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derart einging, daß alles noch rätselhafter und phantastischer wurde. Gewöhnlich aber unterrichtete er mich in seiner gütigen und klaren Weise, daß ich alles wohl verstand.
Nachdem wir an diesem Frühmorgen etwa zwei Stunden gegangen und hinausgekommen waren über die entwaldete Berghöhe, lag vor uns das weite Tal der Mürz. Von Mürzzuschlag bis Kapfenberg dehnte es sich stundenlang, und wenn ich es sonst im Morgengrauen sah, lag im Tale der Nebel wie ein grauer See, aus welchem einzelne Höhen und die jenseitigen Berge blauduftig emporragten. Heute war es anders, und heiß erschrak ich vor dem, was ich sah. War denn der Franzose wieder im Land? Oder gar der Türk? In Kindberg, das tief unter uns lag, lohte an vielen Stellen glührotes Feuer auf. Auch im oberen Tal, über Mitterdorf, Krieglach und Feistritz und gen Mürzzuschlag hin waren rote Feuersäulen; im nahen Kindtal sprühten mächtige Garben von Funken empor.
„Närrlein, du kleines!“ sagte mein Vater, als ich mich mit beiden Fäusten krampfhaft an seinen Rock hielt, „das ist ja nichts. Das sind ja nur die Eisenhämmer. Lauter Schmiederauchfänge, aus denen Funken springen. Hörst du denn nicht das Pochen und das Klappern der Hämmer?“
„Ich höre es wohl, aber ich habe gedacht, das wären die Kanonen und Kugelstutzen,“ versetzte ich aufatmend.
„Kind, wo käme denn jetzt der Feind her? Der liebe Herrgott hüte unser Steirerland!“
„Aber wie ist es denn,“ fragte ich, „daß die Dächer nicht brennend werden, wenn so viel Feuer herumfliegt?“
„Die Dächer sind voller Staub und Asche, das brennt nicht. Und dieses Feuer, das so schreckbar wild aussieht, es ist nicht so arg, es ist auch nur glühende Asche, Ruß und Geschlack, wie es aus der Esse aufsprüht, wenn der Blasebalg dreinbläst.“
„Und warum sprüht es denn just in der Nacht so?“ fragte ich.
„Es sprüht auch beim Tag so,“ antwortete der Vater lächelnd, „aber gegen das Sonnenlicht kommt dieser Schein nicht auf, und was jetzt so blutrot leuchtet, das ist bei Tag nur der rußige Rauch, der aus dem Schornsteine aufsteigt.“
„Tun sie denn in den Schmieden nicht schlafen?“
„Das wohl, aber sie stehen sehr früh auf, oder lassen in den größeren Essen gar das Feuer nicht ausgehen, weil es sonst schwer ist und viel Kohlen braucht, bis die Hitze wieder erzeugt wird. Da wachen und arbeiten die einen Schmiede, während die anderen schlafen.“
„Gibt’s denn so viel Ochsen zu behufen im Mürztal?“ war meine Frage, denn ich hatte einmal dem Hufschmied zu Haustein zugeschaut, wie er einem Zugochsen Hufeisen an die Klauen nagelte.
„O Knäblein, Knäblein!“ rief mein Vater, „die Schmiede haben noch ein wenig mehr zu tun, als wie zu hufen. Du bist ein Steirer; wenn wir auf unserem Gebirge auch nichts haben, als Feld und Alm und Wald, solltest du doch schon wissen, wozu die vielen hundert Krippen von Holzkohlen verwendet werden, die unsere Nachbarn Jahr für Jahr ins Tal hinausführen. Solltest auch wissen, daß dein Heimatland Steiermark das Land der Hammerschmiede ist. Wenn du jetzt, bevor der Tag aufgeht, vom hohen Himmel mit sehr guten Augen herabschauen könntest auf unsere Steiermark, so würdest du, besonders im Oberland, auch die anderen Täler so sprühen und leuchten sehen, wie hier das Mürztal. Es sprüht in Neuberg und bei Mariazell und in der Veitsch, es sprüht im Ennstal und im Murtal, an der Feistritz, an der Kainach, an der Sulm und an der Sann, wo die Leut schon gar nicht mehr Deutsch sprechen, aber sprühen tut’s doch. In Vordernberg, in Eisenerz, in Hiflau sollst es erst sehen, und überall, wo Hochöfen sind. In den Hochöfen wird das Erz, das sie aus dem Gebirg graben, geschmolzen, daß das Eisen herausrinnt wie ein hellglühender Mühlbach. Da sprüht’s auch, mein Bübel! Da sind — wenn ihrer zwei, drei Hochöfen nebeneinander stehen — in der Nacht schier die Felsberge rot vor lauter Schein. Und schaust in den Ofen, so siehst ein schneeweißes Licht, blendend wie die Sonne. Das ist ein anderes Feuer, als daheim bei unserem Hufschmied. Das Erz graben sie aus dem Erzberg, der weit drinnen im Gebirg steht und mehr wert ist, als alles Gold und Silber von Österreich. Das Eisen, das im Hochofen aus dem Erz rinnt, erstarrt in der freien Luft sogleich, wird nachher mit Hämmern zerschlagen und in schweren Schollen durch das ganze Land verführt, zu jedem Eisenhammer hin, wo sie aus diesem Roheisen immer feineres Eisen, das Schmiedeeisen, den Stahl, und daraus allerhand Geräte und Werkzeuge machen.“
„Auch Schuhnägel vielleicht?“ fragte ich, weil mich einer davon durch die Schuhsohle in die Ferse stach.
„Schuhnägel, Messer, Stifte und Eisendrähte, das machen sie draußen bei Stadt Steier herum. Bei uns im Land machen sie in den Eisenhämmern Pflugscharen, Eggenzähne, Strohschneidemesser, Hacken, Äxte, Drähte, Nägel, Schlösser, Ketten, Pfannen und allerlei, was du aus Eisen an den Häusern und Werkstätten nur sehen und denken magst. Die kleineren Schmiede, die fahren damit auf die Jahrmärkte. Größere Hämmer gibt’s, die machen auch Zeug zum Leutumbringen — mußt du wissen. Das Wichtigste aber, was in den steirischen Hammerwerken gemacht und auch weit in fremde Länder verführt wird, sind Sensen und Sicheln. Millionen Stück werden dir verschickt alle Jahr, und darum können die Hammerherren mit ihren Frauen so vornehm herumfahren mit flinken Rößlein. Und mit dem Geld prahlen sie, daß es nur so prasselt im Land, und wo ein übermütig Stückel aufgeführt wird, da ist gewiß ein Hammerherr dabei. Ist alleweil so gewesen im Land: wo der Hammerschmied, dort gilt der Bauer nit. — Wird auch einmal besser werden, verhoff’ ich. Jetzt müssen wir noch froh sein, daß wir unsere Kohlen zu Geld machen können. Gar zu Gescheite sind gewesen, haben es mit Steinkohlen probiert, die tun’s aber nicht; das rechte Eisen muß mit Holzkohlenfeuer gearbeitet werden, sonst ist’s nichts nutz. Die Holzkohlen, die wir Bauern liefern, die machen es ja, daß steirisch Eisen in der Welt so gut estimiert wird. Kommen halt die polnischen und russischen Juden und türkischen Händler, auch aus Ungarn und Böhmen, werden von den Hammerherren brav bewirtet und kaufen ihnen die Eisenwaren ab, oft zu tausend Gulden auf einmal. Sollen da draußen in einer großen Stadt die Schmiede von der ganzen Welt einmal zusammengekommen sein um einen eisernen Tisch, und jeder wollt’ die schärfsten Sensen haben, den feinsten Stahl drin. Der steirische Schmied hat nicht mitgestritten, sondern soll zuletzt mit seiner Sense den eisernen Tisch mitten auseinandergehauen haben.“
„Wird sie wohl schartig worden sein, die Sense. Nicht?“
Ohne auf diese müßige Frage Antwort zu geben, fuhr der Vater — indem wir im Morgengrauen sachte talab stiegen — fort zu sprechen:
„Wie die Anzeigen sind, wird’s nicht immer so dauern mit den Eisenhämmern. Man hört allerlei Sachen. Merkwürdige Sachen, mein Bübel, wie sie unsere Vorfahren nicht gehört haben. Da draußen auf dem flachen Land irgendwo — sie sagen im Mährischen oder wo — da bauen sie eine Eisenbahn.“
„Eine Eisenbahn? Was ist das?“
„Da legen sie auf der Straße hin und hin zwei eiserne Leisten, daß darauf die Wagenräder recht glatt und eben gehen können. Auf diese Weise sollen ein Paar Rösser schwere Wagen fünf und sechs auf einmal ziehen können. Es wird auch gelogen über die Sach’, daß sie eine Maschine erfunden hätten, die das Feuer treibt anstatt der Fuhrmann, und die vor die Wagen gespannt wird und wie ein Roß ziehen kann. Sind dumme Sachen, ich sag’ dir’s nur, daß du’s nicht glauben sollst, wenn du davon hörst.“
Dreiundvierzig Jahre ist es her, seit von einem zwar einfachen, aber vernünftigen Manne diese Worte gesprochen worden sind, in Steiermark, wenige Stunden vom Semmering.
„Nein, Vater,“ antwortete ich, „das werde ich gewiß nicht glauben.“
„Aber das ist wahr,“ fuhr er fort, „daß sie jetzt viel mehr Eisen brauchen in der Welt als vor Zeiten. Es werden da und dort auch schon große Eisenhämmer gebaut, wo mehr als hundert Schmiede beschäftigt sind, und wo sie extra noch mit Wasserdampf arbeiten sollen, was weiß ich, wie! In diesen großen Werken machen sie alles und weit wohlfeiler als in den kleinen, und desweg wird’s ein rechter Schade sein für unsere Eisenhämmer, und hört man, etliche sollen schon keine Arbeit mehr haben, zugesperrt oder an die großen Werke verkauft werden. Nachher ist’s traurig um uns. Weiß Gott, wie’s noch wird mit der Welt!“
Mittlerweile war es licht geworden, und wo früher die feurigen Springbrunnen aus den Schornsteinen gestiegen waren, da flog jetzt dünner, brauner Rauch auf. Wir waren in das Tal gekommen, gingen an einem überquellenden Hammerbachfloß entlang und auf glattem, kohlschwarzem Wege einer der Hämmerhütten zu, aus deren offenem Tor uns greller Glutschein entgegenleuchtete.
Über dem Tore war das Bergmannszeichen, die gekreuzten Hämmer und Schlegel, über dem schwarzen Dache ragten die weißgetünchten Schornsteine auf, die an ihrer Mündung mit lenkbaren Klappen versehen waren, womit man, wie der Vater belehrte, den Luftzug regeln könne.
So waren wir der Schmiede ganz nahe gekommen. Ich sagte nichts, denn ich wollte in die Schmiede gehen und hatte doch Angst vor dem Lärm, der drinnen war, und vor den Funken, die durch die finsteren Räume flogen. Mein Vater sagte auch nichts, sondern führte mich hinein. Vor dem Tore hatte eine Tafel gestanden: „Fremden ist der Eintritt nicht gestattet!“ Aber ein Mann, den mein Vater fragend angeblickt, sagte: „Nur zu!“
Was ich zuerst sah, das war ein sprühendes Stück Sonne, das von der brüllenden Esse mit Schwung herbeigebracht wurde und auf den Amboß geworfen, tonlos, als wäre es von Teig. Jetzt hob sich auf massigem Hebelbaume der Hammer und fiel nieder in die weiche Masse, daß ein Meer von Funken durch die Hütte schoß. Ich barg mich vor Schreck und Angst hinter den Rücken meines Vaters, aber die Funken waren bereits angeflogen an mein Leiblein, und ich war nur höchlich überrascht, daß ich nicht lichterloh brannte, ja nicht einmal einen Schmerz wahrnahm an den Händen, an welche die feurigen Mücken gesaust waren. Auch der zweite und dritte Hammerschlag jagte ein Heer von Schlacken und Funken hinaus, aber je platter das Eisenstück geschlagen wurde, je rascher der Hammer darauf niederfiel, desto weniger sprühte es. Ein Schmied stand da, der wandte mit langer Zange das Eisenstück hin und her, bis das Geschlacke von allen Seiten herausgehämmert war. Das weiße Glühen war immer röter und matter geworden, und endlich hatte das Stück nur mehr die graue Farbe des Eisens. Es wurde hingeschleudert, der Hammer stand still.
Ich war ein wenig dreister geworden und besah mir jetzt die Dinge, obwohl es ganz dunkel war, wenn das Feuer nicht leuchtete. Vor allem fiel mir ein großer Lederkasten auf, der Atem schöpfte. Der Blasebalg war’s, welcher, von Wasserkraft aufgezogen, durch Röhren in die Esse blies. Auf der Erde lag allerlei altes Eisen umher. An den Wänden lehnten und hingen in ganzen Reihen Zangen, Hämmer, Schlegel, Feilen, Hacken, Beile und anderlei, was ich gar nicht kannte. Jetzt erst fielen mir auch die Schmiede auf, über deren rußige Gesichter und entblößte Brust die Schweißtropfen rannen. Wir gingen weiter und kamen zu anderen Essen, wo die Schmiede mit Eisenschaufeln Kohlen in die Glut warfen, die sofort mit glanzloser, blauer Flamme grollend zu brennen begannen. In einer Esse glühte man Eisenstücke, die hernach unter kleinere, rascher pochende Hämmer kamen. Hier wurden sie — wie sie der Schmied wendete und drehte — in längliche Formen gehämmert, an denen ich nach und nach die Gestalt der Sense erkannte. Weil das Eisen bald kühlte und noch unrein war, so mußte es immer wieder in die Esse, aus der es glühend und sprühend hervorkam. So wiederholte sich’s, bis der Hammer und das kleine Handgehämmer der Schmiede endlich eine vollkommene Sense zuwege gebracht hatte, die dann schrillend auf einen Haufen von Sensen hinfiel.
War der Lärm in der Schmiede auf einen Augenblick verstummt, so hörte man draußen das Rauschen des Wassers, das von hohem Floß auf die Räder niederstürzte. Aber der Lärm ging immer von neuem los, und es geschah an den Essen und Hämmern immer dasselbe. Auch meine Sense, die ich werden sah, war lange noch nicht fertig. Sie wurde neuerdings geglüht und kam unter die Handhämmer der Schmiede, die sie feiner formend in gleichem Takte bearbeiteten, bis der Henkel und der Rückenrand und die Schneide und die Spitze fertig waren. Sie hatte nun eine Reihe von kleinen Narben bis zur Spitze hinaus und war überlaufen mit einem schönen, violetten Blau.
Mir fielen aber die Schmiede auf. „Warum sie allemal noch einen leeren Schlag auf den Amboß machen, wenn die Sense schon weggezogen ist?“ so fragte ich. Mein Vater antwortete: „Das tun die Schmiede überall; mit dem Schlage auf den Amboß schmieden sie die Kette fester, mit welcher der höllische Drach’ gefesselt ist; sonst tät sie endlich brechen, und der böse Feind war los und ledig.“
Nun kam die Sense noch auf einen Schleifstein; der ging so scharf, daß die Stahlschneide, die fest auf ihn gedrückt lag, unter ohrenzerreißendem Geschrille beständig einen hellen Blitzschein von sich gab, was noch das Allerschönste war in der ganzen Schmiede.
Wollte ich’s genau nehmen, so müßte ich auch das Personal aufzählen, durch dessen Hände ein Stück Eisen geht, bis es Sense ist, ich müßte den Kohlenbuben, Strecker, Breitenheizer, Abschinner und Kramrichter nennen und vor allem den Obersten, den Essemeister. Ich müßte auch den Streckhammer, den Breithammer und den Kleinhammer genauer beschreiben, endlich das Abschinnern (Abschaben) der fertigen Sensen und das Stempeln mit dem Firmazeichen und das Kramrichten (das in den Kram-, ins Magazinbringen der Ware).
Ich bin aber kein gelernter Schmiedegeselle und werde wohl manche Handgriffe und Vorgänge übersehen haben, bis das Werkzeug des Mähders fertig war. — Ähnlich, sagte mein Vater, würden auch die Sicheln gemacht, aber ganz anders die Messer und alle Schneidewerkzeuge, die einen federigen Stahl haben.
„Glückauf!“ rief mein Vater den Schmieden zu. Diese hörten nichts. Wir gingen — stets angefochten von sprühenden Funken — ins Freie. Dort war es freilich noch schöner; wir gingen unter Pappeln hin und hörten noch lange das dumpfe Hammerpochen und das Wasserrauschen hinter uns.
Ich hatte ein blauschimmerndes Stück Schlacke mit mir genommen und betrachtete es jetzt wie einen errungenen Schatz.
„Das ist nichts,“ sagte mein Vater und zog ein Schöllchen Roheisen aus dem Sacke. Das war rostfarbig und durchlöchert wie ein Schweizerkäse. „Wenn’s auch nicht so glänzt wie das deinige, es ist doch mehr. Aus diesem Ding — heb einmal, wie schwer es ist! — kann man feine Werkzeuge machen, die wie Spiegel funkeln. Du sollst mir auch noch das Tüchtige vom Schimmernden unterscheiden lernen.“
Nun gingen wir in den Marktflecken Kindberg hinein.
Wir hörten an allen Ecken die Hämmer pochen, und auf der Straße fuhren schwarze Kohlen- und Roheisenwagen, aber auch fertige Eisenwaren in Kisten, Fässern und Strohgewinden sahen wir schleppen die weiße Reichsstraße entlang gegen Graz und gegen Wien.
Im Brauhause bekränzten sie das bogenförmige Einfahrtstor mit Tannenreisig und schmückten es mit Fahnen, mit Hämmern, Hacken und Zangen. Mein Vater fragte, was das bedeute. Ja, morgen hätten die Schmiede hier einen Ball, sagte der Brauknecht.
„Den eigentlichen Ehrentag des Schmiedehandwerks, den feierten sie doch erst zu Jakobi!“ meinte mein Vater.
Das sei schon richtig — doch zur selben Zeit sei etwas anderes, da hätten die Schmiede einen zwei Wochen langen Feiertag, da täten sie nichts, als gut essen und trinken, tanzen und scheibenschießen, und da kämen die Hammerherren von weit und breit, um Schmiede zu werben für das nächste Jahr. Die Geworbenen kriegen den Leikauf auf die Hand und werden zu nächsten Silvester durch aufgeputzte Wagen oder Boten an ihren neuen Werksort gebracht. Vom Werksherrn kriegen sie nebst dem vereinbarten Jahrlohne auch die Kost; der Essenmeister speist gar mit der Herrschaft. „Ich weiß das alles,“ versetzte mein Vater dem gesprächigen Brauknecht, „aber meines Buben wegen ist’s mir lieb, daß du’s erzählst, der ist schon alt genug, und wenn er gleich Bauer bleiben wird, so schadet es ihm nicht, daß er auch anderer Stände Arbeit und Brauch kennen lernt. Ich hab’ ihn darum vom Berge herabgeführt.“
„Und bei solchem Schmiedefeste,“ erzählte der Mann weiter, „da kommen sie halt zusammen, jeder, der’s hat, im Steirergewand, jeder eine kecke Feder oder einen Gamsbart am Hute, jeder eine schwersilberne Uhrkette mit Talerbehängseln an der Brust, jeder eine volle Geldtasche im Sacke, jeder sein Mädel am Arme. Schmetternde und trommelnde Spielleute voran, so ziehen sie ins Wirtshaus zum Trunk, zum Tanz und zu anderer Lustbarkeit. Da darf sich kein Bürgerssohn, kein Bauernbursch, kein Holzknecht blicken lassen; denn diese Eindringlinge spotten die Schmiede ob ihrer Schwerhörigkeit, ob ihrer Kröpfe und dergleichen, und ihr Trachten geht dahin, den Hammerschmieden die Dirndlein wegzunehmen. Den Schmieden gehört der Tag und der Marktflecken, und die Leute lassen sich’s gefallen — es springt Geld um. So kohlrabenschwarz sie am Werktag sind, die Schmiede,“ schloß der Brauknecht, „am Sonntag gibt’s keine hochmütigeren Menschen als diese Rußteufel. Und sind doch so viel Gaggen (Halbkretins) dabei!“ War aber nicht so arg.
Schon jetzt, als wir dastanden und das geschmückte Haustor bewunderten, kamen sie herbei von den unteren und oberen Hämmern, um nachzusehen, wie weit die Vorbereitungen gediehen seien, und ein Glas Bier durch die Gurgel zu sprengen.
Da kam plötzlich ein Bote gelaufen, rußig im Gesicht, aber weiß vor Straßenstaub an den Beinen. Einen Sturmhut hatte er auf wie Landwehrmänner zu Kriegszeiten. Ein langes Messer hatte er an der Seite baumeln, und schier atemlos war er, als er rief: „Kameraden! Kameraden!“
„Was gibt’s?“ fragten sie ihm entgegen.
„Keinen Schmiedball gibt’s! Kein Flanieren und Karessieren gibt’s! Jetzt heißt’s Messer, Spieß und Säbel schmieden, Kanonen, Kugeln gießen!“
„Ja,“ sagten sie, „wer gibt uns dazu das Privileg?“
„Ich!“ rief der Bote. „Denn der Kaiser Ferdinand ist fort. In Wien ist Revolution!“
Als ich zum Pfluge kam.
Das ist eines der allerkürzesten, aber der allerwichtigsten Kapitel, es führt mich aus der ersten kindlichen Jugend und aus der Hirtenzeit hinaus zur zielbewußten Arbeit und zur jungen Mannbarkeit.
Es bedurfte vieler Ränke, bis ich’s vom Rinderhirten zum Pflüger brachte. Ich mußte mir den Fuß verstauchen, daß ich den Tieren nicht mehr entsprechend nachlaufen konnte; ich mußte auf der Weide Vogelnester entdecken, wodurch mein jüngerer Bruder geneigt wurde, an meiner Statt das Hirtenamt zu übernehmen; ich mußte endlich den Knecht Markus, der sonst den Pflug geleitet hatte, gewinnen, daß dieser versicherte: ’s wär ein bequemes Zeug, ließe sich handhaben wie ein Taschenfeitel, und ich — der junge Bub — sei leidlich genug stark und geschickt, den Pflug zu führen.
Und ich stand da und streckte mich, daß ich dem langen Markus mindestens bis an die Achsel langte, und ich schüttelte einen Zaunstecken, daß er ächzte — zum Beweise meiner Reife für den Pflug. Aber mein Vater lachte und rief: „Geh, du bist ein kleiner Prahlhansel! Wär’ not, es tät dir noch alle Tag ein anderer dein Hösel stäuben. Na ja, und jetzt will er den Ausgewachsnen spielen. Ist recht, pack nur an — wird nicht lang dauern!“
Auf dem Acker war’s gesprochen. Der Markus stand zurück, und ich packte den Pflug bei den Hörnern.
Der Pflug in der Gegend meiner Heimat ist zwar nicht mehr der gekrümmte Baumast der Wilden, sonst jedoch ein unvollkommenes, plumpes Werkzeug. Der Bauer zimmert ihn selbst aus Birkenholz, die Eisenteile dazu nur holt er sich vom Schmied und die Räder vom Wagner. Die Hauptstücke des Pfluges sind: das Sech, Pflugmesser, welches den Rasen senkrecht durchschneidet, der Arling oder die Schar, welche denselben wagrecht abledigt, so daß eine Rasensohle entsteht, welche vierseitig und etwa eine Spanne breit und eine halbe Spanne dick ist. Dann ist das Mull- oder Tauchbrett, welches die abgeschnittene Sohle aus der Furche emporhebt und umlegt, so daß die Rasenseite nach unterwärts zu liegen kommt. Weitere Teile, vermittels welchen diese Hauptstücke am Gründel befestigt sind, heißen die Griessäule, die Sohlschwelle, die „Katze“. All diese Vorrichtungen müssen doppelt vorhanden sein, da die wechselweise Hin- und Herfahrt auf bergigem Acker solches bedingt. Voran liegt der Pfluggründel auf der Räderachse, an welche zumeist ein Paar Ochsen gespannt ist. An der Rückseite des Pfluges stehen drei Hörner oder Sterzen, die Handhaben, hervor, durch welche der Pflug von einem kräftigen Manne geleitet wird. An der Leitung dieses „Pflughabers“ liegt es, die Rasensohle breit oder schmal, die Furche tief oder seicht zu machen; diesem Manne obliegt es, am Rande des Ackers den Pflug gut einzusetzen und auszuheben, auch muß er es vermögen, auf steinigem Boden vor jedem größeren Steine den Pflug herauszureißen, denn die Ochsen sind nicht plötzlich zum Stehen zu bringen und der unbewachte Pflug würde gar bald in Trümmer gehen.
Außer diesem Pflughaber ist zum Gefährte auch noch ein Fuhrmann nötig, der die Ochsen leitet, so daß im Paare der eine stets in der Furche, der andere auf dem Rasen schreitet. Dann muß endlich ein „Nachhauer“ sein; das ist zumeist eine Magd, welche mit einer Haue dem Pfluge folgt, nicht gut umgelegte Sohlen niederdrückt, fehlerhafte Furchen aushaut — kurz, den Korrektor des Pfluges abgibt.
Man sieht, daß die Sache nicht einfach ist. Es gehört ein langer Tag dazu, um mit einem Pfluge ein Joch hängigen Ackerlandes umzukehren. Nun, und wie ist’s dabei dem jungen Pflughaber ergangen?
Fest hatte ich den Stier bei den Hörnern gefaßt. Es war aber wahrhaftig ein Stier. Vom Markus hatte sich das Zeug wie ein Spielwerk handhaben lassen; es war, als hielte er sich nur des Vergnügens wegen an die Handhaben. Jetzt war’s eine andere Art. Die Rinder zogen an. Mich schleuderten die Handhaben nach rechts und nach links, der Pflug wollte aus dem Geleise steigen, und meine Barfüßlein kamen etlichemal unter die Erdsohle. „Er ist zu gering beim Steiß!“ hörte ich den Vater und den Knecht noch lachen; das Wort weckte mich. Es handelte sich um meine Ehre, um meine Mannbarkeit. Nicht mehr der Halterbub wollt’ ich sein, der am Tisch bei der untersten Ecke sitzen mußte, der nirgends ein Wörtlein mitsprechen durfte, der — wußte er was Gescheites — dasselbe mit den Kälbern und Schafen bereden konnte. Mein Sinn stand nach dem Höchsten; groß, stark und selbständig wollte ich sein wie der Weidknecht. Und siehe, der Mensch wächst mit seinen höheren Zwecken! Ich führte den Pflug und schnitt eine leidliche Furche. Die ausgeackerten Regenwürmer hoben verwundert ihre Köpfe, zu sehen, wer heute ackere!
Die Äcker meines Vaters hatten zähe, gelbrote, mit Graswurzeln durchflochtene Erde, und die Sohlen waren ein endloser Darm und brachen auf der ganzen Pflugstrecke kaum ein einzigmal ab. Mich freute das, denn so blieb der Pflug stets gleichmäßig in seiner Lage, und die Furche war regelmäßiger wie Teichgräberarbeit. Meinen Vater freute das nicht; er hätte viel lieber schwarze und mürbe Erdsohlen gehabt. „Schwarze Erde, weißes Brot!“ sagte der Spruch.
Als ich den Pflug das drittemal über den Acker leitete, lugte ich nach der Sonnenhöhe. Ach, diese Uhr stand! Es waren Wolken davor. Und wenn der Herrgott boshaft sein will und es heute nicht Mittag werden läßt ...!
Es dauerte lange, bis zur Mahlzeit oben beim Hause die Mutter auf dem Söller stand wie einst die Ahne, zwei Finger in den Mund hielt und einen Pfiff ausstieß, den der Waldschachen so prächtig nachmachte. Ich ließ die Handhaben los und gestand mir’s: so schön habe die Mutter noch gar nie gepfiffen.
Dann ging’s zum Mittagsessen. Ich hütete mich wohl, die Erde mir von den Händen zu reiben, denn eben diese Kruste gab mir das Ansehen: ich war nicht mehr der Halterbub, ich war der Pflughaber, hatte die gleichen Rechte mit den Knechten; ich saß neben dem Vorknecht und bestrebte mich, gewichtige Reden zu führen. Man sprach über meine Leistung; da schwieg ich, denn meine Leistung verstand sich von selber.
Es ist ein kleines Ding aus der Jugendzeit, es ist kaum groß genug, daß man’s so laut erzählt; aber für den Landmann ist’s ein wichtiger Tag, wenn er das erstemal seine Hand an den Pflug legt; es ist eine heilige Tat. Das Schwert, das Kreuz ist Gegenstand großer Ehren; — ich halte auch den Pflug für ein Symbol der Welterlösung. Den grauen Erdstaub, der damals an meiner Hand kleben blieb und mit dem ich zum Mittagsessen ging — ich habe ihn bis heute nicht weggewischt —, er ist mir das, was dem Schmetterling der Goldstaub.
Und so mag ich’s wohl noch sagen, daß ich im selben Jahre den ganzen Acker umgebaut habe, daß mein Vater mit frommer Hand das Korn in die Erde gestreut hat und daß im nächsten Frühjahr das Korn in schönster, erfreulichster Grüne gestanden ist.
„Seit zehn Jahren hab’ ich kein solches Kornfeld mehr gehabt,“ hatte mein Vater hierauf gesagt.
Im Hochsommer, als die schweren Halme zur Reife neigten, schlug der Hagel die ganze Frucht tief in den Erdboden hinein.
So war mein erstes Ackern ausgefallen. Es war lange nicht mein letztes gewesen, aber endlich ist uns die Lust vergangen, in ewiger Mühsal dort zu bauen, wo fast jedes Jahr gröber oder leichter die Schloßen dreinfuhren. Mein Vater hat darüber niemals geflucht, jedoch, durch mannigfaltige Mißgeschicke entmutigt, allmählich den Streit mit den Elementen aufgegeben.
Heute steht auf jenem Felde, über das ich den Pflug geleitet, ein schöner junger Lärchenwald; ich kann mit meiner Hand die Wipfel nicht mehr erreichen. Frisch aufwuchert es allerwärts, wo früher meines Vaters und seiner Kinder Pflug und Spaten gewühlt — frisch auf zu einem neuen Hochwald. Allmählich sind wir teils fortgedrängt worden, teils willig davongezogen von der sandigen Scholle der Vorfahren. Meine Geschwister kamen zu fremden Bauern. Ich lernte ein Handwerk und ging dann in die Fremde, um es wieder zu vergessen. Die Mutter wurde nach manchem Jahre herber Mühsal durch den Tod erlöst. Nur der alte Vater ist am längsten noch geblieben in einem Häuschen mitten im sprossenden Wald.
Endlich, da ihm die Wildhühner unter dem Dache genistet und die Eichhörnchen zu den Fenstern hineingelugt haben, ist auch er aufgestanden und, gestützt auf einen Stock des Wacholders, niedergestiegen in das sonnige Tal der Mürz.
Druck von Carl Seifert in Köstritz.
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