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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt worden:
~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
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Der Hochlandspfarrer
Von Ingeborg Maria Sick
Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen von Pauline Klaiber
Sechzehnte Auflage
1 · 9 · 2 · 1
Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart
Gedruckt in Stuttgart bei ~J. F. Steinkopf~
Inhaltsverzeichnis.
Seite In die Ferne 5 Der Pfarrer von Li 27 Das dänische Fräulein 79 Hinauf 227
In die Ferne
Weit droben im Hochgebirge von Norwegen liegt das ferne, einsame Kirchspiel Li.
Ich wünschte, ich könnte sagen: »Komm und folge mir dahin auf raschen Flügeln, mit dem blitzschnellen Flug des Schneehuhns!« Ein Flügelrauschen, und wir wären da!
Denn sonst wirst du am Ende umkehren wollen, ehe der halbe Weg zurückgelegt ist.
Zuerst müssen wir nach Trondheim. Und von da geht es »in aller Herrgottsfrühe« hinaus und hinein in die Fjorde, mehrere Stunden lang, hinauf, aber auch hinab. Denn der kleine Dampfer schwankt wie ein Betrunkener auf den schäumenden Wogen dahin, bis er endlich in Stenkjer anlegt.
Das enge Städtchen inmitten einer großartig schönen Umgebung überspringen wir und fahren sogleich mit dem Postwagen in nördlicher Richtung weiter und weiter, bis wir endlich in den langen Abendschatten das Wasser der Snaasenbucht zu unseren Füßen durch die Tannen schimmern sehen. Dann geht es wieder an Bord eines noch kleineren Dampfers als am Morgen und nun auf den friedlichen Wellen des Gebirgsees weiter bis zum späten Abend.
Während der Fahrt drängen sich plötzlich die wenigen Reisenden auf dem Verdeck zusammen. »Ein Elch! Ein Elch!« Draußen, mitten auf dem Wasser schwimmt ein großer Elch, der sein riesiges, graues Maul mit weit aufgeblasenen, schnaubenden Nüstern hoch über die Wogen erhebt.
Bei Sonnenuntergang taucht am Ende des Wassers weiß und ruhig der Wegsethof auf.
Wir gehen ans Land; und während der kleine Dampfer sich entfernt, indem er das letzte Rauschen des Weltlärms weit, weit mit sich wegführt, ist hier ein großartiges, merkwürdig stilles Naturreich, das uns umschließt.
Wir übernachten auf dem Hof, und am nächsten Tage ziehen wir weiter mit dem Skjuts,[1] dem norwegischen zweirädrigen Postwagen.
[Footnote 1: Sprich Schüts.]
Durch Tannenwälder geht es, hohen Felswänden entlang, wo kletternde Linneen und St. Olafslichter wachsbleich und schön unter glänzenden Tautropfen duften.
Der Morgen verwandelt sich in einen heißen, strahlenden Mittag -- und noch immer rollt unser Wagen durch diese stumme, wie traumbefangene Schönheit dahin, wo wir nicht einem einzigen Menschen begegnen. Nur weiße »Bergfrauen« winken uns aus jeder Felsenspalte, wo nur immer sie Fuß zu fassen vermocht hatten.
Höchstens alle vier Stunden taucht ein einzelner Hof zwischen den Tannen auf, eine menschliche Oase mitten in der Wüste der Einsamkeit, wo unserer warten -- nicht Dattelpalmen und Quellwasser, sondern Rauchfleisch, Fladenbrot und dicke Milch, mit der wir kaum fertig werden, bis wir wieder weiter müssen.
Sie sagen alle »du« zu uns, -- ich meine, die Bewohner der Höfe und unser Postillion; sonst sehen wir niemand.
Gegen Nachmittag wird unser Postknecht redselig. Den ganzen Morgen ist er wortkarg gewesen; aber nun scheint es, als ob ein gewisses lauerndes Mißtrauen gegen unsere Fragen von ihm gewichen sei, und wir erfahren vielerlei, das wir uns allmählich klar zu machen suchen.
Ola heißt er, -- Ola Klövigaarden.
Wir fragen ihn, ob sich keine Elfen oder Kobolde in dieser Gegend aufhalten. Wir sagen, es komme uns hier so vor, als könne es allerhand Erscheinungen geben.
Zuerst will er nichts davon wissen. Dann aber deutet er plötzlich auf einen großen Felsblock, der sich hoch oben über einen einsamen Hof hinausbeugt, und sagt, da drin habe das Elfenvolk sein Schloß. Wenn man oben auf dem Felsen stehe, könne man in ein tiefes Loch hinabsehen. Das sei der Eingang. Und wenn man etwas da hinunterwerfe, ein Tuch oder sonst etwas, so werde es einem gleich wieder zurückgeschleudert. Aber niemand solle ihm weismachen wollen, daß das vom Luftzug komme. Und wer könnte es denn sein, der dann gleichzeitig da unten lache?
Und seine Großmutter, die sich auf den Hof dort verheiratet habe, sei einmal als junge Frau ganz allein zu Hause gewesen. Da sei plötzlich unter der Tür des Vorratshauses, wo sie eben Mehl holen wollte, einer gestanden und habe gesagt, daß die Waldfrau drinnen im Felsen in Kindsnöten liege.
Die Großmutter habe sich gefürchtet, nein zu sagen, aber eben so große Angst habe sie vor dem Mitgehen gehabt. Da sei ihr eingefallen, daß es Christenpflicht sei, zu helfen. Und da sei sie mitgegangen, hinunter durch das schwarze Loch in den Felsen hinein. Da drinnen habe die Ärmste gelegen, und die Großmutter habe ihr geholfen aus schwerer Not. Aber als sie dann durch die Felsenkuppe wieder herauskam, habe neben ihr eine scheckige Kuh gestanden, die ihr nach dem Hofe gefolgt sei. Das sei der Dank der Waldleute gewesen. Und bis auf den heutigen Tag gebe es scheckige Kühe auf dem Hof. Jeder könne hingehen und es sehen.
Wir fragten ihn, ob er nicht noch mehr wisse. Nein, sagte er, sonst wisse er nichts mehr.
Kurz nachher aber begann er wieder: Doch ja; damals, als sein Vater da droben »gehütet« habe, da habe er, ohne an etwas Böses zu denken, plötzlich ein graues Männchen mitten unter den Ziegen stehen sehen, und als er hinging und es fragte, woher es komme, -- da sei es plötzlich »weg« gewesen. Aber den ganzen Tag habe man den Ziegen nicht nahe kommen dürfen, so verscheucht seien sie gewesen. -- -- --
Der Abend bricht an, und da halten wir vor dem Nynäshof. Dieser liegt dicht am Weg an den Felsen angelehnt. Und jenseits des Wegs zieht der Fluß rauschend dahin. Dann ragen wieder Felswände auf -- mitten aus dem brausenden Strom heraus. Denn eng ist das Tal und düster durch die überhängenden Tannen, die auf den zu beiden Seiten aufsteigenden Felswänden wachsen.
Die meisten der Bewohner des Hofs sind »aus«, auf der Alm mit den Kühen, wie Ola erklärt. Nur die Frau und ein junger Bursche sind zufälligerweise daheim und können uns eine Lagerstätte anweisen.
Die Gastbetten -- vier an der Zahl -- stehen in einem Raum neben der großen Spinnstube, die im Sommer öde und verlassen ist.
Gebrauchte Bettücher, Elentierfelle als Decken, und Türen, die man nicht verriegeln kann, -- weder die von der Stube nach der Treppe, noch die von der Treppe ins Freie -- drohen im ersten Augenblick, uns den Schlaf zu verscheuchen. Aber die Müdigkeit nach dem vielstündigen Rütteln im Postwagen über Stock und Stein bekommt die Oberhand.
Um Mitternacht kehrt das Bewußtsein plötzlich zurück mit dem Gefühl, daß alle Spinnrädchen in der Spinnstube nebenan anfangen zu schnurren -- -- -- schnurren -- -- --
Und es ist einem, als ob man hinter den schwirrenden Rädchen alle verstorbenen Mädchen und Frauen des Hofs sitzen sehen müsse, wenn man dort hineinlugte, und die nickten einem zu, -- bis man entdeckt, daß es nur der Fluß ist, der so nahe braust, so unglaublich nahe; es ist, als ziehe er einem mitten durch den Kopf.
Und man hat das Gefühl, als könne von Schlaf keine Rede mehr sein, so lange dieser Ton anhält, -- -- -- bis einen das Rauschen und Schnurren schließlich doch wieder einlullt. --
Der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Reise. Zuerst wieder im Postwagen drei bis vier Stunden in gleichmäßigem Steigen längs der Felswand, den Fluß tief unter uns. Dann zieht dieser seines Weges, wir gehen den unserigen, bis unser Pfad an dem »steilen Felsen« aufhört, wo wir vom Wagen steigen und uns mit einem »Schönen Dank!« und »Adieu!« von Ola verabschieden.
Nun beginnt die Fußwanderung. Der Führer geht mit unserem Koffer auf der Schulter voran. Hinauf, hinauf.
Es führt jetzt ein Pfad über die Felsen, der meistens recht leicht erkennbar ist, -- aber auch die alten »Warten« stehen noch da von den Tagen her, wo sie die einzigen Wegweiser in dieser Höhe gewesen sind. -- --
Nachdem wir ein paar Stunden gewandert sind, hält der Führer plötzlich an und betrachtet aufmerksam den Boden zu seinen Füßen.
»Bären,« sagt er und richtet den Kopf mit einer jähen Bewegung auf, die für unsern Koffer beinahe verhängnisvoll wird.
Quer über den Weg laufen frische Bärenspuren ....
Blitzschnell spähen unsere Blicke nach allen Seiten. Die Tannen sind hier ganz nieder und wachsen nur zerstreut, -- Steine, Zwergbirken und Wacholderbüsche bedecken abwechslungsweise die Abhänge, so daß wir weit umherschauen können. Aber Meister Petz ist nirgends zu sehen. Der Führer meint, er habe sich in das entfernte Tannendickicht auf der linken Seite, hinter dem sich der Fluß versteckt, zurückgezogen.
Trotzdem -- ganz sicher fühlen wir uns nicht. Und als es plötzlich in dem niederen Wacholdergebüsch zur Rechten raschelt, bleiben wir atemlos und mit bleichen Gesichtern stehen, während ein Flug Schneehühner in brauner Sommertracht dicht am Boden über den Pfad hinstreicht.
Nachdem die erste halbe Stunde verflossen ist, können wir doch unserer Ängstlichkeit Herr werden und uns nun das Erhabene unserer Lage ganz zu eigen machen.
An einer Biegung des Wegs stoßen wir auf einen eingezäunten Weideplatz mit einer niederen, langgestreckten Sennhütte. Die Sennerin steht unter der Türe, und bei ihr trinken wir frisch gemolkene, schäumende Milch von würzig frischem Geschmack.
Wir erkundigen uns, ob sie nichts von dem Bären gesehen habe.
Jawohl, sagt sie, beinahe die ganze Nacht seien Männer hinter ihm her gewesen. Gestern noch habe er ein schwarzes Kälbchen geraubt.
Auf dem höchsten Punkt, mitten in der öden, steinigen Gebirgsgegend, bleibt der Führer stehen und sagt: »Dort sind die drei Wasser von Li.«
Und draußen in der Ferne sehen wir durch wogende Nebel hindurch etwas leuchten. Etwas, das Tauperlen in einem Schleier gleicht, so kommt es uns vor.
Das sind die drei Wasser, über die wir hinüber müssen, ehe wir den Pfarrhof erreichen.
Wir fragen den Führer, ob er glaube, daß wir in dieser Nacht noch hingelangen könnten.
Er glaubt es nicht. Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags.
Nun beginnt der Abstieg; an manchen Stellen geht es jäh hinab. Es geht rasch, manchmal allzu rasch.
Die Kiefern zeigen sich wieder, sowie einzelne schwache Versuche, Laubbäume vorzustellen.
Der Pfad wird ebener und etwas breiter. Aber jetzt sind die Füße wund und die Gedanken müde. Wir fühlen keine Linderung, während wir gehen und immer weiter gehen.
Dann durchschneidet ein Sturzbach unsern Weg mit zorniger, brausender Abwehr.
Ein paar Kiefernstämme sind über den Bach gelegt und bilden eine nicht ganz sichere Brücke, auf der wir über die Tiefe schwanken.
Zwischen den steilen feuchten Steinen am Bachesrand wachsen ganz lichte und schleierzarte junge Birken.
Eine davon neigt sich geknickt über den funkelnden Schaum der Tiefe.
Sie hat ihre Geschichte, diese Birke.
Während du weiter gehst und deine Gedanken sich mit deinen müden Füßen im Takt bewegen, tönt ihre Geschichte dir nach -- -- sie läßt dich nicht los -- -- bildet sich zu Versen -- die du einfangen mußt -- gleichsam Schritt für Schritt.
Wo der Strom sich stürzt von der Felsenwand, Mit lichtem Haare die Birke stand.
Sie starrt in des Wasserfalls tosende Hast Und neiget die Krone, vom Schwindel erfaßt.
Das tobende Wunder ergreift sie so stark,
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