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die allerschönsten zum Präparieren bestimmt wurden. Ein wahrhaft herzzerreißender Anblick bot sich mir, als ich am Nachmittag des 24. März von Rudersberg nach dem nur 10 Minuten entfernten Oberndorf ging. Zu seiten der Fahrstraße ziehen sich hier kleine Abzugsgräben hin, und in diesen wimmelte es buchstäblich von halbverhungerten Vögeln. Auf Schritt und Tritt scheuchte man sie auf, wobei die noch kräftigeren auf den nächsten Baum flatterten, die schwächeren aber gleichgültig sitzen blieben und sich fast mit Händen greifen ließen. Hauptsächlich handelte es sich um Stare, Drosseln, Rotkehlchen, Goldammern und Bergfinken, aber auch einige Heckenbraunellen waren dazwischen. Es war ein wahrer Jammer! Natürlich hatten die Hauskatzen und die zahlreichen Fixköter gute Zeit und schwelgten in Mordlust und Vogelbraten, und auch die Krähen fanden einen gedeckten Tisch. Bedenkt man, daß doch nur ein ganz geringer Prozentsatz der umgekommenen Vögel auch aufgefunden und von diesen wiederum nur ein geringer Teil mir eingeliefert wurde, so müssen die Verheerungen, die dieser verhängnisvolle Wettersturz dem Bestand bestimmter Arten zugefügt hat, als ganz entsetzlich bezeichnet werden, was namentlich von den lieblichen Rotkehlchen und Bachstelzen gilt. Sehr arg mitgenommen wurden die Buchfinken: stellenweise lag ein Dutzend Leichen beisammen, und alle hatten Kropf und Magen völlig leer bei stark abgemagertem Körper. Seltsam aber muß es erscheinen, daß ebenso stark auch die Bergfinken litten, die man als ausgesprochene Nordländer eigentlich für härter hätte halten sollen. Den ganzen Winter über war diese Vogelart nur in mäßiger Zahl vertreten gewesen, aber zur Zeit der Wetterkatastrophe war sie plötzlich in Unmassen da. Allem Anschein nach ist ein riesiges Bergfinkenheer durch das westliche Deutschland auf der Rückkehr nach seiner nordischen Heimat begriffen gewesen, als es von dem Unwetter überrascht wurde und sich unter dessen grausamem Druck in eine Anzahl kleinerer, aber noch immer sehr vielköpfiger Abteilungen zersplitterte. Hiermit stimmen auch die mir zugegangenen Meldungen aus anderen Teilen des Landes gut überein. Als Tauwetter eintrat, zogen die Trümmer des Bergfinkenheeres sofort weiter, nur Versprengte und Nachzügler blieben zurück. Noch weit über unser Neckarland hinaus hat sich die gleiche Erscheinung geltend gemacht, wie mir z. B. aus Westfalen berichtet wurde. — Ähnlich wie bei den Finken verhielt es sich bei den Drosseln, indem auch hier eine nordische Art, nämlich die Weindrossel, eine fast ebenso umfangreiche Verlustliste aufzuweisen hatte wie die Singdrossel. Diese Vögel bekunden merkwürdigerweise wenig Widerstandsfähigkeit. Seltener wurden Feld- und Heidelerchen aufgefunden, und Rauchschwalben, Wendehälse und Hausrotschwänzchen sowie Laubsänger waren während des Wettersturzes plötzlich verschwunden, haben also offenbar einen Rückzug angetreten. Schon am 22. März sah ich große Vogelscharen, anscheinend hauptsächlich Feldlerchen, das Wieslauftal abwärts nach Süden ziehen, um bei Schorndorf das Remstal zu erreichen und durch dieses dann den Anschluß an das Neckartal zu gewinnen. Es war, als hätten diese flüchtenden Vögel eine Vorahnung von dem am nächsten Tage einsetzenden Schneesturm. Vom Neckartal strebten sie nach dem Bodenseegebiet, und wunderbar paßt hierzu ein Bericht meines damaligen Assistenten, Herrn Bernhoft-Osa, den ich zu gleicher Zeit in Langenargen am Bodensee stationiert hatte. Während die Zugverhältnisse dort im allgemeinen enttäuschten, zog doch am 22. März ein ununterbrochener Schwarm von Kleinvögeln längs der Küste, und mitten im Dorf suchten sich nicht nur solche Singvögel, sondern auch Bekassinen, Kiebitze und Rotschenkel ihre Nahrung. Am 24. war dieser flüchtende Rückzug beendigt, und man fand viele matte und umgekommene Vögel. Die Zugrichtung war nach Westen, ging also nach dem Rheinknie bei Basel, von wo dann längs des Jura die bekannte große Zugstraße nach dem Rhonetal führt. In großartiger Weise werden diese Mitteilungen weiter ergänzt durch einen Bericht aus Basel, wo am 24. März ein Massenrückzug beobachtet wurde, der sich gleichfalls Hals über Kopf und ausgesprochen fluchtartig vollzog. Die Vogelmengen waren so groß, wie sie selbst an dem Vogelzugsknotenpunkt Basel bisher nie beobachtet wurden. Sogar ausgesprochene Nichtwanderer, wie Amseln, hatten sich der allgemeinen Flucht angeschlossen, woraus wieder einmal hervorgeht, wie fortreißend das Beispiel in der Vogelwelt wirkt, die ja sehr auf Nachahmung eingestellt ist. Die sonst gewahrte Zugsordnung wurde bei der Hast dieser Flucht völlig außer acht gelassen, und alle eilten stumm dahin, ohne daß die sonst üblichen Lockrufe hörbar wurden. In langen, oft viele hundert Meter messenden Ketten und in umfangreichen Wolken, die von einer Unmenge regellos flüchtender Einzelreisender durchflogen und begleitet waren, enteilten die sonst so daseinsfrohen Sänger der dem Winter zurückgegebenen Heimat. Ein Zug folgte ununterbrochen dem andern, und so weit der Blick in die Ferne reichte, war überall dieses außergewöhnliche und großartige Schauspiel festzustellen. Unzählige Flüchtlinge werden unterwegs zugrunde gegangen sein, da sie mit leerem Magen die Reise antreten mußten. Die Zusammenstellung Welzheimer Wald-Bodensee-Basel deckt nicht nur in interessanter Weise den Verlauf einer wichtigen südwestdeutschen Zugstraße auf, sondern sie beweist vor allem schlagend, daß es in der Tat im Frühjahr unter besonderen Verhältnissen zu großen Rückzügen der schon eingetroffenen Zugvögel kommen kann, eine Tatsache, die bisher von manchen Vogelforschern lebhaft bestritten wurde. Zugleich sehen wir, daß solche Rückzüge einen wesentlich anderen Charakter tragen als die regelrechten Wanderungen.
Aufnahme]
Warum vertrauten sich nun aber nicht auch die Buchfinken, die Mehrzahl der Rotkehlchen usw. der Kraft ihrer Schwingen an, sondern harrten lieber aus, um teilweise elend zu verhungern? Diese Frage ist schwer zu beantworten, aber vielleicht kommt man der Lösung des Rätsels näher, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich bei den ausharrenden Arten um solche handelt, die zu den frühesten Ankömmlingen zählen und deren Zugzeit schon beendigt, deren Zuginstinkt also bereits im Erlöschen begriffen war, bei den zurückziehenden dagegen um solche, die eben erst eingetroffen waren oder noch weiter ziehen wollten, die also noch von lebhaftem Zugtrieb besessen waren und bei denen die Wetterkatastrophe mitten in die gewohnte Zugzeit hineinfiel. Daß Bergfinken und Weindrosseln zwar nicht weiter nach Norden zogen, aber auch nicht nach Süden, sondern bei der Raststation dem Winter trotzen wollten, ist wohl auf ihren besonders lebhaften Drang nach Norden zu den noch weit entfernten heimischen Brutgefilden zurückzuführen.
Nicht nur die Launen des Wetters und die Grausamkeit der Natur bedrohen den Vogel auf seiner weiten Reise mit unzähligen +Gefahren+, sondern vor allem auch der Erzfeind alles Tierlebens, der unersättliche Mensch. Auf Schritt und Tritt umlauert die gefiederten Reisenden der Tod, auf jeder Haltestelle erwartet sie dräuendes Verderben. Schon in Mitteleuropa locken stellenweise noch immer die verführerischen roten Ebereschenbeeren neben den tückischen Roßhaarschlingen, kracht die Schrotspritze des Jägers an der von Ebereschen eingerahmten Landstraße, denen man absichtlich ihren Beerenschmuck noch beließ, sind die Disteln auf den kahl gewordenen Feldflächen mit Leimruten besteckt, geraten die Tauchenten an der Küste und auf Seen in die unter dem Wasser errichteten Netze der Fischer, macht der Auchjäger rücksichtslos Dampf auf alles, was groß oder auffallend oder schön oder ungewöhnlich oder auch nur überhaupt ihm fremd ist. Jenseits der Alpenkette sitzt an den beflogensten Paßstraßen der mordgierige Italiener neben seinem übel berüchtigten Vogelherd, dessen Netze gleich Dutzende von Vögeln auf einmal decken, werden die fröhlichen Sänger korbweise in gerupftem Zustand zu Markt gebracht. In allen Mittelmeerländern, die ja so arm sind an Wald und Wild, ist die Vogeljagd der beliebteste Sport, und an allen Ecken und Enden, wo überhaupt nur ein armseliges Vögelchen sich blicken läßt, knattern die Flinten. An den Küsten von Neapel, Sizilien, Dalmatien, Südfrankreich, Spanien, Nordafrika und Syrien steigert sich dies Gewehrfeuer namentlich beim Eintreffen der großen Wachtel-, Schnepfen-, Lerchen- und Turteltaubenzüge derart, daß man glaubt, einem lebhaften Gefecht beizuwohnen, und sogar weit ins Meer hinaus fahren zahllose Boote, angefüllt mit schießlustigen Jägern, den armen Wanderern entgegen. Am Strande selbst sind auf viele Meilen lange Strecken hin große Doppelnetze ausgespannt, in denen sich die ermüdeten Vögel verfangen, und was auch hier noch durchkam, wird von der hoffnungsvollen Jugend mit sicher gezielten Steinwürfen und rohen Knüppelhieben zur Strecke gebracht. Die afrikanischen Winterquartiere selbst bergen neue Gefahren in Gestalt unbekannter Raubtiere und Schlangen, und der Pfeil des Buschmanns oder Negers bringt manchem größeren Vogel den Tod. Wohl locken Massen von hüpfenden Heuschrecken zu leckerem Schmause, aber diese Mahlzeit ist oft zugleich die letzte, denn sie birgt qualvollen Tod, wenn die Heuschreckenschwärme vom Menschen mit Arsenik vergiftet wurden, wie es jetzt zur wirksamen Bekämpfung der Heuschreckenplagen fast überall geschieht. In den Kulturländern verunglücken unzählige Wandervögel an den die ganze Landschaft überspinnenden Telegraphendrähten oder rennen sich an den Scheiben der verwirrend durch die finstere Nacht blitzenden Leuchttürme den Schädel ein. Wahrlich, vergegenwärtigt man sich das alles, so kann man sich eigentlich nur darüber wundern, daß überhaupt noch so viele Vögel im Frühjahr in die alte Brutheimat zurückkehren.
Über +Höhe+ und Schnelligkeit +des Vogelzuges+ hat man sich früher sehr übertriebenen Vorstellungen hingegeben. Astronomen wollen bei Fernrohrbeobachtungen vor der Sonnenscheibe oder vor dem Monde ziehende Vögel gesehen haben, die sich mindestens in einer Entfernung von einer geographischen Meile von der Erdoberfläche befanden. Ich halte alle solche Beobachtungen aus den gleich zu entwickelnden Gründen für optische oder sonstige Selbsttäuschungen. Namentlich hat Gätke mit großem Nachdruck die Meinung verfochten, daß der eigentliche Vogelzug sich in unermeßlichen Lufthöhen vollziehe, so daß wir Menschen fast nichts von ihm gewahr werden. Hier ist die Einbildungskraft des Künstlers (Gätke war von Beruf Maler) offenbar mit der nüchternen Beobachtungsgabe des Naturforschers durchgegangen. Seine Schilderungen von dem in Höhen von 10–12000 Meter sich mit rasender Geschwindigkeit vollziehenden Vogelzug lesen sich in ihrer dichterischen Verklärung wunderschön, aber der Wahrheit entsprechen sie nicht. Wenn wir uns vergegenwärtigen, welch dünne Luft und welch eisige Kälte in solchen Höhen herrschen, dann werden wir von vornherein sehr daran zweifeln, daß selbst die fluggewandtesten Vögel unter solchen Umständen die gewaltige Arbeit des Wanderfluges leisten können. Als Paradestück wird ja immer der Kondor angeführt, den Alexander v. Humboldt hoch über dem Gipfel des Chimborasso kreisen sah, aber dabei vergißt man eben, daß der Kondor ein ausgesprochener Hochgebirgsvogel und den Verhältnissen in den höheren Luftschichten besonders angepaßt ist. In neuerer Zeit hat das Experiment ziemliche Klarheit in diese Frage gebracht. So hat der französische Physiologe Paul Bert Vögel unter die Luftpumpe gesetzt, um zu sehen, inwieweit sie sich der Verminderung des Luftdruckes, wie sie in großer Höhe zutage tritt, anzupassen verstehen bzw. ihr gewachsen sind. Es stellte sich heraus, daß z. B. Sperlinge bei einem Luftdruck von 388 Millimeter, der einer Höhe von 5000 Meter entspricht, bereits Erbrechen bekamen. Bei 7500 Meter waren sie sehr matt und bei 9800 Meter, d. i. 203 Millimeter Luftdruck, lagen sie im Sterben. Bei Lachmöwen setzte das Erbrechen ein bei 348 Millimeter Luftdruck = 5800 Meter. Bei 6450 Meter wurden die Möwen bereits taumelig, bei 9800 Meter schlossen sie erschöpft die Augen, und bei 10400 Meter waren sie dem Tode nahe. Sogar ein Turmfalke, also einer der gewandtesten Flieger, erbrach bei einem Luftdruck, der einer Höhe von 7500 Meter entsprach, war bei 9800 Meter völlig erschöpft und wäre bei 10800 Meter verendet, wenn nicht die Luftpumpe im letzten Augenblick wieder geöffnet worden wäre. Der Versuch zeigt auch, daß das Verhalten verschiedener Vogelarten gegenüber vermindertem Luftdruck nicht allzu abweichend ist, und daß eine Höhe von mehr als 10000 Meter von keinem Vogel erreicht werden kann. Schon eine Höhe von 5–7000 Meter ruft Störungen im Befinden der Vögel hervor. — Nun kommt aber zu der Luftverdünnung in großer Höhe noch eine sehr rasche Temperaturabnahme hinzu, und auch diese wurde von Bert in ihrer Einwirkung auf den Vogel durch Versuche nachgeprüft. Es zeigte sich, daß die Temperaturabnahme die Widerstandsfähigkeit des Vogels gegen verminderten Luftdruck stark herabsetzt. Das ließ sich schon bei einem Temperaturunterschied von plus 6,5 und minus 4 Grad Celsius nachweisen, und wenn wir nun bedenken, daß über Europa in 3000 Meter Höhe eine Mitteltemperatur von minus 7 Grad herrscht, bei 4000 Meter eine solche von minus 13 Grad und bei 5000 Meter gar von minus 18 Grad, so kann man sich leicht vorstellen, wie ungemütlich dem Vogel in solcher Höhe zumute sein muß. Dazu kommt als weiteres erschwerendes Moment die Arbeitsleistung des Vogels während des Fluges. Von Fliegern und Ballonfahrern wissen wir, daß jede körperliche Anstrengung unter geringem Luftdruck unmöglich wird: bei 10000 Meter gelingt es kaum noch, die Hand zum Ventil zu erheben, und die allergrößte Tatkraft ist nötig, um auch nur die einfachste Bewegung auszuführen. Wie soll nun da ein Vogel in solchen Höhen seine großen Brustmuskeln beim Fluge in ständiger anstrengender Tätigkeit erhalten können? Die Vögel sind also keineswegs die unbeschränkten freien Segler der Lüfte und Beherrscher des freien Raumes, wie sie sich unsere Einbildungskraft gerne vorstellt. Ein Vogelzug in so hohen Lagen, wie Gätke sie angab, ist schon aus rein physischen Gründen unmöglich.
Gätke hat aber auch bei seinen Entfernungsschätzungen fliegender Vögel aus mangelnder Schulung sehr stark geirrt, wenn er z. B. einen noch als winziges Staubkörnchen über Helgoland sichtbaren Sperber in 3000 Meter Höhe fliegen läßt oder einen als Punkt im Wolkenmeer verschwimmenden Mäusebussard auf 3600 Meter, Kraniche unter gleicher Bedingung gar auf 4500–6000 Meter. Hier hat F. v. Lucanus, der als Offizier selbst viele Ballonfahrten mitgemacht hat, gleichfalls durch unanfechtbare Versuche die Unhaltbarkeit der Gätkeschen Ansicht bewiesen. Lucanus verfuhr so, daß er in fliegender Stellung ausgestopfte Vögel von einem Ballon mit hochnehmen ließ, wobei die Vögel an einer 10 Meter langen Schnur unter dem Ballon aufgehängt wurden. Auf dem Erdboden stand ein scharfsichtiger Beobachter und gab an, wenn die Flugbilder der einzelnen Vögel gerade noch als solche sichtbar waren, wenn sie nur noch als Punkt erschienen und wenn sie dem Auge vollständig entschwanden. Der Ballon war mit Einrichtungen versehen, um in diesen Augenblicken die Höhe genau feststellen zu können. Das Flugbild des Sperbers war auf diese Weise bei 250 Meter noch deutlich sichtbar, bei 650 Meter erschien es als Punkt und schon bei 850 Meter war die Sichtbarkeitsgrenze erreicht, während Gätke beim sichtbaren Sperber 3000 Meter Höhe annahm. Ähnlich verhielt es sich bei der Saatkrähe (Sichtbarkeitsgrenze 1000 Meter, als Punkt erkennbar 800 Meter, als Flugbild erkennbar 300 Meter) und bei allen anderen geprüften Vögeln. Ferner wissen wir aus den Angaben von Ballonfahrern und Fliegern, daß sie in großer Höhe, insbesondere über der Wolkendecke, so gut wie niemals Vögel angetroffen haben, sondern stets nur in sehr mäßiger Höhe unter der Wolkendecke. Auch diese Erscheinung hat Lucanus nachgeprüft, indem er Vögel von Ballonfahrern möglichst hoch, jedenfalls über die Wolkendecke, mitnehmen ließ. Dort ließ man sie fliegen, und es zeigte sich, daß sie zunächst planlos herumirrten und den Ballon aufgeregt und verschüchtert umflogen. Wenn dann aber ein Loch in die Wolkendecke gerissen wurde, so daß unter ihr die Erdoberfläche zum Vorschein kam, dann stürzten sich die Vögel sofort durch dieses Wolkenloch erdabwärts, wo sie die Umgebung sehen konnten. Da die Vögel oder wenigstens die Tagwanderer auf ihrem Zug hauptsächlich vom Gesicht geleitet werden, so liegt es ja auf der Hand, daß sie die Erdoberfläche möglichst gut überschauen wollen, daß es also für sie nicht den geringsten Vorteil hätte, sondern nur von großem Nachteil wäre, wenn sie die Wolkendecke übersteigen und sich dadurch jeder Aussicht nach unten berauben würden.
Im großen und ganzen wird man sagen dürfen, daß ziehende Vögel eine Höhe von 1000 Meter nur selten überschreiten, und daß die Höchstgrenze schon bei 2000 Meter liegt. Gewöhnlich vollzieht sich der Zug in einer Höhe von nur wenigen hundert Metern, und ganz besonders niedrig, sogar unter 100 Meter und selbst auf Schrotschußentfernung geht er bei trübem, verschleiertem und diesigem Wetter herab, weil dieses das Sehen auf größere Entfernung behindert und der Vogel das Landschaftsbild unbedingt überblicken will und muß. Die über die Kurische Nehrung ziehenden Vögel fliegen dann das Dünen- und Kupsengelände mit all seinen Hebungen und Senkungen ganz gewissenhaft aus. Senken sich die Wolken tiefer, so geht auch der Vogelzug sofort weiter zur Erde herab, wie ich dies unzähligemal beobachten konnte. Am höchsten fliegen die Vögel jedenfalls bei wolkenlosem und klarem Wetter, namentlich wenn dabei in den höheren Luftschichten eine für sie günstige Windrichtung herrscht. Treffend sagt Lucanus: „Nicht in unermeßlichen Höhen, wo Sauerstoffmangel, niedriger Luftdruck, gewaltige Windstärke und eisige Kälte jedem Lebewesen den Aufenthalt unmöglich machen, liegen die Zugwege der Vögel, sondern unweit der Erde, an welche die Vögel trotz ihres Flugvermögens ebenso gefesselt sind, wie alle anderen Lebewesen.“
Ebenso arg wie bei der Zughöhe hat Gätke in seinem schönen Buch „Die Vogelwarte Helgoland“ bei der +Zugschnelligkeit+ daneben geschossen. Er stützte sich dabei vor allem auf seine Erfahrungen mit dem Rotsternigen Blaukehlchen, das an gewissen Frühlingsmorgen plötzlich zu Hunderten in Helgoland herumzuwimmeln pflegt. Da nun in Ägypten viele Vögel dieser Art überwintern, sie aber auf dem Durchzug auf dem europäischen Festlande nur wenig beobachtet werden, nahm Gätke etwas willkürlich an, daß diese kleinen Vögelchen, die durchaus nicht zu den hervorragenden Fliegern gehören, in einer einzigen neunstündigen Frühlingsnacht die ganze ungeheure Strecke von Ägypten bis Helgoland zurücklegen, da die rote Felsinsel offenbar ihre erste regelmäßige Raststation sei; das wären also fast 3000 Kilometer Luftlinie innerhalb 9 Stunden, wozu eine Fluggeschwindigkeit von 91,5 Sekundenmetern erforderlich wäre, etwa viermal soviel wie bei einem Schnellzug. Das klang allerdings ganz unglaublich und märchenhaft und mußte Zweifel an der Richtigkeit der Gätkeschen Berechnung hervorrufen, zumal man wußte, daß bei einem großen Wettflug von Berlin nach Köln die schnellste Brieftaube immerhin 5 Stunden und 27 Minuten zur Bewältigung der 474 Kilometer langen Flugstrecke nötig hatte, also in der Minute nur 1445 Meter zurücklegte. Aber ein Gegenbeweis fehlte zunächst. Ich konnte ihn auf meiner Marokkoreise erbringen, indem ich feststellte, daß auch an der Westküste Marokkos massenhaft Blaukehlchen durchziehen, und daß diese mit den Helgoländern identisch sind, nicht aber die am Nil überwinternden. Dieser Beweis ließ sich lückenlos gestalten, weil wir in Skandinavien zwei verschiedene und gut zu unterscheidende Blaukehlchenrassen haben, nämlich eine östlich-schwedische (~Erithacus svecicus svecicus~) und eine westlich-norwegische (~Erithacus svecicus gaetkei~). Nur jene finden wir im Winter am Nil, während die Norweger über Helgoland, Holland, Frankreich und Spanien nach Nordwestafrika ziehen. Da also die Ägypter unmöglich mit den Helgoländern identisch sein können, bricht Gätkes kühne Hypothese von der wunderbaren Flugleistung der Blaukehlchen vollständig in sich zusammen. Seine Auffassung von der fabelhaften Fluggeschwindigkeit der Zugvögel ist dann aber später auch durch genaue Beobachtungen und Messungen widerlegt worden. So ermittelte J. Thienemann, der auf der kahlen Kurischen Nehrung die beste Gelegenheit dazu hatte, die Zeiträume, die die beobachteten Zugvögel nötig hatten, um eine gut zu überblickende Nehrungsstrecke von 500 Meter zu überfliegen, und stellte daraufhin für einige Vogelarten weitere Berechnungen an. Es ergab sich dabei für Nebelkrähen, die ja ziemlich schwerfällige Flieger sind, eine durchschnittliche Eigengeschwindigkeit von 13,9 Sekundenmetern, was also für die Minute 834 Meter und für die Stunde 50,04 Kilometer ausmachen würde. Bei Dohlen stellten sich diese Zahlen mit 17,1 Sekundenmeter, 1062–1236 Meter, sowie 61,56–74,16 Kilometer schon erheblich höher. Stare brachten es gar auf 74,16 Kilometer und selbst Kreuzschnäbel auf 59,76 Kilometer in der Stunde, während für den Wanderfalken auch nur 59,22 Kilometer angegeben werden, für den Sperber sogar nur 41,4 Kilometer, wobei ich aber fast an einen Beobachtungsfehler glauben möchte. Die Thienemannschen Tabellen kranken allerdings für ihre Auswertung daran, daß sie gerade für die besten Flieger wie Segler, Schwalben und Regenpfeifer keinerlei Daten enthalten. Man würde zwar bei solchen Vogelarten aller Wahrscheinlichkeit nach auf erheblich höhere Zahlen kommen, aber so viel steht doch heute schon fest, daß die Stundengeschwindigkeit der Zugvögel über 90 oder höchstens 100 Kilometer kaum jemals hinausgeht, also im Durchschnitt bestenfalls die eines guten Schnellzugs nur ausnahmsweise überschreitet, sehr häufig aber stark hinter ihr zurückbleibt. Man kann sich davon oft vom Fenster des Eisenbahnwagens aus überzeugen, wenn z. B. ziehende Krähen parallel zum dahinbrausenden Schnellzug fliegen: sie werden bald überholt. Auch vom Kraftwagen aus, dessen Geschwindigkeit man ja jederzeit ablesen kann, lassen sich mitunter sehr lehrreiche Beobachtungen über die Schnelligkeit, fast hätte ich gesagt Langsamkeit des Vogelzuges machen. Bei alledem ist freilich fest im Auge zu behalten, daß es sich nur um Flugleistungen eben beim regelrechten Zug handelt, der stundenlang ununterbrochen andauert, denn in Einzelfällen und für kürzere Zeit können die Vögel auch sehr viel höhere Geschwindigkeiten entwickeln, so etwa beim blitzschnellen Stoßen eines Wanderfalken nach seiner Beute.
Der amerikanische Goldregenpfeifer zieht von Alaska über die Aleuten nach Honolulu; muß also eine ungeheure Strecke über das offene Meer fliegen. Dieselbe Vogelart zieht von Labrador über den Atlantik bis in die Pampas von Argentinien und kehrt dann im Frühjahr durch das Mississippital zurück]
Manche skandinavische Vögel dehnen ihre Wanderung bis ins südafrikanische Steppengebiet aus. Ebendort endet auch die westliche Zugstraße des Storches, nachdem sie einen großen Umweg beschrieben hat]
Wir dürfen uns den Vogelzug und namentlich den Herbstzug keineswegs so vorstellen, als ob die Vögel mit Aufgebot aller Kräfte jählings durch die Lüfte stürmten, um ihr Endziel so rasch wie möglich zu erreichen. Er gleicht vielmehr einem ganz gemütlichen Bummeln, bei dem man sich weder überanstrengt, noch übereilt. Weder wird der Flug bis zur Grenze des Möglichen beschleunigt, noch wird er bis zur Erschöpfung ausgedehnt. Es ist ja für gewöhnlich auch gar kein besonderer Grund zur Eile vorhanden, denn der Aufbruch erfolgte so frühzeitig, daß auf den zahlreichen Raststationen überall noch Futter in Hülle und Fülle vorhanden ist, das gefiederte Völkchen also durch die Ernährungsfrage kaum in Schwierigkeiten geraten kann. Sagt ihm eine Raststation aus irgendwelchen Gründen besonders zu und bietet sie einen recht reichlich und gut gedeckten Tisch, so bleibt es tage- und wochenlang dort, freut sich ungestört seines lustigen Wanderlebens und läßt sich’s gut sein, bis endlich die ersten ernstlichen Nachtfröste zur Weiterreise mahnen und ein etwas beschleunigteres Tempo erzwingen. Widrige Winde, Stürme und Nebel verursachen auch unfreiwillige Anstauungen und Ruhepausen, die dann besonders im Frühjahr durch größere Eile einigermaßen wieder ausgeglichen werden müssen. Die Tagwanderer brechen in der Regel gleich nach Sonnenaufgang auf und fliegen bis gegen Mittag, worauf sie an einem geeigneten Platze haltmachen, um den Nachmittag zur Nahrungssuche und die Nacht zum Ausruhen und Schlafen zu verwenden. Die Nachtwanderer beginnen ihre Reise in der Abenddämmerung und beenden sie beim ersten Morgengrauen, fressen und rasten also umgekehrt am Tage. Zu jenen gehören z. B. Kraniche, Störche, Gänse, Raubvögel, Finken, Segler, Schwalben und Wachteln, zu diesen Reiher, Eulen, Schnepfen, Erdsänger, Rotschwänzchen, Grasmücken, Drosseln, Rohrsänger, Rallen und Taucher, und im allgemeinen kann man sagen, daß die Tagwanderer geselliger ziehen als die nächtlichen Reisenden. Jeder aufmerksame Jäger weiß ja, daß der Schnepfenzug erst nach dem Aufgang des Abendsterns einsetzt, und daß die Drosseln bei Tagesanbruch hungrig im Dohnenstieg einfallen. Es wird nur sehr wenige Vogelarten geben, die bei der Wanderung länger als 6–8 Stunden in der Luft bleiben, aber viele, die sich die Sache noch bequemer machen und sich, wenigstens im Herbst, mit etwa 4 Stunden täglicher Flugleistung begnügen. So beschränkt sich der Storch, dessen Zugverhältnisse ja besonders gut erforscht sind, auf eine tägliche Durchschnittsleistung von etwa 200 Kilometer, wozu er, wenn wir seine Fluggeschwindigkeit mit nur 50 Kilometer in der Stunde annehmen, höchstens 4 Stunden gebrauchen würde. Zu seinem ganzen Bummel von Norddeutschland bis Südafrika benötigt er rund 80 Tage. Zweifellos könnte Freund Adebar auch viel schneller reisen, wenn er nur wollte, aber er verspürt gar keine Lust dazu, denn er ist ein bequemer Herr und durchaus kein Freund überflüssiger Anstrengungen, und schließlich schmecken die fetten Frösche am Nil ebenso gut wie die dürren Heuschrecken im Burenlande. Der Frühlingszug spielt sich allerdings bedeutend rascher und hastiger ab als der Herbstzug, denn dann werden die Vögel von der süßen Peitsche des Paarungstriebes unablässig und unwiderstehlich vorwärts getrieben. Der Storch macht dann seinen Rückweg in nur 25 Tagen, muß also täglich mindestens 400–500 Kilometer bewältigen, das Doppelte wie im Herbst.
Der ostsibirische Regenpfeifer ist wohl der allergrößte Wanderer, denn er zieht über Japan, die Südsee, Australien, z. T. bis Neuseeland!]
Schlechte Flieger müssen sich freilich auch schon bei geringen Entfernungen gewaltig anstrengen und kommen deshalb in oft stark erschöpftem Zustande an den jeweiligen Rastplätzen an. An der marokkanischen Küste konnte ich mehrfach die Ankunft großer Wachtelzüge beobachten. Man merkte den Vögeln, die ganz niedrig und mit hastigen Schlägen der kurzen Flügel über das ruhige Meer strichen, die Übermüdung schon von weitem an. Am Strande angelangt, fielen sie wie Steine aus der Luft herunter und blieben eine ganze Weile unbeweglich liegen, eine leichte Beute für die sich bald ansammelnden Araberjungen. Stücke, die ich abbalgte, hatten eine von der Überanstrengung ganz entzündete Brustmuskulatur. Wer dächte da nicht an den biblischen Wachtelregen im Lager der Kinder Israels? Als sich die Vögel endlich von ihrer Betäubung etwas erholt hatten, suchten sie bessere Deckung weiter landeinwärts, aber nur laufend, nicht fliegend. Auch bei ziehenden Wasserhühnern und Tauchern versagen manchmal die überanstrengten Brustmuskeln den Dienst, und die Vögel suchen dann in den sonderbarsten Schlupfwinkeln eine augenblickliche Zuflucht.
Dies bringt uns auf die Frage, ob nicht vielleicht schwache Flieger, die aber hervorragende Läufer oder gute Schwimmer sind, wenigstens einen Teil ihres Reiseweges +laufend oder schwimmend+ zurücklegen. Für hochnordische Entenarten und andere Schwimmvögel, die nur langsam und zögernd vor dem andrängenden Eise gen Süden weichen, ist das Schwimmen wohl ohne weiteres zu bejahen. Erst wenn sie durch allzu ungute Verhältnisse gezwungen werden, die noch offenen Binnengewässer aufzusuchen, nehmen sie in größerem Maßstab zum Flugvermögen ihre Zuflucht und verstreichen dann vielleicht in einem Tag von der deutschen Küste bis zum Boden- oder Züricher See. Ich habe aber zur Zugzeit auf den schlesischen Teichplatten auch Sumpfhühnchen beobachtet, die schnurstracks von einem Teich zum andern liefen und dann über die Wasserblänken in der Zugrichtung eilig davonschwammen, obwohl sie sich doch sonst tagsüber möglichst verborgen halten und eigentlich zu den Nachtwanderern gehören. Es erscheint mir deshalb durchaus nicht ausgeschlossen, daß solche Vögel, namentlich wenn sie es eilig haben und vom Fluge schon etwas übermüdet sind, gelegentlich auch ihre flinken Beine und ihr Schwimmvermögen zu Hilfe nehmen. So ausgezeichnete Beobachter wie die beiden Brehms haben diese Ansicht sehr nachdrücklich vertreten. Natürlich kann es sich dabei immer nur um räumlich geringe Teilstrecken des großen Gesamtweges handeln.
Die „Stationen“ des Vogelzuges wurden schon kurz erwähnt, und es ist nötig, auch diesen Begriff einer etwas näheren Betrachtung zu unterziehen. Wir müssen verschiedene Arten von Stationen unterscheiden, nämlich +Sammel+-, Rast- oder Futter- und Paarungsstationen. Die ersten kennt jeder Spaziergänger, denn wer hätte nicht schon im Hochsommer ganze Perlenschnüre von Schwalben auf dem Telegraphendrahte sitzen sehen oder Massen von ihnen auf den Kirchendächern, von wo aus sie dann Übungsflüge unternehmen, um aber immer wieder zu ihren Sammelplätzen zurückzukehren, bis dann endlich eines schönen Tages die ganze Schar plötzlich verschwunden ist? Ebenso auffallend sind förmliche Wolken von Staren, die sich im Herbst über die Fluren wälzen und dann zum Übernachten im Schilf und Röhricht eines großen Teiches einfallen, auch wenn sie weit danach fliegen müssen. Unendliches Stimmengewirr und Geschwätz ertönt dann an einem solchen Platze, wo ein Starenschwarm nach dem andern aus weiter Umgegend anlangt, erst einige elegante Schwenkungen vollführt, die wie Schwadronsschwenkungen eines wohlgeübten Reiterregiments aussehen, um dann endlich einzufallen, von den schon vorhandenen Kameraden mit lautem Geschrei empfangen. Und noch bis zum völligen Eintritt der Dunkelheit setzt sich dieser Lärm fort, hier und da auch in Zank um die besten Schlafplätze ausartend. Bachstelzen und Rauchschwalben finden sich oft an den gleichen Örtlichkeiten ein, gleichfalls zu großen Massen sich zusammenballend, aber mit den Staren im allgemeinen gute Freundschaft haltend. Oft wachsen die Vogelmassen derart an, daß die Rohrstengel unter der Last umknicken. Die Krähen dagegen sammeln sich an bevorzugten Schlafplätzen auf den Wipfeln hoher Bäume in den stillsten Waldesteilen, und kommen hier gleichfalls truppweise aus der ganzen Umgegend zusammen. — Bekannt sind auch die großen Storchenansammlungen auf feuchten Wiesen, die mit fleißigen Flugübungen verbunden sind und die Anlaß gegeben haben zu dem noch immer von vielen Menschen geglaubten Märchen, daß die Störche bei dieser Gelegenheit auch eine Art Gerichtssitzung abhalten, wobei Schwächlinge, die den strengen Anforderungen des Zuges nicht gewachsen erscheinen, zum Tode verurteilt und von ihren Kameraden durch Schnabelhiebe ins Jenseits befördert werden, damit sie nicht unterwegs dem Ganzen durch Verzögerungen schaden.
Wie wir schon gesehen haben, fliegen die Vögel auf dem Zuge nur wenige Stunden und verwenden die andere Hälfte ihrer Zeit zur Nahrungssuche und zum Ausruhen. Dies geschieht an den sogenannten +Raststationen+, die mit großer Zähigkeit festgehalten und alljährlich immer wieder aufgesucht werden, falls sie nicht etwa durch Abholzungen, Trockenlegungen und dergleichen tiefgreifende Änderungen erlitten und dadurch an Anziehungskraft für die Vögel verloren haben. Das ist ja gerade das Wunderbare beim Vogelzug, daß er trotz seiner Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit durch so große Einfachheit und ständige Wiederholung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein sich auszeichnet. Das geht so weit, daß selbst der Einzelwanderer immer wieder dieselben Rastplätze aufsucht und ebenso seine Nachkommen, ohne daß wir sagen könnten, woher diesen solche Kenntnis kommt. Ich ergriff einmal in einer verlassenen und zerfallenen Fischerhütte in der Dobrudscha zur Zeit des Frühlingszuges eine dort am Tage ausruhende Nachtschwalbe, und die Fischer erzählten mir daraufhin freiwillig, daß in jedem Jahr um die gleiche Zeit dort immer eine Nachtschwalbe anzutreffen sei. Selbst Seltlinge habe ich wiederholt vom gleichen Baume heruntergeschossen, wo es sich also im zweiten und dritten Falle doch nicht mehr um den gleichen Vogel handeln konnte. — Die Raststationen werden sich naturgemäß an solchen Örtlichkeiten befinden, die zugleich dem Vogel recht bequeme und reichliche Nahrung bieten, damit er in seinem erschöpften Zustand nicht lange herumzusuchen braucht. Solche Plätze werden meistens an Flußufern, Teichen oder ähnlichen Örtlichkeiten liegen, weil sich hier eben die Nahrung besonders reichlich vorfindet. Und hier erscheint für den Beobachter große Vorsicht geboten, denn wenn er große Vogelscharen immer wieder an Flußläufen rastend findet, so kann er leicht zu der Meinung verleitet werden, daß die Vögel überhaupt an den Flüssen entlang ziehen, also sogenannte fluviatile Wanderer sind und das dazwischenliegende trockene Land nicht gern überfliegen. Manche der sogenannten Zugstraßen ist sicherlich auf dieser falschen Auslegung aufgebaut. Gerade bei uns in Mitteleuropa treffen ja die nordöstlichen Wanderer auf ihrem Zug gen Südwesten fortwährend auf Stromsysteme, die ihnen sehr willkommene und nahrungsreiche Rastgelegenheiten bieten. Aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß sie an dem Strome entlang ziehen. Freilich gibt es auch das und gar nicht selten, aber es muß erst durch weitere Umstände erhärtet werden. Nicht immer können die Vögel sich wirklich geeignete und gute Rastplätze aussuchen, sondern es gibt auf ihrem Wege auch Strecken, auf denen es an solchen völlig mangelt, und dann sind die Reisenden gezwungen, auch an den unbequemsten und widernatürlichsten Örtlichkeiten vorübergehende Zuflucht zu suchen, um sich nur wenigstens auszuruhen, wenn auch Schmalhans dabei Küchenmeister ist. So wurden bei meinem Frühlingsaufenthalt in der ungarischen Tiefebene Feldlerchen tagelang zu förmlichen Sumpfvögeln, Zaun- und Dorngrasmücken zu Wipfelbewohnern in den höchsten Pappeln und Eichen, Dompfaffen sogar zu Rohrvögeln. Am Kaspischen Meer traf ich kleine Grasmücken in der völlig kahlen, von Sturmwinden durchblasenen Mugansteppe, wo weit und breit kein Strauch zu sehen war, und in den Steppen Südmarokkos, die teilweise schon Wüstencharakter zeigen, wimmelte es eines Morgens in meinem Zeltlager von Schilf- und Binsenrohrsängern, die ganz vertraut in unsere Zelte schlüpften und von den Brosamen meines Frühstücks naschten.
Den Begriff der „+Paarungsstation+“ habe ich schon 1899 in die Wissenschaft einzuführen versucht, aber mein Vorschlag ist damals wenig beachtet worden, und doch gibt es zweifellos ganz ausgesprochene Paarungsstationen, und ich bin heute von der Sonderart dieser Stationen noch mehr überzeugt als früher, namentlich seitdem ich auch in der Dobrudscha diesbezügliche Beobachtungen anstellen konnte. Wer mit offenen Augen durch die Natur geht, der wird oft die Erfahrung machen, daß nordische Wandervögel auf ihrer Durchreise im Frühjahr längere Zeit, manchmal monatelang, an ihnen zusagenden Plätzen verweilen und sich daselbst ganz häuslich einzurichten beginnen. Sie sondern sich in Paare, führen ihre Liebesspiele auf und erkämpfen sich Reviere — kurz, sie gebärden sich ganz so, als ob sie brüten wollten, so daß auch der Forscher leicht zu der Annahme verleitet werden kann, sie seien in der betreffenden Gegend völlig heimisch. Aber plötzlich, zu schon sehr vorgerückter Jahreszeit, verschwinden sie doch und ziehen nun so schnell wie möglich ihren wahren Brutplätzen im Norden zu, wo sie dann sofort zum Nestbau und Eierlegen schreiten. Die von ihnen so lange belebte Gegend, in der sie alle Vorbereitungen zum Fortpflanzungsgeschäft trafen, war eben nichts als eine Paarungsstation. Diese werden hauptsächlich von solchen Arten gemacht, an deren nordischen Brutplätzen der Sommer so kurz ist, daß er ihnen nicht recht Zeit läßt für langwierige Balzspiele, für der Minne schmachtendes Hangen und Bangen. Jedenfalls darf die bisher arg vernachlässigte Wichtigkeit solcher Stationen, deren Vorhandensein kein aufmerksamer Beobachter leugnen wird, nicht unterschätzt werden. Aus individuellen Ursachen bleiben an solchen Paarungsstationen auch wohl vereinzelte Pärchen ausnahmsweise zurück und schreiten dann tatsächlich zur Fortpflanzung, weshalb die genaue Kenntnis der Paarungsstationen namentlich für den Faunisten von nicht geringem Wert sein dürfte. Hierher gehört z. B. das vereinzelte Brüten von Weindrosseln, Leinzeisigen, Bergfinken und Rauhfußbussarden in Norddeutschland. Da solche Beispiele Nachahmung finden können, so vermögen die Paarungsstationen wesentlich zur Erweiterung der Verbreitungsgrenzen einer Art beizutragen. Ich erinnere in dieser Beziehung an das regelmäßige Brutvorkommen des hochnordischen Zwergsägers in der Dobrudscha und der Sammetente auf transkaukasischen Seen. In beiden Fällen fehlen verbindende Zwischenbrutplätze völlig. Nach meinen Erfahrungen ist z. B. die Kurische Nehrung Paarungsstation für Regenbrachvogel, Eisente und Leinzeisig, die Dobrudscha für den Dünnschnäbeligen Brachvogel und den Rotkehlpieper, das Alföld für den Krammetsvogel. Wie leicht man durch solche Paarungsstationen getäuscht werden kann, geht daraus hervor, daß frühere Forscher übereinstimmend glaubten, Rotkehlpieper und Dünnschnäbeliger Brachvogel zählten zu den Brutvögeln der Dobrudscha, während dies in Wirklichkeit keineswegs der Fall ist.
„Hie +Zugstraßen+!“ — „Hie Zug in breiter Front!“ — so erschallt schon seit Jahrzehnten das Kampfgeschrei auf dem bereits arg zerstampften ornithologischen Turnierplatz. Beide Parteien haben recht, denn die einzelnen Vogelarten verhalten sich auch in dieser Beziehung ganz verschieden. Bezeichnend ist es, daß solche Forscher, die ihren Wohnsitz und Beobachtungsplatz in weiten Ebenen haben, zumeist Anhänger der Frontwanderung sind, die in Gebirgsgegenden heimischen dagegen fast alle an das Vorhandensein bestimmter Zugstraßen glauben. Das gibt uns gleich den richtigen Wink. Nur darf man bei dem Begriff „Zugstraßen“ nicht etwa an menschliche Fahrstraßen denken, sondern sie sind in der Regel Dutzende von Kilometern breit, ließen sich also eher mit den Anmarschstraßen oder Angriffsfronten großer Heeressäulen vergleichen, wie wir sie im Weltkriege gewohnt waren. Allerdings gibt es Fälle, wo die Zugstraßen sich stark verengern, z. B. auf der zu beiden Seiten von großen Wasserflächen begrenzten und stellenweise nur einen halben Kilometer breiten Kurischen Nehrung. Die gefiederten Wanderer folgen hier streng dem Verlauf der langgestreckten Halbinsel, wodurch auch ihre scharf ausgeprägte Zugstraße entsprechende schmal wird. Ähnliches gilt für die Alpenpässe. Es gibt auch Vögel, die den größten Teil der Reise in breiter Front zurücklegen und erst bei der Überwindung oder Umgehung von Hochgebirgszügen, Wüsten und Meeren aus praktischen Gründen zu besonderen Zugstraßen sich bequemen. Gerade unseren europäischen Zugvögeln legt sich ja in Gestalt von Pyrenäen, Alpen, Balkan und Kaukasus ein mächtiger und nicht leicht zu bezwingender Querriegel zur Zugrichtung vor, der sich weiterhin durch das Mittelmeer und durch den afrikanischen Wüstengürtel in anderer Form wiederholt. Für solche Arten, die derartige Hindernisse nicht zu überfliegen wagen, sondern sie vorsichtig auf Umwegen umgehen, wird dadurch die Front gespalten, und der Zugschatten der Alpen z. B. macht sich dann noch weithin geltend, bis nach Afrika hinein, und dasselbe gilt von der Sahara. Um einen richtigen Begriff vom Überfliegen des Mittelmeeres zu bekommen, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Vögel im Pliozän und Diluvium keineswegs über ein offenes Meer zu ziehen brauchten, sondern ständig über festem Land bleiben konnten, da ja damals das Mittelmeer noch kein zusammenhängendes, mit den übrigen Ozeanen in Verbindung stehendes Wasserbecken bildete, sondern zwei große getrennte Binnenseen. Als dann die heutigen Verhältnisse eintraten, war die Kenntnis dieses bequemen Weges schon so fest vererbt, daß die Vögel zähe daran festhielten, woraus sich die heutigen Zugstraßen ergaben. Aber der Zugschatten der Alpen bewirkt es, daß der Übergang Sizilien-Malta-Tripolis oder Sardinien-Tunis ungleich weniger beflogen wird, als die Meerenge von Gibraltar oder das Nildelta, zumal hinter Tunis und Tripolis gleich die große Sandwüste sich breit macht. In Tunis erscheinen eigentlich nur Singdrosseln, Turteltauben und Wachteln in großer Menge, und diese bleiben wohl größtenteils schon in Nordafrika. Dagegen wimmelt Ägypten im Herbst und Winter von Gästen oder Durchzüglern aus der Vogelwelt, da ja der Nil den bequemsten Zugang nach Innerafrika bildet. Doch bemerken wir bald, daß nur Vögel aus der östlichen Hälfte Europas im Pharaonenlande sich einstellen, z. B. nur Sprosser und keine Nachtigallen, nur die Rotsternigen Blaukehlchen aus Schweden, aber nicht die aus Norwegen, nur die östlichen Arten und Rassen der Rohrsänger, nicht die westlichen. Ebenso zieht der große Rauhfußbussard aus dem Ural im Winter nach der Dobrudscha und nicht etwa durch Mitteleuropa gen Südwesten. Umgekehrt treffen wir in Marokko ausschließlich westeuropäische Arten und Rassen, also echte Nachtigallen, norwegische Blaukehlchen, Binsenrohrsänger, englische und französische Formen. Die Rassenkunde hat uns hier ein unschätzbares und sicheres Hilfsmittel für die Erforschung des Vogelzuges und besonders der Zugstraßen an die Hand gegeben. Die Grenzscheide zwischen den nach Südwesten und den nach Südosten ausweichenden Zugvögeln verläuft bei vielen Arten etwa im Stromtal der Elbe oder der Weser, bei anderen in dem der Oder oder erst in dem der Weichsel, geht also mitten durch Deutschland hindurch.
~A~, ~Aa~ Glacial-litorale Straßen, ziehen von Ost nach West entlang der Polareis-Barriere. ~B~, ~G~ Marino-litorale Straßen, folgen den Küsten der großen und kleinen Meere.]
Straße. ~E~ Submarino-litorale Straßen, streben von Meer zu Meer, auch wenn es nur ein großer Binnensee ist wie das Kaspische Meer. So führt eine große Zugstraße vom Tajmyrland (Sibirien) entlang dem Ob und der Wolga zum Don, Schwarzen Meer, Bosporus, Mittelmeer und nach Ägypten]
Besonders klar konnten diese Verhältnisse beim Hausstorch aufgedeckt werden, denn schon Wüstneis prächtige Beobachtungen haben deutlich und zweifellos nachgewiesen, daß die westdeutschen Störche auf der Rhein- und Rhonestraße an der spanischen Küste nach der Meerenge von Gibraltar ziehen, also eine ausgesprochene südwestliche Richtung einschlagen, die ostdeutschen dagegen eine südöstliche oder noch weiter ostwärts eine fast rein südliche. In vollster Übereinstimmung hiermit sah ich große Storchenzüge im schlesischen Odertale, in der March-Beczwa-Oder-Furche, in der Ungarischen Tiefebene, im östlichen Rumänien und Bulgarien und wahre Unmassen von Adebars in Kleinasien, besonders in Zilizien und in Syrien. Daß der rotbestrumpfte Langbein in den Nilländern ein sehr häufiger Gast ist, davon singen und sagen ja schon unsere alten Kinderlieder, und daß das Hauptwinterquartier erst im südafrikanischen Steppengebiete sich befindet, wußten wir durch die dortigen Forscher auch schon längst. Der Beringungsversuch hat dann diese große Zugstraße bestätigt und einige noch vorhandene Lücken ausgefüllt, namentlich diejenige zwischen dem Nilquellengebiet und Südafrika. Viel weniger gut sind wir über den weiteren Verlauf der südwestlichen Zugstraße über Gibraltar hinaus unterrichtet. Ich konnte sie zwar durch eigene Beobachtungen längs der Westküste Marokkos bis etwa zum 30. Breitengrade verlängern, aber dann klafft eine große Lücke bis zum Tschadsee, und wie diese überwunden wird, insbesondere die dazwischenliegenden Wüstenstrecken, darüber könnte man höchstens vage Vermutungen aussprechen, die vorläufig noch jeder tatsächlichen Grundlage entbehren.
nach G. v. Burg, aus „Mitteilungen über die Vogelwelt“, Jahrgang 1923/25]
Mit solcher Sicherheit und Bestimmtheit wie beim Storch kann man heute wohl noch bei keiner anderen Vogelart eine Zugskarte entwerfen, obwohl es vielfach geschieht. Man hat z. B. auch Krähen und Lachmöwen massenhaft beringt, aber beide sind eigentlich mehr Strich- als echte Zugvögel, und schon deshalb kann hier der Versuch nicht so klare und weitreichende Ergebnisse zeitigen. Immerhin ergab sich bei den Lachmöwen die interessante Tatsache, daß sie möglichst den Anschluß an eine Hauptstraße zu gewinnen suchen und dabei auch Umwege in scheinbar ganz verkehrter Richtung nicht scheuen. So ziehen manche binnendeutsche Möwen, deren Zug überhaupt stark auseinander strahlt, im Herbst zunächst den Rhein abwärts, also gen Norden, um erst einmal in Holland die Hauptstraße zu erreichen. Ähnlich war es bei meiner Heimatstadt Zeitz, wo die an Zugstraßen sich haltenden Arten im Herbst zunächst die Elster abwärts zogen, also nach Norden, um erst einmal Anschluß an das Elbetal zu erreichen, und im Frühjahr von dort aus kamen, also das letzte Stück ihres Weges südwärts flogen: gerade umgekehrt, als man erwarten sollte. Die in breiter Front ziehenden Arten dagegen flogen einfach südwestwärts. Auch in Württemberg suchen viele Arten zunächst einmal das Neckartal zu gewinnen, um dadurch den Schwarzwald, der von ihnen nicht gern überflogen wird, nördlich zu umgehen und in die große Zugstraße der Rheinebene zu gelangen. Ich habe den Versuch gemacht, diejenigen europäischen Zugstraßen, die wir nach dem heutigen Standpunkte der Vogelkunde einigermaßen sicher kennen, auf einem Kärtchen einzutragen, muß aber immer wieder ausdrücklich betonen, daß es sich bei allen Vogelzugskarten vorläufig immer nur eben um Versuche handeln kann, daß sie also stets ~cum grano salis~ zu nehmen sind und durch zukünftige Forschung wahrscheinlich mancherlei Richtigstellungen erleiden werden. Begründer der Zugstraßen-Theorie ist der berühmte finnische Forscher J. A. Palmén, der sich hauptsächlich auf das Vorkommen seltener nordischer Schwimmvögel zur Zugzeit stützte und bereits verschiedene Arten von Zugstraßen als marine, litorale, fluviatile usw. unterschied. Obgleich seine Begründung mancherlei Mängel aufwies und namentlich E. F. v. Homeyer heftig Sturm gegen ihn lief, hat sich der geistreiche Finnländer doch siegreich durchgesetzt, und heute leugnet wohl niemand mehr das Bestehen bestimmter Zugstraßen, die aber — wohlgemerkt! — nur für einen Teil unserer Vogelwelt Geltung haben. Besonders deutlich treten sie natürlich in Gebirgsgegenden hervor, wo sich die Vögel an die tiefer eingeschnittenen Pässe halten müssen, wie wir Menschen ja auch, und wo ihr Erscheinen oder Nichterscheinen das wirtschaftliche Wohlergehen ganzer Volksstämme in hohem Maße beeinflußt. Nicht umsonst errichten die italienischen Vogelmassenmörder ihre größten und erfolgreichsten Roccoli am Ausgang der Alpenpässe. Das hier beigegebene Kärtchen des im Vorjahr verstorbenen Schweizers Gustav v. Burg, der in der Erforschung der Zugverhältnisse in den Alpen seine Lebensaufgabe erblickte, ist auf Grund jahrzehntelanger unmittelbarer Beobachtung entworfen und gibt einen ganz anschaulichen Begriff, mag es auch in den Einzelheiten hier und da anfechtbar sein. Selbst wenn man wie v. Burgs Landsmann und wissenschaftlicher Gegner Bretscher nach der Datenmethode arbeitet, kristallisieren sich doch beim Eintragen möglichst langjähriger Durchschnittsdaten der Ankunft im Frühling auf die Karte deutlich gewisse Zugstraßen heraus. Wir sehen auf dem Kärtchen von Südwestdeutschland, wie die ersten Bachstelzen im Rheintal auftauchen, also offenbar aus Westen oder Südwesten ankommen, und wie dann erst von hier aus etwas später die Hardt und die Vogesen besiedelt werden, wie die Vögel deutlich im Rhein-, Main- und Neckartal und etwas später im Donautal entlang ziehen und zuletzt im Fichtelgebirge, Bayrischen Wald und in den Voralpen wahrgenommen werden. Beigefügt sind weiter Versuche zu Zugskärtchen aus der Dobrudscha, die ich nach eigenen Beobachtungen entwerfen konnte, und vom Kaspi, wo ich die grundlegenden Forschungen des Altmeisters Gustav Radde bestätigt fand. Die westsibirischen Vögel halten zumeist eine streng nord-südliche Richtung inne, z. B. die dortigen Wachteln, während die Ostsibirier mehr nach Südosten abbiegen, um im südlichen China zu überwintern und zum Teil sogar über Japan nach der Inselwelt des Stillen Ozeans gelangen. Das tibetanische „Dach der Welt“, die gewaltigen Höhen der asiatischen Zentralmassive und die furchtbare Wüste Gobi werden nicht überflogen, sondern umgangen. In Nordamerika weist östlich der Felsengebirge die allgemeine Zugrichtung nach ~SO~ oder ~SSO~, und die Wanderer gelangen schließlich über die Randländer des Golfes von Mexiko oder über die westindischen Inseln zur Nordküste Südamerikas, ziehen aber zum Teil bis in die gemäßigten La-Plata-Staaten hinunter. Westlich der großen Gebirgsscheiden finden wir hauptsächlich Küstenwanderer, also die litoralen Zugstraßen Palméns.
Deutschland+
nach Bretscher, „Mitteilungen über die Vogelwelt“, Jahrg. 1925/26]
Außer der orohydrographischen Gestaltung der zu durchmessenden Länderstrecken kommen aber noch mancherlei andere Faktoren bei der Herausbildung von Zugstraßen in Betracht. Manche Arten, denen die bisherigen Verbreitungsgrenzen zu eng werden oder die verloren gegangene Gebiete wieder erobern möchten, stoßen in der Hitze des Frühlingszuges über die seitherigen Brutbezirke hinaus und versuchen sich weiter nördlich seßhaft zu machen. Hierher gehört es z. B., wenn unversehens einmal Bienenfresser in Hessen brüten, wenn ich zu meinem Erstaunen einmal bei Rossitten den Mittelmeersteinschmätzer erblickte, wenn ebenda einmal ein Steinrötel sich dreist auf den Zaun der Vogelwarte setzte und herabgeschossen wurde, wenn fast alljährlich Nachtreiher am Bodensee sich einstellen und wenn vor wenigen Jahren wieder einmal ein ganzer Schwarm Edelreiher in der Bartschniederung auftauchte und alle Anstalten zum Fortpflanzungsgeschäft traf. Leider werden alle solche Ansiedlungsversuche, soweit es sich um größere oder farbenschöne oder angeblich schädliche Vögel handelt, regelmäßig vereitelt durch gewisse „Jäger“, die nichts Lebendes sehen können und es verlernt haben, sich an den köstlichen Gaben der Natur zu erfreuen, ohne gleich die Schrotspritze sprechen zu lassen. Nur kleinen oder unansehnlichen Vogelarten gelingt eine solche Erweiterung ihres Verbreitungsgebietes, und so haben z. B. in den letzten Jahrzehnten Girlitz, Hausrotschwanz, Bergstelze und Halsbandfliegenfänger ihre Grenzen bedeutend nach Norden vorgeschoben. Soweit sie Zugvögel sind, gehen sie dann aller Wahrscheinlichkeit nach im Herbst genau auf der Einwanderungslinie wieder rückwärts, womit ihnen also ihre Zugstraße vorgeschrieben ist. Nicht immer decken sich die Frühjahrszugstraßen mit denen des Herbstes, sondern öfters werden andere Wege eingeschlagen, wobei das Streben nach möglichster Abkürzung der Gesamtreisestrecke unverkennbar ist. Wo der Zug im Herbst erst von Ost nach West führt und dann fast rechtwinklig nach Süden umbiegt, wird im Lenz dieses Dreieck nicht ausgeflogen, sondern die Vögel ziehen auf seiner Hypotenuse. Dies gilt z. B. für die sibirischen Laubsänger, die im Herbst nach Helgoland kommen, sich aber im Frühjahr dort nicht wieder blicken lassen, weil sie dann quer durch Deutschland ziehen, wo sie natürlich nur durch einen besonders günstigen Zufall festgestellt werden können. Aber im allgemeinen wird doch nicht nur die Zeit, sondern auch der Raum beim Vogelzug mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eingehalten. Es ist, als ob richtige, für die Vögel sichtbare Wege durch das wesenlose Luftmeer führten. Jeder erfahrene Jäger weiß ja, an welchen Stellen seines Reviers er auf Schnepfenstreich rechnen kann und wird sich deshalb immer wieder an denselben erfolgversprechenden Plätzen anstellen; jeder aufmerksame Spaziergänger wird bald dahinter kommen, daß die überwinternden Krähen bei ihren täglichen, oft ziemlich ausgedehnten Flügen von den Nahrungs- zu den Schlafplätzen und umgekehrt immer genau dieselben Luftstraßen einschlagen, und jeder Vogelschützer macht die Wahrnehmung, daß die Meisenschwärme im Spätherbst jeden Tag die gleiche Runde machen und mit Sicherheit zu einer bestimmten Stunde an einem ganz bestimmten Orte anzutreffen sind. Oft bleiben bei der gleichen Vogelart die weiter südlich wohnenden Stämme den Winter über in der Brutheimat zurück und werden von ihrer weiter nördlich siedelnden Sippschaft überflogen, nicht aber machen jene diesen Platz und räumen ihnen ihre Sitze ein, wie man vielfach fälschlich behauptet hat. Das Eintreffen im Frühjahr erfolgt keineswegs für alle Individuen derselben Art in einer Gegend gleichzeitig, sondern verteilt sich sprungförmig auf einen gewissen Zeitraum, der um so ausgedehnter ist, je frühzeitiger die durchschnittlichen Ankunftsdaten für solche Vögel liegen. Erst kommen die Vorposten, sogenannte „Spione“, die oft wieder verschwinden, nachdem sie sich kurz umgesehen haben, dann folgt die Hauptmasse, auch diese oft in mehreren Abteilungen, und endlich die Nachzügler. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, sagt sehr richtig das Sprichwort.
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Herr Rechnungsrat Meyer befindet sich seit dem 1. April im Ruhestande und macht nun täglich, ehe er sich zu seinem Dämmerschoppen am Stammtisch im „Roten Löwen“ begibt, seinen behaglichen Nachmittagsbummel durch die hübschen Anlagen des Städtchens nach dem nahen Buchenwäldchen, wobei er mit Vorliebe auf die Stimmen der gefiederten Sänger lauscht, denn er ist ein alter „Vogelnarr“, nebenbei gesagt eine der sympathischsten Klassen des im allgemeinen ziemlich ekligen Menschengeschlechts. Heute am 24. April ist es besonders schön draußen. Den Äckern entsteigt der kräftige Geruch der umgepflügten Erdscholle, die Wiesen prangen in frischem Grün und sind von unzähligen bunten Blümlein durchstickt, die Obstbäume haben ihre schneeige Blütenpracht entfaltet, die weißleuchtenden Birkenstämme ihren zartgrünen Spitzenschleier übergeworfen, die bis zum Platzen angeschwollenen Buchenknospen warten nur darauf, vom nächsten Sonnenstrahl wachgeküßt zu werden zu neuem Leben, das Buschwerk in Wald und Flur hat seine jungen Blätter entrollt, und von allen Zweigen, aus allen Hecken tönen die jauchzenden Frühlingshymnen der täglich um neu eintreffende Arten sich vergrößernden Vogelschar. Das Herz
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