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Himmelskönigin Maria. Und diese Welt nannte ich — Maria Zell, sie steht heute noch voll zauberhafter Dämmerung in einem Abgrunde meines Herzens.
Und eines Tages denn, es war am Tage des heiligen Michael, haben wir vormittags um zehn Uhr Feierabend gemacht.
Wir zogen die Sonntagskleider an und rieben unsere Füße mit Unschlitt (Lichttalg) ein. Der Vater aß, was uns die Mutter vorgesetzt — ich hatte den Magen voll Freude. Ich ging ruhelos in der Stube auf und ab, so sehr man mir riet, ich sollte rasten, ich würde noch müde genug werden. Rasten und dann müde werden, das schien mir nicht gut gedacht.
Endlich luden wir unsere Reisekost auf und gingen davon, nachdem wir versprochen hatten, für alle daheim und für jedes insbesondere bei der „Zellermutter“ zu beten.
Ich wüßte nicht, daß meine Füße den Erdboden berührt hätten, so wonnig war mir. Die Sonne hatte ihren Sonntagsschein, und es war doch mitten in der Woche. Mein Vater hatte einen Pilgerstock aus Haselholz, ich auch einen solchen; so wanderten wir aus unserem Alpel davon. Mein Vater trug außer den Nahrungsmitteln etwas in seinem rückwärtigen Rocksack, was, in graues Papier gewickelt, ich ihn zu Hause einstecken gesehen hatte. Er war damit gar heimlich verfahren, aber jetzt beschwerte es den Säckel derart, daß dieser bei jedem Schritte dem guten Vater eins auf den Rücken versetzte. Ich konnte mir nicht denken, was das für ein Ding sein mochte.
Wir kamen ins schöne Tal der Mürz und in das große Dorf Krieglach, wo einige Tage zuvor mitten im Orte einige Häuser niedergebrannt waren. Ich hatte in meinem Leben noch keine Brandstätte gesehen. Ich schloß die Augen und ließ es noch einmal nach Herzenslust brennen, so daß mich mein Vater gar nicht von der Stelle brachte.
Eine Frau sah uns zu und sagte endlich: „Mein, ’s ist halt armselig mit so einem Kind — wenn es ein Hascher ist.“
Ich erschrak. Sie hatte mich gemeint, und ich kannte die Ausdrucksweise der Leute gut genug, um zu verstehen, daß sie mich — wie ich so dastand mit offenem Mund und geschlossenen Augen — für ein Trottelchen hielt.
Ich war daher froh, als wir weiterkamen. Nun gingen wir schon fremde Wege. Hinter dem Orte Krieglach steht ein Kreuz mit einem Marienbilde und mit einer hölzernen Hand, auf welcher die Worte sind: „Weg nach Maria Zell.“
Wir knieten vor dem Kreuze nieder, beteten ein Vaterunser um Schutz und Schirm für unsere Wanderschaft. „Das greift mich frei an,“ sagte mein Vater plötzlich und richtete sein feuchtes Auge auf das Bild, „sie schaut so viel freundlich auf uns herab.“ Dann küßte er den Stamm des Kreuzes, und ich tat’s auch, und dann gingen wir weiter.
Als wir in das Engtal der Veitsch einbogen, begann es schon zu dunkeln. Rechts hatten wir den finsteren Bergwald, links rauschte der Bach, und ich fühlte ein Grauen vor der Majestät und Heiligkeit dieses Zeller Weges. Wir kamen zu einem einschichtigen Wirtshaus, wie solche in den Wäldern der Räubermärchen stehen — doch über der Tür war trotz der Dämmerung noch der Spruch zu lesen: „Herr, bleib bei uns, denn es will Abend werden!“ — Aber wir gingen vorüber.
Endlich sahen wir vor uns im Tale mehrere Lichter. „Dort ist schon die Veitsch,“ sagte mein Vater, aber wir gingen nicht so weit, sondern bogen links ab und den Bauernhäusern zu, bei welchen es in der Niederaigen heißt. Und wir schritten in eines der Häuser, und mein Vater sagte zur Bäuerin:
„Gelobt sei Jesu Christi, und wir zwei täten halt von Herzen schön bitten um eine Nachtherberg; mit einem Löffel warmer Suppe sind wir rechtschaffen zufrieden, und schlafen täten wir schon auf dem Heu.“
Ich hatte gar nicht gewußt, daß mein Vater so schön betteln konnte. Aber ich hatte auch nicht gewußt, daß er auf Wallfahrtswegen nur ungern in ein Wirtshaus einkehrte, sondern sich Gott zur Ehr freiwillig zum Bettelmann erniedrigte. Das war ein gutes Werk und schonte den Geldbeutel.
Die Leute behielten uns willig und luden uns zu Tische, daß wir aßen von allem, was sie selber hatten. Dann fragte uns der Bauer, ob wir Feuerzeug bei uns hätten, und als mein Vater versicherte, er wäre kein Raucher, und er hätte sein Lebtag keine Pfeife im Munde gehabt, führten sie uns in den Stadl hinaus auf frisches Stroh.
Wir lagen gut, und draußen rauschte das Wasser. Das mutete seltsam an, denn daheim auf dem Berge hörten wir kein Wasser rauschen.
„In Gottesnamen,“ seufzte mein Vater auf, „morgen um solch’ Zeit sind wir in Maria Zell.“ Dann war er eingeschlafen.
Am andern Morgen, als wir aufstanden, leuchtete auf den Bergen schon die Sonne, aber im Schatten des Tales lag der Reif. Von der Veitscher Kirche nahmen wir eine stille Messe mit; und als wir durch das lange Engtal hineinwanderten, an Wiesen und Waldhängen, Sträuchern und Eschenbäumen hin, über Brücken und Stege, an Wegkreuzen und Bauernhäusern, Mühlen, Brettersägen und Zeugschmieden vorbei, trugen wir jeder den Hut und die Rosenkranzschnur in der Hand und beteten laut einen Psalter. Des schämte ich mich anfangs vor den Vorübergehenden, aber sie lachten uns nicht aus; an der Zeller Straßen ist’s nichts Neues, daß laut betende Leute daherwandern. Mein Vater betete überhaupt gern mit mir; er wird gewiß immer sehr andächtig dabei gewesen sein, aber mir kamen im Gebete stets so verschiedene und absonderliche Gedanken, die mir sonst sicherlich nicht eingefallen wären. War ich im Beten, so interessierte ich mich für alles, woran wir vorüberkamen, und wenn sonst schon gar nichts da war, so zählte ich die Zaunstecken oder die Wegplanken.
Heute gab mir vor allem das Ding zu sinnen, das mein Vater in seinem Sacke hatte und das im Rockschoß gerade so hin und her schlug wie gestern. — Für einen Wecken ist’s viel zu schwer. Für eine Wurst ist’s zu groß. —
Ich war noch in meinen Erwägungen, da blieb mein Vater jählings stehen, und das Gebet unterbrechend rief er aus: „Du verhöllte Sau!“
Ich erschrak, denn das war meines Vaters Leibfluch. Er hatte sich ihn selbst erdichtet, weil die anderen ja alle sündhaft sind. „Jetzt kann ich schnurgerade zurückgehen auf die Niederaigen,“ sagte er.
„Habt Ihr denn was vergessen?“
„Das wär’ mir ein sauberes Kirchfahrtengehen,“ fuhr er fort, „wenn man unterwegs die Leut’ anlugt! — Hast es ja gehört, wie ich gestern erzählt hab’, ich hätt’ mein Lebtag keine Pfeifen im Maul g’habt. Jetzt beim Beten ist’s mir eingefallen, wie ich dort den Holzapfelbaum sah, daß wir daheim auch einen alten Holzapfelbaum gehabt haben und daß ich unter dem Holzapfelbaum einmal ’glaubt hab’, ’s ist mein letztes End’. Totenübel ist mir gewesen, weil ich mit dem Riegelberger Peter das Tabakrauchen hab’ wollen lernen. — Das ist mir gestern nicht eingefallen, und so hab ich unserm Herbergvater eine breite Lug geschenkt, und desweg will ich jetzt frei wieder zurückgehen und die Sach’ in Richtigkeit bringen.“
„Nein, zurückgehen tun wir nicht,“ sagte ich, und in meinen Augen wird Wasser zu sehen gewesen sein.
„Ja,“ rief der Vater, „was wirst denn sagen, wenn du unsere liebe Frau bist und einer kommt weit her zu dir, daß er dich verehren möcht, und bringt dir eine großmächtige Lug mit?!“
„Gar so groß wird sie wohl nicht sein,“ meinte ich und sann auf Mittel, das Gewissen meines Vaters zu beruhigen. Da fiel mir was ein, und ich sagte folgendes: „Ihr habt nur erzählt, daß Ihr Euer Lebtag keine Pfeife im Mund gehabt hättet. Das kann ja wohl wahr sein. Ihr habt bloß das Rohr und von dem nur die Spitze im Mund gehabt.“
Darauf schwieg er eine Zeitlang, und dann sagte er: „Du bist ein verdankt hinterlistiger Kampel. Aber verstehst, das Redenverdrehen laß ich dir nicht gelten, und auf dem Kirchfahrtweg schon gar nicht. Ich hab’s so gemeint, wie ich’s gesagt hab’, und der Bauer hat’s so verstanden.“
„So müsset es halt gleich beichten, wenn wir nach Zell kommen,“ riet ich — darauf ging er ein, und wir zogen und beteten weiter.
Beim Radwirt hielten wir an, mußten uns stärken. Wir hatten nun die Radsohl zu übersteigen, den Sattel der Veitschalpe, die mit ihren Wänden schon lange auf uns hergestarrt hatte. Die Wirtin schlug die Hände zusammen, als sie den kleinwinzigen Wallfahrer vor sich sah, und meinte, der Vater werde mich wohl müssen auf den Buckel fassen und über den Berg tragen, wenn ich nicht brav Wein trinke und Semmeln esse.
Hinter dem Wirtshause zeigte eine Hand schnurgerade den steilen Berg hinan: „Weg nach Maria Zell.“ Aber ein paar hundert Schritte weiter oben im Waldschachen stand ein Kruzifix mit der Inschrift: „Hundert Tag Ablaß, wer das Kruzifix mit Andacht küsset, und fünfhundert Tag vollkommenen Ablaß, wer Gelobt sei Jesus Christus sagt.“
Auf der Stelle erwarben wir uns sechshundert Tage Ablaß.
Dann gingen wir weiter, durch Wald, über Blößen und Geschläge, bald auf Fahrwegen, bald auf Fußsteigen, und nach einer Stunde waren wir oben.
Wir setzten uns auf den weichen Rasen und blickten zurück in das weite Waldland, über die grünen Berge hin bis in die fernen blauen. Und zwischen den blauen heraus erkannte mein Vater jenen, auf welchem unser Haus stand. Dort ist die Mutter mit dem kleinen Brüderlein, dort sind sie alle, die uns nachdenken nach Zell. Wie müssen die Leute jetzt winzig sein, wenn schon der Berg so klein ist wie ein Ameisenhaufen! —
Es war die Mittagsstunde. Wir vermeinten vom Veitschtale herauf das Klingen der Glocke zu hören.
„Ja,“ sagte dann mein Vater, „wenn man’s betrachtet, die Leut’ sind wohl recht klein gegen die große Welt. Aber schau, mein Bübel, wenn schon die Welt so groß und schön ist, wie muß es erst im Himmel sein?“
Ich habe die Frage nicht beantwortet.
Wir erhoben uns und gingen den ebenen Weg, der hoch auf dem Berge dahinführt, und ich sah schaudernd zum schroffen Gewände der Veitsch empor, das schier drohend, als wollte es niederstürzen, auf uns herabstarrte. Endlich standen wir vor einem gemauerten Kreuze, in dessen vergitterter Nische ein lieber, guter Bekannter war. Der heilige Nikolaus, der alljährlich zu seinem Namenstage mich mit Nüssen, Äpfeln und Lebzelten beschenkte, anstatt daß ich ihm es tat. Und von diesem Kreuze sahen wir hinab auf die Zeller Seite. Doch wir sahen noch lange nicht Zell; wohl aber ein so wildes, steinernes Gebirge, wie ich es früher meiner Tage nicht gesehen hatte. Ein Gebet beim Nikolo, und wir stiegen hinab in die fremde, schauerliche Gegend.
Wir kamen durch einen finsteren Wald, der so hoch und dicht war, daß kein Gräslein wuchs zwischen seinen Stämmen. Mein Vater erzählte mir Raub- und Mordgeschichten, welche sich hier zugetragen haben sollen, und ein paar Tafeln an den Bäumen bestätigten die Erzählungen. Ich war daher recht froh, als wir in das Tal kamen, wo wieder Wiesen und Felder waren und an der Straße wieder Häuser standen.
Wir waren bald in der Wegscheide, wo sich drei Wege teilen, der eine geht nach Veitsch und auch nach Neuberg, der andere nach Seewiesen, und den dritten weist eine Hand: „Weg nach Maria Zell.“
„Wenn du nach Zell gehst, so wirst du die größte Kirche und die kleinste Kirche sehen,“ sagte mein Vater, „die größte finden wir heut auf den Abend, zur kleinsten kommen wir jetzt. Schau, dort unter der Steinwand ist schon das rote Türmlein.“
Das Wirtshaus war freilich viel größer als die Kirche; in demselben stärkten wir uns für den noch dreistündigen Marsch, der vor uns lag.
Dann kamen wir an der gezackten Felswand vorüber, die hoch oben am Berge steht und die „Spieler“ genannt wird. Drei Männlein sitzen dort oben, die einst in der Christnacht hinaufgestiegen waren, um Karten zu spielen. Zur Strafe sind sie in Stein verwandelt worden, und sie spielen heute noch.
Die Straße ist hin und hin besät mit Wegkreuzen und Marienbildern; wir verrichteten vor jedem unsere Andacht, und dann schritten wir wieder vorwärts, wohl etwas schwerfälliger als gestern, und im Rockschoße meines Vaters schlug fort und fort das unbekannte Ding hin und her.
Neben uns rauschte ein großer Bach, der aus verschiedenen Schluchten, zwischen hohen Bergen, hervorgekommen war. Die Berge waren hier gar erschrecklich hoch und hatten auch Gemsen.
„Jetzt rinnt das Wasser noch mit uns hinaus,“ sagte mein Vater, „paß auf, wenn es +gegen+ uns rinnt, nachher haben wir nicht mehr weit nach Zell.“
Wir kamen nach Gußwerk. Das hatte wunderprächtige Häuser, die waren schön ausgemeißelt um Türen und Fenster herum, als ob sich die Steine schnitzen ließen wie Lindenholz. — Und da waren ungeheuere Schmieden, aus deren finsterem Innern viel Lärm und Feuerschein herausdrang. Wir eilten hastig vorbei, und nur bei der damals neuen Kirche kehrten wir zu. Das war wunderlich mit dieser Kirche — nur ein einzig Christusbild war drin und sonst gar nichts, nicht einmal unsere liebe Frau. Und so nahe bei Maria Zell! Die Lutherischen sollen es gerade so haben. — Wir gingen bald davon.
Und als wir hinter dem letzten Hammerwerk hinaus waren und sich die Waldschlucht engte, daß kaum Straße und Wasser nebeneinander laufen konnten — siehe, da war das Wasser so klar und still, daß man in der Tiefe die braunen Kieselsteine sah und die Forellen — und das Wasser rann gegen uns.
„Jetzt, mein Bübel, jetzt werden wir bald beim Urlaubkreuz sein,“ sagte der Vater, „bei demselben siehst den zellerischen Turm.“
Wir beschleunigten unsere Schritte. Wir sahen die Kapelle, die gerade vor uns auf dem Berge stand und die Sigmundsbrücke heißt. Da oben hat vor noch nicht lange ein Einsiedler gelebt, der sich nicht für würdig gehalten, bei der Mutter Gottes in Zell zu sein, und der doch ihr heiliges Haus hat sehen wollen jede Stund’. — Ein Vöglein hätte ich mögen sein, daß ich hätte hinauffliegen können zum Kirchlein und von dort aus Zell etliche Minuten früher schauen, als von der Straße aus.
An der Wegbiegung sah ich an einem Baumstamm ein Heiligenbild.
„Ist das schon das Urlaubkreuz?“
„Das kleine,“ sagte mein Vater, „das ist erst vom Urlaubkreuz das Urlaubkreuz. Schau, dort steht das große.“
Auf einem roten Pfahl ragte ein roter Kasten, der hatte ein grün angestrichenes Eisengitter, hinter welchem ein Bildnis war. Wir eilten ihm zu; ich hätte laufen mögen, aber mein Vater war ernsthaft. Als wir vor dem roten Kreuze standen, zog er seinen Hut vom Kopfe, sah aber nicht auf das Bild hin, sondern in das neu hervorgetretene Tal hinaus und sagte mit halblauter Stimme: „Gott grüß dich, Maria!“
Ich folgte seinem Auge und sah nun durch die Talenge her und durch die Scharte einiger Bäume eine schwarzglänzende Nadel aufragen, an welcher kleine Zacken und ein goldener Knauf funkelten.
„Das ist der zellerische Turm.“
Ein klein wenig haben wir alle beide geschluchzt. Dann gingen wir wieder — einen Schritt vorgetreten, und wir haben den Turm nicht mehr gesehen. Wir sollten ja bald an seinem Fuße sein ...
Wir stiegen die letzte Höhe hinan und hatten nun auf einmal den großen Markt vor uns liegen und inmitten, hoch über alles ragend und von der abendlichen Sonne beschienen, die Wallfahrtskirche.
Die Stimmung, welche zu jener Stunde in meiner Kindesseele lag, könnte ich nicht schildern. So, wie mir damals, muß den Auserwählten zumute sein, wenn sie in Zion eingehen.
Wir taten, wie alle andern auch — auf den Knien rutschten wir zum Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich nur darüber, daß der Mensch auf den Knien so gut gehen kann, ohne daß er es gelernt hat.
Wir besahen an demselben Abende noch die Kirche und auch die Schatzkammer. An den gold- und silberstrotzenden Schreinen hatte ich lange nicht die Freude, wie an den unzähligen Opferbildern, welche draußen in den langen Gängen hingen. Da gab es Feuersbrünste, Überschwemmungen, Blitzschläge, Türkenmetzeleien, daß es ein Schreck war. Es ist kaum eine Not, ein menschliches Unglück denkbar, das in der Zellerkirche nicht zur bildlichen Darstellung gekommen wäre. Wer hat diesen Volksbildersälen eine nähere Betrachtung gewidmet?
Wir stiegen auch auf den Turm; das war unerhört weit hinauf in den finsteren Mauern, und wie oft mochte der Rockschoß meines Vaters hin und her geschlagen haben, bis wir oben waren! Und endlich standen wir in einer großen Stube, in welcher zwischen schweren Holzgerüsten riesige Glocken hingen. Ich ging zu einem Fenster und blickte hinaus — was war das für ein Ungeheuer? Eine Kuppel der Nebentürme hatte ich vor Augen. Und, du heiliger Josef! wo waren die Hausdächer? Die lagen unten auf dem Erdboden. — Dort auf dem weißen Streifen krabbelte eine Kreuzschar heran. Als der Türmer dieselbe gewahrte, hub er und noch ein zweiter an, den Riemen einer Glocke zu ziehen. Diese kam langsam in Bewegung, der Schwengel desgleichen, und als derselbe den Reifen berührte, da gab es einen so gewaltigen Schall, daß ich meinte, mein Kopf springe mitten auseinander. Ich verbarg mich wimmernd unter meinen Vater hinein, der war so gut und hielt mir die Ohren zu, bis die Kreuzschar einzog und das Läuten zu Ende war. Nun sah ich, wie die beiden Männer vergeblich an den Riemen zurückhielten, um die Glocken zum Stillstand zu bringen; hilfebereit sprang ich herbei, um solches auch an einem dritten niederschlängelnden Riemen zu tun — da wurde ich schier bis zu dem Gebälke emporgerissen.
„Festhalten, festhalten!“ rief mir der Türmer zu. Und endlich, als die Glocke in Ruhe und ich wieder auf dem Boden war, sagte er: „Kleiner, kannst wohl von Glück sagen, daß du nicht beim Fenster hinausgeflogen bist!“
„Ja,“ meinte mein Vater, „kunnt denn da in der Zellerkirchen auch ein Unglück sein?“
Abends waren wir noch spät in der Kirche; und selbst, als sich die meisten Wallfahrer schon verloren hatten und es auch an dem Gnadenaltare dunkel war bis auf die drei ewigen Ampeln, wollte mein Vater nicht weichen. Gar seltsam aber war’s, wie er sich endlich von seinen Knien erhob und in die Gnadenkapelle hineinschlich. Dort griff er in seine Rocktasche, langte den von mir unerforschten Gegenstand hervor, wickelte das graue Papier ab und legte ihn mit zitternder Hand auf den Altar.
Jetzt sah ich, was es war — ein Eisenzahn von unserer Egge war es. —
Und am andern Tage gegen Abend, als wir meinten, unsere Kirchfahrt so verrichtet zu haben, daß Maria und unser Gewissen zufrieden sein konnten, gingen wir wieder davon. Beim Urlaubkreuz blickten wir noch einmal zurück auf die schwarze, funkelnde Nadel, die zwischen zwei Bäumen hervorglänzte.
„Behüt dich Gott, Maria Zell,“ sagte mein Vater, „und wenn Gottes Will’, so möchten wir noch einmal kommen, ehvor wir sterben.“ —
Dann gingen wir bis Wegscheid, dort hielten wir nächtliche Rast. Und am nächsten Tage überstiegen wir wieder den Berg und durchwanderten das Veitschtal. Als wir zu den Bauernhäusern der Niederaigen kamen, sprach mein Vater dort zu, wo wir auf dem Hinweg zur Nacht geschlafen hatten, und überreichte der Bäuerin ein schön bemaltes Bildchen von Maria Zell.
Als wir am Abende desselben Tages heimgekommen waren und uns zur Suppe gesetzt hatten, soll ich, den Löffel in der Hand, eingeschlafen sein.
Als ich der Müller war.
Etwa ein Jahr nach dieser Wallfahrt gab’s ein merkwürdig Geschichtchen daheim.
Nicht gar weit vom Hause, zwischen und unterhalb von Feldrainen und Wiesenlehnen, ist eine Schlucht. Sie ist voll dichten und hohen Erlen- und Haselnußgebüsches, zwischen welchen Germen, Schierling und Sauerampfer wuchern. Unter diesen Gewächsen rieselt ein Wasser, das seinerzeit zuweilen nur von einem durstigen Krötlein aufgesucht wurde, sonst aber, so klar und frisch es war, ganz unbeachtet blieb, bis unser Nachbar, der Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine Mühle in dieselbe baute. Die Mühle stand so versteckt im Gebüsche, daß ich, wenn ich bei meiner Rinderherde auf dem Wiesenraine stand, vergebens nach derselben gespäht hätte, wenn an ihr und hoch über den Gesträuchen nicht zwei Tannen emporgeragt haben würden. Auf diesen Tannen saß gern ein Habicht und pfiff zu mir und meinen Rindern herüber, daß ich vor Grauen im Gedanken oft ein heilig Vaterunser betete. Auch vor der Mühle fürchtete ich mich; sie kam mir mit ihren ewigen Schatten und traurigem Wasserrauschen schier so schauerlich vor wie jene im Märchen meiner Mutter, in der die schöne einschichtige Müllerstochter zwölf Räuber mit der breiten Mühlhacke geköpft hat.
Da kam aber eine Zeit, in der ich näher mit der Mühle im Schierlinggraben Bekanntschaft machen sollte.
+Unsere+ schöne Mühle im lichten Wiesentale, in der ich meinem Vater so oft das Korn mahlen half, war in einer Nacht niedergebrannt, bis auf die zahllosen Eisennägel und die zwei Mühlsteine, die ganz dunkelrot angelaufen und dann in mehrere Stücke auseinandergefallen waren. Das Wasserrad am halbverkohlten Gründel allein war stehengeblieben, und auf dasselbe schoß der Mühlbach nieder, und das Rad lief und tanzte in hastiger Eile wie närrisch. Verrückt war es geworden ob des Unglückes. Und erst als mein Vater den Mühlbach ab in den Fluß leitete, blieb das Rad stehen und stand viele Jahre lang hoch und kohlschwarz und unbeweglich über dem Schutt.
Ich und mein Vater hatten alle Eisennägel zusammengesucht auf der Brandstätte, aber der Schmied gab uns dafür nur fünfundzwanzig Groschen; und die Mühle konnten wir nicht mehr aufbauen.
Da ging mein Vater zum Nachbar Thoma und fragte an, was er Gegendienstes leisten müsse, wenn er die Mühle im Schierlinggraben an Tagen, da sie leer stehe, benutzen dürfe.
Der Thoma legte meinem Vater einen Brotlaib vor: er möge sich abschneiden, nur ein recht groß Stück, er, der Nachbar, habe gut Korn gebaut. Ja, und von wegen der Mühle, die könne er, mein Vater, schon haben; so einen, zwei Tage die Woche stehe sie ja leer; und eines Gegendienstes wegen könne keine Rede sein; er, mein Vater, sei mit dem Feuer unglücklich gewesen; ja, und das könne jedem geschehen, solle sich nur noch Brot abschneiden, ein rechtschaffen Stück. Gesegne Gott! Gesegne Gott!
In unserem Hause ist mein Vater selbst der Mühlesel gewesen. Und so stieg er eines Tages, den Kornsack auf der Achsel, nieder in den Schierlinggraben. Ich, ein blöder Junge, war entweder hinter meinen Rindern oder hinter meinem Vater her; mein Vater war mir stets der unfehlbarste und erste Mensch auf Erden, und alle anderen Leute liefen nur so neben mit; nur der Pfarrer und der Amtmann ausgenommen, die standen höher; der eine hielt’s ganz mit Gott, der andere mit dem Kaiser — und mit uns hielt’s keiner von beiden.
So wand ich mich denn hinter meinem Vater durch das Erlen- und Haselnußgebüsch der Mühle zu. Und als wir vor derselben standen, zog mein Vater einen hölzernen Schlüssel aus dem Sack, sperrte die graue, niedrige Tür auf, und wir standen jetzt in der finsteren Mühle, in welcher nur der staubige Mehlkasten und über demselben das Steingehäus und die Aufschüttmulde uns matt entgegenblickten. Wir stiegen über sechs oder acht Stufen empor zum Schüttboden; an die braune, spinnwebige Wand desselben waren mehrere Heiligenbilder geklebt, eine Art Hausaltar, an dem auch ein grünes Weihbrunngefäßchen gängelte. Mein Vater besprengte sich damit; dann leerte er seinen Kornsack in die Schüttmulde und guckte noch ein wenig durch ein Fensterchen auf das stetig rauschende Wasserfloß hinaus und zwischen den Fugen in die Radstube hinab, aus welcher erst eine rechte Finsternis hervorglotzte. Und als er sah, daß alles in Ordnung, tauchte er mit beiden Händen eine aus der Wand stehende Stange nieder. Da wurde es lebendig. Zuerst hörte ich einen einzelnen Klapper, bald einen zweiten, dritten; der Boden hub sachte an zu dröhnen, zu schütteln; das Klappern wurde schneller und schneller und kam endlich in ein gleichmäßiges Rollen und Klirren und Schrillen. Es ging die Mühle.
Von dem zitternden Schnabel der Schüttmulde rieselte das braungelbe Brünnlein des Kornes in den Steinhals, an welchem seines raschen Laufes wegen weder ein Kern noch ein Maserchen zu erkennen war.
Mein Vater unterwies mich in den Dingen, auf daß auch ich das Müllern lerne, und machte endlich die Decke des Mehlkastens auf, in dem bereits der feine, weiße Staub des Mehles flog.
Erst spät abends — als es schon so finster war, daß ein zur Tür hereinsprühendes Johanniswürmchen mich ins Herz hinein erschreckte, weil ich im Augenblicke wähnte, es sei ein Feuerfunke und es hebe auch diese Mühle zu brennen an — drückte mein Vater wieder an der Wandstange; da wurde das Klirren und Klappern langsamer, noch dröhnte und ächzte das Räderwerk träg und träger, dann stockte es und war verstummt. — Mir klang es in den Ohren, und draußen rauschte wieder das Wasser.
Mein Vater besprengte Steingehäus und Mehlkasten mit dem Weihwasser, auf daß über Nacht kein Unglück komme; dann verschloß er die Tür mit dem hölzernen Schlüssel, und wir stiegen durch das wilde Gesträuche und über die Wiesen- und Feldlehnen hinan zu unserem Hause. Als wir über die Leinwandbleiche gingen, huschte ein Weibsbild an uns vorbei und hin über den Anger, auf welchem die Eschen und die Kirschbäume standen.
„Ich denk’ gar, das ist die kohlschwarze Stina gewesen,“ sagte mein Vater vor sich hin, „wie närrisch lauft denn die herum in der Nacht!“
„Der wär’ es sicher nicht uneben gewesen, wenn sie unsere Bleichleinwand noch gefunden hätt’ auf dem Anger,“ meinte meine Mutter daheim.
„Ei, das kannst nicht wissen,“ sagte mein Vater ablehnend. „Sie macht sich ihr Brot bei der Kohlenbrennerei, und Schlechtes kann man ihr doch just gerade eben nicht gar recht viel nachsagen.“
„Gutes auch nicht,“ versetzte die Mutter; dann war nicht weiter mehr davon die Rede.
Wir gingen zum Abendessen. Nach diesem setzte sich meine Mutter zum Spinnrad und sang ein Lied und erzählte ein Märchen. Das Märchen von der weißen Frau, wie sie um Mitternacht durch das Ritterschloß schwebt und mit dem blutigen Dolch eine Unglücksprophezeiung an die Wand schreibt — es ließ mir die ganze Nacht keine Ruhe, und ich kroch aus Angst und Furcht vor der weißen Frau dem alten Einleger-Jobst, bei dem ich schlief, schier hinters Hemd hinein.
Am andern Morgen, als wir aufstanden, war die Nachricht da, mein Vater müsse eilends roboten gehen. Zwar war es schon ein Stück Weile nach dem Jahre des Heiles Achtundvierzig, aber unser guter Verwalter hielt stets noch an der ehrwürdigen Sitte, die Bauern ins Joch zu spannen, und die Bauern bogen willig ihre sonst so steifen Nacken.
Mich aber traf’s an diesem Morgen wie ein Donnerschlag: „Bub,“ sagte der Vater zu mir, „so mußt heut du der Müllner sein unten im Schierlinggraben.“
Noch ging er mit mir hinab, um die Tür aufzuschließen und die Mühle anzurichten.
Ersteres wäre nicht nötig gewesen; die Tür war kaum verriegelt, und mein Vater brummte: „So ein hölzern Schloß ist just für die Katz’; der erst’ best Bettelmann taucht mit dem Stock den Riegel in Scherben.“
Dann gab mir der Vater noch Verhaltungsmaßregeln; unterwies mich, wie man mittels der Wandstange das Wasser vom Holzfloße leite, daß es seitwärts tief in das steinige Bett hinabstürze und die Mühle stehen bleibe. Ferner bereitete er mir einen Kübel Wassers auf dem Schüttboden, „im Falle, daß was sein sollte“. Er dachte ans Feuer. Dann ging er, und ich war allein in der dunkeln, klappernden Mühle.
Mir war, als obläge mir die Sorge über eine ganze, wildwirbelnde Welt. Ich schlich und spähte herum, ob überall alles in Ordnung; ich guckte in die Aufschüttmulde; es rieselte immer aus ihr, aber sie wollte nicht leerer werden. Ich hub in Gedanken an zu zählen und dachte, bis ich fünftausend gezählt hätte, würde das Korn wohl zur Rüste sein; aber ich zählte bis zehntausend, zählte bis — da war mir plötzlich, als stiege aus dem Mehlkasten Rauch empor.
Ich stürzte zur Stange, bald stand das ganze Radwerk still, und ich sah, es war nicht Rauch, es war nur Mehlstaub gewesen.
Ich richtete die Mühle wieder an und wurde nun etwas zuversichtlicher. Aber in dieser ewigen Dunkelheit des alten Baues, in diesem fortwährenden Tosen und Klirren wurde ich anderartig aufgeregt ... Ich spähte nach rechts und nach links und gegen die dunkelsten Winkel hin. Was gängelt doch das Weihbrunngefäß in einem fort?! — schon wieder wollte ich zur Wandstange eilen — da ist plötzlich ein Gepuster und Gepolter — siehe dort! — langsam und von sich selbst hebt sich der Deckel des Mehlkastens, eine Gestalt, eine Menschengestalt richtet sich auf im Kasten — bleich ist sie bis in die Augen, bis in den Mund hinein. Jesus und Heiland! Die weiße Frau! — Meine Augen wollen vergehen vor Schreck; aber sie sehen es noch, wie die Gestalt polternd aus dem Kasten steigt und hinaushuscht zur Tür.
Ich bin sehr erschrocken; aber der Schreck war verhältnismäßig kurz gewesen. Die Hast und Eile des Gespenstes kam mir verdächtig vor; ein ordentlicher Geist weiß sonst stets Würde und Anstand zu bewahren.
Wenn das ein Mensch gewesen wäre, ein schlechter Mensch, ein Mehldieb, den wir des Morgens in der Mühle überrascht und der sich in den Kasten verkrochen? — Noch immer wirbelte der weiße Staub aus dem Mehlkasten auf. Ich guckte zum Fensterchen hinaus. Ich sah, wie die weiße Gestalt durch das Gesträuche kroch. Zuweilen, wo das Gebüsche eben recht dicht war, blieb sie ein wenig kauern und lauerte; sie meinte wohl, von der Tür aus müsse sie verfolgt werden, aber ich beobachtete sie durchs Fensterchen. Sie strich ängstlich hin und her, kroch endlich durch Erlen und hohe Germen und Sauerampfer in das steinige Bett des Baches, über welchen das Mühlfloß ging. Hier in dem tiefen Graben mochte sie sich sicher denken; mir aber kam ein verteufelter Gedanke. — Jetzt, bist du ein Geist oder nicht, dachte ich, frisch Wasser ist eine Gottesgabe; das kann nicht schaden.
Sofort rückte ich die Wandstange, und in demselben Augenblicke kreischte ein greller Schrei draußen im Wassergraben, in welchen das ganze Mühlwasser niederschoß auf die weiße Gestalt.
Diese blieb sie aber nicht lange; kaum sie sich so weit aus den Fluten hervorgearbeitet hatte, daß ich sie wieder sehen konnte, war sie nicht mehr weiß, war fahlgrau, war braun, war die kohlschwarze Stina.
Sie hatte sich so sehr in ihre nassen Kleider und in das Gestrüppe verwickelt und verkettet, daß sie noch hübsch an Ort und Stelle war, als ich zu ihr hinauskam.
„Stina!“ sagte ich, „hast du uns wollen das Korn stehlen oder das Mehl?“
Da wollte sie mit einem Steine nach mir werfen. Darüber erhob ich einen gewaltigen Lärm, und als auf denselben der Nachbar Thoma, der in der Schlucht Zaunstangen gehackt hatte, herbeikam, war die davonwatschelnde Stina noch zu sehen.
„Mach dir nichts draus, daß dich mein Mühlwasser schwarz gewaschen hat,“ rief er ihr nach, „in der Haftstuben wirst schon wieder trocken werden. Mein Weib freilich, die hängt die nassen Lumpen zum Trocknen an den Strick!“
Hierauf untersuchten wir den Mehlkasten; da drin war arg gewirtschaftet worden, und hätte der brave Mehlstaub die Diebin nicht noch rechtzeitig aus dem Schlupfwinkel getrieben, ich und mein Vater, wir hätten das Korn nicht für uns gemahlen.
Ich richtete die Mühle nicht mehr in den Gang; der Thoma faßte das Mehl in einen Sack und trug es hinauf in unser Haus.
Dann ging er und fing die Kohlschwarze ein.
Die Mühle im Schierlinggraben steht heute noch und ist versteckt unter den Büschen.
Das Mehl, das ich gemahlen, ist längst gebacken und gegessen, die kohlschwarze Stina längst trocken und vergessen.
Als ich den Himmlischen Altäre gebaut.
Wenn wir Kinder die Woche über brav gewesen waren, so durften wir am Sonntag mit den erwachsenen Leuten mitgehen in die Kirche. Wenn wir aber beim lieben Vieh daheim benötigt wurden, oder wenn kein Sonntagsjöppel oder kein guter Schuh vorhanden, so durften wir nicht in die Kirche gehen, auch wenn wir brav gewesen waren. Denn die Schafe und die Rinder bedurften unser wesentlich notwendiger als der liebe Gott, der nachgerade einmal Post schicken ließ: Leute, seid auf die Tiere gut, das ist mir so lieb wie ein Gottesdienst.
Wir blieben jedoch nur unter der Bedingung zu Hause: „wenn wir einen Altar aufrichten dürften“. Gewöhnlich wurde uns das erlaubt, und zu hohen Festtagen stellte der Vater das Wachslicht dazu bei. Hatten wir unsere häuslichen Beschäftigungen vollbracht, etwa um neun Uhr vormittags, während in der Kirche das Hochamt war, begann in unserem Waldhause folgendes zu geschehen: Die Haushüterin, war es nun die Mutter oder eine Magd, hub an, am Herde mit Mehl und Schmalz zu schaffen; der Haushüter, war es nun der Vater oder ein Knecht, holte von der Wand „die Beten“ (den Rosenkranz) herab, vom Wandkastel den Wachsstock heraus, aus der Truhe das Gebetbuch hervor; und der kleine Halterbub, war es nun mein Bruder Jackerl oder ich, hub an, die Heiligtümer des Hauses zusammenzuschleppen auf den Tisch. Von der Kirche waren wir weit, keinen Glockenklang hörten wir jahraus und jahrein; also mußten wir uns selber ein Gotteshaus bauen und einen Altar. Das geschah zuhalb aus kindlichem Spielhange und zuhalb aus kindlicher Christgläubigkeit. Und wir — mein Bruder Jackerl oder ich, oder beide zusammen — machten es so: Wir schleppten das alte Leben-Christi-Buch herbei, das Heiligen-Legenden-Buch, die vorfindlichen Gebetbücher, unsere Schulbücher, das Vieharzneibuch und jegliches Papier, das steif gebunden war. Solches gab das Baumaterial. Die Bücher stellten wir auf dem Tische so, daß sie mit dem Längenschnitt auf der Platte standen und ihre Rücken gegen Himmel reckten; wir bildeten daraus ein zusammenhängendes Halbrund, gleichwie der Raum des Presbyteriums (Raum am Altare). An die Wände dieses Halbrundes lehnten wir hierauf die papierenen buntbemalten Heiligenbildchen, welche in den Büchern zwischen den Blättern aufbewahrt gewesen, zumeist von Verwandten, Patenleuten, Wallfahrten als Angedenken stammten und verschiedene Heilige darstellten. Die Heiligen Florian und Sebastian kamen in der Regel ganz vorne zu stehen, denn der eine war gegen das Feuer und der andere gegen das Wasser, also gegen die zwei wilden Schrecken, die den Menschen alleweil auf kürzestem Wege den Himmlischen zujagen. An Namenstagen von uns oder an sonstigen Heiligenfesten erwiesen wir aber dem betreffenden Heiligen die Ehre, im Bildchen ganz vorne stehen zu dürfen. Am Osterfeste, am Christtage fand sich wohl ein Osterlamm mit der Fahne oder ein holdes Kindlein auf dem Heu. Letzteres wollte einmal am Christfeste mein Bruder nicht anerkennen, weil kein Ochs und kein Esel dabei sei, worauf der alte Knecht sich ganz ruhig zu uns wandte und sprach: „Die müsset halt ihr zwei sein!“
Waren nun die aus Büchern beschriebenerweise geformten Wände mit solchen Bildlein, auch kleinen in Glas gefaßten „Breverln“ darunter, belehnt, so kam vom eigentlichen Hausaltare hoch oben in der Wandecke das Kruzifix herab und wurde mitten in das Halbrund gestellt. Das war der eigentliche Mittelpunkt unseres Heiligtums. Vor dem Kruzifix kam hernach der Wachsstock zu stehen, und wir zündeten ihn an. Nicht zu sagen, welche Feierlichkeit, wenn nun das Kreuz und die Heiligenbilder rötlich beleuchtet wurden, denn so ein geweihtes Wachslicht gibt einen ganz anderen Schein, als die klebrige Talgkerze oder der harzige Brennspan, oder gar im Wasserglase das Öllichtlein, „welches bei der Nacht nur so viel scheint, daß man die Finsternis sieht“. Die Sonne, welche draußen leuchtete, wurde abgesperrt, indem wir die Fenster verhüllten mit blauen Sacktüchern, wir wollten den himmlischen Schein ganz allein haben in unserem Tempelchen. Wenn nun gar erst Allerseelen war und ein Bildchen mit den armen Seelen im Fegefeuer vor dem Kreuze lag, da gab’s eine Stimmung, die zur Andacht nachgerade zwang. Knieten wir dann um den Tisch herum, so daß unsere Knie auf den Sitzbänken, unsere Ellbogen auf der Platte sich stützten, und beteten laut jene lange Reihe von Vaterunsern und Avemariens mit Ausrufung der „Geheimnisse“ aus dem Leben des Herrn, welche der Rosenkranz oder auch der Psalter genannt wird. Ich wendete während des ganzen Gebetes keinen Blick von den bildlichen Darstellungen. Natürlich sah ich nicht das Papier und nicht die Farben, ja selbst die Bilder als solche nicht, ich sah die Heiligen leibhaftig, sie waren mir in der Tat anwesend, sie hörten freundlich auf unser Gebet, sie ließen uns hoffen auf ihren Schutz und Beistand in Tagen der Not und Gefahr, sie nahmen gütig die Liebe unserer Herzen an, und also schlossen wir mit ihnen vorweg schon Bekanntschaft für die ewige Gemeinsamkeit im Himmel, der wir ja entgegenstrebten. — O welch ein herrliches Gut ist der Glaube, unendlich mächtiger, schöpferischer, beseligender, erlösender, als alles Wissen und Wähnen der Irdischen!
War endlich die Andacht zu Ende, so losch der Knecht die Kerze aus, und wir hüpften aufs Fletz hinab; bald krochen wir freilich wieder auf den Tisch, um gemächlich den Tempel zu zerstören und seine Teile wieder an Ort und Stelle zu bringen, woher wir sie genommen, denn der Tisch sollte nun Schauplatz anderer Ereignisse werden. In der Küche war aus Mehl und Schmalz eine Pfanne voll Sterz (Mehlbrei in Fett geröstet) geworden, und diese kam herein, um unsere sonntägige Andacht zu krönen. So war’s der Brauch am Sonntag Vormittage von der neunten bis zur zehnten Stunde, während die anderen in der Kirche saßen oder vor derselben sich für das Wirtshaus vorbereiteten. — Solches waren freilich freundlichere Wandlungen des Tischaltares, als es jene gewesen im Hause des Waldpeter. Hatten die aufsichtslosen Kinder in der Christnacht auf dem Tische aus Büchern und Papierbildchen einen Tempel gebaut, denselben mit einem nach unten halb offenen Buche eingedeckt und eine brennende Kerze in das Heiligtum gestellt. Noch zu rechter Zeit kam der Waldpeter herbei, um die auf dem Tische entstandene Feuersbrunst zu löschen. Darauf soll es keinen Sterz gegeben haben, sondern — was Schlimmeres.
Noch erinnere ich mich an einen besonderen Tag. Ein gewöhnlicher Wochentag war’s im Winter; ich beschäftigte mich in der dunkeln Futterscheune, mit einem Eisenhaken, dem Heuraffel, Heu aus dem festgetretenen Stoße zu reißen und in die Ställe zu tragen. Da fiel es mir plötzlich ein, ich müsse diese Arbeit bleiben lassen, in die Stube gehen und auf dem Tische einen Altar bauen. Die Mutter war mit meinem jüngsten kranken Schwesterchen beschäftigt, kümmerte sich also nicht um mich, und ich stellte aus Büchern und Bildchen den gewohnten Tempel auf, als sollten die Leute nun zusammenkommen wie am Sonntage und beten. Wie ich hernach das hölzerne Kruzifix hineinstellen wollte, tat ich es nicht, sondern ging durch die Stube zu einer Sitzbank hin, über welche ich das Kreuz vermittels eines Schnürchens an die Wand hing. Und da war es, als ob auch die anderen ähnliche Gedanken hätten mitten im Werktage; der Vater wurde ins Haus gerufen, er holte aus dem Schrank den Wachsstock hervor, zündete ihn an, doch anstatt ihn an meinen Altar zu stellen, ging er damit ans Bettlein, wo das zweijährige Trauderl lag; sie begannen halblaut zu beten, und die Mutter netzte mit Essig die Stirn des Schwesterleins. — Plötzlich hielten sie im Gebete ein, da war es still, so grauenhaft still, wie es bisher nie gewesen auf der Welt. Dann hub die Mutter an zu schluchzen, erst leise, hernach heftiger, bis sie, in ein lautes Weinen ausbrechend, sich über das Köpfchen des Kindes niederbeugte und es mit wilder Gier herzte und küßte. Das Schwesterlein aber tat nichts desgleichen, die hageren Händchen auf der Decke ausgestreckt, im Gesichte schneeweiß, mit halbgeöffneten Augen lag es da; die flachszarten Locken gingen nach rückwärts und waren noch feucht von dem Essig.
Der Vater trat zu uns übrigen Kindern und sagte leise: „Jetzt hat uns die Trauderl halt schon verlassen.“
„Sie ist ja da!“ rief der Bruder Jackerl und streckte seinen Finger aus gegen das Bett.
„Ihre unschuldige Seel’ hat der liebe Herrgott zu sich genommen, sie ist schon bei den Engelein.“
Wer von uns es nicht wußte, der ahnte nun, unsere kleine Schwester war gestorben.
Wir huben an zu weinen, aber nicht so sehr, weil das Schwesterlein gestorben war, sondern weil die Mutter weinte. In meinem Leben hat mich nichts so sehr ans Herz gestoßen, als wenn ich meine Mutter weinen sah. Das geschah freilich selten; heute vermute ich, daß sie viel öfter geweint hat, als wir es sahen ...
Nun kamen die Knechte und Mägde herein, standen um das Bettlein herum und sagten mit flüsternden Stimmen Liebes und Gutes von dem Kinde. Der Vater kniete zum Tische, wo — siehe da! — der Altar aufgerichtet stand, und begann laut zu beten; er rief das Kreuz und Leiden des Heilandes an, seine heiligen Wunden, seine Todespein und seine Auferstehung. Er sagte den Spruch vom jüngsten Tage, wie auf des Engels Posaunenschall die Toten aus den Gräbern steigen werden. Ich sah alles vor mir. — Dunkel war’s und dämmernd wie im Morgenrote; der Himmel war verhüllt mit Wolken, die einen roten Schein hatten, wie Rauch über dem Feuer. Aus allen Gründen — soweit das Auge reichte — stiegen Menschen aus der Scholle empor. Ich selbst sah mich hervorgehen aus dem Sarge, neben mir die Mutter, der Vater in langen weißen Gewändern, und aus einem Hügel, der mit Rosen bedeckt war, kroch — schier schalkhaft lugend mit hellen Äuglein — das Trauderl und hüpfte zu uns heran ...
Während wir beteten, senkte die Nachbarin Katharina das Leichlein in ein Bad, bekleidete es dann mit weißem Hemde und legte es auf ein hartes Bett, auf die Bank zur Bahre. Mit Leinwand ward es zugedeckt; an sein Haupt stellten sie den Wachsstock mit dem Lichte und ein Weihwassergefäß mit dem Tannenzweig. Vom Altare nahmen sie die Heiligenbildchen, um solche als letzte Gabe der kleinen Trauderl an die Brust zu legen. Der Vater hub an, das Kruzifix zu suchen, um es zu Häupten der Bahre hinzustellen, er fand es nicht, bis die Nachbarin Katharina sah, daß es schon an der Wand hing, gerade über dem Leichlein.
Also ist es gewesen, daß eine Stunde vor dem Sterben des Schwesterleins mir Ahnungslosem eine unsichtbare Macht die Weisung gab: Gehe in die Stube, denn sie werden bald alle hineingehen; baue den Altar, denn sie werden beten; hänge das Kreuz an die Wand, denn es wird dort ein totes Menschenkind hingelegt werden.
Wir gingen hin und schauten die Trauderl an. Es ist nicht zu beschreiben, wie lieblich sie anzuschauen war und wie süß sie schlief. Und da dachte ich daran, wie sie noch wenige Tage früher voll schallender Freude, glühend am Wänglein und glühend im Äuglein, mit uns Versteckens gespielt. Sie versteckte sich immer hinter dem Ofen, verriet sich aber allemal selbst, noch bevor wir an sie herankamen, durch ein helles Lachen.
Bald kamen die Nachbarsleute, sie knieten nieder vor der Bahre und beteten still. Im ganzen Hause war eine große Feierlichkeit, und ich — der ich so umherstand und zusah — empfand etwas wie Stolz darüber, daß ich eine Schwester hatte, die gestorben war und solches Aufsehen und solche Weihe brachte.
Nach zwei Tagen am frühen Morgen, da es noch dunkel war, haben sie in einem weißen Trühlein die Trauderl davongetragen. Wir Geschwister konnten sie nicht begleiten, denn wir hatten keine Winterschuhe für den weiten Weg nach dem Pfarrdorfe. Wir blieben daheim. Und als alle laut betend davongezogen waren und das von dem Hause hinwegschwankende Laternenlicht noch seinen zuckenden Schein warf durch die Fenster in die Stube herein, stand ich (meine Geschwister schliefen noch ruhsam in ihrer Kammer) eine Weile vor der Bank und schaute auf die Stelle hin, wo das weiße Gestaltlein geruht hatte. Das Weihwassergefäß war noch da, und beim Morgenrot, das matt auf die Wand fiel, sah ich dort das Kreuz hängen mit dem sterbenden Christus, der nun mein einziger Genosse war in der stillen Stube.
Ich nahm ihn von der Wand und begann ihn auszufragen, was die Seele der Trauderl denn wohl mache im himmlischen Reich. — Es ist keine Antwort auf Erden. Ich stellte das Kruzifix wieder auf den Hausaltar, der hoch im Wandwinkel war, und dort stand es in heiliger Ruh, es mochte Kummer sein in der Stube oder Freude, beides war oft und manchmal im raschen Wechsel, wie es schon geht auf dieser Welt.
Nach Jahren, als eines Tages meine ältere Schwester mit niedergeschlagenen Augen in der Stube umging, angetan mit rosenfarbigem Kleide und dem grünen Rosmarinstamm im braunen Haar, und ein schöner junger Mensch unfern von ihr stand, sie heimlich anblickend in Glückseligkeit, hob ich meinen lieben Christus wieder einmal auf den Tisch herab, ob er vielleicht zusehen wolle, was da war und werden sollte.
Da traten die zwei jungen Leute vor den Tisch hin, nahmen sich an der rechten Hand und sagten ganz leise — aber wir hörten es doch alle: „Wir wollen treu zusammen leben, bis der Tod uns scheidet.“
Auf meinem Lebenswege bin ich schon an vielen Altären vorübergewandelt. An Altären der Liebe und des Hasses, an Altären des Mammons und des Ruhmes — ich habe jedem geopfert. Aber mein Herz, mein ganzes Herz habe ich nur an jenem einen Altar niedergelegt, der einst in der armen Stube des Waldhauses gestanden. Und wenn ich weltmüde dereinstmalen die Himmelstür suche, wo kann sie zu finden sein, als in dem dämmernden Wandwinkel über dem Tische, wo das kleine hölzerne Kruzifix gestanden. Kreuze habe ich gesehen aus Gold und an Ehren reich, Kreuze aus Elfenbein, geschmückt mit Diamanten, Kreuze, an welchen Weihe und Ablaß hing — bei keinem habe ich je Gnade gefunden. Das arme Kreuz in meinem Vaterhause wird mich erlösen.
Als ich im Walde beim Käthele war.
Seit Menschengedenken standen in unseren Wäldern die Lärchbäume nicht so hoch im Preise, als zur Zeit des Eisenbahnbaues durch das Tal. Mein Vater verkaufte an die dreißig Stämme um schöne Banknoten. Aber er gab die schönen Banknoten bald wieder weg, zuweilen gar eher, als er sie hatte. Er nahm beim Krämer Mehl und Salz und sagte: „Sobald ich Geld vom Holzhändler krieg, kriegt Ihr’s von mir.“ Zuletzt sagte er dasselbe sogar den Steuerbeamten.
Aber unser Holzhändler, ein sehr alter Mann, der im Walde sein Haus hatte, und um den, außer den Fichten und Tannen, noch ein Wald von Kindern und Enkeln herangewachsen war, hatte dem Vater den größten Teil des Lärchengeldes zwar gezahlt, aber mit dem Rest war er ausgeblieben. Wohl ein halbdutzendmal ging mein Vater die vier Stunden durch die Wälder zum Alten und bat: „Herr Zaunreuter, seid doch ja so gut und reichet mir heut das letzt Zipfel von dem Lärchengeld, meine Kinder brauchen was zu essen.“
Die meinen halt auch, mochte sich der Alte gedacht haben, aber er sagte: „Ich seh’s wohl ein, der Waldbauer tät auch sein Sach’ gern haben, aber wenn mir der Waldbauer alle Säck’ umkehren will, so wird er heut keinen Knopf darin finden. Ich krieg’ erst morgen das Geld von der Eisenbahn, nachher will ich dem Waldbauer das Restl schon mit Fleiß und Dank zustellen.“
Meines Vaters Herz war kein Stein, und er dachte: es klemmt ihn halt, und einen Tag muß ein Christenmensch schon noch warten. Aber es verging ein Tag, und es vergingen mehrere, und es vergingen viele Tage, und der gute Zaunreuter kam nicht mit dem Gelde. Da ließ mich — ich war damals so ein Schlingel von elf Jahren — mein Vater einmal von der Kuhweide in sein Stübchen rufen und sagte: „Bübel, leg jetzt dein besseres Jöpplein an, geh hinüber in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter und sag ihm, du bliebest so lang in seinem Haus und tätest essen an seinem Tisch und tätest schlafen unter seinem Dach, bis er dir tät das Geld geben. Sei aber schön ordentlich und tu danken nach jedem Essen, und wenn er dir eine Arbeit schafft und du kannst sie verrichten, so tu’s mit Schick und Fleiß, und wenn du das Geld hast bekommen, so steig nur fein geschwind wieder heim.“
Hierauf legte ich mein besseres Jöpplein an, ging hinüber durch die dichten Wälder in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter. Dieser saß vor seinem Häuschen unter einer dichtbeästeten Fichte und hielt das Pfeiflein in der Hand und nickte mit dem Kopfe auf und nieder, wie die Zweige oben im Winde. Ich blieb von fern stehen und sah ihm zu; der Mann war doch gar alt. In seiner Kindheit waren hier die Urwälder ausgerodet worden; in seinen Jünglingsjahren hatten sich kleine Bauernwirtschaften angesiedelt; in seinem Mannesalter waren durch kalte, unfruchtbare Jahre die Bauernwirtschaften zugrunde gegangen, und nun in seinen Greisentagen ließen sie das Weißbrunntal wieder anwachsen.
Ich trat endlich zum Alten hin und sagte: „Mein Vater hat mich geschickt, und jetzt bleib’ ich in Eurem Hause so lang und ich geh’ nicht eher fort, bis Ihr mir das Geld gebt.“
„So geh hinein in das Haus, Kleiner, und setz dich auf die Bank, oder geh hinauf an die Lehne und hilf meiner Enkelin Ziegen hüten.“ Er blieb sitzen, nickte mit dem Kopfe und hielt das Pfeiflein in der Hand.
Ich ging in das Haus und saß eine Zeit auf der Bank in der Stube; als mir endlich aber doch die Zeit lang wurde, kletterte ich die Lehne hinan zur Ziegenhüterin. Ein Mädchen mit roten Wangen und lichtblonden Haaren, wohl um einige Jahr älter als ich, saß da oben, es flocht sich mit seinen behendigen Fingern, mit Beistand der weißen Zähne, die Haare. Da es mich sah, sprang es auf und floh ins Dickicht.
Als der Abend kam, füllte sich das kleine Haus im Anwuchs mit Menschen; es waren Weiber und Kinder gekommen und zwei junge, lustige Holzhauer und ein übermütiger Almhirt, der allweg pfiff, gern auf einem einzigen Fuße stand, tänzelte und die Weiber neckte. Es kam ein Wurzner und eine Ameiseiergräberin, und sie erzählten, wo sie an diesem Tage waren und was sie für Beute gemacht hatten. Alle diese Menschen, zum Teil schon betagt, zum Teil noch jung und klein, waren Nachkommen des alten Zaunreuter.
Als sie sich alle um den Tisch zur Abendsuppe setzten, stand ich an der Tür und kaute an einem Finger. Ich empfand doch, daß ich hier nicht daheim, und getraute mich nicht zum Tisch. Da sagte der Alte: „Waldbauernbub, setze dich neben das Käthele und iß mit uns eine Suppe!“ Nach diesen Worten errötete das Mädchen, das ich früher oben als Ziegenhüterin gesehen hatte, dann rückte es ein wenig zur Seite. So setzte ich mich daneben hin und aß; aber mir wollte es nicht recht schmecken, ich schämte mich, daß ich den Leuten wegen so ein paar Gulden an der Schüssel lag.
Nach dem Nachtmahle nahm mich der Almhalter mit in sein Bett; es stand nicht im Hause und nicht im Freien, sondern hinter einer Felsnische unter drei dichten Tannen. Der Halter zog sich aus bis auf das Hemd und pfiff und tänzelte immer noch dabei und kitzelte mich in das Bett und unter die Decke hinein, daß ich laut schrie und kicherte. So war ich mit ihm gleich bekannt, und so kauerten wir uns recht aneinander, und er erzählte mir von seinen Kühen und Kälbern, und dabei zog er die Decke immer mehr über unsere Köpfe herauf, und sein mächtiger Atemstrom ergoß sich so sehr auf mein Gesicht, daß ich schier ersticken wollte.
Als ich am andern Morgen aufwachte, flunkerte die Sonne durch das Geäste, und der Halter war schon längst davon. Ich stand auf und dachte, heute wird mir der Zaunreuter das Geld wohl geben. Es wurde die Morgensuppe vorgesetzt; das Käthele schnitt mir Brot hinein, und dabei flüsterte es mir zu, ob ich heute nicht mit ihm wolle mitgehen in die Geißhalde? Ich ging mit, und das Mädchen machte mich bekannt mit den Ziegen und mit seinen Spielplätzen. Das Käthele hatte unter einem Felsvorsprung eine Sennerei; aus Baumrinden hatte es einen Stall aufgezimmert, unter diesem stand eine Reihe dürrer Fichtenzapfen, das waren die Kühe. Das Mädchen lehrte mich von diesen Kühen die Namen und schob sie auf die Weide und wieder in den Stall. Auf einmal aber, als es merkte, daß ich mich nicht recht in diese Wirtschaft hineinfinden konnte, wendete es sich ab, hielt die Schürze vor das Gesicht und schämte sich. Als ich ein wenig später wieder an die Stelle kam, waren die Fichtenzapfen über den Hang geschleudert und der Stall zerstört.
Es verging der Tag, der Alte war nicht zu Hause, ich bekam das Geld nicht und blieb. Das Käthele zerrte mich überall mit, und als gegen Abend ein kalter Wind strich, schlug es sein Lodenjäckchen um meinen Kopf und wickelte meine Hände in seine Schürze, daß ich nicht sollte frieren können. Am Abend nahm es mich mit in den Stall und zeigte mir, wie es die Ziegen melke, und als wir in der Milchkammer standen, strich es mir mit dem Finger Rahm in den Mund.
Am dritten Tage war ich schon um ein bedeutendes zutraulicher; da pflückte ich dem Käthele Erdbeeren und schenkte ihm ein Sträußchen rotblühenden Klees. „Die Erdbeeren mag ich schon,“ sagte sie, „aber den Klee steck nur der Geiß zu, ich weiß damit nichts anzufangen.“
„Es wär’ aber Honig drin, Käthele,“ sagte ich.
„Ja, weil ihn die Bienen nicht heraussaugen dürfen,“ versetzte das Mädchen, „weißt du, was der heilige Petrus gesagt hat? Ja, der hat zu den Bienen gesagt: Was wollt ihr lieber, den Sonntag feiern, oder den roten Klee meiden? Haben die Bienen zur Antwort gegeben: den roten Klee meiden. Deswegen dürfen sie beileib’ nichts zu schaffen haben mit dem roten Klee, und der Honig davon kommt in die Geißmilch.“ —
Der Alte ging aus und kam heim, aber nie sagte er etwas von dem Gelde. Ich blieb im Hause, wurde zu Tische geheißen, schlief beim Halter und konnte die übrige Zeit machen, was ich wollte. Ich ging immer mit dem Käthele, und das führte mich im Walde umher, in jede Schlucht und auf jeden Felsblock, und wußte allweg zu plaudern und erzählte mir sogar einmal im Vertrauen: Zuweilen, wenn es so ganz still sei und nur die Hummel brumme oder ein Lüftchen wispere, da gehe Gott durch den Wald. Er sei größer wie der allergrößte Baum, aber er kümmere sich um jedes Rehlein, und wenn wo eine Ameise krieche, der sie einen Fuß abgetreten, so helfe er ihr weiter, und wenn wo ein Blümlein stünde, das nicht aufwachsen kann, weil ihm ein Steinchen anliegt, so neige sich der liebe Gott auf die Erde und tue dem Blümlein den Stein vom Herzen.
Wenn das Käthele ähnliche Dinge redete, so sah ich es nur so an, und da war ein Glanz in seinem großen dunkeln Auge, wie in der Kirche zur heiligen Christnacht.
Einmal führte sie mich auf einen Steinbühel, um welchen Rotkiefern und Wacholder wuchsen, legte ihre beiden Hände auf meine Schultern und sagte: „Das freut mich, Waldbauernbub, daß du in unser Haus und zu mir in den Wald gekommen bist.“ Nach diesen Worten geleitete sie mich von dem Steinbühel wieder herab. Weshalb ich aber da war, das wußte sie nicht.
Vergaß ich ja doch endlich selbst darauf. Ich lebte in dem Hause des Zaunreuters wie daheim, nur waren die Leute freundlicher mit mir, und ich durfte nicht so viel arbeiten, als ich es an der Seite meines Vaters gemußt.
Da kam eines Tages durch den Holzschläger von meinem Vater der Auftrag, ich möge doch endlich das Geld heimbringen, das Steueramt wolle nicht mehr länger warten und habe ihm einen Soldaten ins Haus geschickt, der ohne den Steuerbetrag nicht fortgehen wolle und welcher — setzte der Bote bei — der Kuhmagd schon ganz den Kopf verrückt habe und mit ihr heimlich die Butter verzehre. Das sei eine gefährliche Belagerung, und ich möge doch kommen und das Haus befreien. — Ich trug dem Alten unser Anliegen vor. Dieser nickte stetig mit dem kleinen Kopfe und machte mir dann in bittendem Tone den Vorschlag, er wolle die Exekutionsmänner austauschen, mich heimgehen lassen und den gefährlicheren Soldaten in sein Haus nehmen, bis er zahlen könne. Das brachte mich fast auf, denn ich konnte dadurch nur verlieren, ohne das Geld heimzubringen. Ich murmelte daher zu Boden starrend und den Hut tief in die Stirne gedrückt: „Ich will unser Geld haben.“
Da sprang der Alte auf, einen Schritt gegen mich und stieß die Worte hervor: „Vom Erdboden herausgraben kann ich’s nicht! Willst mir die Haut abziehen? Ich bin alt und hab’ eine Familie; du kennst von der Welt noch nichts wie das Essen. Wenn ihr glaubt, ich will euch was abstehlen, so verkaufet mein Haus, da steht’s! und jagt die Kinder hinaus zu den Tieren des Waldes und scharrt den alten Mann in die Erden!“
Das traf mich, niederfallen hätt’ ich mögen vor dem Greis und ihm sagen, daß ich’s so nicht gemeint. Ich schlich davon und wollte heim zu meinem Vater und ihm sagen, ich hätte das Geld wohl bekommen, aber ich hätte es unterwegs in dem dichten Gesträuche verloren, und ich wolle dafür arbeiten Tag und Nacht und fasten dabei, und er möge mich strafen, wie er wolle.
Als ich sonach durch die Schlucht ging, rief mich das Käthele an. Es stand hoch auf einem Baumstrunk und sagte mir, ich möge auch hinaufkommen, denn man sehe von dort aus ins Land, wo die Feigen wachsen. Da mußte ich denn freilich hinauf; allein, als ich oben stand bei dem Käthele, schalt es, daß ich so langsam geklettert sei, es seien in der Weile die Bäume so hoch gewachsen, und nun könne man nicht mehr in das Land der Feigen sehen. Ich stellte mich, als hätte ich dem Käthele alles aufs Wort geglaubt. Ich vergaß aber dabei auf mein Heimgehen.
Als wir eine Weile beisammengestanden waren, lispelte sie: „Ich will dir was sagen, Waldbauernbub,“ und zerrte mich mit fort, zwischen den Bäumen und durch Gesträuche, fort und fort, bis wir hineinkamen tief in den Hochwald. Dort blieb sie endlich stehen, blickte verwirrt um sich und ließ sich auf einen verwitterten Strunk nieder. Ich stand vor ihr; sie faßte meine Hände und legte sie in ihren Schoß. Dann neigte sie das Haupt vor gegen meine Stirne und flüsterte: „+Du bist mein lieber Waldbauernbub!+“ — Sie war gerötet, sie ließ alle Haarsträhne niedergleiten über ihr Antlitz, daß ich es nicht hätte sollen sehen können, wie sie glühte.
Gleich darauf erhob sie sich, und wir gingen zurück durch den Wald, durch das Gesträuche, wie wir gekommen waren.
An demselben Abend lud mich der alte Holzhändler ein, daß ich mich zu ihm auf das Fichtenbänklein setze. Als ich es getan hatte, sagte er, daß ich heute wohl nicht mehr fortgehen könne, da der Weg zu meinem Vaterhause lange durch unwirtliche Waldungen führe. Ich blickte ihn an, da fuhr er in den Sack, zog ein abgegriffenes Büchlein hervor und aus demselben eine Geldnote: „Da nimm, Waldbauernbub, ich laß deinen Vater grüßen; und ich laß mich bedanken, daß er mir so nachgewartet hat, bis ich’s jetzt zahlen kann. Ich hab’ ihm deswegen auch um zwölf Groschen mehr zugelegt.“
Ich getraute mich an demselben Abend bei dem Mahle kaum einen Bissen zu essen, und in der Nacht lag ich mäuschenstill neben dem Halter — ich war bezahlt, ich hatte kein Recht mehr, das Bettgewand zu strapazieren.
Am andern Tage stand ich gar zeitlich mit dem Halter auf und eilte meiner Heimat zu.
Es war auch schon die höchste Zeit; der Exekutionssoldat hatte im Kuhstalle und in der Butterkammer bereits schauderhaft gewirtschaftet. Nun erhielt er den Steuerbetrag und damit den Laufpaß.
Bei meinem Vater erntete ich nicht die Ehren, die ich für das Aufbringen des Geldes zu beanspruchen geglaubt hatte.
„Dalkerter Bub,“ sagte er, „jetzt gehst gleich und tragst dem Zaunreuter die zwölf Groschen wieder zurück!“
So lief ich denn. Im Walde traf ich wieder das Käthele. Es sah mich kaum an, es spielte mit den dürren Fichtenzapfen und hatte sein Gesicht dicht mit den Haaren verschleiert. Es hatte erfahren, daß ich nur des Geldes wegen so lange bei ihm in dem Wald geblieben war.
Als die hellen Nächte waren.
Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers.
Die Luft war dicht, und die Berge — auch die nahen — waren blau. Die Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau aufgesogen.
Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: „Wenn das schön Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du nicht auch dasselb’, Bübel?“
Leute, was läßt sich drauf sagen! „Der Knecht Markus ist ein alter Spintisierer“ — das läßt sich drauf sagen.
Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die Hände zusammen.
Dort hinter dem Waldrücken stieg ein riesiger Wirbel von rotem Rauch auf und verfinsterte den Himmel.
„Das kann ein Unglück geben!“ rief der Markus, langte nach einer Axt und eilte davon.
Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies.
An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das dürre Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwuchs begann, war die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie leicht hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu Ast mit flatternden Flügeln. Plötzlich entfaltet das Element seine wilde Gewalt, seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher und dichter, an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und die vor wenigen Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten Stämme sind harzig bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen Zungen lechzen und emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein Schlangengezücht, und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben zu entwickeln.
Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft, ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Hohl brüllend, blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges, nimmersattes Element! Es zehrt, solange es lebt, und lebt, solange es zehrt, es verzehrt die Welt und, wenn sie erreichbar, tausend Welten und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen als das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieger über alles dar, als den Herrscher in Ewigkeit.
Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die fürchterlichen Folgen, aber er jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die ruhige Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da eilte er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an alle Teile seines klebrigen Anzugs gelegt hatte. Nun war er gepanzert. Äste haute er ab, Bäume hieb er um — o Gott, das schlug nicht an. Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte.
Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren, den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite, dunkle Waldland.
Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin.
In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig, und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam eine zwitschernde Vogelschar, und die heimatlosen Tierchen schossen planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den Menschenwohnungen.
„Wie diesen Tieren geht’s uns allen!“ klagte ein Weib; „keine Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird — alles brennt, alles brennt! O Christi Heiland, es ist das Jüngste Gericht!“
Tagelang währte der Greuel.
Von unserm hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des Filnbaum und der Felsenleiten die Flammen still und langsam aufsteigen. Die ganze Gegend lag in einem trüben Schleier, und scharfer Brandgeruch stach in unsere Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß es oft schier dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad über uns, das der Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz vertilgen konnte. Es war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer allmählich gegen uns heranrückte; es stieg über die Höhen her, und es stieg in die Täler nieder, und es stieg endlich an unserm Berghange heran. Wir bedurften des Abends keines Kienspans mehr in der Stube, wir hatten vollauf Licht, denn zehn Minuten weit vom Hause brannte der schöne Kienwald.
Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren pflückte.
Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf das Dach gesetzt hatten.
In der fünften Nacht, als wir, in einer Ecke unserer ausgeräumten Stube kauernd, schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen geweckt, und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief: „Das ist schon recht! Das ist schon recht!“
Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes Gewässer dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es. Aber das Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserm Hause geworfen, und das war es, was dem alten Markus so recht schien. Die Flammen waren wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze Waldpartien und zündeten an neuen, entlegenen Stellen.
„’s ist vorbei, jetzt sind wir fertig!“ sagten die Leute, waren ratlos und taten den Mund auf. Ja wahrlich, es fielen gebratene Vögel aus der Luft. Etliche, als sie die kahlgebrannten Hänge sahen, gewannen sogar ihren Humor wieder und meinten, es müsse schon ein gar besonderes Fest kommen, daß sich gar die Berge rasierten.
Aschermittwoch, wie sich’s zeigte.
Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke — endlich aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte, frostige Nebel — es war die herbstliche Zeit.
So ist die Begebenheit hier erzählt. Der Brand unserer Wälder war so großartig, daß er nur mit den glühendsten Farben einer wilden Phantasie recht dargestellt werden könnte. Da mir diese nicht zur Hand sind, blieb nichts anderes übrig, als mit dem halbverblaßten Stifte der Erinnerung einfach zu skizzieren.
Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, und nach jedem Ende kommt ein Anfang.
Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von unsern Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst als der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte. Überall verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln, und darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. — Nun kamen die Leute und rodeten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie säeten Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut. Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen, als es das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten alle zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres Haupt auf die Achsel des andern legte, einzuheimsen. Ich erinnere mich noch an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: „Der Herr schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name sei gelobt!“ — Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der reichen Ernte den Zehent zu holen, und er hat recht getan.
Nach diesen Tagen war vom Filnbaumschlag bis zu unserm Hause heran Feld um Feld, und gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des verbrannten Waldes den Menschen Brot. Heute haben sich die Menschen verzogen, zerstreut oder sind gestorben, und neuerdings sproßt auf den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues, unendliches Leben webt darin — eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine helle Gottesmorgenfreude.
Aus der Eisenhämmerzeit.
Die vierziger Jahre hatten strenge Winter. Im März aber kam stets plötzlich der Föhn und schmolz den Schnee in wenigen Tagen. Wir freuten uns des wieder enthüllten Rasens, der alsbald zu grünen begann; aber damit war die leichtlebige, heitere Wintersrast dahin, und die wachsenden Tage brachten arbeitsschwere Zeit des Pfluges und der Egge, der Sichel und der Sense. Diese Zeit der blinkenden Werkzeuge hatte einst ein kleines Vorspiel.
Noch tief in der Nacht weckte mich an einem Frühlingsmorgen mein Vater und sagte, er gehe heute in das Mürztal. Wenn ich mitgehen wolle, so möge ich mich eilig zusammentun, aber die scharfbenagelten Winterschuhe anziehen, es sei der Weg noch eisig.
Sonst, wenn ich in früherer Stunde zur Alltäglichkeit geweckt wurde, bedurfte es allerlei Anstrengungen außer und in mir, bis ich die Augen zur Not aufbrachte, um sie doch wieder auf etliche Minuten zufallen zu lassen, denn meine alte Ahne war der Meinung, ein allzurasches Aus-dem-Schlaf-springen mache Kopfweh. Heute war ich mit einem Ruck munter, denn ins Mürztal mitgehen, das war in meiner Kindheit das Herrlichste, was mir passieren konnte. Wir waren bald reisefertig, der Vater nahm seinen großen Stock, ich meinen kleinen; die Laterne nahmen wir nicht, weil es sternhell war — und so gingen wir davon. Die erste halbe Stunde war es wie allemal, wenn ich früh morgens mit dem Vater ging, wir schwiegen still und beteten während des Gehens jeder für sich das Morgengebet. Wir hatten wohl so ziemlich das gleiche, aber ich wurde immer ein gut Teil früher fertig als er und mußte mich dann still gedulden, bis er den Hut aufsetzte und sich räusperte. Das war das Zeichen, daß ich ein Gespräch beginnen durfte, denn ich war fortwährend
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