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fühle ich; ich zünde die Lampe an, denn die Nacht steigt auf und die Dunkelheit macht meine Sinne zu scharf; die Schemen sind wie die Fledermäuse: „das Licht wird sie verscheuchen; es geht nicht an, daß sie noch länger mein Bewußtsein plündern!“

Die Wünsche der Verstorbenen habe ich stumm gemacht, aber die Unrast der gespenstischen Erbschaft will nicht aus meinen Nerven weichen.

Ich krame in einem Spind, um mich abzulenken: ein Spielzeug, das mir einst mein Vater zu Weihnachten geschenkt, fällt mir in die Hände: eine Schachtel mit Glasdeckel und Glasboden; Figuren aus Holundermark, Männlein und Weiblein und eine Schlange sind darin; wenn man mit einem Lederbausch über das Glas fährt, werden sie elektrisch, verbinden sich, fahren auseinander, hüpfen, kleben bald oben, bald unten und die Schlange freut sich und macht die absonderlichsten Windungen. „Auch die da drin glauben, sie leben“, denke ich bei mir, „und doch ist es nur die eine Allkraft, die ihnen Bewegung verleiht!“ Dennoch kommt es mir nicht in den Sinn, das Beispiel auf mich selbst zu beziehen: ein Tatendurst überfällt mich plötzlich, und ich bringe ihm kein Mißtrauen entgegen; der Lebenstrieb der Verstorbenen naht sich unter anderer Maske.

„Taten, Taten, Taten müssen vollbracht werden!“ fühle ich; „ja, das ist es! Nicht das, was die Vorfahren selbsüchtig wollten, daß geschähe“ — so suchte ich mir einzureden —, „nein, etwas viel Größeres soll ich tun!“

Wie Keime hat es in mir geschlummert, jetzt bricht es auf, Samenkorn um Samenkorn: du mußt ins Leben hinaus, Taten vollbringen für die Menschheit, der du doch angehörst als ein Teil! Sei ein Schwert im allgemeinen Kampf gegen das Medusenhaupt!

Unerträgliche Schwüle herrscht im Zimmer; ich reiße das Fenster auf: der Himmel ist ein bleiernes Dach geworden, ein undurchdringliches schwärzliches Grau. Fern am Horizont zuckt Wetterleuchten. Gott sei Dank, ein Gewitter zieht auf. Seit Monaten kein Tropfen Regen, die Wiesen verdorrt, bei Tage flirren die Wälder im zitternden Hauch der verdurstenden Erde.

Ich gehe zum Tisch und will schreiben. Was? Wem? Ich weiß es nicht. Vielleicht dem Kaplan, daß ich zu verreisen gedenke, um mir die Welt anzusehen?

Ich schneide eine Feder, setze an, da übermannt mich Müdigkeit; ich lasse den Kopf auf den Arm sinken und schlafe ein.

Die Platte des Tisches gibt echogleich, verstärkend wie ein Resonanzboden, die Schläge meines Pulses wieder, dann wird ein Hämmern daraus und ich bilde mir ein, ich schlüge mit einem Beil die Metalltüre im Keller auf. Wie sie aus den verrosteten Angeln fällt, sehe ich einen alten Mann herauskommen und wache im selben Augenblick auf.

Bin ich denn wirklich wach? Da steht doch der alte Mann leibhaftig im Zimmer und blickt mich an mit greisenhaft erloschenen Augen!

Daß ich die Feder noch in der Hand halte, beweist mir, daß ich nicht träume und bei klarem Bewußtsein bin.

„Ich muß diesen merkwürdigen Fremden schon einmal gesehen haben“, überlege ich bei mir; „warum trägt er nur in dieser Jahreszeit eine Ohrenklappe aus Pelz?“

„Ich habe dreimal an die Türe geklopft; als niemand antwortete, bin ich eingetreten,“ sagt der Alte.

„Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“ frage ich verblüfft.

„Ich komme im Auftrag des Ordens.“

Einen Augenblick lang bin ich im Zweifel, ob nicht ein Phantom vor mir steht: das greisenhafte Gesicht mit dem schüttern, eigentümlich geformten Bart paßt so gar nicht zu den muskulösen Arbeiterhänden! Wäre es ein Bild, das ich da sehe, würde ich sagen: es ist verzeichnet. Irgend etwas stimmt nicht in den Dimensionen! Und der rechte Daumen ist verkrüppelt; auch das kommt mir merkwürdig bekannt vor.

Heimlich fasse ich den Ärmel des Mannes, um mich zu überzeugen, ob ich nicht das Opfer einer Sinnestäuschung bin, und begleite die Bewegung mit der Geste: „Bitte, setzen Sie sich!“

Der Alte übersieht es und bleibt stehen.

„Wir haben Nachricht erhalten, daß dein Vater gestorben ist. Er war einer der unsrigen. Den Gesetzen des Ordens gemäß steht dir als seinem leiblichen Sohn das Recht zu, Aufnahme zu verlangen. Ich frage dich: machst du Gebrauch davon?“

„Es wäre mein größtes Glück, derselben Gemeinschaft anzugehören wie einst mein Vater, aber ich weiß nicht, welche Zwecke der Orden verfolgt und was sein Ziel ist. Kann ich darüber Näheres erfahren?“

Der glanzlose Blick des Greises irrt über mein Gesicht. „Hat dein Vater nie mit dir davon gesprochen?“

„Nein. Nur in Andeutungen. Ich kann wohl aus dem Umstande, daß er in der Stunde vor seinem Tode eine Art Ordensgewand anlegte, schließen: er muß einer geheimen Gesellschaft angehört haben; aber das ist wohl alles, was ich weiß.“

„So will ich es dir sagen: Seit unvordenklichen Zeiten lebt ein Kreis von Männern auf Erden, der das Schicksal der Menschheit lenkt. Ohne ihn wäre längst das Chaos hereingebrochen. Alle großen Völkerführer sind blinde Werkzeuge in unserer Hand gewesen, sofern sie nicht Eingeweihte der Gemeinschaft waren. Unser Ziel ist, die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Herr und Knecht, Wissenden und Unwissenden, Herrschenden und Unterdrückten aufzuheben und aus dem Jammertal, Erde genannt, ein Paradies zu schaffen, ein Land, in dem das Wort ‚Leid‘ unbekannt ist. Die Bürde, unter der die Menschheit seufzt, ist das Kreuz der Persönlichkeit. Die Weltseele hat sich zersplittert in Einzelwesen, daraus entstand jegliche Unordnung. Aus der Vielheit die Einheit wieder herzustellen, ist unser Wollen.

Die edelsten Geister haben sich in unseren Dienst gestellt und die Zeit der Ernte steht vor der Tür. Jeder soll sein eigener Priester sein. Die Menge ist reif, das Pfaffenjoch abzuschütteln. Schönheit ist der einzige Gott, zu dem die Menschheit hinfort beten wird. Aber noch bedarf sie tatkräftiger Männer, die ihr den Weg zur Höhe weisen. Darum haben wir Väter des Ordens Gedankenströme in die Welt geschickt, die wie Wildfeuer die Gehirne ergreifen, um den Größenwahn der Lehre vom Individualismus zu verbrennen. Krieg aller für alle! Aus Wildnis einen Garten zu schaffen, das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben! Fühlst du nicht, wie alles in dir nach Tat schreit?! Warum sitzest du hier und träumst?! Auf, errette deine Brüder!“

Eine wilde Begeisterung ergreift mich. „Was soll ich tun?!“ rufe ich. „Befiehl, was ich tun soll! Ich will mein Leben hingeben für die Menschheit, wenn es sein muß. Welche Bedingungen stellt der Orden, daß ich ihm angehören kann?“

„Blinden Gehorsam! Verzicht auf jedes eigene Wollen! Für die Allgemeinheit wirken und nicht mehr für dich selbst! Das ist der Weg aus der Wildnis der Vielheit ins gelobte Land der Einheit.“

„Und woran soll ich erkennen, was ich zu tun habe?“ frage ich, von plötzlichem Zweifel ergriffen. „Ich soll ein Führer sein, was werde ich lehren?“

„Wer lehrt, der lernt. Frage nicht: was werde ich sprechen! Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Gehe hin und rede! Die Gedanken werden wir dir einflößen, darum sorge nicht! Bist du bereit, den Eid des Gehorsams zu leisten?“

„Ich bin bereit.“

„So lege die linke Hand auf die Erde und sprich mir nach, was ich dir sagen werde!“

Wie betäubt, will ich gehorchen, beuge mich nieder, da packt mich plötzlich jäh das Mißtrauen. Ich zögere, blicke auf, die Erinnerung durchzuckt mich: das Gesicht des Alten, der da steht, habe ich als Schwertknauf, aus Blutstein geschnitten, gesehen; und der verstümmelte Daumen gehört zu der Hand des Landstreichers, der einst auf dem Marktplatz tot umfiel, als er mich erblickte.

Mir wird kalt vor Schreck, aber ich weiß jetzt, was ich zu tun habe; ich springe auf und schreie den Alten an:

„Gib mir das Zeichen!“ und halte ihm die Rechte hin zum „Griff“, den mich mein Vater gelehrt hat.

Aber der da steht, ist kein lebender Mensch mehr: ein Gebilde aus Gliedern, die lose am Rumpf hängen wie bei einem Geräderten! Darüber schwebt der Kopf, vom Nacken getrennt durch einen fingerbreiten Streifen Luft; noch beben die Lippen unter dem entweichenden Atem. Ein scheußliches Wrack aus Fleisch und Bein.

Schaudernd bedeckte ich meine Augen mit den Händen; als ich aufblicke, ist der Spuk verschwunden, aber frei im Raume hängt ein leuchtender Ring: darin mit feinen, durchsichtigen Umrissen wie ein blaßblauer Nebelhauch das Gesicht des Alten mit der Ohrenkappe.

Diesmal ist es die Stimme des Urahns, die aus seinem Munde kommt:

„Trümmer, Balken gestrandeter Schiffe, die auf dem Ozean der Vergangenheit treiben, hast du gesehen; aus seelenlosen Resten versunkener Gestalten, aus vergessenen Eindrücken deines Geistes haben die lemurenhaften Bewohner des Abgrundes das Bild unseres Meisters zum Hirngespinst geformt, um dich zu täuschen, haben mit seiner Zunge zu dir geredet leere hochklingende Worte der Betörung, um dich hineinzulocken, Irrlichtern gleich, in die todbringenden Sümpfe der planlosen Taten, darinnen schon Tausende vor dir und größere als du elendiglich versunken sind. ‚Selbstverzicht‘ nennen sie den Phosphorschein, mit dem sie ihre Opfer überlisten, die Hölle hat frohlockt, als sie ihn angezündet haben dem ersten Menschen, der ihnen vertraute. Was sie zerstören wollen, ist das höchste Gut, das ein Wesen sich erringen kann: das ewige Bewußtsein als Persönlichkeit. Was sie lehren, ist Vernichtung, aber sie kennen die Gewalt der Wahrheit, darum sind alle Worte, die sie wählen, Wahrheit — doch jeder Satz daraus geformt ist abgrundtiefe Lüge.

Wo Eitelkeit und Machtbegier in einem Herzen wohnen, da sind sie zur Hand und fachen diese trüben Funken an, bis sie glänzen wie helles Feuer und der Mensch wähnt, in selbstloser Liebe für seinen Nächsten entbrannt zu sein und hingeht und predigt, ohne berufen zu sein — ein blinder Führer wird und mit den Lahmen in die Grube stürzt.

Sie wissen gar wohl, daß des Menschen Herze böse ist von Jugend auf und daß Liebe darin nicht wohnen kann, es sei denn, sie wäre geschenkt von oben.

Sie wiederholen den Satz: ‚Liebet euch untereinander‘, bis er stumpf wird; der ihn zuerst sagte, gab denen, die ihn hörten, damit ein magisches Geschenk; sie aber speien die Worte ins Ohr wie Gift — Unheil und Verzweiflung, Mord, Blutbad und Verwüstung wachsen daraus empor. Sie ahmen die Wahrheit nach wie die Vogelscheuche das Kruzifix am Wegesrand.

Wo sie sehen, daß ein Kristall sich bildet, der symmetrisch — ein Ebenbild Gottes — zu werden verspricht, da bieten sie alles auf, ihn zu zertrümmern. Keine Lehre des Ostens ist ihnen zu fein, als daß sie sie nicht vergröberten, irdisch machten, umstellten und durchlöcherten, bis sie das Gegenteil darstellt von dem, was gemeint war. ‚Vom Osten kommt das Licht‘, sagen sie und meinen heimlich die Pest damit.

Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist: die Arbeit am eigenen Selbst, nennen sie Selbstsucht; Weltverbessern, aber nicht wissen wie, — Habsucht mit dem Namen ‚Pflicht‘ bemänteln und Neid mit ‚Ehrgeiz‘, das sind die Gedanken, die sie den irrenden Sterblichen einflößen.

Das Reich zersplitternden Bewußtseins ist ihr Zukunftstraum, Besessenheit allüberall ihre Hoffnung; sie predigen durch den Mund der Besessenen das ‚tausendjährige Reich‘ wie einst die Propheten, aber daß das Reich ‚nicht von dieser Welt‘ ist, solange die Erde sich nicht verwandelt und der Mensch durch die Wiedergeburt des Geistes — das verschweigen sie; sie strafen die Gesalbten lügens, indem sie die Reife der Zeit vorwegnehmen.

Wenn ein Heiland kommen soll, äffen sie ihm vor; wenn er geht, äffen sie ihm nach.

Sie sagen: tritt als Führer auf! wohl wissend, daß nur einer führen kann, der vollkommen geworden ist. Sie drehen es um und betrügen: führe, so wirst du vollkommen.

Es heißt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand; sie aber suggerieren: nimm ein Amt und Gott wird dir den Verstand geben.

Sie wissen: das Leben auf Erden soll ein Zustand des Überganges sein, darum locken sie listig: ‚mach ein Paradies aus dem Diesseits‘ wohl kennend die Vergeblichkeit solcher Mühe.

Sie haben die Schatten des Hades befreit und beleben sie mit fluidisch dämonischer Kraft, damit die Menschen glauben, die Auferstehung der Toten sei gekommen.

Nach dem Antlitz unseres Meisters haben sie eine Larve geformt, die spukhaft auftaucht da und dort, bald in den Träumen Hellsichtiger, bald in den Zirkeln der Geistesbeschwörer als stoffvortäuschende Gestalt, bald als automatisch sich bildende Zeichnung der Medien; John King — Johann der König — nennt sich das Gespenst denen, die neugierig nach seinem Namen fragen, damit der Glaube entstehe, es sei Johannes der Evangelist. Sie ahmen das Antlitz ‚vor‘ für alle, die, wie du, reif geworden sind, es in Wahrheit zu schauen; sie bauen vor, um Zweifel säen zu können, wenn, wie jetzt bei dir, die Stunde naht, wo es des nimmerwankenden Glaubens bedarf.

Du hast die Larve zertrümmert, da du den ‚Griff‘ verlangtest; jetzt wird das wahre Antlitz für dich zum Knauf des magischen Schwertes, geschmiedet ohne Fuge aus einem Stück Blutstein; wer es empfängt, für den wird lebendig der Sinn des Psalmes: ‚Gürte dein Schwert an deine Seite, zeuch einher der Wahrheit zu gut und die Elenden bei Recht zu erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen!‘“

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DAS NESSOSHEMD

Wie der Schrei des Adlers, die Luft auf Bergeshöhen erschütternd, eine Schneewächte löst, die rollend zur Lawine wächst und den Glanz verborgen gelegener Eisflächen enthüllt, so reißen die Worte des Urahns ein Stück meines Ichs in mir los.

Den Psalm verschlingt ein heulendes Sausen im Ohr, der Anblick des Zimmers erlischt vor meinen Augen und ich glaube hinabzustürzen in den grenzenlosen Weltraum.

„Jetzt, jetzt werde ich zerschellen!“ Aber das Fallen will kein Ende nehmen; mit immer größerer, rasender Schnelle saugt mich die Tiefe ein, und ich fühle, wie mein Blut das Rückgrat emporschießt und die Schädeldecke als leuchtende Garbe durchbricht.

Ich höre das Krachen der Knochen, dann ist alles vorbei; ich stehe auf den Füßen und weiß: es war eine Sinnestäuschung, ein magnetischer Strom hat mich durchdrungen von den Sohlen bis zum Haupte und in mir die Empfindung erweckt, als stürzte ich in einen bodenlosen Schlund.

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