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An den Sonntagen vom 28. Juli und vom 4. August 1918 fanden im Großherzogtum die Wahlen für die Verfassungskammer statt.
Verfassungs- und Lebensmittelfragen bildeten die Kernziele des Wahlkampfes.
Die Rechtspartei, als Anhänger der Verhältniswahl, empfahl ihren Freunden im Escher Kanton die Unterstützung der proporzfreundlichen Sozialisten und Freien Volkspartei gegen die dieser Forderung feindlichen Liberalen.
Die Losung wurde gehalten und die Liberalen unterlagen.
Gewählt wurden:
23 Rechtsparteiler: HH. Altwies, Bech, Charles Buffet, Duhr, Dr. Ecker, Eichhorn, Gerard, Ant. Hansen, Eugen Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Adolf Klein, Nikolaus Klein, Mackel, Meyers, Petges, Reuter (später ersetzt durch Hrn. Wolter), Schiltz, Thinnes, Aug. Thorn, de Villers, Wirtgen;
12 Sozialisten: HH. Blum, Housse, Kieffer, Krieps, Krier, Léon, Mark, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn;
10 Liberale, wovon 2 gemäßigte: HH. Brasseur, Diderich, Jak. Gallé, Koch, Lacroix, Laval, Palgen, Pescatore; Hemmer, Schmitz;
5 Freie Volksparteiler: HH. Glesener, Herschbach, Kappweiler, Steichen, Winandy;
2 Nationalparteiler: Böver, Prüm;
1 Unabhängiger: Kellen.
Keine Fraktion verfügte über die Mehrheit. Auch ein Zusammenschluß hätte den Linksparteien im Verein mit der Volkspartei diese Mehrheit kaum dauernd verbürgt.
Die neue Kammer trat am 27. August zusammen. Am Ministertische saß die Regierung Kauffman, die bereits in ihren Grundzügen gelockert schien.
Eine am 4. September eingebrachte Anfrage über Luxemburgs Beziehungen zum deutschen Reich, dessen Truppen das Gebiet des Großherzogtums seit Kriegsbeginn widerrechtlich besetzt hielten, wurde von ihr als unangebracht abgelehnt und mündete in eine Mißtrauenskundgebung.
Die Regierung gab ihre Entlassung. Eine Lösung der Krisis war nicht leicht. Eine einheitliche Regierung war unmöglich, weil ja keine Partei die dazu erforderliche Mehrheit besaß. Man einigte sich auf die Bildung eines Geschäftsministeriums.
Hr. Mathias Mongenast, der langjährige Generaldirektor der Finanzen, war bereit, beim Zusammenschluß eines solchen mitzuhelfen. Die verschiedenen Parteien sollten ihm ihre Kandidaten vorschlagen; er selbst werde als Staatsminister gewissermaßen das neutrale Haupt bilden, das die einzelnen Glieder des Ministeriums zum einträchtig friedlichen Tun zusammenhalte.
In jenen Tagen kam ich auf einem Spaziergang mit meinem Freunde, dem Rechtsanwalt und sozialistischen Abgeordneten ~J. P. Probst~, in ein Gespräch über die innerpolitische Lage und meinte im Verlauf der Unterredung, wenn es seiner Partei wirklich darum zu tun wäre bei der neuen Regierung mitzuhelfen, so könnte ich ihm einen tüchtigen Schulmann als Unterrichtsminister empfehlen. Ich nannte dessen Namen. Es war ein guter Freund von uns beiden, ein Mann von vornehmer Gesinnung und freisinniger Weltanschauung, aber doch so friedfertiger Natur, daß ich mich heute, nach all den persönlichen Erfahrungen in den Wirren der Zeit, verwundert frage, wie ich überhaupt nur hatte daran denken können, den zartnervigen Menschen auf diese Galeere zu bringen.
Hr. Probst sah mich erstaunt an und bemerkte, der Mann sei ja auch ihm ganz lieb; aber er seinerseits habe sich angesichts der so ganz verfahrenen innerpolitischen Verhältnisse seine eigenen Gedanken gebildet und seine Wahl getroffen. Er werde seiner Partei mich als Vertrauensmann empfehlen.
Von Kindheit auf befreundet, hatten Hr. Probst und ich in unserm Heimatdorfe Mersch und seiner romantischen Umgebung eine an sonnigen Erinnerungen reiche Jugend verlebt. Wir waren während der Studentenjahre noch inniger zusammengewachsen und uns seither sehr nahe geblieben, wenn auch die beiderseitige Entwicklung nicht immer gleich gelaufen war.
Hr. Probst kannte mich schon aus meinen Jugendversen als den Menschen von starkem Mitgefühl. Er hatte mir zur Zeit das Gedicht "Die Schmiede" abgelockt; er hatte das stürmische Lied im "Escher Journal" untergebracht und damit der Öffentlichkeit und dem Hader ausgeliefert.
Das tiefe Mitleid mit aller menschlichen und irdischen Not war mir bei allen Wandlungen geblieben; ich hatte es in zahlreichen Dichtungen gestaltet.
Am überzeugendsten war ich für den auch unbekannten Proletarier eingetreten grade in den kurz vor dem Krieg erschienenen Bekenntnissen des "Franz Bergg", einem Buche, das aus dem Erbarmen geboren wurde und mir von Seiten des preußischen Kriegsministeriums zwei Prozesse eingebracht hatte, die, in Frankfurt und Hamburg anhängig, durch den Kriegsausbruch niedergeschlagen oder vielmehr zurückgenommen wurden.
Meinen Lesern in Deutschland mußte ich auf Grund dieses Werkes als Sozialdemokrat gelten. Der inländischen Partei war ich niemals beigetreten. Ich fühlte in manchen wesentlichen Punkten mit ihr. In andern billigte ich ihre Bestrebungen nicht. Und im übrigen ist es mir im Leben stets unmöglich gewesen, mich einer Partei zu verschreiben.
Das war auch meinem Freunde bekannt. Aber es schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil.
Die Partei, so erklärte er mir, denke nicht daran, wieder einmal jemand aus ihrer Mitte in die Regierung zu schicken. Sie werde sich für einen Vertrauensmann entscheiden, der nicht auf das engere Parteiprogramm eingeschworen sei und dem damit auch eine größere Bewegungsfreiheit gestattet werde. Ich sei der richtige Mann. Ich besäße einen geachteten Namen, die Zuneigung der breitesten Kreise. Die Partei, so warb er weiter, werde Ehre mit mir einlegen; ich brauche mich nicht verpflichtet zu fühlen; sie müsse im Gegenteil mir dankbar sein dafür, daß ich ihr meinen Namen und meine Person zur Verfügung stelle.
Ich wandte u. a. ein, er kenne doch meine politischen Anschauungen. In einem Zwist zwischen Krone und Partei z. B. könne ich als Minister der Großherzogin unmöglich auf die Seite der Republikaner treten; das verbiete mir mein persönliches Ehrgefühl.
Hr. Probst suchte mir klar zu machen, daß es zu einem solchen Konflikt in dieser Zeit überhaupt nicht kommen werde. Die Partei denke nicht an politische Abenteuer. Auch die Sozialisten müßten sich hauptsächlich darum bemühen, aus den schwierigsten Volksernährungssorgen herauszukommen, die Verfassungsreform durchzuführen und damit zu klareren Verhältnissen hinzufinden. „Dieses Geschäftsministerium, so beteuerte er, soll eben die Brücke zu einer friedlicheren Zukunft schlagen helfen. Die verschiedenen Hauptparteien sind in der neuen Regierung vertreten. Sie bringen zum ersprießlichen Zusammenarbeiten, wenn auch keine Begeisterung, doch den aufrichtigen Willen mit. So scheint das Neue unter nicht grade ungünstigen Gestirnen geboren zu werden."
Den Ausschlag bei meiner Entscheidung brachte schließlich die Erwägung, wie ich durch eine solche Beförderung an eine höchste leitende Stelle in die Lage versetzt werde, das Leben und die Menschen unter Verhältnissen kennen zu lernen, die mir bis dahin ganz verschlossen waren. Mein innerer Mensch werde unter der bereicherten Erfahrung notwendigerweise wachsen, und zudem werde es mir so möglich gemacht, den einen und andern Lieblingsgedanken, der mir während meiner Lehrtätigkeit teuer geworden, zu verwirklichen.
„Denn", so entschied ich schließlich, „selbstverständlich komme ich nur für den Posten des Unterrichtsministers in Betracht. Auf einen andern passe ich nicht."
Unter den Führern der sozialistischen Gruppe zählte ich neben Probst noch manchen andern guten Bekannten. Sie konnten mich, fast ohne Ausnahme, sämtlich gut leiden. Der Dichter der „Schmiede" und des „Franz Bergg" sagte ihnen zu.
Des Freundes Vorschlag fand willige Ohren.
Am 18. September 1918, nachmittags gegen 4 Uhr, traf ich mich mit den Vertretern der sozialistischen Kammergruppe in einem Caféhaus des Paradeplatzes zu einer Aussprache.
Herr Probst führte mich ein, setzte die Ziele der Partei für die nächste Zukunft auseinander, betonte den Wunsch auf ein friedliches Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien, um der wirtschaftlichen Sorgen und Hemmnisse Herr zu werden, und teilte mir schließlich mit, die sozialistische Kammerfraktion sei bereit, mich als ihren einzigen Vertrauensmann in Vorschlag zu bringen.
Die freundlichen Mienen der Anwesenden bewiesen, daß dieser Gedanke allgemeine Zustimmung fand.
Ich dankte für das Vertrauen, das mir zuteil ward, und sagte: „Dieses Vertrauen ehrt mich doppelt, denn ich bin, wie Sie wissen, nicht Mitglied der Sozialdemokratie. Aber ich fühle sozial und denke demokratisch von Jugend auf. Von dieser Gesinnung habe ich Proben gegeben, die Ihnen gewiß bekannt sind. Ich werde auch in Zukunft diesem Geiste treu bleiben. Wenn Ihnen diese Zusicherung genügt, können wir zusammenarbeiten."
Diese Worte weckten Zustimmung. Ein weiteres Glaubensbekenntnis, so hieß es, wolle man von mir nicht hören.
Ich warf ein: „Gewiß aber werden es die andern Parteien als sonderbar empfinden, daß Sie Sozialdemokraten mit Ihren besondern Plänen und Bestrebungen in der neuen Regierung für sich gerade den Posten des Unterrichtsministers fordern, denn für einen andern mag ich mich nicht melden."
„O", bemerkte Freund Probst, „dem öffentlichen Unterricht kommt doch auch eine höchst bedeutsame soziale Aufgabe zu. In nächster Zukunft muß z. B. der so wichtige Fortbildungsunterricht bei uns zweckmäßiger gestaltet werden. Dabei hättest du das entscheidende Wort zu sprechen. Dem Werke der Volkserziehung und der Jugendbildung bringt der Sozialismus bekanntlich eine besondere Liebe entgegen. Außerdem leben wir in der Zeit der Lebensmittelbeschlüsse mit ihren gerade für den armen Mann und den Arbeiter so drückenden Folgen. Diese Verordnungen werden im Ministerrat getroffen. Also hättest du auch dabei entscheidend mitzureden."
„Schön. Nur dürfen wir uns nicht falsch verstehen, meine Herren. Ich möchte als Ihr Vertrauensmann nicht von den Launen oder der Willkür eines Einzelnen Ihrer Abgeordneten abhängen, dem ich vielleicht mißliebig bin oder werden könnte. Um mich zu entfernen, brauchte dieser nur eine Prinzipienfrage vom Zaun zu brechen, mit der Regierung und Kammermehrheit nicht einverstanden sein könnten; dann aber wäre der Bruch zwischen uns da und ich müßte austreten. Ich will mit Ihnen aufrichtig arbeiten, aber ein Hampelmann mag ich nicht sein."
„Diese Gefahr besteht nicht. Ein einzelner Abgeordneter darf sich solche Seitensprünge nicht erlauben. Die Fraktion als solche allein entscheidet. Und die kennt ihre Verantwortung."
„Es bleibt also dabei: Alle brennenden Fragen werden zurückgestellt? Wir wollen fruchtbare Arbeit leisten? So ist es ja gemeint?"
Die Runde antwortete: „Ja! Ja!"
„Wir halten es mit einer Politik, die sich ohne weitere Nebenabsichten in die Tat umsetzen läßt?"
„Gewiß, gewiß! So meinen wir's auch."
„Es wäre aber zu wünschen", warf der Abgeordnete Josef Thorn ein, „daß der Vertrauensmann in beständiger Fühlung mit der Partei bleibe und seinen Leuten nicht so fern, ja so fremd gegenüberstehe, wie das im letzten Ministerium für die liberalen Vertreter der Fall gewesen zu sein scheint."
„Natürlich werde ich das. Und das um so lieber, als ich mich ja nicht als Strohmann behandelt wissen will. Ich werde darauf bedacht sein, Sie geziemend auf dem laufenden zu halten und Ihrer Meinung meine Ansicht gegenüberzustellen."
Damit war diese erste Besprechung zu Ende. Es wurde nichts weiter verhandelt und kein übriges vereinbart.
Soviel aber wußte ich von vornherein, daß ich, als Vertreter der Fraktion, bei deren Abhängigkeit von dem stets schwankenden Fühlen und Wollen der Masse immer mit der Ungewißheit und den Launen zu rechnen hätte. Ich war entschlossen, diese Gefahr auf mich zu nehmen und im entscheidenden Augenblick an meiner Aufrichtigkeit keinen Zweifel zu lassen.
Gleich nach dieser Sitzung begab sich Herr Probst zu Herrn Mongenast. Eben verließ der Führer der Rechtspartei dessen Haus. Er schien nervös und blickte unzufrieden drein.
Probst erklärte Herrn Mongenast, seine Partei sei bereit, ihn als künftigen Regierungspräsidenten anzuerkennen, und gab ihm den Namen des sozialistischen Vertrauensmannes.
Herr Mongenast war erstaunt und meinte nach einigem Bedenken: „Wissen Sie, Herr Probst, ich kann Herrn Welter ganz gut leiden."
„Aber das hoffe ich, Herr Mongenast."
„Herr Welter ist ein tüchtiger Professor. Das habe ich auch als Präsident des Kuratoriums feststellen können. Um seine Kandidatur aber ist es heikel bestellt, besonders wegen der Haltung, die die Klerikalen ihm gegenüber einnehmen werden."
Herr Probst lachte verständnisvoll und erinnerte an den Widerstand, den die Rechtspartei zur Zeit meiner Ernennung zum Gymnasialdirektor entgegengestellt hatte.
Das aber war so gekommen.
Herr ~G. Zahn~ hatte am 2. August 1917 seine Entlassung als Direktor des Athenäums erhalten. Ich wurde von den Linksparteien, die damals die Mehrheit in der Kammer besaßen, als sein Nachfolger empfohlen. Herr Probst, und besonders Herr Robert Brasseur, setzten sich mit allem Eifer zu meinen Gunsten ein. Mit Erfolg, wie wir zu hoffen wagten. Der damalige Generaldirektor des öffentlichen Unterrichtes, Herr Moutrier, ein guter Freund des Herrn Brasseur, gab ihnen und mir sein Wort.
Inzwischen hatte man sich auch im Rechtslager gerührt. Eine Abordnung wurde in der Regierung vorstellig und legte gegen meine Ernennung schärfsten Verwahr ein. Der Verfasser der „Lene Frank" und des „Abtrünnigen", so hieß es, dürfe unmöglich an die Spitze der vornehmsten Unterrichtsanstalt des Landes treten.
Herr Moutrier blieb fest und schlug mich der Großherzogin für den Direktorposten vor. Großherzogin Maria Adelheid, die mir vor nicht gar langer Zeit durch ihren Hofmarschall, Hrn. van Dyck, ihre Anerkennung hatte aussprechen lassen für die starke und erfreuliche Wirkung, die ich auf die studierende Jugend ausübe, nahm den Vorschlag ihres Ministers kühl entgegen und verlangte acht Tage Bedenkzeit.
Herr Moutrier faßte das als Absage auf und suchte sich einen anderen Kandidaten. Er fand deren zwei, denn es mußte nun auch der Direktorposten an der Gewerbe- und Handelsschule neubesetzt werden.
Die Entwicklung, die diese Ernennungsangelegenheit genommen hatte, war ziemlich allgemein bekannt. Auch Herr Mongenast wußte Bescheid. Er nickte also zustimmend zu der Bemerkung meines Freundes, lächelte fein, bewegte sich zu seiner Bibliothek und entnahm ihr ein Buch. „Das hier ist Schuld daran", sagte er. Es war „Der Abtrünnige".
„Soeben haben mir", fuhr er fort, „die Klerikalen durch Herrn Huß zwei Mann empfohlen. Ich kann sie unmöglich annehmen. Herr Huß wird morgen wiederkommen und mir die endgültigen Vorschläge seiner Partei unterbreiten. Mit dem Namen des Herrn Welter halten wir einstweilen zurück. Es ist besser so. Wir dürfen ihn nicht gleich in die Öffentlichkeit werfen."
Herr Probst erklärte sich mit dieser vorsichtigen Haltung einverstanden, fügte aber hinzu, seine Partei werde keinen andern Kandidaten in Vorschlag bringen.
Mir gestand er gleich nach dieser Unterredung, Herr Mongenast werde kaum etwas erreichen.
Herr Mongenast verzichtete denn auch kurz nachher auf die Bildung des neuen Geschäftsministeriums.
Jetzt konnte nur noch, wollte man überhaupt aus dem Wirrwarr herauskommen, an eine richtige Koalitionsregierung gedacht werden. Der Rechten, als der bedeutend stärksten Partei, kam dabei die Führung zu. Sie sollten zwei Mann stellen.
Zwischen den Parteien wurde heftig und verworren hin und her verhandelt. Links und rechts wurde bald dieser, bald jener Mann vorgeschoben. Immer aber sollte Herr Emil Reuter, den die Rechtspartei als den würdigsten auserlesen hatte, das Haupt der neuen Regierung abgeben.
Schließlich kam es zwischen den Parteien zu einer Einigung und am 28. September 1918 trat das Koalitionsministerium ~Reuter--Neyens--Welter--Liesch--Collart~ ins Amt.
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