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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
=~Reise~= in das ~Morgenland~ in den Jahren 1836 und 1837
von
+Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert.
Erster Band.
Erlangen, =1838= ~bei J. J. Palm und Ernst Enke.~
~Reise~ in das =Morgenland= in den Jahren 1836 und 1837
Erster Band.
Erlangen, gedruckt bei C. H. Kunstmann
=Ihrer Königlichen Majestät=,
~Theresia~,
~regierenden Königin von Bayern~,
etc. etc. etc.
Eure Königliche Majestät haben es nicht verschmäht einige Immortellenblüthen allerhuldvollest anzunehmen, welche jüngsthin ein armer Pilgrim, dessen Hand nichts Besseres zu geben fand, mit sich aus dem Lande einer alten Verheißung und Erfüllung brachte. Jene Blumen sind von der Sonne des Ostens zum Leben geweckt und groß gezogen worden, und auch jetzt, wo der Reiz des besondren Lebens erloschen ist, blieb ihnen wenigstens das buntfarbige Gewand, mit welchem Sonne und Boden des reichen Geburtslandes sie umwebten.
Dem Buche, das der Pilgrim Eurer Königlichen Majestät hiermit in tiefester Ehrfurcht zu Füßen legt, mangelt zwar das lieblich bunte Gewand der Immortellen; die Gluth der Sonne, welche auf die Arbeit fiel, war für die Kraft der Darstellung zu übermächtig; mit dem frischen Triebe der Gestaltung ermattete und verblich öfters auch die äußere Farbe. Dennoch hat vielleicht derselbe Strahl, der das Grün zerstörte, dem kahlen Felsen der Wüste irgend eine Beleuchtung gewährt, die das Auge zum Aufmerken bewegt. Dieses allein gab dem Verfasser den Muth Eurer Königlichen Majestät eine Reisebeschreibung in tiefester Ehrfurcht zu widmen, deren Erinnerungen von einem Morgenroth der Zeiten beleuchtet sind, welches Eure Majestät kennen und lieben, und von einem Thau des Thabor und Hermon benetzt, dessen Segnungen im reichsten Maaße über Allerhöchst Sie und das ganze Königliche Haus kommen und fortwährend auf ihm verbleiben mögen.
Ich beharre in tiefster Ehrfurcht
=Eurer Königlichen Majestät=
allerunterthänigster
München den 21ten August 1838.
~G. H. v. Schubert.~
Vorwort.
Ich gebe hier den ersten Band der Beschreibung meiner Reise in das Morgenland, welcher freilich gerade da zu erzählen aufhört, wo der Weg nach dem eigentlichen Ziele meiner diesmaligen Wandrung seinen Anfang nahm. Möge daher die Gedult des Lesers nicht ermüden, wenn ich ihn, nothgedrungen, zuerst in diesem Bande durch jenes unfruchtbarere Dickig der vorbereitenden Wege und Schwierigkeiten führe, durch welches ich selber hindurch mußte, um auf das freie Feld der größesten Thaten und Geschichten unsres Geschlechts hinaus zu kommen. Freilich war durch die Beschaffenheit des Bodens, über welchen dieses erste Drittel der Reise seinen Gang nahm, die Aussicht nach dem hehren Endziel noch sehr gehemmt, doch brach auch da schon zuweilen ein Strahl in das Dunkel herein, der zum Weitergehen Freudigkeit und Kraft gab.
Der zweite Theil, welcher durch die Stätte des Reiches der Memphiten und durch die Wüsten des Sinai und des Hor nach dem gelobten Lande führen soll, wird dem ersten sehr bald, dem zweiten dann der dritte und letzte in möglichst kurzer Zeit nachfolgen. In diesen beiden folgenden Bänden werde ich namentlich die naturwissenschaftlichen Bemerkungen auf den ungleich engeren Raum der Notenschrift verweisen.
Jenen Lesern, welche ihrem Auge die Lust der unmittelbaren Anschauung mancher in meiner Reise berührten Gegenden verschaffen können und wollen, darf ich die lithographirten Abbildungen empfehlen, welche mein Reisegefährte, Herr Maler ~Bernatz~, durch die Steinkopf'sche Buchhandlung zu Stuttgart öffentlich mitgetheilt hat. Ich kann versichern, daß diese Abbildungen wenigstens treu und wahr sind, während so viele andre Bilder von Gegenden und Orten des gelobten Landes, welche in diesem Augenblick verbreitet werden, entweder ganz erdichtet, oder doch durch ein diesen Gegenständen fremdes, blendendes Gewand entstellt sind.
München am 21ten August 1838.
=Der Verf.=
Inhalt des ersten Bandes.
I. =Einleitung.= Die innren Beweggründe des Verfassers zu seiner Reise und das Ziel von dieser, S. 1-34.
II. =Reise nach Constantinopel= S. 35.
~Abreise von München nach Wien.~ Abschied vom Hause S. 35-36; Fernansicht der Alpen 37; die Reisegefährten 37-38. -- Wasserburg 39; Salzburg 40, 41; Frankenmarkt 42; Kleinmünchen 43; Lorch und Strengberg 44; die Donauufer 45; Mölk 46-48; St. Pölten 49; Perschling 50; Ankunft in Wien 51; der Jahrestag der Entsetzung Wiens im Jahr 1683, S. 52-56.
~Wien.~ Erster Eindruck S. 57, 58. Die Stephanskirche 59, 60; andre Kirchen 61; der Josephsplatz und seine Gebäude 62-63. Dankbare Erinnerungen des Reisenden 64, 65; Schönbrunn 66.
~Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meere.~ Abreise von Wien S. 66, 67; eine neue Mitreisende 67; Fischament, Petronell, Hainburg 68; Theben und Preßburg 69; die Insel Schütt und Comorn 70; Vissegrad und Waitzen 71; Pesth 71; Hemmung der Weiterfahrt durch Nebel 72; Beginn der ungarischen Ebene 73; Tolna 74; Mohadsch mit seinen historischen Erinnerungen 74-77; Nachtruhe bei Dalya 77; Vukovar und Illok 78; Peterwardein 79; Carlowitz, Slankamen, Szurduck 80; Semlin 81, 82; Belgrad 83-86; Semendria 87; Rama, Gradiska und Bassiadsch 88; Alt- und Neu-Moldawa 89; Golubadsch und seine Mordmücken 90, 91. Der Anfang der Engpässe des untren Donaulaufes 92, 93; Fahrt durch dieselben und über die Donauwirbel in einem Ruderschiff von Trenkova nach Alt Orsowa 93-97. Aufenthalt in Alt Orsowa 97-100; Reise zu den Herculesbädern bei Mehadia 101; die Heilquellen des Ortes 102-104; die Natur der Umgegend 105, 106. Die Reise durch den eisernen Thorpaß 106-107; Skela Kladowa 108; die Trajansbrücke 109, 110; Widdin 111; türkische Reisegefährten 112; das bulgarische Donauufer 113; Nikopoli und seine historischen Momente 114-119; Rusdschuk 120; Giurgevo 121; Silistria 122; Brailow 123; Galladsch 124, 125; Isadschi und Tuldscha 126; die Ausfahrt aus der Donau 127.
~Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.~ Die Bewegtheit des Pontus Euxinus S. 128; die Seekrankheit 129; Varna 130; Einfahrt in den Bosporus 131; Rumili und Anatoli Kawack 132; die Naturschönheit des Bosporus 133, 134; Sarijari und Bujuckdereh 135; der Riesenberg und die Papiermühle 136; Begkos, Sultania, Indschirkoi, Stenia, Tschübükli 137; Göcksu und Rumili Hissari 138; Fernansicht der Hauptstadt 139.
~Constantinopel.~ Erster Eindruck S. 140-142; die Pest 143, 144; Ansicht der Stadt vom Hafen aus 145. Unsre Dragoman 146; das Mehlthor 147; die Pantokratorskirche und Wasserleitung des Valens 148; Moschee Mohammeds +II.+ 149, 150. Uebersicht der Stadt vom Thurm des Seraskiers und Andeutungen der Oertlichkeiten des alten Byzanz 151-154. Gastfreiheit der Thurmwächter 155; Aussicht nach der Umgebung und auf die jetzigen Haupttheile der Stadt 156, 157; die Suleimansmoschee 158-161; die Gasse der Teriakis 162; Kaffeehäuser und altes Serai 163; die Bajasidsmoschee 164; Ueberlieferungsschule 165; die verbrannte Säule 165-167; sogenannter Pallast des Belisar 167; die Cisterne der tausend und eine Säulen 168; der Hippodrom oder Atmeidan 169-171; die Achmedmoschee 171 u. 172; die dreifache Schlange und der Obelisk des Hippodroms 172 u. 173. Die Aja Sophia 174-178; Grabmal Murads III. 179; Sorbetladen 180. Das neue Serai mit manchen seiner historischen Erinnerungen 181-188; die hohe Pforte 189, 190; Osmans +III.+ Moschee und der große Bazar 191; Sultan Abdulhamidschans Begräbnißplatz 192; Hafenseite des neuen Serai's 192; öffentliche Bäder 193. -- Die zweite Wandrung durch Constantinopel. Das griechische Patriarchat 195; Ajasma der Blachernen 195; Vorstadt der Töpfer 196; Ejubs Vorstadt, Moschee und Begräbnißplätze 197-201. Ruinen des byzantinischen Kaiserpallastes des Hebdomon 202 u. 203; das Adrianopelthor 203 u. 204; die Moschee der Sultanin Mihrmah, 205 und Selims I. 206. Das Kanonenthor 207; Balikli 208 u. 209. Die Stadtmauern 210 u. 211; die sieben Thürme und die goldne Pforte des alten Cyklobion 212. Kirche des h. Polycarpos so wie die der Armenier 213 u. 214; der Bezirk Condoscale 215; großes Kaffeehaus am Hafen 216.
~Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.~ Die älteste vom Apostel Andreas begründete Christengemeinde in den Vorstädten von Byzanz 217-219; die Vorstädte Südlidsche und Piripascha 220; Chasskoi 221; Kassim Pascha 221-225; Galata 226-229; Pera 230; die tanzenden Derwische 234 u. 235; Bonnevals Grabmal 236; Topchana 237, 238; Skutari 239-241; die Prinzeninseln 241-243. Einige naturgeschichtliche Bemerkungen über die Umgegend von Constantinopel 244-249; Wandrung nach Bujukdereh 250-252.
III. =Reise von Constantinopel nach Smyrna= S. 253.
Rückblicke auf die letzten Tage unsres Aufenthaltes in Pera S. 253 u. 254. Historische Erinnerungen, welche der Anblick der Ufer des Propontis weckt 255-258; der Abend auf dem Propontis 258; der Fernanblick des Rhodopegebirges im Morgenlichte 259; Gallipoli und Lampsacus. Die nachbarlich im Hellespont sich gegenüberstehenden Ufer von Asien und Europa 261; Sestos und Abydos 262; die Dardanellen 263, 264. Ilions Küste 265-268. Tenedos 268; Imbros, Samothrake und Lemnos 269; Lesbos 270; Anblick von Smyrna 271.
~Smyrna.~ Erster Eintritt in die Stadt S. 272. Bucht von Smyrna 273; die verschiedenartigen Bewohner der Stadt 274, 275; die Akropolis 275, 276; Grabstätte des h. Polykarpos 277. Das asiatische Griechenland eine Geburtsstätte vieler Heroën der Wissenschaft und Kunst 278-280. Das Thal des Mäandros 281; Celänä ebendas.; Colossä und Laodicea 282; Hierapolis 283.
~Reise nach Ephesus.~ Sediköi S. 284; Fernblick nach den Gebirgen des Kaystros 285; Trianda 286; die Jurucken 287-288; Verwüstung der Gegenden durch Niederbrennen der Gesträuche 289; Metropolis 290; Jeniköi 291; Nachtlager daselbst 292; der Phyrites und Pagasäische See 293; Thal des Kaystros 294; der Aquädukt von Ajasaluk 295; die Akropolis 296; das Oertlein Ajasaluk 297; St. Johannis Bleibstätte und Kirche 298; das von Lysimachus erbaute Ephesus 299; Stadium und Theater 300; Stätte des Dianatempels 301 u. 302; Erinnerungen an die hiesigen Synoden 303; an Tamerlans Lager 304; Böreklüdsche Mustapha 305; Christengemeinde zu Ephesus 306; griechischer Hirt und türkischer Landmann 307, 308; geistige Polar- und Tropen-Bewohner 309; Rückreise nach Jeniköi 310 und Budscha 311.
~Reise nach Magnesia und Sardis~ S. 312; Fernblick auf das Gebirge des Hermosthales 313, allgemeine Schilderung desselben 314; die sieben apokalyptischen Gemeinden 315; Pergamos 316 u. 317, Thyatira 318, 319. Abreise von Smyrna nach Magnesia 320, der Mimnolus 321, 322; Ankunft in Magnesia und Nachtlager im erzbischöflichen Pallast 323-325; Besehen der Stadt 326; die vormalige christliche Kirche am Burgberge 327; türkische Schulen 328; die Akropolis 329; Themistokles in Magnesia 330; Murads +II.+ und +III.+ Andenken 331; Jusuff Effendi 332. -- Weiterreise am Sipylos hin 333; Fernansicht des Tmolus 334; Ankunft und erstes Nachtlager in Kassabah 335. Weiterreise; türkische Todtenäcker in Gegenden wo kein Dorf mehr ist 336; Teriköi; Karawane von Armeniern 337; Achmedli 338; wandernde Schaaren der Turkomanen 339; Grabeshügel des Alyattes und Gygäasee 340; Bergabhang des Tmolus 341; volle Ansicht dieses Gebirges 342. Ankunft bei den Ruinen von Sardis (Sart) 343; Ueberreste des Theaters und der christlichen Kirchen 344; Spuren und Geschichten von den hiesigen Erdbeben 345. Die älteste Christengemeinde von Sardis 346; die Gerusia 346, 347; Geschiebe des Paktolus 348; der Cybeletempel 349. Rückkehr nach Kassabah und zweites Nachtlager daselbst 350, 351. Berichte über das alte Philadelphia 352-355; Rückreise nach Magnesia 356, 357. Besuch bei dem Oglu Bey in Magnesia 358; ein türkischer Rechtshandel 359 u. 360; Rückreise nach Budscha 361 u. 362.
~Rückkehr nach Smyrna.~ Dankbare Erinnerungen an diese Stadt und ihre Bewohner S. 363-369; naturgeschichtliche Bemerkungen 369-382; Anstalten zur Abreise 383, 384; Einzug in das Schiff 385, 386; Besorgnisse wegen der Pest 387, 388.
+IV.+ =Reise von Smyrna nach Alexandria und Cairo.= Abfahrt S. 390; Blicke auf den heutigen Weg des Schiffes und auf die Bewohner seines Innren, namentlich auf unsre türkischen Reisegefährten, die Hadschis 392-394; ärztliche Hülfleistung 395, 396; getäuschte Hoffnung 397. Die Oenussischen Inseln 398; Aussteigen an der einen derselben und Beschreibung derselben 399-402; nächtliche Unterhaltungen der Hadschis 403. Aussteigen an einer andern Insel 404; Aussicht auf Tschesme und Erinnerungen an die Seeschlacht von 1770 S. 405-407; Beschreibung der Insel 408-410. Abermaliger Besuch auf der vorgestern bestiegenen Insel 411-413. Weiterfahrt 414. Ansicht von Samos 415, 416; Ikaria 417; nächtlicher Sturm 418; Patmos, Leros, Cos 419; Halikarnassos und Cnidos 420. Erste Annäherung an Rhodus und vergeblicher Versuch auf ihm zu landen 421-423; rückgängige Bewegung des Schiffes und Einlaufen desselben in Symi 424; Eindruck dieser Insel aufs Auge 425; die älteren und neueren Bewohner der Insel 426-428; Aussteigen ans Land und Betrachtung desselben 429 u. 430; verdrießliche Stimmung und Wiederaussöhnung der Hadschis 431, 432; Kajütenleben bei schlechtem Wetter 433. Nochmaliges Aussteigen an der Insel 434; Vermuthungen über den Grund der eigenthümlichen Gestaltung des hiesigen Kalksteines 435, 436. Streit des Capitäns mit den Hadschis 437; Abfahrt von Symi 438; blinder Feuerlärm 439; Telmessus 440; endliches Einlaufen im Hafen von Rhodus 441.
~Rhodus.~ Erster Eindruck S. 441, 442; Rückblick auf die älteste Geschichte der Insel 443; die Zeit der Ritter 444; Abgabe und Wirkung unsrer Empfehlungsbriefe 445; Milde der türkischen Quarantäne 446; Spaziergang nach der Stadt 447; die Ritterstraße und vormalige St. Johanniskirche 448; der Johannisthurm 449; Gärten der Stadt und Allerheiligenkirche 450; Schulen in Rhodus 451; Rückkehr ins Schiff und neuer Besuch des Landes 452. Die ältesten Belagerungen der Stadt 453; jene durch Mohammed +II.+ 454-457; Belagerung und Eroberung durch Suleiman den Großen 458-461. Spaziergang in die Umgegend 462; Freuden der Locanda 463; Aufhebung der Quarantäne 464; Erinnerungen an den Kampf mit dem Drachen 465; genaures Besehen der Stadt 466, 467; Liebeinsam 468; Winterflora der Umgegend 469, 470. Familie des Consul Giulianich 471; ein Seesturm vom Lande gesehen 472 u. 473; Ruhe der Locanda 474; vergebliche Sorgen 475; Hassans Mittheilungen 476; schneller Wittrungswechsel 477; Uebernachten und Erwachen am Lande 478; Abschied von Rhodus 479.
~Die Seereise von Rhodus nach Alexandria~ S. 480. Ausfahrt aus dem Hafen und Aussicht auf die Ufer der Insel 480. Abschied vom Anblick des Landes 481; stürmische Fahrt über das weite Meer 482; Streit der beiden Capitäne, bei welchem der griechische Recht behält 483; Ankunft in Alexandria 484.
~Alexandria.~ Erster Anblick S. 484; freundlicher Empfang 485; Ausschiffung der Hadschis in das Quarantänegebäude 486, 487. Besuch beim Sprachgitter am Lande 488; große Illumination beim Anfang des Ramadans 489; stürmisches Wetter im Innren und Aeußren 490, 491; Quarantäneleben auf dem Schiffe 492, 493; Beendigung der Quarantäne und freier Austritt ans Land 494; erste Besuche in der Stadt 495. -- Aufsuchen des alten Alexandria im neuen 496; die Stätte des Bruchion und seines Museums 497; Erinnerungen an das, was hier geleistet worden 498; Größe des alten Alexandria 499; der Molo 500 u. 501; die Nekropolis und das sogenannte Bad der Kleopatra 502; der Mareotissee 503; die Pompejussäule 504; das Gymnasium 505; Circus und Stadtmittelpunkt 506; das Serapion 507; das Alexandria der Sarazenen 508; Verheerung durch die Türken 509. -- Die Winterzeit in Alexandria 510; das Frankenquartier 511; der Weihnachtsabend 512; Landzunge von Abukir und Stätte des alten Canopus 513.
~Die Nilfahrt nach Cairo.~ Einrichtung der Nilbarke; Birket Gitas S. 514; Frühlingsabend am Machmutskanal 515; Adfu 515. Erster Anblick des Nils 516; die Reize des Landes in seiner Blüthenzeit 517, 518; Fuch und Salmieh, 519; die Stätte des alten Sais 520; Schabur (Andropolis) 522; Salamun 523; Schluß des alten und Beginn des neuen Jahres in Zayrah 523-526; Abentheuer in Ghisahi 527; erster Anblick der großen Pyramiden 528; Gedultsübung durch Windstille 528; Weiterfahrt mit starkem Seitenwind 528; Ankunft in Boulak 529; starker Gewitterregen 530; Aussteigen ans Land 531; erste Annäherung an Cairo 531.
I. Einleitung.
Wohin willst du?
»Wohin willst du?« so fragen wir den Wandrer, den wir auf einem einsamen, von uns noch nie betretenen Stege einholen, und an den wir uns, wenn er etwa gleichen Weges mit uns gienge, als Gefährten anschließen möchten. »Wohin willst du?« so möchte wohl auch der zum Mitreisen geneigte Leser den alten Wandrer fragen, welcher in den nachfolgenden Blättern die Geschichte seiner Reise nach dem Morgenlande beschreibt. Dieselbe Frage wurde schon viermal, zu vier verschiedenen Zeiten meines Lebens an mich gethan und ich brauche hier nur zu berichten, was ich jene vier Male auf sie zur Antwort gegeben.
Es hat wohl selten ein Mensch, der kein Schweizer von Geburt war, so tief, so verzehrend am Heimweh gelitten, als ich. Da ich, in meinem neunten Jahre zum ersten Male vom Hause der Eltern getrennt, an einem fremden Orte lebte, um dort die Schule zu besuchen, da schien mich auch die Miene eines Jeden, der mir theilnehmend in mein verweintes Auge schaute, zu fragen: »~wo willst du hin?~« und jeder Nerv, jede Ader meines Wesens antwortete: »Ich will zum Hause meiner Eltern.« Dachte und sprach ich ja, außer den Stunden der Schularbeit nichts andres als was die Heimath, was das Elternhaus angieng; das Heimweh ließ mich nicht einschlafen, ließ mich nicht ausschlafen; es ließ mich nicht ruhen beim Spiele der Kinder, nicht froh werden beim Essen, wenn ich auch noch so hungrig war: im Hause der lieben Mutter hätte mich wohl trocknes Brod und Wasser mehr vergnügt, als in der Fremde Alles was süß und lecker ist. Mein Heimweh wurde nicht eher still, bis die Thräne kam; die bittre süße Thräne des heißen Sehnens nach dem Elternhause, die anfangs im Verborgenen, später aber, immer zudringlicher um Mitleid und Hülfe flehend, auch vor Andren geweint wurde.
Ich wundre mich selbst darüber wie ich so gar siech und elend vor Heimweh seyn konnte. Von Natur war ich ein kräftiger, muntrer Knabe, dem, das wissen Alle die mich in meiner Kindheit kannten, kein Thurm- oder Kirchengemäuer zu hoch und zu gefährlich, kein Baum oder einzeln hinausragender Ast zu gäh oder zu schwierig zum Besteigen war; der ohne Grubenlicht dem Bergmann nachschlich in die dunkle Tiefe[1] ohne sich von dem Sausen und Heulen der Kunsträder und Saugwerke stören zu lassen. Ich liebte die Einsamkeit und gieng oft stundenlang im Buchen- und Tannenwald umher, suchend nach Dingen, nach denen Keiner unter meinen Gespielen Verlangen trug, außer mir. Und an dem fremden Orte, wohin man mich in meinem neunten Jahre gebracht hatte, wohnte ja meine liebe, älteste Schwester und der Vorstand der gut eingerichteten, kleinen Schule, war mein eigner Schwager; wie kam es doch da, daß jeder Odemzug, jeder Blutstropfen in mir nur nach dem Elternhause ächzte und hinjagte, und daß mich die kindische Thräne des Heimwehes so blind machte gegen all das Tröstliche und Gute das um mich her war?
Freilich hatte das Elternhaus gar besondere Dinge in und an sich, die ein junges Herz, gerade je stärker beweglich es war, desto mehr zu sich hinziehen konnten. Es wohnte da vor allem eine Mutter, welcher eine Gabe und Macht der Liebe zu Gott und den Ihrigen, so wie zu allen Menschen verliehen war, wie dergleichen nur selten in einem Menschenherzen gefunden wird; eine Liebe die überall um sich her Friede, Freude und heitres Wohlseyn ausstrahlte, weil sie in beständiger, das eigne Selbst vergessender That lebendig war. Mit ihr ein Vater, über dessen kräftiges Wesen die Ruhe eines guten Gewissens vor Gott und den Menschen ihren Fittich breitete, ein Mann in Wort und That, dessen ganzem, festen Wesen der Wahlspruch eingeprägt war: »schlicht und recht das behüte mich«[2]. Dabei noch zwei Schwestern, welche dieser Eltern Kinder waren und welche den jüngsten, spätgebornen Bruder von Herzen liebten.
Das Elternhaus hatte aber außer dem innern, mächtig anziehenden Reiz noch einen andern, auch äußeren: das war die hohe Anmuth der Gegend in welcher es lag. Das nachbarlich an diese angrenzende Muldenthal hat schon vor zweihundert Jahren einen begeisterten Lobredner und Sänger gefunden, an meinem mir sehr theuren, vielgereisten Landsmanne ~Paul Fleming~ aus Hartenstein, von welchem namentlich das schöne Lied: »In allen meinen Thaten« so lange forttönen wird als es einen deutschen christlichen Gesang giebt[3]. Der Berg aber, der sich wie eine hehre Warte an der Westseite der kleinen Halbinsel erhebt, welche durch die beiden gleichnamigen Schwestern: die Freiberger und Zwickauer Mulde gebildet wird; der Berg worauf meine kleine Vaterstadt Hohenstein, in der Grafschaft Schönburg liegt, trägt denn doch jenes Element, an welchem sich in der Brust des Schweizers das Heimweh entzündet, in noch viel höherem Maaße an sich, als das liebliche Muldenthal. Er ist ein Rigiberg im Kleinen; ein Gilead zwischen der hehren Gebirgsgegend des Südens und der hier angränzenden, fruchtbaren Ebene des Nordens. Die Kirche des Städtleins, mit ihrem Thurme, wird wegen der hohen Lage weithin im Lande gesehen; nahe bei dieser Kirche wohnten meine Eltern. Von den Fenstern ihres Hauses, mehr aber noch vom väterlichen Garten am Thurme und von der an ihn angrenzenden Höhe überblickt man gegen Süd und Südost zunächst ein wellenförmig emporsteigendes, von grünenden Thälern durchschnittnes, hügliches Land, über dessen Saum weiterhin die Gebirgskette der erzreichen Sudeten, mit ihren Granitzinnen und rundlichen, basaltischen Kuppen emporsteigt; in West und Südwest erheben sich die waldreichen Hochufer des Muldenthales, und in weiter Ferne die Voigtländischen Gebirge; gegen Norden ergeht sich die Aussicht ungehemmt über die weite Ebene des niedreren Muldenlaufes; tief am Horizont zeigt sich noch, als letzte dem Auge wahrnehmbare Erhöhung, der Petersberg bei Halle. Damals, in den Zeiten meiner Kindheit, war der seitdem fast kahl gewordene Scheitel unsres vaterstädtischen Berges von einem Walde der hohen Edeltannen und Buchen umkränzt, aus dessen kühlem Schatten mancher seitdem versiegte Quell hervorströmte, in dessen dunkeln Zweigen mancher seitdem verstummte Gesang der Vögel ertönte.
Allerdings war das ein Anblick von seltner Art, wenn von den Fenstern des Elternhauses aus gesehen die Morgensonne an einem hellen Wintertage über die beschneiten Felsenwände des Greifensteines (bei Geyer) emporstieg und wenn nun die beeisten Bächlein im Thale wie Silberfäden das dunkle Grün der Fichtenwälder umspannen, oder wenn das Abendroth seine Flammen über dem Voigtländischen Gebirge und im Nachbarwald der Edeltannen spielen ließ und der Rabe schreiend von dem Flug des Tages wiederkehrte. Der Sturm hatte auf diesen freien Höhen, wenn er die Zweige des vereinzelt stehenden Baums erfaßte oder durch die Schalllöcher des Thurmes hindurchstrich, einen ganz andren, mächtigeren Laut als anderswo; der Strahl der Frühlingssonne, wenn er in das grünende, terassenartig emporsteigende Thal trat, das in Süden und Westen den Fuß des Berges umwindet, oder wenn er auf den südlichen Abhang von diesem selber fiel, weckte da mit den Maibrunnen[4] zugleich eine Mannichfaltigkeit der Frühlingsblumen des Gebirges, wie sie, in gleicher Fülle nur selten erscheint. Der alte Wandersmann, der damals als Knabe mit einer freilich kindisch übertriebenen Vorliebe an der Gegend seines Geburtsortes hieng, hat seitdem manche Länder und Gegenden gesehen, die wohl zu den schönsten der Erde gehören, noch aber wird ihm das Herz warm, wenn, nach langer Abwesenheit wieder einmal sein Blick, verjüngt wie ein Adler, von der Höhe des Berges seiner kleinen Vaterstadt einen Ausflug weithin über die Thäler und Berge machet.
Im Garten meines Vaters, wie im Thal und auf den Höhen hatten jeder bunte Stein, jede Blume für mich ihre besondere Sprache, ihren Namen; die kleine, glänzende Quarzdruse, die mein erstes, köstliches Besitzthum der Art war, verwahrte ich, wie einen, wenn etwa Feuersgefahr ihn zerstörte, unersetzbaren Schatz, in einer Oeffnung der innern Gartenmauer. Wenn mich dann auch beim Anblick des Bergsaumes, der den Horizont begränzte, je zuweilen das Verlangen anwandelte, zu sehen was jenseits der Berge wäre, so hatte ich doch Viel zu Viel und angelegentlich mit dem Elternhause und seiner Umgebung zu schaffen und zu reden, als daß mir, da zum ersten Male die Frage an mich ergieng, »wo willst du hin?« eine andre Antwort möglich gewesen wäre als die: »zum Hause der Eltern.«
Der Wunsch, der in dieser Antwort lag, wurde gewährt; nach etwa zweijährigem Aufenthalte an fremdem Orte kam ich wieder heim und blieb im Hause der Eltern bis zur Gränze des Knabenalters. Ueber die ersten beiden Jahre der neuen Trennung breitete ein jugendlicher Leichtsinn seinen Nebel; an dem Orte wo ich damals war, konnte keine Art von Heimweh, konnte nichts Tieferes aufkommen; es war nichts da, was die Tiefe aufregte. Da zog mich, wie eine sichere Ahnung des Künftigen, dergleichen ich in meinem Leben öfters erfahren, ~Herders~ mir kaum bekannter Name, Herders Gegenwart nach Weimar, und siehe es ward mir das Glück zu Theil in der Nähe dieses großen Geistes, der seinem Zeitalter ein Ararat, ein Ort der Bergung vor großen Wassern war, aufzuwachen, zum innern, geistigeren Leben. Was ich etwa späterhin als wissenschaftlicher Schriftsteller hervorgebracht habe -- es ist so Weniges und so Mangelhaftes, daß ich fürchte es würde den theuren Mann beschämen, wenn er diese Worte vernähme -- dazu danke ich, nächst Gott, den ersten Antrieb und die erste Anregung ~Herder~. In diese lebendig, bis in die Tiefe aufgeregte Zeit meiner Jünglingsjahre fällt nun der zweite Brennpunkt meines Lebens, an welchem mein Innres die Frage vernahm und beantwortete »~wohin willst du~?«
Die Frage ließ sich zwar damals wiederholt vernehmen, es ist mir aber vor allem ein Moment in der Erinnerung stehen geblieben, in welchem, wie mir scheint, Frage und Antwort am lautesten sich begegneten. Ich erzähle was mir damals geschehen.
Es war ein Tag des eben beginnenden Frühlinges, ein solcher, der in allen Seelen das Vorgefühl eines Lebens weckt, das niemals aufhört, da wollte in mir das Heimweh, das bittersüße, nach dem Elternhause zum zweiten Male, und wie mir schien, innig tiefer als jemals erwachen. Ich stund, ganz allein, an dem kleinen See eines stillen Thales. Das Gewölk gegen Süd und Ost hatte sich leise geöffnet; ein röthlicher Schimmer schwebte am Horizont; ein röthlicher Strahl fiel aus dem Gewölk auf die Bäume am Ufer und auf den Spiegel des Sees; es war als wollte noch jetzt, am Mittage, der ganze Himmel in Morgenroth sich auflösen. Eine Schaar der erst neulich wiedergekehrten Vögel, die über den See flog, wurde nur gesehen, nicht gehört; die Lerche, als dürfte sie die Stille des Thales nicht stören, sang ihr Lied hoch in der Luft; das Gebüsch wie der Baum waren schweigend in das Geheimniß ihres Wachsens und Gedeihens versenkt; es war wie ein Warten in der Natur: ein Warten, das seinen Mund nicht aufthut, weil sich das sehnlich Erwartete schon nahet. Es sind dieses Stunden, da der Geist, welcher in der Natur webt und waltet, dem Geiste, der im Menschen lebt, mehr denn sonst sich nähert, deutlicher denn sonst sich ihm kund giebt. Das Sehnen das in dem heimwehkranken Herzen so eben noch von dem Elternhause sprach, schwieg, mit der schweigenden Natur; wie ein Wandrer, wenn er bei einer am Wege stehenden Menschenschaar vorüberkommt, welche unverwandt, in stiller Erwartung, nach einem vor ihr gelegenen Punkte hinblickt, unwillkürlich sein Auge dahinwendet, wohin die Andren sehen; so lauschte der innre Sinn des Jünglinges, von welchem wir hier, aus seinem eignen Munde erzählen, auf eine Stimme, die ihm sagen könnte, wohin dieses Warten der Natur gienge?
Die Frühlingssonne trat jetzt frei aus dem Gewölk hervor, da endete das Schweigen; die Nachtigall im Gebüsch begann ihr erstes Lied: das Lied, das nach dem Verlauf der Wanderzeit durch ferne Auen, die wiedererreichte Heimath begrüßt. Dem Jünglinge war es als sey heute sein innres Ohr geöffnet; als verstünde er die Sprache der Sängerin, die mitten in die Begrüßung der Heimath das Lob des Landes verwebte, aus dem sie so eben kam. »Ja,« so schien mirs lautete der Inhalt des Liedes, »ja das Wiedersehen der Stätte, die mich gebar, ist süß, und mächtig der Zug, der mich nach ihr zurückführte; mächtiger aber noch war jener, der mich im Spätsommer, als hier noch Feld und Gebüsch mit all ihrer grünenden Fülle geschmückt waren, hinwegtrug über Meer und fernes Land, in die Geburtsstätte der höheren Art, aus der sich am Morgen die Sonne erhebt und über die ihr Weg am Mittage hinübergeht. Das Sehnen, das zum Wandern treibt, weiß von einer doppelten Heimath: von jener, in der das einzelne, sterbliche Leben geboren ward und erzogen, und von einem andern, aus welchem das Leben Aller, das Leben des ganzen Geschlechts seinen Anfang nahm.«
Es war freilich nicht bloß das Lied der Nachtigall oder die begeisternde Kraft die in der Schönheit des Frühlingstages lag, sondern mehr denn beide war es ein innres, aus der Seele selber kommendes Bewegen, was in jener Stunde dem enger beschränkten Heimweh, das noch kurz vorher sich schmerzlich geregt hatte, eine neue Richtung gab; was dem Herzen auf die abermals wach gewordene Frage: wohin willst du? die Antwort einsprach: »in das Land des Aufganges der Geschichte meines Geschlechts.« Eine unbeschreibliche Lust zum Wandern, zum weiten Wandern hatte mich seitdem ergriffen; meine liebste Erholung von dem gewöhnlichen Werk des Tages war das Lesen von Reisebeschreibungen, und wenn im Herbst die kleinen Zugvögel auf der Heide sangen: »ziehe mit« -- »ziehe mit,« da konnte ich nicht widerstehen, ich ergriff den Wanderstab, und zog, so weit es gehen wollte über Berg und Thal, bis zuletzt, nach vierzig Jahren -- denn so weit liegt jener Frühlingstag meiner Jugend[5] schon hinter mir, es mir war, als ob der Wanderstab, den ich so lange rüstig geführt und bewegt hatte wohin ich wollte, jetzt mich, bei schon ergrauendem Haare erfaßte und mich führte dahin ich gehen ~mußte~. Ehe ich aber dieses Begebniß, so wie jenen entscheidendsten Augenblick meines späteren Mannesalters beschreibe, da in meinem Innern zum dritten Male die Frage gefragt und beantwortet wurde: »wohin willst du« muß ich zuerst noch über den Sinn der Antwort, die mir das zweite Mal auf jene Frage in Herz und Mund gelegt wurde, etwas Weiteres berichten.
Es wirkt nicht allein auf den Vogel ein zweifacher Zug zum Wandern: einmal nach dem besondren, engbeschränkten Bergungsplatz, da sein mütterliches Nestlein ist, und Nahrung für ihn und die Jungen, dann nach dem allgemeineren, weiteren, da die zahllosen Schaaren seines Geschlechts Bergung vor dem Winter und Fülle der Nahrung finden, sondern auch im Menschen regt sich ein ähnlicher, doppelter Zug des Heimwehes und der Wanderlust. Kaum giebt es ein Volk der Erde, in welchem nicht, wie ein Jugendtraum noch die Kunde nachtönte von einem Lande des gemeinsamen Ursprunges, von einer paradiesisch reichen, früheren Heimath seines Geschlechts, und in welchem diese Kunde nicht einen Zug des Heimwehs aufregte. -- Ein Berg war es, bewacht von geisterhaften Mächten: der Goldberg Meru, von welchem, nach der Sage der Inder, als von dem Wohnsitz der seligen Götter, der Ausgang des Schaffens geschehen; die Kunde von diesem Paradiese, dessen ewige Fülle von keinem Sturme bewegt ward, kleidete sich bei den Griechen in die Sage vom Lande der Hyperboräer; ein letzter Nachklang der alten Ueberlieferung war vielleicht selbst die Dichtung von der Nibelungen Hort. Wie die Magnetnadel in den Gegenden, die ostwärts dem physikalischen Erdpole liegen gen Westen, in denen die westwärts gelegen sind gen Osten hinweiset: nach dem Punkte, von welchem ihr lebendiges Bewegen ausgieng; so weiset uns ein altes Sehnen der Völker in Osten, wie die Stimme des sterbenden Confucius, wie der Stern jener Weisen des Morgenlandes nach Westen, während sich das Erwarten der Bewohner des Westens gegen den Aufgang, als auf das Land der Erfüllung hinwendet. Es ist dieses Heimweh des Menschen nach dem vormaligen, paradiesisch schönen Wohnsitz seines Geschlechts zum Theil selbst ein anregendes Element für die Wanderungen der Völker gewesen, welche im Reiche des Sichtbaren vergeblich nach dem suchten, das nur in einem Reiche des Höheren zu finden war. Und dennoch spiegelt sich ja immer, auch im Sichtbaren und Niedreren, das Höhere, nicht mehr im Bereich des Sichtbaren Liegende ab; es läßt sich wirklich, auch noch auf Erden eine Stätte bezeichnen, welche auf den Namen des Ausgangspunktes der Geschichte unsers Geschlechtes und der zunächst zu diesem gehörigen organischen Natur einen Anspruch machen kann.
Seitdem ~Paul Tournefort~ auf seiner Reise nach den Morgenländern an dem Ararat eine Welt im Kleinen kennen gelernt und beschrieben hatte, in welcher sich auf engem Raume fast alle Hauptformen des Pflanzenreiches beisammen finden: unten am Fuße des Berges die Gewächse des wärmeren Asiens, höher hinauf die des mittleren Europas, näher nach dem beschneiten Gipfel die Pflanzengeschlechter vom nördlichen Schweden und Lappland, hatte sich hie und da bei den Naturforschern die Vorstellung von einem, ich möchte sagen, Schöpfungsberge gebildet, der vielleicht wie eine Insel aus dem Gewässer hervorragend, die Stammformen der Geschlechter der organischen Wesen trug und hegte, die sich nachmals im Verlaufe der Zeiten über alle Gegenden der Erde ausbreiteten und fortpflanzten. Und in der That, an die von Tournefort veranlaßte Vorstellung werden wir noch von einer ganz andern Seite erinnert.
In dem Hochlande Armeniens, umgürtet und bewacht von der Wildniß, welche hier erhabener ist und gewaltiger als an andern Orten der Erde, liegt eine Gegend, auf die der Morgenglanz der Geschichte unsres Geschlechts seine ersten erhellenden Strahlen wirft. Einsam erhebt sich dort der Ararat über die Hochebene; ein Mittelpunkt des größesten Länderstriches der Erde, welcher vom Südende von Africa bis zum nordöstlichen Küstensaume von Asien reicht; ein Mittelpunkt des Zuges der Wüsten, wie der Gewässer, deren Stromgebiete von seiner Nachbarschaft aus nach allen Richtungen hin zu den Meeren und Seen im Norden und Westen, in Süden und Osten sich hinabsenken[6]. Die hehre Warte jenes Gebirges, das in seinen Umrissen einem Schiffe verglichen wird, erscheinet noch jetzt den umwohnenden Völkern wie den Bewohnern der westlichen Länder als eine Denksäule der großen Errettungen; als eine Stätte des Ausruhens von dem Ungestüm der gewaltigen Wasser. Denn hier, in dieser Gegend, war es, wo der übrig gelassene Sprosse eines älteren, zertrümmerten Stammes unsres Geschlechts zuerst wieder Wurzeln schlug; hier erbaute am Frühlingsmorgen des zweiten Weltentages Noah jene Hütten, aus denen, wie aus einem gemeinsamen Quellpunkte, die Ströme der Völker von neuem über die Länder der Erde sich ergossen.
Aber diese Gegend, in deren Thälern und Ebenen noch jetzt ein fast beständiger Frühling seinen Sitz hat, ist nicht bloß die Zeugin des einen, zweiten Frühlingsmorgens der Geschichte unsres Geschlechts gewesen; sie war auch Zeugin nicht nur, sondern Theilhaberin an der Herrlichkeit eines andern Tages, dem an äußerer Fülle und Lieblichkeit kein andrer Tag der Erde gleich kam. Könnten diese Berge und Thäler mit Worten von Dem zeugen, was einst in ihrer Mitte sich zugetragen, dann würde ihre Stimme ein Lied der Schöpfung nachhallen, bei dessen Tönen der Mensch einst zum Bewußtseyn seiner selbst und zum Anschauen Dessen erwachte, der ihn erschuf. Denn hier, diese Hochebene an den Quellen des Euphrat und Tigris, welche noch jetzt, vorzugsweise vor allen andren Punkten der Erdfläche, als das vermuthliche Vaterland unsrer Getreide- und Obstarten, wie der nützlichsten Hausthiere erscheint, wird uns von der heiligen Urkunde als die erste Heimath unsres Geschlechts; als die Stätte des Paradieses bezeichnet[7]. Noah, als er aus den Schrecknissen der allverheerenden Fluth hieher entrann, hatte seine Bergungsstätte nahe bei der Heimath der ersten Väter gefunden.
Und fürwahr, die Kräfte der frischesten Jugend der Menschennatur müssen sich, ein und das andre Mal, hier, wie in den nachbarlich angränzenden Ländern, in einer Stärke und Mächtigkeit geregt haben, wie kaum sonst in andren Gegenden der Erde; hier ward namentlich ein Bauwerk des Menschengeistes begründet, welches statt der Werksteine aus den Sternen des Himmels zusammengefügt ist; denn noch jetzt verräth das älteste System der Sternkunde durch die Anfügung seiner Elemente an die Grade der Breite dieses Erdstriches, daß es von da seinen Ausgang genommen. Riesenhaft groß und mächtig, dieß bezeugen selbst die wenigen übrig gebliebenen Trümmer, muß aber auch alles Das gewesen seyn, was, bald nach dem Beginn des zweiten, noachischen Weltentages, die Jugendzeit der Völker, dort, auf dem Tummelplatz ihrer ersten Thaten, aus irdischem Material erbaute. Das, was der spätgeborne Sohn des Westens bei dem Anblick von Baalbeck empfindet, in dessen Ringmauern Werkstücke von mehr denn sechzig Fuß Länge sich finden; das was er bei dem Anblick von Palmyra fühlt, das ist dennoch, was die Größe und Macht der Massen betrifft, nur ein schwacher Nachhall von Dem, was vormals in den östlicher gelegenen Ländern bestanden.
Wie ein einsamer Wandrer strömt der Euphrat an den Schutthaufen des alten Babylon, der Tigris an der Stätte vorüber, auf welcher einst das mächtige Ninive drei Tagreisen weit sich ausbreitete; statt der Menage der Städte die während ihres längst vergangenen Jahrtausends in dem Gewässer jener Ströme sich spiegelten, wirft jetzt die verödete, menschenleere Wüste ihren Schatten darein; nicht ein Drittheil, nicht die Hälfte, sondern mehr denn neun Zehntheile der Zahl der Seelen, die einst hier wohnte, und von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbte, sind von dem schweren Gericht der Zeiten, das diesen reichen Erdstrich traf, ertödtet und hinweggeräumt worden; zur Erde, in den Staub gefallen, sind die Sterne der irdischen Größe, welche einst hier leuchteten. Sollte jener große König, der im Gesichte der Nacht mit dem goldnen Haupte verglichen ward; jener König, der auf dem Dache seiner Burg wandelnd, vor Hochmuth trunken, sich des Anblickes »der großen Babel« freuete, »die er sich erbaut hatte zu Ehren seiner Herrlichkeit«[8], sollte dieser jetzt auf dem Trümmerhügel stehen, zu welchem seine Königsburg zusammengesunken ist, und um sich schauen, wie würde es da vor Dem ihm grauen, das einstmals seiner Augen Lust war. Den Lauf der langen, geraden Straßen, die sich meilenweit in Osten, meilenweit in Westen, seitwärts vom Strome des Euphrat, und eben so weit, seinem Laufe folgend, gegen Norden und Süden ausdehnten, bezeichnen anjetzt nur noch jene wall- oder rainartigen Schutthaufen, an deren Abhange sich die Schlange sonnet; Nebucadnezars, des Weltbeherrschers Pallast, in dessen Sälen Alexander, der Welterschütterer, starb, unterscheidet sich von den andern Trümmerhaufen, die an der Ostseite des Stromes liegen, nur durch seine bedeutendere Höhe und Ausdehnung; vergeblich suchet da das Käuzlein ein aufrecht stehendes Gemäuer, in welchem es sich vor dem blendenden Lichte des Tages verbergen könnte. Und wen sollte auch die grauenvolle Zerstörung aller der Bauwerke, welche die Ostseite der vormaligen Haupt- und Mutterstadt der Weltenreiche umfaßte, noch befremden, wenn er die Zertrümmerung jener ungleich colossaleren Werke der Menschenhand gesehen, die an der Westseite des Stromes stunden. Von Bagdad herkommend, haben mehrere frühere Reisende jenen Theil der Ruinen des alten Babylons, von denen wir jetzt reden, gar nicht beachtet, denn sie liegen drei Stunden Weges vom Ufer des Euphrat ab. Hier -- es war einst, nach der Beschreibung der Alten, die Mitte der Stadt, stund, selbst noch in den Zeiten der genaueren historischen Kunde, jener Birs Nimrud oder Thurm des Baal, welcher in acht terassenartig sich absetzendem Stockwerken, deren unterstes sechshundert Fuß im Durchmesser beherrschte, bis zur entsprechenden Höhe von sechshundert Fußen sich erhob; es umfaßte dieser Thurm in seinem mächtig weisen, unterem Ringe, den viereckten Tempel des Baal, dessen Umfang zwölfhundert, die Länge jeder der einzelnen Säulen dreihundert Fuß betrug; im Innersten des Tempels fand sich das vierzig Fuß hohe güldene (wenigstens mit dichtem Goldblech überzogene) Bild des babylonischen Gottes, für dessen unmittelbares, persönliches Annahen die Kammer des obersten Stockwerkes erbaut war. Doch dieser Thurm, den uns ~Strabo~ beschreibt, war selber nur ein Neubau, errichtet über den Trümmern eines Thurmes zu Babel, von dessen ältestem Bau die historische Kunde uns zwar kein Maaß der Fuße und Ellen, die heilige Urkunde aber ein andeutendes Bild gegeben hat, das den Schatten seines mächtigen Emporstrebens weithin über das Feld der Geschichte der nachkommenden Geschlechter wirft. Noch jetzt ziehet der Trümmerberg, der sich an der Stätte des denkwürdigen Gigantenwerkes emporthürmt, von Allem was die Zeit, deren Zuname das Vergehen ist, von der alten Babel übrig gelassen hat, das Auge des Wandrers am meisten an sich. Er erscheint als eine terassenartig emporsteigende Anhöhe, die zu unterst aus einem Schuttwerk von alten Bausteinen bestehet, welche, nach ~Ker-Porters~ Beschreibung und Ausdruck[9], wie durch ein Feuer vom Himmel, wie durch Blitze verglast sind, und vielleicht, daß dieser unterste Hügel der zerschmetterte Leichnam jenes ältesten Thurmes zu Babel ist, der sich die Höhe des Höchsten zum Endziel seines jugendlich übermüthigen Emporstrebens erlesen hatte. Oben auf der Mitte des Trümmerhügels giebt noch jetzt ein kunstreiches Gemäuer, aus den Zeiten der späteren assyrisch-babylonischen Weltherrschaft den wilden Thieren, welche in unsern Tagen die wüste Stätte des gesunkenen Thrones beherrschen, einen notdürftigen Schatten; ~Ker-Porter~ sahe bei einem seiner Besuche des Birs Nimrud zwei Löwen neben jenem Gemäuer stehen, welche erst bei dem lauten Geschrei, das seine arabischen Begleiter erhuben, sich entfernten.
Daß von Ninive, daß von der noch gewaltigeren Babel, deren Stadtmauern, ehe Darius Hystaspes sie erniedrigte, nach ~Herodots~ Angabe 350 Fuß hoch waren, fast gar nichts übrig geblieben als häßliche Schutthaufen, das darf uns nicht befremden. Das Material aus welchem zum größeren Theil jene uralten Städte erbaut waren, konnte ihnen keine lange Ausdauer sichern: es bestund aus Backsteinen, geformt aus dem feinen Thon der Euphratebene, verbunden mit Asphalt aus Is am Euphrat und mit Rohrlagen. Auch bei solchen Menschenwerken wird erkannt, daß der Anfang zwar von einem Antriebe ausgehe, der, im Vergleich mit jenem der den Fortgang bewirkt, von überwiegend mächtigerer geistiger Natur ist, daß aber die leibliche Basis mit welcher dieser Antrieb sich überkleidet, wie bei der Blüthe des Baumes eine leichter vergängliche sey, während später, nach dem Vergehen der Fülle der Blüthen die Früchte, sparsamer an Zahl und langsamer, zugleich aber auch in dauerhafterer Form heranwachsen. Uebrigens konnte auch Babylon, außer der Euphratsbrücke noch manche andre Bauwerke aus festerem Gestein umfaßt haben, deren Trümmer ein später bauendes Geschlecht von ihrer anfänglichen Stätte hinwegführte; denn aus den Ruinen jener alten Herrscherstadt haben[10], außer den vielen kleineren, drei namhafte Städte des späteren Altertums sich erbaut und ausgestattet: Seleucia der Griechen, Ktesiphon der Parther und Al-Maidan der Perser.
Siegreicher sind aus dem Kampfe mit den Verheerungen der Zeiten jene Werke der verständig und künstlich bauenden Menschenhand hervorgegangen, welche vormals um einen zweiten Thron der irdischen Herrlichkeit versammelt waren: um jenen, den das Geschlecht des Chus im Nilthale begründete; in dem Thale das so reich begabt ist mit allen Lieblichkeiten, mit aller Fülle und Kraft der Natur. Der Geist des Menschen hat hier, an der Gränze der Wüste, welche den beständigen Schlaf des Todes schläft, Denkmale seines lebendigen Bewegens hinterlassen, die noch jetzt in dem sie Betrachtenden eine lebendige Bewegung der Theilnahme erwecken, an einem irre gegangenen Sehnen der Menschenseele, welches das Leben, das ohne Ende ist, da gesucht hatte wo dasselbe nie gefunden wird: bei den Gebeinen der Todten. Riesenhaft mächtig dann, wie das ungestillte Sehnen des Menschengeistes, erheben sich jene Pyramiden, neben deren fast unzerstörbar festem Gebäu schon weit mehr denn hundert Geschlechter den Menschen geboren wurden und sich niederlegten zur langen Ruhe des Grabes. Auch die Ruinen der alten Königsstadt Theben, welche noch jetzt einen Umkreis von neun Stunden Weges erfüllen, tragen eine Beachtung erweckende Macht in sich, die mehr in der Bewegung des Suchens, als in der befriedigten Ruhe des Findens oder Gefundenhabens ihren Grund hat. Denn wenn der Geist des Wanderers jene Memnonskolosse »Tama« und »Chama«[11], welche hoch über den Akazienwald des alten thebanischen Gefildes hervorragen; wenn er jene riesenhaften Sphinxe, deren Reihen zwischen Luksor und Karnack eine weithin laufende Allee bilden[12]; wenn er die Bildwerke der Tempel und Grabgewölbe des alten Aegyptens fraget: »wohin schauet euer Auge so unverwandt?« -- Da antworten jene: »wir sehen des Lebens Ende, wir schauen den Tod an.« -- Wenn dann der Geist des Wandrers weiter fragt: »was suchet ihr bei dem Tode?« -- Da sprechen jene »wir suchen bei ihm die Lösung des Räthsels, das in der Brust des Menschen stehet.« -- »Und wie heißt das Räthsel?« -- »Es heißet Ewigkeit.« -- »Habt ihr bei dem Schweigen der Gräber die Lösung gefunden?« -- »Der Staub, den gestern der Wind verwehte, sagte zu uns, ich kenne sie nicht; der Splitter des Todtengebeines, dem unsre Kunst Ewigkeit zu geben wähnte und mit welchem nun die Hand des spätgebornen Fremdlings ihr Spiel treibt, sprach: ich weiß nicht was ewig ist.«
Wir haben erst einen Theil der Fernansicht jenes Landes des Ausganges der Geschichte unsres Geschlechts betrachtet, von welchem damals, als zum zweiten Male die Frage: »wohin willst du?« in mir laut wurde, die Antwort sprach. Näher als alle Herrlichkeiten und Werke der schaffenden Menschenhand lagen damals dem Jüngling jene noch unvergänglicheren Herrlichkeiten und Werke, welche der bedenkende, schaffende Geist namentlich bei dem Volke der Griechen und Römer geweckt und zur Vollendung gebracht hat. Ninive's Stätte und Nebucadnezars Königspallast konnten keinen so anziehenden Reiz für mich haben, als Homers liebliches Vaterland, als der hohe Ida und Troja's verödete Küste. Jene Lehren uralter Weisheit welche man einst in Aegyptens Tempeln vernahm, oder welche die chaldäische Sternkunde auf Babylons künstlich bereitete Steine schrieb, mögen allerdings hehren, reichen Inhaltes gewesen seyn; näher aber und vertrauter sind dem nach Erleuchtung verlangenden Geiste jene offenkundigen Lehren, welche die Weisen von Athen nicht im verschlossenen Innern der Tempelgewölbe, sondern hier im Schatten der Platane, dort beim freundschaftlichen Mahle und selbst mitten im Geräusch der öffentlichen Volksversammlungen Jedem, der offnen Sinnes für ihre Worte war, verkündeten. Das Andenken an Ninus und Semiramis ausgedehnte Herrschergewalt, oder an Nebucadnezars stolze Macht, konnte mich nicht so rühren, als die Beschreibung von des alten Roms Einfalt der Sitten und innerer Kraft; die Ufer von Salamis und Marathons Gefilde können es bezeugen, wie weit überlegen die eigne durch ernstes Streben erworbene Kraft des Armes jener Macht sey, welche der im Purpur erwachsene Despot des Morgenlandes durch die Menge der bei der Geburt ihm zugefallenen Arme der Sklaven empfieng.
Ueberhaupt zog mich namentlich zu den Griechen und Römern nicht bloß die Verwandtschaft der äußern Form und der innern Richtung mit der meines eignen Volkes hin, sondern ein jugendliches Wohlgefallen an jener jugendlich selbstthätigen Kraft, die sich, wie der Adler des Fluges, so der Arbeit und des Sieges über das feindlich hemmende und beschränkende Element freut. Denn während die vormals herrschenden Völker am Euphrat wie am Nil zunächst nur des Genusses und Besitzes jener Güter pflegten, in deren Fülle, wie in einem wohlgesicherten väterlichen Erbtheil, sie geboren waren, mußten und wollten die Völker des Westens mit der Mühe der Hand das Eigenthum sich erwerben. Dem Westen und höherem Norden, wohin diese kräftigen, unter sich nahe verwandten Völker sich ausbreiteten, konnte auch äußerlich der fruchtbringende Boden nur im männlichen Kampfe des Armes mit den schwer durchdringlichen Waldungen und mit den wilden Thieren in ihrem Innren abgewonnen und durch immer sich wieder erneuernde Arbeit im Bau erhalten werden. Hier giebt es keine Palmen, die dem Schläfer unter ihrem Obdache ihre Früchte fast mühelos darreichen; selbst den Sprößling des Obstbaumes und den Saamen des Getraides mußten die Völker, welche hier ihre Wohnstätten aufschlugen, mit sich aus der alten Heimath des Ostens herüberbringen. Wie das edle Metall des Nordens und das nützliche Eisen ist da Alles als ein Keim, welcher der Menschenthat zu seiner Belebung bedarf, im Boden verschlossen, oder muß durch den rüstigen Arm, mit Jagdspieß, Bogen und Fischernetz erbeutet werden. Selbst in dem Gebiet des Wissens betrat das kräftige Volk des Westens, durch eigne Wahl, zuerst die Bahn eines selbstständigen Forschens; die Güter jener Tempelweisheit, welche den Völkern des Ostens ohne ihr Zuthun, als ein ererbtes Gut aus dem Mund und der Hand der Väter gekommen waren, diese verarbeiteten sich namentlich die Griechen durch eignes Sinnen und geistiges Bemühen; so zeigte sich in jeder Hinsicht der Stamm der Völker, welcher im Westen des mittlern Asiens und diesseits des Bosporus und des Archipelagus herrschte, neben jenem, der auf Sinears und Aegyptens üppigem Boden wurzelte und waltete, wie ein kräftig männliches Geschlecht, neben dem minder kräftigen, nicht männlichen.
Die heilige Urkunde nennt uns drei Hauptstämme des nun auf Erden angesiedelten Geschlechtes der Menschen, welche, nach der allverheerenden Fluth, in das Geschäft der Besitznahme und des Wiederanbaues der Länder sich theilten, und in der That sind es drei verschiedene Richtungen des Bewegens und der äußren Gestaltung, in welche, von frühester Zeit an, die Masse der Völker sich scheidet.
Wir betrachten zuerst jene Verschiedenheit, welche die innerste Wurzel der Menschennatur angehet: die Kraft und Aeußerung des Denkens und Erkennens. Daß der Mensch nicht ursprünglich, so wie er aus der Hand seines Schöpfers hervorgieng, ein Thier, mit Anlage zur Vernunft, sondern umgekehrt ein vernünftiges, denkendes Wesen, mit Anlage zur Thierheit gewesen sey, das beweist uns jeder vergleichende Blick auf die älteste wie neuere Entwicklungsgeschichte unsres Geschlechts. Der Mensch war ein Denkender und Sinnender, weil er ein Sprechender war; der Geist des Erkennens, der Geist aus Gott, wodurch er von dem Thier sich unterschied, war das Wort, war die Sprache. Daß diese nicht von niederem, thierischen Anfange, sondern höheren, geistigeren Ursprunges sey, das bezeugt uns die Betrachtung der ältesten bekannten Sprachen; die tiefe Vielsinnigkeit ihrer Worte, die Kraft ihres Ausdruckes. Wie die Pyramiden Aegyptens und die Herrlichkeit des alten Thebens zu den bequemen, aber keineswegs großartigen Bauwerken einer modernen Gewerbstadt, verhalten sich die uns bekannten Sprachen des ältern Orients und die des klassischen Alterthums der Griechen und Römer zu den jetzt lebenden, sogenannt gebildeteren Sprachen. Mit Recht hat man gesagt, daß allein in der vielseitigen Bedeutung und Zusammenfügung der Worte der hebräischen und samscretamischen Sprache ein ganzes System der Philosophie verborgen liege. Daß in jenen frühesten Menschenaltern, von denen die historische Kunde weiß, nicht ein halbthierischer Instinkt die Bauwerke am Euphrat und am Nil, wie am Ganges hervorgebracht habe, sondern ein tief bedenkender Verstand, das zeigen uns die Nebengebäude der geistigen Art, die bei jenen steinernen bestunden: die Sternkunde der alten Chaldäer, wie der Aegypter und Inder.
Während die Wissenschaft bei den Völkern aus dem Stamme Japhets, wie wir oben sahen, zwar als das Erzeugniß einer höheren Begeisterung, zugleich aber als ein Werk des einzelnen Menschen erscheint, und Allen zugänglich ist, nennt uns die Tempelweisheit der Völker des Ostens aus den Geschlechtern des Sem und des Cham keine einzelnen, menschlichen Erfinder ihrer geistigen Werke, sondern sie spricht nur von einem höheren, göttlichen Ursprung derselben; die Verwaltung der Güter des höheren Wissens ist zunächst in die Hände eines einzelnen Standes: des Standes der Priester gelegt. Doch eben hiebei zeigt sich ein neuer, bedeutender Unterschied zischen dem erwählten Saamen aus dem Stamme Sems und den Völkern aus Chams Geschlecht. Das Haus des Sem blieb fortwährend auf dem festen Grunde des höheren, geistigen Anfanges erbaut; nicht bloß die eigne Aussage, sondern die That und Kraft seiner Geschichte bezeuget es, daß dasselbe wie ein Kind und Erbe in fortwährender, lebendiger Verbindung mit den Kräften des ewigen, väterlichen Ursprunges blieb. Wie eine Felsenwarte, aus deren Ruhesitz die Quellen des Thales hervorbrechen und deren Gipfel dem Wandrer der Wüste zum Richtpunkt des Weges dienet, stehet Sems friedliche Hütte mitten in dem mühevollen Treiben der Urgeschichte der andern Völker da; Sems Geschlecht wußte in der That von einer andren höheren Lust zu zeugen[13] als von der Lust der Sinnen. Dagegen war in Chams Völkern, so wie diese im Spiegel der Urkunde und Geschichte uns erscheinen, von Grund aus eine andre innere Richtung, welche vorherrschend auf den Genuß und Besitz Dessen hingieng, das die Sinne ergötzt und was der leiblichen Natur des Menschen herrlich und groß erscheint. Dieser innre Zug führet notwendig zur Abhängigkeit unsres Wesens von der Lust und dem Bedürfniß der Sinnen, und wie sich aus dem Schooß der Sklaverei und neben dieser stets die Herrschsucht entfaltet, so wird jene Richtung mittelbar eine Begründerin der Weltenreiche und ihrer Eitelkeit. Ihr entsprechend und sie begünstigend ist dann auch die Wahl des äußern Wohnortes gewesen. Denn wenn irgend eine Gegend der Erde geeignet erschien den Zug nach dem Besitzen und Genießen der Herrlichkeit der Welt auf sich hinzulenken, so war dieß jene, die hinabwärts am Euphrat und Tigris und hinanwärts am Nil sich ausbreitet. Hier aber, wie bald nachher am Ganges, schlug vor allem Chams Geschlecht seine Wurzeln; Nimrod, der Sohn Chus, des Sohnes Chams, so erzählt uns die heilige Urkunde hatte in Sinear (Babylonien) das erste Weltenreich begründet, während Mizraim, Chams Sohn, Aegypten zur Stätte seiner Herrschermacht erkohr.
An dem einzelnen Menschen wie in der Geschichte ganzer Völker wird es erkannt, daß die Kräfte unsrer Natur in der Gluth des Sehnens nach dem nahe liegenden Sinnlichen am frühesten reifen; am frühesten zu einem Zustand der äußern Vollendung und der raschen Beweglichkeit nach dem Ziele jenes Sehnens gelangen. Dieses frühe Reifen zu einer vollendeten Form der Staaten und einem Gipfelpunkt der Herrschergewalt zeigte sich namentlich auch bei den Völkern aus dem Geschlechte Chams. Denn diese waren es, wie wir eben gesehen, welche mitten in der Fülle des irdischen Paradieses in Mesopotamien und am Nil, jene vorhin erwähnten Bauwerke errichteten, welche, noch in ihren Trümmern, nicht minder von der Geschicklichkeit der bauenden Hände als von der unumschränkten Gewalt der Herrscher zeugen. Sie waren es auch, welche zuerst von Phöniziens Küste aus, weithin über das gefahrvolle Meer den Gang nach der Herrlichkeit und den Schätzen der weiter abgelegenen Länder wagten.
Wie viel langsamer und später, und dennoch dann wie viel kräftiger und selbst mächtiger entwickelte sich der Keim, der in Japhets hartem Geschlechte lag, das die Ströme seiner Völker über die Länder des Westens und Nordens ergoß. Es hatte dieses Geschlecht die Kräfte eines doppelten Segens mit sich aus dem gemeinsamen Hause der Väter genommen: den der weitern Verbreitung über das freie, dem Scepter der Weltenreiche des Cham nicht unterworfene Land der Erde und jenen der einstigen Wiederkehr zu Sems friedlichen Hütten. Die Kraft des letzteren Segens war es, welche Japhets Geschlecht auf dem labyrinthischen Wege seiner Mühen einen Faden der Ariadne in die Hand gab: einen Zug des Heimwehes nach der Ruhe im Vaterhause, der zuletzt aus dem Kampfe der Schwerter zum Frieden, aus dem Dunkel des ungewissen Sehnens zum Licht führte.
Die nordische Edda giebt uns in einer ihrer Sagen, in der von ~Gangler~, dem weitgereisten Könige, ein treues Abbild jenes Geschlechtes der vielgeschäftigen Männer: des Geschlechtes Japhets welches Freude hatte an dem Gedeihen des selbstgepflanzten Keimes und an dem Genießen der selbsterbeuteten Lust, und welches deshalb in der Wissenschaft, die es sich selbst neu erschuf, wie im Leben von der That des Armes wie des Geistes sich nährte. Gangler, der königliche Wandrer, war aus der Ferne hergekommen, zu forschen nach der Weisheit Urstätte; nach des Werdens verborgenem Anfang und Ende. Gefunden hat er endlich den Ort, von dem eine dunkle Kunde ihm sprach; die sichtbare Vorhalle, da das Göttliche dem Menschlichen sich nahet. Das Thor der mächtigen Burg ist ihm aufgethan; aus ihren Sälen vernimmt er die lauten Stimmen vieler Sprechenden, ein Getös der Waffen. Er tritt in den ersten Saal aus dem das Tönen der sprechenden Stimmen kam und findet ihn leer; die Sprechenden, er hört dies deutlich, sind im angränzenden Saale. Er kommt in diesen, aber auch da ist wieder Alles stumm und leer. So zieht er, im vergeblichen Suchen nach dem Anblicke der Redenden, dem Laute nach, durch manchen der Säle, bis er näher nach dem Innern der Burg gelangt, vor sich Schaaren der spielenden Helden erblickt, welche sich vergnügen an dem Emporwerfen und Wiederauffangen der spitzigen, scharfen Schwerter. Durch die Tausende der stürzenden Schwerter, welche so dicht fallen als Flocken des Schnees, gehet sein Weg hin; er wandelt ihn furchtlos. Da öffnet sich ihm die Thüre zum innersten Gemach. Hier ist Frieden und Stille; das Getös der Stimmen wie der Waffen wird nicht mehr gehört; auf dem Throne sitzen, von ruhigem Lichte beleuchtet, jene Drei, welche jetzt Drei dann wieder Einer sind: Har, Jafnhar und Tredie; hier vernimmt der Forschende das Geheimniß des Seyns und der Schöpfung Kunde; hier findet er das ersehnte Ziel des langen, vielfach irrenden Wanderns.
Seit jenem Frühlingstage am stillen See, da in mir die Wanderlust nach der Heimath im höheren Sinne: nach den Stätten des Ausganges der Geschichte unsres Geschlechts so mächtig erwachte, war mehr denn ein Jahrzehend vergangen; die Zeit des Lebens war von der Morgenstunde hinweg, dem Mittage näher gerückt. Mir, wie vielen Andren aus Japhets Geschlecht, war das geschehen was uns die Sage von Gangler im Abbilde darstellt. Wir suchten weit herum im Lande nach einer Weisheit, an deren Fülle der Geist ein Ausruhen und Frieden finden könnte, und siehe ein Ende des Weges -- es war wie ein Gemäuer, das uns nicht weiter ließ -- schien erreicht. Da hörten wir ein Gerede vieler Stimmen; wir giengen dem Gerede nach, denn durch die Vielen, so wähnten wir, konnte man vielleicht die sichre Kunde vernehmen von dem was wir suchten. Aber das Gerede der Vielen, wenn wir näher traten, zerstob in ein leeres Nichts, auch das Gedräng der Noth, wenn es gleich den spitzen Schwertern der Kämpfer, in Ganglers Sage, dicht wie Schneeflocken auf uns herabfiel konnte nichts Andres als unsre Schritte nach dem Ort des Friedens und des sichern Ausruhens beschleunigen. Endlich fand sich das, was wir suchten, in der stillen Kammer, die jenseit des Lärmens der vielen Stimmen wie der Waffen, im Innersten des Hauses lag.
Ein Räthsel war mir auf dem Wege den mein Sehnen nach den Stätten des Aufganges, mein Wandeln über das Feld der Geschichte unsres Geschlechtes nahm, aufgefallen, davon hätte ich die Lösung gerne gewußt; das Räthsel wie doch das, was durch eignen, inwohnenden Zug seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen konnte. Denn wenn aus der Mitte der Menschenzeiten jenes äußerlich so unscheinbare Ereigniß hinwegfiele, das einst in Bethlehem, in Jerusalem statt gefunden, was wäre dann aus der innern Verwesung geworden, in welche die herrschende Welt der Heiden mit all ihrer äußern Bildung und Herrlichkeit am Ende des zweiten Weltentages versunken war? Giebt es auch wohl unter den Heilmitteln unsrer Menschenweisheit eines, welches kräftig genug wäre das Todte, das schon so weit von der Fäulniß eines allgemeinen Verderbens ergriffen war, wieder zu erwecken und dasselbe zur Jugendfrische und Gesundheit zurück zu führen?
Vor diesem Räthsel stund ich noch sinnend, da kam die Stunde, da zum dritten Male in meinem Leben in meinem Innren die Frage gefragt und beantwortet wurde: ~wohin willst du~? Es ist diesmal nicht zunächst von einem äußren, sondern von einem innren Ereigniß die Rede, welches der wörtlichen Erzählung sich entziehet; ich gebe deshalb, statt eines äußerlich thatsächlichen Berichtes von der Geschichte jener Stunde, ein Bild der innren Gestalt derselben, wie dieses in dem Spiegel eines Vergleiches sich darstellt; eines Vergleiches der jedoch Vielen von Denen, welche mit mir die Geschichte jener Tage erlebten, aus denen ich Ein einzelnes Moment hervorhebe, leicht verständlich seyn wird.
Es war eine Nacht -- ich meine die dunkelste meines Lebens; -- der Himmel war mit Gewitterwolken bedeckt; mit dem Laut des Donners vermischte sich ein Rasseln in der Luft, wie das des nahenden Hagels; Blitze zuckten von allen Seiten hervor; kehrte der Wandrer, von dem Leuchten, das aus Osten kam, gescheucht, sich zurück nach Westen, da schreckte ihn eine andre stärkere Flamme, die aus dem Westen hervorbrach; hinter der Gefahr, die aus Norden drohete, machte sich unverzüglich die andre auf, die von Süden ausgieng. Das arme Land war damals[14] von den Kriegsvölkern eines äußern Feindes zertreten; der Weinberg, wo man sonst, wenn etwa die Stadt ein Gedräng der Noth traf, eine Stätte der Bergung und der Sicherheit gefunden, war von innren Feinden -- von den Weingärtnern selber[15] -- verwüstet; er war zu einem Anblick des Entsetzens und des Eckels geworden[16]. Ich suchte, getrieben von innrer Angst, nach einem Obdach; nach einer Lagerstätte in der späten Nacht, denn mein ganzes Haupt war krank, das ganze Herz war matt. »Da kam ich an einen Ort, der einem Häuslein im Weinberge, einer Nachthütte im Kürbisgarten«[17] glich. Ich hörte da die Stimme eines Rufenden, welche zu Dem sprach, Der da hält Bund und Gnade Denen die Ihn lieben und die seine Gebote halten[18], eine Stimme welche die Schuld der Weingärtner und des ganzen Volkes bekannte, das sich zur Feindschaft seines eigenen väterlichen Erbes und des heiligen Berges verkehrt hatte. Mitten unter den Tönen der Stimme des Rufenden hörte man die eines Kampfes, welchen Einer, der von Natur schwach war, mit dem Starken zu kämpfen wagte. Und siehe, jener siegte über den Starken, als er, statt der eignen Waffe, die Waffe des Starken erfaßte, welche dieser ihm willig abtrat, weil der Kampf ein Kampf des Liebenden mit dem Geliebten war[19].
Ich trat hinein in die Nachthütte des Kürbisgartens und fand da eine vom Feinde noch unbesiegte, »übrig gelassene« Stätte[20] des Ausruhens. Hier war ein festes Obdach gegen den niederstürzenden Hagel; das Zucken der Blitze leuchtete nicht hinein; der Donner war jenseits der Berge verstummt. In mir war es, durch die Stimme des Rufenden, mehr aber noch durch die Nähe Dessen, mit dem der Rufende den Kampf des geistigen Sehnens gekämpft hatte, Friede geworden; eine Stunde der Ruhe war gekommen, wie ich sie seit Langem nicht genossen. Der Morgen leuchtete herein; sein Strahl fiel gerade auf das Bild jenes großen Ereignisses, das in Bethlehem, das in Jerusalem statt gefunden, und siehe, der Augenblick war vorhanden, da ich an und in mir selber die Lösung des Räthsels erfuhr: wie das Herz das durch eigenen, inwohnenden Zug seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen könne. Das »kranke Haupt« war eben noch geneigt; von dem Ausruhen gestärkt richtete es sich jetzt empor; siehe da war mirs als vernähm ich zum dritten Mal in meinem Leben die Frage: wo willst du hin? und die Antwort war fast eine ähnliche als sie würde gewesen seyn, wenn jemand in meiner Kindheit, im Hause der Eltern mich so gefragt hätte. »Wo sollte ich hingehen,« so lautete sie jetzt, »was ich gesucht das hab' ich nun.« Die Ruhe in der sichern, stillen Stätte that wohl; sie diente zur Stärkung und Bekräftigung des Hauptes wie der Glieder.
Der Herr des Weinberges, bei welchem es mir vergönnt war meine Hütte zu bewohnen, hatte mich indeß zu dem Geschäft eines Boten bestellt, welcher gebraucht ward um etwa da und dort ein Gewürzkraut der Berge, einen Stein zum Bauen oder auch Blumen zur Erquickung und Belehrung der Kinder des Hauses herbei zu holen. Wenn ich dann in der Stunde des frühen Morgens, da der Thau auf dem Felde lag, oder am späten Abend über Berg und Heide gieng, da war ich fröhlich, denn ich wußte, mein Gang sey nach Seinem Geheiß. Oefter wurde es mir auch freigestellt, in der Nähe oder in der Ferne den Ort selber zum Ziel meines Weges zu erwählen, wo ich den heilsamen Enzian oder die balsamische Lilie des Thales reichlicher zu finden meinte. Und so geschah mir es auch jüngsthin da ich rufend in meiner Hütte stund und darüber nachsann wohin der etwa weitere Gang am meisten sich lohnen möchte, daß ich abermals gefragt wurde: wohin willst du? Da erwachte auf einmal wieder -- und er durfte dieses -- in seiner ganzem Macht und ersten Richtung der alte Trieb zum Wandern und die Antwort auf die Frage lautete diesmal wieder ähnlich jener, die mein wanderlustiger Sinn in der Zeit des Jünglingsalters auf dieselbe Frage gab: »Ich will mich aufmachen nach der Stätte des Aufganges und der Geburt, nicht des Lebens des Einzelnen, sondern des Lebens Aller, damit ich beim Sammlen der Gewürzkräuter, wenigstens in der lebendigen Erinnerung an das, was hier geschehen, die Kräfte des Sehens mit eignen Augen, des Berührens mit eignen Händen erfahre.«
Das Ziel der Pilgerreise, die auf diese Weise doch noch, nachdem der Keim des Vorsatzes so lange im Boden verborgen gelegen, zur Ausführung kam, habe ich bereits bezeichnet. -- Es war ein kleiner, armer Fleck der Erde, bewohnt von einem durch eigne Schuld sehr verachtetem Volke, wo es der ewigen Weisheit gefiel den Grundstein zu einem geistigen Gebäu zu legen, welches das wahrhaft erlangte, was jener alte Thurmbau zu Babel in seinem Uebermuth vergeblich erstrebte: ein Hinansteigen des Irdischen und Menschlichen zu dem Himmlischen und Ewigen. Das was etwa ein Wandrer, der mit »Ganglers« Sehnen, weit über Länder und Meere nach dem Lande der großen Verheißungen und ihrer Erfüllung kam, dort findet, das sind freilich keine Pyramiden Aegyptens, es sind keine Tempelhallen oder Königsgräber von Theben, sondern es ist da nur ein verödetes Erdreich, benetzt von den Thränen der Tausende, welche hier nicht eine Stätte der großen Menschenwerke, sondern der Wunderthaten Gottes begrüßten. Aber es ruhet noch eine besondre Kraft in diesen verödeten Steinen, in dem Anblick dieser Höhen und Thäler; eine Kraft, welche, wie Elisa's Gebein den Todten, den man darauf hinwarf, so die Erinnerungen zum Leben erweckt, wenn sie auch fast erkaltet und todt im Herzen schliefen. Wer hat nicht erfahren, welches neue kräftige Leben der Anblick der Gräber oder der Wohnstätte der längst verstorbenen Eltern den Gefühlen der dankbaren, kindlichen Liebe gab, wenn er einmal, nach langem Verweilen in der Fremde die Heimath wieder besuchte. Und in der That, das was in den Thälern und auf den Höhen Judäa's sich bezeugte, das war ja mehr als Vatertreue, mehr als Mutterliebe. Darum möge man auch dem alten Wandersmann, der in den nachfolgenden Blättern seine Reise nach den Ländern des Aufganges beschreiben will, es zu gute halten, wenn er nicht bloß manches äußerlich unscheinbare Blümlein, sondern selbst die dürren Grashälmchen und Keime an seinem Wege je zuweilen in dem rosenfarbenen Lichte einer sich selber nicht mehr beherrschenden Liebe betrachtet; in dem Lichte das über jenem Frühlingstage seiner Jugend leuchtete, an welchem, wie er vorhin erzählte, der so spät zur Ausführung und Reife gekommene Gedanke zu dieser Reise zuerst, im Innren, zu keimen anfieng.
II. Reise nach Constantinopel.
Abreise von München nach Wien.
Wenn der Alpenjäger noch spät am Abend die gähe Felsenwand hinanklimmt und die Herbstsonne war so dunkelroth untergegangen als wollte auf die Nacht ein Nebel kommen, da ruft ihm sein Nachbar aus der Hüttenthür bedenklicher und nachdrücklicher als sonst sein »behüt dich Gott« zu. Der Weg, den der alte Wandersmann am 6ten September 1836 antrat schien von nicht minder bedenklicher Art als der des Jägers über die Alpenwand bei später Abendzeit; denn wenn man schon sechs und funfzig Jahre alt ist, da geht es auch auf den Abend zu, und als das Anzeichen eines nahen Nebels, der am Weiterziehen hätte hindern können, ließ sich wohl die Kränklichkeit betrachten, die den Wandrer in den letzten Monaten vor Antritt der Reise heimgesucht hatte. Darum sahen ihn viele seiner Freunde und Nachbarn ungern ziehen und auch der treuen Hausfrau, die nöthigenfalls dem alten Genossen selbst zum Tode folgen wollte, kam diesmal der Ausgang aus der Heimath härter als jemals an.
Das Haus war bestellt; nicht bloß wie vor einer großen, sondern, wenn es Gottes Wille wäre, wie vor der größesten Reise, von welcher keine Wiederkehr mehr möglich ist; der letzte Schlaf im lieben, eignen Kämmerlein, wenigstens für lange Zeit, war vorüber; der Reisewagen stund bereit. Noch einmal ein Blick zurück, auf alles Das was die Trennung schwer, ja unmöglich machen würde, wenn es da überhaupt eine Trennung gäbe; und nun die Hand frisch an den Pflug gelegt und nicht mehr umgeschaut.
Du muntre Isar, wenn ich an deinem grünen Wasser saß, da sehnte ich mich so oft nach der Stunde, da ich deinen ganzen Weg mit dir machen dürfte, der zuletzt, nach so manchen Hemmungen und Krümmungen, vereint mit dem der Donaufluth in dem weitab in Osten gelegnem Meere sich endet, darinnen der hohe Caucasus sich spiegelt und dessen südöstliche Küste an das Nachbarland der Armenischen Hochebene gränzt. Und siehe da die Stunde ist jetzt gekommen wo ich mich dir als Reisegefährte anschließen darf; als ein Mitwandrer nach dem Lande des Aufganges.
Der Morgen war wunderschön und heiter; wir genossen seines vollen Glanzes, da wir jenseits der Isarbrücke die Anhöhe erreichten und nun der Zug der Alpen weithin in Süden sich entfaltete.
Die Masse der Hochgebirge ziehet nicht bloß das schwebende, todte Bleiloth und das fliegende Gewölk gegen sich; sie bewegt auch mit unwiderstehlicher Gewalt die Empfindung des Menschen; man weiß daß selbst Blinde ein deutliches Gefühl von der Annäherung des Gebirges hatten. Der Anblick der Alpen macht auf die Seele, wenn diese es gelernt hat die Sprache der Natur in die des Geistes zu übersetzen, immer einen wohlthuenden Eindruck; er hebt sie empor wenn sie niedergebeugt, er bewegt sie freudig, wenn sie durch Traurigkeit der Welt gebunden und gelähmt ist, denn es scheint als ließen sich bei dem Anblick zugleich die Worte eines alten Liedes vernehmen: »ehe denn die Berge wurden ... bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit«[21]. Und in der Seele antwortet darauf eine Stimme: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe kommt«[22]. -- Wer nun auch bekümmerten und beschwerten Gemüthes den Weg von München nach Salzburg und von da weiter nach Wien machte, den müßte wohl, sollte man denken, schon der Anblick der hohen, herrlichen Alpenkette, die er bei heitrem Himmel fast immer zu seiner Seite erblickt, aufmuntern und freudig stimmen. Auch auf uns hatte heute, wie schon so manch andres Mal, der Ausblick auf die Berge diese Wirkung. Wie ein Vogel, der dem Käfig entronnen, endlich die Fittiche zum langersehnten Fluge bewegt hat und der nun, ausruhend in den sichren Zweigen des Eichbaumes sein erstes Lied singt; so feierte die Seele im Anblick der hehren »Werke« welche das Auge neben sich sahe, und der Mund sang seine gewohnten Lieder.
Erst jetzt auf dem Wege und auf den Stationen des Ausruhens gab es wieder Zeit und Ruhe genug um mit den Reisegefährten, die sich für diese Pilgerfahrt mit uns verbunden hatten, ein Wort zu reden; denn in dem Drange der letzten Tage vor der Abreise hatte man sich kaum gesehen, noch weniger gesprochen. Auch der Leser, der sich im Geiste der Reisegesellschaft anfügen will, muß diese Gefährten kennen lernen, denen er hoffentlich in der Folge noch manchen freundlichen Blick zuwenden wird.
An das ältere Paar der Wandrer, an mich und meine Hausfrau, hatte sich vor allem diesmal ein jüngeres: ein Paar von Freunden angeschlossen, deren Seele von der innigen Zuneigung zu einem und demselben hehren, schönen Gegenstand entzündet und bewegt wird: von der Liebe zur Erkenntniß der Natur und des Waltens jener ewigen Weisheit, die sich dem redlich forschenden Sinne in den sichtbaren Werken kund machet. Beide, +Dr.+ ~Johannes Roth~ und +Dr.+ ~Michael Erdl~ sind ihrem ganzen innren und äußerem Berufe nach Naturforscher und Aerzte. Sie sind dem Ziele ihrer jugendlich kräftigen Zuneigung schon über manchen Berg und durch manches Thal nachgegangen und auch jetzt ist es vor allem dieses Eine, was sie zur Mitreise nach den Morgenländern bewegt. Zu diesen Vieren hatte sich, schon von München aus, noch ein andrer Freund gesellt: der fleißige und geschickte Architectur- und Landschaftsmaler ~Martin Bernatz~, der durch seine vielen, treuen Zeichnungen dem schnell vorüber eilenden Fluße der äußren Erscheinungen, welche uns auf dieser Reise begegneten, ein festes Bestehenbleiben für die Erinnerung verlieh. Für diese Fünf, welche gleich von dem ersten Schritte der Reise an gemeinsam das Angesicht wie die Herzen gerichtet hatten nach dem Lande des Aufganges, bedurfte es keiner längeren Bekanntschaft und Zusammengesellung um sie in Einklang mit einander zu bringen; sie glichen schon daheim fünf Saiten eines Saitenspieles welches die Hand eines guten Tonkünstlers an einander gefügt und gestimmt hat, zu einem Liede das von Freude und Frieden singet, und so blieben sie dieß auch im fernen Lande. -- Für die kürzere Strecke des Weges, von München nach Salzburg, hatten sich uns überdieß noch mehrere andre, nahe befreundete Begleiter zugesellt.
Mit Freuden begrüßten wir bei ~Wasserburg~ (dem alten +Pons Aeni+) den Inn, den kräftigen Jüngling unter den vaterländischen Flüssen, welchem eines der merkwürdigsten und schönsten Thäler von Europa zur Heimath verliehen ist und der seinen Ursprung von einem Elternpaare der Gebirgsstämme herleitet, das die Reihe seiner Ahnen bis zu den altberühmten Hochrücken des Taurus und des Antitaurus hinanführen kann. Denn das Innthal, das zusammen mit jenem der Adda eine fortlaufende, tief einschneidende Kluft durch die Alpen, von der oberdeutschen bis zur oberitalischen Hochebene bildet[23], ist nichts andres als die natürliche Abgränzung des südistrischen, vom Antitaurus herkommenden, und des apenninischen, vom Taurus auslaufenden Gebirgszuges[24]; jener begleitet und nähret durch seine zuströmenden Wasser den Inn von der rechten (südlichen), dieser von der linken (nördlichen) Seite. Selbst bei Wasserburg hat sich der nun seinem Ende nahende Verlauf des Flusses noch einzelne Spuren seiner majestätischen Schönheit erhalten. Aber es will hier freilich Abend werden mit dieser Schönheit; statt der hehren Alpen, deren beschneite Häupter weiter aufwärts in sein Thal herabblicken, statt der gähen Felsenwände, die sich, bei Finstermünz, nahe zusammengerückt die Stirne bieten, zeigen sich hier nur noch niedere Berge und bald verlieren auch diese sich in hügliches Land. Die Abendsonne warf einen verklärenden Schein über Thal und Höhen und mit ihrem glänzenden Taglauf war auch unser unscheinbarer, kleiner Taglauf in ~Frabertsheim~ geendet; klein wie er auch gewesen, war er doch ein Schritt vorwärts, auf dem Wege nach dem Ziel.
In ~Salzburg~, der mir so wohlbekannten, lieben Stadt[25] gab es am andren Abend, beim Hofwirth zum Mirabell, eine zahlreiche, fröhliche Familientafel, denn zu unsrer aus München gekommenen Reisegesellschaft fand sich hier noch eine andre, von jungen Freunden, die vor uns die Vaterstadt verlassen hatten und von einer eben beendeten Alpenreise ausruhten. Ein Nachklang der Gespräche der letzten Tage vor unsrer Abreise lebte auf; noch einmal erfüllte mich das ganze, volle Gewicht der langen Trennung von dem mir so eng und nahe anliegenden Kreise meines gewöhnlichen Wirkens und Lebens.
Wir hätten keinen schöneren Tag für unsren diesmal nur kurzen Aufenthalt in Salzburg haben können als den 8ten September. Der Himmel war heiter und rein; die Alpen stunden in voller Klarheit vor uns, neben und zwischen ihren hellglänzenden Höhen lag das tiefe Dunkel des Engpasses am Lueg wie ein verschlossenes Haus da, dessen Bewohner noch schlafen, während die muntren Nachbarn umher schon längst Thüren und Fensterläden ihrer Wohnungen dem hellen Tage geöffnet haben. Es war heute Festtag (Mariä Geburt); auf den Gassen und in den Kirchen zeigte sich überall ein fröhliches Gedränge der festlich gekleideten Städter und Landleute. Auch der Mönchberg, den wir noch während der kühleren Morgenstunden bestiegen, war mit seinem Festtaggewand bekleidet: mit dem Grün, durchwirkt von dem farbigen Schmucke der mannichfaltigen Blumen, unter denen das rosenröthliche Cyclamen schon aus der Ferne durch seinen lieblichen Duft sich verrieth. Wir erquickten uns lange an der hehren Aussicht, die sich bei dem Herumgehen um die Höhe des Berges auf jeder Seite neu gestaltet und entfaltet, dann suchten wir eine andre Aussicht auf, welche, wenn auch nicht das äußre, leibliche, doch das innre, geistige Auge in noch weitere Fernen führte als die vom Gipfel des Berges.
Es fand sich diese Fernsicht in einem Eckzimmer des Lustschlosses Mirabell, an das sich für den alten Reisenden manche tiefanregende Erinnerungen knüpfen. Hier ward (am 1ten Juni 1815) ein König geboren, dessen Scepter, zugleich mit der Form welche die Herrschergewalt bezeichnet, die Bedeutung des Pilgerstabes vereint, auf welchen der Wandrer, der nach den Stätten des Aufganges zieht, sich stützet; ein Wandrer, dessen jugendliches Haupt mit dem Diadem zugleich die Palme umschlingt, welche mitten in des Kampfes Last und Mühe vom Lohne des Siegers spricht. Bedeutungsvoll erscheint der lebendig gewordenen Erinnerung Alles, was von jenem Zimmer aus das Auge siehet. Aus dem Fenster, das sich gen Süden öffnet, zeigt sich jenseit des Gartens, dessen Blumenbeete als ein Symbol der lieblichen, sorglos spielenden Kindheit, unmittelbar an das Haus angränzen, da das Auge zuerst dem Licht sich öffnete, zuerst die gute Stadt, wie ein Bild der schönen, reichen Heimath; hinter ihr aber erhebt sich, ohne merklichen Uebergang, mit plötzlichem, gähen Ansteigen im Südost -- als sollte dies die künftige äußre Richtung des Lebens andeuten -- der Fels mit dem hohen Kreutze: dem Panierzeichen des östlichen Königreiches; ihm gegenüber die fest auf ihrem Berge gegründete Burg, und zwischen beiden siehet das Auge hinaus in den engen, dunklen Weg der nach dem Lande des Südens führt: in den Paß Lueg.
Der Tag war heiß geworden; auf den Höhen in Südwesten sammelten sich Gewitterwolken; wir wollten den Regen, mit welchem das Thal der Salzach so oft und so reichlich gesegnet ist, diesmal nicht mit der sonst so werthen Gegend theilen und unser Weg war noch ein weiter: darum machten wir uns noch heute, bald nach Mittag, zur Weiterreise auf. Bald hatten die Alpen rings umher ihre Nebelkappen aufgesetzt, doch blickten noch unter dem tiefgehenden Gewölk die Umgegend des Mondsees und der waldige Höhenrand, der den Attersee umgürtet, in ihrer ganzen Anmuth hervor, bis mit dem Dunkel der Nacht der Regen zugleich über das Thal hereinbrach. Erst spät erreichten wir das Nachtlager in ~Frankenmarkt~, das mit all den Bequemlichkeiten reichlich versehen war, welche der spät ankommende, vor allem der Ruhe bedürfende Fremdling begehrt.
Der Regen war mit der Nacht vorübergegangen, nur noch einzelne Wolken hatten sich zwischen den waldigen Hügeln am Attersee verspätet, welche, als die höher steigende Sonne ins Thal vordrang, eilig den Rückzug nach den Hochgebirgen antraten, wo sich ihr zerstreutes Heer noch einmal sammlete. Der Eindruck, welchen die Gegend zwischen Frankenmarkt und Lambach, das wir am Mittag erreichten, auf die Sinne des Reisenden machet, gleicht jenem, den ein lebhaftes Gespräch in einer geistreichen, großen Gesellschaft hervorbringt, das vom näher Liegenden und Gewöhnlichen auf das Höhere und Entferntere und von diesem wieder aufs Nähere übergeht, über Alles aber, was es im Vorübergehen beleuchtet, einen Glanz der Anmuth ausstrahlet. Mit dem reichen Wiesengrund der Thäler wechslete die weite, freie Aussicht auf den Höhen der Hügel; mit dem Anblick der wohlbebauten Ebene jener des gähen Alpenrückens. Hier rechts im Gebirge, das im Süden über das hüglige Land hervorblickt, hat ein altes Ehepaar von Naturmächten seine Wohnstätte aufgeschlagen, welches keinen bei ihm zusprechenden Wandrer ohne das Gastgeschenk einer reichen, tiefeingeprägten Erinnerung von sich lässet: die Erhabenheit des Hochgebirges vermählt mit der Lieblichkeit des grünenden Thales, hat sich die Gegend des Traunsees zu einem Ruhesitz erlesen, der auch auf das Gemüth des hier verweilenden Fremdlings öfters einen eigenthümlich beruhigenden Einfluß übet. -- Am Nachmittag erfreuten wir uns an dem Betrachten des lebendigen Verkehres, den die neu angelegte Linzer Eisenbahn der Welser Heide gebracht hat; ~Kleinmünchen~, das wir zum Nachtlager erwählten, erinnerte wenigstens durch den Anblick der vielen biertrinkenden Gäste, die sich unter Rauchwolken des Tabaks in der geräumigen Wirthsstube versammlet hatten, an die bürgerlichen Abendunterhaltungen des großen Münchens. Uns ward ein Bergungsort vor dem betäubenden Nebel in einem kleinen, freundlichen Nebenzimmer angewiesen.
Der zehnte September war einer jener Tage der Reise, da mit dem äußren Laufe auch der innre auf eine recht merkliche Weise gefördert ward. Bisher war es mir öfter gewesen, als wenn sich mehr nur der Leib, im Wagen sitzend, vorwärts bewege nach Osten, die Seele aber noch nicht recht dabei, sondern zurückgeblieben sey im Westen, bei mancherlei Geschäften und Sorgen des Hauses. Heute aber kam die Verspätete nach und nahm wirklichen, wachen Besitz von dem Glücke, das sie bisher nur wie im Traume genossen hatte; von dem Bewußtseyn, daß sie nun endlich wirklich auf dem Wege nach dem langersehnten Ziele sich befinde. Vielleicht liegt selbst in der historischen Bedeutung der Gegend, durch welche wir heute kamen ein Element das den Zug des Heimwehes nach der Stätte des Aufganges anregt und verstärkt, denn hier in der Nähe, bei ~Enns~, war jene alte Pflanzstätte des Christenglaubens, die schon in den Zeiten der ersten Jahrhunderte von dem Morgenlicht des neuen, geistigen Lebens bestrahlet war, während das Land rings umher noch tiefe Nacht bedeckte. Hier stund einst das römische ~Laureacum~ (Lorch), welches die Füße der Boten, die da Heil verkündeten, schon in den Zeiten des zweiten Jahrhunderts betraten; das der gottgeweihte Bischof Maximilian, im dritten Jahrhundert mit dem Wort des Lebens erfüllte und wo der christliche Kriegsheld Florian, im Wasser der Enns, den Zeugentod starb. -- Noch jetzt hat sich Unterösterreich, in das wir nun jenseit der Enns hineintraten, die Gestalt einer fruchtbaren Pflanzstätte, gleich wie ein äußeres Abbild oder wie einen Namen der großen Zeit, die einst hier lebte, erhalten: es gleichet, durch seine reichen Obstbaum-Anlagen, einem großen, schönen Garten. Besonders am Nachmittag, jenseit ~Strengberg~ ergriff uns Alle, mit ganz besonderer Macht, die Lieblichkeit des Herbsttages, die erhabene Schönheit des Landes. Die Zinnen der steyerischen Alpen, zum Theil mit frisch gefallenem Schnee bedeckt, glänzten im Wiederschein der Abendsonne; ein erfrischender Wind regte die Zweige der Bäume und die Blumen des Feldes auf; aus der Nähe wie aus der Ferne ließen sich die Töne der Vesperglocken vernehmen. Mir war es als verkündeten mir diese Töne nicht nur das Annahen des morgenden Sonntages, sondern ein Annahen an das Land, das der Woche ihren Sonntag, das dem mühseligen Treiben des Menschengeschlechtes die Ruhe des Sabbathes gab. War ich doch wenigstens einige Schritte vorwärts auf meinem Wege gekommen und jeder neue Schritt sollte mich dem Ziele näher bringen. Ich ruhete freudig in dem Gedanken, daß ich nun wirklich, endlich einmal das Angesicht gewendet habe, zu wandeln nach Jerusalem und daß ich nicht eher es wieder zurückkehren werde nach Westen, bis ich das Ziel erreichte. Das zuversichtliche Hoffen das mich, mit ganz besonderer Kraft, in diesen Stunden ergriff, hat den ganzen, weiteren Weg meiner Reise wie ein Morgenstern beleuchtet und ist mir selbst in den Stunden des kleinmüthigen Zagens auf dem Meere vor Rhodus noch ein innrer Quell der Beruhigung geworden.
Am 11ten September, einem Sonntag, näherten wir uns schon frühe den hier ganz besonders lieblichen, reichbegabten Ufern der Donau. Bald eröffnete sich uns, in ihrer ganzen Herrlichkeit, die Aussicht nach dem bergigen Lande das im Norden des Flusses ansteiget und auf jeder neuen Höhe zu der es emporwächset, mit wohlgebauten Dörfern und Flecken, mit zierlichen Landhäusern und Lustschlössern der neuern Zeit, wie mit Burgruinen der alten, längstvergangenen sich bekleidet. Ueber den Wein- und Obstgärten schmücken grünende Saatfelder die Stirn der Hügel, den Scheitel des Hochlandes bedeckt die Fülle der Waldungen; in der That die Wallfahrtskirche von Maria Taferl konnte keinen, zum Hinansteigen auf ihre Höhen einladenderen Punkt sich erwählen, als diese grünende Stufenleiter der Thäler und Hügel, welche hier der letzte Abfall des böhmisch-mährischen Urgebirgs bildet. Ihm gegenüber, in Süden, zeigt sich von der Höhe herab, welche die Straße an einigen Punkten besteigt, der Zug der Alpen; näher heran der grünende Hügelzug am Ufer der Erlaf.
~Mölk~, mit seinem prächtigen, auf einem Granitfelsen thronenden Kloster wird mit Recht für einen der schönsten Anhaltspunkte der Donaugegenden gehalten. Der Fels, auf welchem es gründet, erhebt hier seine gähe Wand 180 Fuß hoch über den Wasserspiegel des Flusses; an seinem nördlichen Abhange und Fuße liegt das Städtlein, dessen äußerer Gestalt man leicht die Wohlhabenheit und Ordnungsliebe der Bewohner anmerkt. Das Kloster -- eine Abtei der Benedictiner, wurde zuerst im Jahr 984 durch Leopold den Erlauchten begründet, sein jetziger prachtvoller Bau: im sogenannt italiänischen Stile ist das Werk des berühmten Baumeisters Prandauer aus St. Pölten und ist nur wenig über hundert Jahre alt. Es findet sich hier die Familiengruft der Babenberge; in der Kirche eine Reihe von Frescogemälden aus Rothmayers Hand; eine treffliche, weitberühmte Orgel; im Klostergebäude selber eine reiche Bibliothek mit einem Codex des Horaz, neben ihr eine Münzsammlung, so wie ein, mit vaterländischen Gegenständen wohlversorgtes Naturalienkabinet, auch einige schätzenswerthe ältere deutsche Gemälde, namentlich von Lucas Kranach. Zu der herrlichen Aussicht, die sich im Garten des Klosters darbietet, möchte man, wäre dies möglich, gar gerne öfter wiederkehren. Zunächst am gegenüberliegenden Ufer des Flusses zeigt sich, unter der Ruine Weideneck, das kaiserliche Landhaus Lubereck in edler Einfalt und Anspruchslosigkeit der äußern Form, als wollte es mitten unter den Herrlichkeiten der äußern Natur, welche es umgeben, die Aufmerksamkeit des Reisenden nicht stören; nicht auf Menschenwerk hinlenken. Denn in der That diese Gegend ist geeignet das Auge zu beschäftigen und zu vergnügen; sie darf sich, was Naturschönheiten betrifft, mit mancher der lieblichsten Ansichten des Rheinthales messen. Das Engthal in das der Strom hier mehr nach Norden gewendet sich hineindrängt: die ~Wachau~ genannt, ist an seinem untern Saume mit Weinbergen, höher hinan von Obstgärten und Waldungen umgürtet; die Menge der römischen Ruinen, wie der noch jetzt blühenden Ortschaften, die grauen Gemäuer der alten, zerstörten Burgen des Mittelalters neben den schöngebauten neuen Schlössern und Landhäusern bezeugen es dem Vorüberreisenden, daß der eigenthümliche Reiz dieses Thales nicht bloß für einzelne Stunden die Theilnahme aufs Höchste zu steigern vermöge, sondern daß er in alter wie in neuerer Zeit kräftig genug gewesen sey eine Menge der fleißigen Bewohner an sich zu ziehen und sie aufs reichlichste zu begaben. Unfern von Lubereck hat sich Emmersdorf an die Stätte einer alten, römischen Niederlassung gebettet; ihm gegenüber öffnet sich das Thal der Bielach in jenes der Donau; hoch auf einem Felsen, an dessen Fuß das Wasser des Flusses mit lauter Strömung sich bricht, stehet das Schloß Schönbühel und auf seinem weitern Verlaufe gegen Krems hin ziehet der Strom an den Ruinen des einst übermächtigen Raubschlosses Aggstein, dann an der Felsenwand der sogenannten Teufelsmauer, endlich, näher an Krems an dem alten Gemäuer des Dürrensteins vorüber, auf welches die romantische Sagenzeit des Mittelalters ihren farbigen Schimmer fallen läßt, denn hier ward Richard Löwenherz gefangen gehalten. Doch fällt auf diese Berge und Thäler auch noch ein andres, höheres Licht der Geschichte, welches mehr noch als jenes der Sonne die Kraft in sich trägt nicht bloß zu erhellen, sondern zugleich auch zu erwärmen und zu beleben. Dort in den waldigen Gebirgen gegen Mähren und Böhmen hin haben einst Cyrillus und Methodius ein festeres Gebäu begründet als alle diese alten und neuen Städte oder Schlösser des Landes waren, das Gebäude des Christenglaubens, welches später weder die Wuth der heidnischen Fürstin Drahomira noch die Macht ihres Sohnes: des Brudermörders Boleslav, noch alle Macht und Feindseligkeit des Heidenthumes wieder zu zerstören vermochte. Und selbst der Ort welcher der Betrachtung hier am nächsten liegt, die Benedictinerabtei Mölk war in älterer wie in neuerer Zeit eine Wohnstätte und Pflanzschule für Männer, welche mit dem Licht des Erkennens die Kraft des Glaubens vereinten. Diese Kraft war es welche im Jahr 1683, als das Heer der Türken die Hauptstadt und das ganze umliegende Land so hart bedrängte und ängstete, den damaligen Prälaten von Mölk, ~Gregorius Müller~, zu einem Retter der Stadt und des Klosters machte. Denn er wußte, durch sein Beispiel, den Muth der wenigen, aber tapfern Bürger so kräftig anzuregen und so weislich zu leiten, daß alle, sich öfter erneuernde Angriffe der Feindesschaaren zurückgewiesen wurden.
Wir kehrten von dem Besehen des Klosters und seiner Umgegend wieder nach dem Städtlein selber zurück. So sehr uns auch die Aussicht vom Klostergarten heraus an die Ufer des Rheines erinnert hatte, so wenig vermochte dieß der hier einheimische Wein zu thun, den wir im Gasthaus genossen. Der Reisende der auf der Donaufahrt durch den Anblick der üppig grünenden und fruchttragenden Weinberge, die zwischen Mölk und Krems die Ufer bedecken, entzückt wird, muß es nicht versuchen an diesem Entzücken des Auges die Zunge Theil nehmen zu lassen. Er darf es nicht vergessen, daß der meiste Wein dieser fruchtbaren Reben nur zur Essigbereitung benutzt wird und daß namentlich Emmersdorf, dessen Weinberge so anlockend schön ins Auge fallen, durch seine großen Essigsiedereien berühmt ist.
In St. ~Pölten~ das wir zeitig am Nachmittag erreichten, bemerkten wir schon deutlich den Einfluß welchen die Nachbarschaft der großen, reichen Kaiserstadt auf ihre Umgegend ausübt; die Wirthstafel war mit vornehm erscheinenden Gästen und Speisen besetzt; das Tischgespräch hatte zu seinem Inhalt die jüngsten Tagesneuigkeiten der Hauptstadt. Uebrigens wäre St. Pölten auch ohne die Nähe der Hauptstadt ein nicht unansehnlicher Ort, denn es ist der Sitz eines Bischofes und Domcapitels, so wie Kreisstadt des Ober-Wienerwald-Viertels und überdies der gewöhnliche Aufenthaltsort eines Regimentsstabes. Den großen Hauptplatz ziert eine 63 Fuß hohe Säule; die Domkirche enthält Gemälde von Altamonte. Die alten ehrwürdigen Stadtmauern haben in früheren Zeiten manchem Anlauf der Feinde widerstanden; im Jahre 1683 wurde St. Pölten durch eine kleine Reuterschaar vom Dünewaldschen Regiment gegen die heranstürmende Uebermacht der Türken geschützt.
Die Aussicht nach der Steyrischen Alpenkette, welche sonst die Ebene von St. Pölten darbietet, war uns durch das immer mehr sich verdichtende Gewölk verschlossen; bald ergoß sich der Regen in Strömen und trieb uns unter das freundliche Obdach des Posthauses von ~Perschling~.
Der Regen war ein bald vorübergehender gewesen; der erste Eindruck der großen, schönen Kaiserstadt sollte uns ein unverwischt lieblicher und erfreuender werden, die Nähe von Wien empfieng uns mit einem freundlichen Angesicht des Himmels. Wir hatten den Weg des heutigen Tages (am 12ten September) mit der aufgehenden Sonne zugleich angetreten; die Bäume, vom Morgenwind bewegt, schüttelten die nächtliche Last des Regens von sich; aus den grünenden Wiesen stieg ein leichter Nebel auf, der sich über das Gebüsch der Hügel ergoß; ein etwas dichterer umzog noch das Gebirge, bald aber hatte die wärmer scheinende Sonne die Scheidung der oberen, blauen Veste, durch welche ihr Pfad gehet, von der unteren, grünenden der Erde, auf welcher der Fuß des Menschen wandelt, vollendet und das Wasser als fallenden Nebel an seine eigentliche, untere Wohnstätte zurückgewiesen. Wie oft habe ich später, im weitren Verlauf dieser Reise, mit einem im eigentlichen Sinne dürstenden Sehnen an solche Naturscenen mich erinnert, wie die war, welche wir an jenem Morgen vor uns sahen und wie sie in den vaterländischen Gegenden so oft und häufig auftreten. Diese Fülle des fließenden, des niederträufelnden, des in jeder Vertiefung des Bodens und auf jedem Blatte stehenden Wassers und dagegen die dürre, wasserlose Oede des nach Erquickung lechzenden Bodens der arabischen Wüste! Was wäre das arme Erdreich, mit all seinen in dasselbe hineingelegten Lebenskeimen, ohne das ernährende Wasser; aber was wäre auch das Wasser der Erde, wenn nicht ein Licht von oben, das der Sonne, seine belebenden Kräfte in dasselbe hineinlegte.
Der letzte Ausläufer des Kahlenberges, eines Abkömmlinges der Alpenkette, lag jetzt vor uns; auf einer der Anhöhen zu der sich unser Weg erhob, öffnete sich uns zur Linken die Aussicht nach der Donauebene gegen Tuln und Klosterneuburg, zur Rechten die nach den weiter entfernten Reihen der Gebirgshäupter. Wir hatten aber jetzt nicht mehr Zeit noch Neigung zur Rechten oder zur Linken, das was in der Ferne lag zu betrachten, denn zu mächtig zog uns der Anblick des Nahen und des vor uns Liegenden an. Neben unserem Wege die Menge der Landhäuser und ihrer Gärten, die lieblich auf den Anhöhen und in ihren Thälern gelegenen Dörfer und Lustörter, vor uns die Thürme und Häusermasse der prächtigen Stadt. Bald sahen wir uns innerhalb ihrer Thore und gegen drei Uhr waren wir schon, wenn auch nur für wenig Tage, Bewohner derselben, die sich, im guten Gasthof zur Stadt London, so wohl versorgt und einheimisch fühlten, als in einem eignen, seit Jahren bewohnten Hause.
Die noch übrigen Stunden des wunderschönen Nachmittages benutzten wir um eine vorläufige Bekanntschaft mit der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zu machen. Aus dem muntren Gedränge einiger der schönsten und besuchtesten Hauptplätze gieng ich, mit meiner lieben Begleiterin hinaus auf den Wall. Ich hatte da, gerade heute, noch etwas ganz Besonderes, mir sehr Werthes aufzusuchen und zu thun. Ohne daß ich vorher daran gedacht, noch weniger aber ohne daß ich dieß absichtlich so eingerichtet hatte, war ich an einem Tage und in Stunden dieses Tages nach Wien gekommen, die meiner Erinnrung aus der Geschichte dieser Stadt in besonderer Tiefe und Frische eingeprägt sind[26]. Heute vor hundert und drei und fünfzig Jahren, gerade als die Noth der von den Türken hart geängsteten Stadt am höchsten gestiegen war, kam die Stunde der Errettung aus des Feindes Hand. An der Stätte der alten Löbel- und Burgbastey stehend, ließ ich, so weit ichs vermochte, das Andenken der ganzen Reihe jener Begebenheiten aus der Geschichte der damaligen Leiden und Freuden Wiens an mir vorübergehen. Einen Monat lang hatte die verhältnißmäßig kleine Schaar der Belagerten durch Wunder der Tapferkeit den Andrang der Hunderttausende der Feinde von den Mauern der Stadt zurückgehalten, als am 12ten August eine feindliche Mine die äußerste Ecke des Burgravelins zerstörte. Zwar wurde an diesem Tage der zweistündige, wüthende Sturm der Türken zurückgeworfen und bis zum 16ten August der Einbruch ihrer Schaaren in den Graben verhindert, dann aber durchbrach die Wuth der übermächtigen, immer neu andringenden Feinde den Damm der Gegenwehr; ihre Haufen ergossen sich, über die Leichname der Ihrigen, in den Löbelgraben, den sie besetzten und von wo aus nun ihre unmittelbar an der Contrescarpe errichteten Batterien die Mauern der Stadt beschossen. Dennoch hielt der Muth der Belagerten sich und die sinkende Stadt noch aufrecht, obgleich das Schwert der Feinde, mehr aber noch eine unter der zusammengedrängten Volksmenge ausgebrochene ruhrartige Seuche Viele der Kämpfer hinweggenommen oder zum Kampfe unfähig gemacht hatte. Als aber nun durch die ungeheure Gewalt der Minen, welche die Türken am 4ten, am 6ten und am 8ten September springen ließen, zuerst die Spitze der Burgbastei und eine fünf Klaftern lange Strecke der Courtine, dann sogar die beiden Façen der Löbelbastei sammt einem vierzig Fuß langem Theil der Stadtmauer, endlich der größeste Theil dieser Bastei selber zerschmettert und in Schutthaufen verwandelt waren, da schien der nahe Untergang der Stadt unvermeidlich. Zwar hatte diese, statt der gesunkenen Mauern mit dem unerschütterlichen Glaubensmuth ihrer christlichen Kämpfer sich umgürtet und der vom Großvezier selber geleitete furchtbare Sturm vom 6ten September wurde mit großem Verlust der Stürmenden von der Macht dieser unscheinbaren Schutzwehr zurückgeworfen, auch war es gelungen eine Kreuzmine des Feindes zu entdecken und unwirksam zu machen, die in der Nacht zum 9ten September der Burgbastei Zerstörung drohete; dennoch konnte man es nicht hindern, daß der Feind vom Graben aus allenthalben in die wankenden, zerborstenen Gemäuer sich hineinwühlte. Da schien denn doch endlich der Kahlenberg jene feurige Sprache der Angst und Noth zu verstehen, welche die bekümmerte Stadt bisher jede Nacht durch unzählige aufsteigende Raketen mit ihm gesprochen hatte und man sahe besonders vom 9ten September an von seinem Gipfel antwortende Raketen emporsteigen, welche die Annäherung des verbündeten Heeres und durch dasselbe die Rettung Wiens verkündeten. Endlich als am letzten Abend dieser angstvollen Woche die Sonne noch im Scheiden das Gehänge des Kahlenberges beschien, sahe man auf seinen Höhen von der Stadt aus die ersten Vorposten der Verbündeten, deren Stücke schon auf einige Feindeshaufen zornig herabblitzten. Da eilte Alles, was noch gehen konnte, auf die Zinnen der Häuser, auf Mauern und Thürme, um sich an diesem seit neun Wochen bang ersehnten Anblick zu weiden, und alsdann in die Kirchen um Gott für die nahe Rettung zu danken.
Einen schöneren, mehr zur Andacht stimmenden Sonntagsmorgen hatten die damaligen Bewohner Wiens wohl niemals erlebt, als der jenes 12ten Septembers war, welcher ihnen die Hülfe brachte in der großen Noth. Da sie beim Anbruch des Tages »ihre Augen aufhuben zu den Bergen,« von denen ihnen diese Hülfe kam, erblickten sie auf dem Gipfel des Kahlenberges eine Fahne, an der sich auf rothem Grunde ein weißes Kreuz zeigte, um den Belagerern sowohl als ihren Drängern anzudeuten, wessen Sache jenes Heer vertheidigen solle, das sich, so weit nur das Auge reichte, über den ganzen Rücken des Berges hin verbreitet hatte und welches nun allmälig nach dem Thale herabzuziehen begann. Freilich war dieser Sonntag für die Belagerten sowohl als für das befreundete Heer noch keineswegs ein Tag der Ruhe; das Volk der Janitscharen, das die Laufgräben erfüllte, schien die letzte Anstrengung der wüthenden Tapferkeit zu versuchen, um noch vor der Ankunft der Verbündeten in die hier mauernlose Stadt einzudringen, welche sie ohne ihr und sich ein Ausruhen zu gönnen, durch Bomben und Steinwerfen, Miniren und Anstürmen aufs Aeußerste bedrängten. Auf der andern Seite mußte auch das Heer der Retter, welches der Zahl nach kaum ein Drittel so stark war als das der Türken, jeden Schritt seines Vordringens durch die vom Feinde besetzten Hohlwege, Schanzen und Steinhaufen mit manchem Heldenblut und gewaltiger Anstrengung erkaufen. Endlich am Mittage hatte es die Ebene erreicht; der linke Flügel, geführt von dem Herzog von Lothringen und dem alten Kriegshelden Golz, mit der schweren sächsischen Cavallerie und mehreren andren wohlgeübten Truppen hatte sich den schwersten Theil des Tagwerkes: den Kampf mit der Hauptmacht der Janitscharen erlesen, deren Gegenwehr durch die kriegserfahrensten, tapfersten Baschen aufs Höchste gesteigert wurde; den Kern des verbündeten Heeres bildete die bayerische Armee, zu der sich, wie zum linken Flügel, die Blüthe des deutschen Adels aus allen Gegenden des Vaterlandes gesellt hatte; am rechten Flügel kämpften die Schaaren der Polen, geführt von ihrem edlen Könige Sobiesky. Unter dem Herzog von Lothringen, auf dem linken Flügel des Heeres, begann der Kampf zuerst und war zugleich am furchtbarsten und ausdauerndsten, bis zuletzt Prinz Ludwig von Baden die sächsische Cavallerie zum Absitzen ermahnte und mit ihnen und einigen kaiserlichen Regimentern sich den Weg nach der Roßau und hiermit auch ins feindliche Lager und zur Stadt bahnte. So hatte denn auf dieser Seite das Heer der Unsrigen zuerst die Süßigkeiten eines Sieges geschmeckt, welcher nicht von armseliger Selbstsucht herbeigewünscht, sondern von dem Sehnen aller rechten Gottesfreunde herbeigebetet worden war; bald drang auch der Mittelpunkt der verbündeten Armee, die sich in allen ihren Bewegungen nach denen des linken Flügels gerichtet hatte in die Flanke des Feindes und als nun selbst der heldenmüthige König Sobiesky mit frischen Truppen gegen diesen anrückte, wurde derselbe zuerst ins Lager zurückgeworfen, dann aber durch die Flucht seines von Lothringens Schaaren geschlagenen rechten Flügels mit fortgerissen in die gleiche Eile des Entfliehens.
So war denn jener zwölfte September, dessen Andenken wir heute, da er sich jährte, dort auf dem lieblich von der Abendsonne beleuchteten, jetzt mit allen Gaben eines langen Friedens geschmückten Walle feierten, ein Tag des großen Heiles und der innigen Freude für Wien geworden. Ich hatte, als wollte ich auch noch die Fußtapfen der großen Begebenheit am Boden erblicken, so lange und unverwandt nach dem Kahlenberg, auf den sich jetzt die untergehende Sonne niedersenkte, hinübergeschaut, daß ich ganz geblendet, das Nahe kaum mehr erkannte; erst in dem fröhlichen Getümmel der Straßen und Hauptplätze über die wir noch giengen, fand sich die Erinnrung und der bemerkende Blick für das gegenwärtige Heute und seine Erscheinungen wieder.
Die Dämmerung war schon eingebrochen als wir uns aus dem Treiben und Geräusch der Straßen wieder zurückzogen auf unsre stillen Zimmer; das Bild aber von Dem, was wir heute gesehen, leuchtete noch lange in unsrer Seele fort, und in den Gesprächen an der Wirthstafel, an der wir heute Abend mit unsern Reisegefährten ganz allein waren, verwandelte sich das mannichfache Getöne der Stimmen und der rollenden Wägen, das wir noch so eben gehört hatten, in einen Nachklang, welcher wie ein fröhliches Lied lautete, denn uns Allen war es in dieser großen, volkreichen, für unsre Sinnen noch ganz neuen Stadt in den wenigen Stunden, welche wir da gelebt hatten, schon so vertraulich wohl geworden, daß wir, wäre der Zug nach dem fernen, großen Ziele der Reise nicht so mächtig gewesen, Wochen statt der einzelnen Tage hätten verweilen mögen.
~Wien.~
Statt eines eigentlichen Capitels meiner Reisebeschreibung gebe ich hier nur eine Ueberschrift, zu der sich Jeder, der selber zu sehen Gelegenheit hat, aus eigner Anschauung oder Erinnrung den Text hinzufügen kann. Denn des noch künftig zu Beschreibenden, weniger Bekannten, ist noch zu viel, und überdieß wäre die Aufgabe für den Beschreiber zu schwierig; denn wie von einem Maler der sich unterfängt, das Portrait eines allbekannten, geehrten Fürsten zu malen, würde man von ihm ein treffend ähnliches Abbild verlangen und dazu hat mir der große, schöne Gegenstand meiner Beschreibung zu kurze Zeit gesessen, indem wohl Monate nöthig seyn möchten, um alles Sehenswerthe der Kaiserstadt und ihrer Umgebung zu sehen, uns aber hierzu für dieses Mal nur vier Tage gegeben waren.
Das was sich uns von jedem Besuch einer vorhin noch nie gesehenen Gegend oder Wohnstätte der Menschen am ersten, und zugleich am tiefesten in die Erinnrung einprägt, ist zuletzt doch nur Das, was selber in der Tiefe des Seyns und Bleibens gründet: der Geist der etwa einst in den Thaten der Geschichte hier waltete, oder der in den Bewohnern noch jetzt lebt und fortwirkt. Das herrschende Prinzip des geselligen Lebens und Bewegens in den Bewohnern Wiens ist ein solches, mit welchem sich auch der schnell hindurchgehende Fremdling und Wandrer bald und leicht befreundet: es herrscht da, so weit wir dieß zu beurtheilen vermochten, im Allgemeinen ein Geist des Wohlwollens und der Friedlichkeit, wie er uns in einer glücklichen, einträchtig beisammenlebenden Familie begegnet. Eine solche gute Stimmung aller Genossen des Hauses geht zunächst von der vorwaltenden Stimmung der Häupter der Familie: des Hausvaters und der Hausmutter aus, und wer die Geschichte von Wien seit längerer Zeit kennt, der weiß es, daß es hier gute, an innrem Frieden reiche Oberhäupter des Haushaltes gegeben hat und noch fortwährend giebt. Was dem geselligen Ton in Wien, dem Grundton der durch den Wechselverkehr seiner Bewohner geht, den eigenthümlichen Wohllaut mittheilt, das ist der Geist der Freundlichkeit und des Wohlwollens, der von dem Haus der Herrscher ausgieng. Darum wird es auch dem Fremden unter den Bürgern Wiens so zu Muthe wie unter Kindern die bei der guten, ausreichenden Versorgung welche sie im Elternhause haben, ganz vergnügt und wohlauf leben und ihre Eltern in Ehren halten.
Die große Kaiserstadt war gerade in den Tagen, in denen wir sie besuchten, in etwas vereinsamt; der Hof befand sich in Prag, bei den Festlichkeiten der Krönung; ein großer Theil der Gelehrten und Lehrer der Hochschule, auf deren Bekanntschaft ich mich gefreut hatte, befand sich auf dem Lande oder war auf Ferienreisen in der Nähe und Ferne verstreut. Man sagte uns es sey eben jetzt bei weitem weniger »Leben« in der Stadt als gewöhnlich; wir aber bemerkten das nicht, uns war es, wenn wir in manchen Stunden des Tages über einen der Hauptplätze giengen so zu Muthe wie den Landleuten, wenn sie an einem Jahrmarktstage aus ihrem stillen Dorfe in das Volksgedränge der Stadt kommen. So in langen Reihen und so zusammengeschaart wie hier an jedem schönen Nachmittag sieht man bei uns die gehenden und fahrenden Städter und Städterinnen nur an Sonntagen oder bei besonderen Festlichkeiten; Wien legt sein Sonntagsgewand die ganze Woche nicht ab.
Aus einer solchen Masse des Sehenswerthen und Neuen, wie die ist, welche hier auf unsre Sinnen einstürmte, wählt man sich bald einzelne Lieblings- und Ausruhepunkte aus, zu denen man gern öfter wiederkommt. Ein solcher Ausruhe- und Richtpunkt der Wege war für uns die ~St. Stephanskirche~, die schon im Jahre 1144 von dem ersten Babenberger Herzog gegründet wurde, obgleich der Ausbau nach dem jetzigen Umfang erst in die Jahre 1359 bis 1430 fällt. In ihrem Innren drängen sich mehrere Mächte der älteren Kunst zusammen: die Glasmalerei der drei Fenster um den aus schwarzem Marmor gebildeten Hochaltar; die Fürstengruft; das Grab Friedrichs des Vierten mit mehr als 300 Figuren und vielen Wappen, oben auf ihm die liegende Figur des Kaisers im fürstlichen Ornat. Zur Vervollständigung des Eindruckes, den schon das Innre, selbst auf den bloß Beschauenden macht, gehört jedoch vor allem die Betrachtung des Aeußeren. Der eine, ausgebaute Thurm, hat mit Recht auf den Tafeln der Messungen der Höhen und Tiefen seine Stellung neben den höchsten menschlichen Bauwerken der Erde erhalten. Er stehet hierinnen der größesten der ägyptischen Pyramiden und dem Straßburger Münsterthurm nur wenig nach; seine Höhe erscheint wie ein wohlgelungener Reim auf das Höhenverhältniß des Donauspiegels bei Wien zur Fläche des Meeres, denn so hoch der mittlere Stand des Flusses über das Meeresniveau, so hoch erhebt sich die Spitze des gewaltigen Stephansthurmes über den Boden in welchem sein Grundgemäuer ruhet[27]. Das Baumaterial der Quadersteine, abgesehen von dem kräftigen, in wohlerwogenem Verhältniß zur Höhe stehenden Durchmesser, giebt diesem mächtigen Gebäu das Ansehen eines fast auf der Tiefe ruhenden Berges, den die mannichfachen, zierlichen Gestalten der altgothischen Verzierungen wie eine Welt der auf ihm wohnenden Thiere und Pflanzen beleben. Es thut dem Auge, das gern in die Höhe schaut, ganz besonders wohl, wenn es mitten auf der Ebene und in der Mitte der immer bewegten Wellen des gewöhnlichen Lebens einer großen Stadt an einem solchen Berge (nach Psalm 121) ausruhen kann, den sich, wenn auch nur als ein Abbild, ein frommer Sinn mitten in die Fläche der Alltäglichkeit hineingesetzt hat. Auf der Höhe des Stephansthurmes, zu der man auf etwa 700 Stufen hinansteigt, hat man auch den besten, den vollständigsten Ueberblick über die Stadt und ihre reiche, schöne Umgegend. Wie riesenhaft groß das Gebäude sey, das man erstiegen hat, das bemerkt man bei dem genauen Anblick der Tafel der Uhr, welche über 12 Fuß hoch und fast eben so breit ist. Die große Glocke des Thurmes, die aus dem Erz der eroberten türkischen Kanonen gegossen ward, wiegt 354 Zentner (nach andern Angaben 412 Z.) sie übertrifft mithin an Masse und Gewicht die große Glocke zu Notre Dame in Paris, wie die des Mailänder Domes, welche beide zu 320 Zentnern geschätzt werden, noch mehr die zu Magdeburg (von 293 Z. Gewicht) und hat im deutschen Vaterlande zur gleichkräftigen Gesellin nur die berühmte Erfurter Susanna, deren Gewicht 362 Zentner betragen soll. Ueberhaupt wird die St. Stephansglocke in Europa (seitdem die riesenhaft große Glocke in Moskau, von, wie man sagt, mehr als 4000 Zentnern Gewicht, nicht mehr vorhanden ist) nur von wenigen solchen stimmführenden Mächten, namentlich von der Cordeillac zu Toulouse (sie wiegt über 500 Zentner) übertroffen.
Nächst der St. Stephanskirche hat noch gar manches andre der prächtigen Kirchengebäude von Wien einen anziehenden Reiz für den Fremden. Die kleine St. Ruprechtskirche erhielt sich nur den Ruf, nicht aber das äußere Ansehen ihres hohen Alterthumes, denn obgleich ihre erste Erbauung auf das Jahr 740 gesetzt wird, gehört dennoch ihre jetzige Form dem 15ten Jahrhundert an. Dagegen hat sich die St. Michaëlskirche in ihrem Innren unverändert die ehrwürdige Form der morgenländisch christlichen Bauart bewahrt; eine freundliche Gabe der jüngsten Zeit an das alterthümlich merkwürdige Gebäude sind die Gemälde von Ludwig Schnorr. Selbst außen auf dem Vorplatze von St. Michaël erinnert man sich gern an ein Ereigniß aus den Zeiten der vorhin erwähnten Belagerung Wiens durch die Türken. Die erste Bombe welche damals die Feinde in die Stadt warfen, war gegen diese Kirche des Schutzengels der Unschuld gerichtet, sie fiel, Verderben drohend, vor ihrem Gemäuer nieder; da lief ein dreijähriges Kind, das sich von selber zu dieser kühnen That getrieben fühlte, zu ihr hin, löschte sie aus und wendete so die Gefahr von der Kirche und allen ihren Nachbargebäuden ab.
Gleich am ersten Nachmittag unsres kurzen Aufenthaltes in Wien waren wir von dem sogenannten Graben durch ein schmales Seitengäßchen zu der St. Peterskirche gekommen, welche Johann Fischer von Erbach der Form der Peterskirche zu Rom nachbildete; von demselben Meister ist auch die prachtvolle St. Karlskirche auf der Wieden erbaut worden. Das Grabmal der Erzherzogin Christina von Canova's Meisterhand findet sich in der Hofpfarrkirche der Augustiner.
Auf unsren Wanderungen durch die große Kaiserstadt und einige ihrer Vorstädte verweilten wir öfters mit vorzüglichem Wohlgefallen auf dem Josephsplatze. Die eine Seite desselben nimmt das Gebäude der k. k. Hofbibliothek ein, dessen äußere Pracht und Herrlichkeit nicht vergeblich auf einen eben so reichen innern Gehalt schließen lässet. Der Sarkophag von weißem Marmor, den man unten in der Vorhalle des Gebäudes sieht und auf welchem in halberhabener Arbeit der Kampf des Theseus mit den Amazonen dargestellt ist, wurde (im siebzehnten Jahrhundert) unter den Ruinen von Ephesus aufgefunden und durch seinen glücklichen Finder -- einen Grafen von Fugger -- hieher geschenkt. Der Freund der naturgeschichtlichen Litteratur wird nicht ohne ein Gefühl der höchsten Befriedigung den großen, herrlichen Saal der Bibliothek verlassen. Von der alten Handschrift des Dioscorides an, bei der sich gemalte Pflanzenabbildungen finden, bis zu den theuersten und seltensten Kupferwerken der neuesten Zeit wird man beständig daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befinde, wo sich mehrere durch Talent und Wissen wie durch hohen Stand mächtige Geister der Naturwissenschaft zugewendet haben. Der Reichthum an den bedeutungsvollsten Werken des Morgenlandes ließ mich den Einfluß des reichen Geistes von Hammer's errathen, überhaupt erkannte ich und erfreute mich gar vielfältig in Wien an den Fußtapfen der Wirksamkeit dieses verehrten Mannes, ihn selber aber, dessen Werke wie wohlwollende Empfehlungen mir doch ein so kräftiges Geleite auf diese Reise gaben, fand ich nicht. -- Für die Betrachtung der Landcharten und Kupferstiche, so wie doch eigentlich für die genauere der Bibliothek hätte man sich nur mehr Zeit wünschen mögen, als für dieses Mal dafür vorhanden war. Eben so für die Betrachtung der gehaltreichen Naturaliensammlung. -- Auf dem Josephsplatze steht auch noch die große, schöne Reuterstatue Josephs +II.+, von Zanner. -- Außer dieser für mich so vielfach anziehenden Parthie der Stadt, sind mir auch der neue Markt mit den trefflichen Brunnenfiguren von Donner, der hohe Markt, mit dem kleinen Tempel in seiner Mitte, wo die Vermählung der heil. Jungfrau dargestellt ist; der sogenannte Graben mit der wenigstens stark genug in die Augen fallenden Dreifaltigkeitssäule gar wohl in der Erinnrung geblieben. Unter den vielen, nicht immer regelrecht verlaufenden Gassen der Stadt lernte ich mich nicht einmal bei dem Tageslicht der unmittelbaren Anschauung zurecht finden, noch weniger vermöchte ich dieß jetzt, bei dem dämmernden Licht der Erinnrung. In der k. k. Burg und ihrer Nähe ist mir es immer sehr wohl geworden; sie ist ein Stammbuchblatt in der Geschichte Deutschlands, auf welchem viele werthe Namen, Derer die hier walteten, aufgezeichnet stehen. Ihr Innres gewährt viel mehr als das Aeußre verspricht. Die köstliche Mineraliensammlung sahe ich nicht; der treffliche Mohs war verreist. Vor den Gewächshäusern und in den nachbarlichen Gärten der Burg weilte ich mit Wohlgefallen.
Nun möchte aber auch wohl bald alles das beisammen seyn, was ich von der Altstadt von Wien zu sagen weiß. Denn wenn ich auch aus dem Tagebuch des Gedächtnisses noch einige Dinge erwähnen wollte, würde man bald die flüchtige Eile bemerken, in der ich an Allem vorübergekommen bin, oder ich müßte nur aus Hörensagen beschreiben, was ich nicht einmal selber gesehen, wie namentlich Belvedere mit der reichen Gemäldegallerie und der schönen Aussicht nach der Stadt und ihren Vorstädten. Ueberdieß ist auch noch gar zu viel von der Geschichte der Reise nach dem Morgenlande zu erzählen, welche doch eigentlich erst von Wien aus ihren Anfang nimmt. Indem ich aber nun meine Erzählung anheben will, fühle ich mich wie von neuem an der guten Kaiserstadt festgehalten und zu ihr hingezogen; ich finde, daß die Geschichte der Reise nicht erst von Wien aus, sondern schon in demselben ihren Anfang nimmt. Denn in seiner Mitte entspannen sich jene goldenen Fäden des Wohlwollens und der freundlichen Fürsorge, die mich auf meinem ganzen weitem Wege von der Donau bis zur Herrscherstadt vom Propontis und von da wieder an den Meles, Nil und Jordan, ja bis zum Arno geleiteten. Die kräftige Wirksamkeit jener Empfehlungen, welche ich aus der Staatskanzlei Seiner Durchlaucht, des ~Fürsten von Metternich~ mit mir nahm, ließen es mich erfahren: daß der große, vielumfassende Geist dieses Staatsmannes mit der Vorsorge für das Allgemeine und Ganze auch die für das Bemühen eines Einzelnen zu vereinen wisse, und daß neben dem mächtigen Strome des politischen Bewegens, dessen Lauf derselbe zum Wohle des Vaterlandes zu leiten bemüht ist, auch ein armes Bächlein seiner Hülfe sich erfreuen dürfe, welches, aus dem Quell der Wissenschaft hervorgehend, vielleicht irgendwo einen noch schlummernden Keim des Erkennens wecken könnte. Was ich hierbei dem hohen Wohlwollen Seiner Excellenz, des Herrn ~Grafen von Ottenfels~ verdankte, das war so Wesentliches und so Vieles, daß ich meinen tiefgefühlten Dank dafür besser durch den Thatbericht über das, was jenes Wohlwollen in dem ihm so nahe bekannten Lande des Ostens für mich bewirkt hat, als durch Worte auszusprechen vermag. Einen andern Punkt, von welchem die goldnen Fäden der freundlichen Bemühungen für mich und das gute Gelingen meiner Reise ausgiengen, habe ich schon genannt; das war ein Schreibtisch, von welchem gar viele goldne Fäden über ganz Europa und tief nach Asien hinein, bis weit über den Euphrat auslaufen: der Schreibtisch des hochverehrten ~Ritters von Hammer~. Der Mittelpunkt aber, das eigentliche »Herz« von welchem alles das Bewegen zu meinem Gunsten in Wien seinen ersten Antrieb empfieng, habe ich noch nicht genannt: das war jener Mann, der die hülfreiche That seines Wohlwollens und seiner Liebe schon in so manches frühere Jahr und Begegniß meines Lebens unvergeßlich tief hineingeprägt hat, der hochtheure K. Bayerische Minister, Baron ~Maximilian von Lerchenfeld~. Wenn aber alle die eben erwähnten Beweise von Wohlwollen und Güte, die wir in Wien erfahren durften, zusammen mit dem freundlichen, nur unsres Vortheiles gedenkenden Geleites, das uns die Briefe der Herrn Eskelin und C. in alle größeren Handel treibenden Städte der östlichen und südöstlichen Mittelmeeresküste gaben, wenigstens doch an die Fortreise erinnerten, so waren daneben auch noch andre Fäden wirksam, die uns in der Kaiserstadt selber so fest und innig umspannen, daß sie uns fast hätten können das Weitergehen vergessen machen. Wir erfuhren hier die Kräfte und Aeußerungen einer Freundschaft, welche zu ihrem Erstarken keiner längeren Zeit des Sehens und Bekanntwerdens bedarf, weil sie von einer Art ist, über deren Gedeihen und Fortbestehen die Zeit keine Gewalt hat.
An der Seite des theuren ~Endries~ besuchten wir noch am letzten Tage unsres Aufenthaltes einige Gärten und Landhäuser in der Nähe der Stadt; vor allem Schönbrunn. Hier ließ uns die Umgegend von Wien noch einmal die Fülle aller ihrer Lieblichkeiten sehen und genießen; zuerst bei der weiten Aussicht am Gloriette, dann in den stillen, schattigen Gängen der hohen Baumgruppen und am Gesundbrunnen der hehren Nymphe. Die kräftig gedeihenden, ausländischen Gewächse der Treibhäuser und Blumengestelle sprachen mit mir zum Theil schon die Natursprache jener Länder, die mein Fuß nun bald betreten sollte. Bei jedem solchen Anblick merkte ich recht deutlich, daß mein ganzes Sinnen und Trachten nicht mehr daheim, sondern bereits ausgewandert sey in das Land gegen der Sonne Aufgang, und wo das Herz wandelte, da wollten dieß auch die Füße. Darum auf, zur Weiterreise!
Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meer.
Es schien als sey eine ganze Gemeinde im Auswandern begriffen, so groß war die Zahl der Reisenden, so wie der mit Reisegepäck belasteten Träger und Karren, welche mit uns zugleich am Nachmittag des 15ten Septembers hinabzogen durch den Lustwald des Praters nach der Donau. Hier, bei dem Dampfschiff, war das Gedräng noch größer; denn so wie mehrere liebe Freunde uns aus der Stadt bis hieher das Geleit gaben, so hatten auch die Schaaren der andern Reisenden ihre Begleiter, zu denen sich die Menge der Neugierigen und der im Prater Lustwandelnden gesellte, welche das Dampfschiff wollten abfahren sehen. Das Glöcklein das die Abfahrt verkündete, hatte zum letzten Male geläutet, die Räder der Dampfmaschiene setzten sich in Bewegung und mit ihnen zugleich die Stimmen, die sich noch einmal vom Schiff und vom Lande aus begrüßten. Auch auf der schnellen Fahrt, die nun begann, fuhren die Stimmen, die mit uns im Schiff geblieben waren, fort, an Lauttönigkeit und Schnelle mit den Rädern und Getrieben zu wetteifern; die Menge der Mitreisenden war aber auch so groß, daß sich zum Sitzen nur selten Raum und Gelegenheit fand, man stund da in einem Menschengedränge, wie jenes ist, das sich an einem Jahrmarkte vor einer Garküche anhäuft. Denn gerade dergleichen Erinnerungen an Jahrmarkt und Garküche drängten sich hier der Seele am meisten auf, wo man so viel reden hörte von den in Wien gemachten Einkäufen, so viel wahrnehmen mußte von der Geschäftigkeit der Küche, deren Erzeugnisse, von den schnellen Dienern ohne Aufhören unter die immer mehr und Neues begehrende Menge ausgetragen wurden. Unter solchen Umständen konnten freilich die Gedanken an die Pilgerschaft nicht recht aufkommen, obgleich gerade heute eine besondere Anregung zu denselben vorhanden gewesen wäre. Denn es hatte sich von Wien aus noch eine Mitpilgerin an uns angeschlossen, die wir mit ihrem Vornamen: ~Elisabeth~ nennen wollen. Eine muthige und freudige Wanderin nach dem Morgenlande, welche namentlich meiner Hausfrau oftmals, wenn zu den äußern Stürmen auf dem Meere die innern der Sorgen und der Furcht vor dem »großen Wasser« hinzukamen, von neuem Muth und Freudigkeit mittheilte, und durch ihr geduldiges Ertragen der vielfältigsten Bedrängnisse uns Allen zur Stärkung; durch Rath wie That zur Erleichterung und Hülfe gereichte.
Der Anfang der großen Wasserbahn, die wir jetzt auf unserm Dampfschiffe, der Nador genannt, betreten hatten, gewährt dem Auge nicht viel Unterhaltung. Der mächtige Strom wird hier zu beiden Seiten durch eine grünende Ebene begränzt, die sich erst bei ~Fischament~, am Ufer der rechten Seite, wieder hüglich erhebt. Hier belebt sich die unmittelbare Nachbarschaft des Wassers auch durch die große Landstraße, welche auf dem 10 Fuß hohen Damme hingehet; zur Linken dehnt sich noch das Marchfeld aus. Uebrigens gehet die Fahrt hier an einem Boden vorüber, den man gerne, nicht bloß im schnellen Vorüberschiffen mit dem Auge durchstreifen, sondern zu Fuß durchwandern möchte, denn nahe bei ~Petronell~ deuten der Triumphbogen des Tiberius, so wie andre Ruinen die Stätte des alten ursprünglich Celtischen, dann Römischen ~Carnuntum~ an; eine merkwürdige Schanze, welche diese alten Bewohner und Beherrscher des Landes errichteten, reichet von dieser Gegend fünf Stunden weit gen Süden, bis an den Neusiedlersee und dehnt sich auch jenseit des linken (nördlichen) Ufers der Donau bis an Zwerndorf aus. Vor ~Hainburg~ (Hunnenburg) erinnert der 60 Fuß hohe rundliche Hügel, noch mehr aber die Ruine der wahrscheinlich von den Römern angelegten, dann aber von den Hunnen bewohnten Veste an König Etzels (Attila's) Hofhalt und an den Sagenkreis des Nibelungen Liedes. Noch jetzt in ihren Trümmern riesenhaft mächtig erhebt sich am linken Ufer des Stromes die Burg des schon zu Ungarn gehörigen Gränz- und Mauthortes ~Theben~, deren Begründung auch den Römern zugeschrieben wird und welche dem Mittelalter für eines der unüberwindlichst festen Schlösser des Landes galt. Berge zu beiden Seiten, deren Abhänge und Schluchten mit Laubwald und Weinpflanzungen sich bekleiden, geben der Nähe von ~Preßburg~, dessen alte Königsburg sich von ferne zeigt, ein gastlich einladendes Ansehen und noch ehe die Sonne sinkt landet das Dampfschiff bei der Stadt an. Wir waren von Wien nach Preßburg, wohin der gerade Weg (abgesehen von den Krümmungen der Donau) 12 Stunden beträgt, in nicht ganz 3 Stunden gekommen.
Wir hatten uns beim Hineingehen nach der Stadt etwas verspätet; denn welchen Fremdling sollte nicht der erste Anblick dieses alten, ungarischen Königssitzes anziehen und festhalten, der von den Vorbergen und Weinbergshügeln der kleinen Karpathen im Halbkreis, wie von einem grünen Mantel umgeben ist, und welcher seinen Fuß auf den hier ungetheilten, 780 Fuß breiten, majestätischen Strom stellt. Die Herrscherburg, in welcher vormals die Reichskleinodien bewahrt wurden, thronet auf einem 420 Fuß hohem Felsen und hat sich noch immer, obgleich die Feuersbrunst von 1811 ihr Innres verheerte, die äußren Züge ihrer stattlichen Gestalt bewahrt; ehrwürdig durch ihr Alter wie durch ihre Bauart, stehet die von Ladislaus dem Heiligen im Jahr 1090 begründete St. Martinskirche mit ihrem prächtigen Thurme da; unter manchen andren schönen und ansehnlichen Gebäuden zeichnet sich der erzbischöfliche Pallast aus. Während wir jedoch so beim Anschauen zögerten, hatte das kleine Heer von Reisenden, das sich aus dem Schiffe über alle Gassen und Plätze der Stadt ergoß, bereits von allen bessern Gasthöfen Besitz genommen, wir fanden endlich nach langem Herumfragen nur noch in einem Wirthshause von ziemlich niederem Range ein Unterkommen.
* * * * *
Wir fuhren am andern Morgen bald nach Tagesanbruche ab; der Himmel hatte sich getrübt, die Gluthsäule des Morgenrothes über den grünenden Hügeln, so schön sie dem Auge erschien, war nichts Erfreuliches, denn sie deutete auf nahen Regen. Bald jenseit Preßburg theilt sich die mächtige Donau in mehrere Arme, zwischen denen sich die beiden Inseln Schütt, die größere zur Linken auf die Länge von 9, die kleinere zur Rechten auf 7 Meilen ausdehnt, wobei die Breite von jener 4-5, von dieser etwa 1 Meile beträgt. So fruchtbar auch diese Inseln seyn mögen, hätten wir für heute gerne ihres Anblickes entbehrt und uns vor dem dicht herabfallenden Regen in die Kajüten gerettet, wenn da nicht das Gedränge der vielen Menschen eine so unerträgliche Schwüle erzeugt hätte, daß der Aufenthalt auf dem Verdeck unter dem Regenschirme noch immer vorzuziehen war. Es waren indeß nur Gewitterregen, die sich, einer nach dem andern, über die Ebene entluden, dazwischen gab es auch heitre Sonnenblicke, die uns das unüberwindlich feste ~Comorn~, am Einfluß der Waag und die jenseits Comorn wieder bergig sich erhebenden, namentlich bei Neszmely (Nesmil), reich mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Ufer, so wie den majestätisch auf seinem Felsen hervortretenden Dom zu ~Gran~ mit genußreicher Ruhe betrachten ließen. Ueber den Höhenzügen des Bakonyerwaldes zu unsrer Rechten, stiegen am Nachmittag von neuem die Wetterwolken wie Berge auf, während die noch höherstehende Sonne den wunderlichen Bau der dreieckigen Bergveste von ~Vissegrad~ (der Plentenburg) beleuchtete, in welcher einst der edle ~Matthias Corvinus~ in der Gesellschaft unsres großen Landsmannes des Astronomen ~Regiomontanus~ Tage eines genußreichen Ausruhens verlebte, und welche ein Lieblingsaufenthalt mehrerer ungarischen Könige war. Unten am Fuße des Berges, der die Burg auf seinem Rücken trägt, stehet der 6 Stockwerk hohe Salomo'sthurm, so genannt, nicht nach dem weisen Herrscher des Israëlitischen Reiches, sondern nach einem Vetter des Königes Ladislaus, dem ungarischen Gegenkönig Salomo, der (im Jahr 1077) hier gefangen saß. Bei dem schön gelegenen ~Waitzen~ nimmt der Strom seine Wendung nach Süden; nur noch eine kurze Strecke hatten wir zu fahren, da zeigte sich das hochgelegene ~Ofen~ und bald begrüßte das an dem gegenübergelegenen ~Pesth~ anlandende Schiff die Bewohner der schönen Stadt mit Kanonenschüssen. Abgesehen von den vielen, sehr bedeutenden Krümmungen, welche die Wasserbahn machet und die der Landweg abschneidet, misset selbst der gerade Weg von Preßburg nach Pesth 32 Stunden, während unser Dampfschiff in 13 Stunden das Ziel erreichte. Doch brachte wenigstens uns diese Eile für heute wenig Vortheil; ein heftiger Regenguß, der das Ausladen des Reisegepäckes aus dem Nador, den wir hier mit dem Dampfschiff Zriny vertauschen sollten, überaus erschwerte, hielt uns noch mehrere Stunden im Fahrzeug zurück, bis wir endlich nach 9 Uhr Abends im schönen, bequemen Gasthause zum König von Ungarn Ruhe und Erquickung fanden.
Sonnabends, den 17ten September, noch vor Tagesanbruch mußten wir schon wieder auf unsrem Dampfschiffe seyn; denn dieses sollte, so war es die Absicht des Capitäns, heute einen noch weiteren Weg machen als gestern; es sollte am Abend bei dem gegen 40 Stunden Weges von Pesth abliegenden Mohacs anlegen, damit dort das Einladen der Steinkohlen während der Nacht geschehen könnte. Die Wasserbahn wurde allmälig heller, die Räder begannen ihren Kreislauf; wir wandelten wenigstens mit Augen und Herzen nach dem guten Ofen hinauf, das wir so gerne begrüßt und besucht hätten; doch schon nach wenig Riesenschritten des Fahrzeuges war uns das schöne Schwesterpaar der Städte, zuerst Pesth, dann Ofen aus dem Auge gerückt und wir zogen auf dem einen Arme der hier wieder getheilten Donau hinab nach der großen, unübersehlich weiten Ebene. Vor dem eigentlichen Beginn von dieser erhub sich noch einmal der letzte Sprosse des von Westen, vom Savoischen Gebirgsstamme herkommenden Höhenzuges zu dem mit Weingärten umkleideten Eugeniusvorgebirge, auf welchem ein prächtiges Lustschloß gesehen wird; dann aber fiel der Vorhang eines dichten Nebels über den großen Schauplatz herunter, das Dampfschiff mußte, weil jetzt die Weiterfahrt wegen der vielen Schiffsmühlen am Ufer bedenklich erschien, den kaum begonnenen Lauf hemmen, und wir lagen da, mitten im Strome, bis gegen Mittag still. Indeß hatten wir Zeit genug uns in dem Dampfschiffe umzusehen, das von heute an auf längere Zeit unsere Wohnstätte seyn sollte. Der Zriny, so heißt dasselbe, hat eine Länge von 180 Fuß und 23 Fuß Breite, bewegt seine Last mit einer Kraft, welche jener von 80 Pferden gleichkommt und durchläuft hiermit, unter sonst günstigen Umständen in jeder Stunde eine Strecke, welche mehr als 6 Stunden Weges beträgt. Zu unsrer großen Freude hatte sich das Gedräng der Reisenden, das auf dem Nador so übervoll war, sehr vermindert; nur eine Schaar von Handelsleuten, die auf einen Jahrmarkt jenseit Semlin zog, schien in Pest neu hinzugekommen zu seyn; an unsere nähere Gesellschaft schloßen sich jetzt, wo man erst Gelegenheit fand sich näher zu kommen, ein alter, vielgereister, wohlunterrichteter Engländer mit seinem Neffen und ein junger Grieche aus Chios an, der in München studirt hatte.
Gegen Mittag wurde der Vorhang des Nebels wieder aufgezogen, die neue Scene: der volle Anblick der großen, ungarischen Ebene begann, die Fahrt gieng ohne Hemmung weiter. Der schöne Strom, als wollte er einige Zeit von dem schnellen Laufe ausruhen, ergeht sich hier, gleich einem weidenden Rosse durch üppig grünende Auen; verbirgt sich bald hinter dem grünenden Gebüsch, bald zwischen einzelnen Laubwäldern, aus denen manche uralte Bäume weit emporragen. Heerden von bräunlichen Cormoranen und wilden Gänsen flogen lautschreiend über uns hin, Pelikane mit schneeweißem Gefieder sonnten sich auf den abgelegenen Sandbänken, Löffelgänse schoßen begierig nach ihrer Beute, den kleinen Fischen, herunter, hin und wieder zeigte sich auf einem Baum am Ufer ein einsamer Seeadler. Nur an wenig Stellen öffnete sich über das hohe Grün des Ufers hinüber die Aussicht nach einem Dorfe; Heerden des weidenden Viehes oder ein wohlberittener Landmann, der die Schnelle seines guten Rosses prüfen und zeigen wollte, indem er auf der Ebene am Ufer mit dem Dampfschiff den Wettlauf versuchte, verriethen es, daß das Land von Menschen bewohnt sey. Gegen Abend schien sich unser Weg in undurchdringlichen Waldungen zu verlieren; die Nacht war schon angebrochen als wir aus der Stille dieser dichten Laubgänge hinausgelangten ins Freie und in ~Tolna~ das Nachtlager suchten. Hier fanden wir ein Gasthaus, das an die beßern Gasthäuser mancher unsrer wohlhabenden Dörfer erinnerte; der Tisch des Wirthes bot in Fülle die reichen Gaben des Landes dar; noch vor dem Einschlafen ergötzte uns ein lieblich tönender, von Flöten begleiteter, zweistimmiger Gesang, der sich nahe bei den Fenstern unsers Zimmers von einer vorüberziehenden Gesellschaft vernehmen ließ.
Die Stille des Sonntag Morgens, am 18ten September, wurde in den sich immer gleich bleibenden, grünenden Auen durch nichts gestört, das etwa die Sinnen sehr anzuziehen vermocht hätte. Noch vor Mittag erreichten wir ~Mohacs~, dessen reiche Ebene an das malerisch schöne Gebirge von Villany und Hersany, so wie an die Höhen sich anlehnt, welche das breite Thal von Fünfkirchen begränzen. Unser Dampfschiff hielt hier, um neue Steinkohlen einzunehmen, mehrere Stunden und ließ uns Zeit, den in vieler Hinsicht merkwürdigen Ort zu besehen. Jene Höhe bei Hersany und Villany, die sich in Gestalt eines rundlichen Grabeshügels über die Ebene erhebt, trägt allerdings, gleich dem Tumulus des Patroklos oder Achills die Bedeutung eines alten Heldengrabes an sich; denn diese Ebene ist ein großes, mit vielem Blute benetztes Schlachtfeld der Völker, auf welchem das eine Mal die Macht des türkischen Halbmondes so zum Wachsen kam, daß der Morgenstern der Herrlichkeit dieses Landes vor seinem Glanze erlosch; das andre Mal aber so ins Abnehmen gerieth, daß sein schwaches Licht in der Helle des neuanbrechenden Tages verschwand. Am 29ten August 1526 traf hier bei Mohacs die Schaar der Christen unter Ludwig +II.+, dem Könige von Ungarn, auf das Heer der Türken, welches Suleiman der Große zur Schlacht führte. In der That ein ungleicher Kampf; denn die Armee der Christen, der Zahl nach nicht viel mehr als ein Zehntheil der türkischen, war ein Gemächte aus vielen unter einander streitenden Gliedern, denen ein kräftig herrschendes Haupt fehlte, weil der erst 20jährige König, zwar von seiner Geburt an[28] durch manche Schule der Schmerzen gegangen, die stählende Kraft aber derselben immer von neuem in der erschlaffenden Wärme seiner nächsten, nur auf Sinnenlust denkenden Umgebung wieder verloren hatte; während Suleiman, der Schrecken der Völker vom Nil bis zum schwarzen Meere, ein vollkommner Herrscher und Heerführer seiner an Kampf und Sieg gewöhnten Schaaren war. Als dort, in den Sümpfen des nachbarlichen Czelie der fliehende junge König, unter der Last seines gestürzten Rosses den Tod gefunden, da brach die furchtbare Verheerung durch Feuer und Schwert der Türken über das ganze wehrlose Land herein und erfüllte dasselbe bis gen Gran, ja bald nachher bis gen Wien, mit Wehklagen und mit einem Elend, welches über einen großen Theil von Ungarn länger denn anderthalb Jahrhunderte lastete. Aber eben in dieser nämlichen Ebene von Mohacs kam auch für jenes Land eine Stunde der großen Errettung, als am 16ten August 1687 hier das Heer der Türken, das der Großvezier führte, von jenem der Christen, welches der Herzog von Lothringen befehligte und Prinz Eugen beseelte, vollkommen geschlagen ward. Achtzig Kanonen und das ganze christliche Lager waren vormals (im Jahre 1526) in die Hände der Türken gefallen; achtzig Kanonen und das ganze Lager der Türken wurden jetzt in die Hände der christlichen Sieger zurückgegeben; und wie damals der zwanzigjährige König Ludwig ein Triumph der Türken ward, so triumphirte jetzt ein nicht viel mehr als zwanzigjähriger christlicher Held, Prinz Eugen von Savoyen über die Türken, als er, in jugendlicher Kampflust zuerst die Gräben des feindlichen Lagers erstieg und nach beendigter Schlacht den Auftrag des Feldherrn empfieng: die Kunde des Sieges selber nach Wien zu bringen[29]. War es doch derselbe Eugen, der 10 Jahre später als Feldherr dort im Osten von Mohacs, bei Zenta die von dem Großherrn selber geführte Uebermacht der Türken brach, und endlich nach wiederum 2 mal 10 Jahren (am 10. August 1717) das Lager des Großveziers bei Belgrad vernichtete, wobei 140 Kanonen und unmittelbar nachher Belgrad selber eine Siegesbeute der Christen wurden.
Die Geschichte der beiden, an Erfolg so ungleichen Schlachten bei Mohacs ist in dem dortigen erzbischöflichen Pallast in zwei großen Schlachtgemälden dargestellt, die man in ihrer gerade nicht sehr kunstwerthen Art als »grausam schön« bezeichnen könnte. Wir besahen sie dennoch, so wie das bei ihnen befindliche Porträt des unglücklichen Königs Ludwig, dann erquickten wir uns im Gasthaus an dem berühmten Sexarder Wein, der hier in der Nähe wächst und an kräftig bereiteter Speise, später mischten wir uns unter das sonntäglich geschmückte Volk, das heute außer dem Sonntag selber noch ein andres Kirchenfest feierte. Mohacs hat mehr als 8000 Einwohner, denen man großentheils Wohlhabenheit und gutmüthiges Wohlbehagen anmerkt. Ich habe das Volk der Ungarn, so weit ich es auf dieser Reise kennen lernte, wahrhaft liebgewonnen. Es erinnerte mich oft, in seiner Art und Sitte, an jene ~Sarolta~, das schöne Weib des heidnischen Ungarnköniges Geyssa, welche den Keim der höheren, geistigen Gestaltung in ihr Volk legte, als sie, selber Christin, zuerst den Gemahl, dann, durch ihren Sohn: König Stephan +I.+ das Vaterland zum Christenglauben hinführte. Diese, kräftig und entschlossen wie sie war, wußte nicht allein, gleich einem Reutersmann zu Pferd zu sitzen und das Roß zu bändigen, sondern, an der Seite des kämpfenden Gemahles, auch das Schwert zu führen; sie achtete während des Feldzuges nicht Beschwerde noch Gefahr, dagegen achtete sie auch des Spottes der Fremden nicht, wenn sie, nach väterlicher Sitte, den Männern beim Trinken Bescheid that. So liegen auch in dem kräftigen, entschloßnen Volke der Ungarn vielversprechende Keime einer immer höheren Ausgestaltung und der entschiedene Hang zum Festhalten an väterlicher Art und Weise.
Einige Stunden nach Mittag war das Geschäft des Einnehmens der Steinkohlen ins Schiff beendigt, die Fahrt gieng weiter an der sumpfigen, durch ihre große Schweinezucht berühmten Margarethen-Insel hin. Gegen Abend erreichten wir, vor ~Dalya~, den Punkt, da die Drau, aus grünen Waldungen herkommend, sich zur Donau gesellt, und bald hernach warf unser Dampfschiff mitten im Strome Anker. Vormals hätte sich freilich gerade in dieser Gegend ein gastlicherer Ruhepunkt gefunden als der im Wasser, denn hier zur Rechten, wo sich am Einfluß der Drau auf dem hüglichen Vorgebirge vereinzelte Ruinen zeigen, stund zu den Zeiten der Römerherrschaft ~Teutoburgum~ und später die Veste von Erdöd. Das Land zur Rechten des Stromes, vom Einfluß der Drau bis zu jenem der Save gehört zu Slavonien, dessen reiche Ebene bei dem wohlhabenden Marktflecken ~Vukovar~, am Einfluß der Vuka, wo wir am andern Morgen vorüberfuhren, so wie noch mehr die waldigen Höhen, welche bei der Ruine von Scharengrad und Illok die Ufer begränzen, einen neuen, sehr angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Hinter ~Illock~, auf einer Anhöhe des Sissatovajischen Bergrückens zeigen sich die Ruinen von drei, wahrscheinlich römischen Kastellen, unfern von ihnen im Walde die Trümmer eines Dianentempels mit einigen halbzerbrochnen Säulen. Die Worte: Zerstörung und Vernichtung wiederholen sich hier, in der Zeichensprache der Natur und der untergegangenen Herrlichkeiten der Menschenhand, in den verschiedensten Sprachen und Dialekten; denn während über die bergigen Ufer der rechten Seite der Graus der Zerstörung durch Krieg und Kampf der Menschen ihren Lauf nahm, war die fruchtbare, ungarische Ebene auf der linken Seite, vornämlich zwischen O-Palanka und O-Futak, wiederholten Einbrüchen des Stromes ausgesetzt, welche noch jetzt die Wohnstätten und das Eigenthum der Menschen fortwährend gefährden und unsicher machen. Unsicher jedoch wie dieser Boden erscheint, ist er dennoch nicht ohne mächtig anziehenden Reiz, denn während sich bei ~Szussek~ das rechte Ufer mit Weinbergen schmücket, vergnügt sich das Auge an der linken Seite bei ~O-Futak~ und ~Kamenicz~ an den üppig grünenden Baum- und Gartenanlagen, welche durch ihre etwas höhere Stellung gegen die Verheerungen der Fluthen geschützt sind. Gegenüber der Festung ~Peterwardein~ bei der ansehnlichen Handelsstadt ~Neusatz~, legte das Dampfschiff an, um hier Waaren auszuladen und einzunehmen. Die Veste von Peterwardein liegt auf einem Serpentinfelsen, der sich 194 Fuß über den Wasserspiegel erhebt; im Halbkreis umschließet als eine zweite, untere Vestung die eigentliche Stadt die gewaltigen Mauerwerke der oberen Vestung. An der Stätte von Peterwardein, das wie man sagt von Peter dem Einsiedler, dem Anführer der ersten Kreuzfahrer seinen Namen empfieng, lag das ~Milata~ der Römer; die untere Festung wurde erst im 6ten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts erbaut. Obgleich die benachbarte Eugeniusinsel kein Denkmal enthält, das des Siegers und Bändigers der türkischen Macht würdig wäre, läßt sich dennoch der Felsenhügel von Peterwardein schon für sich allein als ein Ehrendenkmal des Helden betrachten, der hier am 5ten August 1716 einen der größesten Siege über die Türken erfocht, welche die europäische Christenheit jemals über diese Feinde feierte. Das ganze türkische Lager mit der reichen Kriegskasse der Feinde und 170 Kanonen waren die eine, die Eroberung von Temes war die andere Frucht dieses Sieges; das Wehen der Paniere, welche der Sieger weithin in dem wiedergewonnenen Lande aufstellte, verbreitete Furcht und Schrecken durch alle Länder der Osmanen, Freude und Jubel durch alle Länder der europäischen Christenheit vom Eismeer bis zu den Pyrenäen. Seit diesen glorreichen Tagen konnte auch Neusatz, das kurz vorher nur ein armes, serbisches Fischerdorf war, sich zu einer blühenden Handelsstadt erheben, welche in unsern Tagen schon gegen 20,000 wohlhabende Einwohner zählt, unter denen viele deutsche Handwerker und Handelsleute sind. Beide Städte, Neusatz und Peterwardein, so nahe unter sich verschwistert wie Pesth und Ofen, sind durch eine Schiffsbrücke verbunden.
Jenseits Peterwardein gehet die Fahrt an den mit herrlichen Eichenwaldungen gekrönten, von Weinpflanzungen umsäumten Gebirge von Fruska Gora vorüber. Hier soll Kaiser Probus die ersten Reben gepflanzt haben; in den anmuthigen Schluchten des Gebirges liegen 15 griechische Klöster zerstreut, welche den Reisenden in all ihrer Armuth aufs Freigebigste Obdach und Bewirthung darbieten. Obgleich etwas weiterhin die ausgedehnten Sandflächen und Sandbänke des Ufers die zuströmende Macht des Stromes verrathen, so wird dennoch das Auge durch den Anblick der überreichen Weinbergshügel des am äußersten Saume der Fruska Gora lieblich gelegenen ~Carlowitz~ viel mehr an die Segnungen erinnert, welche die Nähe des Wassers bringt. Der hiesige, köstliche Wein gedeiht nicht selten in solcher Fülle, daß man im Jahr 1812 den Eimer desselben um 48 Kreutzer verkaufte. -- Von ~Slankamen~, das an der Stätte des römischen ~Acimincum~ liegt, strömt die mächtige Theiß in die noch mächtigere Donau; bei ~Szurduck~ lag das ~Rittium~ der Römer. Allmälig sahen wir jetzt die Gebirge des Fremdlingslandes, das unter der Herrschaft des Halbmondes steht, aus der Ebene aufsteigen, vor allem den durch seine rundliche Form ausgezeichneten Avalaberg, welcher 5 Stunden südwärts von Belgrad liegt und goldhaltig seyn soll. Ein erfrischender Wind wehete uns aus Westen, vom Gebirge her entgegen; Heerden von großen Wasservögeln zogen schwerfälligen Fluges über uns hin; auf dem Strome bewegte sich das Gedräng der Fischerboote und der kleinen Frachtschiffe, welche Waaren und Handelsleute zu einem Jahrmarkt in der Nachbarschaft hinführten; mitten durch alle und an ihnen vorüber schritt unser Dampfschiff so eilenden Laufes vorbei, wie ein schnelles Roß an den Heerden der auf der Weide gehenden Stiere. Noch in einer frühen Nachmittagsstunde erreichten wir ~Semlin~, bei welchem unser Fahrzeug, weil dies eine seiner Hauptstationen war, für die künftige Nacht anlegte. Obgleich der Landungsplatz eine ziemlich weite Strecke von der Stadt und ihren Gasthäusern abliegt und die Abfahrt am andern Morgen sehr zeitig geschehen sollte, zogen wir es dennoch vor, statt im Schiffe, auf dem Lande zu übernachten, auf welchem es uns während der bisherigen, kurzen Reise durch Ungarn überall so wohl ergangen war. Als wir denn da über den Damm des Donauufers und durch die nur aus Hütten bestehende Vorstadt einzogen, wachte unwillkührlich, in Einigen von uns, jene Stelle aus dem alten, deutschen Volkslied von Prinz Eugen auf: »bei Semlin schlug man das Lager, alle Türken zu verjagen.« Doch dieser Nachklang aus mancher fröhlichen Stunde in der theuren Heimath mußte bald vor dem ernsteren Eindruck verstummen, den die Gegenwart auf uns machte. Das Zimmer, das man uns im Gasthaus zum Löwen anwieß, hat die freie Aussicht nach dem ganz nahen, am jenseitigen Ufer der Save gelegenen ~Belgrad~, dessen Festung, mit der hochgewölbten Moschee, so wie die untere, am Ufer des Flußes sich ausbreitende, sogenannte Wasserstadt, mit dem Pallast des Fürsten Milosch in größester Deutlichkeit vor uns lagen. Der Halbmond der Minares erglänzte dort in einem von der Abendsonne erborgten Glanze, während das Abendgeläute der christlichen Kirchen zu Semlin von einem Lichte sprach, das älter und bleibender ist, denn jenes der Sonne. Uns freilich lauteten heute diese Glockentöne wie die Worte eines Abschiedes, den eine gute Mutter von ihren hinwegwandernden Söhnen nimmt, obgleich bei den Gedanken des Ernstes das freudige Gefühl war, von dem hülfreichen Nahebleiben und der Gewißheit des Wiedersehens der Mutter.
Der wunderschöne Abend zog Mehrere von uns noch auf einige Augenblicke hinaus, zum Besuchen der Stadt und ihrer Umgegend. Das jetzige Semlin liegt nahe an der Stätte des ~Taurunum~ der Römer, welches, weniger durch seine Größe oder durch Verkehr und Handel als durch seine große Festigkeit ausgezeichnet, zum Anhaltspunkt jener Abtheilung der Donauflotte diente, die gewöhnlich beim Ausfluß der Save sich aufhielt. Dagegen hat das heutige Semlin die vormalige Bestimmung zur Festung ganz aufgegeben und sich mit seinen 9000 Einwohnern die friedlichere des Handels und Verkehrs erwählt. Serbische, griechische und türkische, mit ihnen einzelne deutsche und italienische Kaufleute haben sich einträchtiglich in dieses Geschäft getheilt; die deutsche Sprache scheint allgemein unter ihnen verständlich; selbst die Häuser, wenigstens in etlichen Straßen der innern Stadt, wo sich auch ein Straßenpflaster findet, erinnern durch Bauart und Einrichtung an das Vaterland. Dagegen gleichen die kleinen Häuser des nördlichen Stadttheiles, die sich an den sogenannten Zigeunerberg anlehnen, den Hütten der stets zum Wegziehen bereiten Pilgrime, und die Ruinen der Burg des Johann Hunvads, die hier auf einem kleinen Hügel gesehen werden, reden von Krieg und Zerstörung. Die Quarantäneanstalt, welche auf der andern Seite der Stadt liegt, umfasset in ihrem von 12 Fuß hohen Mauern umschloßenen Raume, außer den Magazinen, 6 einstöckige, massive Häuser, welche, sammt ihrem freien Vorplatz, von einem hohen Stacketenzaun eingefaßt und durch diesen äußerlich, so wie innerlich durch die Mauern, in vier verschiedene Quartiere, für eben so viele Reisegesellschaften abgetheilt sind. -- An der Wirthstafel in unserm Gasthause trafen wir beim Abendessen Landsleute aus den verschiedensten Gegenden von Deutschland, welche großenteils der Handel hieher gezogen hatte; das Tischgespräch ergieng sich bald am Rhein, bald in den Gegenden des Mains und der Elbe, oder in jenen der Spree.
Der Morgen des 20ten Septembers brach unter Regengewölken an, die jedoch bald zerrissen und den blauen Himmel wieder durch sich hindurchblicken ließen. Der erste Reiseeindruck den wir heute empfiengen, war der nahe Anblick der Festung ~Belgrad~, (dem ~Singidunum~ der Römer, das Justinian mit starken Mauern umschloß), der so oft von Türken und Christen belagerten, eroberten und wiederverlorenen. Wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick dieser alten Mauern ~Johann Hunyads~ und ~Capistrano's~ Heldenmuth und Heldenglaube in die Erinnrung kommen, welche hier bei Belgrad ein fester Damm wurden, an welchem die wilde Kraft Mohammeds +II.+ und der Uebermuth der Türken sich brach. Denn schon gedachte dieser zweite Mohammed den Halbmond, so wie auf der Sophienkirche und den Zinnen des von ihm eroberten Constantinopels, auch in Ofen, ja auf der St. Stephanskirche und den Zinnen von Wien aufzupflanzen, als seinem in der rasenden Trunkenheit der vielen Siege fast unwiderstehlich gewordenen Heere am 14. Juli 1456, gerade drei Jahre nachher, nachdem der türkische Eroberer alle Herrscher der christlichen Nachbarstaaten als Zinnspflichtige erklärt und abgeschätzt hatte, Johann Hunyad zuerst die Lehre gab, daß es im Reiche der Christenheit noch Köpfe gäbe, an welche man bei der Berechnung der türkischen Kopfsteuer nicht gedacht hatte. Denn an diesem Tage schlug der ungarische Held auf der Donau die Flotte der Türken, eroberte 3 Galeeren, bohrte 4 in den Grund, die übrigen ließ der Sultan selber verbrennen, damit sie nicht Beute der Christen würden. Noch aber stund am Lande das Heer des Mahommed: eine furchtbare Macht durch seine mehr denn anderthalbmal hundert tausend wohlgeübte Krieger, durch seine 300 Kanonen, unter denen 22 die Riesengröße von 27 Fuß hatten und sieben Mörser zentnerschwere Steinkugeln schleuderten. Tag und Nacht hörte man den Donner dieser gegen Belgrad gerichteten Geschütze, bis nach dem 24 ungarische Meilen entfernten Szegedin und schon waren die Mauern zerschmettert, schon war über ihre Trümmer Mohammeds Heer am 21ten Juli in die untere Stadt erobernd eingezogen, auch die Mauern der obern, so wie Hunyads Muth, welcher die Festung schon als verloren betrachtete, waren gebrochen; da setzte Capistrano's gottbegeisterte Rede andre, höhere Kräfte in Bewegung als die der Mörser und Riesenkanonen des Feindes waren. Er, an der Spitze jener mit dem Kreuz bezeichneten, meist aus ungeübten Bürgern, Landleuten und Studenten gebildeten Schaar, welche sein feuriger Glaubensmuth für diesen Kampf geworben und entflammt hatte, schreckte zuerst die über den Schutt der gestürzten Mauer heraufklimmenden Türken durch angezündete, in Schwefel getauchte Reisigbündel zurück und wagte dann, mit nur 1000 Kreuzfahrern, einen angreifenden Anfall auf das mehr als hundertfach stärkere türkische Heer. Es war ein Schrecken von Gott, der die Tiger des Ostens ergriff, als sie mit dem lauten Schlachtruf Allah, vor jenem äußerlich schlecht bewaffneten Häuflein flohen, das mit dem Loosungsworte »Jesus« ihren mordenden Waffen sich entgegenwarf. Mohammed selber, am Schenkel verwundet, ward zur Flucht vor diesen »Hündlein« hingerissen; 24,000 Türken lagen erschlagen auf dem Schlachtfeld vor Belgrad, unter ihnen der tapfre Feldherr Karadscha und Hasan der General der Janitscharen; hundert Wägen, mit Verwundeten beladen, zogen mit dem Reste des feindlichen Heeres gen Sophia; das ganze Belagerungsgeschütz der 300 Kanonen war in die Hände der Christen gefallen. So endigte für diesmal der Lauf der Eroberungen Mohammeds, der so unaufhaltsam geschienen, vor Belgrad und der Sieg der Christen hätte noch andre, bedeutungsvollere Früchte getragen, wären nicht bald nachher Hunyad und Capistrano, so wie ein großer Theil der Schaaren des Letztern der Seuche erlegen, welche vielleicht aus dem verpesteten Aushauch des blutgetränkten Landes ihren Ursprung genommen hatte. Aber Belgrad mußte dennoch der türkischen Macht sich beugen, denn schon unter der Regierung Ludwig +II.+, am 29. August 1521, ward diese für unüberwindlich gehaltene Veste durch Suleiman erobert, nachdem ein Häuflein von 700 tapfern Ungarn und Serbiern, unter des ritterlich kühnen Morgai Oberbefehl, drei Monate lang der Uebermacht des türkischen Heeres widerstanden hatte. Und auch jetzt, hätte die Vertheidiger der Stadt der Schrecken, den die Macht der ihnen noch unbekannten Minen erregte, noch nicht zur Uebergabe bewogen, wäre nicht die Ueberzahl der Serbier, die als griechische Christen ein unglücklicher Religionsstreit mit den Ungarn entzweite, auf der Capitulation bestanden, in welcher zwar von einem freien Abzuge die Rede war, der jedoch von den Türken nachmals nur den Seelen der von ihnen niedergehauenen Streiter, nicht den lebenden Leibern gegeben wurde. Erst am 6ten September 1688 ward Belgrad von neuem durch das christliche Heer, das der Churfürst von Bayern befehligte, erobert, schon im October 1690 aber, als ein, wie man glaubt, durch Verrätherei entzündetes Pulvermagazin die Mauern zerstört hatte, gieng es zum 2ten Male an die Türken verloren, wobei von 8 der besten Regimentern des christlichen Heeres nur 500 Mann sich auf Schiffen retteten. Und was half es, daß Prinz Eugen im Jahr 1717 es wieder gewonnen hatte, ward es doch schon ein Jahr nach dem Tode dieses großen Helden, im Jahr 1737, in dem leichtsinnig und übereilt abgeschlossenen Belgrader Frieden den Türken ohne Schwertstreich überlassen, ja selbst, nachdem Landon 1789 noch einmal sie genommen, kam die Veste schon in dem Friedensvertrag von 1791, den das Unglück der damaligen Zeiten Oesterreich abnöthigte, wieder in die Hände der Feinde. Jetzt sind alle die Werke, welche besonders während des österreichischen Besitzes von 1717 bis 1737 hier angelegt waren, in einem sehr augenscheinlichen Verfall.
Bei ~Panczova~ verließ uns ein Theil unsrer Handel treibenden Reisegefährten; mit der geflügelten Schnelle unsres Dampfschiffes eilten wir weiter auf der Bahn des Wassers hinab; das Auge, ohnehin durch einzelne Regenschauer gehindert, konnte nur schnell vorüberziehende Streifzüge machen, bald hinüber in die fruchtreiche Ebene des Banats, bald in die immer näher an den Strom heranrückenden waldbedeckten Gebirge und Weinbergshügel von Serbien, und in Kurzem sahen wir uns schon bei der dreieckig geformten, serbischen Festung Semendria[30], an deren zinnenreichen Mauern dreimal sieben viereckte Thürme sich erheben. In der That, es ist etwas Schönes um die Eile eines Dampfschiffes. Von Pesth nach Semlin beträgt der Weg 75 Meilen, wir waren (den Aufenthalt bei Nacht und bei Nebel abgerechnet) kaum 26 Stunden gefahren. Von Semlin oder Belgrad würde ein Fußgänger fast einen ganzen Tag lang bis nach Semendria zu gehen haben, denn die Entfernung beträgt 12 Stunden, wir aber hatten diese Strecke fast in zwei Stunden zurückgelegt. In der Nachbarschaft der alten, thürmereichen Vestung von Semendria sahen wir auch den ersten türkischen Gottesacker, über dessen weißen Denksteinen der Baum, der unter allen andren ein Sinnbild der freudig emporstrebenden Kraft seyn könnte: die Zypresse, als Sinnbild der Trauer dastehet. Weiß doch die jugendlich kräftige Natur dieses Landes überall, besonders am rechten Ufer des Flußes, Das was ans Veralten und an Zerstörung erinnern könnte, mit ihren Reizen zu verhüllen und zu bekleiden, denn die Trümmer der alten Burgveste von ~Kulich~, am Einfluße der Morava in die Donau werden unter der Fülle der Gärten und Weinberge kaum bemerkt; der Pestkirchhof, nahe an der Eugeniusschanze, auf der 6 Stunden langen Insel Ostrava, wird von dem lieblichen Grün der hohen Bäume beschattet; ~Rama~ (das vormalige Armata?) mit seinem alten römischen Kastell, stehet, umgürtet von seinen waldbewachsnen Felsen, wie ein zwar grauhaariger, aber noch immer starker Held da, welcher der Hut des Landes wartet. Noch am 28ten Juni 1788 vertheidigte der damalige Lieutenant Joseph Baron ~Lopresti~ dieses Schloß mit 23 Mann gegen 4000 Türken und ihre Kanonen, bis zuletzt das von dem Feind in Flammen gesetzte Gebäude die tapfre, kleine Schaar unter den zusammenstürzenden Trümmern begrub. Rama gegenüber, am linken Ufer der Donau, scheint ~Uj-Palanka~, nahe vor dem Einfluße der Nera, den vorüberziehenden Schiffer in seine freundlichen Wohnungen einzuladen. Von hier an zieht sich auch an dieser Seite die Ebene zurück, und das banatische Gebirge, von Norden herkommend, tritt an ihre Stelle. Der Strom, von einem hier fast beständig wehenden Zugwind des Engthales erfrischet, windet sich nach Südosten, rauschet an der grünenden Felseninsel Nova gaja vorüber und zeiget den Ruinen der serbischen Festung ~Gradisca~ das Bild ihrer veralteten Herrlichkeit in seinem Spiegel.
Gerade die Stelle des linken Ufers, bei welcher unser Dampfschiff, um neue Steinkohlen einzunehmen, einige Stunden lang verweilte: der Bergabhang von ~Bassiacz~ gewährte wenigstens in dieser Jahreszeit kein besonderes Interesse. Die vorhergegangene, lang anhaltende Dürre hatte an den jenseits des kleinen griechischen Kirchleins häufig wachsenden Rosengesträuchen nur noch die Dornen, keine einzige der schönen Blüthen zurückgelassen, auch die Schmetterlingsblume der hier gedeihenden Hülsengewächse war zur unscheinbaren Frucht geworden. Statt des Gesanges der Vögel oder des Blöckens der Lämmer hörte man nur das unliebliche Grunzen einer Schweinheerde, welche auf den Ruf einer Frau die aus der Wohnung des griechischen Geistlichen hervortrat, aus Wald und Gebüsch herbeieilte und an dem reichlich hingeworfenen Mittagsfutter sich sättigte, während ein kleiner Zigeunerknabe, der den Hirtendienst versahe, durch einen andren, deutschredenden Knaben, der ihm zum Dolmetscher diente, gegen uns die Klagen und Wünsche des bittern Hungers aussprach[31].
In ~Alt-Moldawa~, bei welchem wir am Nachmittag einige Augenblicke anhielten, weil hier der Capitän unsres Dampfschiffes Vorkehrungen für unsre morgende Weiterförderung zu treffen hatte, fanden wir ein fröhliches Gedränge festlich gekleideter Menschen. Jenseit des Orts zeigen sich die Trümmer einer zerstörten Burg und etwas weiter nach Norden das Bergbau treibende ~Neu-Moldawa~. Der Strom begiebt sich nun von neuem in die einsame Wildniß der Gebirgswände, aus denen sich auf der linken (ungarischen) Seite der Fels Tivadicza; auf der serbischen der Jocz hervorhebt, und welche für die Bahn des Wassers zum Theil nur einen Raum von 500 Fuß übrig lassen. Der mächtige Fluß wird zwar schon längst nicht mehr durch diesen Engpaß so angestaucht und gehemmt als vormals, wo sein Gewässer in der Ebene des Banats einen großen Landsee bildete, aber sein lautes Rauschen und Anbranden gegen die Felsen verräth die Gewalt, mit welcher er noch immer sich durchdrängen muß. Während das Ohr des sicher dahin Schiffenden mit dem Brausen des Wassers sich unterhält, wird das Auge mächtig angezogen und entzückt durch die wahrhaft majestätische Form der Felsenberge und der Burgruinen von ~Golubacz~ und der ihm auf der linken Seite des Stromes gegenüberliegenden vormaligen Veste von ~Babakaly~. An den riesenhaften Gemäuern von Golubacz haben sehr verschiedene Zeiten gebaut, denn ein Theil derselben ist offenbar ein Werk der Römer, die hier eine Veste, ~Cupus~ genannt, besaßen; ein andrer Theil, dies bezeugen die arabischen Inschriften, ist von der Hand der Türken. Unter den alten Thürmen dieser Veste wird der, welcher am weitesten nach oben liegt, für das Gefängniß der schönen, griechischen Kaiserin Helena gehalten. So hehr und lieblich diese Gegend dem Vorüberreisenden erscheint, so furchtbar ist sie dem, mit der Natur des Landes bekannten Eingebornen, weil hier aus dem Schooße der Schönheit Schrecken und Verderben hervorgehen. Denn gerade dieses zur Ruhe in seinem Schatten einladende von klaren Quellen und kleinen Wasserfällen durchwebte, malerisch schöne Grün der Waldungen gebiert in der wärmeren Zeit des Spätfrühlinges jene Schwärme der Golubaczer Mordmücken[32], welche in manchen Jahren in unermeßlicher Menge über das ganze, benachbarte Land sich verbreiten und ganze Heerden des Viehes, dem sie durch Nase und Mund in die Luftröhre und Eingeweide dringen, plötzlich tödten oder in Lebensgefahr bringen. Weil diese sehr kleine Mücke, welche auch in andern Gegenden von Europa, obwohl nirgends in solcher übermächtiger Menge vorkommt, bei kühlem Wetter und eintretendem Regen sich in die Felsenhöhlen und Klüfte verbirgt, wo man sie dann oft in ungeheuren Massen zusammengehäuft finden kann und von wo aus dieselbe bei wiederkehrender Wärme in ganzen Wolken hervorbricht, ist daraus die Volkssage entstanden, daß sie ihren Ursprung aus diesen Höhlen, besonders aus einer, unterhalb Golubacz gelegenen nähmen, in welcher der h. Georg den Drachen erlegt haben sollte. Vergeblich war aber, dies zeigte die Erfahrung, das Bemühen, durch das Vermauern mehrerer solcher Höhlen der Vermehrung der Mordmücken Einhalt zu thun; man hatte ihnen nur ein und den andern bequemeren Schlupfwinkel genommen, worinnen sie bei kühler Zeit leichter als anderwärts durch Feuer zu tödten gewesen wären; statt dessen fanden die furchtbaren Schwärme einen andern Bergungsort in hohlen Bäumen und Felsenklüften. Nur Eines kann dem Verderben steuern, das hier aus einer ungebändigten Ueberfülle der sich selber überlassenen, herrscherlosen Natur entsprang: das ist der Fleiß der Menschenhand, welcher das feuchte Dickig durchbrechen, das in den Schluchten stehende Wasser der Sümpfe ableiten, den faulenden Abfall und die erstorbenen Reste der organischen Körper hinwegräumen müßte. Aber das Auge vermisset hier in diesem serbischen, so reich begabten Waldgebirge und Wiesenland nur zu sehr die Hand des ordnenden Herrschers; es fehlt demselben, wie einem schon ganz zur Wohnung eingerichteten Hause der Bewohner selber: der Mensch; auf jeder Miene der dortigen Natur und Creatur spricht sich ein sehnliches Warten des besseren Künftigen aus.
Von Golubacz fuhren wir auf dem hier wieder in breiterer Strombahn, immer aber noch in reissender Schnelle verlaufenden Fluße nur noch eine kurze Strecke, dann warfen wir am linken Ufer Anker; an einer Stelle, bei welcher keine Ortschaft in der Nähe sich zeigte. Denn hier fand sich jene Gränze, welche damals noch, wenigstens bei niedrem Wasserstande, die von Menschenhänden unbezwungene Natur, der Dampfschifffahrt von da an bis zum eisernen Thor jenseits Orsowa setzte. Aber nicht der unternehmende Sinn der Dampfschifffahrer allein, sondern auch die Vorstellung die man etwa zu der ungarisch-serbischen Donauklause von ferne her mit sich brachte, muß vor dieser Wildniß der Felsengebirge sich beugen, denn seines Gleichen mag dieser Engpaß, wenigstens in Europa nur wenige haben, weil die Macht und Fülle des Stroms, die sich da in den Kampf mit der Veste der Erde begiebt, eine größere ist, als die der meisten andern Ströme unsres Welttheiles. Es wunderte mich nun nicht mehr, daß jener gekrönte Freund der Architektur: Kaiser Trajan, dessen Geschmack an großartig Schönem so viele Bauwerke verkünden, seines Namens Gedächtniß so eifrig und wiederholt in diese Felsenwände einschreiben lassen; denn hier vergnügt sich das Auge an einer Baukunst der Natur, deren Herrlichkeit wie der Flug des Adlers den Flug eines im Käfig erzogenen Vogels, so die Herrlichkeit der Menschenwerke besieget. Der Engpaß, zu welchem das eiserne Thor gehört, ist keinesweges durch die mechanische Gewalt eines da hindurchreissenden Gewässers entstanden, sondern durch jene krystallinisch bauenden Kräfte der Natur gebildet, welche bei dem Entstehen der jetzigen Erdveste aus dem formlosen Zustand[33] der Massen, die einzelnen Stämme und Gruppen der Gebirge von einander sonderte und abgränzte. Es nähern sich bei diesem Engpasse der vom Kaukasus entsprossene Hauptstamm der nordistrischen Gebirge und der vom Höhenzug des Antitaurus herkommende südistrische allerdings einander so sehr, daß sich ihre tieferen Wurzeln, wie die zweier nachbarlichen Gewächse in einander verpflechten, das aber, was zuletzt die Wände der so nahe gerückten Höhenzüge als Zwischenkluft von einander abgränzt, das scheint eine Wirkung derselben Kraft, welche die Flächen zweier nachbarlichen Krystalle gesondert hält. Die Felsarten zu beiden Seiten gehören vorherrschend zum Geschlecht der granitischen Gebirge.
Ein kleines, aber bequem genug eingerichtetes Ruderschiff, von tüchtigen, des Ortes kundigen Schiffsleuten bewegt und geleitet, brachte uns am andern Tage, den 21sten September weiter, und die dritthalbstündige Verzögerung, die uns bei der Unterschrift der Pässe in dem höchst uninteressanten ~Trenkowa~ zustieß, erschien uns härter als die leicht vermeidliche Gefahr, welche die Klippenreihe des Sztenka gleich am Anfang der Fahrt hätte bringen können, obgleich weiter abwärts unser Schifflein, wegen des niedern Wasserstandes, auf einer der Klippen für einige Augenblicke festsaß. Der Strom ist da, wo er aus der Hemmung der Felsenriffe sich hinausringet, so kräftig schnell, daß er das Fahrzeug auch ohne Ruderschlag bald gegen ~Berszaszka~ hinfördert, dessen Wachtthürme sich am linken, ungarischen, gegenüber einer Burgruine am rechten, serbischen Ufer zeigen. Eine halbe Stunde unterhalb Berszaszka, bei dem Wachthause Welika Kozla, verräth die starke Brandung des Stromes ein andres, durch sein Bette hindurchsetzendes Felsenriff. Von hier, etwa in einer Entfernung von einer Viertelstunde, folgt bei dem Einfluß des Szirinyakbaches in den Hauptstrom die Charybdis des unteren Donaulaufes: der berüchtigte Jardop- oder Kurdapwirbel, der durch das Zurückprallen des Wassers von den Felsenwänden des serbischen Ufers entstehet, hierauf die freilich nur bei hohem Wasserstande gefährliche Skylla: der mitten aus dem Flußbette hervorragende Doppelfels Bioolj. Drei Viertelstunden weiter hinabwärts drohet das laut gegen die Felsen des Izlas und weiter abwärts des Tachtalia anbrandende Wasser eine neue Gefahr, welcher noch im Jahr 1833 fünf große Fahrzeuge erlagen, indem sie an den hier überall nahe zur Oberfläche heraufragenden Klippen zerscheiterten. Diese Gefahr wird vermieden, wenn sich die Schiffe ganz nahe zum serbischen Ufer halten, an welchem ein fahrbarer Paß von 60 Fuß Breite offen stehet. Jenseit des minder gefährlichen Felsens Brany, bei dem serbischen Flecken ~Porecz~ und der nach ihm benannten Insel Porecza beginnen die Donaufälle, von denen jene des linken, stärkern Armes, über Klippen hinabstürzend, auch für die kühnsten Schiffer unfahrbar sind, während die des rechts an der Insel vorbeiströmenden, serbischen Armes selbst stromaufwärts befahren werden, obgleich das Wasser mit solcher Gewalt über die rundlichen, glatten Felsenmassen herunterstürmt, daß man, um ein Frachtschiff mit etwa 80 Zentnern Ladung heraufzufördern, einer Vorspann von 120 bis 130 Menschen und 10-20 Ochsen bedarf. Die Bahn des Stromes erweitert sich nun, sein Lauf wird ruhiger; am linken Ufer zeigt sich Szvinicza, weiter abwärts das Dorf Plavischivicza. An vielen dieser Punkte und selbst an Tachtalia und bei den Donaufällen hat das Auge Ruhe genug an dem Anblick der Uferfelsen sich zu ergötzen, das Ohr, um auf andre Stimmen der Natur zu horchen, welche etwa, vom Lande her, die Melodien des brausenden Stromes begleiten. Aber das majestätische Schweigen dieser Gebirgsgegend wird nur selten durch die Stimme eines Vogels, etwa des Schwarzspechtes, oder in den grünenden Thälern, die sich hie und da an den Seiten des Stromes eröffnen, durch das Brüllen eines Stieres, dem das Echo der Felsen antwortet, unterbrochen; es ist als ob die Häupter der Gebirge, mit stillem Lauschen, nur auf die Stimme der Wasserwogen herabhorchten, welche der Lauf aus manchem fernen, schönen Lande hier vorüberführt.
Die tiefer stehende Sonne war schon hinter die Höhen der niedreren Ufergebirge hinabgesunken; das Thal mit dem Gewässer lag im Schatten, während die gähe Felsenwand des 2000 Fuß hoch über die Thalfläche emporsteigenden Sterbeczberges noch in hellem Sonnenlichte erglänzte, da fieng das seit Kurzem wieder ruhiger gewordene Wasser von neuem an zu wogen und wir hörten sein Brausen, sahen seine Wirbel an dem Felsensaume des Kazan. Der Strom ist hier in ein Engbette von nur 520 Fuß Breite zusammengedrängt, seine Tiefe gleichet an dieser Stelle der Tiefe eines Thurmes, denn sie wird nahe an 170 Fuß geschätzt. Längs der gähen Felsenwände des linken Ufers wird, mit bewundernswürdiger Kunst, auf Kosten der k. k. österreichischen Regierung eine neue Straße angelegt, die schon ziemlich weit gediehen ist. Eine halbe Stunde lang waren wir durch diesen Lustwald der Felsen und des brausenden Gewässers gefahren, da zog die Abendröthe über den Abhang des Blutberges hinüber, dessen jetziger Name (ursprünglich hieß er Schukuru) an eine blutige Niederlage erinnert, welche die Türken bei seinem Fuße erlitten. In diesem Berge zeigt sich, 120 Schritte vom linken Donauufer entfernt, in einer Höhe von etwa 12 Fuß, der von Schanzen umgürtete, von oben durch die 70 Fuß hohe, weit überhangende Felsenwand geschützte, durch eiserne Thüren verschließbare Eingang jener Höhle, deren alter Name Romanaz und Pescabara seit dem Jahr 1692 fast ganz aus dem Munde der deutsch redenden Bewohner des Landes verschwunden ist. Denn in diesem Jahre hatte der General ~Veterani~ jene Höhle, die in ihrem geräumigen Innern eine Besatzung von fast 700 Mann zu fassen vermag, zu einer Veste einrichten lassen, welche durch 300 Deutsche und eine geringe Anzahl serbischer Soldaten so trefflich versehen wurde, daß sie die Schifffahrt der Türken auf der Donau und auch die Bewegungen der Feinde auf dem benachbarten Lande fast gänzlich hemmte. Nur der Mangel an allen Lebensmitteln zwang zuletzt das kleine Häuflein der Vertheidiger zur Capitulation mit der sie belagernden Armee des Pascha von Belgrad. Seitdem wird diese Höhle allgemein die Veteranische genannt. Und warum sollte sie nicht wenigstens hierdurch das Andenken des Mannes erhalten, der sich nicht bloß durch seine Tapferkeit und großen Feldherrntalente, sondern mehr noch durch seine weise Milde in Siebenbürgen den Namen eines Vaters des Landes erworben hatte und der auch in der Schlacht, welche gerade heute vor 141 Jahren, am 21. September 1695, bei dem 10 Meilen von hier nördlich gelegenen ~Karansebes~ geschahe, als Vertheidiger von Siebenbürgen den Tod des Helden starb, als er, verlassen von der ihm versprochenen Hülfe der befreundeten Armee, mit seinem nur 7000 Mann starken Corps ein mehr als 8 mal stärkeres, mit Wuth kämpfendes Feindesheer von dem Eindringen durch den Gebirgspaß von Varhely abhalten wollte. Drei und zwanzig Jahre später (1718) vertheidigte gegen die Uebermacht der Türken der tapfere Major von Stein diese Höhle, deren Geschütz die hier nur 840 Fuß breite Strombahn vollkommen beherrscht. Einige alte bei der Höhle aufgefundene Inschriften bezeugen es, daß schon die Römer hier Waffenthaten geübt haben, und etwas weiter hinabwärts, dem fast unmittelbar auf das Dörflein Dubova folgendem ~Ogradina~ gegenüber, am rechten Ufer, spricht in halbverloschenen Zügen eine Marmortafel, vom Bilde des römischen Adlers und der Delphine beschattet, von Trajans erstem, siegreichen Feldzuge in Dacien. Es ist hier ein Ort des Zusammentreffens, da der Geist, welcher in der Geschichte waltet, und jener, der in der Natur herrschet, im Zweigespräche der großartigen Gedanken sich begegnen; unten im Thale murmelt die schnell vorübergehende Welle ein Erinnern an die Thaten des Menschen die hier geschahen, oben in den feststehenden Zinnen des Felsengebirges verkündet der tausendstimmige Widerhall des Sturmwindes oder des Donners die großen Thaten Gottes.
Für ein Verweilen von etlichen Tagen konnte es, am ganzen untern Laufe der Donau, für uns keinen angenehmern Ort geben als ~Alt-Orsova~ (dem +Tierna+ oder +Colonia Zernensium+ der Römer und Byzantiner) in welchem wir jetzt die Ankunft des Dampfschiffes Pannonia zu Kladowa abzuwarten hatten. Das deutsche, wohleingerichtete Gasthaus bietet Alles dar, was man zur Ruhe und Pflege des ermüdeten Leibes bedarf; die Gesellschaft an der Wirthstafel, die aus mehreren wohlunterrichteten, freundlich zuvorkommenden Officieren und Beamten bestund, zu denen am andern Tage noch einige junge Adelige aus Siebenbürgen hinzukamen, fanden wir unterhaltend und angenehm. Wir besahen uns am 22ten September zuerst die nächste Umgegend von Orsova. Das Städtlein wird landeinwärts von einem Halbkreise der Höhen umgränzt, gegen die Stromseite hin gewährt es eine herrliche Aussicht nach der gerade gegenüber am rechten Ufer, auf den Felsen thronenden Elisabethburg, deren einst unter der österreichischen Herrschaft wohlbestellter Bau, jetzt unter türkischer sehr in Verfall gerathen ist, und auf das serbische Dorf Tekia. Weiter abwärts zeigt sich die mitten im Fluße, auf einer Insel gelegene, türkische Festung ~Neu-Orsova~, und neben ihr, am linken Ufer, erhebt sich der wegen seiner herrlichen Aussicht gerühmte Alionberg, während man stromaufwärts in das waldige Engthal hineinblickt, an dessen Ufer die schon oben erwähnte Trajanstafel und andere Ueberreste römischer Bauwerke gefunden werden. Die Umgegend von Alt-Orsova ist vorzüglich reich an Wein- und Maisbau; den Strom erfüllt eine Menge von Fischen, unter denen der oft mächtig große Hausen (+Acipenser Huso+) den man öfters gleich einem spielenden Delphin über die Wasserfläche emporspringen sieht, für den Fischfang der wichtigste, für den Gaumen der köstlichste ist. Das Städtlein selber hat in Folge des Friedensvertrages von 1739 aufgehört Festung zu seyn, was es doch schon zu den Zeiten der Römer gewesen war; seine späteren österreichischen Werke sind geschleift; die Ueberreste alter Befestigung, die man noch an einigen Punkten bemerkt, sind früheren, türkischen Ursprunges. Die Zahl der Bewohner von Alt-Orsova steigt kaum über 900, doch wird der kleine Ort belebt und wohlhabend durch seine Lage an der türkischen und wallachischen Gränze, die ihn zu dem Wohnsitz eines Cordons-Commandanten und eines Dreißigstamtes macht; auch führt die Nähe der Heilbäder von Mehadia im Sommer viele besuchende Fremde hieher. Ganz nahe bei dem Orte liegt das Dorf ~Schupaneck~ mit einer wohleingerichteten Quarantäneanstalt, die vor vielen andren den aus dem Orient zurückkehrenden Reisenden zu empfehlen scheint, da die Lage gesund, die besten Lebensmittel in Fülle vorhanden, und (wenigstens war es bei unsrem Hierseyn so) die Anforderungen auf ein längeres Verweilen in der Obhut der Quarantäne ungleich gemäßigter sind, als an den meisten Häfen des adriatischen und des europäischen Mittelmeeres. Und wo könnte der von der Reise im Fremdlingslande vielleicht noch heftig angegriffene Reisende sich besser zu dem Wiedereintritt in die rauhere Heimath stärken, als in den kraftvollen Bädern von Mehadia.
Am Nachmittag ergötzten wir uns am Besuch der Skella: jenes Gränz-Ueberfahrtspunktes am Ufer der Donau, der gegen das Land hin ganz von Pallisaden umschlossen ist, und bei welchem überdieß Wachtposten stehen, um jede Verpestung drohende Gemeinschaft mit den Waaren und Bewohnern des jenseitigen Ufers zu verhindern. Hier wird täglich, unter Aufsicht einiger Sanitäts- und Mauthbeamten, in einer ziemlich großen, bretternen Schranne (Verkaufsbude) Markt gehalten. Die Bewohner des jenseitigen Ufers, Serbier wie Türken, mit ihnen Zigeuner, die den Geschäftsgang des Handels mit dem gellenden Laut ihrer singenden Stimmen und ihrer Instrumente begleiten, kommen auf Fahrzeugen herüber und stellen sich, so wie die etwa mitgebrachten Waaren hinter den Schranken des jenseits, nach dem Ufer hin gelegenen Theiles der Bude auf, während die Bewohner und Verkäufer, so wie Käufer des diesseitigen Ufers in dem landeinwärts gelegenen Theile, ebenfalls hinter Schranken ihre Stelle einnehmen; in der Mitte zwischen beiden Schranken bleibt ein freier Platz für die Sanitäts-Officianten. Man zeigt sich nun gegenseitig die Waaren des Ostens wie des Westens, des Nordens wie des Südens, und nach abgeschloßnem Handel wird das Geld wie die Waare auf den Boden des Mittelplatzes zwischen den beiden Schranken hingeworfen, oder, wenn es von diesseits kommt, den Sanitätsdienern übergeben, die es unmittelbar hinüber befördern an die andere Seite, während das, was von jenseits kam, zuerst den Räucherungen oder den Waschungen mit Essig und Wasser unterworfen wird. In ganz vorzüglichem Maaße zog unsre Aufmerksamkeit eine christliche serbische Familie an sich, die in reichem, festlichen Nationalschmuck, in einer zierlichen Barke vom jenseitigen Ufer zur Skella herüberkam. Es war ein serbischer Hauptmann mit seiner Frau und mehreren Kindern. Die wahrhaft hohe, männliche Schönheit des Vaters war mit einer Würde gepaart, wie sie nur ein angeborner Edelsinn der Natur des Menschen giebt; wir hörten seiner Unterredung mit dem Cordons-Commandanten von Orsova, obgleich wir die Sprache nicht verstunden mit Interesse zu, weil die Mienen und Gebärden des Serbiers uns zu Dolmetschern dienten. Auch die Mutter wie die Töchter schienen es zu fühlen, daß der höchste Schmuck der Schönheit, welche ihnen die Natur gab, jene bescheidene Sittsamkeit sey, die sich, ihnen selber unbewußt, in ihrem ganzen Wesen aussprach. Uns erinnerte dieser Anblick an jene schöne serbische Prinzessin, die als Lieblingsgemahlin des türkischen Sultan Murad +I.+ dem Glauben der christlichen Väter auch im Fremdlingslande bis an ihr Ende getreu blieb.
Den zweiten Tag unsres Aufenthaltes in dieser Gegend benutzten wir zu einer Reise nach den Herculesbädern bei ~Mehadia~, welche in einer Entfernung von 5 Poststunden von Orsova an den Ufern der Caserna liegen. Der Weg gehet zuerst ziemlich nahe an dem Dorfe Schupaneck und seinen Quarantänegebäuden vorüber, durch die reiche Donauebene, und tritt dann durch den Engpaß von Koramnick in den sogenannten Serakovaer Schlüssel, unter welchen sich jedoch der Reisende, in dieser Gegend, wo jede kleine Parthie durch die Geschichte der so häufig hier vorgefallenen Schlachten, ihren eigenen Namen hat, keine solche Vorstellung machen darf, wie von den »Clausen« und Schlüsselpässen unsrer Tyroler Alpengebirge; denn gegen diese gehalten, erscheint freilich der Serakovaer Schlüssel gleich dem eines Zimmers- gegen einen Kirchenschlüssel. Auf einer kleinen Anhöhe zeigen sich jetzt die ersten vier Bögen jenes Aquädukts, der weder türkischer noch altrömischer Art, mehr an jene Bauwerke erinnert, die wir etwa, aus den Zeiten des »Dietrichs von Bern« in Verona so wie bei Terracina erblicken. Die Straße zieht sich von da, an dem durch starke Mauern gestützten Ufer der Czerna hinan und immer zeigen sich von neuem die Trümmer der alten Wasserleitung, deren zweistöckige Bögen an einigen Stellen die Höhe von 30 bis 36 Fuß erreichen. Eine hölzerne Brücke führt weiterhin über das Bächlein Jardesdizka, das an Forellen reich ist; weiterhin zeigen sich jene alten, festgemauerten Gräben, die für den Anfang des erwähnten Aquäduktes gehalten werden und bald ist das reichgrünende Felsenthal von Mehadia mit seinen zum längern Verweilen einladenden, schönen Gebäuden und hiermit zugleich die Eingangspforte zu den Bädern des Hercules erreicht. Wenn auch der Halbgott, dessen Namen diese Heilquellen, gleich andern ihrer Art geweiht waren, in die Gegend von Mehadia nicht die Reize des Gartens der Hesperiden hineinlegte, so gab er ihr doch dafür desto reichlicher den Ausdruck der Alles durchbrechenden Kraft. Das Werk des Hinwegräumens der niedergestürzten und von der Czerna herabgeführten Felsmassen, scheint wie von der Hand jenes Starken begonnen, nicht aber vollendet zu seyn, denn zwischen und neben den üppig grünenden Wäldern und Bergwiesen liegen an vielen Stellen, gleich den Gandecken einer ehemals hier sich stauchenden, dann hindurchbrechenden Wasserfluth, die wilden Gehäuse des Bergsturzes.
~Mehadia~, ein Marktflecken mit etwa 1500 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Bella-Reka an der Stätte des römischen +ad Mediam+. Eine lange, steinerne Brücke führt über das breite Bette des kleinen Flußes hinüber, der sich nicht fern von da mit der Czerna verbindet. Die Herculesbäder, welche, wie dies die hier aufgefundenen Inschriften, so wie die vormaligen Ueberreste der Tempel des Hercules und Aeskulap erweisen, schon den Römern bekannt, und bei ihnen, wegen ihrer Heilkräfte sehr in Ehren waren, liegen etwa 40 Minuten weit von dem Städtlein entfernt, am felsigen Ufer der Czerna. Das Grundgebirge, aus dessen Gangspalten die Dämpfe hervorsteigen, welche nach oben zu dem Wasser der Heilquellen sich verdichten[34], ist Granit, der unten in der Tiefe des Flußbettes, besonders auf der rechten Seite, zu Tage ausstehet und weiter flußaufwärts große Felsen bildet. Ueber dem Granit sind Mergelschiefer und dichter, aschgrauer Kalkstein aufgelagert, aus denen die heißen Quellen zunächst hervorbrechen[35]. Der Geruch nach geschwefeltem Wasserstoffgas (Hydrothionsäure) der an jenen von faulen Eiern erinnert, kündigt dem im Thale aufwärts gehenden Fremdling die Nachbarschaft der Heilbäder an, welche von 22, mit wenigen Ausnahmen nur am rechten Ufer gelegenen Quellen, mit solcher Fülle von heißem Wasser versorgt werden, daß in dieser Hinsicht nur wenig andre Warmbrunnen von Europa, namentlich die Isländischen, die von Mehadia übertreffen. Denn schon neun jener Quellen, welche ~Zimmermann~ mit musterhafter Genauigkeit untersuchte und beschrieb, liefern in einer Stunde im Mittel 6525 Cubikfuß Wasser, mithin mehr denn halb so viel als die gesammten Wasserleitungen von Paris dieser Königsstadt an Quellwasser zuführen[36]. Unter diesen neun genauer beschriebenen Quellen stehet, an Wassermenge, die des Herculesbades, welche am weitesten nach oben im Czernathale entspringt, voran, denn sie quillt wie ein kleiner Bach aus der Höhle des dichten Kalksteines hervor und stürzet, nachdem sie das was zur Füllung zweier großen Badekästen nöthig ist, in die verdeckten Röhren abgegeben, den größten Theil ihres Wasserüberflusses in die Czerna hinab. Diese Quelle allein giebt im Mittel in jeder Stunde über 5000 Cubikfuß Wasser, doch ist diese Menge veränderlich, weil die Quelle ihre große Stärke zum Theil der Zumischung von Tagewässern verdankt, weßhalb sie im Frühling, wenn der Schnee der Gebirge thaut, oder nach starkem Regen, am reichlichsten fließt, dann aber zuweilen nur 18° R. Wärme zeigt, während sie in trockner Sommerzeit minder reichlich strömt, zugleich aber 39° R. Wärme annimmt. Die Heilquellen von Mehadia enthalten außer dem geschwefelten Wasserstoff- und kohlensauren Gas auch etwas Stickgas; unter den festen Bestandtheilen hauptsächlich salzsaures Natron und salzsauren Kalk[37]. Die Wärme einiger der am tiefsten im Czernabette entspringenden Quellen steigt bis 51° Reaumur. Gegen Gicht und langwierige Rheumatismen, Lähmungen und gegen eine große Zahl anderer Krankheiten, welche durch eine Steigerung der Hautthätigkeit gehoben werden können, haben sich diese Warmbrunnen schon vielfältig heilsam bewiesen.
An den Ufern der Czerna giengen wir durch das Schattendach des Laubwaldes und an grünenden Waldwiesen vorüber, aufwärts bis zu dem Wasserfalle. Auf dem grünen Rasen und im Schatten der Gebüsche zeigte sich mit fleischrothen Blüthen, ähnlich unsrer Herbstzeitlose, der +Crocus speciosus+; unter den Bäumen erhub sich stellenweise der schöne, türkische Haselnußbaum (+Corylus Colurna+), an einem Felsenabhang stund neben dem ruthenartigen Bohnenstrauche (+Cytisus elongatus+) der mittägige Zeltenbaum (+Celtis australis+); im dichten Waldschatten erschien zwischen den heller grünenden Bäumen die Schwarzföhre (+Pinus Pinaster+). In verwildertem Zustande wird nicht selten am Saum des Waldes der Weinstock gesehen, und, als Zeichen der Milde dieses Landstriches gedeiht schon, nahe bei der Herculesquelle, der Feigenbaum (freilich nur von strauchartiger Größe) im Freien. Unter den Vögeln glaubten wir die Bewohnerin des Ostens: die wilde Lachtaube (+Columba risoria+) zu bemerken.
Auf den langen Spaziergang schmeckte uns das wohlbereitete Mittagsessen im Gasthause sammt dem mit Recht gepriesenen Schillerwein von Mehadia vortrefflich; am Nachmittag kehrten wir nach Orsova zurück, wo die heitre Stimmung, in welche der Genuß dieses Tages uns versetzt hatte, auf einige Augenblicke durch die kleinen Quälereien unterbrochen ward, welche die Douaniers uns zufügten. Doch bald war der innre Ton wieder derselbe, der er am Morgen gewesen, und der letzte Abend in Orsova wurde fröhlich beschloßen.
Sonnabends am 24ten September traten wir die Weiterreise nach Kladowa an, wo das Dampfschiff Pannonia unsrer wartete. Unsre Gesellschaft hatte sich getheilt; Einige, welche das beßre Theil erwählt hatten, machten den Weg zu Wasser durch das sogenannte eiserne Donauthor (+Cataractae Danubii+) auf einem mit tüchtigen Schiffern versorgten Fahrzeuge, Andre zu Lande in einer Art von Gesellschaftswagen. Der Landweg, welcher Anfangs die herrliche Aussicht auf die Elisabethburg, Neu-Orsova und das rechte Ufer der Donau, so wie auf den Eingang des eisernen Thores beherrscht und auch in seinem späteren Verlauf meist in der Nachbarschaft des Flußes bleibt, geht eine halbe Stunde unterhalb Alt-Orsova über die Czerna und zieht sich dann am Vorgebirge Alion vorüber hinab nach der Wodiczer Mühle. Nahe bei dieser, am Bagnabache erinnerten die steinernen Pyramide mit dem Doppeladler und die Gebäude des Cordonpostens an den letzten Abschied aus den guten, österreichischen Landen, denn hier ist die Gränze; jenseits des Baches betritt man in dem Dorfe Werczerowa die Wallachei und von nun an wachen die Sanitätsdiener, welche die Landreisenden begleiten, ängstlich über jede Gelegenheit, bei welcher eine Berührung ihrer Personen oder ihrer Pferde mit den Menschen und Thieren von jenseits statt finden könnte, weil sie sonst selber durch eine lange Quarantäne den freien Eintritt in die Heimath wieder erkaufen müßten. Die Felsarten, aus denen sowohl das gäh abstürzende linke, als auch das mehr terassenartig ansteigende rechte Ufer der Donau beim eisernen Thore bestehen, sind vorherrschend Glimmerschiefer und Gneus; an unsrem Wege blühten unter andrem die acanthusblättrige Silberdistel (+Carlina acanthifolia+), die schwärzlich purpurne Centaurea (+Centaurea atropurpurea+) und das caucasische Doronicum (+Doronicum caucasicum+); die große, grüne Eidechse und die vierstreifige Natter (+Coluber Elaphis+) sonnten sich am Felsen.
Ungleich interessanter als der Landweg ist der zu Wasser, der zugleich im wohlversorgten Fahrzeuge so sicher ist, daß der größte Theil der Damen, welche gleich uns auf der Pannonia sich einschiffen wollten (es waren meist Engländerinnen) ihn vorzogen. Denn obgleich auf der Fahrt durch den eigentlichen Engpaß des eisernen Thores das Schifflein fast wie auf stürmischem Meere bewegt wird, obgleich die Brandung an den Felsenmassen, die aus dem Strom hervorstehen und das laute Tosen des abstürzenden Wassers, so wie die vielen Wirbel bei der Insel Balmi, in der Nähe des serbischen Dorfes Sip (man zählte sonst ihrer 23) einen gewaltigen Eindruck auf die Sinnen machen, darf man dennoch, besonders seit den Sprengarbeiten des Jahres 1834, ohne alle Furcht sich der Betrachtung der hehren Felsenpforte hingeben, durch welche der mächtige deutsche Strom hinaustritt in das Land des Ostens. Die Länge des Engpasses beträgt 7200 Fuß, die Breite der Strombahn gegen 600, der Fall des Wassers auf der ganzen Strecke 16 Fuß, die Geschwindigkeit seines Fortbewegens fast 12 Fuß in einer Secunde. Bei dem Dorfe ~Sip~ werden, auf der rechten Seite der Donau, noch die Ueberreste eines von den Römern angelegten, gemauerten Kanales bemerkt, durch welchen es möglich wurde, die bedenklichsten Stellen des Engpasses ganz zu umschiffen und auf diese Weise selbst die Aufwärtsfahrt an den Catarakten zu erzwingen.
Das schöne, große Dampfschiff Pannonia, welches nahe bei ~Skela Kladova~ vor Anker lag, mußte eigentlich einen größern anziehenden Reiz für uns haben, als das armselige, wallachische Oertlein mit seinen Lehmhütten. Da wir aber wußten, daß von dem Augenblicke an, in welchem wir das in beständigem Verkehr mit dem rechten (türkischen) Ufer stehende Fahrzeug beträten, der fernere Verkehr mit dem linken Ufer uns versagt seyn werde, genoßen wir noch eine Zeit lang der Freiheit am sandigen Ufer, unter dem langhaarigen Volk der Wallachen herumzugehen und in ihre Hütten hineinzutreten, in denen man Kaffee und allerhand andre Lebensmittel feil bot. Wir wurden jedoch dieser Unterhaltung ziemlich bald müde und begaben uns freiwillig, indem wir die Pannonia bestiegen, hinüber in den Fremdlingskreis des rechten Ufers, aus welchem von nun an eine Rückkehr zur Heimath nur durch die Sühnanstalt einer langen Quarantäne möglich war. Unser Dampfschiff ließ es übrigens gleich vom ersten Augenblicke an den Reisenden sehr heimathlich in seinem Innern werden. Das gemeinsame Aufenthalts- und Speisezimmer, wie die Nebenkammern mit den reinlichen Betten waren hell und geräumig; ein italienischer Koch versorgte auf seine vaterländische Weise den Tisch und ergötzte die Schiffsgesellschaft während seiner freien Stunden mit Guitarrespiel und Gesang; unter dem dienenden Personal war ein Landsmann: ein Kellner aus Bayern.
Erst am Nachmittag war das Geschäft des Einräumens der Waaren vollendet; das Dampfschiff begann seinen kräftigen Lauf und führte uns in Kurzem zu den so viel besprochenen Resten der Brücke, welche Kaiser Trajan nach seinem Siege über die Dacier durch den kunstreichen Architekten Apollodorus Damascenus erbauen ließ. Dieses mächtige Bauwerk ruhete auf 20 durch Bögen unter einander verbundenen, steinernen Pfeilern, welche auf hölzernem Rost begründet waren. Nicht die spätere Herrschermacht der Barbaren, sondern der Nachfolger des Trajan selber, Kaiser Hadrian, ließ diese erste und bis auf unsre Tage letzte Brücke, welche die untere Donau jemals getragen, wieder zerstören, angeblich um den Uebergang der Geten über den Strom zu hindern, nach einer andern Vermuthung des Alterthums aber aus Neid über den Ruhm des Apollodor[38]. In unsern Tagen sieht man noch, bei niedrigem Wasserstand, die Trümmer von 11 Pfeilern im Strome stehen; auch am rechten Ufer haben sich zwei 18 Fuß breite Pfeiler und hier wie am linken Ufer die Mauerreste der Brückenkastelle erhalten, welche aus großen Quadersteinen erbaut und mit Ziegelsteinen überkleidet sind. Der Brückenkopf des rechten Ufers hieß das +Caput bovis+ und hier in der Nähe lagen ~Egeta~, so wie das stark befestigte ~Zanes~[39], am linken Ufer war in der Nachbarschaft der Brücke die Stätte von ~Drubetis~ und von ~Amutrium~. Da wo einst diese so wie die Menge der andern Städte und Burgfesten ein eisernes Netz der römischen Waffenrüstungen bildeten, welches die Freiheit der alten Bewohner des Landes umstrickte, wirft jetzt der Bewohner von ~Werbicza~ und ~Tikya~ seine Netzfallen und Harpunen zum Fange der Hausen aus, deren Caviar und Fleisch von hier weithin stromauf- und abwärts verführt werden.
Der spätere Nachmittag und der vom Vollmond beleuchtete Abend waren sehr genußreich. Das äußere Auge ruhete bald im Anblick des fruchtbaren Hügel- und Berglandes des rechten (Serbischen) Ufers, bald auf der getraidereichen Ebene der linken Seite oder auf dem stillen Spiegel des Stromes; das innre Auge betrachtete, im reichen Lande der Erinnerungen den Lauf eines andern Stromes, der nicht so still und ruhig, wie hier die Donau, sondern mit verheerender Gewalt über diese Wüste der Völker hereinbrach; den Strom jener Tausende aus Japhets-Stamme, welche in den Zeiten der Völkerwanderungen aus den Ländern des Aufganges herüberdrangen in die Wohnsitze ihrer vorangegangenen Brüder, damit auch an ihnen die Verheißung erfüllt würde, daß sie wohnen sollten in den Hütten Sems.
Der Mond schien so hell, und die Fahrt auf dem hier still und ruhig gehenden Wasser ist, mit Ausnahme einiger leicht vermeidlichen Sandbänke von so wenigen Hemmungen bedroht, daß unser Dampfschiff auch während der Nacht seinen Lauf fortsetzte. Wir hörten noch bis zu einer späten Stunde, auf dem Verdecke sitzend, dem Gesange der neapolitanischen Volkslieder zu, mit welchem der gefällige Schiffskoch uns vergnügte, dann begaben wir uns zur Ruhe und bald nach Mitternacht folgte auch das Dampfschiff diesem Beispiele, indem es bei ~Widdin~ sich vor Anker legte.
Es war eine sehr gemischte Empfindung von erhebender Freudigkeit und zugleich von einer sich hier in der Fremde fühlenden Scheu, mit welcher wir am Sonntag den 25sten September beim Grauen des Tages erwachten, als auf dem ganz nahen Minare der türkische Iman sein lautes, wohlklingendes: »Gott ist nur Einer, Gott ist groß, Gott ist allmächtig« sang. Ja, wir werden auch in diesem Fremdlingslande unter dem Schutz und Schirm des Allmächtigen sicher wohnen und wandeln! -- Schon in einer der frühesten Morgenstunden traten wir, jetzt durch keine Sanitätsmasregeln des linken Ufer mehr gehemmt und gebunden, hinaus ans Land und ergiengen uns zum ersten Male in den Gassen und Bazars einer türkischen Stadt. Ein wohlschmeckendes Frühstück war hier schon für uns aufgestellt: die Menge der süßesten, wohlschmeckendsten Trauben, und der in diesen Ländern gewöhnliche, aus Blätterteig und dem Fleisch der Lämmerschwänze bereitete Kuchen. Widdin ist eine ansehnliche Stadt, welcher ihre 25 Minares schon von fern ein stattliches Aeußeres geben; die Zahl der Bewohner wird auf 25,000 geschätzt; unter ihnen sind einige tausend griechische Christen, welche hier unter der Leitung eines Erzbischofes stehen und eine viel besuchte Schule haben. So hat das alte +Viminacium+ als das jetzige Widdin noch immer einen abendlichen Schatten jenes vormaligen Glanzes erhalten den ~Procopius~[40] an ihr rühmt, so oft auch im Verlauf der Jahrhunderte die Fluthen des verheerenden Krieges über sie zusammenschlugen. Denn schon unter Bajasid +I.+ ward sie zweimal (1394 und 1396) von den Türken eingenommen, und selbst die Heldenmühe des Prinzen Ludwig von Baden, der sie am 6ten October 1689 der Hand des Feindes entriß, trug für die christliche Herrschaft keine lang dauernden Früchte des Besitzes. Die Insel, welche nahe vor der Stadt im Strome liegt, beherrscht durch ihre Anhöhe die Stadt, und von dort aus gelang es auch den österreichischen Geschützen im Jahr 1689 jene zur Uebergabe zu zwingen.
Von Widdin aus, wo wir ziemlich lang anhielten, pflegt sich das Dampfschiff allmählig mit türkischen Passagieren zu bevölkern, was auch auf unsrer diesmaligen Fahrt, besonders im Verlaufe einiger der späteren Tage geschahe. Diese, sobald sie das Schiff betreten und einen Raum für sich und ihre Geräthschaften aufgefunden hatten, setzten sich mit übergeschlagenen Beinen auf die am Boden hingebreitete Decke, und schienen auf nichts zu achten als auf den aus der langen Pfeife hervorgeathmeten Dampf. Man hätte diese neuen Bewohner unsres Vapore selber für seelenlose Dampfmaschinen halten mögen, wäre an ihnen nicht, wenigstens in den Stunden des Gebetes, das Walten einer Menschenseele sichtbar geworden, deren innerstes Wesen in der Hoffnung eines Ewigen bestehet. Denn wenn diese Stunden kamen, da verrichteten unsre Moslimeer, ohne sich im Mindesten durch die Gegenwart der neugierigen Fremden stören zu lassen, das Angesicht nach der Gegend von Mekka hinwendend, die frommen Gebräuche ihrer Gebete und Waschungen, und bezeugten hierdurch, vielleicht auf eine für manche Christen beschämende Weise, daß Gott ihnen beachtenswerther und größer erscheine als das Urtheil und Ansehen der Menschen.
Aber diese äußere, sich immer gleich bleibende Ruhe unsrer türkischen Begleiter scheint auch ein bleibender Charakterzug jenes Landes zu seyn, in das wir von hier an mehr und mehr hineintraten. Der Hochrücken des nordistrischen Gebirges hat sich weit von dem linken Ufer des Stromes zurückgezogen; dieser ist so breit und dabei so ruhig geworden wie einer unsrer Landseen in der windstillen Zeit eines Sommertages, nur die emporspringenden, mächtig großen Hausen rühren von Zeit zu Zeit den stillen Wasserspiegel auf. Das rechte (südliche) Ufer des Flusses, in dessen Nähe unser Fahrzeug großentheils blieb, ist bei weitem das schönere; es ist ein fruchtbares Hügelland, geziert mit dem Gewand des Südens. Denn in der Nähe der vielen Ortschaften, aus denen die schlanken, weißen Minares hervorglänzen, zeigen sich hin und wieder kleine Haine von Zypressen; den Bach im Thale beschattet die hohe Platane; die Anhöhen bekleiden sich mit den Waldungen der immergrünen Eiche; in den Gärten stehet, mit reifenden Früchten bedeckt, der edle Lorbeer- neben dem Feigenbaum; die Gehänge der Hügel sind mit Weinreben bedeckt, aus deren Laubdach allenthalben die großen, reifen Trauben hervorblicken. Nur ein leiser, kühlender Hauch aus Osten regt sich in den Zweigen der alten Terebinthe und im Schilfe der großen Donauinseln; das tiefe Blau des Himmels wird nirgends von einem Gewölk getrübt; es ist, als habe dort bei den Feldern des zum Theil noch blühenden Mohns und des eben aufblühenden Safrans neben dem geräuschlos hineinströmenden Bächlein die Ruhe selber ihr Bette aufgeschlagen, welches so weich und so bequem ist, daß sie nicht von ihm aufstehen mag.
Wir kamen an diesem Tage vorüber an dem Einfluß des Lom, bei welchem, an der Stätte des jetzigen ~Lom-Palanka~ das alte ~Almum~ lag, dann an jenem des Dsibritz, da die Gränzstadt gegen Nieder-Mösien, ~Cibrus~, ihre Stelle hatte. Das alte Gemäuer einer zerstörten Veste, das bei dem Flecken ~Oreava~, am Einfluß des Schitul gesehen wird, mag wohl noch zu den Ueberresten des römischen ~Variana~ gehören; nahe gegenüber, am linken Ufer, mündet hier der Schyll in die Donau, der bei den Alten Rhabon, auch Sargetia, von den späteren Geographen Gilpit genannt war. Die Sonne stund schon ziemlich tief, da wir am reich grünenden Strande den Ort der Begegnung des Eskers (Oescus) mit der Donau und die Stätte des vormaligen, ansehnlichen, mit dem Flusse gleichnamigen Oescus erreichten, da in späterer Zeit das Heerlager der Hunnen seinen Sitz aufschlug. Wir fuhren von hier noch etwa eine Stunde, dann legte sich unser Fahrzeug, nahe vor dem Einfluß des Utus oder Vid, bei einer kleinen, buschreichen Insel, aus welcher die Rohrdommel ihr rauhes Abendlied vernehmen ließ, vor Anker.
Das alte ~Nikopolis~ mit seinem vormals festen Schloße lag zwischen seinen grünenden Hügelabhängen in so ganz besonders günstiger Beleuchtung von der Morgensonne da, daß es uns, als wir am 26ten September aufs Verdeck traten, war, als wollte diese bedeutungsvolle Gegend zu uns sagen: siehe mich recht an. Und wir thaten dieses mit jener ernsten Aufmerksamkeit, mit welcher der Wandrer in der Fremde irgend einen sinnvollen Spruch betrachtet und erwägt, der in einem bemoosten Denkstein am Wege eingegraben stehet. Der Spruch welchen der Griffel der Geschichte hier dieser Stätte mit unvergänglichen Zügen eingeschrieben hat, heißet: »der den Harnisch anleget, soll sich nicht rühmen als der ihn hat abgelegt«[41]. Dort vor Samaria gab diese Lehre in zweimaligem Siege ein Tyrann von Israël dem syrischen Könige Ben Hadad, der auf die Macht seines Heeres, seiner Rosse und Wägen trotzend, dem Hort und Helfer Israëls Hohn sprach; hier nahe bei Nicopolis gab sie einmal ein Herrscher des westlichen Reiches: Trajan, dem durch sein Waffenglück trunken gewordenen Dacierkönige Decebalus, ein andres Mal aber ein waffengeübter Tyrann des Ostens: Bajasid +I.+ dem vor Uebermuth rasenden Heere der Christen. Sind es doch gerade jetzt, 1836, in diesen Tagen des Septembers, 440 Jahre, daß hier bei Nicopolis die Blüthe der damaligen europäischen Ritterschaft zum Kampfe gegen den gemeinsamen Feind der christlichen Reiche versammlet stund; ein Heer, so wohlgerüstet, so waffenkundig und muthig, als bis dahin der Westen noch keines den Türken entgegen gestellt hatte. Denn eine Schaar von 1000 französischen Rittern, unter ihnen mehrere Prinzen von Geblüt, Herzöge und Fürsten, befehligt von dem kühnen Grafen von Nevers und dem Connetable Grafen von Eu; geleitet, wenn sie das hätten seyn mögen, durch den Rath des alten, wohlerfahrnen Feldherrn Coucy, so wie des edlen Admirals Jean de Vienne; verstärkt durch die Begleitung von 1000 Knappen und 6000 Söldnern waren dem König Sigmund von Ungarn zu Hülfe gezogen; mit ihnen ein Heerhaufe der bayrischen Ritter unter dem Churfürsten von der Pfalz und dem Burggrafen von Nürnberg, sammt den Schaaren des deutschen Ritterordens, geführt von ihrem Großprior, dem Grafen Friedrich von Hohenzollern, so wie der Johanniterritter aus Rhodus unter dem Ordensmeister Philibert von Naillac. Wenn auch diese Macht des Westens, welche zusammen mit dem durch steyermärkische und wallachische Truppen verstärkten Heere der Ungarn nach der gemäßigtsten Angabe 60,000, nach andern 100,000 Mann stark war, an Zahl der Streiter dem Heere des Bajasid nicht ganz gleich kam, so übertraf sie dasselbe dennoch an innrer auf Kriegskunst gegründeten Stärke, und der Sieg wäre dem christlichen Heere nicht entgangen, hätte dieses nicht in das Lager bei Nicopolis zugleich mit jenem tollen Hochmuth, welcher beständig dem nahen Falle vorausgeht, die vermessene Sicherheit mitgenommen, die den Feind, ohne ihn zu kennen, verachtet. Denn wie jene 32 Könige, die vormals als Verbündete den König der Syrer Ben-Hadad vor Samaria begleiteten, im Zelte saßen beim Schmauße und trunken waren vom Wein, als schon das Racheschwert über ihrem Haupte geschwungen ward, so thaten auch jene Verbündeten des Ungarnköniges Sigismund, vor Allem die französischen Ritter. Diese, welche in ihrem Uebermuth sprachen: »Wenn auch der Himmel einstürzte, wollten sie mit ihren Speeren ihn aufhalten,« hielten sich vor aller Gefahr so sicher, daß sie sorglos und schrankenlos dem Taumel der Sinnen und der Schwelgereien sich hingaben. Und als heute vor 440 Jahren, am 26ten September 1396, die Kunde von der Annäherung des türkischen Heeres, welche die hartgekränkten Bewohner des Landes verheimlicht hatten, durch seine eigenen Soldaten zu dem Marschall Baucicault kam, da drohte dieser den Ueberbringern derselben als falschen Lärmmachern die Ohren abschneiden zu lassen. Doch jene Kunde erwieß sich nur zu wahr; Bajasids Heer stund kaum noch 6 Stunden weit entfernt. Am 27ten September wurde hierauf großer Kriegsrath gehalten, in welchem der Marschall Baucicault und der Connetable den besonnenen Schlachtplan, den der sachkundige König Sigmund und mit ihm der greise Couzy sammt dem Admiral vorschlugen, mit toller Geringschätzung verwarfen. Namentlich stellten sie es als Ehrensache hin, daß nicht die hiezu am besten geeigneten, leichten Truppen der Wallachen, sondern die ganze französische Macht der Seifenblase des türkischen Vortrabes entgegen ziehen und diese zersprengen sollte. War doch die wilde Hitze und Anstrengung bei diesen Verblendeten so hoch gestiegen, daß sie, nach gepflogenem Kriegsrath, gegen das gegebene Wort der Verschonung, die im Lager befindlichen türkischen Gefangenen mordeten. Als aber nun am Tage der Schlacht, am 28ten September, das kühn vorandringende Heer der französischen Ritter durch das Zersprengen der leichten Asiaten und selbst des verschanzten Vortreffens der Janitscharen, so wie eines Theiles der Spahi's sich entkräftet und ermüdet hatte, als es auch jetzt, wo die Wagschale des Sieges noch immer auf die Seite der Christen geneigt war, Couzy's Rath, das nachrückende ungarische Heer zu erwarten, nicht beachtete, sondern im blinden Selbstvertrauen den Hügel, welchen der Kern des feindlichen Heeres besetzt hielt, hinansprengte, da ward, beim Anblick der 40,000 Lanzen, in dessen Mitte Bajasid stund, der nicht männliche, sondern knabenhaft tolle Muth in weibische Feigheit verkehrt[42]; jene vorgeblichen »Himmelserhalter« flohen in wilder Eile und rissen in ihre Flucht den nachfolgenden Troß, so wie den rechten, von Lascovitsch geführten und den linken, aus Wallachen bestehenden Flügel des ungarischen Heeres mit hinweg. Nicht aber den edlen Admiral Jean de Vienne, der den zwölf Rittern die ihn umgaben es zurief: »hier gilt es ehrenvoll zu sterben« und mit ihnen zugleich den Tod unter den Lanzen der Feinde suchte und fand; auch König Sigmund hielt mit dem Kern der ihm treu gebliebenen Ungarn und mit den steyermärkischen, so wie bayerischen Schaaren festen Stand und diese tapfern Haufen hatten schon die Janitscharen geworfen, selbst die Spahi's fingen an ihren geschloßenen Reihen zu weichen, da kam der Despot von Serbien mit 5000 frischen, tapfern Streitern Bajasid's Heere zu Hülfe und Sigmunds Heer erlag der Uebermacht. Ihn selbst, den König, hatten der Burggraf von Nürnberg und der Anführer der Steyermärker Hermann von Cilly dem Gedränge der Schlacht und der Todesgefahr entrissen und ihn auf ein Donauschiff gebracht, während viele der Seinen noch mit dem Muthe verwundeter Löwen kämpften. Alle bayerischen Ritter, so wie die meisten der Steyermärkischen waren zuletzt in diesem Heldenkampf gefallen[43], zugleich aber deckten auch das Schlachtfeld 60,000 Leichname der Erschlagenen aus dem türkischen Heere. Ungleich bedauernswerther als das Loos derer, welche den Tod in der Hitze der Schlacht, ohne ihn fast zu bemerken, gefunden hatten, war das Loos jener Streiter des christlichen Heeres, welche lebend von den Türken gefangen wurden, oder durch die Flucht sich zu retten gedachten. Von den Letzteren ertranken Viele, als sie in den von Menschen überfüllten Fahrzeugen über die Donau setzen wollten; von den Gefangenen ließ Bajasid am Tage nach der Schlacht, zur Rache für die gefallenen Moslimen 10,000 niedermetzeln, unter denen vielleicht Manche waren, welche 3 Tage vorher dasselbe an den ihnen auf Treu und Glauben ergebenen Türken gethan. Zwar der Graf von Nevers hatte, gegen Versprechen eines hohen Lösegeldes, für sich und 24 der vornehmsten Gefangenen Schonung des Lebens erhalten, aber auch von diesen starben Mehrere, unter ihnen der alte Feldherr Coucy, noch ehe die Auslösung geschahe, in den Gefängnissen von Kallipolis und Brussa; nur König Sigmund und einige ihn begleitende Herren waren so glücklich gewesen, an der Mündung der Donau die Flotte der Rhodiser und auf dieser, schon nach 3 Monaten, die Küste von Dalmatien zu erreichen. So endigte hier bei Nicopolis, der »Siegesstadt,« welche Trajan zum Andenken an seinen entschiedenen Sieg über die Dacier begründet und so benannt hatte, die Heerfahrt einer christlichen Macht, die sich vermessen hatte, nicht bloß die Türken zu besiegen und Jerusalem wieder zu erobern, sondern selbst den bewegten Kräften des Himmels die Macht ihrer Arme entgegen zu stellen. Statt der Lustfeuer und der lärmenden, nur allzu frühe triumphirenden Freude, womit das fremde Bundesheer noch kurz vorher das Land erfüllt hatte, brannte jetzt das Feuer der angezündeten Städte, hörte man das Aechzen der Sterbenden, das Jammern der hinweggeschleppten Gefangenen; Steyermark und Sirmien wurden verheert, die ganze Halbinsel zwischen der Save, Drave und Donau mit dem Schutte der zerstörten Städte und dem Graus der Verwüstung erfüllt.
Von Nicopolis, dessen deutsche Benennung ~Schiltau~ ist, selber, sahen wir nur wenig. Die Masse seiner alten Häuser dehnt sich über einen weiten Raum aus; es ist der Sitz eines griechischen Erzbischofes, so wie eines katholischen Bischofes und zählt 20,000 Einwohner. Ihm gegenüber, am linken Ufer, nahe an der Mündung des Aluta- (Araros-) Flußes, liegt an der Stätte des alten Pelendova der wallachische Ort ~Turnul~.
Vorüber an dem grünenden Hügelland und den Auen des rechten Ufers kamen wir nach einigen Stunden zu der wohlhabenden Handelsstadt ~Sistov~, welche durch den Friedensschluß zwischen Oesterreich und der Türkei im Jahre 1791 eine politische Wichtigkeit erhielt. Während die 21,000 Einwohner dieser freundlich aussehenden Stadt ein lebhafter Verkehr mit den Bewohnern des eignen Landes, wie der fremden Länder ernährt, beschäftiget die Bewohner der nahe gegenüber gelegenen, wallachischen Oertlein ~Simnitza~ und ~Tuteschty~ ein ziemlich ergiebiger Hausenfang. -- Auf der weiteren Fahrt, am Nachmittag, glich die Donau, deren Breite zuletzt bis auf eine Stunde Weges anwächst, einem kleinen, stillen See; wir landeten bei ~Rusczuk~, wo unser Dampfschiff eine Menge der in ihm enthaltenen Waaren ausschiffte, und neue aufnahm: denn diese Stadt, welche 30,000 Einwohner umfasset, ist eine der bedeutendsten Handelsplätze des unteren Donaulaufes. Zwar, wie dies schon die vielen, ansehnlichen Moscheen mit ihren Minares dem Auge bezeugen, herrschet die Macht des Islamismus hier vor, doch leben unter den Türken mehrere Tausende von Christen (Armenier und Griechen), denen ein Erzbischof vorstehet und eine bedeutende Anzahl von Juden. Die Stadt, von Festungswerken umgeben, liegt auf einem Berge; wir besahen uns einige ihrer Gassen und Plätze, genoßen in einem türkischen Kaffeehaus des warmen Getränkes, giengen dann aber wieder herab an den Abhang des Hügels, von wo die Aussicht nach der Insel Slobodsee und dem festen Schlosse, weiter hinab aber nach dem von Mahommed +I.+ begründeten Giurgevo einen neuen Genuß gewährte. Während wir hier die uns neue Gegend beschauten, waren wir selber für Andre ein Schauspiel geworden, denn neugierig betrachteten uns, durch die Zwischenräume der pallisadenartigen Umzäumung, die verschleierten Bewohnerinnen eines benachbarten Harems. Unsre europäisch gekleideten, so frei sich bewegenden Begleiterinnen schienen der Hauptgegenstand ihrer Betrachtungen zu seyn. Wer sollte nicht, bei einem vergleichenden Blick auf jene Gefangenen und auf diese Freien die Segnungen des Christenthumes dankbar empfinden, welches den Völkern zuerst die wahre Beachtung des weiblichen Wesens lehrte.
* * * * *
Von hier aus brauchten wir noch anderthalb Tage zur Fahrt nach Gallacz. Das von der Morgensonne beleuchtete ~Giurgevo~, bei welchem wir frühe am andern Tage vorbeikamen, imponirte dem Auge mehr durch seine Größe, denn es hat gegen 3 Stunden im Umfange, als durch seine Schönheit. Die große Wüste der Geten[44], am rechten (bulgarischen) Ufer des Stromes, ist ein grünendes Hügel- und Flachland, welches wenig Abwechslung zeigt. ~Turtukai~ liegt an der Stätte des alten Transmariska: nahe gegenüber, auf der linken (wallachischen) Seite mündet die Dombrovicza (Argis) in die Donau, an welcher nur eine kleine Tagreise aufwärts Bukarest liegt. ~Silistria~ hat sich unter dem kräftig gestaltenden Einfluße, der in den letzten Jahren auf diese Stadt wirkte, zu einer Herrscherin des Stromes und des angränzenden Landes erhoben; mit dem immer blühender werdenden äußeren Verkehr war sie in dieser Zeit zugleich ein Mittelpunkt des geistigen Verkehres der Völker des Nordens und Ostens geworden. In dieser Hinsicht ist sie an die Stelle des alten ~Axiopolis~ getreten, dessen Stätte da war, wo jetzt weiter stromabwärts ~Rassova~ stehet. Nahe bei Silistria werden die Ueberreste jener Gränzmauer gesehen, welche die Griechen zur Abwehr gegen die Einfälle der Barbaren erbaut hatten. Jenseits Rassova wird die Strombahn des Flusses, der von hier an nach Ptolemäus Aussage den Namen ~Ister~ empfieng, nach Norden gekehrt; denn die Ausläufer des Balkangebirges, die sich an das rechte Ufer herandrängen, verhindern den geraden Fortgang nach Osten. Dieser Damm der Gebirge, welcher stellenweise mit sumpfigen Niederungen und Haideland abwechslet, ist, besonders seit dem letzten Kriege, zu einer Einöde geworden, in welcher, gleich den Ameisen, die an den Resten einer längst abgefallenen, dürren Frucht zehren, die Schaaren der Zigeuner ihr Wesen treiben. -- Am 28ten September kamen wir zuerst an ~Hirsova~ oder Kersova vorüber, das an die Stätte des alten ~Corsus~ oder Karson getreten ist. Die Stadt, welche nur 4000 Einwohner zählt, wird von einer Citadelle beherrscht. Der Strom theilt sich jenseits Hirsova in viele Arme, welche manche buschreiche oder mit Schilfrohr bewachsne Inseln umschließen. Das Chor der gefederten Sänger, das im Frühling und angehenden Sommer hier, wie man uns sagte, ohne Aufhören seine Stimmen vernehmen lässet, war jetzt verstummt; nur noch die Trompetentöne der vorüberfliegenden Kraniche wurden gehört. Wir naheten uns nun wieder dem linken Ufer der Strombahn, welche da, wo die zertheilten Arme des Flußes von neuem sich einander nähern, mächtig breit erscheint. Hier liegt, von Wällen umgeben, die ansehnliche Stadt ~Brailov~, der Ausgangspunkt namentlich eines wichtigen Getraidehandels nach Konstantinopel. Brailov (von den Türken Ibrahil genannt) zählt gegen 25,000 Einwohner; in seinem großen Hafen sieht man die Flaggen der verschiedensten, Seehandel treibenden Nationen wehen; zu den Zeiten des »Pfalwütherichs« Wlad, des Woiwoden der Wallachey, als im Jahr 1401 Mahommed +II.+ sie niederbrannte, war diese Stadt der berühmteste Handelsplatz des Landes[45]. Die beiden Ufer haben ihre bisherige Rolle gegen einander ausgetauscht; das rechte zeigt nur noch einzelne, kleine Befestigungspunkte, auf welche in früheren Zeiten der Krieg zuweilen seinen Fuß setzte, während er mit dem andern Fuße das Land umher zertrat, dann waldiges Hügel- und Flachland, auf welchem einzelne unbedeutende Ortschaften zerstreut stehen; dagegen bietet das linke dem Verkehr der Völker reiche Sammel- und Ruhepunkte dar, vor allem jenseit der Einmündung des Szereth an der Fürstin unter den Handelsstädten des ganzen, unteren Donaulaufes: an ~Gallacz~. Es war in einer der früheren Stunden des Nachmittags als wir die weithin über das hügliche Ufer sich ausdehnende Stadt mit ihrem ansehnlichen, von Schiffen erfüllten Hafen vor uns sahen. Unter den Schiffen zeigten sich schon einzelne Dreimaster; im Vorüberfahren hörten wir uns von englischen, italienischen und russischen Zungen begrüßt; Oesterreicher, Franzosen und Türken sind hier mit den andern Schifffahrt treibenden Nationen zu friedlichem Verkehr vereint. Die Strenge der Quarantäne bewachte und hemmte unsre Schritte; wir durften eben so wenig als die Mannschaft der türkischen, bulgarischen und serbischen, so wie der aus Constantinopel kommenden europäischen Schiffe die Stadt betreten, oder mit ihren Bewohnern und mit den vom linken Ufer und aus Oesterreich angelangten Fahrzeugen unmittelbar verkehren, doch war die von Pallisaden umzäumte Skella groß genug, um sich auf ihr zu ergehen und dem muntern Austausch der Waaren des Südens und Ostens mit den Erzeugnissen des reichen Landes zuzusehen.
Da uns, als den Genossen der Türken, der Eintritt in Gallacz und in dem ganzen Fürstenthum Moldau versagt war, fuhren Einige von uns am andern Morgen auf einem kleinen türkischen Fahrzeuge den breiten Strom hinüber, an eine große baum- und buschreiche Insel, wo wir den größeren Theil des Tages unter den noch spärlich blühenden Gewächsen und dem kleineren wie größeren Geflügel des Waldes zubrachten. Den schönen, gelben Blüthen der punktirten Lysimachia (+Lysimachia punctata+) mußte hier unter den Spätlingen der übrigen Blumenwelt der Preis der Schönheit zugestanden werden; die hohlsägenblättrige Nachtviole (+Hesperis runcinata+) war schon mit Schoten bekleidet; zugleich mit den andern Schilfarten zeigte sich das Prunkrohr (+Arundo speciosa+). Unter den einzeln noch herumschweifenden Schmetterlingen schien uns die Roxelana (+Hipparchia Roxellana+) an die Familiengeschichte des großen Suleiman erinnern zu wollen, dessen vormaligen Wohn- und Herrschersitze wir uns jetzt naheten. Am Ufer des Stromes lagen die (fossilen?) Schaalen von Cerithien, Trunkatellen und Rissoën angeschwemmt, am Lande fand sich noch lebend und von besonderer Schönheit die österreichische Schnirkelschnecke (+Helix austriaca+) im Gebüsch der drüsenblättrigen Brombeeren (+Rubus glandulosus+).
Bei einigen Türken, welche etwas aufwärts am Strome ihr Fahrzeug ausbesserten, konnten wir doch unsre auswendig gelernten türkischen Grüße anbringen, als wir aber in dem kleinen Kaffeehause, das stromabwärts, am Ende der Insel, jenseits einem kleinen Arm des Flußes lag, außer dem schwarzen, ungezuckerten Getränk noch andre Lebensmittel verlangten, da war unser Türkisch nur durch die Sprache der Zeichen verständlich. Die letzten Stunden des Tages brachten wir wieder auf und bei unserm Dampfschiff in der Skella zu, wo man so eben mit dem Einladen der mit Butter gefüllten Ochsenhäute in die Fahrzeuge beschäftigt war. Noch am Abend bezogen wir das große, schöne Dampfschiff Ferdinand, das uns von hier zum schwarzen Meere und nach Constantinopel bringen sollte.
Unsre Abfahrt von Gallacz war eigentlich auf den 1ten Oktober bestimmt gewesen, da aber einer der Vorsteher der österreichischen Donauschifffahrt, an welchem wir seit Cladova einen sehr kenntnißreichen, zuvorkommend freundlichen Reisegefährten gefunden hatten, in dringenden Geschäften seiner Gesellschaft nach Konstantinopel und Smyrna eilte, wurde der Aufenthalt um einen Tag verkürzt und schon am 30ten September, gegen 2 Uhr des Morgens, zogen wir wieder auf die vom Mond beleuchtete, breite Strombahn hinaus. Von Gallacz bis zur Donaumündung bei Sulina durchmisset der oft gekrümmte Lauf des Stromes eine Strecke von 50 Stunden, diese sollte am heutigen Tage zurückgelegt werden, und dem Eilschritt des Ferdinand, der in jeder Stunde, auch bei ungünstigem Winde, 13 englische Meilen durchläuft, wurde dieses auch möglich, obgleich bei Sonnenaufgang ein starker Nebel die Fahrt etliche Stunden lang hemmte. Da der Nebel sich verzogen hatte, sahen wir zur Linken das fruchtbare Hügelland von Bessarabien, zur Rechten begegneten dem Auge die äußersten Höhenzüge des Balkangebirges. Schon war ~Isaczi~ (das alte Aegysus) hinter uns; der Strom belebte sich mit einer Menge der aufwärts seglenden Fahrzeuge, während andre, welche gleich uns hinaus zum Meere wollten, am Ufer still lagen. Wir bogen jetzt, zwischen den immer häufiger werdenden Landseen, deren Spiegel, von der Sonne beleuchtet, von Zeit zu Zeit hinter den Hügeln des Ufers hervorblickten, in den Donauarm von Suline ein; noch vor Mittag kamen wir an dem ansehnlich aussehenden ~Tulcza~ (dem vormaligen Salsovia) und bald nachher an der Stätte des alten Halmyris (bei Kisilbasch) vorüber. Ein frischer Wind wehete vom Meere her. Schaaren von Möven flogen lautschreiend über uns hin, am Ufer zeigten sich immer häufiger die Gewächse der Seeküste, es deutete Alles die Nähe des Meeres an. Aber nur wir, in unserm Dampfschiffe, das in ungehemmter Eile über die ruhende Wasserfläche hinabglitt, durften uns dem freudigen Gefühl überlassen, daß wir jetzt mit jedem Augenblick dem Thor zu dem Gewässer des Ostens näher rückten; der nämliche Wind, der uns mit seinem erfrischenden Hauche so wohlthuend entgegen kam, hielt seit mehreren Wochen, in den einzelnen Buchten des Stromes, eine Menge von Segelschiffen, deren Mastbäume wie ein dichter Wald über die Ebene hervorragten, vom Auslaufen zurück. In übermüthigem Scherz riefen unsre Schiffer ihren Landsleuten auf einigen dalmatinischen Fahrzeugen, an denen sie jetzt, seit 14 Tagen, zum 3ten Male vorbeikamen, die Aufforderung zu »sie möchten doch vorwärts machen.« Jene schwiegen verdrießlich. Die Fahrt im neuen Dampfschiffe ist eine Uebung der selbstthätigen menschlichen Kraft; die Fahrt in einem Segelschiffe ist eine vielleicht noch wohlthätigere Uebung der menschlichen Geduld.
Die Sonne neigte sich zum Untergang; ihre letzten Strahlen beleuchteten uns die blaue, dunkle Tiefe des schwarzen Meeres. Das Auge hatte einige Augenblicke den Glanz der eben scheidenden Königin des Tages betrachtet; beim Zurückschauen auf das Verdeck schwebten farbige Schattenbilder vor dem geblendeten; sie glichen den Gestalten von theuren, fern in der Heimath weilenden Freunden, welche im Geist auf dieser Reise uns begleiteten. Die treue Hausfrau, die voll Furcht vor dem Meere, vor allem aber vor diesem war, von dessen Gefahren sie so Vieles gelesen und gehört hatte, drängte sich ängstlich an mich hinan; aber das Rauschen der hohen Wellen wollte uns ja nur einen Spruch in die Erinnerung zurückführen, der uns heute, am Morgen des 30ten Septembers, als Loosungswort (Parole) des Tages gegeben worden war: »die Wasserwogen im Meere sind groß und brausen gräulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe« (Ps. 93. V. 4.).
Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.
Die Macht der Fluthen der Donau, bei ihrem Einströmen in das schwarze Meer, ist so groß, daß, wie man sagt, noch in einem Abstand von der Küste gegen Osten hin, welche drei und eine halbe Meile beträgt, das Süßwasser des Flußes fast unvermischt über dem schwereren Seewasser seinen Lauf fortsetzet, und durch seinen Geschmack sich verräth. Wir, gegen Süden gewendet, verloren sehr bald dieses Geleite, das der heimathliche Strom den gegen Osten steuernden Schiffen noch auf ein Stück Weges hin, auf das unwirthbare, fremde Gewässer giebt; wir traten in das unbeschränkte Herrschergebiet des Pontus Euxinus ein. Wie ganz anders war hier das Bewegen des wogenden Wassers; wie ganz anders das Bewegen des Dampfschiffes, als auf der stillen Donau. Das schwarze Meer, auch bei ruhiger Zeit, gehet fast immer in hohen Wogen; sein Wasserspiegel ist ein Punkt des Begegnens des im Osten an ihn angränzenden caucasischen Hochgebirges, des im Süden ihn umgürtenden Hämus und Olympus, so wie der von Westen und Norden her verlaufenden Ebene des unteren Donaugebietes und der nördlichen Stromtiefen. Durch diesen kräftigen Gegensatz der nahe zusammengränzenden Bergketten und der von ihnen umschlossenen Ebenen, wird ein fast beständiges Bewegen der Atmosphäre erregt; das schwarze Meer ist im Großen das, was etwa mitten in einer unsrer Städte der Vorplatz vor einer hohen Domkirche im Kleinen ist: der Treibheerd eines beständigen Wind- und Wetterzuges.
Bewegt, wie das Gewässer, wird hier das Gemüth des Wanderers, der zum ersten Male hinaustritt in die Nähe des Schauplatzes der hehren Jugendthaten unsres Geschlechts. Da, im Osten, erhub sich die Sonne des zweiten Weltentages der Geschichte; dort, im fernen Süden erstieg sie die Höhe ihres Mittages.
Der Mond gieng endlich auf und beleuchtete mit unsichrem Scheine die immer weiter zurücktretende, westliche Küste, die Nacht ward so windstill und ruhig, wie sie in solcher Jahreszeit auf diesem Meere nur selten gefunden wird.
Am andern Morgen versuchten die Meisten von uns vergeblich sich vom Lager zu erheben, um wenigstens nach der Stätte der westlichen Küste hinüber zu blicken, an welcher ~Tomi~, die vormalige Hauptstadt der Scythiaminor lag, wo der dorthin verbannte römische Dichter Ovid die Schmerzen seines Heimwehes besang. Uns hatte jetzt jener Zustand ergriffen, der einem Sterben gleicht, an welchem niemand stirbt; jene Krankheit, da man sich übersatt fühlt, ohne gegessen, zum Tode müde, ohne gearbeitet zu haben, weil selbst die Ruhe kein Aufhören der Bewegung bringt. Es ist als fühlte man nicht mehr sich selber, sondern nur das schwankende Schiff; die Gedanken sind aus dem Gehirn entwichen; sie sitzen, wie festgebunden, am Mastbaume, an ihrer Statt ist ein umkreisendes Bewegen der rasselnden Räder und ein Auf- und Niederschnappen der Dampfmaschinen hinein in den Kopf getreten, was diesem alle Kraft nimmt, sich aufrecht zu halten. So vergieng uns der schöne Tag des ersten Octobers; nur am Nachmittag gewährte der kurze Aufenthalt vor dem ansehnlichen ~Varna~, dem ~Odessus~ der Alten[46] einige Augenblicke des Ausruhens, dann begann in und außer uns von neuem das Rasseln der Räder, das Auf- und Niederschnappen des Pumpengestänges.
Aber auf die Unruhe des Sonnabends folgte am 2ten October eine liebliche Stille des Sonntages. Freilich schien es uns anfangs, als wir noch vor Mittag den Kyaneen oder Symplegaden an der äußern Mündung des Bosporus uns näherten, als sey dieses Fünfgespann der Felseninseln mit sammt dem Fußgestell vom Altar des Apoll, welches auf der einen von ihnen stehet, von neuem von jenen Ruhesitzen aufgestanden und losgeworden, die ihnen die Orpheische Lyra angewiesen; sie schienen uns, denn noch schwindelte das Haupt, wieder eben so bewegt, wie damals, als Jason seiner Argo die Taube voraus sendete und als zwei der Symplegaden, durch welche der Vogel noch so eben hindurchflog, diesem, durch ihr Zusammenschlagen die Federn des Schwanzes entrissen. Als aber jetzt, bei Fanaraki, das Dampfschiff in das ruhigere Gewässer des Bosporus eintrat und zugleich die schaukelnden Bewegungen desselben sich milderten, da kehrten mit einem Male Gesundheit und der sichre Blick des Auges wieder.
Wir sind nun bei dem Boden einiger bedeutungsvollen Sagen des Alterthums. Hier zur Rechten, am europäischen Ufer, auf dem zerklüfteten Felsen stund einst ~Phineus~, des Erblindeten, Königsburg, der dem Jason und den andren Helden der Argo freundliche Bewirthung bot. Statt der Harpyen, welche damals, bis Jasons Begleiter sie besiegten, die Freuden der Gastung störten; statt der Geier, die noch jetzt hier nisten, kam ein Vogel der Minerva: die thrazische Nachteule an unser Schiff geflogen und ruhete, nachdem sie mehrmalen ihn umkreiset, einige Minuten auf dem Mastbaume aus. Phineus Burg ist längst verschwunden; an ihrer Stätte stehet das türkische Kastell ~Karibdsche~; diesem gegenüber, am asiatischen Ufer, ein andres, ~Poiras~ genannt, beide von Batterieen umpflanzt. Hierauf steigen, an der rechten oder europäischen Seite die Felsenwände von ~Mauros-molos~, wo vormals ein griechisches Kloster stund[47], so gäh aus dem Meere hervor, daß zu ihren Füßen kein Raum für den Wandrer und sein Lastthier bleibet; oben auf der Höhe stehet die +Turris Timaea+: jener alte, rundliche Leuchtthurm, dessen Licht den Schiffern ein sichrer Leitstern durch die Klippen der Kyaneen zum Eingang des Bosporus gewesen wäre, hätten nicht die Barbaren der äußeren Küste durch andre, von ihnen angezündete Feuer die Fahrzeuge zwischen die Klippen verlockt, um die gestrandeten zu berauben. Das eigentliche Thor zu den Schönheiten des Bosporus thut sich erst jenseits der beiden einander gegenüberstehenden Vorgebirge von ~Rumili Kawack~ und ~Anatoli Kawack~ auf. Diese Vorgebirge sind einer der Hauptpunkte des Ueberganges der asiatischen, vom Antitaurus herstammenden Gebirgskette nach Westen; denn die letzten, bei Rumili Kawack hervortretenden Ausläufer des europäischen Hämus begegnen hier unmittelbar gegenüber denen des asiatischen Olympos. Auf diese Gränzhöhen der beiden Welttheile hatte das Alterthum die Mächte aller seiner Götter versammlet; denn der Hinausblick auf die nahen Todesgefahren des Pontus Euxinus mußte auch in der trägesten Seele die Gedanken der Ewigkeit wecken. Dort zur Linken, am asiatischen Ufer, stund der Tempel der zwölf großen Götter, mit dem kostbaren Dache der vergoldeten, metallenen Ziegel. Jason, als er hier anbetend der Herrschergewalt des Unsichtbaren sich gebeugt, erbaute am nahe gegenüberliegenden europäischen Ufer die Altäre der Cybele und des Serapis. Während der byzantinischen Herrschaft stunden hier zwei Schlösser, davon das eine in seiner byzantinisch-genuesischen Bauart noch ziemlich wohl erhalten stehet; in Zeiten der Noth wurden von einem Schloß zum andren eiserne Ketten gezogen, um die Durchfahrt der feindlichen Schiffe zu hemmen. Von der Felsenwand des Berges, da der Tempel der Zwölf erbaut war, wagte, so erzählte die alte Sage, ein jugendliches Paar von Liebenden eine nur in den Augen des Heidenthumes bewundernswert erscheinende That: es sprang, als das Opfer einer Liebe, deren Flamme mit dem Tode stirbt, vom festen Grunde hinab ins Meer; aus dem Leben des Diesseits, dessen Kräfte es verkannte, hinüber, in die richterliche, ernste Stille des Jenseits. -- Anjetzt wohnet hier ein Volk, gleich jenem zu Mönkgut auf der Insel Rügen, kräftig, sittsam und friedlich, die Vermischung mit den Nachbarn vermeidend; von den Türken des Unglaubens beschuldigt; hierinnen gleiches Loos theilend mit den Drusen des Libanon.
Wir treten nun hinein in das Innre dieses Zaubergartens: in das Innre des eigentlichen Bosporus. Welche Erinnerungen an irgend etwas schon Gesehenes soll ich aber in den Seelen meiner Leser hervorrufen, welche jenes Paradies des Meeres und des Landes noch nicht besuchten, um an das schon Geschaute und Erfahrene das Bild des noch nicht Geschaueten anzuknüpfen. Ich hatte, ehe ich hieher kam die schönsten Küstengegenden von Italien, Südfrankreich und Piemont gesehen, aber unter den Erinnerungen an diese früheren Genüsse meiner Wanderschaften war keine, die mir, wie ein passender Reim zu jenen Empfindungen erschienen wäre, welche der Anblick des Bosporus weckte. -- Wir haben etwa in unsrer Kindheit die Mährchen des Orients gelesen; wir haben im Spiegel jener Gedichte der Morgenländer, welche ~Rückerts~ Meisterhand auf vaterländischen Boden verpflanzte, das Bild einer irdischen Natur gesehen, durch deren vergänglichen Schleier allenthalben die Schönheiten einer unvergänglicheren, überirdischen Natur hindurchblicken; das was jene Dichtungen uns ahnden ließen, das glaubt hier das Auge verwirklicht vor sich zu sehen. Bei dem Feigendorfe ~Indschirkoi~, an dem wir weiterhin vorüberkamen, bewundert der Einheimische wie der Fremde eine Baumgruppe von seltsamer Art: zwei Zypressen und zwei Feigenbäume sind hier so in und durch einander gewachsen, daß die fruchttragenden Arme des Feigenbaumes aus dem Körper der Zypresse, der hohe Scheitel von dieser aus dem Stamme von jenem hervorzukommen scheint; der Feigenbaum hat der Zypresse die Fülle seiner Süßigkeiten, diese aber hat jenem die Kräfte ihres erhabenen Aufschwunges mitgetheilt. So, wie in dieser Baumgruppe sind im Bosporus die Elemente des innigsten Liebreizes der Natur mit der hochstrebenden Herrschermacht derselben verschlungen. Wie das Brennbare, wenn der entzündende Funke es getroffen sich als Flamme emporschwingt, und, je stärker die Gluth wird, immer höher sich erhebt; so erhebt sich bei dem Anblick des Bosporus die Empfindung; es ist wie ein Jauchzen der Lust, das gleich der singenden Lerche emporsteigt vom Boden, in das unbegränzte, unermessene, tiefe Blau des Himmels. Aber der Vogel der Empfindung, wenn er auch jetzt sich hinaufschwang, läßt sich doch bald da bald dort wieder nieder auf das Thal und das grünende Ufer, wenn sich hier, neben der hohen Platane die Wildniß des blühenden Rosengesträuches entfaltet; wenn unter dem Wald der Zypressen die duftende Wiese des Crocus und der Anemonen sich hinbettet, oder die grünende Fülle der Orangengärten, gleich einem überschwellenden Strome über die Mauern der Lustgärten heraustritt und ihre Wände mit den blühenden Ranken der Ipomöen und persischen Winden bedeckt. Hier, neben der festlich geschmückten Natur hat auch die Baukunst des Morgenlandes ihr Prachtgewand angelegt; die hochgewölbten Moscheen, die Palläste der Großen, im Glanze des weißen Marmors ihrer Säulen und Mauern erscheinen wie durchsichtig; es ist als hätte die Gluth des Schönen, welches allhier in unbesiegbarer Jugendkraft waltet, das starre Gemäuer durchdrungen und dasselbe für ihre Strahlen durchleuchtig gemacht. -- Doch es ist Zeit, daß ich einige der lieblichsten Ruhepunkte des Auges, die sich hier unter dem tiefen Blau des südlichen Himmels und neben dem noch tieferen Lazur des Meeres auf dem immer grünenden Boden auferbauet haben, wenigstens nenne und im Umriß bezeichne.
Der Hain der Zypressen und Platanen der hier zur Rechten, sobald jenseit der Landspitze von Mesar-Burnu das Schiff in das eigentliche Innre des Bosporus tritt, bei ~Sarijari~ ins Auge fällt, ist nur eines jener bunten Gewänder, welches die Sitte der Moslimen über die Schatten und Schrecknisse der Gräber breitet, denn unter den weissen Steinen ruhen Gebeine der Todten, denen die türkische Inschrift einer der Springbrunnen, Wiederbelebung, durch die Kräfte eines Wassers verheißet, welches auch das Erstorbene neu erfrischt. Nahe hierbei fließet das gepriesene Wasser von ~Kastanessu~, oder des Kastanienquelles; weiterhin zeigt sich das breite Thal von ~Bujuckdereh~: ein Lustgarten des Landes, in dessen grünendem Gebüsch und Bäumen, als wir an ihm vorüberzogen, ein erfrischender Wind seine Wogen schlug. Hier erquickte sich, so erzählte die Sage, nach der Mühe der langen Pilgerfahrt Gottfried von Bouillon mit der vertrauten Schaar seiner Helden, und noch jetzt ist Bujuckdereh ein Ort der Erquickung für den hier, während des Sommers verweilenden fränkischen Adel. Dort zur Linken, den Hainen des wasserreichen, thrazischen ~Belgrad~[48] gegenüber, erhebt sich der ~Riesenberg~, mit dem steinernen, sogenannten Bette des Hercules, das die Sage der Moslemen zu Josua's Grabe machet; weiterhin stehet, am asiatischen Ufer, an der Stätte des vormals herrlichen Sommerpalastes zu ~Chunkar Inkalessi~ die schönste Papiermühle in der Welt: ein Gebäu aus Marmor errichtet, mit prachtvollen Sälen, am Saume des reichen Flußthales; als wollte es alle Die, welche auf Papier schreiben an die Tröstungen und Freuden des Paradieses erinnern, wo das gar viele Schreiben aufhören wird. Wenn auch der Blick des schnell Vorüberfahrenden von da sich wieder hinüber wendete zur europäischen (linken) Seite, auf ~Tharapias~ Gärten, bei denen Medea dem väterlichen Zorn entfliehend, ihre bezaubernden Gifte ans Land geworfen; oder auf die schattige, fischreiche Bucht von ~Kalender~ und die wilde Brandung an den Felsen von ~Jenikoi-Burni~; so kehrt es doch bald wieder zurück zu der im Ganzen schöneren und reicheren asiatischen Küste. Hier, bei ~Begkos~ und seiner unter hoher Kuppel spielenden Fontäne waren die Ochsenställe des Amykos, der im Kampfe dem Kastor unterlag; hier stund die +Daphne insan+, jener Lorbeerbaum dessen Blätter -- möge doch kein treuloser Krämer in unserm Vaterlande sie verbreiten -- in Jedem, der sie genoß, Streitsucht und gehässigen Unmuth erregten. Statt des Lustschlosses in persischer Bauart und mit persischer Pracht innerlich geziert, das Murad +III.+ (um 1585) in ~Sultania~ erbaute, stehet jetzt der Pallast eines türkischen Großbeamten am Bache der Platanen. Die Hügel des Dorfes der Feigen: ~Indschirkoi~, von dessen merkwürdiger Baumgruppe vorhin Erwähnung geschahe, sind ein Fruchtgarten, so reich und anmuthig, wie das Auge des Wanderers durch die Nachbarländer der Heimath noch kaum einen gesehen.
An der europäischen Seite hat sich jetzt der schönste Hafen des Bosporus: ~Stenia~ eingestellt; die Masten der europäischen Kriegsschiffe wetteifern an Höhe mit den Zypressen des nahen ~Emirgum~, wo sonst ein Tempel der Hekate stund, jetzt aber die türkische Mauth ihren Sitz aufschlug. Asiatischer Seits öffnet sich den Blicken die Bucht der Ruthe: ~Tschübükli~, so genannt, weil Sultan Bajasid +II.+ seinem Sohne Selim hier 8 Ruthenstreiche ertheilte. Vormals stund da ein Kloster jener »Schlaflosen«, deren einzelne Chöre ohne Aufhören, Tag und Nacht Loblieder tönten und Gebete.
Prachtvoll wölbt sich bei ~Karibdsche~ die Kuppel der hohen Moschee; ihr gegenüber, bei ~Balkalimani~ zeigen sich Grabmäler der türkischen Heiligen. Die verdüsternde Wolke, welche etwa der »schwarze Thurm« bei ~Anatoli Hissari~, einst ein grausamer Kerker der Kriegsgefangenen, in der Seele des Betrachtenden aufsteigen ließ, zerstreut sich beim Anblick der »himmlischen Wasser« von ~Göcksu~, aus deren Rosenhainen und duftenden Orangengärten ein Sommerpallast des Großherrn hervorschimmert. Ein türkischer Dichter besingt diese liebliche Gegend am Bosporus in Versen, deren ohngefährer Sinn folgender ist:
Wie Damaskus und Yemen und Sogd auf Erden berühmt sind, So wird im Paradies Göcksu's Gestade gerühmt.
Der abentheuerliche Bau der alten, gegenüber liegenden Veste von ~Rumili Hissari~, welche ~Mohammed~ +II.+ zwei Jahre vor der Eroberung von Constantinopel nach einem Grundriß erbauen ließ, der die Züge der arabischen Buchstaben in dem Worte »Mohammed« nachahmte, bildet mit den Prachtgebäuden des benachbarten ~Bebeck~, so wie mit denen des nahe gegenüber liegenden ~Kandilli~ einen sonderbaren Contrast. Dort im Thurme von ~Kule Bagdschessi~ ward Suleiman der Große, Selims +I.+ einziger Sohn, dessen Hinrichtung der mit dem Blut vieler seiner Freunde befleckte Vater im Zorn befahl, drei Jahre lang von dem wohlgesinnten Bostandschi Bey verborgen, bis der Grimm des Herrschers der bittren Reue über den vermeintlich vollbrachten Mord des Sohnes Raum gegeben. Jene hochstämmige, alte Zypresse, die dort neben dem Quell stehet, soll der gefangene Prinz mit eigner Hand gepflanzt haben.
Bei ~Arnaudkoi~, an der europäischen Seite, wird die vorherrschend nach Nord und Süd gehende Strömung der Meerenge so heftig, daß die Schiffer der kleineren Fahrzeuge, wenn sie aufwärts fahren, durch die hier wohnenden Piloten am ausgeworfenen Seile sich ziehen lassen. Unser Dampfschiff steuerte so ruhig wie ein auf der Woge scherzender Delphin auf dem schäumenden Meeresstrom hinab, gegen die Lustgärten und Palläste von ~Beglerbegkoi~ und gegen Kurutsche hin, wo die berühmten Einsiedler des 5ten Jahrhunderts: Simon und Daniel Stylites in jahrelanger Entsagung, auf einer Säule stehend gelebt und Buße gepredigt haben. Kaum hat das Auge noch so viel Zeit, daß es sich an dem Anblick des wogenden Blumenmeeres, durch dessen Farben das von der Sonne beleuchtete Wasser der Springbrunnen hindurchschimmert und an den Prunkgebäuden und Moscheen von ~Baschiktasch~ und ~Istawros~ ergößen kann; denn dort bei ~Fündüklü~, der Stätte des vormaligen Altars des Ajas, Skutari gegenüber beut sich, in der ganzen Macht des ersten Eindruckes der Anblick der nahen Hauptstadt des osmanischen Reiches und der ihrer Vorstädte dar. Die Stunden, welche wir, bis zur Ausschiffung unsrer Personen und unsrer Gerätschaften noch auf dem Verdeck des Schiffes zubrachten, vergiengen uns wie der Traum eines Schläfers im Schatten des Rosengebüsches. Das Boot das uns von dem Dampfschiff wegführte, hatte bei ~Galata~ gelandet, von hier, im Geleite der Lastträger, die unser Gepäck auf ihre starken Schultern nahmen, stiegen wir den Berg hinauf nach ~Pera~, wo uns das Haus einer trefflichen Landsmännin, der Madame ~Balbiani~ Ruhe und reichliche Pflege gab. Von den Fenstern unsres Zimmers aus gesehen, lag die Herrscherstadt des Ostens, auf ihren sieben Hügel gebettet, in ihrer ganzen Herrlichkeit vor uns; die Abendsonne bestrahlte die hohen, vergoldeten Kuppeln der Moscheen, die Palläste und Thürme; zu ihren Füßen das blaue Meer; der Himmel war klar und rein. Aber wie ein Schatten, den eine im Trauerkleide vorüberwandelnde Wittwe auf ein Beet der blühenden Tulpen wirft, zogen mitten durch den Glanz des Neuen die düstern Streifen der alten Ruinen und der erst neulich, an einem der Hügel entstandenen Brandstätten hindurch. Die Hauptstadt der Moslemen mag ihr gold- und perlengesticktes Gewand ausbreiten, so viel sie will, dennoch reicht es nicht hin, um die Flecken des Blutes und die Gebeine einer vor ihr gemordeten Vorwelt zu verdecken, welche, so tief sie auch zuletzt gesunken, ohnläugbar einst höher geragt und Bessres erstrebt hat als sie.
Constantinopel.
An den türkischen Fahrzeugen finden sich öfters die Namen der Siebenschläfer, aus der bekannten anmuthig-kindlichen Legende. Denn diese sieben Langschläfer sind auf eine sonderbare Weise zu der Ehre gekommen, Schutzpatrone der türkischen Schiffer zu werden; deshalb nämlich, weil ihre Geschichte, die der Koran ziemlich ausführlich erzählt, mit den Worten endet: »und sie stiegen in ein Schiff.« Auch uns kam, am ersten Tage unsres Aufenthaltes in Constantinopel jene im Munde der Christen wie der Moslemen lebende Sage lebhaft in die Erinnerung; nicht deshalb, weil sie im Koran stehet; nicht deshalb, weil die türkischen Inschriften an der Pupa der vor unsren Augen im Hafen liegenden Schiffe von ihr redeten, sondern weil das, was wir an und in uns selbst an diesem ersten Tage erfuhren, Aehnlichkeit mit Dem hatte, was den Siebenschläfern bei dem Erwachen aus ihrem tiefen Schlafe begegnete. Diese, nachdem sie in dem Schlummer der vielen Jahre die Zeiten der blutigen Verfolgungen und alle Gräuel der seitdem zu Ende gegangnen, heidnischen Herrschaft verträumt hatten, erwachten erst in den Tagen einer neuen Weltherrschaft. Die lange Ruhezeit hatte ihnen nur wie eine einzige Nacht gedäuchtet; von alle Dem, was seitdem geschehen und geworden, wissen sie nichts, so kommen sie hinab in die nachbarliche, sonst so wohlbekannte Stadt, welche sie noch so zu finden wähnen, als sie dieselbe »gestern« verließen. Aber wie ist da Alles so verändert; kaum daß sie noch eine der alten Gassen wieder erkennen; sie wollen Speise kaufen, aber die Verkäufer verstehen ihre Sprache, kennen ihr Geld nicht; staunen sie nur an in der alterthümlichen, ungewohnten Tracht, und sie ihrerseits verstehen jene nicht, staunen das Gewand und die Weise der ihnen neuen, spätern Welt an.
So ergieng es, abgesehen von Dem was diesmal die Stellung vom Alten zum Neuen in eine umgekehrte verwandelte, uns, und so ergehet es vielleicht Jedem, der den schnellen Flug des Dampfschiffes auf der Donau hinabmachte, bei dem Eintreten in die große türkische Kaiserstadt. Wir hatten zwar eine Morgenstunde lang in den Gassen von Widdin, dann des einen Abends zwischen den Häusern und Hütten von Rusczuk uns herumgetrieben, Varna, vom Hafen aus, wie ein Bild im Guckkasten beschaut; dieß Alles war aber nur eben so viel, als wenn ein Zugvogel, der eilig, ohne Ruhe und Rast über das Meer in ein fremdes Land ziehet, zuletzt etwa noch einige Augenblicke lang auf den Dächern eines Wohnortes der Fischer ausruhet und in die Höfe oder Gassen hinunterschauet, kaum aber, so groß ist die Eile, nur Muße hat, das unter ihm Liegende und Stehende genau zu bemerken. Jetzt war der Flug zu Ende und wir saßen, giengen und stunden in der mächtigen Herrscherstadt und in der Mitte eines Volkes, das an Religion, Sitte und Sprache uns fremd -- wie den Siebenschläfern die neue, spätere Welt war. Wie lärmte, wie schallte, wie drängte sich all das bunte Gewimmel in den engen Gassen des gewerbthätigen Galata, dem Tummelplatze aller hieher Schifffahrt treibenden Nationen; zur Rechten, etwa in einem griechischen Kaffeehause, Musik und Tanz; zur Linken, in einer von türkischen Officieren besetzten Garküche, der gellende Gesang eines Zigeunerknabens, begleitet von dem Geklimper einer übeltönenden Zither; dort weintrinkende, lärmende Matrosen der fremden Schiffe, nicht weit davon einheimische Türken, die beim Dampfe der langen Pfeifen den schwarzen Kaffee tranken; außen auf der Gasse Mäkler und Lastträger; beschäftigte wie unbeschäftigte Franken und Türken; gravitätisch einherschreitende Derwische und gespensterartig vermummte Frauen.
Doch wir wollen hier nicht zuerst bei der Beschreibung und Geschichte einer Vorstadt von Konstantinopel verweilen, sondern uns sogleich über den Hafen hinüber nach der Hauptstadt selber begeben; wir berichten, ehe wir von Pera und von der Umgegend reden, das, was wir auf mehreren unsrer Tagwanderungen in der alten und neuen Kaiserstadt des Ostens gesehen und empfunden.
Diese zeigte sich uns freilich, so laut auch die Geigen und der gellende Gesang der Zigeuner in Galata tönten, damals, als wir bei ihr verweilten, nicht in der fröhlichen Gestalt einer Herrscherin, welche durch solche Musik zum Tanzen sich locken ließe; eine langanhaltende Dürre, welche das Land, diesseits und jenseits des quellenreichen Bosporus seit Monaten aussog, hatte Asche auf das Haupt der Fürstin der türkischen Städte gestreut; die Pest war in ihrem Innren mit einer Heftigkeit ausgebrochen, in der sie seit vielen Jahren nicht mehr erschienen; eine heftige Feuersbrunst hatte vor Kurzem einige der ansehnlichsten Gassen der Stadt, mit ihren reichen Kaufmannsläden vernichtet, und während wir in Pera wohnten, brach nahe bei uns ein Feuer, in den armseligen türkischen Hütten, am südöstlichen Bergabhange, gegen das Arsenal hin aus, dessen drohende Gefahr nur durch die Windstille und die Entschlossenheit der zu Hülfe eilenden Franken von der Vorstadt abgewendet schien. Wenn wir, im Haine der Zypressen, bei den türkischen Grabstätten, deren lange, meist durch säulenartig aufrecht stehende Steine bezeichnete Reihen fast bis unter die Fenster unsrer Wohnung sich heranzogen, hinabgiengen zum Meere, da begegneten uns Lastträger, welche einen Todten, in härene Decke gehüllt, hinausschleppten; im Hafen kleine Fahrzeuge, mit belasteten Särgen oder Todtenbahren. Jenseits der Stadt, auf der Landseite, etwa gegen Daud-Pascha hin waren die Gräber der moslemitischen Heiligen nach einem eben so gefährlichen als eckelhaften Gebrauche des hiesigen Volkes mit Kleiderstücken und Lappen vom Körper oder Lager der tödtlich Kranken behangen, welche hierdurch Linderung ihrer Krankheit und selbst Heilung zu erlangen hofften; in den Gassen und Bazars der Stadt begegnete man allenthalben den in schwarzen Wachstaffet gekleideten Franken, die sich durch diese Verhüllung, so wie durch die langen Stöcke der Gefahr der Berührung von den Türken zu entziehen strebten; wenn man in das Haus eines Franken trat, oder nach einem Ausgange in die Stadt und ins Freie in die eigne Wohnung zurückkehrte, da ward man in einen schrankähnlichen, nur oben an der Thüre mit einer kleinen Oeffnung zum Athmen versehenen Kasten gesperrt, und von dem übelriechenden Rauchwerk eines zu den Füßen gestellten Kohlenbeckens fast bis zum Ersticken durchräuchert.
Bei all diesen Bedenklichkeiten und Gefahren blieben jedoch die eigentlichen Bewohner der Hauptstadt: die Moslemen so unerschüttert ruhig, als wäre die Pest nur als eine beiläufige Zeitungsnachricht aus fernem Lande, nicht sie selber, als verwirklichtes Ereigniß unter ihnen verbreitet; in den Gassen wie in den Bazars drängten sich, eben so wie sonst, die Haufen der gleichgültigen, Handel- und Wandel-treibenden Menschen; kaum daß sie den Trägern auswichen, die etwa wieder einen Todten aus den Häusern forttrugen; verächtlich blickte der im Kaffeehause sitzende, ruhig rauchende Türke heraus, auf das ängstliche Bemühen der Franken jedes Anstreifen an einen Vorbeigehenden zu vermeiden. Uebrigens gehörten wir, besonders in den ersten Tagen unsres Hierseyns nicht zu diesen ängstlichen Franken; wir drängten uns, gleich den Moslemen, ziemlich furchtlos durch die Haufen des Volkes; sey es, daß wir die Größe der Gefahr allzuwenig erkannten oder daß uns etwa die Worte jenes heiligen Hochgesanges, den wir am ersten Morgen mit einander lasen, bei gutem Muth erhielten: »ob Tausende fallen zu deiner Rechten und Zehntausende zu deiner Linken, so wird es doch Dich nicht treffen«[49].
Wir blieben in Allem neun Tage in Constantinopel und sahen in dieser Zeit außer dem Innren der hehren Sophia, zu welchem den nicht allzu schwierigen Eingang uns zu bahnen wir versäumt hatten, Alles, was für uns und wohl für die meisten Reisenden aus dem Westen als das Sehenswürdigste und Schönste in der großen Stadt und ihrer nächsten Umgegend erscheint. Ich beschreibe hier in einigen Hauptumrissen vornämlich die Geschichte zweier Tage, die mir als die genußreichsten und denkwürdigsten unsres Aufenthaltes erschienen.
Dienstags am 4ten October hatten wir uns frühe, als der Tag noch kühl war, aufgemacht. Hier, in der Nähe des Weges, der uns hinab zum Hafen führte, fand sich vormals, auf einem der nun verwitterten Grabessteine, welche die Gebeine der in den früheren Kämpfen des Islams mit Byzanz gefallenen Krieger deckte, eine Inschrift des folgenden, ohngefähren Inhaltes.
Sie sind es, die gekommen und gegangen, Was haben sie auf dieser Welt erlangt? Gekommen und gegangen, was erlangt? Das Eine, daß ins ewge Heim sie drangen.
Als wir über den Meeresarm des Hafens hinüberfuhren, da glänzten die Moscheen auf den Höhen der Stadt; da leuchteten die Minares mit ihren farbigen oder vergoldeten Dächern und Halbmonden, von der Morgensonne beschienen, so mächtig auf uns herab, daß wir, von diesem Glanze geblendet, das kleinliche Gewirr der andren Häusermasse nicht bemerkten. Es ist jedoch dieses nur die Ouvertüre, aus einem alten Meisterstück der Tonkunst entnommen, die zu dem Stücke des heutigen Tages, das so eben gegeben werden soll, nicht ganz paßt; denn Constantinopel verspricht, von fern gesehen, mehr, als es in der Nähe, in seinem Innren gewährt. Man hat, wegen der nach oben kolbigen Gestalt des meist bunten Dachwerkes die Minares mit Tulpen verglichen; wohl mag denn die türkische Kaiserstadt wegen der Menge der hellfarbigen Minares die nach allen Richtungen über sie verbreitet sind, ein prunkendes Tulpenbeet genannt werden, man thut jedoch wohl, wenn man den Boden, aus dem diese Tulpen sich erheben, nicht zu genau beachtet; denn dieser bestehet aus einem Stoffe, der zwar den Gewächsen eine gute Nahrung gewährt, für die Sinnen aber des Vorübergehenden nur ein Gegenstand des Eckels, nicht des Wohlgefallens seyn kann.
Wir näherten uns, bei unsrer ersten Ueberfahrt von Pera, der Hafenseite der Stadt in der Gegend des Mehl- und Holzthores. Wir hatten uns in mehrere der kleinen, beständig bereit liegenden türkischen Fahrzeuge vertheilt, denn außer uns Sechsen, die wir die eigentliche Hauptgesellschaft dieser Reise bildeten, war mit uns ein junger (israëlitischer) Dragoman aus Varna, der sich uns schon auf dem Dampfschiffe zu diesem Geschäft angeboten hatte, im Ganzen ein günstiger Fund, denn obgleich dieser Dragoman bei jedem Handel oder sonstigen Auftrag, wobei Geld im Spiele war, seines Vortheils wahrnahm, so geschahe doch dieses in keinem zu übertriebenen Maße, dabei war er im hohen Grade unternehmend und zum Führer selbst an schwerer zugängliche Orte geschickt; in Ungarn erzogen, sprach er so fertig Deutsch als Türkisch und Ungarisch. Außer diesem freilich unentbehrlichen Begleiter der mit der jetzigen Stadt und ihren Bewohnern gleich einem Eingebornen bekannt war, fand sich in unsrer Gesellschaft noch ein freundlicher, wackrer Landsmann, Herr Mühr, der schon seit längerer Zeit in Constantinopel gelebt und mit Sprache so wie mit Sitte des Volkes sich bekannt gemacht hatte, vor Allem aber, was dem Dragoman abgieng, einen Ueberblick über die alte und neue Geschichte der Stadt, eine Kenntniß der alten Bauwerke und Denkmale besaß, welche uns die Bekanntschaft mit dem alten wie neuen Byzanz sehr erleichterte und das Interesse unsrer Wanderungen ungemein erhöhte.
So eben haftete der Blick noch an der prächtigen Moschee Suleimans des Großen, dem Meisterwerke des großen Baukünstlers ~Sinan~, da mußte er sich, denn wir waren am Aussteigen, auf den Boden niederlassen. Unsre türkischen Schiffer hatten nicht gerade den günstigsten Punkt zu diesem Aussteigen gewählt. Wir mußten gezogen am Arme von unsren Türken an der morschen Bretterwand, welche hier den Hafen einfaßte, emporklimmen, und wo wir ans Land traten, hatte dieses kein erfreuliches Aussehen. Dort lagen, am Strahle der Morgensonne sich wärmend die Schaaren und Familien der verwilderten Hunde auf den erhöhten Haufen des Unrathes, neben diesen, schon besetzten Höhen, breitet sich der Stoff, auf dem jene liegen, in reichlicher Menge aus. Hier sollte wohl der Wandrer immer seine Wasserstiefeln anhaben, diese könnten ihn noch gegen andre Dinge schützen als gegen Wasser. Doch schon sind wir über den fatalen Landungsplatz hinüber; wir steigen zuerst von der Gegend des Mehlthores (~Unkapu~) an dem Abhang des einen der sieben Hügel (~Sirek~), durch die Mühlengasse hinan. Tagwerker gehen da eben an ihr Geschäft, dazwischen beladene Esel, kleine Truppen von Schlachtvieh; einzelne, vermummte Frauen. Auch hier erinnerte das schlechte, vereinzelt über den Schmutz gelegte Pflaster, wie die Rotten der Hunde, nur zu sehr daran, daß man fern von den Wohnungen des Heimathlandes: in der Türkei sey.
Während wir so am Hügel hinansteigen, zeigt sich zur Rechten über uns, auf der Höhe desselben, die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammeds +II.+, und, mit der lang fortlaufenden Reihe ihrer Bögen, die alte Wasserleitung des Valens. Vor diesen beiden beschäftigt uns jedoch der Anblick einer an unsrem Wege liegenden Ruine, an deren Schutt und Gemäuer kaum noch der Umriß jener ~Pantocrators-Kirche~, mit ihren vormaligen vierzig Kuppeln zu erkennen ist, welche Johannes der Comnene mit seiner Gemahlin Irene erbauen ließ. Diese alte, von Mohammed +II.+ in eine Schusterwerkstätte, später in die Moschee ~Kilissi dschamissi~ verwandelte Kirche umfaßte einst die Familiengruft der byzantinischen Herrscher aus dem Geschlecht der Comnenen; hier begrub man auch (im Jahr 1158) die deutsche ~Bertha~, Kaiser Conrads Schwester, Kaiser Manuels +I.+ geliebte Gemahlin. Ein alter Sarkophag von Verde antico, aus jener Fürstengruft entnommen, dienet jetzt, außen vor dem Gemäuer, zum Wassertrog. -- Die ~Wasserleitung~, nach ~Valens~ genannt, sollte eigentlich die des Constantin heißen, weil dieser ihr erster Begründer und Erbauer, Valens nur ihr Wiedererneuerer war. Doch, so wie sie jetzt vor Augen steht, ist sie ein zusammengesetztes Werk der Hände manches späteren Jahrhunderts; denn das Erdbeben hatte öfters ihre Bögen zerrissen und niedergestürzt; Barbarenhände den Bau zerstört, dessen einzelne Steine selber an Krieg und Zerstörung erinnerten, da Valens sie den geschleiften Stadtmauern Chalcedons hatte entnehmen lassen. Hier ist ja überall, wohin das Auge siehet, ein Feld der wilden Bewegungen der Natur und der Gräuelthaten der Menschen; denn die ersteren unter Justinian, unter Michael der Paphlagonier und manchem andren der späteren Herrscher wecken nur jene Empfindungen die ein Orkan oder ein tobendes Gewitter erregt, und auch die Wuth der Avaren, welche einen Theil der Wasserleitung verheerten, erregt keine solchen Gefühle des Abscheus als die Erinnerung an das gräuelvolle Leben und den noch gräuelvolleren gewaltsamen Tod des einen Bauherrn an diesem Aquädukt, Andronikus des Comnenen (im Jahr 1184), so wie an die Ermordung eines der späteren Bauherrn, des 18jährigen Sultans Osmans +II.+ im Aufstande der Janitscharen (1622)[50].
Da, wo nun die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammed +II.+ auf dem vierten der sieben Hügel stehet, prangte vormals einer der schönsten Tempel des christlichen Byzanz: ~die Kirche der heiligen Apostel~. Sie war, in jener Form und innren Pracht, welche Theodora, Justinians Gemahlin ihr verliehen, an Rang wie an Schönheit die zweite der Kirchen, nach der Aja Sophia; in ihren Todtengrüften ruheten, von Constantin an, die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser, umschlossen von den reich verzierten Särgen aus Porphyr, ägyptischem Granit und lacedämonischem Marmor, bis die Lateiner, nach Einnahme der Stadt unter Balduin und Dandolo im Jahr 1204, die Särge sammt den Gebeinen ihren alten Lagerstätten entrissen und diese stummen Zeugen einer längst vergangenen Herrlichkeit vernichteten. Nach Mohammeds, des osmanischen Eroberers Absicht, sollte der Tempel, den er hier zu seines Namens Gedächtniß erhöhete, nicht der zweite: er sollte der erste der Stadt an Höhe und äußrer Gestalt werden; hierzu fehlten jedoch der damaligen Baukunst die Mittel und Kräfte. Der erzürnte Tyrann ließ -- so erzählt man -- dem Baumeister Christodulos, als er erfahren, daß dieser zwei der höchsten, zum Bau bestimmten, antiken Granitsäulen etwas kürzer sägen lassen, beide Hände abhauen, stellte sich jedoch auch, da der Verstümmelte ihn verklagte, wie ein andrer (gemeiner) Bürger der Stadt vor den Richter, der ihn vorladen lassen, ein, und fügte sich willig dem strafenden Urtheil, das ihm die lebenslängliche, reichliche Versorgung des Baumeisters und seiner Familie auferlegte. Die Moschee, auf einer 8 Fuß hohen Terrasse stehend, ragt vom Boden bis zur Höhe der Kuppel gegen 170 Fuß; die Säulengänge des Vorhofes, mit den bleigedeckten Kuppeln; die Fontäne, welche mitten im Vorhofe zwischen den hohen Zypressen spielt; die 8 zu Hochschulen bestimmten Hallen, mit den hinten an sie anstoßenden 360 zellenartigen Wohnplätzen für Studirende; das Krankenhaus und die Küche, aus welcher täglich eine große Zahl der Armen gespeist wird; das Becken mit dem hervorsprudelnden Wasser, zu welchem man neben den Moscheegebäuden tief in den Boden hinabsteigt, sind Gegenstände, welche der jetzige Reisende ganz ungehindert betrachten darf.
Unser diesmaliger Weg führte uns vor Allem, denn wir suchten einen Ueberblick über das Ganze der Stadt zu gewinnen, auf den Thurm der Feuerwache: den ~Thurm des Seraskiers~ in der Nähe des alten Serais. Ich habe nichts dagegen, wenn der Reichshistoriograph Isi, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb, den Scheitel des Feuerwächterthurmes sammt dem fensterreichen, obersten Rundgemach, mit einem in den Lüften schwebenden Neste des Paradiesvogels vergleicht[51], denn die Aussicht, die man von da über Land und Meer genießt, ließe sich wohl eine paradiesische nennen, doch scheint es mir fast ein wenig übertrieben, wenn derselbe Schriftsteller in seinem türkischen Hofstyl hinzufügt: »es ist eine, für erleuchtete Sinnen ausgemachte Wahrheit, daß man von diesem Thurme aus nicht nur die Feuersbrünste des ganzen Erdkreises, sondern auch den Brand der Sterne am Himmel mit den Augen der Beobachtung ermessen könne.« -- Armes Byzanz! du selber hast im Verlaufe deiner Geschichte mehrmalen das Beispiel eines innren Brandes gegeben, dessen Flamme den ganzen Erdkreis erschreckte, dessen Trauer verkündende Asche über die Reiche der Christenheit hinstäubte; dessen entzündende Fackeln aus den bewegten Gewalten der Höhe wie der Tiefe hervorbrachen!
Wir stehen hier oben als Zuschauer vor einer Bühne, auf welcher eines der ernstesten, tief bedeutendsten Trauerspiele der Geschichte gegeben ward. Das Stück ist noch nicht zu Ende; es spielet im fünften Akt; möge, ehe der Vorhang fällt, in die vom abnehmenden Mond nur düster beleuchtete Scene ein Morgenstrahl hereindämmern, der die annahende Zukunft eines neuen, besseren Tages, eines Tages des Friedens von oben verkündet.
Wir treten als Freunde und geistige Genossen deiner vormals herrlichen Jugendzeit in deine Mitte, du altes und neues Byzanz. Aber wo sind wir hier, und wo ist der Eingang zu deiner Gruft, aus der dein Schatten, wenn unser theilnehmendes Sehnen ihn beschwört, gleich Samuels Gestalt heraustreten wird vor unser Auge? Zwar das Meer, das deinen Fuß umspülte, ist noch dasselbe geblieben; hier im Süden spiegelt sich, wie sonst, der blaue Himmel in den weiten Fluthen des Propontis ab; in Osten rauscht an deiner Seite noch die Strömung des Bosporus vorüber, in Nord und Nordosten umgürtet dich noch wie vormals der Meeresarm des Hafens. Auch der vormalige Umriß der Herrscherstadt der Konstantine ist an dem jetzigen, osmanischen Stambul noch zu erkennen, ein etwas unregelmäßiges Dreieck, dessen eine Seite die von den ~Blachernen~ bis zu der Spitze des ~neuen Serai's~ reicht gegen das Gewässer des Hafens, die andre vom Serai bis zu den ~sieben Thürmen~ nach dem Bosporus und dem Propontis, die dritte dem flachen Lande, gegen Adrianopel zugewendet ist und davon jede einzelne etwa auf die Länge einer Stunde sich ausdehnt. Noch sind die sieben Hügel, daraus auch die östliche Roma begründet war, eben so abgegränzt, noch fließt der ~Lykus~, der zum armseligen Bächlein geworden, an derselben Stelle von Westen zur Stadt herein, noch wird in der asiatischen Vorstadt ~Skutari~ das alte ~Chrysopolis~, in ~Kadikoi~ der Ort der Kirchenversammlung: ~Chalcedon~ erkannt, dort vor ~Skutari~, auf dem Meeresfelsen ~Damalis~ stehet noch der von Manuel dem Comnenen befestigte ~Leanderthurm~, von welchem, in Zeiten der Gefahr, eiserne Ketten hinüber nach dem Thurme an der Spitze des Serai's gezogen, den Paß zwischen dem Bospor und Propontis sperrten, und hier gegenüber liegt noch ~Galata~, dessen einer Thurm einen andern Befestigungspunkt der Ketten, vom jetzigen Serai her, zum Versperren des Hafens darbot. Wo aber finden wir die eigentlichen Wohnstätten der von dem tausendstimmigen Lobe der Dichter wie der Redner, hoch, bis zum Himmel erhobnen und gepriesnen Herrlichkeiten der alten, byzantinischen Herrscherstadt? -- Wie? sollte jenes bräunlich graue Trumm, dessen Gipfel da südostwärts, wie ein verbrannter Schornstein, über das ihm nahe Gedräng der Häuser hervorragt, wirklich ein Ueberrest der fast 100 Fuß hohen, von goldenen Kränzen umwundenen Porphyrsäule seyn, die nach der Beschreibung der Zeitgenossen auf Erden nicht ihres Gleichen hatte; jener Porphyrsäule, welche zuerst das colossale Bildniß des Constantin, dann das des Julian, hierauf jenes des Theodosius, zuletzt, nachdem das Erdbeben dieses gestürzt ein hochragendes, vergoldetes Kreuz trug? War denn da, bei dieser Säule nicht das Forum des ~Constantin~? Wohin sind denn die bedeckten Hallen, welche dieses umgaben; wo die 12 Porphyrsäulen mit den goldenen Sirenen; die eherne Uhr, das riesige, eherne Gebilde des Elephanten, die künstlich aus Metall gegossenen Rosse, Seewölfe und Schildkröten? Zwar, die Herrlichkeit jener mit den Blüthen der altgriechischen Baukunst und Architektur geschmückten Bogenhallen, die sich vom Forum der Porphyrsäule bis zu dem andern Forum des Constantin: dem ~Augusteon~, an der Seite der Sophienkirche und vor dem alten Kunstpallast ausdehnten, sie, sammt dem goldnen Meilenzeiger und allen Kunstwerken, welche diesen umgaben, sind schon bei dem verheerenden Einbruche der Lateiner von den Flammen verzehrt worden; wo aber stehet, auf hoher Säule, die Reiterstatue des prachtliebenden Justinian? Lagen nicht zu den Füßen des Pferdes dieses metallenen Reiters noch in den Tagen der osmanischen Eroberung der Stadt das Haupt und der Leichnam des Letzten der christlichen Kaiser hin zur Schau gestellt, und nun ist mit der hohen Säule und ihrer Statue selbst jener freie Platz verschwunden, in dessen Mitte die Säule stund? Sollte nicht hier, in der Nähe des Thurmes des Seraskiers, da wo nun das sogenannte alte Serai zur Wohnung der veralteten Schönheiten aus den Sultanischen Frauenkästchen dient, die Stätte des ~Theodosischen~ +Forum Tauri+, mit jener Triumphsäule gewesen seyn, welche im Schmucke der künstlichen, halberhabenen Arbeit der Triumphsäule des Trajan in Rom nacheiferte? Und der kleine Raum des jetzigen, sogenannten Hünermarktes ist dann der einzige Rest jenes hochgepriesenen Forums? Wo stehet denn die 120 Fuß hohe, prächtige ~Säule des Arcadius~? War nicht dort, wo nun der Weibermarkt des türkischen Stambuls ist, ihre Stätte? Und jene Schaar der Kunstwerke, welche die byzantinischen Herrscher aus allen Gegenden ihres Reiches im ~Hippodrom~ versammelten, ist sie denn, bis auf den Obelisken, dort vor ~Achmets Moschee~, ganz vernichtet und zerstäubt? -- War dort, an der nordwestlichsten Ecke der Stadt, der hohe Pallast der ~Blachernen~, war da, in seiner Nähe, jenes Thor, durch welches Justinian als Sieger, begrüßt von dem Päan der Sänger: +Jo Triumphe+ hereinzog; voran der Zug der betenden, Hymnen singenden Priester, mit den Heiligtümern der Kirchen, nachfolgend die Reihen der lieblich blühenden, mit Rosen geschmückten Jungfrauen. -- Du schöne Jungfrau des Ostens, wie sind deine Rosen entblättert und in den Staub getreten; wie ist der Nacken, der sich siegreich emporhob, unter der Last der Sklavinnenkette zum Boden gebeugt. Gehe nicht hin dein Leid im Haine der Zypressen zu klagen; die Zypresse darf, so will es dein Dränger, nur an den Gräbern der Seinen von Leid und Schmerz reden; dort wo an der Meeresbucht des Propontis die jugendliche Platane schattet, da sprich von deiner Vergangenheit und von der Hoffnung des Künftigen. Denn unter den Zweigen dieses langlebenden Baumes wird sich, wir hoffen es mit dir, ein Geschlecht deiner Kinder oder Enkel jener wiedererwachten, gerade nach oben strebenden Kraft des Geistes, aus welcher mit der innern zugleich auch die äußere Freiheit kommt, erfreuen, von welcher die Zypresse nur wie ein Abbild des Traumes zu deinen Feinden redet.
Die gastfreundliche Sitte des Morgenlandes ruft uns aus den Gedanken an das, was vormals gewesen, zurück in die Gegenwart, deren Luft wir athmen. Die Thurmwächter haben am Kohlenfeuer des Kamins den Kaffee bereitet; man bringt uns die mit dem schwarzen, bittern Getränk gefüllten, kleinen Tassen, dabei Gläser voll trefflich schmeckenden Wassers. Der freundliche Mann, der uns das Getränk herumreicht, versichert uns: es sey dieß von dem besten Wasser, das sich in Stambul finde. Und er hat recht, denn es ist aus der ~Simeons Fontäne~ am östlichen Thore des alten Serai's geschöpft; aus jener Fontäne, deren Wasser, da unter Mahommed +II.+ alle Brunnen der Stadt durch Sachverständige geprüft wurden, vor ihnen allen das höchste Lob empfieng, so daß seitdem selbst der Bedarf des Trinkwassers für die Tafeln des Großsultans und des neuen Serai's hier, in silbernen Flaschen geschöpft, und drei Pferdeladungen täglich, weggeführt wird.
Der türkische, schwarze Kaffee hat die Kräfte eines Nepenthes: er setzt das Blut, welches noch so eben durch die ernsteren Gedanken der Seele nach ernsterem Takte bewegt war, in eine leichte, zur Fröhlichkeit stimmende Wallung; der Takt ist ein andrer geworden; unwillkührlich passet sich der veränderten Tonweise ein neuer Text der Gedanken an. Wir kehren wieder zu der weiten Aussicht an den Fenstern des Thurmes zurück; wir gehören jetzt der Gegenwart an. Wie deutlich sieht man dort, gegen Süd in Ost den Gipfel des hohen Olymp; wie schmückt sich die ganze Küste von Asien, vom fernen Süden herauf bis zum nahe gegenüber liegenden Osten (bei Skutari) mit Bergen und grünenden Hügeln. Die goldenen, von porphyrnen Säulen getragenen Sirenen im vormaligen Forum des Constantin sind verschwunden; der Ton ihrer Stimmen aber, zur Sehnsucht lockend, wird noch immer auf diesen mit Gärten und Rebenpflanzungen bedeckten Hügeln vernommen. Die Nachtigall, da sie noch jung war, hat hier den Sirenen die Melodie des Gesanges abgelauscht; sie besingt im Gebüsch des Lorbers den Reiz jener Daphne, die selbst in Apollos Brust das Lied eines Sehnens erweckte, welches in vergänglichen Thautropfen der Rose das Bild der unvergänglichen Sonne erkennt. Das mitfühlende Herz schlägt lauter; ist es doch als wollte selbst das arme Gebüsch, welches einst menschlich fühlende Daphne war, aus dem Schlafe der Starrsucht erwachen; da breitet der ernste Hain der Zypressen seinen abkühlenden, düstern Schatten über den Hügel aus und bald ist der letzte Wiederhall der Töne verstummt.
In der That, der »Beinbrecher« (dies ist die Bedeutung des Namens des Osmanen)[52] hat sein Nest allenthalben in den Hain der Zypressen gesetzt. Wohin man sieht, in Ost und Nord und Westen, da blickt der grüne Teppich der Zypressenwälder hervor, auf dem die Herrscherin der Städte des Halbmondes sitzet. Jede Grabstätte der Türken hat, wo noch Raum für einen jugendlichen Stamm war, jenen Baum der Trauer wie der nach oben sich richtenden Hoffnung neben sich hingepflanzt; er erhebt seine hohen Wipfel in der Nähe der Moscheen und der Springbrunnen der Stadt, wie auf allen Hügeln und Flächen des Landes; seine Tausende sprechen ohne Aufhören von der Ruhe der Gräber, welcher sich die Lebendigen auf den Tausenden der Wege ihrer Mühen und Freuden nähern. Mag immerhin, wie nach Edrisi's Erzählung von Osmans prophetischem Traume[53], Constantinopel mit seinen glänzenden Moscheen hier am Zusammenfluß zweier Meere und zweier Erdtheile, als ein Diamant zwischen zwei Sapphiren und zwei Smaragden gefaßt erscheinen, dennoch blicken die weißen Steine der Todtenmäler, wie Flecken aus der smaragdnen Einfassung hervor; das Blau der beiden Sapphire war nur zu oft durch Blut geröthet; der Demant in ihrer Mitte ist voll Risse und Mackel.
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Gefällt es uns: der Aufseher des Thurmes zeigt und nennt uns wenigstens die Gegend aller der acht und zwanzig Thore, welche (nur sieben jedoch von ihnen an der Landseite) die jetzige Stadt besitzt; nennt uns die Namen der festen Thürme der Hafenseite, deren viele noch die Namenszüge ihrer alten byzantinischen Erbauer, und, wie die in und bei ihnen liegenden Kanonen, griechische Inschriften an sich tragen. Er zeigt uns, dort in Osten, neben der hehren Sophia, das neue Serai: den Pallast der jetzigen Herrscher, mit festen Mauern umschlossen, eine Stadt im Kleinen; er zeigt uns hier in der Nähe die Gebäude des alten Serai; etwas ferner, an der südöstlichen Ecke der Stadt, da wo die dreifache Mauer der Landseite am Propontis endigt, die Stätte der alten, byzantinischen Burg des Cyklobion: die sieben Thürme, mit dem altgepriesenen, goldenen Thore, zugleich aber auch mit dem Blutbrunnen in ihrem Innren. Uns aber reizet für jetzt mehr als das Ferne der Anblick der nahe von hier, auf der Höhe des dritten der sieben Hügel gelegenen ~Suleimanje~, der Moschee des großen Suleiman. An Symmetrie und äußrer Würde ist sie das schönste Gebäude des jetzigen Konstantinopels; ~Sinan~, der Baumeister, errichtete sie in den Jahren 1550-56. Hier, von oben hinabgesehen, wird es uns am leichtesten die äußren Grundzüge des Bauplanes aller Moscheen, an einem der besten Beispiele zu überblicken. Gleich den alten, ägyptischen Tempeln bestehet jede von ihnen aus drei Haupttheilen: dem Vorhofe, oder, nach dem türkischen Kunstausdrucke, dem Harem, dann dem eigentlichen Kirchengebäude[54], dann dem sogenannten Garten, mit den Begräbnißstätten der Erbauer und ihrer nächsten Angehörigen. Am Eingange zum Vorhof oder zur Moschee selber, stehen die hohen Minares[55], deren die Suleimanje vier hat: zwei niedere am Vorhofe, zwei höhere am eigentlichen Tempelthore. Im Vorhofe findet sich immer ein laufendes oder emporspringendes Wasser, bestimmt zu den vorgeschriebenen Waschungen Derer, die in den Tempel treten wollen; bei der Suleimanje ist es eine Fontäne, deren Wasser unter einem thürmchenartigen Dache spielt. Säulenhallen, bei eben dieser Moschee, von acht und zwanzig Kuppeln gedeckt, laufen um die drei Seiten des Vorhofes herum; im Innern desselben die langen Reihen der Marmorsitze. Das Dach des eigentlichen, prachtvollen Tempelgebäudes wölbt sich zu einer hohen Kuppel, umgeben von zwölf kleinen Halbkuppeln. Der Haupteingang zu allen Moscheen der Hauptstadt und ihrer Umgegend, wenn sie nicht etwa durch bloße Umgestaltung einer christlichen Kirche entstanden sind, liegt an der S. S. O. Seite, weil der ~Mihrab~, oder mahommedanische Hochaltar (eine Nische zur Aufbewahrung des Korans), welche, dem Eingange gegenüber, im hintersten Grunde des Gebäudes stehet, seine Richtung nach der Kibla, das heißt nach jener Weltgegend nehmen muß, in welcher Mekka liegt, und diese ist für die Gegend von Konstantinopel in Süd-Süd-Ost. Ober dem Haupteingange, nach welchem sich die Moslimen beim Gebete hinwenden, stehen, im Innern der Suleimans-Moschee, mit goldenen Buchstaben auf lasurblauem Grunde die Worte: »Ich habe mein Gesicht zu ihm gewendet, der Himmel und Erde ernährt.« In dieser Moschee, deren Bau 760,000 Ducaten gekostet hatte[56], ließ der Erbauer unter andern die vier schönsten und höchsten Säulen des alten Konstantinopels bringen, welche ihm seine baulustigen Vorfahren noch übrig gelassen; namentlich die, welche vormals das Reiterbildniß des Justinian trug. Jene vier Säulen aus rothem Granit, an deren marmornen Capitälern der Meißel des Sinan mit den prachtvollsten Zierrathen der Säulen von Palmyra und Persepolis zu wetteifern versuchte, stützen die Kuppel. Auch am Mihrab, so wie an der zu seiner Linken stehenden Kanzel (Kursi) und dem Gerüste des Freitagsredners (dem ~Mimber~) und an dem Sitze des Sultans (~Makssure~), der eine Art von Emporkirche, rechts vom Mihrab bildet, zeigt sich, in mannichfachen Zierrathen, diese künstliche Hand; an den Wänden laufen Reihen von Marmorbänken für die Leser und Hörer des Korans herum; oben, die Gallerieen dienen hier wie in vielen Moscheen zu geheiligten Verwahrungsorten für das Geld und die andern Kostbarkeiten der Privatleute, welche mit Recht in diesem festen, steinernen, von der Andacht bewachten Gebäude ihr Eigenthum vor Feuersbrünsten und Diebereien besser verwahrt glauben als in ihren eigenen, leichtgebauten Wohnungen. Die prunkendfarbig ins Auge fallenden Glasmalereien der Fenster, welche Blumen oder die Namenszüge »Allah« darstellen, sind von der Hand eines zu seiner Zeit berühmten Meisters in dergleichen Arbeiten, der »trunkene Ibrahim« genannt. Im Friedhof oder sogenannten Garten der Moscheen, welcher unmittelbar an die Seite des Mihrab (d. h. der Hochaltars-Nische) angränzt, ohne hier durch einen Ausgang unmittelbar mit der Kirche verbunden zu seyn, zeigen sich, von hohen Kuppeln bedeckt, das große Grabmal des Erbauers: des Sultan Suleiman[57] und hinter ihm das etwas kleinere seiner berüchtigten Lieblingssultanin Roxelane, jener schönen und talentvollen Russin, an deren blutige Ränke die nicht fern von hier, südwärts von der Suleimanje gelegene, kleine Moschee der Prinzen wenigstens mittelbar erinnert. Denn hier wurde zwar nicht der gefürchtetste Sohn von Roxelane's Nebenbuhlerin, der trefflich begabte, edle, künftige Thronerbe Mustapha, als unschuldiges Opfer eines bei dem Vater erregten Verdachtes begraben, wohl aber sein Bruder, der geistreiche Prinz Dschihangir, dessen von Natur gebrechlicher Körper dem tiefen Schmerz über des Vaters Härte und des Bruders Tod erlag. Roxelane selber starb schon im zweiten Jahre nach Vollendung der Suleimans-Moschee, 1558.
Nur noch einen Blick auf die hehre Sophienkirche des alten, auf die Aja Sophia des neuen Byzanz, und wir begeben uns wieder hinab in das muntre Volksgedränge der Hauptstadt. Der riesenhafte, vergoldete Halbmond, der auf dem Gipfel pranget (sein Durchmesser soll 50 türkische Ellen betragen), weckt schon aus weiter Ferne die Aufmerksamkeit des Auges, denn man sieht, wenn die Sonne ihn erweckt, seinen Glanz viele Meilen weit im Meere; man bemerkt ihn von der Höhe des fernabliegenden Olymp. Das Gebäude selber, mit seiner leicht sich hinüberspannenden, großen, kunstreich flachen Kuppel, welche die Kreise der kleineren Halbkuppeln umgürten, vermag jene erwachte Aufmerksamkeit des Auges nicht bloß fest zu halten, sondern sie zur höchsten Theilnahme zu steigern. Doch eben dieser Fernanblick ist es auch, der uns am unwiderstehlichsten wieder hinunter, zu der näheren Betrachtung des gepriesensten Bauwerkes des alten Byzanz führet.
Wir nehmen unsren Weg am Vorhof der prächtigen Suleimanje vorbei; weiterhin zieht unsre Neugier die ~Gasse der Teriaki's~ oder Opiumverkäufer an, in deren Hallen sich schon ein Theil der Freunde und Gefangenen der an Wahnsinn gränzenden, silenischen Begeisterung des Mohnsaftgenusses eingefunden haben. Wer die närrischen Taumelfreuden dieses in seinen Folgen gefahrvollen Zustandes einmal und mehrmalen gekostet, für den mögen sie, abgesehen von dem Bedürfniß nach neuer Aufregung, welches aus der Abspannung hervorgeht, eine fast unwiderstehliche Kraft der Anziehung haben. Jene Bedauernswürdigen oder auch jene Neugierigen, die sich ihm, jene für immer, diese nur auf ein und das andre Mal hingaben, schildern die innre Aufregung durch den Mohnsaft fast ganz auf dieselbe Weise, auf welche Kämpfer die Trunkenheit von den aus Hanfextrakt und anderen narkotischen Stoffen bereiteten Fröhlichkeitspillen beschreibt, welche er einstmals, auf seiner asiatischen Reise, aus eigner Erfahrung kennen lernte. So leiblich überglücklich und fröhlich, sagt er, habe er sich in seinem Leben noch niemals gefühlt als in jenem Zustande; das Tischgespräch solcher Berauschter wird zu einem Lachen, welches zuletzt über nichts mehr als über sich selber lacht; man ist mit der ganzen Welt in Brüderschaft getreten; Franken und Moslimen umarmen sich wie alte Freunde und Bekannte. Und beim Nachhausereiten am Abend fühlt man sich so leicht und seltsam in die Höhe gehoben, daß es einem däuchtet als gienge das Pferd nicht auf dem Boden, sondern in den Lüften und man ritte gerade in das Gewölk der Abendröthe hinein. Man kommt nach Hause, ißt mit gutem Appetit, schläft vortrefflich, fühlt am andern Tage keine Beschwerde. -- Dieß ist der Viele verlockende, harmlos scheinende Zustand der noch gesund verdauenden Anfänger im Opiumessen. Kämpfer ließ sich indeß hierdurch nicht zum weitern Genuß auch der minder schädlichen Fröhlichkeitspillen verleiten; er kämpfte ritterlich gegen jede Wiederholung des Versuches.
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Auch die berühmten Kaffeehäuser dieser Stadtgegend verdienen eine Beachtung; ihr täglicher Besuch, vom Morgen bis zum Abend ist zu innig mit dem Lebenskreise der Bewohner der osmanischen Hauptstadt verschlungen. Man kann sich den jetzigen Türken fast nicht ohne Kaffee und Tabak denken; beide Genüsse, so sollte man meinen, haben hier ihren Ausgangs- und Mittelpunkt. Und doch wurde das erste Kaffeehaus in Constantinopel erst im Jahr 1554 von einem Aleppiner errichtet, der nach 3 Jahren mit einem baaren Gewinn von 5,000 Ducaten in sein Vaterland zurückkehrte. Die Sitte des Tabaksrauchens gesellte sich im Jahr 1605 zu der des Kaffeetrinkens.
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Wir gehen weiter, gegen die Mauern des alten Serai's hin, welche die Wohnungen der Gemahlinnen und der noch unverheiratheten Töchter der verstorbenen Sultane umschließen. Hier herrschte gewöhnlich nur ein stummes Nachsinnen über das Vergangene, doch gab namentlich die Wittwe Achmeds +I.+, die Stiefmutter Osmans +II.+, diesem hier ein mehrtägiges glänzendes Fest.
Weiterhin im Süden vom alten Serai verweilen wir ein wenig bei der ~Moschee Bajasids~ +II.+ (der Große genannt), des Sohnes und Nachfolgers des Eroberers der Stadt: Mohammed +II.+ Sie ward 1505 sieben Jahre vor Bajasids Tode vollendet. Der Vorhof mit dem Brunnen, dessen Kuppel auf acht Marmorsäulen ruhet, zog uns zu sich hin; wir blickten von da ungehindert in das schmucklose Innre hinein, in welchem keine Säulen, und außer der Emporkirche mit vergoldetem Gitter (dem Sitze des Sultans) nichts Besondres bemerkt wird. Sie hat nur zwei Minare's. Bei dieser Moschee werden die hochgeschätztesten Kiblaname oder Gebetscompasse für die Moslimen gefertigt und verkauft; sie sollen, so meint man, dem Betenden, wo er auch stehe, am sichersten es erkennen lassen, wo Mekka liege und wohin er beim Gebet sein Gesicht zu richten habe. Denn, so erzählt die Sage, als der Baumeister der Moschee den Sultan Bajasid, der bei den Türken im Geruch großer Heiligkeit stehet, um Bestimmung der Kiblalinie für den Grundplan des Gebäudes bat, da ließ ihn der Herrscher auf seinen Fuß steigen, und die Augen des Baumeisters wurden geöffnet; er sahe Mekka vor sich liegen. Bajasid der sich während seiner dreißigjährigen Regierung als ein natürlich wohlwollender, nach dem Maaße seiner Erkenntniß frommer Moslim zeigte, war eben als solcher im hohen Grade für die Träumereien der Astrologie und orientalischen Mystik eingenommen. Eine Menge von Schulen und Bildungsanstalten, welche er stiftete, wie seine Bereitwilligkeit jedes weiterstrebende Talent zu unterstützen, beurkunden vielleicht das freilich unbefriedigt gebliebene Sehnen dieses Mannes für sich selber wie für sein Volk ein höheres Erkennen zu begründen. Nicht ohne Theilnahme erinnert sich der vorübergehende Wandrer der Schicksale dieses osmanischen Herrschers; besonders seiner Entthronung durch seinen ihm ungleichen Sohn, den Wütherich Selim, und der Auswanderung des kränklichen Alten, der sich jetzt von allem, so lang gewohnten Prunk und Glanz des Thrones so wie den Schaaren der Höflinge entkleidet und verlassen sahe, nach seinem Geburtsort Demitoka, den er jedoch nicht mehr erreichte, weil ihn bald nach dem Hinaustreten aus der Herrscherstadt der Tod eine nähere Ruhestätt, hier in dem Garten der von ihm selber erbauten Moschee anwieß.
In der Nähe der Bajasids Moschee, welche auch auf dem dritten Hügel der Stadt stehet, blickten wir in eine sogenannte Ueberlieferungsschule, wo von einem hierzu bestellten Lehrer eine Art von Encyclopädie der höheren Rechtskunde und der Glaubenslehren der Moslimen vorgetragen wird. Jenseits dem kleinen mit Marmor gepflasterten Hofe, in einem großen, lüftigen Saale, an dessen Wänden die Reihen der gepolsterten Kissen für die vornehmeren Zuhörer herumliefen, saß der türkische Professor (Muderris); ein stattlicher, alter Mann, lesend in einem Buche und Tabak rauchend. Wir begrüßten ihn nach orientalischer Sitte, mit den über die Brust gelegten Armen; er dankte mit Gravität. Die Thüren stunden offen, aber kein Zuhörer hatte sich noch eingefunden.
Wir naheten uns jetzt der Stätte und den Resten der gepriesensten Kunstherrlichkeiten des alten Byzanz. Da stund denn vor uns die noch immer fünfzig Fuß hoch über ihr Gestell hinaufragende »~verbrannte Säule~,« der einst so weltberühmte Stylos von Porphyr, den Constantin hatte errichten lassen. Von den acht Stücken aus denen diese Porphyrsäule vormals bestund, bis ein Erdbeben unter Alexius +I.+ die drei obersten, sammt der Statue des Kaisers herunterstürzte, sind noch fünf stehen geblieben; statt der prächtigen, goldenen Kränze, welche die Fugen zwischen den einzelnen Stücken umgürteten und verdeckten, sieht man nur noch die schon von den Byzantinern herumgelegten, häßlichen, eisernen Reifen. Der Schaft der Säule, die von dorischer Ordnung ist, misset im Umfange 33 Fuß; jedes der acht ursprünglichen Stücke hatte zehn, das Piedestal achtzehn Fuß Höhe, so daß das ganze Werk, ohne die auf ihm stehende Statue 98 Fuß hoch ragte. Unter dem Grundgemäuer dieses von Erdbeben und Feuersbrünsten so vielfach entstellten Säulenkolosses ließ Constantin das Palladium des alten Romes, gebildet aus den Gebeinen des Pelops vergraben, damit durch diesen Talisman seine Herrscherstadt, selber unbesiegbar, eine Besiegerin der andren Städte werde, wie Rom dieß war. Da jener Grund, seitdem man ihn legte, niemals aufgegraben, ja nur berührt worden ist, hat dieses Palladium nun schon fünfzehn Jahrhunderte lang Zeit gehabt seine magischen Kräfte zu bewähren; dieses ist jedoch auf eine Weise geschehen, welche wenig Zutrauen zu dergleichen magischen Kunststücken, an denen das alte Byzanz so reich war, einflößen konnte. Hat sich doch die unbezwingbar und unverletzlich machende Kraft der Gebeine des Pelops nicht einmal über die nächste Umgebung zu erstrecken vermocht, denn die Statue des Apolls mit dem ihr angesetzten von einem Nimbus umgebenen Kopfe, welcher Constantins Züge trug; diese heidnisch-christliche sogenannte Bildsäule des Constantin, die zuerst den Gipfel der Säule einnahm, fand hier kaum 30 Jahre eine bleibende Stätte und auch die Statue des Julian, welche dieser statt dem Bild des Erbauers auf so hohen und doch so wandelbaren Fußschemel stellte, mußte abermals nach 30 Jahren jenem des großen Theodosius weichen. Nachdem das Erdbeben im Jahr 1112 auch diese Herrscherstatue sammt den obersten Stücken des Schaftes herabgestürzt und zerschmettert hatte, stund auf der nun kürzer gewordenen Säule ein hohes, vergoldetes Kreuz. Dieses wollte allerdings an jenes »Geheimniß«[58] erinnern, welches, so lange es über den »Hütten« der Erdbewohner »bleibet« eine mächtiger bewahrende und schützende Kraft hat als jedes Palladium aus Gebeinen der Todten oder das Bild der Glücksgöttin, das am Fuß der Porphyrsäule stund. Aber das Volk von Byzanz hatte die Erinnerung, welche das vergoldete Zeichen gab, weder beherzigt noch verstehen wollen, darum wurde auch das todte Denkzeichen von den Augen hinweggenommen; statt des Goldschimmers blieb nur die Farbe des Rostes und des Rußes.
Das gewesene ~Forum~, in dessen freiem Raume die vormalige Porphyrsäule emporragte (m. v. oben S. 153.), ist jetzt mit einer Menge, zum Theil sehr unansehnlicher und verfallener Häuser überbaut; eine dieser Ruinen wird, ohne hinlänglich überzeugenden Grund als der gewesene ~Pallast des Belisarius~ bezeichnet. In der Nähe der so oft von den Schrecknissen Gottes getroffenen, verbrannten Säule, in einer der hier angränzenden Latrinen fand der Urheber vieler innrer Zerrüttungen und geistiger Verheerungen der Kirche: Arius seinen grausenhaften Tod.
Auf diesem Platze, bei dem angeblichen Palast des Belisarius befand sich in den früheren Zeiten der Osmanischen Herrschaft der Eltschichan oder die Wohnung der auswärtigen Gesandten, welche hier gleich Gefangenen bewacht und behandelt wurden. Einem von ihnen, einem Herrn von Sinzendorf, wurden auf Großsultanischen Befehl die Fenster seiner Wohnung zugemauert, weil er durch dieselben herausgesehen hatte und weil (was er kaum wissen konnte) diesen Fenstern gegenüber ein Türkischer Harem war.
Wir besahen, von hier weiter gehend, jene berühmte ~Cisterne~ in der Nähe des Hippodrom, welche die Türken, nach ihrer Liebhaberei an großen, runden Zahlen, ~Bin bir dinek~, d. h. die ~tausend und eine~ Säulen nennen. Wirklich fanden und finden sich in ihr noch jetzt 672 Säulen, denn dieses alte Wasserbehältniß, welches Philoxenos der Senator unter Constantin dem Großen erbauen ließ, bestund aus drei Stockwerken, davon jedes von 224 Säulen getragen wurde. Die Säulen des obersten (Decken-) Geschosses sieht man noch in ihrer ganzen Höhe von 24 Fuß frei hervorstehen; die des zweiten sind mit zwei Drittheilen ihrer Länge, die des untersten Geschosses ganz im Schutt und Schlamm versenkt. Um dieses Behältniß ganz zu füllen, bedurfte es nach ~Andreossy's~ Berechnung einer Wassermenge von mehr als einer Million Cubikfuß, mithin fast so viel als alle jetzige Wasserwerke Constantinopels zusammengenommen in drei Tagen liefern. Gegenwärtig findet sich in dem kühnen Bauwerk der (sogenannt) 1001säuligen Cisterne eine Seidenspinnerei, die einem Armenier zugehört. Auf dem nun mit Schutt und Modererde bedeckten Platze, der an das Gebäude angränzt, fanden sich einst die Bäder und der Pallast des ~Lausus~, ausgeziert mit vielen der berühmtesten, schönsten Kunstwerke der alten Welt.
Doch diese alle waren nur Zierrathen einer schönen Vorhalle, denn siehe, noch um einige Schritte weiter finden wir uns auf dem Boden des ~Hippodrom~ oder des ~At Meidan~, auf jener merkwürdigen Tenne, da einst Früchte der Kunst aufgespeichert waren, deren Werth die Schätze eines jetzigen Königreiches nicht aufzuwiegen, deren Verlust die später gebornen Zeiten bis jetzt noch nicht wieder zu erstatten vermogten. Dieser At Meidan, für die Spiele des Wettrennens schon von Severus begründet, war unter den Kaisern des Ostens nicht nur ein Hauptpunkt der Stadt und des ganzen Reiches, sondern der gesammten damaligen gebildeten Welt geworden. Denn wie sich von hieraus alljährlich aus der ehrgeizigen Streitsucht der Rennpartheien jene Fäden der inneren Kämpfe und Zerrüttungen entspannen, welche öfters das ganze Reich erschütterten; so feierten da, auf eine edlere, stillere Weise die Künste der blühendesten Jahrhunderte des gesammten Griechenlandes ohne Aufhören einen Wettkampf, der die Seelen der Betrachtenden zur tiefsten Theilnahme bewegte, und aus welchem sich die Fäden eines Gewebes entspannen, das nachmals der christlichen Kunst zu einem Teppich diente, auf welchen sie zuerst ihre Füße setzte. Die Herrscher des oströmischen Reiches hatten die gepriesensten Kunstwerke des Griechischen und zum Theil selbst des Römischen Alterthumes hieher auf diesen engen Raum versammlet, und, so kann man sagen, auf die Schlachtbank der später über sie hereinbrechenden Vernichtung geführt. Hier stund das Meisterwerk des Lysimachos: jenes kolossale, eherne Bildniß des ~knieenden Herkules~, dessen Daumen der Dicke, dessen Wade, an dem niedergelehnten Fuße der Höhe eines Mannes gleich kam; ein Werk, das sich dem Andenken der Alten so tief eingeprägt hatte, daß sie es als Bild des Knieenden, in den Darstellungen der Sternbilder nachahmten. Hier war, unter den Tausenden der andern Kunstwerke, jenes Bildniß der ~Trojanischen Helena~, dessen Untergang ein alter Freund der Kunst nicht minder beklagenswerth nannte, als Ilions Untergang selber; hier stunden die Kunstwerke ~des Reuters~, auf dem kampfgierigen Rosse; ~des Helden~, der mit dem Löwen rang; des ~fliegenden Adlers~; des ~Viergespannes~ der Rosse vor dem Wagen der Siegesgöttin und etwas weiter hin auch jenes andere freie Doppelpaar der Rosse, welches vormals, ehe Theodosius +II.+ es von dort hinweggeholt, der Stolz von Chios war und das jetzt den Eingang der Markuskirche in Venedig schmücket. Hier im Hippodrom fanden sich auch die Bilder der ~Dioskuren~, der ~Wölfin Roma's~, des ~Erymantischen Ebers~ und des ~Eseltreibers aus Actium~, eines Meisterstückes aus der Augusteischen Zeit, welches an das Glück verheißende Wort des begegnenden Landmannes vor der entscheidenden Schlacht bei Actium erinnern und der Stadt Constantins selber Glück bedeuten sollte. Doch, wer sollte es versuchen wollen, eine für sich allein nichtssagende Reihe von Namen aller Götter und Heroën, so wie der Herrscher und Herrscherinnen, der Ungeheuer und Wunder des Meeres wie des Landes zu wiederholen, deren Gestalten, aus der Hand der kunstmächtigsten Meister des Asiatischen und Europäischen Griechenlandes hier zusammengehäuft stunden. Hatten doch Ephesus und Sardis, Smyrna und Chios, Athen, Cäsarea, Cycikus und Sebastia, Tralles und Antiochia, Cypern, Creta und Rhodus, mit allen andern kunstliebenden Städten und Inseln ihrer Nachbarschaft die Augenlust ihrer Tempel und vormaligen Herrscher-Palläste hergeben müssen, damit sie, wie die enggedrängten Stämme eines Waldes, der Arena des byzantinischen Hippodromos Schatten gäben. Manche dieser alten Herrlichkeiten des At Meidan hatten schon die großen Feuersbrünste der Regierungszeiten des Arkadius und Anastasius (in den Jahren 406 und 498) beschädiget; viele, ja die meisten hatte die Barbarei der Lateiner am Anfang des 13ten Jahrhunderts vernichtet, welche, namentlich das Bild des knieenden Herkules zu kleinen Geldmünzen und Waffengeräthen verschmolzen, das aber, was noch übrig war, das haben die Baulust und die Bilderscheu der Osmanen vollends hinweggeräumt. So wurden die Säulen des von Severus errichteten unteren Theiles des Rennplatzes zum Bau der Moschee des großen Suleiman, die Marmorstufen zum Bau des Pallastes eines seiner Minister verwendet. Der jetzige At Meidan, seiner Breite nach durch den Aufbau der Achmedmoschee, der Länge nach durch den eines Spitales verkürzt, misset noch immer 250 Schritte in die Länge, 150 in die Breite; er empfängt seine schönste Zierde jetzt nicht mehr durch die eignen Kunstwerke, sondern durch seine prächtige Nachbarin: die ~Moschee des Sultan Achmed~, jenes Herrschers, der während seiner vierzehnjährigen Regierung, welche durch Krieg und Empörung von aussen wie im Innern des Reiches vielfach beunruhigt war, sein liebstes Ausruhen an der Begründung und Ausschmückung dieses prunkend schönen Gebäudes fand. Die Achmeds-Moschee, zu welcher der Grund im Jahr 1609, am 25. December, dem alten Geburtsfest des Mithras, in einer von den Hofastronomen bestimmten, glücklichen Stunde[59] gelegt ward: im zwanzigsten Lebensjahre des Sultans, sechs Jahre nach seiner Thronbesteigung, läßt sich, wegen ihrer Bestimmung bei den Hauptfesten der Stadt als die eigentliche Cathedrale derselben betrachten. Sie pranget mit sechs Minares; vier thurmartig nach außen vorstehende Säulen tragen die Kuppel, in ihrem Innern finden sich die hochgerühmten vier mit Smaragden besetzten Lampen, die riesenhaften Leuchter aus edlem Metall und andre Kostbarkeiten. Und doch erinnert dieses prunkende Gebäu, wenigstens bei dem Anblick seines Todtengartens, zugleich an die Gräuel des Hippodroms, dessen Kunstgehalt nach seinem Maßstab es nachzuahmen versuchte. Denn neben den Gebeinen Achmeds des Erbauers, welcher, nur 28 Jahre alt, 1617 starb, ruhen hier die Gebeine seiner Söhne: Sultan Osman +II.+, der den frühzeitigen Anfang seiner Regierung mit dem Mord des Bruders (Mahommed) befleckte, er selber aber, schon im 18ten Lebensjahre aufs grausamste und schmählichste von den empörten Janitscharen gemordet ward, außer diesen die Reste auch von drei andern Söhnen Achmeds, namentlich die des Wütherichs Murad +IV.+ und der beiden von ihm gemordeten Brüder Bajasid und Suleiman.
Nur noch einen Blick auf jene traurigen Reste der Herrlichkeit der Kunst, die einst, wie ein Schattenspiel an der Wand, an der Stätte des Byzantinischen Hippodroms vorüberzog. Hier ist noch die dreifache ~eherne Schlange des Delphischen Dreifußes~; doch sind ihr die drei Köpfe (der eine durch Mohammed +II.+) abgehauen. Da stehet auch noch der nach oben wie abgespitzte Obelisk, der aus der alten Aegyptischen Heimath zuerst nach Athen, dann nach Constantins Stadt geführt wurde, mit seinen, auf einigen Seiten noch deutlich erkennbaren Hieroglyphen-Räthseln. Unten an seiner Basis bezeugen es die lateinische wie die griechische Inschrift, daß Theodosius diesen Obelisken, der vom Erdbeben gestürzt lag, wieder aufrichtete. In der Reihe dieser beiden, armen Reste zeigt sich endlich auch noch die Spitzsäule des Rennbahnzieles, welche jedoch ihrer metallenen Bekleidung mit der prahlenden Inschrift aus den Zeiten des Constantinus Porphyrogenitus schon vorlängst beraubt ward.
So ist die Lust der Augen, so ist die Pracht der Städte Kleinasiens und Hella's wie ein Stein im Meere, im Elend der späteren Zeiten versunken; gleich Blasen des Schaumes schweben nur noch jene armseeligen Reste über der Fluth. Aber ein flüchtiges Doppelpaar von Rossen, das ungefesselt stund, ist dem Kampf entronnen; es kam zu uns, an Venedigs Gestade herüber. Wie? -- wollte es etwa gegen die sonstige Weise der Streitrosse, welche den Kampf der Männer lieben, der Gefahr sich entziehen, das Getöse der Waffen meiden? -- Keinesweges; das was es zu uns über das Meer herüberführte, das war ein Zug der Treue zu dem alten Herrn und Pfleger; denn wie es dort in der Nähe der Kirche gestanden, da die Gebeine mehrerer der Apostel ruheten und ihr Andenken geehrt ward; so wollte es mitten durch die Gräuel der Verwüstung das friedliche Heiligthum des Schwestertempels der hehren Sophia: die Markuskirche Venedigs aufsuchen, weil hier noch fortlebend das Gedächtniß und der Name eines der Apostel wohnet. Das vielgewanderre Doppelpaar der Rosse, das aus seiner Heimath Athen zuerst nach Chios, dann nach Byzanz, dann nach Venedig, von hier nach Paris und abermals nach Venedig gezogen ist, erweckt noch eben so wie vormals in der Seele des Betrachtenden ein Andenken an das Werk der Heldenkämpfe; weniger aber jener des Schwertes als der friedlich stilleren, dafür aber desto kräftigeren des Geistes, welche zuletzt alle Macht der Finsterniß und der Barbarei besiegt.
Doch wir haben lange genug bei der Betrachtung des Hippodroms und seiner nächsten Nachbarschaft verweilt, mächtig zieht uns die hohe, über die Masse der alten Palläste und Häuser hervorragende Kuppel der Aja Sophia zu dem Anblick dieses dreizehnhundertjährigen Tempels hin, welcher neunhundert Jahre lang der Gottesverehrung der Christen geweihet war.
An solchen Greisen, die zuletzt gedächtnißschwach wurden, hat man öfters bemerkt, daß, während die Mühen und die Noth so wie das kleinliche Thun und Treiben der späteren Jahre ganz aus der Erinnerung geschwunden sind, einzelne Begebenheiten aus der glücklichen Zeit der Jugend oder einzelne, bedeutungsvollere Thaten des früheren Lebens ihnen noch so frisch vor der Seele stehen, als wären sie erst gestern geschehen. Gleich einer solchen deutlichen, sich vollkommen treu gebliebenen Erinnerung an den genußreichsten, kraftvollsten Moment der früheren Vergangenheit, stehet mitten in dem Osmanischen Stambul das schönste, prachtvollste Gebäude des alten, von so manchem Ungewitter des Elendes verheerten Byzanz, die ~Aja Sophia~ da. Wenn man sich die vier unsymmetrisch gebauten Minare's und die Nebengebäude hinwegdenkt, welche die türkische Architektur angefügt hat, und die sich hier ausnehmen wie Aenderungen oder Zusätze, die ein moderner Dichterling an dem Lied eines alten Meisters anbrachte; wenn man, sage ich, von dem türkischen Schleier absiehet, der einen Theil des Angesichtes der hehren Sophia verhüllet, so hat man da, noch vollkommen erhalten, den Tempel der ewigen Weisheit, den Justinian im 6ten Jahrhundert (im Jahr 538) erbaute, vor sich. Denn als der Osmanische Eroberer Mahommed der Zweite 900 Jahre später mit seinem Barbarenheer in die Stadt eindrang, behielt er sich, als seinen Antheil an der reichen Beute, nur die Gebäude vor, und da er, beim Hineintreten in das Innre der Sophienkirche einen seiner Soldaten bemerkte, der im Begriff war, einen kostbaren Stein des Mosaikpflasters herauszubrechen, traf sein handgreiflicher, mit dem Schwert geführter Verweis den Frevler so empfindlich in die Schulter, daß man diesen ohnmächtig aus der Kirche heraustragen mußte. Dieser freilich sehr wirksamen Art der allergnädigsten Verweise danken wir denn die Rettung und so vollkommne Erhaltung des berühmtesten christlichen Kirchengebäudes des Morgenlandes.
Ich versuche es, das Aeußere der hehren Sophia aus eigner Anschauung zu beschreiben; das Innre habe ich zwar leider nicht selbst gesehen, dennoch werde ich auch von ihm aus fremden Berichten Einiges erwähnen. -- Es war heute zum ersten Male, daß mich jene Wehmuth ergriff, die ich nachmals öfters auf dieser Reise empfunden: die Wehmuth, die jenen alten Nordländer erfaßte, als er seinen Sohn zu Algier in dem Gewand und der Lebensweise des türkischen Renegaten erblickte. Du altes Heiligthum des Christenglaubens; der Christ darf deine Hallen nicht betreten; er darf nur im Vorübergehen hinein in deine Vorhöfe blicken. Wie lange weilet der Minstrel, der außen vor deinem Gefängniß, wie vor dem Thurme, in welchem Richard Löwenherz gefesselt lag, die wohlbekannten Töne anstimmet, denen dann Du, im Innern, mit Hymnen des Lobes und dem Posaunentone des Dankens antworten wirst? Der Minstrel, dein Retter und Befreier; er weilet lange. Du alter Glockenthurm am Eingange, gegen die Minare's und ihre vergoldeten Halbmonde erscheinest du nur klein, wenn dir aber dereinst die Stimme wiederkehrt, da wird sie weiter tönen über Meer und Land, als der Ruf des Muesin's.
Die Sophienkirche, welche in manchen Zügen der Aehnlichkeit an die Marcuskirche in Venedig erinnert, ist so wie alle älteren christlichen Kirchen orientirt; der Haupteingang in Westen, der Hochaltar stund in Osten. Der Umriß ahmet die Gestalt eines griechischen Kreutzes nach. Die Länge des innern Schiffes, von West nach Ost, misset 269, die Breite 143 Schuhe; 180 Fuß beträgt die Höhe vom Boden bis zum Scheitel der Kuppel. Diese, die Kuppel, machet durch die Leichtigkeit, mit welcher sie sich, gleich einer nur wenig gehobenen Woge des Meeres, über das Gebäude hinspannt, einen besonders mächtigen Eindruck aufs Auge, denn bei einem Durchmesser von 115 Fuß hat diese Kuppel kaum 20 Fuß Höhe. Ueber den Eingang zum Tempel wölben sich zwei Vorhallen, die erste gegen Westen mit drei, gegen Nord und Süd mit einer Pforte, die andre mit 16 Thüren, davon 5 in die erste Vorhalle, 2 nach den Seiten, 9 nach dem Innern der Kirche sich öffnen. An dem Deckengewölbe dieser Hallen zeigen sich noch Spuren der vormaligen kostbaren Mosaikbilder. Das Haupt, das äußere Ansehen des alten Gemäuers, aus Backsteinen bestehend, ist seiner ehemaligen christlichen Zierrathen beraubt, dagegen enthält das Innre, das sein meistes Licht durch die 24 Fenster der Kuppel empfängt, noch immer jenes Heer der herrlichsten Säulen, welches mit Zuversicht des gewissen Sieges den Fremdling zu fragen scheint, ob er wohl auf Erden seines Gleichen gesehen habe. Denn als Justinian hier an die Stätte der von den Rennpartheien im Jahr 532 niedergebrannten Sophienkirche des Constantin und Theodosius dieses mächtige, steinerne Bauwerk setzen ließ, da wurden acht der schönsten Säulen des Dianentempels zu Ephesus, achte des Sonnentempels zu Balbeck zum Bau herbeigeführt; zu ihnen gesellte man jene berühmten aus dem Cybeletempel zu Cyzikus, deren weißer Marmor von rosenrothen Streifen (erinnernd an das Blut des Athys), durchwirkt ist; und wo es noch sonst in alten Tempeln und Pallästen zu Athen und Troas wie auf den Cykladen Säulen gab, welche vor andern als die schönsten galten, die wurden herbeigebracht, um die damalige Herrscherin aller christlichen Kirchengebäude zu schmücken. Die große Kunst der beiden Baumeister, des ~Anthemius von Tralles~ und des ~Isidorus von Miletos~ giebt sich noch jetzt in der sichern Anordnung des kostbaren Materials kund, das ihnen zu Gebote gestellt war. Denn obgleich das thurmartige Tabernakel mit der goldnen von goldnen Lilien umkränzten Kuppel, und dem goldnen, 75 Pfund schweren Kreuze, obgleich die 12 goldnen Säulen vor dem Altar, so wie der goldene Baldachin über dem Lesepulte, mit seinem 100 Pfund wägenden goldnen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten Kreuze längst verschwunden sind; obgleich der türkische Ritus, der den Hochaltar in die Mekkalinie oder Kibla zu stellen gebeut, mithin nach S. S. O., die Symmetrie des alten Kirchengebäudes durchkreuzt, stehen dennoch in ungebrochener Kraft ihrer Schönheit und Würde jene acht Porphyrsäulen aus Balbeck da, von denen vier die große, vier die an diese gränzenden kleineren Kuppeln tragen; die grünen Säulen des Dianentempels, welche den Frauenchor stützen und jene andern, auf denen die Gallerien ruhen. Vierzig zählt man in allem im innern Theile der Kirche, sechszig in den Gallerien, sieben an den Eingängen.
Wir werfen noch im Vorübergehen einen Blick auf die mit vielen Kuppeln gedeckten Säulengänge, welche den Vorhof von drei Seiten umgeben; auf den Springbrunnen von Marmor in seiner Mitte, und auf die Menge des laufenden Wassers, das unter dem alten Glockenthurme hervordringt. Es kommt aus einem immer gefüllten unterirdischen Gewölbe der Sophienkirche und wem sein klarer Strom noch nicht wohlschmeckend genug erscheint, der kann an einem jener beiden Brunnenhäuser, die zu den Stiftungen dieses Tempelgebäudes gehören, sich von den hiezu bestellten Leuten den erfrischenden Trunk reichen lassen. War nicht vielleicht hier in der alten byzantinischen Zeit jene Cisterne, auf welche der große Justinian, dieser Ludwig +XIV.+ der oströmischen Kaiser, das Bild des Königs Salomo hatte darstellen lassen, welcher mit den Mienen der Verwunderung, ja des Schreckens nach der Sophienkirche hinblickte? Wie denn auch Justinian, am Tage der Einweihung der Kirche unter anderen dadurch an Salomo zu erinnern suchte, daß er 1000 Ochsen, 1000 Schafe, 600 Hirsche, 1000 Schweine, 10,000 Hühner für die Armen schlachten, 30,000 Mezzen Kornes und mehrere Zentner Goldes unter sie vertheilen ließ. Wenn ihm aber auch wirklich diese äußerliche Nachahmung des weisesten der Könige gelungen seyn sollte, so gelang ihm desto weniger jene mehr von innen kommende Nachahmung, die sich in dem, was er bei der Einweihung sprach, kund gab. Denn nachdem der große Kaiser hinlaufend gegen den Altar, die Worte gesagt hatte: Ich danke dir Gott, daß du mich diesen Bau hast vollenden lassen; rief er selbstgefällig mit lauter Stimme aus: »Ich habe dich besiegt Salomo.« Ja, jene Weisheit, welche Salomo kannte und in deren Kraft er bei der Einweihung seines Tempels betete, war eine andre als die Weisheit Justinians; jene von himmlischer, göttlicher, diese von irdischer, menschlicher Art.
Wir gehen von hinnen; denn diese ~Begräbnißstätte Murads~ +III.+ und seiner Söhne ist eine Denksäule des Brudermordes. Hundert und zwei Kinder waren dem Sultan Murad geboren, von diesen überlebten ihn 20 Söhne und 29 Töchter. Außer Mohammed +III.+, dem Thronerben waren bei dem Tode des Vaters vier Söhne, schon erwachsen; durch ihren Lehrer Newi aufs Sorgfältigste erzogen und gebildet, unter ihnen der vielversprechende Prinz Mustapha. Sie alle, zugleich mit den 15 noch unmündigen Brüdern, ließ Mohammed am Tage seiner Thronbesteigung erwürgen; sieben Sclavinnen, noch vom verstorbenen Sultan schwanger, wurden auf seinen Befehl im Meere ertränkt; bald folgten den sämmtlich, einen Tag nach dem Begräbniß des Vaters hier bestatteten 19 Brüdern noch andre, dem Sultan verdächtig gewordne Verwandte, selbst seine eigene Mutter, gewaltsam hingerichtet, in die Gruft; nach einer nicht ganz neunjährigen Regierung wurden auch die Gebeine des Mörders zu denen der durch ihn Gemordeten gesammlet[60]. Die Würmer, welche sterben, möchten immer nagen; die Verwesung, die ein langsames Verbrennen ist, möchte das arme Todtengebein verzehren, gäbe es nicht einen andern Wurm, der niemals stirbt; ein Feuer, das niemals verlöscht.
Der Tag fängt an heiß zu werden, der reinliche schöngeschmückte Laden des ~Sorbetbereiters~ zieht das Auge wie den Geruch an; wir treten hinein uns zu erquicken. Wie groß ist da die Mannichfaltigkeit der lieblich kühlenden Getränke, der eingemachten Früchte und der Gelees. Sorbet und Gelee aus Rosen von Brussa, aus Aprikosen von Damascus, aus den Datteln Aegyptens, den Pandanusblüthen Arabiens, den Amomumwurzeln Indiens; wohlriechende Wasser und Spezereien aus Yemen und Persien. Dazu genießt man das treffliche Wasser des gegenüber liegenden Brunnenhauses, von welchem ein fühlender Aushauch über die ganze Nachbarschaft ausgehet.
Es bedarf hier keiner langen Ruhe; der Anblick des Neuen wirkt selber wie Speise und Trank. Wir sind ja da auch ganz nahe ~am neuen Serai~ und in wenig Minuten stehen wir vor seinem Hauptthore. Ehe wir hineintreten, betrachten wir erst den von Achmed +III.+ erbauten ~Wasserthurm~, dessen oberer Theil an den Bau einer chinesischen Pagode erinnert. Er ist im Ganzen von viereckigem Umriß; statt der Ecken stellen sich aber zwischen den beiden Seitenflächen noch vier schmälere ein, und diese Flächen enthalten auf lasurblauem Grunde poëtische Lobschriften der Güte dieses Wassers. Einer unserer Begleiter erzählte uns mit halblauter Stimme von jenen Schreckensstunden, da hier, nach der Besiegung der aufrührerischen Janitscharen, Haufen von abgehauenen Menschenköpfen zur Schau lagen.
Wir treten hinein in dieses Thor, dessen Halle vormals, in der Zeit der byzantinischen Herrscher mit den auserlesensten Statüen, die Decke und Wände mit den Mosaikbildern geziert waren, welche Belisars Siege darstellten. Jetzt hat hier, statt der Götter und Helden die türkische Thorwache der Kapidschi's ihren Sitz. Ein junger angehender Offizier und ein Unteroffizier oder wohl auch Gemeiner ließen sich bereitwillig finden, uns zuerst in den Garten, dann in die Höfe des Serais zu begleiten. Wir traten durch das Gartenthor hinaus in das Haus der Rosen oder Gülchane, wo die Pagen des Hofes alljährlich, am dritten Tage des Bairams vor den Augen des Sultans in den Waffen sich üben. Wir gehen hinab, neben dem Lusthaine der alten Zypressen und jenseits desselben bis an die Mauern am Meere; bis zu dem ~neuen Köschk am Sommerharem~. Was kümmern uns die geschmacklos eingerichteten, jetzt leer stehenden Käfiche der Frauen da neben uns; oder das Theater für die Ballettänze, wo der Sultan auf der Bühne sitzt, während die Schauspieler im Parterre ihre Kunststücke machen; wir mögen das nicht sehen; wir weilen bei der Aussicht am Meere und setzen uns dann in der Nähe des neuen Köschk bei einem gar wirthlich für die besuchenden Fremden eingerichteten Hause, wo man uns Kaffee und jene blasenden Instrumente reicht, welche, statt zu tönen nur dampfen. Wie groß erscheint von hier aus das Serai mit seinen hohen Mauern und Thurmzinnen. Ich glaube gerne, daß es mit den Gärten eine Stunde im Umfange hat, und daß Raum für Tausende der Bewohner in ihm ist. Hier nordwärts von uns ist das ~Kanonenthor~ des Serai's. Steht da vielleicht jene Kanone, die bei nächtlicher Weile durch ihren Donner den Bewohnern der Stadt es ankündigt, daß jetzt die gleich weiterhin ans Kanonenthor angränzende, sonst immer verschlossene Pforte ~Odun Kapussi~ einmal wieder sich aufthue, nicht für Einen der die liebliche Kühlung der Nacht in sich aufnehmen will, sondern für Einen den jetzt die Nacht für immer in ihre Schatten aufnimmt: für den Leichnam eines hingerichteten, durch die Anklage der Eunuchen verdächtig gewordenen Weibes, oder eines gefallenen Günstlinges.
Wir kehren zurück zum ersten Hofe des Serais. Da links vom Haupteingang durch den wir vorhin kamen, das jetzige Zeughaus, war einst, man erkennt es noch am Baue, die ~Kirche der heiligen Irene~, vor welcher, gegen die Sophienkirche hin jene silberne Statue der Kaiserin Eudoxia stund, von welcher nicht in jene beiden nachbarlich angränzende Kirchen allein, sondern durch alle Kirchen der Stadt eine mächtige Bewegung ausgieng. Denn als ~Chrysostomus~ mit heiligem Ernste gegen die heidnische Verehrung des Bildnisses predigte, da zog ihm sein lautes Sprechen das Urtheil der Verbannung zu; der Kirche des Landes aber innre Zerrüttung und Kämpfe. -- Hier der Brunnen am Rasenplatze ist ein ~Ajasma~ oder ein Weihbrunnen, dessen Wasser die Griechen an ihren Festen um ziemlich hohen Preis von der Thorwache des Serais erkaufen. Dort weiterhin an der linken Seite des Hofes ist die ~türkische Münze~ mit den Wohnungen des Münzdirectors, des Stadthauptmannes, und des Cabinetssecretärs. Wir stunden da im Schatten einer uralten, herrlichen Platane, während unser Dragoman im Münzhause für uns neue türkische Piaster, Paras und etliche kleine Goldmünzen einwechselte. Auf der rechten Seite des Hofes sind die Kanzleien, die Bäckerei und die Wohnungen der niederen Dienerschaft.
Wir nähern uns nun der Seite die zum zweiten Hofe führt und ihrem Thore, in dessen Halle so Mancher hineintrat, der nicht mehr aus ihr herausgieng. Da rechts neben dem Thore ist der Eingang zum Marstall des Serais (der eigentliche, größere Stall liegt am Meere); die Fontäne vor dem Marstall des Serais ist nach ~Abla~, dem Beduinenmädchen genannt, das der ritterliche Sarazene Antar liebte und besang; nicht weit davon steht der große Mörser, welcher, so geht die Sage, sonst zum Zerstampfen nicht von allerhand Wurzeln, sondern von allerhand Menschen diente. Da, unmittelbar am Eingang zum Thore des zweiten Hofes ist der Stein ~Binek-taschi~ d. h. Vortheil der Reitschule, an welchem die fremden Gesandten und andre Standespersonen, Einheimische wie Fremde, die sich des Sultans Majestät nähern wollen, absteigen müssen. Wir treten jetzt hinein unter die Halle des Thores, die sich nach beiden Seiten hin durch Thüren schließen läßt. Hier ist oder war wenigstens sonst die Wohnung des Scharfrichters; hier geschahen auch meist die Hinrichtungen der zu solchem Zweck hieher Geladenen, und hier mußten, wenigstens sonst, nach der barbarischen Etikette des osmanischen Hofes, die Gesandten der fremden Mächte so lange stehen, bis man sie beim Sultan gemeldet. Doch war dies nur die vorläufige Meldung, die eigentliche, wenn drinnen Alles bereit war, brachte der Großwessir in dem blumenreichen Style des Orients unmittelbar vor dem Thore der Glückseligkeit, d. h. vor dem Eingang zum dritten Hofe an. Die Herrn Gesandten konnten es jetzt selber mit anhören, denn obgleich die Ceremonienmeister, die vor ihnen Schritt vor Schritt vorausgiengen, den Stock mit dem vergoldeten Knopfe immer laut auf das Pflaster aufstießen und hierdurch ihr »bis hieher und nicht weiter« aussprachen konnte man doch der Hauptmeldung ganz nahe beiwohnen. Diese lautete wörtlich übersetzt dahin, daß der Großvessir bei dem Throne der Glückseligkeit die Gnade nachsuchte, »daß der fremde Gesandte, nachdem er gespeist und gekleidet worden, seine Stirne in dem Staube der Füße der sultanischen Majestät abreiben dürfe«[61].
Wir bedurften dieser Anmeldung nicht; unsre beiden Kapidschi's, zu denen sich noch, ohne unser Begehren ein Dritter und Vierter, damit der Weg nicht ohne Leute sey, gesellt hatte, führten uns wohlbehalten durch das unheimliche Mittelthor in den zweiten Hof hinein. Hier zeigen sich drei gepflasterte Wege; der zur Rechten führt zu den neun Küchen des Serai's; der zur Linken zum Diwan, in dessen beiden, mit Kuppeln bedeckten Sälen der Reichsrath sich versammlet, welchem der Sultan, so oft er will, in seiner vergitterten Loge ungesehen beiwohnen kann, und neben dem Diwan sind die Sorbetbäckereien. Der zwischen beiden die Mitte haltende, gerade, geht nach dem Thore der Glückseligkeit, nach dem Eingang zum dritten Hofe hin. Hier halten gewöhnlich die weißen und schwarzen Eunuchen Wache; uns ließ man, nach dem der junge, türkische Offizier für uns gesprochen, hineintreten und hindurchgehen. Die alte Porphyrsäule, außen, vor dem Thore der Glückseligkeit[62], so wie die alten, vergoldeten Schilde, die in der Halle des Thores hängen, erregten keine großen Erwartungen, und auch im Innren des dritten Hofes ist nicht viel Besondres zu schauen; die alte sultanische Herrlichkeit sieht ziemlich baufällig aus; die Gebäude des ~Harems~ und des ~Schimschirlück~, oder des Prinzenkäfiches, worinnen seit jenen Bruderkriegen die sich durch Roxelanes Ränke entspannen, alle Prinzen bis zur Thronbesteigung wie gefangen gehalten wurden, so wie alle die andren hier anstoßenden Theile des Kaiserpallastes lassen, wenigstens von außen, nichts von dem Prunk ahnden, der in ihrem Innren sich zeigen soll. Wir hielten uns auch mit ihrer Betrachtung nicht auf, sondern wendeten uns sogleich nach dem reich vergoldeten und bemahlten, marmornen, porzellanenen, buntsteinigen Audienzsaale, wo den auswärtigen Gesandten nach der alten Sitte des Hofes vormals die Gnade wiederfuhr, daß ihnen die beiden hierzu verordneten Ceremonienmeister, die neben ihnen hergiengen, die Hände auf das Haupt legten, und dieses, so tief sie wollten, zu einer Verbeugung gegen des Sultans Majestät niederdrückten. Wir schauten neugierig durch die hellen Fenster des Saales hinein, dessen Wände von allerhand glänzenden Dingen flimmerten. Da man uns dieses so hingehen ließ, wollten wir auch in ein andres schönes, buntes Lusthäuslein oder Gemach hineinblicken, da kam ein alter, bartloser, vornehm gekleideter Türke, von der Seite, wo der Eingang zum ~Harem~ ist, heraus und schalt auf Türkisch über uns und unsre Kapidschis. Etliche von diesen, sammt dem Dragoman, traten ganz erschrocken zurück, als wollten sie sich hinter uns verstecken, nur der junge Offizier blieb bei uns in Reihe und Glied stehen, brummte etwas in den Bart hinein, machte aber, sobald der alte Herr den ersten, ziemlich langen Satz seiner Strafrede geendigt hatte, rechts umkehrt euch mit uns und wir beeilten uns Alle, glücklich wieder aus dem Thor der Glückseligkeit hinaus zu kommen.
Die neun Küchen, worinnen für den Sultan, für die Sultanin Kasseki und Walide so wie für ihre Damen und Dienerinnen, für den Präfekten des Serais, den Schatzmeister und andre Hofdiener, der tägliche Bedarf der Tafeln zubereitet wird, schienen namentlich unsren Reisegefährtinnen einer nähern Betrachtung werth, und da man uns den Eintritt anbot, besuchten wir zunächst die Küche der Sultaninnen. Man setzte uns hier eine große Schüssel vor, mit einem süßen Gebackenen, das noch überdieß in Zucker geschmalzen war, wir mußten jedoch diese Gabe der Gastfreundschaft stehend vor dem Küchentische verzehren und Messer, Gabeln und Löffeln gab man uns auch nicht. Sobald wir Andren zulangten, griffen unsre Kapidschi's auch sehr eilig mit uns in die Schüssel. Vielleicht sollte uns dieses an jene alte türkische Hofsitte erinnern, nach welcher, wenn fremde Gesandten und Herrschaften kamen, den Janitscharen Schüsseln mit Pilau vor die Küche hingesetzt wurden, und wenn dann die Soldaten recht munter auf die Schüsseln zusprangen und Hand an die Speisen legten, so war das ein gutes Zeichen; ein Zeichen, daß dieses so leicht aufzureizende Volk zufrieden und Alles ruhig und sicher sey[63]. Da nun unsre Kapidschis so eilig mit ihren Händen in die Schüsseln fuhren, konnte man dieß allerdings als ein Zeichen ihrer Zufriedenheit und der öffentlichen Sicherheit betrachten; nur wäre zu wünschen gewesen, daß diese fleißigen Hände sich mit Löffeln oder Gabeln versehen hätten. Nach diesem türkischen Mahle der Süßigkeiten zeigte man uns noch Alles was zu den Räumen und Geschäften der Küche gehörte und wenigstens bei dem Türken, welcher, wie es schien, das Geschäft eines Unteraufsehers der Küche begleitete, geschah dieß ohne Eigennutz, denn unser Geschenk, das der Dragoman ihm anbot, wurde von ihm ab- an die Dienerschaft der Küche gewiesen.
Mit einem Gefühl des Unheimlichen verweilten wir noch im Hinausgehen einige Augenblicke beim Anblick des mittleren Hofes und der zu ihm gehörigen Gebäude. Während den Zeiten des alten christlichen Byzanz haben sich allerdings über diese Stätte vielfache Gräuel ergossen, aber immer ward doch der im Innern der entarteten Herrscher wüthenden Seuche durch die Furcht vor der Kraft oder vor dem äußern Ansehen eines göttlichen Gesetzes noch Ziel und Damm gesteckt. Welche Furcht konnte aber die einst hier hausenden Wütheriche unter den mohammedanischen Herrschern bändigen, welche vom neuen Serai aus über Stadt und Land Furcht und Entsetzen verbreiteten? Wer wollte es, unter Murads +IV.+ Herrschaft nur wagen den Mauern dieser prunkvollen Mordgrube sich zu nahen. Schoß doch der Tirann mit eigner Hand den Sohn eines Pascha nieder, ließ er doch ein Boot, das von Weibern erfüllt war, im offnen Meere versenken, weil sie unversehens den Mauern des Serais zu nahe gekommenen waren; eine andre Gesellschaft von Frauen, die auf einer Wiese mit Tanz und Gesang sich vergnügte, wurde ertränkt, weil den Sultan der Ausdruck der Frölichkeit in Grimm setzte; Hunderte der Mächtigen und zum Theil auch der Edlern des Landes, welche des Sultans Befehl ins Serai zum Handkuße rief, endeten, ehe sie das Thor der Glückseligkeit erreichten, unter der Hand des Henkers. Nur in den letzten sieben Jahren seiner siebenzehnjährigen Regierung, welche mit dem Mord der Brüder begann, wurden 50,000 Menschen auf Murads Befehl hingerichtet; als er selber schon mit den Vorboten des Todes rang, befahl er die Hinrichtung des einzigen noch lebenden Bruders und Thronerben der osmanischen Dynastie, Ibrahim, und als man die (erdichtete) Nachricht von der Vollziehung des Urtheils ihm brachte, erheiterte ein schadenfrohes Lächeln noch einmal sein Gesicht, auf welchem man gleich vorher nur den Ausdruck der Schrecken des Todes gesehen. Doch wie bald mögen, in vielfach vergrößertem Maaße diese Schrecken zurückgekehrt seyn, dem Manne, welcher, so lange er lebte, Allen, die um ihn seyn mußten, so zum Schrecken war, daß sie kaum es wagten, in seiner Gegenwart anders als durch Zeichen der Taubstummensprache zu reden und zu antworten. Und was hatte das arme Land gewonnen als nun an die Stelle der Grausamkeiten des mordlustigen Murad +IV.+ die Gräuel der Wollüste seines Bruders und Nachfolgers Ibrahim traten und Verheerungen andrer Art über das Reich der Osmanen ergoßen, welche nur als Mordthaten in andrer Form erschienen, bis mit Ibrahims Hinrichtung (im Jahr 1648) die schmachvolle Herrscherzeit der drei Söhne Achmeds und ihres blödsinnigen Oheims Mustapha endigte.
Wir traten jetzt wieder hinaus vor das Serai in die Straßen der Stadt. Hier betrachteten wir die vormals sogenannte ~hohe Pforte~: den ~Pallast des Großwessirs~, worinnen dieser Audienzen ertheilt und in welchem die wichtigsten Angelegenheiten des Reiches berathen und besorgt werden. Allerdings konnte man das alte, vormalige Wohn- und Geschäftshaus der osmanischen Großwessire, das in dem letzten, großen Aufstand der Janitscharen großentheils in Trümmer fiel, als die hohe, von den Seufzern des Elendes nur selten erreichbare Pforte betrachten, durch deren geöffnete Thüren Schrecken und Kriegsgeschrei weithin über Land und Meer ihren Auslauf nahmen, in welchem auch mancher nicht bloß kräftige, sondern zugleich weise Wessir, wie der Sokolli Mohammed Pascha, dann der greise Köprili und mehrere Andre das wahre Wohl des Landes beachteten, aber diese allvermögenden türkischen Minister selber, so sehr ihnen mit dem Thor der Glückseligkeit zugleich der Weg zu allen irdischen Ehren und zu allem Glück der Sinnenwelt eröffnet schien, waren dennoch deshalb keineswegs hierüber zu beneiden. Unter dem Tyrannen Selim +I.+, dem Vater Suleimans des Großen, der selbst diesen, seinen einzigen Sohn hätte hinrichten lassen, wenn der kluge Bostandschi Pascha (nach S. 138.) die Gräuelthat nicht verhindert hätte, war es eine seitdem lange in Gebrauch gebliebene Verwünschungsformel der Türken geworden, zu dem Feinde oder Beleidiger zu sagen: mögest du Sultan Selims Wessir seyn. Denn, wie dies der osmanische Geschichtsschreiber Aali erzählt[64], die Wessire Sultan Selims blieben oft kaum einen Monat im Amte, ohne der Hand des Henkers überliefert zu werden, daher dieselben ihr Testament beständig bei sich im Busen trugen, und, so oft sie wieder lebend von der Audienz des Tyrannen herauskamen, das Leben als ein neugeschenktes betrachteten. Da einmal der kräftige, kluge und in allen Geschäften gewandte, dabei auch unbescholtene Großwessir Piribascha diesen »strengen« Herrn bei besonders guter Laune traf, sprach er, halb im Scherze zu ihm: mein Padischah, ich weiß, daß du mich zuletzt doch unter irgend einem Vorwand umbringen wirst; könntest du mir nicht wenigstens einen freien Tag zuvor schenken, an welchem ich meine Rechnungen mit dieser und jener Welt in Ordnung bringen könnte? Der Großherr lachte über diese freimüthige Bitte und antwortete: seit langem gehe ich wirklich mit dem Gedanken um, dich hinrichten zu lassen, aber ich habe noch keinen Andern, den ich an deine Stelle setzen könnte, sonst wäre es mir ein Leichtes, dir deine Bitte zu erfüllen. -- Unter solchen Umständen, die sich unter vielen der türkischen Sultane wiederholten, erschien allerdings der Zugwind der vom Serai durch die hohe Pforte wehte als eine schlimmere Ursache des Halswehes, denn der Zugwind unter den Thüren der armen Bürgerhäuser.
Auf dem weitern Wege wurde uns an der Mauer des Serais der ~Köschk~ oder das Lusthaus gezeigt, hinter dessen Gitter-Jalousieen der Großsultan den öffentlichen Aufzügen zusieht, ohne selber gesehen zu werden. Durch manche der langen, krummen Gassen kamen wir zu der modernen, fensterreichen ~Moschee Osmans~ +III.+ (vollendet im Jahr 1755), in deren Nähe das 14 eckige Bibliothekgebäude dem Auge auffällt. Hier finden sich unter den 1693, meist geschriebenen Büchern selbst die astronomischen Tafeln von Cassini in einer türkischen, die heiligen Schriften der Christen in arabischer Uebersetzung[65]. Mehr jedoch als die Betrachtung der Bücher zog unsre Begleiterinnen, und für diesmal auch uns der ~Besestan~ oder große Markt zu seinen unter den bedeckten Hallen hinlaufenden Kaufmannsläden hin. Hier ist Alles zu haben, was an Kleidung, Zierrathen und Kostbarkeiten ein türkisches Herz sich etwa wünschen mag. Wie prunkten da, in ganzen Reihen der Buden, die kostbaren Kaschemir-Schawls; die gold- und perlengestickten Tücher, Tabaksbeutel, Schleier, Kopfputzsachen, Schuhe und Pantoffeln. -- Mit den eigentlichen Türken ist es gut handeln; sie sind im Ganzen ehrlich und offen, legen kein zu hohes Aufgebot auf ihre Waaren, lassen sich aber von der gebotenen Summe nur wenig abhandeln. Bei einer spätern Gelegenheit sagte ein türkischer Fabrikant aus Magnesia zu jemand aus unsrer Begleitung, der an einem seiner Teppiche Gefallen zu finden schien: mich kostet er 60 Piaster, dir will ich ihn um 70 lassen, statt daß unsre Fabrikanten öfters in solchen Fällen das Umgekehrte sagen.
Mit Freund Mühr gieng ich jetzt noch durch den ägyptischen Marktplatz (+Missr-tschar schussi+), dessen Gewürze schon aus ziemlicher Entfernung durch ihren starken Duft sich verriethen, hinab nach dem Hafen, um in der Nähe desselben den einfach schönen, im Jahr 1775 erbauten ~Begräbnißplatz des Sultan Abdulhamidschan~ zu betrachten. Er selbst der Großsultan, so wie seine beiden in den Soldatenempörungen umgekommenen Söhne Selim +III.+ und Mustapha +VI.+ sind hier beerdigt; wie bei vielen andern Begräbnißstätten der verstorbenen osmanischen Herrscher, finden sich auch bei dieser mehrere wohleingerichtete, fromme Stiftungen. Dem Grabmale gegenüber zeigt sich eine reinliche und geräumige Armenküche, mit ihren großen, glänzenden, metallenen Kesseln und Pfannen. Hier werden täglich, außer den vielen Fleischspeisen und Pilau, 1200 Brode an die Dürftigen vertheilt. Neben dem Hauptgebäude selber verdient noch das Gebäude einer andern, wohlthätigen Stiftung die Aufmerksamkeit des Fremden: das der Bibliothek des Abdulhamidschan, zu welcher auch Ausländer und Nichttürken ungehinderten Zutritt haben. Hier, wie bei allen Grabmälern der Großen sind einige Hymnensänger und Leser des Korans zur Erbauung des Volkes angestellt.
Die Sonne stund noch hoch; der Abend war schön; wir nahmen beim Gartenthor eine Barke und fuhren im Hafen hinab, nach der Seeseite des Serai hin. Vor allem fällt an dieser der ~Indschuli Köschk~ oder das Perlenlusthaus, in seiner morgenländisch prächtigen Bauart und mit seinen grünen, wie es scheint aus »lacedämonischem Marmor« gehauenen Säulen ins Auge; weniger das Uferlusthaus oder der ~Jalli Köschk~, von welchem der Sultan dem Aus- und Einfahren der Flotten, sitzend auf silbernem Throne zusiehet. Heimkehrend nach Pera, nehmen wir unsren Weg über die stattlich aussehende Vorstadt Tophana, welche unter Pera am Ufer, neben Galata liegt. Doch von den Gebäuden und andren Sehenswürdigkeiten dieser, wie der übrigen Vorstädte, wird nachher noch besonders die Rede seyn, vor der Hand erwähne ich nur noch einiger sonderbaren Ueberschriften der öffentlichen Bäder, auf welche mein Freund und mehr noch Joseph von Hammer in seinem Werk über die Hauptstadt und ihre Umgebungen mich aufmerksam machte[66]. Schon durch diese Ueberschriften bestimmt sich fast jedes Bad für einen besondern Stand, dessen Zugehörige sich auch wirklich an diesen Orten, die zugleich der geselligen Unterhaltung dienen, zusammenfinden. So giebt es, wenigstens besagen dieß die einladenden Inschriften, ein eignes Bad für Gesetzgelehrte, eines für fromme und andächtige Männer, ein andres für unschuldige und sittsame Leute, andre, besondre Bäder sind für Sternkundige, für Dichter, für Maler, für Tonkünstler, für Derwische, für Pferdeliebhaber bestimmt; in Akhaba sogar eines für Mystiker und nicht weit davon eines für Vogelfänger. Aber außer diesen wohl- oder doch nicht geradezu übellautenden Inschriften giebt es auch andre, welche den, der ihre Züge zu enträthseln versteht, nicht sehr zum Besuch des Bades einladen können. Denn man findet unter andrem ein Bad für Solche, welche das Gebet nicht lieben, eines für +bons vivans+, eines für Possenreisser, eines für Banditen, in Tophana eines für Lügner. Freilich könnte da jeder Badende beim Eintritt in das Haus voraus wissen, welche Gespräche hier unter den Gästen vorherrschen werden; der Rechtsgelehrte wird sich dahin gesellen, wo von den Rechtshändeln, der Pferdeliebhaber dahin, wo von den schönsten Pferden der Stadt die Rede ist.
Wir gehen nun zu der kurzen Beschreibung einer zweiten Tagwanderung durch Constantinopel über.
Donnerstags den 6ten October hatte sich ein erfrischender Herbstwind aufgemacht, der uns hinüber über den Hafen nach der Stadt und einiger ihrer nächsten Angränzungen begleitete. Wir waren diesmal zu Pferde; unser Weg gieng an der Nordostseite von Constantinopel, zwischen dem Hafen und den alten hohen Mauern der Stadt hinan. Er zog sich großentheils durch enge, schlecht gepflasterte Gassen, in deren einer die langen Reihen von Werkstätten der Steinmetzen Staub in Menge verbreiteten. Von Zeit zu Zeit wird der von einem ortskundigen Führer geleitete Reisende, auf diesem Landwege nach Ejub, dem sonst der Weg zu Wasser vorzuziehen wäre, bald zur Rechten nach dem Hafen, bald zur Linken gegen die Stadt zum Beschauen abgerufen. Ein Punkt, der Beachtung werth, ist da am ~Petrion~ innerhalb dem Fanalthore oder ~Fener-Kapussi~ das Kirchen- und Wohngebäude des ~griechischen Patriarchats~, zum heiligen Georg genannt. Die alte Kirche hat vielleicht weniger wirklichen als historischen Kunstwerth. Unter den Vorhallen zeigen sich bildliche Darstellungen der verschiedenen Bleibstätten der Seligen, deren größere Menge in geistlichem Gewand der Patriarchen, Bischöfe und Mönche erscheint; so wie die buntfarbigen Schilderungen der verschieden Stufen der Höllenstrafen. Der Künstler, verzichtend auf die Kenntlichkeit der Figuren, die der Pinsel gab, hat sich hie und da durch Zusetzen der Namen geholfen, unter denen, auf der feuerrothen Seite der Linken, oder der Verdammten, Julians, des Abtrünnigen, so wie Maximinians Name zu lesen ist. Im Innren der Kirche wird unter andrem der mit Perlenmutter ausgetäfelte Stuhl des h. Joannes Chrysostomus gezeigt, worauf der Patriarch, an hohen Festen seinen Sitz einnimmt. Diesem gegenüber stehen die mit Scharlach aufgeschlagenen, durch ein weißes Kreuz und seit neuerer Zeit mit dem russischen Adler verzierten Sitze der Fürsten der Moldau und Wallachey. Nicht fern von dem Patriarchat des heiligen Georg, außerhalb dem Fanalthor ist die Residenz und Kirche des Patriarchen von Jerusalem so wie des Bischofs von Bethlehem. Immerhin macht das Hineinblicken in diese alten, christlichen Kirchen, hier in dem mohammedanischen Constantinopel auf den innren Sinn des christlichen Pilgrims einen ähnlichen Eindruck als der ist, welchen der Anblick des frischen Schnees der Alpen auf den äußren Sinn eines Wandrers macht, der sich fern von jenen Höhen, mitten im dürren, heißen Sand der Wüste befindet. Der Schnee ist wohl kalt und todt, aber es quillt aus seinem Schooße doch lebendiges Wasser, hier aber in der brennend heißen Wüste erstirbt die Seele den schmerzhaften Tod des Durstes.
Vor dem Hinaustreten aus dem Thore von ~Haiwan Hissari~ gegen die ~Vorstadt der Töpfer~ hin, wenden wir uns zuerst noch zur Betrachtung jenes Weihbrunnens (Ajasma), der wenigstens die Stätte bezeichnet, bei welcher die während den Zeiten der byzantinischen Herrschaft so hoch in Ehren gehaltene, zuerst von der Kaiserin Pulcheria (457) erbaute, dann von vielen spätern Kaisern erweiterte und verschönerte Kirche der Blachernen stund. Diese ist den Freunden der altdeutschen Dichtkunst wegen einer Anspielung im Titurel merkwürdig, denn in dieser Kirche war außer dem heiligen Schranke mit dem Gewand der Mutter Gottes auch jenes Gnadenbild, dessen Schleier jeden Freitag Abend wie durch unsichtbare Hände erhoben wurde und das Angesicht des Bildes einen Tag lang unverhüllt sehen ließ, bis er am Sonnabend bei der Vesper sich wieder herniederließ und die Gestalt 6 Tage lang verhüllte. Nach der Kirche der Blachernen fanden jährlich mehrere Male sehr feierliche Prozessionen statt, an denen der Kaiser mit seinem ganzen Hofstaate theilnahm.
Weiterhin führt der Weg nach Ejub durch die Vorstadt der Töpfer. Hier verweilt man gern bei der schönen, von Sinan dem Architekten erbauten ~Moschee Sal Pascha~, um welche, wie Zellen der Bienen, die Wohnstätten der Studirenden, die hier durch wohlthätige Stiftung erhalten werden, herumgelagert sind. Vormals war da, wo diese Moschee steht, ein Tempel des Jupiter; später die Kirche des heiligen Mamas; nahe von hier zog sich die prachtvolle, von Leo dem Großen im Jahr 469 erbaute Brücke über den Meeresarm des Hafens hinüber. Eine der beiden Fontänen, die sich in der Nähe dieser Moschee zeigen, wird bedeutungsvoll durch ihren Erbauer, denn sie erinnert an den Großwessir ~Sokolli Mohammed Pascha~, der die Würde eines Großwessirs 40 Jahre lang unter der Regierung von drei Sultanen: Suleiman dem Großen, Selim +II.+ und Murad +III.+ mit Verstand und Glück bekleidete, bis er im Jahr 1599 durch Meuchelmord erlag und die so ungewöhnlich lang getragene Ehrenstelle seinem Nachfolger einräumte.
Ejub, die lieblich zwischen den hochwüchsigen Zypressen, Platanen und Ahornbäumen gelegne Vorstadt, hat für den Christen wie für den Mohammedaner ein besonderes historisches Interesse. Hier, wo jetzt die Sultanin Mutter (Walide) ihren Sommerpallast, nahe am Ufer des Meeres bewohnt, stund das ~Kosmidion~ der Byzantiner, jenes Schloß das nach den Namen der beiden heiligen Nothhelfer und sich selber verläugnenden Krankenwärter Kosmas und Damianus benannt war. Es wurden den Schutzheiligen dieser Kirche heilsame Wunderkräfte zugeschrieben, welche selbst im Traum des Nachts, wie dieß einst im Tempel des Aeskulap geschehen, der Seele sich kund thaten und durch sie über den kranken Leib sich ergossen. Auf diese Weise ward Justinian der Große von einer tödtlich scheinenden Krankheit, in welcher die Aerzte ihn schon aufgaben, wieder geheilt und zur dankbaren Erinnerung daran hatte dieser prachtliebende Kaiser die Kirche der heiligen Nothhelfer nach größerem Maßstabe neu erbauen lassen. Vielleicht daß noch manches der alten Grundgemäuer des vormaligen Kosmidion das sehenswerthe, anmuthig gelegene Gebäu des ~Pallastes der Walide~ stützt; wäre aber auch dieses nicht, so wird dieses Kosmidion in der Erinnerung des abendländischen Reisenden, durch das Andenken eines Glaubenshelden: des Gottfried von Bouillon gestützt, welcher auf seinem Kreuzzuge nach Jerusalem mit seinen 70,000 Streitern zu Fuße und 10,000 Reutern hier eine Zeit lang gelagert war. Damals erhielt das Kosmidion, weil Graf Raimund in ihm wohnte, den Beinamen der Raimundsburg.
Nach dem Besehen des Pallastes der Walide, erquickten wir uns an der in dieser Vorstadt ganz besonders guten, den Bewohnern der Hauptstadt rühmlich bekannten geronnenen Milch (Kaimak). Ejub hat keine bedeckten Hallen, sondern eine Reihe offner Kaufmannsläden. In einem von diesen betrachtete ich die türkischen Spielsachen für Kinder. Wie arm erschien mir da der Kreis der kindlichen Vorstellungen und Bedürfnisse gegen jenen Kreis den in unsrem Vaterland eine Spielwaaren-Niederlage überblicken lässet und umfasset. Nichts als hölzerne Pferde, Trommeln und andre Lärm machende Dinge, Säbelchen, Flinten und Peitschen; für die Mädchen falsche Schmucksachen und Dinge, die an die Kaffeevisiten und die halb blödsinnigen Spiele des Harem erinnern. Wie verirrte Zugvögel des Auslandes erschienen übrigens auch unter den neuen, türkischen Spielsachen einige ziemlich altmodisch aussehende Nürnberger Waaren, vor allem solche, bei denen da und dort ein kleiner Spiegel angebracht war, auch kleine Messingwaaren, an denen die wohlbekannten Zeichen unsrer vaterländischen Fabriken zu erkennen waren. Selbst die (wohlfeileren) Arten des Porzellans sind hier häufig von deutschem Ursprung.
Wir wandelten nun weiter nach dem Orte hin, der dem jetzigen Ejub seine Hauptbedeutung in den Augen der osmanischen Bewohner der Hauptstadt und des ganzen Landes giebt. Hier stehet, im Schatten der uralten, hohen Platanen die Moschee des Ejub, die schon der Eroberer von Constantinopel, Mohammed +II.+ begründete, und in welcher jeder neue Herrscher der Osmanen gleich nach der Besteigung des Thrones, durch die Umgürtung mit Mohammeds Schwert die höhere Weihe für seine Regentenwürde empfängt. Sie gilt den Moslimen für eine der heiligsten Gedenkstätten ihres Glaubens. Sie darf nie von einem Christen oder Juden betreten werden; schon das bloße Hineinblicken auf den ummauerten, mit Bäumen bepflanzten Platz, der den Vorhof umgiebt, wurde uns von den Thorhütern verwiesen. Im Koran findet sich eine Stelle, welche die Moslimen von Anfang an als eine untrügliche Weissagung ihres Propheten betrachteten, und welche auch wirklich Jahrhunderte lang, bis sie endlich in Erfüllung gieng, sich von wunderbar aufregender Kraft an den Schaaren der eroberungssüchtigen, kriegslustigen Völker des mohammedanischen Ostens erwies. Die Stelle, welche von der Zukunft des Reiches des Islams und seiner Ausbreitung durch die Gewalt des Schwertes handelt, schließt mit den politisch-prophetischen Worten: »sie« (die Gläubigen des Islams) »werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten, wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere.« Im Vertrauen auf die unverbrüchliche Wahrheit dieser Weissagung machte sich schon Moawia, der Feldherr Ali's, des Schwiegersohns des Propheten, im 34. Jahre der Hedschira, dem 684ten nach Christi Geburt, zum Kampfe gegen die Kaiserstadt des Ostens auf und wiederholte zum zweiten Male, da er selber Khalif geworden war im Jahr 667, dann zum dritten Male durch seinen Feldherrn Sosian Ben Auf im Jahre 672 die Belagerung. Die Söhne der Wüste umlagerten damals, wie eine Wolke, die von der Morgensonne geröthet, am künftigen Abend mit Ungewitter drohet, die Stadt, deren Stunde noch nicht gekommen war. Für Mahoammeds Jünger war dieses eine Zeit der ersten Begeisterung; mächtige, ritterliche Waffenthaten wurden von ihnen geübt; dennoch wurde Constantinopel noch gegen den furchtbar andrängenden Sturm gehalten. Bei dem Heere der Moslimen fand sich auch ein für heilig geachteter, greiser Held: ~Ejub~ Chalad, ben Said Anssari, der den Propheten noch selber gekannt und in den Kämpfen desselben seine Fahne getragen hatte. Dieser älteste Streiter für den Islam fiel, im kühnen Kampfe mit den Heeren der Stadt und wurde an der Stätte, wo nun seine Moschee stehet, begraben. Das Grab war längst vergessen, da fand es, vielleicht geleitet durch die Namenszüge des alten längstbemoosten Denksteines, oder durch andre andeutende Zeichen ~Ak-Schem-Seddin~, einer jener heiligen Scheikhs, welche fast 800 Jahre nach Ejubs Tode das Heer des Eroberers der Stadt, Mahommeds +II.+ begleiteten, wieder auf und diese (wenigstens angebliche) Entdeckung entflammte den schon gesunkenen Muth der Belagerer von neuem zu so gewaltigen Waffenthaten, daß bald hernach die bedrängte Stadt ihnen unterlag. Jene Weissagung. »sie werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten; wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere«, ließ dann der Eroberer, durch den sie wirklich in Erfüllung gegangen war, mit goldenen Buchstaben in die von ihm erbaute, schon oben erwähnte Moschee schreiben.
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Die Moschee von Ejub enthält außer dem Grabmal des alten Fahnenträgers und Waffengefährten des Propheten auch noch ein Erinnerungszeichen an diesen selber; nämlich einen Fußtapfen, welchen er, da er am Bau der Kaaba mithalf, dem Felsenboden, auf welchem er stund, einprägte. Von Mekka war dieser angebliche Fußtapfen nach Aegypten, von da, bei Eroberung dieses Landes nach Constantinopel in den osmanischen Herrscherschatz gekommen, bis ihn im Jahr 1705 der damalige Schatzmeister Redschel-Pascha unter den andren alterthümlichen Kostbarkeiten auffand, und der Sultan die kostbare Fußspur mit Silber umfaßt in die Wand der Ejubs-Moschee einmauern ließ.
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Diese Vorstadt ist seit den Zeiten der türkischen Eroberung zu einer kleinen, für den Kenner der osmanischen Geschichte merkwürdigen Gräberstadt geworden. Es gehörte zu den frommen Wünschen Aller durch ihren Stand oder durch eine Art von geistliches und wissenschaftliches Verdienst hierzu berechtigten Moslimen der Hauptstadt, da, bei den Gebeinen des Freundes ihres Propheten begraben zu werden. Darum sieht man hier, als ein Prachtwerk des großen Baukünstlers Sinan, das Grabmal des oben (S. 196) erwähnten glücklichen Großwessirs Suleimans und seiner beiden Nachfolger: des ~Sokolli Mohammed Pascha~, des Eroberers von Szigeth, so wie das von demselben Meister erbaute, kleinere, des Wessirs ~Pertew Pascha~, welcher in derselben Stunde, in welcher Suleiman vor Szigeth starb, die ungarische Gränzfestung Giula einnahm. Auch das Grabmal des Wessirs ~Ferhad Pascha~, nahe am Landungsplatze des Meeresarmes ist Sinans Werk. Wenn diese Grabstätten schon durch den werkereichsten und berühmtesten Architekten, den Michel Angelo der Osmanen, beachtenswerth erscheinen, so sind dieß Andre wenigstens durch das Andenken an die ausgezeichneten Männer, deren Gebeine sie beschatten. Denn unter den Hunderten der andern berühmten Männer ruhen hier bei Ejub der große Gesetzgelehrte und Rathgeber Suleimans ~Ebn-Suud~; der gelehrte Koranforscher und Prinzenlehrer ~Achmed Effendi~; dann ~Seadeddin~ oder ~Chodscha Effendi~, der vornehmste unter den Geschichtsschreibern der Osmanen, so wie die Dichter ~Ghanaji~ und ~Baba Mahmud~. Zu den meisten dieser Grabstätten und in das Innre der sie umringenden Gärten, gestattete man uns ohne Schwierigkeit den Zutritt; von andern, namentlich jenen der Stifter oder gewesener Vorstände mancher Derwischorden, wieß man uns zurück.
Die Umgegend von Ejub gehört zu den reizendsten, welche die Nachbarschaft von Constantinopel dem Reisenden darbietet. Die Menge der Zypressenhaine, die Quellen in den kleinen schattigen Thälern, vor allem aber die paradiesisch-schönen Ufergegenden am Einfluß des Barbyses in den Cydaris, bei dem durch Achmed +III.+ durch viele neue Anlagen gezierten Dorfe ~Alibeg-köi~ und noch mehr der Lustort ~der süßen Wasser~ (von den Türken Kiagdschane genannt), welcher weiter hineinwärts gegen das Ende des Hafens liegt, in welches der Barbyses und Cydaris münden, wären eines Verweilens, nicht nur von etlichen Stunden, sondern von ganzen Tagen werth. Die Pflanzenwelt dieses reichen Landes wird hier in einer Fülle und Farbenpracht gesehen, zu welcher sie in unsern Treibhäusern und Lustgärten sich niemals erhebt. Doch wir hatten an diesem Tage noch Vieles zu sehen; wir kehrten deshalb wieder zurück zu der Vorstadt der Töpfer, und zogen, an der Gegend der türkischen Grabstätten vorüber, den Hügel hinan, zu dem nicht weit vom Kanonen-Thore (~Egri Kapu~) der Hauptstadt gelegenem ~Pallast des Hebdomon~, dessen alte Gemäuer noch jetzt mit ihren drei Stockwerken ziemlich wohlerhalten dastehen. Schon Constantin der Große hatte diesen Pallast erbaut; hier lebte später jene der himmlischen Weisheit vertraute kaiserliche Jungfrau Pulcheria, die unter allen Perlen, welche in der reichen Schatzkammer des Pallastes aufgehäuft lagen, selber die kostbarste Perle des Landes war; hier hatte der Philosoph Leo seine Schule; hier wohnte selbst der prachtliebende Justinian. Noch unter der Regierung des Kaiser Theophilus (im J. 830) fanden sich unter den vielen, werthvollen Schätzen dieses Pallastes die weltberühmten fünf goldnen Thürme, bei ihnen jener goldne Baum, auf dessen Zweigen künstliche, goldne Vögel tönten; die beiden goldnen, reich mit Edelsteinen verzierten Orgeln; dann unter andern Reliquien das Haupt Johannis des Täufers. -- Durch die Hütten der armen Leute (es waren Juden), die sich anjetzt wie Dohlen in und an das Gemäuer des vormaligen Kaiserpallastes angebaut haben, stiegen wir hinan zum zweiten Stockwerk, das sieben Fenster und eben so viele Bogengewölbe hat. An der Rückseite dieses Stockwerkes sieht man noch den Erker, mit der weiten, herrlichen Aussicht, zunächst freilich über die armenischen und türkischen Gräberstätten, dann aber weit über das Land und zur Rechten über die Zypressenhaine und grünenden Ufer bei Ejub. Hier stund der Thron der vormals hier Hof haltenden byzantinischen Kaiser. -- Hier unten, auf dem angränzenden, jetzt mit dem Schutt der niedergestürzten Mauern bedeckten und mit Gras wie Gesträuch bewachsnen, äußeren Vorplatz des gewesenen Pallastes fand unter Mohammeds +II.+ Regierung ein spielendes Kind den schönsten und größesten Demant des osmanischen Schatzes. Vermuthlich war dieß derselbe Demant, der im 22sten Jahre der Regierung des Kaisers Justinian, bei einem öffentlichen Aufzuge aus dem Throngeschmeide dieses reichen Fürsten verloren gegangen war. -- Die byzantinischen Herrscher hatten noch andre, kostbarere Gaben, die ihnen anvertraut gewesen, verloren; möge eine künftige, glücklichere Zeit dieses Landes sie wieder auffinden und sie besser benutzen als Jene dieß gethan.
Von dem alten Pallast des Hebdomon oder Tekir-Serai ritten wir weiter am Innren der Stadtmauer hin, bis zum ~Adrianopelthore~ oder ~Edrene Kapussi~. Dieses Thor führte in der Zeit der Byzantiner den Namen des vielmännrigen (polyandros). Diesen Namen: Thor des Männergedränges empfieng es unter der Regierung des jüngeren Theodosius. Denn als ein furchtbares Erdbeben im 31sten Regierungsjahre dieses Kaisers die Mauern der Stadt, sowohl die alten, welche 100 Jahre vorher Constantin der Große, als auch die neuen, welche Anthemius während der Minderjährigkeit des jüngeren Theodosius errichtete, niedergestürzt hatte, und der Kaiser den damaligen Präfekten der Stadt, Cyrus-Constantinus genannt, Befehl gab, die zertrümmerten Werke neu zu erbauen, da wollte dieser, wie vor ihm Anthemius in zwei Monaten die riesenhafte Aufgabe vollenden, obgleich ihm nicht wie diesem die Einrichtung nur einzelner, großer Stücke, sondern der gesammten Stadtmauern oblag. Hierzu setzte er als den wirksamsten Hebel den Wetteifer, der beständig unter einander ehrsüchtig sich aufreizenden Rennpartheien in Bewegung, denn während die Grünen oder die Prasiner am Hafen bei dem hölzernen Thore (Xyloporta), in der Gegend, durch welche heutigen Tages der Weg von der Stadt nach Ejub führet, bis hieher ans Adrianopelthor die Mauern baueten, hatten die Blauen oder Veneter die Aufgabe, die Strecke vom goldnen Thore, gegen den Propontis hin, bis zum Adrianopelthor zu erneuern. Bei diesem, in der Mitte der beiden Strecken gelegnen Thore, begegneten sich dann beim Hinein- und Herausgehen die Arbeiter der beiden Partheien und machten hierdurch dasselbe wirklich zu einem Punkte des lebhaftesten Volksgedränges.
Wir wendeten uns vom Thore einwärts, um einige in der Nachbarschaft desselben gelegne Merkwürdigkeiten zu betrachten. Die zunächst liegende ist jene große, schöne Moschee, ganz nahe beim Thore, welche die Sultanin Mihrmah oder Sonnenmond, die Tochter Suleimans des Großen und der Roxelane zugleich mit einer andren nach ihrem Namen genannten in Skutari, wie man erzählt, von dem Werthe eines einzigen ihrer Pantoffeln erbauen ließ. Ein Bad und ein Markt, so wie die von hohen Platanen beschatteten Wohnungen der Studirenden, im Vorhof der Moschee, sind die wichtigsten Nebengebäude von dieser. Von hier an, wie an mehreren Punkten des nach der Landseite hingekehrten Theiles der Stadt, den wir heute besuchten, kamen wir durch so vereinsamte, menschenleere Gassen und vorüber an so armseligen Hütten, daß es schien als hätten die Bewohner ihren alten Grund und Boden den verwilderten Hunden, die hier in ganzen Schaaren hausten, das verfallene Dach aber der vormals bedeckten Hallen den Fledermäusen und Spatzen zur Wohnung überlassen. Ich habe in keiner andren auf dieser Reise gesehenen Stadt des türkischen Reiches so menschenleere Plätze gesehen, als stellenweise die Hauptstadt in sich fasset, welche hierin mit der lebendig bewegten, überall reich bewohnten, wohlgebauten Hauptstadt Aegyptens, mit Cairo, einen auffallenden Contrast bildet. Unser Abweg führte uns unter andrem zu der Moschee ~Kahrije Dschamissi~, vormals eine von Justinian erbaute Kirche, in welcher das, wie man glaubte, vom h. Apostel Lucas gemalte Bildniß der Mutter Gottes Hodegedria (Wegweiserin) genannt, aufbewahrt wurde, welches die Türken, bei der Eroberung der Stadt in 4 Stücken zerhieben. Wir sahen dann einige jener osmanischen Gebäude, welche die Ohnmacht der letzten byzantinischen Herrscher noch vor der Eroberung der Stadt von ihren Drängern sich aufzwingen ließen. An einer Stelle, welche wieder besser gebaut und besser bevölkert erschien, begegnete uns ein armenischer Hochzeitzug; anderwärts eine Reihe beladener Lastthiere der Holzverkäufer.
Wir hatten uns auf die Höhe des fünften Hügels der Stadt, zur ~Moschee des Sultan Selims~ +I.+, des gestrengen Vaters des großen Suleiman hingelenkt, welche in den Jahren 1520 bis 26 erbaut ist. In den Hallen des mit Marmor gepflasterten Vorhofes prangen 20 Säulen aus kostbarem Granit und vielfarbigem Marmor, zwischen hohen Zypressen spielt das Wasser einer Fontäne und auch außerhalb dem Vorhofe geben zwei unterirdische Springbrunnen, zu denen 52 Stufen hinabführen, eine größere Menge von Wasser als die hier nachbarlich angränzenden Bewohner des Stadttheiles bedürfen. Die Kuppel dieser, nicht sonderlich hoch erscheinenden Moschee soll im Durchmesser noch um eine Spanne größer seyn als die Kuppel der Aja Sophia. -- Nicht fern von der Selimsmoschee sieht man auch eine jener alten Cisternen, an denen das alte Byzanz so überreich war, bis Kaiser Heraklius, nachdem sein Hofastrolog Stephanus ihm geweissagt hatte, er werde im Wasser umkommen, die meisten derselben austrocknen und zu Gärten machen ließ. Die bei der Selimsmoschee gelegne ~Cisterne des h. Petrus~ hatte der Kaiser Manuel Comnenus begründet; sie ist im Viereck gebaut und jede der Seiten misset 460 Fuß, die Dicke der Mauern beträgt sechszehn Fuß; sie ragen heutiges Tages etwa nur noch sechs Fuß über den Schutt und die Ausfüllungsmasse des Innren hervor, welches einst, da es noch unverschüttet war, über 6 Millionen Cubikfuß Wasser fassen konnte.
Wir kehrten wieder nach der Gegend des Adrianopelthores zurück. Von diesem gen Süden, da wo der Lykus, der sich uns nur als armseliges Bächlein zeigte, herein in die Stadt fließt, kommt man durch das Quartier der Zigeuner, deren weit verbreitete Schaaren, hier, in der Hauptstadt der Türkei, einen ihrer wichtigsten Halt- und Mittelpunkte haben. Wie ein Schwarm von krächzenden Krähen und Todtenvögeln, hat sich dieses, in seinem ganzen Wesen räthselhafte Volk hier um einen Punkt der Stadt versammlet, der vor allen andren die tiefergreifendsten Erinnerungen an Tod und Vernichtung erweckt. Da, auf dem jetzigen ~Top Kapu~ oder ~Kanonenthore~, dem St. Romanusthor der Byzantiner, fiel der letzte der Paläologen, der letzte Herrscher des griechischen Kaiserthrones, Constantin der Blutzeuge, als christlicher Held; im Kampfe für den Glauben der Väter und für sein Volk. Das Abendroth pfleget, wenn es recht hochfarbig ist und weit sich verbreitet, ein gutes Vorzeichen für den künftigen Tag zu seyn. Als dieses Blut des edelsten der Paläologen aus dem Herzen floß, welches der Liebe zu Gott und den Brüdern geweiht war, da war auch die Abendstunde des oströmischen Reiches gekommen, und wie ein Abendroth färbte dasselbe hochansteigend und weithin die letzten Blätter der byzantinischen Geschichtsbücher. Die Nacht kam seitdem über das Land und sie hat lang gewährt. Aber schon dämmert in der Ferne vielleicht der Morgen und der neue Tag wird, dieß verkündete das Abendroth, schön seyn.
Nach dem mehrstündigen Herumwandeln in den engen, schmutzigen Gassen der Stadt und nach dem Verweilen bei manchen trüben Erinnerungen gewährte es eine Erquickung für Auge und Herz als wir jenseits des verschlossenen Thores aus dem ~Neuthor~ (~Jeni-Kapussi~) hinaustraten vor die Mauern der Stadt ins Freie. Von hier rechts (gegen N. O.) gelangt man in die weite Ebene von ~Daudpascha~, die sich bis nahe an die Mauern der Stadt hinanzieht, und die zum Versammlungs- wie zum Musterungsort der türkischen Armeen dient, welche von Constantinopel aus gegen die Länder des Westens ziehen. Unser diesmaliger Weg führte aber zuerst südwärts eine zeitlang neben den Denksteinen und Zypressen der türkischen Grabstätten vorbei, die sich hier nahe an der Stadt hinziehen; auf der andern Seite ragten die alten, von Epheu umsponnenen Mauern. Bei dem Thore von Silivri wendeten wir uns hinauswärts nach dem lieblich, im Schatten der hohen Bäume gelegnen armenischen Wallfahrtsorte von ~Balikli~. Die dortige griechische Kirche, am heiligen Quell, hatte zuerst Justinian aus dem vom Bau der Sophienkirche übrig gebliebenen Material erbauen lassen, und auch nach ihrer Verheerung durch die Bulgaren, im Jahr 929, wurde sie durch den Kaiser Romanus stattlich wieder aufgerichtet. Es wurden hier vormals in der tief gelegnen Cisterne, welche aus dem Quell ihr Wasser empfängt, die für wunderbar gehaltnen goldenen, heut zu Tage die »gebratenen« Fische gezeigt, welche wenigstens durch die bräunliche Farbe den Anschein tragen als wären sie, dem Rost entgangen, hier im Quell wieder lebend geworden. Auch wir giengen, durch die Menge der Almosen begehrenden Krüppel und Bettler hinein ins Gebäude und stiegen hinab ins Gewölbe an der Cisterne, in deren nur von einem dämmernden Lichte beleuchteten Wasser die gebratenen Fische herumschwimmen sollen. Wir bekamen aber wenig von ihnen zu sehen und der hier Aufsicht haltende griechische Geistliche schien keine Lust zu haben, uns europäisch gekleideten Fremdlingen seine wunderbaren Thiere näher zu zeigen. Interessanter als das Wasser des Quells fanden wir die herrliche Aussicht auf dem Hügel von Balikli, weithin über Meer und Land. Die Armenier haben in dieser Gegend eine Begräbnißstätte; der Hauptgegenstand ihrer häufigen Besuche und Wallfahrten ist jedoch das Grab eines ihrer Märtyrer, des Comidas, der im Jahr 1707 auf Befehl des damaligen Großwessirs hingerichtet wurde. Es machte einen ganz eigenthümlichen, beruhigenden Eindruck auf uns in der Unruhe und Sorge des Reisens Begriffene, als wir uns da unter den schattigen Baumgruppen die ruhig bei ihrem einfachen Mittagsbrod sitzenden Familien der Wallfahrer oder Lustwandler betrachteten. Ja freilich ists eine schöne Sache um das ruhige, stille Daheimseyn mit und bei den Seinen, doch hat die große Gotteswelt auch da außen in der Fremde und Ferne ihre Altäre, bei denen der flüchtige Vogel des Sehnen's nach dem stillen Heim einen Ruheort finden kann. Das arme Morgenland, dessen äußerer Friede so oft und viel durch Kampf und Krieg der Natur wie der Menschenhand gestört wird, begrüßt wenigstens mit dem Munde sich und jeden Wandrer, der ihm begegnet, mit dem Gruß und Wunsch des Friedens und spricht dadurch sein unauslöschliches Heimweh nach der Segensfülle jenes Friedens aus, der einst in seiner Mitte seinen Quell und Wohnsitz hatte. Ist doch noch jetzt, wenigstens äußerlich, eine Stille und Ruhe hier zu Hause, wie ich sie in und bei volkreichen Städten von Europa niemals gefunden.
Der Gesang der Muesin von den Minare's verkündigte eben, daß der Mittag vorüber sey, als wir uns wieder in der Nähe der alten Stadtmauern befanden. Wir ritten lange schweigend an dem Gemäuer hin; sein Anblick weckt Gedanken, wie dieß nur selten und an wenig Punkten das todte Gestein es vermag. Dieser Thron der Herrscher, gegründet an den Gränzen zweier Welttheile und zweier Weltenzeiten, hat seine Fuße zu vertrauensvoll auf dem schnell vorübereilenden Strom der Lust der Augen und der andern Sinne gesetzt; ein Boden, welcher, eben weil er ein immer rinnender Strom ist, seinem Besitzer niemals lange Treue hält. Wie Helena's leicht anlockender Reiz ward dieses »goldne Horn« des Bosporus und Propontis ein nach Ambra duftender Köder, der die Räuber, wie scharfzähnige Hayen, aus allen Gegenden hieher lockte; die Stadt Constantins glich einer Wohnung an vielbesuchter Straße, durch welche mit lautem Getös der Heerpauken und Waffen die kämpfenden Schaaren vieler Völker zogen, und deren Aussicht zwar dem Besitzer Unterhaltung genug, zugleich aber Unruhe und Unsicherheit des Besitzes bringt. Vier und zwanzig Mal ward diese Stadt von Feinden bestürmt und belagert[67], nur wenige Male aber ward sie von ihnen eingenommen. Denn abgesehen von den 3 frühern noch in die Zeiten der heidnischen Herrschaft fallenden Eroberungen des alten Byzanz durch Alcibiades, Severus und Constantin, schlug das christliche Constantinopel von 616 an vierzehn schwere Belagerungen zurück, ward erst in der fünfzehnten (1204) durch die Lateiner genommen und furchtbar verheert, dann 1261 durch Michaël den Paläologen wieder eingenommen erhielt es noch, freilich bereits im Zustand eines Sterbenden 192 Jahre Frist zur Bestellung seines morschen Hauses, bis dieses vielfach verschuldete Haus den Osmanen anheim fiel. Wie fest und gewaltig erscheint der Bau dieser von Mahoammed +II.+, dem Eroberer, von Grund auf neu errichteten, dann von dem Wütherich Murad +IV.+ im J. 1635 und zuletzt von Achmed +III.+ im Jahr 1721 ausgebesserten und verstärkten Mauern, und doch zeigt er sich schon wieder an vielen Stellen von den Zinnen herab bis an den Boden zerrissen und zerspalten; das todte Gestein, eben weil es ein Todtes war, hat den Angriffen des Erdbebens erliegen müssen, nur das Lebende: der Epheu, der es umschlingt, hat sich unverletzt erhalten. Die weitklaffenden Risse aber jener Todtgebornen, gegenüber den Tausenden der Grabsteine und der neu, für die Schaaren, welche der Pest erlagen, erst heute geöffneten Gräber reden zu dem Auge des Wanderers aus Westen eine beredte Sprache. »Nicht deine Macht«, so sagen sie, »du Volk des Westens und Nordens hat mich so gebeugt und zerrissen, sondern die Hand des Allmächtigen hat mir diese Wunden geschlagen; der Schrecken von Gott hat meine Mauern gerührt und erschüttert.«
Wir zogen jetzt hinein zu dem Nachbarthore der ~sieben Thürme~, zu dem ~Jedi Kulleler Kapussi~ und naheten uns den eisernen Pforten dieser, seit den Zeiten der Osmanen zu einer Behausung des Jammers und der Todesnoth gewordnen Veste. Das Schloß der sieben Thürme, welches Mahommed +II.+ nach seinem jetzigen Umriß und in seiner jetzigen Gestalt neu erbauen ließ, war das ~Cyklobion~ der alten Byzantiner; der festeste Punkt an der Stadtmauer der Landseite. Hier, zwischen den beiden massiv, aus mächtigen Quadern zusammengefügten, viereckigen Thürmen, an denen noch jetzt die Spuren der römischen Adler an ihren Byzantinischen Erbauer Kantakuzenus (im Jahr 1345) erinnern, öffnete sich gegen den jetzigen Stadtgraben hin das vormals mit den herrlichsten Kunstwerken ausgezierte goldene Thor, durch welches die Byzantinischen Herrscher ihre Triumpheinzüge in die Stadt hielten. Das Ganze des Schloßes bildet ein Fünfeck; außer den beiden alten, eben erwähnten Thürmen, welche in der Mitte der einen der fünf Seiten stehen, erhub sich an jeder der fünf Ecken ein Thurm, von denen der eine der nachbarlichen Eckthürme des ehemaligen goldnen Thores durch Erdbeben, im vorigen Jahrhundert zerschmettert ward, so daß anjetzt eigentlich nur 6 Thürme vorhanden sind, unter denen jener, welcher links vom Eingang stehet, mit seinem obern Stockwerk am höchsten (bis über 180 Fuß) sich erhebt. Auch die viereckten Thürme, zu beiden Seiten des goldnen Thores, mit der noch immer architektonisch imposanten, sie beide verbindenden Mauer, ragen 100 Fuß hoch empor. In dem einen dieser beiden alten Thürme ist das furchtbare Gefängniß mit dem Blutbrunnen; so genannt, weil in ihn die Köpfe der Hingerichteten geworfen wurden. Waren es doch nicht allein die nicht zum Throne geborenen Einheimischen und Fremden, welche in dieser Todesburg als Opfer der Osmanischen Tirannei fielen, sondern hier, in dem Schloß der sieben Thürme erlag auch ein Herrscher dieses Hauses selber, Osman +II.+ der Hand seiner Mörder. Der Eingang in das Schloß war uns, durch Freund Mührs Verwendung leicht gebahnt; auf dem Hofraum zeigen sich riesenhaft große, eiserne Kugeln aufgehäuft; an der einen Seite stehet das Haus des Aga, sonst die gewöhnliche Wohnung der hier gefangen gehaltnen vornehmeren Unterthanen der europäischen christlichen Mächte, welche das Unglück des Krieges in diese Banden führte. Zu unsrer Zeit ward eine lebendige Löwin in einem Käfig des Schloßhofes gefangen gehalten. Die schöne Aussicht auf einer der Plattformen läßt es dem Wandrer, bei ihrem Genusse, hier in der Nähe des Blutbrunnens nicht recht wohl und heimathlich werden.
Durch manche verödet aussehende, öfters von hohen Bäumen beschattete oder mit Gras bewachsne Gassen und Plätze, zogen wir, von dem Schloß der sieben Thürme aus, immer in der Nähe des Meeres hin, nach der Gegend des Sandthores oder ~Psammatia Kapussi~. Ziemlich nahe bei einander finden sich hier die alte, griechische ~Kirche des heiligen Polykarpos~, mit Spuren von unterirdischen Anlagen und die neue, erst seit wenig Jahrzehenden erbaute ~Patriarchatkirche der Armenier~. Für Reisende, welche vielleicht weniger anderweitige Gelegenheit finden große armenische Kirchen zu sehen, wird das Hineintreten in diese nicht ohne besondres Interesse seyn. Man siehet in ihrem Innren keine Bänke, wie in andren Kirchen; der Fußboden ist, wie in den Moscheen, mit Binsenmatten und Teppichen bedeckt; eben so wie in den Moscheen zeigen sich zwischen den Hängeleuchtern, die an langen Schnüren schwebenden, mit Goldflittern verzierten Straußeneier. Das Allerheiligste stehet auf einer Art von niedriger Emporkirche, welche den hintren Theil des Kirchenschiffes seiner Breite nach einnimmt und auf welcher drei Altäre stehen, deren mittelster der Hochaltar ist. Der Weg von diesem zu den Seitenaltären ist durch eine vorstehende Wand verdeckt; beim Gottesdienst, welcher in den frühesten Stunden des Tages, selbst im Sommer vor Sonnenaufgang gehalten wird, wandelt der Priester, in Begleitung der Diakonen, mit feierlichem Chorgesang bald vor den Altären, bald hinter den Mauern jener Gänge und hinter dem Hochaltar[68]. Die Kirche selber hat drei Abtheilungen, eine für die Frauen, zwei andre für die Männer; die buntfarbigen Gläser der Kronleuchter wie die blaue Fayence, welche, mit mannichfachen Zeichnungen verziert, die Wände des Allerheiligsten bedeckt, macht einen angenehmen Eindruck aufs Auge, Werke jedoch einer höheren Kunst darf man weder hier noch wohl auch in andren armenischen Kirchen des Morgenlandes suchen, wenigstens fanden wir auf den Wegen unsrer weiteren Reise nichts dergleichen; die Kunst der Armenier weiß nur in der Art und Sprache der Kinder zum Auge zu reden; bloß der Festigkeit des Baues gedenkend gilt ihr selbst das marmorne Kunstwerk einer früheren Zeit nur als Baustein, wie denn bei der Errichtung dieser armenischen Kirche wirklich in dem alten, zum Bau benutzten Gemäuer eine vielleicht beachtenswerte Statue gefunden, alsbald aber wieder in den Bau der neuen Mauern hineingefügt wurde[69]. Ein Reisegefährte, der uns später durch Kleinasien begleitete, Jusuf Effendi, selber ein Armenier von Geburt, pflegte seine Landsleute, wenn ihm welche begegneten, scherzhaft zu fragen, was der Koch Mohammeds mache, denn dieser war nach der Sage der Moslimen ein Armenier von Geburt. Das Amt und Geschäft der Bereitung der Speise ist ein ehrenwerthes, möge es nur immer auch in geistiger Hinsicht in der Kirche der Armenier auf recht kräftige, gute Weise geübt werden, dann vergißt man an dem reinlichen Gewand des Koches gern den Mangel der Zierrathen.
Nordwärts von hier erhebt sich der Saum des siebenten Hügels der Stadt, auf welchem, in der Gegend des jetzigen Weibermarktes, oder ~Avret Bazar~, einst das +Forum Arcadii+ mit seinen vielfachen Bildwerken und mit der Säule des Arkadius sich befand, von deren Fußgestell nur wenige Spuren geblieben sind. Die Richtung unsres diesmaligen Weges blieb jedoch näher dem Meere; sie zog sich neben dem ~Vlanga-bostan~, wo zur Zeit des großen Constantin ein künstlicher Hafen bestund (der eleutherische genannt), durch einen Theil des Stadtviertels der Armenier nach dem Bezirk ~Condoscale~, der meist von den Griechen und Juden bewohnt ist. Während der Sumpf und Moorboden des alten, eleutherischen Hafens, an welchem wir kurz vorher vorüber kamen, mit grünenden Gemüsefeldern bedeckt und bekleidet ist, findet sich in diesem Stadtviertel ein Sumpf von andrer, sittlicher Art, dessen losen, bösen Grund keine menschliche Kraft noch Kunst mit erfrischendem Grün zu bekleiden vermag; es sind hier die verrufensten Stätten der niedrigsten Laster und Bübereien. Weniger Furcht und Ekel erregte der Anblick der Pestleichen, welche weiterhin in den von Türken bewohnten Gassen neben uns vorübergetragen wurden, so wie der Anblick eines Sterbenden, den die Verwandten herausgetragen hatten vor die Thüre, an die Wärme der Sonne. Lieber möchte man mit diesem Sterbenden sterben, als mit dem bübischen Gesindel leben, das in dem armen Condoscale seine Schlupfwinkel hat.
Am Nachmittag ruheten wir, auf die Mühe der langen Wanderungen, unter den luftigen Hallen am großen Hafen, bei einem berühmten Kaffeehaus, in welchem der geübteste und beliebteste unter allen jetzigen Mährchenerzählern der Hauptstadt die Schaaren der um ihn Versammleten mit seinen morgenländischen Sprüchen und Dichtungen zu unterhalten pflegt. Den Erzähler selber fanden wir heute nicht, aber das Andenken an alles Das, was wir an diesem Tage gesehen, gestaltete sich in unsrer Seele auch ohne ihn wie eine seiner Sagen aus dem Zypressenhaine von Ejub, wie die Sage von jenem alten Fahnenträger, dessen Geist, nachdem der Leib schon vor achthundert Jahren sich zur Ruhe gelegt, Thaten des Helden wirkte. Denn so liegt auch das sichtbare Wesen des alten Byzanz unter dem prachtvollen Grabgewölbe, welches das Osmanische Stambul über seiner Asche bildet; das unsichtbare Wesen aber des Geistes, der einst hier lebte, wirket doch im Verborgnen noch fort und wird das Werk, welches er begonnen, in der künftigen Zeiten Lauf vollenden. -- Statt des Mährchenerzählers ergözte ein Zitterspieler das Ohr der Gäste; die Melodie klang fröhlich, der Inhalt des Liedes war eine Art von Todtenklage. So wirket auch der Anblick von Constantinopel auf den Betrachtenden wie ein Lied, dessen Melodie eine fröhlich scheinende, dessen Text aber ein sehr ernster ist.
Auf unsrer Heimfahrt, über den Hafen hinüber nach Galata hatten wir das Glück den Großsultan zu sehen, der in seiner prächtigen, offnen Barke ganz nahe an uns vorüberfuhr. Nicht ohne besondres Interesse betrachteten wir diesen Mann, dessen Bestimmung es scheint seinem Volk das allmälige Hinüberwachsen in eine neue, höhere Stufe der geistigen Gestaltung und Ausbildung zu erleichtern.
Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.
Einer jener armen Fischer aus Bethsaida am See Tiberias, welche der Herr zu Menschenfischern geweiht hatte, Andreas der Apostel, der Bruder des heiligen Petrus, war auf seiner Reise, die er im Dienst seines Herrn hinaus durch den Bosporus nach dem schwarzen Meere machte, hieher in die Gegend des jetzigen ~Galata~ gekommen, wo er, so erzählt die fromme Sage, mit eigner Hand dem todten Felsenstein das Erinnerungszeichen an Den, welchen seine Seele liebte: die Form eines Kreuzes aufprägte. Und bald nachher gelang es ihm den Namen Dessen, an den das Kreuz erinnert, nicht bloß dem starren Felsen, sondern den lebenden Herzen der Bewohner dieser Gegend einzuschreiben; das arme Volk am Gestade bei Hieron, dem jetzigen Skutari, wie in Byzanz selber, vor allem die Einwohner jenes Stadttheiles, der am jetzigen Fanal lag, nahmen willig die große Botschaft der Freude und des Friedens auf, welche der Apostel ihnen verkündete. Zwei Jahre lang bewohnte dieser, als die Tyrannei des damaligen Herrschers von Byzanz, des Zeuxippos, aus der Stadt selber ihn vertrieben, die Landschaft, welche nordwestwärts von Galata, diesseits ~Piri Pascha~, auf der Thrazischen Seite des Hafens liegt, und säete von hier aus die ersten Samen einer byzantinischen Christengemeide, die nachmals unter Sonnenhitze und Sturm so manche gute Garbe trug. So war dieses so oft verheerte und zur Wüste gewordene, und dennoch stets, aus tief inwohnender, unzerstörbarer Kraft immer wieder neu aufgrünende Paradies, hier um Galata und bei dem gegenüber gelegnen Skutari einst mit den gesegneten Fußtapfen eines Apostels des Herrn bezeichnet; die Christenkirche der östlichen Roma nennt als den ersten ihrer Engel Andreas, den Bruder jenes Apostels den die westliche Roma als ihren Engel verehrt.
Freilich sind jene Spuren eines Wandelns der geistigen Kräfte über den leicht verwehenden, veränderlichen Staub in dem jetzigen Galata und Byzanz kaum noch erkennbar; Disteln und Dornen bedecken das Ackerfeld; Trümmer und Schutthaufen verhüllen den Weg, auf welchem vormals die Boten des Friedens einhergiengen, aber noch immer ist ein Nachhall jener lebenskräftigen Erinnerungen, welche diese Gegend da im Herzen der Christen wecken sollte, bei einem Volke zurückgeblieben, das dem der Christen, wie der Fels, der das Echo giebt, der tönenden Stimme gerade gegenübersteht: bei den Türken. Merkwürdiges Volk, das gleich der Grasmücke im Dornengebüsch durch einen unwiderstehlichen Naturtrieb sich gedrungen fühlt das verlassene Ei des Kukuks auszubrüten und des verwaisten Keimes eines künftigen Lebens zu pflegen, bist du etwa selber der todte, starre Felsenstein, dem die Kraft des Geistes die Form eines Erinnerungszeichens an den Geliebten einprägte; der Felsenstein, welcher ohne dies zu wollen und zu wissen von einem Leben zeugen muß, das ihm noch fremd ist? Man erzählt, daß in jener Zeit als durch Napoleons Macht ein großer Theil der vollendetsten Kunstwerke des Alterthumes in Paris zusammengedrängt war, ein Gärtnermädchen fast täglich zu diesen Bildwerken kam und vor allem die Statue des Belvederischen Apolls mit Bewunderung und mit einer Art von Ehrfurcht betrachtete. Sie, welche niemals von Opfern und Gaben, die man einst in der Zeit der Heiden jenem Bilde darbrachte, etwas vernommen, fühlt sich zuletzt innerlich gedrungen, jeden Morgen, an welchem sie den Besuch wiederholt, der Götterstatue eine Spende der Blumen und Gartenerzeugnisse zu bringen. So hatte der Geist des Künstlers dem Marmorgestein eine Ehrfurcht gebietende Gewalt aufgeprägt, die nach Jahrhunderten noch fortwirkte, und es war als haftete an dem Bilde eine besondre, magische Kraft, welche die irregeleitete Vergötterung der anbetenden Menschenseelen in dasselbe gelegt hatte. Wenn aber der Menschengeist schon in diesem minderkräftigen Kreise ein Werk der Uebertragung seines innren Bewegens an ein fremdes, späteres Geschlecht, durch das an sich todte Erinnerungszeichen vermochte, wie sollte er dieses Werkes nicht fähig gewesen seyn, wo jener Glaube ihn erfüllte, welcher Leben schaffet und Leben wirket allerwärts, wohin sein Odem wehet. Gewiß ist, daß die Moslimen allenthalben, wo sie den dunklen Schatten ihrer Herrschaft über Stätten der christlichen Verehrung warfen, alsbald diese Stätten selber zum Gegenstand der lebhaftesten und eifersüchtigsten Verehrung machten, wie dies die Aja Sophia in Constantinopel, der Tempel Morija's zu Jerusalem, die Kirche über der zwiefachen Höhle zu Hebron, und eine Menge der andren vormals christlichen Heiligthümer bezeugen.
Der Grund, weshalb hier an der Thrazischen Küste bei Galata und Piri-Pascha und hinanwärts am Meeresarm des Hafens bis zu den süßen Wassern die Andacht der Türken ihre Tritte so ganz in die Fußtapfen einer früheren christlichen Verehrung dieser Oertlichkeit setzte, ist übrigens noch ein andrer, unmittelbar geschichtlicher. Während der sieben Belagerungen von Constantinopel durch die Araber, vorzüglich aber während der dritten, welche sieben Jahre dauerte und bei der sich mehrere alte Waffengefährten des Propheten befanden, wurde das gegenübergelegne Ejub, so wie hier diese Ufergegenden, nord-westwärts von Galata eine Stätte der Kämpfe und der Gräber vieler, von den Moslimen für heilig gehaltner Verehrer des Islams. Wie deshalb der griechische Patriarch ~Nicolaus~ der Exeget bei ~Südlidsche~ dem Milchdorf, das schon zu den Zeiten der Byzantiner ~Galakrene~ (Milchquell) hieß, ein Kloster erbaute, in welchem er in stiller Zurückgezogenheit den Betrachtungen und Forschungen der h. Schrift lebte, so wohnten auch hier die Zeitgenossen und Freunde Suleimans des Großen, der weise Ausleger des Korans Ebus-suud und der mächtige Feldherr Sokolli Mohammed Pascha. Weiter am Hafen her gegen Galata, vorüber an der großen Ankergießerei, in der Vorstadt ~Piri-Pascha~, welche meist von Griechen, Armeniern und Juden bewohnt ist, finden sich nachbarlich beisammen die Moscheen der Türken und die Kirchen der Christen; Weihbrunnen, davon der eine jenen, der andre diesen werthvoll erscheint. Hier beginnt dann die Reihe der den Christen wie den Israëliten und Mohammedanern heiligen Grabstätten, welche in der älteren Zeit Piri-Pascha zu einem Wallfahrtsort der Byzantiner machten, während bei der nachbarlich angränzenden Vorstadt ~Chasskoi~, welche ganz von Juden bewohnt ist, die Menge der Israëlitischen Leichensteine schon von ferne ins Auge fällt, und die Grabstätten der großen, mit den ansehnlichsten Gebäuden verzierten Vorstadt ~Kassim Pascha~, noch fortwährend, eben so wie Ejub, ein Wallfahrtsort der Moslimen sind. Denn hier, hinter dem mächtigen Gebäude des Arsenals waren vormals und sind zum Theil noch die Denkmäler der in den sieben Belagerungen Constantinopels durch die Araber gefallenen Kämpfer, so wie die Gräber mehrerer Stifter jener geistlichen Orden zu sehen, deren Klöster in Kassim Pascha zusammengedrängt stehen. Unter den alten Grabmälern wird auch das des ~Meitsade~, des Grabgebornen genannt, der wie die alte Sage gehet von seiner Mutter, die am Ende der Schwangerschaft starb, erst nach dem Tode geboren und lebend dem Grabe entnommen ward[70].
Die Vorstadt ~Kassim Pascha~[71] mit ihrem großen Arsenal, ihren Brücken, von denen die eine, ansehnlichste, zu unsrer Zeit eben im Bau war, fällt von Pera, wo wir wohnten, so nahe und so deutlich ins Auge, daß ich noch einige Worte über dieselbe hinzufüge. Sie ist einer der wichtigsten Punkte des Osmanischen Reiches, ein Grundstein seiner Herrschermacht, denn hier werden die meisten Türkischen Kriegsschiffe erbaut und ausgerüstet. Alle die Gebäude, welche der Zimmerung und der Zurüstung jener Schiffe dienen, nehmen einen weiten Raum am Ufer ein; bei dem eigentlichen Arsenal findet sich das Admiralitätsgebäude und etwas höher gelegen der Pallast des Kapudan-Pascha. Nicht gar fern von diesem Wohnsitz der Sinnenlust türkischer Pascha's findet sich eine Behausung vielfältigen Jammers der Christen, das ~Bagno~ oder Sklavengefängniß, in welchem sonst Tausende der christlichen Kriegsgefangenen als Galeerensclaven eingesperrt waren und die unmenschlichste Behandlung der Türken erduldeten. Die Geschichte der Brüder des Trinitarierordens, welche eine Menge dieser Unglücklichen loskauften, so wie die des edlen Britten, des Admirals ~Sir Sidney Smith~, dessen vielvermögende Fürsprache den Franzosen, die bei dem ägyptischen Feldzug in türkische Gefangenschaft gerathen waren, die Befreiung aus dem Bagno bewirkte, lässet auf diesen Sitz des Jammers einen erheiternden Strahl fallen. Das Arsenal verdankt seine spätere Erweiterung und zweckmäßigere Einrichtung vornämlich zwei unglücklichen Seeschlachten der Türken: jener von Lepanto, im Jahr 1571 (am 8ten October) und der von Tschesme im Jahr 1770. Denn als bei Lepanto der ritterlich kühne Don Juan von Oesterreich mit einer Flotte der verbündeten christlichen Mächte Spaniens und Italiens die um ein Drittel der Streitkräfte mächtigere Flotte der Türken fast ganz vernichtet und genommen hatte, da war Uladsch, oder wie er nachmals hieß, Kilidsch Pascha, ein Renegat, durch kluge Tapferkeit mit dem Rest der Flotte dem allgemeinen Untergang entronnen und in den Hafen von Constantinopel zurückgekehrt. Während die christlichen Mächte, durch ihre innre Uneinigkeit diesen günstigen Augenblick, die Macht des gemeinsamen Feindes auf immer zu brechen oder zu demüthigen vorübergehen ließen und nur die damalige Kunst dem Andenken an diesen herrlichen Sieg die Dauer der Jahrhunderte verlieh[72], wendete der sachkundige und unermüdet thätige Renegat alle Zeit und Kräfte auf den Bau einer neuen Flotte, welche besser und mächtiger ausgerüstet als die verlorne, schon nach 8 Monaten zum Auslaufen bereit war. So hatte sich für jenesmal die Großsprecherei des Sultan Selims +II.+, des Trunkenboldes, bewährt, als dieser zu dem Venetianischen Botschafter, der nach der Schlacht von Lepanto ihm aufwartete, sagte: »wir haben euch, da wir euch ein Reich (Cypern im Jahr 1570) entrissen, einen Arm abgehauen, ihr, indem ihr unsre Flotte schlugt, uns den Bart geschoren; der abgehauene Arm wächst nicht wieder nach, der abgeschorne Bart nur um so dichter.« Die Macht der Osmanen jener der Christen gegenüber erhielt nur dadurch ihr furchtbares Uebergewicht, daß jene einmüthig und unzertheilt, nur die Waffen mit sich in den Krieg brachten, während die Macht der Christen, vielköpfig und vielgetheilt, mit dem belastenden Gepäck ihrer kleinlichen politischen Interessen ins Feld zog. Wie einig und ernst der Sinn der beiden damaligen, noch von Suleiman dem Großen an seinen ihm so ungleichen Sohn vererbten Minister Ebus-suud und Mohammed Sokolli nur auf Abwehr der Gefahr, mit Aufopferung aller kleinlichen Bedenklichkeiten gerichtet war, das bewies die Aeußerung des letzteren gegen den Kilidsch Pascha, als dieser um Herbeischaffung der Anker für die 250 neuen Kriegsschiffe verlegen war: »und wenn es befohlen würde die Anker von Silber, das Tauwerk von Seide, die Segel aus Atlas herbeizuschaffen, so sollte dies möglich werden.« Damals, wo dem Admiral der Flotte jedes Ansuchen gewährt und alles erlaubt wurde, geschahe die erste große Erweiterung des Arsenals, sogar auf Kosten der großherrlichen Gärten und der angränzenden türkischen Grabstätten; das zweite Mal geschahe dieselbe, nach der Vernichtung der türkischen Flotte durch die Russen und Engländer im Hafen von Tschesme, denn auch dieses Mal wurden dem Baron von Tott, einem geborenen Ungarn, welchen Frankreich dem Großsultan empfohlen hatte, alle seine Vorschläge zur Verbesserung des Arsenals bewilligt, so wie in unsern Tagen unter der Leitung einsichtsvoller Seeleute des westlichen Europa's diese mächtigen Anlagen noch immer weitre Vollendung erhielten.
Unter den vielen Moscheen der Arsenal-Vorstadt, von denen einige ein Werk des berühmten Sinan sind, zeichnet sich die in der Schlucht gegen den Pfeilplatz (Okmeidan) gelegene Moschee des Piale Pascha (des Eroberers von Chios unter Suleiman) durch ihre prachtvolle Bauart aus. Sie enthält 12 von rothen Granitsäulen getragene Kuppeln; das Metall der Fenstergitter kam, wie man sagt, von dem Metall der eingeschmolzenen christlichen Glocken. Eine herrliche Aussicht genießt man auf der Höhe hinter dem Arsenal. Bei der Moschee Sinans, nicht des Architekten dieses Namens, auch nicht jenes Pascha's Sinan, der 5 mal die Würde des Großwessirs erlangt, 4 mal dieselbe durch Ungnade der Sultane, zum fünften Mal durch den Tod verloren hatte; jenes rohen Feindes aller Christen, aller Dichter, aller tieferen Gelehrsamkeit und höheren Bildung, Freundes dagegen nur des irdischen Mammons[73], sondern des Sinanpaschas, des Bruders Rustems, der bis 1554 die Würde eines Admirals der Flotte, oder Kapudan-Paschas bekleidete. Wer sich einmal recht in die Menge und ins Gedränge der Türken und ihrer Derwische, untermischt von einzelnen französischen und englischen Seeleuten, begeben will, der braucht nur den Marktplatz bei dem ~Kloster der Mewlewis~ in Kassim-Pascha zu besuchen, jenes Klosters, das unter Murad +IV.+ der fromme Derwisch Abdidede von dem Ertrage seiner Handarbeit erbauen ließ.
Dort jenseits Kassim-Pascha, gegen Chasskoi hin ist auch der Punkt, von welchem auf einmal an einem für das christliche Constantinopel verhängnißvollen Morgen, im April 1453 zum Schrecken der Belagerten eine türkische Flotille von mehr denn siebenzig Segeln unter dem Schall der Trompeten und Pauken mitten in dem von eisernen Ketten versperrten und bisher so wohl verteidigten Hafen einlief. Mohammed +II.+, den Gott zum Vollstrecker seiner schweren Gerichte über die vielverschuldete Hauptstadt der morgenländischen Christen bestimmt hatte, zeigte auch damals, welche ungeheure und ungewöhnliche Kräfte der Natur dem Wahnsinne, zu dessen Geschlechte die unbändige Zornwuth gehört, zu Gebote stehen, denn er hatte in einer Nacht dieses Geschwader der Kriegsfahrzeuge, von Beschiktasch im Bosporus, über den hüglichen und unebenen Grund hinter Galata und Pera, auf einer Dielenbahn, die mit Ochsenschmalz geglättet war, nahe gegen zwei Stunden Weges heranschleifen, und mit den vom günstigen Winde geschwellten Segeln ins Gewässer des Hafens laufen lassen. So kommt, wenn die Frucht ohnehin zum Abfallen reif und mürbe ist, auch noch der Wind dazu, der die locker sitzende mit einer Gewalt, vom Himmel gesandt, zu Boden wirft.
Wir kommen nun allmählig von Piri-Pascha und den jenseits demselben, bis hinan zu den süßen Wassern gelegnen, für Christen wie für Moslimen bedeutungsvollen Gegenden der Küste, unsrer Pilgerherberge während des Aufenthaltes in Constantinopel, in Pera, wieder näher, und verweilen vorerst in der größesten der Vorstädte des europäischen Ufers: in ~Galata~. Wenn nach ~Walsh~[74] die Gesammtzahl der Einwohner von Constantinopel auf 700,000 geschätzt wird und hiervon 200,000 der Halbinsel von Pera zugerechnet werden, so dürfte wohl die Bevölkerung von Galata allein, nach dem was man uns hierüber berichtete, ein Fünftel dieser Bewohnerzahl und darüber umfassen. Der Umfang dieser alten, nach einem gewissen Galatius genannten Vorstadt, zu welcher ursprünglich auch Pera, die »jenseitige« gehörte[75], kommt für sich allein, ohne Pera und das nachbarlich an der Hafenseite angränzende Topchana, nach ~v. Hammers~ Schätzung dem Umfange der Altstadt von Wien, ohne ihre Vorstädte, nahe gleich. Die Häuser liegen theils am Abhange des steilen Felsenhügels gegen Pera hinan, theils in der Ebene am Ufer zwischen den äußersten Schiffsbauwerften von Kassim-Pascha und dem durch seine Stückgießerei berühmten Topchana ausgebreitet. So wie Galata noch jetzt, abgesehen von seinen Moscheen und anderen osmanischen Bauwerken, dem zur See oder zu Lande sich ihm nähernden Fremdling mit seinen alten Mauern und Festungsthürmen ins Auge fällt, ist es großentheils ein Werk der Genueser, welche als mächtige Nachbaren und öfters als Feinde der byzantinischen Hauptstadt vornämlich seit dem Ende des 13ten Jahrhunderts hier festen Fuß faßten. Denn jenes große Vertrauen das die Venetianer, von den Zeiten Justinians in der Mitte des 6ten Jahrhunderts an, bei den Byzantinern gefunden hatten, war durch öftere Handlungen des Uebermuthes jener Republikaner und durch ihre stolze Verachtung der Griechen vielfältig geschwächt, zuletzt aber mit der Eroberung und Verheerung der Stadt durch die Lateiner (1204), woran die Venetianer unter ihrem 90jährigen blinden Dogen Dandolo einen vorzüglichen Antheil genommen, ganz zerstört worden, so daß seit der Wiedereroberung der Hauptstadt durch die byzantinischen Herrscher die Nebenbuhler und Gegner des Freistaats von Venedig, die Genueser, in Constantinopel vorherrschend begünstigt wurden. Von da an war Galata und der Vortheil des Verkehrs der oströmischen Hauptstadt mit den Ländern des Westens in den Händen dieser Kaufleute, welche nur zu oft das äußre Wohl der ganzen Europäischen Christenheit und das Blut von Tausenden der christlichen Kämpfer (wie vor der Schlacht bei Varna und wie bei dem Untergang des christlichen Herrscherthrones von Constantinopel selber) um Geld und Geldeswerth an die Feinde verkauften.
Auch Galata bietet dem besuchenden Fremdling einen unvergleichlichen Punkt der weiten Aussicht über sein Innres und über die ganze Umgegend dar, dies ist der große Thurm der oben auf dem Hügel, vor Pera liegt. Da von hier aus die Vorstadt von feindlichen Wurfgeschützen beherrscht und verheert werden konnte, benutzten die Genueser eine Zeit der innren Zerrüttung des Byzantinischen Reiches, während der Bürgerkriege zwischen der Mutter Johannes des Paläologen und seinem Vormunde dem Kaiser Kantakuzenus, um ihren Wohnsitz auch nach dieser Richtung hin zu sichern; sie erbauten während der Abwesenheit des Kaisers den großen Thurm und dehnten den Umfang der Mauern von Galata über einen Theil des Hügels aus (im J. 1348). Bei diesem Baue legten selbst die Weiber mit Hand an und der Kaiser konnte, nach seiner Rückkehr, obgleich mannichfach erbittert durch Feindseligkeiten, die sich seine übermüthigen Nachbarn zu gleicher Zeit gegen die Hauptstadt selber erlaubt hatten, jenes Austreten der fremden Macht aus den ihnen angewiesenen Dämmen nicht mehr verhindern, um so weniger da bald nachher die Genueser mit dem Herrscher der Osmanen, mit Orchan, gegen ihre Erbfeinde, die Venetianer und gegen die Byzantiner sich verbündeten. So ward dieser Thurm, der seine Stirn mit so herausfodernder Kühnheit der Veste der Hauptstadt entgegensetzet, ein Wahrzeichen das schon hundert Jahre vor der türkischen Besitznahme die herannahende Gefahr des Unterganges verkündete, wie noch jetzt der Thurm von Galata ein Erwecker der Angst und Schrecknisse ist, wenn die Trommel der Feuerwächter den Ausbruch der Flammen verkündet, durch welche so oft ganze große Strecken dieser Vorstädte in Schutt und Asche aufgelöst wurden.
Man steigt zu der Höhe dieses festen Thurmes auf 146 Stufen hinan. Der Herunterblick auf die engen, vielfach durch einanderlaufenden Gassen, auf die zum Theil nach alten, in genuesischem Geschmack gebauten, oben mit Zinnen bekränzten Häuser, auf die hohen mit 12 Thoren versehenen Mauern von Galata ist weniger anziehend, als der über den Meeresarm des Hafens bis hinan zu den süßen Wassern, über einen Theil des Bosporus und Propontis und über die reiche, das Wasser umsäumende Landschaft; jetzt darf man auch ungescheut, selbst in Gegenwart der durch ein kleines Trinkgeld befreundeten Feuerwache durchs Fernrohr hinüberblicken nach der Hauptstadt und wohin man sonst will, während in frühern Zeiten der türkischen Tyrannei das arglose und vielleicht zufällige Hinüberblicken eines europäischen Fremdlinges durch ein Fernrohr, nach der Gegend des Serai's mit dem Tode bestraft wurde.
Die Genueser behielten auch nach der Eroberung von Constantinopel ihren Wohnsitz in Galata bei, der ihnen, nebst vielen Freiheiten, gegen eine Kopfsteuer von Mohammed +II.+ zugesichert wurde. Denn obgleich während der Belagerung ihr tapfrer Landsmann Giustiniani und mehrere Edle ihres Freistaates die Mauern ritterlich vertheidigen halfen, verharrten dennoch die Bewohner von Galata in solcher zweideutigen Stellung zu den Türken, daß sie mehr als Verbündete der Feinde, denn ihrer hartbedrängten, christlichen Brüder erschienen waren. Späterhin haben sich dann inmitten dieses, gerade nicht auf die ehrlichste Weise erworbenen Asyls der fränkischen Freiheiten die Handelsleute, Handwerker und Künstler aus den verschiedensten Ländern des westlichen Europa's niedergelassen; in Galata wie in Pera wohnen Franzosen, Holländer, Engländer, Italiäner, Russen und Deutsche, mit Griechen, Armeniern und Türken beisammen. Auch Amerika hat daselbst seine Handelshäuser, wie seinen friedlichen Verkehr; Aegypten wird durch mehrere fränkische Speditionshandlungen repäsentirt, so daß sich hier das materielle Interesse der Völker von vier Welttheilen zu einem bunten Gewebe verflicht, dessen groteske Grundlage die anjetzt sehr dultsam gewordene Türkische Macht bildet. In Galata wie in Pera haben auch die Katholiken mehrere Kirchen; die Protestanten ihre eignen Kapellen, in deren einer wir einem deutschen Gottesdienst beiwohnten.
Am meisten und nächsten wurden wir, unter allen andern Vorstädten mit ~Pera~ bekannt. Wir hatten hier bei Madame ~Balbiani~, eine Wohnung gefunden, die sich durch ihre herrliche, die schönste Aussicht gewährende Lage eben so vorteilhaft auszeichnete, wie durch Reinlichkeit, Trefflichkeit und Billigkeit der Bewirthung. Madame Balbiani stammt aus dem südlichen Deutschland; sie war mit ihrem ersten Gemahl (einem Deutschen) nach Odessa gezogen, dann mit dem zweiten, der bald nachher starb, hiehergekommen, wo sie durch ihr gastliches Haus vornämlich dem deutschen Reisenden eine heimathliche Oase mitten in der Wüste des Fremdlingslandes darbietet. Denn die treffliche Familie des französischen Consuls Fabriquet aus Candia und ein junger Reisender aus der französischen Schweiz, die wir als Hausgenossen schon vorfanden, trugen nur noch mehr dazu bei, es in der stillen, freundlichen Wohnung uns recht wohl werden zu lassen.
Die Vorstadt Pera zieht sich in ziemlich bedeutender Ausdehnung über den sattelförmigen Rücken des Hügels von Galata hin. Noch lag, seit den Verheerungen, welche die große Feuersbrunst einer der letzten Jahre hier anrichtete, ein großer Theil der verödeten Baustätten mit Schutt und Asche bestreut; an vielen Stellen erhuben sich jedoch auch wieder neue Gebäude und der langen Hauptstraße so wie einigen Nebenstraßen merkte man von dem Einbruch, den das Feuer auch in ihre Häuserreihen gemacht hatte, nur noch wenig an. Am meisten ließ auch noch die jetzige Gestalt der Ruinen des englischen Gesandtschaftspallastes, der auf der Krone des Hügels lag, den Untergang dieses schönen Gebäudes beklagen, welches Lord Elgin, unterstützt von der orientalischen Compagnie und von dem brittischen Gouvernement mit so vielem Geschmack erbaut hatte. Der große Platz, auf welchem dieser prächtige Pallast sich erhub, war ehedem mit Hütten und kleinen hölzernen Häuschen bedeckt, in denen meist Türken wohnten. Als die Engländer durch Vertreibung der Franzosen aus Aegypten sich ein so großes Verdienst um den osmanischen Thron erworben hatten, ließ die hohe Pforte den Platz räumen, mit hohen Mauern umfassen und machte ihn, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit der englischen Gesandtschaft zum Geschenk. Auch am Tage, wo der Bau und die innre Einrichtung des Pallastes vollendet war und wo derselbe nun zum ersten Male dem Besuch der andern Gesandten eröffnet wurde, überraschte der Großsultan die brittische Gesandtschaft mit einem ganz besondern Beweis seiner dankbaren Anerkennung, denn mitten unter dem Gedränge der hohen Gäste und ihrer Begleitung stellte sich ein Haufe von Christensklaven ein, denen das türkische Gouvernement an diesem Tage ihre Freiheit geschenkt hatte, unter ihnen einige, welche seit dreißig Jahren in der harten Gefangenschaft geschmachtet hatten. Diese Alle, neu gekleidet, dankten in den verschiedensten Sprachen der christlichen Nationen dem edlen Lord, der ihnen als der Urheber ihres Glückes war genannt worden, und kehrten meist bald nachher, von den Engländern reichlich beschenkt, in ihre Heimath zurück. Obgleich jetzt nur ein zerborstenes Gemäuer an das Prachtgebäude erinnerte, das noch vor wenig Jahren die schönste Zierde von Pera war, vergnügten wir uns dennoch sehr an dem Anblick des Gartens, der fortwährend in gutem Stand erhalten wird. Der Judäabaum (+Cercis Siliquastrum+) zeigte sich an manchen Stellen noch mit den Spätlingen seiner purpurrothen Blüthen bedeckt, neben dem Gebüsch der schönfarbigen Passionsblumen erhub sich, mit kräftigem Stamme die Lebbek Mimose (+Mimosa Lebbek Forsk.+), welche wegen ihrer langen, feinen Staubfäden von den Türken Seidenrose (Gul-Ibrasim) genannt wird; Bäume, vom Geschlecht der Pistazien und des Lorbeers, Orangen und Zitronen gaben ihren Schatten. Nur schade, daß die lang anhaltende Dürre und die weit vorgerückte Jahreszeit so wenig von den Reizen übrig gelassen hatten, welche im Frühling diesen Garten schmücken, der sich mit dem ganzen zu ihm gehörigen angebauten und freien Platze über einen Raum von vier Morgen Landes ausdehnt.
Am Abhange des Hügels, auf welchem der Pallast der brittischen Gesandtschaft stund, ziehen sich die Reihen der türkischen Grabstätten, bepflanzt mit hohen Zypressen hin, deren ernstere Form nach unten, im Thale der Kürbisgärten (Dolma-Backtsche) in die freundlichere der hier immer reichlich grünenden Gartengewächse übergehet. Namentlich gewährt ein Kaffeehaus, das am westlichen Saume der Vorstadt liegt und welches, wie so viele andre in Pera befindliche, ganz in französischer oder italienischer Art eingerichtet und bedient ist, eine liebliche Aussicht über die angränzende Landschaft. An der andren, östlichen Seite des Hügelsattels, auf dessen Länge die Vorstadt sich hinzieht, in der Nähe der dortigen Gesandtenwohnungen ist die Aussicht hinüber nach der Hauptstadt und zunächst nach den Gebäuden des neuen Serai's am besten zu gewinnen. In jedem Falle müßte man, wenn man anders der schönen Aussicht begehrt, dahin trachten, während des Verweilens in Pera nicht in der Mitte der engen Gassen, wo dennoch einige der besuchtesten Gasthäuser stehen, sondern an einer der freieren Seiten zu wohnen.
Der Zypressenhain der Grabstätten, der an unsre Wohnung angränzte, zog uns oft hinab zu Spaziergängen in seinem Schatten. Mehr jedoch als diese Nachbarschaft zog eine andre unsre Neugierde an, das war die der ~Tanzhalle der Mewlewis~, in welcher die Derwische dieses Ordens wöchentlich zweimal, am Dienstag und am Freitag jene mystischen Sphärentänze beginnen, die als ein uraltes Erbgut der Geheimlehren der Väter zu den jetzigen Verehrern des Islam gekommen sind. In der Mitte der Halle sitzt der Scheich, der den Tanz mit dem Spiele der Flöte begleitet, um ihn tanzen einzeln, um sich selber sich drehend und so den Umkreis beschreibend die Derwische, langsam, mit feierlicher Geberde. Oder auch es beginnt der in der Mitte stehende Führer des Reigens, den ein Andrer seitwärts, außer dem Kreise Sitzender mit dem Spiele der Töne belebt, die langsamen Umdrehungen, und die Uebrigen, Einer und wieder Einer, dann Alle erbeben sich zum Wirbel des Tanzes, der so gleichmäßig und kräftig ist, daß der Saum des Gewandes, wie der einer Glocke oder fast radförmig ausgespannt, die Füße umkreiset. Wenn bei solchen oder andren Aeußerungen einer Trunkenheit des innren Sinnes der Ausruf »Huh« oder »Ja Huh« das heißt Jehovah, aus der Brust der Tänzer sich hervorringet, dann erinnert dieser Zustand an jene unwillkürlichen Ausbrüche einer Entzückung des sinnlichen Menschen, bei welcher jene Kräfte von oben, die den Kreislauf des sichtbaren Seyns und Wesens der Natur bewirken, in ihre Wogen ihn hinreißen, ohne daß der freie Wille, der aus dem erkennenden Geist kommt, den Zügel des Bewegens zu erfassen und dieses zu leiten vermag. Denn es giebt in der Geschichte der menschlichen Natur eine zweifache Art der Begeisterung, die eine ist die sinnliche, die man auch silenische, oder magnetische und mystische nennen kann, die andre ist die prophetische. Jene, sie möge durch silenische Berauschung oder magnetische Gewaltthätigkeit oder mystische Ueberspannung hervorgerufen seyn, zeigt sich des klaren Selbstbewußtseyns, der Selbstherrschaft des freien Willens, öfters selbst der Rückerinnerung beraubt; sie stehet häufig in der traurigen Abhängigkeit von dem Willen und Befehl andrer Menschen oder von dem Einfluß leiblicher Elemente; auf die Bekräftigung des wachen, selbstbewußten Willens, auf das Gedeihen und Wachsthum des inneren Menschen hat sie nur selten entschiedene Einwirkung. Die prophetische Begeisterung dagegen lässet dem Menschen das klare, wache Selbstbewußtseyn und den freien Willen. Sie gebeut ihm zu reden und zu thun, und er gehorcht, weiß es aber auch daß und warum er gehorcht und genießet das Wohlbefinden, nicht nur der lieblich blühenden Rose oder Lilie, die wie das Schlafende unter dem Herzen der Mutter von dem Geist des Lebens durchwirkt wird, sondern jenes des Kindes, das die Mutter beim Namen nennt und das ihre Worte versteht. Der Tanz der Sphären, welcher die sich selber umkreisende und zugleich die Bahn um die Sonne beschreibende Bewegung der Planeten unwillkührlich nachbildete; derselbe, den wir bei den jetzigen Mewlewis-Derwischen finden, war ein geheiligter Gebrauch bei den Indern (wo Chrishna als Scheich den Reigen begann) und bei den alten Persern; er war ein Hinstarren mit unverwandtem Blicke und ein unwillkührliches Nachahmen der Bewegungen Dessen, das den Heiden der anziehende Mittelpunkt der Verehrung und das Hochheilige war: der Sonne, der Königin des Tages, der Führerin und strahlenumgränzten Lyra des Reigens und des harmonischen Bewegens der Gestirne[76]. Den zuschauenden Moslimen erscheinen deshalb diese Bewegungen, welche, nur schneller sich wiederholend, jener der Sonnenblume gleichen, so ehrwürdig, daß ein (christlicher) Reisender des vorigen Jahrhunderts, nach Stephan Schulze, aus der Gefahr vom fanatischen mohammedanischen Pöbel gesteinigt zu werden, sich dadurch rettete, daß er sich (ich mag nicht sagen, ob das recht und wohlgethan war) gleich den Mewlewis-Derwischen um sich selber tanzend drehete. Denn alsbald riefen die Alten, die dem Unfug der jungen Fanatiker bisher ruhig zugesehen hatten: lasset diesen unverletzt, er ist ein heiliger Mann. --
In der Nähe der Mewlewis-Tanzhalle war auch das Grabmal ~Bonnevals~ jenes vormals berühmten Franzosen, der noch nicht zufrieden mit dem äußern Glücke, das ihn bis zum Range eines österreichischen Generals unter Eugen hatte steigen lassen, durch Verläugnung des Glaubens seiner Väter da im Reiche der Osmanen ein noch größeres Glück zu erkaufen suchte. Er starb hier als Chef des Bombardier-Corps.
Pera war in der Zeit, da wir unter seinen Dächern verweilten, von jenen Bewohnern verlassen, welche sonst der Mittelpunkt seines Verkehres und innern Lebens sind: von den Gesandten der christlich europäischen Höfe. Diese hielt, theils die noch immer fortwährende Hitze des Spätsommers, welche in diesem Jahre noch kein Regenguß der Herbstnachtgleiche abgekühlt hatte, theils auch jene Zerrüttung, welche der heftige Ausbruch der Pest in den Verkehr mit der Hauptstadt gebracht hatte, noch auf ihren Landsitzen, namentlich in Bujukdereh zurück. Dennoch boten sich uns, auch schon aus dieser Entfernung von jenen Inhabern, nicht nur der Macht, sondern auch der Güte der Herrscher der christlichen Heimath wohlwollende Hände, von denen ich nachher noch reden will. Unter den anwesenden Bewohnern der pilgerlich-heimathlichen Vorstadt erfreuten uns die Herren Brown und Goodel, Schneider und Mühr durch ihre Bekanntschaft, und ein Mitpilgrim durch viele Gegenden der Erde, dem wir später noch mehrmalen begegneten, Herr Leewes, näherte sich uns hier zum ersten Male.
Ehe ich jedoch mehr von dem reden darf, was uns hier während der schnell vorübergehenden Pilgerschaft in der Nähe von Constantinopel begegnete, muß ich zuerst weiter fortgehen in meiner Beschreibung der Vorstädte und des benachbarten Landes.
~Topchana~ ist der dritte Theil jenes Dreiblattes, das die Vorstädte der Halbinsel von Galata bilden, denn es liegt am Ufer des Meeres, nachbarlich neben Galata, welches durch das Topchana-Thor (Topchana-Kapussi) mit ihm verbunden ist, und zieht sich hinter den Mauern von Galata am Bergabhange hinan gegen Pera, mit welchem es auf der Anhöhe zusammengränzt. Schon der Name Top-Chane, d. h. Kanonenbehaußung, deutet die Bestimmung dieser Vorstadt an: eine Mutter- und Werkstätte der groben Geschütze zu seyn, auf deren Macht und Menge die Herrscher des Osmanischen Reiches seit Mohammed +II.+ sich fortwährend so viel zu gute thaten. Denn seitdem zuerst Orban, der ungarische Stückgießer, den Hang dieses Städtebestürmers und Eroberers zu ungeheuern Kriegsgewehren geweckt und genährt hatte, war es eine der ersten Bauunternehmungen des Sultans, daß er gleich nach der Eroberung von Constantinopel eine außerhalb den Mauern von Galata gelegne christliche Kirche sammt dem zu ihr gehörigen Kloster in eine Stückgießerei verwandeln ließ. Zwar von dieser ältesten Anlage des Gebäudes, welches das Entstehen der Vorstadt Topchana bewirkte, haben die Feuersbrünste, namentlich des vorigen Jahrhunderts und die hierdurch veranlaßten neuen Aufbaue, so wie die vielen späteren Erweiterungen nur wenig übrig gelassen; dagegen hat sich fortwährend die rege Theilnahme der osmanischen Herrscher für diese wichtige Anstalt erhalten, deren innre Einrichtung und Leistungen als großartig ins Auge fallen. Der jetzige Großsultan hat zur Verschönerung dieser Vorstadt der Stückgießer Vieles beigetragen, namentlich durch den Aufbau seiner neuen, prachtvollen Moschee und des überaus zierlichen Brunnenhauses. An die Stelle der vormaligen, aus Persien nach Constantinopel und seiner Umgegend gekommenen Fayance-Werkstätten scheinen jetzt andre von sehr untergeordnetem Range, namentlich die Pfeifenkopffabriken getreten zu seyn. Eine solche Menge dieser vergoldeten und unvergoldeten rothen, thönernen Pfeifenköpfe wie in Topchana sahen wir nirgend sonst beisammen. -- Schon bei unserm erstmaligen Besuch dieser Vorstadt und bei unserem Hinaufgehen durch ihre Gassen gegen Pera hin setzte uns der Anblick der großen Menge der verwilderten Hunde in Verwunderung, als wir aber später einmal am Abend, bei der Zurückkehr aus Bujuckdereh den Weg durch Topchana nahmen, hätte sich jenes Staunen fast in Furcht und Schrecken verwandelt, denn nur mit Mühe und großer Vorsicht entgiengen wir den Zähnen dieser bissigen, namentlich den Fremden sehr aufsäßigen Thiere, die schon manchem Europäer seine Kleider zerrissen und ihn verwundeten, zuweilen auch, in abgelegenen Gegenden der Stadt wehrlose Wanderer umbrachten. Auf der Höhe des Hügels, ober Topchana, war auch vormals jene merkwürdige unterirdische Sternwarte des türkischen Astronomen Ali Kuschdschi, ein 105 Ellen tiefer Brunnen, der unter Murad +IV.+ verschüttet ward.
Größer an Umfang als Galata, obwohl nicht so wie dieses von Mauern umgeben ist ~Skutari~, das alte Chrysopolis, das auf der auch hier noch durch höhere Naturschönheit ausgezeichneten asiatischen Küste des Bosporus liegt. Sein eigentlicher Name, Uskudar bedeutet auf Persisch Postbothe und mag wohl aus derselben Zeit stammen als der Name Chrysopolis oder Goldstadt, den der Ort erhielt, weil hier die Perser während ihrer Herrscherzüge in Europa die erbeuteten Schätze und Abgaben der unterworfenen Völker aufhäuften. Noch jetzt ist Skutari die erste Poststation von der Hauptstadt des Reiches aus in Asien, der Sitz eines Molla's oder Gerichtspräsidenten, dessen Obergerichtsbarkeit alle Ortschaften an der asiatischen Seite des Bosporus untergeordnet sind. Von ferne her gesehen macht Skutari einen imposanten Eindruck aufs Auge durch die Krone des mächtigen Zypressenhaines der den Hügelabhang oberhalb der mit ihren Moscheen und Minare's prangenden Vorstadt bedeckt (m. v. S. 156). Dieser Zypressenhain, welcher die größte Gräberstätte der Hauptstadt und ihrer asiatischen Nachbarküste beschattet, erstreckt sich über einen fast 11⁄2 Stunden langen Raum; ober demselben erhebt sich der Berg ~Bulgurlu~, dessen entzückend schöne Aussicht Einheimische wie Fremde zu seinem Besuche anlockt. Der alte Name des Berges ~Damatrys~, scheint nach ~J. v. Hammers~ Vermuthung (a. a. O. +II.+ 338) freilich in sehr verwandelter Gestalt die Benennung der beiden auf dem Gipfel liegenden Dörflein: Groß- und Klein-»Dschamlidsche« erzeugt zu haben, an deren vortrefflichem Wasser, Kaffee und allerhand Süßigkeiten die Besuchenden aus der Hauptstadt sich erquicken. Denn in der günstigen Jahreszeit vergeht selten ein Tag, wo nicht mehrere der mit Ochsen bespannten Wägen, befrachtet vornämlich mit verschleierten Frauen und ihren Kindern, den Berg hinanfahren und oben im Schatten der Bäume den bewegten Lebensstrom der Luft in und mit sich walten lassen. Das Gefühl, das den Wandrer an solchem hehren Orte, bewegt von den Kräften des waltenden und erhaltenden Lebensgeistes, dessen Odem auch durch die Sichtbarkeit hindurchwirket, erfasset, ist ein ähnliches als jenes, das die häufig an den Denksteinen zwischen den Zypressen vorkommende Grabschrift wecket: +Ena Lillahi we ileihi radschiune+, d. h. »wir sind Gottes und zu Gott kehren wir zurück«[77]. Die Vorstadt Skutari zeichnet sich durch ihre breite, schöne Hauptstraße und mehrere prachtvolle, öffentliche Gebäude aus. Die hiesige, von Sultan Selim angelegte türkische Druckerei hat Manches zur Begründung und Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse unter den Osmanen beigetragen; eine ebenfalls berühmte Druckerei von ganz andrer Art: die Kattundruckerei der Armenier wetteiferte zu gleicher Zeit mit den ähnlichen Unternehmungen der westeuropäischen Länder. Ein Gegenstand der Beachtung für viele Reisende, ist besonders seit ~Clarkes~ und noch mehr durch ~J. v. Hammers~ genauer Beschreibung das Kloster der ~Rufaji Derwische~ geworden (genannt nach dem von den Moslimen für heilig gehaltnen Said Achmed Rufai). Die Gebete dieser Derwische sind nicht bloß Andachts-, sondern zugleich Leibesübungen zu nennen, denn nach einem ruhigeren Anfange derselben steigert sich die Sinnentrunkenheit allmählig zu so raschen, wilden Bewegungen des abwechslend vorwärts geneigten, dann gerade stehenden, dann rückwärts gebognen oder auch rechts und links sich neigenden Körpers, daß das Auge der Zuschauer kaum ihnen zu folgen, das Ohr die einzelnen Silben des Gebetes »La-i-lah-il-la-lah« nicht mehr zu unterscheiden vermag, sondern nur noch ein tobendes Il-lah hört, abwechslend mit dem Ausruf des Entzückens: »Ja-Huh.« Das stöhnende Geschrei dieser im Eifer ihrer »Andacht« Rasenden begleitet indeß ein lieblich tönender Choral, welchen zwei gute Sänger in feierlichem Takte absingen; es ist meist die »Borda« das Lobgedicht auf den Propheten oder irgend ein andres Lied zum Preis der Gläubigen des Islams. Nebenbei unterhalten dann auch noch die Derwische die Zuschauer mit allerhand gaukelspielerischen Versuchen, wodurch sie ihre Unverletzlichkeit durchs Feuer zu bezeugen suchen, indem sie glühende Kugeln und glühende Eisen anfassen und in den Händen bewegen.
Auch noch eine Erwähnung der so viel gepriesenen und besungenen ~Prinzeninseln~, welche weiterhin im Propontis, an der asiatischen Küste liegen, glauben wir dem Leser schuldig zu seyn. Ihr alter Name »~Daimonnisoi~« wurde, wie ~v. Hammer~ bemerkt, in den jetzigen verwandelt, weil diese so schönen Eilande während der Zeiten der byzantinischen Herrschaft ein Verbannungs- und Verwahrungsort so vieler für den Purpur des Fürstenstandes Geborenen und Erzogenen, so Vieler Herren und Großen des Reiches waren. Man zählt neun dieser Inseln, die man beim Hinaus- oder Hereinfahren in und aus dem Propontis, so wie schon von den erhöhten Punkten der Hauptstadt, noch besser aber vom Bulgurluberge überblicken kann. So schön sie auch sind, so weckt doch zugleich fast jede von ihnen Erinnerungen des Abscheus oder der Trauer. Denn im gewesenen Klostergebäude auf ~Prote~ (jetzt Kinaliadassi), der am nächsten herüber nach der Stadt gelegnen Insel, starben die Kaiser Romanus der Erste und vier Menschenalter später Romanus Diogenes im Elend, der letztere mit ausgestochnen Augen, an deren wunden Höhlen die Würmer nagten. Auf ~Antigone~ (jetzt ~Baghatsli ada~) schmachtete der h. Methodius, der Maler und kräftige Beschreiber der Gerichte Gottes, sieben Jahre im Kerker, und in einem spätern Jahrhundert verzehrte hier den entthronten Kaiser Romanus Lacapenus und seinen Prinzen Stephan das Heimweh nach den gewohnten Freuden des Thrones, Deren sie der eigne Sohn und Bruder, Constantin, der im Purpur Geborene beraubt und sie hieher verbannt hatte. Die lieblichste unter allen Prinzeninseln ist, durch ihre Naturschönheit ~Heibeli adassy~, deren alter Name Chalkitis oder auch der nachher auf die ganze Gruppe übertragene Demonesos war. Alleen von Zypressen, Gruppen von Terebinthen und Pinien, Gärten
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