Anmerkungen zur Transkription
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Das Buch enthält mehrere Anekdoten. Ihnen gehen jeweils zwei Leerzeilen voraus, und sie sind eingerückt.
Bismarck
in Geschichte, Karikatur und Anekdote
Ein großes Leben in bunten Bildern Von =Dr.= Paul Liman
Alle Rechte von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten
=Copyright 1915 by Strecker & Schröder, Stuttgart=
Druck des Textes und der Kunstbeilagen von Strecker & Schröder in Stuttgart
Bilderdruckpapier der Papierfabrik Niefern (Bohnenberger & Cie.), Niefern in Baden
Bismarck
in Geschichte, Karikatur
und Anekdote
Ein großes Leben in bunten Bildern
Von Dr. Paul Liman
Mit 242 Abbildungen und 20 ein- und mehrfarbigen Kunstbeilagen
~Fünfte Auflage~
Verlegt bei
Strecker & Schröder in Stuttgart
im Jahre des hundertjährigen Geburtsfestes Bismarcks
und des deutschen Krieges
1915
Vorwort
In eine Zeit der ungeheuersten Spannung, in eine Zeit, da Weltenschicksale entschieden werden, fällt der hundertjährige Geburtstag des größten Deutschen, ~Otto von Bismarck~. Können wir, dürfen wir seiner vergessen, auch wenn alle Herzen sich nur dem einen Ziele spannen: Kunde zu vernehmen von unseren Kämpfen im Osten und Westen, zu erlauschen, ob der Schlag der deutschen Schwerter heil- und siegkündend niederfährt auf die gegen uns bewaffnete Welt?
Wahrlich nein! Denn um Bismarcks Werk wird gerungen, und Bismarcks starker, furchtloser Geist ist es, der unsere Krieger geleitet, weithin auf das Schlachtfeld, in die Enge der Schützengräben, in den Sturm auf feindliche Schanzen, in diesen heiligen Krieg, in dem sich des deutschen Volkes unverwüstliche Art so unvergleichlich offenbart. Fast könnte es scheinen, als ob die Geschichte zur Feier ihres größten Sohnes ein loderndes Fanal entflammt, in dessen Widerschein sich noch einmal Deutschlands heroische Zeit spiegelt, einen Scheiterhaufen, wie ihn einst Philoktet dem Herakles schuf, daß er auf seinen Flammen zu den Unsterblichen steige. Am 1. April sind hundert Jahre vergangen, seit in dem efeuumsponnenen Schloß von Schönhausen der erste Schrei des Knaben das Leben grüßte, der Deutschland zur Einigung führen, dem deutschen Leben einen Inhalt geben sollte.
Wie hätte man sonst den Tag gefeiert! Er wird auch jetzt seine Feier haben: Ernst sinnend wird man des Gewaltigen gedenken, der sein Volk emporriß zu ungeheurer Tat. Aber wie anders hatte man sich das Fest gedacht! Frohe Fahrten zum Sachsenwalde, Festmähler, klingende Gläser und stolze Worte, und am Rhein wuchtig emporsteigend das Denkmal deutschen Dankes. Nur ein Teil hätte abseits gestanden — längst hatten Freisinn und Zentrum den rechten Maßstab für den toten Helden gefunden. Aber die sozialistische Arbeiterschaft hielt sich fern, ihr war im Frieden der vier Jahrzehnte das Verständnis für Bismarcks kühne Politik und auch für den Wechsel im wirtschaftlichen Leben verloren gegangen, der doch allein jener Politik entwuchs und auch der Arbeiterschaft die Grundlagen neuen Gedeihens schuf. Heute werden auch sie, die auf Bismarck schalten, seines Geistes einen Hauch verspüren, denn dieser Geist durchweht sie selbst, durchweht uns alle und gibt uns die Kraft, einer Welt von Feinden zu trotzen. Bismarckscher Geist löste die großen Fragen der Zeit durch Eisen und Blut, siegte bei Metz und Sedan, zwang den Völkerfrühling herauf; Bismarckscher Geist setzte Deutschland in den Sattel, auf daß wir jetzt zeigen, daß wir auch zu reiten verstehen. Bismarckscher Geist hat uns gelehrt, Gott, nichts sonst in der Welt zu fürchten. Auch wer einst auf Marx und Bebel schwur, wird jetzt im Schützengraben, im Sturmangriff, im Sausen der Granaten sich von diesem Geiste umweht und hingerissen fühlen.
Hundert Jahre — auch damals, als ~Otto von Bismarck~ erschien, mußte noch einmal ein großes Werk durch Kampf gefestigt werden. Die Schlacht von Leipzig war geschlagen, nach Waterloo führte der Weg, noch einmal mußte durch Blut erworben werden, was in den Schlachten des ersten Freiheitsjahres das Blut gewann. So mußte jetzt, nach hundert Jahren, in einem furchtbaren Ringen zum anderen Male erkämpft werden, was Metz und Sedan uns brachten. Und was uns in all diesen Jahren dieselben Mächte mißgönnten, gegen die wir heute das Schwert ziehen mußten. Ein zerrissenes Deutschland, das mochte man dulden, gut genug, den Dünger anderer Nationen, den Schauplatz ihrer Schlachten zu bilden; ein einiges, seiner Kraft bewußtes, aufstrebendes Deutschland, das sein Erbrecht betont und seinen Platz an der Sonne fordert, das durfte nicht dauern. Und weil es furchtbar war in seinem Waffenstolz, deshalb haben sich gegen dieses Volk die Völker der Erde verbündet, gegen dieses Volk und Bismarcks Erbe!
Denn um dieses ~Erbe geht heute der Kampf~. Der Meister sah es voraus, daß das Spiel noch nicht aus war, daß wir noch einmal zum Schwert greifen müssen, uns zu behaupten. So wurden die letzten Jahrzehnte seines gesegneten Lebens Jahre des Kampfes um unsere militärische und wirtschaftspolitische Rüstung. Löscht seine Arbeit, sein Vollbringen aus, folgt den Gedanken derer, die ihn bekämpften, die ihm mehr als einmal jeden Mann und jeden Groschen versagten, und träumt euch in eine Gegenwart, die diese Arbeit und ihre Siege entbehrte, und längst hätte das Bahrtuch Germanias Glieder umhüllt! Das eben ist das Wesen des Genius, daß er über die Enge der Gegenwart hinaus den Blick auf die Zukunft richtet und ihre Forderungen erkennt. Es ist nur dem Genius eigen, daß er den Zusammenhang des Gesamtlebens und auch das Kommende weiß, daß auch das Ferne schon als Ahnung sein Gemüt durchzittert, daß er »das letzte Klingen und Singen von künftigem Großen« unter dem Lebensstrome fühlt. Jedes Genie ist Prophet.
Wir werden Bismarcks Festtag feiern. Ernster, tiefer als sonst, aber auch geschlossener. Denn in diesen brausenden Zeiten, im Sturme unerhörter Ereignisse, in der Offenbarung unseres stärksten und tüchtigsten Wesens, in Tapferkeit und Aufopferung sind wir sein, erst wahrhaft sein geworden. Der Heldengesang eines starken Geschlechtes wird seines Ehrentages Festlied sein.
Erinnerung aber und Dank werden noch einmal sein Bild heraufbeschwören, und das Herz wird sich aufrichten an dieser eisernen Gestalt, und die Gegenwart wird in die blitzenden Augen der Vergangenheit blicken, die doch ewig Gegenwart bleibt, und ehrfurchtsvoll und zärtlich zugleich wird deutsches Empfinden bei dem Schöpfer unseres neugeschaffenen geschichtlichen Lebens weilen. Gedanken und Erinnerungen werden zu seinem Grabmal im Sachsenwald fliegen, und heimkehrend werden sie das gewaltige Denkmal des Roland im Hamburger Hafen streifen, das Bismarcks Züge trägt.
Und gern wird, mitten im Sturme der Zeit, die Seele unseres Volkes bei dem Riesen weilen, der nicht nur das Reich erbaute, sondern auch durch eine weitschauende Bündnispolitik, durch heiße siegreiche Kämpfe um unsere Rüstung, durch die Steigerung unserer wirtschaftlichen Kraft und den Schutz der Früchte deutscher Arbeit die Bedingungen für unsere Siege im Weltkrieg schuf.
Und kehren die Gedanken zurück in die gewaltige Zeit, die Bismarcks Prägung trug, dann wird auch das Verlangen sich regen, hineinzuschauen in die Werkstatt des Riesen, teilzunehmen an seinem Erleben, und dem Wandern dieses seltsamen märkischen Junkers zu folgen, das durch weite, reiche Täler und über alle Gipfelhöhen führte, und doch auch an den kleinen Zügen sich zu erfreuen, die den Giganten uns menschlich so nahe führen und die wie Schmetterlinge, die über die Wiese gaukeln, dem ernsten Leben reiche Farbe geben.
So entstand dieses Buch. Es soll ein Bild zugleich der geschichtlichen Entwicklung des großen Kanzlers sein und doch auch die kleinen Züge umfassen, die das Menschliche enthüllen. Mitten in das Brausen gewaltiger Tage klingt darum die ~Anekdote~ herein, und wenn die Geschichte ihren Spiegel unparteiisch und ernst vor das Antlitz ihres großen Sohnes hält, so soll dieses Antlitz sich doch auch in jenem Spiegel zeigen, in dem die ~Karikatur~ die Züge nicht immer nur feindlich, sondern oft auch in scherzender Liebe darstellt. Denn auch sie bildet einen Quell der Geschichte. Sie zeigt uns die Wirkung seines Handelns auf die Mitwelt, und wer genau hinblickt, und wer auch nur das ~eine~ erwägt, daß wohl noch keine Persönlichkeit so eifrig, wie ~Otto von Bismarck~, zum Ziel des politischen Künstlerscherzes wurde, der wird auch hierin einen Beweis seiner oft genug nur mit grimmigem Widerstreben anerkannten Größe entdecken. Denn die Türme nur werden von den Dohlen umflattert.
Hier aber war eines nötig, wenn anders ein würdiges Bild des gewaltigen Staatsmannes entstehen sollte: Die geschichtliche Darstellung seines Lebens und seiner Taten mußte den Rahmen bilden, in den Anekdote und Karikatur sich fügen. Denn Herz und Auge ermatten, wenn sie stets nur dem gleichen Farbenton begegnen. Aus dem Leben des Mannes muß die Episode herauswachsen, gleich einer bunten Blume auf saftgrüner Wiese, und erst dann genießt man die Karikatur, wenn sie, in den großen Zusammenhang der Taten gestellt, zum Zeugnis der Ernte an Haß und Liebe gemacht wird.
Schwer, unendlich schwer ist es hier, den Maßstab zu finden. Denn in unermeßlicher Fülle bieten sich dort die einzelnen Züge in starker Prägung, wo die Persönlichkeit ein schlechthin originales Gepräge trägt. Das gilt auch von der Karikatur. Mehr als zwölftausend dieser von der Stunde geborenen Bilder lagen mir vor, die wohl die ganze Stufenleiter des Empfindens umfassen: Schadenfreude, Haß, hämischen Neid, widerwillige Bewunderung, Anerkennung, Enthusiasmus, Liebe. Sie alle sind in der Auswahl zur Geltung gekommen. Aber diese Auswahl stellte noch andere Bedingung. Sie mußte allen Parteien in Preußen und im Reiche das Wort geben, sie mußte einen Spiegel der Fernwirkung im Auslande bieten, sie mußte endlich einen Leitfaden für die Entwicklung der Technik auf diesem Gebiete schaffen. Was heute nicht mehr klar im Zusammenhange lebt, was nur für den Tag und seinen kleinen Streit Bedeutung hatte, das mußte weichen. So nur kann das Auge, das über die Bilder streift, aus ihnen selbst die Geltung und das Wachstum der Persönlichkeit erkennen. Und jedes Bild gewinnt mit dem künstlerischen zugleich einen geschichtlichen Wert.
In der geschichtlichen Darstellung konnte ich auf früheren Arbeiten fußen. Und auch die unendlich mühsame Arbeit der Sammlung war mir erleichtert: Herr Buchhändler ~Kabitzsch~ in Würzburg hat seine unendlich wertvolle Sammlung, die er dem Germanischen Museum in Nürnberg schenkte, mir hochherzig zur vollen Verfügung gestellt, Herr Rudolf ~Brockhaus~ in Leipzig seine Sammlung von Blättern aus dem großen Kriege. Ich habe beiden Herren zu danken. Und auch dem jugendlichen =Dr.= Benno ~Kettner~, der mit prächtigem Eifer mich bei der Sammlung und Auswahl unterstützt hat.
So mag denn dieses Buch in stattlichem Gewande hinausziehen in die Welt und an seinem Teile helfen, daß im deutschen Hause das Gedächtnis des gewaltigen Mannes stark und lebendig bleibt.
~Berlin~ im großen Kriegsjahr
+=Dr.= Paul Liman+
Inhalt
Seite
Vorwort V
Otto von Bismarck 1
Die Kindheit 11
Wilhelmine Mencken 12. Ferdinand von Bismarck 13. Er baumelt mit den Beenekens 14. Weil sie zu sehr stankte 14. Die Kanonenkugel l4. Die erste Erinnerung 14. Seltsame Bälle 15. Philosophie des Prügelns 15. Elastisches Fleisch 16. Wie kommt es nur? 16. Der Telamonier Ajax 16. Sein erster Brief 17. Trine Neumann und der Eierkuchen 17. Ein nettes Jungchen 18. Der dankbare Schüler 18. Sein Konfirmandenspruch 18. In Pension 19. Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee 20.
Als Jurist und Landwirt 21
Mensuren 21. Die Wette 23. Göttinger Reminiszenzen 23. Sturm und Drang 23. Die Dame aus Schweden 26. Der Teufel reitet die alte Tante 27. Rat Prätorius 28. Merken Sie sich, wie man das macht 28. Das Hinauswerfen ist meine Sache 29. Das Gardemaß 29. Das letzte Duell 31. Vom Leben auf Kniephof 32. Die Fuchsjagd 34. Der erste Orden 35. Die Verlobungsanzeige 36. Johanna 36. Die erste Rede 37. Der Eindruck bei Hofe 39.
Im Strome der Politik 41
Er unternimmt eine Gegenrevolution 41. Der Berliner Schwindel 42. Die Nelke 42. Er sagt dem König die Wahrheit 43. Ich muß ihn vernichten 43. Gehängt wird er doch 44. Der Schreiber des jüdischen Gelehrten 45. Die Phrasengießkanne 45. Der renitente Schriftführer 45. Ein Brausekopf 46.
Frankfurt 49
Wir wollen es versuchen 50. »Er wird schön hausen« 50. Sie kochen alles mit Wasser 50. Die Bundeszigarre 51. Beim alten Metternich 52. Wie Bismarck eine Depesche absandte 52. Alle vorm Feinde erworben 52. Der Streit mit Rechberg 53. Bismarck als Hehler 53. Wie er seine Glocke bekam 53. Amschel Rothschild 54. Wollen wir ein Geschäftchen machen? 54. Sie sind a scheener Mann 54. Die Frankfurter 54. Er sagt stets das Unerwartete 55. Otto tanzt mit Malwine 55. Ein Ball bei Bismarcks 56. Seine Häuslichkeit 56. Beginnen wir ein neues Leben 56. Sie sind unverbesserlich 57. Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? 58. Reisepech 58. Das Duell mit Vincke 59. Beim blinden König 60. Pariser Leben 60. In den Tuilerien 61. Aber dumm, dumm! 62. Ich bin preußisch 62. In Sumpf und Busch 63.
Petersburg und Paris 65
Nach neune ist alles vorbei 65. Levinstein 66. Das =Enfant terrible= 68. Merkwürdig viel Talg 68. Die Schildwache 68. Erwerbssinn 68. Er hält sich Bären 68. Der Entensteiß 70. Napoleon und Eugenie 71. Babelsberg 73.
Die Konfliktszeit 77
Wann hätte er einen Gedanken gehabt? 77. Eisen und Blut 78. Der Ölzweig von Avignon 79. Kavalierpolitik 80. Können wir anständiger umkommen? 80. Waldeck in Bismarcks Beleuchtung 83. Massenweis dumm 83. Kein feudaler Unhold 85. Ein König als Kabinettskurier 87. Ein Stoßseufzer Johannas 91. Bettelbriefe 92. Die Faust aufs Auge 92. Der Seiltänzer 92. Bismarcks feines Gehör 93. Von Helmerding parodiert 94. Die Dinge verstehe ich besser 96. Das Duell mit Virchow 98. Pauline Lucca 98. Bismarck und die Frauen 99. Der Oldenburger Rezeß 99.
Düppel und Königgrätz 101
Der Abjott Deitschlands 101. Beust 102. Wie einst im Mai 102. Bismarck als Faust 103. Ein Traum 103. In Lebensgefahr 103. Der Stab Arons 106. Quinze 107. Graf 107. Als Prophet 109. Blinds Attentat 110. Ein herzbewegendes Bild 111. Moltkes einziger Witz 112. Beinahe gefangen 113. Der preußische Soldat 114. Den Besen um die Ohren geschlagen 114. Im Kugelregen 114. Moltkes Feldherrnblick 114. Noch eine Zigarre 114. Die Geschwulst 115. Ohne Quartier 115. In Nikolsburg 116. Im Norddeutschen Reichstag 119. Ein liebenswürdiger Spitzbube 121. Wohlan, kreuzen wir den Degen 121. Ein schwerer Unfall 121. Auch sonst Glück im Unglück 122.
Das Vorspiel zum großen Kriege 125
Die Schamade 127. Fanfare 127. Die alte Karkasse 127.
Über Sedan nach Versailles 131
Feldzugsbriefe 131. Er reitet in die Nacht hinaus 133. Bill als Schweinetreiber 134. Im Granatenfeuer 134. Auf der Suche nach Quartier 134. Das zähe Huhn 135. Der Brief von Sedan 136. König Wilhelms Toast 138. Wie beim Kotillon 138. Die Arbeitslast 139. Ins Geschäft nie 140. =Parjure= und =infâme= 140. Eine Stunde der Bitterkeit 141. Achill 142. Es denkt, es spekuliert in mir 142. Wilhelm Tell 143. Wie er Burgunder bezog 143. Elefantenbraten 144. Von Erschaffung der Welt an 144. Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln 144. Er redet deutsch 145. Obendrein Propfengeld 145. Garibaldi 145. Alexander von Humboldt 146. Cerf 146. Der dicke Daumer 147. Marsyas 147. Die Geschichte vom Schieferdecker 147. Die Türklinke 147. Pferdefleisch 148. Die Pendule der Madame Jessé 149. Das Bombardement 150. In Ungnade 152. Halali 153. Und noch eine Zigarre 154. Wurscht 154. Thiers 155. Er ist doch ein eminenter Mensch 155. Exzellenz, ich bin geneigt 156. =Peut être= 156. Bismarcks Einzug in Paris 156. Fürst 157. Der Sachsenwald 158.
Der Ausbau des Reiches 159
Man muß toleranter denken 161. Der Dank 163. Die Wacht am Rhein 163. Die Franktireure von Osterburg 164. Tableau 164. Er trat mir einen Sporen ab 164. Die schwarze Perle von Meppen 166. Bismarck als Dichter 166. =Va banque= 167. Er sieht aus wie ein Koloß 168. Die dankbare Borussia 169. Vielleicht ein unbrauchbarer General 171. Graf Harry Arnim 172. Bibelfest 174. Die kostbare Dose 174. =Adelantador= 175. Ich hatt’ einen Kameraden 176. Kullmanns Attentat 177. Das Geschäft bringt es so mit sich 178. Bellachini 178. Pfui! 178. Der Gipfel der Gemeinheit 182. Unser allergnädigster Kanzler 183.
Neue Kämpfe und Bekenntnisse 187
Die Wirkung des Namens Bismarck 188. Die Alpenblume 190. Ein bißchen Mazedonien 191. Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm 191. Eine Kette von Exzellenzen 194. Der Feuerkopf 196. Wenn Bismarck sprach 199. Er will kein Telephon 199. Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen? 202.
Weitere Kämpfe 203
Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde 208. Das ist der =Dr.= Schweninger 208. Die Brut muß ausgerottet werden 208. Die Geschichte eines Traumes 209. Die Abrüstung 210. Das fehlende Hirn 212. Vom durstigen Völk 213. Vom Haarschneiden 214. Hammelbraten 214. Die naseweisen Damen 215. Hundegeschichten 215. Schamlos 217. Der =Furor teutonicus= 223. Die Grabrede auf den alten Kaiser 226. Der Tod des Reitknechtes 228. Ein Stammbuchvers 228. Fraktur 229. Die Getreuen von Jever 229. Mondschein 229. Wie er Modell saß 230. Die Ägyptische Frage 230. Noch ein Vers Bismarcks 230. Wie man lästige Besuche entfernt 230. Ein löblicher Kanzler 231. Von der öffentlichen Meinung 231. Vom Werte des Ruhmes 231. Der Sicherheitsknüppel 232. Die Ahnherren 232. Roß und Reiter 232. Einer, von dem er sich einschüchtern ließ 232. Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus 233.
Abendsonne 235
Der Fahnenträger der Nation 236. Kein Gedanke daran 238. Das Kaiserpaar 238. Ehrendoktor der Theologie 241. Abschied von Berlin 249. Ein Abschiedsgedicht 253.
Nach der Entlassung 255
Der Maulkorb 258. Das Leben in Friedrichsruh 258. Der zweite Uriasbrief 267. Götz von Berlichingen 267. Eine dicke alte Forelle 270. Stunden des Glücks 270. In der Politik gibt es kein Glück 270. Trinkfest 271. Ein kräftiger Kognak 271. Kräheneier 271. Man kann es aushalten 272. Der konnte es doch noch besser 272. Nur auf dem Kamel 272. Die Kreter sind faule Bäuche 273. Philosophie 273. Herr Baurat 274. Gewissermaßen fossil 274. Seine Tränen 275. Hausmusik habe ich immer geliebt 275. Der »Faust« ist meine Bibel 275. Das deutsche Lied 275. Wo er ruhen wollte 278. Ich spielte meine Karten blank aus 278. Sein Heim 279. Einsam 280. Wir sind alt geworden 281. So siehst du nicht aus 285. Man brauchte bloß die Register zu ziehen 287. Der Leibmedikus 288. Sonst tät’ ich’s umsonst 292. Er hält nicht stille 292. Nach dreitausend Jahren 293.
Schluß 295
Otto von Bismarck
Wie fern scheint heute schon die Zeit entschwunden, in der das deutsche Volk zu heroischer Größe emporwuchs, in der Otto von Bismarck das gewaltige Werk seines Lebens vollbrachte! Und doch sind jetzt, am 1. April des Jahres 1915, erst hundert Jahre vergangen, seitdem die Stimme des Knaben, den man einst den Eisernen Kanzler, den Schöpfer des Reiches, den getreuen Eckart nennen sollte, das Licht dieser Welt begrüßte, deren spätere Geschichte eine Geschichte seiner Taten wurde. Und erst siebzehn Jahre zogen dahin, seitdem seine Augen sich schlossen, und auch an diesem Großen sich das Schicksal erfüllte, das selbst an den Unsterblichen nicht vorüberschreitet. Und doch spinnt sich über Leben und Schaffen dieses Mannes schon eine Art von mythischem Schleier, schon scheint er zu einer Gestalt der Sage zu werden. Übermenschlich wächst er empor in Wollen und Schaffen, in Leisten und Vollbringen, und wenn im Hafen von Hamburg sich seine Gestalt als Roland erhebt, so fließen in unserer Phantasie die Züge und die Wesensart dieser beiden ragendsten Gestalten der deutschen Legende und des deutschen geschichtlichen Lebens schon längst ineinander; und wenn wir in dem Buche, das vor achthundert Jahren der Pfaffe Konrad schrieb, die Mär von dem Ausgang des Paladins Karls des Großen von neuem lesen, dann spüren wir erschüttert den Vorhall des Ausgangs Otto von Bismarcks: »Als Roland von der Welt verschied, vom Himmel ward ein großes Licht. Die Winde erhoben sich da, sie zerbrachen die herrlichen Waldbäume. Die Sonne erlosch, und der viel lichte Tag ward finster wie die Nacht, die Sterne zeigten sich offen, das Gewitter stürmte; und sie wollten alle glauben, daß die Zeit da wäre, da die Welt sterben und Gott sein Gericht halten würde.« So wie damals, als Roland starb, die Welt zu sterben schien, so in den Tagen, da Bismarck schied. Und so wie der Träger des Schwertes Durendart ein Hüter des Reiches gegen alle Feinde war, so wie er jetzt im Hamburger Hafen steht, so stand auch Bismarck in all den Jahren gewaltigen Ringens, weithin sichtbar, unerschüttert und stark auf deutschem Boden, auch dann noch, als der Abend über ihn heraufzog und ein junges Geschlecht, begehrend die Schwingen zu proben, aus eigener Kraft die Zukunft zu zimmern versuchte. Aufrecht und unbeugsam wie sein Leib blieb seine Seele, und wiewohl er die größten seiner Taten in der Vollreife des Mannestums vollbrachte, so blieb in den Herzen seiner Volksgenossen, und so wird auch in der Zukunft das Bild des Alten vom Sachsenwalde am festesten haften, des getreuen Mahners und Raters, auf den, wie er es selbst einmal aussprach, in seinem Gewissen die Pflicht wie eine Pistole zielte.
Seltsam genug: So fernhin uns die Gestalt dieses Mannes zu entschweben scheint, so mächtig sie emporwächst, je mehr die Distanz sich vergrößert, desto näher tritt sie uns doch menschlich in ihren einzelnen Zügen, in dieser ganzen Fülle eines urgewaltigen, heißen, vorwärtsstürmenden, schöpferischen Lebens, in der ganzen Macht des in ihr wirkenden Gemütes. Wo immer sich ein neuer Zug in Briefen und Dokumenten offenbart, die erst den Späteren zugänglich wurden, da wächst noch der Eindruck, der Zauber, den diese Persönlichkeit auf uns ausübt. Keine andere Gestalt, auch Goethe nicht, weckt in uns so stark das Verlangen, bis in alle Einzelheiten ihres Lebens zu dringen, in jede Stunde ihres Wachsens und Werdens zu schauen, wie der große Sohn der märkischen Erde. Wo der Grund liegt? In dem seltsamen Zusammenklang von eiserner Entschlossenheit und rücksichtslosem Willen mit einem tiefen und zarten Gemüt, in der eigentümlichen Harmonie von todesverachtender Tapferkeit und einem Humor, der wie eine Perle in der Tiefe ruht. Er schritt nicht, wie Moltke, kühl und gelassen und unberührbar durch die Welt und das Leben — der unbezwingliche und unbesiegte Schlachtendenker wurde nie von der Menge umstürmt, die seine Hand zu fassen und mit Küssen zu bedecken verlangte. All die Großen der Geschichte ziehen an uns vorüber, seit Alexanders Zeiten und seit Cäsar: keiner von ihnen trat den Menschen so nahe wie Bismarck, keiner von den Staatsmännern, den Herren des Schlachtfeldes, den Künstlern. Die Schranke kühler Überlegenheit trennte Friedrich den Großen von seinen Preußen und verschloß ihm den Zutritt zur letzten und höchsten Volkstümlichkeit; die Majestät des Herrschers scheuchte selbst von Wilhelm dem Einzigen die Vertraulichkeit ab. Aber die dichten Brauen, der durchdringende Blick, die mächtige Figur eines Bismarck flößen selbst dem Kinde keine Scheu ein. Mit leichter Hand streicht es über die Züge, freundlich lächelt es dem Bilde zu: es fühlt das Menschliche im Wesen dessen, den dieses Bild darstellt. Und dieses Menschliche wird niemals allzu menschlich, wirkt niemals dürftig und klein; jede Einzelheit bleibt bedeutend: der ~einzige~ vielleicht, der auch vor dem Kammerdiener noch ein König war. Wo fällt ein Schatten auch nur auf sein privates Leben? Wo schleicht sich ein niedriger Zug in die Tafel seiner Geschichte? Irrtümer mochten auch ihm nicht erspart sein, weil auch der Genius die Schleier der Vorsehung nicht durchdringt, aber auch diese Irrtümer entflossen starken und großen Motiven, ob wir auf die erschütternden Seelenkämpfe der Jungmannszeit, auf das Ringen im preußischen Konflikte, auf die Arbeit für den Ausbau des Reiches, auf die letzten Kämpfe des gefesselten Prometheus blicken. — Wo liegt das Geheimnis der Liebe? Wo das Geheimnis der Größe? Die Liebe eines Volkes wird dort am sichersten wachsen, wo jeder einzelne Volksgenosse, wie in Bismarck, ein Stück des eigenen Wesens verkörpert sieht, wo er alles findet, was in ihm selbst an Gutem und Bedeutendem schlummert. Und wo dieses sein eigenes Wesen in origineller Prägung vor seine Augen tritt. Das Volk liebt nicht sie, die wie Griechenlands Götter in Marmorpalästen wohnen und auf ragenden Höhen, die schweigend droben über den ewigen Sternen wandeln, es liebt die anderen, die in dem bunten Gewimmel des Lebens stehen, mit ihm ringen und Kraft aus ihm ziehen, die seinesgleichen bleiben, auch wenn der Fittich des Genius sie zu den Wolken erhebt, die mit uns leben und mit uns lieben, die unsere Freude teilen und mit uns leiden, die mit uns zürnen, wenn wir zürnen, und die dennoch alles Typische in Besonderheit wandeln und scharf und klar und unverrückbar als Persönlichkeiten vor unsere Augen treten.
Es gibt aber ein Merkzeichen der Volkstümlichkeit: die ~Anekdote~. Sie umfaßt und ergreift nicht das, was nichtig und zufällig ist, sondern sie dringt, richtig verstanden und bewertet, in das innerste Wesen des Menschen, und sie stellt uns in köstlicher Plastik dar, was die psychologische Analyse oft vergebens zu erläutern sucht. Sie ist und wirkt durch und durch lebendig; sie malt nicht mit dem Tintenstift, sondern mit vollen und satten Farben; sie bleibt nicht an der Oberfläche haften, sondern sie dringt in die letzte Tiefe. Und sie zeigt zugleich die Eigenart und die Kraft der Persönlichkeit, an die sie sich kettet. Denn sie entströmt ihr selbst; die Persönlichkeit ist ihr Schöpfer. Sie wird dort in reichem Strome fließen, wo das Wesen die originelle Prägung trägt; sie wird versagen, wo selbst ein Mann von Moltkes Größe doch im letzten Grunde einseitig bleibt. Sie wird strömen, wo der Humor, die letzte und tiefste Erfassung der Probleme des Lebens, die Seele erfüllt; sie wird aber versiegen, wo kühles Erwägen den warmen Blutstrom zurückdrängt. Und sie wird zuletzt auch dort nur haften, wo ein reiches Menschentum auch gegen den Widerspruch der Alltäglichen seine eigenen Bahnen wandert.
Das Komitee des Bismarck-Fonds sollte den Überschuß der Spenden zur Ausschreibung eines Preises für denjenigen »Kraftmeier« verwenden, der dem siebzigjährigen Bismarck dieses Kunststück nachmacht. (»Humor. Blätter«, 1. April 1887)]
Bismarcks Größe trat dem deutschen Volke nahe, weil sich die Strahlen seines Geistes in dem Prisma seines Humors brachen. In der Hamburger Dramaturgie hat Lessing diesen Begriff erläutert. »Ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz verschiedene Dinge, ja in gewissem Verstande ganz entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden, aber Humor ist, außer in diesem einzigen Falle, nie Laune.« Es ist in der Tat der Humor nicht das Produkt einer wechselnden Stimmung, sondern er ist eine stehende Stimmung, die Grundstimmung des Gemütes; er blüht nur in der Freiheit des Geistes und ist die reifste Frucht der Bildung. Er trägt die Seele über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leide spielen. Er ist die Gemütlichkeit, wie wir Deutschen es nennen. Hinter der Komik, die erscheint, verbirgt sich ein tiefer Ernst und die Weisheit der umfassendsten Lebensanschauung. Die Alten kannten ihn nicht, so paradox es klingt, weil sie die Trauer und die Sehnsucht nicht kannten. Der Humor ist germanisch, wie Luther, Shakespeare und Bismarck; er vereint den tiefen Ernst und den heiteren Frohsinn in dem Brennpunkt des Gemütes. Und er löst alle Widersprüche auf. Die Anekdote aber wandert in seinem Gefolge; sie ist sein legitimer Sprößling gleich dem Witz, nur wird sie vom Wohlwollen geboren und vom Lächeln empfangen, während an der Wiege des Witzes und vor allem der Karikatur nur allzuoft die Bosheit steht.
tschechischen Vilde. (»Hum. Listy«, August 1879)]
Wie weltenfern ist darum Bismarcks Größe von der Größe der anderen, die gleich ihm das Antlitz der Welt zu wandeln bestimmt waren! Wo fällt der goldene Schimmer des Humors jemals auf Napoleons eisernes Antlitz? Wo umstrahlt er Cäsars oder Friedrichs des Großen Werkstatt? Wo packt uns, wie hier, die tiefe Innigkeit eines Gemütes, in dem die Kraft der äußersten Liebe sich mit der Kraft des unnachsichtlichen Hasses, die rücksichtslose Kraft des weltengestaltenden Staatsmannes mit dem zarten Künstlersinn des Freundes der Natur, mit dem weichen Empfinden des Schreibers der Briefe an seine Braut zu vereinen verstand? Bismarck war groß auch in seinem Menschentum.
Und darum verlangt die Menschheit nach mehr als nur nach dem Rahmen des Lebens, und sie verlangt auch einen anderen Inhalt als das Register seiner geschichtlichen Taten. Neben das Bedürfnis des forschenden Geistes tritt das Bedürfnis der Liebe; neben dem hellen Mittag behält das Abenddämmern sein Recht mit seinen leisen Gesprächen, seinem stillen Erzählen von Tat und Geschehen, von Helden und Sagen. Die Kinder, sie hören es gerne.
Nur in Bismarck ist das Geheimnis der Größe zugleich das Geheimnis der ihm dargebrachten Liebe. Er steht dem Volke menschlich nahe wie niemand sonst. Und als er starb, da war es, als ging uns allen der beste Teil des Lebens verloren. Wie anders sonst! Als die letze Kunde kam von dem stillen Eiland im Weltmeer, auf dem Napoleon den Tiefgang seines Lebens betrauerte, da erzitterte wohl auch die Menschheit in dem Bewußtsein, daß hier ein Riese der Macht der Natur erlag, aber die Trauer des Herzens hat gefehlt, das letzte und wertvollste Zeichen menschlicher Größe. Metternich beherrschte einst durch sein zähes und kluges System den Kontinent von Europa, Gortschakoff träumte sich als Bismarcks Meister, Gambetta hatte die Leidenschaftlichkeit seines Volkes zu dem letzten verzweifelten Kampfe gegen Deutschlands siegreiche Heere gespornt, Cavour und Viktor Emanuel haben Italiens Einheit in rühmlichem Kampfe erfochten. Und doch hat, als sie starben, der Werktag nicht sein Antlitz geändert. Kaiser und Könige schieden, der starken Hand eines Nikolaus entfiel das Zepter, der dritte Napoleon, der einst der Welt Gesetze zu geben gedachte, zollte dem Schicksal den letzten Tribut. Wo aber war die Menschheit so tief erschüttert wie an jenem Tage, der ihr Bismarck raubte!
gewaltiger Redner; das muß man ihm lassen. (»Figaro«, 5. März 1870)]
Und seltsam beinahe: Solange Bismarck lebte, stand er immer im Kampfe mit einer Welt. Nirgends betrat er die ebene Bahn, nirgends schritt er ungehindert dem Ziele zu. Er mußte selbst ringen mit seinem alten König, mit dem Manne, dem er doch sterbend noch in der Inschrift seines Grabes das Geschenk seines Lebens vermachte; er mußte ringen mit dem Vorurteil der deutschen Welt, daß die großen Entscheidungen des Schicksals durch Resolutionen und Aktenstöße, nicht auf blutigem Blachfeld gefällt werden. Gegen ihn erhob sich die Masse der Kleinen, der Ehrgeizigen und der Verkannten. Ihm stellte sich alles entgegen, was vor der Größe zurückschreckt; an ihm verzagten in böser Zeit selbst die ältesten und getreuesten Helfer. Parteipolitisches Hoffen, höfischer Ehrgeiz, Doktrinarismus werden niemals dem Fluge des Genius vorbehaltslos folgen; sie werden in ihm stets etwas Feindliches spüren; sie werden versuchen, den Ragenden auf das Maß der eigenen Kleinheit zurückzuführen. Und feindlich wird ihm auch der »gesunde Menschenverstand« bleiben, dieser Trost des Philisters, der selbstgefällig nur die Weisheit der Allgemeinheit schlürft, der nach Schlußsatz und Kettenregel seine Folgerungen zieht, der aber stets abgestoßen wird von dem anderen, der intuitiv seine Entschlüsse faßt, der unregelmäßig erscheint, weil er das gewöhnliche Geleise verschmäht, der nur der Stimme der Gottheit folgt und den Pedanten verachtet. Bismarck hatte kein System; er hinterließ auch keine Schüler. Denn das scheinbar Unregelmäßige, das sich erst in einer höheren Sphäre gestaltet, läßt sich weder lehren noch lernen. Darum blieben auch sie, die in den langen Jahren gegen ihn rangen, die zehnfach an ihm irre wurden, doch redliche, vaterlandstreue Männer. Es ist kein Verbrechen, dem Genie zu erliegen, wohl aber erhöht es die Qualen des großen Menschen, wenn er das, was er als Goldmünze von der Vorsehung empfing, täglich und stündlich in die kleine Münze des Marktverkehrs umsetzen muß.
Michel: »Das ist gut, die streiten sich da herunten noch, wer kraxeln soll, während er schon lange oben ist.« (»Figaro«, August 1864)]
So hat man gegen den Weg, den Otto von Bismarck einschlug, um Preußen stark und durch Preußens Stärke Deutschland groß zu machen, selbst dort gekämpft, wo man in schwungvollen Reden und in hallenden Beschlüssen dafür eintrat, daß das Vaterland größer sei und die schwarzrotgoldene Fahne über alle Lande von Memel bis nach Konstanz flattern muß. Der Doktrinarismus kennt nur ~einen~ Weg: den Weg, den er selbst approbierte, und jeder Schritt, jedes Abweichen von dieser Bahn erscheint ihm als ein Verbrechen gegen die eigene Majestät. Was Bismarck damals, als er eben in den Kampf eintrat, als man ihn als prahlenden Junker, als hohlen Großsprecher, als Napoleonverehrer und Städtevertilger begrüßte, als man ihn wechselnd mit Catilina und Strafford verglich und als Verräter beschimpfte, in seinem Brief an Motley schrieb, mag hart und ungerecht klingen trotz der humoristischen Färbung, aber es zeichnet doch den tiefen Unterschied zwischen dem Tatenmenschen, der schaffen will, und den Doktrinären, die selbst der Vorsehung ihre Bedingungen vorschreiben möchten: »Eure Gefechte sind blutig, unsere geschwätzig. Diese Schwätzer können Preußen wirklich nicht regieren; ich muß dem Widerstand leisten. Sie haben zu wenig Witz und zu viel Behagen. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik gegenüber den Kirchturminteressen verstehen sie so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger; in auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten. Massenweise dumm, einzeln verständig.« Protestierte doch sogar, als Bismarck erklärte, nur eine preußische Sprache zu reden, ein Sybel gegen seine Politik, die »sich hiermit wieder das Zeugnis ausstellt, daß die Essenz ihres Wesens die Nichtachtung des Rechtes ist, daß sie weder im Innern noch nach außen handeln, weder ruhen noch wirken, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze des Landes zu verletzen«. Und wie Sybel, so urteilten Twesten, Unruh, Simson, Waldeck, Vincke und Carlowitz und die anderen, und sie alle, die tausendmal das Lied von den meerumschlungenen Landen gesungen hatten, ließen durch den Vertreter der Mehrheit erklären: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los!« Und sie jubelten Virchow zu, als er ausrief: »Er ist jetzt dem Bösen verfallen, und er wird von ihm auch nicht mehr loskommen!« Und sie lehnten die Anleihe für den Dänischen Krieg ab. Und als der Kampf siegreich beendet war, und als die preußischen Fahnen über Düppel und Alsen wehten, da füllten sie wiederum die Sitzungen nur mit Streitigkeiten, Vorwürfen und Anklagen. Da verwarfen sie abermals das Heeresgesetz und weigerten sich, das Geld für eine Flotte und für den Lorbeerkranz zu gewähren, der um Preußens Stirne gebunden war. Und Bismarck mußte ihnen zornig erklären, daß im allgemeinen wohl die Existenz auf der Basis der Phäaken bequemer sei als auf der Basis der Spartaner, im Lande der Philister angenehmer als im Lande der gehärteten Kämpfer, daß er aber hoffe, daß wie Düppel und Alsen ihnen zum Trotz erobert seien, so Preußen, ungeachtet ihrer impotenten Negative, auch eine Flotte bekommen werde, deren Bau man ihm eben versagte. Das Talent bleibt Reflexion, das Genie ist Tat. Dort die ungeheuren, wimmelnden Scharen, einander treibend und drängend, sich am Nachbarn erwärmend und von ihm mit neuem Mute begabt; hier der ~eine~, der mit breiter Brust sich dem Strom entgegenstellt. Und noch in späten Jahren, als alte Träume längst Wirklichkeit wurden, schrieb Bismarck, wenn er jener Zeiten gedachte, in neu erwachender Bitterkeit: »Es liegt im Rückblick auf die Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zu welchem Maße von Unehrlichkeit die politischen Parteien bei uns auf dem Wege des Parteihasses gelangen. Es mag ähnliches anderswo vorgekommen sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeine Nationalgefühl und die Liebe zum Vaterland den Ausschreitungen der Parteileidenschaft so geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns. Die für apokryph gehaltene Äußerung, welche Plutarch dem Cäsar in den Mund legt, lieber in einem elenden Gebirgsdorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein zu wollen, hat mir immer den Eindruck eines echt deutschen Gedankens gemacht. Nur zu viele unter uns denken im öffentlichen Leben so und suchen das Dörfchen, und wenn sie es in geographischer Art nicht finden können, die Fraktion, Unterfraktion und Koterie, wo sie die ersten sein können. Diese Sinnesrichtung, die man nach Belieben Egoismus und Unabhängigkeit nennen kann, hat in der ganzen deutschen Geschichte von den rebellischen Herzögen der ersten Kaiserzeiten an ihre Betätigung gefunden.«
Wespen«, Juni 1875)]
Was ist der Parteigeist anderes, als Doktrinarismus? Sie beide sind immer beschränkt, durch die Gesetze der Pedanterie beengt, ablehnend gegen die großen Gedanken, die dem Herzen entstammen, gegen die Kräfte der Begeisterung und des Gemütes. Sie werden stets unfruchtbar bleiben, gelenkt durch den Groll gegen die großen schöpferischen Geister, die es wagen, von der Säule des Prinzips hinabzusteigen in das blühende Leben. Der Doktrinarismus hat den großen Staatsmann gleich der Parteiwut verfolgt durch sein ganzes Leben, einer knurrenden Dogge vergleichbar, die sich an die Spur des Wanderers heftet. Was heute uns einfach und selbstverständlich erscheint, das wollte und konnte er nicht begreifen, eben weil es nicht nach seinem eigenen Gesetze erreicht werden sollte. Er hat zehnmal öfter »Fort mit Bismarck« geschrien, als er »Hoch Bismarck« rief.
Auf der Stirne stehen die Worte: »Ehrgeiziger Schuft«. Die Unterschrift lautete: »Ich habe dich gekriegt, ich hab’s auf deine Stirne geschrieben, wer du bist, und jetzt drängt man herbei, um dich zu verspotten.« Die Aasgeier fliegen schon heran. (Französ. Flugbl. 1870)]
Denn dieser Mann hat die Kühnheit gehabt, nie einer Fraktion anzugehören. Er ist, wie er es einmal aussprach, =à tour de rôle= herumgegangen, aber die Doktrin gab er stets wohlfeil: »Wer auf dem Standpunkt, den er einmal gehabt hat, feststeht, der bleibt zurück! Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen; alle Systeme, durch welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich in zweiter Linie; in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach außen, ihre Selbständigkeit, damit wir als große Nation frei atmen können.« Bismarck hatte keine vorgefaßte Meinung; und die Menschen des Prinzips glichen ihm Wanderern, die mit quergelegten langen Stangen auf einem engen Waldweg vorwärts kommen wollten. Er wurde aber Sieger, weil in ihm die Kraft der Leidenschaft lebte, wie es ja nie eine Genialität ohne Leidenschaft gibt. Neue, kühne, begeisterte Ideen erzeugt nur ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht, wie der köstlichste Wein nur auf Vulkanen gedeiht. Und Bismarck war Autodidakt. Er war nicht über den Paßweg der Examina gegangen, er war nicht die Stufenleiter zu hohen Ämtern mühsam emporgeklettert, und als er den Weg nach Frankfurt antrat, auf den wichtigsten Posten, den Preußen kannte, da mochten ihn die Männer vom Bau als Dilettanten, als »Diplomaten =en sabots=« begrüßen und auf ihn das Wort anwenden, das einst für Lord Russel galt: »Der Mensch würde auch das Kommando einer Fregatte oder eine Steinoperation übernehmen.« Er selbst hat ja gefürchtet, daß er sich »wegen Unkenntnis der aktenmäßig üblichen Formen blamieren würde«, er hat, als er zuerst »vom Rade des Lebens gefaßt war«, sich erst gewöhnen müssen, »ein regelmäßiger Arbeiter und trockener Geschäftsmann zu sein, viele und feste Arbeitsstunden zu haben und alt zu werden«, und humoristisch schreibt er an die Gattin, und doch voll leichter Bitterkeit über die verlorene Freiheit: »Dann muß ich einen großen Train und Haushalt führen, und Du, mein armes Kind, mußt steife Hecke spielen, Diners und Bälle geben, schrecklich vornehm tun, Exzellenz heißen und mit Exzellenzen klug und weise sein.« Aber wenn Spiel und Tanz auch vorbei sind, so ist er doch entschlossen, ein ernster Mann zu sein, auszuharren auf dem Fleck, auf den Gott ihn gesetzt, und dem König und dem Lande seine Schuld zu bezahlen. Es ist das Selbstbewußtsein, das Kraftgefühl des Genies, das ihn, den Gutsbesitzer mit mäßigem Vermögen, der erst seit wenigen Jahren als Abgeordneter im politischen Sturme stand, zum Sieger über die Zunftdiplomaten, über all die geschäftigen Müßiggänger am deutschen Bundestag erhebt. Nur daß er die zehn Jahre des tollen Junkertums benutzt hat, in alle Tiefen des Wissens zu dringen, fertig zu werden an Geist und Charakter, alle Kultur zu gewinnen, die das Jahrhundert schuf. Kein anderer Staatsmann gleicht ihm in der Fülle des Erschauten und Erkannten, kein Redner ist darum so reich wie er an Gleichnissen und Bildern und an lebenden Zitaten aus den Werken der großen Dichter aller Nationen. Hier ist nichts künstlich angewandt, sondern alles Erschaute und Erkannte schmilzt mit dem eigensten Wesen des Mannes zusammen und wird sein unverlierbares Eigentum. Und das Beste geben ihm nicht die Bücher, sondern das Leben, in das er mit hellen, schnell erfassenden Augen blickt. So ward er ein Feind der Reflexion und wurde und blieb ein Mann des Handelns, und über der Pforte seines Daseins standen die Worte: »Am Anfang alles männlichen Daseins steht nicht das Wort, sondern die Tat.«
1896)]
Und so löschte er von dem Tage an, da er in das geschichtliche Leben eintrat, von der Tafel die Politik der Perücken und schuf eine neue Politik der Kühnheit und der Wagnis. Nur die selbstbewußte Kraft des Genies, das über den Tag und seine Bedürfnisse hinwegblickt, konnte diesen Weg unbeirrt vorwärtsschreiten, auf dem überall Haß und Hohn als Hindernisse standen. Bis dann langsam das Verständnis für das Werden und die Ziele dieses Mannes erwachte, bis Groll und Mißmut sich beugten und selbst der Fremde, der Feind ausrief, daß kein Pantheon groß und vornehm genug sei, um ihm als Ruhestatt zu dienen.
und Betrüger dargestellt. (»Les Célébrités«, Nr. 15, während des Krieges in Frankreich)]
Und ein seltsames Eingeständnis machten selbst sie, die ihn bekämpften. Die ~Karikatur~ wird dort nur lebendig sein, wo Menschen den Rahmen des Gewöhnlichen verlassen und im Guten oder Bösen aus dem Geleise des Gewohnten treten. Überall aber, wo der Stift des Spötters den Lebensweg Bismarcks begleitet hat, dort hemmte ihn ein unbewußter Respekt vor der geahnten Größe an Exzessen der Phantasie. Der glühende Haß der Besiegten des großen Jahres und der anderen Kriege mochte ihn als Frevler auf die Guillotine senden, ihn meineidig oder blutgierig schelten, aber tritt nicht aus der Wildheit des Hasses sieghaft die Größe des Gegners hervor? Auf ihn allein und vor allem häufte sich seit dem Tage von Sedan aller Ingrimm des französischen Volkes. Er glitt an Roon und Moltke und selbst an König Wilhelm vorüber, um immer wieder ihn, den Gewaltigen, den Gefürchteten zum Ziele zu wählen. Hier verschmäht er spöttische Scherze; hier bleibt er heißer Zorn. Hier sucht er andere Bilder, als sie selbst die preußische Konfliktszeit und der Kulturkampf gebrauchte. Und eben hiermit neigt er sich doch wider Willen vor der überlegenen Größe. Und darum spiegelt sich hier wie dort in diesen Bildern des Spottes und der Ironie wie im Zerrspiegel etwas vom Wesen des Mannes wider: Auch das Negativ, das Licht und Schatten umgekehrt verteilt, läßt uns das originale Bild erkennen.
Und aus Scherz, Satire und Ironie, aus Anekdote und Karikatur soll hier ein Bild gezeichnet werden. Und wer es mit Fleiß betrachtet, wer den kraftvollen Hauch verspürt, der aus all dem scheinbar Kleinen und Nebensächlichen und doch Erlebten zu uns dringt, und wer zugleich im Negativ zu lesen versteht, vor dem wird doch wieder und wieder, gewaltig wie der Roland im Hamburger Hafen, die Gestalt dieses einzigen Mannes erstehen, der, ein geborener Herrscher, die Gemüter der Menschen regierte, wie der Wind die Wolke regiert, und der mit eiserner Faust die Geschichte zwang, daß sie seinem Willen folgte. Widerstrebend und scheu zugleich wie ein Araberhengst, der den Meister verspürt.
Die Kindheit
Als der Pfarrer von Schönhausen den Namen Otto von Bismarck in das Kirchenbuch der Gemeinde eintrug, da verhallte eben in der Ferne der Kanonendonner, der das Jubellied der neuerrungenen deutschen Freiheit begleitet hat. Da schien auf dem blutgetränkten Felde junge Hoffnung zu sprießen, der Glaube an ein geeintes deutsches Reich ergriff die von dem Stolze über die aus eigener Kraft erfochtenen Siege erfüllte Menschheit; das Tor des Kyffhäuserberges schien gesprengt, alter Glanz wiederzukehren und junge Freiheit zu wachsen. Aber die Zeit war noch nicht erfüllt; das Geschlecht, das bei Leipzig und Waterloo siegte, war noch nicht reif. Die Erziehung, die das deutsche Volk durch Napoleons eiserne Faust und durch den feurigen Schöpfergeist Scharnhorsts und des Freiherrn vom Stein erhalten hatte, trug noch nicht die ersehnten Früchte. Und fast ist es ein Glück: Nicht aus den Händen intriganter Diplomaten, die in Wien sich um die Landkarte stritten, nicht nach dem Willen fremder Souveräne sollte das deutsche Volk die besten Gaben seines Schicksals erhalten, sondern von der eigenen gesteigerten Kraft, vom eigenen Verdienst. Erst mußte die Nation durch das Fegefeuer einer neuen harten Prüfungszeit wandern, ehe wirklich die Zeit erfüllt war. Und wunderlich, daß just in jenen Tagen, die so bittere Enttäuschung heraufführen sollten, in dem märkischen Dorfe, die Welt begrüßend, die Stimme des Knaben erklang, der alles Hoffen erfüllen, alles Leid in Segen verwandeln sollte. Die Zeit aber, die bestimmt war, eine Zeit des Reifens, des inneren Erstarkens für die deutsche Nation zu werden, diese Zeit der scheinbaren Erstarrung, in der über dem Weltteil sich mit schwerem Druck der armselige Ideenschatz der heiligen Allianz gelegt hat, in der Stein vor Metternich erlag und Hilflosigkeit und böser Wille in dem Bundesstaate nur die Karikatur eines Staatsgebildes schufen, diese Zeit der Indolenz, die nur der flammende Mut der Jugend zuweilen mit Blitzen heiligen Zornes erhellte, ist auch die Zeit des jugendlichen Reifens jenes Mannes gewesen, der sie ins Grab geleiten sollte. Bismarcks Jugend stand nicht unter dem Sterne bedeutenden Geschehens, hinreißender Taten. Philosophie und Empfindsamkeit führten die Herrschaft; die Tatenmenschen fanden keinen Raum. Der gewaltigen Periode der Freiheitskämpfe folgte die Reaktion der Ermattung.
Am 11. April 1815 erschien in der Spenerschen Zeitung zu Berlin folgende Anzeige:
Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem gesunden Sohn verfehle ich nicht, allen Verwandten und Freunden unter Verbittung des Glückwunsches bekanntzumachen.
Schönhausen, den 2. April 1815. Ferd. v. Bismarck.
Schönhausen — noch steht das alte, efeuumsponnene Haus, noch kann ein dankbares Volk ehrfürchtig dorthin wallfahren, wo Bismarcks Wiege stand, noch ist das Zimmer unverändert, in dem Frau Wilhelmine einst in Nöten rang.
Otto von Bismarck war das vierte Kind seiner Eltern, doch war nur der fünf Jahre ältere Bernhard noch am Leben. Siebenundzwanzig Jahre zählte die Mutter, fünfundvierzig der Vater, als dem Schöpfer des neuen deutschen Reiches die Geburtsstunde schlug. Ein schlichter, mit Glücksgütern nicht reich gesegneter Landwirt, der einst als Rittmeister das Heer verließ, hatte jene Anzeige in der Zeitung erlassen. Fünf Fuß zehn Zoll zeigte das Maß des Vaters, kräftig und derb war seine Erscheinung. Die Mutter aber, Wilhelmine Mencken, war mittelgroß, zeigte feine Züge und leuchtende Augen. Sie war schön und geistreich, städtisch erzogen, und sie verlor auch in der Fülle des ländlichen Lebens niemals die heimliche Sehnsucht nach der großen Welt. In dem Briefe vom 24. Februar 1847, den später der junge Bräutigam an Johanna von Puttkamer schrieb, hat er die Mutter geschildert:
Wilhelmine Mencken
»Heute war der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter. Wie deutlich schwebt es mir vor, als meine Eltern in Berlin am Opernplatz wohnten, dicht neben der Katholischen Kirche, wenn ich des Morgens durch den Jäger aus der Pension geholt wurde, das Zimmer meiner Mutter mit Maiblumen, die sie vorzüglich liebte, mit geschenkten Kleidern, Büchern und interessanten Nippes garniert fand; dann ein großes Diner mit vielen jungen Offizieren, die jetzt alte Majors sind, und schlemmenden alten Herrn mit Ordenssternen, die von den Würmern verzehrt sind. Und wenn man mich als gesättigt vom Tische geschickt hatte, so nahm mich die Kammerjungfer in Empfang, um mir mit beiseite gebrachtem Kaviar, Baisers u. dgl. den Magen gründlich zu verderben. Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußere Pracht liebte, von hellem, lebhaftem Verstand, aber wenig von dem, was der Berliner Gemüt nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel werden soll, und es schien mir oft, daß sie hart und kalt gegen mich sei. Was eine Mutter dem Kinde wert ist, lernt man erst, wenn es zu spät, wenn sie tot ist; die mittelmäßigste Mutterliebe, mit allen Beimischungen mütterlicher Selbstsucht, ist doch ein Riese gegen alle kindliche Liebe. ... Von der Religion meiner Mutter erinnere ich nur, daß sie viel in den ›Stunden der Andacht‹ las, über meine pantheistische Richtung und meinen gänzlichen Unglauben an Bibel und Christentum oft erschrocken und zornig war. Zur Kirche ging sie nicht und hielt viel von Swedenborg, der Seherin von Prevorst und Mesmerschen Theorien, Schubert, Justinus Kerner. Eine Schwärmerei, die im seltsamen Widerspruch zu ihrer sonstigen kalten Verstandesklarheit stand.« In den »Gedanken und Erinnerungen« schreibt Bismarck weiter von seiner Mutter: »Sie war die Tochter des in damaligen Hofkreisen für liberal geltenden Kabinettsrats Friedrich des Großen, Friedrich Wilhelm =II.= und =III.= aus der Leipziger Professorenfamilie Mencken, welche in ihren letzten, mir vorhergehenden Generationen nach Preußen in den Auswärtigen und den Hofdienst geraten war. Der Freiherr vom Stein hat meinen Großvater Mencken als einen ehrlichen, stark liberalen Beamten bezeichnet. Unter diesen Umständen waren die Auffassungen, die ich mit der Muttermilch einsog, eher liberal als reaktionär, und meine Mutter würde, wenn sie meine ministerielle Tätigkeit erlebt hätte, mit der Richtung derselben kaum einverstanden gewesen sein, wenn sie auch an den äußeren Erfolgen meiner amtlichen Laufbahn große Freude empfunden haben würde. Sie war in bureaukratischen und Hofkreisen groß geworden; Friedrich Wilhelm =IV.= sprach von ihr als ›Minchen‹ im Andenken an Kinderspiele.« Über »Minchen« lag eine gewisse Kühle, auch ihre Briefe an die Söhne strahlen selten innere Wärme aus. Ihre Briefe sind literarisch, vernünftig, erfüllt von Sentenzen: »Es wäre das höchste Ziel meines Lebens,« so schreibt sie an den jungen Sohn, »und ich dachte es mir als das größte Glück für mich, das ich erreichen könnte, einen erwachsenen Sohn zu haben, der, unter meinen Augen gebildet, mit mir übereinstimmen würde, der als Mann berufen wäre, viel weiter in das Reich des Geistes einzudringen, wie es mir als Frau vergönnt ist.« Ihre Gedanken sind stets auf ein »Leben im höheren Sinne« und eine Vervollkommnung des Geistes gerichtet, niemals unmittelbar, niemals, selbst dem Sohne gegenüber, von rückhaltlosem Mitempfinden erfüllt. Die Frohnatur und die Lust zu fabulieren, die Goethe der Frau Rat verdankte, hat Bismarck von der Mutter sicherlich nicht geerbt.
Ferdinand von Bismarck
»Mein Vater war von aristokratischem Vorurteil frei, und sein inneres Gleichheitsgefühl war, wenn überhaupt, nur durch die Offizierseindrücke seiner Jugend, keineswegs aber durch Überschätzung des Geburtsstandes modifiziert«, so urteilt der achtzigjährige Staatsmann über den Vater. Er war der Landjunker der guten alten Zeit, ein eifriger Reiter und Jäger, der Freund eines guten Trunkes. Über seinem ganzen Wesen liegt ein gewisses robustes Behagen, ein behäbiger harmloser Humor. Er ist ganz unliterarisch, aber er umfaßt seine Jungen mit warmer Güte und väterlicher Treue. Und als sie zu tüchtigen Knaben heranwachsen, da blickt er mit naivem Stolze auf sie. »Mit Eure Zeugnisse«, schreibt er 1828, »brüste ich mich noch immer, gestern waren Bülows, Bekedorff und Blankenburgs hier, wo ich sie zeigte und meine recht innige Freude hatte, wie sie Euch rühmten; schon im voraus freue ich mich auf die, so Ihr auf Johanny schicken, und bin ich von Eurer Liebe überzeugt, daß Ihr unsere Hoffnungen gewiß erfüllen werdet. Ich bin also berechtigt, Nr. 1 entgegenzusehen.« Wirtschaftsnöte und manche Sorge blieben ihm nicht erspart, und als er starb, da ließ der Zustand der Güter vieles zu wünschen übrig. Aber mit einer gottvertrauenden Sorglosigkeit ließ er die Dinge an sich kommen. Daß der Sohn über ihn hinauswuchs, hat er wohl kaum gespürt. Aber das Verhältnis der beiden blieb herzlich und vertraut bis ans Ende.
Am 15. Mai fand die Taufe statt. Nur das erste Jahr seiner Kindheit verlebte Bismarck in Schönhausen. Denn schon im Jahr 1816 siedelten die Eltern nach Kniephof in Pommern über. Sie waren durch Erbschaft und Vergleich in den Besitz dieses Gutes sowie von Jarchelin und Külz gekommen. Mancherlei landschaftliche Reize bot die Umgebung, und wenn auch das Herrenhaus selbst unansehnlich und einfach war, so waren doch der schöne Garten und der Karpfenteich des Gutes weithin gerühmt. Hier blieb der Knabe bis zum sechsten Lebensjahre. Eine Reihe von niedlichen Zügen ist uns schon aus dieser ersten Periode erhalten.
Er baumelt mit den Beenekens
Aus seiner frühesten Kindheit erzählt eine zur Familie gehörige Dame: »Otto saß am Nebentisch und wartete mit vorgebundener Serviette auf das Essen — das ihm von Kindheit an vortrefflich schmeckte —, den Rücken gegen die Tafel gekehrt, an welcher die Eltern mit den Gästen Platz genommen hatten. Der glückliche Vater betrachtete den Sohn mit den zärtlichsten Blicken und rief dann der Gemahlin entzückt zu: ›Minchen, sieh doch den Jungen, wie er dasitzt und mit den Beenekens baumelt!‹ Und so baumelte denn der kleine Otto ganz vergnügt mit den ›Beenekens‹ weiter zur Freude seines Vaters.«
Weil sie zu sehr stankte
Nach Kinderart hatte Otto die Leidenschaft, alles, was ihm eßbar dünkte, zu kosten. Die Mutter nahm ihn dann scharf ins Verhör. »Otto, was hast du gegessen? Du riechst nach Medizin!« rief die Mutter einst. Das Kind besann sich eine Weile, dann sagte es ruhig: »In des Vaters Stube stand am Fenster eine Flasche, die nahm ich an den Mund; ich habe aber nicht davon getrunken, weil sie zu sehr stankte.«
Die Kanonenkugel
Der Major von Schmeling, Kommandeur des Landwehrbataillons in Naugard, der in den Freiheitskriegen verwundet wurde und infolgedessen den linken Arm in der Binde tragen mußte, war eines Tages bei Bismarcks Eltern zu Tisch geladen. Der immer noch stattliche Krieger erregte in seiner blanken Uniform des Knaben ganze Aufmerksamkeit. Mit fragenden Augen schaute dieser über seinen Suppenteller hin, bald nach dem Eisernen Kreuze auf der Brust des Majors, bald auf dessen unbeweglichen Arm in der Binde. Das kindliche Fassungsvermögen vermochte sich wohl an der Erscheinung des tapferen Offiziers die Konsequenzen von »Blut und Eisen« noch nicht zu erklären; es mochte aber doch eine Ahnung in ihm aufsteigen, denn mit plötzlichem Entschlusse sprang er vom Stuhle, stellte sich in etwas breitbeiniger, doch gerader Haltung, mit den Händen in die Seiten gestemmt, vor den Major hin und frug ihn in echt friderizianischer Art zur größten Heiterkeit der Tischgesellschaft: »Ist Er von einer Kanonenkugel geschossen?«
In Versailles erzählte Bismarck einmal von seiner Jugendzeit und seinen frühesten Erinnerungen. Die erste knüpfte sich an den Brand des Berliner Schauspielhauses:
Die erste Erinnerung
»Ich bin damals«, so erzählte er, »ungefähr drei Jahre alt gewesen, und es war am Gendarmenmarkt auf der Mohrenstraße, gegenüber dem Hotel de Brandebourg, an der Ecke, eine Treppe hoch, da wohnten damals meine Eltern. Von dem Brande selbst weiß ich nicht, daß ich ihn gesehen hätte. Aber als Egoist weiß ich — vielleicht auch nur, weil man mir’s hernach oft erzählt hat, wir hatten da vor den Fenstern noch so eine Stufe, auf der Stühle und der Nähtisch meiner Mutter standen. Und wie es brannte, da stieg ich hinauf und hielt an der einen Seite meine Hände an die Scheiben und zog sie gleich zurück, weil es heiß war. Hernach ging ich an das rechte Fenster und machte es ebenso.« — »Dann erinnere ich mich noch, daß ich einmal fortlief, weil mein älterer Bruder mich schlecht behandelt hatte. Ich kam bis auf die Linden, da fingen sie mich wieder ein. Ich hätte eigentlich Strafe bekommen sollen, es wurde aber Fürsprache für mich eingelegt.«
Eine andere niedliche Erinnerung aus jener frühen Zeit, die Bismarck einmal vor Paris bei Tische erzählte:
Seltsame Bälle
»Ich besinne mich, obwohl ich damals noch sehr klein war, es muß im Jahre 1821 oder 1822 gewesen sein — da waren die Minister noch sehr große Tiere, angestaunt, geheimnisvoll. Da war einmal bei Schuckmann große Gesellschaft, was man damals Assemblée nannte. Was war der als Minister für ein schrecklich großes Tier! Da gingen meine Eltern auch hin. Ich weiß noch wie heute. Meine Mutter hatte lange Handschuhe an, bis hierher (er zeigte es am Oberarm), ein Kleid mit kurzer Taille, aufgebauschte Locken zu beiden Seiten und auf dem Kopfe eine große Straußenfeder. — Später war da ein Gesandter in Berlin, der gab auch solche Bälle, wo bis um drei Uhr getanzt wurde, und wo es nichts zu essen setzte. Da weiß ich, daß ich und ein paar gute Freunde oft hingingen, zuletzt lehnten wir jungen Leute uns auf. Als es spät wurde, zogen wir Butterbrote aus der Tasche und verzehrten sie. Hernach, das nächstemal, gab es zu essen, aber wir waren nicht wieder eingeladen.«
humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
Reicher quellen schon die Erinnerungen aus der Zeit, die Otto von Bismarck in dem Plamannschen Institut zu Berlin verlebte, wohin man ihn in seinem sechsten Jahre brachte. Dieses Institut war nach den Grundsätzen Pestalozzis begründet; in dem Hause Wilhelmstraße 139 lebten etwa dreißig Schüler in der strengen Zucht ihrer Lehrer, nach den Erziehungsgrundsätzen der eben vergangenen eisernen Zeit. Hier sollte der Körper gestählt, die Persönlichkeit nach allen Seiten ausgebildet und zur Selbständigkeit erzogen werden. Hier hat der Knabe, vielfach vom Heimweh nach den Pferden und Kühen und der freien Luft der Heimat gefoltert, die erste Lehrzeit des Lebens verbracht. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war jede Stunde des Tages geregelt. Unterricht, Gymnastik, einfache Mahlzeiten, Arbeitsstunden wechselten miteinander, und am Sonntag zog man wohl mit den Lehrern auf die Wanderfahrt. Aber ganz froh ist der Knabe hier nie geworden. Das Gärtchen mit Kresse und türkischem Weizen und dem einen Baum, der breitgeästet im Winkel stand, konnte ihm nicht die Freiheit des heimatlichen Lebens ersetzen. Noch in späten Jahren hat Bismarck oft bitter von dieser Zeit seiner Kindheit gesprochen und in einer vielleicht allzusehr gesteigerten Bitterkeit die Anstalt als ein Zuchthaus geschildert. So hat er noch im Jahre 1872 geklagt:
Philosophie des Prügelns
»Meine Geschlechtsfolge besteht aus der Abwechslung einer geprügelten mit einer prügelnden Generation. Die Geprügelten, zu denen gehöre ich — es waren die Gelehrten, die Büchersammler; — sie vermehrten die Hausbibliothek. Da sie hart erzogen wurden, machten sie es an ihren Kindern durch Liberalität wieder gut. Unsere Kinder natürlich sehen aber wieder ein, daß man sie hätte straffer zügeln müssen, und prügeln unsere Enkel!«
Mit Schrecken erinnerte sich der Kanzler auch an die Kost in der Anstalt.
Elastisches Fleisch
Es habe dort, so erzählte er in Versailles, ein künstliches Spartanertum geherrscht. Niemals habe er sich satt gegessen, ausgenommen, wenn er einmal ausgebeten gewesen sei. Immer habe es im Institut elastisches Fleisch gegeben, nicht gerade hart, aber der Zahn konnte damit nicht fertig werden. Und Mohrrüben — roh aß ich sie recht gern, aber gekocht und harte Kartoffeln darin, viereckige Stücke.
Um Ostern 1822 traf der Knabe in der Anstalt ein. Einer seiner Mitschüler, der sich damals in der Knabenschar befand, die den neuen Zögling begrüßte, hat später über diese Szene erzählt.
Wie kommt es nur?
»Wir befanden uns auf dem Mittelflur, als die nach der Straße führende Haustüre sich auftat und der Kutscher des Herrn von Bismarck in dem damals üblichen weiten Mantel mit lang herabhängendem Rundkragen eintrat, Otto, gleichfalls in einen solchen Mantel gehüllt, auf dem Arme tragend. Er war schon damals ein hochaufgeschossener Knabe und ragte weit über das Haupt des Kutschers hinaus. Wir eilten auf Otto zu, aber er verzog keine Miene und sah nur mit imponierendem Ernst von oben herab auf uns nieder. — ›Wie kommt es nur‹ — diese Frage knüpft der Erzähler an jene Mitteilung —, ›daß dieses Bild mir nach mehr als fünfzig Jahren klar im Gedächtnis geblieben ist, dieses Bild eines Knaben, von dem ich sonst aus jener Zeit nichts, durchaus gar nichts weiß? — War das eine Ahnung davon, daß er einst so hoch über uns gestellt sein werde?‹«
humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
Noch eine andere Schilderung aus jenen Tagen ist uns erhalten. Ernst Krigar ein Mitschüler Ottos, hat sie uns in einem kleinen Schriftchen gegeben.
Der Telamonier Ajax
»Zu Weihnachten hatte einer unserer Mitschüler von seinen Eltern ›Beckers Erzählungen aus der alten Welt‹ zum Geschenk erhalten; das Buch wurde von uns fleißig gelesen, so daß das eine Exemplar lange nicht ausreichte, unsere Wißbegierde zu stillen. Jetzt wurde der Trojanische Krieg vorgenommen. Der erste, welcher diesen ganzen Teil des Buches auswendig konnte, war Otto von Bismarck. Am Ende des Gartens der Anstalt, jetzt nach der Königgrätzer Straße zu, stand ein schöngewachsener Lindenbaum, zu dem hinaufzuklettern wir die Erlaubnis hatten. Dies war in den Freistunden unser liebster Aufenthalt. ›Nach der Linde!‹ hieß es, wenn irgend etwas Wichtiges mitzuteilen oder zu beraten war. Sie bildete den Mittelpunkt des Gartens für uns. Otto von Bismarck übernahm in der Regel das Vorlesen des Trojanischen Krieges und wählte sich dazu häufig seinen Lieblingssitz auf der Linde. Wir Zuhörer, soweit wir Platz hatten, bestiegen ebenfalls den Baum, die übrigen lagerten sich unter demselben. Mit welcher Aufmerksamkeit folgten wir dem Vorleser, mit welcher Begeisterung wurden die Heldentaten der Griechen vor Troja aufgenommen! Es dauerte nicht lange, so hatte jeder von uns den Namen eines dieser Helden. Bismarck konnte kein anderer als der Telamonier Ajax sein.«
In der Tat war Otto ein frischer, lieber Junge und ein rechter Sohn der märkischen Erde. Leicht empfänglich für alle Eindrücke, tapfer und ein wenig hitzig, stellte er sich gern auf die Seite der Schwachen und kämpfte manche heiße Fehde. Sechs Jahre ist er in der Anstalt von Plamann geblieben. Jetzt ist das Haus verschwunden, in dem sie einst untergebracht war. Ein Prachtbau erhebt sich in der östlichen Häuserflucht der Königgrätzer Straße. Aber eine Tafel verkündet: »Hier stand die Bismarcklinde im Garten der Plamannschen Erziehungsanstalt, deren Zögling der Fürst Bismarck 1822 bis 1827 war.«
Schon im ersten Zeugnis bescheinigten ihm die Lehrer: »Seine gemütliche Freundlichkeit und sein kindlicher Frohsinn machen, daß ihn alle gern haben, so wie er auch seinerseits sich zutraulich anschließt.« Erhalten ist auch
Sein erster Brief
Liebe Mutter! Ich bin hier glücklich angekommen; es sind die Zensuren ausgefüllt, und ich hoffe, daß Du Dich freuen wirst. Es sind kürzlich neue Springer angekommen, die sehr schöne Kunststücke zu Pferde und zu Fuß machen können. Grüße alles vielmals und bleibe so gesund wie wir Dich verlassen hatten.
Ich bin Dein Dich liebender Sohn Otto.
War aber Otto immer ein Musterknabe? Erhalten blieb die Tatsache, daß er, als ihn der altdeutsch gescheitelte, langlockige Zeichenlehrer eine Zierpuppe schalt, ihm blitzschnell die Antwort gab: »Selbst eine!« Und auch in den Zeugnissen ist zu lesen, daß er im Arbeiten und Denken zu Übereilung, in allen Handtätigkeiten zur Flüchtigkeit neigte, und daß er allzu lebhaft und lange beinahe zerstreut war. »Er hat wohl über sich zu wachen, daß sein natürlicher Frohsinn nicht ausarte und daß jedes seine rechte Stelle habe, der Ernst bei der Arbeit und die Fröhlichkeit im geselligen Leben.«
Im September 1827 ging der junge Bismarck in das Gymnasium über. Gleichzeitig zogen die Eltern für einen großen Teil des Jahres nach Berlin und nahmen ihn auch in ihre in der Behrenstraße gelegene Wohnung mit. Während des Winters lebten Otto und sein Bruder Bernhard mit den Eltern zusammen, im Sommer zogen Vater und Mutter nach Kniephof, während die beiden Jungen, von einem Hauslehrer überwacht und von der getreuen Trine Neumann verpflegt, allein in der Hauptstadt wirtschaften durften.
Trine Neumann und der Eierkuchen
»Trine Neumann«, so erzählte später der Kanzler, »stammte von meinem väterlichen Gute Schönhausen in der Altmark. Sie hatte uns Jungen herzlich lieb und tat alles, was sie uns an den Augen absehen konnte. So machte sie uns zu Abend fast immer unser Leibgericht: Eierkuchen. Wenn wir gegen Abend ausgingen, ermahnte Trine Neumann uns regelmäßig: ›Bliewt hüt nich so lang ut, dat min Kauken nich afbacken!‹, und regelmäßig, wenn wir endlich nach Hause kamen, hörten wir die gute Trine schon von weitem wie einen Rohrsperling schimpfen: ›Na wart, Jungens, ut euch wart in’n Leben nix Vernünftiges — die Kauken sind all wedder afbackt!‹ Aber der Zorn der guten Trine war immer bald verraucht, wenn sie sah, wie vortrefflich ihre ›afbackten Kauken‹ uns Jungens schmeckten.« — Trompeterlungen-Posaunenstimmen rühmte in jener Zeit der Templiner Onkel seinen »beiden anderen Neffen nach«.
Auf der neuen Schule, dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, in deren Untertertia der Knabe eintrat, gewann besonders der spätere Direktor des Grauen Klosters, Professor =Dr.= Bonnell, Einfluß auf ihn. Dieser ausgezeichnete Pädagoge, dem Bismarck bis in die spätesten Jahre ein treues Gedenken bewahrte, gewann schon in den ersten Tagen die Haltung und das Wesen des Knaben lieb. Er erzählt:
Ein nettes Jungchen
»Die Neuaufgenommenen saßen im Schulsaale auf mehreren Bänken hintereinander, so daß die Lehrer während der Einleitungsfeier Gelegenheit hatten, die kleine Schar gehörig durchzunehmen. Otto von Bismarck saß mit sichtlicher Spannung, mit freundlichem Knabengesicht und helleuchtenden Augen frisch und munter unter seinen Kameraden, so daß ich bei mir dachte: Das ist ja ein nettes Jungchen, den will ich besonders ins Auge fassen.«
Der dankbare Schüler
Wie groß die Anhänglichkeit war, die Bismarck noch in späten Jahren für seinen alten treuen Lehrer bewahrte, beweist folgende Episode, die wiederum Bonnell erzählt: »Der 17. April 1871 war der Tag, an welchem die Stadt Berlin die zum erstenmal versammelten Abgeordneten des Deutschen Reichstages in dem großen Festsaale des neuen Rathauses begrüßte. Ich war auch dazu eingeladen. In dem großen Gedränge der Abgeordneten und Notabilitäten jeder Art zog natürlich Bismarck die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. Plötzlich steht der große Mann vor mir und reicht mir in gewohnter Freundlichkeit die Hände. Die Hitze des Saales hatte mein Gesicht gerötet; deshalb drückte er seine Freude darüber aus, mich so wohl zu finden. ›Ich kann dies Ew. Durchlaucht zurückgeben,‹ sagte ich, ›und doch haben Sie einen bedeutenden Teil der Weltgeschichte nicht bloß durchgemacht, sondern gemacht.‹ — ›Nun,‹ erwiderte er, ›ich habe so etwas an ihren Fäden gesponnen!‹ Darauf folgten noch andere freundliche Worte, Erkundigungen nach meiner Frau.« Die Zeitungen schilderten dann in den nächsten Tagen den Eindruck, den dieser Vorgang auf die im Rathaussaale Versammelten gemacht hatte. In dem Bericht des einen Blattes hieß es: »Wer ist der kleine alte Herr, mit dem Bismarck so lange spricht, zu dem er sich fast herabzubeugen scheint? Es ist der Direktor Bonnell, der einst des Fürsten Lehrer war. Es tut einem wohl, zu sehen, wie respektvoll der große Schüler noch heute vor seinem alten Lehrer steht.« — Bonnell ist auch der Lehrer der beiden Söhne Bismarcks später geworden. Als sie im März 1869 die Reifeprüfung bestanden hatten, lud der Vater die Prüfungskommission zu Tische. Die Unterhaltung bewegte sich so ungezwungen wie immer in diesem Hause. Da erhob sich der Kanzler mit dem Glase und sprach etwa folgendes: »Vor achtunddreißig Jahren um dieselbe Zeit habe ich das Abiturientenexamen bestanden, und zwar vor demselben Mann und unter Leitung desselben Mannes, der jetzt meine beiden Söhne zu demselben Ziele geleitet hat. Ich weiß, was ich ihm verdanke. Mögen auch meine Söhne ihm stets ein dankbares Andenken bewahren. Indem ich Sie, verehrte Anwesende, auffordere, auf das Wohl meines alten lieben Lehrers, des Direktors Bonnell, anzustoßen, verbinde ich zugleich den Dank an die übrigen Lehrer meiner beiden Söhne.«
Sein Konfirmandenspruch
Am 31. März 1831, einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag, wurde der junge Otto von dem berühmten Schleiermacher in der Dreifaltigkeitskirche eingesegnet. Noch als greiser Mann erzählte Bismarck: »Noch weiß ich genau das Plätzchen in der Kirche, wo ich unter den Konfirmanden gesessen habe; und als ich dann aufgerufen wurde und vor den Altar treten sollte, pochte mir gewaltig das Herz. Den Spruch, welchen Schleiermacher mir mitgegeben hat, glaube ich ziemlich richtig sagen zu können: ›Was ihr tut, das tut dem Herrn und nicht den Menschen‹; aber die Stelle, wo er steht, habe ich vergessen. Nicht wahr, ein besseres Wort konnte mir nicht mitgegeben werden! Der Spruch soll mein Leitstern bleiben.« Es ist die Stelle Kolosser 3, 23: »Alles was ihr tut, das tut von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen.«
Superintendent Pank, der an der gleichen Kirche tätig war, sprach im Jahre 1880 mit dem Reichskanzler von dieser Zeit und berichtet dann:
»Zu Hause erzählte ich es meinem Küster; dieser durchblätterte die alten Konfirmandenregister, fand dort richtig den Namen ›Otto von Bismarck‹ und sagte: ›Am kommenden 31. März sind seitdem gerade fünfzig Jahre verflossen; da müßten wir eigentlich dem Reichskanzler einen Jubiläumskonfirmationsschein schreiben; wer weiß, ob er den früheren noch hat.‹ Gesagt, getan. Der Konfirmationsschein wurde angefertigt, mit einfachen Randzeichnungen um den Text, oben das Bild Schleiermachers, unten den obenerwähnten Denkspruch. Am Morgen des 31. März 1880 legte ihn die Fürstin auf den Frühstückstisch des Reichskanzlers. Sie sagte mir nachher, daß er sich kaum über etwas so gefreut habe wie über diese überraschende ernste Erinnerung an einen Gedenktag seines Lebens, an dessen fünfzigste Wiederkehr er nicht im entferntesten gedacht hatte. Als ich einige Zeit darauf dem Fürsten das heilige Abendmahl reichte, führte er mich nach der Feier zu seinem Schreibtisch, auf dessen Mitte der Konfirmationsschein aufgestellt war, und sagte: ›Es hat doch etwas auf sich, wenn man sich sagen muß: Fünfzig Jahre sind dahingegangen, seitdem du vor dem Konfirmationsaltar gestanden! Aber der Spruch soll mein Leitstern bleiben!‹«
In Pension
Bald darauf wurde der Knabe der Pensionär seines Direktors, der am Königsgraben Nr. 4 wohnte. Auch aus dieser Zeit besitzen wir ein Urteil des trefflichen Pädagogen über seinen Zögling: »Er bewegte sich freundlich, anspruchslos und durchaus zutraulich in meiner einfachen Häuslichkeit, die sich damals auf meine Frau und meinen einjährigen Sohn beschränkte. Er zeigte sich in jeder Beziehung liebenswürdig. Er ging des Abends fast niemals aus; wenn ich zu dieser Zeit zuweilen nicht zu Hause war, so unterhielt er sich freundlich und harmlos plaudernd mit meiner Frau und verriet eine starke Neigung zu gemütlicher Häuslichkeit. Er hatte unser ganzes Herz gewonnen, und wir brachten ihm alle Liebe und Sorgfalt entgegen, so daß sein Vater später, nach seinem Scheiden von uns, äußerte, daß der Sohn sich in keinem Hause so wohl wie bei uns gefühlt habe.«
Am 14. April 1832 bestand der Jüngling, kaum siebzehn Jahre alt, das Examen der Reife mit dem Zeugnis Nr. 2. Seine Mitschüler in der Prima haben ihm später im Festsaal der Anstalt ein Denkmal gesetzt, eine Büste des Kanzlers auf einem Sockel aus schwarzem Marmor. Der Schüler hatte vorher seinen Lieblingslehrer, der zum Direktor des Grauen Klosters ernannt worden war, an die neue Anstalt begleitet.
Wie hat Bismarck das Gymnasium verlassen? Er schildert es selbst zu Beginn seines letzten Gedenkbuchs: »Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, ~einem~ dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittere oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören konnte. Dazu hatte ich von der turnerischen Vorschule mit Jahnschen Traditionen (Plamann) deutsch-nationale Eindrücke mitgebracht. Diese blieben im Stadium theoretischer Betrachtungen und waren nicht stark genug, um angeborene preußisch-monarchische Gefühle auszutilgen. Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf seiten der Autorität. Harmodios und Aristogeiton sowohl wie Brutus waren für mein kindliches Rechtsgefühl Verbrecher und Tell ein Rebell und Mörder. Jeder deutsche Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte, ärgerte mich, vom Großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der Siebenjährige Krieg sich vorbereitete. Doch blieb mein deutsches Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfiel mir ihre Weigerung, Satisfaktion zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener durchschnittlich älteren Studenten. Gleichwohl bewahrte ich innerlich meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der nächsten Zukunft zur deutschen Einheit führen werde.«
Wie er sich sonst entwickelt hat? Mannigfache Reisen, vor allem aber der Ferienaufenthalt auf dem Lande mußten ihre Wirkung üben. Dort draußen treibt er dann mit der Schwester und Cousine »viel tolles Zeug«, dort lebt er, »wie Gott in Frankreich«. Er erzählt in seinen Briefen nur von Jagen und Tanz, übermütig, in keckem Stil, die Brust erfüllt von Lebensfreude. Und schon spürt man an seinen Briefen aus der keimenden Jünglingszeit den starken Stilisten mit seiner kraftvollen Art der Darstellung, mit den drastischen Bildern, mit dem köstlichen Humor. Hier ein Zitat:
Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee
»Am Freitag«, schreibt er in einem Schülerbriefe, »sind drei hoffnungsvolle junge Leute, ein Brandstifter, ein Straßenräuber und ein Dieb, kurze Zeit vorher zwei gleichen Gelichters aus der Anstalt echappiert. Die ganze Gegend wimmelte von Patrouillen, Gendarmen und Landsturm; man war seines Lebens nicht sicher. Am Abend rückte gegen die drei Ungeheuer die Kniephofer Reichsexekutionsarmee aus, bestehend aus fünfundzwanzig Mann Landsturm, soviel es anging mit Schießgewehren, Flinten, Büchsen, Musketen, Pistolen, übrigens aber mit Forken und Sensen bewaffnet. Alle Übergangspunkte über die Zampel wurden besetzt. Unser Militär war aber erschrecklich in Furcht. Wenn zwei Abteilungen sich begegneten, riefen sie einander an; aber vor Angst wagte niemand zu antworten, die einen liefen was sie konnten, die anderen verkrochen sich hinter die Büsche.« — Es ist zu hoffen, daß die drei »hoffnungsvollen jungen Leute« doch noch von ihrem Schicksal ereilt worden sind.
Als ein befähigter und wohlvorbereiteter Jüngling, geleitet von den besten Segenswünschen seiner Lehrer und der Hoffnung, »daß er mit erneutem Eifer an seiner ferneren wissenschaftlichen Ausbildung arbeiten werde«, zog der junge Fuchs zur Universität.
Als Jurist und Landwirt
Eine flotte und fröhliche Zeit brach für den jungen Studiosus in Göttingen an. Auch Otto von Bismarck erfaßte das akademische Leben mit allen seinen Lockungen und Reizen, und von den Kollegien, die er namentlich im ersten Semester belegte, hat er nur wenige besucht. Noch sechzig Jahre später hat er, das Haupt mit der roten Mütze des Korps Hannovera bedeckt, in wehmütig froher Erinnerung versichert, daß hier in Göttingen seine Gedanken am liebsten weilen. Er trat nicht sofort in das Korps ein; er verkehrte vielmehr zuerst in einem Kreise von Mecklenburgern, die keine eigentliche Verbindung bildeten und mit denen er alsbald eine fröhliche Fahrt in den Harz antrat. Auch seinen Freund Lothrop Motley lernte er hier kennen, der ihm in seinem Buche »Otto von Rabenmarck« ein eigenartiges Denkmal der Bewunderung setzte.
Sein Eintritt in das Korps erfolgte seltsam genug. Vor das Universitätsgericht geladen, trat er den Weg in hellem, schlafrockartigem Gewande an, das bis zu den Füßen reichte, »mit seltsam konstruierter Mütze, ein gedrehtes Eisenstöckchen in der Hand, von einem mächtigen weißgelben Hunde gefolgt«. Von Mitgliedern des Korps Hannovera, die ihm begegneten, ob seines Aufzuges verlacht, antwortete er mit einer Herausforderung. Aber der Konflikt wurde beigelegt, und der junge Studiosus trat selbst in das Korps ein. Und hiermit begann das typische Korpsleben: kleine Ordnungsstrafen, Kneipereien, die Weinkommerse in Weede und in Minden, Mensuren und Studentenfahrten nach der Rudelsburg, nach Eisenach und Jena.
Von seinen Mensuren sprach Bismarck noch in späten Zeiten gern und oft.
Mensuren
In Versailles erzählte er bei Tische, daß er bei all seinen achtundzwanzig Mensuren in Göttingen stets unverletzt davongekommen sei. Jemand erwiderte: »Aber einmal haben Exzellenz doch etwas abgekriegt; wie hieß doch der kleine Hannoveraner? — nicht wahr: Biedenfeld?« — »Biedenweg,« berichtigte Bismarck, »er war auch nicht klein, sondern beinahe so groß wie ich. Das kam aber nur davon, weil seine Klinge absprang; sie war wahrscheinlich schlecht eingeschraubt. Das abspringende Stück fuhr mir ins Gesicht und schrammte mich« — er faßte nach der linken Wange, wo noch eine kleine Narbe zu erkennen war — »der Blutige war also nicht kommentmäßig und wurde auch für ungültig erklärt.« — Ein wenig anders als in der späten Erinnerung stellt sich das Bild dieses »Blutigen« in einem Briefe dar, der aus der Studentenzeit selbst stammt (Januar 1833); da heißt es: »Man hat mir einen ganz kleinen angemogelt, just die Nasenspitze gespalten; ich bin aber auch seit Michaeli vierzehnmal auf der Mensur gewesen und habe fast immer meinen Gegner glänzend abgeführt. Wenigstens bin ich nur das eine Mal blutig getroffen. Eben deswegen klemmen sich die Leute mit unbezähmbarer Malice auf mich armen Fuchs.« Bald darauf schrieb der Vater an den älteren Bruder: »Otto hat geschrieben und ist ganz wohl, hat aber sechs auf einmal fordern müssen, indem sie so auf unseren König geschimpft haben und die Preußen wären nie honorige Studenten. Den anderen Morgen haben sie aber ihr Wort zurückgenommen und gesagt, sie wären sämtlich betrunken gewesen. Einen Herrn von Roeder den hat er aber festgehalten, welcher das von die Studenten gesagt hat.« — Das Paukregister des Korps Hannovera zählt folgende Mensuren auf: ~Sommersemester~ 1832. 9. August: Cramer (Braunschweig, Jungbursch) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. Cramer 1 Blutigen. 23. August: Silberschlag (Jenenser Teutone) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge; im 21. Gange Silberschlag abgeführt. 31. August: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge. Mensching 2 Blutige. — ~Wintersemester~ 1832/33. 10. November: Liebe (Braunschweiger Brander) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. 9 Gänge gemacht ohne Erfolg. Liebe 1 Blutigen. 13 November: Erlenbach (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 15. November: Liebe (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten Partie vom 10. November.) 3 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 11. Dezember: Schlosser (Guestphale) c./a. v. Bismarck. Schlosser 1 Blutigen. 15. Dezember: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck. Jeder 1 Blutigen. 22. Dezember: Cramer (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 6 Gänge ohne Erfolg, ohne Anriß. 7. Januar: Erlenbach (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 9. Januar: Rudloff (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. Ohne Erfolg. 16. Januar: Bode (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 1 Blutiger bei Bode. 2. Februar: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. »=Pro Patria.=« Forderung: 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck im ersten Gange abgeführt. 3. März: Schotte (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Kleine Mützen. Schotte 2 Blutige, v. Bismarck 1 Blutigen. 6. März: Schütze (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen, Schütze 3 Blutige. 16. März: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten Partie vom 2. Februar.) 23 Gänge. Biedenweg 1 Blutigen, v. Bismarck 2 Blutige. — ~Sommersemester~ 1833. 24. April: Bode (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 1 Gang mit kleinen Mützen. Bode 2 Blutige ins Gesicht. 6. Mai: Grosse (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck 3 Blutige, Grosse 1 Blutigen und abgeführt. 7. Mai: Petri (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen. 10. Mai: Domeier (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Domeier im fünften Gange abgeführt. 12. Mai: Fischer (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Fischer im siebenten Gange abgeführt. 7. Juni: Römcke (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß. Ohne Erfolg.
Gesichtern seiner Kommilitonen (Aus einer humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
Aus den Universitätsakten ergibt sich ferner, daß Bismarck im Jahre 1833 als Unparteiischer ein Pistolenduell leitete, daß ihm bald darauf unter Androhung der Relegation eine Mensur mit drei anderen verboten wurde, und daß er darauf im Mai, wieder aus ähnlichen Gründen, zweimal Karzer erhielt und das =Consilium abeundi= unterschreiben mußte. Als er einmal mit mehreren Kommilitonen einen Ausflug nach Jena machte, wurde er von dem dortigen Universitätsrichter ausgewiesen. Noch nach seinem Übergange zur Berliner Universität mußte er eine in Göttingen verwirkte Karzerstrafe absitzen.
Die Wette
Berühmt ist die Wette, und viel zitiert, die Bismarck in Göttingen im Sommer 1832 mit dem Amerikaner Coffin abschloß. Er hat davon gern erzählt: »In Göttingen, da wettete ich einmal mit einem Amerikaner, ob Deutschland in zwanzig Jahren einig sein würde. Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben sollte, der gewinne. Wer verlor, sollte übers Meer kommen. Er hatte für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich 1853 und wollte hinüber, um meine verlorene Wette zu bezahlen. Wie ich mich aber erkundigte, war er tot. Er hatte gleich so einen Namen, der kein langes Leben versprach — Coffin, Sarg. Das merkwürdigste dabei ist, daß ich damals — 1833 — schon den Gedanken und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hilfe wahr geworden ist, obwohl ich damals mit den Verbindungen, die das wollten (den Burschenschaften), nur im Gefechtszustande verkehrte.«
Göttinger Reminiszenzen
Ihering, der berühmte Staatsrechtslehrer, erzählt in späten Zeiten: »Ich wurde am 27. März 1885 vom Fürsten Bismarck in Berlin empfangen; ich war als Dekan der Juristen-Fakultät von Göttingen beauftragt, ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages unser Doktor-Diplom zu überreichen. Der Fürst lud mich zum Diner ein. Ich erlaubte mir, Bismarck bei dieser Gelegenheit auf seine Studienzeit in Göttingen zu bringen und ihn nach seinen Lehrern zu fragen. Von letzteren, sagte er, habe er wenig gehabt; sie hätten ihm kein Interesse für die Jurisprudenz abzugewinnen vermocht; nur der Historiker Heeren hätte ihn angeregt. Mit der Arbeit sei es in Göttingen nicht viel geworden, insbesondere seien die Ferien, die der Student damals noch auf der Universität zuzubringen pflegte, von ihm und seinen Bekannten fast nur dem Kartenspiel und Trinken gewidmet gewesen. Es sei ein arges Leben gewesen, das er dort geführt habe. Mit den Pedellen scheint er in nähere Berührung gekommen zu sein als mit seinen Lehrern. Eines derselben erinnerte er sich noch sehr genau und nannte ihn mit Namen. Von seinen Lehrern nannte er nur Hugo und den Privatdozenten Valett, bei dem er Pandekten gehört hatte; die übrigen schienen ihm entfallen zu sein. Mit Humor gedachte er noch des kalten Bades, das er nicht selten, wenn er des Nachts von der Kneipe in sein am Wall, neben der dort kanalisierten Leine gelegenes Haus zurückgekehrt sei, in der Leine, um sich abzukühlen, genommen hat. Dieses Haus steht noch jetzt und ist zur Erinnerung an Bismarck mit einer Marmortafel versehen. Es ist ein Gartenhaus, aus einem einzigen Zimmer bestehend; Bismarck war also der einzige Bewohner desselben und mußte den Haustorschlüssel stets mit sich führen; kein Hauswirt beaufsichtigte sein Kommen und Gehen; er war völlig unabhängig. Bei seiner Entfernung von Göttingen war ihm eine Karzerstrafe zudiktiert, die er in Berlin, wohin er von dort ging, abzubüßen hatte. Bei dem großen Studentenkommers, der am Vorabend der Bismarckfeier stattfand und an dem sich Deputationen von Studierenden aller deutschen Universitäten beteiligten, benutzte der Rektor der Universität Berlin, Professor Dernburg, diesen Umstand in launiger Weise, um das Verhalten von Göttingen von einst und jetzt in ein grelles Licht zu setzen. »Damals« — sagte er — »hat man Bismarck einen Haftbefehl nachgeschickt, und jetzt sendet man ihm den =Doctor juris=.«
Zu den Freunden, die Otto von Bismarck im Korps gewann, gehörte vor allem Gustav Scharlach, mit dem er eine Anzahl von Briefen gewechselt hat, die uns das ganze Wesen des kecken und übermütigen Jünglings enthüllen, zugleich aber auch die Umrisse dieser starken Persönlichkeit bereits leise erkennen lassen. Hier sei der erste Brief zitiert, den der Achtzehnjährige an seinen Freund, der den Spitznamen Giesecke führte, von Berlin aus gerichtet hat:
Sturm und Drang
Lieber Giesecke! Willst Du diesen Brief in derselben Stimmung lesen, in welcher er geschrieben ist, so trinke erst eine Flasche Madeira. Ich würde mich wegen meines langen Stillschweigens entschuldigen, wenn Dir nicht meine angeborene Tintenscheu bekannt wäre, und wenn Du nicht wüßtest, daß ich in Göttingen lieber zwei Flaschen Rheinwein trank als einen Brief schrieb, und daß ich beim Anblick einer Feder Konvulsionen bekam. Wie schlecht es mir in der letzten Zeit gegangen ist, hast Du wohl gehört; ich habe auf der Reise noch in Braunschweig, Magdeburg, Schönhausen und Brandenburg drei bis vier Wochen am Fieber gelegen. Später fanden sehr unangenehme Szenen zwischen mir und meinem Alten statt, der sich weigert, meine Schulden zu bezahlen; dieses versetzt mich in eine etwas menschenfeindliche Stimmung, etwa wie Charles Moor, als er Räuber wird; doch tröste ich mich wie jener Straßenjunge: »Et is minem Vater schonst recht, det ick friere, worum koft er mir keene Hanschen.« Der Mangel ist so arg noch nicht, weil ich ungeheueren Kredit habe, welches mir Gelegenheit gibt, liederlich zu leben; die Folge davon ist, daß ich blaß und krank aussehe, welches mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Haus komme, natürlich meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreiben wird; dann werde ich kräftig auftreten, ihm sagen, daß ich lieber Mohammedaner werden als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache schon machen. =En attendant= lebe ich hier wie ein Gentleman, gewöhne mir ein geziertes Wesen an, spreche viel Französisch, bringe den größten Teil meiner Zeit mit Anziehen, den übrigen mit Visitenmachen und bei meiner alten Freundin, der Flasche, zu; des Abends betrage ich mich im ersten Range der Oper so flegelhaft als möglich. Du würdest erstaunen, wenn Du jetzt einmal Gelegenheit hättest, meine Garderobe zu sehen — ein Haufen von Manschetten, Halsbinden, Unterhosen und anderen Luxusartikeln. Dabei langweile ich mich mit leidlichem Anstande. Doch ein Übel quält mich; der Knabe Peter fängt an mir fürchterlich zu werden; stehe ich auf, so ist er da; komme ich von Tisch, so ist er wieder da; er folgt mir wie ein Schatten an Orte, wo er nichts zu tun hat, zu Leuten, die er gar nicht kennt, mit seinem versteinerten Frühlingslächeln, mit seiner gigantischen Mantellippe, an der einst die Blicke von tausend Wißbegierigen hängen werden, wenn die Weisheit in sieben verschollenen Sprachen davon fließt, wie jetzt der Speichel in sieben Kanälen. Schiller hat unrecht, wenn er die Schuld das größte Übel nennt; Peter ist viel fürchterlicher; lieber von allen Furien verfolgt, als von diesem ewigen Gesicht. Von diesem Peter, zu dem der Apostel Paulus sprach: Sei dumm wie die Ochsen und ohne Falsch wie die Tauben. Motley lebt wieder in offener Feindschaft mit King; mit jedem Paketboot kreuzen sich Forderungen auf Doppelbüchsen. Aus Göttingen ist noch hier: Bierbaum, Löhning und Genossen, das Faultier Sch. und der schlanke Freiheitsbaum der Aristokratie, dem zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts fehlt als ein Schloß vors Maul. Er lebt hier in seliger Gemeinschaft mit dreißig Vettern, denen er allen nichts vorzuwerfen hat und von deren Beisammensein eine polizeiwidrige Anhäufung von Dummheit die einzige Folge ist; ›sie essen nicht, sie trinken nicht‹, was tun sie denn? Sie zählen ihre Ahnen. Bei dem Artikel von Dummheit fällt mir ein, daß meine Alte ganz ernstlich darauf dringt, ich solle noch einmal zum Prediger gehen, weil ich sagte, manches in der Bibel sei bildlich gemeint. Meine Adresse ist bis zum 15. Dezember Kanonenstraße 44, von da bis zum 10. Januar Kniephof bei Naugard in Pommern, später beim Pedell zu erfragen. Ich hoffe, Du kannst Dir von Deinem Staatsdienste nächstens Zeit zu einer Antwort abmüßigen; nimm kein Beispiel an meiner Faulheit. Übrigens lebe fidel, grüße alles, was Du siehst, und schreibe bald an Deinen treuen Freund und Bruder
Berlin, den 14. November 1833. O. v. Bismarck.
Die Ferien verbrachte der junge Student wieder in Kniephof. Auch von hier schreibt er Briefe von köstlicher Anschaulichkeit, oft voll karikaturistischer Satire. So wenn er die Kommission zur Abnahme der Berieselungsanlage schildert, die sich mehr für Rheinwein und Schnepfenpastete als für Landwirtschaft erwärmt: »Sie schliefen hier einige Tage recht gut und lange, schlemmten sich über Gebühr