Anmerkungen zur Transkription.

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Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ und =fett gedruckte= so.

=~Reise~= in das =~Morgenland~= in den Jahren 1836 und 1837

von

+Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert.

Dritter und letzter Band.

Mit einer Karte und dem Grundriße von Jerusalem.

Erlangen, =1839= ~bei J. J. Palm und Ernst Enke~.

~Reise~ in das ~Morgenland~ in den Jahren 1836 und 1837.

Dritter und letzter Band.

Erlangen, gedruckt bei C. H. Kunstmann.

Vorrede.

Dieser letzte Band meiner Reisebeschreibung, welcher heute vollendet vor mir liegt, führt den theilnehmenden Leser weiter durch das alte Heimathland des Glaubens, dann zu jenem des wissenschaftlichen Beschauens, endlich aber zurück zu dem Ort des leiblichen Daheimseyns. Indem ich am Schlusse der ganzen Arbeit noch einmal die Bahn betrachte, durch welche mein Reisebericht führt, erkenne ich freilich, lebendiger denn vielleicht irgend ein Andrer, die Mangelhaftigkeit dieses Führers. Denn obgleich es die Quellen vom Hermon und Libanon, von Judäas und Ephraims Gebirgen, dem vorüberrinnenden Bächlein meiner Beschreibungen an Nahrung nicht fehlen ließen, blieb dieses dennoch ein Siechbach, welcher nur zu oft dem Gesetz des Falles unterliegend von der Höhe herab in die dürre Ebene der Alltäglichkeit sich ergoß und hier im Sande sich verlor. Wenn aber auch nicht selten ein Gebüsch der Tamarisken, das am Rande des vertrockneten Gießbaches grünet, die Erwartung des Lesers täuschen sollte, der sich da einem erfrischenden Quell im Haine der Zypressen zu nahen hoffte, möge dennoch der Getäuschte dem alten Reisebeschreiber nicht zu sehr zürnen. Es sind nicht allein die Quellen des Gebirges, die man nach Willkühr aufsuchen und wieder verlassen kann, welche dem dürren Lande sein lebendiges Wasser geben, sondern die Segnungen von diesem kommen am meisten und zunächst aus dem oberen Gewölk, über dessen Erguß und Lauf unser Wille keine Gewalt hat. Und selbst jene Weise der Darstellung, welche dem armseligen Gebüsch der Tamariske aus der Ferne die anscheinende Gestalt der edlen Cypresse verleihet, kam nicht aus der Willkühr des Beschreibers. Die Erinnerung an das vorhin Empfundene und Erlebte ist ein Abendroth, welches selbst die unscheinbaren Nebel der Höhe mit seinem lieblichen Purpur bekleidet, und zugleich auf das Angesicht Dessen der es betrachtet und beschreibt, einen veredlenden Schein wirft, der jenem von Natur nicht zukommt.

Es war anfänglich meine Absicht als Anhang zu diesem letzten Bande meiner Reise ein Verzeichniß von Arabischen Namen der Naturkörper, namentlich der Pflanzen und Thiere zu geben. Dieses war der Grund aus welchem ich die Arabischen Benennungen, auch wo sie mir bekannt geworden, im Buche selber nur selten beifügte. Abgesehen jedoch davon, daß der Inhalt des dritten Bandes selber unter der Hand zu einer größeren Ausdehnung angewachsen war als ich erwartet hatte, und daß ein solches Namensverzeichniß nur für den geringsten Theil der Leser, für welche ich zunächst dieses Buch schrieb, von Interesse seyn würde, hielt ich es nach reiflicherer Ueberlegung auch aus andren Gründen für besser, jenen weitläufigen und dennoch lückenhaften Anhang für eine passendere Gelegenheit zurück zu behalten.

Eine Zusammenstellung unsrer auf der Reise von Kairo bis nach Beirut gemachten barometrischen Beobachtungen sammt den hierauf gegründeten Berechnungen der Höhen verspricht mein verehrter College, +Dr.+ E. A. von Steinheil, welcher dem Geschäft jener Berechnungen freundlich sich unterzog, in den Denkschriften der Münchner Academie der Wissenschaften zu geben. Freilich geht jenen Angaben leider die Sicherheit ab, die sie nur durch correspondirende Beobachtungen erhalten konnten, und von den vier aus München wie aus Wien mitgenommenen Barometern war das einzige, durch +Dr.+ Erdls unermüdete Wachsamkeit noch für den letzten wichtigsten Theil der Reise gerettete, vielleicht nicht einmal das beste; dennoch können unsre Beobachtungen einen vorläufigen Anhalt für die Höhenkenntniß von Palästina geben.

Die hier beigefügte Landkarte, zu welcher mein treuer Reisegefährte +Dr.+ Erdl den Plan von Jerusalem, großentheils nach Catherwood zeichnete, gewährt nur eine allgemeine Uebersicht über die Richtung unsres Weges; von dem Haupt- und Mittelpunkt der ganzen Reise, von der Landschaft Palästina's, wird die hoffentlich bald erscheinende Karte meines Freundes K. von Raumer ein möglichst vollständiges und getreues Bild geben.

Die Auswahl aus den Zeichnungen meines Reisebegleiters, des Herrn Maler Bernatz liegt nun vollendet, in vier Heften, vor. Wenn diese Abbildungen auch keinesweges auf glänzenden Effekt berechnet sind, so kann ich dagegen desto mehr die gewissenhafte Treue rühmen, mit welcher dieselben an Ort und Stelle entworfen sind. Die von mehreren Seiten gerügte Ungleichheit der Abdrücke war nicht die Schuld des in weiter Entfernung vom Druckorte wohnenden Künstlers.

Sehr zu beklagen habe ich, daß mir die vorläufigen Berichte der Herren Robinson und Eli Smith über ihre Reise in Arabien und Palästina (in der Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes) erst nach dem Abdruck des zweiten Bandes meiner Reise zu Gesichte kamen. Ich würde mich sonst ausführlich über die Gründe erklärt haben, aus denen ich noch jetzt, übereinstimmend zwar im Ganzen mit den Wahrnehmungen jener trefflichen Beobachter, zugleich aber auch in Berücksichtigung von Siebers, Catherwoods u. A. Annahmen über den Lauf der alten Mauern von Jerusalem, es für mehr als wahrscheinlich halte, daß die Stätte, auf welcher die h. Grabeskirche erbaut ist, zur Zeit von Christi Kreuzigung außerhalb der Stadtmauern gelegen sey, und daß sie die wirklichen Orte von Golgatha und vom heiligen Grabe umfasse. Uebrigens freue ich mich von Herzen auf das Erscheinen einer Reisebeschreibung, welche so reichhaltig zu seyn verspricht an Aufschlüssen über die Geographie und Naturbeschaffenheit von Palästina denn vielleicht kaum eine andre der neueren Zeit.

Ich bin befragt worden, wie hoch sich wohl die Kosten einer solchen Reise, wie die unsrige war, belaufen möchten? Hierauf kann ich antworten, daß wenn eine kleine Gesellschaft, etwa der unsrigen an Zahl der Personen gleich, denselben Weg einschlagen wollte, den wir zurücklegten, die Ausgaben für eine Person beiläufig 900 Thaler Preußisch oder nahe 1600 Gulden rheinisch betragen möchten; daß man aber bei der jetzigen Einrichtung der Dampfschiffahrt gar wohl mit etwa 800 Gulden die Reise von Triest nach dem gelobten Lande, dann durch ganz Syrien und von dort zurück nach Triest machen könnte. In der That, gering und unbedeutend waren die äußren Opfer, Entbehrungen und Mühen, welche diese Reise erforderte, gegen den Genuß und Gewinn welchen sie uns brachte; denn wir wurden im ganzen Verlauf derselben wie auf Adlersfittichen geführt und bewahrt; selbst die Wüste gewährte uns Freuden, welche im Geräusch der Städte kaum gefunden werden.

Pähl im Ammergrunde am 28sten August 1839.

Der Verfasser.

Inhalt des dritten Bandes.

=I. Wanderungen durch Palästina und Syrien S. 1 bis 384.=

Das Ausruhen S. 1, 2; Pilgerheimweh 3, 4.

~Bethlehem, Thekoa und St. Johann~ S. 5-56. Reiseplan 5, Anfang des Weges nach Bethlehem 6, Brunnen der Magier, Kloster des Elias 7; geographische Frage 8; Rahels Grab 9; eine geistige Aehrenlese 9, 10; Armuth der jetzigen Bethlehemiten 11; ihre Geschäftigkeit und künstlichen Handarbeiten 12-15. Freundlicher Wiederempfang im Kloster 16; die Grotte der heiligen Geburt, nebst historischen Erörterungen über dieselbe 17, 18; die Kirche +Mariae de praesepio+ 19, die Krippe 20; Grotte des St. Hieronymus so wie der St. Paula und Eustochium 20, 21; Kapelle der unschuldigen Kindlein 21; Grotte der Bergung 22. Wandrung nach Thekoa; Wadi Ehretoun 23; Verirren zwischen den Trümmern von Thekoa 24; das wahre Wort der Weissagungen 25; Trümmer der Christenkirche 25, 26; Aussicht über die Umgegend 27, 28; Abendbrod bei den Hirten 28, 29. Das Labyrinth 30; ein Ort der Lobgesänge 31, 32; der Frankenberg 33; Feld der Hirten 34; Abschied von Bethlehem 35. Zweiter Besuch in »Salomons Gärten« 36; Salomo's Teiche 37; der Quell 38; St. Georg 39; Baitschallah und seine Wasserträgerinnen 40, 41. Das Thal von St. Philipp 42-44. Beschwerlicher Gebirgsweg 45; Aussicht vom Berge 46-48; Ankunft in St. Johann 49; das Terebinthenthal 50; Freundliche Wohnstätte 51. St. Johann in der Wüste 52, 53. Der Klostergarten 54; Kloster des h. Kreuzes 55; Heimkunft nach Jerusalem 56.

~Neuer Aufenthalt in Jerusalem~ S. 56-67. Soldatenroheit 57. Besuch bei der Sakharamoschee 58; Beschreibung ihres Aeußren 59, 60; Aussage eines Augenzeugen über ihr Innres 61, 62; Nachtwache in der h. Grabeskirche 63-67.

~Reise nach dem todten Meere und Santa Saba~ S. 67-103. Voreiliges Verirren 68, 69; Ruinen in Süden von Bethanien 70; Brunnen der Apostel 71; wüste Gegend zwischen Jerusalem und Jericho 72; das Mordthal; der Berg der Versuchung 73; Thalkluft des Elisabaches 74; Ruinen und Stätte von Jericho 75; Nachtlager beim Dorfe Richa 76, 77; historische Erinnerungen 78: an Gilgal 79; Obdach des Feigenbaumes 80. Morgengedanken 81; der Jordan 81-84. Der Weg nach dem todten Meere 85; sein Wasser 86; seine tiefe Lage 87, 88; Beschaffenheit der Ufer 89, 90; Erinnerungen an die Geschichte der Umgegend 91, 92; ökonomische Verlegenheit 92; ein Englisches Fahrzeug 93. Brandstätte der Natur 94. Mohamedanische Sagen 95. Die Wüste der Einsiedler 96; gefahrvoller Felsenpaß 97; die Klosterveste von St. Saba 98; Grotte des heiligen Saba 99; andre Sehenswürdigkeiten des Klosters 100; Abendliche Stille 101; nächtliches Geläute 102; Rückkehr nach Jerusalem 102, 103.

~Naturgeschichtliche Bemerkungen~ S. 103-122. Eigenthümlichkeiten der Lage und des Klima's von Jerusalem 103-107; herrschende Gebirgsarten 108-110; natürliche Fruchtbarkeit von Palästina 111; Flora 112-116; Fauna 117-120; Großes im Kleinen 121, Abschied 122.

~Reise nach Sichem und Nazareth~ S. 122-221. Abreise von Jerusalem und Rückblicke 122, 123. Verlegenheit des Forschers der Oertlichkeiten 124; Thal Ajalon und Beeroth 125; Ruinen daselbst 126; Gebirge Ephraims 127; Jabrut 128; Nachbarschaft von Bethel 129; Nachtlager in Sindschil, Aussicht nach Silo, Erinnerungen an das Land der Kindheit 130-132. Nachtlager im Freien 133. Verlust durch Diebstahl und ungerechter Verdacht 133, 134. Das Thal von Libna 134; Sawia 135; Thal von Howara 136. Anblick des Garizim 136; Thal von Sichem oder Nablus; Jacobsbrunnen 137; Josephs Grab 138. Die Festlichkeiten der Mohamedaner am Moharremfeste 139, 140; Tag des Aschura 141. Jetziger Zustand von Sichem 142; das Griechische Pilgerhaus 143, 144. Der Abhang und die Höhe des Garizim 145; Gartengesellschaften 146; Eleasars Grab 147, der alte Stadtthurm mit seiner Aussicht und seinen Erinnerungen 147-149; Justinus Martyr der Sichemit 150, 151. Nochmaliger Besuch bei dem Brunnen der Samariterin und bei Josephs Grabe 152-154; schlechtes Nachtlager 154; Abreise aus Sichem 155; Samaria 156; Herodes und St. Johann der Täufer 157; Ruinen der Johanniterkirche 158; Reste der älteren Tempel und Paläste 159, 160; Geruch des Todes 160. Stätte von Bethulia 161, Nachtlager bei Dschennin 162. Das Gefilde Esdrälon und die Gebirge Gilboa's 163; Hinblick auf die Stätte von Jesreel, Taanach u. f. 164; Fernansicht des Thabor und des kleinen Hermon 165. Fruchtbarkeit der Ebene von Jesreel 166; der Kison und die Berge von Nazareth 167. Ankunft im Kloster während eines heftigen Sturmes 168; Betrachtung der Umgegend von Nazareth und der Stadt selber 169, 170; Kirche der Verkündigung, Brunnen der Maria, Haus des Joseph u. f. 171. Der Weg nach dem Thabor 173; auffallender Umriß des Berges 173; Dabury 174; die reiche schöne Natur des Gipfels und die Aussicht von demselben 175, 176. Zertrümmerte Bergveste mit dem schlafenden Einsiedler 177, 178; Erinnerungen welche der Anblick des Thaborgipfels und die Aussicht hinab auf das Schlachtfeld von Hittin weckt 179. Kurzer Ueberblick über die Geschichte der Kreuzzüge: innrer Grund ihres Entstehens 180, 181; der trübe Winterstrom ihres ersten Hervorbrechens 182, 183; mannichfache Entartungen auch des besseren Anfanges 184-186; ritterliche Kraft und Tapferkeit 187-189; unverkennbare Bezeugungen eines christlichen Heldenmuthes und gottbegeisterten Sinnes 190-195; das Leben aus dem Tode 196-198. Tröstliches Naheseyn 199. Die Ruinen auf dem Thabor 200; Heimweg nach Nazareth 201, 202. Der Weg nach dem Carmel; St. Giacomo 203; das Dorf Geida und der Tell Scheikh Beraik 204; das grasreiche Kisonthal und der Umriß des Carmel 205; die Eliasschlacht und die Stätte des Opferaltars 206, 207; Kaipha 208; der Bazar 209. Das neue Klostergebäude am Carmel 210; seine schöne, vortheilhafte Lage zur Aufnahme von neuen Ankömmlingen aus Europa 211; die Flora der Umgegend 212; Aussicht 213; Europäisch-stattliche Einrichtung im Innren des Klosters 214. Die neue Kirche und ihre Kunstwerke 215. Akre oder Akko 216, 217; Atlit und andre Orte der Nachbarschaft 218, 219; der Padre Matteo; Heimkehr nach Nazareth 220; Abschied von da 221.

~Reise von Nazareth nach Damaskus~ S. 221-276. Weg nach Cana in Galiläa 221, 222; die Ebene von Hittin und die Geschichte des 4ten Juni 1187 223-230. Der Kesselrand des Tiberiassees, angebliche Stätte der Speisung 231. Tiberias in seinem vom Erdbeben schadhaften Zustand 232, 233; die hiesigen Israëliten 234, 235; die Trümmer aus Römischer Zeit 236; der See und seine günstige Lage 237, 238; die warmen Heilquellen 239; bedeutungsvolle Umgegend des Sees 240. Allgemeines Verirren 241, 242; Nachtlager am See 243; eine Nachfeier des Auferstehungsfestes 244, 245; der rauchende Bach 247; ein ungestümer Bettler 248, 249. Magdala 250; Nachbargegend des alten Capernaum 251, 252. Der Josephsbrunnen 253; Aussicht auf Saphet 254; Dschebel Szafad 255; die Jacobsbrücke 256-260; nächtliche Ruhe und Unruhe 260, 261. Fortsetzung der Reise über den hohen, östlichen Jordansrand 261; Eichen von Basan 262; eine Landschaft von Ituräa 263; Nowaran und Tell el Khanzyr 264; die Gegend der Phialaquelle und von Kanneytra 265, 266; Sturmwind und nothgedrungene Frugalität 267, 268; kaltes Nachtlager auf der Heide 268, 269. Der Geburtstagsmorgen 269, 270; Sasa 271; die öde Hochebene 272; Nachtlager bei dem Khan el Scheikh 273. Das Dorf Kokab 274; Wettrennen der Mucker 275; Ankunft im Lateinischen Kloster von Damaskus 275, 276.

~Damaskus~ 276-305. Beschreibung des ersten Eindruckes in der Bildersprache des Orients 276-279; die Mystik des Orients 279, 280. Leibliches Freudegefühl 280, 281. Frühere Undultsamkeit der Bewohner von Damaskus gegen die Franken 281; jetzige Dultsamkeit 282. Klima und Cultur des Bodens der Umgegend 283-286. Der Kasiunberg, und seine Sagen 286, 287; Saladins Grab; die Moschee der Ommiaden 287; christliche Erinnerungen 288. Damaskus das Madrid, wie Kairo das Paris des Morgenlandes 289; das Alter von Damaskus und die Züge seiner Verwandtschaft mit den Städten des abgelegneren Ostens 290; Größe und Bauart 291; das Gemisch der Bewohner 292; Veranlassung zur gehässigen Verstimmung der hiesigen Mohamedanischen Bewohner gegen die Christen 293; kräftige Gewerbthätigkeit der Damascener 294, 295; Vorsorge für künftige Reisende 296. Nähere Betrachtung der hochberühmten Moschee der Ommiaden die zuerst ein Tempel der Juno war 297, 298; andre Bauwerke und Erinnerungszeichen des heidnischen wie des christlichen Alterthumes 299, 300. Die Charfreitagsfeier der orientalischen Christen 300, 301. Kaffeehäußer von Damaskus 301. Ein verborgner Edelstein 302, 303; allerhand Bekanntschaften 303; Salehieh und Mr. Farren 304.

~Reise von Damaskus nach Beirut~ S. 305-350. Verstimmung der Seele durch kleinen Anlaß 305, 306. Der Findschaquell 307; glücklich vorübergegangene Gefahr 307; Lieblichkeiten der Gegend; Thal des Barrada 308; das Dorf Hhassenie; Nebi Abel mit Abels vermeintlichem Grabe 309, 310; El Suk mit den Ruinen seiner Nachbarschaft 311. Das Nachtlager auf dem Naßfeld 312. Zebdeni, Weg über den Antilibanon 313; Nachtlager in einem Kirchlein von Zarain 314, 315. Das Thal der Thäler 316. Marco Polo's Paradies der Assassinen 317; Steinbruch von Baalbeck mit seinen riesenhaften Werksteinen 318. Der Bischof von Baalbeck und seine Wohnung 319, 320. Betrachtung des jetzigen Baalbeck und seiner natürlichen Lage, mit Rückblicken auf seine Geschichte 321-325. Kurze Beschreibung der Ruinen des Sonnentempels und des Pantheons 326-331. Lord Lindsays Briefe und Vergleich von Baalbeck mit Palmyra 331, 332. Sterbegedanken des Heidenthumes 333; der Festvorabend unter den Ruinen 334. Theilung der Reisegesellschaft für mehrere Tage 335; Rückblicke auf die alten Herrlichkeiten von Baalbeck 336, 337. Der Weg durch das Bekaa; Begegnen einer wandernden Turkomannenhorde 338. Quellen des Leontes; Dschebel Sanin; vornehmer Reuter 339. Gastmahl der Bewohner von Kerak im Freien 340; Noahs Grab 340, 341. Ankunft in Sachile; freundlicher Empfang im dortigen Maronitenkloster 341. Der Nachmittag des Himmelfahrtsfestes unter blühenden Rosengebüschen; langentbehrtes Geläute der Vesperglocken 342. Herzliche Theilnahme der christlichen Bewohnerinnen von Sachile an den beiden Fränkischen Pilgerinnen 343; Fleiß und christlicher Eifer der Einwohner von Sachile 344. Fröhliche Abendtafel im Kloster 345; Feuersgefahr 346; Abschied von Sachile und vom Anblick des Quellgebirges des Jordans 347; der Dschebel Riehan und die Aussicht von seinem Gipfel auf das Meer 347. Nachtlager auf dem Dache des Khan Hussein, Umgegend des Khans 348, 349. Ungesetzlicher Durst eines Derwisches 349. Ankunft der einen Abtheilung der Reisegesellschaft in Beirut 350.

~Reise zu den Cedern des Libanon, beschrieben von +Dr.+ Johannes Roth~ S. 351-375. Schwierigkeiten der Reise, gleich nach den ersten Stunden durch das Erkranken des Maulthiertreibers erhöht, der die Reisenden geleiten sollte 351; Umwege, durch die Schneemassen geboten 352; Wildheit und erhabene Naturschönheit der Gegend 352, 353; seltsamer Holztransport 353. Die Schneemassen in der Nachbarschaft des Dschebel Makmel 354; erhebende Aussicht auf die Ferne, niederschlagende auf die Nähe 355; Rückerinnerung an eine Bergfahrt am Sinai (eine Episode) 356. Gefahrvolles Hinabsteigen 357; Nachtlager auf der kalten Höhe 358. Ein freundlicher Geleitsmann aus dem Dorfe Hosran 359. Das Thal und der Hain der Cedern 360, 361. Das Heiligthum des Waldes 362; Flora der Gegend 363; gastfreundlicher Empfang in Betscherri, beim dortigen Scheikh 363; +Dr.+ Gaëtano Gaëtani; erquickliche Nachtruhe unter dem gastfreien Obdach des Scheikh 365; die Gegend und ihre Bewohner 365. Ankunft in Eden; seine Lage 366. Liebevolle Aufnahme und Bewirthung im Hauße des Schech Petrus von Eden 367-370; Nachtlager in Sibbaihl beim Schech Tobia 371; Weg hinab nach der Küstengegend von Tripolis 372, 373; Nachtlager bei Batrun, Ankunft in Beirut 374.

~Beirut~ 375-390. Vergleich des Lebens der Reise durch die Wüste und durch Palästina mit dem in einem Europäisch eingerichteten Gasthofe 375, 376. Freundliche Vorsorge aus der Ferne; Gefälligkeiten des Griechischen Consuls Thesee 377; Lage und natürlicher Reichthum von Beirut 377-379; die Bewohner und ihre Beschäftigung 380, 381. Ein St. Simonist 381. Erfreuliche Bekanntschaften und geistige Genüsse in Beirut 381, 382. Das Griechische Maienfest 383; unerwartetes Wiedersehen 384; Wahl der Schiffsgelegenheit 385. Die Feier des Pfingstfestes im fernen Lande 386, 387; Reste des alten Berytus 388. Eine mannichfach geartete Schiffsgesellschaft 389; Sehnsucht nach der Abreise 390.

=II. Reise nach Griechenland S. 391-514.=

~Die Seefahrt nach Patmos~ S. 391-443. Die Qualen der Ungedult 391; die Einrichtung des Schiffes 392, 393; dankbarer Abschied 394; die erste Nacht im Schiffe 394, 395; letzte Ansicht des heilen Landes 395. Unterhaltungen auf dem Meere 396; Annäherung an Cypern 397; seine Gebirge und sein natürlicher Reichthum 398, 399; Landen und Einkäufe bei Limasol 400. Das wechslende Glück der Seefahrt 401, 402; eine Schule der Gedult 403; Windstöße und Windstille 404; Mangel und Sturm 405; vergebliche Versuche in den Hafen von Castell rosso einzulaufen 406. Die genußreichen Rasttage in Cacamo 407; die Nekropolis des Ortes 408; Gespräche mit griechischen Matrosen und Pilgrimen 409; der Sabbathvorabend bei den Gräbern 410; Lebensrettung der Syrischen Ziege 410. Sonntagsstille und Sabbathsgenuß in der grünenden Einöde der Felsen 411-414. Abfahrt von Cacamo und neuer Kampf mit den Elementen 415, 416; Anblick der Tauruskette und der Ruinen von Patara 416, 417; eine Geburtstagsfeier auf dem Meere 417, 418; eine fremde Weininspection 419; Annäherung an Rhodos und Symi bei täglich mehr sich steigerndem Mangel im Schiffe 419, 420; ein kärgliches Sonntagsmahl 421. Ein günstiger Wind der sich zum Sturm verstärkt 421, 422; ein Gewitter auf dem Meere 422. Ein Nachtgespräch der Seele 423; Annäherung an Patmos 424; Zeitvertreib mit Sagen des Volkes 425; Einlaufen in den Hafen der Insel und Lob der billigen Quarantäne 425; Erquickung nach langer Noth und Hinaufsteigen nach der Stadt 426; die Grotte des Apostel Johannes 427; das Kloster des h. Kristodulos 428; das gastfreie Haus des Kapitäns 429. Naturgeschichtliche Bemerkungen über die Insel 430-432. Aerztliche Thätigkeit des +Dr.+ Roth in Patmos 433. Christliche Erinnerungszeichen 433, 434. Edle Natur und Sitte der Bewohner der Insel 434-436. Verhältniß zur jetzigen Türkischen Oberherrschaft 436. Ueberzahl der Frauen 437. Die frühere Nebenbestimmung des Klosters zum Zufluchtsort der Bewohner und ihrer Güter 437, 438. Der Lug ins Land 438. Wanderungen und Abschiedsbesuche am vorletzten Tage des Aufenthaltes 438, 439. Stille Feier eines Festvorabends in der Grotte der Apokalypse 440; der ländliche Feiertag 441. Der nordwestliche Hafen 442; Abschiedsgesang und Abschiedsgedanken 443.

~Fahrt von Patmos nach Syra und Athen~ S. 443-514. Lebewohl 443; neue Ungunst der Elemente 444; Anblick von Amorgos und Mykonos, gefährliche Nachbarschaft der Felsen-Stiere 445; das Kreuz des Kreuzens 446; Anblick von Stenosa und Naxos 447; Paros und Delos 448, 449; Tenos 450. Ankunft im Hafen von Syra 451; die fremden Segel- und Dampfschiffe 452. Besuch von Landsleuten 453. Ein gefährlicher Anstoß 453, 454. Auszug aus dem Schiff in die Landquarantäne 454. Beschreibung der neuen Wohnstätte 455; unser Leben in der Quarantäne 456-458. Eine Illumination 459; Hineinziehen in die Stadt und gastfreundliche Aufnahme in derselben 460. -- Die Volksschulen in Syra und der in ihnen herrschende Geist 460-463. Hildner, Sandersky, Robertson 464. Abreise von Syra in einem kleinen, Griechischen Segelboot 465; Ausfuhr aus dem Hafen 466; der förderliche zugleich aber unbequeme Seitenwind 466; Anblick von Seriphos, Serpho-Pulo und Thermia 467; Ceos 468; Euböa und das Vorgebirge Sunium 469; Aegina Fernanblick der Akropolis von Athen, Einlaufen im Piräus 469, 470; ein neuer Gastfreund 471. Annäherung an Athen; Vergleich desselben mit Jerusalem 472, 473, so wie der vormaligen Bewohner beider Städte 474. Athens Auferstehen aus der Asche 475. Zustand der Stadt und ihrer Bewohner vor der Griechischen Revolution nach dem Bericht eines zuverlässigen Augenzeugen 475-477. Erster Eindruck des jetzigen Athens 477. Freundliche Bewillkommnung im Hauße des Collegienrathes Brandis 478. Spaziergang am ersten Abend 479; Stätte des Areopagus; Gefängniß des Sokrates 480. König Otto von Griechenland 481-483; die junge Königin 483. Ignaz von Rudhart 484-488. Die Akropolis 489; Trümmer der Propyläen 490; Thurm des Odysseus; Tempel der Nike apteros 491; der Parthenon 492; Aussicht von seinem Gemäuer 493; das Erechteion 493; Stätte des Theaters; Ausgrabungen bei und innerhalb der Akropolis 494; Stätte des alten Odeions so wie des Museions; Denkmal des Philopappus 495; Rednerbühne der Pnyx, 496; der Pantheon oder Olympieion 496; Tempel des Theseus, Thurm der Winde, alte Mauern des Hafens 497; das Stadium des Herodes Attikus mit dem Begräbnißplatz der Fremden 498. Deutsche Einwandrer und Soldaten 498, 499. Das eigentliche Volk von Athen 499. Ein alter Schulfreund 500. Feier des achten Juli; der naturhistorische Verein von Athen 501. Reichthum der Umgegend an fossilen Thierüberresten; die Anlage des botanischen Gartens 502. Leibmedikus Röser 503; genußreiche neue und alte Bekanntschaften 504, 505; philologischer Verein 505. Besuch bei der Stätte der alten Akademie 506; Wanderung auf den Pentelikon 507; am Ilissus 508. Abschied von Athen 508, 509. Abreise mit dem Postschiffe, zurück nach Syra 509, 510. Bekehrungseifer des Mönches vom Sinai 511, 512. Eine Landparthie 513; Abschied von Syra 513, 514.

=III. Die Heimreise S. 515-576.=

~Fahrt nach Livorno~ 515-552. Vergleich des Dampfschiffes mit dem Segelschiff 515, 516; das Dampfschiff Minos 517; Ansicht von Melos 518, 519; die Küstengegenden von Lakonien 520; Cerigo 521; Vorgebirge Tänarium 522, 523; Stätte von Känopolis 524; geistiger und leiblicher Fernblick auf die Stätte von Olympia 525; Malta 526; die hiesige Quarantäne 527; Besuche von Freunden, mißliche Aussicht auf die Weiterreise 528; Bedenklichkeiten aller Art und vergebliche Streitigkeiten mit dem Kapitän des Minos 529; nothgedrungener Entschluß mit dem schadhaften Dampfschiff Sesostris weiter zu gehen 530; unangenehme Verzögerung der Abfahrt 530, 531; nächtliche gefährliche Ueberfahrt nach dem Sesostris 531; Ankunft auf diesem 531, 532; Annäherung an Sizilien 532, 533; die Ostküste der Insel 533; abendliche Beleuchtung der Gebirge 534; der Aetna 535-537; Taormina 537; Reggio und Messina 538, 539; Scylla und Charibdis 540, 541. Die Liparischen Inseln und der Stromboli 542-544; Fernansicht von der Küste von Kalabrien; Vorgebirge Palinuro und Posidion 545; Gegenden von Pästum und Salern; die Bucht von Neapel 546; Kurzes Verweilen bei Civita vecchia 547. Erste Vorüberfahrt an Elba 548; ein heftiger Seesturm 548, 549; zweite Annäherung an Elba 549; vergeblicher Versuch, im Hafen von Porto lunghone zu ankern 549; Ausruhen in Porto rio 550, 551; Ankunft auf der Rhede von Livorno 552.

~Die Quarantäne in Livorno~ S. 553-565. Zustand des Quarantänegefangenen 553; freundlicher und unfreundlicher Empfang 553, 554; Beschreibung des fünfwöchentlichen Aufenthaltsortes 555; die Mitgefangenen 556; Benutzung des leeren Raumes 557; Tagesordnung 558; Tageslast und nächtliche Sorgen 559; Beschäftigung und Unterhaltung 560; unterhaltende Nachbarschaft 561; Erweisungen gastfreundlicher Liebe 562; Cholera-Scherz und Ernst 563; Sonnenschein und Sturm 564; günstigere Aussicht 565.

~Reise über Florenz nach München~ S. 565-576. Zuspruch in der Stadt 565; Pisa und die beiden Savi 566. Florenz die blühende Jungfrau unter den Städten Italiens 567; Tagesordnung und tägliche Genüsse 568. Ein innres wie äußres Werk der Baukunst 568, 569. Wiedersehen von St. Croce und andern Denkwürdigkeiten der Stadt 569-571; Fülle der Kunst und Natur 571, 572. Ein andres Wiedersehen 573. Das gesegnete Haus des Herrschers 573, 574. Eine unerwartete Reisegesellschaft 574, 575. Bologna und Mantua 575; fröhliches Annähern an den heimathlichen Wohnsitz und Ankunft in München 576.

=I. Wanderungen durch Palästina und Syrien.=

Ich kenne ein Krankseyn, nicht des Leibes, sondern der Seele, das mir immer, vor allen Arten des Krankseyns wunderlich und geheimnisvoll erschien: sein Name ist ~Heimweh~. Dieses bittersüße Wehe hat mich befallen da ich noch Kind war; es hat mich öfters, mitten im raschen Laufe der Jünglingsjahre ereilt, hat mich besucht bei der Arbeit der männlichen Tage und nicht verlassen in der Zeit des heranrückenden Alters. Soll ich mit wenig Worten sagen was ich vom Heimweh weiß, dann nenne ich es ein sehnliches Verlangen nach Frieden, nach dem Stillseyn und Ausruhen aller Kräfte des Leibes und der Seele von dem Drang der Wünsche, von dem Treiben des Begehrens.

Hat doch schon jedes alltägliche, leibliche Ausruhen, nach vorangegangener Mühe und Arbeit eine Süßigkeit, welche, noch ehe man ihrer genoß, das Sehnen wecket, und auf die, wenn sie vorüber ist, das Verlangen oft und gern zurücke blickt. Wenn wir darauf merken, bei welchen Stunden einer gewöhnlichen Wanderung über Berg und Thal die Erinnerung am liebsten verweile, zu welchen sie mit der höchsten Lust zurückkehre, finden wir dann nicht: es sind die Stunden der Frühe, in denen der Leib, durchdrungen von den Kräften ~der Ruhe~ seine Füße aufhub zum Gang durch die grünenden Auen, und noch mehr die des mittäglichen Ausruhens im Schatten der Bäume, in deren Zweigen die Cicade sang, vor allem aber am meisten, mehr denn die Stunden der Frühe oder die des mittäglichen Ausruhens sind es jene des Abends, nach denen die Erinnerung gern sich hinwendet. Jene Stunden der stillen Rast, da sich der ermüdete Leib am Bache des Thales, bei der Wohnung der Hirten erquickte, während die Sonne hinter der Felsenwand der Alpen hinabgieng und mit dem Ton der Vesperglocke zugleich das Lied der Steindrossel ertönte. Wie das Eisen, das man, eben noch glühend ins frische Wasser tauchte, hier zum festen Stahle ward, so sind auch die Erinnerungen aus den heißen Stunden des Tages während denen die innre Freudigkeit verstummt war, erst durch jene Weihe, welche die Stille des Abends über sie ergoß, zu einem feststehenden Gut und Genuß der Seele geworden.

Und dennoch, was ist alles leibliche Ausruhen; was ist selbst die friedliche Stille auf der Höhe und im Thale der Alpen, die Ruhe der Liebe im Haus der Eltern, nach welcher das Heimweh des Schweizers sich sehnt und abhärmet? Sind sie doch alle bloß ein Schattenbild von jener Sabbathsruhe des Geistes, welche dem ritterlichen Kampfe des Lebens verheißen ist, und welche Der kennet, der sie erfuhr.

Auch das Ausruhen in Palästina und bei Zions Burg, nach den Mühen der Wüstenreise, war zuletzt nur ein Schattenbild des lebenskräftigen Urbildes, aber dennoch ein solches, dem in besondrer Stärke ein Vorschmack innen wohnte, von den Süßigkeiten einer Ruhe, welche künftig seyn wird. Denn als der Wandrer dort verweilte bei der »Stadt des großen Königes,« im Thale der Oelbäume, war es da nicht öfters als ob Salems Thor sich aufthäte und aus ihm hervorträte jener König des Friedens, Melchisedek, ein Priester Gottes des Höchsten, der auch über ihn, den Pilger im Thale, die Hände segnend aufhub? War es nicht, mitten in der Unruhe der Zeit, ein stiller Frieden der Ewigkeit, der sich zuweilen dort, am Fuße des Oelberges, in das Herz ergoß, wenn Leib und Seele sich freueten in dem lebendigen Gott und der Geist ausruhete vor Seinem Nahen? Und ob mich auch nun, im Obdache des leiblichen Vaterlandes nicht selten besuchet das Gefühl des innren Friedens, so ergreift mich dennoch ein Sehnen des Heimwehes, wenn ich deiner gedenke, du hehres Land, das ich nur wie mit der fliehenden Eil eines Zugvogels durchwandelte; deiner du Jordan und Thabor, deiner du hochgebautes Jerusalem. Selbst der Traum der Nächte führt mich, dem hohen Nebo, Mosis Grabe gegenüber, an die Ufer des todten Meeres, aber dieses erscheint dann nicht mehr als ein todtes, seine Fluth ist wie von einem Odem des Lebens mächtig bewegt, sein Wasser von Schaaren der buntfarbigsten Fische durchwebt.

Es war nicht das Wehen des Abendwindes, im Wipfel der Palme am Morija, nicht der Duft und die Farbenpracht des Landes der Lilien, im paradiesisch schönen Gefilde Esdrälon, nicht der Wald der blühenden Granatbäume bei Nazareth oder das Rauschen der silberklaren Bäche vom Felsen herunter, in der Heimath der Turteltauben bei Magdala am Tiberiassee; nicht die hehre Aussicht vom Carmel oder vom Libanon, was in meine Seele den Keim zu jenem tiefen Heimweh, zu dem Sehnen nach dem Wiedersehen des Landes der Verheißungen legte. Mit dem Hauche des Windes der am Abend über Josaphats Thal und des Oelberges Abhang sich aufmachte, wehete meiner Seele noch ein andrer, höherer Odem des Lebens an, als jener, der im irdischen Luftkreise liegt; der Thau vom Hermon, wenn er, über Nains Stätte, da der Herr den Sohn der Wittwe aus des Todes Schlaf erweckte, herabsank auf Jesreels Lilienthal oder in das Myrtengebüsch bei Nazareth, war von andren Kräften der Erfrischung durchdrungen, als das gewöhnliche, leibliche Wasser sie einschließet; das Rauschen der Wellen des Sees und die Stimme der Waldtauben bei Tiberias und Magdala sprachen nicht nur, wie andre Naturtöne dieser Art von den Lieblichkeiten dieses Landes, sondern zugleich vor den Entzückungen des Petrus und Johannes, als nach der vergeblichen Arbeit der Nacht der Herr, der Sieger aus des Grabes Nacht, hier am Ufer des Sees ihnen erschien; oder von den Freuden des Wiedersehens der Magdalenerin, da sie klagend den heiligen Leichnam, der nicht mehr im Grabe war, aufsuchte. Darum du Heimweh nach dem Lande, in welchem meiner Seele Loblieder geboren wurden und Gedanken des innren Lebens, wie der Thau aus der Morgenröthe, will ich deine Schmerzen wie ein Kleinod in meinem Herzen tragen und bewahren, denn aus ihnen soll mir geboren werden und immer besser sich entfalten ein Heimweh der andren, höheren Art, das die Seele hinanziehet, wie auf Taubenflügeln, zu einer Stätte, aus welcher ferner kein Hinwegscheiden seyn wird.

Bethlehem, Thekoa und St. Johann.

Wir verlassen jetzt mit der Beschreibung unsrer Reise Jerusalem, zu welchem wir später noch zweimal zurückkehren. Die erste Auswanderung aus der werthen Stadt führte uns gen Süden, nach Bethlehem und Thekoa, dann durch manches Thal und über steiles Gebirge, vorüber an den Gärten und Teichen Salomons nach Baitdschalla, an jene Stätte da der Engel des Herrn Sanheribs Heer schlug; von hier durch den fruchtbaren Grund von St. Philipp und dann nach jenen Gegenden des Gebirges Juda, in denen die Trümmer des hochgebauten Modin der Makkabäer herabschauen auf das Thal der Terebinthen, das in Israëls Geschichte durch Davids Sieg über den Goliath verherrlicht ward, und in dessen Nähe die Andacht der späteren, christlichen Jahrhunderte die Orte verehrt, da St. Johann der Täufer geboren ward und in der Wüste sich enthielt, bis daß er hervortreten sollte zu dem Volk (Luc. 1, V. 80).

Den Wanderern durch diese Gegenden ergehet es wie einem Liebenden, welcher ausgehet den Freund zu suchen, der über den Weg der Felsen vorangieng. Der Freund hat zum Zeichen, daß sein Fuß hier wandelte, bald hier bald da dem Gestein die Zeichen seines Namens eingeschrieben; dort wo er weidete, wo er ruhete am Mittage; ein jedes dieser Zeichen weckt das Sehnen der Liebe, das Sehnen Ihn zu finden, bis die Seele des Wandrers es innen wird, daß der Gesuchte nahe sey; denn das was sie vernimmt in ihrem Innren das ist die Stimme ihres Freundes.

Der fünfte April war zur Reise nach Bethlehem bestimmt, wir mußten für diesmal zwei unsrer lieben Reisegefährten in Jerusalem zurücklassen, denn +Dr.+ Roth war von einem fieberhaften Krankseyn befallen und Freund Erdl mit dem Arabischen Knechte blieben als Pfleger bei ihm.

Es war ein herrlicher Morgen, da wir drei, der Maler Bernatz und ich mit der Hausfrau, bald nach Sonnenaufgang uns zu Fuße aufmachten, während die andren Gefährten noch der Lastthiere warteten. Auf Ben Hinnoms Thale und Gihons Teiche ruhete der Schatten; als wir, zur Rechten vom Berge des bösen Rathes, die Höhe betraten, umleuchtete uns der Schein der Morgensonne. Der Himmel war so klar und durchsichtig, daß es dem innren Auge schien als könne es da hindurch und hinanblicken nach der Urstätte jener leiblichen Verherrlichung, die sich vormals in Jerusalem und Bethlehem zur Natur des Menschen herabließ, und welche, wenn auch für längere Zeit aufgehoben und abgeschieden von der Stätte ihres irdischen Erscheinens, dennoch zu dieser einst wiederkehren wird.

Wir hatten den Weg von Jerusalem nach Bethlehem schon einmal gemacht; damals aber, im Anblick der Stadt, welche der Reise Ziel war, ergieng es uns wie Jenen, denen die Sonne ins Angesicht leuchtet, und die vom Glanze der Herrscherin geblendet, das was zur Rechten und Linken liegt nicht bemerken. Heute sahe das ungeblendete Auge auch das minder Glänzende und Nahe. Die Höhe, über die man von Jerusalem nach Bethlehem hingehet, hat zu ihrer Linken das Thal Rephaim, oder der Riesen, in dessen grünende Tiefe man am ungehemmtesten erst in der Nähe von Bethlehem hinabschaut; zur Rechten senkt sie sich nach dem Fuße des Höhenzuges, an dessen Abhange Baitschalla liegt: die Grabstätte von Sanheribs Heere. Nahe am Wege, zu unsrer Linken, sahen wir mehrere alte Gemäuer, unter ihnen vielleicht die Kapelle Habakuks, ein Bauwerk aus der christlichen Herrscherzeit des Landes. Da wir zum Brunnen der drei Könige kamen, begegneten uns einige Bethlehemitische Christen. Sie schienen nicht vorauszusetzen, daß uns die heilige Sage von diesem Orte bekannt sey und was uns in der Wortsprache der Leute vielleicht noch unverständlich hätte bleiben können, das wäre schon durch die Zeichensprache erläutert worden, denn mit den Händen zeigten sie gegen den Himmel, wo der Stern, der den Weisen hier von neuem erschien, über der Stätte von Bethlehem glänzte.

Ohngefähr in der Mitte des nur zweistündigen Abstandes zwischen den beiden irdischen Hauptstädten der Geburt und des Endes stehet, auf dem Rücken des Bergsattels, das sogenannte Kloster des Elias, von griechischen Mönchen bewohnt. Hieher hatte die Sage, die sich im Kloster erhält, jene Stätte (die freilich jenseits Bersaba lag) versetzt, bei welcher sich der gewaltige Thisbite, vor Jesabel fliehend, unter das Gesträuch setzte und bat, daß seine Seele stürbe, denn, so sprach er: »Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.« Jene Stätte wo den Schlafenden unter dem Gesträuch der Engel des Herrn mit einem Brod und Wasser stärkete, dessen Kräfte zum Lauf über einen großen Weg ausreichten[1]. In der Nähe von hier überblickt man gen Norden die Stadt und Umgegend von Jerusalem, gegen Süden hin Bethlehem. Hätten wir damals gewußt oder bedacht, daß auch nur noch der leiseste Zweifel darüber herrschen könne, ob Bethlehem von Jerusalem südöstlich oder südwestlich liege[2], dann wäre es uns an dieser Stelle leicht gewesen die Frage zu entscheiden. Ich läugne es nicht, daß ich, wenn ich meiner Erinnerung folgen wollte, mich für die erstere Meinung erklären müßte. Denn obgleich von Jerusalem aus der Weg anfangs südwestwärts über Ben Hinnoms Thal zur Höhe führt, lenkt er sich dennoch auf dieser selber nach Süden und zuletzt, wenigstens von der Gegend von Rahels Grabe an, sehr entschieden gegen Südost, so daß mir Bethlehems Stellung gegen Jerusalem Süd in Ost erscheinen würde[3]. Wo könnte es aber auch der Seele leichter geschehen, daß sie über dem Anblick des Himmels selber, der sich über den Hügeln wölbt, der Himmelsgegenden vergäße, als hier bei Bethlehem. Wird doch da auch das trägeste Herz so wanderlustig, daß es den Stab der Erinnerungen, der an dieser Stätte reicher und herrlicher aufgrünt als Aarons Stab, munter ergreift und ausziehet aus dem armen Heute, das vor Augen liegt, in die reiche Vergangenheit.

Wir traten jetzt zu jenem Gebäude, das die Türken über der vermuthlichen Stätte von Rahels Grab erbaut haben. Die Lage ist dieselbe wie sie das erste Buch Mosis (C. 35 V. 16-20) beschreibt: am Wege nach Ephrat das ist Bethlehem, einen Feldweges, von dem alten Gemäuer der vormaligen Stadt, und man darf mit Wahrscheinlichkeit noch jetzt die Worte nachsprechen: »dasselbe ist das Grabmahl Rahels, bis auf diesen Tag.« Erscheint ja doch auch in andrer Hinsicht der Gedanke an das Weib der ersten, innigsten Liebe des Erzvaters wie ein Vers, welcher in dem Liede, das von Bethlehems großen Geschichten singt nicht fehlen darf. Wenn auch nicht eine Mutter Juda's, des Verherrlichten[4], ward doch Rahel als eine Mutter der Schmerzen einer Aehnlichkeit gewürdigt mit der erhabensten der Mütter. Die Söhne die sie gebahr waren beide Söhne der Schmerzen und der tausendfältigen Sorgen, und dennoch ward Joseph, der als todt Beweinte; da ihn Gott aus des Gefängnisses Nacht erhöht hatte, ein Retter und Heiland seiner Brüder und noch bei andrer Gelegenheit redet der Geist von einem Weinen Rahels um ihre Kinder, da sie sich nicht wollte trösten lassen[5]; von einem Wehe der irdischen, menschlichen Mutterliebe, bei der Ausgeburt der ersten Zeugen, die um Seines Namens willen erwürgt wurden, in das selige Leben der Ewigkeit.

Auf Bethlehems Feldern wird die Seele gerne zu einer Aehrenleserin, welche die hin und wieder verstreuten Halme der Erinnerungen aufsammlet und in Bündelein bindet, die von der Erndte, welche die Jahrhunderte der Geschichte hier gehalten, zurückblieben. War es nicht da, auf einem der nachbarlichen Felder, wo Ruth, die Moabitin, welche aus fremden Lande gekommen war zu dem Gott Israëls, daß sie unter seinen Flügeln Zuflucht nähme, Aehren auflas, hinter den Dirnen und Schnittern des Boas, des gesegneten Mannes[6], und haben vielleicht auch einmal hier in der Nähe von Mutter Rahels Grabe die Gebeine der Treuen geruhet, welche, da Arpa schon umgekehrt war, nicht von Naëmi der armen Wittwe und Schwiegermutter lassen wollte, sondern hingehen wo sie hingieng, bleiben wo sie blieb. Denn, so sprach sie: »dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden.« Ja, wie Boas dieß aussprach: der Herr vergalt ihr, der Treuen, ihre That, ihr Lohn war vollkommen von Ihm, dem Gott Israëls; denn sie war erwählet zu werden eine der Mütter des Königlichen Geschlechtes aus dem Christus der Herr kam, sie gebar Boas den Obed, den Vater Jesses, Davids, des gesalbten Königes Großvater.

Nahe bei Rahels Grabe findet sich der Acker mit den kleinen, runden, erbsenartigen Steinen (dem Bethlehemitischen Erbsensteine, der in den meisten Sammlungen der Pilgrime sich findet); man blickt von hier über die Hochebene, auf welcher Sanheribs Heer der Macht des Engels erlag. Wir naheten uns jetzt der Stadt, genannt Ephrata, die Stätte der Fülle; Bethlehem, das Haus des Brodes. Die Namen, welche der Mensch giebt, erfassen öfters, ohne daß der Namengeber dieß weiß, die äußre und innre Geschichte des Gegenstandes bei seiner Wurzel. Die Fülle der äußren Fruchtbarkeit so leicht sie auch noch jetzt ihre Wohnung fände, im grünenden Nachbarthale Rephaim und am quellenreichen Abhange von Baitschalla, ist freilich gewaltsam verscheucht worden; das Brod von leiblicher Art ist dem verödeten Lande nur sparsam zugemessen, aber welche Stätte auf Erden verdient mehr eine Stätte der Fülle zu heißen als Bethlehem Ephrata, die da klein war unter den Tausenden in Juda, und aus welcher Der kam, der in Israël Herr war, welches Ausgang vom Anfang und von Ewigkeit her gewesen[7]. In der That, die Ernteengel der Geschichte haben uns hier auf dem Gefilde von Bethlehem eine reichere Nachlese der Aehren des Andenkens und der Erquickungen zurückgelassen als die Knaben und Dirnen des Boas, auf Befehl ihres Herrn, für Ruth, die Moabitin liegen ließen; sie haben »von ihren Bündlein herausgezogen und es hingelegt,« daß wir es aufnähmen.

Wir giengen heute nicht auf jenem Steige, der weiter ostwärts, an den Trümmern einer alten Christenkapelle, wie man sagt aus den Zeiten der Kaiserin Helena vorüber, unmittelbar nach dem Kloster führt (diesen Weg machten wir zu andrer Zeit), sondern durch die Gassen und über die Schutthaufen der sogenannten, westwärts von dem Kloster gelegnen Stadt. Ist denn über Ephratas Hügeln von all den Gesängen die hier ertönten nichts mehr übrig geblieben als die Stimme des Klagens, Weinens und Heulens; da Jakob seine Rahel beweinte, oder Bethlehems Mütter ihre zarten, hingemordeten Kinder? In der That, das Elend und die Armuth die hier unter den Trümmern haußen und aus den Lehmhütten herausblicken scheinen zu sagen: es ist aus mit uns. Und dennoch sind die Leute fröhlich; Kindlein spielen so munter wie bei uns im Grünen, dort auf den Haufen des Schuttes und wie man sagt haben es die Bewohner von Bethlehem jetzt besser als sie es vor wenig Jahrzehenden hatten. Denn die Furcht vor Ibrahim Pascha's Macht hält nicht nur im Allgemeinen die Feindseligkeit der Mohamedaner in Zaum, sondern hat es auch diesen erschwert in dem Städtlein selber zu wohnen, welches deshalb jetzt mit all seinen armseligen Häußern in ausschließenderem Besitz der 70 oder 80 Christenfamilien ist, welche da für beständig ihren Aufenthalt haben. Diese gehören der größeren Zahl nach zu den Gemeinschaften der Lateinischen und Griechischen Christen; einige von ihnen auch zu der der Armenischen.

Weil ich einmal hier von den jetzigen Bewohnern der lieben Geburtsstadt rede, darf ich auch einen Hauptzug aus ihrem Leben nicht unerwähnt lassen: das ist die tägliche Beschäftigung, die Arbeit der Hände von welcher sie sich nähren. Allerdings besitzt die Umgegend von Bethlehem auch noch ihre Felder und einzelnen Baumpflanzungen, in denen namentlich der Oelbaum gut gedeiht; am Abhange der Hügel zeigen sich Weingärten, deren Trauben von köstlicher Art sind; im fruchtbaren Thale Rephaim, wie in andern benachbarten Thälern findet sich Wiesengrund, der die Viehzucht begünstigt. Dennoch hat die Unsicherheit des Besitzes, der das unglückselige Land so viele Jahrhunderte lang unterlag, alle Freudigkeit zum sorgfältigeren Anbau verscheucht; die Kraft der Bewohner wendete sich allmälig fast ganz auf einen andren Zweig des Unterhaltes, dessen Früchte zwar auch durch die Last der auf ihnen ruhenden Abgaben sehr geschmälert sind, die aber dennoch der Raubsucht der Araber und Türken weniger bloßgestellt, so viel austragen als zur täglichen Nahrung und Nothdurft der genügsamen Bethlehemiten nöthig ist. Wie sich in unsren christlichen Ländern die Annäherung des Weihnachtsfestes durch die Fülle der buntfarbigen, mannichfaltigen Spielsachen und andrer Waaren ankündigt, die man zu Festgaben für Kleine und Große benutzt, so ist hier in Bethlehem, wo das liebe, seelige Weihnachtsfest das ganze Jahr hindurch und für alle Zeiten seinen festen Sitz hat, ein beständiger, unaufhörlicher Christmarkt; die ganze Thätigkeit der Bewohner ist darauf gerichtet Weihnachtsgaben, zum Theil der zierlichsten, anmuthigsten Art zu bereiten und, wenn sie nicht am Orte selbst verkauft werden, sie nach Jerusalem zu Markte zu bringen. Man ist kaum ins Kloster eingetreten oder hat sich auf dem Vorplatz vor seinem Thore sehen lassen, da kommt auch schon die Schaar der großen und kleinen Künstler und bietet dem Fremden ihre allerliebsten Sächelchen zum Kaufe an. Hier kann man sich dann mit Erinnerungszeichen der verschiedensten Art versorgen; wechslend von der Größe des orientalischen Eßtisches oder Sufrahs, der aus dem gegen 15 Zoll hohen, mit Perlmutter ausgelegtem, schemelartigen Untersatze oder Kursih, und der runden Tischplatte oder Siniyeh besteht, bis zu den kleinen, niedlichen Perlen der Sebchahs oder Rosenkränze. Unter den Dosen, Kästlein, Schaalen und Platten sieht man viele, deren halb erhabene Arbeiten wirkliches Talent und Kunstfertigkeit verrathen; namentlich gilt dieß von jenen, die für das Lateinische Kloster in Bethlehem und Jerusalem von Lateinischen Christen gefertigt werden, während der Geschmack der Armenischen Pilgrime mehr auf Buntfarbigkeit als auf Feinheit der Arbeiten achtet. Die Hauptgegenstände welche auf diesen Sachen abgebildet sind, beziehen sich auf Bethlehems große Geschichte, man sieht da die Geburt des Herrn, den Besuch der himmlischen Heerschaaren bei dem Felde der Hirten, die Anbetung der Könige, die Flucht nach Aegypten, die Scene der Verkündigung, der Opferung im Tempel, oder auch Züge aus der Advents- und Leidenszeit, so wie die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn dargestellt, andre Male nur einzelne Portraits, des Pflegevaters Joseph, des h. Hieronymus u. f. abgebildet. Neben und außer diesen künstlicheren Arbeiten giebt es der Kreuze, der Medaillons, der Rosenkränze so viele, daß jeder nach seinem Geschmack und Vermögen sich auswählen kann. Das Hauptmaterial das die Arbeiter für diesen merkwürdigsten Weihnachts- und Christmarkt der Erde zu ihren Kunstsachen benützen, sind die Schaalen der Orientalischen Perlenmuschel oder die Perlenmutter; außer diesem, zum Auslegen der Vertiefungen, so daß schwarze und weiße Streifen abwechslen, oder auch zu eignen kleinen Werken die schwarze Coralle, die sie von mehreren Arten der Horncorallen, selbst von der theuren, ächten Antipathes Gorgonie entnehmen; für wohlfeilere Sachen benutzt man statt der Perlmutter Fraueneis, statt der schwarzen Coralle Asphalt aus dem todten Meere oder auch schwarz gebaiztes Feigenbaumholz. Die buntfarbigen Kugeln der Rosenkränze sind meist aus den Früchten der Dumpalme oder auch aus den Kernen der kleinen, braunen Dattel gemacht; nur selten sieht man solche die aus thierischer Zahnsubstanz (Elfenbein oder Manatizähnen) gefertigt sind; zu den Kruzifixen bedient man sich öfters auch eines gepreßten, thierischen Leders, von großer Zähigkeit und Dicke, dessen Abkunft jedoch nicht mehr zu erkennen war und (angeblich) selbst des Rhinozeroshornes. Auch die harten Saamen einiger mir in ihrer künstlichen Form und Färbung unbekannten Hülsengewächse Arabiens, und außer dem Oelbaumholze verschiedne sehr feste Holzarten werden verarbeitet[8]. Die meisten der genannten Kunstsachen bekommen für die christlichen Pilgrime noch dadurch einen erhöhten Werth, daß sie mit den heiligen Stätten von Jerusalem und Bethlehem auf einige Zeit in Berührung gebracht und hierdurch geweiht werden. Darum kaufen die meisten Wallfahrer und mittelbar selbst manche Mohamedaner ihre Vorräthe aus jener Niederlage die sich in dem Lateinischen Kloster zu Jerusalem findet, und dieß fast eben so wohlfeil als aus der Hand der Arbeiter selber, denn die Väter der Klöster thun Alles was in ihren Kräften steht um den armen, zu ihren Gemeinden gehörigen Arbeitern den Lebensunterhalt zu erleichtern. Auch von der Bereitung und dem Verkauf der Wachskerzen zum Gebrauch bei den Prozessionen gilt dasselbe. So kann man im Ganzen sagen, daß der äußere Zustand der arbeitenden Klasse in dieser ganzen Gegend (denn auch in Jerusalem nähren sich viele christliche Familien von solchen Geschäften) ein sehr erträglicher sey und daß sich das hiesige Volk bei allen Abgaben die auf ihm lasten, ungleich besser befinde als das in Aegypten, ja, daß namentlich die christlichen und israëlitischen Einwohner in Palästina unter der jetzigen Herrschaft eines Schutzes und einer Sicherheit sich erfreuen dergleichen sie seit Jahrhunderten nicht genossen.

Unter den Bewohnern von Bethlehem wurde es uns auch diesmal, und zwar noch vielmehr als bei unserm ersten Besuche, ganz besonders heimathlich zu Muthe. Am meisten zwar unter dem freundlichen, bequemen Obdache des Klosters, übrigens aber auch unter dem Volke, das man mit ganz eignem Gefühl betrachtete, weil man sich hier unter lauter Christen sah. Bei unsern Wanderungen durch das Städtlein und in seiner Nähe begegneten uns öfters wahrhaft schöne Menschengestalten, mit edlen Gesichtszügen, von denen die Wohlhabenderen selbst durch ihre Kleidung, wahrscheinlich noch von derselben Form und Färbung als an jenen, welche die Bewohner des Landes in der bedeutungsvollsten, schönsten Zeit des Jüdischen Reiches trugen, doppelt interessant wurden. Man rühmt die keusche Zurückgezogenheit und strenge Sittlichkeit namentlich der Frauen und Jungfrauen von Bethlehem.

Die Väter des Lateinischen Klosters empfiengen uns wie alte, liebe Bekannte und räumten uns und den Mitpilgerinnen, denn auch unsre Freundin mit H. v. Krohn war indeß angekommen, das schönste Zimmer mit der herrlichen Aussicht in das Thal Rephaim ein, bei dessen Einrichtung für die Bequemlichkeiten des Tages wie der Ruhe der Nacht der gute, freundliche Prior, ein geborner Spanier, selber mit Hand anlegte. Uns Männern war zugleich auch der Zutritt ins Innre des Klosters gestattet, so wie in das Gärtlein, in welchem sich, auf den dichtbelaubten Zweigen der Bäume das abentheuerliche Chamäleon sonnte.

Unser erster Gang, nach der Begrüßung der guten Väter und der kurzen vorläufigen Einrichtung in der neuen Pilgerheimath war auch diesmal der nach der heiligen Grotte, denn außer mir und Herrn Franz hatte niemand aus der heutigen Reisegesellschaft sie gesehen. Ehe ich aber den Leser mit uns nehme zu der Betrachtung des uralten, ehrwürdigen Christentempels und seines unterirdischen Heiligthumes, muß ich einige Worte sagen über den natürlichen Grund jenes Gefühles, das den christlichen Wandrer so mächtig ergreift, wenn er unten in der Grotte die einfache Inschrift liest: +Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est.+ Ja, hier in diesem verborgenen Räumlein ist wahrhaftig Jesus Christus der Herr von der Jungfrau Maria geboren.

Jene Frage, welche vielleicht der Bewohner unsrer Länder hierbei zuerst thun möchte: wie kam die Krippe die auf einen gewöhnlichen Aufenthalt der Thiere, nicht der Menschen schließen lässet, in eine Felsenhöhle und nicht vielmehr in das Gebäude eines, bei uns gewöhnlichen Stalles? wird jeder aufmerksame Reisende, der das diesseits dem Jordan gelegene Palästina besuchte, leicht beantworten können. In diesem Lande der vielen und großen Höhlen, dieß sahen wir namentlich in dem alten Galiläa, sind nicht bloß die Wohnungen der Menschen, die an die Felsen sich anlehnen, und welche ja selber in ihrem fensterlosen Zustand[9] einer Höhle gleichen, öfters mit einer nachbarlichen Grotte verbunden, in deren natürliches, durch die Hand des Menschen nur erweitertes Gewölbe ein Theil der Zimmer sich fortsetzet; sondern noch öfter sind die Höhlen zu Viehställen benutzt. Die Grotte zu Bethlehem mit ihren großen Seitenkammern, bot zu dieser Art der Benutzung ganz besondre Bequemlichkeiten dar, da der eigentliche, natürliche Eingang, wie man dieß jetzt noch sehen kann, ebenen Fußes von der Fläche des Hügels her in ihre hohen, weiten Räume führte. Darum konnte schon Justinus der Märtyrer im zweiten Jahrhundert sich, für jeden Landeskundigen verständlich in seinem Gespräch mit Tryphon darauf beziehen, daß Christus in einer Höhle geboren sey.

Wir haben aber ein noch ein älteres Zeugniß für die hohe historische Bedeutung, welche die Grotte zu Bethlehem für die ersten Christen hatte. Dieses Zeugniß mußte abermals jener wegen vieler seiner Thaten und Eigenschaften ruhmwürdige Kaiser geben, welcher zwar niemals zu den eigentlichen blutigen Verfolgern der Christen, wohl aber, wegen seiner Vorliebe für den alten, weltlichen Glanz des Heidenthumes, zu den Feinden ihres Glaubens gehörte. Als Hadrian, bald nach dem Antritt seiner Regierung, noch ehe er durch die Apologieen des Quadratus und Aristides mit dem Christenthum etwas näher bekannt geworden, nach Palästina kam, fand er nicht bloß auf dem Berge Zion eine kleine Kirche und Wohnungen der Christen, sondern bei diesen selber eine kindliche Verehrung der heiligen Stätten, die ihn bewog, dem »abergläubigen Volke« andre Zeichen abgöttischer Verehrung dahin zu stellen, die dem ihm verächtlichen Kinderglauben offenbar widersprachen. So wie jener Kaiser über Golgatha und der Stätte des heiligen Grabes dem Jupiter und der Venus Tempel erbauete, so entweihete er den Ort der Geburt, indem er über ihm einen Hain des Adonis errichtete, dessen Geheimnisse, mit Klagegesängen des Todes, in der heiligen Grotte selber gefeiert wurden. So war das Lied der Freude, das vorhin der Christenglaube hier sang, zu einem Liede des Jammers und der Gräber geworden; doch nur auf kurze Zeit, da erwachte die Freudigkeit des Glaubens von neuem aus des Grabes Nacht. Und gerade die Feindseligkeit jenes großen Kaisers mußte abermals, wenn es eines solchen bedurft hätte, zu einem Fingerzeig werden, der die Ehrfurcht der späteren Christen mit Sicherheit zu der theuren Zufluchtsstätte der Felsen hinleitete, welche die Kaiserin Helena wieder zu einem Tempel des Herrn weihete. So ist der hochgebaute Horst, der die Geburtsstätte so manches weitfliegenden Adlers war, mit dem hohen Baume zugleich, der ihn trug, vom Blitze getroffen und seine Spur vertilgt worden, die Felsenkluft aber, da die stille reine Taube die Freuden der Mutter genoß, blieb fest gegründet auf ihren Bergen.

Wenn auch die Kirche +Mariae de praesepio+, welche auf dem Felsen, der das Dach der Höhle bildet, erbaut ist, in jener Form in der wir sie jetzt erblicken, nicht aus den Zeiten der Kaiserin Helena herstammt, sondern erst ein Werk der frommen Fürstinnen Placidia und Eudocia, der Gemahlin und Schwester Theodosius +II.+ des Kaisers seyn sollte, erscheint sie dennoch in ihrem vierzehnhundert jährigen Bestehen als eines der ältesten, wo nicht das älteste christliche Tempelgebäude des Orients. Denn die Kreuzfahrer, welche die Kirchen des heiligen Grabes und Golgathas in den jetzigen, gemeinsamen Ueberbau vereinten, haben an dem Bauplane jenes alten Tempels nichts Wesentliches verändert und auch die allverheerende Wuth der Charismier im Jahre 1244 traf mehr die Stadt und die innren Kostbarkeiten der Kirche als das Gebäude derselben. Die Form von dieser ist die alte griechische des Kreuzes, in dessen oberen Ende durch eine Scheidewand abgesondert der Chor und der Altar der drei Weisen sich finden. Acht und vierzig Marmorsäulen, in vier Reihen (je zu zwölf) angeordnet tragen das Schiff der Kirche, welches die Griechen und Armenier inne haben. Die heilige Grotte liegt etwa zwölf Fuß tief unter der Ebene des Fußbodens der Kirche; ihr Felsendach ist von obenher von zwei Oeffnungen durchbrochen, welche zur Rechten und Linken des Altares auf 15 Stufen zu ihr hinabführen. Zwar die Wände des Felsens aus welchem Er, der Aufgang aus der Höhe hervorgieng wie ein Held aus seiner Kammer, sind großentheils mit Platten von Marmor und anderen geschliffenen Steinen bedeckt, von deren glatter Oberfläche das Licht der 32 Lampen einen eigenthümlichen Schein, gleich jenem des Vollmondes in einer Frühlingsnacht zurückwirft, aber an einer und der andern Stelle, namentlich, wenn ich mich recht erinnere, hinter dem Bilde des Jakob Palma bei der Krippe, das die Anbetung der Hirten vorstellt, ist das Gestein unverhüllt zu sehen. Die Hauptkammer der Grotte, welche die Stätte der Geburt, um dessen silbernen Stern die erwähnte Umschrift stehet, jene der Krippe und die der Anbetung der Könige in sich fasset, ist gegen 15 Schritte lang und etwa 5 breit, ihre Höhe beträgt zwei Manneslängen. Es freute mich sehr auch hier, namentlich an den Lampen der Krippe die Erinnerungszeichen an unser frommes, Oesterreichisches Kaiserhaus zu erblicken.

Wie eine Heerde von Lämmern, welche wiederkäuend auf grüner Weide neben einander ruhen, sind neben der Hauptkammer der Höhle die Nebenkammern mit ihren schönen Erinnerungszeichen gelagert. Wer sollte sich in der einen derselben, welche der Kirchenvater Hieronymus in seinen letzten Lebenstagen bewohnte, und in welcher er das alte Testament übersetzte, nicht gern des lieblichen kindlichen Gespräches erinnern, das der Greis hier im Geiste mit dem Kinde Jesus hielt; nahe hierbei, eine andre Kammer des Felsens, wählte sich der heilige Eusebius von Cremona zu seinem Grabe; ein drittes Kämmerlein nahm die Gebeine des fröhlich entschlafenen, heiligen Hieronymus auf und in ihrer Nähe sind auch die beiden Blumen aus Saron, die heilige Paula und ihre Tochter Eustochium, die mir schon als Jüngling durch Herders Legenden inniglich befreundet waren, zum neuen Aufblühen, am Tage der großen Wiederbringung beigesetzt worden. Ein altes Bild stellt diese letzten, des Stammes würdigen Blüthen, aus dem Geschlechte der Scipionen und Gracchen im Sarge liegend dar. Es war still in all diesen heiligen Kammern; nur ein armer Griechischer Pilgrim knieete betend vor der Stätte der Geburt; wie ein erfrischender Thau, den die scheidende Nacht, vor der Morgenröthe hergehend, über Gras und Kräuter ergeußt, ergriffen uns da die Vorgefühle eines Friedens der seligen Ewigkeit; das Heimweh schwieg.

Aus der heiligen Grotte führte uns der gute Prior über einige Stufen hinan zu der Höhlenkammer und Kapelle der unschuldigen Kindlein, deren zarten Hüllen die fromme Sage hier ihre Ruhestätte anweiset. Selige Kinder, deren von der Welt ungekannte Namen so frühe ins Buch des Lebens zu denen jener Erstlinge geschrieben wurden, welche um des großen Namens willen die segensreichen Geburtsschmerzen des leiblichen Todes erduldeten! Ueber der Kapelle der »unschuldigen Kindlein« ist, angränzend an die Hauptkirche, die kleine Kirche der h. Katharina erbaut, in welcher die Andacht der Lateinischen Christen, seitdem die Griechen und Armenier die Hauptkirche einnahmen, ihre Zufluchtsstätte fand.

Es war fast Mittag geworden, als wir aus der Tiefe, in welcher das Andenken des Höchsten das die Erde kennt so lebenskräftig wurzelt, heraustraten auf die freie, sonnige Höhe des Hügels, von dessen Ebene der ursprüngliche, später vor den Einfällen der Feinde verschließbar gemachte Eingang zur Stallgrotte war. In südöstlicher Richtung wird noch eine andre Grotte gezeigt, als Bergungsort der erwählten Mutter, vor der Flucht nach Aegypten. Ein kleiner Altar steht in derselben; der weiche, zarte Ansatz des Kalksteines, in den Klüften der Höhle, den die Mineralogie Bergmilch benennet, so wie der bröckliche Kalksinter der Felsenwände wird von den Pilgrimen gesammelt und mitgenommen ins Vaterland; der Glaube legt ihm eine heilsame, die Milch der stillenden Mütter vermehrende und gesund machende Eigenschaft bei. Wir giengen weiter hinabwärts zwischen den Oelbaumpflanzungen nach dem grünenden Thale der Hirten, an welchem mich und einen meiner Begleiter erst am darauf folgenden Abend der Weg vorüberführte. Es ist eine Fläche der Oel- und Feigenbäume, von Felsen umschlossen; die eigentliche Stätte des alten Kirchleins wird durch eine kunstlose, aus Steinhaufen gebildete Mauer abgegränzt. Für jetzt war es Zeit, nach dem Kloster zurückzukehren um die Hausordnung der guten Väter nicht zu stören.

Bald nach dem Mittagessen machte ich mich, in Begleitung meines lieben Reisegefährten, des Herrn Franz, auf um die Ruinen von Thekoa und die nachbarliche Höhle Odolla zu besuchen; unser Führer war der Metzger des Klosters, ein kräftiger Mann, der außer seinem volksthümlichen Arabischen einige Worte Italienisch sprach. Am Brunnen Davids, der in dieser Jahreszeit noch ziemlich reich an Wasser war, füllten Bethlehemitinnen ihre Krüge und wuschen ihre Wäsche. Unser Weg wendete sich aber bald an dem Abhange des Hügels hinab nach einem grasreichen Thale, das der Führer Wadi Chretoun nannte, und welches von Bethlehem aus nach Südsüdost verläuft. Fünf Viertelstunden lang giengen wir durch diesen schönen, stillen Grund hin, in welchem wir niemand sahen als einige Hirten, die in den benachbarten Bergschluchten ihre Heerden weideten. Die Stimme dieser Hirten war aber verstummt, man hörte von ihnen weder Gesang noch das Spiel der Flöten oder der Saiten; nichts von jenem lieblichen Lobgetöne, welches einst in diesem Thale wohnte, als hier David der Hirt sein Lied vom guten Hirten[10] sang. Wie die Wolke, die dort über das Gebirge fliegt, so ist die Frühlingszeit jener heiligen Dichtkunst, die durch David und Salomon ihre Segnungen auch über diese Auen ergoß, sammt allen sichtbaren Herrlichkeiten ihres Königthumes vorübergezogen; wohl uns daß die Schaaren der Loblieder sich in die feste Burg des geschriebenen Wortes gerettet haben und daß aus dem sichtbaren Königthum ein unsichtbares geboren wurde, dessen Herrlichkeit höher als die Wolken, unvergänglicher als das Gebirge ist.

Aus dem Wadi Chretoun giengen wir am Bett eines Winterstromes hin, durch ein andres Engthal das unser Führer Sebir nannte. Der Weg durch dieses Thal dauerte bei mäßigem Schritte, drei Viertelstunden; es endete am Abhange eines Berges der uns mit dem, für den ganzen Höhenzug gemeinsamen Namen als Djebbel Chalil oder Gebirge Hebrons benannt wurde. Zwanzig Minuten lang stiegen wir hier, ziemlich steil anwärts; zwischen den vereinzelten Felsenstücken und Trümmern breitet sich der zur Schafweide günstige, grünende Boden aus; die Höhe des Berges ist noch heute, in der Mitte ihrer Ruinen, ein Lustort des Landes. Mit jedem Schritte kamen wir jetzt an immer mehrere und bedeutungsvollere Trümmer der vormals ansehnlichen Stadt. Ich hatte mich von meinen beiden Gefährten, ohne dieß selber zu bemerken getrennt und war zwischen dem gestürzten Gemäuer und zerrissenen Bögen nach Osten hingegangen, um eine freiere Aussicht über das Ganze zu suchen. Da sahe ich mich auf einmal von Beduinen begleitet, deren Zahl, so wie ich weiter gieng noch immer zunahm. Auf ihren schwarzbraunen Gesichtern sprach sich Verwunderung und vielleicht noch ein anderer Affekt aus, da sie einen Franken hier ganz allein wandeln sahen; mich Fremdling wandelte unter ihnen ein Gefühl der Unheimlichkeit an, ich eilte über Stock und Stein zurück nach der Gegend wo ich meine Gefährten zu finden hoffte, nicht ohne Besorgniß bei dem beschwerlichen Gange durch die Ruinen in eines jener unterirdischen Behältnisse zu fallen, die entweder Keller und Zisternen, oder auch nur vormalige Zimmer des Erdgeschosses gewesen waren, welche durch die Erhöhung des Bodens unter die Ebene desselben hinab geriethen. Da wo ich meine Gefährten verlassen hatte, fand ich sie nicht mehr; ein Beduine, der mir entgegenkam, schien meine Mienen der Verlegenheit zu verstehen, er rief mir sein tröstliches »+tal henne+« (komm hieher) zu und führte mich an den Ort wo ich unsern Metzger im Gespräch mit dem Scheikh des Dorfes und bei ihnen Herrn Franz fand. Der Scheikh war ein alter Bekannter unsers Führers und dieser versicherte uns nachher, daß diese Beduinen von besserer Art als die meisten ihrer hiesigen Glaubensgenossen, und Freunde des Klosters wie aller Christen wären. Ihre neugierige Schaar, da sie an uns so gar wenig Besondres fand, hatte sich wieder zerstreut, bis auf Wenige, die uns begleiteten; wir hatten Zeit und Ruhe um das merkwürdige Bild der Stätte in unsre Seele aufzufassen.

Ich hatte dieses Bild schon im Geiste gesehen, denn es ist mit großer Treue, Zug vor Zug dargestellt in dem Buche des Propheten Jeremia (C. 6, V. 1-3): »Flüchtet ihr Kinder Benjamin aus Jerusalem und blaset die Trommeten zu Thekoa und werfet auf ein Panier zu Beth-Cherem; denn es gehet daher ein Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer. Die Tochter Zion ist wie eine schöne und lustige Aue. Es werden Hirten über sie kommen mit ihren Heerden, die werden Gezelte rings um sie her aufschlagen, und abweiden ein Jeglicher seinen Ort.« Ja, hier, wo wir jetzt stehen, war die Warte von Tekoah, in deren Schutz und Schirm einst ein Volk der Christen wohnte; dort gegen uns, auf dem sonderbar gestalteten Frankenberg, lag Beth-Cherem; das Land, nach vielen Seiten hin ist noch jetzt »eine schöne und lustige Aue« und hier neben uns sind die Hirten mit ihren Heerden, welche überall bei den Bögen und Mauern der gestürzten Stadt ihre schwarzen Hüttenzelte aufgeschlagen und das vormalige Feld zum Weideland gemacht haben.

Eine Stelle unter den Ruinen zog meine Aufmerksamkeit ganz besonders an; es war jene, auf welcher vormals die christliche Kirche von Thekoa stund. Daß hier ein an Umfang und Größe nicht unansehnlicher Christentempel gewesen, bezeugen nicht nur die Trümmer der Säulen und Mauern, sondern es bezeugt dieß ein Taufstein, der noch vollkommen wohlerhalten dastehet. An seinen vier breiteren Seitenflächen finden sich die wohlbekannten Erinnerungszeichen an den Orden der Templer, an welchen die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin, Thekoa gegen Bethanien vertauschte, denn an zwei einander gegenüberstehenden Seiten findet sich ein Kreuz, an einer dritten das Quadrat, das den Rhombus einschließt, an der vierten der Kreis der ein Quadrat umfasset. Mich wandelte bei dem Anblick all dieser Spuren einer nahe befreundeten Vergangenheit ein ähnliches Gefühl an, als jenes des Sohnes oder Enkels seyn mag, der nach Jahren der Wandrung hineintrit in das Haus der Eltern, das während der Zeit in die Hände fremder Gläubiger gerieth, und der hier den Stuhl des Vaters besetzt, ja sein wohlbekanntes Gewand getragen sieht von den neuen Bewohnern, deren Angesicht er niemals vorher gesehen. Sieben Jahrhunderte sind es jetzt, da kam auch ein Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer über die Prophetenstadt Thekoa, als (im Jahr 1138) ein Heer der streifenden Türken sie zerstört und das wehrlose Volk erschlagen hatte. Als damals der edle Meister der Templer, Radulph von Craon, zur Hülfe des geängsteten Landes heranrückend die Feinde zwar verscheucht, bald aber durch die Schuld seiner Streiter, die aus Beutegier sich zerstreut hatten, geschlagen worden war, wie mußte da zu dem Schmerz, den der Tod des Freundes Montfaucon ihm erweckte, noch ein andrer, größrer kommen, wenn er die Trümmer der Stadt und zwischen ihnen die Leichname der erwürgten Christen sahe.

Ich konnte jetzt, in Begleitung meiner Gefährten, etwas ruhiger und unbefangener die Umgegend betrachten welche noch fortwährend als ein von der Natur reiches Land erscheinet. Denn gegen Westen hin ergehet sich der Blick über lauter grünende, fruchtbare Berge; gegen Süden zeigt sich ein höherer, an seinen Abhängen dicht von Gesträuch bewachsner Berg, auf dessen Gipfel Bäume stehen, die ein vereinzelter Rest jener alten Waldungen sind, welche vormals die Umgegend von Hebron bedeckten. Diese ansehnlichere Höhe wird in Südost durch ein tiefes, für den Freund der Pflanzenkunde sehr anlockend aussehendes Thal von andren, niedrigeren Bergen abgeschieden, welche von einem nicht minder fruchtbaren Aussehen sind. Gegen Ostsüdost und Osten senkt sich der Höhenzug allmälig niedriger werdend zur Ebene herab, ist aber auch hier, wenigstens auf eine Stunde weit hin, noch grünend, bis sich in derselben Richtung, jenseits des grünen Grundes das traurig öde, gelbe Sandsteingebirge zeigt, das sich von da bis zum todten Meere hinziehet. Etwa dort, am südlichen, buschreichen Gebirge lag Habechim, der Ort den ein späteres Volk der Bewohner auf der Stätte des Wohnortes des Propheten Joël erbaut hatte; hier in Thekoa wohnte Habakuk, so, wie seinen eignen Worten nach Amos der Prophet, welchen, da er noch unter den Hirten war und gleich ihnen von der Feige der Sykomoren sich nährte, der Herr hinwegnahm von der Heerde und zu ihm sprach: gehe hin und weissage wider mein Volk Israël[11]. Und wie die leidliche Aussicht hier von der Warte des Hügels gegen Osten von den Strafgerichten, gegen Westen aber von den reichen Segnungen zeuget, die der Herr über das Land ergehen ließ, so war das Gesicht des Künftigen, das der Gott Israëls dem armen Seher eröffnete. Denn durch die Wetterwolken der Drohungen, deren Stimme furchtbar, gleich dem Brüllen des Löwen war, vor dem die Triften der Hirten trauren[12] bricht ein Morgenstrahl der Tröstungen, welche einst nach dem Hunger, das Wort des Herrn zu hören, folgen werden[13]. Denn auch dieser Hunger wird gestillt werden und der Herr wird die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Lücken vermauern. Dann wird das Ackern an die Ernte und das Keltern an die Aussaat reichen, und die Berge werden mit süßem Weine triefen und alle Hügel werden fruchtbar seyn[14]. Ja, der Glaube der Kinder wird, wie vormals, das Erbe das ihm verheißen war einnehmen und nicht mehr aus ihm ausgerottet werden; so spricht durch den Mund des Hirten von Thekoa, Israël, dein Gott.

Während wir noch der Aussicht von der Warte des Felsen genossen, und einige alte Höhlengräber betrachteten, hatte unser Bethlehemitischer Führer, welcher wußte daß wir ohne Mundvorräthe aus Bethlehem gegangen waren, bei der Frau oder einer Verwandtin des Scheikhs Brod bestellt, das wir diese noch vor unsren Augen auf eine ungleich reinlichere Weise denn bei den Beduinen der Arabischen Wüste nicht in heißer Asche oder auf den von der Asche nur wenig gereinigten Steinen, sondern auf einer heisgemachten eisernen Platte backen sahen. Zu diesem noch warmen, kuchenartigen Brode brachte unsre Wirthin in reinlicher Schüssel sauren Rahm, über welchen geschmolzene Rahmbutter ausgegossen war. Ich habe auf dieser ganzen Reise kein so köstlich schmeckendes Arabisches Kuchenbrod keine so vortreffliche Milch genossen als hier unter den Hirten von Thekoa; mit uns und unsrem Metzger zugleich labten sich daran zwei Beduinen, die uns durch die Trümmer begleitet hatten, und welche zu den Aermeren des Volkes zu gehören schienen, denen jetzt nicht mehr, wie zu Amos Zeiten, der längst verschwundene Wald der Sykomoren seine Früchte reicht. Da wir nun weiter gehen wollten hatte unser Bethlehemit Mühe der Araberin die uns so reichlich labte das Geld aufzudringen, welches wir zur billigen Vergeltung ihr zugedacht hatten. Doch betrachtete sie, als sie endlich das Geld genommen, die glänzenden, neuen Silbermünzen mit Vergnügen, und wie alte Freunde nahmen wir Abschied von den Hüttenzelten und ihren guten Bewohnern.

Nach unsrem anfänglichen Plane, den wir dem Führer mitgetheilt hatten, wollten wir eigentlich an diesem Nachmittag drei interessante Punkte der Nachbarschaft: die Ruinen von Thekoa, die Höhle von Elmaama und den Frankenberg besuchen; von Thekoa brachte uns jetzt der Bethlehemit, in dessen Hand unser Schicksal lag, zu der Höhle, welche die Väter des Klosters mit dem bei den Franken üblichen Namen: das Labyrinth benannten. Der Weg nach dem tiefen Thale der Höhle zog sich, vorherrschend in nordöstlicher Richtung bergabwärts; vorüber an reich grünenden Saatfeldern, an deren Aehren sich die ersten Blüthen zeigten. Die Gegend von Elmaama oder wie sie bei Einigen heißt Odolla ist eine Felsenwüste von solcher erhabener Schönheit, als ich wenige gesehen. Das Bett eines Winterstromes, damals ohne Wasser, ziehet sich durch das tiefe Engthal, das, mit seinen gähen Wänden, einer Spalte gleichet, an welcher das Gebirge, bei seiner festen Gestaltung auseinanderriß. Gebüsche und Kräuter der mannichfachsten Arten, viele von ihnen eben jetzt in voller Blüthe, bekleideten den Abhang und bedeckten die Klüfte zwischen den einzelnen Felsenstücken; zu unsrer Linken zeigte sich, beim Hinabsteigen in das Engthal ein noch jetzt ansehnlicher Thurm, gleich jenen aus den Zeiten unsrer Ritter, bei ihm die Trümmer noch andrer Befestigungen; wir wenden uns aber vorerst zur Rechten, nach der Grotte. Wandelnd zwischen den Felsenwänden der beiden Seiten ergriff mich die Lust hier das Echo zu wecken, aber die Stille dieses Thales hatte für mein Gefühl etwas Heiliges, ich wagte nicht sie zu stören. Sie ist anjetzt nicht mehr eine Wohnung der Menschen, sondern der scheuen Tauben und kleineren Vögel, die in den Felsenklüften und Dornen nisten, während über ihnen eine Menge der Raubvögel, von keinem Jäger bedrohet, schwebt. Ich hatte noch niemals so viele wehrlose Vögelein zugleich mit so vielen Raubvögeln beisammen gesehen.

Der Weg nach dem Eingang der eigentlichen oberen Höhle (denn unter ihr, etwas tiefer am Abhange des Felsen ist eine andre, kleinere, aus welcher, wenigstens in dieser Jahreszeit, Wasser hervorquillt) ist keinesweges bequem, obgleich für Jeden, der nicht an Schwindel leidet, vollkommen gefahrlos. Man muß, am gähen Abhange hin, öfters von einem Felsenstück zum andern steigen und namentlich an einer Stelle bemerkt man auf dem Rückwege, daß zu dem großen, abwärts gehenden Sprunge, der noch dazu über eine tiefe Kluft hinübergehet, Ueberlegung und Augenmaß gehöre. Am Eingang der Grotte zündeten wir unsre Lichter an und traten dann in die vordere, weite Kammer hinein, die von bedeutendem Umfange und hoher Wölbung ist. Ein Gang führt weiterhin zu mehreren andern Weitungen, deren einige wieder mit Nebenkammern zusammenhängen; wir erreichten bei weitem nicht das Ende dieses Labyrinthes und wenn auch die Versicherung unsers Führers, daß die Erstreckung desselben drei Viertelstunden weit hingehe um Vieles übertrieben seyn sollte, so bleibt doch, davon überzeugte uns der Augenschein, so viel gewiß, daß in jener Zeit der Noth, welche, wie wir vorhin sahen, im Jahre 1138 über das Land kam, ganze Schaaren der Bewohner mit ihren Frauen, Kindern und selbst mit ihrem Vieh in dieser großen Höhle einen Bergungsort finden konnten[15].

Aber diese Grotte von Thekoa, sie möge nun, wie Einige wollen, die von Addullam oder wie Andre sagen die von Engeddi der heiligen Schrift seyn, erinnert noch an die Zeit einer andern Noth und der Errettung aus derselben, welche, so lange das Aufsehen von oben mit dem Odem zugleich, der Natur des Menschen die Sprache erhält, im Liede leben wird. Hier sang David, der wie eine Taube vom Raubvogel gescheucht, in dieser Höhle sich verbarg, sein Lied »in Gefahr,« so wie jenes »um Hülfe«[16]. Hier war es wohin er sich rettete aus den Netzen womit Saul seinen Gang umstellete, hieher kamen zu ihm sein Vater und seine Brüder und viele Männer welche betrübtes Herzens waren[17]. Er aber, ihr Haupt, der Betrübteste von ihnen Allen, erhub dennoch, mitten im Gespräch der tiefen Noth, das zu Gott dem Höchsten rufet, zu Gott der des Jammers ein Ende machet, seine Stimme zum Lobgesang der Freude, die sich mit kindlich festem Vertrauen, Gottes, ihres Helfers freut. »Mein Herz ist bereit, Gott mein Herz ist bereit, daß ich singe und lobe. Wachet auf, Psalter und Harfe! frühe will ich aufwachen. Herr ich will dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten. Denn deine Güte ist so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Ehre über alle Welt[18].« Ja, das Gebet: »führe meine Seele aus dem Kerker, daß ich danke deinem Namen,«[19] ward erhört, und Adullam ist, wie sein Name bedeutet, ein Denkzeichen jener richterlichen Aufsicht geworden, die des unschuldig Leidenden sich erbarmt.

Da wir, beim Hinweggehen aus der Höhle, über den kritischen Steig der Felsenstücke hinüber waren, wendete sich mein junger Freund, Herr Franz, geführt von dem Metzger, zu dem Quell, der, wie ich vorhin erwähnte, unter der großen Höhle aus der Felsenkluft hervordringt, um an seinem Wasser sich zu laben. Ein Steig der Hirten und Schaafe führt zu ihm hin. Ich saß indeß auf einem Felsenstücke, mein Auge weidend an der Majestät des stillen Thales. Als meine Gefährten zurückkamen, stiegen wir noch hinan zu dem Thurm der ziemlich wohlerhalten dastehet und zu den Trümmern des andern Mauerwerkes. Obgleich das Onomastikon des Eusebius die Lage von Adullam weiter westwärts suchen lässet, so könnten dennoch die, welche mit Wilhelm von Tyrius die Grotte des Labyrinthes für Odollam halten, in diesen Ueberresten ansehnlicher Befestigungswerke eine Rechtfertigung ihrer Vermuthung finden, daß hier jene Stadt des Thales (denn als solche erscheint Adullam im Buche Josua 15, V. 35) lag, welche Rehabeam zur Veste machte, die, wenn anders das, was wir für solche hielten, wirklich Trümmer einer kleinen Christenkirche waren, noch in den Zeiten der Kreuzzüge in dieser Bestimmung sich erhielt.

Unser Führer erklärte uns jetzt unverholen, daß, wenn wir, wie billig, bei Tageslicht ihn sehen wollten, zum Besteigen des Frankenberges es zu spät sey, und die schon tief am Horizonte stehende Sonne bezeugte es uns, daß der Mann Recht habe. Es that mir allerdings leid daß ich die sonderbare Felsenwarte nicht selbst besteigen konnte, die schon bei der ersten Annäherung an Bethlehem mein Aufmerken an sich gezogen hatte, da man es ihrer keglichen Tafelform ansieht, daß der denkende Geist, daß die bauende Menschenhand dem Werk der Natur ihren Gedanken aufprägte. Wir waren indeß heute schon auf unsere Hinwege nach Thekoa, noch mehr aber auf dem Rückwege nach Bethlehem so nahe an diesem alten Bethcharem oder Herodium, auf welchem Herodes sein Kastell als Siegeszeichen über die Juden, und sein Grabmahl sich erbauete[20], vorübergekommen, daß wir den terrassenartigen Bau, welcher, wie jene des Steines bei Würzburg der Anlage von Weinbergen[21] besonders günstig seyn mußte, so wie die untren und oberen Mauern diese mit ihren vier Thürmen, deutlich in jener Gestalt erkennen konnten, in welcher Pokocke sie beschreibt. Wenn auch jene Weinbergsveste nicht dadurch, daß sie des Herodes Ehrengedächtniß und sein Grabmahl war, für den christlichen Pilgrim etwas Anziehendes hat, gewinnt sie es doch dadurch, daß die Kämpfer für das Kreuz: die Franken, wie man sagt noch vierzig Jahre nach dem Verlust von Jerusalem diesen Ort behaupteten.

Wir kamen in der Zeit der Dämmerung an dem Feld der Hirten vorüber und erst gegen sieben Uhr am Abend erreichten wir Bethlehem, mit seiner vom Lichte der ewigen Lampen erleuchteten Grotte. Ja, die Verse eines alten schönen Weihnachtsliedes waren heute hier in Bethlehem, wenigstens im Geiste, unser Abendlied:

Den aller Weltkreis nie beschloß, Der lag hier in Mariens Schooß; Er war ein Kindlein worden klein, Der alle Ding erhält allein.

Der Sohn des Vaters, Gott von Art, Ein Gast in unsrer Welt hier ward; Er führt uns aus dem Jammerthal Und macht uns Erben in seinem Saal.

Das hat er Alles uns gethan, Seine große Lieb zu zeigen an, Deß freu sich alle Christenheit Und dank ihm deß in Ewigkeit.

Es schlief sich sanft, wie im Hauße der Mutter in dem lieblichen Bethlehem; die Aussicht vom platten Dache des Klosters, Donnerstags den 6ten April vor Sonnenaufgang, weckte alle Erinnerungen an das gestern Gesehene zugleich mit dem Sehnen auf, noch weiter in diesem herrlichsten der Länder über Berg und Thal zu ziehen. Man überblickt daselbst die Berge und einen Theil der Thäler bis an den Höhenzug von Hebron hin, die Hügel von Thekoa und der Frankenberg zeigen sich in großer Deutlichkeit; nach Osten sieht man den Spiegel des todten Meeres und die Gegend der Jordansmündung, jenseits des Gewässers aber einen Theil des Gebirges Pisga; fast unmittelbar an dem Fuß des Berges, darauf das Kloster stehet, zieht sich das Thal Rephaim hin.

Wir wohnten dem Gottesdienst in der Kapelle der heiligen Grotte bei; die Lateinischen Christen haben hierzu nur noch den Raum bei der Krippe und um die Stätte der Anbetung der Könige. Wir bemerkten auch hier wie bei mehreren andern Gelegenheiten, daß namentlich der Gottesdienst der Spanier sich durch eine ganz besondre äußre Würde auszeichne. Mit dankbarer Liebe nahmen wir dann Abschied von dem freundlichen Prior und von Bethlehem, dessen Eindruck ein so tiefer war, daß uns seitdem öfter, sowie David nach dem Wasser am Thore von Bethlehem, ein Sehnen angewandelt hat, auch nur nach seinem Anblick.

Wir Fußgänger, zu denen auch die Hausfrau gehörte, giengen voran, ohne den Führer, der auf die reitenden Gefährten und mit diesen zugleich auf die Thiere wartete, die nicht gleich bei der Hand waren. Der Morgen war von erquickender Frische, wir stiegen rasch den Berg von der Stadt hinab und auf der andern Seite wieder hinan. Hier aber verirrten wir uns so bald zwischen den Mauern der Wein- und Olivengärten, bei welchen sich Wege, einer so undeutlich als der andre und nach den verschiedensten Richtungen durchkreuzen, daß wir wieder ein Stück Weges umkehren und auf die Gefährten, mit dem Führer und den beiden Eseltreibern warten mußten. Unser Weg war diesmal nicht jener höher gelegene, durch seine Aussicht interessantere, der an der Wasserleitung hinführt und welchen einige von uns auf der Herreise von Hebron gemacht hatten, sondern wir lenkten uns hinab in das fruchtbare Thal selber, in welchem einst Salomons blumenreiche Gärten lagen. Die Bäume waren nun meist verblüht, nur an den Aepfeln zeigten sich noch die Spätlinge der Blüthen. Man sieht bei diesen Gärten, die sich neben einem Dörflein weit im Thalgrunde hinanziehen, die Substruktionen und dicken Mauern vieler alter Gebäude, unter ihnen noch mehrere wohl erhaltne Gewölbe. Ein wasserreicher Quell, der alsbald zum Bächlein wird, dringt am Fuße des westlichen Bergabhanges hervor und wird zum Bewässern des Thales benutzt. Die Knaben der Hirten tränkten dort am Bache, im Schatten der Maulbeer- und Wallnußbäume ihre Heerden; Frauen wuschen am Quell. Während unser Freund Bernatz einen kleinen Theil des Gartenthales zeichnete, saßen wir beide, die Hausfrau und ich auf dem mit Rasen bewachsenen Dache eines alten, fest gemauerten Gewölbes. Wir blickten hinüber über das grünende Thal und gedachten jenes Salomonischen Liedes das die Schmerzen wie die Wonne einer höheren Liebe besingt als die vergängliche des Fleisches ist. Ja auch uns Pilgrime hat ein dämmernder Strahl jener Liebe hinausgezogen »auf den Fußpfad der Lämmer;« wir sind hinabgegangen in den Nußgarten, zu schauen das Grün am Bache, zu schauen ob der Weinstock blühete, ob die Granatäpfel Blumen hätten.« Wo sind aber hier die Myrrhenberge und wo der Weihrauchhügel; wo sind die Würzbeete bei denen der Freund weidete und Rosen brach? Will hier der Schatten nimmer weichen und der Morgen mit seinem frischen Hauch erwachen, ist die Stimme des Friedens, sind die Reigen von Mahanaim auf immer aus diesem Land entschwunden? »Ja, kehre wieder, kehre wieder o Sulamith[22], kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich schauen -- Reigen zu Mahanaim.«

Die Hirtinnen des Thales hatten für uns und unsre Führer Milch gebracht; wir ruheten noch einige Augenblicke am Quell und stiegen dann hinan am Abhange des Berges auf den Weg der nach Salomo's Teichen und verschlossenen Brunnen führt. Der gewöhnliche Weg von Hebron nach Jerusalem geht bei ihnen vorbei, auch ich und meine beiden Reisegefährten, auf dem Wege von Hebron nach Bethlehem hatten im Vorübergehen einen Blick in das Thal der Teiche geworfen. Heute sahen wir diese sonderbaren Bauwerke genauer, deren Anlage und Gestaltung allerdings des Salomonischen Zeitalters würdig erscheint. Es sind ihrer drei, die im Engthal hinaufwärts, einer immer ein wenig höher als der andre liegen. Ihre Wände wie der Boden sind massives Mauerwerk; das Innre setzt terrassenweise ab; man kann auf Stufen zu den tieferen Absätzen hinuntersteigen. Herr Mühlenhof maß die Länge und Breite der einzelnen Teiche nach Schritten, die er vielleicht zu klein nahm, denn er fand die Länge des untersten, größesten 229, die des zweiten 177, die des dritten 149 Schritte, während Fisk dieselben Dimensionen nur 205, 153 und 134 Schritte maß; Richardson giebt die Länge des untersten zu 660, die des mittlern zu 600, des obersten zu 430, die Breite bei allen im Mittel zu 270 englischen Fußen an[23]. Außer jenem Gewässer das in der Zeit der Regen ihn überfüllen mag, giebt zu allen Zeiten des Jahres der Quellbrunnen der oberhalb des dritten Teiches liegt zuerst diesem sein Wasser, aus ihm empfängt es der zweite, dann von diesem der unterste. Der Quell, mit seinem klaren, reichlich strömenden Wasser ist aufs Sorgfältigste gefaßt und ummauert; man steigt zu ihm auf Stufen hinab; von oben konnte und kann noch jetzt der Zugang zum Brunnen bedeckt und verschlossen werden, so daß diesen allerdings, mitten in der geheimnißvollen Abgelegenheit seines blumenreichen Thales und seiner künstlichen Kammer die Sage des Landes, in deren Munde das Lied der Lieder noch forttönet, mit jener verschlossenen Quelle, jenem versiegelten Brunnen vergleichen konnte, in dessen Wasser das Leben der Liebe die von oben kam, im Verborgenen seinen Anfang nimmt und seine erste Nahrung empfängt[24]. Wie werthvoll und wichtig diesem Lande das Wasser, namentlich das Wasser dieses Quelles sey, der zum Theil durch seine schon früher erwähnte Wasserleitung Jerusalem versorgt, bezeugt die kleine Veste, die zum Schutz des Brunnens ganz in seiner Nähe angelegt ist. So wie sie jetzt dasteht, erscheint sie übrigens als ein Bauwerk der späteren, Sarazenischen oder selbst Türkischen Abkunft.

Wir wendeten uns jetzt zur Rechten (nordwestlich), über die Anhöhe hinan, zogen dann am Rande eines Thales hin, dessen Grund reichlich grünte, und kamen weiterhin an einem griechischen, dem heiligen Georg gewidmeten Kloster und seinem Dorfe vorüber. Hier fanden wir viele Weingärten, an deren Reben sich die jugendlichen Blätter zeigten; neben ihnen, in andern Gärten, blühete der Storaxbaum (+Styrax officinale+), hier im Freien für uns ein neuer Anblick. Sein Rauchwerk, Meyah genannt, wird von den Bewohnern des Landes, vor allen von den Mohamedanern sehr hoch gehalten. Dann jenseits dem Rücken des Kalkgebirges queer durch ein andres Thal und von diesem über einen noch höheren Berg zogen wir hinunter nach dem am steilen Abhang gelegenen Dorfe Baitschallah, dem Bezek der heiligen Schrift das schon seit längerer Zeit nur von Christen bewohnt ist. Eine Sage des Volkes behauptet, daß hier kein Mohamedaner länger denn ein oder zwei Jahre leben könne[25], weshalb die Türken diesen Wohnplatz meiden. Hier in der Nähe, vom Abhange des Hügels bis zur Stätte von Rahels Grabe und der Höhe bei dem Kloster des Elias, fand einst der anbrechende Morgen das Blachfeld mit den Leichnamen von 185000 Streitern bedeckt, die gestern noch in übermüthiger Sicherheit sich zur Nachtruhe niedergelegt hatten. Sie hatte nicht das Schwert oder der Bogen gefällt; das geängstete Häuflein, das in der Stadt bei Hiskia war, hatte ihnen kein Leides gethan, sondern die Macht Gottes war über sie gekommen; der Engel des Herrn hatte sie geschlagen. »Also brach Sanherib, der König von Assyrien (der gegen den Gott Israëls getobet hatte) auf, und zog weg, und kehrte um, und blieb zu Ninive[26].«

Baitschallah liegt unter Gärten und Bäumen und hat zu seinen Füßen einen wasserreichen gemauerten Brunnen, zu dem ein sehr steiler, abschüssiger Weg über die glatten Felsen hinabführt. Wir sahen hier mit bedauernder Theilnahme (was man übrigens in diesem Lande fast allgemein findet) wie die Frauen und Mägdlein die schweren Schläuche mit Wasser vom Quelle gefüllt hinanschleppten auf dem steilen Wege zum Dorfe. Mägdlein, vielleicht von kaum acht Jahren, wurden von ihren Müttern schon zu dem künftigen, schweren Tagwerk abgerichtet, sie schleppten, ihren Kräften angemessen, kleinere Schläuche und Gefäße. Uns war freilich dieser Anblick nichts ganz neues, denn auch in unsren Kalkgebirgen, deren Höhen gewöhnlich ohne Quellen sind, während diese im Thal desto reichlicher strömen, namentlich in den Gebirgen um Muggendorf und Bamberg sieht man die Frauen von frühester Jugend an dasselbe Geschäft treiben. Um nur einige der vielbesuchteren Orte zu nennen, so tragen die Bewohnerinnen von Engelhardsberge bei der Riesenburg das Wasser zu dem täglichen Bedarf des Haußes einen eben so steilen Berg hinan als die zu Baitschallah, der Berg aber den die Frauen und Mägdlein von Gößweinstein mit ihren schweren Wasserbutten und Schäfflein, die viel unbequemer sind als die ledernen Schläuche, zu besteigen haben, wenn sie, besonders in der (heißen) Jahreszeit wo der ganze Ort voller Wallfahrter ist, täglich mehrere Male im Thale Wasser holen müssen, ist noch viel höher. Und dennoch sieht man den Leuten dort keine Noth an, sie sind kräftiger und schöner als großentheils die Bewohnerinnen der Städte, denen das Wasser im Hof und selbst in der Küche zuströmt; sie sind frohe, gesunde Mütter zahlreicher, gesunder Kinder. Auch die Bewohnerinnen von Baitschalla erschienen uns ganz besonders schön und kräftig, sie erinnerten uns durch ihre Munterkeit und fröhliches Bezeugen an die Wahrheit jenes alten, Lateinischen Versleins, das zu Nürnberg, im großen Rathhaussaale, in einem gemauerten Fensterbogen unter dem Bilde einer großen, mit bleiernen Gewichten beschwerten Schlaguhr steht: »+ubi onus ibi sonus+« (Schwerer Drang, weckt lauten Klang). Ja, und dieser Klang wird zum Lobgesang, wenn der Schmerz und die Mühe des irdischen Lebens ihr Werk an der Menschenseele vollbracht und in dieser ein lebendiges Aufathmen und Sehnen nach der Sabbathsruhe der Ewigkeit geweckt haben. Denn dann bedarf es nicht mehr eines Zuges der Last, der nach unten gehet, sondern der fröhliche, selige Zug der Liebe, der nach oben gehet, ist es allein der das Lied des Preisens wecket, welches nie verstummet.

Unten am Brunnen, im Schatten der hohen, alten Bäume ruheten die Gefährten, ich aber gieng indeß allein voraus nach dem Engthale das sich gegen St. Philipp hinziehet. Der Anfang des Weges am steinigen Bette des Gießbaches, dann zwischen den Mauern der üppig grünenden Weingärten hin, war sehr beschwerlich; er lag voller Steine die von den Mauern, welche selber nichts anders sind als Steinhaufen, heruntergestürzt waren und an deren Hinwegräumen hier zu Lande niemand denkt. Doch bald trat ich auf den freien Wiesengrund des schönen Thales hinaus, wo mich, mit dem frischen Windhauche zugleich, der die heißen Stunden des Tages (es war zwischen 11 und 12 Uhr) kühlte, zugleich ein wonnigliches Gefühl des Daheimseyns anwandelte. Ich habe schon bei andrer Gelegenheit von der großen Aehnlichkeit der Gegenden des gelobten Landes mit manchen unsrer vaterländischen Gegenden gesprochen[27] und wiederhole es hier nochmals daß, wer die Engthäler, welche den Lauf der Wiesend durch das Jurakalkgebirge begleiten, namentlich die Nachbarschaft von Muggendorf gesehen hat, sich eine gute, treue Vorstellung machen könne von den Felsenthälern und von der zackigen, höhlenreichen Form des Gebirges Juda, in Südwesten von Jerusalem. Ich glaubte mich hier in ein Felsenthal etwa bei Rabenstein versetzt, und hätten mich nicht die langen Stacheln der Stachelschweine, deren ich viele an meinem Wege fand, hätten mich nicht die Tulpen und buntfarbigen Anemonen mit manchen andern fremden Blumen und Sträuchern daran erinnert, daß ich in Palästina sey, hätte mich nicht die türkische Kleidung des Mannes, der mir mit einem belasteten Esel begegnete aus meinem Traume geweckt, ich würde diesen deutsch begrüßt und angeredet haben.

Nach etwa anderthalb Stunden Gehens kam ich mit einigen der Gefährten, die mich indeß eingeholt hatten, zu St. Philipp und zu seinem reich, wie ein kleiner Bach, aus dem Felsen hervorbrechenden Wasserquell. Die Sage des Landes macht diesen Felsenbrunnen zu einem lebendigen Erinnerungszeichen an eines der herrlichsten Ereignisse aus den ersten Tagen der Apostel; an ein Ereigniß dessen gotteskräftige Folgen noch jetzt wie ein Strom lebendigen Wassers über ein Land des fernen Südens sich ergießen. Ohne über die Oertlichkeit zu grübeln hatte ich mich schon im Hergehen durch das schöne stille Thal an der Betrachtung der Geschichte jenes Kämmerers und Gewaltigen der Königin Candace in Mohrenland inniglich erquickt; jenes Gewaltigen den mitten auf seinem Wege die Kraft des Geistes Gottes überwältigte, die in Philippo, dem Apostel ihm begegnete[28]. Es war nicht nur jener Zug eines ewigen Erbarmens, dessen Walten, wenn es in Sturmwindseile an der sichtbaren Natur vorübergehet, selbst den mütterlichen Vogel anreget, daß er den nach Nahrung verlangenden Jungen ihr Futter bringt; er selber war es, ~der Geist~, nicht sein Bote, der leibliche Lebenshauch, der den Apostel hinführte zu dem Wagen auf welchem der Kämmerer, der den Gott Israëls kannte, saß, laut lesend die Worte der Weissagung im Jesajas, welche von Dem reden der wie ein Lamm, das seinen Mund nicht aufthut, zur Schlachtbank geführt ward, dem aber als er sein Leben in den Tod gegeben hatte und den Uebelthätern gleich gerechnet war, eine große Menge zur Beute, die Starken zum Raube gegeben sind[29]. Und das Verlangen, zu wissen von wem der Prophet solches rede, das der Geist in dem Herzen des Kämmerers geweckt hatte, ward gestillt, da Philippus seinen Mund aufthat und ihm das Evangelium von Jesu verkündete. »Siehe, da ist Wasser,« rief der Mann, »was hinderts daß ich mich taufen lasse?« und da er ausgesprochen was mit seliger Gewalt sein ganzes Herz bewegte: »Ich glaube daß Jesus Christus Gottes Sohn sey,« taufte ihn der Apostel, und der Kämmerer, auch da nun Philippus von seinen Augen hinweggenommen war, zog seine Straße fröhlich, in das Land der Heimath, welches zuerst durch ihn eine Heimath des Christenglaubens ward.

St. Philippo hat eine unbeschreiblich schöne Lage zwischen Baumgärten und reichen Weinpflanzungen. Ein Bach, der durch das Thal gehet, macht dieses noch jetzt zu einem Zeugniß der natürlichen Fruchtbarkeit des gelobten Landes. Wir stehen hier an einer der Hauptquellen des Traubenbaches oder des Sorek, der durch Eskol, das Traubenthal fleußt[30]. Noch jetzt mögen die Trauben dieses Landes, dies zeigte der üppige Wuchs, von ungemeiner Größe seyn und den Wandrer, der zur Zeit ihrer Reife dieses Weges kommt, an das Ziel des Weges der Kundschafter des Moses[31], so wie an Simsons, des Starken Fall im Hauße der Delila erinnern[32].

Wie ist doch jetzt das Benehmen der Bewohner des Landes gegen die gefürchteten Franken ein ganz andres als es zu Cotovicus Zeiten und selbst noch vor wenig Jahren war. Jener berühmte Reisende ward hier in der Nähe von St. Philipp von den Frauen und Knaben der Araber nicht bloß aufs heftigste beschimpft, sondern wäre fast von ihnen gesteinigt worden[33], uns ließen sie ruhig da herumgehen, aus dem Quell trinken und den Maler Bernatz ungehindert eine Zeichnung der Gegend aufnehmen; unterhielten sich freundlich mit unserm christlichen Führer aus Bethlehem und den Eseltreibern aus Jerusalem.

Unsre kleine Reisegesellschaft war jetzt wieder beisammen; wir schickten uns an zur Weiterreise nach dem Ziele der heutigen Tagreise: nach St. Johann. Wir zogen über den nicht unansehnlichen Bach hinüber nach der andren Seite des hier breiteren Thales. Dort erwartete uns noch ein saures Stück Arbeit. Der Berg, über welchen der Weg hinüberführt, ist so hoch und zugleich so steil; sein verödeter Abhang ist so oft durch niedre Felsenwände ummauert, daß wir nicht selten mit Händen und Füßen hinanklimmen mußten. Mehr noch als die Geschicklichkeit der Menschen war hier die der muntren Lastthiere zu bewundern, die sich, mit den Vorderfüßen emporbäumend, von einem Felsenvorsprung zum andren hinaufarbeiteten. Vor allen war bei dieser Arbeit des Bergkletterns unsre Freundin Elisabeth zu beklagen, die schon seit einiger Zeit an einer schmerzhaften Verletzung des Fußes litt, dennoch aber den Besuch von Bethlehem und St. Johann nicht hatte aufgeben wollen. Dazu regte sich auch bei uns Allen der Hunger, denn wir hatten seit dem Genuß der Milch bei den Hirtinnen in Salomos Gartenthale nur etwas Wasser zu uns genommen.

Herr Franz und ich waren, weil wir das Kloster für näher hielten als es wirklich war, vorausgegangen, um dort die Herberge und Bewirthung zu bestellen. Endlich war die Anhöhe und mit ihr eine Aussicht über Thal und Berge erreicht, welche schon für sich allein der sauren Mühe des Heraufsteigens werth gewesen wäre. Es ergieng dem Auge da oben, bei der reichen Aussicht, wie einem leidenschaftlichen Freunde der Blumen, dem ein reicher Gartenbesitzer und Gönner Erlaubniß giebt sich ein oder zwei der blühenden Zierden seiner Beete zum Andenken mitzunehmen: es wußte nicht auf welchen Punkt des erhaben schönen Gesichtsfeldes es seine Aufmerksamkeit hinrichten sollte, um sein Bild, das ja nur einmal im Leben ihm dargeboten wurde, für immer in die Erinnerung aufzufassen. Die Gegend, die wir da vor uns sahen erinnert an die Geschichte dreier Helden, welche größer waren als die drei ersten Helden Davids, die sich hindurchrissen durch das Heer der Philister und Wasser schöpften aus dem Brunnen am Thore zu Bethlehem; denn jene dreie haben ein andres, höheres Wasser des Lebens aus der Hand der Feinde gerissen und errettet, und ihrem ganzen Volke zu seiner geistigen Erquickung und Heilung es dargebracht als das Wasser des Brunnens von Bethlehem war. Dort oben auf der Höhe des Gebirges, zeigt sich in deutlicher Nähe, gleich den Trümmern eines alten Domes die Heldenburg der Makkabäer: ~Modin~, die Bergstadt; der Wohnsitz und gemeinsame Begräbnißort der Makkabäer[34]. Wenn man, wie doch öfter geschieht, die Eindrücke durchs Auge mit jenen vergleichen darf, welche durchs Ohr der Seele nahen, so möchte ich den, welchen der Anblick der alten Bergfeste Modin auf mich machte mit jenem der tiefen Töne einer großen Glocke vergleichen, welche Gedanken des Ernstes weckt. Wem sollte nicht dieser alte Felsenhorst das Andenken der vorbildlichen Kämpfer mit dem Widersacher alles Glaubens an das was göttlich ist; das Andenken an die Priesterhelden Mattathias und Judas und Simon und selbst an das unglückselige Haus der Hasmonäer erwecken. Dennoch, so bedeutungsvoll das Erinnerungszeichen ist, das die alte Bergfeste darstellt, so war dennoch der Held, von welchem die Kunde dort am Fuße des Berges, im Thale der Terebinthen Zeugniß giebt, noch ein höherer Vorkämpfer seines Volkes und der zukünftigen Geschlechter. Dort, im Eichengrunde schlug David der Knabe, der ohne Schwert, Spieß und Schild nur im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Zeuges Israël dem übermächtigen Feinde entgegentrat, den Riesen Goliath und ward hierdurch ein Vorkämpfer und Durchbrecher zum Siege für die Heere seines Volkes, welche, da der Riese von der Hand eines Knaben gefallen, in Kraft des Glaubens an den Gott des Zeuges Israëls sich aufmachten und riefen und jagten den Philistern, die der Schreck getroffen, nach, bis an die Thore Ekron, daß die Feinde fielen erschlagen auf dem Wege Saarim bis gen Gath und gen Ekron. Aber nicht nur mit dem Riesen, auch mit andern, furchtbarern Mächten hatte der Held des Terebinthenthales gekämpft, und so tief auch die Wunden waren die er im Streit empfangen dennoch zuletzt, durch kindlich treues Festhalten, selbst beim Fallen, an der Hand Dessen der vom Tode errettet, den Sieg des Glaubens errungen, der seine Zuversicht setzet auf den Herrn, Herrn. Und so war derselbe auch hierdurch der Vorkämpfer geworden der Schaaren, die niemand zählen kann, die durch Glauben hindurchgedrungen sind zum Siege, der weiter reichet als zu den Thoren Ekron, ja ein Vorbild Dessen, der den Kampf der Kämpfe hinausgeführt hat zum Ende. Der dritte aber der Helden, an den die Kunde des Landes, welche hier unten am Fuß des Berges im grünenden Thale wohnt, erinnert, war der größeste unter den Dreien, denn von ihm bezeuget der Mund der Wahrheit selber, daß »unter Allen die von Weibern geboren sind nicht aufgekommen sey der größer wäre denn er«[35] (bis zu den Zeiten des Reiches das höher stund denn alle Reiche der Menschenkraft). Dieser war der Vorgänger, nicht eines Fürstenstammes Judäas, nicht der Heere Israëls gegen das Volk von Philistäa, sondern ein Vorgänger Dessen, der ein Fürst ist der Könige und Herren auf Erden; der größer ist denn Israël; Er selber Israëls Trost und Hoffnung und Ende.

Außer dem Thale der (grünenden) Einöde, in welcher Johannes der Vorläufer war, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk Israël[36], das zunächst hier unten zu unsren Füßen liegt; außer dem Terebinthenhaine dessen That die Sängerinnen Israëls priesen, mit Gesang und Reigen, mit Pauken und Triangeln[37]; außer der Geburtsstätte und Grabstätte der Makkabäerhelden dort auf der Höhe, sieht man dort vom Gebirge das Rama des Samuel und die Stätte von Emmaus; Calonia, an der Straße von Jaffa nach Jerusalem (das Ende des Thales der Terebinthen) und, wenn mein Auge nicht irrte, die Höhen des Oelberges. Uns zog jetzt vor allen das prachtvoll, gleich einem Fürstenschlosse im Haine der Zypressen vor uns liegende Kloster St. Johanns, des Täufers an; zu ihm lenkten wir für heute unsre Schritte hin. Leichtfüßige Gazellen, von Gestalt und Farbe unsrer Rehe, eilten über das Gebirge hinüber; der Leib war langsamer, der Geist schneller denn sie, denn er war vorangeflogen auf der Bahn des großen Vorgängers bis dort hinüber zur Siegerpalme des Oelberges.

Unten im Dörflein kamen wir zuerst bei einem reichlich fließenden Quell, dem Brunnen der Maria vorüber, an denen Frauen des Ortes Wasser schöpften und wuschen. Wir langten etwas vor vier Uhr im Kloster an, dessen Väter eben hinabgegangen waren zur Kirche, um hier das Lied der Vesper zu singen. Die Töne der Orgel (es ist eine der vorzüglichsten, wo nicht die beste der christlichen Kirchen des Landes) zogen auch uns hinab zu dem Tempel, in dem eine kindliche Andacht die Geburtsstätte des großen Vorgängers verehrt. Der volltönende, harmonische Gesang der Väter (sie sind großentheils Spanier) redete die Sprache eines festen Hoffens, das nie zu Schanden wird; wenigstens deutete sich seinen Inhalt so die Seele, die sich hier begrüßt fühlte, mit dem Gruße des ewigen Friedens.

Der Gottesdienst war geendet; wir hatten uns wieder hinauf begeben in das Zimmer der Gäste; der Prior des Klosters, ein noch jugendlicher Spanier, aus einem edlen Geschlecht seines Landes trat zu uns hinein und begrüßte uns freundlich. Auch die andern Gefährten der Reise waren nun angelangt, man hatte sie, weil Frauen unter ihnen waren, und weil im Kloster strenge Clausur herrscht, um das Gebäude herum geführt, dann zu einer Hinterthür hinein gelassen, dort aber, im Hofe, für sie eine freundliche Wohnung, in einer Art von Gartenhäuschen bereitet; bald war da in Fülle alles herbeigebracht, dessen das leibliche Bedürfniß der ermatteten Pilgrime zu seiner Sättigung bedurfte. Der Prior und sein Vicar hatten uns aber noch einen andren Genuß zugedacht. Sie führten uns hinaus an den Abhang des Berges, der jenseits des Dorfes sich hinabzieht, nach dem Thale der Terebinthen, oder, wie man es wegen der vielen anjetzt hier wachsenden, immergrünenden Eichen auch nennen könnte, nach dem Eichengrund. Hier waren die Männer Israëls, unter Saul gelagert, als sie sich rüsteten zum Streit wider die Philister; hier war es wo Isais Sohn seinen Brüdern das Epha Sangen und die zehn Brode, für den Hauptmann aber zehn Käse ins Lager brachte. Und ob auch Eliab, der größeste Bruder ergrimmete über die vermeintliche Vermessenheit und Herzensbosheit des jungen, bräunlichen Hirten[38] so war doch dieser nicht gekommen den Streit zu sehen, sondern ihn zu enden. Wir empfiengen hier »glatte Steine aus dem Bache« zur Erinnerung an die Kraft einer Hirtenschleuder, die siegreicher wirkte denn Spieß und Schild und Schwert. Man sieht vom Abhange aus deutlich und nahe Calonia, von dessen sattelförmiger Höhe das Thal herabläuft, und an einigen Stellen auch Emmaus, da der Geber alles Guten von den Jüngern am Brodbrechen erkannt ward, so wie die Herrscherin des Gebirges, die Veste von Modin. Auf dem Rückweg erzählten uns die Väter wie sie noch vor wenig Jahren, ehe Ibrahim Pascha über diese »kleinen Füchse die den Weinberg verheerten« ein heilsames Schrecken brachte, so in Furcht vor den Mohamedanischen Bewohnern des Ortes und seiner Umgegend leben mußten, daß zuweilen aller Verkehr mit der versorgenden Mutterstätte, mit Jerusalem unterbrochen war. Man konnte selber nicht aus dem Kloster hinaus treten und Pilgrime durch die Nachbarschaft geleiten, ohne Beschimpfung und zuweilen selbst Verletzungen durch Steinwürfe zu erfahren. Anjetzt wohnen die Tauben ungestört zwischen den Sperbern, denn ein Geieradler schwebt über beiden, der die Sperber schreckt.

Wem sollte es, »er sey Ritter oder Knecht« unter dem Obdache des Klosters von St. Johann nicht wohl werden; wer sollte hier unter dem balsamisch duftenden Garten, wenn er über die blühenden Beete der Terrassen hinansteigt, bis zur Höhe, mit der Aussicht über Berg und Thal nicht zu seinen Herzen sagen: hier ist gut wohnen. Uns Männern hatte man im Kloster selber die Herberge angewiesen; mir war eine Zelle zugefallen, deren Fenster die Weinreben umschatteten und welche bei Tag und noch mehr bei Nacht den Duft der blühenden Orangen und Zitronen durchdrang; die Frauen bewohnten das gastliche Häuschen im Vorhof der Mauern, wo wir uns auch jetzt zum Abendbrod versammelten.

Für mich war es schon heute, Freitags am 7ten April, da ich beim Strahl der Morgensonne, der durch die Rebengelände hereindrang, erwachte, ein Fest Johannes des Täufers. Denn ich hatte mich mit den Gedanken die sein Fest in der Seele des Christen weckt zur Ruhe gelegt und wachte mit diesen Gedanken wieder auf. Grünete und blühete ja auch, da draussen im Garten in welchem ich hinaustrat Alles so wie bei uns in der sommerlichen Zeit des Johannisfestes; statt der grünenden Birken freilich die Farnesianische Mimose; statt der deutschen Jasmins der Storaxbaum und die Limonie. Einer der jüngeren Brüder des Klosters, ein Spanier, der den Schmerz seines Landes tief empfunden, führte, nach der Morgenandacht, mich und meinen Freund Bernatz hinaus in die Wüste von St. Johann, zu der Grotte, in der sich, wie die fromme Sage berichtet, der große Täufer enthielt, bis daß der Gedanke seines hohen Berufes zur That geworden. Der Weg zu jener alten Ruhestätte der christlichen Andacht, auf den vormals der Orden der Johanniterritter, wie auf alle Erinnerungszeichen dieser Gegend, seine besondre Pflege gewendet, geht an der Seite des Thales hin, das von Calonia durch den Eichgrund nach dem Eskol- oder Sorekthale verläuft. Unser Führer zeigte uns eine Felsenplatte, »auf welcher der Täufer stund, da er zuerst an sein Volk das Wort nahm.« Die Wohnung in welcher er das Alleinsein mit dem Gedanken seines Tagwerkes und mit Dem, der den Gedanken in ihn legte, gesucht und gefunden ist eine Felsenhöhle, an deren Fuß ein Quell sein klares Wasser hervorströmt. Wir fanden das Hinansteigen von einem Felsensprung zum andern nicht mehr so beschwerlich, als Cotovicus es beschreibt; vielleicht daß wir des Kletterns über so geringe Höhen gewohnter waren denn er, oder daß die Mönche, deren Pflicht es ist zu gewissen Zeiten hier Gottesdienst zu halten, den Eingang erleichterten. Auch unser Führer sprach hier die Gebete, die seit alter Zeit dem Orte gewidmet sind und wir nahmen von Herzen an seiner Andacht Theil. Oben auf dem Felsen stehen die Ruinen eines Klosters, das in den Zeiten der christlichen Herrschaft des Landes ziemlich bevölkert war. In der Nähe der Grotte breiten sich, am Abhange des Berges, Weingärten und Baumpflanzungen aus; unter den Bäumen wird allerdings auch hin und wieder der Johannisbrodbaum (die +Ceratonia siliqua+) gesehen, deren Früchte, nebst dem wilden Honig die gewöhnliche Nahrung des einsam Wohnenden waren[39]. Der Grotte gegenüber liegt ein Arabisches Dorf, vielleicht an der Stätte von Socho, zwischen welchem und Aseka das Heer der Philister sich gelagert hatte, da Saul mit Israëls Streitern ihm entgegenzog. Auf dem Rückwege weilten wir noch bei den Ruinen jener christlichen Kirche, die »an der Stätte des Haußes des Zacharias erbaut war, vor welchem Elisabeth und die Erwählte der Jungfrauen sich begrüßten.« Ein Wandersmann, welchen schon der Anblick von Albertinis bildlicher Darstellung dieser Begrüßung innig bewegte, wie sollte der nicht bei dem Verweilen an dieser Stätte ein Tröpflein jener seligen Freude empfinden, die einst in einem verborgenen Thale des Gebirges Juda zwei Menschenseelen erfüllte, denen schon mitten in der Zeit des Dunkels der helle Tag der Ewigkeit anbrach. Auch unser Führer las uns hier laut jene Stelle des Evangelisten Lucas, an welche diese Stätte erinnern soll: die Worte, welche Elisabeth, des Geistes voll, der gebenedeiten Jungfrau entgegen rief und den Lobgesang Marias.

Nach unsrer Rückkehr ins Kloster ergieng ich mich noch einmal, in Gesellschaft der zurückgebliebenen Freunde in der schönen Kirche, deren Altarbild das Werk eines großen spanischen Meisters (des Murillo?) ist, dann im Garten des Klosters. Er ist der größeste und schönste den ich in der ganzen Umgegend von Jerusalem sahe; großentheils neu angelegt, am Abhange eines terrassenartig ausgearbeiteten Felsens, von dessen Wänden die Sonnenstrahlen verdoppelte Kraft empfangen; auch für eine hinreichende Bewässerung des Bodens ist gesorgt. In Folge der vortheilhaften Lage des Gartens fanden wir hier den Pflanzenwuchs ungleich mehr vorgeeilt als in Bethlehem und Jerusalem; die Mandeln stunden schon in bedeutender Größe an ihren Bäumen; auch die Aprikosen, Kirschen und andre Obstbäume hatten Früchte angesetzt. Einer der Väter des Klosters ist ein Freund und man darf sagen ein Meister der Gartenkunst, denn als solcher zeigt er sich durch die großentheils neue Anlage des Gartens, dessen Grund er dem vorhin verödeten Felsen abgewonnen hat und die noch fortwährend unter seiner Leitung sich erweitert. Wir sahen hier mehrere Gewächse der heißen Zone im Schutz der Felsenwände gedeihen, die wir im Gebirge Juda kaum erwartet hätten. Wie gerne wäre ich der Einladung der freundlichen Väter des Klosters gefolgt und einige Wochen bei ihnen geblieben in der stillen, reinlichen, grün umrankten Zelle und in dem schönen Garten, wir hatten aber in Palästina noch so vieles Andre zu sehen und meine Zeit war mir gemessen.

Nach Tische besuchte uns noch einmal der gute Prior und erzählte uns Manches aus der neuesten Geschichte des Klosters. Die armen Väter hatten, besonders in den Zeiten des letzten Aufstandes und während der Theurung die vor einigen Jahren das Land traf, viel von Noth und Sorgen gelitten. Ich lernte auch bei dieser Gelegenheit in jenem edlen Spanier ein kindlich gläubiges, liebevolles, gottvertrauendes Gemüth kennen; mit dankbarer Bewegung nahmen wir gegen drei Uhr des Nachmittags von unsren guten »Johannitern« Abschied und zogen fröhlich unsre Straße über den Berg hinan, gegen Jerusalem.

Die Steinhaufen dort auf der Höhe, neben den meist sehr schlecht angebauten Saatfeldern, möchte man gern um ihre Geschichte befragen, denn viele von ihnen scheinen vormals zu Menschenwohnungen gehört zu haben. Wir unterließen, so weit uns dieß möglich war, das Fragen und Forschen nicht; das aber was wir zur Antwort erhielten betraf eine Geschichte, welche älter ist, als die Geschichte der Kananiter und der zwölf Stämme des Volkes, welches dieses Land der Verheißung zum Erbe besaß. Denn der Ammonit des Kalkgebirges den wir unter den Steinen fanden erinnerte an jene alten Tage, welche statt einer Antwort den forschenden Geist des Menschen selber fragen: »wo warest du, da ich die Erde gründete, sage mirs, bist du so klug. -- Da mich die Morgensterne mit einander lobeten und mir zujauchzeten die Chöre der Engel[40].« Uns war übrigens, wie ich dieß noch später erwähnen werde, dieser Fund, den Freund Bernatz machte, von Wichtigkeit; denn die Versteinerungen in der Umgegend von Jerusalem gehören zu den größesten Seltenheiten, und diese hier versprach einen weitren Anhaltspunkt zu gewähren für das Erkennen der Gebirgsart der sie angehörte.

Nach einer kleinen Stunde Weges kamen wir zu dem Kloster des heiligen Kreuzes, das die Andacht der Georgianer an jener Stätte begründete, an welcher, nach einer Sage der christlichen Bewohner des Landes der Stamm des Oelbaumes gewachsen war, aus dem man Golgathas heiliges Kreuz bereitete. Wie die meisten Klöster des Landes gleicht auch dieses einer kleinen Veste. Es soll eine ansehnliche Menge Georgischer Handschriften enthalten; wir sahen sein Innres nicht. Man hat von diesem Hügel eine Aussicht auf die Stadt Jerusalem, an welcher sich die Burg Zion, das Coenaculum, das Kloster von St. Salvator und andre Gebäude der Westseite vorzüglich herausheben zugleich aber, weil der Standpunkt zu niedrig ist, den Anblick der übrigen Stadt verhindern, von der man fast nur die Minarets, und, so wie man etwas seitwärts tritt, die hohe Kuppel der Omarmoschee hervorragen sieht. Als wir an den Türkischen Grabstätten am Abhange von Gihons Thal vorübergiengen, erinnerten uns die Schaaren der weißgekleideten, verschleierten Mohamedanerinnen, die auf den Leichensteinen saßen, daran daß heute Freitag sey; der Tag des Sabbathes der Bekenner des Islams, der Tag ihrer wöchentlichen Feier der Gräber. Wir kamen schon gegen fünf Uhr wieder in unsrer stillen, freundlichen Wohnung der +Casa nuova+ oder des Pilgerhaußes an, begrüßten die Väter des Klosters und ich brachte noch einen Theil des Abends auf dem platten Dache des eigentlichen Klostergebäudes im Genuße der Aussicht zu, die mir, so oft ich sie auch sahe, immer wieder neu und innig werth erschien. Unser theurer Freund, +Dr.+ Roth war von seinem Fieberanfall wieder genesen.

Neuer Aufenthalt in Jerusalem.

Der Schritt der Zeit, dort in den Mauern Jerusalems, ist ein so leiser, daß man ihr Vorüberwandeln kaum bemerkt, und doch lässet jede Stunde Erinnerungen zurück, aus denen die Seele für so manches künftige Jahr Freude und Erquickung entnehmen könnte. Ich las heute, Sonnabends den achten April, viel und lange in dem Buch der Bücher, das uns in den großen Geschichten Bethlehems und Jerusalems und ihrer einst sichtbaren Herrlichkeit, zugleich die Geschichte eines unsichtbaren Reiches erzählt, dessen Thron ein ewiger, dessen Scepter ein unwandelbares ist. Wie lebendig wurden mir hier, an der Stätte des sichtbaren Erscheinens, manche Züge der heiligsten Geschichte; welcher tiefe, sabbathliche Frieden ergriff mich bei dem Lesen der Evangelien des Auferstehungsmorgens und der Erzählungen von den ersten Tagen und Thaten der Apostel. Am Nachmittag besuchte ich in Gesellschaft meiner Hausfrau das Thal Josaphat und den Fuß des Oelberges. Sie sammelte Erde aus Gethsemanes Garten und manche andre Erinnerungszeichen an diese werthe Stätte, zum Geschenk für Freunde in der Heimath; später sahen wir noch auf unsrem Lieblingsorte innerhalb dem Stephansthore, dem Morija gegenüber, die Sonne untergehen über Jerusalem. Auf dem Heimwege nach dem Kloster begegnete uns etwas, das uns während unsres Aufenthaltes in Jerusalem noch niemals geschehen war: einige fanatische Soldaten schimpften auf meine ganz Europäisch gekleidete, unverschleierte Frau und warfen selbst mit Steinen nach ihr, ohne jedoch eines von uns zu treffen. Es war heute zum ersten Male daß eine unsrer Begleiterinnen nur in Gesellschaft eines fränkisch gekleideten Mannes ausgieng, bisher war immer der Türkisch gekleidete Dragoman oder der Janitschar des Klosters dabei gewesen, wenn sie durch die Stadt zu gehen hatten und von heute an ließen wir es auch, wenigstens wenn der Weg neben einer Caserne vorbei gieng, an dieser Vorsichtsmaßregel nicht mehr fehlen. Wir Männer durften übrigens allenthalben in unsrer heimathlichen Kleidung uns sehen lassen und herumtreiben ohne daß jemand aus dem Volk ein Aergerniß daran genommen hätte.

Für den Sonntag hatte ich mir noch einen ganz besondren Genuß aufgespart: ich wollte heute wenigstens den freien Platz betreten, der vormals die Stätte des geheiligtsten der Tempel war und auf welchem jetzt die große Moschee Sakhara steht, und dann die nächste Nacht in der Kirche des heiligen Grabes zubringen. Wir genossen zuerst der Segnungen des christlichen Sabbathes, dann gieng ich ganz allein mit Herrn Mühlenhof, der seine schönste Türkische Kleidung angelegt hatte, während ich mit meinem Fränkischen Sonntagsrocke bekleidet war, hinab nach dem Hauße des Gouverneurs: dem vormaligen Richthaus des Pilatus. Dieses gränzt unmittelbar an den großen Vorplatz des Tempels; von seinen Fenstern wie von seinem Dache aus hat man eine ungehemmte, nahe Aussicht auf die Moschee und alle ihre Nebengebäude. Ich habe schon bei andrer Gelegenheit erwähnt, daß ich durch einen bedeutenden Mann in Kairo, der dem Ibrahim Pascha nahe stund, auch für Jerusalem eine sehr gewichtige Empfehlung hatte, die jedoch für mich, da Der abwesend war, an den sie lautete, bisher ohne Nutzen blieb. Heute verschaffte sie mir jedoch einen kleinen Vortheil, als wir, hindurchgehend durch den Hof des Commandantenhaußes die Adresse des Empfehlungsbriefes einem Offizier zeigten, wobei Herr Mühlenhof Manches vornehm Klingende von der guten Aufnahme erzählte die ich in Kairo erfahren und noch Andres hinzufügte das mich etwa in den Augen jenes Herrn wichtig machen sollte. Hierauf hatte der Offizier gegen meinen Wunsch: nur auf den Vorhof der Sakhara hinauszutreten, nichts einzuwenden und die wachthabenden Männer die bei dem gemauerten Durchgang, der zur Moschee führt, die Aufsicht führten, auch nicht, um so mehr da dem einen, der auf der steinernen Bank saß und ein Unteroffizier zu seyn schien, eine Belohnung versprochen ward. Dennoch begleitete mich keiner der Leute, sondern man lies mich auf meine eigne Gefahr die kleine Wandrung antreten.

* * * * *

Es liegt ja schon bei gewöhnlichen Dingen ein besondrer Reiz für die Seele in dem Verbotenen; das Beschauen Dessen, das man uns geheim hielt, erfreut mehr als die Betrachtung des vielleicht ungleich Bedeutungsvolleren, welches offen am Tage liegt. In diesem jetzigen Falle war der Reiz der Anschauung mit eignen Augen noch ein andrer, schon durch die Natur des Gegenstandes erhöhter. Die hohen Zypressen, da vor mir, warfen ihren Schatten auf Häußer, deren Form, auch noch in ihrem jetzigen Verfall zu verrathen schien, daß sie einst Wohnungen der christlichen Ritter des Tempels waren. Ich selber stund im Schatten einer der nächsten Zypressen. Es war heute still und menschenleer auf dem schönen, meist mit grünendem Rasen bedeckten Platze, denn der Sonntag der Christen ist nicht der des Islams und es war jetzt nicht die Stunde des Gebetes. Außer den Zypressen stehet hin und wieder ein alter Oelbaum, oder ein schlanker Lotusbaum (+Rhamnus Nabeca+) und das niedre Gewächs der Granaten. Ich wollte die Gränzen meines gegebenen Versprechens, nur eben auf den Vorhof hinauszugehen, nicht überschreiten, ich wagte es nicht mich den Stufen zu nähern, die nach der Plattform hinanführen, auf der die große Moschee stehet, sondern hielt mich immer an der Nordwest- und Westseite des äußren Umfanges in der Nähe der Häußer. Wie muß doch hier der christliche Pilgrim als ein Fremdling im Feindesland herumschleichen, der seinen Mund nicht aufthun darf, in der Nähe jenes Ortes, der einst im engeren Sinne denn alle andre Orte der Erde, auch ~seines~ Vaters war[41]. Doch die Sonne schien mit hellem Glanze über das Dach der Sakhara, deren vergoldeter Halbmond vor ihrem Leuchten fast verschwand, ihr Licht ist noch dasselbe, das es einst gewesen, als die Herrlichkeit des Herrn das Haus erfüllte, welches Salomo hier an diesem Orte Jehovahs Namen erbauete[42]; es ist noch dasselbe das die Schaaren der Greise beleuchtete, welche bei der Gründung des zweiten Tempels, mitten unter dem Jubel des jüngeren Geschlechts weineten, weil sie der Herrlichkeit des ersten Tempels gedachten, die nun dahin war[43]. Ja, es ist noch dieselbe Sonne, welche heute glänzt und die einst über dem prachtvollen Gebäu jenes letzten Tempels stund, in welchem Der in sichtbarlicher Gestalt erschien, welcher die Erfüllung aller Gebete des innersten Heiligthumes war; das Urbild und Ende der Opfer, die am Altare bluteten, das Ziel der Verheißungen die auch den Völkern des Vorhofes galten. Wenn die Mohamedaner noch jetzt bei Todesstrafe es Jedem verbieten, der nicht ihres Glaubens ist, in das Innre der Sakhara-Moschee zu treten, weil sie meinen, daß jedes gläubige Gebet an diesem Ort Erhörung finde, dann schwebt ihnen, wie ich schon oben (+II.+ S. 585) erwähnte, der Inhalt jener Worte vor der Seele, die Salomo sprach, der König, bei der Einweihung des ersten Tempels. Die Worte des Flehens daß der Herr den der Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen[44] dennoch möge seine Augen offen lassen über dieß Haus Tag und Nacht und das Gebet hören, daß hier der Einheimische, und selbst der Fremdling, der nicht des Volkes Israëls ist, der aber kommt aus fernem Lande, um Jehovahs Namens willen, darbringt, und daß Er thun möge Alles darum der Fremde ihn anruft[45]. Ja, wie gut ists daß Der, welcher nicht wohnt in Tempeln, die von Menschenhänden gemacht sind, erhöret das Gebet auch des Fremdlinges und Gastes in fernem Lande »auf daß alle Völker auf Erden Seinen Namen erkennen, und Ihn fürchten.«

Nach dem, was ich vorhin sagte, darf man von mir keine genauere Beschreibung des jetzigen »Schattenspieles an der Wand« erwarten, das an der Stelle des alten Tempels von Jerusalem das Auge umgaukelt. Ich kann nur für mich selber mit etwas lebendigerem Verständniß das wiederholen, was Andre von dem verbotenen Orte erzählen, die ihn wie ~Richardson~, genauer betrachten durften[46], und auf jene ausführlichere, genaue Beschreibung mich berufen, welche v. ~Raumer~, in seinem Palästina, nach den besten Quellen über diese Heiligthümer der Mohamedaner gab. Die Ebene des jetzigen Tempelberges, Haram Scheriff genannt, nimmt einen länglich viereckten Raum ein, der in Süd und Ost von der Stadtmauer, in Nord und West von Häußern umgeben ist. Seine Länge misset 1489, die Breite 995 englische Fuß. Die Platform, auf der die Moschee von Omar erbaut steht, liegt (fast) in der Mitte des Platzes, um 14 Fuß über diesem erhöht; sie heißt Stoa Sakhara und ist mit blaulich weißem Marmor gepflastert. Die Moschee ist ein Achteck; jede der Seiten 60 Fuß breit; vier Thüren, abwechselnd an jeder zweiten Seite eine, führen ins Innre; die Höhe bis zum Gipfel der Kuppel, welche 40 Fuß Durchmesser hat, beträgt 90 Fuß; 52 Fenster geben dem Innren, dessen Wände weiß übertüncht sind, sein Licht. Hier sieht man an jeder der acht Wände drei Säulen; 16 tragen die Kuppel; zwischen ihnen umschließet ein eisernes Gitter den Ort des Gebetes, in dessen Mitte, von hölzernem Gatterwerk umfasset, jener fliegende Stein ist, auf dem die Propheten beteten, der aber, als diese entflohen ihnen nacheilen wollte. Da kam Gabriel und hielt ihn, bis Mohamed kam und ihn befestigte, (worauf der Name Sakhara, befestiget, deutet). Im Süden der durch Omar erbauten großen Moschee stehet das, wie mir schien, wahrhaft architektonisch schöne Gebäude der Acksa, eine vormalige Christenkirche, die der Darstellung des Herrn im Tempel geweiht war. Man sieht und zeigt noch sonst viele Mohamedanische Denkwürdigkeiten in dem grünenden Zypressengarten des Haram Scheriff, von denen ich schon bei andrer Gelegenheit sprach. An der Westseite des Platzes erhebt sich um diesen eine Mauer, noch jetzt bis zu einer Höhe von 60 Fuß. Hier ist die Stätte dahin die Israëliten an jedem Freitag gehen, um hier über Jerusalems Jammer und über die Zerstörung des Tempels zu weinen. Sie halten dieses Gemäuer, dessen unterer Theil allerdings einer kräftigeren Zeit der Baukunst des Landes anzugehören scheint, für Ueberreste des ersten, Salomonischen Tempels, denn von dem zweiten glauben auch sie, daß bei seiner Zerstörung, wenigstens von dem eigentlichen Gebäude, kein Stein auf dem andern geblieben sey[47]. Jenseit des äußren Raumes der an diese hohe Mauer gränzt erhebt sich die eigentliche Stadtmauer.

Ich habe niemals mit dem Muth ein Handwerk getrieben, sondern, wenn ich einen Vergleich aus dem Geschäfte der Jagd entlehnen darf: es neigt sich meine Natur mehr zu einer Verwandtschaft mit dem Hasen als mit dem Jäger hin. Deshalb hemmte ich meine Schritte plötzlich als ich etwas weiter nach Südwesten gegangen war und hier bemerkte daß etliche Türken auf mich zukamen; ich machte daß ich zurückkam zum Thorwege, der zum »sichren« Haus des Gouverneurs führt und gab mit Freuden, für die genußreichen Augenblicke, die ich vor den Häußern der alten Tempelritter im Vorhof ihres Tempels hatte zubringen dürfen, den versprochenen Lohn. Was ist ein Jahrtausend gegen die Ewigkeit; und dennoch kann auch eine halbe Stunde, ja eine Minute der Erdenzeit der Kräfte der Ewigkeit voll seyn.

Ich erinnere mich aus meinen Jünglingsjahren noch mit besondrer Bewegung einer Nacht, die ich aus freier Wahl wachend auf dem Schlachtfeld bei Lützen zubrachte. Damals war mein Herz noch mehr ein Fremdling in Israël denn es jetzt ist; ich erkannte den Helden und Sieger nur wenig, dessen Triumphzeichen nicht die am Boden liegende Schaar der Todten, sondern der Tod, welchen er überwand, selber war. Heute war mir das Wachen einer einsamen, stillen Nacht bei einer andern Stätte des Kampfes beschieden als die auf Marathons Feldern, herrlicher denn alle Schlachtfelder der Erde, weil hier der Held allein stund gegen alle Mächte der sichtbaren und unsichtbaren Feindeswelt und ihnen obsiegte.

Wir begaben uns um drei Uhr des Nachmittags, mit mir Herr Krohn und Franz sammt den beiden Reisegefährtinnen zur Kirche des heiligen Grabes. Die Lieder der täglichen Prozession, die wir auch heute mit inniger Theilnahme begleiteten, waren verstummt; die Schaaren der Armenischen und Griechischen Pilgrime hatten sich aus der Kirche entfernt; die Thüren wurden verschlossen. Das Abendroth, das zu den Fenstern der hohen Kuppel hereindämmerte, war jetzt auch verblichen, bald gaben nur die Lampen, die am Umkreis der Säulengänge und an den heiligen Stätten leuchten, einen schwachen Schein, wie ihn die glimmenden Kohlen eines verlöschenden Hirtenfeuers auf die Flur werfen. Die guten Väter des Lateinischen Klosters, welche der Hut des Tempels warten, hatten uns Männern eine Wohnstätte in ihren Zellen, den beiden Frauen aber eine bei der Orgel angewiesen, wo das gewöhnliche Nachtlager der weiblichen Pilgrime zu seyn pflegt. Man hatte uns Alles reichlich dargereicht, was zur Nahrung und Erquickung des Leibes dienet, namentlich hatten wir männlichen Pilgrime im Refectorium die Abendmahlzeit mit den Vätern genossen; den Frauen war bei ihrer Orgel ein Tisch bereitet worden. Da man uns aber dann auch Betten, zur Ruhe auf einige Stunden anwieß, begaben wir uns zwar, um die Ordnung des Haußes nicht zu stören, an unsern Ort; bald aber hatte ich mich, leisen Schrittes, wieder herunter begeben zur Kirche. Ich saß auf einer der steinernen Bänke, auf Golgathas Felsen. So still, so dunkel mag es um die Seele seyn, wenn das Auge, vom herannahenden Tode halb gebrochen, auch die Mittagshelle des Tages nur noch wie Dämmerung schimmern siehet und das Ohr die Stimmen des Rufens und des Weinens nur wie aus weiter Ferne hört. Die Pforte zur Rückkehr ist geschlossen, eine Tiefe hat vor den Füßen sich aufgethan, deren Grund und Ende das umnachtete Auge nicht siehet; die Seele ergreift Entsetzen bei dem Gedanken an das Hinabfallen. Dann aber wie die brennenden Lampen, dort an der Stätte des Kreuzes, scheinet, statt des äußren Tages, ein andres Licht in die Nacht des Todes herein: »sorge nicht, siehe es ist ein fester Fels, der dich trägt, auf dem du ruhest; der Fels heißt Gnade.«

Das Licht der Lämplein warf nur einen sparsamen Schein durch die gewölbten Hallen und auf die alten Bilder der Wände, es war aber an dieser Stätte ein Licht, das hell genug ein andres Bild beleuchtete, welches kein äußeres war. Hier, in der einsamen Stille einer solchen Nacht sammelten sich um meine Seele die Gestalten aller der vergangenen Tage meines Lebens; es waren darunter kaum etliche, die mich grüßten mit dem Gruß des Friedens, viele die mich anblickten als Verkläger und als Feinde. Und die Seele stund von ferne, wagte auch nicht ihre Augen aufzuheben zu dem Lichte, welches das Bild beleuchtete; da wachte in ihr, als ein Lebenshauch des Morgens, der die Schrecken der Nacht zerstreuet, ein Wort auf, welches fester stehet denn Golgathas Fels, klarer leuchtet denn die Helle des Mittages, das Wort: denn aus Gnaden seyd ihr gerecht, aus Gnaden seyd ihr selig geworden[48]. Und der Schrecken des Todes war vergangen und dahin, und ward nicht mehr gesehen.

Es war kurz nach Mitternacht, da ward dem Schweigen dieses hehren Tempels eine Stimme gegeben; die schönen Gottesdienste, welche die Andacht der frommen Väter seit den frühesten Jahrhunderten des christlichen Jerusalems hier begründete, wachten auf. Zuerst erhuben gleich Wächtern auf der Zinne, die auch in der Stille der Nacht hier zu Zion Ihn loben[49], die Väter des Lateinischen Klosters ihre Stimme; sie sangen Hymnen und sprachen Gebete, vor der Stätte des heiligen Grabes. »Ja, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.«

Hierauf, nach kurzer Stille nahm die Andacht der Griechischen Christen das Wort, welche auch Hymnen sangen und beteten; dann jauchzete, in fremdartigerem Tone, der Klang der Zymbeln und Tambourins der Armenier, begleitet von der Stimme der Singenden auf; zuletzt wie eine Einsame und Verlassene, trat, in den Schleier ihrer Landesformen gehüllt, auch die Anbetung der armen Kopten aus dem Dunkel hervor; Jenem, der die Stimme der Betenden höret, nicht minder angenehm als die den menschlichen Sinnen gefälligeren Gottesdienste der Andern, wenn sie nur im Glauben geschahe.

Nach etwa anderthalb oder zwei Stunden wurde wieder Alles still; man hätte den Schlag des eignen Herzens hören können. Nur ein einziger Griechischer oder Armenischer Pilgrim, der mit uns zugleich die Nacht in der Kirche des Grabes verwachte, war, während der Gesänge der Armenier hinaufgekommen in die Kapelle von Golgatha und hatte da kurze Zeit gebetet; ein Mal war ein Griechischer Priester herausgetreten aus der Sakristei und hatte die Lampen geschmückt, sonst herrschte hier die Stille wie an der Bahre eines gestern Gestorbenen.

Doch nur auf wenig Stunden schwieg die Stimme des Gebetes und der Lobgesänge. Zu den Fenstern der Kuppel über dem Grabe trat der erste Schein der Morgendämmerung, wie der Schimmer eines Rauches, der vom Rauchfaß des Priesters aufsteiget, herein, da begannen die Väter des Lateinischen Klosters in der Kapelle der Maria, die des Griechischen in ihrer Kirche die Gebete, und feierten dann bei der Stätte des Grabes und der Auferstehung ihre Gottesdienste. Ich hatte mich zu ihnen gesellt und fand da auch die beiden Begleiterinnen, welche, wie ich die Nacht durchwacht und den größten Theil derselben in der Kapelle des heiligen Grabes zugebracht hatten; auch die andern Freunde waren hier. Gegen neun Uhr öffneten die Türken die große Pforte und wir kehrten zurück zu unsrer Pilgerwohnung.

Reise nach dem todten Meere und Santa Saba.

Wir hatten wieder einige Tage still, und auf unsre Weise vergnügt in Jerusalem gelebt, da rüsteten wir uns Mittwochs, den zwölften April zu einer Reise nach der Stätte von Jericho, nach dem Jordan und nach den Gegenden am todten Meere. Mich hatte heute das sehnliche Verlangen nach dieser Wanderung, auf die ich mich ganz vorzüglich freute, ungewöhnlich frühe geweckt; ich war schon lange vor Anbruch des Morgens auf dem Gange und auf dem Dache des Haußes. Endlich kam die Sonne herauf und sie schien heute, wie es mir schien, ungewöhnlich heiß auf den Gang und in die Fenster des Zimmers herein. Meine Ungeduld trieb mich hinaus ins Freie, ich wollte, da selbst Freund Bernatz noch Vorbereitungen zur Reise zu treffen hatte, allein vorausgehen, da mich ja, wie ich hoffte, die Maulthiere mit ihren Reitern und Führern bald einholen würden. Ein sonderbarer Irrthum, zu welchem ich mich, selbst gegen mein früheres, besseres Wissen hatte verführen lassen, führte mich statt zum Stephansthore zum Bethlehemsthore hinaus. Der Pater Vicar hatte mir nämlich bei mehreren Gelegenheiten, wenn er mir die Aussicht vom Oelberg oder von einer andren erhöhten Stelle in und bei der Stadt erläuterte, gesagt, indem er dabei auf die Thalkluft des Kidronbettes hindeutete: hier wird Ihr Weg nach Jericho und dem Jordan hingehen. Und er hatte Recht, sobald wir, wie dieß außer der österlichen Zeit der Jordanswallfahrten viele Europäische Reisende pflegen, zuerst unsre Richtung nach St. Saba und von hier nach dem todten Meere und nach Jericho nahmen, während freilich der gewöhnlichste und nächste Weg nach dem letzteren Ort noch fortwährend, wie in alter Zeit an Bethanien vorüber, dann zum Berge Quarantania führt. So zog ich denn unbesorgt den Weg in dem Thale Ben Hinnoms hinab, indem ich mich bei der ungewöhnlichen Wärme des Morgens und bei der Ermüdung die mir die halb durchwachte Nacht zurückgelassen des Gedankens nicht erwehren konnte, daß ich heute diesen steilen, steinigen Weg nicht aufwärts statt abwärts steigen möchte. Bei dem Brunnen des Nehemia ruheten einige Türken, Tabak rauchend und durch gesellschaftliches Schweigen sich unterhaltend, ich grüßte sie und fragte sie ob dieß der Weg nach Jericho sey, sie sahen mich an und beantworteten dann meine Frage durch Schweigen, denn ich hatte nicht daran gedacht, daß Jericho, auch wenn seine Lage ihnen bekannt war, bei ihnen Richa oder Ericha heiße. Ich wartete einige Zeit unter dem Schatten eines Oelbaumes, kehrte dann ein Stück Weges zurück und schauete, so weit die Krümmungen des Thales es erlaubten, hinauf nach der Gegend von der die Gefährten herkommen sollten, da ich mich jedoch noch immer nicht entschließen konnte daran zu zweifeln, daß ich auf rechtem Wege sey, gieng ich immer von neuem vorwärts in dem herrlichen Thale, auf dessen grünenden Wiesengrund im Schatten der Bäume ganze Heerden der Pferde und Maulthiere weideten. Endlich da ich lange genug bald stehend, bald vorwärts und zurückgehend gewartet hatte, fragte ich, am Eingang des südwestlichen Seitenthales einen alten Eseltreiber und dieser, der vielleicht öfters Franken dorthin geführt hatte, verkündigte mir zu meinem Schrecken daß der Weg nach Jericho nicht hieher, sondern von da, wo ich stund weit nordwärts, am Oelberg vorübergienge. Ich mußte nun die Last und Hitze des beschwerlichen, steilen Rückweges auf mich nehmen, und da ich beim Kloster, so eifrig der Hausmeister sich darum bemühte, lange Zeit kein Pferd bekommen konnte um den schon seit zwei Stunden abgereisten Freunden nachzueilen, mußte mir abermals, wie dies öfter geschehen, die Ungedult eine Lehrerin der Gedult werden. Endlich war denn alles zum Nachzuge bereit, ein Türke, als Führer, war bei meinem Pferde, ich hatte mich darauf gefaßt gemacht meine Reisegesellschaft erst am Abend einzuholen, diese aber war mir treuer geblieben als ich ihr es gewesen; unser Arabischer Knecht begegnete mir schon, von der sorgsamen Hausfrau abgesendet, am Fuße des Oelberges; sie selber die treue Mitpilgerin, vor Sorge weinend, fand ich, mit der Freundin, mit Herrn Bernatz und Mühlenhof, im Thale das sich vom Oelberge, bei der Stätte von Bethphage herabsenkt; die andren Freunde warteten unsrer auf dem Hügel, vor Bethanien.

Das Erste was die Aufmerksamkeit des Reisenden auf diesem Wege von Jerusalem nach Jericho an sich zieht sind die augenfälligen Ruinen, welche von Bethanien südwärts, zur Rechten des Weges auf der felsigen Anhöhe liegen. Sie mögen wohl zum großen Theil von Werken einer späteren Zeit herrühren, die sich aber dort auf der Stätte, vielleicht des alten Bahurim anbauete. Denn hier in der Nähe war es, wo Simei, der Sohn Gera hervortrat und David, dem Gesalbten des Herrn fluchte, dann, hingehend an des Berges Seite, mit Steinen nach dem König warf[50]. Unter den Trümmern von Bethanien, die man an jener Stelle des Weges zugleich mit jenen überblickt, mögen die ansehnlichsten von jenem Nonnenkloster herrühren, das die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin in Bethanien erbauen ließ, deren Schwester dort Aebtissin ward.

Es war nach neun Uhr da wir endlich weiter ziehen konnten. Wäre der Tag nicht so sehr heiß gewesen, wie viel lieber hätte ich neben unsren Muckern (Maulthiertreibern) zu Fuße her laufen mögen als reiten auf diesen breiten Sätteln, die viel eher einem breiten Tische als einem Sattel gleichen und auf denen nur der Orientale, mit untergeschlagenen Beinen, bequem sitzen kann. Dabei haben die Thiere weder Zaum noch Gebiß mit denen der Reiter sie regieren könnte, so daß ein geborener Fußgänger, wie ich es bin mit einem Gefühl des Unbehagens ja des geheimen Grauens sich in der Gewalt und Macht eines Thieres sieht, das ohne Rücksicht auf alles menschliche Bedenken mit ihm auf schmalen Felsenrändern, an Abstürzen hingehet, welche dem Auge nicht wohlgefallen.

Jenseits des Hügels auf dem die vermutliche Stätte von Bahurim war, unten im Thale kommt man zu einem kleinen Brunnen, der schwerlich auch für die heißere Jahreszeit Wasser enthalten mag. Man siehet da an den Seiten des Weges noch einzelne Getraidefelder, deren Aehren aber sehr dünn stehen und von der Hitze wie versengt aussehen. Ein neuer Höhendamm ist zu übersteigen, dann gelangt man zu einem andren Quell, der ein klares frisches Wasser in reichlicher Menge ausströmt, und das frische Grün des Thales tränkt. Das Gemäuer des Brunnenhaußes scheint von neuerer (Türkischer oder Sarazenischer?) Bauart, wie wir dergleichen in Kleinasien gesehen hatten. Unsre Mucker (Maulthiertreiber) tränkten da ihre Thiere, auch wir stiegen ab und erquickten uns an dem frischen Quell so wie an dem Weine, von welchem uns die guten Väter des Griechischen Klosters erst gestern einen ziemlichen Vorrath für die Reise zugesendet hatten. Es war erst jetzt Zeit mit der Reisegesellschaft in Gespräch zu kommen, denn die Maulthiere, die niemand lenkt noch leitet, gehen, wie es ihnen einkömmt, bald nahe, bald fern von einander. Wir hatten einen neuen Gefährten bekommen: einen französischen Missionar, der gewöhnlich in Damaskus und am Libanon unter den Maroniten lebt; einen lebhaften, eifrigen Mann, der uns manche interessante Mittheilung über Damaskus und seine Bewohner machte. Der Weg gehet von dem erwähnten Brunnen aus noch eine Stunde weit im Thale hin, das an einzelnen Stellen üppig grünt, dessen Abhänge aber meist dürr und öde sind. Jene Halme der Getraidearten welche da, zum Theil ohne menschliche Kunst und Hülfe aufgegangen waren, namentlich die Gerste, näherten sich schon der Reife, oder hatten diese, an vorzüglich dürren Orten, schon erreicht; es war jedoch eine Reife von unerfreulicher Art, denn die Körner der Aehren waren überaus klein und ihrer nur wenige in den Aehren.

Ich habe kaum eine grausenhaftere, meiner Natur widerwärtigere Gegend gesehen und durchreist als die war, durch welche wir zwischen dem Ende jenes Thales und der Anhöhe vor der Ebene von Jericho kamen. Die Wüste des Peträischen Arabiens und Aegyptens gleichet, mit ihren Sandmassen und vereinzelten Felsen einem Todtenacker, voller, zum Theil bedeutungsvoller Leichensteine, über den der Wandrer ohne Grauen hingehet; die Landschaft aber, die in der Mitte zwischen Jerusalem und Jericho liegt, gleicht einem Sterbebette, auf welchem der letzte Funke des Lebens mit dem Tode ringt und immer am Auslöschen ist, ohne doch zum Abscheiden kommen zu können; was das Röchlen eines Sterbenden, der noch hart mit dem Ersticken kämpft für das Ohr, das ist die Gestalt und Farbe der armseligen Gewächse und hungernden Thierlein, die dort hinschmachten, für das Auge. Dazu fühlt sich hier die Brust, in der Mittagshitze, wie durch die heißen Dünste eines Ziegelofens beengt und beschwert. Kurz nach Mittag, mithin, wenn wir den Aufenthalt beim Brunnen abrechnen, etwa nach zwei und einer halben Stunde Weges von Bethanien aus, stiegen wir steil am Abhang des Kreidekalkgebirges hinan, auf dem sich, dicht am Hohlwege ein runder Feuerstein von ungemeiner Größe (Tischeshöhe) zeigte. Gegen zwei Uhr kamen wir an mächtigen, offenbar von Menschenhand zusammengetragenen Steinhaufen, dann an den Resten einer Wasserleitung und an andern Ruinen vorüber. In dem jetzigen, wasserloßen Zustande des Landes möchte die Frage schwer zu beantworten seyn, woher jene Wasserleitung ihr Wasser genommen und wohin sie es geführt habe. Von hier an führte uns der Weg, dessen Richtung im Ganzen östlich blieb, hinab in ein enges Thal, das den Namen des Mordthales führt. Es ist dasselbe, in welchem in älterer wie in neuerer Zeit öfters Reisende und Pilgrime von Räubern überfallen und ausgeplündert, ja selbst erschlagen wurden, dasselbe in dem neuerdings auch Henniker angefallen ward. Die christliche Sage des Landes versetzt hieher die Scene jenes bedeutungsvollen Bildes, das der Meister aller Meister in Israël in der Geschichte des Mannes, der unter die Mörder gefallen war, und des barmherzigen Samariters entwarf. Einige verkrüppelte Palmenstrünke und dornige Gesträuche des Ziziphus stunden dennoch in jenem von Mangel ergrauten Thale. Das Gebirge, über dessen freieren Rücken man von dort aus hingehet, hat durch die geistige Baukunst der christlichen Andacht, welche dieses ganze Land in einen Tempel hehrer Erinnerungen umzuschaffen strebte, noch eine andre Bedeutung erhalten. Diese öden Höhen, denen die Natur eine Zeit der immerwährenden Fasten auferlegte, sollen der Berg der Versuchung seyn, auf welchem der Herr, nach vierzigtägigem Fasten, das über die Natur des Menschen war, einen Kampf mit Mächten bestund die nur der göttlichen Gewalt weichen. Wir sahen später, da wir uns im Thale von Richa befanden, am östlichen Abhange des Berges die Ruinen jener Kapellen und des Klosters die in den frühesten Zeiten der christlichen Herrschaft des Landes da erbaut waren und einige der Hölen, in denen damals die »Einsamen« wohnten.

Neben uns, zur Linken, hatten wir jetzt die Aussicht in eine grünende, baumreiche Felsenkluft, durch welche ein reißend schneller Gebirgsbach hinabfließt. Es ist nach jenen deutlichen Fingerzeigen die uns die heilige Schrift giebt, der Bach des Elisa, den der Prophet in der Kraft des Glaubens gesund machte, daß hinfort kein Tod noch Unfruchtbarkeit von seinem Wasser kam[51]. Wir sahen dort unten, in dem Engthale, einzelne Palmen unter den andern Bäumen.

Der Abhang des Berges, der von hier an hinunterführt nach der Ebene des vormaligen Jericho, ist so steil, und zieht sich so langwierig hinunter, daß man kaum begreift, wie nach verhältnißmäßig so wenigem Ansteigen die Absenkung so bedeutend seyn könne. Doch belehrten uns später unsre barometrischen Messungen über den Grund. Die Aussicht nach dem Jordan, der im Versteck der hohen Bäume strömt, nach dem todten Meere und nach dem Gebirge des Ostens, ergreift an dieser Stätte den Pilgrim, welcher weiß was da einst war und geschahe, mit großer Gewalt. Uns erfaßte auch leiblich, da wir vom Bergabhang hinunter kamen in die grünende Ebene, die mit reichen Saatfeldern bedeckt war, ein mächtiger dabei heißer Sturmwind aus Südwest, der uns auf einige Augenblicke in Sandwolken einhüllte. Unsre Maulthiertreiber hielten indeß still und ließen ihre Thiere an der Saat sich erquicken, bis die Aussicht wieder frei war. Dann aber, als würde ein Vorhang aufgezogen, sahen wir neben uns, im Thale, neben dem Bache, die Ueberreste jener großen Wasserleitung, die, wahrscheinlich in den Zeiten des Herodes, wie ein Spätling von Blüthen, der keine Früchte mehr trägt, ein Erzeugniß der Jüdischen Herrschergewalt war, welches Hadrian nur auf kurze Zeit aus seinen Trümmern wieder herstellte. Zwischen den dicht stehenden Stämmen der Nebekbäume (+Rhamnus Nabeca+) führt der Steig über den Bach hinüber nach der Nähe des Dorfes Richa und des Kastelles, in dem eine kleine, Aegyptische Besatzung liegt. Wir mußten zuerst unsre Empfehlungsbriefe und unsern Firman bei dem Kommandanten dieses kleinen Kastelles geltend machen, denn wir waren an seinen Schutz und seine Vorsorge für ein sichres Geleite, von dort bis an den Jordan, das todte Meer und nach St. Saba gewiesen; wir fanden ihn und einige seiner Krieger, sitzend unter einem Schuppen, der, mit sammt dem kleinen Hofraum, der an ihn gränzte, eher an das Anwesen eines in Gant gerathenen Taglöhners unsers Heimathlandes, als an die Wohnung eines Distriktaufsehers erinnerte. Der Hofraum glich dem Boden einer ausgetrockneten Pfütze und auch die Terrassen, auf denen man Schafwolle und Sämereien zum Trocknen hingebreitet hatte, luden nicht zum Verweilen ein; wir deutsche Pilgrime zogen es deshalb vor, ohngeachtet aller Gegenvorstellungen des Kommandanten, der von mancherlei Gefahren sprach, unter dem Obdach eines alten Feigenbaumes (denn wir hatten nun kein Zelt mehr) zu übernachten. Es war erst vier Uhr da wir unsre Matratzen am Boden ausbreiteten; wir hatten noch Zeit uns in der Nachbarschaft umzusehen. Das Dorf Richa, das wohl kaum, auch nach der Richtung der Wasserleitung zu schließen, aus dem Grund und Boden des alten, hochansehnlichen Jerichos, sondern höchstens auf jenem einer Vorstadt desselben steht, ist ein armseliges, nur von Arabern bewohntes Oertlein. Wer sollte meinen, daß, wenn er bei so guter Zeit die Nachtherberge bei den Bewohnern einer so reich gesegneten Landschaft nehmen will, ein Mangel an den gewöhnlichsten Nahrungsmitteln zu fürchten sey? Wir wenigstens hatten uns dieß in der jetzigen Zeit, wo nirgends von Mangel oder Theuerung die Rede war nicht gedacht, hatten daher in Jerusalem nur wenig Brod mitgenommen und dieses wenige brüderlich, damit es nicht altbacken werde, mit den Muckern getheilt, so daß schon vor Mittag, bei dem Brunnen, unser kleiner Vorrath aufgegangen war. Jetzt aber erfuhren wir daß in ganz Richa, so wie in dem Kastell, kein Bissen Brodes zu haben sey. Dennoch litten wir keine Noth, denn wir bekamen etwas saure Milch und Eier und den Sinnen war hier ein ganz andrer, ungleich höherer Genuß geboten welcher den Mangel, auch wenn er wirklich fühlbar gewesen wäre, vergessen ließ. Wir hatten noch reichlich Zeit uns in der Umgegend zu ergehen und wenigstens das Nächstgelegene zu besehen.

Das Dörflein Richa ist zwar nicht von Mauern, wohl aber von einer andern, fast eben so schwer durchdringlichen Schutzwehr umgeben, welche in eigner Kraft emporsteigt: von dichten Reihen der stachlichen Gewächse, vor allem, wenn ich mich recht erinnere, des Cactus oder der Opuntienfeige. Diese Gewächse, die fast keines tropfbar flüssigen Wassers zu ihrem Gedeihen bedürfen, sondern denen das gas- oder dampfförmige Wasser, das überall in der Luft enthalten ist, zur Ernährung der fleischigen, saftvollen Blätter genügt, sind in vielen auch der wasserlosesten Gegenden von Palästina zu solchem Zwecke benutzt; ein oder etliche Eingänge, die sich leichter bewahren lassen, führen durch das Dickig der stachlichen Blätterstamme hindurch und diese selber dienen zur hinreichenden Abwehr gegen die Einbrüche der Schakals und der Leoparden. Das Dorf bestehet aus einigen wenigen, elenden Hütten, doch mag sich unter den Erdhaufen mancher bedeutungsvolle Rest der vormaligen Pracht aus den Zeiten des Herodes und Hadrians verbergen. Das sogenannte Kastell, das in geringer Entfernung von Richa liegt, mag allenfalls gegen die Angriffe von Beduinen und Arabischen Bauern hinlänglichen Schutz gewähren; seine Mauern sind von ziemlicher Festigkeit und ein Theil derselben muß aus alter Zeit seyn. Es ist von hohen Baumpflanzungen und Gärten umgeben, in denen wir die Granaten schon in voller Blüthe fanden, während sie bei Jerusalem nur erst kleine Knospen angesetzt hatten. Auch die hohen Feigenbäume trugen schon große Früchte, die der Reife nahe schienen, und zwischen den häufigen Nebekbäumen, deren süßliche Früchte auch genießbar waren, zeigte sich hin und wieder der Zakkumbaum[52] aus dessen Früchten das Oel von Jericho oder das Zachäusöl bereitet wird, welches man für den gepriesenen Balsam von Gilead hält. Von jenen Palmenpflanzungen aber, welche vormals eine Zierde dieser Landschaft gewesen, sahen wir nur noch einzelne, kümmerliche Reste; von den Balsamstauden fanden wir keine Spur mehr, in reicher Fülle jedoch gedeiht, auch ohne Pflege, hier der Weinstock.

Ganz nahe bei dem Kastell, im Dickig der Bäume, liegen umgestürzte, hohe Säulen und Säulentrümmer, so wie Bruchstücke von Architraven, von welchen Gebäuden? das kann der Pilgrim eines jetzigen Menschenalters nicht mehr errathen; dieser siehet sich vergeblich nach den sichren Spuren jenes Amphitheaters und Hippodromos um, welche Herodes hier erbauen lassen; jener Schauplätze der blutigen Kämpfe, in denen selbst nach seinem Tode der Tyrann seine Lust am Menschenblute büßen wollte, da er, sterbend unter eignen Martern Befehl gab, man solle dort die Vornehmsten des Volkes einsperren und nach seinem Hinscheiden sie erwürgen. Auch gegen Norden von dem Kastell und dem Dörflein sieht man Ruinen, wahrscheinlich die von Phasaëlis, das Herodes erbauen ließ und nach seinem Bruder Phasaëlus benannte, oder auch wohl jener Burgen Thrax und Taurus, die er vergeblich zur Schutzwehr des Landes aufgestellt hatte. Viel mehr als diese Trümmer, welche keine erfreulichen Erinnerungen wecken, zogen unsre Aufmerksamkeit andre Denkzeichen dieser Umgegend an, welche fester und unvergänglicher sind als Jerichos Stadt und Burgen so wie Phasaëlis es gewesen. Von einem freien Platze am Abhange der tieferen Thalbucht, nach welcher der Bach des Elisa hinabfließt, gab es Gelegenheit das Gefilde von Jericho bis zu den grünenden Ufern des Jordan und dem jenseitigen Gebirge, nordwärts bis in das Thal, aus welchem der Fluß herabkömmt so wie in Westen den Felsenabhang des Quarantaniaberges, mit seinen Höhlen und Trümmern aus der christlichen Herrscherzeit zu überblicken. War nicht hier zu unsrer Seite, vielleicht nahe bei dem jetzigen Kastell die Stätte von Gilgal? das nur 1250 römische Schritte, oder eine halbe Stunde Weges ostwärts von Jericho lag[53] dessen Stellung, wie ich schon erwähnte, schwerlich bei Richa selber, sondern westwärts von diesem zu suchen ist. Gilgals Herrlichkeit war eine andre, unvergänglichere als die von Jericho; es war ein Vorbild von Jerusalem selber. Denn dort war der erste Ruhepunkt der Stiftshütte, dort feierten Israëls Heere das erste Passahfest im Lande der Verheißung und erneuerten den Bund ihrer Väter mit Jehovah. Bei Gilgals Anblick und seinen Denksteinen sollten nicht Israëls Geschlechter allein der Wunderwege ihres Gottes gedenken, sondern »alle Völker der Erde die Hand des Herrn erkennen, wie mächtig sie ist,« damit das Volk des Glaubens, den Herrn, seinen Gott, fürchten möge allezeit[54]. Wie Bethel, so war auch Gilgal ein Ort, da die Kräfte der oberen Welt des Geistes jener des Leibes sich nahen, denn hier begegnete nicht nur Josua's Angesicht jener Fürst der Heere des Herrn, der gekommen war mit Kräften, die nicht von der Natur des Staubes sind, für das Volk zu streiten, sondern hier rührete der Geist öfters die Seelen der Menschen an; in Gilgal waren die Prophetenschulen des Elias und seines Jüngers Elisa; Samuel richtete da das Volk; hier wurde das Königthum des Saul, so wie nachmals, als Juda's Geschlechter nach Absaloms Besiegung dem König hieher entgegen kamen, auch das des David erneuert[55].

Der Wind hatte sich am Abend um Vieles gemäßigt, er führte uns hier im Dickig der Bäume keinen Staub der Wüste, sondern erfrischende Wohlgerüche zu; wenn auch nicht von Balsambäumen, doch von einigen Gewürzkräutern aus der Familie der Lippenblüthigen und von Jasmin. Wir sollten wenigstens im schwachen Nachhalle die Stätte von Jericho nach der einen Ableitung ihres Namens als Richa, eine Duftende kennen lernen, so wie sie uns auch, da jetzt der Mond mit halbgefüllter Scheibe über den Bäumen erglänzte, nach einem andern Sinne den ihr Name giebt, als eine Mondstadt (Lunaburg) erschien. Wenn die späteren Herrscher des Landes, die den Halbmond im Banner führen, auf die Stadt, die nach ihm genannt war, eifriger Bedacht genommen hätten, dann könnte sie noch jetzt eine der blühendsten des Landes seyn, denn der Boden ist trefflich und die beiden Hauptelemente, welche das Gedeihen des Pflanzenlebens fördern begegnen sich auf ihm im reichen Maaße: die Fülle des nährenden Wassers und die aufregende Kraft der Wärme. Daß die letztere hier so hoch gesteigert ist kommt von der merkwürdig tiefen Lage der Gegend. Wir sahen das Quecksilber in unsrem Barometer, da wir seinen Stand am Abend und am darauf folgenden Morgen beobachteten so hoch gestiegen als wir es noch niemals, in unsrem Leben gefunden, aus unsren, bald hernach auch durch mehrere andre Beobachter bestättigten Berechnungen geht hervor daß die Jordansebene bei Jericho auf eine unerwartete Weise, 528 Pariser Fuß unter dem Meeresspiegel liege.

Die Nachtruhe unter dem alten Feigenbaume -- ich hätte gewünscht er wäre mit seiner Erquickung für unsre Seele der Sykomorus (Maulbeerfeigen-) Baum des Zachäus gewesen -- war ungestört; der Wind wehete uns erfrischend ins Gesicht; mit der Lerche und dem kleinen Sänger im Rohre wurden wir wach. Der Commandant hatte uns zu unsrer Bedeckung zwei bewaffnete Türken zu Pferde und einen landeskundigen Führer der zu Fuße war gesendet, unser flüssiges Frühstück war bald genossen; die Mucker, welche nicht bei uns sondern bei unsrem französischen Reisegefährten, der ihre Sprache redet, übernachtet hatten, kamen endlich auch mit den Thieren aus ihrem Versteck zum Vorschein; um sechs Uhr fanden wir uns auf dem Wege nach dem Jordan, gegen welchen sich die zum Theil mit Bäumen und grünenden Rasenplätzen bedeckte Ebene, in einzelnen kleinen, wellenförmigen Abstufungen nur wenig merklich hinabsenkt.

Es war ein herrlicher Morgen; unsre Lieder begleitete für das äußere Ohr der Gesang der Vögel, während das innre Ohr des Pilgrimes hier noch andre Töne vernahm, lebenskräftig wie jene der Posaunen, bei Jerichos Mauern. Dies war die Stimme jener heiligen Kunde die von Elias, dem gewaltigen Seher redet; von Elias, welchem, wie einst dem Moses, der Herr selber auf den Höhen des Sinai-Horeb begegnete, und dem es gegeben ward, mit Moses zugleich, Ihm, dem Herrn, noch vor dem Hinausgang des Kampfes zum Siege, auf des Thabors Höhe in Kräften des Himmels sich zu nahen. Denn als der Sturmwind des geistigen Bewegens den Elias, von welchem Elisa, der Sohn Saphat nicht lassen wollte zuerst von Gilgal gen Bethel, dann von dort wieder nach Jericho geführt; als der Propheten Kinder, die dort waren, dem Elisa entgegentraten und ihm verkündeten, was der Geist ihn selber gelehrt, daß der Herr seinen Meister heute von seinen Häupten nehmen werde, da sprach Elias zu ihm: Lieber, bleibe hier, denn der Herr hat mich gesandt an den Jordan. Er aber (Elisa) sprach: So wahr der Herr lebet und deine Seele, ich lasse dich nicht. Und giengen die Beiden mit einander. Und der Jordan ward, wie er dieß öfter gewesen, ein Zeuge des Herniederfahrens jener Kraft, welche einst schaffend über dem Gewässer gewaltet, welche dem Meer wie dem Trocknen ihre Gränzen gesetzt hat, und die Elemente der Tiefen, wie der Höhen beweget nach ihrem Wohlgefallen; sein Wasser machte dem Gange, den der Geist führete, Bahn. Da ward der Treue, die ausharret bis zum Ende, ihr Lohn, Elisa empfieng was er gebeten; jene Kraft eines Feuers, das nicht verzehrt noch zerstört sondern nur schaffet und belebt, jenes Feuers das jenen, den Wagen Israëls und seine Reiter hinwegführete aus seinen Augen, das ergriff und erfüllte auch ihn mit seinen Kräften[56].

Nach etwa anderthalb Stunden kamen wir an den Jordan, bei der Stätte des gewöhnlichen Bades der Pilger. Das Ufer des Flusses, dessen Wasser so eben ziemlich hoch stund, doch aber das Bett noch nicht ganz erfüllte, ist so dicht mit Gebüsch und Bäumen bewachsen und von hohem Schilfrohr bedeckt, daß man nur an wenig Punkten unmittelbar zum Wasserspiegel gelangen kann. Zu diesen wenigen Punkten gehört auch der, an welchen wir zuerst kamen und der alljährlich in der österlichen Zeit von vielen Tausenden der christlichen Pilgrime besucht wird. Man steigt über den oberen, höheren Rand des Ufers hinab, zu dem Bette. Da waren wir nun an dem Fluße, welchen zwar nicht wie den Nil der Schein eines historischen Ruhmes, im Munde der weltbeherrschenden Völker beleuchtet, auf dessen Geschichte aber der Strahl einer Verherrlichung fällt, welcher von dem Anfange aller Geschichte, von dem Herrn der Weltenherrscher selber ausgieng. Hier, wenigstens in der Nähe, Jericho gegenüber, führte Er, welcher wunderbar heißet, sein Volk durch die zertheilten Wasser; dort am Saume der jenseitigen Hügel hub der Geist den Mann, der im Reiche der Sichtbarkeit sein Werkzeug gewesen, zu jenem des Unsichtbaren empor; weiter hinaufwärts am Ufer lag, bei der seichteren Fuhrt des Stromes, Bethabara, bei welchem das menschliche Zeugniß, das Johannes gab, durch ein höheres der göttlichen Art bekräftiget ward; eine der vorragenderen Höhen dort am jenseitigen, südöstlicheren Gebirge ist der Nebo, von welchem der Herr dem Moses, dem Manne Gottes das Land der Verheißung zeigte bis zu seinen Gränzen und begrub ihn im Thale an der Stätte die Niemand erfahren. So empfieng hier, an diesem Jordan, das Volk des Eigenthumes vor den Augen der Völker des Landes, und so empfieng Er, der Eigenthümer selber, vor den Augen der Seinen, die ihn nicht aufnahmen und vor Denen aller künftigen Geschlechter der Erde, ein Zeugniß der Erwählung und Kindschaft, mit welchem der Lauf der Thaten begann; und so endeten hier die beiden großen Zeugen, Moses und Elias ihren Lauf, im Annahen Dessen, von dem sie vormals gezeugt hatten und noch künftig zeugen werden.

Wäre es nur die Breite oder die Menge des Wassers, wäre es die kristallene Klarheit die den Fluß seine Schönheit geben müßte, dann käme dem Jordan keiner dieser Reize zu; seine ganze Breite, da wo seine Strömung, ungetheilt durch Inseln, im Bette zusammengefaßt ist, misset schwerlich über hundert Fuß, sie ist mithin fast nur der dreißigste Theil der Breite des Niles bei Ghizeh; seine Tiefe scheint im Mittel kaum zehn Fuß zu übersteigen; sein Wasser ist trüb und fast von der reissenden Schnelle unsrer Alpenströme, wenn sie im Frühling der hinwegthauende Schnee anschwellet. Auch das reich bewachsne Ufer bietet den Sinnen Manches dar, das an die vaterländischen Gegenden der Alpenflüsse erinnert. Neben den Fremdlingen des wärmeren Morgenlandes gedeihen da Weiden und Pappeln, so wie die Tamariske, jener von Frankreich ähnlich; unter den Stimmen der andern Sänger, deren Tonweise dem Ohre fremd dünkt, lässet die Nachtigall ihr wohlbekanntes Lied vernehmen. Von den Fremdlingen des Pflanzenreiches, die wir am Jordan fanden, erwähne ich hier vorläufig nur einer Art, das ist jener niedrige Baum oder jener Strauch aus der Familie der Akazien, dessen, an ihrer Oberfläche wie verkohlt aussehende Hülse Chateaubriand für den Sodomsapfel dieses Landes hält: das +Lagonychium Stephanianum+. An den Schlingpflanzen, aus der Familie der Winden, wie an den hohen, buntfarbigen Helipöen, ergötzt sich selbst das Auge des Nichtkenners des Gewächsreiches.

Wir verweilten länger als anderthalb Stunden am Jordan, genossen der kühlenden Waschung in seinem Wasser und ich gieng, so weit die Zeit es erlaubte, aufwärts am Strome um die Gestalt des gegenüberliegenden Gebirges etwas genauer zu betrachten. Da, dem Pilgerbad unmittelbar gegenüber, findet sich kaum ein gelegener Ort zum Herabzug der Heere eines Volkes; weiter gegen Norden, wo auch die Abhänge der Felsen etwas ferner vom Strome zurücktreten, zeigen sich einige Wadi's der Engthäler, welche allmälig zur Ebene niedersteigen.

Vom Pilgerbad bis ans Ufer des todten Meeres brauchten wir noch anderthalb Stunden. Der Weg zog sich anfangs über eine wellenförmig auf- und niedersteigende Ebene, deren salzthoniger Boden außer einigen Salicornien sonst von allem Pflanzenwuchs verlassen und verödet ist; nach etwa drei Viertelstunden kamen wir über einen etwas erhöhteren, gleich einem Weideplatz der Wüste grünenden Strich, von hier zog sich der Weg abwärts nach dem See, der vielleicht unter allen andern der Erde durch seine Lage und Beschaffenheit einer der merkwürdigsten ist. Jene vorausgesagte Meinung, die ich mit mir zu dem todten Meere gebracht, fand sich beim Anblick desselben auf eine sonderbare Weise getäuscht. Die Ufer des Sees sind so reich an erhabenen Schönheiten der Umrisse, als die herrlichsten die ich anderswo gesehen; sie sind keineswegs in höherem Grade verödet als die Küstengegenden des rothen Meeres, die wir auf unsrer Reise berührten; in einzelnen Strichen, namentlich am östlichen Höhenrande, zieht sich das Grün der Schluchten bis an den Wasserspiegel herunter und bildet auch außer der Jordansmündung eine Bekleidung von Gesträuchen. Das Wasser, das heute sehr ruhig war, erscheint so klar und rein, daß einige unsrer Maulthiere, die zum ersten Mal in diese Gegend kamen, voll Begierde den Mund eintauchten, sobald sie es aber gekostet mit Widerwillen den Kopf schüttelten. Denn es schmeckt stärker als jedes andre Wasser das ich bis dahin versuchte, nach Koch- und Bittersalz; auch ist dasselbe, seinen Hauptbestandtheilen nach, eine so vollkommen gesättigte Auflösung des Salzes im Wasser, als sie, in solch hoher Temperatur der Luft und des Bodens, wie die am Meere ist, sich bilden kann. Deshalb ist auch die spezifische Schwere dieses Wassers größer als die des Menschenleibes, wie dieß, eben so wie viele frühere Reisende, einer der jungen Freunde erprobte, der beim Baden in demselben sich ohne alle Anstrengung der Hände und Füße von selber getragen fühlte. Nach dem Waschen mit diesem Wasser empfindet die Haut ein leises, nicht unangenehmes Nesseln; ein längeres Verweilen in seiner Fluth soll ein Ablösen der Oberhaut zur Folge haben. Auch wir, wie andre neuere Reisende, bemerkten nichts von einem asphaltischen oder schweflichten Dampfe, den die Einbildungskraft mancher früherer Pilgrime und noch fortwährend die der Beduinen dem todten Meere beilegte; die Luft war zwar, namentlich in den Mittagsstunden, welche wir da zubrachten, ganz überaus drückend heiß, dabei aber trocken und rein. Fische oder Schnecken leben freilich nicht in diesem übersalzigen See; die +Melastoma+ die wir am Ufer fanden, wie die kleinen, todten Fischlein, deren wir mehrere von den Wellen des Wassers hinausgeworfen am Strande sahen und aufsammelten, werden vom Jordan hereingeführt oder begleiten freiwillig seine Fluth, müssen aber ihre Wanderlust bald mit dem Leben bezahlen, weil sie in der Salzlacke abstehen oder weil diese ihre leichten Körper ans Land hinausstößt. Auf die Art der Mischung und den Grad der Sättigung des Wassers des todten Meeres mag außer der hohen, mittleren Temperatur noch ein andrer Umstand mitwirken: das ist der vermehrte Luftdruck der auf seine Oberfläche einwirkt. Dieses Verhältniß verdient, wegen seines großen Einflusses auf die gesammte Naturbeschaffenheit der Gegend, noch eine besondre Beachtung.

Wir waren nicht wenig erstaunt als wir schon bei Jericho, noch mehr aber am todten Meere das Quecksilber in unserm Barometer, dessen Scala, wie ich dieß im Anhange erwähnen werde, zu solchen Beobachtungen nicht ausreichte, noch weit über die Gränze der Eintheilungslinien hinaufsteigen sahen. Wir waren genöthigt die Höhe nach dem Augenmaß zu schätzen, und obgleich wir diese Schätzung, weil das Resultat derselben ein zu unerwartetes war, so knapp als möglich hielten, ergab sich dennoch daraus die Tiefe des todten Meeres unter dem Wasserspiegel des Mittelmeeres zu wenigstens 5981⁄2 oder in runder Zahl 600 Pariser, d. h. nahe 640 Englischen Fußen. Wir suchten diese Folgerung auf jede ersinnliche Art von uns zu weisen. Zuerst durch einen zufälligen, ungewöhnlich hohen Barometerstand gerade am Tage unsrer Messung; allein der gestrige heftige Sturm hätte eher ein Fallen als ein Steigen der Quecksilbersäule bewirken können. Dann warfen wir ein Mistrauen auf den Gesundheitszustand unsers Barometers selber, der ja so vielen Zufällen ausgesetzt war; allein dieses zeigte bei unsrer Rückkehr nach Jerusalem wieder denselben mittlern Stand als vor dem Antritt unsrer Reise nach Jericho. Dennoch würde ich es nach meiner Rückkehr ins Vaterland nicht gewagt haben von einer so sonderbar ausgefallenen Messung öffentliche Erwähnung zu machen, obgleich auch die Höhenmessung am Tiberiassee damit im Einklang erschien, wenn nicht einige meiner Freunde die Bekanntmachung davon in der allgemeinen Zeitung übernommen hätten. Und kaum war dieses geschehen da kamen alsbald öffentliche Bestätigungen über die abnorm tiefe Lage des Salzsees, zuerst durch Herrn Beke dann durch mehrere andre Beobachter; Bestättigungen, welche unsre Angabe, die auch wirklich mit der vorsichtigsten Mäßigung hingestellt war, noch als die bescheidenste erscheinen ließen.

Der bedeutendste Einfluß, welchen die tiefe Lage des todten Meeres und der angränzenden Jordansaue auf die Naturbeschaffenheit des Landes hat, ist der, welcher die mittlere Temperatur angeht. Wenn man mit d'Aubuisson annimmt, daß auf unsrer nördlichen Halbkugel jede Erhebung oder Vertiefung von 100 Metres eine mittlere Temperatur des Ortes zur Folge hat, welche der eines andern Ortes entspricht, der um einen Grad der Breite nördlicher oder südlicher liegt, dann findet man daß die Ufer des Salzsees und des untren Jordanslaufes eine gleiche mittlere Wärme haben mit dem Landstrich von Kairo, ja mit der Gegend von Akaba am Ailanitischen Meerbusen. Palmen müßten deshalb, nebst allen andren Gewächsen der heißeren temperirten Zone, eben so gut hier bei Jericho gedeihen als an jenen Orten, abgesehen von dem Einfluß den die Stellung der benachbarten Gebirgswände auf den Schutz und die Pflege des Gewächsreiches haben könnte. Und daß dieses wirklich so sey, das beweisen nicht nur die Berichte der Alten über die vormalige Fruchtbarkeit des Gefildes von Jericho an Palmen und Balsamstauden, sondern auch die noch fortwährende Beobachtung, daß um Jericho die Zeit des Blühens und des Reifens der Gewächse viel früher fällt denn selbst an der Mittelmeeresküste von Palästina.

Auf das Wohlbefinden der Bewohner des Landes hat wenigstens die Vermehrung des Luftdruckes keinen nachtheiligen Einfluß. Wirkt doch auf die leibliche Stimmung vieler Menschen der höhere Stand des Barometers mithin der vermehrte Luftdruck, abgesehen von der Heiterkeit oder Umwölkung der Atmosphäre auf eine wohlthuende Weise ein und die Versuche, welche man in einer noch vielfach mehr zusammengedrückten, verdichteteren Luft, als die am Spiegel des todten Meeres ist, gemacht hat[57] haben eben so wie die alltägliche Erfahrung der Taucher in der Taucherglocke gezeigt, daß die einzige Unbequemlichkeit, welche der in einer doppelt so dichten Luft eingeschlossene Mensch empfinde, ein unangenehmes Gefühl am Trommelfell des Ohres sey; denn was das vermehrte Gewicht der Luftsäule betrifft die auf der Oberfläche des Körpers und dem Innern der Lunge lastet, so trägt man daran nicht schwer, indem der äußere Druck durch einen innern Gegendruck des Lebenshauches (+turgor vitalis+) im Gleichgewicht gehalten wird.

Am Ufer des Sees sieht man Feuersteine von den verschiedensten Farben, die aus dem Kreidekalk der benachbarten Gebirge herkommen, Kalksteine von Bitumen durchdrungen und geschwärzt, und außer diesen einzelne Stücken von Asphalt, welche der See auswirft, nirgends aber eine Spur von solchen Steintrümmern oder Gebirgsarten, denen man einen vulkanischen Ursprung zuschreiben könnte. Auch die Umrisse der Gebirge, an der rechten wie an der linken Seite des Sees erinnern nicht an die Wirkung vulkanischer Kräfte; sie sind von der Form unsrer heimathlichen Kalkalpen, namentlich jener, die man nahe an den Ufern des Sees von Como und von Lecco sich erheben siehet. An vielen Punkten fällt die Schichtung deutlich ins Auge, die Felsen, namentlich des westlichen Ufers, zeigen öfters von einer Höhe von fünf bis sechshundert Fuß herab so gähe Abstürze, als wären die Felsenwände hier von Menschenhand eben gehauen oder gewaltsam abgeschnitten.

Der Freund der Natur wie der ältesten Geschichte stehet vor dieser Gegend wie vor einer mit mächtiger Deutlichkeit und riesenhafter Größe in die Felsen gehauenen Hieroglyphe, die bei all dieser Augenfälligkeit ihm dennoch unleserlich bleibt. Es redet die heilige Schrift wie die Geschichtskunde der Völker von einem Zustand der Dinge, bei welchem das Thal, wo nun der Salzsee bis zu einer Länge von eilf und einer Breite von drei Deutschen Meilen fluthet, ein fruchtbarer Landstrich war, auf welchem eine Menge der Städte und andren Ortschaften lagen. Hier war einst die Stätte von Sodom und Gomorra. Floß vielleicht vormals der Jordan ruhigen Laufes durch diesen See und dann durch das südliche Ghor und die Araba nach dem Ailanitischen Meerbusen? -- eine Meinung für die so vieles zu sprechen schien? Allerdings nehmen jetzt umgekehrt die Regenströme von Süden her, aus dem Ghor und aus den in ihn mündenden Wadys ihren Lauf gegen Norden: zum todten Meere; am Südrande von diesem bemerkten neuere Reisende, jenseits der salzthonigen Fläche über die zuweilen das Meer hinüberfluthet, gähe Felsendämme von einer ohngefähren Höhe von 100 bis 150 Fuß, welche jedoch an mehrern Stellen von dem Bette der südlichen Gießbäche durchbrochen sind. Vergleicht man jene Höhe mit der vorhin erwähnten des Wasserspiegels, dann findet man daß dieselbe noch immer zwischen vier- bis fünfhundert Fuß unter das Niveau des Mittelmeeres falle; umgekehrt liegen jene 2 Punkte, deren Lage wir auf unsrer früheren Reise durch das Ghor an der Westseite desselben barometrisch bestimmten, zwar beide, der eine fast 100 Fuß ~unter~ dem Spiegel des rothen, zugleich aber auch 500 Fuß ~über~ dem des Salzmeeres, so daß von hier immer noch der Lauf des Wassers abwärts nach diesem hinführen könnte. Hat vielleicht da, in diesem merkwürdigen Thale, das vom Libanon und Antilibanon an einer ungeheuren Kluft der Gebirge gleicht, noch in den Zeiten der Menschengeschichte ein Hinabsinken des vormals höheren Grundes in die Tiefe statt gefunden, zugleich mit jenen furchtbaren Erscheinungen, welche die Atmosphäre bewegten? Daß der See, in den doch der Jordan und mehrere Bäche so wie Quellen hineinströmen, keinen Ausfluß hat, darf uns nicht verwundern; die Menge des Wassers, welche die Verdünstung von der gegen vierzig Quadratmeilen großen Oberfläche seines Wasserspiegels hinwegführt, beträgt in diesem Klima mehr denn die des Zuflusses, und es scheinen manche Spuren darauf hinzudeuten, daß der See in einem vormaligen grünenderen, darum auch wasserreicherem Zustande des Landes von weiterer Ausdehnung und größerer Höhe gewesen sey.

So reden diese erhaben schönen Höhen und Felsenthäler des Gebirges Pisga, das sich uns da, wo wir stehen, in seiner ganzen Herrlichkeit entfaltet, von Thaten des richterlichen Ernstes des Gottes Jeschyruns, aber sie zeugen auch von den Segnungen seines Erbarmens und seiner Güte. Dort, jenseit des Sees im Lande der Moabiter war es, wo Moses, der Mann Gottes, seinem Volke und Josua, dem treuen Diener, das: sey getrost und unverzagt[58] zurief. Auf einem jener jenseitigen Gefilde ward das Lied vernommen: »Merket auf, ihr Himmel, ich will reden und die Erde höre das Gespräch meines Mundes. Meine Lehre triefe wie der Regen, und meine Rede fließe wie der Thau; wie die Schauer auf das Gras und wie die Tropfen auf das Gras. Denn ich will den Namen des Herrn preisen; Gebt unserm Gott die Ehre. Er ist ein Fels; Seine Werke sind untadelich, denn alle Seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm; gerecht und fromm ist er[59]. -- Ja, Niemand ist gleich dem Gott Jeschyruns, der auf dem Himmel einherfährt dir zu helfen und in seiner Hoheit auf dem Duft. Das ist die Wohnung des Gottes des Anfangs und unten walten ewige Arme. Und er wird vor dir her deinen Feind austreiben und sagen: sey vertilget. -- Wohl dir du Volk das du durch den Herrn selig wirst, der deiner Hülfe Schild und das Schwert deines Sieges ist«[60].

Die Zeit unseres Verweilens am todten Meere konnte leider nur kurz seyn. Unsre beiden Türkischen Begleiter hatten uns auf dem Wege vom Jordan zum todten Meere nach ihren besten Kräften zu vergnügen gesucht, indem sie vor unsren Augen das Waffenspiel des Dscherid-Werfens übten, wo beim Auspariren wie beim Abschießen des Wurfspießes, beim Angreifen wie bei der verstellten Flucht die Reiter sammt ihren Thieren große Gewandtheit und Kräfte entwickelten. Jetzt verlangten die guten Leute, denn der Mittag war vorüber, etwas zu essen. Sie meinten, auch wir wie andre vorsichtige Reisende seyen mit Lebensmitteln für uns und unsre Begleiter versorgt, und würden nun endlich einmal unsre Vorräthe aufthun. Wir gehörten jedoch nicht unter die vorsichtigen Reisenden, sondern waren auch für uns selber mit keinem Bissen Brodes, mit keinem labenden Trunke versehen. Darum ermahnten die beiden Waffenmänner zum Aufbruch vom sehr heißen, schattenlosen Seeufer, das ihnen wenig Unterhaltung bot, nach dem gastlichen Kloster von Santa Saba. Auf unsrem Wege am Strande hin hatten wir einen Anblick, der uns zwar nicht ganz unerwartet, für diese Gegend aber etwas Außerordentliches war. Wir sahen ein ganz neues Fahrzeug auf dem die englische Flagge wehete. Es war niemand dabei den wir hätten befragen können; schon in Jerusalem hatten wir jedoch gehört, daß zwei Engländer mit dem kühnen Gedanken umgiengen eine Fahrt auf dem todten Meere zu versuchen, um seine Tiefen, wie die Gestalt der Ufer mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu erforschen. Das Material zum Bau eines Fahrzeuges, so erzählte man uns weiter, sey bereits von der Küste des Mittelmeeres aus zu Lande an Ort und Stelle geführt worden. Hier sahen wir nun, nicht bloß jenes Material sondern ein aus ihm schon fertig gewordnes, höchst zweckmäßig eingerichtetes Schifflein. Wir betrachteten es mit jener innigen Theilnahme, welche die Absicht seiner Erbauer verdiente und freuten uns schon damals auf die künftige Ausbeute an wissenschaftlicher Erkenntniß, die man sich mit Recht von dieser neuen, außerordentlichen Fahrt versprechen durfte. Wie wir erst später erfuhren war der eine jener beiden ehrenwerthen Forscher der Bruder des Herrn Beke, dessen bestättigende Mittheilungen über die Lage des todten Meeres ich schon vorhin dankbar erwähnte. Obgleich wir sehr wahrscheinlich zu gleicher Zeit in Jerusalem weilten und selbst in den verschiedenen Nebengebäuden eines und desselben Pilgerhaußes wohnten, hatte ich dennoch nicht das Glück gehabt die persönliche Bekanntschaft der beiden interessanten Reisenden zu machen, die mir damals von so großem Nutzen gewesen wäre.

Der Weg nach St. Saba verläßt nach einer etwa halbstündigen Strecke das Seeufer und die angränzende Ebene und steigt am Fuße des westlichen Gebirges hinan. Anfangs minder steil und beschwerlich über die einzelnen Vorsprünge und Kuppen des Abhanges, aber schon hier durch eine gräuliche Wüste des Gebirges. Die Felsart ist ein merglicher Kalk (zum Theil auch Gyps) durchdrungen von Schwefel und Erdpech, von diesen beiden sieht man bis zu einer bedeutenden Erhebung und Entfernung vom See größere und kleinere derbe Stücke am Boden herumgestreut liegen oder mit der Gebirgsmasse verwachsen, so daß noch jetzt Nahrung genug da wäre, für ein Feuer, das, von oben entzündet, über die alte Brandstätte sich ergießen möchte. Obgleich manche der kesselartigen Eintiefungen, mit der schwarzen von Asphalt herrührenden Färbung ihrer Felswände, beim flüchtigen Hinblick an vulkanische Krater erinnern, kann man sich doch bald überzeugen, daß diese Kessel mit keiner abgelegenen Tiefe in Verbindung stehen und daß hier an keinen eigentlichen Vulkan zu denken sey. Eher denn solchen Kratern gleichen sie den Heerden eines Erdbrandes der hier die Masse eines ganzen Stockes von Schwefel oder Asphalt verzehrte. Denn was im kleinsten Maßstabe die Nieren und Nester des gediegnen Schwefels oder andrer Fossilien, was in etwas größerem die liegenden und stehenden Stöcke sind, das mag in noch größerem und riesenhafterem Umfange einst da, in diesem Thale des Todes, ein Feuer ernährt haben, »dessen Rauch aufgieng vom Lande, wie ein Rauch vom Ofen.«

Da wo der Weg in die engen, mannichfach gewundenen Felsenthäler hineintritt, erblickt man wieder einzelne, grünende Gesträuche von Cistus und einige Gräser vom Geschlecht der Aristida. Ich war vorausgegangen, bis an eine Stelle wo die Ungewißheit der Richtung des Weges, ob in die Schlucht zur Rechten oder zur Linken, meinen Gang hemmte. Wir stiegen jetzt auf eine Hochebene hinan, die zur Rechten von einem höheren Gebirgszug begränzt wird; auf einem der Gipfel zeigt sich, in ziemlicher Ferne, ein kastellartiges Gebäude: es ist eine Moschee, welche die Türken an einer Stätte errichteten, an der nach ihrer Meinung, Mosis Grab war. Freilich ein etwas weiter Fehlgriff, den indeß nicht allein die mohamedanische, sondern auch die jetzt bestehende christliche Kunde des Landes nicht selten bei andern Gelegenheiten thun mag. Denn solche Sagen von der Geschichte des Landes und der Bedeutung seiner Oertlichkeiten gleichen im Ganzen der Abschrift eines Buches, die mit weitläufigeren Buchstaben und auf andrem Format zuletzt dennoch den Inhalt des Originals, das sie vor Augen hatte, wiedergiebt. Wenn man aber die Citata, die sich auf das Original beziehen, beachten und auf die Abschrift anwenden will, da trifft die Seitenzahl nicht zu. Seite 3 oder 4, die auf der Oertlichkeit des Originals hinüber, jenseit des Jordans und des todten Meeres, an das Gebirge Pisga geht, fällt in der Abschrift der Mohamedanischen Sage schon her auf die Berge des Kidronthales; so auch wenn im Original S. 5 oder 6, bei der Geschichte der Geburt Johannes des Täufers oder der Taufe des Kämmerers durch den Apostel Philippus die eigentliche Oertlichkeit auf Gegenden fällt die jenseit oder nahe bei Hebron liegen, so wird in der christlichen Abschriftskunde die Pagina der Localität schon auf die Nähe des sogenannten Terebinthenthales oder jenseits Baitschalla treffen, und dasselbe mag selbst zuweilen in Beziehung auf die wahre oder angebliche Oertlichkeit der heiligen Stätten, in oder um Jerusalem der Fall seyn. Ich meine aber daß jene Freude am Lesen, zunächst ja nur des Inhaltes des Buches, die der Freund desselben empfindet, so oft er eine neue Zeile lebendig betrachtet, durch die verschiedene Zahl der Seite, auf welcher die große Geschichte geschrieben stehet, nicht sehr gestört wird; die Andacht, namentlich des christlichen Pilgrims, bringt das Zelt unter dessen Schatten sie wohnet und sich erquicket, selber, als Eigenthum mit sich, und schlägt dieses auf wo die alte, ehrwürdige Führerin schon so manches Jahrhunderts der Wallfahrten es eben anordnet.

Schon in den weiter abwärts gelegnen Thälern hatten wir an den Felsenwänden öfters natürliche so wie anscheinend künstlich erweiterte Höhlen gesehen; an den Wänden des weiter aufwärts gelegnen Hauptthales, so wie seiner Nebenthäler wurden diese Grotten immer häufiger, sie glichen zuweilen einer ganzen Stadt der Höhlen. In diesen Felsenklüften hat eine große Menge der Tauben ihren Aufenthalt genommen; von menschlichen Bewohnern sieht man keine Spur, denn diese wilde Einöde würde selbst den Heerden der Ziegenhirten keine beständige Weide geben. Eben von diesen Heerden scheinen dennoch hin und wieder einzelne Pfade in die Abhänge der Felsen hineingezeichnet zu seyn, welche allenfalls für Arabische Hirten, die des Kletterns gewohnt sind, nicht aber für andre Leute und noch weniger für Lastthiere gangbar sind. Daran hatte wahrscheinlich der Araber aus Richa, der uns zum Wegweiser dienen sollte, nicht gedacht, denn er führte uns das eine Mal in ein Nebenthal hinein, welches allerdings die nähere Richtung haben mochte, das aber an seinem oberen Ende mit fast senkrecht niedergehenden Felsenwänden umschlossen war. Wir hatten uns mühsam über die Rollsteine und Bergtrümmer ihm nachgearbeitet, selbst die gewandten Pferde der Türken hatten sich von den Maulthieren in der Fertigkeit des Kletterns nicht übertreffen lassen, da entschwand den beiden bewaffneten Reitern die Gedult; der Araber entsprang mit Mühe ihren handgreiflichen Zurechtweisungen. Indeß war auch der andre Weg den uns der Mann nach der Zurückkehr ins Hauptthal an den glatten Felsenplatten, neben dem Abgrund hinanführte noch unbequem genug, und seine Gefahren wurden uns erst recht augenfällig, als das Maulthier unsrer Freundin Elisabeth, die wegen ihres kranken Fußes nicht so wie wir andren gehen konnte, sondern auf dem Thiere sitzen geblieben war, nahe am Rande des tiefen Abgrundes ausrutschte und fast hinabgestürzt wäre.

Der letzte, steile und hohe Bergrand war jetzt überstiegen, wir traten auf eine freiere Höhe heraus, auf der sich zuerst ein einzeln stehender starker Thurm, dann tiefer hinab das Klostergebäude von Marsaba oder Santa Saba zeigte. Dieses mit seinen hohen Mauern, Thürmen und Zinnen, steht wie eine mächtige Ritterburg über dem Abgrunde und am Rande des Kidronthales da; ein Theil des Gebäudes ist noch ganz neu; die Griechischen Mönche, denen das Kloster gehört, und denen die äußren Mittel hiezu nicht fehlen, haben erst vor wenig Jahren die alten, baufälligen Gemäuer hinweggenommen, den Thurm der das Ganze durch seine höhere Lage beherrscht, so wie die Kirche neu aufgebaut, und sonst Vieles hinzugefügt das zur bessren Befestigung des Ortes dienen kann. Sie hatten hierzu gute Ursache; denn diese einsame Wohnung der Mönche liegt in der Nachbarschaft jener Arabischen Stämme, die sich bisher den christlichen Pilgrimen am furchtbarsten machten und die wohl bei jedem ernstlichen Aufstande zunächst auf dieses reiche Kloster losgehen würden. Mußte doch selbst der edle Chateaubriand die Unsicherheit dieser Gegend erfahren, da er in der Nähe von St. Saba von Räubern angefallen ward, und das Kloster selber bewahrt die grauenhaften Erinnerungszeichen an die Mordlust der Mohamedaner der früheren Zeiten in den Haufen der Schädel und Gebeine der erschlagenen Mönche.

Wie zu einer Festung führt der Weg durch zikzakartige Windungen an das äußere, beständig geschlossene Thor und von diesem durch die leicht zu vertheidigenden Vorwerke zur innren Burg des Klosters. Wir wurden hier freundlich von einem jungen Mönch empfangen, den wir schon in Jerusalem kennen gelernt hatten und der sich durch seine Kenntniß der neueren Europäischen Sprachen namentlich des Italienischen auszeichnet. Die guten Väter des Griechischen Klosters in Jerusalem, welche von unsrer Reise nach St. Saba wußten, hatten uns aus besondrer Rücksicht diesen unsren alten Bekannten hieher gesendet, damit wir uns gleich unter Freunden finden möchten, und ihrer Vorsorge hatten wir es auch zu danken, daß zu unsrem Empfang schon Alles bereit war. Außer dem großen Gastzimmer hatte man uns noch mehrere kleine zu Schlafzimmern eingeräumt, obgleich außer uns eine große Schaar von Griechischen und Armenischen Pilgrimen untergebracht werden mußte.

Nach kurzem Ausruhen, erquickt und erfrischt durch das Wasser, welches hier, obgleich nur Cisternenwasser, von ganz besondrem Wohlgeschmack ist, machten wir uns auf zum Besehen des sonderbaren, vielgliedrigen Baues dieses Felsensitzes der Andacht, der durch seine Lage wie durch seine innre Beschaffenheit den Eindruck des schauerlich Schönen macht. Zuerst hinüber in einen Hofraum, der am entgegengesetzten Felsenabhange liegt, wo man uns die Höhle zeigte, welche ursprünglich die Wohnung eines Löwen war, dann (im 4ten Jahrhundert nach Christo) die des heiligen Saba, des ersten christlichen Einsamen dieser Gegend wurde. Längs dem Thale, in den Tausenden der Felsenhöhlen wohnten vormals in dieser Thebais des heiligen Landes die Schaaren der Einsiedler deren Zahl sich zuweilen auf zehn bis eilf Tausende belief. Da kam auch über sie, nach manchem harten Gedränge, das Schwert des Feindes, denn die Sarazenen erschlugen einst sechshundert von ihnen. Die morschen Gebeine dieser Erschlagenen sieht man in einem Behältniß, nahe bei der Höhle des heiligen Saba zusammengehäuft, erinnernd an das gemeinsame Loos der Kämpfe, die den Glauben des Christen in der einsamen Wildniß nicht minder als im Gedräng der volkreichen Städte verordnet sind. Wenn schon im gewöhnlichen Verlauf des Lebens der Mensch so ungern und schwer sich von dem Boden trennt der ihm als Wohnsitz seiner Väter und der Jahre seiner Kindheit heimathlich geworden war; wie viel schwerer kommt es der kindlichen Andacht an, eine Stätte zu verlassen die ihr durch den Glauben der Väter so wie des eignen Herzens geheiligt ist. Auch die Einsamen kehrten wieder zu ihrem Kidronthale, doch fiengen sie nun an die vereinzelten Enggassen der Felsen und ihre Höhlenzellen (Laurä) zu verlassen und sich in die Mauern des Klosters, bei dem die Kirche stund zu versammlen. Die jetzige Zahl der Mönche wurde uns zu funfzig angegeben; das Kloster aber mit allen seinen Räumlichkeiten könnte mehrere Hunderte derselben beherbergen. Denn seine vielen Gebäude und Zellenhäuschen stehen nicht mehr auf ebenem Grunde sondern auf den einzelnen, terrassenartigen Absätzen des Bergabhanges über einander; man steigt von einem dieser Stockwerke der Felsen zum andern durch bequeme steinerne Stufen auf; an mehreren Punkten sind kleine Gärtchen angebracht, in denen der Azedarachbaum (+Melia Azedarach+) so eben seine schönen lilafarbenen Blüthensträuße aufgethan hatte. In einer der kleinen Kapellen, die höher am Felsenabhange liegt zeigte man uns die bildlichen Darstellungen der Thaten und hier so wie an andern, der Andacht geweihten Stellen die Bewahrungsorte der Gebeine jener Heiligen und berühmten Mönche die in St. Saba wohnten. Unter ihnen that sich Johannes Damascenus hervor, durch die Thaten und Werke seiner beredten Feder; der Zeitgenosse Beda's des ehrwürdigen. Wenn man zwischen diesen beiden Männern des achten Jahrhunderts einen Vergleich anstellen wollte, so möchte wohl der sinnreiche Johannes Damascenus neben unsrem ehrwürdigen Beda so da zu stehen scheinen wie der Azedarachbaum dessen zierliche Blüthen keine genießbaren, sondern nur zweideutige Früchte trägt, neben der unscheinbar blühenden Pinie, deren wohlschmeckende Nuß und hochstämmiges Holz zum Nutzen des Landes und seiner Bewohner dient. Außer dem berühmten Damascenus lebten und starben im Kloster von St. Saba, Euthymius, durch seine Wunderthaten berühmt und der Abt Elias. Vielleicht derselbe, der mitten in seiner Wüste, da Furcht und Schrecken ihre beständige Wohnung haben, »kein Ding fürchtete, als nur den Augenblick des Hintretens, am Ende des Lebens, vor Gottes des Richters Angesicht.«

Unten, in der schönen, neuen Kirche, ärgerte ich mich etwas an dem Benehmen unsers Reisegefährten, des französischen Missionars. Er verwarf mit Härte und Bitterkeit mehrere jener frommen Sagen des Klosters als »Lügen,« die uns der Griechische Mönch, unser Freund erzählte. Er hätte wohl aus eigner Erfahrung wissen sollen, wie theuer jedem Sohne des Haußes die Nachrichten und kleinen Geschichtchen von seinen Ahnen und Eltern sind; und wenn solche Erzählungen auch dem Gaste und Fremdling im Hauße etwas fremdartig däuchten sollten, so müßte er doch bedenken daß man auch in seiner Familie manche solche Dinge erzählt und theilnehmend beachtet, von denen sogar die Nachbarn des Haußes nichts erfuhren.

Desto ungestörter war gegen Abend der Genuß der Aussicht, oben vom Thurme und von den Terrassen des Klosters. Das Kidronthal hat sich hier, bei St. Saba mit einem Gewand bekleidet das an des Hades oder Gehenna's (der Hölle) Pforten, zugleich aber an Den zu erinnern vermag, welcher die Schlüssel zu diesen Pforten in Seinen Händen trägt. Eine Amsel, mit goldgelben Spitzen der schwarzen Schwungfedern, die, wenn sie flog, so aussahen als wären es durchsichtige Stellen, zog unsre Aufmerksamkeit an sich, wir schonten jedoch gern die Rechte des Haußes das seiner Bestimmung nach ein Wohnsitz des Friedens und der erbarmenden Liebe seyn soll. Die guten Väter des Klosters hatten uns müde und hungernde Pilgrime durch eine reichliche, wohlschmeckende Abendmahlzeit erquickt, jetzt wurde meiner Hausfrau und mir zum Lager der Ruhe ein Zimmer, oder eine Zelle angewiesen, die einer kühlen Grotte des Felsens glich; der Ausgang führte nach einer hochgelegenen Terrasse am Rande der gäh abstürzenden Felsenwand des Kidronthales. Der Mond strahlte in die Kluft hinein und beleuchtete die weislichen Höhen; ich konnte mich erst spät von der Aussicht trennen.

In der Nacht weckte mich ein Geläute der Glocken, das nahe bei unsrer Zelle ertönte. Die Mönche, so wie ein großer Theil der Pilgrime, waren munter und begaben sich hinab in die Kirche, zur nächtlichen Feier des Gottesdienstes. Auch ich war gern mit jenen munter geworden und blieb dieses noch lange nachher, da Alles wieder stumm ward, in der hehren Stille der Nacht. Wie einsame Wandrer die sich in den Stunden, da andre Leute schlafen, auf den vereinsamten Gassen begegnen, begegneten sich da, in der Seele Gedanken des Ernstes an das Seyn des Jenseits; an seine Schrecknisse und Hoffnungen. Der Nachtwind wehete so frisch daß es mich schauerte, ich begab mich wieder aufs Lager der Zelle bis das Morgenlicht über die Höhen, jenseits dem Kidronthale heranstieg.

Wir Alle waren zeitig zur Abreise fertig. Ich gieng mit meiner Frau zu Fuße voran, um noch einmal diese Wildniß der Felsen zu besehen. Die Gebirgsart der Gegend ist Kreidekalk mit häufigen Lagern und Nestern des Feuersteines. Der blühenden Pflanzen gab es außer der Nissolischen Phlomis (+Phlomis Nissolii+), dann den Faseln des Nils (+Dolichos niloticus+) und dem +Solanum coagulans+ nur wenige; weiterhin, da wir wieder an einzelne, sehr dürftig bestellte Saatfelder kamen, zeigte sich zwischen dem Getraide, als Hauptbewohnerin der Aecker, die schöne, freilich für den Landmann nicht sehr erfreuliche goldgelbe Wucherblume (+Chrysanthemum coronarium+) und eine Art der Strohblume (+Xeranthemum+). Im Ganzen ist jedoch die Gegend ungleich fruchtbarer als die Gebirgsgegend, welche wir vorgestern und gestern durchzogen hatten.

Der Weg nach Jerusalem zieht sich allmälig obwohl abwechselnd mit mehreren Senkungen, aufwärts. St. Saba liegt nach unsern Messungen mehr denn 1280 Pariser Fuß über dem Spiegel des todten, mehr denn 680 über dem des Mittelmeeres. Wir waren also gestern von den Stunden des Mittages bis gegen Abend, auf einer Strecke von reichlich vier Stunden Weges nahe gegen 1300 Fuß gestiegen und hatten uns heute, auf einem Wege von drei Stunden, von St. Saba bis zu unsrem Klosterhauße in Jerusalem noch 1200 Fuß zu erheben. Dennoch wird das Ansteigen erst vom Kidronbette an, beim Brunnen des Nehemia recht merklich. Ueberhaupt erscheint Jerusalem von keiner andern Seite her in solchem Maße als eine hochgebaute Stadt, denn auf dem Wege von St. Saba, wo man diese alte, verarmte Königin der Städte schon aus weiter Ferne auf dem Thron ihrer Berge erblickt. Ich stieg zuletzt allein durch die südliche Schlucht des Tyropäonthales, die vom Siloahquell beginnt, hinan zur Stadt und kam durchs Zionsthor etwas eher zur Pilgerherberge als meine Reisegefährten. Es war ein sehr gemischtes Gefühl mit dem ich das mir so theuer gewordne Obdach begrüßte, denn diesem Gruß des Wiedersehens stund jenem des Abschiednehmens -- wahrscheinlich für immer -- ganz nahe.

Naturgeschichtliche Bemerkungen.

Ehe wir Jerusalem verlassen und den Wanderstab weiter zur Reise durch andre Gegenden von Palästina erheben, sey es mir erlaubt noch einige allgemeine Bemerkungen über die Naturbeschaffenheit der Landschaft jener merkwürdigsten Stadt der Erde zu machen. Da es meine Absicht ist diesen Gegenstand noch einmal künftig ausführlicher und tiefer eingehend zu behandeln als mir es hier der Plan dieser Reisebeschreibung verstattet, hebe ich aus den Thatsachen, welche hieher gehören nur Einige heraus und stelle sie als den unvollkommenen Schattenriß eines künftigen, vollkommneren Naturgemäldes zusammen.

Abgesehen von der großen Geschichte dieses Landstriches, so hat der Umgegend Jerusalem schon die Natur solche Züge der Auszeichnung und Eigenthümlichkeit aufgeprägt, daß hierinnen kaum ein andrer Punkt der Erde ihr zu vergleichen ist. Man hat zwar nach jener hochgelegnen Stadt von allen Richtungen her im Allgemeinen, wenn man hierbei den Höhengürtel ihrer nächsten Umgränzung unberücksichtigt lässet, aufwärts zu steigen, denn der Höhe von nahe 2500 Fuß über dem Meere, auf welcher Jerusalem liegt, kommt die Höhe nur weniger andrer so nahe am Meere gelegener Städte der östlichen Halbkugel gleich, dennoch ist jenes Aufwärtssteigen am auffallendsten von Osten, vom todten Meere und der Jordansaue her. Bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft darf man wohl fragen: wo auf Erden ist ein ähnliches nahes Beisammensein des Hohen mit dem Tiefen bemerkt und erhört worden als hier, wo in einer Linie von sieben Stunden Weges eine Absenkung von ~wenigstens~ 600 Fuß ~unter~ und eine mehr denn vierfach so große Erhebung ~über~ die Meeresfläche gefunden wird. Der Unterschied der Erhöhung beträgt zwischen Jerusalem und der Jordansaue bei Jericho über 3000 Fuß. Wenn man hierbei jener Annahme folget, nach welcher 100 Metres dieses Unterschiedes einen ähnlichen Einfluß auf die mittlere Temperatur haben, als eine Differenz der geographischen Lage um einen Grad der Breite, so geht daraus hervor daß die mittlere jährliche Wärme der beiden so nahe an einander gränzenden Gegenden ohngefähr eben so weit von einander abstehen möge als die von Rom und London. Während hiernach das Klima der Jordansaue und des todten Meeres dem der südlichen Araba und des Nildeltas gleich zu schätzen wäre, käme das von Jerusalem etwa nur dem Klima der Insel Lemnos und der Stätte des alten Troja, oder mit jenem des Thales von Tempe und den mittlern Küstengegenden von Sardinien gleich. Und wenn es erlaubt wäre aus thermometrischen Beobachtungen die nur etliche Wochen umfaßten, dabei jedoch in den Monat April fielen, dessen mittlere Temperatur mit der mittlern des Jahres in naher Uebereinstimmung zu stehen pflegt, einen Schluß auf das Klima von Jerusalem zu machen, so würde ich die mittlere Wärme des Jahres in Jerusalem wenigstens nicht höher stellen als etwa die von Cagliari in Sardinien es ist; ich würde sie noch nicht so hoch als die von Neapel, höchstens zwischen 16 bis 17 Grad der hunderttheiligen Skala (zu 131⁄2 Grad R.) anschlagen. Daher reift die Dattelpalme, obgleich sie noch zum Baum, auch in ungeschützter Lage erwächst, um Jerusalem niemals ihre Früchte, während die Datteln der Umgegend von Jericho und des todten Meeres schon bei den Alten im Rufe der höchsten Vortrefflichkeit stunden; die strauchartige Baumwolle und ähnliche Gewächse der wärmeren Zone sieht man dort nicht; dagegen gedeiht um Jerusalem und Bethlehem ein Wein, welcher an Wohlgeschmack und Feuer dem von Lemnos und Lampsakos nichts nachgiebt; der Oelbaum, die Feige, die Obstarten, der Wallnußbaum lohnen da überall, durch eine Fülle der Früchte, die Mühe des Anbaues.

Die geographische Lage von Jerusalem wird zu 31° 47' 47" der N. Breite und 32° 53' L. von Paris angegeben[61]. Die Breite entspricht mithin ohngefähr jener von Marocco; der Unterschied der Längen macht in der Zeit, zwischen Paris und Jerusalem nur 2 Stunden 11⁄2 Minuten, zwischen München und Jerusalem nur eine Stunde und 43 Minuten aus. Ueber die Verschiedenheit der Jahreszeiten, namentlich der Temperatur der einzelnen Sommer- und Wintermonate weiß ich leider nur wenig Zuverläßiges zu sagen, doch will ich dieses Wenige nicht unerwähnt lassen. Im Ganzen scheint auch von der Umgegend von Jerusalem dasselbe zu gelten, was mit großer Allgemeinheit in allen östlich an das Mittelmeer angränzenden Länderstrichen statt findet: daß die Kühle des Winters weiter in den Frühling, die Wärme des Sommers aber tiefer in den Spätherbst hineinrückt als in den westlichen Gegenden. Die Hitze soll im Sommer öfters über 32° R. (40° Cent.) betragen[62]. Wenn dann, wie dieß gerade in der Mitte des Sommers häufig der Fall ist, der heiße, trockne Ost- und Südostwind wehet, bringt selbst die Nacht nur wenig Abkühlung und der Aufenthalt in der fast schattenlosen Nähe von Jerusalem fällt dann dem Fremden der aus den Ländern des Schattens und der Wasserströme hieher kam so unerträglich, daß die Schaaren der Kreuzfahrer, bei der ersten Belagerung der Stadt sich tief in die Erde eingruben, deren durchwärmter Staub nur wenig Lindrung gegen die Hitze brachte. Dennoch wird das hochgelegene Jerusalem auch noch in den Zeiten des Spätfrühlinges manchmal von so kühlenden Nordwinden besucht, daß nach Falmereier selbst im Anfang des Juni die Mönche des griechischen Klosters zuweilen wieder ihre Pelzkleidungen anlegen. Dagegen ist die Hitze in den Herbstmonaten meist noch sehr groß, und auch nachdem der Frühregen, welcher mitten in der Zeit zwischen dem Herbstäquinoctium und dem Wintersolstitium, etwa 7 Wochen vor Weihnachten fällt, das lechzende Land mit seinen reichen Strömen erquickt hat, bringen die Südwestwinde wieder so milde Tage, daß hier die Zeit um Weihnachten öfters zu den lieblichsten Zeiten des ganzen Jahres gehört[63]. In der Regel fängt es erst gegen die Mitte des Januar an etwas anhaltender kalt zu werden und selbst noch im Februar gefriert es zuweilen, so wie auch der Schnee in Jerusalem eben so als eine zwar schnell vorübergehende, dennoch aber nicht besonders seltne Erscheinung bekannt ist als in Rom. Ohnehin sieht man dann die höher gelegnen Punkte des Landes öfters mehrere Tage lang weiß beschneit. Der Spatregen stellt sich um die oder bald nach der Zeit des Frühlingsäquinoctiums ein. Wie reichlich in Palästina der Thau falle, davon werde ich bei der Beschreibung unsrer weiteren Reise reden. Auch dieser trägt das Seine zur Ernährung des Landes bei; das meiste Wasser aber, dessen der Mensch zu seinem Haushalt bedarf kommt vom Regen. Namentlich hat in Jerusalem jedes Haus eine oder mehrere Cisternen; wir tranken in unsrem Kloster kein andres als Cisternenwasser und fanden dasselbe von ganz besondrem Wohlgeschmack und dabei vollkommen klar und rein.

Was die herrschenden Gebirgsarten der Umgegend von Jerusalem, und, wenn ich von der kleinen Strecke welche ich durchzog urtheilen darf, des gelobten Landes überhaupt betrifft, so glaube ich sagen zu dürfen, daß die Gebirge diesseits des Jordans fast durchgängig Kalk sind, auf dem sich schon jenseits Cana, auf der Hochebene von Hittin und am westlichen Abhange des Tiberiassees der Basalt einfindet, welcher ostwärts vom Jordan in so ungeheuer großen Massen und weiter Ausdehnung auftritt, als ich dieß nie vorher gesehen. Daß jener Kalkstein, der bei Jerusalem, der zwischen da und Jericho, so wie bei Nazareth und am Thabor zunächst ins Auge fällt, der den Gipfel des Oelbergs bedeckt und seine Abhänge bildet zum Kreidekalk gehöre, wird auch der Anfänger in dieser Art der Untersuchungen alsbald erkennen; die Lager und Nester des Feuersteines treten allenthalben aus ihm hervor; das Gebirge behält den Charakter seiner Formation eben so deutlich wo es in seinen festeren Gebilden unserem Alpenkalksteine und Schnürlkalk als da wo es in seiner lockreren Beschaffenheit dem Kreidemergel gleicht. Aber außer dem Kreidekalk, an welchem wir freilich schon in unsrem Vaterlande die mannichfachsten Annäherungen an die Formen andrer, sogenannt ältrer Gruppen der kohlensauren Kalkgebirge gewohnt sind[64] zeigt sich schon um Jerusalem, eben so wie in andren Gegenden des Landes eine andre Felsart, die ich mit ihren häufigen Dolomitgebilden für keine andre als für unsre sogenannte Juraformation halten konnte. Ich darf mich hierbei auf das Urtheil eines Mannes vom Fache, des wackren Geognosten ~Rußegger~ berufen, welcher nach mir Palästina bereiste. Auch dieser beschreibt[65] die Gebirgsart, von welcher ich hier rede, als »ein Gebilde das allen innren und äußren Kennzeichen zu Folge, dem oberen Jura und Oolith so wie dem Juradolomit beizuzählen ist.« Unter dem Jurakalk von Jerusalem mit Dolomit unterschied derselbe (einen auch mir auffallend gewesenen) Kalkstein, der sehr eisenschüssig ist und keine Dolomite führt, ja selbst unter diesem wieder einen (meiner Beobachtung entgangenen) zweiten, dunkelgefärbten, dichten, mit Enkriniten, der sich nur in geringer Entwicklung bei Jerusalem zeigt und hier nur an wenigen Stellen, stets aber als tiefestes Gebilde auftritt, während er in Osten der Jordansmündung und des todten Meeres zu hohen Bergen ansteigt. Den dichten, eisenschüssigen Kalkstein der ersteren Art hält Rußegger für ein Parallelgebilde des unteren Jura und des unteren Oolithes; den Enkrinitenkalk der als Tiefestes dasteht für den +carboniferous Limestone+ oder Kohlenkalkstein. Da ich, durch einen unglücklichen Zufall, von welchem ich später reden werde, noch in diesem Augenblicke nicht im Besitz unsrer größeren, auf der Reise durchs Peträische Arabien so wie durch Syrien gemachten geognostischen Sammlung, doch nicht ohne Hoffnung bin dieselbe wieder zu erhalten, verspare ich die ausführlichen Nachweisungen über diesen Gegenstand an einen andern Ort.

Man dürfte, um nur noch eine Bemerkung über die Gebirgsnatur von Palästina hinzuzufügen, dieses Land, vor den meisten andern Ländern der Erde ein Land des Salzes nennen, das mit seinem Ueberflusse, der vorzüglich am todten Meere zu Hauße ist, auch in leiblicher Hinsicht ein Salz der ganzen Erde werden könnte. Auch an warmen Quellen ist es überaus reich. Dem lästigen Sande begegneten wir erst wieder jenseits dem Libanon, bei Beirut, und, in geringer Menge, an einzelnen Stellen der Hochebene von Damaskus. Palästina ist schon von Natur ein Land der Höhlen wie wenig andre Länder der Erde, und seit alter Zeit hat der hier wohnende Mensch die Zahl dieser Grotten noch vermehrt oder ihren natürlichen Umfang erweitert, weil er gern, wie die Taube, in den Felslöchern und Steinklüften wohnte. In diesen ist im Sommer gegen die Hitze so wie im Winter gegen die kalten Winde und Regen Schutz zu finden. An vielen Orten sieht man noch jetzt die Häußer so an den Fels gebaut, daß die Höhlen desselben theils zu Kammern, theils zu Viehställen dienen können. Obgleich das Erdbeben zu den öfter wiederkehrenden Schrecknissen des Landes gehört, bemerkt man dennoch die Spuren seines Vorüberzuges nicht so wie in Kleinasien an den Gebirgen, weil die Gewölbe des Kalksteines seinen Stößen besseren Widerstand leisten denn der Sandstein. Während das große Erdbeben vom ersten Januar in und um Nazareth so viele Menschengebäude niederstürzte, blieben jene Grotten, welche, wie wir später erwähnen wollen, der Andacht gewidmet sind, mit allem dem was sie umfassen, unberührt.

Das Kalkgebirge, vor allem das mergliche, zeichnet sich allenthalben, wo der Segen des Wassers es benetzt und der Strahl der höher stehenden Sonne es belebt, durch eine ganz besondre Mannichfaltigkeit der Pflanzenformen so wie durch ein kräftiges Gedeihen derselben aus; das Basaltgebirge ist eine Mutter der Quellen. Welcher Boden könnte von Natur fruchtbarer und zum Anbau günstiger seyn als der von Palästina, wenn der Mensch nicht selber mit der Wiege der Fruchtbarkeit den Säugling vernichtet, wenn er nicht mit der vormaligen grünenden Bedeckung der Höhen und Bergabhänge den Kreislauf des Süßwassers, das als Dampf und Gewölk vom Meere hinansteigt nach der kühlen Höhe und von da als Quell und Bach wieder hinunterströmt zur Tiefe, zerstört hätte. Denn das Gewächsreich gleichet in der Geschichte jenes Kreislaufes den Haargefäßen, welche im lebenden Leibe den Uebergang des Blutes aus den Enden der Schlagadern in die Anfänge der Blutadern vermittlen und auf diese Weise es möglich machen daß der Puls nicht stille stehe. So sehr aber auch das eigne Volk des Landes, aus Neid gegen den fremden Eroberer und Herrscher[66], und so sehr die Feinde desselben, deren Zorn so oft diese Stätte der alten Segnungen traf, gegen den innren Wohlstand desselben gewüthet haben, ist es mir dennoch unbegreiflich, daß nicht bloß Spötter und geistige Feinde des Landes der großen Verheißungen, wie Voltäre, sondern selbst manche frühere Reisende, Palästina als eine natürliche Einöde, als einen Boden der weder vormals noch jetzt zum einträglichen Anbau taugte in böses Geschrei bringen konnten. Wer die unverwüstliche Fülle des Pflanzenreichthumes am Carmel und am Saum der Wüste, wer die grünenden Gefilde von Esdrälon und in der Jordansaue, die Laubwaldungen am Thabor, wer die Ufer des Tiberias- und des Meromsees gesehen, denen nichts fehlt als die anbauende Menschenhand, welche dem üppigen Boden ihre Saamenkörner und Pflanzungen anvertraut, der mag doch sagen welches andre, von tausendjährigen Kriegen entvölkerte Land unsrer Halbkugel er günstiger zum Wiederanbau gefunden. Freilich war es auch hier, ja hier vor allem der Segen von oben, der die Fülle des Gedeihens gab, aber der Kanal durch den der Strom des Segens sich ergoß ist noch jetzt weit geöffnet wie vormals.

Die eigentliche, nähere Betrachtung der Flora von Palästina, so weit ihm dieselbe möglich seyn wird, verspart sich der Beschreiber dieser Reise an einen andern Ort; hier führt er seinen Leser nur, wie die Richtung des Weges es eben wollte, durch einen einzelnen Gang oder Fußpfad des großen Gartens.

Im Koran der Mohamedaner schwört Gott bei der Feige und bei der Olive, das heißt bei Damaskus und bei Jerusalem. Der Oelbaum war und ist noch jetzt der Fürst unter den Bäumen dieses Landes, das seine natürliche Heimath zu seyn scheint. Ich habe nirgends so alte Oelbäume gesehen als hier; ihre Anpflanzungen könnten und würden freilich, wenn solche fleißige Hände ihrer pflegten, wie die der Provenzalen, ungleich ausgedehnter und einträglicher seyn. Das Oel, welches man aus der Frucht gewinnt, ist vortrefflich. Aber auch der andre Baum, den der Koran neben die Olive stellt, wächst in ungemeiner Menge in Palästina und seine Pflanzungen bedecken, namentlich in der Umgegend von Jabrut, auf den Hügeln zwischen Bir und Sindschil ganze fast unübersehliche Landstriche. Die Frucht ist von ganz besonders lieblichem Geschmack und aromatischer Süßigkeit, dabei aber meist kleiner als die der Umgegend von Smyrna[67]. Dagegen wird der Weinstock von Palästina, der freilich nur noch einzelnen Landstrichen desselben angehört, nicht nur an der feurigen Kraft seines Fruchtsaftes, sondern auch, wenigstens im südlicheren Gebirge des Landes an Größe und Menge der Trauben von keinem andern Weinstock der Erde übertroffen. Ich habe am Libanon Wein getrunken, dem mir kein andrer an Kraft und Wohlgeschmack gleich zu kommen schien, welchen ich jemals sonst gekostet. Da die Mohamedaner nur unter der Hand den Wein trinken (obwohl sie, wie früher erwähnt, diesem verbotenen Genuß allmählich mehr Geschmack abgewinnen) benutzen sie die Fülle der Trauben, die ihnen das Land giebt, außer zur unmittelbaren Nahrung und zum Verkauf an Christen und Juden, welche ihn keltern, nur zur Bereitung von Rosinen und vor allem zu der eines unvergleichlich guten Traubensyrupes, Dibse genannt, der meist nach Aegypten verkauft wird. Wie groß der Ertrag sey, zeigt die Größe der Ausfuhr jenes Syrupes aus einzelnen Orten, denn nach Shaw[68] soll allein Hebron jährlich gegen 2000 Centner davon versenden. Um Bethlehem wie um Jerusalem fällt die Reife der Traube und ihre Lese in den September; nur am Libanon giebt man sich die Mühe den Wein für längere Zeit zu pflegen und zu erhalten; gewöhnlich trinkt man das Gewächs des Jahres von einer Lese zur andern.

Der erste Baum, dessen Blüthe vor der Zeit des Spätregens erwacht und in den tiefen Thälern selbst vor Eintritt der kalten Tage des Februar sich öffnet, ist der Loz oder Mandelbaum; die Gegend von Bethlehem und Hebron fanden wir im März mit blühenden Obstbäumen geschmückt unter denen sich die Aprikose, der Apfel und die Birne zeigen; im April vermählt sich der Purpur der Granatblüthe mit dem Weiß der Myrte und zugleich beginnt dann die Zeit der Rosen des Landes und der buntfarbigen Ladanen (Cistus); der Zakkumbaum (+Elaeagnus angustifolius+) giebt neben dem Storaxbaum, dessen Blüthe unserm sogenannten deutschen Jasmin (+Philadelphus coronarius+) ähnlich ist, seinen süßen Duft. Mit der siegreichen Kraft des Landes ist zwar zugleich das Zeichen des Sieges, die Palme von ihrem Ort hinweggenommen; die Palmengärten von Jericho sind bis auf wenige Spuren verschwunden. Wie trefflich jedoch der herrliche Baum im niederen Lande gedeihen könne, das zeigte uns die Ansicht von Akre und die Nachbarschaft von Kaipha. Nur als ein Pflegling der Menschenhand stehet in Gärten, wie an Begräbnißstätten und andern freien Plätzen der Ortschaften, die hohe Zypresse da; als selbstständiges Erzeugniß des Bodens erscheinen auf den Hügeln und Hochebenen der Azerolbaum (+Crataegus Azarolus+) der Wallnuß- und Erdbeerbaum, der Lorbeer- und Lorbeer-Tinus, die Arten der Pistazien und Terebinthen, der immergrünen Eichen so wie die baum- und strauchartigen Sorten des Rhamnus, der Cedernwachholder und einige Arten der Thymeläen, auf den vormals waldigen Höhen aber mehrere Arten der Pinien und Fichten. Der Sykomorus und der Johannisbrodbaum, die Maulbeeren und Opuntienfeigen wachsen meist nur angepflanzt in der Nähe der Ortschaften; Gärten voller Orangen und Zitronen fanden wir am meisten bei Nablus (Sichem).

Die Arten des Getraides gehen in vielen Gegenden des Landes, vor allem in der Ebene Jesreel und auf den Hochebenen von Galiläa in großer Menge von selber auf, als verwilderte Nachkommen der vormals hier bestandnen Saatfelder, und bezeugen hierdurch noch jetzt welch herrliches Getraideland einst Palästina gewesen. Außer dem Waizen und der Gerste sahen wir unter diesen Wildlingen auch häufig unsern Roggen. Der jetzige, sehr nachläßig betriebene Ackerbau beschäftigt sich mit der Cultur fast derselben Getraidearten die man in Aegypten baut. Man sieht Felder des Sommer-Moorhirses (+durah gaydi+), des gemeinen (+durah sayfeh+) und des Herbstmoorhirses (+d. dimiri+), welche sämmtlich Varietäten des +Holcus Sorghum+ sind; Waizen (+kumh+) besonders der Spelt, Gerste (+Schay-ir+) gedeihen fast überall; in der obern Jordansaue und am Meromsee auch Reis (+aruz+); an der Jacobsbrücke im Jordan sahen wir schönes, hochwüchsiges Papyrusschilf. Von Hülsenfrüchten baut man den Hommos oder die Kichererbse (+Cicer arietinum+), die Fuhl oder Aegyptische Bohne (+Vicia faba+), den Gischrungayga (+Phaseolus Mungo+) und Gilban (+Lathyrus sativus+) so wie die Ads oder Linsen und die Bisilleh oder Erbsen. Unter den Gemüsen sind die Früchte der Hibiscusarten beliebt: Bamia Towileh ist +Hibiscus esculentus+, Bamia beledi und Wayka sind +Hib. praecox+; hie und da ist auch durch die Franken der Anbau der Kartoffeln (+kolkas franschi+) versucht worden; sehr gemein ist in den Gärten der Klöster die Kharschuf oder Artischoke so wie der Khus oder Salat; in feuchten Gegenden, wie bei Sichem die Batikh oder Wassermelone, Khiar oder Gurke u. a.

Häufiger als der Kettan oder Lein wird der Bust oder Hanf gebaut, in günstigen Lagen auch die Baumwollenpflanze oder Qotn, so wie die Färberröthe oder Fuah.

Wenn ich des eigentlichen Volkes der Pflanzen und Blumen von Palästina, welche uns die schönste Zeit des Jahres hier zu Gesicht brachte auch nur mit wenigen, beschreibenden Zügen gedenken wollte, dann könnte mein Bericht zu einem kleinen Büchlein anwachsen, denn wer nur dem (verhältnißmäßig doch nur kurzem) Laufe des Jordans vom todten Meere am Tiberias- und Meromsee bis zu den obersten Quellen am Antilibanon folgt, der durchwandert in wenig Tagen klimatische Zonen und mit ihnen zugleich verschiedenartige Hauptformen des Gewächsreiches wie sie in andern Gegenden der Erde um Hunderte der Meilen auseinander liegen. Ein Pflänzlein das die Pilgrime gewöhnlich am Oelberg sich sammeln ist die kleine Blut-Immortelle (+Gnaphalium sanguineum+); vom Karmel und Libanon nehmen sie sich die große orientalische Immortelle (+Gn. orientale+) als Andenken ihres Pilgerzuges mit. Auch nach den Früchten der Palästinensischen Mandragora (+Mandragora autumnalis+) suchen die Orientalischen Christen so wie die Mohamedaner in der Umgegend von Jerusalem, weil sie diesen Früchten besondre Kräfte zuschreiben; sie ist aber gerade hier sehr selten, häufig dagegen südwärts von Hebron, dann am Thabor und Carmel. Wer die Pracht der Liliengewächse, der Tulpen, der Hyazinthen, Narzissen und Anemonen recht im Großen sehen will, der muß im Frühling einige der Gegenden besuchen, durch welche wir kamen; empfangen doch selbst in diesem Lande die wilden Laucharten eine Schönheit und Größe, die sie zum Schmuck unsrer Gärten machen würde.

Bei der Thierwelt von Palästina werde ich mich noch kürzer verweilen. Nur selten sieht man noch Heerden von Rindvieh; der Stier der Umgegend von Jerusalem ist unansehnlich und klein; Rindfleisch oder Kalbfleisch gehören zu den seltneren Genüssen. Dagegen gedeiht der Stier besser und wird häufiger gesehen in dem oberen Jordansthale, auch am Thabor und in der Nähe von Nazareth, vor allem aber ostwärts vom Jordan, auf dem Wege von der Jacobsbrücke nach Damaskus. Den Gamus oder Büffel sieht man in den Gegenden der Meeresküste; er kommt hier an Größe und Stärke dem Aegyptischen gleich. Es scheint das Türkische System der Abgaben gewesen zu seyn, das vom Großen zu Großes nahm, oder auch die Raubsucht der herrschenden Fremdlinge des Landes, dem sich das Kleine leichter verbergen und entziehen ließ als das Große, was der eifrigeren Zucht der Rinder solchen Eintrag that, denn man darf wohl sagen daß, wenn noch hundertmal so große Heerden, als jetzt da sind, in den fruchtbar gebliebenen Auen und Gefilden weideten, sie in den verwilderten Saatfeldern mehr niedertreten würden, als sie verzehren könnten. Wenigstens erschien dieß in den Frühlingsmonaten so, in denen die Gras- und Getraidearten noch nicht, weil der Mensch das Mähen versäumte, von selber zum Heu zusammengedorrt waren. Wenn in unsren Tagen ein König Friedreich oder Salomo Israëls Herrscherthron bestiege, er würde sich statt der zehn gemästeten Rinder und zwanzig Weiderinder, welche Salomo täglich, neben den andern Schlachtthieren für seinen Hofhalt brauchte mit Schafen und Ziegen begnügen müssen. Denn diese sieht man noch in großer Menge und zahlreichen Heerden in allen Gegenden des Landes; ihre Milch und ihr Fleisch dienen zur täglichen Nahrung, ihre Wolle und Haar zur Bekleidung der Bewohner. Die gewöhnlichere Art der hiesigen Schafe zeigt noch die Anlage zum Fettschwanz; das Haar der Syrischen, langohrigen Ziegen ist von ziemlicher Feinheit, schien uns aber dennoch dem der Kleinasiatischen Abart, am Sypilus und Tmolus nachzustehen. Von Hirscharten sah ich nur eine Kuh des Damhirsches und zwar in derselben Gegend in welcher Hasselquist Damhirsche bemerkt hatte, nämlich auf dem Thabor; auf dem Wege von St. Philipp nach St. Johann glaubte ich auch auf der Höhe des Berges Thiere vom Geschlecht der Hirsche zu erblicken, es ist mir jedoch selber wahrscheinlicher, daß es die hiesige braune Gazelle (+Antilope hinnuleus+) war, denn von dem Geschlecht der Antilopen bemerkten wir mehrere Arten in Palästina. Eine Kamelzucht die der Erwähnung werth wäre, hat dieses Land, wenigstens westwärts vom Jordan nicht mehr, wohl aber begegneten wir im Thal der Thäler: in der Hochebene zwischen dem Libanon und Antilibanon, bei Baalbeck ansehnlichen Herden dieser Thiere. Unter den hieländischen Pferden sahen wir manche die von schöner Form waren, und von edler Arabischer Abkunft schienen, seiner einheimischen Pferdezucht kann und wird sich aber das jetzige Palästina schwerlich rühmen. In seiner Art, dieß kann man wohl sagen, steht hier der Esel auf einer höheren Stufe der Veredlung als das Roß; seiner, wie des Maulthieres und Maulesels bedient man sich auch am öftersten zum Reiten, und bei den hiesigen schlechten Gebirgswegen ist diese Art des Fortbewegens auch die zweckmäßigste und sicherste. Der Eber (+khanzir+) ist häufig auf dem Thabor und kleinen Hermon, so wie an den wald- und buschreichen Abhängen des Karmel. Aus diesen Aufenthaltsorten kommt er oft herunter in die Ebene von Jesreel. Vom Wower oder +Hyrax syriacus+ konnten wir in Palästina und Syrien, nach welchem er doch genannt ist, keine Spuren entdecken. Obgleich unsre Mucker, die uns zuerst von Jerusalem ans todte Meer, dann nach Damaskus, aus dessen Nähe sie gebürtig waren, geleiteten, uns den Assed oder Löwen unter den Gefahr drohenden Thieren des Landes nannten, konnte ich diesen guten Leuten dennoch keinen vollen Glauben schenken, denn sie nannten jede Art der Thiere, nach deren Arabischen Namen ich sie fragte, entweder mit dem allgemeinen Namen Hywan, d. h. Thier, oder höchstens Wahesch d. h. wildes Thier. Dagegen ist aus dem Geschlecht der Katzen der gemeine Panther oder Nimr in den mittleren Gebirgsgegenden von Palästina zu Hauße; aus dem der Hunde in den südlicheren Gegenden der kleine Abul Hhosseyn oder +Canis famelicus+, und eine größere Art des Fuchses, die wir nicht zu sehen bekamen, scheint mit dem Namen Taleb bezeichnet zu werden. Außer diesen ist der Schakal (Dib) ein Feind der Herden. Von Bären sahen wir nur das verstümmelte Fell als Decke oder Lagerstätte des Reiters am Sattel einiger Maulthiere hängen die uns begegneten. Angeblich waren die Thiere am Antilibanon[69] erlegt; die Fragmente des Felles erinnerten aber weniger an die von Ehrenberg beschriebene Art als an unsern gemeinen, braunen Bären. Der hiesige Igel, den wir aus Bethlehem bekamen, ist nicht der langöhrige, Aegyptische, sondern gleicht ganz unsrem gemeinen Europäischen. Der hiesige Erneb oder Hase ist der Arabische; das Stachelschwein wohnt häufig in den Felsenklüften von Palästina; gemein ist hier auch die Blindmaus für die wir keinen andern Namen erfuhren als den allgemeinen für Ratte: »Far.«

Unter den größeren Raubvögeln sahen wir am öftersten den gemeinen Cathartes oder Aasgeier (+Cathartes Percnopterus+), so wie den Hedy oder Weihen; die hiesige wilde Taube (+qimri+) ist von unsern Arten nicht wesentlich verschieden, eben so wenig die Arten des Neuntödters, der Krähen, die Mandelkrähe u. A. Ob das große Thier, das die hiesigen Araber Temsah nennen, und das westwärts von Sichem in einem Fluß oder kleinen See vorkommen soll, wirklich ein Krokodil sey, hatten wir nicht Gelegenheit zu untersuchen. Die hieländische Schildkröte, die wir bei Bethlehem und Nazareth fanden, ist die bekannte Griechische (+Testudo graeca+) die schon bei Rom lebt; vom Chamäleon sprach ich schon. Schlangen sind sehr selten, und nach dem Bericht andrer Reisenden gehören sie nur zu den ungiftigen. Ueber die Süßwasserschnecken von Palästina wird mein lieber Reisegefährte und Freund: +Dr.+ Roth öffentliche Mittheilungen machen; bei Beiruth sahen wir die +Janthina fragilis+, die den gemeinen Purpur lieferte. Unter den hiesigen Insekten ist die Biene (Nahl) die ruhmwürdigste Fürstin, ein Namensverzeichniß der zahlreichen Käfer u. a. die wir in Palästina erbeuteten, möchte wenig Interesse haben. Von den Namus oder Mosquitos hatten wir in dieser Jahreszeit noch nicht zu leiden. --

Nur so viel einstweilen, von der Naturgeschichte des bedeutungsvollen Bodens. Läge das Element, welches die Beachtung des Geistes auf irgend ein Land der Erde hinlenket, nur in der Größe oder Naturbeschaffenheit desselben, dann würde Palästina mit all seinen äußren, auch noch so interessanten Eigenthümlichkeiten unter der Menge der andren Länder wie die kleine Lilie des Thales (+Convallaria majalis+) erscheinen, die im Gebüsch und Schatten des hohen Eichenwaldes sich verbirgt. Aber auch das Auge, das mit seinem Blicke die unermeßbar großen Reiche der Sichtbarkeit umfasset, ist ein kleines unter den andren Gliedern des Leibes; der Menschenleib selber, in dem die ewige Weisheit Schätze von ganz andrer, unvergänglicherer Art verborgen hat, denn die des edlen Erzes sind, erscheint nur als eine vorüberziehende Wolke von Staub gegen die Hochgebirge, in denen »das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort hat.« Nicht das Heer der Sterne, so unermeßbar dasselbe für die Sinnen seyn möge, ist das Unendliche, das ewig Eine, sondern der Geist, welcher das sichtbare Wesen umfasset und bedenkt; nicht das tägliche Wunder der Erhaltung und des Bestehens, sondern das ewige Wunder des Schaffens und Wiedergebährens aus dem Geiste ist das Anfängliche und Höhere. Und dieses Höhere und Höchste hatte einst in dem kleinen Palästina den Thron seiner Herrschergewalt auf eine offenbarlichere, näher erfaßbare Weise aufgeschlagen, denn in allen Reichen der Erde, ja in allen Reichen der Sichtbarkeit, von einem Stern zum andren; hier hat den denkenden Geist im Menschen, dessen wahres Heim noch ein andres ist als das der Sternenwelten, ein Licht umleuchtet, heller denn die Sonne, ja denn aller Sonnenheere Glanz.

Die liebliche Zeit des Pilgerlaufes in Jerusalem gieng nun zu Ende; die Stunden des Abschiedes waren gekommen. Das Pilgerhaus des Lateinischen Klosters war uns ein Salem, eine Stätte des Friedens, des innren wie des äußren Menschen gewesen; noch einmal besuchten wir die Kirche des heiligen Grabes und die guten Väter des Griechischen Klosters, die uns so reiche, uneigennützige Beweise ihrer Freundlichkeit und Liebe gaben; sahen die deutschen Landsleute unter den hiesigen Israëliten, Bergmann, Hirsch und Schwarz, und wandelten noch einmal über dem Kidron hinüber nach dem Abhange des Oelberges. Die letzten Stunden des Abends brachte ich auf dem oft erwähnten Hügel, innerhalb des Stephansthores zu. Der Mond leuchtete hoch über dem Gebirge des Ostens und ließ die Stadt wie unter dem weißen Schleier einer einsamen Wittwe sehen. Doch nicht immer wirst du eine Einsame und Trauernde seyn, du hohe Stadt Jerusalem; auch aus deinem Abend wird wieder der Morgen werden, wenn der Tag der Erfüllungen kommt, der zwar verzeucht, aber nicht ausbleibet.

Reise nach Sichem und Nazareth.

Wir hatten uns, Sonnabends den 15ten April noch lange bei den treuen Vätern des Lateinischen Klosters verweilt; vor allem bei dem trefflichen Padre Secretario Fr. Perpetuo a ~Solerio~ dessen Freundlichkeit und Güte gegen uns sich der dankbaren Erinnerung tief eingeprägt hat; es war halb neun Uhr geworden, als wir unsre Thiere bestiegen und die Weiterreise antraten. Unsre Reisegesellschaft hatte sich um einen guten, bisherigen Begleiter vermindert; Herr Krohn war noch zurückgeblieben, auch Herr Mühlenhof besorgte Geschäfte in der Stadt, die ihn um einige Stunden verspäteten.

Jenseit des Thores von Damaskus, auf der Höhe, im Norden der Stadt stunden wir noch einmal still und betrachteten die liebe Stadt. Ja, »wünschet Jerusalem Glück, es müsse wohlgehen Denen die dich lieben.«[70] Denn siehe Denen die nach deinem Heile fragen und trachten nach deinem Frieden ist Israëls Gott ihres Herzens Trost und ihr Theil; sie werden kommen gen Zion mit Jauchzen; ewige Freude wird dann über ihrem Haupte seyn; Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird wegmüssen[71].

Der Weg war anfangs der schon früher von uns betretene, an den Gräbern der Könige vorüber, dann die Anhöhe hinauf und gegen Schafat hin, das der Weg zur Linken lässet. Wir hatten bis hieher und bis an die Hügelzwillinge, von denen ich früher sprach[72], auf unsren langsamen Maulthieren anderthalb Stunden gebraucht. Die Aussicht, vor allen gegen Westen und Nordwesten hin, über die nach vielfachen Richtungen verlaufenden Flachthäler und ihre Nachbarhöhen ward hier entzückend schön; am nächsten und mächtigsten fiel die Moschee auf jenem erhabenen Gebirge zu unsrer Linken ins Auge, das die Kunde der jetzigen Bewohner des Landes für die Stätte von Ramathaim Zophim, des Geburtsortes und des Grabes Samuels des Propheten hält. Ein Ort, am Fuße des Berges, ward uns von einem alten Hirten Henina genannt. Obwohl unsre Seele tief in ihrem Innersten, bei dem Genuß dieser Stunden Etwas von den Kräften jener Verheißung empfand: ihr sollt mit Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden, ergriff mich dennoch, bei dem Anblick dieser Gegend und aller ihrer oft zerstörten und in kümmerlicher Zeit wieder aufgebauten Ortschaften, auf den Höhen und in den Ebenen, ein eigenthümliches Leid. Ich war hier unter Bekannten und dennoch Unbekannten. Wenn ich mich, bei der Betrachtung des vor mir aufgeschlagen da liegenden Buches der Denksteine großer Geschichten selber fragte: verstehest du auch was du siehest; da mußte ich mir traurig antworten: wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet? Wie sehr hatte ich die Abwesenheit des trefflichen, landeskundigen Nicolaison zu beklagen, der mir gewiß in und um Jerusalem ein freundlicher Führer geworden wäre. Unsre Mucker waren zwar zum Theil diese Straße schon öfter gezogen, aber, sie selber Fremdlinge im Lande, konnten uns nur die Stationen mit Sicherheit nennen, an denen sie gewöhnlich Halt zu machen pflegten. Darum waren wir, namentlich für den heutigen Tag, mit dem Einholen von Erkundigungen nur an die Hirten oder andre uns begegnende Araber gewiesen.

Nach 21⁄4 Stunden kamen wir in dem Thale, durch das unser Weg führte und welches nur von mäßig hohen Felsenwänden begränzt ist, an zahlreichen Ruinen vorüber; zur Linken des Weges zeigten sich vier Bögen, zur Rechten Mauern und viele in den Felsen gehauene Stufen. Weiterhin traten wir, in mehr nördlicher Richtung in ein andres, von höheren Felsen umgürtetes Thal ein, auf dessen grünendem, von etwas Wasser getränktem Grunde Hirten ihre Herden weideten. Auch in diesem Thale sahen wir einige (unbedeutende) Ruinen aus alter Zeit. Es war schon Mittag vorüber, da wir den reichlich fließenden, schön ummauerten Brunnen, am Fuße des Hügels auf welchem Bir, das alte Beeroth liegt, erreichten; wir hatten, von Jerusalem hieher, 33⁄4 Stunden Zeit gebraucht. Da der Name Bir keine andre Bedeutung hat als Brunnen, kann man aus diesem allein nicht mit Sicherheit urtheilen, ob da die Stätte des alten Michmas oder die von Beeroth war[73]. Es ist hier eine Gegend der Heldenthaten und der Kämpfe in der wunderbaren Kraft Jehovahs; Gibeon das auf einer der benachbarten Höhen lag war überdieß auf einige Zeit die geheiligte Ruhestätte der Bundeslade, es war der Ort, da Salomon der König, den Herrn nicht um langes Leben, noch um Reichthum, sondern um ein gehorsames Herz, um Weisheit bat[74]. Die christliche Sage knüpft jedoch an die Stätte dieses Bir noch eine andre Erinnerung. Hier soll der Ort des ersten Nachtlagers gewesen seyn, an welchem die Eltern Jesu den zwölfjährigen Knaben vergeblich unter den Gefreundeten und Bekannten suchten[75]. Denn noch jetzt pflegen die Pilgrime, wenn sie nach der österlichen Zeit aus Jerusalem zur Heimath zurückkehren, aus alter Gewohnheit, welche kein frühes Aufbrechen aus der Stadt erlaubt, die erste Tagreise nur bis Bir auszudehnen, wo die ansehnlichen, weitläufigen Gemäuer eines vormaligen Klostergebäudes später zu einem Chan oder Lagerort der Karawanen benutzt wurden. Die Andacht der Christen hatte sich aber auch hier noch eine andre Stätte des höheren, geistigen Ausruhens geschaffen, in einer Kirche, deren ansehnliche Ruinen noch jetzt die Beachtung des Reisenden anziehen. Die Spitzbögen und Giebel erinnern an jene Zeit der christlichen Baukunst, welche die vorgothische oder byzantinische genannt wird; vielleicht, um für dieses Land es näher zu bezeichnen, an die Zeiten der Kreuzzüge. Doch sollte, der bestehenden Sage nach, schon die Kaiserin Helena an dieser Stätte eine Christenkirche begründet haben.

Man hatte uns gesagt, daß wir auf diesem gewöhnlichen Heerwege der Reisenden an jedem Orte Lebensmittel in Fülle finden würden. Die grünenden Hügel und Auen in der Nachbarschaft, mit den Herden des Viehes schienen eben dasselbe zu versprechen. Da wir aber jetzt von den Arabischen Bewohnern des Ortes Brod und Milch begehrten, sagten uns diese daß sie nichts verkaufen dürften, brachten aber dennoch nach einer Zwischenzeit, in welcher bei uns der Hunger das Wort führte, beides herbei, wofür sie, nachdem wir es kaum genossen hatten, ein Gegengeschenk einfoderten, welches in reichlichem Maße dem Werth des Empfangenen gleich kam. Wir gaben dies gern und hätten es auch ohne die Einfoderung gethan; es war hier ein gemeinsamer Durchgangspunkt solcher Schaaren, denen das Geben nicht seliger ist denn das Nehmen, sondern welche umgekehrt lieber nehmen als geben.

Wir blieben und ruheten hinter dem Schatten der alten Gemäuer in Bir bis 21⁄2 Uhr nach Mittag. Herr Mühlenhof, den wir hier erwarten wollten, war nicht gekommen, wir wußten daß er uns wenigstens im Nachtlager einholen würde. Jenseits Bir, im Norden von diesem, liegen, in geringer Entfernung vom Orte, abermals Ruinen, zur Rechten des Weges. Unsre Mucker konnten uns keinen Namen derselben nennen; daß aber die Gebirge, die wir von der Höhe her in Nordwesten, mit ihren wald- oder buschreichen Rücken sich hinziehen sahen, die Gebirge Ephraims seyen, das brauchte uns kein Führer zu sagen. Noch jetzt tönet über diesen majestätisch schönen Höhen ein Nachhall der Worte des Segens Mosis, des Mannes Gottes, die er über Joseph sprach: Sein Land ist gesegnet vom Herrn; mit dem Edlen der Höhe, dem Thau, und mit dem der Tiefe, die unten liegt; und mit dem Edlen des Himmels und mit edlen Schossen der Monde; und mit dem Köstlichsten der Berge des Aufganges und mit dem Edlen der ewigen Hügel und der Erde und was drinnen ist. Die Gnade deß, der in dem Busch wohnte, komme auf das Haupt Joseph, und auf den Scheitel des Nasir unter seinen Brüdern[76]. Oder die Worte jenes älteren Segens, Jacobs des Erzvaters, welche höher giengen denn die der Vorältern, bis zur Wonne der ewigen Hügel[77].

Wir waren, von Bir hinweg, anfangs etwas aufwärts gestiegen; jenseits dem Rücken der Höhe senkte sich der Weg abwärts. Wir hatten zur Linken neben uns ein Thal an dessen gegenüber stehendem Abhange in der Mitte der grünenden Pflanzungen von Feigen, Oliven und andern fruchttragenden Bäumen, das ansehnlich aussehende Dorf Jabrut liegt. Nahe bei diesem öffnet sich, gegen Südwesten, ein Felsenthal, an dessen gähen Wänden eine Menge der Grabeshöhlen gesehen wird, welche bezeugen daß hier einst die Stätte eines ansehnlichen Wohnortes in der selbstständigen Herrscherzeit des Landes gewesen. Auf der nordwestlichen Höhe, über und neben Jabrut liegt Ensimei (so benannten es unsre Führer) dessen alte Gemäuer sehr kräftig ins Auge fallen.

Unsre Mucker, welche überhaupt keine Freunde von großen Tagreisen waren, bezeugten Lust in Jabrut zu übernachten; da wir aber am andren Tag recht zeitig nach Sichem zu kommen wünschten, widersetzten wir uns dieser Absicht und drangen auf weitre Fortsetzung der Reise. Indem uns Jabrut etwa in der Entfernung von 20 Minuten Weges westwärts (zur Linken) blieb zogen wir jetzt in nördlicher dann etwas nordwestlicher Richtung, auf sehr steiniger Straße an dem Bergabhang hinunter, der ein fast unübersehlich großer Garten von Feigenbäumen ist. Die Pflanzungen schienen, nach der Größe der Bäume zu urtheilen, noch ziemlich jung, sie verriethen eine sorgfältigere Anlage und Pflege als die Gärten der Fellahs oder auch der Stadtbewohner in der Umgegend von Jerusalem. Diese Tausende der Feigenbäume, an denen schon ziemlich augenfällige Früchte stunden, müssen in guten Jahren einen Ertrag geben, dessen Fülle eine ganze Provinz unsers Vaterlandes mit den Schüsseln des Nachtisches versorgen könnte. Das tiefe, fruchtbare Thal in das wir jetzt eintraten, zieht sich wieder in nördlicher und selbst etwas nordöstlicher Richtung fort. An seinen Felsenwänden zeigt sich der Dolomitkalk, den wir überhaupt auf der heutigen Tagreise öfters sahen. Jenseit der Feigenbaumpflanzungen tritt die freie, von der Menschenhand unberührte Natur wieder in ihre Rechte; neben den Rosen, deren Erstlinge sich eben aufschlossen[78], blühte der wohlriechende Jelägerjelieber und mehrere Arten der strauch- und krautartigen Malven[79]. Gegen fünf Uhr, 21⁄2 Stunden von Bir aus fanden wir in der Tiefe des engen Felsenthales alte Gemäuer unter denen sich die von einer Art von Teich oder Cisterne am meisten auszeichneten. Nahe dabei entspringt ein Quell unter dem Vorsprung des Felsendaches. Der Kalkstein dieser Gegend ist sehr porös und zerklüftet. Ostwärts zieht sich ein andres, noch engeres Felsenthal nach dem Gebirge hinan.

Es war wieder ein festlich schöner Vorabend des Sabbathes, wie uns dieses Land schon mehrere gegeben hatte. Hier in der Nähe war einst die Stätte von Bethel, dem Hauße Gottes, da dem Jacob die Verheißung ward deren Segnungen über alle Geschlechter der Erde sich ergoßen. Dort war es, wo der Trost Israëls und sein Hort dem einsamen Wandrer im Gesichte der Nacht begegnete und zu ihm sprach: siehe Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinzeuchst, und will dich wieder herbringen in dieß Land. Denn ich will dich nicht lassen bis daß ich thue was ich dir geredet habe[80].

Nachdem wir noch eine halbe Stunde lang durch das schöne Thal, das sich hier mehr erweitert, gezogen waren, wendeten wir uns wieder zur Linken (etwas westlich) und stiegen fast drei Viertelstunden lang den Bergabhang hinan gegen Sindschil, das wir zu unsrem Ruheort für die nächste Nacht erwählt hatten. Wir erreichten die Nähe des Dorfes kurz vor Sonnenuntergang. Der Ort ist von Türken und Arabern bewohnt; man bot uns, da wir kein Zelt hatten, freundlich den Vorplatz vor der Moschee zur Stätte des Nachtlagers an, wir zogen es jedoch vor, außen im Freien, auf einem von niedern Mauern umschlossenen, reichlich grünendem Platze zu schlafen und schlugen hier unser Pilgerlager auf[81]. In der That ein herrlicheres Schlafgemach als dieses konnte nirgends gefunden werden. Die Abendsonne warf ihre Strahlen auf das jenseit dem Thale in Ost und Nordost gelegne Gebirge, das in rundliche Kuppen ausläuft, und von grünenden Schluchten und Flachthälern durchzogen wird. In einer sattelförmigen Eintiefung der Höhen, fast in Nordost von Sindschil zeigte sich Silun: das Silo der heiligen Schrift, dessen Name eine Friedselige bedeutet. An diesem Ort eines seligen Friedens hatte lange Zeit hindurch, von Josua bis auf Samuel die Stiftshütte ihren geheiligten Wohnsitz, denn hier versammelte sich unter dem Manne, den der Herr an Mosis Statt zum Retter und Führer des Volkes erwählt hatte, die ganze Gemeine der Kinder Israël und richteten daselbst die Stiftshütte auf, und das Land war ihnen unterworfen[82]. Und wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick von Silo die liebliche Geschichte von Samuel dem Knaben einfallen[83]; die Geschichte jener Hanna die dort bei dem Heiligthume des Herrn mit tiefbetrübtem Herzen weinte und betete, und welcher der Gott Israëls gab ihre Bitte, die sie von ihm gebeten hatte, nämlich einen Sohn der dem Herrn verlobt war von Mutterleibe an. Dahin nach Silo brachte Hanna das Kind, sobald es entwöhnet war, damit es vor dem Herrn und in seinem Dienste bleiben möge sein Leben lang, und jedes Jahr wenn die Mutter Hanna hinaufzog mit ihrem Manne Elkana von Ramathaim Zophim nach Silo, um daselbst ihr Opfer zu opfern, brachte sie dem Knaben ein kleines Oberkleid mit und sahe mit fröhlichem Herzen wie der Knabe gieng und nahm zu und war angenehm bei Gott und bei den Menschen. Denn Er, der allein heilig ist, hatte auch darinnen das Gebet der tief Betrübten und hoch Getrösteten angesehen, daß Er die Füße des Ihm Geheiligten behütete, daß er nicht verführt ward zu den Sünden der Söhne Eli; Er hatte ihn ausgesondert und gerufen bei seinem Namen damit er ein Seher würde des Verborgenen und Künftigen; ein Mund durch welchen der Herr sprach zu seinem Volk.

Mitten in dem Lande, das mir in meiner Kindheit als ein unerreichbar fernes, fast wie jenseit des Grabes, im Himmel gelegenes Land der Wunder erschienen war, wandelte mich an diesem Abend abermals ein Gefühl auch des leiblichen Daheimseyns an. Ich weiß nicht mit welcher Gegend meines lieben Muldenthales diese da, bei Silo, Aehnlichkeit haben mag; mir war es aber als hätte ich ihr Vorbild schon in den frühesten Tagen meines Lebens gesehen. Freilich gab es bei uns zu Hauße, man mochte nun in Waldenburg oder in Glaucha, oder in Lößnitz bei Hartenstein seyn, ordentliche Betten, darinnen ein Mensch Raum hat, und diese Betten stunden unter einem Obdache, das weder der Thau des Himmels noch der kühle Nachtwind anrührte, hier aber gab es nur eine schmale Matratze, die für zwei Personen, sie mochten sich vorwärts oder rückwärts legen, doch nur halbgenügenden Raum hatte und der Thau der Nacht fiel ungehemmt auf das Gras worauf die Matratze lag, so wie auf das Gesicht der Schlafenden. Auch hatte die nächste Umgegend unsers heutigen Lagers in ihren Mienen viel Fremdartiges; denn weder in dem guten Waldenburg noch auch in der Altstadt der Töpfer, die zu seinen Füßen liegt, giebt es solche platte Dächer, wie in Sindschil, oder in dem Dorfe unten im Thale das wir ganz nahe vor Augen hatten, auch sieht man dort keine Moscheen noch Minares, sondern Gott Lob! christliche Kirchen und Thürme. Dennoch dachte ich hier, in der Nähe von Silo und Bethel, so lebendig als wäre ich in dir, deiner, du kleines Vaterland in der Nähe des Muldenthales, und mein Herz sprach über euch, ihr Bewohner des Fürstenschlosses in Waldenburg einen Segensgruß aus, den ich auch hier nicht verschweigen will. Möge es in deiner Mitte, du gesegnetes Fürstenhaus, in einer Zeit da des Herrn Wort theuer geworden ist[84], niemals an Einem fehlen der von ganzem Herzen nach dem Herrn frage und nach jener Wahrheit welche ewig bleibet.

Unten im Thale dämmerte schon der Abend; die Höhen von Silo beleuchtete der Mond. Herr Mühlenhof war jetzt auch wieder zu uns gekommen; eine Schaar der männlichen Bewohner des Dorfes, ihre Pfeifen rauchend, hatte sich zu dem Feuer gesellt, an welchem unser Reis kochte, oder saß ehrerbietig auf den niedern Mauern unsers Lagerplatzes und hörte dem lauten Gespräch der Andren mit unsrem Arabischen Knechte und mit den Muckern zu. Wir schliefen zuletzt mitten unter diesem Gespräch, wie bei dem Murmeln eines Baches ein.

Wer in solcher Zeit des Jahres in diesem Lande unter freiem Himmel schläft, der wird am Morgen doppelt gestärkt erwachen; denn der erfrischende Thau, gewürzt von den Düften der blühenden Gesträuche, benetzt sein Haupt und Angesicht. Ein erfrischender Thau noch von andrer höherer Art war hier auf unser Auge gefallen, da es sich am Sonntagsmorgen, den 16ten April dem anbrechenden Tage wieder aufthat, das war die Erinnerung an die Geschichte des Landes das vor uns lag. »Gewißlich ist der Herr an diesem Orte,«[85] das war der Gedanke mit dem ich da, in der Nähe von Bethel erwachte und durch ein merkwürdiges Zusammentreffen, das uns auf dieser Reise mehrmalen begegnete, war es auch der Spruch der Tageslosung, den wir heute, am 16ten April 1837 aufschlugen. Wo viel Licht, da giebt es, so lange wir im Leibe wallen auch starke Schatten; die innre Ruhe wurde in etwas durch die Entdeckung eines Diebstahles gestört, der im Vaterlande, wo man Alles so leicht wieder haben kann, von sehr geringer Bedeutung gewesen wäre, hier aber in der Fremde nicht so erschien. Das, was dabei am meisten zu bedauern war, lag nicht in dem kleinen Verluste, sondern in der Richtung die unser Verdacht nahm. Wir argwöhnten daß einer der Türkischen Bewohner des Dorfes der Dieb gewesen sey, wie sich aber später mit größester Wahrscheinlichkeit ergab hatte uns ein alter Mucker, der, ohne zu den unsrigen zu gehören, der Gesellschaft sich anschloß, bestohlen; von heute an war er niemals mehr unter unsern unmittelbaren Begleitern; wir trafen noch einmal mit ihm in Nazareth zusammen, sahen ihn aber dann nicht mehr. Der Türkische Nasir, oder Vorstand des Dorfes, der von dem Diebstahl gehört hatte, begleitete uns, eines unsrer Thiere führend, eine Strecke Weges über das Dorf hinaus und lehnte mit Ernst den Verdacht von den Leuten seines Dorfes ab. Ich bekenne es aber mit Beschämung, daß ich dennoch seinen Reden nicht glaubte, denn weil der alte Mucker, wenigstens dem Namen nach ein Christ war, traute ich diesem gegen seine Glaubensgenossen ein Besseres zu als den Mohamedanern.

Wir waren um 6 Uhr des Morgens aufgebrochen. Der Weg lenkt sich zuerst in nordöstlicher Richtung über den steilen, steinigen Abhang wieder hinab in das Thal, aus dem wir am gestrigen Abend heraufgestiegen waren, dann an seiner andren (nördlichen) Seite wieder hinan auf den Höhenzug, der es auf der andern Seite begränzt. Von dem Gipfel dieses Bergrandes zieht sich der Weg über den steilen, steinigen Abhang hinunter in ein schönes, fruchtbares Thal: in das von Libna, oder Lebona. Nahe zu unsrer Rechten lag ein tiefer gemauerter Brunnen, in ziemlicher Entfernung vom Orte; hier schöpften einige der Bewohnerinnen Wasser, das sie, nach der Sitte des Landes in Schläuchen und Krügen nach Hauße schleppten. Wir fragten sie scherzend, warum sie nicht lieber ihre Männer, die ja stärker seyen als sie, dieß schwere Geschäft verrichten ließen, die zunächst Gefragte antwortete: für unsre Männer wäre es unziemlich, für die Frauen geziemt es sich.

Anderthalb Stunden nach unserm Ausritt aus Sindschil (um 71⁄2 Uhr) kamen wir an Lebona vorüber, das uns links, am Bergabhange, zur Seite liegen blieb. Diese alte, Kananitische Königs- und nachmalige Israëlitische Levitenstadt Libna erinnert den Pilgrim an das letzte Aufflackern des Hochmuthes Sanheribs, welcher mehr noch als Goliath dem Zeuge Israëls und seinem Hort, Hohn gesprochen. Dieses Weissenburg oder Weissenberg des gelobten Landes (denn solche Bedeutung hat der Name Libna) war der Ort, an welchem der Assyrische Herrscher das Gerücht vernahm von Thirhaka's des Mohrenköniges Auszug gegen ihn, und von wo er, mehr fürchtend die Pfeile des Mohrenköniges, als die Macht Jehovahs, die Botschaft absendete gegen Hiskia, in deren Worten er nicht dem Könige von Juda, sondern dem König der Könige auf Erden den Krieg ankündete[86].

Nach zwei Stunden Weges von Sindschil kamen wir in meist nördlicher Richtung an einem Orte Namens Sawia oder Sawi vorüber; nach 21⁄4 Stunden sahen wir zu unsrer Rechten eine Ruine. Der Weg zieht sich an einem, nicht sehr hohen Abhange hinan, auf dessen Gipfel blühendes Cistusgesträuch stehet und auf der unfruchtbaren Heide das +Poterium spinosum+. Etwas vor zehn Uhr (33⁄4 Stunden nach unsrem Aufbruch) gelangten wir von neuem in ein schönes, grünendes, sonntäglich stilles Thal. Dieses Hauptthal, fast von Süd gen Nord verlaufend, ist breiter; nach beiden Seiten hin öffnen sich aber Nebenthäler in dasselbe, deren östliche das Auge weit hinan verfolgen kann aufs Gebirge. An der Mündung der Seitenthäler, wie im Hauptthale liegen mehrere Ortschaften. Ein Hirtenmägdlein, festlich geschmückt (denn auch die Mohamedaner feierten, wie ich nachher erwähnen will, heute einen hohen Festtag), etwa von zehn Jahren, saß am Wege. Es erinnerte mich durch seine ernst und dennoch freundlich hell blickenden Augen an meine liebe Tochter Selma, wie diese als Kind von solchem Alter gewesen; ich fragte das Mägdlein nach dem Namen der Orte, zur Rechten und zur Linken: sie nannte den mittleren der nahe vor uns im Hauptthale lag Howara, den zur Linken, in Westen, an der Mündung des Nebenthales gelegnen Anabue, den zur Rechten, der auch an einem Seitenthale liegt, Betä. Von hier an zogen wir noch über anderthalb Stunden weit durch das herrliche Thal hin. Wer sollte nicht dort, auf dem Wege durch die blühenden Saatfelder, zwischen deren Getraide purpurne Alceen am hohen Stengel sich neigten, an jenen höchsten Gast und Pilgrim der Erde gedacht haben, der schon als Kind mit seinen, dem Herrn geheiligten Eltern, dann als Jüngling und Mann auf diesem Wege oft gewandelt und durch sein Naheseyn ihn gesegnet hat; denn dieses war und ist noch jetzt der gewöhnliche Weg von Nazareth nach Jerusalem. Mehrere Züge von Griechischen Pilgrimen begegneten uns, die zum Osterfeste nach Jerusalem walleten; sie störten die sonntägliche Stille des Thales nicht.

Siehe da lag vor uns der vielgipfliche Grisim oder Garizim über dessen grünenden, nur wenig vom Thale ansteigenden Fuß die Straße nach Sichem, dem jetzigen Nablus, hinüberführt und schon am Mittag (um 121⁄4 Uhr) hielten wir an dem Brunnen still, an welchem der Herr in dem tief von ihm durchschaueten Herzen des Samaritanischen Weibes den Quell des lebendigen Glaubens öffnete. Einige wenige Häußer (vielleicht nur eines zu welchem die andren als Nebengebäude gehören mögen) stehen ganz nahe, nordwärts vom Brunnen, dessen klares Wasser aus großer Tiefe quillt. Es schöpften an diesem Wasser mehrere Frauen der Nachbarschaft; eine arme Familie brachte dort, am frischen Quell, den Festtag zu. Wir sahen uns nach den Ruinen jener alten Bauwerke um, welche auch hier die Meisterin und älteste Pflegerin der christlichen Baukunde, die Kaiserin Helena begründet hatte. Es hat sich von ihnen fast nur jenes Werk der Mühe erhalten, das den Brunnen in seiner Tiefe erfaßte und ummauerte; von der Kirche sind nur einzelne Steine übrig. Der Brunnen liegt nahe am südöstlichen Eingang in jenes hoch von Bergen umgränzte Thal, auf dessen schmalen Grunde Sichem oder das jetzige Nablus sich gebettet hat, und welches von Ostsüdost nach Westnordwest verläuft. Man tritt, mit jedem Schritte weiter, in einen Garten voll hoher Oel- und Feigenbäume ein, mit dessen gemeineren Stämmen an der Südwestseite der Stadt die edleren Bäume der Südfrüchte abwechslen. Der Berg zu unsrer Linken, dessen Fuß, weil aus ihm die Quellen und Brunnen des Thales kommen, in augenfälligerem Maße grünt, als der seines gegenüberstehenden Nachbars, ist der Garizim, auf dessen Höhe sechs Stämme Israëls auf Gottes Befehl jene Worte der Segnungen aussprechen mußten, welche dem Gehorsam im Gesetz Jehovahs verheißen waren; da zur Rechten, der etwas steilere, wasserärmere, und darum, jenseits der Oelbaumpflanzungen seines Fußes kahler ins Auge fallende Felsenberg, der die andre Seite des Engthales begränzt, ist der Ebal, auf welchem die übrigen sechs Stämme die Worte des Fluches aussprachen, der dem Ungehorsam gedrohet war[87]. Hier, auf einer dieser steilen Felsenwände des Garizim stund Jotham, der Sohn des Helden Gideon, als er den Mördern seiner Brüder das sinnvolle Gleichniß von den Bäumen erzählte, die sich den Dornbusch zu ihrem König erwählt hatten[88]. Wir ruheten einige Augenblicke am Gemäuer des Brunnen und kosteten von seinem erquicklichen Wasser, das uns eine der Frauen aus ihrem Kruge reichte, dann machten wir uns neu gestärkt zum Weiterzuge auf.

Ich schlug den einsamen Fußweg unter dem Schatten der Bäume auf der linken Seite des Thales, näher dem Garizim ein. Vor mir erhuben sich, in ihrer schlanken Gestalt, die hohen weißen Minares der Stadt, aus dem Walde der Oelbäume, zur Rechten blendete das Auge der Widerschein der Mittagssonne von den Felsenhöhen des Ebal, zur Linken zog ein augenfälliges Gebäude, in der Form der Türkischen Grabmähler meine Aufmerksamkeit an. Es stehet an einer Schlucht des Garizim, in einem ummauerten Vorhof und ist von hohen Bäumen umgeben. Ich konnte leicht errathen daß dieses Josephs, des Erzvaters Grabmahl sey, dessen Gebeine die Heere Israëls mit sich aus Aegypten brachten, und, dem Eide getreu, den ihre Väter dem Nasir unter seinen Brüdern geschworen hatten, hier, auf dem Stück Feldes begruben, das Jacob, als besondres Erbtheil Joseph und dessen Söhnen hinterließ[89]. Nach Stephanus Worten[90] sind, außer Josephs Gebeinen auch die seiner andren Brüder mit herübergebracht und beigesetzt worden an der Stätte bei Sichem, so daß dieses die Begräbnißstelle aller Söhne Jacobs, wie Hebron die der drei Stammväter der zwölf Geschlechter war. Auch die Mohamedaner hegen und bezeugen gegen Josephs Grabmahl eine große Verehrung, und gerade heute konnten wir Zeugen der Feier eines ganz besonders hochgehaltenen Volksfestes seyn, welches, wie in Kairo die Hhasaneyn-Moschee, so hier in Nablus das Grabmahl Josephs zu seinem Mittelpunkt hat. Daß es auch hier vor allem ein Fest der Frauen, die an diesem Tage ganz besondre Freiheiten genießen, so wie der Kinder sey, zeigten uns die fröhlichen Schaaren von beiden, welche im Schatten der Bäume bei und vor der Grabmoschee lustwandelten, oder mit Essen und allerlei Spielen sich vergnügten. Die Frauen und größeren Mägdlein waren weiß gekleidet und dicht verschleiert, unter den kleineren Kindern zeigten sich die bunt (meist roth) geputzten Knäblein, die sich munter auf den unter den Bäumen angebrachten Schaukeln ergötzten. Ich hielt diesen lebendigen Garten der weißen Blumen und der kleinen bunten Blümlein, der sich da mitten im festgewurzelten Garten der grünen Bäume bewegte, weil heute Sonntag war, für Kinder und Frauen der etwa in Nablus wohnenden Christen und wollte mich unbefangen ihnen nähern, da belehrte mich ein alter, wie es schien als Wächter dastehender Türke, daß es den Männern nicht erlaubt sey da hinüber zu gehen und erst jetzt fiel mir wieder ein, welches Fest heute die Bekenner des Islams feierten. Da dasselbe dem Tag unsers Aufenthaltes in Nablus seine eigenthümliche Farbe gab, erwähne ich kurz die Bedeutung des Festes.

Es war heute am 16ten August 1837 der zehnte Tag des ersten Monates, des Moharrem der Mohamedaner, welche zwar die ganzen zehn ersten Tage ihres Jahres für sehr gesegnete halten, vor allem aber dem zehnten, dem Yom Aschura, die höchsten Kräfte der Segnungen beilegen. An diesem Tage vereinte sich, nach der Sage des Islams, das erste Elternpaar, Adam und Eva, nach der Vertreibung aus dem Paradiese zum gemeinsamen Bund und Tagwerk der Mühen und Schmerzen; an diesem Tage verließ Noah mit den Seinigen die Arche und trat wieder heraus auf die von neuem gesegnete Erde. Wie aber durch solche Erinnerungen der Yom Aschura ein Freudenfest ist, so wird er zugleich durch ein andres Ereigniß, das an ihm sich zutrug, ein Tag der Trauer und des feierlichen Besuches der Gräber, weil am 10ten Tage des Moharrem Hhosseyn der Enkel des Propheten in der Schlacht auf der Ebene Kurbelei erschlagen wurde. Daher ist auch an diesem Tage, den man das hohe neue Jahr der Mohamedaner nennen könnte, die Moschee des Hhosseyn in Kairo, oder an andern Orten die Begräbnißmoschee irgend eines andren dem Volke heiligen Mannes so gedrängt voll; vor allem von Frauen die auf die vergnügte Feier dieses Tages ein ganz besondres Recht haben, ein Recht das an dem Yom Aschura nicht bloß ihre Kinder, sondern auch alle Hausgenossen, bis zum geringsten der Taglöhner oder Dienstboten mit den Gebieterinnen theilen. Denn im Koran stehet geschrieben, daß Dem, welcher am Tage des Aschura reichlich den Leuten seines Haußes giebt, Gott bescheeren werde für das ganze Jahr eine Fülle des Wohlstandes und des Ueberflusses. Darum sieht man die minder bemittelten Frauen der Mohamedaner schon etliche Tage vor dem Aschura ganze Kübel voll Waizen in Wasser einweichen, den man, wenn er von seiner festen Haut gereinigt ist, kochen läßt und dann mit Honig oder Traubensyrup zum süßen Hhubub-Sterzen (dicken Brei) bereitet, ein Gericht zu welchem die wohlhabenderen Weiber statt des Waizens Reis mit Nüssen, Mandeln und Rosinen nehmen. Mit diesem Hochneuenjahrgericht werden dann alle die zum Hauße gehören, Große wie Kleine, am Yom Aschura nach Möglichkeit vollgestopft; denn jemehr heute auf diese Weise in dem Hauße eines Gläubigen aufgeht, desto größer wird der Segen seyn, der unter dem freigebigen Obdache einkehrt.

Aber nicht bloß auf die Genossen des Haußes, sondern viel weiter dehnt sich bei dieser Gelegenheit die Pflicht und Lust des Gebens aus: jenes Viertel vom zehnten Theile des jährlichen Einkommens, das jeder Gläubige gesetzmäßig als Almosen zu geben hat, wird bei Vielen am Tage des Aschura freiwillig oder nothgedrungen ausgegeben. Denn da die Gaben dieses Tages nicht bloß für den, der sie ertheilt, sondern auch für jenen der sie empfängt, ganz besonders heilbringende Kräfte haben, betteln dann die Kinder auch der bemittelten Eltern von Bekannten und Unbekannten das »Zekah el Aschr« oder Hochneujahr-Almosen, und wenn die Hausfrau eines »Gläubigen« an diesem Tage von ihrem Eheherrn nach Maßgabe seines Vermögens einen schönen Schmuck oder Schawl erbettelt, da erhält sie ihn leichter denn zu andern Zeiten, nicht bloß deßhalb weil ihr selber die Gabe des Aschrs ganz vorzüglich wohl bekommen und gesund seyn wird, sondern weil das Geben heute auch dem Manne besonders zuträglich und gesund ist. Und so ist durch die Sitte des Landes dafür gesorgt daß der Yom Aschura wenigstens für die Frauen, die Kinder, Dienstboten und für die singenden so wie nichtsingenden Schaaren der Bettler ein rechter Lust- und Freudetag ist, wenn auch gerade nicht in demselben Maß für die Männer.

Ich konnte und wollte die Lust der weißen und rothen Gäste dort im Schatten der Bäume nicht stören, ich versparte mir den Besuch von Josephs Grabmahl bis an den Abend und wendete mich einstweilen der Stadt zu.

Das jetzige Sichem, oder wie es dem Kaiser Vespasian zu Ehren genannt wurde, Flavia Neapolis (jetzt Nablus) liegt, allem Anschein nach weiter westwärts im Thale hinangerückt als das alte Israëlitische, das sich näher an der dem Andenken der Erzväter geheiligten Stätte angebaut hatte; es liegt an einer Stelle, an welcher der Ebal und der ihm gegenüber stehende Garizim so nahe zusammentreten, daß für die eigentliche, ebenere Sohle des Thales nur gegen 1200 Schritte Raum bleibt. Sie ist von herrlichen Gärten und Baumpflanzungen umgeben, von denen jene, die von der Südseite der Stadt am Fuße des Garizim hinanziehen, meist mit Orangen und Citronen, Granaten und Feigen so wie Aprikosen und andern Fruchtbäumen bepflanzt sind, während sich an der nördlicheren Seite der Stadt, am Abhange des Ebal, welcher heftigeren Strahlen der Mittagssonne ausgesetzt ist, vorherrschender Oelbäume finden. Das Thal das zwischen den beiden Bergen wie schon erwähnt in der Richtung von Ostsüdost nach Westnordwest verläuft, ist sehr reich an Quellen, die sich jenseit (westwärts) der Stadt zu einem Bächlein vereinen; besonders strömt vom Fuße des Garizim so viel lebendiges Wasser herunter, daß von ihm ein Graben erfüllt wird, der die Orangengärten wässert. Auch in der Stadt, nahe bei der Hauptstraße findet sich ein schön gemauertes, von einem Dache überwölbtes Behältniß, in welches sich in reicher Menge das Wasser eines starken Quelles ergießt.

Wir hatten zu unsrem Nachtlager das Griechische Convent ausersehen, an dessen Vorstand wir von Jerusalem aus empfohlen waren. Die Stadt ist, der Gestalt des Engthales gemäß, vorherrschend in die Länge gebaut; eine Hauptstraße zieht sich fast von Ost nach West durch sie hindurch, in welcher viele Waarenlager und Kaufmannsläden gesehen werden; die Nebenstraßen, großentheils eng und dunkel, enthalten meist Werkstätten der Handwerker. Der Weg von dem östlichen Thore bis zu dem jenseit der Mitte der Stadt gelegnen Griechischen Kloster dauerte länger als wir vermuthet hatten, denn er war an mehreren Punkten durch die noch immer nicht ganz hinweggeräumten Trümmer versperrt, mit denen das furchtbare Erdbeben vom Anfange des Jahres durch den Einsturz vieler Häußer die Stadt erfüllte. Nahe bei einem der Ruinenhaufen redete ein Orientalisch gekleideter Mann uns Deutsch an, und Dialekt wie Aussprache ließen uns in ihm einen Polnisch-Deutschen Juden erkennen. Wir waren erfreut über das Auffinden des Nachbar-Landsmannes, von welchem wir uns manche Auskunft versprachen, er ließ sich aber leider später weder in unsrer Wohnung, wohin wir ihn bestellt hatten, noch in der Stadt vor uns sehen.

Von dem Griechischen Kloster hatten wir uns freilich eine andre Vorstellung gemacht als die war, welche wir gleich bei unserm Eintritte von ihm bekamen. Wenn uns, bei unsern Vorstellungen auch nicht gerade der erzbischöfliche Pallast von Magnesia, oder die mächtig großen Klostergebäude am Sinai und zu St. Saba, auch nicht die zu Bethlehem und Jerusalem zum Maßstabe dienten, so hatten wir doch eine Behaußung wie die des bischöflichen Pächters oder des kleinen Griechischen Klosters zu Kassabah[91] erwartet. Das kleine Gebäude aber, das vom Eingang aus zur Rechten des engen Hofraumes stehet, mit seiner schmutzig aussehenden Stube erinnerte uns an jene, aus einem einzigen Zimmer bestehenden Hirten- oder Siechhäußer, die sich vor manchen unsrer vaterländischen Dörfer zeigen; es war überdieß von Griechischen Pilgrimen ganz erfüllt; wir wählten deshalb zu unsrem Aufenthalt den engen Raum, der sich vor der kleinen Kirche befindet, zu dem man auf einer steinernen Treppe hinansteigt und die Vorhallen des Kirchleins selber. So klein übrigens der Raum des sogenannten Klostergebäudes ist, mag er dennoch, außer der österlichen Zeit vollkommen für seine gewöhnlichen Bewohner genügen, denn diese bestehen nur aus zwei Geistlichen: einem Messe lesenden Priester und einem Gehülfen, der zugleich die Stelle des Sakristans vertritt.

Unser Empfehlungsschreiben von dem Griechischen Patriarchat in Jerusalem, an alle Griechische Klöster von Palästina und Syrien gerichtet, war in Arabischer Sprache abgefaßt, die der Priester zwar zum Verkehr des gemeinen Lebens hinreichend sprach, aber nicht lesen konnte; man las ihm deshalb den Inhalt des Briefes vor. Neugierig sammleten sich um uns, außer den Griechischen Nachbarn und Bekannten des Haußes auch mehrere Pilgrime; ich aber mit etlichen der jungen Freunde machte mich auf um den Nachmittag zum Besehen des Interessantesten, das etwa Nablus darbeut, zu benutzen.

Wir giengen zuerst zu dem Wasserbehältniß, von dem ich vorhin sprach, in welches eine Fülle des Wassers, das man vom Fuß des Garizim hieher geleitet hat, sich ergießt und von da weiter durch mehrere Gegenden der Stadt fließt. Von da stiegen wir hinan zu dem Abhange des Garizim, von welchem aus man die Stadt, in ihrer ansehnlichen Längenausdehnung, mit den hohen Minares und dem Gemisch der alten wie neuen Häußer am besten überblickt. Hier theilten wir uns, damit die kurze Zeit zu Wahrnehmungen der verschiednen Art so gut als möglich benutzt würde; +Dr.+ Erdl mit dem Barometer stieg in Begleitung des Herrn Franz hinan auf den Garizim um eine beiläufige Messung seiner Höhe zu begründen; Herr Bernatz und ich blieben mit unsrem Griechischen Führer in der Nähe des Thales und der Stadt. Jene beiden stiegen zwar bis weit über die Weingärten und Oelbaumpflanzungen des Bergabhanges hinauf; sie genossen hier weithin der Aussicht über die Gebirge Ephraims und Judas, sahen gegen Westen das Mittelmeer und ergötzten sich vornämlich an dem Anblick des majestätischen Ebal so wie der in Nordost erscheinenden Höhengruppen des Gebirges Gilboa, dennoch aber hatten sie den eigentlichen Gipfel des Berges nicht erreicht. Die Höhe des Punktes, den sie bestiegen hatten wurde nach ihren barometrischen Messungen zu 2398 oder beiläufig 2400 Par. Fuß berechnet, der eigentliche Gipfel mag aber an Höhe dem Oelberg (zu 2500 Fuß) gleichkommen; unsre Herberge im Griechischen Kloster liegt 1751 Fuß über dem Meeresspiegel.

Während unsre beiden Freunde die Luft des Gebirges athmeten, erquickten wir andren beiden uns auf bequemere Weise hier an dem Lustgarten des Landes. In den nördlicheren Gärten der Stadt stunden die Bäume der Orangen und Citronen eben in voller Blüthe und strömten weithin, von einem frischen Nordwestwind durchwehet den balsamischen Duft aus; in dem Gebüsch am Wege wie an den Bäumen der Gärten hatte hin und wieder die Granate, in dem purpurnen Gehäuße der Blüthe das Gold der Staubfäden entfaltet; an dem alten Gemäuer, das vielleicht noch aus den Zeiten des Römischen Herrscherreiches herstammt, klommen die Stämme des Epheus empor. Fast alle Gärten waren heute der Feier des Mohamedanischen Hohenneujahrfestes bestimmt; die Besitzerinnen derselben, vor Allem aber die Kinder, saßen im Schatten der Bäume und genossen, mit lauten Aeußerungen der Freude der süßen Speisen und des geselligen Spieles. Außen vor den Gärten, nahe bei dem nordwestlichen Ende der Stadt vergnügte sich ein Theil des ärmeren Volkes bei einem gemauerten Brunnen, dem sein Wasser aus einer breiteren Schlucht des Berges zuströmt.

So ergießt der hehre Garizim noch immer seine leiblichen Segnungen und ihre Freuden, obgleich die Kinder des Landes die Quelle jener geistigen Segnungen, deren Schattenbild die leiblichen sind, sich und Andren großentheils verstopft und verdorben haben.

Zwischen den Gärten hindurch nahmen wir jetzt den Weg zu dem am Westende der Stadt gelegenen, angeblichen Grabe des Eleasar, des Sohnes Aarons. Eine spätere Sage des Landes hat die Stätte dieses hohenpriesterlichen Grabes hieher verlegt, obgleich die älteste wahrhaftigste Kunde als den Ort der Beisetzung Gibea Pinehas bezeichnet[92]. Da indeß das später lebende Geschlecht öfters seine Volkssagen an Gegenden des Landes knüpft, welche auf irgend eine andre Weise historisch bedeutend und sehenswerth sind, hatten wir dennoch beschlossen das Denkmal des Nebi oder Propheten zu sehen. Seine Stätte wird in einem Türkischen Hauße gezeigt, das von einem Garten umgeben ist, in welchem blühende Orangenbäume neben dem Gebüsch der Rosen und des Geisblattes ihren Schatten auf zerstreute Marmortrümmer der alten Zeit warfen. Als die Stätte des Grabes wurde uns ein Mauerwerk der offenbar neueren Zeit bezeichnet, das in einem gewölbten Gemach des Haußes steht. Ein altes Türkisches Weib, das zur Familie des Hausbesitzers zu gehören schien, hatte von einem Theil jenes Gemaches Besitz genommen; mit einem Schelten, das sich durch ein kleines Geschenk gern besänftigen ließ, öffnete sie uns die Thüre zum Innren.

Während mein junger Freund Bernatz zeichnete, wandelte mich die Lust an den alten Thurm an der Mauer des Gartens zu besteigen. Das letzte Erdbeben hatte in seinem Innren solche Verheerungen angerichtet, daß, wie ich später erfuhr, seitdem noch niemand wieder auf seine Höhe hinaufgekommen war. Auch mein Griechischer Begleiter, der mir ein Stück Weges gefolgt war, kehrte da er die Zertrümmerung sahe wieder um; der oberste Theil der Wendeltreppe fand sich eingestürzt; das letzte Ende des Weges, beim Hinaufsteigen auf den Kranz des Thurmes mußte mühsam erklommen werden. Ich konnte aber nun auch dort oben einige Zeit allein bleiben mit meinen Sinnen und Gedanken und mit der Aussicht über das herrliche Thal und seine Bergwände. Wie sonderbar stehen jene vielen, uralten Grabeshöhlen, welche in die Felswände des Ebal gehauen sind, den neulich entstandenen Türkischen Gartenhäußern und Madnehs gegenüber! Durch welche Wetterwolken hat sich das Licht, das von oben kam, getrübt und gebrochen, wie es im Laufe der wechslenden Jahrhunderte auf die Wasser von Sichem herabfiel. Hier in der Nähe war Mores Hain, in welchem Abraham, da der Herr ihn hatte gehen heißen aus seinem Lande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hauße, zuerst als Gast und Pilgrim wohnete; hier war es, wo er dem Namen Jehovahs, dem Herrn der ihm erschienen war, einen Altar errichtete[93]; hier schlug Jacob, da er aus Mesopotamien zurückkam, sein Lager auf und erkaufte für sich und die Seinen das Feld auf welchem der Altar stund »des starken Gottes Israëls«[94]; hier erneuerte das Volk, das Josua zum letzten Male vor sich versammlete, den Bund mit Gott und gelobte dreimal das Festhalten an Jehovah und seinen Dienst: den Gehorsam gegen Gottes Stimme[95]. Und dennoch ward dieses Sichem nicht bloß der Ausgangspunkt der politischen, erdbürgerlichen Zerspaltungen der Stämme Israëls unter Rehabeam[96], sondern der noch tiefer gehenden, geistigen Spaltungen unter dem Priester Manasse[97]; der Wohnplatz eines tollen Pöbels, welcher der Weisheit Feind war[98]. Auch das Wort vom Heil, da es der Herr selber und dann seine Apostel dem Volk dieses Landes verkündeten, ward zuerst freudig aufgenommen, dann von dem nämlichen Volke (unter Justinians Regierung) blutig verfolgt; hier ist schnell wechslend, wie die Bewegung des rinnenden Wassers, bald Jehovah, bald Jupiter, Christus und Mohamed Herrscher der Seelen gewesen. Und jetzt erscheint seit Jahrhunderten der Letztere, der Prophet des Irrthumes im ungestörten Besitz seines geistigen Reiches! -- War etwa dort, gegen den Ebal hin, wo sich ein dichtes Gebüsch aus der Schlucht hervordrängt jene Eiche (Terebinthe) bei Sichem, unter welcher Jacob die fremden Götter vergrub[99] und sind nun die vergrabenen wie der Wurzelausschlag einer längst vermoderten Eiche, aus dem Boden hervorgestiegen auf die Wipfel der Minares und in die Moscheen? Doch nein, es sind keine fremden Götter, es ist dennoch Abrahams, auch ihres Vaters Gott, der Gott der »große Wunder thut,« dem diese ohne Seinen eigentlichen Namen zu kennen, Gottesdienst und Verehrung bezeugen. Er aber weiß und kennt ihre Namen, und wie die Ströme von Garizims leiblichen, werden auch die von seinem geistigen Segen einst wieder über das Land und seine Bewohner sich ergießen.

Da ich herunterkam vom Thurme fand ich den Besitzer oder Aufseher des Gartens und des Hauses, der bei unsrer Ankunft abwesend gewesen war, wieder zurückgekehrt; der Mann war unwillig, daß ich auf den Thurm gestiegen war, nicht etwa, so schien mir es, aus Theilnahme an meinem Wohlbefinden, das vielleicht dabei hätte gefährdet werden können, sondern aus jenem abergläubischen Mistrauen der Bewohner des Orients gegen uns »listige« Franken, die überall wo sie in altes Gemäuer oder in Grotten der Gräber kommen die hier verborgnen Schätze an sich ziehen.

An den Trümmern der vormaligen Herrlichkeit, die wir im Garten und an einigen benachbarten Orten herumgestreut sahen, ließ sich kaum erkennen zu welchem Ganzen sie vormals gehört hatten; ob diese Säulentrümmer einst, da sie noch beisammen waren, die Vorhallen eines Römerpallastes oder eines Tempels getragen hatten. Diese Bausteine, seitdem man sie zuerst gehauen hatte, sind auch gar manchmal von ihrer Stätte gerückt und zu andrem Bau zusammengefügt worden; jene Marmorstücken, die vorhin ein Theil des Jupitertempels gewesen, haben später das Obdach einer Christenkirche getragen. Ich gedachte, da unser Führer auf dem Nachhausewege uns auf die Trümmer einer alten, wie es schien ansehnlichen Christenkirche aufmerksam machte, eines solchen geistigen Bausteines der vorhin einem Tempel, der hohen und dennoch geistig menschlichen Weisheit eingefügt gewesen, dann aber, diesem entrissen ein Werkstück wurde, das auf dem Ecksteine ruhend den Tempel der ewigen, geistig göttlichen Weisheit bilden half. Ich gedachte an einen meiner Lieblinge in der Geschichte der Kirche Jesu, an ~Justinus~, den Blutzeugen, der in Sichem geboren und in alle Tiefen und Höhen der Weisheit der alten Welt eingeführt, nachmals aber, im Jahr 163 nach Christo zu Rom, unter Marcus Antoninus dem Philosophen gemartert und enthauptet ward, weil er jene höchste, einfältige Weisheit, bis zum Tode treu, als Wahrheit bekannte, welche alle Höhen der Menschenweisheit zu Schanden machet. Dieser Sichemite Justinus, hatte bei den Meistern der Stoa, dann bei den Peripatetikern, den Pythagoräern und Platonikern noch immer nicht das gefunden was das Sehnen des Menschengeistes nach einem bleibend Wahren stillt, obwohl die Letzteren ihn, weil sie zu dem Sehnen eine Hoffnung gesellten, am meisten nach dem Quell, den er suchte, hingeführt hatten. Da wandelt er einst (es war zu Alexandria) nachsinnend über das große Räthsel des Menschenlebens, dessen Geist ein ewiges Fragen ist, am Strand des Meeres, und hier begegnet ihm ein ehrwürdiger Greis von so viel andrem als gewöhnlichem Aussehen, daß sein ganzes Aufmerken auf ihn gezogen wird. Der Jüngling wagt es, den Greis anzureden; er spricht zu ihm von der Seligkeit der einsamen stillen Betrachtung. Der Alte erwiedert daß nicht in der innern Beschauung, sondern in der nach außen gehenden That die Beseligung des Geistes gefunden werde. Darauf redet jener von seinem Sehnen Gott zu finden und zu erkennen und rühmet sich des philosophischen Wissens, als des rechten, nächsten Weges zu diesem Ziele; der Alte aber spricht dagegen von einer Weisheit, welche älter ist denn die des Plato und des Aristoteles, von einem Worte das nicht Menschen, welche nach Ihm forschten, sondern Er selber zum Geist des Menschen gesprochen, und welches sicherlich saget, was Er der Herr sey, und was der Mensch durch Ihn und zu Ihm werden solle. Nachdem auf diese Weise der Alte den Jüngling hingewiesen auf die Bücher der Propheten, eines, schon bei dem Geschlecht des damaligen Tages sehr verachteten Volkes, und auf die Lehren und Berichte der Apostel, fügt er hinzu: »vor allem bete, daß Gott selber dir die Thore des Lichtes aufthun möge, denn sie können von Keinem erschauet werden dem es nicht von Gott und seinem Christus gegeben wird.« Der Greis entfernte sich und Justinus sahe ihn niemals wieder, aber ein Feuer der Liebe war in ihm entzündet, das ihn hinführte zu den Schriften der Propheten, so wie zu dem Umgang mit den Freunden Christi, und sein Glaube ward mit Kräften der Ewigkeit gestärkt da er erfuhr und sahe an dem Beispiele der neben ihm wandelnden Bekenner, wie selig es sich in und mit Christo lebt und stirbt. Sey mir gesegnet du Baustein des Tempels, der nie vergeht, Justinus der Blutzeuge. Auch Andre wie du können es von sich mit den Worten jenes alten Liedes sagen: »Ich lief verirrt und war verblendet, ~ich suchte dich~ und fand dich nicht«; aber wenn dann auch diesen Andren die »Thore desselben Lichtes« aufgethan wurden, das dir sich kund that, wo blieben bei ihnen diese Treue bis zum Tode, dieser Ernst der hindurchdringt zum Leben, welche in dir waren?

Es nahete der Abend, ich und mein Freund Bernatz, nachdem wir auf kurze Zeit bei den Reisegefährten im Kloster zugesprochen und da gesehen hatten, daß der Arabische Knecht zwar Vorräthe für das späte heutige »Mittagsessen« eingekauft aber noch nicht zum Genießen zubereitet hatte, eilten noch einmal hinaus zu Josephs Grabe und zum Brunnen der Samariterin. Schon beim Hinausgehen aus dem östlichen Thore sahen wir die Frauen und Kinder, denen die Sitte des Landes ein zeitiges Nachhausegehen gebietet, auf dem Steige, der am Fuße des Garizim hinführt, zur Stadt ziehen; die Nachbarschaft von Josephs Grabe war jetzt für uns geräumt und zugänglich. Auch diese Ruhestätte der Gebeine jenes Erzvaters, der sich lieber sein Grab in Palästina's unscheinbaren Auen als bei Aegyptens Königstempeln gewählt hatte, ist, wie ich schon vorhin erwähnte, aus wohlmeinender Ehrfurcht von den Mohamedanern überbaut und zu einem Orte der Gottesverehrung erhoben worden. Wie zwischen liebende Arme nimmt der Garizim die geheiligte Ruhestätte in eine seiner grünenden Schluchten auf; am Saume des Granatengebüsches stehet einsam die Königin des Thales, die weiße Lilie[100]. Sie, die ungeschmückte Tochter des Landes, ist schöner als Salomos Pracht und Aegyptens Herrlichkeit.

Noch einmal gingen wir am Feldrande hinunter, nach dem Brunnen Jacobs; dem Brunnen der Samariterin. An unsrem Wege zeigte sich einige Male das vermuthliche, jetzt grün bekleidete Gemäuer des alten Sichems. Denn hier auf Jacobs Acker und in der Nähe von Josephs Grabe in dem breiteren Thale waren Jacobs Hütten und die Stätte von Josuas letztem Landtag; da sind die Felsenhöhen des Garizim von denen das Volk die Verheißungen eines Segens vernahm, welche Berg und Thal, Höhen und Tiefen mit ihren Alles befruchtenden Kräften erfüllen. Andre, höhere Segnungen aber sprach Der aus, der hier am Brunnen mit der Samaritanerin redete. -- Ja, gieb uns allewege solches Wasser, damit der Durst, den das Sehen und Genießen aller Schönheiten und Herrlichkeiten der Erde nicht vergnügen konnte, in Dir und durch Dich gestillt werde.

Auf dem Heimwege, fast beim Untergang der Sonne, maßen wir noch die Breite der Thalsohle unmittelbar bei der Stadt, und betrachteten die Oelbaumpflanzungen am Fuße des Ebal. Es bleibt dennoch dabei, daß, schon wegen der Menge seiner Quellen und seiner Lage gegen die Himmelsgegend, der Abhang des Garizim ungleich fruchtbarer ist als der des Ebal; oben auf der schattenlosen Höhe mögen beide sich gleich seyn. Vom Brunnen Jacobs bis zum Thore der Stadt hatten wir, langsam gehend, ohngefähr 20 Minuten Zeit gebraucht. In der Stadt fanden wir Schaaren von Knaben, geführt von ihren Schulmeistern und einigen Derwischen, welche Fahnen trugen, auf denen sich Mohameds und Hhosseyns Namenszüge buntgestickt zeigten; sie sangen da, nach einer wohlklingenden Tonweise Lieder, welche dem Fest entsprachen und empfiengen an den Häußern die Gaben des Aschura.

Unsre, deshalb bedauernswürdigen Freunde hatten schon lange auf uns mit dem abendlich späten Mittagsessen gewartet, welches von Mahomed, nicht dem Propheten, sondern dem Arabischen Knechte seit länger als einer Stunde gefertigt war. Wir führten unsre Entschuldigungen unter den Fahnen Hhosseyns und Mohameds, denn wirklich hatte der Gesang der Kinder, den man ja in allen Zungen und Zonen gerne hören mag, unser Heimkommen so sehr verspätet. Die Güte der Freunde nahm diese Entschuldigung an und ließ das Wohlwollen, das Alles versüßt, mit zum halb erkalteten Mahle niedersitzen. Mit dem Aufsuchen des Lagers der Ruhe, nach dem wir heute Alle uns sehnten, hätte es übrigens keiner solchen Eile bedurft und es wäre besser und vergnüglicher gewesen wenn wir uns noch beim Schein des Mondes in der Stadt und ihrer Umgegend ergangen hätten. Denn als uns, denen das Lager unter den Vorhallen des Kirchleins als Ehrenplatz zugekommen war, das Schlafen beliebte, da beliebte den Tausenden der kleinen Insekten, welche die Gesellschaft des Menschen suchen, das Wachen, und auch wir waren, gegen unsern Willen genöthigt, den größten Theil der Nacht mit dieser thierischen Gesellschaft wach zu bleiben.

So frühe wir auch, Montags den 17ten April schon munter gewesen waren wurde es dennoch sechs Uhr des Morgens ehe sich alles zum Aufbruch bereit fand. Ich war, mit einigen der Reisegefährten zu Fuß vorausgegangen; der Griechische Führer von gestern hatte uns nebst einem andern Griechen begleitet, um sich, ohne daß man im Kloster es merken sollte, zu der schon erhaltnen Zugabe auf das gestrige Geschenk noch eine Nachzugabe zu erbitten. Da er das Gebetene empfangen hatte stellte er uns seinen Landsmann vor, als einen solchen der im Kloster sehr gut bekannt sey und welcher gestern sehr gern mit ihm zugleich uns würde begleitet haben, wenn er nicht gerade über Land gewesen wäre. Auch dieser gute Wille mußte denn, wie billig, belohnt werden. Indeß waren unsre Mucker mit der übrigen Reisegesellschaft gekommen und wir zogen, theils reitend, theils zu Fuße gehend im Thale, das in fast nordwestlicher Richtung verläuft, weiter. Hier ist Wasser in solcher Fülle, daß, wenn Menschenhände da wären diese Segnungen zu benutzen und sie in verständiger Art über das Gefilde zu leiten, das ganze, umliegende Land gar bald aus einer üppig grünenden Wildniß der Bäume, Gräser und Sumpfgewächse ein schöner Garten werden müßte. Auch aus den Bergabhängen zur Rechten des Weges, die vom Ebal sich fortsetzen, dringen jetzt reichliche Quellen hervor; das Wasser zum Bach geworden, staucht sich an vielen Stellen des Thales zum Sumpf oder zu kleinen seichten Teichen an. Nach fünf Viertelstunden kamen wir bei Beit Ajaba (unsre Mucker nannten es Betiba) an einer Wasserleitung mit 12 Bögen vorüber, welche noch jetzt Wasser führt. Wir ließen diese zur Linken und wendeten uns dann, in mehr nördlicher Richtung rechts hinan auf das Gebirge über dessen einzelne Höhenabsätze wir fast eine Stunde lang hinzogen, dann tief hinabstiegen in das Kesselthal von Samaria oder Sebaste. Die vormalige Stadt, so wie das armselige Oertlein Sibusti oder Schomrom, das anjetzt ihre Stätte einnimmt, lag auf einem Hügel welcher, namentlich gegen Nordost, Nord und Nordwest sehr steil aus dem Thale aufsteigt, und großentheils mit herrlichem Baumwuchs bekleidet ist. Unten im Thale, vor dem Fuße des Stadthügels kamen wir an einer Wasserleitung vorüber, welche noch jetzt einem Mühlrad sein Aufschlagwasser zuführt; nicht weit von da bemerkt man das Gemäuer eines alten Wasserbehältnisses oder Teiches. Wir ließen unsre Maulthiere sammt ihren Führern im Schatten der alten Oelbäume, während wir selber unsren Weg hinauf nach dem Hügel und zwar zuerst nach dem, noch jetzt in seinen Trümmern mächtigen Gebäude nahmen, das schon aus der Ferne unsre Aufmerksamkeit angezogen hatte. Es war dieses vormals eine christliche Kirche, welche durch das Material aus dem sie zusammengefügt ist, so wie durch Form und Größe als eine der beachtenswerthesten aus der christlichen Herrscherzeit dieses Landes erscheint. Ist sie doch schon an dieser Stelle, und durch ihre Bedeutung, ein höchst merkwürdiges Gebäude. Samaria, seitdem Amri der König von Israël sie begründet[101] eine königliche Feste der Stämme Israëls, war dennoch zu seinem höchsten Glanze, zu seiner Würde einer Königin der Städte erst durch Herodes den Großen, dem Augustus sie wieder gab, gelangt. Hier stund jener goldne Palast, hier waren die Tempel von Herodes erbaut, deren Herrlichkeit mit jener der Paläste und Tempel von Rom wetteiferten. Es war ein Sohn dieses großen Herodes, von Malthace der Samaritanerin: Herodes Antipas, der Vierfürst von Galiläa, welcher den vor seinen Augen geringen, aber »guten Mann« Johannes den Täufer[102] zu Machaerus, im Lande jenseit des Jordans hinrichten ließ; er selber jener Herodes der Große, der Mörder der unschuldigen Erstlinge zu Bethlehem, hatte hier in Samaria das Blut der beiden Söhne, seiner aus Argwohn gemordeten Gemahlin Mariamne vergossen[103]. Und von wem reden nun seit anderthalb Jahrtausenden diese Marmorsäulen und Quader, die vormals das Dach von Herodes goldnem Pallast und seinen abgöttischen Tempeln getragen? Führen sie den Namen des großen Herodes oder seiner beiden hier hingerichteten Söhne? -- Von diesen weiß die Kunde des Landes und das seit Jahrhunderten hier lebende Volk kaum mehr die Namen noch weniger die Thaten. Man sagt daß schon die Kaiserin Helena, gesegneten Andenkens, da auf dem Hügel zu Samaria ein Kirchlein dem Namen jenes geringen aber gerechten Mannes errichten ließ, dessen Haupt Herodes der Sohn als Lohn für den vettelhaften Tanz einer fürstlichen Dirne dahingab. Die Johanniterritter haben dann auf den Grund und Boden des alten Kirchleins den ansehnlichen Tempel aus einem noch größeren Trümmergehäufe der Herodianischen Herrlichkeit errichtet, dessen Ruinen noch fortwährend das Vornehmste sind, an welchem die Kunde der Eingebornen wie die Aufmerksamkeit der vorüberziehenden Fremdlinge haftet. Denn von Johannes »dem Propheten« spricht der hiesige Araber und Türke mit Verehrung und zeigt in einem, freilich wohl erst in den Zeiten der christlichen Herrscher so mit Gemäuer und getäfeltem Boden ausgestatteten unterirdischen Gemache, den angeblichen Ort, da Johannes, der große Vorgänger, von Herodes Antipas sollte im Gefängniß behalten und enthauptet worden seyn. Es findet auch bei dieser Kunde jene Verwechslung der Seitenzahlen, im Buche der Oertlichkeiten der Geschichte statt, von welcher wir früher (S. 95) sprachen. Eine weisliche Zulassung jener höheren, ewigen Weisheit, die über dem Werke der Ur- wie der Abschriften wachte; damit nicht über dem menschlich eitlen Festhalten an der leblosen Zahl und Gestalt der Seiten der Inhalt derselben übersehen und vergessen würde.

Die Ruinen der alten Kirche, in welche wir über die zerbrochene Ringmauer und dann durch eine Art von Fensteröffnung hineinstiegen, erinnern durch ihre Gestalt an die vaterländischen Christenkirchen des 12ten und 13ten Jahrhunderts. In dem starken Gemäuer bemerkt man allenthalben die eingeflickten Werkstücke, und, die nach Gutdünken behauenen, architektonischen Bestandteile von früheren Gebäuden, deren Erbauer nicht an eine Ehre dachten die vor Gott, sondern die vor Menschen gilt. Von den Ruinen der Kirche stiegen wir weiter hinan und herum an dem Hügel, namentlich zu jenen noch jetzt im Garten der Feigenbäume aufrecht stehenden Säulen, die auf seinem Gipfel ins Auge fallen. Wir zählten derselben, die am Boden liegenden mitgerechnet, einige zwanzig. Uns schien es als hätten sie zu einem Vorhofe, wer weiß von welchem Gebäude gehört; ihre alte Reihenfolge ist oft unterbrochen, indem bald hier, bald da mehrere zerbrochen und hinweggenommen sind. Höher als die Stätte dieser, eben nicht ausgezeichnet schönen Säulen findet sich eine Plattform, auf der das eigentliche Hauptgebäude mag begründet gewesen seyn. Ansehnlicher, an Zahl und Gestalt, so wie an Ausdehnung ihrer Reihen erscheinen jene Säulen die sich am südlichen Abhange des Hügels zeigen und auch am nördlichen Abhange, tiefer gegen das Thal hin bemerkt man, gleich Schaaren von Müssiggängern, die noch Keiner zu einem nützlichen Tagwerk dingte, solche dastehende Säulen. Viele aber der schönsten Kapitäler von solchen Säulen und viele der Marmorplatten sind von den jetzigen Herren des Weinberges von Schomrom: von den Arabern und Türken zum Dienste des täglichen Bedürfnisses benutzt und gedungen, denn sie sind Mauerstücke und Thürschwellen ihrer armseligen Hütten und Ziegenställe geworden.

Wir stiegen, ohne daß jemand uns hinderlich gewesen wäre, allenthalben in den Gärten und Feldern zwischen den Ruinen herum und genossen hierbei der erhaben schönen Aussicht über die grünenden Thäler und Höhen. Die Umgegend von Samaria ist unvergleichbar reicher und fruchtbarer als die von Jerusalem, und wenn der Mensch hier nur im geringsten Maaße seine Pflicht gegen die Natur erfüllte, dann würde diese Gegend eine hundertfach größere Zahl der Bewohner mit den köstlichsten Früchten ihres Bodens ernähren und erquicken. Bei einer der niedren Hütten, die noch zu den reinlichsten des armen Ortes gehörte, setzten wir uns auf ein Marmorstück das zu einem Troge für das Vieh zugehauen war. An seiner Außenfläche hatte sich ein Theil des kunstreichen halberhabenen Laubwerks erhalten. Es sind keine erhebenden Erinnerungen die sich an den Anblick der Reste des Herodianischen Sebaste knüpfen; ein Gefühl, wie dasselbe die Schwüle eines heißen Mittages erregt, beengt die Seele wenn sie an die alte Geschichte dieser Residenz des Ahab und der andren ihm gleichgesinnten Könige Israëls denkt. Aber mitten durch diese Schwüle bricht, wie ein kühlender Sturmwind, die Erinnerung an die Thaten Elisa, des Mannes Gottes herein, welcher mächtiger und fester begründet denn die Säule Baals, dort auf dem Berge, seinem Volk eine Denksäule war des Namens und der Wundermacht Jehovahs. Es ist nun eine Theurung andrer Art über das arme Samaria gekommen als jene war, aus welcher der Herr durch den Mund des Elisa die unerwartet plötzliche Rettung verhieß und Hülfe gewährte[104]; möchte doch auch an dieser Stätte das Erstorbene, wie jener Leichnam, den die Träger auf die Gebeine Elisas warfen, wieder aufleben und auf seinen Füßen stehen[105].

Wir giengen wieder hinunter ins Thal, zu unsrer Reisegesellschaft. Es war heiß geworden und die Oelbäume gewährten nur wenig Schatten. Der Herrschervogel des Landes: ein Aasgeier, welcher in träger Ruhe auf den Zweigen einer halberstorbenen Terebinthe saß, zusammen mit dem widrigen Geruche den die Hitze der Mittagsstunden im Boden des Thales weckte, erinnerten an Tod und Verwesung; es war uns wohl da wir wieder auf unsren breitsattlichen Thieren saßen, und von hinnen zogen[106]. Wir nahmen unsre Richtung gegen Norden, betrachteten noch einmal den herrlich grünenden Hügel des alten Samaria und die an seinem nördlichen Abhange stehenden Säulen, dann aber huben wir, in fröhlicher Erwartung Dessen, das kommen sollte, die Augen auf zu den Höhen, die vor uns lagen. Ein ziemlich ansehnliches Dorf, bei welchem wir uns mit saurer Milch statt des Mittagsmahles erquickten, wurde uns Birke genannt, doch findet sich dieser Name auf keiner Karte und bleibt uns deshalb zweifelhaft. Von hier zog sich unser Weg zuerst in einer Schlucht, an dem Bette eines Regenbaches, dann sehr steil nach der Höhe eines ansehnlichen Berges hinan, auf welchem wir, zu unsrer großen Freude in Westen wieder das Mittelmeer erblickten. Ein frischer Wind wehete uns hier entgegen und machte die ermüdeten Augen wieder hell und klar. Es ist da eine Lustwarte des Landes von der man weithin über Israëls Reich, vom Meere bis zu den Gebirgen des Jordans schauen kann. Auch in den Büchern der Heldenthaten wird diese Gegend verherrlicht; denn nicht fern von unserm Wege sahen wir die Trümmerhaufen hoch auf ihrem Felsenhügel liegen, welche die Stätte des alten Bethulia, des späteren Sannur bezeichnen. Hier lebte Judith, die Heldin und Retterin ihres Volkes, die mit kühner That die Macht der Assyrer von Jerusalem abwandte und zu Schanden machte.

Von der Höhe des Gebirges führte unser Weg tief und steil hinab in ein Felsenthal, das durch seine Gestalt und seinen grünenden Grund an die vaterländischen Thäler erinnerte. Es begegneten uns Schaaren der Griechischen Pilgrime; auch ein alter Türke, mit seinen Frauen, auf schönen Pferden reitend. Bei einem Dorfe das uns Arabah genannt wurde stillte ein Arabisches Bauernweib unsren Durst, mit dem Wasser das sie aus dem nahe bei den Häußern gelegnen Brunnen schöpfte. Wir zogen weiter im Schatten der Felsenwände durch ein enges, grünendes Thal hin, das sehr reich an seltnen Insekten und Pflanzen war. An seinem Ende lag von Baumpflanzungen umgeben das stattlich aussehende Dschennin (Ginäa) vor uns, in der weiten von Gilboas Bergen begränzten Ebene. Hier endet die Landschaft von Samaria und jene von Galiläa beginnt.

* * * * *

Das Uebernachten im Freien hatte für uns einen solchen Reiz gewonnen, daß wir auch heute uns nicht entschließen konnten in dem Städtlein einzukehren, sondern wir wählten uns nahe bei diesem den Schirm und Schatten eines alten Feigenbaumes zu unsrer Ruhestätte, welche an ein Dickicht der Bäume und Gesträuche angränzte, durch das ein kleines Bächlein seinen Lauf nimmt. Brod und Milch, dazu auch einige Eier empfiengen wir aus dem Orte. Für das Auge bot Dschennin, außer dem Anblick der ansehnlichen Moschee und den Ruinen eines christlichen Klosters nichts dar, das die Aufmerksamkeit hätte an sich ziehen können; statt der Mauern, von denen sich die verfallenen Reste zeigen, ist der Ort von einem Dickig der stachlichen Opuntienfeige umzogen. Wenn aber auch dem Auge hier nicht viel Unterhaltung ward, so empfieng diese doch das Ohr, denn ein Brautzug der in Dchennin statt fand ließ weithin über die nächtlich stille Ebene seine Jubeltriller der Frauen und die gellend laute Musik vernehmen; auch ein sonderbares Geschrei vorüberziehender Vögel hörten wir in dieser Nacht, das uns an die alte Sage vom wilden Heer erinnerte. -- Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meeresspiegel ergab sich aus den Messungen zu 515 Par. Fuß.

Dienstags den 18ten April waren wir schon mit Sonnenaufgang zur Weiterreise gerüstet und bald nach sechs Uhr fanden wir uns in der weiten, grünenden Ebene von Jesreel; auf dem Blumengefilde von Esdrelom. Es ist dieß eine Gegend, an welcher das Auge des Fremdlinges und Pilgrims sich nicht satt sehen kann, er mag nun zunächst den Reichthum des Bodens oder die Schönheit der benachbarten Gebirge, oder die an ihren Fuß und in den Thälern zerstreuten Orte betrachten und hierbei ihrer Geschichten gedenken. Dabei war der Morgen so schön, die Luft so balsamisch, in unsren Gliedern ein solches Gefühl von Leichtigkeit, daß es uns, auch wenn wir, wie dieß hier meist geschahe zu Fuße durch die blumigen Felder hingiengen, so zu Muthe war, als würden wir von der sanften, weichen Luft getragen. Am meisten fiel das von der Morgensonne beleuchtete Gebirge Gilboas zu unsrer Rechten ins Auge und in der Erinnerung wachte der Klaggesang Davids um Saul und Jonathan auf. »Die Zierde Israël ist auf deinen Höhen erschlagen, wie sind die Helden gefallen! Sagets nicht an zu Gath, verkündet es nicht auf den Gassen zu Asdod, daß sich nicht freuen die Töchter der Philister, daß nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittnen. Der Bogen Jonathan wich nie zurück, das Schwert Saul ist nie leer wiedergekommen; Saul und Jonathan liebreich und holdselig in ihrem Leben sind auch im Tode nicht geschieden; sie waren leichter denn die Adler und stärker denn die Löwen. Ihr Töchter Israël weinet über Saul. -- Jonathan ist auf (Gilboa's) Höhen erschlagen. Mir ist wehe um dich, mein Bruder Jonathan; gar wonnig warst du mir; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist. Wie sind die Helden gefallen und die Streitbaren umgekommen!«[107]

Am Fuße der schönen, wellenförmig gerundeten, von grünen Einbuchtungen durchzogenen Gebirge Gilboas liegt Zerin, das alte Jesreel, der Ort auf dessen Namen ein Gewicht der vielen großen Blutschulden aber auch der Verheißungen ruhet[108]. Hier in der Nähe bei Ain (am Quell Tubania) lagen Israëls Heere vor der unglücklichen Schlacht mit den Philistern, in welcher Saul und seine Söhne fielen. Auch am Abhange der westlichen Berge, welche dem Gilboa gegenüber die schöne Ebene begränzen, zeigten sich im Glanz der Morgensonne mehrere Ortschaften deren eine unsre Mucker uns Sili, die andre Om el Bachem (Mutter der Kohle) nannten; dort weiter gegen Norden lag auch Thaanach, die Denkstätte von Baraks Siege über das Heer der Canaiter und über Sissera den Feldhauptmann. Wenn von Gilboas Höhen das Klagelied ertönet über Israëls blutigen Jammer und den Tod seiner Helden, dann antwortet ihm gegenüber auf den Hügeln von Thaanach der Triumphgesang des Barak und der Debora, der Mutter in Israël: »Die Könige kamen und stritten, da stritten die Könige Canaan, zu Thaanach am Wasser Megiddo; sie nahmen nicht Silbers Gewinn. -- Vom Himmel ward wider sie gestritten; die Sterne in ihren Bahnen stritten wider Sissera. Der Bach Kison wälzte sie, der altberühmte Bach, der Bach Kison. Tritt meine Seele auf die Starken. Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen; dem Zagen ihrer mächtigen Reiter. -- Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die Ihn aber lieb haben müssen seyn wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht[109].«

Ein andrer Anblick that sich weiterhin unsern Augen auf, mächtig und hehr wie ein Ferngesicht der von oben kommenden Begeisterung. Die Berge Gilboas zogen sich allmälig zurück, die Höhen des Hermon traten jenseit des Thales hervor und hinter und neben denselben erhub sich, wer sollte ihn an seiner vor allen Bergen ausgezeichneten Form nicht erkannt haben, -- der Thabor. Bei diesem Anblick erwachte in der Seele das Lied Ethans des Esrahiten[110]. Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für und für. -- Herr Gott Zebaoth, wer ist wie du ein mächtiger Gott? und deine Wahrheit ist um dich her. Norden und Süden hast du geschaffen, ~Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namen~. Gerechtigkeit und Gericht ist deines Stuhles Festung; Gnade und Wahrheit sind vor deinem Angesicht. Wohl dem Volke, das (Dir) frohlocken kann. Sie werden über deinen Namen täglich fröhlich seyn, denn du bist der Ruhm ihrer Stärke.«

Auf dem Gipfel des Hermon stehet eine Moschee, deren ansehnliches Gebäude weithin über das Land sichtbar ist; unten im Thale aber, am Fuße des Höhenzuges des Hermon zeigte sich, minder augenfällig als die Moschee des Berggipfels, aber dennoch eine lieblichere Erscheinung, zur Rechten unsers Weges Sulim, das Sunem der heiligen Schrift. Hier lebte die Sunanitin, die Freundin des Mannes Gottes Elisa, die der Herr fröhlich machte und tief betrübte, und welcher er wiedergab was er ihr genommen, durch seine wunderbare Hand, weil sie nicht abließ vom Hoffen und vom Glauben[111].

Der Boden des Gefildes Jesreel oder Esdrälon ist ein Feld des Getraides, dessen Samen keine Menschenhand aussäet, dessen reife Aehren kein Schnitter erntet. Denn wenigstens der größeste Theil des Getraides, in dessen hohen Halmen die Maulthiere bis an den halben Leib verdeckt gehen, säet sich von selber aus den reifen Aehren aus, deren Ueberfülle kein Bewohner des Landes benutzt und genießt. Die Heerden der Schafe und Ziegen so wie der Stiere, treten in diesem verwilderten Saatfelde der Natur mehr nieder als sie abweiden; der Eber vom Thabor und Carmel wühlet ungescheucht und verborgen hinter dem hochwüchsigen Grün den fetten Boden um und zuweilen erschleicht in diesem Versteck des Grünes auch der Leopard, wenn der Hunger ihn vom Gebirg herabführte, ein Thier der Heerde. Unter den hohen Halmen der Gräser zeigen sich die buntfarbigsten Blumen namentlich aus der Familie der Liliengewächse, aus der wir hier einige neue, noch unbeschriebene Arten fanden und sammleten. Bei einem Zeltendorfe der Beduinen, welches etwas seitwärts von unserm Wege lag, erquickten wir uns reichlich an der vortrefflichen, sauren Schafmilch. Langsam schleicht hier ein Wasser durch den sumpfigen Grund, das gegen Nordwesten, dem Kison zuströmt.

Mittag war schon vorüber da wir uns dem Ufer des altberühmten langsam fließenden Kison naheten, der so wie er an dieser Stätte und zu dieser Jahreszeit erscheint bei uns zu Lande kaum den Namen eines Flußes empfangen würde. Dennoch geht er an manchen Stellen, wo sein Bett sich in den fruchtbaren Grund grub, so tief und schlammig als die Unstrut. Fast unmittelbar jenseits der Furth des hier seichteren Flüßleins steigt der Weg berganwärts, zuerst eine reichliche halbe Stunde ziemlich steil und beschwerlich, dann zieht er sich ohngefähr eben so lang (abermals eine reichliche halbe Stunde) neben einer grünenden Schlucht, welche ein wenig Wasser hat, allmäliger aufwärts nach der Höhe, die jedoch nicht der eigentliche Gipfel des Berges, sondern nur der höchste Punkt der Straße ist. Hier findet sich ein Brunnen, an welchem unsre Maulthiertreiber ihre Thiere tränkten; Pilgrime die zum Osterfeste zogen und von denen uns auf unsrem heutigen Wege schon ganze Schaaren begegnet waren, weilten hier, unter ihnen eine Frau, an welcher wir die seltsame Sitte des Nasenschmuckes (Ringe mit edlem Gestein, die am rechten Nasenflügel befestigt waren) bemerkten.

Von der Höhe am Brunnen senkt sich der Bergabhang allmälig gegen Norden hinab. Ich war vorausgegangen; im nahen Anblick von Nazareth, bei einer kleinen, natürlichen Grotte, wartete ich der Freunde. Die Hausfrau hatte in der grünen Bergschlucht jenseits des Brunnen eine lebendige Landschildkröte gefangen, die wir später wohlbehalten mit ins Vaterlande brachten und der Hand eines lieben Freundes übergaben; unter den Pflanzen, welche die jungen Freunde am Berge gesammelt hatten, prangten die gelben ansehnlichen Blüten des Acanthus. Wir kamen auf Sturmwindsflügeln nach dem stillen, guten Nazareth; denn ein Orkan aus Südost, welcher ganze Wolken voll Staub und Sand mit sich führte, hatte sich aufgemacht und trieb uns zur Eile an, welcher er, da wir ihn zum Glück im Rücken hatten, sogar günstig war. Das große Gebäude des Lateinischen Klosters, das einer Veste gleicht, war bald erreicht; die Väter desselben waren so eben zum Nachmittags-Gottesdienst in der Kirche versammelt; dennoch fanden wir Männer ohne Schwierigkeit Zutritt unter das feste Obdach des Klosters, während die beiden Frauen, weil hier strenge Clausur ist, noch im Hofe unter dem beweglichen Obdach der Staub- und Sandwolken, das der Sturm bald aufbaute, bald wieder niederriß, verweilen mußten. Endlich kam der Prior; wir überreichten unsre Empfehlungsschreiben aus Jerusalem und fanden die herzlichste Aufnahme. Für uns Männer war freilich bald ein Unterkommen in einem Seitengebäude des Klosters selber gefunden, aber mit der Aufnahme der beiden weiblichen Pilgrime hatte es dießmal große Schwierigkeit. Das Erdbeben vom 1ten Januar hatte das Pilgerhaus, das an der gegenüberstehenden Seite des Hofes zur Aufnahme solcher Gäste bestimmt gewesen war, ganz niedergestürzt, und obgleich an seinem Wiederaufbau rüstig gearbeitet wurde, fand sich doch noch kein einziges bewohnbares Zimmer in ihm. Indeß brachte man die beiden vorläufig unter ein Obdach und bald wurde ihnen in einem andren kleinen Häuslein des Klosterhofes das Zimmer eingeräumt, welches gewöhnlich ein Schreiber oder Rechnungsführer des Klosters bewohnte, der gerade verreist war. Dieses wurde dann während unsers Aufenthaltes in Nazareth unser gemeinsames Speisezimmer am Mittag und Abend, und bei Nacht die Ruhestätte der Reisegefährtinnen. Ein Umstand erschien mir bei der Geschichte dieser kleinen Unbequemlichkeiten und ihrer Veranlassung denkwürdig. Nach einem früheren Plan unsrer Reise, nach welchem wir zuerst Palästina, dann Aegypten und den Sinai besuchen wollten, ein Plan der noch in Smyrna uns vorschwebte hatten wir die Adventszeit in Jerusalem, Weihnachten in Bethlehem, das neue Jahr in Nazareth zubringen wollen. Wäre dieser Plan durch eine passende Schiffsgelegenheit begünstigt worden und gelungen, dann hätte uns, menschlich gesprochen, das Erdbeben vom ersten Januar gerade in der Mittagsstunde in dem Zimmer des damals zusammengestürzten Pilgerhaußes beisammengefunden, und in demselben Augenblick wo auch ein Theil des niederbrechenden Portales der Kirche mehrere unter ihm stehende Kinder und Erwachsene zerschmetterte, auch uns unter den Trümmern begraben können.

Der Sturm hatte sich gelegt, der Himmel war wieder heiter geworden; wir beschlossen noch heute unsern Antrittsbesuch in der Stadt und ihrer Umgegend zu machen. Nazareth liegt in dem muldenförmig ansteigenden (westlichen) Ende eines Thales des Kreidekalkes, dessen rundliche Höhen in vielfache Schluchten getheilt sind und das gegen Osten allmälig zur Ebene abfällt. Die Höhe des Thales über dem Meere misset da, wo Nazareth liegt, 821, jene der Ebene am westlichen Fuße des Thabor 439 Par. Fuß. Dagegen steigen die Höhen, welche zunächst der Stadt in Westen, Südwest und Nordwest das Thal umgürten, bis zu einer Höhe von 1500 bis 1600 Fuß an und gewähren die Aussicht zugleich nach dem beschneiten Gipfel des Libanon und Antilibanon und nach dem Spiegel des Mittelmeeres. Ich habe an wenig andern Gegenden die Züge der Freundlichkeit und Milde mit jenen des hohen Ernstes so vereint gefunden als an der von Nazareth; das blumenreiche Thal ist eine immer jugendliche Mutter, welche nur der Pflege und Ernährung ihres Lieblinges: des Menschen gedenkt, das Gebirge ein lehrender Vater, der den Blick auf die Höhen wie auf die Tiefen hinleitet. Die Palme, obwohl vereinzelt, gedeihet in Nazareth, besser aber noch die Orange, die gewürzhafte Feige, der Oelbaum, die Granate, unter den Früchten des Feldes aber die Baumwolle. Das Thal, gegen Nord und West geschützt, stehet dennoch den Nordost- und Ostwinden offen, und, wenn auch nur selten, wird dennoch in einzelnen Jahren und auf einzelne Tage die Kälte des Winters für die nur schlecht gegen sie geschützten Bewohner empfindlich.

Die Stadt selber glich damals, da wir sie sahen, einer von tiefem Wehe heimgesuchten Trauernden, welche nach der alten Sitte des Landes das Haupt mit Asche bestreut, auf den Haufen des Schuttes saß; denn das große Erdbeben hatte ganze Häußer darniedergestürzt, andre aber so zerrissen und baufällig gemacht, daß ihre leichtgebaute Schönheit dahin war. Wir besahen zuerst die Stätte unsers Aufenthaltes: das lateinische Kloster. Ein eignes Nebengebäude desselben ist zu einer Schule eingerichtet, in welcher eine ziemliche Anzahl größerer und kleinerer Schüler von etlichen Vätern des Klosters im Schreiben und Lesen des Arabischen, im Rechnen und nebenbei auch im Italienischen oder Spanischen unterrichtet werden. Die Kirche (der Verkündigung) die in ihrer jetzigen Form nicht viel über hundert Jahre alt ist hat einen verhältnißmäßig bedeutenden Umfang und ist von gefälliger Bauart. Sie ist nur ein neuer Aufbau jener oft (namentlich im Jahr 1263) von Grund aus zerstörten und wieder aufgebauten älteren Kirche, deren erste Grundlage Helena, die Mutter der Erbauung, an der Stelle veranlaßte, an der einst das Haus der Maria gestanden. Das eigentliche Heiligthum dieser Kirche ist jenes vormals unterirdische Gemach, in welchem die christliche Andacht die Stätte der Erscheinung des Engels und der Verkündigung verehrt; zwei Säulen, davon die eine in der Mitte abgebrochen ist, bezeichnen die Orte wo Maria stund und wo der Engel sie begrüßte. Außer diesem zeigen die Mönche noch ein andres Zimmer oder Felsengemach, welches, während die erkohrene Jungfrau die heilige Elisabeth besuchte, von einer Freundin bewohnt war. Etwas seitwärts von der Stadt findet sich, am Fuße des ansehnlichen Griechischen Klosters, in einer Schlucht des Gebirgsrandes, der Brunnen der Maria. Sowohl dieses Kloster als auch seine nächste Umgebung waren voller Griechischer Pilgrime; ganze Familien von diesen hatten im Schatten der Bäume ihr Lager aufgeschlagen, denn Nazareth ist bei den Wallfahrten ein Hauptpunkt des Ausruhens. In der Stadt selber wird in einer Art von kleinen Kapelle die Stätte verehrt, da Josephs, des Pflegvaters Haus stund, in welchem Jesus als Kind mit seinen Eltern lebte und ihnen unterthan war. In einer Bergschlucht an der Südwestseite der Stadt wird den Pilgrimen eine natürliche Grotte (Kapelle) gezeigt, in der sich, gleich einem niedren Tische, eine Felsenplatte findet; hier sollte der Herr auch nach seiner Auferstehung mehrmalen mit seinen Jüngern verweilt haben. Gegen Abend kehrten wir ins Kloster zurück, in welchem die guten Väter aufs Trefflichste für unsre Bewirthung gesorgt hatten. Denn außer dem köstlichen Libanonwein trug man uns Fleisch vom wilden Schweine auf, einer Thierart die in dieser Gegend nicht selten ist. Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch während der Dämmrung im Garten des Klosters, der zwar minder schön gelegen als jener von St. Johann, dennoch eine nicht minder sorgfältige Pflege verräth. Die Mönche von Nazareth bauen unter anderm auch Tabak an, aus welchem sie eine Art von Spaniol bereiten, welcher dem besten Spanischen nicht nachstehet.

Mittwochs, den 19ten April machten wir uns auf zum Besuch des Thabor. Der Weg führt, am Marienbrunnen vorüber, den hohen Berg hinan, jenseits welchem ein zweiter Bergkessel sich dem Auge eröffnet, der mit jenem von Nazareth nach der Ebene Esdrälon sich hinabsenkt. Wir zogen am Abhange des Berges neben diesem Bergkessel hin, dann senkt sich der Weg hinab nach einem niedrigeren Bergsattel, der die Verbindung zweier, einander gegenüberstehender Höhen bildet. Sein gras- und buschreicher Boden wird von Aegilopseichen beschattet, deren dicht belaubte Zweige sich weithin ausbreiten; in den Gebüschen sangen Vögel, von dem Geschlecht unsrer einheimischen Sänger, ihr Morgenlied. Wir hatten, von Nazareth hieher, anderthalb Stunden Zeit gebraucht.

Eine Wanderung durch eine Gegend wie diese hier, in den Morgenstunden eines Frühlingstages, müßte in jedem, auch dem historisch unwerthesten Welttheile, Herz und Sinnen beleben und erquicken; wenn sich aber zu den aufregenden Eindrücken auf die äußren Sinnen, im Innren der Gedanke gesellt, daß hier durch diesen grünenden Eichengrund der Weg zum Thabor gehet, daß dieses da die Auen und Berge von Galiläa sind, auf denen der Fuß Dessen, durch welchen alle Gegenden und Völker der Erde gesegnet sind, in den Tagen Seines Fleisches am öftersten wandelte, dann wird mit dem Leibe zugleich auch die Seele sich erheben und der Geist sich freuen an einem Naheseyn, dessen Kräfte zwar überall, hier aber in besondrer Stärke ihn berühren. Wenn auch nicht die Stätte der längst zerstörten Kirche von Kabula, wie die christliche Sage des Landes dieses bestimmte, der Ort des Gebirges war, wo der Herr nach seiner Auferstehung fünfhundert Jüngern auf einmal erschien und ihren Glauben stärkte; so war doch gewiß eine dieser nachbarlichen Höhen die Stelle jenes seligen Wiedersehens.

Der letzte Theil des Weges zieht sich über einen sanften Abhang nach der Ebene des Kison hinab, auf welcher sich der Thabor, abgeschieden von allen Nachbarbergen wie ein Altar im Felde erhebt. Dieser Nasiräer unter den Bergen trägt schon in seiner auffallend symmetrischen (runden) Form ein Gepräge des Außerordentlichen: Fragte man den Pilgrim aus fremden Lande, der noch nie eine Beschreibung vom Thabor hörte oder las, indem man ihn hinstellte auf die Ebene vor den Karmel und Gilboa's Höhen, vor Hermon und Hermonim: welche von allen diesen Höhen hältst du für den heiligen Berg?[112] er würde ohnfehlbar auf diese einsam im Felde stehende, grünende Felsenwarte hindeuten. Denn wie dem Angesicht eines Menschen, welcher zur That der höheren Begeisterung bestimmt war, glaubt man diesem Itabyrion es anzusehen, daß Der, welcher ihm seine Gestalt gab, mit ihm Gedanken einer künftigen Verherrlichung hatte.

Nur wenig über das Thal und das Bette des Kison erhöht liegen zwei Ortschaften, am Fuß des Berges nachbarlich beisammen, in der einen (nördlicheren) von diesen, ~Dabury~ genannt, verweilten wir einige Augenblicke um uns an der gewöhnlichen Gabe des Landes, an geronnener Milch zu erquicken, dann setzten wir unsre Füße weiter. Ueber und neben manchen Trümmern älterer wie neuerer Gebäude (Dabury hatte in alter Zeit auch eine Christenkirche) giengen wir anfangs allmäliger aufwärts durch die Felder; das stärkere Ansteigen beginnt erst da, wo sich auf dem breiteren Fußgestell des unteren Drittels (?) des Berges sein eigentliches rundliches, mit Wald und Gebüsch begränztes Haupt erhebt, dessen Scheitel eine nur wenig gegen Westen gesenkte Ebene bildet. Das Aufsteigen von Dabury bis zum östlichsten (höchsten) Punkt des Scheitels hatte gegen 11⁄2 Stunden gedauert; die Gebirgsart, aus welcher der Thabor besteht, ist Kreidekalk.

Oben am waldigen Gipfel war ich vorangegangen und hatte mich, ohne dieß zu bemerken, von dem Wege, den meine Freunde nahmen, entfernt. Doch wer würde auch da, in dem Lustgefilde des Thabor es innen werden, daß er allein sey und einer menschlichen Unterredung begehren. Ist doch hier jeder Odemzug, der mit dem Duft der balsamischen Gesträuche zugleich in die Brust dringet, ist doch selbst der unmerkliche Schlag des Herzens ein Sprechen des Lebens mit seinem Quell und Anfang. Wenn dort, wo in das dunkle Grün der Wallnußbäume der schlanke Azedarach seine lilafarbenen Blüthentrauben verwebt; wo mit dem Roth der eben ausbrechenden Rose das gelbliche Weiß der Storaxblüthe sich vermischet, oder wenn auch dort, wo am Stamme der alternden Pistazie der Epheu emporklimmt und am Saum des Eichenwaldes die Gesträuche des Alhaghi wie des Ladans grünen, der Anblick der zerstörten Klöster und Christentempel ein Zug werden wollte, hinab zu Gedanken der Trauer, dann wirket alsbald diesem abwärts gehenden der Zug eines »freudigen Geistes« entgegen, der die Seele hoch emporhebt über alles Leid und alle Trauer der Erde. Wie das Gold unter den andren Metallen, so ist der Thabor der schönste unter allen Bergen der Erde; gleich einem Thautropfen auf dem Blatt der Rose, der auf seiner klaren Fläche den blauen Himmel und den Strahl der Sonne abspiegelt, stehet der »heilige Berg« da über der grünenden Ebene von Esdrälon und die Erinnerungen die in dem Schatten seiner Eichen erwachen sind herrlicher als der Strahl der Sonne und das Blau des Himmels im Spiegel des Thautropfens. Aber auch ohne diese Erinnerungen würde der bloße natürliche Eindruck, den dort die blühende grünende Nähe wie die weithin sichtbare Ferne auf die Sinnen machet, in jedem Wandrer der den Thabor besteigt einen Nachhall der Worte: »hier ist gut seyn« erregen. An sich selber erscheint die Höhe von 1748 Par. Fuß, bis zu welcher der Berg der Berge nach unsrer barometrischen Messung über den Meeresspiegel emporragt, keine sehr bedeutende. Abgesehen jedoch davon daß die Thalsohle unterhalb Dabury nur 438 Fuß Höhe hat und daß mithin die Linie des senkrechten Aufsteigens von hier an bis zum Scheitel über 1300 Fuß misset, ragt auch dieser Scheitel um mehr denn 200 Fuß über die Berge seiner Nachbarschaft, und die Aussicht von seiner Höhe fußet am Spiegel des Tiberiassees auf einer Tiefe welche um mehr denn 535 Fuß unter das Meeresniveau gesenkt ist. Die senkrechte Linie der Erhebung vom Ufer jenes nachbarlichen Sees bis zum Gipfel des Thabor kommt mithin nahe an 2300 Fuß. Es ist jedoch vor allem die Stellung, in der Mitte zwischen der wunderbaren Tiefe in Nordosten, den großen Höhen in Norden und an dem Thore der weiten Thalklüfte zwischen dem Carmel und dem Gebirgsstock Gilboas, zwischen Ephraims und Judäas Höhen, was der Aussicht vom Thabor ihre ganz besondre Kraft giebt. Denn auf den scharfen dunklen Farbenton, den der Anblick des Tiberiassees und der mitten innen liegenden Ebene giebt, antwortet wie das Echo von einer fernen Gebirgswand das blendende Weiß des Schnees auf dem Gipfel des Antilibanon; neben das tiefe, dunkle Blau der Berge Ephraims und Judäas stellt sich das bleiche Grün der Berge Gilboas und des nachbarlichen kleinen Hermon hin.

Es war ein Unfall jener Art, dergleichen uns mehrere auf dieser Reise begegneten, daß unser kunstverständiger Freund, der Maler Bernatz, an dem Morgen an dem wir von Nazareth nach dem Thabor giengen, nicht sogleich bei uns war, sondern in der Nachbargegend beschäftiget, erst später uns nachkam, so daß er nur zur Zeichnung des Berges selber, wie derselbe unten vom Thal des Kison erscheinet, nicht zu jener des Panoramas der Aussicht, die man oben hat, Zeit gewinnen konnte. Ich beschreibe deshalb nur in einigen Zügen die Hauptfäden des Gewebes der Höhen und Tiefen das man von dem Berge aus überschaut. Tief in Süden glaubten einige von uns den Spiegel des todten Meeres zu sehen, doch war dieser Anblick, bei der Stellung der Sonne gegen das Auge höchst ungewiß und undeutlich. Desto deutlicher war der des Genezarethsees und eines Theiles des Jordansbeckens, dessen gegenüberstehende Höhenränder wenigstens durch ihre Farben und Schatten sich unterscheiden. Vom Jordan her ziehen sich in fast südwestlicher Richtung drei bis vier Reihen von Bergrücken hinter und neben einander herüber, deren südlichere mit dem Gebirg von Samaria sich verbinden, die nördlicheren aber nach der Ebene Jesreel abfallen. Das Gebirge von Dscholan, im Osten des Tiberiassees und des Jordans erscheinet, besonders in seinem nördlicheren Verlaufe auch vom Thabor aus noch von bedeutender Höhe, namentlich aber blickt man nach Saphet als auf einen höher gelegnen Punkt hinan und selbst in West und Nordwesten von Nazareth stellt sich das Gebirge als eine hohe Mauer vor die freie Aussicht nach dem Mittelmeere, welche dennoch an einigen Stellen sich öffnet, so daß der Thabor ein Anhaltspunkt für die genauesten trigonometrischen Messungen der verschiednen Höhen jener Wasserspiegel des Ostens und Westens werden könnte.

An den beschatteten Gemäuern der zerstörten Klöster vorüber, dann über die freie, von hochwüchsigem, verwildertem Getraide hinweg und durch eine Art von verfallenen Thorweg war ich meinen Reisegefährten voran nach den Trümmern jener ansehnlichen Veste gekommen, welche die Sarazenen gegen Anfang des dreizehnten Jahrhunderts als Zeichen ihres nahe vollendeten Sieges über das Reich der Christen auf dem Thabor erbauten. Auf einer Balustrade des alten Burggemäuers lag ein schlafender Mann, in der Kleidung des hiesigen Arabischen Volkes; er selber, der Schlafende, hätte kein Bedenken erregt, desto nöthiger aber schien es mir zu forschen ob nicht wachende Männer derselben Art im Gemäuer verborgen seyen, denn ich hatte nicht einmal einen Stock zur Abwehr bei mir. Mein Bedenken wurde indeß gehoben da ich einen Blick in das neben dem Schlafenden liegende Buch warf, welches mich in ihm den Christen erkennen ließ, denn es war ein altes, christliches Andachtsbuch in Syrischer Sprache. Der Mann erwachte und schien anfangs über den Anblick eines neben ihm stehenden, fremden Menschen, der in seinem Buche blätterte, etwas betroffen; mit verlangender Miene sahe er nach seinem Schatz und steckte das Buch sogleich, da ich es ihm zurückgab, in seinen Pilgersack, der ihm zum Kopfkissen gedient hatte. Wir wurden indeß bald mit einander bekannt und später erfuhr ich von ihm daß er hieher gekommen sey um vierzig Tage lang in der Einsamkeit des Thaborgipfels zu wohnen und zu beten. Drei Viertheile dieser, von ihm zu frommen Uebungen bestimmten Zeit waren schon vergangen, das letzte Viertel, bis zur Feier des diesjährigen Osterfestes der Orientalischen Christen war noch übrig; die Hirten und Dorfbewohner der Nachbarschaft versorgten den Einsiedler von Zeit zu Zeit mit Brode; sein Pilgersack enthielt einen Vorrath getrockneter Früchte; zum Getränk diente ihm das Wasser einer Cisterne, nahe bei der Stätte der zerstörten Eliaskirche.

Die Reisegefährten, bei denen auch meine Hausfrau sich befand, waren indeß herbeigekommen, wir genossen nun gemeinsam der Aussicht am Gemäuer der Feste, deren einzelne Punkte, so weit dieß nöthig war, der Syrische Christ und ein Mann aus Dabury, der mit den Freunden gekommen war, uns benannten und erläuterten. Zu unsren Füßen, im Thale das zwischen dem Thabor und Hermon sich hinziehet, liegt jenes Nain, an dessen Thore einst der Herr den Sohn der Wittwe aus den Todten zurückrief; nicht weit hiervon ein andres Oertlein erinnert auf andre Weise an den gewaltsamen Einbruch einer lebenden Gewalt in das Reich der Todten: es ist Endor, wo die Magierin den Geist Samuels des Propheten gewaltsam heraufführte vor Sauls Angesicht. Siegreicher jedoch und göttlich hehrer denn selbst zu Nain brach die Macht des ewigen Lebens in das Reich der Sterblichkeit hier, auf dem Thaborgipfel herein, da Er selber, des Lichtes und des Lebens ewiger Anfang sich vor den Augen der drei erwählten Jünger verklärte, also daß sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider hell wurden wie der Blitz. Denn hier war es wo Moses und Elias in der Klarheit des Himmels Ihm erschienen und mit Ihm redeten von dem Ausgang, welchen Er sollte erfüllen zu Jerusalem, während mächtiger noch denn Moses und Elias und alle Kräfte der Himmlischen die Stimme des ewigen Vaters selber zeugete aus der Wolke, von Ihm, dem geliebten Sohne, »den wir hören, auf dessen Wort wir merken sollen«[113]. Als damals Petrus, ergriffen und dahingenommen von der Entzückung des Himmels sprach: Herr, hier ists gut seyn; lasset uns drei Hütten machen, dir eine, Mosi und Elias eine, da wußte er nicht was er redete. Wußten vielleicht, so fragt uns da unten in der nachbarlichen Ebene das Schlachtfeld von Hittin, auch jene Kämpfer für die sichtbare Herrschergewalt des Christenthumes, welche den Wunsch des Jüngers Jahrhunderte hernach erfüllten und hier an dem Orte da es gut seyn ist nicht bloß Hütten sondern Tempel der Andacht errichteten, auch nicht was sie machten? In der That, der Jünger der jetzigen Tage, wenn er hier, auf der Höhe des Thabor mit dem Geist der Geschichte sich unterredet, blickt in ähnliche Dunkel hinein als die waren, welche »die Tage der Erfüllung in Jerusalem« vor den Augen der ersten Jünger verhüllten. Welche Gegend vermag schmerzlichere Erinnerungen in der Seele des abendländischen Christen zu wecken denn diese da, über welcher sich jener begeisternde Glanz der Morgenröthe, der den Heldendrang der Kreuzzüge weckte, auflößte in ein armseliges Nebelgewölk, aus dem sich Blut ergoß, das, wie es schien, keinen schlafenden Keim des Lebens in dem benetzten Boden weckte, sondern vergeblich dahin gegeben war. Und dennoch, wenn auch Jene, die das Sehnen nach der Heimath der ewigen Palmen ergriff und dahinnahm, als sie da, auf dem Boden des heiligen Landes, von welchem die Liebe bezeugt: hier ist gut seyn, die bleibenden Hütten eines sichtbaren Herrscherreiches erbauen wollten, es nicht wußten was sie thaten, so wußte dieß doch Er, welcher des Sehnens Ursprung und Endziel war. Wie das innre Bewegen, das im Herbst die Schaaren der wandernden Vögel mit unwiderstehlicher Gewalt ergreift und über Land und Meer dahinführt, wie der Trieb der Säfte, der in den Tagen des Frühlinges die Tausende der Blüthen aus dem Fruchtbaum herausdrängt ans Licht, an welchem die meisten, gleich einer vergeblichen Ueberfülle verblühen und abfallen, ohne Frucht zu tragen, wie jeder Zug des Instinktes im niedreren Reiche der Sichtbarkeit ein Walten der Kraft ist, die das Wesen der Leiblichkeit begründete und beherrscht, so war auch jenes Bewegen, das die Menschenseelen zu dem Werk der Kreuzzüge dahinriß, nicht von unten her, sondern es kam von oben, aus einem Anwehen des Geistes, der dem Menschen im Anfang den lebendigen Odem gab. Auch jene Zeit war nach ihrem Maaße eine solche, in welcher, wie der Mund der Wahrheit von einer andern höheren Zeit bezeugte, das Himmelreich Gewalt litt, und die ihm Gewalt thaten die rissen es an sich[114]. Wird nicht mit den Tausenden der Blüthen, die wie eine Fülle der Verschwendung sich herausdrängen und als ein vergebliches Wirken der Natur dahinströmen auch jene tiefere innerlichere Kraft des Baumes wach, welche die Knospe weckt aus der die Frucht erwächset, die dann fest und daheim am Stamme bleibt? Oder ist etwa die Aufregung, welche den jungen Schwarm der Bienen zur Begründung des neuen Staates treibt, nur für jene Auswandrer da und wird sie nicht zugleich für die im Stocke zurückbleibende Menge ein Sporn und Antrieb zur neuen, verstärkten Thätigkeit?

Wie tief in den Zeiten der beginnenden Kreuzzüge der größere Theil der Abendländischen Christenheit in die rohe Dumpfheit des Sinnengenusses und in jene fanatische Blindheit versunken war, welche Belials Thaten und Christi Werk mit einander verwechslet oder doch nicht zu unterscheiden vermag, das beweist uns eben jener Abschaum der damals neben den edleren Schaaren die das Kreuz nicht nur äußerlich sondern auch innerlich trugen, von Westen her über den Osten sich ergoß. Eben diesem Unrath, der nur zum Theil den geheiligten Boden besudelte meist aber schon auf dem Wege zum Ziel dem eignen, innern Verderben unterlag, wollen wir hier keinesweges das Wort reden sondern wie schon erwähnt, an ihm nur erkennen wie hoch die allgemeine Krankheit gestiegen war und wie, ohne ein neues Moment der Begeisterung und Belebung von oben die Christenheit des Westens und ihre Herrscherreiche bald dasselbe Loos des geistigen Verderbens würde getroffen haben, welchem jene des Morgenlandes und das Reich der Byzantiner unterlagen. Denn wenn jenes wilde Heer das im Jahr 1096 unter Wilhelm dem Zimmermann und dem Grafen Enrico von Mainz, bestehend aus zweimalhundert Tausenden zu Fuß und drei Tausenden zu Roß, aus Frankreich und Deutschland auszog, eine Gans und eine Ziege vor sich hertrieb, welche vom Geist Gottes beseelt seyn sollten und deshalb göttlich von ihm verehrt wurden[115], so bezeugte es hierdurch nur, was es schon durch seine Gräuelthaten gethan, daß es nicht von der Macht jenes Geistes geleitet sey, welcher aus der Kraft des Kreuzes kommt und dieses liebt, sondern von der Macht jenes andern, finstren Geistes, der das Kreuz hasset. Dieser Geist, welcher nicht das Leben, sondern den Tod der Menschenseelen sucht und will, war es auch, der jene fanatisch Rasenden vor Meßburg (Mosony) in Ungarn, als ihre Uebermacht die Mauern der Stadt bereits gebrochen hatte und der Muth der Belagerten entwichen war, plötzlich dem Verderben preis gab, da sie, statt in die eroberte Stadt einzugehen von einem natürlich unerklärlichen Schrecken dahingerissen innen hielten und in verworrener Flucht sich über einander stürzten. Weder die gottbegeisterte Ziege noch die heilige Gans konnten jetzt die Dahingegebenen vor dem Schwert der Rache retten, das an ihnen die Tausende der gräulichen Blutschulden, die sie schon auf ihrem Zug durch Deutschland auf sich geladen, heimsuchte. Auch Gottschalks Heeresgesindel, das etwas früher auf der Ebene von Belgrad unterlag und Petrus des Einsiedlers mit Walthers ohne Habe unbändige Schaaren, welche zu Helenopolis das Verderben ereilte, bewiesen durch ihre Thaten wie durch ihr Schicksal, daß in dem größesten Theil von ihnen nicht jener bessere Geist wohne und walte, der ein Geist der Zucht und Ordnung ist. Selbst jener abentheuerlich ritterliche Sinn der im Jahre 1101, da schon durch Gottfrieds von Bouillon und Balduins +I.+ Heldenmuth mitten im Lande der Feinde ein Königreich Jerusalem begründet war, Tausende, selbst der edlen Frauen und Jungfrauen aus Deutschland und Frankreich, im Schutze der wackren Kämpfer unter Wilhelm von Nevers und Wilhelm von Poitou zur Wallfahrt nach dem heiligen Lande bewog, war noch nicht der rechte Geist des Christenglaubens und der Ordnung. Das blutige Loos der Schlachtopfer, das jene vorhin so rüstigen Kämpfer am Halys traf und das noch elendere, welches den noch jugendlichen Frauen und Jungfrauen (unter ihnen war Ida von Oesterreich) in der Türkischen Gefangenschaft begegnete, erscheint zum großen Theil als ein wohlverdientes[116] und in Wilhelms von Poitou, des Troubadours Liedern, darinnen er später, als er dem Untergang entronnen wieder daheim war, seine und der Seinigen damaliges Schicksal besang, sprach sich fast nur jener Leichtsinn des Menschenherzens aus, der selbst durch schweres Leid nur auf kurze Zeit entmuthiget, nicht aber geheilt und gebessert wird[117].

Und was Andres als dieser Leichtsinn, gepaart mit dem Hochmuth, der Herrschsucht und dem Geize des natürlichen Menschen war es, was die Thaten auch jener Kreuzfahrer deren Anlauf ein besserer gewesen, befleckte und sie hemmte, mitten auf dem Weg ihrer Siege. Kaum war die furchtbare Noth, welche das große Heer der Kreuzfahrer unter Gottfrieds von Bouillon Leitung auf ihrem Zuge durch Bithynien und Phrygien betroffen und in welcher fast die Hälfte der Streiter erlegen waren, vorüber, da ergab sich die noch gerettete Hälfte vor Antiochien, in der Trunkenheit des Leichtsinnes solchen Schwelgereien und Sinneslüsten, wie sie vormals nur das verdorbene Heidenthum geübt hatte[118]. Ein unedles Feuer der Herrsucht und des Neides entzündete sich selbst in Balduins sonst ritterlich edlem Herzen, da er Boëmunds Banner, durch Tankreds tapfre Hand auf die Mauern von Tarsus gepflanzt erblickte[119], und solche verderbliche Aufwallungen des Hochmuthes und der Herrschsucht der Heerführer lähmten späterhin fast auf jedem Schritte den Fortgang der christlichen Waffen. Erniedrigender jedoch und Unheil bringender als selbst die Herrschsucht zeigte sich bei Tausenden von Gelegenheiten der Geiz der Wallbrüder, wenn sie, nicht gewarnt durch das Unglück das bei solchem Anlaß schon so oft über ihre Schaaren gekommen war, immer nur zunächst der Beute gedachten und hierbei nicht selten das Schwert, statt gegen den noch unbesiegten Feind, gegen die Brüder selber wendeten. Die stets sich wiederholende Folge eines solchen Beginnens war die, daß der Feind, welcher dem Muth der Christen, so lange ihr Herz noch ungetheilt bei dem Kampfe für das Kreuz war, nicht zu widerstehen vermochte, sein Schwert zurückkehrte gegen die getheilten und hierdurch ohnmächtiger gewordnen Herzen, und die tödtete oder gefangen nahm, welche schon vorhin im Geize todt oder schimpflich gefangen lagen. Hätte doch die Raubgier selbst der tapfren Templer den christlichen Heere fast den Sieg entrissen und alle Früchte einer wie übermenschlichen Anstrengung und des vielen vergossenen Blutes der Kämpfer vernichtet und vergeblich gemacht, als im Jahre 1153 unter Balduin +III.+ die festen Mauern des so oft belagerten Askalons endlich gebrochen und nun der Eingang in die Stadt den tapfren Belagerern geöffnet war. Denn damit die reiche Beute der Stadt nur ihm und seinen Rittern zu Theil werde, hatte Bernhard der Großmeister alle Andre, die außer ihm und seiner Schaar durch die Bresche eindringen wollten, gewaltsam zurücktreiben lassen, mußte jedoch, denn der edle Geist der vorhin den Sieg gab, war von ihm gewichen, alsbald der Uebermacht der Askaloniten unterliegen[120], und diese schlossen von neuem den Riß der Mauer, welche ohne eine Macht von oben, die über die Heiden eine unbegreifliche Furcht und Schrecken ausgoß, nie in die Hände der Christen gekommen wäre.

So hatte, dieß bezeugte später noch vielmehr der Fall von Ptolemais, des letzten Bollwerkes der christlichen Streiter im Lande der Verheissung, selbst jene Orden, die wie es anfangs geschienen nicht sich selber und ihr Eigenes, sondern nur die Sache des Reiches Christi suchten, und die um dieser Sache willen in so mancher Schlacht ihr Leben dahingaben, jene geistige Seuche ergriffen der so viele Seelen der Menschen, die unter dem Panier des Kreuzes nach den heiligen Stätten zogen, unterlagen. Die Pullanen, das heißt die unmittelbaren Nachkommen jener Helden, welche das geliebte Land mit ihrem Blute und tausendfachen Mühen wiedergewonnen hatten, waren nach wenig Jahren so in Wollust und Dumpfheit der sinnlichen Gelüste entartet, daß nicht viel fehlte sie wären den entarteten, treulosen Byzantinern und andern Griechen des Orients an innrer Verdorbenheit gleich gekommen. Denn wie sich gegen den armen, von den Griechen verrathenen Rest von Conrads und Ludwigs +VII.+ Kreuzesheer bei Attalia (im Jahr 1148) die Türken ungleich menschlicher und milder benahmen als die Griechischen sogenannten Christen[121]; so erwiesen sich auch später die »Ungläubigen« öfters treuer, edler und brüderlich liebevoller gegen die fremden, ihnen feindseligen Kreuzfahrer, als das niederträchtig feige, verkäufliche Volk der Pullanen, zu dessen Beistand und Vertheidigung doch die Fremden gekommen waren. Und wohl dem Fränkischen Namen und der Ehre seiner Ritterschaft, wenn die Kunde der Geschichte nur von den Griechen und den Pullanen und nicht auch in Beziehung auf ihn es bekennen müßte, daß bei den Ungläubigen öfters jener Geist der Großmuth und Milde, welcher selbst des besiegten Feindes schont und der Hülflosen sich erbarmt; jener Geist der edlen Zucht und Ordnung, welcher mit Recht als eine der höchsten Gaben des Christenglaubens gepriesen wird, mehr gewaltet hätte als bei den Verehrern des Kreuzes. Wie geistig größer und höher erscheint Saladin als Richard Löwenherz[122], dessen natürliche Tapferkeit mit Recht unsre Lieder preisen. Sagt uns doch diese Geschichte ganzer Heere, wie die Geschichte der Einzelnen, in alter wie in neuer Zeit, daß der Besuch der heiligen Stätten, der ritterliche Feuereifer für das heilige Land das Herz an sich selber weder heilig noch gerecht mache. Denn selbst jener hochsinnige, jugendliche Held, Sigurd der Norwegische Königsohn, dessen christlicher Edelmuth, dessen sich selber vergessende Uneigennützigkeit, Demuth und Milde als hohes Vorbild den andren Kreuzfahrern leuchtete, versank, da er mit dem Lorbeer nicht nur der vielen Siege, sondern mit der Palme und Weihe des Besuches der heiligen Stätten in sein Land zurückkehrte, hier gar bald in den Abgrund der schnöden Wollust und der Laster[123]. Und so löste sich noch vielmehr bei Andren die heilige Flamme, welche, so geistig hoch sie geschienen, dennoch nur durch sichtbar Vergängliches entzündet und genährt war, in qualmenden Rauch und Asche auf.

Wenn aber in ein Land, in welchem während der unerträglichen Schwüle des Sommers ein bösartiges Fieber sein Heerlager aufschlug und Tausende der Bewohner dahin raffte, plötzlich der erfrischende Sturmwind aus Norden hereinbricht, der die Luft reinigt und die Seuche verscheucht, oder wenn über die wasserlose von der Hitze versengte Ebene endlich ein starker Regenstrom sich ergießt, da vergisset der einheimische Hirt so wie der hier verweilende Fremdling gern des gleichzeitigen Schadens den der Sturm wie der anschwellende Strom an den Bäumen und Feldern gethan, und gedenket mehr nur der Linderung der allgemeinen Noth des Landes, welche ein solches Ereigniß brachte. Es vergleichet selbst das Buch der Bücher den Geist aus Gott, aus dem das Leben geboren wird, mit dem Sturmwinde, dessen Brausen der aufmerkende Sinn vernimmt auch ohne die Stätte zu kennen, von welcher er kommt und dahin er fähret. Ein Bewegen des Geistes der von oben kommt, gleich jenem des Sturmwindes der manche noch unzeitige Frucht und manches Blatt von den Bäumen reisset, ja ganze Wälder entwurzelt, ist dennoch in der Geschichte der Kreuzzüge sichtbar; das Bewegen einer Kraft, welche allen künftigen Geschlechtern nicht nur im Allgemeinen die Herrschermacht des Geistes im Menschen über die Elemente der vergänglichen Leiblichkeit, sondern die Verknüpfung dieser Macht mit einem Ewigen und Göttlichen bezeuget. Die leibliche Stärke und der persönliche Muth der Helden des Abendlandes waren es nicht, welche in den damaligen Völkern des Ostens jene Furcht und Schrecken aufregten, in deren Geleite oft zehn dieser Helden Hunderte der Feinde in die Flucht schlugen oder erlegten. Die Thaten Wickers des Schwaben, des Löwenwürgers, die riesige Stärke Gottfrieds und Balduins, wie der deutschen Ritter vor Iconium und des grünen Spanischen Ritters vor Tyrus[124] und andre solche Züge konnten nur Bewundrung, nicht lang andauernde Furcht in den hinter unbezwingbaren Mauern gedeckten oder durch Tausende der Lanzen und Schilder geschützten Feinden erwecken. Hatten doch auch die Türken solche Starke unter sich, wie denn namentlich jene Gefangene, welche dem Kreuzesheere bei der Belagerung von Jerusalem dienten, durch die eiserne Kraft mit der sie beim Tragen und Heben der Lasten so viel leisteten, als sonst vier andre Männer, das Staunen der Kreuzfahrer erregten. Auch nicht jene bewundernswürdig kühnen Unternehmungen der Ritter, dergleichen das von Balduin +I.+ war, da er durch das Peträische Arabien bis nach Wadi Musa und bis in die Gegend des Sinai sein siegreiches Panier trug, konnten die innre Ruhe des Reiches der Sarazenen und Türken auf lange Zeit stören. Kühner noch und ungeheurer war selbst der abentheuerliche Zug, welchen Rainald von Chatillon noch in jenen Tagen begann, da die Macht der Christen in Syrien ihrer Auflösung ganz nahe war; jener Zug nach Ailah (Akaba) am rothen Meer, dann auf den fremden, von ihm erbeuteten Schiffen an die Küste von Aegypten und selbst von Arabien, um Mekka und Medina zu zerstören oder zu erobern. Aber diese That, wie die eines Muthwilligen der mit dem Stecken in einen wohlbevölkerten Bienenstock stößt, hatte nur die Wuth der Feinde heftiger gereizt, nicht ihren Muth erschüttert, und auf bemerkenswerthe Weise erfolgte wenig Monate nach dem mislungenen Versuch einer Eroberung von Mekka und Medina, die von Jerusalem durch das Heer Saladins[125]. Auch solche Zeugnisse von der Gewalt des Geistes über den schon sterbenden Leib, wie das war, welches der zum Tod verwundete Joscelin der ältere vor Cressum gab[126], konnten den Mitlebenden wie der Nachwelt nicht als etwas Höheres erscheinen denn die ähnliche That des sterbenden Sultans Muley Maluk von Marocco. Das aber was von der Schaar der ausgehungerten Schatten eines christlichen Heeres in Antiochia, welches mitten in seinen Mauern, in der noch uneroberten Burg so wie außer den Mauern den Feind hatte, vorausgieng, als dieselbe gegen das vielfach überlegene, wohlversorgte Heer des Korboga den Ausfall wagte, das war nicht der Sturm einer leiblichen Stärke und Tapferkeit, nicht ritterlicher Muth, der Alles wagt, sondern es war die Macht eines kindlich festen Vertrauens auf Gott, wie sie der Christenglaube dem Herzen giebt[127]. Denn mehr denn die Entdeckung der »heiligen Lanze« hatte das Wort des frommen Erzbischofes Ademar von Puy jene Begeisterung geweckt die über Alles siegt. Diese Begeisterung eines Glaubens der die Welt überwindet war es, welche, wie wir früher erwähnten, das wohlbefestigte und von einer überlegneren Schaar der streitbaren Männer vertheidigte Jerusalem, so wie so manche andre feste Stadt in die Gewalt der Christen brachte; sie war es, welche das funfzehnmal größere Heer des Sultan Afdan in Gottfrieds und der Seinigen Hand gab[128]; welche zuerst Balduins +I.+ stolzen Sinn selber, dann aber durch ihn das übermächtige Heer der Feinde bei Askalon demüthigte, den Sarazenen bei Joppe (im Jahr 1102) den Sieg entriß und drei Jahre hernach bei Rama die siebenmal stärkere Macht der Heiden brach. Und wer möchte die Kraft eines festen, treuen Christenglaubens verkennen, mit welcher der achtzehnjährige, von den Qualen seiner unheilbaren Krankheit[129] fast aufgelöste König Balduin +IV.+, an der Spitze von 370 Geharnischten dem Heere Saladins, das außer den schwerer Bewaffneten 26000 leicht bewaffnete Reiter zählte, bei Ramla (am 25. Nov. 1177) entgegengieng und dieses schlug. Als damals der jugendliche Held, dessen Loos ein Leben der beständigen Schmerzen war, im Angesicht des unübersehbar weit ausgedehnten Lagers der Feinde von seinem Wagen stieg, vor dem heiligen Kreuz sich niederwarf und mit Gebet und Thränen die Hülfe von oben erflehte, da ergriff der Anblick die Streiter für das Kreuz mit solcher Macht, daß sie ein Treuseyn bis zum Tode beschwuren und diesem Gelübde gewärtig den Sieg errangen[130].

Wie dort den Jüngling, fast erstorbenen Leibes, und durch sein Beispiel die kleine Schaar seiner Streiter der Christenglaube mit der Kraft der Ueberwinder erfüllte, so that dasselbe unter vielen andren Fällen dieser Glaube an dem gottbegeisterten Greise, der Deutschlands höchsten Herrscherthron zierte: an dem fast siebenzigjährigen Friedrich Barbarossa. Dieser Sieger in so vielen Schlachten hatte keinen schwereren Kampf gekämpft, keinen herrlicheren Sieg errungen als den letzten seines Lebens, den Sieg bei Iconium, weil er in ihm, mehr denn in seinem ganzen Leben durch Wort wie durch die That den Namen Dessen verherrlichte für dessen Reich er jetzt kämpfte. Es ist eine andre, höhere Theilnahme als jene gewöhnliche, welche das Anhören oder Lesen der Kunde jenes schweren Heldenkampfes erregt, womit der Christ die Geschichte des Heereszuges Friedrichs durch das Land des Sultans von Iconien betrachtet. Als nach den unausgesetzten Kämpfen mit den mordgierigen Feinden und mit der Lebensgefahr der Gebirgswege von Laodicea bis jenseits Philomelium endlich auch noch mit erneuter Kraft der Mangel an allen Lebensmitteln hereinbrach, so daß viele der Besseren im Heere von Ermattung gelähmt Waffen und Habe den kräftigeren Genossen gaben und am Boden liegend den Tod von Feindeshand erwarteten; als zu gleicher Zeit das furchtbar übermächtige Heer des Sultans sich zur Schlacht des nächsten Tages rüstete und aufstellte, da erwieß sich auch an der Schaar der fast zum Tode ermatteten, christlichen Kämpfer die Wahrheit jenes Spruches, daß der Mensch nicht vom Brod allein lebe und Stärkung empfange, sondern von einem jeglichen Worte das durch den Mund Gottes gehet. Es war der Tag der Pfingsten (3. Mai 1190); das Pilgerheer ruhete an einer wüsten Stätte, die nicht einmal Schatten, geschweige andre Lindrung des Elendes darbot, da brach ihnen der fromme Bischof von Würzburg das Brod des Lebens. Als dieser mit freudigem Muthe jene Gnade prieß, welche an diesem heiligen Tage der Gemeinde des Herrn die Gabe des heiligen Geistes verliehen, da erinnerte er zugleich daran, daß seit jenem Tage der beseligende Glaube am mächtigsten durch die Thaten der Blutzeugen und der Kämpfer, welche treu blieben bis zum Tode, festgegründet und verbreitet worden sey. Dieser Glaube ist es der die Schmerzen des Todes überwindet, zugleich aber auch jene Kraft giebt, in welcher Einer Tausend und Zweie zehn Tausend in die Flucht zu jagen vermögen, »darum (so sprach er) vertrauet auf den Herrn.« Da nun auch der ergraute Kaiser Worte sprach, welche der Christenglaube der Menschenzunge leihet, da ergriff ein freudiger Geist alle die Besseren im Heere; wie die fröhlichen Gäste eines Fürstenmahles stimmten Alle ein Heldenlied in Schwäbischer Weise an. Der Kampf des andren Tages war keine eigentliche Schlacht zu nennen; er war das unwiderstehliche Hindurchbrechen eines tödtenden Blitzes durch die mauerdichten Heerschaaren der Feinde. Aber diese Mauer, wenn sie auch einen Riß bekommen, war deßhalb nicht niedergestürzt, und da am Abend des hart durchkämpften Tages zu den Beunruhigungen die der beständige Andrang der Turkomanen brachte, auch noch in der sandigen Wüste die fast unerträgliche Pein des Durstes kam, da wurden manche der Pilger so irre an Gott daß sie übergiengen zu den Heiden und den Glauben verläugneten. Nicht so der alte Kaiser und die, welche mit ihm gleiches Sinnes waren. Auch in unsrem Heere, so sprach er, mußte der Waizen gesichtet werden von der Spreu; jene Kinder des Verderbens mußten abfallen von uns, damit nicht durch sie der Segen unsrer Heerfahrt gehindert und vernichtet werde. Und als an einem der folgenden Tage das Heer der Christen zwar in etwas erquickt durch den Genuß eines sumpfigen Wassers, dabei aber noch aller Noth des Hungers dahingegeben war, und als nun der durch Glauben starke Kaiser auch den letzten Antrag des Sultans den Frieden wie den Markt der Lebensmittel um ein Lösegeld von dreihundert Zentnern Silbers zu gewähren, als seiner und der christlichen Ritterschaft des Kreuzes unwürdig zurückgewiesen hatte, da siegte dennoch über den fast allgemeinen Kleinmuth des Heeres der Rath der Helden, das wohlbefestigte Iconium nicht, wie Viele wollten, vorüberzugehen, sondern diese von andren Heeren der Kreuzfahrer vergeblich belagerte Stadt zu erobern. Was anders als der Christenglaube konnte einer Schaar der Halberstorbenen, die ohne alles Belagerungsgeräthe war, diesen Riesengedanken des Heldenmuthes eingeben und sein Gelingen möglich machen! Galt es da nicht, am Freitag, den 18ten Mai, ein Treuseyn bis zum Tode, da schon am Morgen die Herolde das Gebot verkündeten: daß jeder Pilger, der noch Lebensmittel besitze, mit seinem Mitbruder, welcher deren nicht habe, sie theilen möge, weil sie am andern Tage ja alle gleich seyn würden, entweder durch die Beute in Iconium oder durch die Palme der Sieger im Himmel. Ein Treuseyn bis zum Tode, als der Kaiser den kleinen Rest der Ritterschaaren, welcher nur noch aus Tausend vollkommen gerüsteten und mit Rossen versehenen Männern bestund, so theilte, daß die eine Hälfte, geführt von dem Herzog von Schwaben, Iconium in stürmischer Eile nehmen, die andren fünfhundert aber, an deren Spitze der alte, kaiserliche Held selber war, den Kampf mit der ungeheuren Uebermacht des Feindesheeres bestehen sollte, ohne daß die eine Schaar um die andere sich kümmern, oder auch in der größten Noth sie zur Hülfe rufen solle. Und als nun wirklich nicht allein durch ein unbegreifliches Wunder der Tapferkeit sondern des christlichen Glaubensmuthes Herzog Friedrich, zugleich mit den fliehenden Türken in die Stadt eingedrungen war, da galt es abermals bei der andern Hälfte der Schaar und bei ihrem Herrscher ein treues Festhalten an jener Hoffnung, welche nie zu schanden werden lässet. Im ungleichen Kampfe mit den in unermeßlicher Zahl andringenden Feinden war der Arm der Ritter wie ihres Führers ermattet, ihr Muth fast gebrochen, nur die Siegespalme der Martyrer schien nahe; schon hatten die Bischöfe und Priester, der Schlachtbank sich darbietend, die Stolen über ihre Schultern gelegt. Da rief der Kaiser, angeweht von neuer Kraft der Begeistrung: »Was weilen wir hier und grämen uns; Christus siegt, Christus regiert, Christus führet uns. Kommt, meine Heergesellen die ihr aus dem (irdischen) Reiche der Heimath zoget, daß ihr mit eurem Blute das Reich des Himmels erlangtet« und er selber voran wie ein Löwe brach in das Heer der Heiden ein, seine Ritter ihm nach über die Leichname der erschlagenen Feinde, bis in die Thore Iconiums.

Dieses that und vermochte der Glaube der Christen; Schwabenland, dieß vermochte einer deiner Helden in der Kraft jenes Glaubens, von welchem du dich nicht wie Etliche aus der Schaar deiner Väter, am 14ten Mai 1190 durch die schwere Pein des Durstes nach Wasser sondern durch ein aus Trunkenheit erzeugtes Gelüste nach den Seifenblasen der Weltweisheit willst abtrünnig machen lassen.

Aber auch der einfältige Glaube eines vereinsamten Pilgrimes dieser späteren Tage könnte bei dem Anblick des Kalykadnus, in der Ebene von Seleucia, oder des Feldes der Disteln und Dornen, im Osten des Thabor zwar nicht abtrünnig werden und fallen, doch fast strauchlen oder erschrecken. War es nicht dort, am Kalykadnus, wo der Sieger bei Iconium, der Held, nicht bloß der Schlachten sondern des Glaubens, Barbarossa seinen Lauf endete, wenige Tage nach dem durch seine Hand dem Reiche der Christen ein neues, großes Heil aufgieng? Schon am 10ten Juni 1190 erlosch hier die Flamme des in keinem Kampfe besiegten Feuers, das wie die aufgehende Sonne dem geheiligten Lande einen neuen Tag zu bringen schien, in dem Wasser eines Bergstromes. Und da, am Fuße des Thabor, auf dem Felde bei Hittin, war schon einige Jahre früher die Palme des Sieges, die der Christenglaube unter Strömen des edelsten Heldenblutes im Lande der Verheißung aufgepflanzt hatte, wie durch einen Sturmwind entwurzelt und dahingerafft worden. Was wollte dieser richterliche Ernst, was wollte die allvernichtende Strenge bei einem Werke, das wenigstens im Glauben begonnen, wenn auch nicht in der Weise jenes Glaubens dessen erste Früchte Demuth und Liebe sind, fortgeführt war?

Man erzählt von einer Schaar von Schiffbrüchigen, welche schon im Anblick des heimathlichen Hafens ein Sturm ergriff, der das Fahrzeug zertrümmerte und den mit Noth Geretteten nur das nackte Leben ließ. Während die andren Alle jammerten und klagten, weil sie den mühsamen Erwerb der ganzen Fahrt und langen Arbeit der Reise verloren hatten, blieb nur Einer unter ihnen, ein Jüngling, ruhig und fröhlich. Der Zweck meiner Fahrt, so sprach er, war es, von einem weisen Manne des fernen Landes ein sichres Heilmittel zu erfahren gegen die lange, schmerzliche Krankheit meiner Mutter; diese Gabe ist mir geworden, und sie ist mir nicht zugleich mit den Waffen, Kleidern und andren Gütern im Meere versunken, denn ich trage die Kunde des Heilmittels für die kranke Mutter ~in mir~. -- Auch der scheinbar vergebliche Kampf der abendländischen Christenkirche um die äußere Weihe, die an geheiligter, sichtbarer Stätte empfangen werden sollte, hatte in ihren Gliedern die Kraft einer innren Weihe geweckt, die an unsichtbarer Stätte ruhet. Wie im Wasser des Jordans, das ein Pilgrim aus dem heiligen Land brachte, der neugeborne, künftige Herrscher eines Landes; so ward in dem Feuer, das die Kreuzzüge entzündet, der Geist jener neuen Zeit getauft, welche seitdem über dem Occident aufgieng. Die Begeistrung welche den Heldenlauf nach einer äußren Palme des Sieges zu dem Lande des Aufganges gelenkt, blieb in den Völkern des Abendlandes wach und erhub da ihr Auge nach einem andren, überall nahen, ewigen Osten. Ihre Stimme, eben so mächtig als Gottfrieds und Balduins und Barbarossa's Schlachtruf, wird nicht nur in Dantes Gesängen vernommen; das Wehen ihres Panieres wird nicht nur in Cimabue's und Giotto's Meisterwerken bemerkt: sondern ihr Bewegen drang bis in die innersten Tiefen des Reiches des Geistes, bis zu dem Quell des Lebens, das aus dem Glauben kommt. Wenn auch seit der Schlacht von Hittin die Schlüssel zu jenem Jerusalem, welches irdisch und sichtbar ist, verloren giengen und die fast sichere Hoffnung, sie wieder zu gewinnen mit Barbarossa am Kalykadnus dahin war, so behielt doch das christliche Abendland die Schlüssel und das Herrscherrecht für ein andres höheres Reich, für jenes des geistigen Erkennens und Strebens, welches keine rohe, leibliche Uebermacht seitdem ihm zu entreissen vermochte. Denn das Banner dieser Macht ist mit dem Wort vom Leben zugleich ausgegangen aus dem Abendlande nicht nur bis zum Thabor und Hermon und Oelberg, sondern bis zu den fernsten Enden des Ostens und Westens; die Christenheit des Abendlandes mit jener der Morgenländer verglichen erscheint noch immer, in all' ihrem selbst verschuldeten Elend als eine wachende und lebende, gegen eine schlafende oder erstorbene. Der junge Adler, wenn ihm auch die Hirten des Feldes die Beute seines ersten Ausfluges entrissen, hat doch seitdem den Gebrauch der Schwingen zum weitren Auszug über Meer und Länder gelernt.

Eine kindlich fromme Sage, die sich in der Geschichte der Kreuzzüge sehr oft wiederholt, erzählt von Erscheinungen einer Schaar von weißen Rittern; himmlischer Streiter, welche aus der oberen Welt des Sieges und der Kraft dem Heere der christlichen Kämpfer dann zu Hülfe kamen und seine sinkende Kraft von neuem belebten und stärkten, wenn die Noth am größesten war, ja wenn der Untergang unvermeidlich schien[131]. In dieser lieblichen Sage spricht sich der Glaube aus an einen Bund der Seelen, welche hinübergiengen zu der Stätte des ewigen Friedens, mit jenen, die noch auf dem mühevollen Pilgerwege nach jener oberen Heimath sind. Es giebt Mächte der oberen Welt, welche für das Reich wirken und streiten, wie Mächte der unteren; es giebt eine Gemeinschaft der Heiligen deren lebende Glieder nicht Alle das vergängliche Leben des Fleisches leben. Der Tod wie das Unterliegen auf einer niedreren Stufe des Seyns, wird zu einem Aufleben und einem Siege in dem höheren Reiche; der sterbende Glaubensheld weckte nicht nur öfters durch sein Sterben in den Seelen seiner Mörder ein neues, höheres Leben, sondern in dem Augenblick wo ihn das Schwert der Feinde aus dem Dienst eines sichtbaren Banners der Streiter für das Reich hinwegriß, trat er in die Reihen der Streiter, die unter dem Schirm eines unsichtbaren Banners ohne Aufhören Triumphe feiern. Welche große Zahl der vollwichtigen Garben aus der Mitte des Unkrautes, zur Zeit der Kreuzzüge in die ewigen Scheuren gesammlet wurden, das soll uns einst der große Tag der Erndte lehren. Der Glaube welcher nicht nur für das eigne Leben, sondern für das Leben Aller ringt, welche Glieder sind an dem einen, lebendigen Haupte, hat auch damals die Keime einer Palme in den mit Blut befruchteten Grund gelegt, deren eigentliche Wurzel, umgekehrt wie die Gewächse der Sichtbarkeit nicht in dem irdischen Boden, sondern in dem Reiche der oberen, himmlischen Kräfte stehet, während die Zweige, mit ihren Blättern, die zur Gesundheit der Heiden dienen, hinaus ragen in das Reich des leiblich-sichtbaren Lebens.

Wem sollte nicht gerade hier auf dem Berg der Berge, auf dem Gipfel des Thabor der Gedanke an ein beständiges Naheseyn des Himmlischen und Göttlichen bei dem Leben der Mühe und der Grabstätten, sich aufdringen? Moses und Elias, in ihrer Mitte Er selber welcher eher war denn beide, lassen da noch fortwährend einen Strahl jenes Entzückens auf die Seele, auch des ärmsten Jüngers fallen, das hier an dieser Stätte einst Petrum und Johannem und Jacobum ergriff; die Stimme aus der Wolke: »den sollt ihr hören« bezeugt sich da noch immer durch innre Bewegungen und Kräfte, welche in das selige Seyn der Ewigkeit hinüberragen.

»Ja, hier ist gut seyn« so rief auch der Mund noch einmal aus, als das Auge von einem Ende des hehren Gesichtskreises: von Judäas bis zu des Libanons, von Gileads bis zu des Carmels Höhen sich ergangen hatte, und des Sehens nimmer satt den Lauf immer von neuem begann und fortführte. Mich wandelte ein Sehnen an, mit dem einsamen Syrischen Christen nicht bloß noch Stunden, sondern Tage und Wochen auf dem Berge zu bleiben.

Von Zeit zu Zeit aus der weiteren Aussicht zurückkehrend, besahen wir uns auch das, was hier näher vor Augen und zu unsern Füßen lag. Diese Mauern, die noch jetzt in bedeutender Stärke eine Schutzwehr des steilen Abhanges bilden, mögen wohl noch zum Theil ein Rest der Befestigungswerke seyn, welche Josephus, der Geschichtsschreiber, im Kampfe für sein Volk, hier, am Itabyrion gegen die Macht der Römer anlegte und in vierzig Tagen vollendete. Ein Werk der gesegneten Hand die in Palästina überall »Erbauung« zu stiften bemüht war, die Kirche der drei Apostel Petrus, Johannes und Jacobus erstund schon in den Zeiten der Kaiserin Helena auf dem Thabor und damals hatte sich um diesen Tempel eine kleine von Christen bewohnte Stadt angebaut. Mönche aus dem Griechischen Orden der Basilianer haußten später in dem Kloster des heiligen Elias; Mönche aus Clugny begründeten das Kloster der Abendländischen Christen. Die Letzteren hatten ihr Haus der Höhe nur wenige Jahre bewohnt als im Jahr 1113 auf das Gebot des Sultans von Damaskus ein Heer der Sarazenen ins Land kam, das seine Gräuel der Verwüstung auch über den Berg der Verklärung ausschüttete, dessen Kloster es verheerte und die Mönche ermordete. Vier und siebenzig Jahre nachher, im Jahr 1187, drei Tage vor der unglücklichen Schlacht von Hittin ward dieser hehre Thabor mit dem Nachbarlande zugleich zu einem unheildrohenden Vorzeichen für das Reich der Christen, denn auch seine Friedenswohnungen hatte damals die Mordfackel der Feinde entzündet. Dennoch war die Wetterwolke die sich im Frühling (April) des Jahres 1263 am Thabor aufzog noch ungleich furchtbarer als die, welche der edle Held Saladin über das Land führte. Denn damals ließ Sultan Bibar, dem jede Schonung aus Edelmuth fern war, die schöne Kirche auf dem Thabor, gleich jenen zu Nazareth und zu Cabula von Grund aus zerstören und bald nachher erhub sich der Wüthrich mit seinem Heer vom Fuße dieses Berges, wo für einige Zeit sein Lager war, und erfüllte das Land bis zum Ufer des Meeres mit Strömen des unschuldig vergossenen Blutes der Christen, wie mit Flammen und Trümmern der Städte und Dörfer. Seitdem hat der Glaube der Christen ferner keine Tempel von Menschenhänden gemacht und keine Wohnungen der Andacht auf dem Thabor begründet, nur jährlich einmal versammlet sich ein kleines Häuflein der Lateinischen Christen zu dem Gottesdienste, welchen die Franziskaner aus Bethlehem in einer Felsenhöle halten, die sie zur Capelle geweiht haben; einige hundert Schritte von da begehen, in größerer Schaar, die Griechischen Christen des Landes das Fest der Verklärung.

* * * * *

Wir hatten uns fast fünf Stunden auf dem Gipfel des heiligen Berges verweilt; sie waren uns vergangen wie fünf Minuten. Der Syrische Christ hatte meine Gefährten zu einer Art von natürlicher Cisterne: einer Eintiefung im Felsen geführt, deren Wasserspiegel (denn wir hatten nichts zum Schöpfen) nur durch einen kühnen Sprung zu erreichen war. Durch das Feld des verwilderten Roggen (wenigstens herrscht diese Getraideart hier wie in einigen Stellen der Ebene Esdrälon an Menge über den Bartwaizen vor) und die Gebüsche des blühenden Storax, die Hände erfüllt mit Sträußen der Blut-Immortelle und andrer, seltnerer Pflanzen des Landes zogen wir fröhlichen Herzens wieder hinunter nach Daburah, aus dessen von Bienen wie von Kühen (die da ihren Stall haben) bewohnten Felsenhölen auch noch für uns heute die Segnungen des gelobten Landes, Milch und Honig floßen. Die christliche Sage des Landes will, daß hier bei Daburah die Stätte gewesen sey an welcher der Herr als er mit den drei zu Zeugen erwählten Jüngern vom Berge wieder hinabkam, das Gedränge des Volkes um die andren hier zurückgebliebenen Jünger versammelt fand, unter ihnen den Vater mit dem mondsüchtigen Sohne, dessen Leiden der noch schwache Glaube der Apostel nicht zu überwinden vermocht hatte.

Ich machte, mit einem der jungen Freunde (mit Herrn Franz) auch den Heimweg nach Nazareth wieder zu Fuße, und wir kamen früher zum Ziele als die auf Maulthieren reitenden Gefährten. Wen sollten die Stunden eines Frühlingstages, zugebracht auf dem Thabor, nicht verjüngen und anziehen, nach seinem Maße, mit Kräften des Adlers, »der wieder jung wird.« Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch gemeinsam beim hellen Schein des Mondes, der fast voll war, im blumenreichen Thale von Nazareth, am Brunnen der Maria. Zwar erinnert in diesem Städtlein noch immer die kleine Moschee mit dem Minaret, der neben ihr wie ein dürrer Stab emporraget, an die Herrschaft des Islams, doch ist diese in unsern Tagen eine ungleich mildere und leichtere geworden als sie in den Zeiten der früheren Reisenden war. Der Christ wandelt jetzt bei Tage wie bei Nacht mit Sicherheit in einer Gegend, deren Bewohner ihrer vorherrschenden Zahl nach Genossen oder Mitbekenner seines Glaubens sind und auch die hiesigen (wenigen) Mohamedaner leben in gutem Einverständniß mit den Christen.

Es sollte in diesem Lande jeder Tag für uns ein neues Fest werden, auch der Donnerstag (20ste April), an welchem wir die Reise nach dem majestätischen Carmel antraten, ward uns ein solches Fest. Wir verließen Nazareth eine halbe Stunde nach sechs Uhr, unser Führer war heute der freundliche Pater Giulio, ein Italiener. Der Weg führte uns an dem Abhange des Bergkessels, der das Thal von Nazareth im Westen umschließet, hinan; nach einer halben Stunde öffnete sich uns die herrliche Aussicht in ein andres Thal, in dem wir das, mitten unter seinen Ruinen noch sehr stattlich erscheinende Japhia (Japha) zu unsrer Linken erblickten, bei welchem einzelne Palmen sich erheben. Die hiesigen Christen nennen es St. Giacomo (St. Jacob) weil nach der unter ihnen herrschenden Sage hier der Apostel Jacobus geboren ward. Japhia war noch in den letzten Zeiten des jüdischen Reiches ein so ansehnlicher Ort, daß Josephus der Historiker und Feldherr mit Sorgfalt auf seine Befestigung Bedacht nahm und daß bei der Eroberung der Stadt unter Vespasian 15000 Juden, als Vertheidiger derselben ihren Tod fanden. Näher nach unserm Weg heran zeigte sich ein Dörflein das unser Führer uns Makbey benannte (wahrscheinlich Magidel). Von dem nordwestlichen Bergrand dieses Thales, an welchem er sich hinzieht, steigt der Weg auf eine noch bedeutendere Höhe hinan als die zwischen Nazareth und St. Jacob gelegene ist; nach unsern barometrischen Messungen erreicht dieselbe an dem Punkte den der Weg berührt 1500 Fuß über dem Meeresspiegel. Von hier an ritten wir in ein enges Thal hinab, dessen Bergabhänge von Gebüsch und Bäumen bekleidet waren, dessen Grund voll der mannichfaltigsten Gewächse grünte und blühete. Auf dieser zeigten sich (vor allem auf den Blüthen des +Carduus leucographus+) die smaragdgrünen Cetonien mit gluthrothem Halse (+Cetonia ignicollis+) in Menge. Auch eine große Schlange, wie es schien vom Geschlecht der Schlinger (+Eryx+), ward gesehen; der gute Pater Giulio, der sie für giftig hielt, wehrte meine jungen Freunde von ihrem Fange ab. Wir traten jetzt abermals in jenes Gefilde ein, das durch seine Fruchtbarkeit noch Zeugniß giebt von dem was Palästina vormals war, und was es im Strahle des Segens, von welchem Alles Gedeihen kommt, von neuem werden könnte. Felder voller Getraide und Hülsengewächse, auch Baumwolle, sie alle nur nachlässig gepflegt, künden durch den üppigen Wuchs ihrer Pflanzungen den reichen Ertrag an; kleine Bächlein und Wassergräben durchziehen das grünende Gefilde, das verhältnißmäßig mit vielen Ortschaften bebaut ist. In einem Dorfe (Geida?) das statt der Mauern die natürliche Schutzwehr der stachlichen Opuntienfeigen umgiebt, hielten wir an, um uns an dem Frühstück der sauren Milch zu erquicken. Es sah vor und in den Häußern so staubig und schmutzig aus, daß wir uns nicht entschließen konnten einen Fuß auf den Boden zu setzen; wir genossen unsren Labetrunk auf dem Sattel sitzend. Desto wohler wurde es uns da wir jenseit der Felder von Geida, das auf einem niedrigen Hügel liegt, wieder hinabkamen in das fruchtbare Gefilde und noch mehr da wir aus diesem hinanstiegen auf den grünenden Höhenzug, der von Ost gegen West durch das Land streicht. Gegen den Carmel, mit dessen Richtung die seinige fast einen rechten Winkel bildet, ist dieser Hügelrücken der jüngeren Anschwemmungen freilich nur sehr niedrig; gegen die Ebene der Meeresküste aber so bedeutend, daß sich auf seiner Höhe eine unvergleichlich schöne Aussicht eröffnet. Das Meer nordwärts von Kaipha erscheint hier so nahe, daß wir wähnten wir würden es schon gegen Mittag erreichen, später fanden wir jedoch daß der Taglauf von Nazareth nach Kaipha auf der Höhe von Tell Scheik Beraik noch nicht einmal halb vollendet war, denn wir hatten bis hieher, mit dem kurzen Aufenthalt in Geida nur 31⁄2 Stunden Zeit gebraucht; von der Höhe aber durch die Ebene des Kison bis nach Kaipha dehnte sich der Weg, allerdings durch viele Krümmungen, welche der Lauf des Wassers nöthig machte, noch über fünf Stunden aus.

Ein Wald der Eichen, welche freilich nicht so dicht stehen wie in den heimatlichen Wäldern, und die von ungleich niedrigerem Wuchse sind als die Edel- und Steineiche des deutschen Vaterlandes[132], gewährt manchem Vogel einen bequemen Wohnsitz. In ganz besondrer Menge sahen wir hier die Mandelkrähe (+Coracias garrula+) deren blauliches Gefieder, wenn sie in den Zweigen der Bäume ruhete oder über den Hügel flog, im Widerschein der Sonne einen angenehmeren Eindruck aufs Auge als das Geschrei der Alten und Jungen auf die Ohren machte.

Da lag denn die grasige Ebene des Kison und jenseits derselben der vielgipfliche, von hundertfältigen größeren wie kleineren Schluchten durchzogene Carmel vor uns. Dieser ist nicht so kahl wie die Gebirge von Judäa, sondern an vielen Stellen von dichtem Gebüsch und Bäumen bedeckt, dabei reich an Quellen. Aber selbst in diesem Gewand des Lieblichen und der Fülle erregt dieser majestätische Berg durch seine Klüfte, Höhlen und Felsenzinnen in dem Wandrer, der ihn zum ersten Male sieht, ein Gefühl in welchen sich Bewundrung und Furcht vermischen. Es ist als hätten sich durch diese unzähligen Spalten Kräfte und Mächte der dunklen Tiefe den Weg heraus ans Tageslicht gebrochen; ein ganzes Heer der Feinde wie der Schrecknisse der Natur vermöchte in diesen Felsenklüften sich zu verbergen. In andrer Weise zwar als der Sinai könnte auch gleich diesem der Carmel sich zu einem Aufenthalt solcher Einsamen eignen, welche an sich und Andren das Werk des innren Lebens mit »Furcht und Zittern« schaffen. Der merkwürdige Berg spricht, statt in Worten, in der Zeichensprache seiner Gestaltungen den Inhalt des alten Liedes aus »Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.«

Unten im Thale des Kison weideten mehrere ansehnliche Heerden des Viehes; der Stier ist hier von ungleich bedeutenderer Größe und Stärke als in Judäa. Der Weg, welchen Anfangs unsere Mucker durch das hohe Gras einschlugen, zeigte sich wegen des tiefen Sumpfes zu dem er uns führte, in dieser Jahreszeit noch ungangbar; weiter hinabwärts setzten wir ohne Schwierigkeit über den Kison, der hier kaum vierzig Fuß Breite und dabei doch nur eine Tiefe von drei bis vier Fuß hat, so daß das Wasser unsern Maulthieren nur an den halben Leib gieng. Wir nahmen jetzt den Weg ganz nahe am Fuß des Carmel hin. Da, wo ein starker Quell des reinen klaren Wassers wie ein Bach aus dem Felsen hervordringt, ist die Stätte, an welcher Elias »der Eiferer um den Namen und die Ehre Jehovahs« die Baalspfaffen schlachtete; weiter am Berge hinan, in einer grünenden Schlucht wird die Stätte gezeigt, wo nach der Sage des Landes jener Altar des Herrn stund, der zerbrochen war und den Elias heilte; nicht weit davon die Stätte des andern Altares der durch König und Volk dem Baal geweiht war. Ein Nachhall jenes richterlichen Ernstes, der einst am Sinai mitten unter die Tanzenden um das goldne Kalb trat, wird, wie ein Donner im Gebirge auch in der Geschichte des Carmel vernommen. Möchten doch hieher treten und schauen alle Die, deren Gott Baal, das große Licht, weder Feuer noch Leben hat, möchten sie es versuchen und anrufen den Namen Baals von Morgen an bis an den Mittag und um den Altar hinken den man gemacht hat; möchten sie, wenn sie erfuhren daß da keine Stimme ist nach Antwort, zu ihrem Gott welcher meditirt (dichtet)[133] noch lauter rufen und mit Steinen sich ritzen oder auch als Hellseher weissagen bis zur Zeit des nahen Abendes. Möchte es aber auch dann, wenn sie Baals Kräfte recht kennen lernten, ihnen, seinen Priestern, eben so wie allem Volke vergönnt seyn daß sie hinzugerufen würden zu dem Altar, bei welchem sie erführen daß Er, der Herr, Gott ist, und bei welchem ihr Herz wieder zurückgewendet würde zu Ihm. Denn siehe, ob auch in den Zeiten des Ahab Elias noch allein übrig war ein Prophet des Herrn, und der Propheten des Baal waren vierhundert und funfzig, jener der Astarte aber vierhundert Mann, dennoch bekannte Er, der Gott Abrahams, Isaaks und Israëls sich zu der Hoffnung und dem Vertrauen dieses einsam Zurückgebliebenen; die Antwort auf die Stimme des Glaubens, die nicht zu menschlichen Götzen, sondern zu Ihm, dem lebendigen Gott gen Himmel schriee, war ein Feuer welches das Brandopfer des Altars wie alle Herzen des Volkes entzündete; ein Feuer das weder Baal, der Gott des Dichtens noch der des Meditirens zu geben vermag.

Da waren wir denn endlich, freilich um mehrere Stunden später als uns die Aussicht vom Tell Scheik Beraik es zu verheissen geschienen hatte, in Kaipha, der Küstenstadt am Ufer des Meeres, am westlichen Fuße des Carmel, auf dessen Abhange das Kloster der Carmeliten schon von ferne her sichres Obdach und gastliche Aufnahme verheißet. Der abendländische Fremdling erkennt in diesem schmutzigen, armseligen, allerdings noch ummauerten Oertlein kaum noch die Spuren jener für die fränkischen Christen so wichtigen Feste, welche der edle Tankred, in Gesellschaft des Löwenwürgers Wicker aus Schwaben im Jahr 1100 mit so kräftigem Anlauf erobern mußte. Es ward dieses glückliche Ereigniß den christlichen Kämpfern, gerade in der Zeit, in welcher die Nachricht von Gottfrieds von Bouillon Tode sie tief gebeugt hatte, zur besondren Stärkung; in unsren Tagen wäre das Hinwegnehmen dieses Oertleins von so geringer Bedeutung, daß es kaum für den Verlust eines einzelnen Kriegsschiffes entschädigen könnte. Wenn Kaipha derselbe Ort ist, den uns Hieronymus in seinem Onomastikon bei der Erläutrung des Wortes Japhet nennt, dann würde dasselbe aber so wie Jaffa oder Joppe an jene alte Sage erinnern, daß Japhet, der Sohn Noahs hier, in dieser Gegend der Küste Wohnungen für die Seinen begründete; wurde doch Joppe, eine der Nachbarinnen von Kaipha, selbst von den heidnischen Schriftstellern für älter gehalten als die Zeit der großen allgemeinen Fluth[134]. Wir lassen dem freilich ansehnlicheren Jaffa so wie dem unansehnlichen Kaipha sehr gerne jeden Ruhm der Alterthümlichkeit, den, vielleicht mit Recht, jede wohl gelegne Küstenstadt dieses Landstriches sich zueignen könnte, bekennen aber zugleich daß auf uns dieses Jüdische Gaba und Griechische Porphyreon, so gut auch noch sein Hafen und so viel besser gelegen als selbst der von Akko (Ptolemais) er seyn möge, nur den Eindruck einer zerrissenen, von Würmern und Motten zerfressenen Ritterfahne machte, dergleichen man als vormaliges Siegeszeichen in mancher unsrer alten, heimathlichen Kirchen aufgepflanzt sieht.

Da wir uns hier zum ersten Male, seit langer Zeit, wieder in einer Küstenstadt sahen, die mit den Europäischen Seestädten in fortwährendem Verkehr steht, da wir überdieß schon im Türkischen Bazar Englischen und Italienischen Seeleuten begegneten, welche dort in und außer den Kaffeehäußern sich herumtrieben, hofften wir etwas voreilig in Kaipha alle Mittel zur anständig Europäischen Befriedigung des Hungers und Durstes zu finden, die uns weniger um unsert- als um des freundlichen Padre Giulio willen erwünscht gewesen wären. Der Grieche aber, bei dem wir in der Nähe des Arsenals (?) einkehrten bot uns statt des Weines ein aus verdorbenem Traubensaft und mancherlei Zusatz bereitetes Getränk, dabei zur Speise faulich schon von ferne riechende, noch übler aber in der Nähe schmeckende gesalzene Fische und eine Art von Käse dar, bei welcher es ungewiß erschien ob sie zu den uralten, merkwürdigen Versteinerungen des Carmel gehöre, oder ein, seit den Zeiten der Menschen bereitetes Ding sey.

Der Weg nach dem Kloster am Carmel, unter dessen Dache, sobald wir Kaipha gesehen hatten, wir nach dem Rathe des Padre Giulio die Nachtherberge zu suchen beschlossen, ist auf Europäische Weise zum Aufsteigen erleichtert, und führt ziemlich bequem am Abhange des Berges hinan. Zur Linken hat man die öfters von Höhlen durchzogene Felsenwand des Meeres, zur Rechten die herrliche Aussicht nach der Kisonsmündung und nach dem uns heimathlich ansprechenden, darum sehr lieben, Mittelmeer.

Wer sollte nicht überrascht werden, wenn er da, am Abhange des majestätisch-erschrecklichen Carmels das überaus schöne neue Kloster der gastfreien Mönche sieht, und noch mehr, wenn er in sein Innres hineintritt. Freilich hat schon von selber, hier an seinem westlichen Abhange nach dem Meere hin, der hehre Berg alle Mienen des richterlichen Ernstes abgelegt; er erscheint daselbst wie ein vormals furchtbares Schwert, dessen Eisen durch die Hand des Friedens in nutzbare Hacke und Pflug umgewandelt wurde; aber bei alle dem hätten wir in der vor wenig Jahren noch so armen Behausung der Carmeliter keine solche heimathlich bequeme und vornehme Einrichtung erwartet, als wir da wirklich vorfanden. Das neue Klostergebäude, damals, wo wir es sahen, noch nicht ganz vollendet, gleicht einem jener reichen, zu ähnlichem Zweck bestimmten Gebäuden, dergleichen sonst in unserm deutschen Vaterlande so viele waren; es erinnert an irgend eines jener nun verlassenen Klöster, wie Banz, wie Triefenstein, wie Pollingen gewesen sind. Dieser äußre Wohlstand ist nicht durch große Geschenke aus dem Abendlande, oder durch bedeutende Fonds, die etwa das noch immer nicht sehr reiche Kloster besäße, begründet worden, sondern vor allem durch die kluge Anwendung, welche der treffliche, haushälterische, geistvolle Padre Matteo eine Reihe von Jahren hindurch von den auswärtigen Gaben, so wie von den Vergünstigungen machte, die Ibrahim Pascha den Mönchen gewährte. Ein Saal, wie in einer unsrer gefürsteten Abteien, Zimmer, die auch für anspruchsreichere Gäste aus den höheren Ständen nichts zu wünschen übrig lassen, dabei eine Küche, welche die Fülle der Naturerzeugnisse die das benachbarte Meer und das fruchtbare Thal alltäglich darbieten, aufs Beste zu benutzen weiß, sind Vorzüge des Klosters auf dem Carmel, worin kein andres Kloster von Syrien ihm gleichkommt, und welche schon manchen reichen Gast aus England und Frankreich hieher gezogen haben. In der That, ich wüßte keinen Ort, den ich Reisenden, welche aus den gemäßigteren oder nördlicheren Gegenden von Europa nach Palästina kommen, so vorzugsweise zu ihrem ersten Aufenthaltsorte empfehlen möchte als das Kloster am Carmel. Seine Lage, in mäßiger, freier Höhe, welche der kühle Luftstrom vom Hochgebirge des Libanon und Antilibanon auch in der heißen Zeit des Sommers, abwechslend mit dem erfrischenden Seewinde besucht, das reiche Grün der neuen Anlagen und die Vortrefflichkeit des Wassers macht diese schöne Pilgerherberge der Lateinischen Christen so gesund, daß man selten, auch in den Jahreszeiten der bösartigen Fieber, von Unpäßlichkeiten der Bewohner des Carmels hört. Ja die Kranken aus der sumpfreichen Ebene genesen und erholen sich bald wieder, wenn sie auf einige Zeit auf die Höhe des Carmel ziehen, welche außer den andren Vortheilen, wodurch sie zu einem Pflegehaus sich eignet, auch den gewährt, daß sie ein Gewürzgarten oder eine Apotheke der Natur ist, dergleichen wenig andre gefunden werden. Denn die Flora des Carmels ist eine der reichsten und mannichfaltigsten, welche in diesen Gegenden vorkommt, weil sie die Formen des Gebirges mit jenen der Thäler und des Meeresstrandes vereint[135] und eben so regt sich in dieser vielartigen Blumenwelt eine solche Menge der selteneren, buntfarbigen Insekten, daß der Sammler hier ein ganzes Jahr hindurch eine reichlich lohnende, anmuthige Beschäftigung finden würde.

Das Kloster des Carmel liegt nach unsern barometrischen Messungen nur 582 Fuß über dem Spiegel des Mittelmeeres, am nordwestlichen Abhange des Berges, der sich von dort an vielleicht noch einmal so hoch, bis an 1200 Fuß und darüber erheben mag. Die Aussicht ist nur gegen Südost und Osten durch die vorstehende Höhe beschränkt; nach Norden und Nordosten zeigen sich die schneebedeckten Gipfel des Libanon und Antilibanon, nach Westen hat man das Mittelmeer, in Süden die Ebene der Meeresküste bei Atlit und gegen das Gefilde von Cäsarea hin vor Augen. Am anziehendsten ist der Anblick der Bucht, die sich gegen Akre (Ptolemais) hinzieht und jener der grünenden, fruchtbaren Abhänge des Libanon welche weiter in Norden zum Meere sich senken. Akre liegt so nahe vor Augen, daß man seine Mauern, ansehnlicheren Gebäude und die Mastbäume der Schiffe im Hafen unterscheidet und das kleine, in seiner Wirkung treffliche Frauenhofersche Fernrohr, das wir bei uns trugen, ließ uns bei der Betrachtung jener merkwürdigen Stadt noch mehr ins Einzelne gehen.

Der Abend, in solcher Gegend, war auch für das schönste Gebäude der Erde zu schön, er wollte im Freien genossen seyn. Unsre kleine Reisegesellschaft trennte sich, zur bessren Durchmusterung der Gegend in mehrere kleine Abtheilungen, deren eine ich selber, in Gesellschaft meiner Hausfrau bildete. Wir besahen uns zuerst das ansehnliche Gebäude, das in der Nähe des Klosters am Bergabhange steht und welches Ibrahim Pascha den Mönchen des Carmel zur besseren Aufnahme und Versorgung der Pilgrime, so wie im Nothfall der Kranken geschenkt hat. Eine kleine, damals noch jugendliche Anlage von Bäumen und Gebüschen, weiterhin Gärten und Weinberge breiten sich über den Berg aus; die scheinbare Leichtigkeit, mit welcher die eine der grünenden sanftabfallenden Schluchten nach dem Meer hinabzuführen versprach, verleitete uns nach ihr den Weg einzuschlagen. Ich hätte gerne wenigstens den langsameren, für den Sammler umgänglicheren Bewohnern der Meeresbucht, den Schnecken und Muscheln einen Besuch gemacht, weil mich schon der Name Porphyrion, womit die Griechen die Stadt Kaipha benannten, zu der Vermuthung berechtigte, daß hier in der Nähe wenigstens die gemeinste Purpur gebende Schnecke, die +Janthina fragilis+ häufig seyn müsse. Wir stunden indeß bald von unsrem Vorhaben ab als wir fanden, daß der gewählte Weg weder so bequem noch das Meer so bald erreichbar sey, als von oben es geschienen. Desto mehr vergnügten wir uns dann oben, in der Nähe des Klosters, mit dem Fange eines seltnen, häufig an den Blumen sitzenden roth und schwarz gestreiften Käferleins, das zum Geschlecht der Hoplien gehört.

Die Sonne senkte sich in das ruhige Meer, der Vollmond stieg über dem Gebirge auf; wir begaben uns zu unsrer Gesellschaft in das schöne, gemeinsame Gastzimmer, wo uns die guten Väter außer dem trefflichen Abendessen, dergleichen wir seit unsrer Abreise aus Aegypten noch keines genossen hatten, auch noch durch ihre muntere, lehrreiche Unterhaltung sehr vergnügten. In dem Zimmer das für mich und meine Hausfrau zur Nachtruhe bestimmt war, bewunderte ich die lange nicht gesehenen beiden Himmelbetten, die schönen Vorhänge, das Sofa und alle Gegenstände der gewöhnlichen Europäischen Bequemlichkeit wie ganz außerordentliche Erscheinungen. Sie bildeten mit den Umgebungen in denen wir uns nun seit etlichen Monaten befunden hatten einen so auffallenden Contrast, daß sie uns ganz wie neu erschienen. Eine Augenlust andrer, höherer Art hätte ich jedoch heute noch genießen können und sollen, wenn ich, wie schäme ich mich das zu bekennen, daran gedacht hätte. Es trat heute eine totale Mondfinsterniß ein, freilich für die Gegend des Carmels etwas später (der Tageszeit nach) als für unser deutsches Vaterland. Zwar war ich mit keiner hinlänglich zuverläßigen Uhr noch mit andren Apparaten zur Benutzung dieses Ereignisses für geographische Ortsbestimmung versehen, und die Ermüdung durch die mancherlei Anstrengungen des vorhergehenden Tages war groß, dennoch würde die Betrachtung einer solchen, auf mich jederzeit mächtig wirkenden Erscheinung, hier am Carmel von ganz besondrem Interesse gewesen seyn.

Das erste was uns an dem herrlichen Morgen, Freitags den 21sten April, ins Auge fiel war das von der aufgehenden Sonne beleuchtete Meer, über dessen Fläche Schiffe, in vollen Segeln dahinzogen. Bei diesem Anblick mischte sich der Zug des Verlangens nach der lieben Heimath mit jenem der uns noch an dem werthen Lande fest hielt. Es giebt indeß eine Heimath die überall nahe und leicht zu finden ist, auf den Höhen des Carmels eben so wie in der Nachbarschaft der Bayerischen Alpen und des Fichtelgebirges; so oft man in diese Heimath eintritt hat man alle die Seelen bei sich deren man gern gedenkt.

Wir hatten schon gestern die Kirche des Klosters und die zu ihr gehörigen Stätten gesehen, welche die christliche Andacht hier verehrt. Das Gebäude ist einfach und schön; die kleine Kapelle in der wir der Morgenandacht beiwohnten ist unter der Ebene der neuen Hauptkirche, in einer vormaligen Felsengrotte; das Marienbild am Altar der oberen Kirche ist sehr kunstreich aus Holz geschnitzt, ungleich höheren Kunstwerth hat aber ein andres, von einem Spanischen Meister aus Holz gearbeitetes Werk, das in der Sakristei aufbewahrt wird. Es stellt dieses den Elias dar, mit einem Flammenschwert in seiner Rechten, das gegen einen Baalspfaffen gerichtet ist, der zu den Füßen des Propheten liegt. Der Ausdruck des edlen Zornes und göttlichen Eifers im schönen Angesicht des Elias bildet einen auffallenden Contrast mit jenem der gemeinen Wuth und der Verzweiflung im Angesicht des falschen Propheten. Außerhalb dem Klostergebäude wird noch eine andre Grotte, als die Wohnstätte des Elisa gezeigt, in welcher die Sunanitim, gebeugt von mütterlichen Jammer über den Tod des Sohnes den Mann Gottes aufsuchte[136].

In Gesellschaft eines ortskundigen in der Geschichte des Landes wohl erfahrenen Mönches bestiegen wir jetzt das platte Dach des Klosters und genossen da noch einmal der hehren Aussicht. Gegen Norden gewendet steigt der Blick von den Alpenhöhen des Libanon herab über die herrlich grünende, Tyrische Leiter (am Abhange des Gebirges) bis zu dem von Palmen umgebenen Akre (Akko) oder Ptolemais, dessen Geschichte den christlichen Fremdling an so manche Kämpfe der Seinen um die Palme erinnert, obgleich hierbei aus den Strömen des vergossenen Blutes nur geistige wie leibliche Seuchen, keine daurenden Siegespalmen aufgiengen. Zwar die Herrschaft des Heidenthumes, welche hier im Jahr 103 vor Christo, als Ptolomäus Lathurus die Stadt dem jüdischen Reiche entriß sich festsetzte, wurde später durch den geistigen Sieg des Christenglaubens über die Seelen der Völker verdrängt, doch hatte schon im Jahr 638 Omar der Chalif von neuem das Panier des Islams über Ptolemais aufgepflanzt, welche nun wieder im Munde des Volkes so wie sie anfangs geheißen: Akka, d. h. die Gedrückte und Zerbrochene wurde. Ein Name den sie auch mit Recht führen und behalten mag. Denn obgleich im Jahr 1104, am Feste der Himmelfahrt, nach zwanzigtägiger Belagerung das Heer der Christen siegreich in die Stadt einzog, so ergab sich diese dennoch schon am 9ten Juli 1187, nicht durch Sturm oder Schwert, sondern nur durch Furcht und Schrecken überwunden in Saladins siegreiche Hände. Desto schwerer und langwieriger war der Kampf der Christen vor diesen wohlbefestigten und tapfer vertheidigten Thoren, welche dennoch am 12ten Juli 1191 von neuem ihnen sich aufthun mußten. Schon damals befleckte einer ihrer Helden, Richard Löwenherz den Namen und Ruhm des Christenglaubens durch jene unmenschliche Grausamkeit womit er einige Tausend, ihm auf Vertrag übergebene Gefangene ermorden ließ. Eine That, welche hundert Jahre nachher, als am 20sten Mai der Sultan Malek al Aschraf Akka eroberte durch eine fast dreißigfältige Zahl der gemordeten Christen furchtbar gerochen wurde[137]. Und möchte dennoch der Christ, bei der Geschichte dieses Schreckentages, an welchem der letzte Schatten der christlichen Herrschaft in Palästina vollends sich auflöste, nur die Grausamkeit der barbarischen Feinde, welche nicht wußten was sie thaten, nicht auch die Ruchlosigkeit der eignen Glaubensgenossen anzuklagen haben. Denn in der That wenn irgend eine Stadt, durch das innre Verderben ihrer Menschenseelen dem Gerichte reif erschien, so war dieß das damalige Ptolemais, in welchem die abendländische Christenheit, nachdem jetzt das Werk das ihr in den Kreuzzügen oblag, vollendet war, fast nur noch den verdorbenen Auswurf ihrer Kräfte zurückgelassen hatte: ein Volk unter sich selber uneins und voll Hasses, ohne Treue und Glauben, in alle Laster jenes Heidenthumes versunken, welche es bekämpfte, ja in noch niedrigere und schwerere denn diese. Akka, die Zerbrochene, nachdem sie zur Noth wieder geheilt war, blieb dann in ihrem ungestörten Ohnmachtschlummer, bis sie daraus durch die Einnahme der Türken im Jahr 1517 geweckt wurde. Auch diese Herrschaft saß über dreihundert Jahre auf dem Schatten der alten Größe fest, bis die Aegyptischen Heere im Jahr 1832 die Stadt von neuem verheerten und einnahmen.

Deutlicher noch als Akka oder Ptolemais liegen, vom Kloster des Carmel aus die imposanten Ruinen von Atlit, dem christlichen Pilgerkastell vor Augen. Diese Burg war schon in den ersten Zeiten der christlichen Herrschaft in Palästina, auf einem zwischen Kaipha und Cäsarea gelegnem Vorgebirge, zum Schutz und Dienst der Pilgrime angelegt worden; die Tempelritter hatten darauf den verfallenen Bau im Jahre 1218 wieder erneut, ihn mit festen Mauern und Thürmen umgeben und aufs Tapferste vertheidigt. Atlit nebst Tortosa waren auch später, selbst nach dem Verlust von Ptolemais die beiden letzten Punkte an denen sich das Panier des Kreuzes gegen die Uebermacht der Feinde noch aufrecht erhielt. Doch nur kurze Zeit dauerte dieser letzte Todeskampf der Tapferkeit, denn schon zehn Wochen nach dem Untergang von Akka (am 30sten Juli 1291) ward Atlit, etliche Tage nachher auch Tortosa von dem Häuflein seiner Vertheidiger verlassen, von Aschrafs Schaaren eingenommen und zerstört. Wie ein Heldenleichnam mit zerhauener Rüstung liegt die edle Burg auf ihrem Meeresfelsen da. Einsame Pilger und Seefahrer, wenn sie vom Sturm an diese grünende Küste verschlagen in der Nähe der Ruinen übernachten, vernehmen, wie die Sage des Landes will, das Rauschen des Windes in dem zerrissenen Gemäuer wie ein Geheul oder wie Töne der Todtenklage. Und obgleich das Ohr ähnliche Töne bei mancher alten Bergruine hören würde, wenn der Sturm in hiezu günstiger Richtung durch die Spalten der Mauern streicht, so hat dennoch das Lied der Klage gerade an diese Gegend hin ein größeres Heimathsrecht als an die meisten andern Gegenden der Erde; denn der Carmel setzet diesseits wie jenseits seinen Fuß in Ebenen, da schon manches menschlich Hochanstrebende heruntergesunken ist zur Gleichheit des Bodens aus dem es erwachsen war. Nennt uns doch das Wort eines Sehers der göttlichen Rathschlüsse, eben so wie die Geschichte jenes frommen Königes, in dessen Geist noch einmal, zuletzt, die geistige Herrlichkeit des sichtbaren Königreiches David sich kund that, das Gefilde Megiddo, am Fuße des Carmel so wie Hadad Rimmon als einen vorbildlichen Ort, selbst jener seligen, heilbringenden Klage, die einst in der Stadt der Städte erwachen soll[138]. Ja der Berg von Mageddon oder Megiddo, Harmageddon (der Carmel) soll in der Zeiten fernkünftiger noch einmal ein Ort der Entscheidung werden, bei deren plötzlichem, unvorhergesehenem Hereinbrechen es gut seyn wird, daß Jeder seine Kleider -- das was er empfieng und hat, fest halte[139]. So vermag der Pilgrim die schönen Fruchtgefilde des Carmel nicht zu betrachten, und, so leiblich wohl es ihm hier geworden, sie nicht zu verlassen, ohne einen Stachel der wehmüthig ernsten Erinnerungen in seinem Herzen mit hiwegzutragen, welcher zum Eilen auf dem Wege antreibt.

Der gute, geistvolle Padre Matteo, den Gott noch lange als eine Zierde seines Klosters erhalten möge, war schon gegen sieben Uhr am Morgen, ganz allein (so groß ist jetzt die Sicherheit des Landes) auf seinem treuen Rößlein, statt des Schirmes der Waffen nur unter dem des breitkrempigen Strohhutes gegen die Sonne, mit einem andren, beßren Schirm aber in seinem Herzen fortgeritten nach Beiruth. Auch wir nahmen, eine halbe Stunde nachher von den freundlichen Vätern des Klosters Abschied. Wir verweilten diesmal nicht in dem schmutzigen Kaipha, sondern genossen nur wieder in Geita, das uns von der Herreise bekannt war, etwas Milch. In dem grünenden Gefilde wie in dem Engthale gegen St. Jacob (Japhia) hinauf ergötzte sich unser Auge, das für Dinge dieser Art vorzüglich empfänglich ist, an dem Anblick der zahllosen Schaaren der jungen Immenvögel (+Merops apiaster+), welche, wie es schien, seit wenig Tagen das Nest in den Felsenlöchern verlassen hatten und nun laut jubelnd über uns hinflogen, während das grüne und goldgelbe Gefieder dieser Paradiesesvögel des Westens im Strahl der Sonne prachtvoll erglänzte. Bald nach fünf Uhr am Abend (nach etwa 91⁄2 Stunden vom Ausritt am Morgen) kamen wir nach Nazareth zurück, das uns zwar nicht jene Fülle der Europäischen Bequemlichkeiten, wie das Kloster am Carmel, wohl aber eine noch erquicklichere und friedlichere der Erinnerungen darbot.

Der 22ste April, ein Sonnabend, war in ausschließenderem Maße für den Genuß dieser Erinnerungen bestimmt. Ich brachte, in Gesellschaft meiner Hausfrau die Morgenstunden zuerst am Brunnen der Maria dann aber bei den Höhlengräbern, gegenüber dem Hauße des Joseph zu, wo die Blüthen der Granatbäume so eben ihren Purpurmantel über den goldnen Unterkleid aufthaten und das bleichere Roth des Haleppinischen Cyclamen die Abhänge der Felsen zierte. War nicht vielleicht hier diese Stätte des Ernstes ein Lieblingsort des Verweilens Dessen, Dem das ernsteste Werk des Menschenlebens oblag?

Die Kirche von Nazareth ist zugleich, außer den Zügen ihrer Geschichte, welche nur vom Leben reden, eine Grabstätte manches trefflichen Helden. Unter ihnen nennen wir nur den edlen Ritter Hugo von Tiberias, der, ein Tod der Heiden, denen er Angesicht gegen Angesicht begegnete, bei Cäsarea Philippi, als er dort ohne Panzer ritt, von einem Pfeil der Sarazenen von hinten getroffen und getödtet ward. Auch ist hier das Grab jener Erstlinge unter den heldenmüthigen Schlachtopfern des Jahres 1187, deren verstümmelte Leichname man am 1ten Mai, »an den man sonst Rosen sammlet« vom Schlachtfelde in der Nähe des Thabor aufhub und hier in der Marienkirche beisetzte. Am Nachmittag genossen wir noch, auf einer der Höhen des Thalkessels, der an der Nordwestseite Nazareth umgürtet, einer Aussicht, die bis über den Spiegel des Mittelmeeres reichte.

Reise von Nazareth nach Damaskus.

Sonntags den 23sten April verließen wir die Friedensstätte die uns auf einige Tage so vielfältig erfreut und erquickt hatte. Der Weg führte uns rechts, am Griechischen Kloster vorbei, an dem Gebirge des Kreidekalkes hinan, auf dessen Höhe der schneebedeckte Gipfel des Antilibanon in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen wird. Hinabwärts, auf der Nordostseite des Berges bleibt ein schmales, grünendes Wiesenthal dem Weg zur Linken. Nach drei Viertelstunden, seit dem Aufbruche aus Nazareth kamen wir an dem, von dem letzten Erdbeben ganz zerstörten Raïneh vorüber, bald hernach tief hinab, auf einem beschwerlichen, steinigen Wege, an den Hügel von Cana (in Galiläa) an dessen Fuße ein schöner, von Gemäuer umfaßter reichlicher Quellbrunnen sein Gewässer ergießt. Frauen und Mädchen waren hier mit dem Waschen von Gewändern beschäftigt; weiter hinan am Hügel, im Dorfe selber, herrschte sonntägliche Stille, denn wenn auch der dort wohnende Mensch nicht freiwillig sich und seinem Lande die Ruhe gönnen wollte, so hatte ihm dieselbe dennoch das Erdbeben aufgedrungen, das auch hier, obwohl nicht so allgemein als in Raïneh, ein Brachfeld der Ruinen aus den Menschenwohnungen gemacht hatte. Dennoch, wie ein Vater, der alle seine Kinder und Enkel überlebte, wohnt noch im Munde des hiesigen Volkes die Erinnerung an jene, wenn auch nicht höchste, doch dem Herzen des hilfebedürftigen Pilgrims in der täglichen Noth des Lebens so nahe tretende That des Herrn, durch welche die Hochzeit zu Cana verherrlicht ward. Die Kunde der dort verweilenden Christen wollte noch, unter den Ruinen, die Stätte des Haußes bezeichnen, in welchem der Herr, durch seine Gegenwart ein Fest der Erdenfreuden mit einer Vorahndung der Kräfte der Himmelsfreuden durchstrahlte.

Jenseits Cana wendet sich der Weg nach dem Tiberiassee in ein breites Thal, dessen Bergwände zur Rechten wie zur Linken aus Kreidekalk gebildet sind, während sich in seiner Mitte an vielen Stellen der Basalt, in kleine Säulen gesondert, zeigt. In dem Kalkgebirge sieht man von Zeit zu Zeit natürliche, auch wohl durch Menschenhand erweiterte Grotten. Das grünende Gefilde, das noch jetzt ohne Pflege der Menschenhand, ein Feld der verwilderten Waizenähren, freilich untermischt mit zahllosen Disteln ist, wird von der christlichen Sage als jenes erkannt und verehrt, auf welchem die Jünger am Sabbath Aehren rauften und ihr Korn zur Stillung des Hungers genossen[140]. An einigen Stellen des Weges sieht man den herrlichen Thabor, der sich hier ansehnlich als mächtiger Selbstherrscher über die Ebene erhebt. Nahe zur Linken des Weges stehet der seltsam tafelförmig geformte Berg der Seligkeiten, mit seinen beiden aufwärts gebognen Enden, wie der kleine Thron eines Mächtigen da, dessen Fußschemel der Erde Feste ist. In ihm verehrt die christliche Kunde des Landes jene Stätte, da der Herr zu dem vielen Volke, das ihm aus Galiläa, aus den zehn Städten, von Jerusalem und dem Jüdischen Lande, so wie aus den Gegenden jenseit des Jordans nachgefolgt war von den Seligkeiten sprach, welche den geistlich Armen, den hienieden Leid tragenden, den nach Gerechtigkeit dürstenden, den Barmherzigen und Friedfertigen, denen die reines Herzens sind und welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden in der Ewigkeit der Ewigkeiten aufbehalten sind[141].

Vielleicht daß Viele jener Leidtragenden, welche dort, am Fuße des Berges der Seligkeiten, am 4ten Juli 1187 das Loos traf, daß sie in der Schlacht von Hittin die Hoffnungen ihres scheinbar so wohl begründeten Christenglaubens zu Schanden werden und den Trost ihrer Augen dahin schwinden sahen, jener unvergänglichere, fester stehende Trost ergriff, den die Predigt vom Berge ihren Hörern gab. Wenn man übrigens die Angst und Schrecknisse recht erkennen will, welche hier, auf der Ebene von Hittin, mächtiger noch und furchtbarer als die Geschosse und Waffen der Feinde auf das Heer der Christen eindrangen, dann muß man selber diese Gegend, in der Zeit des Sommers besucht haben. Wir, schon heute, am 23sten April fanden die Hitze in der Vormittagsstunde auf der Ebene diesseits Hittin fast unerträglich. Clarke, der im Juli da vorbeikam, beobachtete selbst im Schatten eine Wärme von 100 Grad Fahrenheit (30° R.), so daß der sonst so unermüdliche Sammler sich zu jeder kleinen Bewegung verdrossen und wie gelähmt fühlte. Und hier auf diesem schattenlosen Felde war es wo in der heißesten Zeit des Jahres (am 4ten und 5ten Juli 1187) das Heer der christlichen Streiter in dem heißen Kampf mit Saladin unterlag.

Und doch war es nicht die Gluth der Sommersonne, es war nicht die Qual des Durstes und des Hungers oder die Ueberlegenheit des feindlichen Heeres was bei den Hörnern von Hittin[142] die Macht des christlichen Königreiches auf immer zerbrach, sondern jenen Kämpfern kam die Stunde des Unterganges, wie Wilhelm von Tyrus schon bei dem ersten, von ihm richtig erkannten Vorzeichen des nahen Unglückes, bei der Niederlage an der Jordansbrücke und der Zerstörung der dort gelegnen Burg durch Saladin (im Spätjahr 1187) sagt, »weil der Herr ihr Gott von ihnen gewichen war«[143]. Hatte doch schon damals der gewöhnlichste, mächtigste Verderber der Menschen und Völker: der Geiz das wohlgerüstete Heer der Pullanen in das Netz der Feinde und des Todes geführt, denn das was die Ordnung des Heeres aufgelöst hatte war abermals nur die Begier nach der Beute gewesen, welche die einzelnen, flüchtigen Schaaren der Türken von sich warfen. Geiz war es und mit ihm der andre mächtige Verderber der Völker, der selbstsüchtige Hochmuth durch welchen der Knecht des Verderbens, der damalige Großmeister der Templer, Odo von St. Amand sich versündigte. Zwar er selber, der Stifter dieses Elendes, ward an jenem Tage gefangen und starb bald nachher, von Keinem der ihn kannte betrauert in den Banden[144]; die Blüthe seiner Ritterschaft mußte die Schuld des Meisters durch den Tod bei der feindlichen Eroberung der Jordansveste büßen, aber dieser Verlust an Heldenblut hatte den sonst so kräftigen, edlen Körper jenes Ritterordens nur geschwächt, nicht, so scheint es, ihn gebessert. Denn sprach nicht selbst ein Tempelritter aus edlem Geschlecht (Robert von St. Alban) noch im Jahr des großen Unglückes (1187) durch seinen Abfall vom Christenthum es aus, daß das äußre Zeichen des Kreuzes nicht vor der innren Feindschaft gegen das Kreuz schütze; war es nicht abermals das hochmüthige Selbstvertrauen eines starrsinnigen Großmeisters der Templer, des Gerhard von Betford, welcher den Untergang seiner Glaubensgenossen herbeiführte und beschleunigte? Denn dieser große Meister in unheilbringenden Werken, dessen Ohr für jeden vernünftigen Rath taub war, hatte schon am ersten Mai hundert und vierzig Ritter und fünfhundert Fußknechte durch seinen unverständigen, planlosen Kampf gegen die Uebermacht der Heiden, im Gefilde Esdrälon auf die Schlachtbank geführt. Das Fußvolk, dem der Großmeister durch übereiltes Voraneilen den Schutz der Ritter entzogen, war zuerst dem Schwert und den Keulen der Feinde erlegen, die Ritter selber durch ihren Führer in einen engen Raum gerathen an dem sie weder gegen die Türken anrennen noch ihre Lanzen anlegen konnten. Da geschahe es daß diese Löwen im Kampfe, welche, mit Ausnahme des Großmeisters, der in Gesellschaft nur dreier Templer die Flucht ergriff, Alle die Siegespalme der Martyrer dem schimpflichen Loos des Entfliehens vorzogen, zuletzt den leichten Waffen der Feinde unterlagen, welche andre Male gleich Binsen vor ihrem Schwert zersplittert waren. Unter den Gewaltigen, die an jenem unglücklichen Tage fielen, war der edle Großmeister der Hospitaliter, Roger du Moulin, vor allem aber der Schrecken aller Heidenschaaren, der weiße Ritter Jacob von Mailly (aus Tours). Die Kraft dieses Mannes erschien den Heiden als eine so wunderbare und übermenschliche, daß sie zuletzt den noch in seinen Todeswunden Kämpfenden nicht mehr zu nahen wagten, sondern nur aus der Ferne, wie einen belagerten Thurm, durch steinerne Geschosse ihn zerschmetterten, ja daß sie selbst den blutgemischten Staub von seinem Leichnam auf ihren Nacken legten, um hierdurch, wie sie wähnten, Kräfte dieses Helden an sich zu ziehen[145]. Aehnliche Wunder der Tapferkeit hatte der Mitkämpfer des weißen Ritters, Heinrich der Hospitaliter noch im Sterben gethan. Er selber, der Anstifter dieses Unglücks, Gerhard von Betford war erhalten worden, damit er nicht bloß wie am ersten Mai hundert und vierzig, sondern fast die ganze edle Ritterschaft des heiligen Landes, zweitausend an der Zahl mit ihren achtzehntausend Lanzenknechten und einem ganzen Heer der Bogenschützen und leichten Reiter in die Hand der Feinde geben sollte. Denn er vor allem war es, welcher den zum Unglück gebornen König Veit (Guido), gegen den Rath aller verständiger und landeskundiger Ritter überredete, die feste, glücklich gewählte Stellung bei Sephoria zu verlassen und in solcher Jahreszeit hieher zu ziehen auf das wasserlose Steinfeld bei Hittin. Als sich da am vierten Juli in der Nacht das schon von der Hitze des Tages und durch den beständigen Andrang der Feinde, so wie durch das Entbehren aller leiblichen Erquickung gelähmte Heer auf der dürren Höhe eines felsigen und unwegsamen Berges gelagert hatte, da blieben zwar Alle in den Waffen, weil sie in jedem Augenblick den Angriff der Feinde erwarteten, nur Wenige aber waren noch vermögend auch nur vom Boden sich zu erheben. Die Qual dieser Nacht, welche für den größesten Theil der Kämpfer die letzte ihres Lebens war, wurde auch noch dadurch vermehrt, daß die Türken aus Stroh und zusammengerafftem Gesträuch rings um die eng zusammengedrängte Schaar der Christen Feuer entzündeten deren Rauch und glühend heißer Dampf die Unsrigen fast erstickte. Auch am Morgen des entscheidenden Schlachttages hatten die ermatteten Streiter statt der Feinde, welche, um die schweren Reiter und ihre vom Durst fast gelähmten Rosse noch mehr zu entkräften, dem Kampfe beständig auswichen, nur diese Feuer von angezündetem Stroh neben sich, deren Gluth und Rauch der Wind ihnen ins Gesicht trieb. Da erlag endlich, nachdem das Fußvolk zu seinem eignen Verderben sich auf die Höhe eines Berges zusammengedrängt hatte, die so oft siegreich gewesene Kraft der christlichen Ritterschaaren, nur Raimund von Tripolis mit wenig Andern entgieng dem Verderben, die andren Alle, wie edle Hirsche die man matt zum Tode gehetzt, wurden von dem Schlachtmesser der Feinde gefällt oder von diesen gefangen. Zum letzten Male hatten an diesem Tage die Christen unter dem Panier des heiligen Kreuzes gekämpft, das in so mancher Schlacht sie zu Wundern des gläubigen Heldenmuthes begeisterte. Der Bischof von Ptolemais, dem der unwürdige Heraklias der damals zum Verderben des Christenglaubens den Patriarchenstuhl von Jerusalem besaß[146], statt seiner zum Träger des Kreuzholzes ernannt hatte, sank, von einem feindlichen Pfeil getroffen und übergab sterbend das Heiligthum dem Bischof von Lidda, dem jedoch auch im Gedräng der Schlacht es entrissen und seitdem nie wieder aufgefunden wurde. Das bedauernswerthe Heer hatte schon längst jene innre Macht des Glaubens verloren, welche dem Gebet vor jenem heiligen Kreuze seine siegreiche Kraft gab, darum war der äußre Verlust nur eine Folge des innren und jener war nicht der größere von beiden.

Dort im Anblick des Tiberiassees und der Berge von Gilead war damals der Macht der Christen im Orient die tiefe Wunde geschlagen, welche fortan kein Balsam aus Gilead zu heilen vermochte. Er selber, der rathlose König Veit von Jerusalem, mit ihm der größte Theil der Fürsten und Herren seines Reiches waren in die Gefangenschaft des Feindes gefallen, die Ritterschaft lag erschlagen oder theilte das gleiche Loos. Hierbei erwachte dennoch in den gefangenen Templern und Hospitalitern als man sie, weil sie selber dem Feinde niemals Pardon gaben, zum Tode führte, die Flamme des Heldenglaubens, denn sie drängten sich freudig, wie zu einem Siegesmahle, zum Tode, und die fromme Sage des Landes bemerkte selbst noch an den Leichnamen dieser Martyrer wundervolle Zeichen einer göttlichen Beachtung[147]. Ein Göttliches jedoch von andrer Art als wohl in den meisten der erschlagenen oder gefangenen Christen that sich an jenem Helden kund, der zum Werkzeug des großen Zorngerichtes ausersehen, an der Spitze der Feinde stund: an Saladin. Dieser, wie dieß selbst die Christen bezeugten, überhub sich nicht, wie dieß so oft von ihren Heerführern geschehen, seines Sieges, sondern da er die große Menge der erschlagenen und gefangenen Christen erblickte, gab er, mit betend emporgehobenen Händen Gott die Ehre, dessen Furcht in seinem Herzen war. Denn daß dieses so sey, bezeugte der Held durch seine Freundlichkeit und Milde gegen die meisten der Gefangenen, unter denen nur den Rainald von Chatillon für seinen treulosen Bruch des Waffenstillstandes die wohlverdiente Rache traf. In der That es widerfuhr wenigstens bei dem Unterliegen unter Saladins Waffen der Christenheit des Morgenlandes das, was jene Könige der Amoriter, Sebah und Zalmuna von Gideon sich erbeten[148]; der welcher sie darnieder schlug war kein schwacher Knabe, sondern ein rechter Mann, dem das Schwert wie das Scepter wohl anstunden. Du aber, du Schaar der Jünger Dessen der das Schwert nicht auszuziehen, sondern einzustecken befahl, der selbst den Thaten des tödlichsten Hasses, welche der Feind übte, nur mit Werken der Segnungen entgegentrat und dasselbe zu thun auch den Seinen befahl[149]; du wirst niemals durch eiserne noch bleierne Waffen das Reich deines Herrn vermehren oder seinem Namen Siege erwerben. Sieger aber wirst du allezeit seyn, und das Feld behalten, wenn du, statt der eisernen oder stählernen Kampfgeräthe dich anthust mit dem Harnisch des Glaubens und der Liebe, mit dem Leben der Hoffnung zur Seligkeit, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit[150]. Wie konnten selbst diese Könige der Pullanen dem Glauben, dessen Namen sie führten, Achtung erwerben und wie mußten sie in den Augen der Heiden im Vergleich mit Männern aus ihrer Mitte, wie der wahrheitliebende Saladin war, erscheinen, wenn sie heute in der Stunde der Noth die heiligsten Eide schwuren, morgen aber, statt lieber gleich Regulus in die Gefangenschaft zurückzugehen, von ihren Priestern sich dieser Eide entbinden ließen, und so jedes Wort, das ein Christ spricht, der Lüge verdächtig machten[151].

In mehr als einem Sinne war es uns dort auf der Ebene bei Hittin heiß und beklommen zu Muthe geworden; es that uns wohl, da wir jetzt den Abhang der Ebene erreichten, von welchem das Auge ungehemmt hinabblickt nach dem See von Tiberias und seinen grünenden Uferbergen. Auf eine unerwartete Weise sieht man hier, mitten in der Ebene von so geringer Erhebung über dem Meere eine Tiefe sich öffnen, die dem Wandrer einen Fernanblick auf den See, wie von einem hohen Gebirge vorspiegelt. Jene Reisenden aber, welche dieser Täuschung des Auges vertrauend den unvergleichlichen Tiberiassee als einen See der Hochalpen beschrieben, hatten es außer Acht gelassen daß die Höhe seiner Randberge diesen nicht für sich selber, sondern nur im Vergleich mit der tiefen, außerordentlichen Senkung seines Wasserspiegel zukomme. Denn der von der Ebene etwas ansteigende Rand der Höhen, welche gegen Cana und Nazareth hin den Kessel des Sees umgränzen, liegt nach unsren barometrischen Messungen nur 504 Par. Fuß über, der See selber aber 535 Fuß unter dem Niveau des Meeres, so daß allerdings die Höhe von der man hinabblickt über 1000 Fuß misset.

In jener Mittagsstunde in welcher wir über den grünenden Abhang hinabstiegen nach dem herrlichen See, von welchem, wenn man ihn einmal vor sich hat, es nicht möglich ist das Auge wieder hinwegzuwenden, dachten wir nicht an solche geographische Vergleiche und Erörterungen; der Ostwind, der vom Gebirge jenseits des Sees kam, wehete uns mit erfrischender Kraft an; Gedanken des Friedens und der Sabbathsstille, wie sie heute, am Tage des Herrn, in der Seele erwachen, die in dem Heiligthum Seines Tempels Sein gedachte, kamen uns hier wie Boten aus der Höhe entgegen. Die fromme Sage der hiesigen Christen will, daß hier an diesem grasreichen Abhange die Stätte sey, da Christus der Herr mit wenigen Broden und Fischlein die hungernden Tausende speiste. Sollte diese Stätte, wie dieß v. Raumer aus den Worten der Schrift selber gezeigt hat, auch nicht hier, sondern am jenseitigen Abhange der Berge zu suchen seyn, gewißlich ist und bleibt dieser See und seine ganze Umgegend, auf jedem Schritte den der Pilger thut, bei jedem Blicke den er auf sie richtet, eine Gedenkstätte der vielen, großen Wunder des Erbarmens. Und wenn auch nicht unmittelbar der Leib, so wurde doch hier in der Kraft der Erinnerungen der Geist, so wie durch ihn der Leib erquickt und gestärkt durch jene innre Speise, die aus dem Worte kommt. Ja, wie es in dem alten Liede: »Wie wohl ist mir o Freund der Seelen,« das Einige von uns beim Hinuntersteigen über den balsamisch duftenden Wiesengrund sangen, heißet: »Du bist mein Himmel schon auf Erden, wer sollte nicht vergnüget werden, der in Dir findet Ruh und Lust.«

Die Pflanzenwelt ist am oberen Theile des Abhanges im Ganzen noch dieselbe, die sich in der Ebene um Nazareth und am Fuß des Carmel zeigt; tiefer hinab bemerkten wir Formen, die der Umgegend von Jericho und dem unteren Jordan eigenthümlich sind. Auf der Oberfläche des Berges erscheint öfters Basalt von kuglicher Absondrung.

Die Meisten von uns waren von den Maulthieren abgestiegen, denn der Abhang ist sehr steil, und das Hinabsteigen bis zum Ufer des Sees dauerte eine ganze Stunde. Da lag denn, unmittelbar vor uns, das vormals so herrliche Tiberias, als ein Gehäufe der Trümmer, gräßlich anzusehen. Das Erdbeben, am ersten Tage des Jahres hatte die Häußer wie die Hütten der Bewohner alle einander gleich gemacht; Hohes wie Niedriges lag, von gelblichem Staube bedeckt, zusammengestürzt. Doch hatte sich noch der größere Theil der Ringmauern mit ihren Thürmen, sowie die Hauptmauern des Kastelles aufrecht stehend, wenn auch vielfach zerrissen, erhalten. Sie sind das Werk einer kräftiger bauenden Zeit; vielleicht noch der Tage Gottfrieds von Bouillon, der im Jahr 1109 die Mauern von Tiberias errichtete. Ein Zug von Kamelen, der, wie es schien mit Baumaterial beladen zur Stadt geführt wurde, wollte durchaus nicht neben den Ruinen der äußren Häußer vorbei, zum Thore hineingehen. Die Türkischen Bewohner der Stadt hatten seit den Tagen des Schreckens ihre Behaußung in Zelten, außen vor der Westseite der Stadt aufgeschlagen, einer unsrer Mucker versprach uns dennoch, mitten unter den Schutthaufen der gewesenen Stadt Lebensmittel und Obdach zu verschaffen, bei den hiesigen Israëliten, welche den ihnen vielfach heiligen Boden von Tiberias nicht verlassen hatten, sondern da über dem Schutte, unter welchem viele der Ihrigen vom Erdbeben begraben lagen, leicht gebaute, bretterne Hütten bewohnten.

Wir hatten auch auf dieser Reise manche vom Erdbeben niedergestürzte Häußer angetroffen und ich war in früheren Jahren, auf einer Reise durch die Schweiz, über die Stätte des wenig Jahre vorher unter dem Bergsturz begrabenen Goldau gekommen. Einen solchen Gräuel der Verwüstung als hier in Tiberias, hatte ich dennoch niemals vorhin gesehen. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch ein wirklicher Aushauch der großen Gräberstätte, den die große Hitze dieser Mittagsstunde aus der Tiefe hervorlockte, ich roch, da wir über die Reihe der Schutthaufen, welche die Richtung des ehemaligen Bazars bezeichneten hinüberstiegen, allenthalben den Geruch der Leichname und der Verwesung. Desto wohler that es uns, da wir jetzt an einem etwas freieren Platze, an dem es sich leichter athmete, in den Schatten einer Bretterhütte traten die von einer Israëlitischen Familie bewohnt ward. Zwar hätte es uns hier (nach dem Bericht mancher neuer Reisender) nicht unerwartet kommen sollen, dennoch aber überraschte es uns freudig, da die Wirthin der Hütte uns Deutsch anredete. Sie, wie die Ihrigen so viel Deren bei dem Untergang der Stadt sich retteten waren aus den Deutschen Provinzen von Polen gebürtig. Die gute Frau ließ uns Wein, Brod und Eier käuflich ab, und erzählte uns dabei von dem Unglück, das sie und ihr ganzes Haus betroffen hatte. Sie und die eine ihrer Töchter, welche kaum vierzehn Jahre zählte, waren durch das Erdbeben Wittwen geworden; Mann und Schwiegersohn wurden mit mehreren andern Verwandten und Freunden unter den Trümmern der niederstürzenden Häußer zerschmettert und begraben. Dasselbe Loos traf mehrere Hunderte der Einwohner und eine noch größere Zahl wurde zwar nicht getödtet, wohl aber mehr oder minder schwer verletzt. Die beiden Frauen hatten sich als das Erdbeben (bald nach Mittag) kam gerade außerhalb des Haußes befunden.

Während wir uns so mit unsrer gesprächigen Wirthin unterhielten kamen einige Aschkenasim (so nennen sich hier die Polnischen Juden); Landsleute und Bekannte der Familie in die Hütte herein. Der eine von ihnen erwieß sich im Gebiet der Talmudischen Gelehrsamkeit wohl erfahren; er hatte mehrere Europäische Länder gesehen, schien namentlich in Holland wohl bekannt. Das merkwürdige Volk hält dieses Tabaria oder Tiberias, nebst Jerusalem, Hebron und Safed für eine der heiligsten Stätten der Erde, an welcher große Verheißungen haften. In Tiberias, so erzählte uns der gelehrte Rabbiner sey schon vor Christi Geburt eine Schule bestanden an welcher große Meister lehrten; namentlich der ältere Hillel habe eine Zeit lang hier gelebt[152]. Nach der Zerstörung von Jerusalem ward zuerst Safuri, dann aber Tiberias für lange Zeit der Sitz des Jüdischen Sanhedrin oder hohen geistlichen Rathes, und ein Sammelplatz solcher Forscher welche den Trost Israëls, der schon gekommen war, in den Tröstungen einer tiefkünstlichen Menschenweisheit suchten. Ein Werk, zum Theil schon der älteren Schule von Tiberias, war die gedankenreiche Mischnah, welche manche Lehren und Ueberlieferungen einer uralten Weisheit mit späteren Erfindungen des Menschenwitzes vermischet. Wenn der Talmud lehret daß aus dem See von Tiberias einst der verheißene Messias aufsteigen werde, da ergehet es ihm wie der Schwalbe, die mit vergeblichem Abmühen über der Fläche des Wassers auf und niederschwebt, auf dessen Grund, nach der Erzählung der alten Fabel, ihr Schatz versank. Denn Er, der Verheißene hat einst wirklich den See von Genezareth durch sein Naheseyn geweiht und geheiligt; Er ist wahrhaft hier Seinem Volk durch göttliche Wunder offenbar geworden und selbst nach seiner Auferstehung, da, bei Tiberias, ihnen erschienen.

Wir verlangten aus dem engen Bretterhaus, in welchen es viele, schon von früheren Reisenden in dieser Gegend angetroffene Unbequemlichkeiten gab, hinaus an den schönen See und an seine reinlichen, grünen Ufer. Jenseit des Thores, vor welchem große, dicke Blätterstämme der Opuntienfeigen, bedeckt mit gelben Blüthen stunden, wendeten wir uns südwärts am Ufer hinab, nach der Gegend des schönen, neuen, ganz in Europäischer Weise eingerichteten Badehaußes, das Ibrahim Pascha über den dortigen berühmten heißen Quellen hat erbauen lassen. Es war eigentlich schon in Jerusalem und Nazareth unser Vorsatz und Plan gewesen in jenem bequemen Gebäude zu übernachten, das für viele Gäste Raum darbietet; in Tiberias aber erfuhren wir daß ein Türkischer Pascha, der die Badekur gebraucht, für sich und sein zahlreiches Gefolge den größesten Theil der Zimmer eingenommen habe und beschlossen deßhalb unser Lager, zu welchem die beiden Frauen in Begleitung des Herrn Mühlenhof und der Mucker schon vorauszogen, außen vor der Stadt, im Freien aufzuschlagen. Wenn man von der Stadt hinweg, nach jenem Bade hingehet, sieht man an der Seite des Weges viele ansehnliche Ruinen von Tempeln und Palästen aus der römischen Zeit. Von dem einen dieser Gebäude stehen noch die Mauern, deren zum Theil aus älteren Trümmern zusammengesetzte Masse freilich eine spätere, neuere Wiedererrichtung des Werkes andeutet. Weiterhin zeigen sich noch mehrere, aufrecht stehende Säulen von einem vormaligen Portikus. Vielleicht sind dieses noch Reste jener ersten Stadt, welche Herodes Antipas bei den Wohnungen der Fischer begründete und die er dem Tiberius zu Ehren mit dem Namen benannte, den sie bis auf unsre Tage behalten hat.

Wir nahten uns dem Ufer des Sees und einige der jungen Freunde genossen seiner reinigenden Fluth, während wir Andren am Ufer uns beschäftigten. Die Gebirge zu beiden Seiten empfangen durch ihre vielen tiefen Schluchten und durch die gähen Abhänge eine so malerisch schöne Form, wie kaum an einem andren mir bekannten See. Sie bestehen, ihrer Hauptmasse nach aus Kalkstein, wahrscheinlich von mehreren der früher erwähnten Formationen, vorzugsweise aber aus Kreidekalk, an dessen Abhängen wie in den Schluchten der Basalt (mit zeolithaltigem Mandelstein und Basalttuff) auftritt. Ein tiefblauer Himmel zieht sich über den klaren, dunklen See hin, dessen Fluth mit ihren vielen lebendigen Bewohnern schon seit vielen Jahrhunderten ein ununterbrochenes Hall- und Jubeljahr feiert, denn als wir hier waren wurde die Stille des Sees durch keinen einzigen darüber hinfahrenden Fischerkahn gestört, indem es, für uns bedauernswürdig genug, am Umfang des ganzen Ufers keinen gab. Dennoch ist, namentlich bei Tiberias, die Menge der Fische so groß, daß man sich ihrer mit Leichtigkeit durch Hamen und Netze in den Buchten bemächtigt. Wir konnten, obgleich wir es bestellt hatten, keine erhalten, weil, wie es schien der Fischer für den ansehnlichen Pascha im Badehaus zu sehr beschäftigt war; Hasselquist bestättigte durch seine eigne Beobachtung eine Bemerkung die schon der alte, Jüdische Geschichtsschreiber Josephus machte[153], daß sich in dem Wasser des Sees (und nach Josephus im Quell von Capernaum) dieselben Formen der Fische finden wie im Nil und dem See Mareotis. Wir sammleten am Ufer, an dessen seichteren Stellen das Wasser von etwas salzigem Geschmack ist, die Schaalen derselben Süßwasserschnecken die wir schon früher in der Nähe der Jordansmündung und am todten Meere gefunden. Die freilich fast aller ihrer vormaligen Zierden beraubte Pflanzenwelt um Tiberias bezeugt es, daß die Ufer dieses Sees, wenn man sie nur recht benutzen wollte, ein natürliches Treibhaus zu seyn vermöchten, in welchem die Gewächse Aegyptens und selbst Arabiens gedeihen würden. Die Dattelpalme, obwohl sehr vereinzelt, stehet eben so kräftig da wie um Akaba und Alexandria; von dem Balsamstrauch, welchen der viel und glücklich forschende Burkhardt hier antraf, konnten wir weder selber eine Spur finden noch auch von Andren erfragen. Die tiefe Lage jedoch des Thales, noch unter dem Meeresniveau; der Schutz, welchen ihm die hohen Gebirge in Norden und Osten gegen die kältesten Winde gewähren, die Menge des wärmeren Wassers, das sich nördlich von Tiberias in ganzen Bächen in den See ergießt würde gewiß, einzelne Stellen wenigstens des Ufers, für Anpflanzungen der Arabischen Amyris-Arten wie des Myrrhenstrauches geschickt machen. Uebrigens soll der Winter auch in Tiberias zuweilen kalte Stunden und Tage haben; doch gehört die Erscheinung des Schnees unten am Ufer zu den großen Seltenheiten.

Wenn einmal künftig von diesem hehren Paradiese, über dessen stillen, tiefen See ein Geist der himmlischen Gedanken und Erinnerungen schwebt, während in seinem Wasser die erhaben schönste Natur ihr Angesicht spiegelt, noch zwei Unheil drohende Wetterwolken: der Krieg und die Pest werden hinweggezogen seyn, dann wird, bei der großen Erleichterung der Meeresfahrten durch die Dampfschiffe, das Wasser der Heilquellen dieses Sees ein Sammelplatz vieler Leidenden aus dem Abendlande werden, die in der Heimath vergeblich nach Hülfe suchten. Denn es ist nicht allein die eigenthümliche Kraft des Wassers der hießigen heißen Quellen, deren Bestandtheile an jene des Carlsbades erinnern, auch nicht bloß die hohe Temperatur desselben (48° Reaumur) was die Heilung namentlich der Gicht und ähnlicher Krankheiten bewirken würde, sondern vor allem die anhaltend hohe Temperatur der Tage und Nächte, während einer langen Reihe der Tage und Monate. Und für den Christen der sich der großen Vergangenheit dieser Gegenden erinnerte könnten die Heilquellen am See Gennezareth ein Bethesda seyn, dessen Wasser ein Engel anrührt und mit Kräften der oberen Welt erfüllt.

Herr Franz hatte es übernommen bis zum Bade hinzugehen und dasselbe auch für uns zu betrachten. Er fand im Gefolge des Pascha's einen jungen, Griechischen Arzt, welcher deutsch sprach, weil er seine Studien zum Theil in Deutschland gemacht hatte. Ich bedauerte später sehr diese Bekanntschaft versäumt zu haben. Das Wasser des Quells das er mitbrachte enthält Salz, so wie hydrothionsaures Eisen. An dem Rande der Quellen so wie am Boden der Gefäße setzt sich Schwefel so wie Kalksinter, von Eisenoxyd roth gefärbt ab.

Ich stieg, von meinen Gefährten getrennt, noch allein am Fuße des Uferabhanges hinan und genoß da der Aussicht nach dem See und den gegenüberliegenden Gebirgen. Wie lieblich mag es sich einst dort auf jenen grünen Hügeln gewohnt haben, da Sein Ruf ausgieng über Berg und Thal, in alle umliegende Oerter, da Tausende kamen um Sein Wort zu hören und Seine Thaten zu sehen: jene Thaten der Erbarmung welche Blinden das Gesicht, Tauben das Gehör, den Lahmen die Kraft der Bewegung, den leiblich wie geistig Toden das Leben wieder brachten. Dort in Norden am See lag Capernaum, in welchem der Herr so oft und lange verweilte, daß es seine Stadt hieß; nicht weit von da waren die Orte der Geburt und des Wohnens von Petrus und Andreas, von Jacobus und Johannes, wie von Maria der Magdalenerin. Welche andre Gegend der Erde hat auf so kleinen Raum von wenig Stunden solche Früchte, nicht nur für ~ein~ Land und ~ein~ Volk, sondern für ~alle~ Länder und Völker und Zeiten getragen. Wem schon bei dem Anblick von Siena und dem Genuß seiner hehren Aussicht, wem in Assisi und Urbino, oder in Präneste das Herz wärmer schlug, bei den Erinnerungen, welche, wie Schmetterlinge an duftenden Blumen, an der Schönheit des Ortes hafteten, was muß der fühlen bei dem Anblick des schönsten der Seen, an welchem nicht Kräfte der gottbegeisterten Menschen, sondern der Gottheit selber sichtbarlich sich ergiengen.

Der Heimweg führte mich nahe bei den Zelten der Mohamedanischen Bewohner des zerstörten Tiberias vorbei, welche hier den Wiederaufbau ihrer Häußer und Hütten abwarten. Ihre Feuer dampften, die Frauen bereiteten die Abendkost, während die Männer, Tabak rauchend, da saßen. Friede sey mit euren Zelten! und möge euch bald ein festerer Wohnsitz des Friedens, der nie vergeht, noch auf Erden gegeben werden als Häußer es sind, von Menschenhand erbaut. Und ihr dort, in den bretternen Hütten, die ihr treu den Vorschriften der Väter, über den Schuttgräbern der Stadt, wie auf Saphets und Jerusalems Trümmern und in Hebron[154] zu Jehovah betet, daß der Trost Israëls zu euch komme, möge Er, der Verheißene und Erbetene, der Aufgang aus der Höhe, euch bald besuchen.

An diesem Abend traf den größeren Theil unsrer kleinen Reisegesellschaft das Loos eines allgemeinen, langen Herumirrens. Die Mucker hatten mit uns ausgemacht daß sie nordwärts von der Stadt einen Lagerplatz wählen und daß wir da uns treffen wollten. Wir hatten versäumt uns näher nach diesem Punkte des Wiedervereinens zu erkundigen, da wir es für unmöglich hielten denselben zu verfehlen, und Fünfe von uns hatten, wie schon erwähnt, ihren Auslauf in südlicher Richtung am See hinab genommen. Aber auch diese Fünfe hatten sich vereinzelt und von einander zerstreut, denn H. Bernatz, der Maler hatte sich einen Ruhepunkt gesucht um da Tiberias sammt seinem See zu zeichnen; Herr Franz hatte die Sendung nach dem Badehaus des Ibrahim Pascha übernommen, +Dr.+ Roth und +Dr.+ Erdl weilten am Ufer des Sees, ich selber, nachdem ich kurze Zeit bei ihnen geblieben, hatte mich weiter hinangezogen nach dem Bergabhange und nach seinem zeolithhaltigen, basaltischen Gebilden. Die Sonne war schon längst hinter die westlichen Gebirge hinabgegangen, die Höhen des Ostens röthete der Abend, da ich am Thore vorüberkam und den Weg des Suchens nach der Lagerstätte nordwärts von der Stadt antrat. Ich blickte rechts und links vom Wege in jede Schlucht, an den meisten Stellen konnte man den ganzen Abhang des Berges von seiner Höhe an bis zum Ufer des Sees überblicken, und wo dieß nicht möglich war da suchte ich zur Rechten oder zur Linken einen Standpunkt auf, der die freie Aussicht gewährte, und nur unmittelbar an der Stadtmauer hatte ich dieses zu thun versäumt. Der Abend dunkelte schon über das Thal und den See herein, ich war weiter denn eine halbe Stunde Weges gegangen, hatte zuletzt nach oben und nach unten die Schluchten durchkreuzt, da begegnete mir der bei vielfältigen Gelegenheiten dieser Art hülfreich gewesene, treue Bernatz der mich von seinem Felsensitze aus die Richtung gegen Magdala hin hatte nehmen sehen und mehr um mich, als um den Lagerplatz zu finden mir nachgeeilt war. Diese stille, redliche Seele hat, dieß erfuhr ich öfter, die Gabe empfangen den rechten Weg zu finden. Er führte mich, nachdem wir beide noch einmal, so viel die Dämmrung dieß erlaubte, nach beiden Seiten die Gegend durchforscht hatten, zur Stadt zurück, weil wir dort, wie er ganz richtig bemerkte am leichteren den Lagerplatz von zehn Maulthieren und vor allen von einigen, jedem Auge auffallend gekleideten, Europäischen Frauen erfahren würden. Er hatte sich nicht geirrt. Ein Türke, der in der Nähe des Stadtthores saß, zeigte uns einen steilen, ganz in der Nähe der Stadtmauern hinabführenden Fußweg; kaum hatten wir den Felsenvorsprung erreicht, der die freie Aussicht nach dem untren Theile des Abhanges und nach dem See hemmte, da sahen wir zwischen dem Gebüsch, auf grünenden Rasen unsre Maulthiere und die beiden Mitpilgerinnen. Für die andren noch in der Irre gehenden Reisegefährten wurde nun sogleich besser gesorgt; einer der trägen Mucker, die schon lange auf ihrem Lager ruheten, mußte in Begleitung des Herrn Mühlenhof hinansteigen an die Anhöhe, über welche der Weg führt, und auf das Nachforschen nach den Fehlenden ausgehen und noch vor Einbruch der Nacht hatten wir die Freude uns Alle wieder vereint zu sehen.

Diese Lagerstätte da, so schwer sie uns auch zu finden gewesen, war freilich des Aufsuchens werth; sie war eine der schönsten die wir auf der ganzen Reise getroffen. Zwar bot sie keine ebene, sondern eine stark abwärts geneigte Fläche zum Liegen dar, denn die bequemste Stelle des Ortes hatten bereits die Mucker mit ihren Maulthieren eingenommen. Doch diese kleine Erschwerung für das Ausruhen des Rückens wurde schnell und leicht vergessen, wenn das oft sich wieder öffnende Auge, da jetzt der Mond über dem Gebirge aufgegangen war, an dem Anblick des beleuchteten Seespiegels oder an dem Wipfel der Palme, den der Nachtwind bewegte, ausruhete, und wie eine Stimme des Traumes das leise Plätschern des Wassers sich vernehmen ließ. Zuletzt kam, mit dem Thau der Nacht, der das Angesicht erfrischte, auch der erquickende Schlaf.

Ich erwachte (Montags am 24ten April) schon mit Anbruch des Tages. Ein Vogel (der Stimme nach schien er eine Blaudrossel) sang auf den Zinnen des benachbarten Thurmes sein Morgenlied, eine Sylvie mit leiseren Tönen stimmte aus den Zweigen des Nebekbaumes in den Gesang ein, das frische Wasser des Sees machte beim Waschen Augen wie Angesicht munter. Der Himmel zeigte sich etwas getrübt, ohne jedoch mit Regen zu drohen, ein mäßiger Wind aus Südwest bewegte die Fläche des Wassers. Mir war es unmöglich die Vorbereitungen unsrer langsamen Mucker zur Weiterreise abzuwarten; während diese ihren Thieren das Morgenfutter gaben machte ich mich auf, um auf dem einsamen Wege am See hin mit meinen Gedanken allein zu seyn.

Es war nicht der laute Morgengesang des einsamen Vogels auf dem Dache der meine Brust wie die Sylvie in den Zweigen des Nebekbaumes zum Mitsingen weckte; hier an diesem See wird in den Morgenstunden des Tages der Gedanke des Herzens von selber zum Gesang; ein Lied des Auferstehungsmorgens tönte von meinen Lippen; ich genoß fröhlich im Geiste, wie ich es selten gewesen, eine Nachfeier des Osterfestes. Hier an dem See bei Tiberias war es, wo sich (nach Johann. 21) Christus zum dritten Male nach seiner Auferstehung seinen Jüngern offenbarte. Nach der vergeblichen Arbeit der Nacht, da sie jetzt ihre Augen aufhuben, siehe da stund Er, der Herr, am Ufer; sie aber wußten nicht daß es Jesus war, bis Er sich ihnen kund gab durch die Wunderthat Seiner Hülfe und Seines Erbarmens. Da erkannte ihn zuerst unter Allen der Jünger, welchen Jesus lieb hatte, Petrus aber, den Andren voraneilend, gürtete sein Gewand um sich und warf sich ins Meer. Und siehe, nicht nur das Größere und Künftige allein, auch das Kleinere und Nähere hatte Er bedacht, dessen vorsorgende Liebe eine höhere, inniglichere ist als die der Mutter; die Jünger, da sie kamen und sahen fanden schon Kohlen gelegt und Fische darauf und Brod; denn nicht nur der Geist sondern auch der arme, bedürftige Leib sollte sich freuen der Nähe Gottes, seines Heilandes. Vielleicht war es dann hier, gerade in dieser Bucht, wo der Herr, der alle Dinge weiß, Petrum dreimal fragte, ob er ihn lieb habe und ihm befahl zu weiden seine Schaafe wie seine Lämmer, zugleich aber ihm verkündete das Loos jener Todesart, womit er einst, in seinen späteren Tagen den Herrn preisen sollte. Die Worte: »folge mir nach« die der Herr damals zu Petrus sprach, werden freilich das Herz jedes Jüngers bewegen der die Geschichte der seligen Morgenstunden am See Tiberias bei St. Johannes liest, der Lesende mag nun daheim oder in der Fremde, in der Kammer des Daches oder auf dem Felde seyn. Dennoch schien es mir als gäbe das Verweilen hier an dem Orte der Erscheinung selber und der Anblick des hehren Sees den lieben Worten: »folge mir nach« noch eine ganz besondre Kraft. Das träge Herz des alten Pilgrims fühlte sich mächtiger als sonst durch das Wort gezogen; es hätte, wie der Lieblingsjünger, der dem Zuge der Liebe, seinem Herrn zu folgen, nicht widerstehen konnte, Ihm nachgehen mögen, wohin Er auch führte.

Mit der Erinnerung an den Morgen des Wiedersehens beim See Tiberias erwachte an dieser Stätte noch eine andre. Dort, jenseits der Bucht in die der Bach von Hottein sich ergießt, liegt Magdala, aus welcher sie stammete, die Maria, welche erst eine tief im Elend Gebeugte, dann eine reich Begnadigte und Erhöhete war[155]. Auch Sie hatte in der Angst ihrer Seele Ihn kennen gelernt, ihren Heiland, als einen Herrn der da hilft und der vom Tode errettet, und mit der dankbaren Liebe war ihr eine Treue ins Herz gegeben, welche nicht mehr von Ihm lassen wollte; welche bei Ihm blieb unter dem Kreuz, in den Schmerzen des Todes und am Dunkel das Grabes. Darum geschahe es ihr, daß Er, da sie mit schmerzlichem Sehnen nicht abließ selbst bei den Todten ihn zu suchen, sie zuerst unter Allen bei ihrem Namen rief, und daß sie Ihn sahe mit ihren Augen, Ihn, welcher todt war und siehe Er ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. -- Ja auch hier, am See Genezareth, in der einsamen Felsenbucht lautete das deutsche Osterlied: »Preis dem Todesüberwinder« mit seiner Melodie der Triumphgesänge wohl und stimmte das Herz freudig.

Ich war auf meinem Wege am See hin oft stehen geblieben, dann wieder mit eiligem Schritte vorwärts gegangen; an einer jener Stellen bei der ich schnell durch das Gebüsch und hohe Gras dringen wollte, wurde mein Fuß bewahrt daß ich nicht in eine Art von Cisterne oder unterirdische Felsenkammer fiel, deren Anblick mich damals in den Stunden der freudigen Aufregung nicht erschreckte, später aber in der lebhaften Erinnerung oft schaudern machte. Denn welcher Mensch würde den Halbzerschmetterten da unten gesucht und gefunden haben.

Schon aus einiger Entfernung fiel mir, da ich jetzt näher kam an die Bucht von Szermedein, bei welcher ein Bach von warmen Wasser in den See fällt, unten am Ufer und am Abhang des Hügels ein rosenfarbiger Schimmer ins Auge; es war ein Wald oder vielmehr Buschwerk von blühendem Oleander. Ich habe an diesem schönen Gewächs, welches Hasselquist für den Baum, gepflanzt an den Wasserbächen hält, von welchem die heilige Schrift redet[156], immer ein Wohlgefallen gehabt; eine solche Lust der Augen, wie hier am Tiberiassee hatte mir aber dasselbe noch niemals gewährt. Wenn man aber auch in der günstigsten Zeit des Jahres, wo selbst in unsrer Heimath dieser schöne Fremdling seine rosenfarbigen Blüthen aufthut, alle Oleanderbäume der Gärten und Häußer einer unsrer größesten, blumenliebenden Städte an einem gemeinsamen Orte zusammenstellen wollte, sie würden keinen solchen weit ausgebreiteten Teppich bilden als diese Gebüsche am Genezarethsee, die wie ein Morgenroth der Tiefe über Thal und Hügel sich hinwegziehen. Ich hatte beide Hände voller Blüthensträuße, die ich wie einen Festtagsschmuck mit mir nahm.

Der starke Bach von warmen Wasser, von welchem ich schon vorhin sprach, kommt, in einem Abstand von etwa einer halben Stunde von Tiberias, aus einer Felsenhöhle hervor, und ist da wo er herauskommt in ein Gemäuer gefaßt, welches von alter Bauart zu seyn scheint. Ich hatte kein Thermometer bei mir; dem Gefühle nach schien mir die Wärme des Wassers mehrere zwanzig Grad Reaumur zu seyn; dasselbe schmeckte ziemlich stark nach Eisen mit nur weniger Beimischung von Salz. Da wo die Grotte sich öffnet, aus welcher der Bach mit lautem Rauschen herausstürzt, öffnet sich von Westen herab ein Thal, dessen Wände Kalkstein sind. Nahe dabei, am Seeufer, stehen einige ärmliche Hütten. Ich gieng jetzt durch das dichte Gebüsch, aus welchem Nebekbäume sich erheben, hinan zum Wege der Maulthiere, auf welchem meine Reisegefährten kommen mußten. Auf einem Felsenhügel, jenseit des Thales, der eine weite Aussicht über den Weg von Tiberias her gewährte, setzte ich mich nieder um hier die Freunde zu erwarten, denn der Tag, obgleich der Himmel bedeckt war, fieng an heiß zu werden durch den Wind aus Süden. Von den Felsen wie aus dem Gebüsch ließ sich die Stimme der wilden Tauben vernehmen, die in ganzen Schaaren an mir vorüberflogen. Mir war inniglich wohl und still zu Muthe.

Während ich so da saß und ruhete, bald den See und seine Felsenufer betrachtend, bald hinausblickend nach dem Wege, auf welchem die Gefährten kommen sollten, trat ein Mann in armseliger Arabischer Kleidung aus dem Gebüsch heraus und vor mich hin. Sein schwarzbraunes Gesicht wie der Hals waren durch Narben entstellt, welche der struppige dunkle Bart nur unvollkommen verdeckte, er mußte schon im harten Gefecht gewesen seyn. Die Art wie mich der Mann mit seinem dunklen, unruhigen Auge ansahe, erweckte kein Zutrauen; es war mir aber in diesem Augenblick gegeben ihm sehr ruhig entgegen zu blicken. Er maß mich vom Kopf zu Fuß, ich ihn auch; er hatte keine Waffen als sein kurzes, dolchartiges Messer, ich hatte nichts als meine Hände, nicht einmal einen Stock oder geognostischen Hammer. Ich habe selten einen solchen Ausdruck von roher Habsucht in Augen und Mienen eines Menschen gesehen als der war womit der Mann auf meine Taschen deutete und ungestüm Geld (Flusch) verlangte. Ich hatte zwar dergleichen bei mir fand es aber nicht rathsam ihm meinen Beutel sehen zu lassen; deutete deßhalb nur auf den Weg nach Tiberias hin und sagte ihm, daß wenn meine Begleiter kämen er etwas Geld haben solle. Er sah sich unruhig um, da aber der Weg so weit man ihn überblicken konnte, ohne Menschen war, begann er seine ungestümen Forderungen bald von neuem, drang näher heran und schien mich am Leibe packen zu wollen. Da siehe, in demselben Augenblick ward meine Reisegesellschaft freilich noch in weiter Ferne diesseits des Felsenvorsprunges sichtbar; Herr Mühlenhof und Herr Franz in ihrer stattlichen Türkischen Kleidung, Mohamed in seiner rothen Aegyptischen Soldatenjacke, dazu die Doctoren Roth und Erdl mit Herrn Bernatz, die meisten mit Flinten bewaffnet; ich beugte mich zur Seite und rief »siehst du denn nicht daß sie kommen?« Mein Araber sah sich von neuem um; sein Ungestüm war gebrochen; er zwang die Mienen zu einer Art von Lächeln, redete mich als Effendi an und erzählte mir etwas von welchem ich, was übrigens sein Aussehen bezeugte, nur so viel verstund, daß er sehr arm und hungrig sey. Ich sagte ihm von neuem: wenn diese kommen sollst du einen Piaster haben. Er schien lange ungewiß was er thun, ob warten oder davon laufen sollte, und sahe mich dazwischen immer fragend an, da ihm aber meine Mienen keine Furcht einzuflößen schienen, blieb er in einiger Entfernung vom Wege stehen. Die Freunde kamen endlich; durch die Langsamkeit der Mucker beim Aufbrechen waren sie so verspätet worden; ich stieg auf mein Maulthier und da der Araber sahe, daß Keiner eine feindselige Bewegung gegen ihn machte, gesellte er sich, als sey nichts geschehen, zu uns. Er erhielt jetzt von mir sein Almosen und ich ließ ihn durch den Dragoman fragen, bei welcher Gelegenheit er diese Wunden am Gesicht und Hals empfangen habe? Da erzählte der Mann, hier in dieser Gegend sey es gefährlich zu reisen und er selber sey einmal von Räubern angefallen und fast erschlagen worden. Ich möchte indeß nicht entscheiden wer bei jener Gelegenheit der Angreifende oder Angegriffene gewesen. Das Gewissen des Mannes schien wenigstens nicht das sauberste; denn obgleich er anfangs Lust bezeugt hatte uns gegen ein Botenlohn zu den Ruinen zu führen, die sich rechts vom Wege im Walde finden sollen, entwich er doch plötzlich, da in El Medschel, wo wir Milch tranken, ein etwas ansehnlicher aussehender Mann, den wir für den Scheikh des Dorfes hielten, gegen uns hinkam.

El Medschel, das ist der jetzige Name von Magdala, bei welchem noch zu den Zeiten der Kreuzzüge eine ansehnliche Burg stund, ist jetzt ein Dorf, das aus elenden Hütten besteht, aus denen dem Reisenden ein Geruch der Unreinlichkeit entgegenkommt. Wir mochten nicht von unsern Thieren absteigen und den von Unrath entstellten Boden betreten, und auch die saure Milch, die wir im hölzernen Gefäß von einer Araberin bekamen, würde der Eckel zurückgewiesen haben, wenn nicht der große Durst und der Hunger gesagt hätten: behalte sie. Indeß bemerkten wir später, daß wir zufällig gerade bei den elendesten Hütten (es waren die nächsten am Wege) Halt gemacht hatten. Wir verweilten hier so lange bis Herr Bernatz eine Zeichnung des Ortes und seiner Umgegend entworfen hatte, was in etwa einer halben Stunde geschehen war. Die Umgegend wird interessant durch ihren Hintergrund der Felsenwände, welche voller natürlicher wie künstlicher Hölen sind; mehrere alte starke Gemäuer bezeichnen den vormaligen Umfang und die Bedeutenheit von Magdala.

Das westliche Ufer der nördlichen Hälfte des Sees vor und jenseits El Medschel ist überaus fruchtbar und mit Gebüsch und Bäumen, dazwischen, nach dem Strande hin, mit Saatfeldern bedeckt. Es scheint hier vor andern Gegenden ein Lieblingsaufenthalt der wilden Tauben und Turteltauben; wir sahen sie zu vielen Hunderten und hörten ihre Stimme; sie schienen in dieser Zeit seiner reifenden Früchte vorzüglich gern auf dem Nebek oder Thederbaum, einer Art des Rhamnus zu verweilen. Ein altes Kastell unweit Medschel hat seinen Namen Kalaat Hamam oder Taubenkastell von den vielen in seinen Mauert nistenden Tauben, ja ein ganzes Thal, an das dieses Kastell gränzt, heißt das Wadi Hamam oder Taubenthal. Die große Fruchtbarkeit der Gegend ist vor allem eine Folge der vielen Bäche und Quellen, die aus dem westlichen Höhenrande hervorbrechen. Schon vor, noch mehr aber jenseits (nordwärts) von Medschel kamen wir über mehrere kleine und größere Bäche, unter denen jener, den man, bald nachdem man das Dorf verlassen in der Mitte des Dickichts passirt, der ansehnlichste ist, so daß er wohl für einen kleinen Fluß gelten könnte. Dieser kommt durch das breite, vielfach gekrümmte Hattinthal (Wadi Hattin) herab und sein Wasser muß durch Aufnahme mehrerer warmer Quellen eine erhöhte Temperatur haben, denn wir sahen es in den Morgen- und selbst in den Vormittagsstunden, da wo es aus den basaltreichen Klüften sich herabstürzt, rauchen, wie ein am Boden ausgeschüttetes, warmes Wasser. Da wo wir, nahe an seiner Mündung, über das Flüßlein kamen, ließ uns weder seine Temperatur noch sein Geschmack einen Unterschied von andern, gewöhnlichen Bächen dieses warmen Landes bemerken.

Nicht weit jenseit des Flußes aus dem Hattinthal sollten, nach der Versichrung eines unsrer älteren Mucker Ruinen von Gebäuden seyn. Wir konnten sie nicht auffinden. Die treffliche Karte von Berghaus setzt in diese Gegend die Stätte des alten Genezareth, von welchem der ganze See einen seiner Namen hatte. Oben am Abhange der westlichen Berge ward ein Dorf oder Flecken sichtbar, Sendschol genannt. Zuletzt über eine fruchtbare Ebene an einem verfallenen Gebäude (vormaligem Khan) vorüber, kamen wir bei einem Bächlein an die unansehnlichen Ruinen von Tel Hum, welche nach der Aussage unsrer Mucker so wie nach der Beschreibung die man uns in Nazareth und Tiberias gegeben die Stätte von Capernaum andeuten sollten. Wie unverkennbar haben sich doch jene Worte des Wehes, das der Mund der Wahrheit über Capernaum, über Bethsaida und Charizim aussprach, bewährt! ihre Stätte kennet niemand mit Sicherheit; ihr Name ist von der Erde verschwunden.

Nahe bei den Ruinen des angeblichen Capernaum, die wir um 11 Uhr Vormittags erreicht hatten, bei dem Quell, hatte sich eine Schaar der Pilger gelagert, die noch zum Osterfest der orientalischen Christen nach Jerusalem ziehen wollte. Wir wendeten uns jetzt wieder etwas links (südwestlich) und zogen dann über den anfangs wellenförmig dann steiler ansteigenden Abhang des nördlichen Bergkessels nach dem Khan Dschob Yusef, oder dem Khan des Josephsbrunnens. An vielen Stellen unsers Weges kamen wir über eine alte, kunstreich gepflasterte Straße, gleich jenen alten Römischen, denen man in Italien so oft begegnet. Es schien uns diese ein sichres Anzeichen davon, daß einst in dem Thale, von dem sie heraufführt auf die Höhe, eine ansehnliche Stadt (Capernaum) gestanden habe.

Schon auf dem Wege nach dem Josephsbrunnen hatten wir eine herrliche Aussicht nach dem Tiberiassee und seinen Ufern. Ich hatte mich auf dem Sattel des Maulthieres, obgleich die Mucker mich darüber verlachten, rückwärts gesetzt, so daß ich unausgesetzt die hehre Gegend betrachten konnte. Selbst das Augenmaß (so wenig ich mich, an mir selber allein, auf seine Richtigkeit verlassen möchte) schien uns hier die Länge des Sees nicht größer als die unsers Starenberger Sees, etwa zu fünf Stunden anzudeuten, die Breite aber ist gleichmäßig größer als die jenes vaterländischen Sees, sie mag wohl wenigstens oder mehr als ein Drittel der Länge betragen. Unter den Bergen des östlichen Ufers zeichnet sich der eine durch seine auffallender rundliche Form aus; an dem Fuße dieses östlichen Kesselrandes läuft eine Ebene hin, auf welcher gewiß das Reisen zu Fuße wie zu Pferde, so wie der Transport durch Lastthiere weniger Schwierigkeit haben würde als an der westlichen Seite. Und es wird ja die Zeit kommen, wo alle diese Lande