenken würde, das kommt wohl gar nicht in Frage, ich glaube nicht, daß einer von den Herren es auch nur schmerzlich empfinden würde, wenn sein Zuschuß, wie ich die Aktien nennen möchte, im Interesse der Sache verwandt würde.«
»Nein, nein!«
»Und nun bitte ich den Herrn geschäftsführenden Direktor, den Jahresbericht zu verlesen.«
Der Direktor stand auf. Er sah bleich aus, als habe er einen Sturm durchgemacht, seine großen Manschetten mit den Onyxknöpfen vermochten kaum ein leises Zittern der Hand zu verbergen, seine listigen Augen suchten aus Smiths bärtigem Gesicht Trost und Geisteskraft zu schöpfen, er schlug den Rock auf und ließ die breite Hemdbrust schwellen, als wolle er einen Schauer von Pfeilen auffangen, -- und dann las er.
»Wunderbar und nicht vorauszusehen sind in Wahrheit die Schickungen der Vorsehung --«
Bei dem Worte Vorsehung erblaßte ein guter Teil der Versammlung; aber der Reichsmarschall hob seine Augen zur Decke, als sei er auf den schlimmsten Schlag gefaßt (einen Verlust von zweihundert Kronen).
»Das soeben beendete Versicherungsjahr wird in den Annalen lange als ein Kreuz auf dem Grabe der Unglücksfälle stehen, die der Voraussicht des Weisesten Hohn gesprochen und die Berechnungen des Vorsichtigsten über den Haufen geworfen haben.«
Der Reichsmarschall legte die Hände vor die Augen, als bete er, Struve aber dachte, die weiße Brandmauer sei schuld, und stürzte ans Fenster, um die Vorhänge herunterzulassen, doch der Sekretär kam ihm zuvor.
Der Vorlesende trank ein Glas Wasser. Das rief einen Ausbruch der Ungeduld hervor.
»Zur Sache! Ziffern!«
Der Reichsmarschall nahm die Hand von den Augen und war bestürzt, es dunkler zu finden als vorher. Ein Augenblick der Verlegenheit, und der Sturm war im Anzug. Man vergaß allen Respekt!
»Zur Sache! Weiter!«
Der Direktor mußte einen Haufen von Phrasen überspringen und direkt auf die Sache losgehen.
»Also gut, meine Herren, ich werde mich kurz fassen.«
»Vorwärts, zum Donnerwetter!«
Der Hammer fiel auf den Tisch. »Meine Herren!« Es lag so viel Ritterhaus in diesem einen »Meine Herren!«, daß man sich sofort der Achtung erinnerte, die man sich selber schuldig war.
»Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre die Haftung für rund 169 Millionen übernommen!«
»Hört! Hört!«
»Und hat an Prämien anderthalb Millionen vereinnahmt.«
»Bravo!«
(Falk stellte hier in aller Eile eine kleine Berechnung an und konstatierte: wenn der ganze Prämienbetrag, anderthalb Millionen, angesetzt wurde, dazu das gesamte Grundkapital in einer Höhe von einer Million -- ungefähr -- so blieben noch 166 Millionen, für die die Gesellschaft die Kühnheit besessen hatte, die Haftung zu übernehmen, und er begann den Sinn des Ausspruches von den Schickungen der Vorsehung zu erfassen.)
»An Schadenersatz hat die Gesellschaft bedauerlicherweise 1728670 Kronen, 8 Ör auszahlen müssen.«
»Schändlich!«
»Wie Sie sehen, meine Herren, hat die Vorsehung ..«
»Lassen Sie die Vorsehung aus dem Spiel! Ziffern! Ziffern! Die Dividende!«
»Mit Schmerz und Bedauern kann ich in meiner beklagenswerten Eigenschaft als geschäftsführender Direktor unter den augenblicklichen ungünstigen Verhältnissen keine andere Gewinnverteilung in Vorschlag bringen als fünf Prozent des eingezahlten Kapitals.«
Jetzt brach der Sturm los, den kein Kaufmann der Welt besiegen konnte.
»Schändlich! Unverschämt! Schwindler! Fünf Prozent! Pfui Teufel! Da kann man ja sein Geld verschenken!«
Aber man hörte auch menschenfreundlichere Äußerungen, wie zum Beispiel: »Die armen kleinen Kapitalisten, die nur von ihrem Gelde leben! Was soll aus denen werden! Gott behüte, so ein Unglück! Hier muß der Staat schleunig helfen! Oh! Oh!«
Als es möglich wurde fortzufahren, verlas der Direktor die Elogen, die der Aufsichtsrat dem geschäftsführenden Direktor und allen Beamten hatte zuteil werden lassen, die »mit unermüdlichem Fleiß und ungeteiltem Eifer die undankbare Aufgabe übernommen hätten« usw. Das wurde mit offenem, ehrlichem Hohn angehört.
Darauf wurde der Bericht der Revisoren verlesen. Sie hatten (nach einem erneuten Ausfall gegen die Vorsehung) die Geschäfte in guter, um nicht zu sagen, vortrefflicher Ordnung und bei der Inventuraufnahme alle Garantiefonds-Obligationen als richtig (!) befunden, weshalb sie den Antrag stellten, den Geschäftsführern Entlastung zu erteilen unter lebhafter Anerkennung ihres ehrlichen und mühevollen Strebens.
Die Entlastung wurde natürlich erteilt. Darauf erklärte der geschäftsführende Direktor, er meine die ihm zustehende Tantieme (hundert Kronen) nicht annehmen zu dürfen, sondern wolle sie dem Reservefonds überweisen. Das wurde mit Beifall und Lachen aufgenommen. Nach einem kurzen Abendgebet, das heißt nach einer demütigen Bitte, die Vorsehung möge im nächsten Jahre zwanzig Prozent geben, wurde die Versammlung vom Reichsmarschall geschlossen.
Dreizehntes Kapitel
Die Schickungen der Vorsehung
Frau Falk hatte am selben Nachmittag, als ihr Mann zu der Versammlung des Triton gegangen war, ihr neues blaues Samtkleid geschickt bekommen, mit dem sie jetzt gleich auf frischer Tat Frau Revisor Homan, die ihr gegenüber wohnte, ärgern wollte. Und nichts war leichter und einfacher, denn sie brauchte sich nur am Fenster zu zeigen -- und dazu hatte sie tausend Anlässe, während sie die Arrangements in den Zimmern überwachte, mit denen sie ihre Gäste, die sie um sieben Uhr zur Sitzung erwartete, »zu Boden schmettern« wollte. Die Direktion der Kinderkrippe Bethlehem wollte nämlich zusammentreten und den ersten Monatsbericht prüfen. Nun bestand aber die Direktion aus Frau Revisor Homan, deren Mann -- als Beamter -- nach Frau Falks Ansicht hochmütig war, aus der adelsstolzen Baronin Rehnhjelm und aus Pastor Skaare, der in allen vornehmen Häusern Hausprediger war und deshalb gedruckt werden mußte. Aus diesem Grunde sollte die ganze Direktion auf die denkbar großartigste und liebenswürdigste Art zu Boden geschmettert werden. Die Inszenierung hatte schon bei der großen Gesellschaft begonnen, für die alles alte Mobiliar, das keinen Antiquitäts- oder Kunstwert besaß, weggeschafft und durch blendend Neues ersetzt worden war. Die mitwirkenden Figuren wollte Frau Falk bis zum Ende der Sitzung leiten, dann sollte eine Störung durch Falk kommen, der einen Admiral mit nach Hause brachte -- er hatte seiner Frau mindestens einen Admiral mit Uniform und Orden versprochen --, worauf Falk und der Admiral die Bitte stellen sollten, als zahlende Mitglieder in die Krippe aufgenommen zu werden; Falk sollte außerdem einen Teil des Gewinns, den er bei der Dividendenausteilung in der Aktiengesellschaft Triton so ohne sein Zutun eingeheimst hatte, als Schenkung zur Verfügung stellen.
Frau Falk hatte jetzt ihre Arbeit am Fenster erledigt und machte nun den perlmuttereingelegten Jakarandatisch zurecht, an dem der Monatsbericht verlesen werden sollte. Sie wischte das Achattintenfaß ab, legte den silbernen Federhalter auf die Schildpattschale, drehte das Petschaft mit dem Chrysoprasschaft so, daß der bürgerliche Namenszug nicht zu sehen war, schüttelte vorsichtig die aus feinstem Stahldraht verfertigte Geldkassette, so daß die Ziffer einiger darin als Gefangene verwahrten Banknoten (ihre Handkasse) sichtbar wurde, und erteilte dann dem Diener, der in Gala war, ihre letzten Befehle. Darauf setzte sie sich in den Salon und nahm eine sorglose Stellung ein, in der sie von der Meldung ihrer Freundin, der Frau Revisor, überrascht werden wollte, die sicher zuerst kommen würde, -- und das tat sie auch. Frau Falk umarmte Evelyn und küßte sie auf die Wange, und Frau Homan umarmte Eugenie, die sie an der Tür zum Eßzimmer empfing, wo sie sie zurückhielt, um sie nach ihrer Meinung über die neuen Möbel zu fragen. Die Frau Revisor wollte aber nicht bei dem festungsartigen eichenen Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ mit den hohen japanischen Vasen verweilen, weil sie sich davon überwältigt fühlte, sondern wendete sich der Kerzenkrone zu, die sie zu modern fand, und dem Eßtisch, der nicht zum Stil passe; sie fand außerdem, die Öldrucke hätten nichts zu suchen zwischen den alten Familienbildern, und sie brauchte eine gute Weile, um den Unterschied zwischen einem Ölgemälde und einem Öldruck zu erklären; Frau Falk streifte gegen alle Möbelkanten, die ihr erreichbar waren, um durch das Rascheln ihres neuen Samtkleides die Aufmerksamkeit der Freundin zu erregen, aber es gelang ihr nicht. Sie fragte die Freundin, wie ihr der neue Brüsseler Teppich im Salon gefalle; und als diese fand, er kontrastiere zu sehr mit den Vorhängen, wurde sie ärgerlich und hörte auf zu fragen.
Man ließ sich am Tisch im Salon nieder und begann sofort nach den Rettungsbojen zu greifen -- nach Photographien, unlesbaren Gedichtbüchern und ähnlichem. Ein kleines Blatt fiel der Frau Revisor in die Hände; es war auf rosa Papier mit Goldschnitt gedruckt und trug den Titel »An Großhändler Nikolaus Falk bei Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres«.
»Ah, das sind die Verse, die neulich auf der Gesellschaft vorgelesen wurden. Wer hat sie doch noch geschrieben?«
»Ja, das ist ein Genie, ein Freund meines Mannes. Er heißt Nyström.«
»Hm! Komisch, daß man den Namen noch nie gehört hat! Also ein Genie! Aber warum hat man ihn auf der Gesellschaft nicht zu sehen bekommen?«
»Er war krank, bedauerlicherweise, da konnte er nicht kommen, meine Liebe!«
»Ach so! Ja, meine liebe Eugenie, es ist schrecklich traurig mit deinem Schwager! Er ist schlimm dran!«
»Sprich nicht von ihm! Es ist eine Schande und ein Kummer für die Familie, ganz schrecklich!«
»Es war recht unangenehm auf der Gesellschaft, weißt du, wenn Leute kamen und mich nach ihm fragten. Ja, meine liebe Eugenie, ich habe mich wirklich geschämt für dich ...«
Das ist für das Büfett aus der Zeit Karls +XII.+ und die japanischen Vasen, dachte die Frau Revisor.
»Für mich? O bitte sehr, für meinen Mann, meinst du?« fiel Frau Falk ein.
»Nun, das ist wohl dasselbe, scheint mir!«
»Nein, durchaus nicht! Ich denke gar nicht daran, mich für alle Taugenichtse verantwortlich zu fühlen, mit denen mein Mann verwandt zu sein geruht!«
»Wie schade, daß deine Eltern neulich auf der Gesellschaft auch krank sein mußten. Wie geht es deinem lieben Papa jetzt?«
»Danke, sehr gut! Wie nett und besorgt du bist!«
»Nun ja, man muß doch nicht nur an sich selbst denken! Ist er sehr kränklich, der alte -- wie soll ich ihn nennen?«
»Kapitän, bitte!«
»Kapitän? Ich glaube mich doch zu erinnern, mein Mann sagte, er sei -- Flaggschiffer, aber das wird dasselbe sein. Und von den Töchtern war auch keine da.«
Das ist für den Brüsseler Teppich, dachte die Frau Revisor.
»Nein! Die sind so launenhaft, auf die kann man nie rechnen.«
Frau Falk sah ihr ganzes Photographiealbum durch, daß der Einband krachte. Sie war ganz rot vor Wut.
»Sag einmal, liebe Eugenie,« fuhr die Frau Revisor fort, »wie hieß doch dieser unangenehme Herr, der neulich abends die Verse vorlas?«
»Du meinst Levin, den Königlichen Sekretär Levin; das ist der intimste Freund meines Mannes.«
»Ach, wirklich! Hm! Wie sonderbar! Mein Mann ist Revisor im selben Amt, wo er Sekretär ist, und ich will dich gewiß nicht traurig machen oder dir etwas Unangenehmes sagen; so etwas sage ich nie zu einem Menschen; aber mein Mann behauptet, er soll in sehr schlechten Verhältnissen leben. Also das ist sicher keine passende Gesellschaft für deinen Mann.«
»Sagt er das? Das ist etwas, was ich nicht weiß und worein ich mich auch nicht mische. Ich will dir sagen, meine liebe Evelyn, ich mische mich nie in die Angelegenheiten meines Mannes, wenn es auch viele Leute gibt, die das tun!«
»Verzeih, meine Liebe, aber ich glaubte, dir einen Dienst zu leisten, wenn ich dir dies sagte.«
Das war für den Kronleuchter und den Eßtisch! Blieb nur noch das Samtkleid!
»Nun,« fing die gute Frau Revisor wieder an, »dein Schwager soll ja, soviel ich gehört habe ...«
»Schone meine Gefühle und sprich nicht von einem verkommenen Menschen!«
»Ist er wirklich verkommen? Ich hörte, er solle mit den schlechtesten Menschen verkehren, die man sich vorstellen kann ...«
Hier wurde Frau Falk begnadigt, denn der Diener meldete Ihre Gnaden die Baronin Rehnhjelm.
O wie willkommen sie sei! O wie liebenswürdig von ihr, ihnen die Ehre zu erweisen!
Und liebenswürdig war sie wirklich, die alte Dame mit dem freundlichen Gesicht, wie es nur ein Mensch haben kann, der mit dem wahren Mut durch alle Stürme hindurchgegangen ist.
»Nun, liebe Frau Falk,« sagte Ihre Gnaden, nachdem sie Platz genommen hatte, »ich kann Sie von Ihrem Schwager grüßen!«
Frau Falk fragte sich, was sie der Person Böses getan habe, daß nun auch die mit Sticheleien kam, und sie antwortete in gekränktem Ton: »Ach so!«
»Ja, das ist ein so liebenswürdiger junger Mann; er war heute bei mir und hat meinen Neffen besucht; sie sind so gute Freunde! Oh, das ist ein ganz vortrefflicher junger Mann!«
»Ja, nicht wahr?« fiel die Frau Revisor ein, die bei Frontveränderungen nie auf sich warten ließ. »Wir haben eben von ihm gesprochen.«
»Wirklich? Und was ich am meisten bewundere, ist sein Mut, eine solche Laufbahn einzuschlagen, bei der man so leicht auf Grund gerät; aber so etwas brauchen wir bei ihm nicht zu befürchten, er ist ein Mensch von Charakter und Prinzipien; finden Sie nicht auch, liebe Frau Falk?«
»Ja, ich habe das auch immer gesagt, aber mein Mann war anderer Meinung.«
»Ach, dein Mann«, fiel die Frau Revisor ein, »hat immer seine Meinungen für sich gehabt.«
»Also, er verkehrt mit Ihrem Neffen, Frau Baronin?« nahm Frau Falk eifrig das Gespräch wieder auf.
»Ja, sie haben einen kleinen Zirkel, in dem auch Künstler sind. Sie haben doch von dem jungen Sellén gelesen, dessen Bild von Seiner Majestät angekauft worden ist?«
»Ja natürlich, wir waren auf der Ausstellung und haben es gesehen. Der ist auch dabei?«
»Ja, das ist er. Es soll den jungen Leuten oft recht kläglich gehen, wie jungen Menschen wohl fast immer, wenn sie sich in der Welt emporarbeiten sollen.«
»Dein Schwager soll ja Poet sein,« sagte die Frau Revisor.
»Nun, das will ich meinen! Hm! er schreibt ganz ausgezeichnet; er hat in diesem Jahre einen Preis von der Akademie bekommen, und mit der Zeit wird sicher etwas Großes aus ihm werden,« antwortete Frau Falk mit voller Überzeugung.
»Ja, das habe ich ja immer gesagt,« bestätigte die Frau Revisor.
Und nun gingen sie mit Arvid Falks Vortrefflichkeit hausieren, so daß er schon im Tempel des Ruhms angelangt war, als der Diener Pastor Skaare meldete. Dieser trat mit eiligen Schritten ein und begrüßte die Damen hastig.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich spät komme, aber ich habe nicht viele Minuten Zeit. Ich muß um halb neun zur Sitzung bei der Gräfin von Fabelkrantz und komme direkt von meiner Arbeit.«
»Oh, daß Sie es so eilig haben, Herr Pastor!«
»Ja, meine ausgedehnte Tätigkeit läßt mir keine Ruhe. Vielleicht können wir also gleich zu den Verhandlungen schreiten.«
Von dem Diener wurden Erfrischungen hereingebracht.
»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Herr Pastor, ehe wir anfangen?« fragte die Wirtin, die wieder das Unbehagen einer kleinen Enttäuschung verspürte.
Der Pastor warf einen Blick über das Tablett.
»Danke, nein; da Punsch da ist, trinke ich den. Ich habe es mir zur Regel gemacht, meine Damen, nie in meinem äußeren Leben von meinen Mitmenschen abzustechen. Alle Menschen trinken Punsch, ich liebe dies Getränk nicht, aber die Welt soll nicht sagen, ich sei besser als sie, und Heuchelei ist ein Laster, das ich verabscheue! Darf ich den Bericht vorlesen?«
Er ließ sich am Schreibtisch nieder, tauchte die Feder ein und begann:
»Über die im Monat Mai eingegangenen Gaben für die Kinderkrippe Bethlehem wird hierdurch von der Verwaltung Bericht erstattet. Unterzeichnet Eugenie Falk.
Geborene -- wenn ich fragen darf ...«
»Ach, das ist nicht nötig,« versicherte Frau Falk.
»Evelyn Homan.«
»Geborene -- wenn ich bitten darf ...«
»Von Bähr, lieber Herr Pastor!«
»Antoinette Rehnhjelm.«
»Geborene, meine Gnädige ...«
»Rehnhjelm, Herr Pastor.«
»Ach richtig, verheiratet mit dem Vetter, der Mann tot, kinderlos! Wir können fortfahren! Eingegangene ...«
Allgemeine (fast allgemeine) Bestürzung!
»Aber«, wendete die Frau Revisor ein, »setzen Sie nicht auch Ihren Namen darunter, Herr Pastor?«
»Ich verabscheue Heuchelei so sehr, meine Damen, aber wenn Sie es wünschen! Bitte sehr!«
»Nathanael Skaare.«
»Prosit, Herr Pastor; trinken Sie ein wenig, bitte, ehe Sie anfangen,« bat die Wirtin mit einem bezaubernden Lächeln, das matter wurde, als sie sah, daß das Glas des Pastors geleert war, worauf sie es von neuem füllte.
»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wir wollen nicht zu heftig vorgehen! Wir fangen also an. Wollen Sie bitte das Manuskript vergleichen!
Eingegangene Gaben: Ihre Majestät die Königin: 40 Kronen. Gräfin von Fabelkrantz: 5 Kronen und ein Paar wollene Strümpfe. Kommerzienrat Schalin: 2 Kronen, ein Stoß Kuverte, sechs Bleistifte und eine Flasche Tinte. Fräulein Amanda Libert: eine Flasche Eau de Cologne. Fräulein Anna Feif: ein Paar Manschetten. Karlchen: 25 Pfennig aus seiner Sparbüchse. Fräulein Johanna Pettersson: eine halbes Dutzend Handtücher. Fräulein Emilie Björn: ein Neues Testament. Kolonialwarenhändler Persson: ein Beutel Hafergrütze, ein Viertelzentner Kartoffeln und eine Flasche eingemachte Zwiebeln. Kaufmann Scheike: zwei Paar wollene Un --«
»Meine Herrschaften,« unterbrach Ihre Gnaden, »darf ich mir eine Frage erlauben: Soll dies wirklich gedruckt werden?«
»Ja, natürlich,« antwortete der Pastor.
»Dann bitte ich aus der Direktion austreten zu dürfen.«
»Glauben Eure Gnaden wirklich, die Gesellschaft könne durch freiwillige Gaben weiterbestehen, wenn die Namen der Geber nicht gedruckt werden? Ausgeschlossen!«
»Und die Wohltätigkeit soll also der kleinlichsten Eitelkeit Glanz und Gewicht geben?«
»Aber nein! Nicht so! Eitelkeit ist ein Übel, sehr richtig, ja! Wir verkehren das Böse in Gutes, wir verwandeln es in Wohltätigkeit, ist das nicht gut?«
»Ja, aber wir dürfen einer kleinlichen Sache nicht einen schönen Namen geben; das ist Heuchelei!«
»Eure Gnaden sind sehr streng; die Heilige Schrift sagt, man soll nachsichtig sein; vergebt ihnen ihre Eitelkeit!«
»Ja, Herr Pastor, ich vergebe ihnen, aber mir selbst nicht! Daß beschäftigungslose Damen sich mit Wohltätigkeit unterhalten, das ist verzeihlich, das ist brav, aber daß sie das eine gute Tat nennen, was nur ein Vergnügen ist, ein Vergnügen, größer als andere durch den Reiz, den die Öffentlichkeit, die größte Öffentlichkeit, die es gibt, nämlich die Publikation im Druck, ihm verleiht, das ist schändlich!«
»Ach,« griff Frau Falk ein mit der ganzen Kraft ihrer furchtbaren Logik, »meinen Eure Gnaden, es ist schändlich, Gutes zu tun?«
»Nein, kleine Freundin, aber drucken zu lassen, daß man ein paar wollene Strümpfe gespendet hat, das halte ich für schimpflich.«
»Nun, aber ein paar wollene Strümpfe schenken ist doch Gutes tun, also ist es schimpflich, Gutes zu tun ...«
»Nein, es drucken zu lassen, mein Kind; Sie müssen hören, was ich sage,« wies Ihre Gnaden die hartnäckige Hausfrau zurecht, die sich noch nicht ergab, sondern fortfuhr:
»Ach, das Drucken ist schimpflich! Nun, aber die Bibel ist doch auch gedruckt, dann ist es also auch schimpflich, die Bibel zu drucken ...«
»Wollen Sie bitte fortfahren, Herr Pastor,« unterbrach Ihre Gnaden, etwas verletzt durch die ungezogene Art, mit der die Hausfrau ihre Dummheiten verfocht, aber diese ließ nicht nach.
»Ach so, Eure Gnaden halten es für unter ihrer Würde, mit einer so geringen Frau wie mir Ansichten auszutauschen ...«
»Nein, mein Kind, aber behalten Sie Ihre Ansicht; ich möchte nicht tauschen.«
»Nennt man das diskutieren, frage ich? Herr Pastor, wollen Sie uns bitte sagen, ob man es diskutieren nennen kann, wenn der eine Teil sich weigert, auf die Beweisführung des andern zu antworten?«
»Meine beste Frau Falk, diskutieren kann man das allerdings nicht nennen,« antwortete der Pastor mit einem zweideutigen Lächeln, das Frau Falk beinahe zum Weinen gebracht hätte. »Aber wir wollen eine gute Sache nicht durch Zank verderben, meine Damen. Wir schieben den Druck auf, bis der Fonds größer wird. Wir haben das junge Unternehmen aufkeimen sehen wie ein Samenkorn, und wir wissen, daß viele wohlwollende Hände gesonnen sind, die junge Pflanze zu pflegen; aber wir müssen an die Zukunft denken. Die Gesellschaft hat einen Fonds; dieser Fonds muß verwaltet werden, wir müssen mit andern Worten darauf bedacht sein, uns nach einem Verwalter umzusehen, einem praktischen Mann, der die eingegangenen Gaben veräußern und sie in Geld verwandeln kann; wir müssen mit andern Worten einen Rendanten wählen. Ich fürchte, eine solche Persönlichkeit können wir nicht ohne pekuniäre Opfer bekommen -- und was bekommt der Mensch ohne solche Opfer? Haben die Damen eine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorzuschlagen?«
Nein, daran hatten die Damen nicht gedacht.
»Nun, dann möchte ich einen jungen Mann von ernster Gemütsart in Vorschlag bringen, den ich für geeignet halte. Hat die Direktion etwas dagegen, daß Sekretär Eklund gegen eine mäßige Entschädigung Rendant der Krippe wird?«
Nein, dagegen hatten die Damen nichts, besonders da Pastor Skaare ihn empfahl, und das konnte er um so mehr, als der Sekretär ein naher Verwandter von ihm war. Und so bekam die Gesellschaft einen Rendanten, mit sechshundert Kronen Gehalt.
»Meine Damen,« nahm der Pastor wieder das Wort, »finden Sie nicht, daß wir für heute genug im Weinberg gearbeitet haben?«
Schweigen. Frau Falk blickt nach der Tür, ob ihr Mann nicht kommt.
»Meine Zeit ist knapp, und ich sehe mich außerstande, länger zu verweilen! Hat jemand noch etwas hinzuzufügen? -- Nein! -- Aber indem ich Gottes Beistand für unser Unternehmen anflehe, das einen so schönen Anfang genommen hat, wünsche ich uns allen Gnade und Segen und kann das nicht mit besseren Worten tun, als er selber uns gelehrt hat, da er uns beten lehrte: Abba, lieber Vater! Vater unser ...«
Er verstummte, als scheue er sich, seine eigene Stimme zu hören, und die Gesellschaft hielt die Hände vor die Augen, als schäme sie sich, sich ins Gesicht zu sehen. Die Pause wurde lang, länger, als man ertragen konnte; sie wurde zu lang, aber keiner wagte sie zu unterbrechen; man blickte zwischen den Fingern durch, ob nicht jemand eine Bewegung machen würde, als ein heftiges Klingeln draußen im Korridor die Gesellschaft wieder auf die Erde riß.
Der Pastor nahm seinen Hut, trank sein Glas aus und erinnerte ein wenig an einen Menschen, der sich davonschleichen will. Frau Falk strahlte, denn jetzt würde die Zerschmetterung kommen, und die Rache und die Rehabilitierung, und ein lebhaftes Feuer strahlte aus ihren Augen.
Und die Rache kam, und die Zerschmetterung auch, denn der Diener brachte einen Brief herein, der von ihrem Manne geschrieben war; was er enthielt -- das erfuhren die Gäste nicht, aber sie sahen genug, um sofort zu erklären, sie wollten nicht länger stören, und sie würden zu Hause erwartet.
Ihre Gnaden, die gern bleiben wollte, um die junge Frau zu beruhigen, deren Aussehen einen hohen Grad von Unruhe und Kummer verriet, wurde jedoch keineswegs dazu ermuntert, sondern ihr wurde im Gegenteil eine so auffallende Aufmerksamkeit beim Anziehen der Sachen erwiesen, daß es den Eindruck machte, als wolle man sie am liebsten so rasch wie möglich auf der Straße sehen.
Man trennte sich unter recht großer Verlegenheit, die Schritte erstarben auf der Treppe, und die Fortgehenden konnten an dem nervösen Knacken des Schlosses, das hinter ihnen zugemacht wurde, hören, daß die arme Hausfrau die Einsamkeit herbeisehnte, um ihren Gefühlen Luft zu machen. Und das tat sie. Als sie in den großen Zimmern allein geblieben war, brach sie in heftiges Weinen aus; aber es waren nicht Tränen, die wie Mairegen auf ein altes, verstaubtes Herz fallen, es war die Galle des Zorns und der Wut, die den Spiegel der Seele verdunkelt und dann niedertropft und wie Säure die Rosen der Gesundheit und Jugend zerfrißt.
Vierzehntes Kapitel
Absinth
Eine heiße Nachmittagssonne brannte auf das Pflaster in der großen Provinzstadt X-köping. Im Saal des Ratskellers war es noch still und leer; Tannengrün lag auf dem Fußboden und roch nach Begräbnis; die geeichten Likörflaschen standen auf ihren Regalen und hielten Mittagsschlaf, gerade gegenüber den Branntweinflaschen mit den Ordensketten um den Hals, die bis zum Abend Urlaub hatten; die Wanduhr, die nie Mittagsschlaf halten konnte, stand wie ein langer Rekel an der Wand aufgerichtet und verhökerte die Zeit, während sie einen riesigen Theaterzettel zu studieren schien, der auf einem Garderobenhaken daneben aufgespießt war; der Saal war sehr lang und schmal, und die beiden Längswände waren mit birkenen Tischen besetzt, die von der Wand ausgingen, so daß der Saal das Aussehen eines Stalls bekam, in dem die Tische, alle auf vier Beinen, die Pferde bildeten, die, mit den Hinterteilen dem Zimmer zugewendet, an die Wand gebunden waren; aber nun standen alle und schliefen, hier und da hatte einer das Hinterbein etwas hochgehoben, denn der Boden war recht holperig; daß sie schliefen, konnte man sehen, da die Fliegen ungestört auf ihren Rücken spazierten; aber der sechzehnjährige Kellner, der an die Uhr neben dem Theaterzettel gelehnt saß, schlief nicht, denn er schlug wieder und wieder mit seiner weißen Schürze nach den Fliegen, die eben draußen in der Küche gespeist und sich nun aufgemacht hatten, um ihr Spiel zu treiben; dann sank er wieder zurück und lehnte sein Ohr gegen den dicken Bauch der Uhr, als wolle er feststellen, was sie zu Mittag gegessen habe. Und das sollte er bald erfahren, denn jetzt stieß das lange Biest auf und genau vier Minuten später noch einmal, und dann begann es in seinem Rumpf zu rumoren und zu lärmen, daß der Junge in die Höhe fuhr und hörte, wie die Uhr unter entsetzlichem Röcheln sechsmal hintereinander schlug, um dann wieder zu ihrer stillen Beschäftigung zurückzukehren.
Aber der Junge mußte an seine Arbeit, und er machte jetzt eine Ronde durch seinen Stall, striegelte seine Gäule mit der Schürze und räumte auf, als erwarte er Gäste. Er stellte Streichhölzer auf einen Tisch hinten im Hintergrunde des Saales, von wo ein Beobachter den ganzen langen Raum mit seinen Blicken bestreichen konnte. Neben die Streichhölzer stellte er eine Flasche Absinth und zwei Gläser, ein Likörglas und ein Wasserglas. Darauf ging er nach dem Brunnen, holte eine große Karaffe Wasser, stellte sie neben die feuergefährlichen Dinge auf dem Tisch und machte dann einige Promenaden durch den Saal, wobei er höchst unerwartete Positionen einnahm, als imitiere er jemanden. Jetzt hatte er die Arme über der Brust verkreuzt, hielt den Kopf gesenkt, hatte den linken Fuß vorgestreckt und warf Adlerblicke über die abgeschabten Tapeten der alten Wände; eben verkreuzte er die Beine, die Knöchel der rechten Hand auf dem Tischrand, und hielt in der linken eine Lorgnette aus einem Bierflaschendraht, durch die er spöttisch die Deckenleisten betrachtete, als die Tür aufflog und ein fünfunddreißigjähriger Herr mit einer Sicherheit eintrat, als sei er hier zu Hause. Sein bartloses Gesicht hatte die scharf markierten Züge, die fleißiges Trainieren der Gesichtsmuskeln zu verleihen pflegt und die man nur bei Schauspielern und noch einer andern Gesellschaftsklasse findet; man sah alle Muskeln und Bänder durch die von einem dunklen Bartboden beschattete Haut, ohne das elende Drahtwerk wahrzunehmen, das diese feinen Tasten in Bewegung setzt, denn es war kein gewöhnliches Klavier, das eines Pedals bedurft hätte. Eine hohe Stirn, etwas schmal, mit eingesunkenen Schläfen, erhob sich wie ein echt korinthisches Kapitell; darüber hingen schwarze, ungeordnete Locken wie wilde Pflanzen, zwischen denen kleine, gerade Schlangen hinunterkrochen und zu den Augenhöhlen zu gelangen suchten, ohne jemals dorthin zu kommen. Seine großen, dunklen Augen sahen im Ruhezustand sanft und melancholisch aus, aber er konnte auch Feuer geben, und dann glichen die Pupillen den Mündungen eines Revolvers.
Er ließ sich an dem hergerichteten Tisch nieder und warf einen betrübten Blick auf die Wasserkaraffe.
»Warum stellst du immer Wasser hin, Gustav?«
»Weil Herr Falander nicht verbrennen soll.«
»Was geht es dich an, ob ich verbrenne! Kann ich das nicht halten, wie ich will!«
»Herr Falander sollen heut nicht Nihilist sein!«
»Nihilist! Wer hat dich das Wort gelehrt? Wo hast du das her? Bist du verrückt, Junge? Sag!«
Er stand vom Tisch auf und gab ein paar Schüsse aus seinen dunklen Revolvern ab.
Gustav verstummte vor Furcht und Entsetzen über den Ausdruck in dem Gesicht des Schauspielers.
»Nun, antworte, Junge, wo hast du das Wort her?«
»Herr Montanus hat es neulich gesagt, als er von Träskaala hier war,« antwortete Gustav ängstlich.
»So, Montanus!« wiederholte der düstere Mann und setzte sich wieder. »Montanus ist mein Mann; das ist ein Kerl, der versteht, was man sagt. Hör einmal, Gustav, du kannst mir ruhig erzählen, was für einen Namen, einen Spitznamen, verstehst du, dies Theaterpack mir gegeben hat. Nun, hab keine Angst!«
»Nein, der ist so häßlich, daß ich ihn nicht sagen mag.«
»Warum willst du es nicht, wenn du mir mit so wenig eine Freude machen kannst? Findest du nicht, mir tut etwas Aufheiterung not? Sehe ich so schrecklich vergnügt aus? Vorwärts! Wie sagen sie, wenn sie fragen, ob ich hier gewesen bin? Sagen sie nicht: Ist ...«
»Der Teufel ...«
»Ah! Der Teufel! Das ist ein guter Name. Sie hassen mich, nicht wahr?«
»Ja, schrecklich!«
»Schön! Aber warum? Habe ich ihnen etwas Böses getan?«
»Nein, das können sie nicht sagen!«
»Das glaube ich auch!«
»Aber sie sagen, Herr Falander verdirbt die Menschen!«
»Verdirbt?«
»Ja, sie sagen, Herr Falander hat mich verdorben, weil ich finde, daß alles alt ist!«
»Hm! Hm! Pflegst du ihnen zu sagen, daß ihre Witze alt sind?«
»Ja, alles was sie überhaupt sagen, ist alt; sie sind alle miteinander so alt, daß sie mich anwidern!«
»So! Findest du nicht auch, daß es etwas Altes ist, Kellner zu sein?«
»Aber gewiß! Es ist alt, zu leben, es ist alt, zu sterben, alles ist alt -- nein -- eins nicht -- Schauspieler zu sein!«
»Doch, mein Freund, das ist das Älteste von allem. Sei jetzt still, ich muß mich betäuben!«
Er trank seinen Absinth aus und sank mit dem Kopf gegen die Wand, an der ein langer brauner Streifen zu sehen war, an der Stelle, wo der Rauch seiner Zigarre in den sechs langen Jahren, die er hier gesessen hatte, emporgestiegen war. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster herein, wurden aber erst von den großen Espen draußen durchgeseiht, deren leichtes Blattwerk sich im Abendwinde regte, so daß der Schatten an der Längswand ein bewegliches Netz bildete, in dessen unterster Ecke der Kopf des düsteren Mannes mit seinen ungeordneten Locken einen Schatten warf, der genau wie eine große Spinne aussah.
Gustav hatte sich wieder hingesetzt, um den Uhrenmann zu behorchen, und beobachtete ein nihilistisches Schweigen, während er zusah, wie die Fliegen um die Hängelampe tanzten.
»Gustav!« ertönte es hinten von dem Spinnennetz her.
»Ja!« erklang es vom Uhrgehäuse.
»Leben deine Eltern noch?«
»Nein, das wissen Sie doch, Herr Falander!«
»Das ist gut für dich!«
Eine lange Pause.
»Gustav!«
»Ja!«
»Kannst du nachts schlafen?«
»Was meinen Sie, Herr Falander?« antwortete Gustav und errötete.
»Was ich sage!«
»Natürlich kann ich das! Warum sollte ich es nicht können?«
»Warum willst du Schauspieler werden?«
»Das kann ich nicht sagen! Ich glaube, ich würde glücklich werden!«
»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«
»Das weiß ich nicht! Ich glaube es nicht!«
»Ist Herr Rehnhjelm schon hier gewesen?«
»Nein, das ist er nicht, aber er wollte Herrn Falander um diese Zeit hier aufsuchen.«
Eine lange Pause; worauf die Tür geöffnet wird und ein Schatten in das große Netz fällt, das ins Wanken kommt, so daß die Spinne in der Ecke eine hastige Bewegung macht.
»Herr Rehnhjelm?« sagt der düstere Kopf.
»Herr Falander?«
»Seien Sie mir willkommen! Sie haben mich heute schon gesucht?«
»Ja, ich bin heute mittag angekommen und wollte Sie sofort aufsuchen. Sie erraten mein Anliegen; ich möchte mich um ein Engagement beim Theater bewerben.«
»Ach wirklich! Das wundert mich!«
»Wundert es Sie?«
»Ja, allerdings! Aber warum suchen Sie mich zuerst auf?«
»Weil ich weiß, daß Sie der beste Schauspieler sind, und weil ein gemeinsamer Bekannter, der Bildhauer Montanus, Sie mir als einen ausgezeichneten Menschen empfohlen hat.«
»Oh, hat er das? Was kann ich denn für Sie tun?«
»Mir einen Rat geben!«
»Wollen Sie an meinem Tisch Platz nehmen?«
»Danke sehr, wenn ich der Wirt sein darf.«
»Das kann ich nicht zugeben ...«
»Aber als mein eigener Gast, wenn Sie nichts dagegen haben?«
»Wie Sie wünschen! -- Sie wollen einen Rat? Hm! -- Wollen Sie einen aufrichtigen haben? Ja, natürlich! Aber hören Sie gut zu und nehmen Sie das ernst, was ich Ihnen sage, und vergessen Sie nie, daß ich am heutigen Tage soundso gesagt habe, denn ich habe gewissermaßen die Verantwortung für das, was ich sage.«
»Nun, sprechen Sie Ihre Meinung aus, ich höre!«
»Haben Sie schon Pferde bestellt? Nein! Tun Sie es und reisen Sie wieder nach Hause!«
»Halten Sie mich denn für untauglich, Schauspieler zu werden?«
»Nein, sicher nicht! Ich halte niemanden für untauglich dazu. Im Gegenteil! Alle Menschen haben mehr oder minder das Talent, Menschen darzustellen!«
»Nun also?«
»Ach, das ist etwas ganz anderes, als Sie ahnen! Sie sind jung, Ihr Blut ist in Wallung, tausend Bilder, schöne, helle wie in den Märchenbüchern, wirbeln in Ihrem Kopf durcheinander, aber Sie wollen diese Bilder nicht verbergen, Sie wollen sie ins Licht hinausbringen, sie auf die Arme nehmen und sie zeigen, vor allem sie der Welt zeigen und dabei eine stolze Freude empfinden, -- nicht wahr?«
»O gewiß, -- Sie sprechen meine Gedanken aus!«
»Ich habe nur den besten und gewöhnlichsten Fall angenommen, denn ich suche nicht schlechte Motive für alles, obwohl ich das meiste recht niedrig einschätze! Also gut, diese Neigung ist so stark, daß Sie lieber Not und Demütigungen auf sich nehmen, sich von Vampiren aussaugen lassen, das Vertrauen ihrer Mitmenschen verlieren, Konkurs machen, untergehen wollen, als umkehren! Nicht wahr?«
»Jawohl! Oh, wie gut Sie mich kennen!«
»Ich habe einmal einen jungen Mann gekannt -- jetzt kenne ich ihn nicht mehr, denn er hat sich sehr verändert! Er war fünfzehn Jahre alt, als er der Strafanstalt entlief, die jede Gemeinde für die Kinder unterhält, die das äußerst gewöhnliche Verbrechen begangen haben, zur Welt zu kommen; in dieser Strafanstalt müssen die unschuldigen Kinder die Sünden ihrer Eltern abbüßen, denn wie sollte es sonst kommen .. Ach bitte, erinnern Sie mich, daß ich bei der Sache bleibe! Er hielt sich dann fünf Jahre in Upsala auf und las schauerlich viele Bücher; sein Gehirn wurde in sechs Fächer eingeteilt, in die sechs Sorten von Angaben eingepackt wurden: Angaben von Zahlen und Namen; ganze Speicher
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