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tat es, der ihnen untreu wurde und das Christentum, das er annahm, fanatisch gegen sie wandte. So bleiben sie nun liegen. Es müssen merkwürdige Darstellungen gewesen sein. Man sieht in ihnen viele Torsos von schwangeren und gepfählten Frauen. Fern ziehen durch die graue Luft die mächtigen Stufen eines riesenhaften Gebirgszugs. Um den Felsen-Einsamen fließt eine milde, weiche Landschaft auseinander, die drunten im Dunst des Tages silbern verschwimmt.

Wir wollen den ganzen Tag hierbleiben. Ich geb der Mannschaft einen Djau. Sie bringen es fertig, mit diesen anderthalb Mark sich zu fünfundzwanzig Mann zu betrinken. Es ist das erstemal auf der Reise, daß sie Branntwein trinken. Sie kommen abends streitsüchtig an Bord und brüllen herum. Sie legen sich gleich schlafen. Auf einmal wird es wieder laut. Bums! fliegt unsre Tür auf, und ein nackter Bursch stürzt die Treppe herunter. Ich befördere ihn hinaus und sende ihm etliche deutsche Flüche nach. Bald schlafen sie. Nur August steigt noch herum. Aber er hat einen fröhlichen Rausch. Während wir baden, öffnet er von außen das Fenster. Ich schmeiße ihm einen Topf warmen Wassers über den Kopf. Er lacht und winkt, ich möge ruhig sein, er schaue nicht mehr herein.

15. und 16. Dezember.

Die Stadt der Tempel -- Tsongtsau! Eine Stadt, die stirbt und in der die Reste alter Blüte verfallen. Ein einziger Tempel macht eine Ausnahme. Es ist die schönste Tempelanlage, die wir in China gesehn. Die Gebäude wachsen eng nebeneinander auf, Tempel, Theater, Höfe, Pavillons. Es ist eine Seidenstickerei auf Goldbraun. Mächtige Holzsäulen halten Dächer über den Besucher, die aus farbigem Email zu sein scheinen. Am Theater sind subtile Schnitzarbeiten. Viel Gold und Farben sind in die weiche Düsternis der Anlage eingelassen. Es ist Größe und spielende Freude an Ausschweifung in Kleinigkeiten. Die Strenge und Anmut Chinas ist in diesem Werk. Es ist der einzige Tempel, der gepflegt ist. Fast alle andern Tempel Tsongtsaus sind geschlossen, einige Kasernen.

Die Stadt liegt in eine weite Mauer gegürtet auf Felsen, und mit merkwürdigen Überraschungen durchklettern sie ihre Gassen. Einst blühte sie als Examenstadt. Das ist vorbei. Aber von jener Zeit hat sie noch einen Hauch in ihrem Innern, in schönen, sonderbaren, reichen Hausfassaden, feinen Brückenbauten, mächtigen Anlagen von Beamtengebäuden und Tempeln. Am Fluß ist eine große Winterstadt mit breiten Straßen aufgebaut. Ein emsiges Leben füllt sie. Viele Schiffe reihn sich an ihr auf. Ganze Haufen von Orangen und Nüssen gibt es, Fasanen und Hasen; ich kaufte ein Paar Wildtauben für zwölf Pfennige. Das Leben gibt sich so chinesisch wie es ist. Bettler jammern einen halben Tag vor unserm Boot und folgen uns bis in die Stadt. Es sind entsetzliche, krätzige Wesen, Knaben, kleine Mädchen und Männer, mit Schmutzkrusten bedeckt, mit nie gereinigten Haaren, von den Ofenlöchern geschwärzten Leibern und, als einzige Bekleidung, den zerfetzten Sack über dem Rücken. Sie dringen bis aufs Hausboot hinauf. Die Chinesen wagten nicht, sie zu vertreiben. Ich mußte es selber besorgen.

Scharlatane und Wahrsager, Barbiere und Ärzte schieben ihre Tische mitten in den Verkehr. Alte Herren tändeln durch die Menge und rauchen ihre selbstgedrehten Zigarren aus anderthalb Meter langen Bambuspfeifen. Ein jeder Platz ist Bedürfnisanstalt; doch findet man schon Rudimente des W. C. Eine Matte ist im Halbkreis aufgestellt. Primitivste Freudenhäuser mit einer urhaften Einrichtung locken die Kulis. Große Teehallen beben vom Geschrei ihrer Besucher. Mitten in den Wegen vermieten am frühen Morgen Leute Waschbecken, warmes Wasser und Tücher an die Kulis.

Wir blieben zwei Tage in Tsongtsau. Man durchstreift eine solche Stadt wie zu einer Entdeckungsreise, und die Neugier ihrer Bewohner folgt uns, wie Dorfkinder einer Menagerie. Diese Neugier ist gutmütig und liebenswürdig, teils scheu, teils naiv aufdringlich. Der photographische Apparat feiert Triumphe. Wenn ich die Chinesen durch die Mattscheibe schauen lasse, sind sie ganz weg vor Entzücken und Heiterkeit. Dieses liebliche Reduzieren der Zeichnung, belebt vom kühlen Glanz der Farben, ist etwas, das ihrem Sinn liegt.

17. Dezember.

Eine leere Stadt, eine Stadt, die keine Stadt ist, liegt auf einem Berg. Weite Festungsmauern umspannen mit schönen betürmten Toren ödes Land, aus dessen dürrem Gras nur Haufen von entlaubten Maulbeerbäumen wachsen. Im Innern verfallen einige große Jamen und Tempel. Kein einziges Wohnhaus hat diese Stadt jemals besessen. Es ist ein Fungtuschien, das kein Fungtuschien wurde. Das wirkliche Fungtuschien liegt eine Weile davon ab, unten am Fluß. Es wurde einst vom Hochwasser weggespült und die Regierung wollte die Bewohner, die gerettet wurden, in sicherer Lage neu ansiedeln. Sie baute die Mauern und die öffentlichen Gebäude. Aber die Bewohner kümmerten sich nicht darum und setzten sich wieder in ihr altes Nest.

Wir kamen auf einem langen Fußweg über Land in die Stadt. Eine große weiße Pagode auf einer Bergspitze hatte seit langem ihre Nähe angezeigt. Der Zugang führte über eine gedeckte Brücke, auf der sich drei Haushalte eingerichtet hatten. Fungtuschien ist eine Wallfahrtsstadt, oder ist es gewesen. Wir fanden all die zahlreichen Tempel -- jedes dritte Haus ist ein Tempel -- von Soldaten besetzt oder an Handwerker und Teehäuser vermietet. In einem wurden Möbel gezimmert, im andern Gewehrrohre fabriziert, hier war ein Reismarkt, dort eine Garküche und dort eine Spinnerei und Weberei, wo vordem die Götter einen Lieblingsplatz hatten, von dem aus sie den Menschen geneigter waren als anderswo. In allen Tempeln waren feine Schnitzereien und überall hielten "Hunde Fo" Wache, die wunderbare Ornamente aus Stein waren. Aber die Gassen wimmeln von Mönchen. In jedem Ofenloch klebt ein schmutziger Bettler, und unter den Geschäften gibt es viele Pfandleihhäuser, in denen das verstorbene Regime einige alte, seidene, reichbestickte Mandaringewänder für uns untergebracht hat.

18. Dezember.

Der Strom kommt mit verhaltener Macht aus der Unendlichkeit des Nebels. Auf einem Bergkamm wischt der Nebel langsam eine plumpe Pagode aus der Luft. Die Hügel laufen so zart rund um den grauen Dunst. Nur die Äcker leuchten von dem starken Grün der Pflanzen. Ein Ufer ist nur ein Hauch. An dem andern Ufer, an dem wir fahren, ist alles Silhouette. Stromauf schmiegen sich die hohen Flügel der Segelschiffe, die uns vorausfahren, in die weiche Luft, und an ihrer Seite tauchen rasch die großen, vom Rudern erdonnernden, vom Schreien erfüllten großen Dschunken auf und gleiten hastig und mächtig zu Tal. Ein feiner Staub sprüht aus der Luft. Der Westwind wirft ihn heftig gegen unsre Gesichter. Aus den zerrissenen Felsenufern erheben sich von Zeit zu Zeit große Reiher, segeln einsam und in bizarrer Körperhaltung vor uns vorbei, bis der Nebel ihre breiten Flügelschläge ganz einschlürft.

Im Nebel zeigt sich das Fremde noch fremder: die weißen Hausgiebel in Akkoladenform, die kleinen Türme mit den Dächern, die wie Tannenäste von der Achse des Gebäudes abschweifen, die kargen hohen Pagoden, die Eingänge der Tempel, die wie mit bunten kleinen Scherben beworfen in den großen, einfachen weißen Mauern stehn, und über dem Menschenwerk die Schöpfung Gottes -- die mit dünnen langen Baumreihen ausgezogenen, spielerischen Züge der Hügelkämme ... ein landschaftliches Pizzicato.

Wir haben uns angewöhnt, seitdem das Land gemächlicher geworden ist, die Hälfte des Tages zu Fuß am Land zu gehn. Am Ufer sind jetzt überall ganze Scharen von Goldwäschern. Ihre Arbeit zwischen Steinen sieht in der grauen farblosen Luft so armselig aus. Die Leute sind alle zerlumpt gekleidet. Es ist lächerlich, daß sie Goldgräber sind.

Allenthalben kommen die steilen Weglein zwischen den Ackergärten Menschen herab und setzen sich ins nächste Fährboot. Wenn es so voll ist, daß es fast untergeht, beginnt es rasch in den grauen Strom hineinzufahren und sich quer ans andre Ufer treiben zu lassen. Wir hören die Trommel unserm Schiff Zeichen geben. Eine Schnelle rauscht, und Zieher schreien unsichtbar im Nebel.

Da kommt jenseits auf der halben Höhe eines Berges ein Leichenzug. Schalmeien tönen hart und dumpf, der Gong brummt wie eine Glocke, und langsam taucht der Zug durch den Nebel vorbei: weiße Fahnen, ein roter Baldachin, ein roter Tragstuhl, weißgekleidete Menschengruppen. Die Landschaft ist eintönig, einsam und traurig. Die Musik des Leichenzugs ist wie der Atem dieser eintönigen, wehmütigen und sonderbaren Nebellandschaft.

Aber diesen grauen Tag schloß die einzige Sternennacht, die wir bisher auf der Reise hatten. Stromauf und -ab flutete ein leiser heller Nebel, in dem die Strömung sacht rauschte. Der Sand knisterte am Boot unter unsern Füßen. Die Gipfel der Berge waren voll schwarzer Klarheit und drüber dehnte sich der flimmernde Glanz des Himmels. Ein Boot mit einer Fackel kam im Nachtnebel heran. Ein Mann wollte uns Gemüse, Eier und Hühner verkaufen. Er hatte auch in kleinen runden Schüsseln die vielen Speisen für die Chinesen.

19. Dezember.

Futso'u ist eine große Stadt. Sie taucht uns geheimnisvoll und langsam auf einer Bergecke entgegen, und plötzlich scheint die Sonne über sie. Sie ist nicht viel anders wie die andern Städte, die wir durchgangen sind. Sie liegt über dem Zusammenfluß des Kung tan Ho mit dem Jangtse. Im Kung tan Ho lagen die merkwürdigsten Schiffe, die ich jemals gesehn. Es waren riesenhafte, plumpe Fahrzeuge drunter. Aber sie waren alle wie verdrückt. Sie waren nicht in graden Linien gebaut wie andre Schiffe, sondern wie ein Pfropfenzieher umgebogen. Die Kiellinie verlängerte sich nach außen durch den Rand der Steuerbordreling. Hoch über ihre Mitte ging eine fliegende Brücke, bis zu der das Steuer reichte, dessen Hebel aus einem etwa 30 Meter langen Baumstamm bestand. Die Chinesen nannten diese Fahrzeuge Wai pi kü'rh. Die Kenntnis der Ursache, weshalb diese Dschunken so absonderlich gebaut waren, hatte sich unter den Schiffern verloren. Der Fluß hatte eine besonders heftige und in kurzer Biegung drehende Stromschnelle, und es waren vielleicht alte Erfahrungen, die den Schiffen nach und nach diese Form gegeben hatten.

Hinter Futso'u liegen alte Opiumbau-Täler. Die Bevölkerung war, seitdem die Regierung das Mohnpflanzen verbot, in Aufstand getreten und zum Teil Räuber geworden. Vor zwei Tagen hatten Soldaten hier zwölf dieser Räuber gefangen und nach Tschunking geführt. Ich sah, daß hier noch Opium geraucht wurde und ließ mich von dem brenzligen Geruch auf ein Schiff im Kung tan Ho führen. In einem offenen Verschlag lagen zwei Chinesen an einem der Opiumlämpchen, bereiteten sich gegenseitig die Pfeifen und schauten mich, stumpfsinnig und schon in ihr Verdämmern gesunken, an.

Als wir aufs Schiff zurückkamen, trat mir ein Chinese entgegen, der ein ganz zartes schönes Mädchen von etwa sechs Jahren auf den Armen hatte. Er verbeugte sich und zeigte uns den Kopf des Kindes, der von bösem Ausschlag verwüstet war. Wir konnten ihm nur "schi, schi!" sagen, d. h. sauberhalten. Dieser Besuch wurde abgelöst durch den Besuch eines im Jangtsetal gefangenen kleinen Orangs, der uns allerlei komische Kunststücke vormachte. Dann sahen wir den Laopan den Hügel von der Stadt herunterkommen. Die kleine dicke Kugel kam, wie an einer Schnur hin und her pendelnd, rasch heruntergelaufen. Er hatte die Hälfte seines Reises verkauft. Das sah man ihm und, als wir weiterfuhren, auch dem Schiff an. Man hatte ihn für die Abfahrt ans Steuer gelassen. Ich vermute, um ihm vor seinen Bekannten, die am Ufer standen, "das Gesicht" nicht zu nehmen. Ein Rausch in China war ungewöhnlich selten, aber auch ungewöhnlich billig. Wir blieben über Nacht an einem Dorf, in dem nur Körbe und Matten gemacht und Schweine geschlachtet wurden.

20. Dezember.

Wir sind glücklich, daß die Schwierigkeiten, die uns in Wan über den Weg liefen, so gut überwunden sind. Der Boy ist vielleicht ein Pirat gewesen, aber er ist ein ganz außerordentlicher Diener. Wenn es nur keine Holzkohlen gäbe! In Futso'u mußte er wieder welche kaufen. Wir haben bisher mehr Geld für Holzkohlen als für Essen verbraucht. Dafür besteht im China der Europäer das Wort "Squeeze". Es gab einen Zusammenstoß. Ich glaube, er weinte. Aber nach solchen Auftritten, bei denen seine ehrgeizige Veranlagung sehr zu Schaden kommt, ist er immer von neuer Frische. Die Instinkte seines chinesischen Einordnungsgefühls sind neu gestärkt. Er tritt in seinen Kreis zurück. Das Jin hat über das Jang gesiegt.

21. Dezember.

Mit der Flinte ging ich morgens einen Hügel hinauf, der steil über dem Fluß stand. Eine weite Mauer umschloß ihn. Es sind Türen in der Mauer. Aber sie sind fest und verschlossen. An einer brüchigen Stelle klettere ich hinauf. Innerhalb liegen nur Äcker. In einer Mulde steht ein Bauernhof und Bambus. Von unten hat man ihn nicht gesehn. Ich geh hin. Männer und Knaben kommen mir entgegen. Der alte Bauer hat eine Pfeife wie eine Waffe in der Hand. Sie ist ganz aus Eisen, eine kleine Keule. Er ruft mir zu "Zoa, zoa!" (Geh', geh'!) Er war sehr heftig und bös. Ich ging doch am Hof vorbei, weil ich nicht denselben Weg zurücknehmen mochte. Alle kamen ein Stück hinter mir drein, wie Räuber, die sich nicht sicher sind, ob sie den Überfall wagen dürfen, bis sie sahen, daß ich den Pfad zum Fluß hinabging. Sie riefen etwas nach. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Fluchwort gegen die Fremden war, das gefürchtete "Jang Kwei Tse" -- Fremder Teufel! Wir haben es noch nirgends gehört.

22. Dezember.

Die Landschaft wechselte wieder. Kleine heftige Hügel sprangen im silbernen Dunst aus den Uferfelsen. Hinter ihnen wogte das Land hügelig weiter bis zu kühn gewölbten Gebirgen, die der Nebel in sich gefangen hielt und nur figurenweise der Luft gab. Bauernhöfe lagen in Bambus verborgen. Nur ihr Rauch verriet sie. Rund um sie war der Boden bis ins allerletzte ausgenutzt und die Äcker mit Hirse, Getreide, Kohl, Erbsen sahen aus wie Mustergärten. Alle die Millionen kleiner Pflanzen standen in geraden Strichen, und der fettbraune Boden schimmerte durch. Die Äcker waren heftig grün, wie Patina auf Bronze, über die dunkle Erde gelegt.

Die Hunde der Bauernhäuser fielen mich an. Die Weiber standen mit offenem Munde, von meinem Erscheinen betroffen, in den Höfen und stürzten plötzlich Hals über Kopf ins Haus. Der Riegel klappte zu. Schwere feindselige Wasserbüffel gingen durch die Landschaft. Über einer Stadt, hoch im Gebirg, zog eine zinnen- und turmbebordete Mauer über Anhöhen und in Täler hinab.

Gegen Abend weitete der Jangtse sich aus. Er wurde ein See, im Dunst der Abendröte erglühend. Schiffe mit hohen Segeln standen mit langsamem Weg im Blut des Wassers. Wasserbüffel pflügten auf der Kante der Hügel gegen den brennenden Himmel und glimmerten dunkel gegen das Licht. Der Bauer führte den alten Pflug. Er sah aus in seiner Faust wie ein starker hölzerner Bogen.

Wir kamen in ein kleines Dorf, das in den Ausgang einer Schlucht gebaut war. Ein kleiner Tempel ohne besonderes Aussehn stand am Weg. Er war offen, und wir gingen hinein. Es schien der Tempel einer Schiffergilde zu sein. Überall lagen roh gezimmerte Schiffsmodelle. Überall war auch Verfall in ihm. Nur auf allen Altären standen Fayencen von großer alter Schönheit, blau und weiß, eigenartig und seltsam in den Zeichnungen, und tief und leuchtend im Schmelz. Es waren zum Teil kindergroße Vasen, immer in abgestimmten Sätzen von fünf Stücken zusammen. Ein alter, halb vertrottelter Chinese kam nach langer Zeit heraus, sagte etwas mit seinem zahnlosen Mund, und ich gab ihm einiges Geld.

Wir lagen über Nacht eine halbe Stunde flußaufwärts. Ich sagte dem Boy, er solle mit dem Gratisblitzer in das Dorf und zu dem Tempel gehn und versuchen, ob er die Fayencen kaufen könne. Das Trinkgeld für ihn, wenn es gelinge, sei sein doppelter Monatslohn. Wir warteten erregt auf die Rückkehr der beiden. Es wurde tiefe Nacht. Ach, wir haben uns umsonst erregt. Der Alte ließ uns sagen, er möchte ja wohl die Gefäße verkaufen, aber jedermann in der Gegend kenne sie, und ich solle ihm es nicht verargen, daß ihm sein Kopf lieber sei, als meine Silberstücke. Diese fünfundzwanzig Vasen waren so mächtig, so schön, so seltsam, wie ein ganzer großer Berg voll blauen Rittersporns in einer Schneelandschaft und unter einem seidenblauen Himmel.

23. Dezember.

Drei kleine chinesische Erlebnisse hatte ich heut.

Morgens drohte eine Dschunke mit uns zusammenzustoßen. Alle Mann stemmten sich gegen das schwere Fahrzeug. Ich griff mit ein und kam grade neben den Koch. Dieser schwerfällige fette Kerl glitschte aus und sank zwischen die Wände der beiden Boote, die unaufhaltsam sich einander näherpreßten. Ich bekam ihn noch rechtzeitig zwischen den Beinen zu fassen und zog ihn heftig herauf. Dabei rutschte sein Kopftuch ab, und ein anderthalb Meter langer Zopf rollte sich auf. Alle Kulis stürzten auf ihn los, einer nahm sein Messer, einer ein Beil, und sie wollten ihm im Scherz den Zopf abschneiden. Andre traten doch besorgt dazwischen. Keiner hatte gewußt, daß der Reiskoch noch einen Zopf trug. Heimlich verbarg er das Zeichen, mit dem er an dem alten China hing. An den Toren der Städte standen Soldaten, die jeden Zopf abschnitten, der vorbeikam.

Mittags stand ich einem Chinesen drei Minuten lang auf der nackten dicken Zehe. Das kam so: Wir gingen in einen Tempel, der ganze Ort hinter uns drein. Sie schoben sich einer vor den andern, um von den fremden Affen keine Bewegung zu verlieren. Im kleinen Tempel, von Menschen umringt, sah ich einen merkwürdigen Gott. Ich blieb plötzlich stehen, zog den Apparat heraus und trat einen Schritt zurück, um Distanz zu bekommen. Ich fühlte, daß ich auf etwas Weichem stand, schaute zum Boden und sah einen nackten Fuß. Er rührte sich nicht. Meine Stiefel waren nicht aus Samt. Ich dachte mir: mach' die Probe und bleib auf der Zehe stehn. Ich machte die Aufnahme. Es dauerte eine ganze Weile. Ich spürte die weiche Zehe unbeweglich unter meinem Absatz. Als ich fertig war, gab ich die Zehe frei und drehte mich rasch um. Hinter mir stand ein junger Mann mit einem schönen, ebenen Gesicht. Er schaute an mir vorbei auf den Gott. Er warf keinen Blick auf seine geschundene Zehe und brachte nicht einmal durch Zurückziehen des Fußes den Verdacht drauf, daß irgend etwas an ihm mit mir zu tun hatte. Was war die Ursache eines solchen Benehmens?

Abends kamen wir auf einmal an eine Bucht, die das Flußufer zwischen Felsen bildete. Es wäre schwierig gewesen und ein großer Umweg, über die Felsen zu klettern, und ein Chinese hatte sich in seinem Erwerbssinn diesen Umstand zunutze gemacht, seinen alten Kahn in der Bucht verankert und von achtern und vom Bug Bambusstangen ans Ufer gelegt. So war eine primitive und nicht sehr sichere Brücke geschaffen. Wir turnten hinüber, hinter unsern Ziehern her. Unser Schiff legte mit andern gleich hinter der Brücke an, und der Chinese ging mit seiner Fackel absammeln. Der Laopan gab ihm für jeden Zieher etwa einen halben Käsch. Ich gab ihm für uns beide dreißig. Hätte ich ihm auch nur einen halben gegeben, so wäre er zufrieden gewesen. So aber kam auf einmal, durch das unerwartete Überzahlen angelockt, der Geist des Verdienens mit den Vorspiegelungen abenteuerlicher Möglichkeiten, die er aus den reichen und wohl auch dummen Fremden herausholen könnte, über ihn. Er kam gleich und wollte mehr haben. Die halbe Nacht lang mochte er sich nicht vom Hausboot trennen, und er verbrannte eine Fackel nach der andern vor unsern geschlossenen Fensterläden und rief seine Forderungen herüber.

24. Dezember.

Wie eine Überleitung kommt ein Auftakt in die Landschaft. Aus dem Hügelland sammeln sich wieder die Berge zu einer breiten Schlucht. Sie ist voll Buchten, und eine jede sieht mit ihren verzogenen Ufern und dem ruhig und breit strömenden Fluß aus wie ein Gebirgssee. Überall heben sich die Schächte kleiner Kohlengruben aus den Flanken der Berge. Auf fernen Höhen stehn religiöse Denkmäler: Ehrenbogen, aus denen sich zahllose steinerne Arme wie Krallen zum Himmel aufheben. Eine stürmische Bö jagt uns mit vollem Segel durch die Schlucht.

In einer Nachmittagsstunde erschienen, erst in der grauen Luft geheimnisvoll zurückgehalten, die Dächerscharen von Tschunking hoch über dem Strom auf einem geneigten, riesenhaften Felsenplateau, in grauen Farben in die dunstige dunkle Luft geschüttet. Der Strom ist hier, 2500 Kilometer von seiner Mündung ins Meer, noch zwei Kilometer breit. Die Stadt baut sich über seiner mächtigen Bahn fremd und großartig auf. Ein breiter Fluß strömt in den Jangtse, und an seinem Ufer, gegenüber von Tschunking, dämmert eine andre große Stadt im Nebel.

Wir mußten mit unserm Boot zuerst am Zoll anlegen, warten. Die Zollstation war auf dem der Stadt entgegengesetzten Ufer. Wir gingen am Strand hinauf und schauten sehnsüchtig und voller gieriger Erwartung nach Tschunking hinüber. Was wartete dort auf uns? Die Stadt war eines der großen Mäusenester Chinas. Wir sahen am Ufer unterhalb eines Tors dunkle schwere Menschenmassen sich zusammendrängen. Wir gingen zum Boot und fragten. Der Boy erkundigte sich. Er kam, lächelte und erzählte, daß man jetzt drüben die zwölf Räuber köpfte, die man vor einigen Tagen in Futsou gefangen hatte. Die Menschenmasse quoll hin und her. Die hohe Treppe zum Tor hinauf war wie ein dunkles bewegtes Band.

Den Fluß aufwärts standen steile Gebirge im grauen Abend. Es waren die ersten Regungen des Tibet. Sie hatten kalte, verhüllte, befremdende Formen. In dieser Stunde begann man zu Haus in Europa den Weihnachtsbaum anzuzünden.

SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT

STADT

Vom Jangtsekiangstrand, wo unterhalb des hohen Tores Tung Sui vor dem hin- und hertanzenden Scharfrichter die zwölf Flußräuberköpfe in den Sand gefallen waren, stiegen wir die mächtige steile Treppe zur Stadt Tschunking hinauf, mitten in den Scharen der Leute, die hinab schauen gegangen waren. Ein Chinese ging vor uns, hielt ein Ästlein mit gelben Blüten vor sich, als sei es aus Glas und Porzellan gesponnen. Er drehte sich einmal nach uns um. Seine Blicke waren wie aus Jett ... das Rätsel ... das Rätsel! Wir sahn unser Hausboot gelb unten zwischen Dschunken liegen. Dreißig Tage waren wir mit ihm den Strom heraufgefahren, durch Schluchten und über die tollen Schnellen und an Stadt und Dörfern vorbei und während uns diese Fahrt, mit allen Abenteuern und überstandenen Gefahren, mit allen Lüsten und Mythen der verzweifelt und ekstatisch fremden Reise noch das Blut dunkelte, sahen wir hinter der mächtigen Stadt die steilen ersten Gebirge des Tibet nebelig in den Abend tauchen.

Diesen ersten Abend in Tschunking verbrachten wir in dem Haus, in dem der Norddeutsche mit dem Genfer einen sich sonderbar ergänzenden Haushalt zusammen führten. Es waren nur sehr wenige Europäer in der Stadt. Das Haus hieß Ba-Fung. Ein Tannenbaum brannte im Eßzimmer, und er war mit chinesischen Nippes behängt. Es war infolgedessen der erste wirklich vollkommene schöne Weihnachtsbaum, dieser Weihnachtsbaum, den ein chinesisches Christkind geschmückt hatte und dessen Seele so von Deutschland duftete.

Aber nachher wurden wir in Sänften zu dem Haus getragen, das man für unsern Aufenthalt so liebenswürdig vorbereitet hatte. Der Stuhl mit der leichten Gre flog vor mir her und verschwand bald in der Finsternis der bald ebenen, bald steilen Gassen, die sich wie ein geheimnisvolles geometrisches Werk vor den aufgerissenen Augen aufbauten und zurückgingen. Die nackten Fersen der drei Träger klopften auf die Steinfliesen wie eilige Stockschläge.

Sie stürzten dahin wie ein Federwerk. Ein mitten durch die Straße verschlossenes Holzgatter fing sie auf einmal auf. Sie schimpften etwas in die Finsternis. Die enge Nachtgasse erbebte von ihren Gurgellauten. Der Laternenträger, der immer vor dem Stuhl herlief, griff zwischen die Stäbe des Gitters. Auf der andern Seite stand ein Polizist, der sich aber nicht rührte. Ein Ballen Lumpen tauchte neben ihm auf und reichte einen Schlüssel. Einige Münzen fielen. Schon liefen die Kulis wieder hinter dem geöffneten Gatter.

Gre, die wir am Straßentor eingeholt hatten, war uns wieder entwischt. Es kam bald ein zweites dieser Holztore. Es ging wie beim ersten. Die unter den Kehltönen erbebende Dunkelheit, der Lumpenballen mit dem Schlüssel hinter dem reglosen Polizisten, die auf die Steinfliesen klingenden Münzen, das Lumpenbündel wie ein Vogel drüber niederfallend ... Die Träger stürzten wieder an.

Und auf einmal war es, als rissen sie sich aus ihrem Lauf. Pan go! brüllte einer ... Wechseln! Sie wechselten die Schulter im Nu unter dem Tragbalken. Trappetrapp! klopften die nackten Fersen weiter über die Steinplatten. Die dicke Papierlaterne mit dem großen roten Zeichen des Hauses Ba-Fung vergoldete im Fliehn die Hauswände. Die Hauswände zitterten in der Finsternis zurück.

Unterwegs waren viele Treppen. Einige stiegen mit mehreren hundert Stufen steil hinauf. Ich lag dann tief hintenüber in der Sänfte. Ich dachte: so kannst du hintenüber hinausstürzen und rückwärts bis in alle Ewigkeit dieser Dunkelheit kugeln und kugeln. Was wird dich aufhalten? Kein Häkchen steht aus deinem Hirn heraus zum Anklammern in dieser fremden Geographie des Geistes, und dein Gemüt ertrinkt eher in einer Irrenanstalt, als daß es mehr als Liebe hergäbe zu dem geheimnisvollen Sturz durch die Finsternis Chinas.

Aber die Treppen milderten den Takt der Träger.

Dann ging es wieder eben, und der Lauf begann von neuem. Treppen, die nicht mehr als haushoch waren, fuhren sie mit einem einzigen Anlauf hinan, der aus ihren Muskeln stürzte, zugleich wo ein anfeuernder Schrei sich ihrem Mund in die Finsternis entbohrte.

Auf einmal tauchten wir in einen finstern Torbogen wie in einen Schwamm. Der Stuhl wurde durchgerissen, flog atemlos Stiegen an und oben schien der Sternenhimmel über mir und nah seitwärts auf der Höhe meines Sitzes glitten die Zacken der gezinnten Stadtmauer vor der Tiefe zurück. Ich erschrak. Zwei Ratten liefen eine Weile im Licht der Papierkugel vor mir die dunkeln Zinnen entlang. Unten sah man wenige Lichter auf dem Fluß. Weiter entfernt und höher leuchtete es hier und dort in den schwarzen Massen der Stadt Kiangpe jenseits des Kiating, und über alles floß die tiefe klare Sternenfinsternis. Der Stuhl fuhr jäh und rasch den Weg über die Mauer, sauste wieder Treppen hinauf und glitt vorsichtig Stiegen hinunter. Die Stangen wippten im Takte. Ich schien so über die Zinnen der Mauer gehoben hoch durch die Tiefe der Nacht geschaukelt zu schweben. Der Lichtschein der Papierlaterne beleuchtete einmal die Fesseln des Trägers vor mir. Sie zitterten, als ob die Füße abbrechen wollten. Jetzt stürzt er, fuhr es in mir auf. Ich stemmte mich gegen den Fall. "Pan go!" Halt und wechseln. Die Stöcke klopften nieder. Fast im selben Augenblick lagen die Bäume auf der andern Schulter. Der Stuhl eilte weiter. In einem Totenhaus -- rasch vorbeigeweht -- ist Bumbum, Geleier, Geheul und Lichter. Endlos in weiten Biegungen fahren unsere Sänften über die Mauer. Die der leichten Gre entwischt meinen Trägern immer weiter. Ferner und hoch seh ich bald das Licht ihres Stuhls die Finsternis erklimmen. Dann verlöscht es.

Schließlich schwankte mein Stuhl mit kurzer Wendung in eine Gasse, schlüpfte hastig und heimlich durch ein Gewuschel von Treppen und Schlüffen, Höfen, Häusern und stieg endlich ins Tor unseres Hauses hinein. Dort stand Gre schon und wartete. Wir waren wie geblendet von der Fahrt durch die finstere Stadt. Es war eine Vision, ein geheimnisvoller und abenteuerlicher Flug in einem Luftballon durch China.

Das Haus war wie ein Kastell, an die Kante der Stadt zwischen hohe Mauern gestellt. Von der großen Veranda, die das erste Stockwerk umlief, sahen wir die Stadtdunkel und mit den mächtigen Dächern der Tempel der Nacht anheimgegeben. Auf die glasierten Drachen und Blumengitter der Dachfirste glitzerten ganz fein die Sterne nieder. Ein Musikant fiedelte durch die Gassen vor dem Tor. Ein Garkoch rief. Ein Nachtwächter ging draußen vorbei und schlug dröhnend auf seinen Gong, um die Diebe zu erschrecken. Ein Tamtam wollte den Sinn der Götter auf die Erde lenken, auf die vor Fremdheit wie eine Äolsharfe tönende, unerschöpfliche, finstere Erde.

Gleich des andern Tags begannen wir die Stadt zu erforschen. Ihr Leben war so bewegt und mannigfaltig wie ihre Anlage. Die Stadtmauer führte wie ein Wall über der Tiefe der beiden Flußtäler. Im Winkel des Zusammenflusses unterhalb alter finsterer Toreingänge lag die Flußstadt. Sie bestand nur des Winters. Der Jangtse ist ein Strom von so mächtiger Rätselhaftigkeit wie China selber. Hier oben, 2500 Kilometer von seiner Mündung, stieg sein Wasserspiegel zu Beginn eines jeden Sommers um dreißig Meter. Seine Breite erreichte etwa zwei Kilometer. Im Winter floß das Wasser wieder ab, und an dem breiten Strand erbaute sich wie überall an diesem Strom die Stadt mit Läden, Garköchen, Teehäusern, Handwerkern, Ärzten, Wahrsagern, Freudenhäusern und einem immer in Fleiß verwühlten Leben. Am Ufer drängten sich die Scharen der Dschunken und Wupans zusammen. Große Hausboote lagen da. Bettler- und Dirnenboote, rudernde Küchen, Krämer und Geistliche fuhren zwischen den Schiffen hin und her. Vom Fluß stiegen Treppenaufgänge zur hohen Stadt, deren Leben dem Treiben in der Flußstadt nichts fortzunehmen schien. Breite Menschenmassen überfluteten die Treppen mit arbeitender Hast und zwängten sich oben an der Mauer in dunkle schmale Tore hinein. Bevor man ins Tor hineinging, sprang von der Treppe eine lange Gasse von Häusern ab, die auf hohen Stangen an die Stadtmauer gelehnt waren und droben wie zerbrechliche Nester anklebten. Zwischen Fluß und Stadt gab es keinen Quadratfuß Weg, den nicht fortwährend der nackte Fuß des Kulis beging und der den chinesischen Fleiß von Jahrtausenden in tiefen Spuren in den Leib geprägt trug. Der Jangtse zog ins Tal hinab, gelb vom Sand der Ufer, wie die Stadt grau war, und mächtig wie sie.

Im Innern standen an den Toren Polizisten, und einer hatte die Pflicht darüber zu wachen, daß kein bezopfter Chinese in die Stadt kam. Er zog die Kopftücher herunter und jeder Zopf wurde bis auf die Haarwurzeln abgesäbelt. An den Toren unterbrach die Schnur der Wasserträger, die von früh bis spät die Stadt mit dem Fluß verband, den eintönigen schweren Takt ihres Zugs. Andere Kulis nahmen hier die Eimer ab und liefen mit dem Wasser an der Tragstange weiter die engen Treppengassen hinauf, die von den tiefen Toren in die Stadt hinauf auseinander kletterten.

Die Gassen schlangen sich klimmend durcheinander, liefen eine Weile eben und führten plötzlich wieder auf hohe Stiegenabgänge, die sich wieder zu tiefer liegenden Stadtteilen hinabsenkten. Die Anlage, die Gassen waren von einem feuerigen Temperament, ganz anders wie in dem strengen Tschangscha. Anfangs verliefen wir uns immer und machten zwischen Ba-Fung und unserm Haus Umwege von zwei Stunden. Aber das Dasein der Gassen war so bunt und anreizend. In jeder der dunklen Höhlen arbeiteten fleißige und geschickte Hände. Es wurde geschnitzt, gestickt, getrieben, gedrechselt, gemalt, gewebt, ziseliert. Hier wurde in großen Läden verkauft, dort gekocht und gegessen oder Seide abgesponnen, Tuch gewalkt, Reis gedroschen, zarte Bambuskugeln wurden zu farbigen Seidenlaternen bekleidet und Menschen und Tiere aus bunten Papieren aufgebaut und zur Begleitung der Toten ins andre Reich bereitgehalten. In schönen runden Haufen hingen die roten Kerzen in den Läden und die goldverzierten roten Feuerwerksfrösche häuften sich in den Gestellen hoch.

Alle Gassen waren bebend gefüllt mit vorandrängenden Menschen. Manchmal durchbrach eine Reihe von fünf, sechs Blinden hastig im Gänsemarsch, einer die Hand auf der Schulter des andern, die wogende Menge. Der erste quäkte ein Lied und die andern sangen den Kehrreim. Die Bettler waren nicht wie in andern Städten. Sie waren einigermaßen Artisten. Zweien begegneten wir immer, von denen der eine drei bestielte Kerzen, der andre drei große Brotmesser im Kopf feststecken hatte. Ab und zu nahmen sie sie heraus und steckten sich sie vor unsern Augen von neuem ins Hirn. Einer kam jeden Morgen an unserm Tor vorbei, der tagein, tagaus ein altes Weiblein, seine Mutter, auf dem Rücken durch die Gassen trug. Fürchterlich aber war der Mann, der von Laden zu Laden ging, unversehens ein Hackbeil hochhob und sich lächelnd damit in den Arm schlug. Der Arm war voll blutiger Schnitte und die Kleider mit Blut besudelt. In der hohen Treppe, die zum Haus unsrer Freunde hinabführte, kniete jeden Tag bis in die Dunkelheit hinein ein Mann, der, sobald jemand nahte, plötzlich mit aller Wucht den Kopf auf eine Steinstufe niederschlug. Es klang wie von einem Hammerschlag. Man fuhr erschrocken auf. Der Bettler hob aber den Kopf und ließ seine flehenden Hände die Kleider der Vorübergehenden streifen. Auf der Stirn hatte er eine dicke graue Beule wie einen steinernen Keil.

Und immer sah man Kinder umherlaufen, die, erst Schüler, diese Dinge unvollkommen und im kleinen nachmachten. Auch einige Bettelmönche durchstreiften Tag für Tag die Gassen. Sie gingen wie in einem kleinen schmutzbedeckten Traum daher. Ein alter Mann war unter ihnen. Er hatte seine spärlichen langen grauen Haare über den Schläfen in zwei Schnecken aufgebunden, wie ein deutscher Backfisch. Er trug einen Baumast als Stock, dessen Wurzeln ausgeschnitzt waren und hielt als Bettelschale einen geschnitzten und rotlackierten Wurzelstock hin. In den Gassen saßen schmutzige und mit Aussatz behaftete Weiber. Sie riefen einem von fernher eindringliche Worte zu und griffen mit magern Armen wie Spinnen nach dem Vorübergehenden, der nichts gab. Eine Bettlerin, die nichts hatte, um ihre nackten Beine zu bekleiden, legte sich Papiere über die entblößten Schnürfüße. Es war unstatthaft, die "goldnen Lilien" zu zeigen. Rotbärtige Tibeter, mit Lammfellen bekleidet, irrten fremd durch die Fremdheit der Volksmassen Tschunkings.

Mit der Dämmerung, um sechs Uhr etwa, schlossen die Geschäfte. Die eisenbeschlagenen schweren Türen der Stadttore wurden zugerammt und trennten Stadt und Land. Ein letztes Aufatmen ging durch die Gassen. Ein neues verkleinertes Geschäftemachen begann. In der Sin Fung Gai, der neuen Windstraße, breiteten kleine Händler allerlei Dinge im Schein von offenen Ölflammen an den geschlossenen Wänden der Geschäfte aus. Man konnte hier manchmal ein schönes Kupfergefäß oder eine Stickerei kaufen. Dort, wo die Gassen mehr Platz machten, und in den kleinen Teelokalen erschienen Erzähler. Die einen erzählten im Takt von Instrumenten in alten Versen, sonderbar und eintönig dazu tänzelnd; die andern saßen auf einem erhöhten Tisch im Teehaus. Sie waren von der Regierung angestellt und sollten den Gedanken an die Republik verbreiten. Sie schlugen von Weile zu Weile, ohne ihre Rede zu unterbrechen und ohne Zusammenhang mit ihr, mit einem kleinen Brett heftig auf den Tisch, um eine abgeirrte Aufmerksamkeit wieder heranzuziehen. Erzähler von schmutzigen Geschichten sammelten, aus Furcht vor der Polizei, in dunklen Hofecken einen Kreis von lachenden Zuhörern um sich.

Es gab viele Theater in Tschunking, und berühmte Gesellschaften spielten in ihnen. Dann lief die ganze Stadt hin und die Vorstellungen begannen oft schon vormittags und dauerten bis in die Nacht. Man hörte bis in die Straßen den Lärm ihrer Musik. Ihre Eingänge waren mit Lampions in Gestalt von phantastischen Tieren behängt. Es ward uns zur Leidenschaft, uns ihren Rätseln anheimzugeben. Sie waren prunkvoll und primitiv, verworren und glasklar, lärmend und ergreifend.

Niemals in irgendeiner Kunstäußerung war etwas so bis zur Grenze des geistig Möglichen in Stil gewandelt worden. Hier sahn wir den Zorn stilisiert, die Dummheit, die Häßlichkeit, die Liebe, Vaterlandsgefühl und Kraft, Mut und Tod. Aber alle Stilisierung war irgendwie im Zusammenhang mit etwas Lebendigem geblieben, mit etwas der Kreatur Anhaftendem. Es schien der Bewegungslinie schönster Tiere abgeschaut worden zu sein. So schüttelt sich, Nerv bis in das letzte Federaug, der Pfau, der im Brunstzorn das Rad aufschlägt; der Hengst, der frei auf einer Wiese rast und sich in der Hand des Zähmers bändigt ...

Wie in allen Gesellschaften waren auch hier die männlichen Darsteller der Rollen junger Frauen bei den Zuschauern am beliebtesten und auch für die europäische Phantasie am aufregendsten. Sie waren schmal und schön, von kostbar bestickten Gewändern überflossen; eine Kultur der reinen Lasterhaftigkeit im geistig Erotischen war in ihnen. Sie waren von einer engschultrigen, hüftenspielenden weiblichen Linie und weichen, vollkommenen Bewegungen, und doch lag in allem, was sie taten, ein letzter Schimmer männlicher Herbheit. Sie schufen ein Zwischengeschlecht, dem die Phantasie anheimfiel. Die Chinesen wurden lasterhaft durch sie. Wenn eine dieser Gestalten auf der Bühne erschien, schrie das ganze Theater seine wie erbost und in jäher Flamme des Eros hervorgestoßenen Cha! Cha! ... Du bist schön.

Europäer belachen dies Theater, weil es so fern von dem Verismus ihrer Bühne ist. Sie hätten wohl recht, wenn es feststünde, daß ihr europäisches Theater etwas Primäres und etwas endgültig Naturhaftes wäre. Wenn es als Axiom zu gelten hätte, daß die Verquickung von produzierender Kunst des Dichters mit der reproduzierenden des Darstellers etwas Gottgegebenes sei. Ist es aber nicht möglich, daß der einmalige Zufall einer Genialität wie der Shakespeares das ganze europäische Theater in eine Bahn lenkte, in der es heut scheinbar von selber läuft?

Leiden nicht alle wahrhaftigen Dichter blutig bei uns unter der Übermittlung ihrer Werke durch den Schauspieler? Und ist der Schauspieler selber nicht ein Mensch geworden, dem das Reale unter den Sohlen entgleitet, ohne daß er den geringsten selbsttätigen Anteil an der Ursache des schattenhaften Verhältnisses hat, in dem er zur Wahrheit steht? So sehr unter den Sohlen entgleitet, daß er, abgerechnet das, was groß- und kleinstädtische Dummheit, Mode und Suggestion aus ihm machen, ein pendelndes geistiges Neutrum ist, das sich nie ganz frei von Lächerlichkeit und Lüge und sich nirgends mit seinen zwei eigenen Beinen in unsere Welt gestellt weiß! Ist es nicht auszudenken, daß, vor einer Äone geistigen Lebens, unser ganzes Theater von heute in Europa ein Irrtum ist, von dem größere Zeiten den europäischen Geist wieder reinigen werden?

Im chinesischen Theater ist der Darsteller in gewissem Maß zugleich der Produzierende und der Wiedergebende. Die Stoffe dieser Stücke sind wirklich Stoff, nur Stoff, wie der Lehm dem Bildhauer. Man sagte mir, es bestünden eigentlich keine Texte, der Schauspieler improvisiere. Das ist wohl so zu verstehen, daß das Theater nur aus dem Prinzip des Improvisierens entstanden ist, daß sich im Laufe der Zeit aber eine Überlieferung herausgebildet hat, an die sich der Darsteller hält!

Das ist um so wahrscheinlicher, als der Schauspieler, bevor er auf die Bretter gelassen wird, ja von Kind an, eine Schule strengster Zucht durchmachen muß; denn er soll nicht nur eine reine Geistigkeit sein, sondern muß, für eine Anstalt, in der die Ausstellung des Körpers doch die wahrhaftigste Bedeutung ist, lernen, diesem Körper eine Befreiung von seiner Schwerkraft zu geben, die seine Äußerungen der leichten Atmosphäre der Geistigkeit nahebringt. Dazu muß er Akrobat werden.

In der Darstellung vermag dann der chinesische Schauspieler seine Physis in eine europäischem Begriff übermenschlich erscheinende, in eine flughafte und mit Fließkraft versehene Bildhaftigkeit aufzulösen, wobei ich nicht an die Saltomortales denke, sondern an seine Bewegungsart überhaupt.

Wohl erschien dies Theaterspielen uns Fremden zunächst als reine Artistik. Aber haben wir nicht rasch gelernt, mehr darin zu sehn ... ganz etwas anderes und größeres? Lebt in dieser Bühne Chinas nicht dieselbe befruchtende und beseligende Symbolhaftigkeit, die wir selber bei uns etwa aus der Wohnkunst unserer Vorfahren unmittelbar durch die Augen in unser Herz leiten? Jene Wohnkunst stammt auch vom Handwerker, vom Wirkenden mit der Hand. Der Hand aber die Geistigkeit zu geben, die ihre Produkte über die Vergänglichkeit des Muskels in die lichten Räume von Gehirn und Empfinden hineinführt -- für Hersteller und Betrachter -- ist das Artistentum?

Ebensowenig ist der chinesische Schauspieler Artist. Er ist ein Stilkünstler ohne Vergleich. Das Barock in Europa hat durch die sprengende Macht seiner weltlichen Stilkraft den Gedanken besiegt, dem es dienen sollte -- der strengen weltabwendenden Kirche. Das chinesische Theater hat Leib und Seele, wie im Geheimnis des Jinjangs, zu Stil zusammengefügt, und für China und seine Ewigkeit das Problem Bühne gelöst.

Wenn man dies anerkennen würde, müßte freilich die Alleingültigkeit Europas aufgegeben werden, auf die man nach Lowells Buch über den Osten noch weniger verzichten will als vorher ...

Gegen zehn Uhr waren die Theater zu Ende. Das Leben in den Gassen erstarb rasch. Die Gittertore, die im Innern der Stadt die einzelnen Straßenzüge voneinander trennten, wurden geschlossen. Es war Mittelalter und graue Stummheit, und nur in einigen Vierteln wachten noch einige Lichter und Geräusche, wachte noch einige Arbeit und dröhnte der bronzene Gong der Nachtwächter. Wir flogen in den Sänften, von der ungestümen Kraft und Gewandtheit der Träger dahingerissen, treppauf, treppab, über die unheimliche Stadtmauer, auf die aus der Nacht heraus die Düsternis und Grausamkeit des Mittelalters niedersprühte, unserm Haus zu.

Die Schauspieler einer der fremden Truppen wohnten an unserm Weg nach Ba-Fung. Sie wohnten in einem Haus mit einem großen finstern Hof, in den ein Tor führte. Darin saßen sie oft, erkenntlich an ihrer süßlichen Art sich auszustatten, sich die Haare zu glätten unter den kleinen runden schwarzen Käppchen mit einem roten Knöpflein auf dem Dach. Sie waren nicht nur Schauspieler, wie gesagt, sondern aufgesucht von der Lasterhaftigkeit der verriebenen Erotik gewisser Kreise des Volkes.

Ich sah einem Straßenarzt zu, der mitten im Verkehr tätig war, etwa an der Ecke der Linden mit der Friedrichstraße. Er hatte einen alten Kuli auf einer Bank vor sich sitzen. Er mischte in einer Schale zwei Flüssigkeiten, besprach sie, trank davon und gab darauf dem Patienten zu trinken, indem er murmelte und beschwörende Bewegungen machte.

Dann stellte er die Schale fort, löste dem Kuli das Hosenband, die Hose fiel zurück bis auf die Knie, die ganze Partie hinten und vorn entblößte sich dem Patienten, und es erschien ein trächtiger Bubo. Der Arzt nahm eine leichtgebogene Klinge, die nicht sehr scharf schien und mit Rost bedeckt war und stieß sie unversehens in den Bubo hinein. Das Leben des Nachmittags umstrudelte die Operation. Der Arzt nahm Reispapier, trocknete damit das Blut auf; der Kuli band sich die Hose wieder über, bezahlte mehrere Kupferstücke und ging davon.

Hinter einem Ladentisch, die mit geringen Ausnahmen sich alle in die Straße öffneten, zeigte einer der Verkäufer, während ich etwas kaufte, einem andern die Fortschritte einer Geschlechtskrankheit am Objekt selber.

Die Prostitution der niedern Klassen vollzog sich ohne Türen noch Vorhang. Für die körperlichen Ausscheidungen suchte man nie nach einem verschwiegenen Ort, sondern hockte sich an die erste, etwas freie Ecke oder an den Wegrand.

Aber die Frauen kannten diese Sitten nicht. Sie waren ängstlich auf größten Wohlanstand bedacht, auf die unverletzbarste Verschwiegenheit.

Das außereheliche Liebesleben der bessern Kasten aber vollzog sich unter reizenden, graziösen und formvollendeten Zeremonien, bei denen dem Liebesmädchen alle Freiheit, ja mehr Achtung der Selbständigkeit erwiesen wurde, als etwa einer Ehegattin. Nie, auch nicht beim Kuli, wurde ein öffentliches Mädchen mit Europäern geteilt. Der Hingabe an einen Weißen folgte, sobald sie bekannt wurde, der vollkommene Ausschluß aus jeder chinesischen Gesellschaft.

TEMPEL UND SOLDATEN

Wir kamen an andern Tagen in schöne Tempel und in prunkvoll gebaute Gildenhäuser, die von außen wie Tempel aussahen. Bei fast allen steckte in einer eintönigen schlichten Fassade das Tor wie buntes Flitterwerk. Zwei Hunde Fo, grimmige, berankte Steingrotesken, standen in fremder und böser Erstarrung Wache davor, und das Innere entfaltete unerwartete, von Dunkelheit samtig bereifte Schönheit und Kunst. Die erhabenste dieser Anlagen war die des roten Kungfutsetempels. Er stand oben über der Stadt. Eine vielstöckige hohe Pagode leitete ihn ein, wie eine aufklingende fremde Hymne. Die Pagode stand unvermittelt in den kleinen schmutzigen Geschäftshäusern dieses abgelegenen Stadtteils, in dem alte Möbel und Kleider und am Spieß gebratene Hunde durcheinander verkauft wurden. An ihr vorüber ging man in den Vorhof. Schöne Steinbrücken spannten sich über tote Teichanlagen, und große Tore führten weiter von ihnen in den Tempelhof. Hier stand vor dem großen Heiligtum über dem Steingebild, das die Seele Kungfutses in seine granitnen Mysterien eingeschlossen hielt, ein edles altes Räuchergefäß aus Bronze. Über ihm öffnete sich hinter geschnitzten, vergoldeten Paneelen die dunkle rote Halle des ersten heiligen Raums mit dem purpurnen hohen Kungfutsealtar.

Die Tempelanlagen waren verlassen. Sie waren bejahrt und leer und hallten erstaunt von unsern fremden seltenen Schritten, wie eine alte schlafende Seele. Aber alle andern Tempel der Stadt waren von Soldaten besetzt und zu Kasernen gemacht worden. Das hatte die Republik sehr geschickt vollbracht. Die Stellen, die Kungfutses Geist bewohnt hatte, waren mit scharfgeladenen republikanischen Gewehren besetzt worden. Kungfutse, der in jedem Individuum immanente Gedanke Chinas, die schöpferisch erhaltende Kraft dieser Rassen lehrte, daß die Macht gotterlaubt sei, und die Republik ließ ihre Macht von den Plätzen aus ins Volk scheinen, an denen vordem der ewige Willen des Erziehers Chinas wie ein steter Brunnen ins Land geflossen war.

Überhaupt war die ganze Stadt voll vom Treiben der Soldaten. Tschunking war der Akkumulator der großen und mächtigen Provinz Ssetschuan und schickte seine Wellen bis tief in den Tibet hinauf und bis zum Meer hinab. Es war der Regierung eine Macht, diese Stadt sicherzuhaben, die voll unsicherer Elemente war. Blut floß hier von Hinrichtungen, wie eine unversiegbare Quelle. Im Jahre 1913 hatte Ssetschuan 50000 Hinrichtungen gehabt. In der Stadt wohnten viele reiche, machtlüsterne Menschen, die das alte und das neue System gegeneinander ausspielten und doch nur sich meinten. Politische Attentate waren ungehemmt öffentlich ausgefochten worden wie Versteigerungen. Man hatte auch wiederholt, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen, Komplotte gegen die paar Europäer geschmiedet, die Tschunking bewohnten und andre Parteien hatten diese hintertrieben. Unsere Freunde in "Ba-Fung" hielten jederzeit Strickleitern bereit, um im Falle von Gefahr nachts über die Stadtmauer, die unter ihrem Haus lag, sich zum Hausboot hinab zu retten.

Es lag der Regierung daran, sich hier mächtig zu zeigen. Über Ba-Fung war eine große Kaserne, ein alter Tempel. Tagein, tagaus übten die Soldaten im Hof um die steinernen ingrimmigen Wachthunde Fo. Wir blieben oft am Tor stehn, um zuzuschauen. Eine Schar Soldaten ging im Kreis um einen kleinen jungen Offizier herum und übte einen Parademarsch. Es wurde dazu gezählt: "i ... örl ... san ... se! ... I ... örl ... san ... se! ..." und die Soldaten mußten zum Takt des Zählens zugleich Beine und Arme hochheben und niedersetzen. Es waren jedoch zwei im Kreis, denen das absolut nicht gelang. Trat der Fuß nieder, so hob sich unversehens der Arm rasch in den Himmel. Hasteten sie dann, den Fehler einsehend, mit dem Arm herab, so schnellte das Bein wieder hoch. Es war wie in einer dummen Posse. Aber alle benahmen sich tiefernst dabei. Überall herum saßen Soldaten und wollten auf europäischen Trompeten blasen lernen und lernten es nie. Die Mißtöne fuhren hart und grell aus allen Stadtteilen durcheinander, und bis in die Nacht hinein war die Stadt vom falschen Lärm dieser Trompeten angefüllt.

Unten am Strand waren oft Übungen und Paraden. Die Paraden wechselten dort mit den Flußräuberhinrichtungen ab. Kamen die Soldaten wieder zur Stadt herauf, so sangen sie zum Marschieren. Aber sie sangen nicht nach heimatlicher Art, sondern von Europa bezogene Lieder. Einer dieser Gesänge war ein deutsches Kinderreigenlied. An den Kolonnen vorbei sprengten die Ponys feuerspritzenden Hufs, heißblütig mit den Offizieren die Treppen hinauf und durch die Gassen.

NEUJAHR

Der erste Januar nahte. Auch das alte Fest des Jahresbeginns, das in China zu Anfang des Februars gefeiert wurde, sollte auf den europäischen Jahresbeginn verlegt werden. Das verlangte die Republik, und in den Kasernen schmückten die Soldaten die Höfe, und die Kaufleute, die von der Regierung abhängig waren, hängten schon jetzt die roten Laternen und die goldenen Sprüche auf roter Seide aus. Auf einmal sollte der alte Kreis gesprengt werden. Die technischen, wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen der weißen Rassen sollten gewaltsam die geweihten Dinge des gelben Volkes wegschwemmen. Dem Genie dieses Landes waren solche Entwicklungen fremdgeblieben. Es ruhte mit bronzener Heiligkeit noch in der schweren uralten Gesetzlichkeit seiner gesellschaftlichen Systeme und seiner Kultur. Der japanische Bruder schien ihm in die Nase zu stechen, und es sah nicht, daß dieses Land, das aus seinen Flanken entstanden, durch das unvermittelte Übernehmen europäischer Dinge zum Zusammenbruch seiner wirtschaftlichen Kräfte und zu dem schlimmen Zusammenbruch seines Volkscharakters getrieben war. Überall in der Welt, wo wir etwas mit einem Japaner zu tun gehabt hatten, waren wir betrogen worden. In den chinesischen Städten saßen die japanischen Bazare und vertrieben betrügerisch hergestellte Waren, die den alten chinesischen Geschmack und die alte Solidität durch windigen Schwindel ersetzten. Überall saßen die japanischen Zahnärzte und bemühten sich, das von der Strenge der Regierung besiegte Opiumlaster durch Äther und dergleichen zu ersetzen.

Aber schließlich ging das Volk den Weg der Regierung noch nicht mit. Es verstand nicht, was man von ihm wollte. Es ließ Kaufleute und Kasernen das europäische Neujahr feiern und bereitete sich auf sein uraltes Fest vor. Zuerst mußten die Schulden bezahlt werden, und dann kamen die Tage der hemmungslosen Vergnügen. Die Pfandleihen lebten auf in diesen Wochen.

Der Boy kam eines Abends zu uns und fragte, ob ich nicht ein kleines Mädchen kaufen wollte. "Wer will denn eins verkaufen?" fragten wir. "Die Ama", antwortete er. "Ist es denn ihres?" -- "Nein!" -- "Weshalb verkauft sie es denn?" -- "Weil sie Geld nötig hat zu Neujahr." Wir dankten dem Boy für das Angebot. Was sollten wir mit einem Mädchen machen, hielten wir ihm entgegen. Da erzählte er, daß alle seine europäischen Herren vor uns sich Chinesinnen gekauft und sie mit auf ihre Reise genommen hätten, und daß auch der eine "Master" in Ba-Fung eine Chinesin hätte. Sie sei aber ein Kantonesin und nur gemietet, und gehöre einer alten Frau in Hankau. Der bezahle er jeden Monat zwanzig Dollar. Sie heiße Tai kin.

Als wir nachmittags uns nach Ba-Fung tragen ließen, geschah etwas, was ich schon lange erwartet und gefürchtet hatte. Es war naß, und der vorderste Kuli meines Tragstuhls stürzte, als die Träger ungestüm eine Treppe hinaufeilen wollten. Die Querstange schlug ihn aufs Genick und drückte ihn so fest mit dem Gesicht zwischen zwei Stufen nieder, daß er sich nicht von selber befreien konnte. Die beiden andern Kulis liefen zu ihm, bevor ich aussteigen konnte, denn ich lag in der schrägen Treppe hilflos tief hintenüber im Stuhl. Sie hoben die Stange hoch und zogen den Mann auf die Beine. Im selben Augenblick war er wieder mit den Schultern unter dem Tragbalken, und die Sänfte hastete weiter.

Aber ich sah, daß der Mann unsicher ging und ein wenig taumelte, und plötzlich war eine breite Blutspur hinter ihm. Da ließ ich halten, stieg aus und ging zu ihm. Er hob ein blutiges Gesicht mit zwei stumpfen bittenden Augen zu mir hoch. Er hatte sich die Nase entzweigeschlagen und die Lippe gespalten. Trotzdem wollte er seine Arbeit zu Ende führen. Die andern versuchten mich wieder in den Stuhl zu drängen. Sie fürchteten, der Verdienst ginge ihnen verloren. Sie stießen mich sachte zurück und beschwichtigten mich durch Gebärden. Aber ich bezahlte sie so, als ob sie den ganzen Weg gegangen wären und gab dem Gestürzten einen Silberdollar. Sie dankten lachend und ich ging hinter Gres Stuhl zu Fuß weiter.

Ich hätte sie nicht bezahlen brauchen, denn nach dem chinesischen Gesetz ist der Stürzende selber schuldig, wenn er auf nasser oder gefrorener Straße fällt. Weil es naß oder glatt ist, muß er doppelt aufpassen.

Wir hatten schon so vielmals gesehen, daß in China das Gegenteil von dem galt, was man von Europa her gewöhnt war. Wenn die Kinder vor dem Lehrer aufsagten, kehrten sie ihm nicht das Gesicht zu, sondern den Rücken. Schaufelt der Chinese Sand oder sonst was, so schaufelt er nicht von sich fort, sondern zu sich heran. Die Trauerfarbe ist weiß, nicht schwarz. Das Essen beginnt mit der süßen Speise und endigt mit der Suppe. Beim Spiel muß der trinken, der verliert. Beim Essen nimmt sich der Chinese nicht zusammen; er löst seine Kleider und übergibt seinen Körper, wie bekannt, allen Äußerungen, die ihn verlassen wollen. Seine Kleidung paßt er der Kälte an, nicht indem er unter die Oberkleider Unterkleider anzieht, sondern indem er Kleid über Kleid von innen nach außen legt, bis es ihm warm genug wird. Er betrachtet die Gründung einer Familie nicht als Sache, die den Staat angeht, sondern als eine Angelegenheit, um die sich nur die Familien des Bräutigams und der Braut zu kümmern haben.

So gibt es hundert Dinge, von den alltäglichsten Verrichtungen bis zu den Äußerungen der schwebendsten Geistigkeit, in denen er unsere Anschauungen vollkommen auf den Kopf stellt. Diese Unterschiedlichkeit birgt wohl den Schlüssel des Geheimnisses chinesischer Psyche.

Als wir nach Ba-Fung kamen, fragte ich den Genfer: "Weshalb unterschlagen Sie uns den schönsten Teil Ihres Haushalts?" Er schaute mich fragend an. "Tai kin!" sagte ich. Da war er plötzlich geniert und bemerkte: "Oh, mais Madame Jacques! Vous savez les femmes ..." Aber Gre lachte und verlangte Tai kin kennenzulernen. Eine schlanke braunhaarige Chinesin kam. Sie hatte lange seidene Hosen an und mehrere bunte und schwarze Jacken drüber. Sie schaute furchtsam zu Gre auf, bewegte sich durchs Zimmer in ihren Hosen so zart und wippend wie ein Vogel und sagte dem Genfer: "O my heart moves so strong." Er tröstete sie und versprach ihr, daß sie morgen ins Theater gehen dürfe. Das war ihre einzige Leidenschaft. Nur ein Kind wünschte sie sich noch heißer. Der dicke Norddeutsche aber trug sich mit einem skeptischen und ein wenig traurigen Lächeln, in dem sehr deutlich zu verstehen war: Hätte ich doch eine gute deutsche Frau hier! Oder wenigstens eine Tai kin. Aber ich komme niemals weder zu dem einen noch zu dem andern.

Am nächsten Morgen saßen wir in unserm Haus beim Frühstück, da kam der Boy und sagte, es seien zwei Männer draußen, die wollten uns Stickereien verkaufen. Wir ließen sie hereinkommen. Der eine war sehr ruhig und dick, der andre sehr mager und laut. Sie hatten beide schwere Päcke, die ihnen Kulis getragen hatten. Sie öffneten sie und breiteten ganze Haufen alter Seidenstickereien vor uns aus.

Im Hinterland Tschunkings lag die alte Beamten- und Mandschustadt Tsöngtu. Dort hatte vor einem Jahr die Revolution die reiche Kaste hingeschlachtet und jetzt erst, wo sich die Ereignisse verwischt und die Verhältnisse beruhigt hatten, trieb Neujahr die gestohlenen Sachen heraus. Es waren weite, wie mit Blumenbeeten, Flußgründen und Wolkenhimmeln bestickte Seidengewänder, rote seidene Streifen von Flitterwochenbetten mit Blumen und mit Darstellungen aus dem Leben, riesenhafte Tempelvorhänge, auf denen die grimmigen Kolosse wahnsinniger Götter in menschenfresserischen Masken ihre uralten Tänze tanzten und Lanzen schwangen, während unschuldig über ihnen mit einem weißen Gesicht die heilige Kuan Jin auf einer Wildente oder einem Hahn aufflog. Soffitten von Theatern mit im Tanz und Spiel bewegten Gruppen alter Figuren.

Die Händler verkauften auch tibetische Bronzen, alte, zarte, verträumte Göttinnen, die wie rankende Pflanzen in sanften Drehungen aus dem Metall wuchsen und Gesicht und Leib mit Steinen besät hatten. Die langen Mandelaugen waren aus Silber eingelegt und schauten in stumpfer Heiligkeit, wie eine Felswand, ins Leere der Erde. Das war die "Grüne Tarâ". Auf verwitterten Altarbildern tibetischer Tempel ordneten sich um den in feierlicher Urdummheit aus drei Gesichtern träumenden, acht Arme verrenkenden Gott Sanedui ganze Ränge kleiner Heiliger. Über ihre Zahllosigkeit atmete der wie mit Bronze behauchte dunkelgrüne Schimmer der Gebirge aus, die wir täglich voll Geheimnis vor unsern Augen um die Stadt Tschunking herum dem Herzen Asiens entgegenziehn sahn.

AUSRITTE

Gre hatte ein Pferdchen, das gelb war wie ein schwedischer Handschuh, meines war schwarz, und unser Begleiter, der dicke deutsche Kaufmann, ritt einen kleinen Schimmel. Die Mafus, die Pferdeknechte, hielten die Tiere fest beim Maul. Die Gasse der ssetschuanesischen Stadt war nicht viel breiter als die Länge der Pferde. Wir versuchten auf die Tiere zu kommen. Der Kaufmann saß schon oben. Gres Gelber bockte, stieg und schlug nach hinten. Der Mafu schraubte seine Hand fester in die Zügel. Mit der andern Hand hielt er ihn beim Schwanz. Ich half Gre hinauf, sie ritt Herrensattel, und kaum war sie oben, als das kleine Tier dahinschoß und klappernd durch die Gasse davoneilte. Mit meinem Schwarzen hatte ich weniger Schwierigkeiten. Das Pferd ging mir bis an die Achselhöhlen. Es merkte wohl, daß etwas los war, als der Knecht es fester am Zügel nahm, tänzelte ein wenig beunruhigt, fügte sich aber gleich meinem soliden Gewicht. Wir schossen Gre nach. Der Mafu hing sich hinten an den Schweif, um mitzukommen. Es dauerte eine Weile, bis ich Gre und den Kaufmann eingeholt hatte.

Wir galoppierten durch die engen Gassen zum westlichen Stadttor hinauf. Vor den offenen Häusern stand alles voller Menschen. Meine Stiefel streiften oft Männer und Frauen. Aber es war nicht nötig, den Galopp zu dämpfen. Das Pferdchen sprang schmiegsam und weich dahin.

An einem kleinen Tor, auf dessen Scheitel ein Töpfer sein Geschäft unter freiem Himmel führte, wurde gerade einem Bauern von einem Polizisten der lange dünne Zopf abgeschnitten. Der Bauer brachte Hühnerfedern in die Stadt und hatte gehofft, den Zopf unter seinem Kopftuch hinein- und hinausschmuggeln zu können. Er stammelte den Soldaten schmerzlich flehend an. Dann erboste er sich. Aber der Soldat hatte ihn fest am Schopf gefaßt und schnitt unerbittlich weiter. Wir ritten eine glitschige Treppe hinauf auf die Stadtmauer. Die Pferdchen schlugen sich mit den Köpfen den Takt zum Steigen, der Mafu ging hinterher, und wenn ein Tritt Schwierigkeiten machte, stemmte er sich unter den Steiß des Tiers und schob nach. Dann ging es auf der Höhe der Mauer weiter, durch einen Schwarm von Dirnen hindurch, die, von furchtbarem Aussehen, in steingebauten Höhlen auf der Mauer beisammen wohnten.

Durch die Zinnen der Stadtmauer sahen wir ein schmales Tal quer vom Fluß herauf allmählich hochsteigen und an einem Toraufbau an der Mauer die Höhe der Stadt erreichen. Der Berg jenseits war kahl und mit zahllosen großen und kleinen Grabhügeln und Grabsteinen übersät. Er sah wie verzweifelt aus. Die Grabsäulen standen drin wie versteinerte Stümpfe eines abgehauenen Waldes.

Wir verließen die Stadt durch das Tor. Die Pferde zierten sich erst ein wenig, in die dunkle Höhle hineinzusteigen, als ein Zug von bepackten Maultieren uns aus der Dunkelheit des Torbogens entgegenkam. Auf einmal sprang die weiße Stute des Kaufmannes wie ein rasender Floh auf die Maultiere los. Der dicke Kaufmann saß in einem hohen engen Holzsattel. Wir hatten nur zwei europäische Ledersättel auftreiben können. Die Maultiere stürzten durcheinander und bissen um sich, die Knechte schrien, schlugen und zerrten. Die Weiße schnellte mit dem Hintern gegen die Maultiere herum und gab ihnen heftige Fußtritte. Sie tanzte minutenlang trotz ihrer Last mit den Hinterbeinen bockend durch die Luft. Sie war Gift und Galle. Ihre Augen funkelten und ihre Sehnen schlugen vor Wut in den dünnen Beinen wie kleine Maschinen. Der Kaufmann war ein mehr als guter Reiter. Mit Mühe und harter Strenge riß er das Pferd von den verhaßten Tieren los und peitschte es ins Tor hinauf. Unsere Tiere waren auch aufgeregt worden und stiegen jenseits mit bebenden Beinen die Treppen hinab auf den uralten ssetschuanesischen Handelsweg, der Tschunking mit der Hauptstadt Tsöngtu verband.

Eine chinesische Handelsstraße kennt die Beförderung durch Wagen nicht. Nur Lasttiere und tragende Menschen beschreiten sie. Auch diese berühmte, jahrtausende alte Straße war nicht breiter, als daß zwei Tragpferdchen aneinander vorbeikamen. Sie führte als ein schmaler Deich zwischen nassen Reisäckern dahin und war mit breiten Steinplatten eingedeckt. Die Steinplatten waren so acht Reisetage lang eine hinter die andere gelegt. Wir sahen den Weg vor uns an der Flanke des Gräberberges als steile Treppe hinaufsteigen. Die Pferde sprangen mit zuckenden, langsamen Sätzen von Stiege zu Stiege. Sie wieherten unwillig gegen die zu überwindenden Schwierigkeiten. Wir sahen nichts als Grabhügel und Steine, von braunem Gras überwuchert, die Sonne beschien sie trocken und blaß. Die Steigung ging oft in Treppen von hundert und mehr Stiegen an tiefen Abhängen dahin. Die Steine kippten auf dem unterwaschenen Weg. Das Pferd war aber gleich wieder auf einem sicheren Halt. Wir hatten in den Jangtsestädten oft Chinesen gesehen, die auf ihren Bergpferden solche Treppen auf und ab kletterten, und hatten diese artistischen Reiterstücke angestaunt. Nun kletterten wir selber, und wir sahen, daß jedes Pferd das konnte, und der Reiter, das Tier unterstützend, es nur mitzumachen brauchte.

Noch öfter kamen Maultierzüge vorbei, die Seide aus dem Innern nach Tschunking brachten. Der Kaufmann führte sein Pferdchen jedesmal in die Gräber hinauf und stellte es mit dem Hinterteil gegen die Tiere, deren Anblick den Schimmel so heißblütig reizte. Dann waren wir auf dem Berg und sahen tief unten über Gräber, Gärten und Häuser hinab den Jangtse breit und leuchtend sich dem Tibet entgegenbetten, während auf der andern Seite der Berg wie eine jähe Wand ins schöne Tal des Kiating, des Nebenflusses des Jangtsekiang, hinabsauste.

Vor uns stand, noch zu erobern, eine ummauerte Bergstadt auf der Höhe. Der Weg stieg steil und in Treppen hinan. Über den Treppen errichteten sich gelbe Felsen, die mit Inschriften und mit riesenhaften, aus den Steinen gemeißelten, vergoldeten Göttern ganz ausgearbeitet waren. Viele Bettler saßen auf den Treppen und flehten mit inbrünstiger Dringlichkeit um eine Gabe, griffen in die Zügel und streckten die Hände hoch.

Die Stadt droben war mehr Mauer als Stadt. Sie bestand nur aus einer Straße, und der Weg führte zwischen zwei Reihen offener Häuser hindurch. Die meisten dieser Häuser waren Garküchen. Ein Koch rief vorübergehenden Chinesen seine Speisekarte zu. In den großen dunklen Räumen saßen viele Männer und aßen. Hunde fielen uns an. Die Pferde kümmerten sich nicht um sie. Wir ritten quer durch den Ort und zum andern Tor wieder hinaus. Die Steinplattenschlange des Weges stieg ins Tal und wand sich über sachte Hügel lang zwischen Äckern und bewässerten Reisfeldern hindurch in die Ferne hinein. Mächtige Ehrenbogen aus Stein standen Spalier. Weit hinter den Hügeln sah man noch einigemal diese Pforten am Weg ihre bizarren geometrischen Formen errichten. Ein großes Grabmal, ein steinerner Halbbogen, an dessen beiden Eingängen auf baumhohen dünnen Säulen zwei Hunde Fos mythologisch bös in die Landschaft schauten, war zwischen schlammigen Reisäckern hochgehoben. Mitten in den Sumpf der Äcker hinein drückte sich ein einsamer großer Bauernhof. Eine Herde ungetümer schwarzer Wasserbüffel trieb sich in ihm herum und äugte uns mit blutunterlaufenen Augen bös an. Man sagt, die Wasserbüffel könnten den Geruch der Europäer nicht vertragen. Zwischen den Ehrenpforten wurde eine blaue Sänfte den Berg hinangetragen. Von Weile zu Weile zog ein Transport mit Maultieren dahin. Am Weg rasteten vier Kulis, die europäisches Baumwollzeug nach Tsöngtu brachten. Sie trugen an jedem der beiden Enden ihrer Stangen zwei Zentner. Sie hatten noch zehn Tage Weg vor sich und gaben uns lachend Bescheid.

Ein anderes Mal ritten wir über eine Höhe in ein Tal hinab. Von oben sahen wir in der Tiefe kleine Pagoden aus allerlei verschachteltem Bauwerk und aus Bäumen aufsteigen. Das war der Garten einer Gilde, zu dem wir wollten. Es war der Kuei-Hua-Jü, der Garten der Zimtblume. Im Sommer veranstalteten dort die Mitglieder der Gilde ihre Festmahle. Aber heute war er fast leer. Man kam durch weite Gebäude in den Garten. Die Gebäude hatten Hallen und kleine Räume, Altäre und schöne Möbel. Die Türen, Füllungen und Fensterrahmen waren geschnitzt und vergoldet. Der Geist des chinesischen Schönheitsgefühls hatte jeden Winkel beatmet.

Dann kamen wir unter der kleinen Pagode in den Garten, in einen Garten, in dem die Sträucher in die Formen von Fischen, Reihern und Schmetterlingen gefügt waren. In der Mitte lag ein Teich. Sein Wasser schimmerte wie heller Grünspan, und Lotospflanzen betteten sich auf den grünen Teppich. Eine durchbrochene Mauer umgab den Teich. Bäume wuchsen durch die Löcher und bogen sich über das Wasser. Die blätterlosen Bäume der La-me-hua, der Blume des letzten Monats, waren mit kleinen gelben Sternchen wie bestreut und dufteten in schwüler Süße durch die Winterluft. An den Pflaumenbäumen rundeten sich schon die Knospen.

Pavillons standen um den Teich. In dem großen spielten erregte Trinker jauchzend und brüllend mit einem Händespiel um Reiswein. Wer verlor, mußte trinken. Ist das nicht eine viel richtigere und aufrichtigere Art zu wetten? Sie hatten alle rote Gesichter und bebten, wie mit Lebensfreude angestopft. Wir setzten uns in ein kleines, zierliches Häuschen über dem Wasser, und unsere Diener, die wir herbestellt hatten, kochten im Garten in einer Kiste das Mahl.

Auch in die jähen Gebirgszüge, die am andern Ufer des Jangtsekiang lagen, trugen uns die Pferdchen. Sie fuhren vor uns in einem Kahn hinüber. Ihre kleinen Köpfe reichten grade über die Schiffswand. Sie standen nebeneinander und schauten mit halb erbosten, halb erstaunten Augen in die Wirbel, die am Bug auftrieben und das Wasser hochspritzten. So oft ein Guß kam, erschraken sie, traten feindselig ineinander und wieherten sich wütend an, als ob sie glaubten, daß eines das andere bespritzt hätte.

Wir ritten die Steinplattenwege hinan, die oft wie schmale hohe Stege die Reisfelder durchquerten und an der Kanalisierung der Äcker mithalfen, oft sich um Schluchtenränder hinaufwanden und in lange Treppenaufstiege ausgingen. Die Pferdchen kletterten, bis sie der Atem verließ. Dann blieben sie mit schlagenden Flanken stehen und waren nicht weiterzubringen. Die Tiere gaben ihr Äußerstes her. Sie auch durchdrang die Atmosphäre dieses Landes. Sie waren wie die chinesischen Arbeiter, die das Gefühl des Einordnens in ihre Aufgabe mit einem Pflichtbewußtsein durchdrang, das Rasseninstinkt geworden war. Trieb man die Pferde über ihr Maß weiter, so versagten sie. Sie gingen unsicher, glitten und fielen, und die Abgründe schienen sie schwindlig zu machen. Die Pferdeknechte, die das Tier nie verlassen, auch wenn der Reiter davongaloppiert, haben ein sicheres Gefühl für die Leistungsfähigkeit ihrer Tiere.

Ich hatte diesmal ein braunweiß geflecktes Pferd und mußte bald zu Fuß weiterklettern. Es hatte das Steigen etwas verlernt. Die leichte Gre ritt auf ihrem Ledergelben bis auf den Sattel der Berge, wo ein Europäer sich und seiner Familie ein schönes Sommerhaus gebaut hatte. Wir waren Gäste dieses Bungalows. Die Dame des Hauses war eine Chinesin. Sie war von einer schwärmerischen Weichheit und hatte die zarte Scheu einer Winde.

Wir stiegen in die Dunkelheit hinab wieder dem Fluß zu. Jenseits lag die Stadt über ihre Berge ausgebreitet, wie ein Sternenhimmel. Die Pferde kletterten vorsichtig hinter uns. Ihre Hufe schlugen auf die Steinfliesen. Wir hatten Angst, nicht mehr vor Schluß der Tore hinüberzukommen, und beeilten uns. Aber das letzte Tor fanden wir noch geöffnet, als wir drüben ankamen. Wir sprangen auf, und die Pferde galoppierten gleich in die finstern Gassen hinein. Die Menschen wichen wie in mechanischer Funktion immer im letzten Augenblick aus. Die Tiere sprangen ungehemmt die dunklen Treppen hinan. Die Mafus liefen lautlos hinterher. Die Gassen schlossen ihre Läden, löschten ihre Lichter. Wir sprengten auf den kleinen Tieren heiß in die enge Finsternis hinein. Der Huf fühlte jede Stiege, die heimtückisch einzeln in der Dunkelheit durch die Gasse ging. Die Steine klapperten eilig hinter uns. Die Pferdchen setzten hastig die letzte Treppe vor unserm Haus hinauf. Ein Mafu rief etwas. Das Tor öffnete sich wie von selbst, und wir ritten bis an die helle Haustür. Gre gab ihrem Gelben einen Kuß auf die im Flurlicht rosig leuchtenden dünnen Nüstern. Der helle Kopf glitt mit entsetzten Augen schnell zurück in die Nacht. Mein Abschied von dem Gefleckten fiel derber aus. Er tänzelte erschrocken und rasch zum Tor zurück dem Gelben nach.

FESTESSEN

In einem langen schmalen Raum eines chinesischen Hotels stand ein langgezogener schmaler Tisch. Wir Europäer waren um fünf Uhr gekommen. Ein Haufen von festlich gekleideten Chinesen in reger Stimmung schwärmte uns mit Verneigungen entgegen. Alles war schmucklos und das Tuch auf dem Tisch etwas unsauber. Wir waren vier Europäer, die an dem Mahl teilnahmen, die chinesischen Gäste waren etwa fünfundzwanzig, lauter Kaufleute, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Kompradoren, den Geschäftsvermittlern der beiden deutschen Firmen Tschunkings standen. Einer der Kompradore hatte zum Festessen eingeladen. Wir waren mit zahllosen Verbeugungen an unsere Plätze geführt worden. Um mich, rechts und links, saßen zwei wohlbeleibte, schöne Männer. Der eine war schon bei Jahren und hatte graue Haare auf seinem schmalen Kopf und ein edles Gesicht. Er trug einen dunkelgrauen Rock aus Seide. Der andre, dessen Sutane aus einem blauen schillernden und blumendurchwirkten Seidendamast war, schien ein lebenslustiger, genießerischer Mensch zu sein. Er wußte auch gleich einen "Pidgin"-Satz zur Begrüßung, und ich antwortete. Der Alte verbeugte sich dreimal und schüttelte sich selber die Hände. Dann warteten beide, bis ich saß und setzten sich auch.

Unten am Tisch zwischen Chinesen saß ein seideaufgeputztes Singmädchen. Die Chinesen brachten es heran an das Tischende, wo wir Europäer waren. Es zierte sich ein wenig. Der dicke Lebenslustige aber zog lachend seinen Stuhl zurück, schob dem Mädchen einen andern hin und drückte es zu mir. Nun saß es da. Es hatte ein breites, gewöhnliches Gesicht mit schönen stahlgrauen Augen. Seine Haut war gepudert, und rote Scheiben waren lebhaft auf seine Wangen gemalt. Sein Teint hatte dadurch den etwas kalten Schmelz einer rotbetupften Lilie. Dieses Schminken war nichts Unangenehmes; dadurch, daß es nicht zum Wegtäuschen von Mängeln gemacht ward, sondern nur wie zur Erhöhung der Feierlichkeit, war es Stil und gab der Frau einen Reiz, dem sozusagen das Persönliche genommen ward. Es ist Uniform, eine Maske. Es sagt: Ich bin eine Frau! Einerlei, was und wie ich sonst bin: eine Frau!

Das Mädchen saß neben mir. Es sprach kein Wort einer andern Sprache als der ihrigen, und meine Kenntnisse des Chinesischen langten noch nicht zu galanter Unterhaltung. So schwiegen wir und schauten uns an. Wir suchten das Fremde einer im Gesicht des andern. Wir schauten uns wohl so an wie zwei Pferde, wenn vor fremder Tür ihre Mäuler aneinanderstoßen. Ich lächelte und sie lachte auf einmal, als ob ich etwas sehr Komisches wäre. Sie lachte und drehte sich weg, schaute wieder und lachte wieder, indem sie sich abwandte. Ihr Kleid und ihre Hosen waren aus einer schönen Seide, sehr hellgrün und mit verschlungenen, eingewebten Quadraten und Punkten gemustert. Wie das Gesicht, war auch die Gestalt, kurz und etwas derb. Aber ihre Hände waren schön und in ihren Bewegungen heiß wie verzauberte Blumen. Allmählich hatten wir uns genug angeschaut, und das Mädchen glitt mehr zu dem lebenslustigen Chinesen hinüber.

Da kamen drei andere Mädchen durch die Türe herein. Sie wurden laut und lachend begrüßt. Sie kamen herein, als hätten sie, verschiedenfarbige Astern, grade ihre Beete verlassen. Sie waren winzig und zart, die eine in rosenfarbenen Hosen und Jacke, die andere vergißmeinnichtblau und die dritte dotterblumengelb. Sie hatten auch alle drei ihre Gesichter weiß und mit roten Scheiben geschminkt, die Haare glatt und schwarz fest an den Kopf gekämmt, und ein flach anliegendes Büschel Haare über die Schläfen gelegt. Rote Blumen staken im Haar und grüne Nephritspangen. Die Chinesen brachten die Mädchen zu den andern Europäern. Die Mädchen scheuten erst sehr, setzten sich dann aber. Bald jedoch kam noch eine fünfte Chinesin. Sie hatte ein kleines, fünfjähriges Mädchen an der Hand, ein kleines, dickes Kind mit aufgeblasenen Backen, gekämmt, geschminkt und gekleidet wie die andern, ein Dirnchen in Kinderschuhen, eine Schülerin der Liebe. Sie wurde angelernt.

Als sie hereintrat und der dicke deutsche Kaufmann mit seinem guten unverehelichten aber sehnsüchtig gebliebenen Herzen sie liebevoll begrüßen wollte, flog sie zurück wie vor einem Teufel und begann zu heulen. Die Frau, die sie mitbrachte, zog sie auf den Arm. Diese Frau war schlank und mager, in grauem Kleid, mit einem schmalen und schönen Kopf und harten großen Augen, die flach waren und wie kalte geschliffene graue Achate glänzten. Sie beruhigte das Dirnchen rasch.

Die Mädchen setzten sich alle in eine Ecke zu einem Violinspieler. Dann begann die Kleine zu singen. Sie sang mit hoher dünner Stimme zu dem Gekreisch der schlechten Violinsaiten, und wenn sie nicht weiterkam, half ihr die Graue. Sie sangen darnach alle, überhell und laut, und zogen die Melodien wie Gummibänder lang auseinander. Es war ein eintöniges, hochgespanntes Aufheulen in den höchsten Noten, die menschliche Stimmbänder sich abzwingen können, ein fistelndes kreischendes Psalmodieren. Wir verstanden es nicht. Es war ein Singen von Geistern, die einen Sturm übertönen wollen, hexenhaft fremd, ohne jemals in einem beruhigenden Wohllaut abzusetzen, aufregend und peitschend.

Die Mädchen waren endlich fertig mit Singen und die Tischgesellschaft rief laut durcheinander: cha, cha! Im selben Augenblick wurde der Tisch gedeckt. Vor jedem lagen Ebenholzstäbchen mit silbernen Spitzen, ein mit Blümchen bemalter Porzellanlöffel, eine Schale und ein Täßchen. Dann kam der erste Gang, worauf auch der Wirt des Hotels am Tisch Platz nahm.

Der Festgeber hob seine Eßstäbchen in der Hand hoch, verbeugte sich vor der Gesellschaft nach rechts und links und forderte zum Nehmen auf, indem er mit den Eßstäbchen auf die Schüsseln zeigte. Er lachte verbindlich und legte dem rothaarigen europäischen Nachbar etwas auf den Teller. Der Bayer (der vierte europäische Gast) schaute ihn wütend an. Er sagte auf deutsch: "Leg' mir eine Kalbshax' hin, Schinees! Gut! Aber euern Dreck freßt selber." Ich schaute ihn an. Der dicke deutsche Kaufmann schaute ihn an. Der Genfer schaute ihn an. Der rothaarige Europäer hielt das für eine harmonische Zustimmung. Er lachte und sagte: "Seine Schweinsborsten kann er mir verkaufen. Aber mit diesen Schweinereien soll er mir vom Leibe bleiben."

Mein alter Nachbar verbeugte sich gegen mich, indem er seine Stäbchen hochhob und mir von dem ersten Gericht auf den Teller legte. Ich dankte ihm und tauschte mit dem lebenslustigen rechten Nachbar einen höflichen lächelnden Gruß zu Beginn und gutem Appetit aus. Die Diener brachten Zinnkrüge. Sie waren mit warmem Reiswein gefüllt. Jeder Gast hatte eine Schüssel vor sich und ein kleines Weintäßchen. Die Nachbarn bedienten mich auch mit dem warmen Wein. Der rothaarige Europäer sagte lachend: "Ich muß doch sagen können, ob's besser ist als unser Spaten." Er spuckte den Wein gleich hinter sich auf den Boden und wollte einen Anfall bekommen. Wir andern verdoppelten die Liebenswürdigkeit gegen unsere Gastgeber. Aber die Chinesen taten, als ob sich der Gast nicht im geringsten schlecht benehme. Sie tauschten lächelnde, verbindliche Gespräche mit uns aus.

Alle zehn Minuten kamen Leute und brachten Stöße von heißnassen Handtüchern, in die jeder sich Gesicht, Kopf, Nacken und Hände abrieb.

Da gab's drüben bei unserm Landsmann wieder etwas. Ich hatte nicht gesehen, was geschehen war. Aber der Genfer sagte ihm: "Stellen Sie uns bitte nicht bloß. Wenn Ihnen nichts von dem Essen paßt, so können Sie ja nach Hause essen gehen. Sagen Sie, Sie seien krank." Ich wurde auf die Sache aufmerksam, weil der Nachbar, während er mir die Handhabung der Stäbchen zeigte, ohne aufzublicken oder einzuhalten doch auf etwas anderes aufzupassen schien. Ich sagte ihm auf englisch: "Ich danke Ihnen. Jetzt bin ich bereit, Chinese zu werden, da ich nun auch diese Kunst kenne. Bis dahin wäre ich verhungert." Er aber antwortete mir plötzlich lachend in gutem Deutsch: "Oh, weshalb! Chinesisches Leben ist schlechtes Leben." Ich erschrak ein wenig, in dieser fremden Anstalt so unerwartet diese Sprache zu hören. Er lachte ungemein liebenswürdig und legte mir geschäftig mit seinen Stäbchen schöne fette Schwämme in meine Schüssel.

Die Gerichte folgten sich rasch und zahlreich. Alle zehn Minuten kommt ein Diener mit brennend heißen feuchten Handtüchern, in die man das Gesicht badet. Die Singmädchen gingen zwischen den Gästen umher, gossen ihnen Hirsewein ein und reichten ihnen Speisen mit den Stäbchen in den Mund.

Das fünfjährige Dirnchen saß mit seinen dicken, hellgeschminkten Backen, den fünf roten Tupfen auf Stirn und Nase, seinem farbigen Seidenkleidchen und den Blumen im Haar wie ein aufgeplusterter Vogel zwischen zwei Männern, die sie fütterten. Die Graue kam zu mir. Sie hob mit ihren Eßstäbchen einen Streifen des gewürzten Jünanschinkens hoch und schob ihn mir in den Mund. Sie schaute mich kalt und frech an. Ich lachte. Da ging sie wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Als sie hinter dem Stuhl des schwitzenden Bajuvaren vorbeischritt, blickte sie auf dessen dicken roten Kopf hernieder, verschnitt ihr Gesicht zu einer ganz flüchtigen verächtlichen Grimasse und sagte im Lärm der Gespräche und des Gejohls, wie von der Höhe einer Pagode herab für sich: "Rote Schweinsborsten!" Der Genfer verhandelte mit einem "schroff" des Gastgebers. Er wollte eines der Mädchen mitnehmen. Aber es gelang ihm nicht. Sie wären jedem Chinesen sofort zu Willen gewesen.

Er sprach mit dem Mädchen selber. Es rief laut: "Er zwickt mich in den Hintern!" und ging lachend von ihm.

Der warme Hirsewein rötete die Köpfe. Das Tischtuch war begossen von ihm. Die Speisen drängten sich. Ich habe mir einige Dutzend Gänge gemerkt. Das Essen begann mit gefüllten "Taschkerln", die auf chinesisch den Namen eines Körperteils tragen, den man in Gesellschaft nicht erwähnen darf. Mit diesen Taschkerln kamen gutschmeckende süße Kuchen. Der zweite Gang, der eine feststehende Einrichtung chinesischer Gastmähler war, bestand eigentlich aus sechzehn verschiedenen Gängen, die alle zugleich auf den Tisch gesetzt wurden. Es waren: trockene Fische, Huhn, Ente, Schinken, Wurst in Scheiben, Geflügelleber, überzuckerte Gurken und Kürbisse, kandierte Pflaumen und Birnen, kalte Pilze mit Lauch, Oliven, Algen in Sauce, Kastanien, eingemachter ungekochter Kohl und die berühmten in der Erde schwarzgebeizten Enteneier, die für den europäischen Gaumen kein großes Fest, aber doch nicht übelschmeckend waren. Darnach folgten Krabben in Tunke, ein nächster verband Krabben mit Bambussprossen. Nun kam eines der berühmten und teuern Gerichte, eine der Nationalfeinschmeckereien, die reiche Leute in ganz China auf ihrem Tisch lieben: eine Art weißer Pilze, die in Ssetschuan zu Hause waren. "Sie kosten 60 Mark das Pfund", sagte mein für derlei Dinge eingenommener Nachbar. Auf die Pilze folgte die andere Nationaldelikatesse: Haifischflossen. Bambusmark in Brühe, gebackne Fischstückchen, "Moos der tausend Jahre" in einer Brühe, fette Enten, Lotoskerne in süßer Tunke und ein Haufen solcher Dinge, die eine für unsern europäischen Gaumen zu subtile flüchtige Fremdheit besaßen.

Diener stellten schöne große Kupferkessel auf den Tisch, in denen Wasser siedete. Um die Kessel herum wurden im Kreis verschiedene Sachen auf Schälchen angeordnet: zerschnittener Salat, zweierlei roher Fisch und Nieren in feinen Scheiben, Pommes de terre paille und rohe Kartoffelstreifen, Lauch, eine dicke Sauce aus Pflaumen und Bohnen, und daneben wurde auf ein Tellerchen ein Häuflein abgezupfter Blumenblätter der weißen Aster gelegt. Das war der "Djue hua go", der Asterntopf. Die Gäste leerten ihre Weintassen in den Feuerbehälter unter dem Kupferkessel, zündeten an, und als das Wasser fest wallte, warfen wir alle die kleinen Dinge hinein, zum Schluß kamen die Asternblätter. Nach einer Weile war die Suppe fertig. Man füllte seine Schalen und aß es mit Porzellanlöffelchen, und es war, als ob man einen herben feinen Blumenduft äße.

Die Chinesen sind Feinschmecker wie die Franzosen und haben ein wenig deren Art im äußern Anrichten von Genußmitteln. Sie lieben, auch in den armen Häusern, das kleine Vielerlei, flüchtige pikante Dinge, und nirgends in der Welt kann man Geflügel so braten wie in China. Es wurde noch Rindfleisch gegeben. Das hätte früher kommen sollen. Aber aus Artigkeit gegen meinen vornehmen Nachbar, der aus Ningpo war, wo man das Fleisch des Rindes nicht aß, weil es in menschlichem Dienst arbeitet, war es außerhalb der Reihe gestellt worden. An seine Stelle kam dann, in einer Verdoppelung der Aufmerksamkeit, Reis. Niemand aß mehr. Die Mädchen waren schon aufgeregt und spielten mit einigen Gästen die chinesischen Fingerspiele. Aus Höflichkeit aß er ein paar Körner.

Ein Mädchen kam zu ihm. "Trink mit mir, Großpapa", sagte sie und hob ihr Weintäßchen. Er gab ihr ernst und reserviert Bescheid und füllte, indem er sich verneigte, meine Tasse mit Lau dsiu.

Sie spielten schon alle am Tisch mit den Mädchen. Sie spielten das "Hua dsuan". Die zwei Spieler schlagen sich durch die Luft dreimal die Hand entgegen, das drittemal läßt jeder eine Anzahl von Fingern herausspringen und ruft zugleich eine Zahl. Stimmt diese Zahl mit der Summe der von beiden Händen zugleich gezeigten Finger überein, so hat er gewonnen. Bei diesem Spiel erregten sich rasch die Hände der Männer und Frauen, wie edle feine Tiere. Sie gerieten aus der ruhig- und anmutigedlen Feierlichkeit ihrer schlanken Länge in eine leidenschaftliche Heftigkeit. Ein Spieler suchte den andern irrezuführen. Die Finger flogen beim dritten Niederschlagen aus der Hand wie Vögel, schwebten und stürzten kopfüber wieder in die Faust, richteten sich allmählich lauernd nacheinander halb auf und sprangen im Augenblick, da der Arm ganz ausgestreckt war, plötzlich grad und steif, während von geschwungenen Lippen heftig die Zahl fiel, die gewinnen sollte. Oft spielten zwei Hände dreißigmal rasch hintereinander dies Spiel, ehe ein Mund die richtige Summe schrie, und dann toste der Jubel heiß los, und alle brüllten durcheinander während der Verlierer hastig den Wein hinunterstürzte und hastig von neuem begann.

O diese wunderbaren Hände! Diese Märchen der Schöpfung, die über ganz China gebreitet waren und keinen Unterschied zwischen Arm und Reich machten. Diese Blumen, die aus ewig jungen urhaften Gedanken wie aus Blumengärten gewachsen waren! Bei uns waren sie einst verflüchtigende Schönheitsträume verliebter gotischer Madonnenmaler. Hier wachsen sie, fleischgewordene Gedanken über tausend Jahre alter Schönheit, durch ein Land von Hunderten von Millionen Menschen.

Ich saß da, spielte mit und genierte mich meiner Tatzen und schaute immer und immer. Diese Hände waren fremde Orchideen. Ich glitt an ihnen immer ferner aus dem Kreis der Chinesen und wurde immer fremder. Und dennoch gab es einen unter uns, der, obschon flachäugig und mit aufgereckten Backenknochen, noch fremder in dieser Gesellschaft zu sitzen schien als ich Luxemburger, das war der "Laupapa" neben mir, der alte graue Mann aus Ningpo, der diese Ssetschuanchinesen verachtete und haßte.

DER SCHIN TAN

Wir waren einen Monat in Tschunking. Dann wurde das Hausboot, das in der ganzen Zeit im Kiating, inmitten eines Rudels ruhender Schiffe festgelegt war, in Ordnung gebracht, und eines Morgens begann die Talfahrt.

Die erste Hälfte des Rückwegs ging rasch und glatt. Der Mast war abgenommen und an der Seite festgebunden worden. Es wurde nur gerudert. Die alten Kulis, mit denen wir die lange Fahrt den Jangtsekiang heraufgemacht hatten, waren nicht mehr da. Die neuen Ruderer schienen nicht so gut, es waren zu junge Knaben und zu alte Männer und Faulpelze dabei. Sie waren nur mehr zu zwölf. Der Laopan wollte Geld schinden. Er bezahlte jedem Kuli für die ganze Reise zu Tal etwa anderthalb Mark. Es kam ihm teuer zu stehen.

Am sechsten Tag der Reise hatten wir schon weit über die Hälfte des Wegs hinter uns, und wir dachten, in drei Tagen in Itschang sein zu können. Da kam aber auf einmal Sturm den Strom herauf. Die Talenge faßte den Wind heftig zusammen und er schlug wie durch ein enges Rohr eingepreßt auf uns. Die Ruder setzten sich bald nicht mehr durch gegen ihn. Der Wind trieb das Schiff langsam immer nur wieder von einem Ufer zum andern, die Leute mochten sich in die Ruder werfen, wie sie wollten. Wir lagen halbe Tage lang am Ufer. Ich schoß Wildenten und Reiher, die in großen Trupps von Ufer zu Ufer flogen, und ging, die Flinte auf dem Rücken, mit Gre zu den Bauernhöfen, in die Berge und in die vereinsamten Bergbefestigungen hinauf. Verwilderte Orangen hingen klein und golden an den grünen Bäumen in der grauen harten Luft, und die winterliche Ackererde war unter den Schritten weich und zäh wie Teig.

Die Ruderer gewöhnten sich rasch an dieses träge Leben. Als am zehnten Tag der Wind schwächer wurde und wir auf die Weiterreise drangen, ruderten sie so faul, daß das Schiff nicht voran kam. Rund um uns gingen die Dschunken zu Tal. Ich zeigte auf sie. Die Kulis sagten, sie kämen nicht weiter, weil das Schiff zu wenig beladen sei und im Wasser keinen Widerstand gegen den Wind habe. Da ließ ich Steine aufladen. Diese Arbeit ging ihnen wider den Strich. Sie warfen ein paar Steine auf, fuhren weiter und ruderten bald wieder an Land. Sie gingen gleich zu einem Haus hinauf, in dem sie sich zum Teetrinken und Plaudern niederließen. Bei diesem Haus stand ein Bambusbusch. Ich schnitt zwei feste Stecken und besuchte die Teetrinker. Sie waren im Nu auf dem Schiff. Wir kamen dann gegen den Wind an.

Ein roter Engländer, Mr. Joney Nutknacker, der zufällig mit uns von Tschunking weggefahren war und der auch nach Itschang wollte, ließ uns nicht locker. Er fuhr in einem kleinen mit Matten eingedeckten Wupan mit drei Ruderern. Es regnete hinein, und die Wellen spritzten sein Bett mit Wasser voll. Infolgedessen hielt er sich mit Vorliebe auf unserer trockenen und gewärmten Kwaze auf.

Unsere Ruderer waren jetzt sehr fleißig. Sie ruderten und sangen dazu. Einer sang vor. Das war der Kuli Nr. 1. Er war einer jener großen ungeschlachten Ssetschuanesen, die die gewaltsame Brutalität der Tataren in ihrem Äußeren bewahrt hatten. Er war ein Hunne, ein Menschenschlächter, so wie er aussah. Und er war doch vielleicht ein liebenswürdiger und gutmütiger Mann. Die Ohrfeigen, die unser kleiner Diener ihm schenkte, weil er einmal kein Badewasser für uns warmgemacht hatte, steckte er jedenfalls als wohlverdient ein, obschon er den Boy mit einem Schlag seines breiten Kinns von oben herab hätte zermalmen können.

Dieser gutmütige Hunne sang also vor, und die andern holten jedesmal mit "Hejo, haija ... haija, haija!" ab und ließen die zwei großen Wriggruder im Takt dieses Refrains gehen, während ihre blauen Lumpen um die Körper tanzten. Der Singkuli sang:

Der Mandarin aus dem Tugendland und seine Frau fahren drinnen sehr warm und haben gut essen.

Und die andern riefen singend im Chor: Hejo, haija ... haija, haija!

Die Kwaze geht schnell. Sie kommt von Tschunking und hatte fünf Tage Wind. Wenn der Wind aufhört, sind wir in zwei Tagen in Itschang.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unsere Kwaze ist schön. Aber der Wupan, in dem der fremde Mandarin fährt, ist schlecht.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der fremde Mandarin im Wupan ist schäbig. Aber unserer ist reich. Er hat uns heut mit dem Bambus geschlagen. Wir waren faul und verdienten die Schläge wohl.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der im Wupan hat rote Borsten auf dem Kopf, wie die hellen Schweine. Die Frau unseres Mandarins hat ein schmales Gesicht und ein schönes kleines Kinn wie eine Kastanie. Sie ist schön und gibt uns Apfelsinen und Medizin. Ihre Nase ist so schmal wie ein Sonnenblumenkern.

Hejo, haija ... haija, haija!

Schnell, schnell, wir wollen uns von den Dschunken nicht überholen lassen und der fremde große Herr will bald in Itschang sein. Der fremde Mandarin ist so dick, wie ein Gott aus Gold.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Vogel fliegt mit uns und will Fische fangen. Der fremde Mandarin hat ein Bumbum und kann ihn töten.

Hejo, haija ... haija, haija!

Weshalb tötet er ihn nicht? Er gäbe uns den Leib und wir könnten das Fleisch in unserm Reis kochen.

Hejo, haija ... haija, haija!

Unser fremder Mandarin ißt nur den Leib der Wildenten und reißt den Reihern die Federn aus der Brust. Wir essen alles im Reis, Weih und Reiher. Es ist gut.

Hejo, haija ... haija, haija!

Es wird Abend. Schnell, Ruderer, wir legen an und bekommen Reis!

Hejo, haija ... haija, haija!

Es ist wohl zu erwarten, daß der fremde große Herr uns etwas gibt in Itschang. Vielleicht zweitausend Käsch. Dann bekommt jeder hunderfünfzig Käsch. Dann geh' ich zu den Mädchen. Aber der Huang muß nach Haus. Ihn holt seine Frau ab.

Hejo, haija ... haija, haija! brüllten alle lachend dem Huang zu. Huang war mindestens siebzig Jahre alt.

Der Mond scheint. Wir rudern durch sein Licht. Die Mädchen von Kweitsou fu werden heute Nacht schimpfen. Sie kommen in Kähnen. Aber der Mandarin nimmt sich kein Mädchen. Er reist mit seiner schönen jungen Frau.

Hejo, haija ... haija, haija!

Nur der Rotborstige bleibt den Mädchen von Kweitsou fu.

Hejo, haija ... haija, haija!

Der Rotborstige ist aber ein Geizhals. Er fährt in einem Wupan für achtzehn Tael. Und als es gestern regnete, wurde sein Bett naß ... schnell, schnell! sagte er auf einmal, wie von außen einen Riegel vorschiebend. Er war schon etwas zerstreut, denn der Reis duftete aus dem Kübel. Auch der Chor sang nur mehr zum Teil: Hejo, haija. Viele drehten sich oft am Ruder um und steckten die Nase in den Geruch, der aus dem Kochloch heraufkam. Plötzlich hielten sie mit Rudern ein und stürzten sich über das Reisfaß, das der Koch im selben Augenblick vom Herde hob.

Eines Tages kamen die Schnellen. Wir flogen eine nach der andern hinab. Es war ein sausendes Zutalschaukeln. Die Kwaze war noch fester als sonst in das Stoßen der erregten Ruder gespannt. Der vordere Steuerbaum flog hin und her. Der Laopan schrie erregt am Hintersteuer unter dem niederen Dach über das Schiff hinweg. Es war immer alles auf dem Spiel: Schiff und Leben. Ein Boot, das im Zutalgehn in der Schnelle scheiterte, war rettungslos und ganz verloren. Die Landschaft strudelte um uns auf, wild und stark wie die Schnellen.

Dann waren wir eines Morgens am Schin Tan. Der schmale Durchlaß einer wütenden Schlucht türmte sich über dem Strom auf, dunkel und rauh. Er engte ihn ein. Der Fluß wird hart und verwegen wie die Landschaft. Am linken Ufer unterhalb des grauen Städtchens, das droben auf Mauern und Pfählen steht, lag eine lange Reihe von Dschunken. Ein großer Zug von Kulis trug ihre Ladung am felsigen Ufer hinab und stapelte sie weit unterhalb der Schnelle im Sand auf. Dort nahmen die Schiffe sie wieder ein, wenn die Durchfahrt durch die Schnelle geglückt war. Einige kleinere Schiffe kamen an diesem Ufer den sprudelnden Fluß herauf. Die Schnelle war wie ein Wasserfall. Man sah die heraufkommenden Schiffe nur, bis wo der Mast ins Dach ging. Das sah so aus, als ob sie gesunken wären.

Am andern Ufer standen einige Häuschen auf einer langen Plattform. Es schallte Musik von dort herüber, und die Plattform wimmelte von Menschen, wie ein Fliegenglas voll schwarzer Fliegen. Drüben ist die Fahrrinne für die größeren Dschunken und für die zu Tal gehenden Schiffe. Diese müssen zwei Lotsen nehmen, zwei Lotsen für zwei Meter Fahrt. Manchmal sehen wir eine Dschunke sich von unserm Ufer lösen und nach der andern Seite rudern. Nach einer Weile stößt sie drüben wieder hervor, fährt langsam mit dem Rücken voran, der Kante der Schnelle zu, dreht auf einmal und sinkt in den Wasserfall hinein, springt und schleudert, kreiselt und taucht und taumelt durch die Wut des Stroms aufgeregt in wahnsinniger Eile zu Tal.

Von unserm Hausboot zog alles aus, was nicht bleiben mußte. Unser Diener kam und flehte uns an, wir möchten nicht mit die Schnelle hinabfahren. Das sei Gefahr fürs Leben. Aber wir gaben ihm die Handtasche mit dem Geld, den Papieren und Photographien. Dann fuhr das Hausboot ans andere Ufer. Dort lag auf der Plattform Zug neben Zug von Ziehern. In der Schnelle unmittelbar am Ufer stand, von sechs Tauen festgehalten, eine große Dschunke. In den Häusern spielten Musikanten auf Trommeln, Becken und vielen flehenden Geigen, um die Zieher anzufeuern. Zweihundert Menschen stemmten sich, auf dem Boden liegend, in die Ziehtaue. Die aufregende Musik fliegt in sie hinein. Die Dschunke steckt wie festgerammt, in dem kurzen Wirbel, der dunkel und glatt, wie ein Bogen aus kochendem Porphyr, mit rasender Kraft ans Bug schlägt und sich auswärts wölbt. Bis auf einmal ein kleiner Ruck ins Schiff kommt. Die zweihundert Zieher, die an die Seile angekrallt liegen, stürzen ein wenig vornüber, aber der kleine lockernde Ruck ist schon von den Seilen aufgefangen und festgehalten, und langsam, hartnäckig eisern folgt Ruck auf Ruck. Die Musikanten fiedeln begehrlicher, die Becken dröhnen ungeduldiger, und die Trommeln wirbeln, und durch die Muskeln droben rast ein Schauer, Tier und Schöpfung, finster und ewig, und Maß um Maß unterliegt die Tochter der Natur und der Willen des Menschen siegt sich hinauf.

Uns schauert ein wenig. Die Lotsen sind grade an Bord gekommen. Zwei junge dünne Burschen in den reinlichen langen Gewändern der besseren Klasse. Die Ruderer haben sich alle ausgezogen und ihre Kleider geborgen. Außer den Rudern wird alles festgebunden. Die Kulis legen sich nieder und halten sich an. Wir beide werden ins Innere des Boots eingeschlossen. Aber wir schieben die großen Fenster auf. Das Boot treibt langsam schräg rückwärts, auf die Kante der Schnelle zu. Wir sehen sie in tiefem dunklem Bogen ruhig, aber gewaltvoll abstürzen und dann plötzlich in einem ungeheueren Strudeln und Schießen, Donnern und Spritzen sich erregen und in heißen Bogenwellen talwärts fliegen, sich beruhigend.

Wir wissen, daß unter dem wilden Wasser die Felsenhaufen unsichtbar einen engen Paß bilden, der nicht viel breiter ist als unsere Kwaze. In diesen Durchgang müssen wir hineinstürzen. Dann glückt es. Mit einemmal hat uns die saugende Kraft gefaßt. Das Schiff geht etwas herum, neigt sich in den Wasserfall. Der Lotse hinten am Steuer brüllt über das Schreien, Fauchen und die Kanonenschüsse des Wassers hinweg. Wir steigen hinten hoch, wippen über, alles rutscht und stürzt, die Ufer, die Felsenklötze, die Berggrate, wir im Innern Eingeschlossene. In schweren Fetzen schlagen die Wellen aufs Schiff herauf. Wir wissen nicht: ist es Leben oder Tod? Einen Augenblick lang kochen alle Bewegungen, die es gibt, zugleich mit uns auf.

Wir haben uns ans Fensterbrett festgekrallt. Das Zimmer schwänzelt wild herum. Die Landschaft schüttelt sich. Das Schiff fliegt, stolpert, bäumt auf, macht Sprünge wie ein Karpfen außerhalb des Wassers und dreht sich, wie kreisend zu Tal rollende Felsen, ins Gewoge zurück. Unter unsern Augen saust und stockt das Wasser, schleudert auf, bohrt und windet sich und schießt geradeaus. Wir sehen die Kulis über die Ruder herfallen, das Schiff richtet sich auf und noch durchtobt uns das feurige Flammen dieses wehrlosen verwilderten Sturzes, so gleiten wir schon eilig wie in gutem Wind mit wohligem, ebenmäßigem Schaukeln mitten im Fluß zu Tal. Am Ufer schauen uns die Leute nach. Das war der Schin Tan.

Eine halbe Stunde unterhalb wird das Schiff ans Land gerudert. Die beiden Lotsen wollen sich von uns verabschieden. Sie verbeugen sich oft, und ein jeder von uns schüttelt sich wiederholt selber die Hände. Die Lotsen zeigen zur Schnelle zurück und wir sagen: bu chau -- das war gefährlich. Aber sie wehren lachend ab und sagen: Mas ki -- was liegt daran! -- und gehen unter vielen liebenswürdigen Verbeugungen an Land. Der Boy und die andern kommen wieder an Bord. Wir strömen zu Tal. Die Ruderer singen und arbeiten ununterbrochen. Wildenten fliegen auf und gehen jäh vor uns hoch. Meine Flinte holt noch eine aus dem Himmel, eine schön braun-, grau- und weißgefiederte mit einem grünmetallischen Helm. Ihre Farben sind wie Email so kühl und glänzend.

Am nächsten Nachmittag waren wir in Itschang und bald auf der Reise nach der Küste zurück, und andre Weltteile und Rassen kamen. Doch keine mehr, die in derselben Geste ein solch überströmendes Gewähren zugleich mit solch rätseldurchschauertem Sich-Versagen uns hinhielt. Wir sprechen das Wort: Heiliges China! wenn wir in der Folge uns all die Erhebungen und all die Liebe, und all das Unnennbare, Unerfüllbare ... das, wie einer andern Schöpfung Entquellende vergegenwärtigen wollten ...

VERZEICHNIS DER BILDER

Markt in einem Jangtse-Städtchen 16

In einem Tor in Tschangscha 17

Zuckerbäcker mit Glückspiel 32

Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha 33

Theater in einem Gildetempel 48

Fischer bei Tschangscha 49

Der Hund Fo 64

Wir segeln durch den Tunting-See! 65

Ssetschuanesische Krämerfamilie 80

Ein Briefschreiber 81

Zieher an einer Schnelle 96

Zieher 97

Fischerboot 112

Gräber abgestürzter Zieher 113

Das Salzdorf 128

Goldsieber 129

Brücke in Wan Schien 160

Wan Schien 161

Alte Ssetschuanesen 176

Garkoch 177

Das Tung-Sui-Men in Tschunking 208

Der Arzt 209

Ssetschuanesische Händlerinnen 224

Fahrt zu Markt 225

INHALT

IM SÜDEN DES SEES

Die Schwelle 11

Feuersbrunst 15

In Tschangscha 24

Flußfahrt 75

Sturm 86

Auf der Kwei Li 92

TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE 107

SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT

Stadt 187

Tempel und Soldaten 200

Neujahr 203

Ausritte 209

Festessen 217

DER SCHIN TAN 227

Verzeichnis der Bilder 239

WERKE

von

NORBERT JACQUES

FUNCHAL

Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Auflage

HEISSE STÄDTE

Eine Reise nach Brasilien. 2. Auflage

DER HAFEN

Roman

PIRATHS INSEL

Roman. 32. Auflage

LANDMANN HAL

Roman. 10. Auflage

SIEBENSCHMERZ

Roman. 8. Auflage

Druck des Bibliographischen Instituts in Leipzig

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